Eine junge Frau wurde brutal ermordet, und für den Chef der Mordkommission ist sofort klar, dass nur der Freund der Toten, der Mathematikprofessor Theodor Thaler, der Täter sein kann. Seine Mitarbeiterin Ariane Karstedt ist da allerdings ganz anderer Meinung, und so wird die Kommissarin zum letzten Rettungsanker für den des Mordes verdächtigten Hochschullehrer. Ihr Weg zur Wahrheit führt über die Vernehmung von Zeugen, die ihr gleich mehrere mögliche Täter und Motive offenbaren. War es ein Mord aus Leidenschaft? Oder war ungezügelte sexuelle Begierde der Auslöser? Spielte Rauschgiftsucht oder Rauschgifthandel eine entscheidende Rolle? Wie hängt ihr Fall mit anderen Morden in Vergangenheit und Gegenwart zusammen? Alles kompliziert genug – und dann muss sie sich auch noch um Theodor Thaler kümmern, der diesen Mord unbedingt selbst aufklären will …

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ISBN: 978-9925-33-126-0

Seiten: 357

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Norbert W. F. Meier

Norbert W. F.  Meier
Kunst oder Wissenschaft? Das war die Fragestellung, die lange Strecken des Lebensweges von Norbert W. F. Meier (Jahrgang 1954) bestimmte. Waren es zuerst Experimente in Musik, Poesie und Prosa, die die kreativen Bemühungen der Jugend dominierten, so führten berufliche Entscheidungen letztlich doch zu Studium und Promotion im Fach Organische Chemie, gefolgt über fast drei Jahrzehnte vom Schreiben wissenschaftlicher Texte und der Arbeit mit chemischen Datenbanken. Doch dann bewirkte ein aufkeimendes Interesse an der deutschen Geschichte einen Neueinstieg in die Autorenwelt durch das Verfassen zweier Sachbücher („Berlin im Mittelalter“, 2012, und „Berlin Geologie“, 2014). Nun war der Knoten geplatzt, und aus der Rückkehr zu den jugendlichen Leidenschaften erwuchsen erneute literarische Bemühungen, die u. a. in den vom bookshouse-Verlag publizierten historischen Roman mündeten.

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Samstag
1

»Wann haben Sie Frau Sommer zuletzt lebend gesehen, Professor Thaler?«
   Theodor zuckte zusammen, als diese Frage des Kriminalbeamten seinen orientierungslosen Dämmerzustand durchbrach und ihn in die grausame Wirklichkeit zurückholte. »G…gestern Abend«, stotterte er, »wir waren zuerst in einem Restaurant und sind dann ins Kino gegangen.«
   »Und warum haben Sie nach dem Kinobesuch die Nacht nicht zusammen verbracht? Sie waren doch ein Paar, oder habe ich da etwas falsch verstanden?« Das argwöhnische Funkeln in den Augen seines Gegenübers war unverkennbar – ebenso wie der lauernde Unterton in der Stimme des Polizisten, als die Frage auf ihn niederprasselte.
   »Nein, das ist durchaus korrekt, aber ich musste für meine Studenten eine Klausur vorbereiten, und dabei wollte ich ungestört sein.«
   Das war zwar prinzipiell richtig, hatte jedoch mit der Wahrheit herzlich wenig zu tun. Es stimmte insofern, dass bis Montag die Klausurbögen für die Erstsemester auszuarbeiten waren. Aber im Grunde genommen war seine Begründung nur ein Vorwand gewesen, um nicht die Nacht mit Lena verbringen zu müssen. Und nach dem heftigen Streit, den sie daraufhin im Auto hatten, war er ohnehin nicht mehr in der Lage gewesen, vernünftige Aufgabenstellungen zu formulieren, sondern hatte sich die ganze Nacht mit trübsinnig ratlosen Gedankenfetzen herumgeschlagen. Von solch unerquicklichen Details einer veritablen Beziehungskrise sollte dieser penetrante Polizeimensch allerdings nichts erfahren, der in ihm – einem hoch angesehenen Forscher und Mathematikdozenten! – offenbar einen mordgierigen Schwerverbrecher vermutete. Bedauerlicherweise schien der lästige kleine Köter jedoch keinerlei Neigung zu verspüren, von seinen Hosenbeinen abzulassen und die kriminalistischen Fangeisen und Leimruten seiner hartnäckigen Befragung endlich wegzustecken.
   »War es nicht vielmehr so, dass Sie schon heute Vormittag hierhergekommen waren, um – sagen wir mal – mit Frau Sommer zu frühstücken, oder aber sie an diesem ersten sonnigen Samstag im Mai zu einem gemeinsamen Spaziergang oder Mittagessen abzuholen?«
   »Nein«, entgegnete Theodor Thaler bestimmt, »ich habe bis gegen 15 Uhr zu Hause gearbeitet und die Klausur fertiggestellt. Erst dann bin ich hierher zu meiner Freundin gefahren, wie ich Ihnen vorhin bereits sagte.«
   »Kann jemand bestätigen, dass Sie bis zum frühen Nachmittag zu Hause waren, Professor? Ist vielleicht ein Freund bei Ihnen vorbeigekommen, oder hat der Postbote an der Tür geklingelt? Gab es Anrufe über das Festnetz? Hat Sie wenigstens jemand gesehen, als Sie das Haus verließen?«
   »Nein zu den ersten vier Fragen. Nicht dass ich wüsste zur fünften.«
   Diese mathematisch und logisch völlig korrekte Antwort ließ die ohnehin schon eisige Miene des Kriminalbeamten zu klirrendem Frost erstarren. Ganz offensichtlich konnte dieser Mann, der sich ihm als Polizeihauptkommissar Wolfram Grossinger, Leiter der 6. Mordkommission des LKA vorgestellt hatte, es nur schwer ertragen, wenn seine Zeugen sich nicht im Staub vor seinen Füßen herumwälzten, sondern ihm die Stirn boten. Zudem war Theodor mittlerweile davon überzeugt, dass dieser Grossinger in allererster Linie darauf erpicht war, ihn als Täter zu überführen. Fragen zu Lena, zu ihren Bekannten, zu ihren Sehnsüchten, zu ihrem Lebensumfeld hatte es praktisch nicht gegeben. Die ganze Zeit über hatte dieser Unsympath ausschließlich ihn selbst in die Zange zu nehmen versucht, als würde es bei diesem einseitigen Kreuzverhör nur darum gehen, ihn mit unerbittlichen Fragen und haltlosen Unterstellungen in Widersprüche zu verwickeln.
   Die empörend aggressive Verhörmethode hatte immerhin den Effekt, dass sich jene nur schwer fassbare Empfindung von Unwirklichkeit, von der Unglaublichkeit des ganzen Geschehens, allmählich in Theodor zu verflüchtigen begann. Es war nicht so, dass er bereits so etwas wie Entsetzen oder auch nur einen schmerzlichen Verlust verspüren konnte –, all das würde später kommen. Noch immer kam er sich zeitweilig vor wie in einem dramatischen Film, wo er gerade über eine Schauspielerin gestolpert war, die auf möglichst realistische Weise eine Leiche darstellen sollte, aber ein paar Minuten später wieder quicklebendig aufspringen würde. Nur langsam und allmählich akzeptierte sein Bewusstsein die schreckliche Gewissheit, dass er keineswegs in einem Hollywooddrama mitspielte, sondern eine abscheuliche Phase einer grausamen Realität durchlebte.
   Der kühle Luftzug im Treppenhaus tat ein Übriges, seine zuvor gelegentlich recht wirren Gedanken endgültig wegzublasen. Mittlerweile hatte er über zwei Stunden hier vor der Wohnungstür zubringen müssen, denn schon bei der Ankunft der ersten Polizisten war er unverzüglich aus der Wohnung hinauskomplimentiert worden. »Damit Sie ja keine Spuren am Schauplatz des Verbrechens verwischen«, hatte ihm einer der Blauröcke mit gestrenger Miene erklärt.
   Kurz darauf bekam er Verstärkung, und Theodor war zum ersten Mal an diesem Tag verhört worden. Von einem Beamten in Zivil, der ihm nur sachliche Fragen zu seiner Person und zum Auffinden von …, von …, von Lenas totem Körper gestellt hatte. Eine halbe Stunde später war eine Gruppe weiterer Polizisten in weißen Ganzkörperoveralls aufgetaucht, die ihn an die Schutzkleidung von Ärzten in Science-Fiction-Filmen über ansteckende Viruskrankheiten erinnert hatten. Aber natürlich hatte Theodor im Fernsehen genug Kriminalfilme gesehen, um zu wissen, dass dies die Spezialisten der ‚Spusi‘, der Spurensicherung, sein mussten.
   Und dann hatte er eine weitere Stunde mit sinnlosem Hin- und Herlaufen im Treppenhaus zubringen müssen, bis der letzte Trupp staatlicher Spürhunde eintraf: Polizeihauptkommissar Grossinger und vier weitere Beamte des LKA. Der Leiter der Mordkommission war ein kleinwüchsiger Mann mit einer nach Gel schimmernden Schwarzhaarfrisur, die Theodor unwillkürlich an seinen halben Vornamensvetter, Ex-Doktor und Ex-Minister Karl-Theodor von und zu Guttenberg erinnerte. Im Gegensatz zu all seinen Kollegen war der Chef der Mordkommission sehr förmlich mit einem dunkelblauen Anzug, weißem Hemd und einer schwarz-silbergrau gemusterten Krawatte bekleidet. Bemerkenswerterweise war dieser Grossinger auch der Einzige, der sich keine weiße Schutzkleidung übergestreift hatte, weil er nur für einen kurzen Blick auf den Tatort in die Wohnung gegangen war, bevor er sich mit dem gierigen Blick eines blutrünstigen Dobermanns – oder doch eher Dackels? – zu einer ersten Befragung auf den ruhelos umherlaufenden Universitätsprofessor gestürzt hatte.
   Den Tatort! Ein unwillkürliches Zittern durchfuhr Theodor, als er an die Szene zurückdachte, die er dort vorgefunden hatte. Er war mit der Erwartung in Lenas Zimmer am Ende des Flurs gelaufen, sie mit aufgesetzten Kopfhörern auf ihrer Schlafcouch liegen zu sehen. Total zugedröhnt mit irgendwelchen lauten Schlagern von Helene Fischer oder Andreas Gabalier, sodass sie sein Klingeln an der Wohnungstür nicht hatte hören können. Stattdessen stolperte er bei seinem Eintritt über ihren leblosen Körper auf dem eichenfarbenen Laminatfußboden. Erst, als er den verstörend leeren und unbeweglichen Blick ihrer geöffneten Augen und den breiten, tief eingegrabenen rotbraunen Streifen rund um ihren Hals bemerkte, begriff er, was hier passiert sein musste. Er erinnerte sich, wie er in diesem Augenblick innerlich völlig erstarrte und sein ganzes Wesen auf Automatik umschaltete, sodass er sich niederbeugte und an Lenas Handgelenk und ihrem Hals vergeblich nach irgendwelchen Lebenszeichen suchte, sich dann aufrichtete, auf seinem Handy die 110 wählte und die Polizei sachlich und präzise über den Leichenfund informierte. Anschließend blieb er einfach nur bewegungslos stehen und starrte wie versteinert auf das leblose Etwas, das einmal seine Freundin gewesen war, bis schließlich die ersten Polizisten eintrafen.
   Bei der Untersuchung von Lenas totem Körper war ein rostroter Fleck von ihrem Blut auf seinen Hemdärmel geraten, und dies war der erste Angriffspunkt von Grossingers bohrenden Fragen gewesen. Wieder und wieder hatte Theodor seine Erklärungen wiederholen müssen, auf welche Weise er Lena untersucht hatte und wie sein Arm dabei in Kontakt mit ihrem blutverkrusteten Hals gekommen sein könnte. Schließlich hatten der ungläubige Gesichtsausdruck und die widersinnigen Unterstellungen des Kriminalbeamten ihn dermaßen auf die Palme gebracht, dass er die Beherrschung verloren hatte. »Vielleicht sollten Sie einmal meine Vorlesungen aufsuchen, um ein gewisses Grundwissen an Logik und Wahrscheinlichkeitsabschätzung zu erlangen, damit Sie sich nicht in derart absurde Spekulationen hineinsteigern!«
   Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, wusste er bereits, dass er einen fürchterlichen Fehler begangen hatte. Zwar war der kleine Kriminalhauptkommissar derart verdattert, dass ihm keine passende Entgegnung einfiel, aber seine giftig verkniffene Miene verkündete ohne jeglichen Zweifel, dass der Mathematikprofessor Dr. Theodor Thaler soeben eine Spitzenposition auf seiner Ewigenliste ärgster Feinde erworben hatte.
   Eine Weile lang war der Leiter der Mordkommission dann in Gespräche mit den Spezialisten der Spurensicherung vertieft gewesen, während Theodor in ein freudloses und unstrukturiertes Gedankensammelsurium versank. Diese Verschnaufpause währte jedoch nicht allzu lange. Mit halb gesenktem Kopf, wie ein Bluthund beim Spurenschnüffeln, hatte sich der rachsüchtige Ermittler nach seinen Besprechungen sogleich wieder dem Universitätsprofessor zugewandt und ihn mit weiteren bissigen Nachfragen und Spekulationen bombardiert. Wobei er nun erfahren hatte, dass es für den vermeintlichen Tagesablauf des Hochschullehrers keinerlei Zeugen gab und sein Hauptverdächtiger somit kein Alibi für die Tatzeit besaß.
   Von dieser Erkenntnis beflügelt, schwächte sich der Ausdruck kalter Abneigung im Gesicht des Hauptkommissars allmählich ab und verwandelte sich in eine zufrieden dreinblickende Grimasse. Seine vor hinterhältigem Optimismus leuchtenden Augen verkündeten die Erwartung, seinem Opfer nunmehr mit einem letzten geschickten Nachbohren den endgültigen Todesstoß versetzen zu können. Bevor er sich genüsslich an das Ausweiden seiner Beute heranmachen konnte, brauchte er wohl nur noch einen entscheidenden Geistesblitz, um den Sack mit dem Professor drin endgültig zuzumachen. Diese zündende Idee schien ihn dann auch mit aller Macht zu durchfahren, als sich sein ganzer Körper auf einmal straffte und er seine gebannte Aufmerksamkeit erwartungsvoll auf Theodor fokussierte.
   »Auf welche Weise sind Sie eigentlich in die Wohnung hineingekommen?«, fragte er mit betont harmloser Stimme. »Wie Sie behauptet haben, war Frau Sommer zu diesem Zeitpunkt bereits tot, und ihre Vermieterin – wie heißt sie doch gleich? – ist ja offenbar verreist.«
   »Die Eigentumswohnung hier im Hochparterre gehört einer Frau Beatrice Legrand, die auch selbst die anderen drei Zimmer bewohnt«, ließ sich eine dienstfertige männliche Stimme aus dem Hintergrund vernehmen.
   Zwei der vier LKA-Beamten waren mittlerweile aus der Wohnung herausgekommen, hatten sich aus ihren weißen Overalls herausgepellt und sich dann hinter Grossinger aufgebaut, um der Zeugenvernehmung zuzuhören. Auf seiner linken Seite stand eine sportlich wirkende Kommissarin um die dreißig mit einem streng zusammengebundenen braunen Haarschopf, die mit lässigen Bluejeans sowie einem etwas verlottert wirkenden hellblauen T-Shirt bekleidet war und Theodor abschätzend musterte. Der Beamte zur Rechten – der seinem Chef soeben die hilfreiche Information über die Vermieterin von Lenas Zimmer gegeben hatte – war ein vielleicht zehn Jahre älterer Polizist in einem gepflegten beigefarbenen Hemd und hellgrauen Leinenhosen, der mit einem verhärmt und leidend wirkenden Gesichtsausdruck zu Grossinger hinüberschielte.
   Wenn er auf lobende Worte seines Vorgesetzten gewartet haben sollte, wurde er enttäuscht, denn Grossinger würdigte ihn keines Blickes. »Also – da auch Frau Legrand nicht zugegen war, wie sind Sie dann in das Haus und die Wohnung hineingekommen, Professor?«
   »Mit meinen eigenen Schlüsseln«, entgegnete Theodor unwirsch, da ihn das ständige, abfällig klingende Professor auf die Nerven zu gehen begann. Natürlich waren seine offenen Worte zu diesem kleinwüchsigen Kommissar mit dem riesigen Napoleonkomplex ein Fehler gewesen, gestand er sich reumütig ein, denn er hätte diesem Wicht die geistige Überlegenheit eines hoch qualifizierten Universitätsdozenten besser nicht so deutlich unter die Nase reiben sollen. Von nun an würde er vermeiden, noch weitere Portionen Salz in die Wunde zu streuen. Im Bemühen, eine freundlich distanzierte Sachlichkeit und Hilfsbereitschaft an den Tag zu legen, entschied sich Theodor für eine Ergänzung seiner Aussage. »Die Schlüssel zum Hauseingang und zur Wohnung gab mir Lena vor etwas mehr als einem Monat – und im Gegenzug bekam sie von mir die Schlüssel zu meiner Wohnung.«
   »Können Sie das bestätigen, Leworsky?«, fragte Grossinger und drehte sich halb zu seinem Mitarbeiter zur Rechten um.
   »Äh …, ich bin mir nicht sicher«, stotterte der Gefragte, »da müsste ich erst bei den Kollegen nachfragen, ob sie in der Wohnung irgendwelche Schlüssel gefunden haben, und wozu sie …«
   »Das brauchen Sie nicht«, unterbrach ihn sein Vorgesetzter und richtete einen herausfordernden Blick auf Theodor Thaler. »Bestimmt kann uns der Herr Professor sagen, wo seine Freundin ihre Schlüssel aufzubewahren pflegte. Und dann kann er uns auch gleich seine eigenen Schlüssel zeigen, wenn er sie nicht gerade durch irgendeinen unglaubwürdigen Zufall verlegt haben sollte.«
   Theodor schüttelte genervt den Kopf, denn der beißende Sarkasmus und die triumphierende Miene des kleinen Polizeibeamten verrieten, dass er – im voreiligen Gefühl, den finalen Fangschuss abgefeuert zu haben – lediglich mit haltlosen Ausreden rechnete. Zum allerersten Mal tat der unbesonnene und evident unfähige Ermittler ihm fast ein wenig leid, denn dieser schlechten Bonapartekopie stand jetzt ein ganz fürchterliches Waterloo bevor.
   »Ich weiß nicht, wo Lenas Schlüssel geblieben sind«, begann Theodor langsam und nachdenklich, um die bevorstehende süße Rache noch ein wenig hinauszuzögern, »aber sie war manchmal ziemlich unordentlich, und daher würde ich es für sehr wahrscheinlich halten, dass sie ihren Schlüsselbund entweder in ihrer Jacke verstaut hat oder er irgendwo auf dem Tisch, zwischen ihren Zeitschriften oder in einer Schublade herumliegt. Was nun aber meine Schlüssel betrifft …«, hierbei zauberte er lächelnd eine dicke schwarze Schlüsseltasche aus seiner rechten Hosentasche hervor und hielt nach kurzem Suchen einen der darin steckenden Schlüssel empor, »… dann versuchen Sie doch mal, ob dieser hier zu Lenas Wohnungstür passt.«
   Die Selbstsicherheit seines Verdächtigen konnte dem von seiner Mordtheorie so überzeugten Kriminalhauptkommissar kaum entgehen, aber er ergriff dennoch den hochgehaltenen Schlüssel und ging die zwei Schritte zur Wohnungstür hinüber, um das fragliche Beweisstück zu überprüfen. Der Schlüssel flutschte wie Butter in das Schloss hinein und ließ sich problemlos hin- und herdrehen, und mit jeder Drehung verdunkelte sich das Gesicht des Polizeibeamten mehr und mehr. Schließlich zog er den Stein seines Anstoßes wieder aus dem Schloss heraus und gab Theodor mit mürrischer Miene die Schlüsseltasche zurück.
   »Nun gut, das scheint tatsächlich ein Schlüssel zu dieser Wohnung zu sein.« Er blickte auf seine Armbanduhr. »Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen, denn ich muss schleunigst zu einer wichtigen Besprechung ins LKA zurückkehren. Bitte verabreden Sie mit meinen Mitarbeitern einen Termin für das Vernehmungsprotokoll, Professor. Leworsky und Karstedt – Sie kümmern sich hier um alles Weitere!«
   Mit diesem herablassend dahingeworfenen Befehl drehte sich der Leiter der Mordkommission unvermittelt um, eilte die vier Stufen bis zur Haustür hinunter und war Sekundenbruchteile später verschwunden. Sein plötzlicher Abgang ließ einen verblüfft dreinblickenden Hochschulprofessor zurück sowie zwei Mitarbeiter, deren unbeeindruckte Mienen verrieten, dass derartig frappierende Spontanaktionen für sie nichts Ungewöhnliches darstellten.
   Theodor allerdings brauchte einen Moment, um seine Fassung wiederzugewinnen. Gleichzeitig spürte er, wie die wohltuende Abwesenheit seines Inquisitors eine allmähliche Absenkung seines zuvor bedrohlich hohen Adrenalinniveaus bewirkte und wie sich nach und nach pure Erschöpfung in ihm ausbreitete. Dies machte ihm klar, dass er nicht in der Verfassung für weitere Verhöre war, und deshalb zog er entschlossen eine Visitenkarte aus einer Hemdtasche und reichte sie der Kriminalbeamtin mit dem braunen Haarschopf.
   »Ich gehe davon aus, dass dieses Vernehmungsprotokoll Zeit bis morgen hat, sodass ich jetzt nach Hause fahren kann. Hier haben Sie meine Karte. Ich bin am morgigen Sonntag jederzeit über die Handynummer zu erreichen.«
   Die Angesprochene blickte kurz auf die Visitenkarte in ihrer Hand. »Aber selbstverständlich, Professor Thaler, wir werden uns morgen bei Ihnen melden. Im Augenblick können Sie uns ohnehin nicht weiterhelfen und ich vermute, dass Ihnen ein wenig Ruhe nach diesen schrecklichen Geschehnissen und der gestrengen Vernehmung durch unseren Chef guttun wird.«
   Trotz der freundlichen Worte glaubte Theodor, in der Stimme der jungen Frau nicht nur einen Anflug von Sarkasmus, sondern auch deutliche Anzeichen von Bitterkeit zu erkennen. Vielleicht hatte er ja gerade ihren Stolz angekratzt, da er sich unverzüglich aus dem Staub machen wollte, sobald ihr Vorgesetzter nicht mehr anwesend war. Aber das war ihm völlig egal; er brauchte dringend Erholung und ausreichend Zeit für sich allein.
   Also nickte Professor Theodor Thaler den beiden Kriminalbeamten lediglich kurz zu, bevor er ohne weitere Erklärungen dem Vorbild des Kriminalhauptkommissars folgte, die paar Treppenstufen zur Eingangstür hinunterstiefelte und das Haus verließ, ohne sich noch einmal umzusehen.

2

»Leworsky und Karstedt – Sie kümmern sich hier um alles Weitere!«
   Die rechte Hand von Ariane Karstedt verkrampfte sich voller Ärger um den Handlauf des Treppengeländers, als die Erinnerung an diesen dahingeworfenen Befehl wie Sauerbier in ihr aufstieg
   Wie nervenaufreibend war doch die Arbeit in der Sechsten geworden, seitdem Grossinger vor zwei Jahren zum Leiter ernannt worden war! Niemand wusste so recht, warum die Wahl gerade auf ihn gefallen war. An irgendwelchen überragenden kriminalistischen Fähigkeiten konnte es kaum liegen, denn die wären ihr und ihren Kollegen irgendwann einmal aufgefallen. Also war die Ursache wohl eher sein ausgeprägtes Talent, zum richtigen Zeitpunkt in die – nun ja – rückwärtigen Körperöffnungen der richtigen Personen zu kriechen.
   Als sie vor vier Jahren in der 6. Mordkommission des LKA begonnen hatte, war ihr Beruf noch so befriedigend und die Atmosphäre unter den Kollegen so harmonisch gewesen, dass sie an den meisten Tagen von eifriger Vorfreude erfüllt war, wenn sie sich morgens auf den Weg zum Kommissariat machte. Ihr damaliger Chef Gerald Lemke, ein umgänglicher älterer Herr mit dem für ihn so typischen freundlich-verschwörerischen Augenzwinkern, besaß genügend natürliche Autorität, um seinen Mitarbeitern viel Spielraum bei den Ermittlungen zu gewähren. Das jedem Einzelnen entgegengebrachte Vertrauen beflügelte sie alle und die daraus erwachsende bedingungslose Hingabe an ihre Arbeit machte ihre Truppe zur effektivsten des gesamten Morddezernates. Aber heute? Da schlichen die ehemals so selbstbewussten und kompetenten Kriminalkommissare der Sechsten nur noch mit gesenkten Köpfen herum, weil ein machtgeiler und selbstgerechter Egozentriker an der Spitze des Teams ihnen jegliche Begeisterung für ihren Job raubte!
   Ein erschreckendes Beispiel für den ausgeprägten Mangel an kriminalistischer Kompetenz war Ariane soeben bei der Vernehmung des Mathematikprofessors vor Augen geführt worden. Dieser Theodor Thaler hatte ihr schon beinahe leidgetan, als Grossinger ihm mit reichlich substanzlosen Unterstellungen und Verdächtigungen gnadenlos auf die Pelle rückte. Nicht dass er damit irgendetwas erreicht hätte, denn sein Opfer erwies sich als überaus widerstandsfähig und hatte die Attacken souverän und reichlich hochmütig abgeblockt. Dies hätte sie dem schlaksigen, hochgewachsenen Mann anfangs nicht zugetraut, denn in seiner leicht gebeugten Haltung wirkte er eigentlich eher verletzlich als robust. Arianes allererster Eindruck von ihm hatte allerdings weniger mit seiner inneren Stärke als mit seinem Äußeren zu tun und ließ sich mit einem Wort zusammenfassen: symmetrisch. Angefangen beim Mittelscheitel mit zwei rechts und links über die Stirn fallenden blonden Haarlocken, über die millimetergenau gleich langen Koteletten, das Jeanshemd mit symmetrisch angeordneten Brusttaschen und einen goldenen Armreif am rechten Handgelenk als fast identisches Gegenstück zur goldenen Armbanduhr auf der linken Seite wirkte er wie eine Person, bei dem eine unsichtbare Symmetrieebene genau durch die Mitte seines Körpers verlief.
   Die Symmetrie war zwischenzeitlich allerdings in arge Unordnung geraten, als sich der Hochschullehrer vor lauter Verärgerung über die verbissene Einseitigkeit der Befragung am Kopf gekratzt und sich eine der Haarlocken dabei verschoben hatte. Dieses Gefühl hilfloser Empörung konnte Ariane durchaus nachempfinden, denn ihr selbst war es nicht anders ergangen. Der heutige Leiter ihrer Mordkommission hatte sich doch tatsächlich schon zu Beginn der Ermittlungen auf einen einzigen Verdächtigen eingeschossen und keinerlei Interesse am weiteren Umfeld des Mordopfers gezeigt! Obwohl sie erst gegen Ende der Zeugenvernehmung zugestoßen war, konnte sie der Miene des Professors entnehmen, dass er bereits eine ganze Weile lang das Opfer heftigster Attacken gewesen sein musste. Und solange sie selbst zugegen war, hatte sie nicht eine einzige Frage gehört, die sich auf vergangene Geschehnisse, auf potenzielle Feinde, oder auch auf Freunde und Bekannte bezog, die am Anfang eines jeden Mordfalles ebenfalls zum möglichen Täterkreis gerechnet werden müssen. Nein, ihr Vorgesetzter machte es sich mal wieder leicht und sah im ersten Zeugen, dem er begegnete, sogleich den Mörder und biss sich in seiner vorgefassten Meinung fest, ohne noch einmal nach rechts oder links zu blicken. Wobei es durchaus bemerkenswert war, wie schnell sich Grossinger diesmal auf seinen Exklusivkandidaten festgelegt hatte. Auch Ariane war der Unterton bei der Anrede »Professor« nicht entgangen, und ebenso wie zuvor Theodor Thaler spekulierte sie nun ebenfalls über psychologische Zusammenhänge mit der Persönlichkeit eines berühmten französischen Generals und Kaisers.
   »Ist alles mit Dir in Ordnung, Ariane?«
   Bis zu dieser Frage von Matthias Leworsky, dem stets pflichtbewussten und manchmal etwas fantasielosen Kriminalkommissar an ihrer Seite, war ihr gar nicht bewusst geworden, wie tief sie in ihrem Frust versunken war. Verfluchte Müdigkeit! Nach zwei Morden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen fühlte sie sich saft- und kraftlos wie eine ausgepresste Orange, und in solchen Momenten neigte sie dazu, sich viel zu schnell in dumpfen Grübeleien zu verlieren. Gestern, als sie zur Leiche des bekannten Schauspielers und Tatort-Kommissars Ulf Schwanenburg gerufen worden waren, hatten sich die Untersuchungen und die Vernehmungen der Vielzahl von Zeugen bis spät in die Nacht hineingezogen. Und der heutige Mord an dieser jungen Frau, am letzten Tag der Rufbereitschaft der Sechsten, würde sie sicherlich erneut bis weit nach Mitternacht auf Trab halten.
   Gut, dass Matthias mehr Durchhaltevermögen besaß – oder aber einfach nur ein braverer und gehorsamerer Beamter war, dem korrektes Verhalten wichtiger war als fruchtlose Fantasiegebilde und Spinnereien. Und damit lag er hier richtig, denn im Augenblick hatten sie wahrlich Wichtigeres zu tun, als Grossinger in den tiefsten Schlund der Hölle zu wünschen!
   Entschlossen löste sie ihren Griff ums Treppengeländer und wandte sich ihrem Kollegen zu. »Alles klar, Matthias. Fängst du oben im Haus mit den Befragungen an? Ich knöpfe mir zuerst die Nachbarn im Erdgeschoss vor und arbeite mich nach oben vor.«
   Matthias Leworsky nickte wortlos und stapfte die Stufen zum nächsten Stockwerk empor. Insgesamt würde er bis in den vierten Stock hinauflaufen müssen, denn so hoch war das recht außergewöhnliche Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich der Mord ereignet hatte. Bevor Ariane in der 6. MK des LKA angefangen hatte, war sie einige Jahre lang der Polizeidirektion 2 an der Charlottenburger Chaussee zugeteilt gewesen, und zu dieser Zeit hatte sie hier ganz in der Nähe gewohnt. Dabei hatte sie durch Zufall einige überraschende Details über die Vergangenheit dieses bemerkenswerten Wohnhauses erfahren.
   Ursprünglich hatte sie den gesamten Gebäudekomplex mit seinem kastenförmigen Äußeren und dem von einem leichten Grauschimmer durchzogenen Weiß für eine der typischen Neubausünden der Sechziger oder Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts gehalten. Doch bei einem Spaziergang war sie unvermutet auf eine Hinweistafel gestoßen, die mit historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen versehen war und verkündete, dass die Großsiedlung Siemensstadt bereits um 1930 herum vom Architekten Hans Scharoun entworfen worden war und seit 2008 als eine von sechs Siedlungen der Moderne zum Weltkulturerbe der UNESCO zählte. Arianes Schönheitsempfinden konnte diese Erkenntnis nicht beeinflussen, aber durch den nunmehr geschärften Blick bemerkte sie dann doch die eigenwillige Form der Balkonkonstruktionen und die markanten Fassaden des Gebäudeensembles, das von seinen Zeitgenossen den Spitznamen Panzerkreuzer erhalten hatte.
   Auch im Inneren der Häuser wurde man nicht von der plötzlichen Erkenntnis überwältigt, sich in einem Weltkulturerbe zu befinden, denn die kahlen Treppenhäuser mit ihren weiß getünchten Wänden unterschieden sich auf keine Weise von jenen eines stinknormalen Neubaus der letzten Jahrzehnte. In jeder Etage befanden sich zwei Wohnungen, sodass Ariane im Hochparterre nur einen einzigen Nachbarn zu befragen hatte.
   Schon während der Vernehmung des Universitätsprofessors hatte sie den flüchtigen Eindruck gehabt, dass dieser Nachbar die Szene voller Neugier durch seinen Türspion beobachtet hatte. Als sie nun den Klingelknopf drückte, dauerte es weniger als eine Sekunde, bis die Tür aufgerissen wurde. In der Türöffnung erschien eine mit einer buntgemusterten Schürze bekleidete ältere Frau mit unordentlich frisierten grauen Haaren, die die Polizeibeamtin mit großen, sensationslüsternen Augen anstarrte und sofort hektisch und erregt drauflosredete.
   »Guten Tach, ähh, Frau Kommissar. Iss dit richtich? Ick kenn mich bei Titeln nich richtich aus. Hab mich schon die janze Zeit jefragt, ob Se ooch zu mir klingeln kommen! Wat iss denn da los? Da drüben jing ja een Polizist nach ’m andern rin und raus! Iss wer umjebracht worden?«
   Ariane zwang sich zur Gelassenheit, denn sie kannte diese Art von Zeugen, die von der Gegenwart der Polizei derart beeindruckt waren, dass sie ununterbrochen vor sich hinplapperten. Aber immerhin war dies hier die Nachbarin des Mordopfers, und die konnte in ihrer kaum zu bremsenden Neugier durchaus bedeutsame Beobachtungen gemacht haben. Also schien es angebracht, die aufgewühlte Frau erst einmal zu beruhigen, bevor die eigentliche Befragung beginnen konnte.
   »Guten Abend, Frau …, Frau Lehmann«, begann sie deshalb mit sanfter Stimme nach einem Blick auf den Namen neben dem Klingelknopf. »Ich heiße Ariane Karstedt und arbeite in einer Mordkommission des Landeskriminalamtes. Hätten Sie etwas Zeit, um mir ein paar Fragen zu beantworten?«
   Ehe das Kopfnicken der Nachbarin von einem weiteren Schwall hektischer Satzfragmente gefolgt werden konnte, fuhr sie fort: »Vielen Dank! Dann möchte ich Sie bitten, sich ganz genau auf meine Worte zu konzentrieren, denn Ihre Aussage könnte sehr, sehr wichtig für uns sein. Atmen Sie noch zweimal tief durch, und dann fangen wir an – in Ordnung?«
   Befriedigt stellte sie fest, dass ihre Bemühungen den erhofften Erfolg hatten. Das demonstrative Heben und Senken ihrer prallen Brust bewies, dass Frau Lehmann die polizeilichen Anordnungen sorgsam befolgte, und tatsächlich redete sie im Folgenden viel beherrschter und mit unüberhörbaren – wenn auch nicht perfekten – Bemühungen, ihre Sprache dem Hochdeutschen anzunähern.
   »Sehr gut!«, lobte Ariane. »Also – Ihre Vermutung war völlig richtig, denn in der Nachbarwohnung hat sich tatsächlich ein Mord ereignet, dem Frau Lena Sommer zum Opfer fiel. Kannten Sie diese junge Dame?«
   Erneut schien die grauhaarige Frau von Aufregung übermannt zu werden, doch mit offensichtlicher Anstrengung riss sie sich zusammen. »Natürlich kannte ick die Lena. Das heißt, ick kannte sie flüchtig. ’Ne ganz Nette war dis. Und auch ’ne richtig schöne Frau, sah fast aus wie die Claudia Schiffer, Sie wissen schon. Hat immer jegrüßt, wenn wir uns jetroffen haben. Ganz anders als ihre Vorgängerin, aber die war ja auch nur ’n Junkie.«
   »Wie war das?«, fragte Ariane leicht verwirrt. »Welche Vorgängerin?«
   »Na, dis Mädchen, das vor der Lena bei Frau Legrand jewohnt hat. Und die war janz klar rauschgiftsüchtich. Mit so ’m wackligen Gang und riesengroßen Pupillen und so.«
   »Also ganz anders als Frau Sommer?«
   »Unbedingt! Die Lena, die war aus janz anderm Holz geschnitzt. Vielleicht mal ’n bisschen beschwipst oder so, aber det muss bei der Jugend auch sein. Wir war’n ja auch nicht anders, wat?«
   Das verschwörerische Augenzwinkern bei diesen Worten beantwortete Ariane mit einem flüchtigen Lächeln. »Was können Sie mir denn über Frau Legrand, die Besitzerin der Wohnung erzählen?«
   »Die Frau Legrand iss Lehrerin. Kommt wohl ursprünglich aus Frankreich, aber davon hört man nischt mehr. Auch sie finde ick janz in Ordnung, iss immer hilfsbereit und so. Doch sie iss eben ’ne Lehrerin, immer ’n bisschen von oben herab und so. Aber eigentlich ’ne feine Dame.«
   »Danke, Frau Lehmann. Und nun kommen wir zu einem ganz wichtigen Punkt: Ist Ihnen heute im Verlauf des Tages irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Irgendwelche Personen, die Sie nicht kannten, oder irgendwelche Geräusche aus der Nachbarwohnung?«
   Der Haushaltskittel der älteren Frau begann sich plötzlich zu straffen, als sie sich reckte und zehn Zentimeter zu wachsen schien. »Na endlich. Auf die Frage habe ick schon die janze Zeit jewartet! Und ob ick wat Ungewöhnlichet bemerkt habe! Mittachs, muss so jegen 12 jewesen sein, da war drüben janz heftig wat los! Lautes Geschrei und dumpfes Gemurmel, wat ick leider nicht janz jenau verstehen konnte.«
   Ariane blickte sie interessiert an. »Aber manches von dem Geschrei konnten Sie verstehen, nicht wahr? Was genau haben Sie denn gehört?«
   »Na ja, einen Satz konnte ick genau hören, und der war so wat wie: Wat war los mit dieser Birgit?«
   »Es ging um eine »Birgit«, da sind Sie sich ganz sicher?«
   »Und ob, da bin ick hundertprozentig sicher!«
   »Konnten Sie auch hören, wer diesen Satz ausgerufen hat?«
   Ein paar nachdenkliche Falten zeigten sich auf der Stirn von Frau Lehmann, bevor sie antwortete. »Ick glaube mal, es war die Lena. Eigentlich bin ick mir sogar ziemlich sicher. Ick habe sie ja vorher nie so laut schreien jehört – aber die Stimme und der janze Klang, diss war eindeutig die Lena.«
   »Was konnten Sie denn noch hören?«
   Die Nachbarin sackte wieder zu ihrer normalen Größe zusammen. »Diss war schon allet. Wie jesagt – der Rest war nur so’n undeutlichet Jemurmel, und da war nischt zu verstehen.«
   »Kam das Gemurmel von einem Mann oder einer Frau?«
   »Noch nicht mal diss kann ick Ihnen sagen. Es war eben nur so ’n undeutlichet Jemurmel, weder richtich hoch noch richtich tief.«
   »Schade«, bemerkte Ariane enttäuscht, denn hier hätte sie den ersten signifikanten Hinweis auf den Mörder erhalten können, »da kann man nichts machen. Gibt es noch weitere ungewöhnliche Dinge, die Sie im Verlauf des Tages bemerkt haben?«
   Die redselige Nachbarin wirkte fast ein wenig schuldbewusst, als sie nun schweigend den Kopf schüttelte. Ariane aber war durchaus zufrieden mit den Erkenntnissen, die sie gewonnen hatte und bedankte sich sehr herzlich für die äußerst wertvolle Aussage. Die Wirkung darauf war weitreichender als erwartet, denn nachdem sich die Gesichtszüge von Frau Lehmann aufgeklärt hatten, nahmen sie gleich darauf einen gespannten Ausdruck an, als sich die ältere Frau vertraulich vorbeugte.
   »Sagen Se mal, wo ick schon gerade mit der Kripo rede – Sie wissen doch bestimmt ’ne Menge über diesen Mord an Ulf Schwanenburg. Ne verdammte Sauerei ist dit! Der war so ’n klasse Schauspieler, und ohne ihn iss der Tatort nur noch die Hälfte wert! In ’ner Illustrierten stand irgendwann mal, dass er mit der Frau von ’nem Mafiaboss ’ne Affäre jehabt hatte. Wissen Se schon, ob man ihn deshalb in dieser Promi-Disco um die Ecke jebracht hat?«
   Ariane verzog keine Miene. »Tut mir leid, liebe Frau Lehmann, über laufende Ermittlungen darf ich nicht sprechen. Ihnen nochmals vielen Dank für Ihre Mithilfe. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend!«
   Die Nachbarin zögerte einen Moment, doch dann akzeptierte sie die Abfuhr und schloss mit offenkundiger Enttäuschung ihre Wohnungstür. Arianes miesepetrige Laune hatte sich mittlerweile verflüchtigt. Das waren doch mal interessante Auskünfte gewesen! Wenn alle ihre Zeugen so neugierig und mitteilungsbedürftig wären wie diese Nachbarin, würden manche Ermittlungen zum Kinderspiel werden! Bei dieser Erkenntnis schmunzelte sie belustigt in sich hinein und wandte sich der Treppe zu, um die Zeugenbefragungen im ersten Stock fortzusetzen.

3

Theodor konnte sich an Details der Fahrt nicht erinnern, aber auf einmal war er in seinem metallicblauen SUV am Theodor-Heuss-Platz angekommen und musste sich auf die Suche nach einem Parkplatz machen. Wenigstens dabei hatte er das Glück heute auf seiner Seite, denn kaum war er in den schmalen Fahrweg parallel zur Heerstraße eingebogen, da scherte ein weißer Peugeot aus einem der Parkhäfen aus. Die satt und zufrieden wirkenden Gesichter der beiden Insassen ließen ihn vermuten, dass sie sich im nahe gelegenen Steakhaus wohl gerade ein zartes Filet Mignon oder T-Bone Steak gegönnt hatten – zusammen mit einem Salat und dem delikaten Knoblauchbrot, für das dieses Restaurant so berühmt war.
   Er stellte seinen Audi in der freigewordenen Parklücke ab und schaltete den Motor aus. Als er sich vorbeugte, um den Schlüssel abzuziehen, bemerkte er plötzlich einen schmalen roten Streifen auf der Fußmatte vor dem Beifahrersitz. Ein genauerer Blick zeigte ihm, dass es sich um einen Lederriemen handelte, und jetzt wusste er, was hier auf dem Boden herumlag. Richtig – nach einem kräftigen Ruck hielt er Lenas Umhängetasche aus karminrotem Rindsleder in den Händen. Eine Umhängetasche ‚nur‘ vom Designer Ralph Lauren, wie seine Freundin ihm einmal fast entschuldigend erklärt hatte, weil sie sich die ‚wirklich guten‘ Taschen von Gucci, Prada oder Givenchy nicht leisten konnte.
   Nur warum lag die Tasche hier in seinem Auto und hing nicht am Kleiderhaken in Lenas Zimmer in Siemensstadt?
   Mit einem mulmigen Gefühl im Magen dachte er noch einmal an jene Momente gestern Abend zurück, als sein Wagen vor Lenas Haustür zum Stehen gekommen war. Seine Freundin hatte während des Essens und nach dem Kinobesuch ungewöhnlich angespannt und unkonzentriert gewirkt, aber Theodor wurde von seinen eigenen Dämonen geplagt und hatte leichtfertig beschlossen, Lenas mutmaßlich eher belanglosen Problemchen keine größere Bedeutung beizumessen. Seine eigene seelische Zwangslage war schlussendlich wichtiger und von essenzieller Relevanz für ihre Zukunft. Seitdem Lena ihm vor ein paar Tagen ihren Wunsch offenbart hatte, in seine Wohnung einziehen zu wollen, war er innerlich nicht mehr zur Ruhe gekommen. Nach langem Hin und Her war er letztlich zur Überzeugung gelangt, dass ihre Beziehung dringend eine kleine Denkpause brauchte. Um seine Lebenspartnerin nicht unnötig zu verletzen, hatte er dies ihr gegenüber allerdings nicht so klar ausgedrückt, sondern ihr lediglich wortreich erklärt, dass er heute Nacht nicht bei ihr in ihrem Zimmer schlafen würde und sie auch nicht in seine Wohnung mitnehmen wolle.
   Diese – wie er meinte – äußerst liebevoll vorgetragene Absichtserklärung hatte unabsehbar katastrophale Folgen gehabt! Anfangs war Lena lediglich komplett verdattert und glaubte an ein Missverständnis, doch nachdem zuerst ihre Überredungsversuche und dann auch noch ihr Klein-Mädchen-Schmollen kläglich gescheitert waren, wurde sie zunehmend ärgerlich und so stinksauer, wie er es bei ihr noch nie zuvor erlebt hatte. Diese Wut gipfelte schließlich in dem Versuch, ihm eine Ohrfeige zu verpassen, und als auch diese Unmutsbekundung fehlschlug, weil Theodor schnell genug reagiert und ihre Hand vor seiner Wange gestoppt hatte, rastete sie völlig aus. Zuerst warf sie ihm mit sich überschlagender Stimme etliche wüste Beleidigungen an den Kopf, vor denen sogar der abgehärteste Fernsehzuschauer schockiert zurückgewichen wäre, dann sprang sie aus dem Fahrzeug, krachte voll unbändiger Verbitterung die Autotür hinter sich zu und rannte laut schluchzend zum Hauseingang. Unwillkürlich drängte sich Theodor eine naheliegende und für ihn ungemein grausame Frage auf: Was wäre gewesen, wenn er sich gestern weniger stur verhalten hätte? Würde Lena dann jetzt noch leben? Die bestürzende Antwort auf diese Frage war dermaßen offensichtlich, dass er am liebsten vor unaussprechlicher Scham kilometertief im Boden versunken wäre.
   Beklommen wischte er diese Überlegungen beiseite und wusste gleichzeitig, dass derartige Gedankenspiele ihn von nun an sein ganzes Leben lang verfolgen würden. Im Moment aber brachten sie ihn nicht weiter. Zumal es noch viel zu viele Unbekannte in dieser Gleichung gab. Solange man nicht den Mörder und die genauen Umstände des Mordes kannte, konnte man nicht mit letzter Sicherheit beurteilen, mit welcher Wahrscheinlichkeit er Lenas Tod durch ein Eingehen auf ihre Wünsche hätte verhindern können. Und so angeknockt, wie er sich augenblicklich fühlte, würden ihn Spekulationen in diese Richtung ohnehin nur auf völlig sinnlose Weise in einen tiefschwarzen und ausweglosen Abgrund zerren.
   Nein – jetzt wollte er erst einmal klären, wie diese Tasche hierherkam. Er ließ erneut die gestrige Szene mit der weglaufenden Lena vor seinem inneren Auge ablaufen, und dabei konnte er nirgends eine karminrote Handtasche entdecken, die Lena zuvor im Restaurant und im Kino definitiv dabeigehabt hatte. Folglich hatte sie die Tasche wohl zu Boden gleiten lassen, weil sie ihn so besser ohrfeigen konnte, und bei dem Kavalierstart, mit dem sich Theodor schnellstmöglich vom Ort der hässlichen Auseinandersetzung entfernt hatte, war die Tasche dann unter den Beifahrersitz gerutscht.
   Wie dem auch sei, es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Umhängetasche mitzunehmen und morgen der Polizei auszuhändigen. Also schob er sich das Prachtstück von Ralph Lauren widerwillig unter den Arm, bevor er aus dem Wagen stieg und dann mit der Fernbedienung die Zentralverriegelung der Türen aktivierte.
   Er musste nur wenige Schritte zurücklaufen, bis er die Tür des Hauses erreicht hatte, in dem er wohnte. Obwohl es bereits dunkel war, saßen noch immer zahlreiche Gäste an den Tischen im Vorgarten des Steakhauses und genossen den milden Maiabend. Ein Hauch von Neid überkam Theodor Thaler angesichts des offensichtlichen Wohlbehagens der Restaurantbesucher, das sich durch gedämpft-heiteres Geplauder und ein gelegentliches leises Gelächter ausdrückte. Er hätte gern mit ihnen getauscht, denn nichts lag ihm augenblicklich ferner als unbekümmerte Lebensfreude und entspanntes Lachen.
   Kurze Zeit später war er mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock hinaufgefahren und hatte seine Wohnung betreten. Normalerweise empfand er dabei eine eigentümliche Verblüffung, dass er hier gelandet war, wo ansonsten nur Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater zu wohnen schienen. Wo er für eine viel zu große Wohnung eine lächerlich geringe Miete zahlte. Beim Blick durch die breiten Fenster auf den quirligen Theodor-Heuss-Platz hinunter pflegte er dann im Geiste seinem Freund Kevin Stich zu danken, der ihm diese Eigentumswohnung eines seiner Geschäftspartner zur Miete vermittelt hatte. Und der gemeint hatte, dass ein Theodor Thaler zwangsläufig am Theodor-Heuss-Platz wohnen müsse, weil Theodor ihm einmal erzählt hatte, dass er zwar als Kind sehr unglücklich über seinen altertümlichen Vornamen gewesen war, es inzwischen aber durchaus schätzte, den eigenen Namen mit berühmten Persönlichkeiten wie Theodor Storm, Theodor Fontane und Theodor(e) Roosevelt sowie diversen Päpsten, Heiligen, Königen und Kaisern zu teilen.
   Heute jedoch blieb der Zauber dieser wundervollen Wohnung ohne jegliche Wirkung, denn in Theodors Kopf spukten nur Gedanken über die zurückliegenden vierundzwanzig Stunden umher. Und an jene Umhängetasche. Schließlich war es aber eben dieser rotlederne Gegenstand, der seine innere Verkrampfung ein wenig zu lockern vermochte, denn ihm kam der Gedanke, dass eine Durchsuchung der Tasche noch vor der Polizei sicherlich nichts Verwerfliches sei. Und dass er dabei vielleicht auf Hinweise auf Lenas Mörder stoßen könnte. Zumindest war bereits die Aussicht auf eigenes, produktives Handeln weitaus erfreulicher als fruchtloses Gegrübel vermischt mit Selbstzerfleischung.
   Kurz entschlossen ließ er sich auf einen der bequemen Polsterstühle mit hoher Lehne sinken, die er an einem runden Tisch direkt am Fenster platziert hatte, und legte die rote Tasche vor sich auf die Tischplatte. Dann öffnete er den goldenen Drehverschluss, hob den Überschlag hoch und warf einen neugierigen Blick auf den Inhalt von Lenas weiblichem Notfallköfferchen. Genau dies war es nämlich, denn die Tasche war vollgestopft mit Schminkdöschen, Lippenstiften, Eyelinern, Farbpaletten, diversen Pinseln, Pinzetten, Papiertaschentüchern und Taschenspiegeln – all jenen lebenswichtigen Utensilien, die eine auf ihr Äußeres bedachte Dame zu jeder Zeit benötigte, um gegen jeglichen echten oder eingebildeten Makel unverzüglich vorgehen zu können.
   Für ihn als Mann schienen manche der Gegenstände zwar fremdartig oder auch unnütz, aber andererseits entdeckte er nichts, was ihn in irgendeiner Weise verwunderte, schließlich hatte er all diese Dinge oft genug in Aktion erlebt. Aber dann erlebte Theodor doch noch eine Überraschung, als er den Reißverschluss einer Seitentasche öffnete und dort eine Schwarz-Weiß-Fotografie hervorholte, mit der er überhaupt nichts anfangen konnte.
   Das Foto zeigte ein Mädchen, das um die sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein mochte und ihm völlig fremd war. Bei genauem Hinsehen allerdings entdeckte er etwas, was er auf der Stelle wiedererkannte, denn an der hellen – weißen? – Wand im Hintergrund hing die Kopie eines berühmten Gemäldes von Canaletto, das die Goldene Barke in der Mole von Venedig zeigte und das Lena einmal als ihr Lieblingsbild bezeichnet hatte. Die eingerahmte Reproduktion von Canalettos Meisterwerk hing an der Wand ihres Zimmers in Siemensstadt, und das Foto war demnach bei ihr zu Hause aufgenommen worden. Nur wer war dann dieses Mädchen? Weshalb war sie Lena so wichtig, dass sie sie zu sich nach Hause einlud und dann ihr Bild sorgfältig geschützt in ihrer Tasche aufbewahrte? Eine Schwester konnte es nicht sein, denn Theodor konnte sich sehr gut an die Klagen seiner Freundin erinnern, wie schwer sie es in ihrer Kindheit als Einzelkind gehabt habe, das ganz allein die übertriebenen Erwartungen ihres Vaters zu erfüllen hatte. Wenn die Person auf dem Foto andererseits eine Freundin, Nichte oder Arbeitskollegin sein sollte, zu der Lena ein solch vertrautes Verhältnis gehabt hatte, dann hätte sie sie ihm gegenüber doch sicherlich irgendwann erwähnt, oder?
   Vielleicht hatte sie genau das vorgehabt. Theodor erinnerte sich dunkel daran, dass Lena während ihrer Unterhaltung im Restaurant einmal unversehens ihre Handtasche geöffnet und darin herumgekramt hatte, sie dann aber genauso plötzlich wieder zugeklappt und über ihren Stuhl gehängt hatte, als er auf seine Vortragsreise nach Leipzig am Tag zuvor zu sprechen kam.
   Er schüttelte verwirrt den Kopf, denn obwohl er jede mathematisch logische Knobelaufgabe in Rekordzeit zu knacken verstand, stand er nun auf einmal vor einem Rätsel, das er nicht zu lösen vermochte. Und diese Art von Rätseln konnte er nicht ausstehen! Auf einmal aber fiel ihm etwas anderes auf, was schlagartig für Ablenkung sorgte und bewirkte, dass er sarkastisch grinste. Es gab nämlich etwas, was er in der Tasche nicht gefunden hatte, womit aber vermutlich die meisten Menschen gerechnet hätten: Lenas Wohnungsschlüssel!
   Unwillkürlich sah Theodor wieder diesen gehässigen kleinen Kriminalhauptkommissar mit seiner dank Haargel betonfesten Frisur und dem piekfeinen Anzug vor sich, und er hörte geradezu dessen bissig-misstrauische Stimme in seinem Ohr dröhnen: »Soso, keine Schlüssel. Aber Sie, Professor, behaupten, diese Tasche in Ihrem Auto gefunden zu haben? Nicht vielleicht doch eher im Zimmer der Ermordeten, als Sie sie mittags aufsuchten und dann im Affekt umbrachten? Wo Sie dann sicherstellen wollten, dass sich nichts in der Tasche befindet, was Sie belasten könnte? Wenn Sie dies abstreiten, dann erklären Sie mir doch bitte, wie Frau Sommer ohne Tasche und Schlüssel in ihre Wohnung kommen konnte!«
   Natürlich hätte Theodor ihm erläutern können, dass Lena ihre Schlüssel schon zweimal verbummelt hatte, und dass er ihr deshalb ein Schlüsselbund mit einem Karabinerhaken geschenkt hatte, den sie an ihrer Jacke oder ihrem Mantel befestigen konnte. Aber das hätte dieser kriminalistische Holzkopf Grossinger zweifellos für ein Lügenmärchen gehalten und ihn ein weiteres Mal selbstgefällig triumphierend angeglotzt, als hielte er den Mordfall bereits für gelöst und ihn für den überführten Mörder. Nein, die Tasche würde er nicht ihm, sondern einem der anderen Kommissare übergeben, denn von diesem böswilligen Napoleonverschnitt hatte er die Nase gestrichen voll!

4

Der derart Geschmähte saß zur selben Zeit am großen Tisch im Konferenzraum der 6. Mordkommission und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte. Ihm gegenüber saßen zwei der Kommissare, die den Tatort in Siemensstadt unter die Lupe genommen hatten, aber Ariane Karstedt und Matthias Leworsky waren immer noch nicht eingetroffen.
   Ein Besucher hätte den Konferenzraum wohl kaum als solchen erkannt und ihn eher für einen Pausen- und Erholungsraum gehalten. Auf einer breiten weißen Kommode standen zwei Kaffeemaschinen, ein Toaster und ein Mikrowellengerät herum, und hinter einer halb geöffneten Tür des Möbelstücks konnte man mehrere Packungen Kaffee und Zucker erspähen. Um an Milch für ihre Muntermacher zu kommen, mussten die Kommissare nur den Kühlschrank öffnen, der zwischen Kommode und Wand eingezwängt war. Auch der große Tisch sah weniger nach einem Zentrum professioneller Besprechungen aus als vielmehr nach einem Hort der Entspannung: Er wurde von einer bunten Plastikdecke umhüllt, und genau in der Mitte standen zwei benutzte Kaffeetassen herum, die Wolfram bei seinem Eintritt einen tadelnden Ausruf des Missfallens entlockt hatten. Allein die mit bunten Nadeln gespickte übergroße Berlinkarte an einer Wand deutete an, dass hier nicht nur relaxt, sondern manchmal auch ernsthaft gearbeitet wurde.
   Der Raum befand sich am Ende eines langen Flurs im vierten Stock eines fünfgeschossigen kaiserzeitlichen Bauwerks, das ursprünglich einmal als Sitz der Landesversicherungsanstalt für die Provinz Brandenburg gedient hatte. Heute war in dem prachtvollen Gebäudekomplex mit seiner wuchtigen, puttenverzierten Schaufassade an der Keithstraße das Landeskriminalamt 1 für Delikte am Menschen untergebracht. In den modernisierten Räumen des altehrwürdigen Hauses arbeiteten die Experten der Polizei, die Brandstiftungen und Sexualstraftaten untersuchten, gegen Kinder- und Jugendpornografie vorgingen und vermissten Personen nachforschten. Und natürlich musste sich das LKA-1 auch um die etwa 120 versuchten oder vollendeten Tötungsdelikte kümmern, die alljährlich im Berliner Raum gemeldet und von gut siebzig Kommissaren in acht Mordkommissionen bearbeitet wurden.
   Von den neun Ermittlern der 6. Mordkommission waren lediglich fünf an der Untersuchung des Mordes an Lena Sommer beteiligt gewesen, und diese kleine Gruppe wurde nun vervollständigt, als sich die Tür zum Konferenzraum öffnete. Ein etwas gehetzt wirkender Matthias Leworsky murmelte bei seinem Eintritt etwas vom Vater des Mordopfers, den sie nicht erreichen konnten, während sich Ariane Karstedt kommentarlos und schweigend neben ihre beiden Kollegen gegenüber von Wolfram Grossinger setzte.
   Nach einem sauertöpfischen »Das wurde aber auch Zeit!« eröffnete der Leiter der 6. MK ihre Besprechung. »Nun gut, wo wir endlich alle zusammen sind, wollen wir zuerst einmal unsere Erkenntnisse zum heutigen Mordfall zusammentragen. Beginnen wir mit den grundlegenden Fakten. Das Mordopfer ist eine 28-jährige Frau namens Lena Sommer, die dem äußeren Anschein nach erdrosselt wurde. Der Mord wurde von dem Freund der Toten gemeldet, einem Dr. Theodor Thaler, der an der Technischen Universität Berlin als Mathematikprofessor angestellt ist. Er behauptet, Frau Sommer gegen 16 Uhr tot in ihrem Zimmer aufgefunden zu haben, besitzt aber für die Zeit davor kein Alibi und ist somit zu den Hauptverdächtigen zu rechnen. Was wissen wir sonst noch über die Tote und ihren Freund? Die Frage geht an Sie, Willbrodt – was haben Sie vorgefunden, und wann ist Ihr Tatortbericht fertig?«
   Dabei wandte er sich an Klaus Willbrodt, den Kriminalkommissar, der direkt neben Ariane Karstedt saß. Mit 61 Jahren war er der älteste Mitarbeiter ihres Teams und häufig auch der wichtigste. Seine Aufgabe war es, in enger Zusammenarbeit mit der Spurensicherung und dem Tatortfotografen sämtliche Schränke, Kommoden, Schreibtische, Abstellkammern und Bücherregale an einem Tatort genauestens unter die Lupe zu nehmen und alle Ergebnisse zu protokollieren. Oft genug hatte er bei seiner Arbeit das entscheidende Beweisstück gefunden, das dann zur Festnahme des Täters führte. Darüber hinaus war er dafür berühmt, ausschließlich dunkelbraune Cordanzüge und bunt karierte Holzfällerhemden zu tragen, und es hatte schon Wetten unter seinen Kollegen gegeben, wie viele derartige Anzüge er wohl in seinem Kleiderschrank aufbewahrte.
   Als er nun den fordernden Blick seines Chefs auf sich ruhen sah, wiegte der Tatortermittler – der nicht für ausgeprägte Redseligkeit bekannt war – nachsinnend den Kopf hin und her und entschied sich dann, zuerst einmal die Frage zum Tatortbericht zu beantworten. »Schätze mal morgen am späten Vormittag. Muss erst noch das Protokoll zum Schwanenburg-Mord abschließen.«
   »Das hat allerdings Priorität, da haben Sie völlig recht, Willbrodt. Aber beschreiben Sie doch schon einmal mündlich Ihre wichtigsten Funde am heutigen Tatort!«
   Erneut wurde Ariane von einer Welle missmutiger Stimmung gepackt, als sie ihrem Vorgesetzten zuhörte. Mit Gerald Lemke, dem arg vermissten ehemaligen Leiter der Sechsten, hatten sich alle geduzt, wie es auch in den anderen Mordkommissionen im Hause üblich war. Aber Grossinger legte großen Wert auf das distanzierte »Sie« und redete die Mitarbeiter mit dem Nachnamen an – vermutlich hatte er einmal in einem Leitfaden der Bundeswehr gelesen, dass dies die Autorität eines Vorgesetzten fördere und meinte nun, damit auch in seiner Führungsrolle bei der Polizei an Ansehen zu gewinnen. Weit gefehlt …
   Derart abschweifenden Gedanken konnte die Kommissarin unbekümmert nachhängen, denn Klaus Willbrodt dachte lange und sorgfältig nach, ehe er Grossingers Aufforderung folgte.
   »Na ja –, die Ermordete war ganz klar eine Frau, der modische Erscheinung sehr wichtig war. Überall lagen Frauenzeitschriften wie Elle, Jolie und Cosmopolitan‘ herum, zwei Schubladen waren vollgestopft mit Kosmetikprodukten, und im Kleiderschrank …«
   »Gut, gut, gut«, unterbrach ihn der kleine Kriminalhauptkommissar im feinen Zwirn, »das mag ja alles sehr interessant sein, hilft uns aber im Moment nicht weiter. Ich wollte eigentlich erfahren, ob Sie auf Täterhinweise gestoßen sind!«
   Der Gefragte runzelte die Stirn. »Dann wollen Sie wohl auch nicht wissen, dass wir einen Haufen Aufgabenblätter einer Schauspielschule gefunden haben und dass in einer der Illustrierten das Abiturzeugnis von Lena Sommer steckte. Aber etwas anderes dürfte Sie interessieren: Eines der Schminktöpfchen war nämlich sorgfältig gereinigt worden, und darin war ein wenig Haschisch versteckt.«
   »Ha! Das ist doch mal was! Die Ermordete war also rauschgiftsüchtig!« rief Wolfram Grossinger zufrieden aus.
   »Das würde ich nicht unbedingt behaupten«, wagte Klaus Willbrodt zu widersprechen. »Wie gesagt: Es war nur ein kleines bisschen Gras, so eher für den gelegentlichen Kick nebenbei.«
   »Das müssen Sie mir nicht erklären!«, fuhr sein Vorgesetzter ihn an. »Auch das ‚kleine bisschen Gras‘ muss sie schließlich aus irgendeiner dunklen Quelle bezogen haben. Vielleicht war unser werter Professor dabei behilflich? Nun gut, danke, Willbrodt, Sie legen mir dann morgen Vormittag den Tatortbericht vor!«
   Dann wandte er sich an den Kommissar auf Willbrodts anderer Seite – einen schnauzbärtigen Beamten mit offenkundig südländischen Vorfahren, der Ariane bei ihrem Eintritt vertraulich zugeblinzelt hatte. Er war erst kürzlich in die Mordkommission berufen worden, was für einige Überraschung gesorgt hatte – aber man war sich schnell einig, dass Grossinger ganz gezielt einen Beamten mit türkischen Wurzeln in sein Team aufgenommen hatte, um damit der Leitungsebene zu demonstrieren, was für ein unvoreingenommener, toleranter und politisch korrekter Mensch er doch war.
   »Sie, Özkan, haben vorhin mit dem Gerichtsmediziner gesprochen. Was konnte er Ihnen jetzt bereits mitteilen?«
   Alkim Özkan hatte gerade verstohlen seine junge, hübsche Kollegin gemustert und wandte seine Aufmerksamkeit nun widerstrebend von ihr ab. »Nicht viel. Detaillierte Auskünfte kann uns der Doc erst morgen nach der Obduktion geben. Immerhin war er sich sicher, dass der Mord zwischen 13 und 14 Uhr passiert sein muss. Ferner zeigen die Abschürfungen und Einschnitte am Hals, dass Frau Sommer wohl mit einer dünnen Schnur oder einem Draht erdrosselt wurde.« Nach einem Seitenblick auf seinen Nachbarn ergänzte er: »Wie ich von Klaus gehört habe, konnte die Tatwaffe übrigens nicht gefunden werden.«
   »Das ist doch schon eine ganze Menge«, konstatierte sein Vorgesetzter und strich zufrieden über seine gelverstärkte Frisur. »Erwürgt mit einer Schnur oder einem Stück Draht – nach meiner jahrelangen Erfahrung klingt das nach einer spontanen Handlung und einem Mord aus Leidenschaft. Jetzt Sie, Leworsky und Karstedt. Was konnten Sie von den Hausbewohnern erfahren?«
   Nachdem ihr Kollege eine kleine Ewigkeit zögerlich herumgedruckst und unschlüssig mit seinen Fingern gespielt hatte, ergriff Ariane das Wort – und unterdrückte dabei mit einiger Anstrengung den heftigen Widerspruch, der ihr wegen der Äußerung ihres Chefs zur Mordwaffe auf den Lippen lag. »Ein Mieter im zweiten Stock hat Matthias erzählt, dass er den Vater der Toten flüchtig kenne – einen ehemaligen Rechtsanwalt, der ein Haus in Frohnau besitzt. Seine Adresse und Telefonnummer haben wir anschließend in einem Notizbuch von Frau Sommer gefunden, aber bisher konnten wir ihn nicht erreichen.«
   Sie hielt einen Moment lang inne, ehe sie zum spektakulären Teil ihres Berichts überging. »Die interessanteste Aussage erhielten wir aber von der Nachbarin im Erdgeschoss, die gehört hat, dass Frau Sommer gegen Mittag in eine heftige Auseinandersetzung verwickelt war. Die Nachbarin war sich völlig sicher, dass es bei diesem Streit um eine ‚Birgit‘ ging, aber leider konnte sie uns nichts über die zweite Person bei diesem Wortwechsel erzählen. Noch nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau war. Das ist äußerst bedauerlich, denn da die Gerichtsmedizin einen Tatzeitpunkt von 13 bis 14 Uhr annimmt, war es vermutlich der Mörder, mit dem Frau Sommer da gestritten hat.«
   »Ha!«, rief Grossinger aus und blickte Ariane dabei so strahlend erfreut an, dass ihre Einschätzung von ihm als einem unsympathischen und dummen Ekelpaket eine Sekunde lang aus den Fugen zu geraten schien. Seine nächsten Worte rückten aber sogleich wieder alles zurecht. »Da passt doch wirklich alles zusammen! Dieser Professor war mir von Anfang an suspekt, und wenn wir jetzt noch herausfinden, dass er so nebenbei noch mit einer Birgit angebändelt hat, dann ist der Fall so gut wie gelöst! Frau Sommer hat von der Nebenbuhlerin erfahren, ihn damit konfrontiert, und im anschließenden Streit hat der feine Herr sie umgebracht. Wie ich vorhin schon sagte: Ein Mord aus Leidenschaft!«
   Ariane verkniff es sich, darauf hinzuweisen, dass ja dann eigentlich Professor Thaler das Mordopfer hätte sein müssen. Allerdings wäre ihr kaum Zeit geblieben, eine solch ketzerische Äußerung von sich zu geben, denn nach einem triumphierenden Blick in die Runde fuhr ihr Vorgesetzter unverzüglich fort: »Und damit ist dann übrigens auch unser nächstes Problem gelöst. Für die gleichzeitige Untersuchung von zwei Mordfällen reicht nämlich unsere Manpower nicht aus, und die Morduntersuchung im Fall Schwanenburg ist ungleich wichtiger, weil uns da die Presse am Arsch klebt. Also werden Sie, Leworsky und Karstedt, sich mit vollem Einsatz auf den Mord an Frau Sommer stürzen, damit wir den Fall schnellstmöglich der Staatsanwaltschaft übergeben können. Willbrodt und Özkan werden Sie nur gelegentlich unterstützen, wenn dies zwingend erforderlich ist, aber ansonsten wieder in der Gruppe Schwanenburg mitarbeiten. Noch Fragen?« Erneut ließ Grossinger den Blick über seine Mitarbeiter schweifen, und seine Miene deutete an, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Es kam auch keiner, und so stand der Chef der 6. MK zufrieden dreinblickend auf, warf noch ein »Das wär dann alles!« in die Runde und verließ den Konferenzraum.
   Ariane konnte sich ein angewidertes Grinsen nicht verkneifen. Natürlich wollte ihr Vorgesetzter, dass der Mord an Ulf Schwanenburg bevorzugt bearbeitet wurde. Unzählige Zeitungsreporter und Fernsehjournalisten gierten danach, mehr über die Hintergründe zu erfahren. Ein beliebter Schauspieler, der in den Toiletten einer Promi-Bar ermordet aufgefunden wurde – das waren Top-News allererster Sahne! Und für Grossinger gab es da die durchaus realistische Aussicht, mal wieder für ein längeres Interview ins Fernsehen zu kommen. Wo er sich dann als Musterexemplar eines herausragenden, knallharten Verbrecherjägers und als fähigster Detektiv Berlins präsentieren konnte.
   Auf einmal durchzuckte Ariane eine spontane Erkenntnis. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum ihr Chef mit aller Macht diesen Professor Thaler zum Hauptverdächtigen küren wollte. Denn es war absehbar, dass ein Schuldnachweis hier wohl ebenfalls eine medienwirksame Schlagzeile einbringen würde – Hochschulprofessor rastet aus und ermordet auf bestialische Weise seine bildschöne Freundin!. Viel weniger Publicity und Medienrummel gäbe es, wenn lediglich der Postbote oder ein kleiner Gelegenheitsverbrecher den Mord begangen hätte. Hingegen eine Koryphäe der Berliner Mathematikwissenschaften als Mörder, das brachte die allerbesten Aussichten auf etliche Interviews und lobende Beurteilungen mit sich! Grossinger, der unbarmherzige Kriminalist ohne Fehl und Vorurteil!
   Ariane schüttelte sich. Bei derartigen Manövern zur Selbstbeweihräucherung würde sie nicht mitspielen, deshalb war sie nicht zur Polizei gegangen! Gedankenverloren kratzte sie an der Narbe an ihrem Handgelenk, die sie seit ihrer Jugend an ihre tief und fest verankerten Überzeugungen erinnerte. Damals war sie auf dem Schulhof gegen zwei Jugendliche vorgegangen, die einem deutlich jüngeren Knaben seine Geldbörse abnehmen wollten. Einer der beiden Jugendlichen hatte ein Messer gezogen und ohne Warnung zugestochen. Den Schmerz und den Schock, die dieser Attacke folgten, hatte sie inzwischen fast vergessen – aber die Narbe erinnerte sie noch heute daran, wofür und wogegen sie sich in ihrem Leben als Polizistin einsetzen wollte.
   Nein, eine Ariane Karstedt würde keinesfalls zur Marionette eines mediengeilen Egomanen werden! Niemals! Sie würde so handeln, wie es ihr von ihrem Gerechtigkeitsgefühl und ihrer polizeilichen Ausbildung befohlen wurde! Um in der Sprache der TV-Interviews zu bleiben: »Wir ermitteln in alle Richtungen« – so sah korrekte Polizeiarbeit aus, und genau daran würde sie sich halten.
   Ihre innerliche Debatte wurde von Alkim Özkan unterbrochen, der auf einmal direkt vor ihr stand und sie schmachtend anblickte, während er verlegen an seinem buschigen schwarzen Schnurrbart zupfte.
   »Wie wär’s, Ariane, wollen wir uns jetzt gemeinsam etwas Leckeres zwischen die Knochen schieben? Oder darf ich dich heute vielleicht mal nach Hause bringen?«
   Sie stutzte und konnte sich dann ein Lächeln nicht verkneifen. »Du meinst wohl zwischen die Rippen schieben, was? Tut mir leid, Alkim. Ich lasse mich auch heute wieder nicht von dir zum Essen einladen. Und ich habe wie immer mein eigenes Auto dabei.«
   Der Deutschtürke zuckte resigniert die Schultern, drehte sich mit einem »Ich habe viel Geduld!« um, und stapfte mit erhobener Hand zum Gruß davon.
   Wie wohltuend war doch dieses kleine Zwischenspiel, dachte sie, und rief ihrem Bewunderer noch ein »Recht so!« hinterher. Alkim war zwar manchmal ein wenig aufdringlich in seiner pausenlosen Anmache, aber im Grunde genommen war er ein durch und durch netter und anständiger Mensch und Kollege. Und es tat einfach gut, durch seine lockeren Worte daran erinnert zu werden, dass es auf dieser Welt nicht nur Grossingers gab!
   Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte Ariane, dass ihre früheren Befürchtungen berechtigt gewesen waren, denn auch heute würde es wieder weit nach Mitternacht werden, bis sie endlich in ihr Bett fallen konnte. Doch wenn sie sich jetzt zügig auf den Weg nach Hause machte, könnte sie es bis ein Uhr morgens schaffen und das war immerhin zwei Stunden früher als gestern.
Sonntag
5

Nach fünf Stunden Schlaf sah das Leben viel rosiger aus. Ariane ertappte sich sogar dabei, dass sie beim Frühstück leise mitsummte, als einer ihrer Lieblingssongs – Oh my Love von Rea Garvey – im Sonntagsprogramm eines Radiosenders gespielt wurde. Und dass sie beinahe beschwingt die Treppe hinuntertänzelte, als sie sich auf den Weg zu ihrem Golf machte, für den sie letzte Nacht direkt vor der Haustür einen Parkplatz gefunden hatte.
   Die Fahrt von ihrer Wohnung in der Schöneberger Fritz-Reuter-Straße bis zum LKA in der Keithstraße verlief heute mal staufrei und dauerte deshalb gerade mal zehn Minuten. Um halb acht saß sie an ihrem Schreibtisch und hatte bereits eine halbe Stunde lang das Internet nach Informationen über Georg Sommer durchstöbert, als Matthias Leworsky auftauchte und sich stöhnend auf seinen Platz ihr gegenüber niederplumpsen ließ. Wie jeden Morgen wollte er auch heute wieder irgendein Klagelied anstimmen, sei es über rücksichtslose Autofahrer, das miserable Wetter, die Krankheit seiner Frau, schulische Probleme seiner Kinder, oder die Schlechtigkeit der Menschheit im Allgemeinen. Aber in ihrer gegenwärtigen Hochstimmung hatte Ariane keinen Bock auf Miesepetrigkeit, und deshalb unterbrach sie ihren Kollegen schon beim ersten »Was ist das doch für ein Scheißtag …«.
   »Aber nicht doch, Matthias. Der Sonntag hat gerade erst angefangen, und mit ein bisschen gutem Willen werden wir auch noch seine Schokoladenseite entdecken.«
   Guter Anfang, aber wie sollte sie fortfahren, um die schlechte Laune ihres Kollegen wegzupusten? Sie blickte sich auf ihren Schreibtischen um, aber fand dort nichts, was ihr die rettende Inspiration hätte schenken können. Telefone, Computermonitore und Tastaturen, Notizzettel, Kugelschreiber, unzählige Akten, die sich bei Matthias säuberlich übereinander platziert am Tischrand stapelten, während sie auf ihrer Seite wild verteilt in einer nur ihr verständlichen Ordnung herumlagen. Neben ihrem Telefon saß Knut und blickte sie aus seinen braunen Knopfaugen unverwandt an, aber er würde Matthias auch nicht aufmuntern können. Knut war ein Stofftier, das das berühmte gleichnamige Eisbärbaby des Berliner Zoos darstellen sollte und den sie von ihren Eltern zu ihrem Arbeitsanfang in der Direktion 2 geschenkt bekommen hatte. Als Talisman hatte ihr das weiße Knuddeltier vorzügliche Dienste geleistet – bis zu jenem Tag, als ein neuer Leiter der 6. MK ernannt worden war …
   Sie erblickte das Plakat, das hinter Matthias an der Wand hing, und jetzt hatte sie den rettenden Einfall. In einem blau-weiß schraffierten Rahmen war dort Fabian Lustenberger abgebildet, der ehemalige Mannschaftskapitän von Hertha BSC. Besucher ihres Büros nahmen deshalb häufig an, dass der Kripomann ein feurig-patriotischer Fußballanhänger sei, und manch ein Verdächtiger hatte schon versucht, sich bei ihm einzuschmeicheln. Womit sie wenig Erfolg hatten, denn tatsächlich war es Matthias’ 12-jähriger Sohn, der als eingefleischter Hertha-Fan seinen Vater so lange mit bettelnden Worten traktiert hatte, bis dieser endlich nachgab und das Bild des Berliner Spielers an seinem Arbeitsplatz anbrachte.
   »Wolltest du dir nicht heute mit Philipp das Sonntagstraining der Hertha-Profis ansehen?«, fragte Ariane hoffnungsvoll. »Das sind doch schöne Aussichten für diesen Tag.«
   »Von wegen!«, entgegnete Matthias säuerlich. »Ich muss da hin, weil ich es Philipp versprochen habe und es für ihn die letzte Chance ist, seine Helden vor dem Saisonabschluss am kommenden Wochenende noch einmal zu sehen. Bitte sag Grossinger nichts davon! Wenn der was davon mitbekommt, was ich heute Nachmittag mache, kann ich eine Menge Ärger bekommen.«
   »Natürlich erfährt der nichts davon«, besänftigte ihn Ariane unverzüglich. »Ich werde schweigen wie ein Grab, vertrau mir! Aber jetzt wollen wir keine weiteren Gedanken an unser Ekelpaket von Chef verschwenden – lass uns besser darüber nachdenken, was wir heute alles zu tun haben.«
   Dank ihrer erfolgreichen Ablenkungsstrategie fiel ihr Vorschlag nunmehr auf fruchtbaren Boden, und wenig später waren sie in ihre Tagesplanung vertieft. Sie waren sich auf der Stelle einig, dass sie zuallererst den Vater der Ermordeten aufsuchen sollten, um ihn über den Tod seiner Tochter zu informieren und mehr über ihr Leben und ihren Bekanntenkreis zu erfahren. Dann blieb ihnen nichts anderes übrig, als zumindest ansatzweise den Anordnungen ihres Chefs zu folgen und einen genauen Blick auf das Alibi und mögliche Mordmotive Professor Thalers zu werfen. Und schließlich mussten sie unbedingt mit Lena Sommers Vermieterin sprechen, wenn sie diese denn ausfindig machen konnten.
   Im Gegensatz zu gestern Abend gelang es ihnen heute, Lenas Vater telefonisch über das Festnetz zu erreichen, obwohl sich Matthias bis zum achten Klingeln gedulden musste. Auf seine Ankündigung, dass sie Polizeibeamte seien und Herrn Sommer dringend sprechen müssten, erhielt er ein brummiges »Ja« als einzige Antwort, aber als Anwesenheitsbestätigung reichte ihnen das. Zehn Minuten später saßen sie in ihrem Dienstwagen und waren auf dem Weg zu jener Adresse, die sie im Notizbuch der Ermordeten gefunden hatten.
   Während der halbstündigen Fahrt nach Frohnau erzählte Ariane ihrem Kollegen, was sie bei ihren Computerrecherchen über Lena Sommers Vater herausgefunden hatte. Alle Einträge im Internet waren älteren Datums gewesen und bezogen sich auf eine Rechtsanwaltskanzlei, die Georg Sommer geleitet hatte. Der Schwerpunkt der Kanzleitätigkeiten lag auf Immobilien- und Baurecht, und ein ‚RA G. Sommer‘ war als Anwalt der Kläger in zahlreichen Gerichtsverfahren zu zweifelhaften Hausverkäufen und Bauskandalen genannt worden. Der letzte Eintrag im World Wide Web war vier Jahre alt, und hier wurde kurz und knapp von der Übernahme der Kanzlei Sommer durch eine Gruppe junger Rechtsanwälte berichtet. Offenbar hatte sich Georg Sommer damals aus dem Berufsleben zurückgezogen und in der Zwischenzeit nichts mehr getan, was eine Erwähnung im Netz der Netze wert gewesen wäre.
   Das zweistöckige Einfamilienhaus in der Benekendorffstraße, zu dem sie das Navi ihres Dienst-BMW hinführte, war ein Sechziger- oder Siebziger-Jahre-Bau, der schon einmal bessere Zeiten erlebt hatte. Die ehemals wohl leuchtend gelbe Farbe der der Straße zugewandten Fassade war zu einem schmutzigen Gelbgrau umgeschlagen, und an mehreren Stellen begann der Putz abzubröckeln. Auf dem ungepflegten Rasen des kleinen Vorgartens lagen Schindeln herum, die sich offenbar aus dem Satteldach herausgelöst hatten. Der Weg zum Hauseingang war einmal säuberlich mit Betonplatten gepflastert worden, doch einige der Platten wiesen mittlerweile Risse auf, und aus den Zwischenräumen drangen überall Unkraut und Gras hervor.
   Als die beiden Kriminalbeamten an der Tür klingelten, dauerte es eine ganze Weile, bis sie geöffnet wurde. Die Person, die sie dann erblickten, schien sich perfekt dem Zustand des Hauses anzupassen – wobei der umgekehrte Mechanismus allerdings wahrscheinlicher war. Vor ihnen stand ein gebeugter Mann Ende Sechzig, der mit glasigem Blick zu ihnen hochschaute. Seine grauen Haare und sein Vollbart waren genauso wild und ungepflegt wie der Vorgarten, und aus der Nase sprossen ein paar graue Büschel hervor. Der dunkelblaue Morgenmantel, der ihn einhüllte, war einmal aus edlem Stoff gefertigt worden, doch jetzt wirkte er schmuddelig und war von etlichen Flecken übersät, die von Essensresten und anderen unerquicklichen Quellen stammen mochten.
   Das präzise artikulierte »Bitte kommen Sie herein« passte irgendwie nicht zu seiner äußeren Erscheinung, doch als sich Georg Sommer umdrehte und ohne weitere Worte ins Innere des Hauses hineinschlurfte, wirkte er erneut wie ein alter Mann, den man eher in einer Schlafstatt unter einer Brücke als in einem eigenen Haus erwartet hätte. Ariane und Matthias folgten ihm und erreichten nach wenigen Schritten ein Wohnzimmer, das einen unzweideutigen Einblick in die Ursache der allgemeinen Vernachlässigung des Hauses und seines Bewohners vermittelte. Zwischen den Ledersesseln einer Sitzgruppe, auf der Marmorplatte des Tisches, in den offenen Fächern eines Mahagonischrankes – überall standen Flaschen herum, die ein unverkennbares Aroma von sich gaben. Es waren Ginflaschen, und der Aufdruck ‚Bombay Sapphire‘ auf den Flaschenetiketten verriet Matthias, dass sie im gefüllten Zustand nicht etwa billigen Fusel, sondern einen Gin der allerfeinsten Sorte enthalten hatten.
   Auch der Herr des Hauses schien auf einmal die Unordnung im Raum zu bemerken, und er murmelte etwas von einer Putzfrau, die gerade im Urlaub sei. Dann ließ er sich in einen der Ledersessel hineinfallen und forderte seine Besucher mit einer lockeren Handbewegung auf, seinem Beispiel zu folgen. Weder in den Bewegungen noch in den Worten gab es Hinweise auf den stark alkoholisierten Zustand, den seine Augen verrieten – und Ariane vermutete, dass er gerade das morgendliche Alkoholquantum erreicht hatte, bei dem er als Gewohnheitssäufer noch halbwegs klar im Kopf war. Gut für sie, denn ansonsten würden sie hier wenig Sinnvolles erfahren können.
   Da sie daran gewöhnt war, dass Matthias ihr bei Angehörigen eines Mordopfers grundsätzlich die Eröffnung der Zeugenvernehmung zu überlassen pflegte, ergriff Ariane nun entschlossen das Wort. Dabei ignorierte sie die einladende Handbewegung ihres Gastgebers und blieb neben der Sitzgruppe stehen.
   »Herr Sommer, wir müssen Sie an diesem Sonntag leider aus einem äußerst traurigen Anlass aufsuchen. Es tut mir sehr, sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Tocher Lena gestern ums Leben gekommen ist.«
   Die junge Kriminalkommissarin hatte in ähnlichen Situationen schon eine Menge erlebt, was von fassungslosem Entsetzen über bitterliches Weinen bis hin zu ungläubiger Wut reichte. Nun aber machte sie eine völlig neue Erfahrung, denn im Gesicht des ehemaligen Rechtsanwalts war kaum eine Regung zu entdecken, sodass Ariane meinte, sich noch deutlicher ausdrücken zu müssen. »Haben Sie mich verstanden, Herr Sommer? Ihre Tochter Lena ist tot – genauer gesagt: Sie wurde ermordet.«
   »Ja, ja, ich habe Sie sehr gut verstanden«, entgegnete der Mann im blauen Morgenmantel mit starrem Gesichtsausdruck. »Lena ist tot – sie wurde ermordet. Aber es gibt dabei etwas, was Sie nicht wissen können: Lena ist schon lange nicht mehr meine Tochter.«
   Die beiden Ermittler blickten sich verblüfft an. Einen Augenblick lang fragte sich Ariane, ob das Hirn ihres Zeugen bereits von alkoholischer Demenz zerbröselt worden war, doch seine Worte klangen so klar und akzentuiert, dass darin keine Spur von geistiger Verwirrung zu entdecken war. Ohne dass sie ihm ein Zeichen ihrer Unschlüssigkeit vermitteln musste, übernahm Matthias nunmehr die Gesprächsführung.
   »Entschuldigen Sie, Herr Sommer, das verstehen wir nicht so ganz. Sie sind doch der Vater der ermordeten Lena Sommer, nicht wahr? Aber Sie sagen uns jetzt, sie sei nicht Ihre Tochter – sondern was? Eine Fremde?«
   Der ehemalige Rechtsanwalt schüttelte den Kopf und blickte Matthias nachsichtig an, als müsste er ihm das kleine Einmaleins erklären.
   »Natürlich war Lena meine biologische Tochter, aber unsere Vater-Tochter-Beziehung zerbrach nach dem Tod meiner Gattin vollständig und ohne jegliche Aussicht auf Heilung. Sie warf mir vor, mich aus rein egoistischen Gründen ständig in ihr Leben eingemischt zu haben und ich wollte mit einer derart selbstgerechten und undankbaren Kreatur nichts mehr zu tun haben. Deshalb trifft mich Ihre Nachricht über ihren Tod nicht im Geringsten, denn für mich ist sie bereits vor sieben Jahren endgültig und unwiederbringlich gestorben.«
   »Das ist aber eine sehr harte und gefühllose Einstellung …«
   »Ach so? Meinen Sie? Glauben Sie mir, die Trauer über den Verlust meiner Tochter war grenzenlos, und ich habe lange gebraucht, das zu verkraften! Letztlich konnten mir nur all die Flaschen, die Sie hier herumliegen sehen, bei der Trauerarbeit helfen. Erst ist meine Frau von mir gegangen und dann meine Tochter, die mir frech erklärte, sie habe nur ihrer Mama zuliebe so lange in meinem Haus gewohnt. Was glauben Sie wohl, wie lange solch Gefühle wie väterlicher Stolz oder Liebe zur Tochter unter solch undankbaren Fußtritten des eigenen Kindes überleben können?«
   Bei diesen Sätzen wurden die Züge von Lenas Vater dann doch noch von heftiger Erregung verzerrt. Nur schien der Grund für diese Gefühlsaufwallungen nicht etwa der Tod seiner Tochter zu sein, sondern vielmehr ein gerütteltes Maß an Selbstmitleid. Zudem schien es ihn bemerkenswerterweise überhaupt nicht zu interessieren, auf welche Weise Lena zu Tode gekommen war. Nun war Ariane aber keine Pastorin, die sich um das Seelenheil eines Menschen kümmern musste, sie war eine Kriminalbeamtin, die einen Mordfall aufzuklären hatte.
   »Was hat Lena Ihnen denn vorgeworfen und warum war sie undankbar?«
   Georg Sommer schluckte diesen verführerischen Köder unverzüglich, und nun war es endgültig vorbei mit seiner zur Schau gestellten distanzierten Gelassenheit. Als hätten die Fragen einen Stöpsel herausgezogen, sprudelten nun alle Klagen und Vorwürfe aus ihm heraus, die er so lange schweigend mit sich herumgeschleppt hatte.
   »Warum sie undankbar war? Weil sie unsere Sorgen und all unsere Bemühungen um ihre Zukunft nicht sehen wollte! Weil sie mich im Stich gelassen hat, obwohl ich nur ihr Glück wollte! Weil sie alles vergessen hat, was wir für sie getan haben! Schließlich hat sie ihr Abitur nur geschafft, weil wir sie immer wieder dazu gedrängt haben, nicht vorzeitig das Handtuch zu werfen! Und als meine Nachfolgerin in der Kanzlei hätte sie eine gesicherte Existenz gehabt, aber nein, die junge Dame zog es ja vor, das Jurastudium abzubrechen und sich mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs gerade so über Wasser zu halten! Und anstatt mir Einmischung und die Zerstörung ihres Liebesglücks vorzuwerfen, hätte sie mir dankbar sein sollen, dass ich sie davor bewahrt habe, ihr Leben für einen Schürzenjäger wegzuwerfen!«
   »Moment mal, Moment mal«, versuchte Ariane, die Flut an Klagen zu bremsen. »Da können wir nicht mehr folgen. Von welchem Schürzenjäger reden Sie denn?«
   »Von diesem Kevin Stich!«, schnaufte der alte Mann erregt. »Da war Lena gerade mal 17 und der Stich bestimmt zehn Jahre älter. Der wollte sie doch nur als Trophäe, als sein junges Betthäschen, mit dem er bei seinen Freunden den strammen Max spielen konnte! Aber das habe ich ihm versaut! Als ich mit ihm fertig war, hat dieses Windei brav und folgsam die Finger von ihr gelassen!«
   »Und wie haben Sie das geschafft?«
   »Ha! Dieser Kerl wollte unbedingt Karriere machen, aber ich kannte einen seiner Chefs, den ich einmal vor Gericht vertreten hatte. Als ich diesem Kevin davon erzählte und ihm damit drohte, für seinen Rauswurf zu sorgen, da hat er feige den Schwanz eingekniffen und sich von Lena getrennt.« Ein hämisches Grinsen umspielte Georg Sommers Gesicht, als er an diesen Erfolg seiner damaligen Intrige zurückdachte. »Er hatte noch nicht einmal die Eier, ihr die wahren Gründe für die Trennung zu nennen. Die hat sie erst Jahre später von meiner Frau, kurz vor ihrem Tod, erfahren. Ach, wenn Heidrun doch bloß die Klappe gehalten hätte! Dann wäre uns diese grässliche Auseinandersetzung vielleicht erspart geblieben, als Lena von heut auf morgen bei mir auszog.«
   »Sie konnte Ihnen also nicht verzeihen, obwohl da bereits ein paar Jahre vergangen waren?«
   »Richtig. Die Geschichte mit Kevin Stich hatte sich vier Jahre früher abgespielt. Bei unserem Streit hatte ich auch durchaus nicht den Eindruck gehabt, dass Lena diesen Kerl noch immer vermissen würde. Es ging ihr wohl eher ums Prinzip, dass ich mich in ihr Liebesleben eingemischt und ihren damaligen Freund vertrieben hatte. Dass ich das aber nur getan habe, um ihr zu helfen und sie zu schützen, das war ihr völlig egal. Und ihr Abi hätte sie niemals geschafft, wenn dieser Kevin ihr weiterhin den Kopf verdreht hätte!«
   »Das war Ihnen schon wichtig, nicht wahr? Dass Lena das Abitur schafft und anschließend Jura studiert, um einmal Ihre Kanzlei übernehmen zu können?«
   »Natürlich war mir das wichtig! Ich hatte die Kanzlei aufgebaut und wollte sie später meinem Kind übergeben. Das wäre schließlich auch für ihr Leben und ihre Zukunft das Allerbeste gewesen. Aber nein, Lena wollte diesen ‚Stress‘ nicht! Und vor allem nicht mit mir, der sie das ganze Leben lang ‚gegängelt‘ habe, wie sie mir doch tatsächlich vorgeworfen hat. Ihr war es lieber, einfach so vor sich hin zu gammeln und ihr Leben sinn- und ziellos zu vertändeln.«
   »Wie oft haben Sie Ihre Tochter denn nach dem Streit noch gesehen?«, mischte sich Matthias wieder in das Gespräch ein.
   »Nur noch ein einziges Mal«, erwiderte Georg Sommer mit schmerzverzerrter Bitterkeit. »Bei der Beerdigung ihrer Mutter vor sieben Jahren. Seither war absolute Funkstille, und während dieser Zeit musste ich lernen, damit zurechtzukommen, dass ich keine Tochter mehr habe.«´
   »Gab es denn gemeinsame Bekannte oder Verwandte, durch die Sie etwas über Frau Sommers späteres Leben erfahren konnten? Über ihren Beruf, ihr Zuhause, ihre Freunde, ihr gesamtes Umfeld?«
   »Nein, die gab es nicht. Als Lena von mir fortging, hat sie alle alten Kontakte radikal gekappt. Wenn Sie also etwas über die Hintergründe ihrer Ermordung erfahren wollen, sind sie bei mir an der falschen Adresse.«
   Ariane entging es nicht, dass er trotz seiner demonstrativen Kaltschnäuzigkeit und Distanz bei dem Wort ‚Ermordung‘ kräftig schlucken musste. Insgesamt aber flaute die Erregung – oder Verzweiflung? –, die die Erinnerung an die Konflikte mit seiner Tochter in ihm hervorgerufen hatte, deutlich ab. Der letzte Satz beinhaltete zudem, dass er das Gespräch nunmehr für beendet hielt, ohne die Kriminalbeamten direkt zum Gehen aufzufordern. Wonach ihm zumute war, zeigte der unwillkürliche Blick auf eine der Ginflaschen, die erst zur Hälfte geleert war.
   Die Handlungsweise ihres Zeugen war ein deutliches Signal für die Kommissarin, dass eine Fortführung der Befragung nichts Neues erbringen würde, und ein Seitenblick zu Matthias bewies ihr, dass er zur gleichen Schlussfolgerung gekommen war. Also verabschiedeten sie sich von Georg Sommer, der ihren Gruß nur geistesabwesend erwiderte, während er seinen anderen Arm nach der halb vollen Flasche mit seiner ganz speziellen Medizin ausstreckte.
   Eigentlich hatte er nichts anderes verdient, dachte Ariane. Die damalige Sorge um das Wohl seiner Tochter, die er ihnen vorgespielt hatte, nahm sie ihm nicht ab. Dem erfolgreichen Rechtsanwalt Georg Sommer war es darum gegangen, dass Lena genau den Weg nimmt, den er für sie vorgesehen hatte, und wenn sie davon abweichen wollte, war ihm jedes Mittel recht gewesen, sie wieder in die richtige Spurrille zu zwängen. Als Lena alt genug war, dies zu begreifen und sich dagegen zu wehren, wurde der Konflikt unausweichlich. Genauso unausweichlich wie Georg Sommers Griff zur Flasche, solange er die Vergangenheit nur aus der Perspektive seiner eigenen Unfehlbarkeit und seines Selbstmitleids betrachten konnte.

6

Theodor beschäftigte sich ebenfalls mit dem von Georg Sommer so abgrundtief verachteten Kevin Stich – allerdings auf eine sehr wohlmeinende und persönliche Art und Weise, denn er stattete seinem alten Freund Kevin gerade einen Besuch ab. Sie hatten sich vor langer Zeit während des Mathematikstudiums an der Technischen Universität Berlin kennengelernt, und die gemeinsam verbrachten Studienjahre hatten sie damals eng zusammengeschweißt. Ihre Wege trennten sich, als Kevin nach dem Diplom in Wirtschaftsmathematik seine kometenhafte Karriere bei der GMK Versicherung begann, während Theodor die Hochschullaufbahn einschlug und nach zwei Auslandssemestern in den USA an der Uni Rostock promovierte und habilitierte. Doch dann wurde ihm die Professur an der TU Berlin angeboten, und er war ohne zu zögern Anfang dieses Jahres in seine Heimatstadt zurückgekehrt. In einer E-Mail hatte er seinem alten Freund Kevin die Umzugspläne voller Freude mitgeteilt, und dieser hatte ihm dann umgehend die wundervolle Wohnung am Theodor-Heuss-Platz vermittelt.
   Seitdem trafen sie sich regelmäßig, und schon nach wenigen Wochen war die alte Nähe und Vertrautheit wiederhergestellt, als hätte es die fünfzehnjährige Unterbrechung ihrer Freundschaft nie gegeben. Dies war schon recht erstaunlich, denn abgesehen von der zusammen verlebten Studienzeit und dem gleichen Alter – im kommenden Jahr würden sie die Schwelle zur Vierzig überschreiten – gab es praktisch keine Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Theodor ging voll und ganz in seinen wissenschaftlichen Ambitionen auf und war an Statussymbolen ebenso wenig interessiert wie an einer fortwährenden Steigerung seines durchaus zufriedenstellenden Einkommens.
   Kevin Stich hingegen war aus ganz anderem Holz geschnitzt: Er war ständig auf der Jagd nach üppig sprudelnden Finanzquellen und nach einflussreichen Bekanntschaften, die für sein privates und berufliches Fortkommen förderlich sein könnten. Dabei hatte er sich als sehr geschickter Jäger erwiesen, denn nach einem rasanten Aufstieg in die Führungsebene der GMK hatte er die Sprossen der Karriereleiter bis zur Leitung des Risikomanagements dieser Versicherungsgesellschaft erklommen, und er besserte sein fürstliches Gehalt zudem durch zusätzliche Honorare als Mitglied verschiedener Aufsichtsräte und als Berater einiger Start-up-Unternehmen auf. In den Kreisen, in denen er sich bewegte, waren dann auch gewisse Statussymbole selbstverständlich, und wahrscheinlich würde sich Kevin inzwischen nackt und wie ein Aussätziger fühlen, wenn er auf seinen Porsche, seine Segeljacht oder sein Domizil im Berliner Nobelbezirk Grunewald verzichten müsste.
   Dieses Haus in Grunewald hatte Theodor soeben mit aller Deutlichkeit an die Unterschiede zwischen ihnen erinnert, denn er selbst hätte keinesfalls einen Architekten damit beauftragt, einen derartig modernen zweistöckigen Kasten zu entwerfen, der nur aus Glasflächen und ein paar Quadratzentimetern weißer Wand besteht. Aber Kevin hatte gegen diesen Mangel an Sichtschutz offenbar nichts einzuwenden und fühlte sich nicht gestört, wenn alle Vorübergehenden die Geschehnisse im Erdgeschoss neugierig verfolgen konnten. Vielleicht war er sogar erpicht darauf, der ganzen Welt voller Stolz das kärgliche, aber hypermoderne und ausschließlich in Weiß gehaltene Mobiliar seines minimalistisch-avantgardistischen Innenarchitekten präsentieren zu können. Das ästhetische Empfinden eines eher konventionellen und genügsamen Hochschullehrers konnte mit einer derartigen Raumgestaltung herzlich wenig anfangen, zumal sich Theodor in der Villa des Ehepaars Stich stets so vorkam, als würde er in der supereleganten Version eines Aquariums sitzen.
   Bereits bei seiner Ankunft wurde ihm vor Augen geführt, dass die beiden Freunde auch auf anderen Gebieten eine gänzlich andere Lebenseinstellung besaßen. Als er am von tiefdunkelblauem Glas umrahmten Eingangsportal den Klingelknopf betätigt hatte, wurde ihm die Tür von Ramona, Kevins Gattin, geöffnet. Nach ein paar herzlichen Worten der Begrüßung entschuldigte sie sich dafür, dass sie ihn heute nicht mit Speis und Trank verwöhnen könne, da sie zu einem Termin im Tennisklub aufbrechen müsse. Abgesehen von einer gewissen Verblüffung, dass Kevin seiner Frau offenbar noch nichts von dem tragischen Geschehen des Vortags erzählt hatte, löste dies in Theodor ein schmerzhaft wehmütiges Gedankenspiel aus – denn noch vor ein paar Tagen hätten Ramonas heutige Verpflichtungen für eine gewisse Erleichterung in seinem Seelenleben gesorgt. Da wäre ihm ihre Abwesenheit während seines Besuches nämlich noch sehr recht gewesen, weil ihm dies langwierige Erklärungen und Beteuerungen gegenüber seiner Freundin erspart hätte. Vor zwei Monaten hatten sie eine heftige Auseinandersetzung gehabt, in der Lena ihm wütend vorgeworfen hatte, er würde sie mit der Frau seines besten Freundes betrügen, um sie für ihre frühere Liebelei mit Kevin zu bestrafen. Natürlich waren diese Vorwürfe kompletter Unsinn gewesen, aber es hatte ein, zwei Wochen gedauert, bis er sie endlich von seiner Unschuld überzeugt hatte. Seit diesem ebenso unangenehmen wie sinnlosen Streit war er stets bemüht gewesen, ihrer Eifersucht auch nicht den kleinsten Krümel Nahrung zu geben.
   Dabei beschlich ihn in selbstkritischen Momenten ein unangenehmes Gefühl des Heuchlertums, da in ihren Unterstellungen ein winziger Kern an Wahrheit vorhanden war. Wenn ihm nämlich danach zumute gewesen wäre, hätte er den vermeintlichen Seitensprung ohne Weiteres begehen können, weil sich die moralischen Einstellungen des Ehepaars Stich von seinem eigenen Verständnis von Liebe und Partnerschaft markant unterschieden. Auch jetzt wieder spürte er die feurigen Blicke der schönen Ramona auf sich ruhen, als sie ihm mit aufreizendem Lächeln die Hand zum Abschied hinhielt. Gleich darauf wurde ihm die Stich‘sche Attitüde zu partnerschaftlichen Moralprinzipien noch auf andere Weise bestätigt, weil Ramona augenzwinkernd ergänzte, dass sie heute bitte nicht schon wieder so viele Weinflaschen wie gestern in sich reinkippen sollten, damit sie in der kommenden Nacht endlich mal wieder ein wenig mehr Aufmerksamkeit von ihrem Ehemann erhalten könne.
   Nach einem Sekundenbruchteil ratloser Verwirrung reagierte Theodor auf diese Bitte mit einem albernen Grinsen, als würde er genau wissen, wovon sie sprach. Sobald die Herrin des Glaspalastes aber das Haus verlassen hatte und Theodor auf einem seltsam geschwungenen weißen Sitzmöbel eine halbwegs bequeme Position zu finden versucht hatte, erzählte er seinem Gastgeber von der seltsamen Bemerkung seiner Gattin. Kevin blieb einen Moment lang reglos stehen, und auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, das zwischen Schuldbewusstsein und kumpelhaftem Dank lag. Dann stellte er zwei Gläser auf die ovale, strahlend weiße Platte des einem Schwan nachempfundenen weißen Couchtisches und goss vorsichtig Rotwein aus einer Karaffe in die Gläser. Dabei achtete er sorgfältig darauf, dass kein Tropfen des farbintensiven Getränks danebenging und etwa den blütenweißen Teppich mit eingestanzten Rankenmotiven beschmutzte.
   »Danke, Theo, dass du mich nicht verraten hast«, bemerkte er dabei. »Ich hatte gestern – na ja, sagen wir mal, ein höchst erquickliches abendliches Rendezvous mit einer umwerfend attraktiven Kollegin, von der Ramona besser nichts erfahren sollte. Und da habe ich ihr halt weisgemacht, dass ich gestern mit dir ein paar Weinflaschen geleert hätte.«
   Theodor nickte nur, denn dies war nicht das erste Mal, dass ihn sein Freund als Alibi gegenüber seiner Frau benutzt hatte. Gleichzeitig spürte er, wie sich sein eigenes Partnerschaftsempfinden intuitiv gegen derartige Verhaltensweisen empörte, und er war sich völlig sicher, niemals eine gleichartige Gegenleistung einfordern zu wollen. Im Moment allerdings war die gutmütige Unterstützung der unkontrollierbaren Libido seines Freundes sein geringstes Problem, denn die Sorgen, die ihn gegenwärtig plagten, waren von ungleich größerem Kaliber.
   »So was Ähnliches habe ich mir bereits gedacht«, kommentierte er deshalb nur etwas säuerlich. »Aber egal, es gibt Wichtigeres, und ich habe dir vorhin am Telefon bereits erzählt, warum ich dich treffen wollte. Nach dem, was gestern passiert ist, brauche ich jetzt einen guten Freund, mit dem ich alles bequatschen kann.«
   Der eben noch so sonnig lebensfrohe Ausdruck im Gesicht seines ehemaligen Studienkollegen schlug schlagartig zu tiefer, mitfühlender Trauer um. »Es ist gut, dass du hergekommen bist, Theo. Und es ist …, es ist … einfach unvorstellbar! Grauenvoll! Eine unfassbare Katastrophe! Die liebe, süße, wunderschöne Lena – tot, erdrosselt! Wer könnte so etwas tun? Welches widerwärtige Schwein ist für diese Schandtat verantwortlich?«
   »Genau das sind die Fragen, die ich mir selbst unaufhörlich stelle. Dazu kommt noch die grässliche Befürchtung, dass ich womöglich schuld an ihrem Tod bin. Oder doch zumindest mitschuldig bin. Mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit hätte ich nämlich Lenas Ermordung verhindern können, wenn ich nicht so stur gewesen wäre.«
   Dann erzählte Theodor seinem Freund von dem heftigen Streit mit Lena, als er es abgelehnt hatte, die Nacht mit ihr zusammen zu verbringen. Und von der unvermeidlichen Schlussfolgerung, dass Lena vermutlich noch leben würde, wenn er sie nicht allein gelassen hätte.
   Kevin blickte ihn eine Weile ernst. »Also – du hast ohne jeglichen Zweifel keine Schuld an ihrem Tod, denn du wusstest ja nicht, was passieren würde, oder? Schuld hat allein der Mörder und niemand sonst. Aber es gibt etwas, was ich nicht verstehe. Warum wolltest du plötzlich mehr Distanz zu Lena haben? Wenn ich an euch Turteltäubchen zurückdenke, dann schien ein Wunsch nach Distanz das Allerletzte zu sein, was in euren Köpfen herumspukte.«
   »Schon wahr«, stimmte Theodor zu und wollte gerade zu einer näheren Erklärung ansetzen, als sein Handy einen melodiösen Klingelton von sich gab, der einen eingehenden Anruf anzeigte. Als er den Namen ‚Beatrice‘ im Display erkannte, gab er seinem Freund die kurze Erklärung »Entschuldige – das ist Lenas Vermieterin und Mitbewohnerin«, bevor er über das grüne Symbol wischte, um den Anruf anzunehmen.
   Sogleich drang ihm eine kreischende Stimme ins Ohr. »Bist du das, Theodor? Bist du zu Hause, du widerwärtiges Ekelpaket, dass ich dir dein Gesicht zerkratzen kann?«
   Ganz automatisch entgegnete er »Nein, ich bin bei einem Freund«, bevor ihm klar wurde, dass die Frage wohl eher rhetorischer Natur gewesen war. Viel mehr konnte er auch nicht von sich geben, denn die Stimme aus seinem Handy war noch nicht fertig.
   »Du warst das doch, nicht wahr? Du hast die liebe Lena umgebracht, stimmt’s? Oder willst du etwa behaupten, dass du sie gestern Mittag nicht in meiner Wohnung aufgesucht hast, um dich zu rächen? Nein, natürlich hast du das, selbst wenn du dir irgendwelche Zeugen gekauft hast, mit denen du angeblich zusammen warst! Alle meine Sinne sagen mir, dass du der Mörder bist, und niemand sonst!«
   »Beatrice – hör auf!«, versuchte Theodor, die Mitbewohnerin seiner Freundin zu bremsen. »Ich hab es überhaupt nicht nötig, mir ein Alibi zurechtzubasteln, denn ich würde Lena doch niemals umbringen! Und wofür, bitte schön, hätte ich mich denn rächen sollen? Dafür gibt es doch überhaupt keinen Grund!«
   »Natürlich hattest du einen Grund!«, fuhr Beatrice Legrand mit unverminderter Heftigkeit fort. »Lena wollte dich loswerden, sie wollte dich abschieben, und diese Demütigung konnte dein männliches Ego nicht verkraften. Deshalb hast du sie getötet, du Hurensohn!«
   Damit färbte sich der obere Teil des Displays rot und zeigte an, dass die Anruferin aufgelegt hatte. Theodor blieb regungslos sitzen und bemühte sich schwerfällig, die wüsten Anschuldigungen zu verkraften und seine Fassung zurückzugewinnen. Erklärungen brauchte er seinem Freund nicht zu geben, denn Beatrice war so laut gewesen, dass man vermutlich selbst draußen auf der Straße noch alles verstanden hatte.
   »Scheint so, als wäre diese Frau nicht gerade der größte Fan von dir«, ergriff Kevin nach einem langen Moment des Schweigens das Wort.
   Theodor rang sich ein unnatürlich klingendes Lachen ab. »Da hast du wohl recht. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie sie dazu kommt, mich für den Mörder zu halten.«
   »Bist du ihr denn mal heftig auf die Zehen getreten?«
   »Wie? Ich denke nicht. Ich kann mich erinnern, dass ich eine ihrer Äußerungen zur Überlegenheit der Frauen einmal als den Standpunkt einer »verknöcherten Lesbe des letzten Jahrhunderts« bezeichnet habe, was ihr kaum gefallen haben dürfte. Aber das ist doch noch lange kein Grund, mich für einen Mörder zu halten!«
   »Ist sie’s denn?«
   »Was?«
   »Lesbisch.«
   »Ach so – ich habe keine Ahnung. Vermutlich eher nicht, denn sie zieht öfter mal mit mit einem Mann um die Häuser, wie Lena mir erzählt hat.«
   »Stimmt das denn wenigstens, was sie von deiner Freundin behauptet hat?«, fragte Kevin nach kurzem Zögern. »Wollte Lena dich tatsächlich verlassen?«
   »Aber nein – keineswegs. Davon war nie die Rede, und ich weiß nicht, wie Beatrice darauf kommt. Das Gegenteil war der Fall. Das wollte ich dir ja vorhin, vor diesem hässlichen Anruf, erklären: Ich war es, der etwas mehr Distanz wollte, weil ich mir nicht mehr sicher war, ob die Beziehung zu Lena eine Zukunft hat oder nicht.«
   »Hm, schon seltsam«, kommentierte Kevin nachdenklich. »Diese Beatrice behauptet, Lena habe sich von dir trennen wollen, und tatsächlich war es umgekehrt, wie du sagst. Warum wolltest du sie denn vom Acker jagen?«
   »Ich wollte sie überhaupt nicht vom Acker jagen!«, protestierte Theodor heftig. »Ich wusste ganz einfach nicht, wie es weitergehen sollte! Sie hat mir vor ein paar Tagen erklärt, dass sie gern bei mir einziehen wolle, und das hat irgendwie alles verändert. Seitdem drehte sich in mir, wie ein unermüdliches Perpetuum Mobile, ein Gedankenkreisel, der keine Entscheidung treffen konnte, ob ich sie tatsächlich noch immer liebe und an eine gemeinsame Zukunft mit ihr glaube oder nicht. Alles war so völlig anders als damals, als ich Lena kennenlernte. Da war ich bis zur Besinnungslosigkeit fasziniert von dieser unbeschreiblich schönen Frau, von ihrer unbekümmerten Spritzigkeit, ihrer charmanten Hilflosigkeit, ihren spontanen Einfällen. Doch wo ich jetzt über die letzten Wochen nachgrübelte, fiel mir plötzlich auf, dass ich zuletzt auch einige Male ziemlich genervt war von ihren plötzlichen und unvorhersehbaren Planänderungen, von ihrer Unpünktlichkeit – von ihrer ganzen unsortierten Persönlichkeit. Und als ich mir vorstellte, wie sie meine Wohnung in ein unsägliches Chaos verwandeln würde, tauchte plötzlich ein riesengroßes Fragezeichen in meinem Geist auf. Ich weiß, wie fürchterlich und eigentlich auch ungerecht ihr gegenüber dies alles klingt, denn sie war immer dieselbe geblieben und hat sich mir gegenüber stets einwandfrei verhalten. Aber seitdem sie das Zusammenziehen ins Spiel gebracht hat, machten sich in meinem Gefühlsuniversum modifizierte Empfindungen breit, die ich auch jetzt noch immer nicht richtig deuten und interpretieren kann.«
   Er hielt verblüfft inne, als sein Gegenüber auf einmal amüsiert und auch irgendwie erleichtert auflachte.
   »Das ist mein Theo«, kam gleich darauf die Erklärung. »Unerklärbare modifizierte Empfindungen in seinem Gefühlsuniversum! Der große Mathematiker kann das zugrunde liegende Theorem nicht entschlüsseln und ist total verzweifelt! Dabei ist doch alles so einfach! Allerdings darfst du deine emotionalen Reaktionen nicht nur auf einen maskulinen Ärger über möglichen Kontrollverlust und auf absehbare Verletzungen deines – entschuldige! – Symmetriewahns beschränken. Denn dass du als stolzer Grizzly den Gedanken nicht erträgst, deine etwas schludrige Gefährtin könne dein von A bis Z sorgfältig durchstrukturiertes Zuhause komplett in Unordnung bringen, das ist nur die halbe Wahrheit! Du kennst zwar die tiefsten Mysterien der Stochastik und Wahrscheinlichkeitsberechnung, aber dich selbst kennst du scheinbar überhaupt nicht! Um es dir mal ganz deutlich zu sagen: Du bist eine Janusfigur, ein Mensch mit zwei sehr unterschiedlichen Gesichtern. Da ist zum einen der kühle Mathematiker, der alles in seinem Leben völlig systematisch, in sich logisch und am besten sogar noch symmetrisch angeordnet haben will und der gleichzeitig der festen Überzeugung ist, dass niemand außer ihm selbst die Welt völlig korrekt beurteilen kann. Aber Mr. Mathematikgenie ist in Wirklichkeit nur die eine Seite der Medaille, und auf der anderen Seite haust ein wildes, völlig unlogisches Raubtier, das auf der ständigen Suche nach aufregenden neuen Erfahrungen und Erkenntnissen erlebnisdurstig durchs Leben tigert!«
   Diese kühne Analyse sorgte für eine derartige Verblüffung bei Theodor, dass er nur ein ungläubiges »Wie kommst du denn darauf?« ausstoßen konnte.
   »Na, zum Beispiel durch deinen letzten Urlaub«, kam die prompte Antwort. »Du hast mir erzählt, dass du da an einer Safari zu den Felsenmalereien der Höhlen von Kolo in Tansania teilgenommen hast, und dies passt nun überhaupt nicht zum nach Sauberkeit und Behaglichkeit strebenden Mathematikprofessor, der seine gesamte Begeisterung seinem Rechner und seinen Gleichungen widmen will. Mit Lena war das ähnlich. Sie war für dich etwas völlig Neues und anfangs schier Unbegreifliches. Das komplette Gegenteil zu deinen vorherigen Partnerinnen. Diese spannende, unbekannte Frau wolltest du unbedingt kennenlernen, analysieren und – vom männlichen Jagdinstinkt gepackt – auch besitzen! Mit der Zeit aber verflog der Reiz des Unerforschten ebenso wie der Jagdtrieb, und da blieb dann eine Lena übrig, die vom innerlich auf Ordnung und Symmetrie fixierten Professor Theodor Thaler kilometerweit entfernt war.«
   Ein längeres Schweigen folgte diesen Beobachtungen eines Versicherungsfachmanns, der im Laufe seines Lebens ein gehöriges Maß an Menschenkenntnis erworben hatte. Die beiden Männer nippten nachdenklich an ihren Weingläsern, bevor Theodor schließlich wieder das Wort ergriff.
   »Das klingt schrecklich überzeugend, was du da sagst. Obwohl ich in Wirklichkeit wohl doch ein wenig flexibler bin, als du es darstellst. Aber lassen wir es mal so stehen. Wenn dies nun also meine Beweggründe waren, wie sah es denn bei Lena aus? Warum hat sie meine Nähe gesucht?«
   »Weil sie hoffte, bei dir genau das zu finden, was sie selbst nicht hatte«, entgegnete Kevin Stich bestimmt. »Lena hat immer jemanden gesucht, der sie an die Hand nimmt, um sie aus ihrer inneren Unordnung und Unsicherheit herauszuziehen. Sie in eine Art von geordnetem Leben zu führen, das ihr behagt und mit dem sie gut zurechtkommen kann.«
   »Dafür war ich dann wohl nicht der richtige Partner«, bemerkte Theodor resigniert. »Du damals aber auch nicht, denn du warst ja vor mir mit ihr zusammen.«
   »Plädiere auf schuldig«, gab Kevin unumwunden zu. »Obwohl das schon über zehn Jahre her ist, und sie damals gerade mal siebzehn war. Aber es stimmt schon, ich konnte ihr definitiv nicht das geben, was sie brauchte.«
   »Warum habt ihr euch damals eigentlich getrennt? Darüber hast du mir nie etwas erzählt.«
   »Werde ich auch jetzt nicht tun«, entgegnete der heutige Leiter des Risikomanagements der GMK Versicherung mit einer abfälligen Handbewegung. »Man könnte sagen, dass mich Lenas Vater davon überzeugt hat, dass ich Lenas Zukunft nur im Wege stehen würde – das muss als Begründung reichen.«
   »Klingt nach einer spannenden Geschichte, wenn du keine Details preisgeben willst«, bemerkte Theodor, wobei er seinen Gesprächspartner neugierig musterte. Doch dann beschloss er, das Thema zu wechseln. »Aber da du Lena noch viel länger kanntest als ich – hast du irgendeine Idee, wer sie ermordet haben könnte? Denn das ist natürlich die Kernfrage, die rastlos in meinem Hirn rumgeistert und mein augenblickliches Leben so attraktiv macht wie Dantes Inferno. Wer hat sie dermaßen gehasst oder fühlte sich derart bedroht, dass er sie umbringen musste? Was für ein Mensch kann das gewesen sein? Wen kannte Lena in ihrem Bekanntenkreis, in ihrem Umfeld in Siemensstadt, bei ihren Studienkollegen in der Schauspielschule, der zu einem Mord fähig wäre?«
   Sein Freund schüttelte bedauernd den Kopf. »Tut mit leid, Theo, da kann ich keine große Hilfe sein, denn von Lenas heutigem Leben weiß ich herzlich wenig, und aus der Zeit unserer damaligen Beziehung fällt mir erst recht kein Verdächtiger ein. Aber ich werde nachher Ramona von dem Mord erzählen, wenn sie wieder zu Hause ist. Vielleicht haben die beiden Frauen irgendwelche vertraulichen Gespräche geführt, die dir weiterhelfen können. Aber bitte hör auf mit deinen Selbstvorwürfen, Theo. Ansonsten wäre ich an Lenas Tod nämlich genauso schuld wie du. Schließlich war ich es, der Lena Anfang des Jahres spontan zu meiner Geburtstagsparty eingeladen hatte, als ich ihr zufällig wiederbegegnet war. Und es war genau diese Party, auf der es zwischen euch auf Anhieb gefunkt hat und ihr stundenlang nur noch im Klammerblues herumtorkeln konntet. Ohne meine Einladung an sie hättest du Lena niemals kennenlernt, und deshalb bin ich zwangsläufig an ihrem Tod genauso schuldig, wie man es dir vorwerfen könnte.«
   »Ich danke dir für deine Bemühungen, Kevin, aber so leicht lässt sich mein Versagen bei Lena nicht schönreden. Wenn du dich dadurch besser fühlst, kann ich dir immerhin versichern, dass ich heute Nachmittag noch nicht von einem Wolkenkratzer runterspringen werde, denn da muss ich an der Uni noch einiges erledigen. Und das ist nicht nur notwendig, sondern gleichzeitig auch eine vorzügliche Ablenkung von nervenzerfetzenden Selbstanalysen.«
   Diese Worte klangen lässig dahingeworfen und vermittelten gleichzeitig im typisch maskulinen Slang, dass Theodor seinem Freund für die unüberhörbar guten Absichten durchaus dankbar war. Dabei war es ihm völlig klar, dass die quälenden Selbstvorwürfe durch die einfach gestrickte Logik von Kevins Argumenten nicht verdrängt werden konnten. Nein – innere Ausgeglichenheit und Gelassenheit würden ihm erst wieder vergönnt sein, wenn er genau wusste, wer seine Freundin getötet hatte und wie es zu ihrer Ermordung gekommen war.

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