Die Leiterin der Adoptionsbehörde wurde brutal erschlagen. Jemand muss sie ungeheuer gehasst haben. Ihr Ex-Ehemann? Ihr Liebhaber, mit dem sie krumme Dinger drehte? Gescheiterte Adoptions-Kandidaten? Schlecht vermittelte Adoptierte? Kommissarin Patrizia Hölderlin kommt bei den Ermittlungen an ihre Grenzen – vor allem, weil sie selbst adoptiert ist ...

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ISBN: 978-9925-33-094-2

Seiten: 302

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Dorothea Seckler

Dorothea Seckler
Dorothea Seckler, gebürtig aus Schwaben, ausgebildete Zeitungsjournalistin; Rechtsanwältin, Mediatorin, Autorin, dreifache Adoptivmutter. Lebt mit ihrem Mann, den Mädels und zwei sturen älteren Dackeln in der Schweiz und in Frankreich. Wenn sie - selten - Zeit hat, ist sie im Garten zu finden, auf dem Fahrrad, in den Bergen, beim Ausprobieren neuer Rezepte oder beim Klavier- oder  Harfespielen. Mit ihrer Heldin Patrizia Hölderlin hat sie angeblich „einiges“ gemeinsam.  

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Kapitel 1

»Lasst sie gehen«, murmelte Patrizia in den Telefonhörer, »die hat doch nichts damit zu tun.« Sie fluchte. Dienstfrei, das erste Mal seit zehn Tagen. Sie wollte endlich einmal ausschlafen. Aber Wimmer hatte nichts Besseres zu tun, als sie aus dem Bett zu reißen. Weil er nicht wusste, was er tun sollte mit einer aufgelösten, arabisch schreienden Putzfrau. »Mann, Hugo, du bist jetzt seit drei Jahren bei der Mordkommission«, schnauzte Patrizia und hätte am liebsten sofort die Austaste des Diensttelefons gedrückt. Aber dann hörte sie Wimmers »Ja-aber-die-war-doch-am-Tatort«, und Patrizia wusste: Ohne ihren sofortigen Entscheid würde die arme Putzfrau noch heute Abend im Kreisjugendamt oder auf dem Revier sitzen und verhört werden. »Sind Schmidt und Templer vor Ort?«
   »Ja, ja. Haben alle Spuren gesichert, wie immer.«
   »Wann hat die Putzfrau die Leiche gefunden?«
   »Vor einer guten Stunde.«
   »Erste Vermutung zur Tatzeit?«
   »Ja.«
   »Also?« Patrizia war genervt. Wenn Wimmer etwas wusste – meist ohnehin etwas, das andere herausgefunden hatten – dann spielte er sich gern auf mit seinem Herrschaftswissen. Wie auch jetzt. »Also, wann war es?«
   »Vor mindestens zwei Tagen. Vielleicht auch drei.«
   »Aha. Und wann ist die Dame üblicherweise da zum Putzen?«
   »Weiß ich nicht«, kam es patzig aus dem Hörer.
   »Dann fragst du sie jetzt sofort.«
   »Die kann doch kein Deutsch.«
   »Weißt du das denn? Ruf mich erst wieder an, wenn du das geklärt hast. Tschüss.« Sie drückte das Gespräch weg, wählte aber sofort wieder Wimmers Nummer. »Hugo?«
   »Ja.«
   »Fotos machen.«
   »Ja.« Diesmal war es Wimmer, der auf Aus drückte.
   Zwei Minuten später klingelte es erneut.
   »Immer am Montag«, erklärte Wimmer grußlos.
   »Was?«
   »Die Putze.«
   »Das heißt Reinmachefrau oder Reinigungskraft. Oder allenfalls Putzfrau. Aha. Sie kann also doch Deutsch?«
   Wimmer sagte nichts.
   »Und sie kommt nur am Montag, und sonst nicht?«
   »Keine Ahnung.«
   »Dann frag sie. Und notier auch ihre Personalien und wie lange sie schon dort putzt und woher sie kommt. Ruf erst dann wieder an.«
   Weitere zehn Minuten später wussten Patrizia und Wimmer, dass Achamma B. aus Damaskus stammte, sich seit vier Monaten in Deutschland aufhielt und immer am Montag früh im Kreisjugendamt sauber machte.
   »Also. Was hast du sonst noch für Verdachtsmomente, außer, dass die Frau am Tatort war?«
   »Keinen«, knurrte Wimmer.
   »Sie soll dir ihre Telefonnummer geben, und dann lass sie raus. Die verliert sonst am Ende ihren Job«, gab Patrizia Order.
   Wimmer murmelte etwas, das wie »Sozialgefasel« klang, sagte aber weiter nichts.
   »Okay. Den Rest kriegst du wohl allein hin. Und jetzt lass mich bitte schlafen, ich habe heute dienstfrei, wie du vielleicht weißt«, blaffte Patrizia ihren Mitarbeiter an. »Nur eines noch: Die Tote, wer war das gleich noch? Irgendeine Abteilungsleiterin?«
   »Ja.« Wieder das Wimmer’sche »Hey Chefin, ich bin schlauer als du«-Spielchen.
   »Also?«
   »Adoptionen.«
   Na klasse. Jetzt war der geruhsame Vormittag endgültig gelaufen. Pflegedienste, Bewährungshilfe, Hilfe für schwangere Teenies, Suchtprävention, Migration, Integration, Sorgentelefon – das wäre alles gegangen. Aber bitte nicht Adoptionen. Nicht das. Nicht dieses Thema, das so wichtig in den Medien erschien und so wenig bedeutend in der Praxis war. Ein absolutes Minderheitenthema. Betraf jedes Jahr ein paar hundert, höchstens tausend Leute deutschlandweit, pro Landkreis vielleicht ein paar Dutzend. Im Fernsehen aber, da wurde permanent darüber berichtet. Erst gestern war wieder so eine Rührstory auf RTL 2 gelaufen, über die sich Patrizia eine halbe Stunde lang aufgeregt hatte, bevor sie endlich – nach zwei Bieren und mit schwerem Kopf – den Fernseher hatte ausschalten können.
   Das Thema regte sie auf, es nervte sie, es störte sie, sie fand es blöd, lästig, überflüssig, sie wollte damit nichts zu tun haben, aber sie konnte nicht davon lassen. Sie war selbst adoptiert. Ihre leibliche Mutter – offenbar eine sehr, sehr junge, ledige Frau – hatte Patrizia nicht gekannt. Nach allem, was sie wusste, war ihre die Mutter kurz nach der Niederkunft gestorben. Nach Zwischenstationen bei entfernten Verwandten war Klein-Patrizia vor fast einem halben Jahrhundert zu einer kinderlosen schwäbisch-biederen Pflegefamilie gekommen, die sie zwei Jahre später adoptiert hatten. Es war nicht sehr gut gegangen: Große, nie überbrückte Fremdheit zwischen Eltern und Tochter, viel Streit und schließlich die Einschulung in einem Klosterinternat. Patrizia war das seinerzeit nur recht gewesen.
   Nach dem Abitur hatte sie ein Jurastudium begonnen, das sie sich durch Jobben finanzierte. Sie hatte es nach vier Semestern abgebrochen und an die Hochschule für Polizei gewechselt. Der Kontakt zur Adoptivfamilie war in dieser Zeit immer spärlicher geworden – warum, wusste sie selbst nicht genau. Nach zwei, drei Jahren blieben Glückwunschkarten zu Weihnachten und zum Geburtstag aus; auf die wenigen Anrufe der Eltern hatte sie nie geantwortet.
   Dass ihr Adoptivvater vor fünf Jahren gestorben war, hatte sie von früheren Nachbarn und dann vom Nachlassgericht erfahren. Ihren Pflichtteilsanspruch hatte sie dankend abgelehnt. Zur Beerdigung war sie nicht eingeladen gewesen. Wie es der Adoptivmutter danach ergangen war, wusste Patrizia nicht.
   »Hallo?«, hörte sie eine Stimme aus dem Hörer. Wimmer. Den hatte sie beinahe vergessen.
   »Hallo, bist du noch dran?«
   »Ja«, schnauzte Patrizia, »und jetzt mach endlich deine Arbeit. Tschüss.« Sie warf das Telefon auf den Fernsehsessel neben ihrem Bett.
   So wenig sie für ihre Adoptivfamilie empfand, und so wenig sie von ihr wissen wollte, so wenig interessierte sie sich für ihre biologischen Wurzeln. Der leibliche Vater? Nie gesucht, nie vermisst. Halbgeschwister, möglicherweise? Keine Ahnung. Patrizias Begriff von Familie war ihr Sohn Nicolà, zweiundzwanzig Jahre alt, Elektroniker, im vergangenen Jahr ausgezogen. Nicolà nervte zwar, aber ihm fühlte sie sich nahe.
   Familie, dazu gehörte noch, halbwegs jedenfalls, Fabrizio, ihr sizilianischer Exehemann, Nicolàs Vater, mit dem sie gelegentlich telefonierte – er war längst wieder verheiratet und hatte noch einmal drei Töchter bekommen –, und als Familie betrachtete sie noch das eine oder andere Mitglied aus Fabrizios schier unüberschaubarem Clan. Schließlich gab es noch Gregor, ihre unerfüllte, nie ausgelebte Studienliebe – aber das war ein anderes, nicht minder kompliziertes Thema.
   Sie seufzte laut auf. Letzter Versuch, Ruhe zu finden. Eine Minute später warf sie die Decke zur Seite. Lauter Protest von Hundul. Der Rauhaardackel hatte vor ihrem Bett gelegen, so wie meist, und er war mit Patrizias Manöver überhaupt nicht einverstanden. Während sich der Vierbeiner schnaufend aus den Federn arbeitete, kam in Patrizia die Wut hoch. Sie warf ihre Pantoffeln gegen die Wand, erst den einen, dann den anderen.
   »Hey, Alte, ganz ruhig.«
   Alte. Eben. Genau hier lag das Problem. Alte. Älter werden. Mit jedem Lebensjahr kam die Frage nach dem Woher drängender. Wissen, wer man war. Woher man kam. Warum man so war, wie man war. Vielleicht kam daher diese Wut, weil Patrizia, ganz tief drinnen und meist erfolgreich verdrängt, das vermisste und entbehrte, was die meisten Leute haben, obwohl sie liebend gern darauf verzichten würden: All das, was Familie ausmacht, dieses lebenslange Verhängtsein mit Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat.
   Während sich die einen in ihrem familiären Wurzelgeflecht verheddern und darüber fluchen, täten die anderen, die Wurzellosen wie Patrizia, im Grunde genommen nichts lieber als das. Auch wenn sie es nicht zugaben. Auch wenn sie offiziell froh waren über ihre Freiheit.
   »Alles ein Brei.«

Kapitel 2

Der Dienstagmorgen begann schlecht. Sehr schlecht. Den ganzen Montag über hatte Wimmer Patrizia telefonisch belästigt, so lange und so nervig, dass sie irgendwann ins Präsidium gekommen war. Dort hatte Wimmer sie weiter bedrängt, mit endlosen Fragen – als ob sie wüsste oder wenigstens wissen müsste, wer Frau Brigitte Jauernig, die Leiterin der Adoptionsbehörde, umgebracht hatte.
   »Bist du sicher, dass es jemand anders war?«, hatte Patrizia ihren Kollegen gleich heute Morgen bei der ersten Begegnung gefragt, einfach, um ihn zu provozieren.
   »Wie? Soll sie sich selbst erschlagen? Oder was?«, fragte der Kollege zurück und blickte noch dümmlicher drein als sonst.
   Sie hatte Wimmer einfach stehen lassen, um sich in der Kantine eine Fanta zu holen.
   Wimmer war ihr hinterher geschossen und hatte sie bei der Schulter gepackt. »Du, du, du … – wenn du meinst, du kannst mich auf den Arm nehmen, dann, dann …«
   »Dann was?«, hatte Patrizia zurückgefragt, äußerlich ruhig, aber doch erstaunt über Wimmers Ausbruch.
   »Dann, dann – hau ich dir eine rein! Dann mach ich dich fertig! Dann sag ich dem Heberer, dass du dich weigerst, einem jüngeren Kollegen zu helfen, und dass du bloß niemals von irgendjemand die Vorgesetzte werden darfst!«
   Treffer. Volltreffer. Patrizia laborierte seit Jahren herum, um endlich von der Kriminalpolizei-Oberkommissarin zur Kriminalhauptkommissarin befördert zu werden. Ihr Zimmerkollege Pfeifle, ebenso dienstalt wie sie und sicher auch nicht fähiger, stand drei Besoldungsstufen über ihr als Erster Kriminalhauptkommissar. Patrizia fragte sich täglich, was der dicke Pfeifle haben mochte, das sie nicht hatte. In ihr schoss Wut hoch. Wieder. Sehr rasch und sehr jäh.
   Mit großer Energie war sie herumgewirbelt und hatte sich aus Wimmers Schultergriff befreit. »Und du? Jetzt bist du seit Jahren hier, und noch immer brauchst du Tante Patti, sonst kriegst du gar nichts hin«, hörte sie sich höhnen.
   Wimmer hatte sie angestarrt und sich abrupt weggedreht. »Das hat Folgen«, hatte er gezischt und war verschwunden.
   Ihre Schulter hatte unter Wimmers Griff ziemlich gelitten, und heute, am Dienstag, tat sie immer noch weh. Weh tat es auch, an die Auseinandersetzung mit Wimmer zu denken. Eigentlich kamen sie recht gut aus miteinander, und eigentlich waren die Hierarchieverhältnisse auch klar zwischen ihnen. Aber am gestrigen Montag hatten sie wohl beide einen Aussetzer gehabt.
   Einfach zu den Akten legen ließ sich der Zwischenfall nicht: Wimmer war nachtragend, rachsüchtig, und vor allem: Er hatte beste Kontakte zu Heberer, ihrem gemeinsamen Vorgesetzten – ganz im Gegensatz zu Patrizia. Wimmer und Heberer waren begeisterte Sportschützen. Sie absolvierten über das obligatorische Training hinaus Zusatzstunden und waren sogar gemeinsam zu Fortbildungsseminaren gereist. Wimmer konnte vermutlich bei seinem Waffenbruder dafür sorgen, dass es bei Patrizia nicht weiterging mit der Karriere, oder jedenfalls sehr viel langsamer als erhofft.
   Sie rieb sich die schmerzende Schulter und seufzte. Es half nichts, sie würde sich bei Wimmer entschuldigen müssen, obwohl sie die Ältere war, im Dienst wie im Leben, um des lieben Friedens willen, und vor allem, weil sie unbedingt vermeiden wollte, dass Wimmer beim Chef petzen ging.
   Patrizia schlich die große Freitreppe des Präsidiums nach oben. Sich möglichst klein, möglichst unsichtbar machen, schnell im Büro verschwinden, damit nicht gleich der Chef kam und sie zu sich zitierte. Ein Absatz, noch einer, ein dritter … Patrizia sah schon die Tür zu ihrem Dienstzimmer. Fast geschafft … und …
   »Ah! Da bist du ja!« Von oben grinste Wimmer durchs Treppenhaus herunter. Er kam wohl gerade aus dem fünften Stock. Von seinem Waffenbruder. »Und? Gut geschlafen?«
   Entweder trug er ihr die gestrige Szene nicht nach, oder er war enorm scheinheilig. Patrizia grummelte etwas vor sich hin, grinste auf Stockzähnen.
   Aber Wimmer war noch nicht fertig. »Du sollst mal zum Chef hochkommen. Ich auch, übrigens. Gleich.«
   »Meine Jacke darf ich wohl noch ausziehen?« Patrizia spürte, wie schon wieder Wut in ihr aufstieg. Sie dachte an jenen Wimmer, der vor drei Jahren ins Präsidium gekommen war, ein junger Absolvent der Polizeihochschule, noch grün hinter den Ohren, freundlich, bescheiden, bereit, zu lernen. Das hatte sich geändert.
   »Kommst du endlich?«, schallte es von oben.
   Wieder diese Herrenmenschenattitüde, und dann hatte er auch noch die Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt. Wimmer trug im Dienst Dreiteiler, Tag für Tag. Auch eine Art, den Aufstieg vorzubereiten – wahrscheinlich mit höheren Erfolgsaussichten als Patrizia mit ihren speckigen Jeans.
   Ruhig bleiben, sagte sich Patrizia. Ruhig bleiben, alles im Universum hat seinen Sinn. Sie atmete tief durch und machte sich auf den Weg zum Chef. Gleich würde sich Wolfgang Heberer umdrehen von seiner Warteposition am Fenster, er würde »Ah, endlich« sagen und ihr einen unattraktiven Fall übertragen, nicht ohne auf ihren Beförderungswunsch hinzuweisen.
   Eine Minute später drehte sich Heberer – auch er im Anzug, wenn auch im Zweireiher – vom Fenster um. »Ah, endlich.« Er deutete mit knapper Geste auf die beiden Besucherstühle vor seinem Schreibtisch. »Frau Jauernig. Die Amtsleiterin«, kam es im Telegrammstil. »Kollege Wimmer hat Sie darüber informiert.«
   »Ja, sicher.«
   »Eine dicke Nummer«, dozierte Heberer weiter. »Politisch heikel. Besondere Vorsicht geboten. Muss ich Ihnen nicht sagen.« Der Chef lachte kurz auf.
   In Patrizias Kopf explodierte etwas. Heikel? Was? Heberer konnte eigentlich nicht wissen, dass Patrizia adoptiert war. In der Personalakte stand dazu nichts, sie hatte dieses biografische Detail niemandem im Präsidium erzählt, mit Ausnahme eines Kollegen, dem sie absolut vertraute. Ihr Vorgesetzter hatte genaue Erkundigungen einholen müssen. Privatdetektiv? Stasi? Doch nicht im Westen. Und außerdem, das war doch alles Geschichte.
   Sie schüttelte sich kurz. Bloß nichts anmerken lassen. »Ja, sicher«, murmelte sie.
   »Eben. Der Fall Huber«, kam nun von Heberer, und Patrizia musste sich mit einem Hustenanfall tarnen, um ihre Erleichterung zu verbergen. Huber. Der Schreinermeister und Lokalpolitiker, der vor fünf Jahren mitsamt seiner Scheune verbrannt war.
   »Geht klar«, legte sie nach.
   »Gut«, nickte Heberer und wirkte zufrieden.
   Die störrische Patrizia schien doch zumindest ein Mindestmaß an sozialer Verträglichkeit zu haben. Team spirit war Heberer ganz wichtig; ohne den ging gar nichts.
   »Sie werden eng mit dem Kollegen Wimmer zusammenarbeiten. Vermute, Sie werden einiges an Ermittlungen vor sich haben; es gibt wohl etliche Tatverdächtige.«
   Patrizia verkniff sich die Frage, wer den lead des Falls übernehmen solle – allein diese Frage zu stellen hieß, eine Schwäche zuzugeben.
   Selbstbewusst sein. Sie erinnerte sich an einschlägige Tipps aus Frauenzeitschriften, straffte die Schultern, richtete sich gerade auf und blickte Heberer in die Augen. »Ja, wegen der Raumpflegerin hatte mich Kollege Wimmer gestern schon kontaktiert. Ich habe ihn gebeten, möglichst viele und aussagekräftige Fotos zu machen.«
   Heberer, ein groß gewachsener Mann mit lichtem Haar und eindeutigem Bauchansatz, blickte sie wohlwollend an. Raumpflegerin. Er stand auf Political Correctness. Und »Kollege« als Bezeichnung für einen Untergebenen – sehr schön.
   Wimmer blickte mühsam beherrscht zu Patrizia – dieser Schulterschluss mit Heberer behagte ihm nicht. Er zog ein dickes Kuvert aus seiner inneren Anzugtasche und schob es Heberer über den Schreibtisch. »Hier. Die Tote. Von vorn, von hinten, von oben, von unten. Ist aber nichts für schwache Nerven.«
   In der Tat.
   Auf den Fotos – teils schwarz-weiß, teils in Farbe – war eine Frau am Schreibtisch zu sehen, an einem Tisch, der überhäuft war mit Aktenordnern, Papierstapeln, Plastikverpackungen und Krimskrams sämtlichen Ursprungs. Zu viel, um alles gleich zu erfassen. Der Körper der Frau am Schreibtisch war nach vorn geneigt, die Arme hingen schlaff an den Seiten hinab. Mehrere Bilder zeigten den Kopf, das Gesicht. Besser: das, was davon übrig geblieben war. Der Kopf – oder dessen Überreste – lagen auf einer Tischplatte in einer Blutlache, in die sich eine gallertartige gräulich-rosarote Masse mischte. Die Schädeldecke aufgebrochen, halb geöffnet und verschoben.
   »Hier, Gehirnmasse«, sagte Wimmer überflüssigerweise.
   »Schädelbasisbruch?«, fragte Heberer.
   »SHT ad mortem, Dura Mater zerrissen, Plaques jaunes post mortem«, dozierte Wimmer.
   Dieser Angeber. Warum konnte er nicht einfach sagen, dass Brigitte Jauernig an einem Schädel-Hirn-Trauma verstorben war, dass ihre äußere Hirnhaut zerrissen war und dass bei der Autopsie jene gelblichen Läsionen gefunden worden waren, die auf ein sehr schweres Trauma hindeuteten.
   Patrizia betrachtete die Bilder genau. Die Tote schien blond gewesen zu sein – von Natur aus oder durch Nachhilfe. Ein silbernes, jetzt blutverklebtes Spängchen hielt neckisch ein paar Stirnfransen zurück. Frau Jauernigs Haarschmuck war offenbar stabiler gewesen als ihr Schädel.
   »Tatzeitpunkt?«, hörte Patrizia Heberers Stimme, dann folgte wieder ein Redeschwall Wimmers. Sie vernahm noch »Vermutlich am letzten Freitag, später Nachmittag«, dann schaltete sie ab – all das würde sie später ohnehin in der Akte nachlesen können. Sie interessierte etwas ganz anderes, nämlich das Gesicht der Toten, das trotz des Gemetzels erstaunlich gut zu erkennen war.
   Patrizia war der festen Überzeugung, dass der Gesichtsausdruck eines unnatürlich Gestorbenen einen Hinweis auf den Täter geben konnte. Erschreckt, verstört, gelähmt vor Entsetzen, ungläubig, fassungslos, total überrascht – all das hatte sie schon auf Gesichtern gesehen, und auch diesmal las sie etwas heraus. Sie hatte das sichere Empfinden, dass Brigitte Jauernig ihren oder ihre Mörder gekannt hatte. Darauf deutete der Rest eines Lächelns hin. Konnte sein, dass der Besuch sie etwas verlegen gemacht hatte. Das Lächeln wirkt leicht schief, vielleicht nicht allein wegen der Schädelfraktur. Patrizia vermutete, dass die Leiterin der Adoptionsstelle überrascht gewesen war von diesem Besuch kurz vor dem Wochenende. Aber ihre Erkenntnisse behielt sie lieber für sich. Die Kollegen buchten so etwas unter Esoterik ab, unter weiblicher Küchenpsychologie, Gefühlsduselei.
   Sie zoomte ihre Aufmerksamkeit zurück auf Heberer und Wimmer, die beim Thema »Tatwaffe« angelangt waren.
   »Stumpfer Gegenstand, mit Wucht geführt«, mutmaßte Wimmer gerade.
   »Und was?«, wollte Heberer wissen.
   Wimmer deutete auf eines der Fotos. Der Kopf der Toten lehnte halb auf einem dicken Aktenordner; der Ordner war blutverschmiert.
   »Sichergestellt?«
   »Klar, Chef.«
   Toll, hier ging es zu wie im Fernsehen.
   »Aber«, mäkelte dieser, »mit so einem Ordner kriegen Sie doch keinen tot.«
   »Stimmt, Chef, seh ich genauso«, dienerte Wimmer.
   »Es waren doch sicher mehrere Täter, oder?«, schaltete sich Patrizia ein.
   Jetzt betrachtete Heberer sie interessiert. Wimmer dampfte.
   »Mehrere?«, fragte Heberer. »Das müssen Sie mir genauer erklären.«
   »Gern.« Patrizia lächelte. Schmidt und Dr. Templer hatten die Tote am Samstag untersucht. Schon am Montagmorgen – an ihrem dienstfreien Tag – hatte Patrizia den vorläufigen Autopsiebericht der Spurensicherung erhalten, exklusiv vorab. Natürlich hatte sie Wimmer hiervon nichts gesagt. »Dr. Templer und Schmidt vermuten, dass mindestens zwei Täter beteiligt waren. Darauf deuten unterschiedliche Fußspuren hin. Und offenbar kamen die tödlichen Schläge nicht durch den Aktenordner, sondern durch eine Schlagwaffe«, dozierte Frau Hoffentlich-demnächst-nicht-mehr-Oberkommissarin. »Dr. Templer glaubt übrigens, dass einer der Täter Linkshänder war.«
   »Glauben heißt nicht wissen«, grummelte Wimmer, nun zunehmend auf verlorenem Posten.
   »Stimmt, Hugo.« Patrizia lächelte ihn an. »Aber du weißt ja, auf die Berichte unserer Spurensicherung ist Verlass. Denk doch mal an den Fall Shenebaze. Oder eben an unseren Freund Kuno Huber.«
   Wimmer grunzte.
   »Ja, ja, ja, ganz richtig«, kam jetzt von el chefe, »und was denken Sie, Frau Hölderlin, was könnte ein Tatmotiv sein?«
   Bingo. Wolfgang Heberer war an Patrizias Meinung interessiert. Das passierte nur in Jahren mit einem 30. Februar. Go for it, munterte Patrizia sich selbst auf und gab die Clevere, die Scharfsinnige, die Erfahrene. »Na ja«, begann sie und schob langsam drei Fotos der Getöteten übereinander, »ein Raubmord war es nicht. Handtasche – nein, sogar zwei Handtaschen –, Portemonnaie, Schlüssel, Mobiltelefon, alles da. Es scheint auch sonst nichts zu fehlen, jedenfalls prima facie.«
   »Wieso denn zwei Handtaschen, was soll das denn?«, moserte Wimmer.
   »Für das zweite Paar Schuhe zum Wechseln, lieber Hugo«, säuselte Patrizia, »für die bequemen und für die schicken Büro-Pumps.«
   »So was brauchst du ja wohl kaum«, schnappte Wimmer.
   »Jetzt lasst mal eure Spielchen. Frau Hölderlin, bitte.«
   Patrizia nickte kurz und entwickelte ihren Gedankengang weiter. »Wir wissen, dass es mehrere Täter waren. Arbeitshypothese: Zwei. Vielleicht auch drei. Die Tatwaffe wurde offenbar mit großer Wucht geführt – wir sehen ein ziemliches Gemetzel. Mag sein, dass die Täter gleich mehrfach zugeschlagen haben. Vielleicht waren sie extrem wütend, oder es war ihnen wichtig, dass Frau Jauernig wirklich tot war. Oder beides.«
   »Alles Spekula…«, begann Wimmer wieder, wurde aber gleich vom Chef gebremst.
   Patrizia war jetzt in Fahrt. »Wie gesagt, es deutet nichts auf einen Raubmord hin. Dass Frau Jauernig zufällig getötet wurde, zum Beispiel von einem Einbrecher, der in Panik geraten ist, können wir wohl auch ausschließen.«
   »Wieso?«, grätschte Wimmer dazwischen.
   Patrizia musterte ihren Kollegen. »Was könnte man denn in dieser Behörde stehlen? Und wieso wäre der Täter …«
   »… die Täter«, startete Wimmer einen erneuten Versuch, wieder ins Spiel zu kommen.
   »Ja. Danke. Die Täter. Wieso wären sie an einem Freitagnachmittag gekommen?«
   »Na ja, vielleicht haben die Täter gedacht, auf einer Behörde arbeiten sie am Freitagnachmittag sowieso nicht«, versuchte es Wimmer.
   »Ein Chef wohl schon«, gab Patrizia zurück und erntete wieder beifälliges Nicken von Heberer.
   »Leute.« Heberer klatschte in die Hände und stand auf – ein sicheres Zeichen, dass die Audienz beendet war. »Ich sehe, Frau Hölderlin, der Fall ist bei Ihnen in guten Händen. Und Kollege Wimmer, Sie unterstützen Frau Hölderlin nach besten Kräften.«
   Wimmer knirschte, sagt aber nichts.
   »Eins noch – Geheimhaltungsstufe eins. Keine Gespräche, weder in der Kantine noch zu Hause. Rapport alle drei Tage. Codename … warten Sie …«
   »Handtasche«, sagte Wimmer schnell, und Heberer musste lachen.
   Patrizia auch. »Sehr gut.« Den einen Punkt mochte sie ihm gern gönnen.

Kapitel 3

Kaum draußen verkrümelte sich Wimmer. »Muss zum Schießtraining«, nuschelte er und spurtete die Treppe nach unten, immer zwei Stufen auf einmal.
   Na ja, nach dem Flop müsste ich mich auch abreagieren, dachte Patrizia gut gelaunt. Zeit für einen kleinen Plausch mit Markus Pfeifle, ihrem Zimmerkollegen.
   Früher hatten Pfeifle und Patrizia einander nicht ausstehen können. Pfeifle wirkte behäbig, ganz der typische Provinzschwabe, aber hinter dem lethargischen Äußeren verbargen sich ein scharfsinniger Verstand, ein anständiger Charakter und erstaunliches Einfühlungsvermögen. Meistens jedenfalls.
   Seit dem Fall »Huber« standen sie sogar in einer Art familiärer Beziehung: Pfeifle, nicht nur behäbig, sondern auch übergewichtig, laborierte seit Langem mit den Bandscheiben. Deshalb waren die täglichen Spaziergänge mit seinem Rauhaardackel Hundul immer kürzer geworden, bis schließlich überhaupt nichts mehr gegangen war.
   Patrizia hatte das Elend und Pfeifles Angst, den geliebten Dackel weggeben zu müssen, live miterlebt und sich schließlich angeboten, Hundul bei sich aufzunehmen, so lange jedenfalls, bis Pfeifle wieder mobiler würde. Seitdem waren ihr beide, Pfeifle und Hundul, treu ergeben.
   Dackel Hundul war so etwas wie das Maskottchen des Präsidiums. Weil Junggeselle Pfeifle vor zwölf Jahren niemanden gehabt hatte, der tagsüber seinen Welpen betreuen konnte, hatte er ihn zur Arbeit mitgebracht, wo der kurzbeinige Hund rasch zum Liebling der Massen geworden war – bei Mitarbeitern genauso wie bei Hilfesuchenden und Tatverdächtigen. Hundul brachte hart gesottene Kriminelle zum Reden, er hatte sich als begabter Kindersitter erwiesen. Nicht wenige Verdächtige brachten ihre ganze Familie mit. Vor allem hatte er für ein klar besseres Betriebsklima gesorgt, nicht nur in Pfeifles und Patrizias Büro, sondern weit darüber hinaus.
   Trotzdem hatte Heberer eines Tages verfügt, der Hund müsse weg. Es könne ja sein, dass irgendwann mal irgendjemand aus dem Innenministerium käme. Zur Inspektion. Es war natürlich nie einer aus Stuttgart in der Stettbronner Provinz aufgekreuzt. Aber es hatte monatelanger Proteste bedurft, inklusive Unterschriftensammlung, Intervention der Polizeigewerkschaft und schließlich dem Weinanfall eines kleinen Mädchens, dass Heberer sich endlich hatte breitschlagen lassen, Hundul im Präsidium zu dulden.
   Dort hockte der Rauhaardackel nun wieder zufrieden unter den Schreibtischen von Patrizia und Pfeifle, ratzte vor sich hin, mopste ab und zu von Pfeifles Vesperbroten und war immer für ein Kunststück zu haben, vorausgesetzt, es fiel am Schluss ein Stück Wurst für ihn ab. Oder Käse, am liebsten Emmentaler, in nicht zu kleinen Würfeln.
   »Morga!«, begrüßte Markus Pfeifle Patrizia wie jeden Arbeitstag.
   Früher hatte sie dieser Gruß furchtbar genervt, genau wie Pfeifles akkurat aufgeräumter Schreibtisch – ein krasser Widerspruch zu den archäologischen Schichtungen in ihrem Revier –, seine Vorliebe für Leberwurst und Leberkäse und schließlich seine unerbittliche Frage nach dem Alibi eines Tatverdächtigen – eine Frage, die Patrizia regelmäßig vergaß. Inzwischen hatte sie sich an die Pfeifleschen Macken gewöhnt. Sie war sogar froh, mit einem so gleichmütigen und zuverlässig schrulligen Kollegen das Zimmer zu teilen.
   »Du warscht scho doba, gell«, stellte Pfeifle mit einem Blick auf ihr Gesicht fest, deutete hoch in Richtung Chefetage.
   Patrizia nickte »Stimmt. Morgen erst mal. War aber nicht so schlecht wie üblich.«
   Pfeifle grinste. »Aha. Neuer Fall?«
   »Ja. Stufe eins.«
   »Du sagsch mir aber wenigschdens da Codenamen?«
   »Handtasche.«
   Markus Pfeifle prustete los. »Aha, a Frau.«
   Patrizia nickte.
   »Dann isch des wohl die Adoptionstante.«
   So viel zum Thema »Äußerste Diskretion« und zu Heberers raffinierter Geheimhaltungspolitik. Patrizia schaute ihren Kollegen fragend an.
   »Du musch halt Zeitung läsa«. Pfeifle hielt ihr das Lokalblatt hin, mit einem Riesenaufmacher.
   »Tod einer Topbeamtin« stand dort zu lesen, darunter ein vierspaltiges Farbfoto vom Jugendamt, vor dem mehrere Polizeiautos parkten, umringt von Passanten. Ins Bild war ein Passfoto eingescannt, das Brigitte Jauernig in eindeutig jüngeren Lebensjahren zeigte.
   Bei den Bildunterschriften hatte die Redaktion so richtig aus dem Vollen geschöpft. »Sie musste sterben: Brigitte J. (50), die Leiterin der Adoptionsbehörde«, stand unter dem Bild der Toten, und weiter: »Tatort des grausamen Geschehens: das örtliche Jugendamt«. Der Text selbst gab nicht viel her. Brigitte J. sei eines »unnatürlichen Todes« gestorben, von »brutaler Gewalt des Täters« war die Rede; davon, dass »die Polizei völlig im Dunklen« tappe, und dass weder ein »Beziehungsdelikt« noch ein »Racheakt« ausgeschlossen werden könnten.
   Immerhin, ein bemerkenswertes Detail hatte »A. S.«, so das Kürzel des Autors, der Autorin, ausgegraben: Im hiesigen Landkreis wurden deutlich mehr Adoptionsanträge abgelehnt als sonst im ganzen übrigen Bundesland. Fast doppelt so viele wie im Landesschnitt. Die Leiterin der Adoptionsvermittlungsstelle habe den Ruf gehabt, »besonders streng« zu sein.
   Wo »A. S.« diese Informationen herhatte, ergab sich nicht aus dem Artikel. Und selbst wenn Patrizia sich an das Heimatblatt wenden würde – sie würde nichts erfahren. Quellenschutz. Nun ja, die Ablehnungsquoten ließen sich anhand der offiziellen Statistiken ermitteln. Das Wesen der Chefin durch Befragung der Mitarbeiter. Und die Fallakten – besonders die dicken, erfolglosen Anträge –standen sicher noch im Büro der Toten.
   »Das ist doch was für Hugo Wimmer «, murmelte Patrizia und machte sich eine Notiz in ihrem karierten Heft, das sie stets mitführte. Auf ihrem Schreibtisch lag inzwischen der endgültige Autopsiebericht. Etwas dünner als üblich – mehrere Kollegen waren in den Ferien, seit gestern auch Schmidt, das Alter Ego von Dr. Templer, der ausnahmsweise gemeinsam mit einem »P. Müller« zeichnete, der Patrizia unbekannt war. Eigentlich war Ende November keine klassische Urlaubszeit, aber sämtliche Singles, dinks, frisch Getrennten und Beziehungspausenmacher schienen ausgeflogen sein.
   Und gute Schwaben waren praktisch alle im Präsidium, sie ließen sich die besten Schnäppchen für Fernost- und Südamerikareisen nicht entgehen.
   Warum mache ich eigentlich keine Ferien?, fragte sich Patrizia genervt und blätterte durch das Dutzend eng beschriebener Seiten, von denen Wimmers Polizeibilder gut die Hälfte ausmachten. Sie las den Bericht einmal quer – es stand wenig drin, was sie nicht schon gewusst hätte.
   Immerhin, der Tatzeitpunkt bestätigte sich. Gestorben war Brigitte Jauernig am vergangenen Freitag zwischen 16 und 18 Uhr. Zur Tötung war vermerkt, im klassischen Templer’schen Duktus: »Einsatz schwerer, stumpfer Gegenstände, mit großem Krafteinsatz geführt; außerdem Wahrscheinlichkeit von Handkantenschlägen im Halsbereich (Nachweis einer Anschwellung des Großhirns; schlagtypische Hämatome).« Weiter analysierte Dr. Templer: »Die unterschiedliche Wucht und der verschiedene Winkelansatz der Schläge lässt auf mehrere Täter schließen, möglicherweise zwei oder drei (vgl. schon oben, Ziffer II.2.)«.
   Unter besagter Ziffer II.2. hatte Dr. Templer verwiesen auf »unterschiedliche, wenn auch nur in Teilen rekonstruierbare Fußspuren, die von halbfestem Schuhwerk herrühren dürften, möglicherweise von sogenannten Sneakers.« Dr. Templer, gebürtig aus der ehemaligen K. u. K.-Monarchie, würde im Leben kein derartiges modernes Teufelszeug an seine Füße lassen. Er trug handgenähte Schuhe, gefertigt von einem Maßschuhschneider im 1. Wiener Bezirk; ein Paar schwarz, etwas höher, ein Paar halbhoch – zwei Paar Schuhe, die er abwechselnd trug und ihm vollkommen genügten.
   Und noch etwas Interessantes. »Die spurensichernden Beamten konnten auf dem Teppichboden, der rund um den Schreibtisch des Opfers verläuft, zweier Schuhabdrücke in Größe 39/40 habhaft werden, die auf das Gewicht des Schuhträgers schließen lassen: Das Gewicht dürfte im Bereich zwischen mindestens 60 und maximal 75 kg anzusiedeln sein.«
   Gewicht Täter zwei?, kritzelte Patrizia in ihr kariertes Heft, und: nachfragen bei Dr. T.
   Eine weitere Trouvaille, diesmal zur Tatwaffe. Hierzu meldete Dr. Templer »Eindruckstellen« an den Kanten und auf dem Rücken des Aktenordners, der blutverschmiert neben der Toten gelegen hatte. Die Eindrücke ließen »vermuten, dass dieser Ordner zum Vollzug der Tat zweckentfremdet wurde.«
   Empörung sprach aus diesen Worten. Bratpfannen, Schürhaken, Hämmer, Eisenstangen, Baseballschläger, Mingvasen, gefrorene Schweinshaxen – das alles mochte ja angehen als Tatwaffe – aber ein Aktenordner? Das ging gar nicht, jedenfalls nicht für Dr. Templer. Ein Aktenordner war ein Sakrileg. Jetzt wurde der Autopsiebericht noch einmal sehr interessant. Die tödliche Tatwaffe stand fest – der Kopf eines Golfschlägers.
   Der Schläger hatte laut Bericht auf dem Boden links neben dem Schreibtisch gelegen – von dem hatte Hugo Wimmer nichts gesagt. Dr. Templer meldete hierzu: »Schläger vom Typ Mashie Iron/Eisen 4, Damenschläger, deutlich abgenutzt, DNA–Spuren des Opfers am Schaft und am Griff des Schlägers; Aufprallwinkel des Schlägerkopfes lässt Führung durch linke Hand vermuten«.
   Patrizia unterstrich den letzten Satz – die Hinweise auf einen linkshändigen Täter verdichteten sich. Dann las sie weiter. »… zahlreiche Blutspuren des Opfers am Schlägerkopf und am Schaft. DNA-Spuren ausschließlich vom Opfer, was mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf dessen Eigentum am Golfschläger schließen lässt.«
   »Stell dir vor, die hat Golf gespielt, und offenbar nicht wenig«, sagte Patrizia und schob ihrem Kollegen den Bericht hin.
   Pfeifle wusste ohnehin, um wen es ging, dann konnte er ruhig auch den Bericht kennen.
   »A weng Hai-Sosaietie.« Pfeifle kaute auf seiner Leberwurststulle.
   »Ja, sie wollte offenbar dazugehören, die Frau Jauernig, ein bisschen High Society, Glanz in die Hütte oder so«, übersetzte und bestätigte Patrizia. »Passt zwar nicht so ganz zum üblichen Beamtenimage, aber …«
   »Ha, warom net, des send doch Großkopfete, die wo adoptieret …«
   »Du meinst, Free Green Fee gegen Adoptionserlaubnis?«, fragte Patrizia leicht amüsiert, aber auch nachdenklich.
   Vollkommen abwegig war der Gedanke nicht. Adoptionen liefen nicht immer legal und ethisch ab, die Übergänge zum Menschenhandel waren fließend. Ihr fiel ein Bericht von UNICEF ein, den sie vor Kurzem gelesen hatte. Da hatte eine Mutter aus Guatemala von Menschenhändlern dreißig Dollar für den Verkauf ihres Babys bekommen. Und dieses Baby war an Adoptionskandidaten in den USA vermittelt worden. Rund 20.000 Dollar hatte das Paar an eine Adoptionsagentur bezahlt; ob es von dem Menschenhandel gewusst hatte, sagte der Bericht nicht. Laut UNICEF wurde jedes Jahr eine vierstellige Zahl von Kindern Opfer solcher Transaktionen – trotz aller internationaler Kinderschutzabkommen.
   Pfeifle hatte sich über den Schreibtisch gebeugt und sich nochmals den Bericht geangelt.
   »Pass bloß auf mit deiner Stulle«, warnte Patrizia.
   Pfeifle, leicht beleidigt, winkte ab. »Bin eh fertig.« Er kniff die Augen zusammen, eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn. Dann klatschte er kurz in beide Hände, faltete sie und hielt die Fingerspitzen an seine Stirn. Das war das untrügliche Zeichen: Pfeifle dachte nach.
   Eine Minute lang saß er so da, oder noch länger. »Des waret Profis.«
   »Wieso?«
   »Koine Fengerabdrück, koi DNA-Spur. Nix. Die hend komplette Schutzanzüg g’hett, mit Kapuza, mit Handschuh und allem. Koi Haar, koi Speichel, koi Blut, nix …«
   Patrizia war wenig überzeugt. »Es gibt keine Kampfspuren. Die Jauernig saß ganz normal an ihrem Schreibtisch. Schau dir mal den Gesichtsausdruck an …« Sie blätterte zur Seite mit den Fotos. »Die wirkt doch überhaupt nicht überrascht. Kannte wohl ihren Besuch.«
   »Ja, scho, aber …«
   »Na ja. Kann ja sein, dass Madame in der High Society verkehrte, zumindest beim Golfspiel. Aber dass sie irgendwelche Profikiller näher kannte, das glaube ich einfach nicht. Und der Tatzeitpunkt passt auch nicht zu deiner These, denn …« Sie brach ab.
   Pfeifle wirkte beleidigt. Er grummelte etwas Unverständliches und schob die noch dünne Akte wieder zurück in Patrizias Hälfte des Doppelschreibtisches.
   Patrizia überlegte, ob sie etwas Besänftigendes sagen sollte, hatte aber keine Lust. Dann halt Sportsfreund Wimmer. Sie wählte seine Nummer. »Hugo? Ja? Ich glaube, wir sollten mal zum Tatort des grausamen Geschehens fahren. Wie? Ja. Stand so in der Zeitung. Nicht gelesen? Dann mach das noch kurz. Ja, in zehn Minuten bei mir. Tschüss.«

Kapitel 4

Wie so oft bei Lagebesprechungen wusste Wimmer alles – zumindest alles besser als Patrizia. Es passte ihm nicht, dass er bei ihr im Büro antreten musste, und dann noch in Gegenwart des stets kauenden Pfeifles – der sich über einen Aktenordner beugte und tat, als hörte er nichts.
   Hugo Wimmer trat mit markantem Schritt ein und wirkte, als hätte er große Lust, sich auf Patrizias Schreibtischkante zu setzen, wie es Heberer bei seinen seltenen Visiten in diesem Büro tat. Aber das wäre wohl zu dreist gewesen. Also blieb nur der Besucherstuhl.
   »Okay«, begann Patrizia, als Wimmer endlich saß, »wir brauchen eine Einvernahme aller Mitarbeiterinnen der Toten.«
   »Die Befragung seht sowieso auf meiner To-do-Liste«, schnappte Wimmer.
   »Na prima. Wie viele sind es?«
   »Vier. Alles Frauen.«
   »Aha. Und die Person oberhalb von Frau Jauernig?«
   »Ein Chef. Männlich«, kam von Wimmer. Er wirkte zufrieden. »Heißt Ludwig Vierzehn. Sozialdezernent des Landkreises.«
   »Ja, klar, der Vierzehn«, gab sich Patrizia informiert, obwohl sie bis vor einer Minute keine Ahnung gehabt hatte. Pfeifle wäre so etwas nie passiert. Der hätte sofort das Organigramm des Amtes studiert.
   »Was wissen wir sonst noch über Madame?«
   »Verheiratet. Genauer gesagt, sie war verheiratet – mit einem Lothar Jauernig, bis vor einem Jahr. Keine Kinder, jedenfalls keine eigenen. Und auch keine adoptierten, hehe.«
   Gütiger Pater Pio. Es reichte schon, dass Chef Heberer Sparwitze auf Kosten anderer machte. Und jetzt tat sein Adlatus Wimmer genau dasselbe.
   Auf Kosten anderer. Wieso eigentlich? Wimmer hatte niemanden angegriffen und er hatte niemanden beleidigt, der adoptiert war oder adoptiert hatte. Genauso wenig wie Heberer bei der morgendlichen Dienstbesprechung, als sie gleich Stasi-Ermittlungen gewittert hatte.
   Cool down, Patty.
   »Aha«, schlug sie einen sachlichen Ton an und tippte auf die Beschreibung der tödlichen Tatwaffe, des Golfschlägers, im Bericht der Spurensicherung. »Hast du ja sicher gesehen.«
   »’türlich«, kam es schnell, sehr schnell von Wimmer. Er hatte kurz gezuckt.
   »Na dann«, Patrizia nickte freundlich, »weißt du auch, ob bei Frau Jauernig zu Hause ein club fehlt, ich meine, ein Golfschläger, Eisen 4?«
   »Seit wann spielst du denn Golf?«, blaffte Wimmer.
   »Gar nicht.« Patrizia blieb unvermindert freundlich. »Ich wollte nur fragen, ob du die Tatwaffe beschlagnahmt und ob du den richterlichen Beschluss zur Hausdurchsuchung besorgt hast.«
   »Moment.« Wimmer wischte beide Handflächen an seiner Hose ab, griff ans Revers seines Jacketts und fasste in die Brusttasche. Er zog sein Mobiltelefon heraus, das soeben zu scheppern angefangen hatte. Wimmer hob das Telefon ans Ohr, lauschte und schüttelte den Kopf. »Doch nichts. Komisch. Sorry – was sagtest du eben?«
   »Hausdurchsuchung. Richterlicher Beschluss. Wer kümmert sich drum?«
   »Ach, ich dachte, du machst das?«, gab Wimmer zurück und tat erstaunt.
   Frech wie Oskar, tobte es in Patrizia, aber sie blieb äußerlich ruhig. »Du hattest am Montag Dienst, lieber Hugo, nicht ich. Und dieser Antrag auf Durchsuchung der Wohnung des Opfers gehört zu den allerersten Amtshandlungen, nicht wahr?« Sie lächelte und gab sich großzügig. »Also, wenn das noch nicht passiert ist, dann aber hopp und jetzt.«
   Wimmer sah sie an. Böse. Wütend. Ertappt. Sicher mit Mordgedanken. Patrizia war es egal. Wenn sie diesem Enterich die eine oder andere Feder rupfen konnte, sollte es ihr nur recht sein. Sie wedelte fröhlich mit der Hand durch die Luft, um Hugo Wimmer zu bedeuten, dass es an die Arbeit ging. Er blies die Backen auf und verschwand grußlos aus dem Büro.
   »Blöder Fatzke«, schnaubte sie, als Wimmer draußen war. Ihr Lächeln hatte sie ausgeknipst, als die Tür zuklappte. »Mann, wenn ich nur daran denke. Der war ganz nett, als er damals herkam. Und jetzt so ein …«
   »Z’erscht send se älle nett«, kommentierte Pfeifle trocken und hob seine zwei Zentner ächzend aus seinem Schreibtischstuhl. »I han’ glei’ en Termin.«
   »Oh, auch Audienz beim Chef?«
   »Später. Erscht Zahnarzt.«
   »Großartig. Eins besser als das andere. Viel Glück jedenfalls.«
   Pfeifle stöhnte hörbar, bückte sich, um Hundul zu streicheln, der aus seinem Körbchen hervorspähte, richtete sich mit noch lauterem Stöhnen wieder auf und ging Richtung Tür.
   »Mantel? Nicht sehr warm draußen«, entfuhr es Patrizia.
   »Du könnd’sch mei Mudder sei.« Pfeifle grinste. »Ade.«
   Die Tür klappte noch einmal, und Patrizia war allein im Zimmer, sah man einmal von Hundul ab, der leise winselte – ein sicheres Zeichen, dass er nach draußen musste.
   »Warte.« Patrizia notierte rasch die Telefonnummer des Sozialdezernenten, dann schnappte sie die Hundeleine und beförderte den Dackel nach draußen.
   Während sich Hundul vor dem Haupteingang erleichterte, zündete Patrizia eine Zigarette an. Dann hantierte sie geübt und simultan mit Hundesäckchen, straff gezogener Leine – Hundul bellte einen Dobermann an, der natürlich just in diesem Moment vorbeiziehen musste –, anschließend mit ihrem Telefon. Als sich Hundul beruhigt hatte, tippte sie eine Nummer ein. Sie ließ sich verbinden, und einige Augenblicke später hatte sie den Sozialdezernenten persönlich am Apparat.
   »Frau Hölderlin, ich grüße Sie«, modulierte eine redegeübte Männerstimme, »was kann ich für Sie tun?«
   »Guten Tag, Herr Dezernent.«
   »Sagen Sie einfach Vierzehn. Und lassen Sie den Doktor weg, auch wenn meiner echt ist, ehrlich erworben, hehehe.«
   Noch ein Scherzkeks. Immerhin, Vierzehn gewährte ihr Audienz – bereits in einer Stunde.
   Zurück im Büro erwartete sie eine Nachricht von Wimmer.
   »Hallo Hugo.«
   »Hallo Patrizia. Danke für den Rückruf.«
   Aha. Jetzt war er ganz zahm. »Ja?«
   »Hör zu, ich hab mich durchgefragt. Als es passiert ist, war die Jauernig wohl allein im Büro. Drei Mitarbeiterinnen waren den ganzen Tag auf einer Fortbildung.«
   »Extern?«
   »Ja.«
   »Thema?«
   »Kleinkinder und gesunder Schlaf. Die können wir doch wohl von der Liste streichen, oder?«
   »Ja, aber nur, wenn du mir sagst, was diese Fortbildung mit Adoptionen zu tun hat.«
   Wimmer schnaubte durchs Telefon. »Was weiß ich? Bin doch kein Sozpäd.« Er hatte den Scherz ganz offensichtlich nicht verstanden.
   »Macht nichts. War nur ein Witz. Ruf noch mal beim Veranstalter der schlafenden Kleinkinder an, um die Präsenz zu überprüfen, und dann hak die Ladys ab. Aber im Amt haben sie doch zu viert gearbeitet, oder?«
   »Stimmt. Die vierte Mitarbeiterin war da. Allerdings nur bis Mittag. Sagt, ihr sei nicht gut gewesen, und ihrem Sohn auch nicht. Hätten den Nachmittag zu Hause verbracht.«
   »Irgendwelche Beweise?«
   »Nein. Nur, was die Dame sagt.«
   »Na ja. Bisschen wacklig. Befrag sie noch mal. Auch darüber, wie sie zu dieser Adoptionsstelle kam, was sie darüber denkt und wie die Stimmung ist, so ganz generell. Nimm auf jeden Fall dein Aufnahmegerät mit, du weißt schon, ordre de Mufti. Ich muss aufhören, bin gleich beim Vierzehn.«
   Wimmer pfiff kurz durch die Zähne, grüßte und legte auf. Na bitte. Ging doch.
   Aufnahmegerät. Waren im vergangenen Jahr Tablets Heberers vermeintliche Wunderwaffe im Kampf gegen das Verbrechen gewesen, so schwor er jetzt auf die guten alten Aufnahmegeräte, auf tragbare Audiorekorder. Auch hier war wieder gespart worden. Die Geräte waren schwer, mit schlecht gängigen Aufnahmetasten. Heimliche Aufnahmen waren komplett ausgeschlossen, die Mikrofone filterten Nebengeräusche nicht weg, sodass man glauben konnte, das Polizeipräsidium Stettbronn setzte vor allem auf Unterwasserbefragungen.
   Und Heberer beließ es nicht bei Vorgaben zur Geräteausstattung. Er ordnete auch an, wie seine Leute die Geräte einsetzen sollten: Narrative interrogation hieß das Zauberwort, Befragung durch Erzählen: Die Verdächtigen sollten einfach drauflosreden.
   Diese Technik hatte Heberer letztes Jahr von einer seiner zahlreichen Fortbildungen in den USA mitgebracht, und sie galt ihm nun als einzig wahre Verhörmethode. Spötter im Präsidium meinten, der Chef habe wohl in Kalifornien einen Sonnenstich abbekommen, oder er versuche, »L. A. Law« auf die Schwäbische Alb zu verlegen. Aber es half nichts, alle Ermittler mussten jetzt so arbeiten.
   Die Verdächtigen schwafelten, laberten, sprangen von einem Thema zum anderen, in endlosen Redundanzen, Dubletten, Abschweifungen, und nur, wenn es zu arg wurde, durften die befragenden Polizisten intervenieren. So jedenfalls wollte es die reine Lehre. In der Realität hatte kaum einer Lust, seine Arbeit dreimal zu machen. Erst beim Verhör, dann beim Abhören des Textes, und schließlich bei einer eventuellen Nachbefragung, weil wichtige Themen nicht oder nur zu kurz abgehandelt worden waren.
   Deshalb verhörte jeder so weiter, wie er es für richtig hielt: Pfeifle zum Beispiel setzte auf häufiges Unterbrechen, schnelle Interventionen und auf viele Fragen rund um sein Lieblingsthema »Alibi«. Die Kollegen Schulz und Reber, immer zu zweit, blieben bei ihren wenn auch nicht immer geglückten Kreuzverhören. Wimmer hatte – vielleicht als Einziger – die Heberer-Methode übernommen. Er wollte ja noch Karriere machen.
   Und Patrizia? Sie benötigte diese Technik nicht, denn sie arbeitete ohnehin vor allem mit Zuhören, Beobachtungen, wenigen Verständnisfragen – und mit ihrem exzellenten Gedächtnis. Sie brauchte praktisch nichts während des Verhörs zu notieren. Was sie später im Präsidium in ihr kariertes Notizbuch niederschrieb, gab praktisch immer den Verlauf und den Inhalt des Verhörs genau wieder. Deshalb störte sie das Heberer’sche Gerät nicht sonderlich. Wenn es bloß nicht so schwer und unpraktisch wäre.
   Schon viertel vor zwei. Patrizia schnappte das Technikfossil und zog los.

Kapitel 5

Laut Stadtplan und Google Maps lag die Kreisverwaltung nur wenige Minuten vom Polizeipräsidium Stettbronn entfernt. Aber Baustellen und rote Ampeln vereitelten eine schnelle Fahrt, und als Patrizia den Dienstwagen endlich auf dem Behindertenparkplatz des Landratsamtes abstellte, war es schon zehn nach zwei. Es würde schon keiner von der Polizei kommen.
   Eine Minute später stand Patrizia im Vorzimmer und wurde von Frau Moltke-Leitgruber streng ins Visier genommen. Die Dame – noch keine vierzig, aber bereits ein Vorzimmerdrachen par excellence – brachte es sogar fertig, tadelnd auf ihre Armbanduhr zu deuten.
   »Tschuldigung, hatte einen Notfall«, nuschelte Patrizia und nahm sich vor, Frau Moltke-Leitgruber bei passender Gelegenheit zu verhaften.
   Die war noch nicht fertig. »Sie wissen sicher, dass Herr Dr. Vierzehn ein sehr …«
   »Anita!«, unterbrach eine Männerstimme, »ist ja gut. Lass die Frau Kommissarin rein zu mir.«
   Dass der Drachen einen Vornamen hatte, war interessant, aber dass sich Chef und Mitarbeiterin ganz öffentlich duzten, war fast noch interessanter.
   Anita lächelte säuerlich. »Bitte. Nehmen Sie einen Kaffee?«
   »Gern, aber nur, wenn er gut ist.« Patrizia lächelte zurück und ließ die Sekretärin stehen.
   Dr. Ludwig Vierzehn sah genauso aus, wie man sich einen Mitte-links-orientierten Sozialdezernenten vorstellt: Halb Beamter, halb Lokalpolitiker, halbwegs gut aussehend, aber nicht zu sehr, halb erfolgsorientiert, halb besorgt ums Wohl der Bürger, halb elegant – italienisches Jackett, Kaschmirpullover, halb basisnah – Jeans.
   Patrizia war sicher: Dr. Vierzehn würde die narrative interrogation einfach lieben. Sie erklärte ihm kurz das Wie und Warum der neuen Verhörtechnik. Aber sie fürchtete auch, dass Herr Dr. V. diese Technik vielleicht zu sehr lieben und sie ihn schon bald würde stoppen müssen. Mal schauen.
   Es ging los. Der Sozialdezernent setzte sich an seinen sehr aufgeräumten Schreibtisch und faltete die Hände. »Ich verstehe ja, dass Sie zu mir kommen, und ich will Ihnen auch gern weiterhelfen. Frau Jauernig ist sehr, sehr tüchtig, Entschuldigung, sie war sehr tüchtig, ich muss das erst mal fassen. Sie war seit zwölf Jahren in der Kreisverwaltung, und sie hat das Kreisjugendamt sehr gut im Griff gehabt, das hat sie seit fünf Jahren geleitet. Tadellos.
   Im Jahr haben wir im Landkreis zwanzig Adoptionen, wenn es hochkommt, auch mal dreißig, und das meiste sind sowieso Adoptionen innerhalb der eigenen Familie, Stiefkindadoptionen. Meist keine große Sache, die kennen sich alle und leben lange zusammen.
   Richtige Adoptionen, also aus dem Ausland, gibt es nur wenige, höchstens fünf pro Jahr, ausnahmsweise auch mal zehn. Bewerber gibt es viel mehr. Ich habe mir sagen lassen, das können auch schon mal hundertfünfzig oder zweihundert Kandidaten pro Jahr sein.
   Offenbar gibt es da richtige Hochs und Tiefs. Jahre, wo jede Menge Leute adoptieren wollen, und andere, da ist kaum etwas los …«
   Patrizia erinnerte sich an ihren Vorsatz. Sie grätschte dazwischen. »Warum ist das so?«
   »Warum? Kann ich Ihnen nicht sagen. Es kommt doch derart viel im Fernsehen über Adoptionen, und dann die ganzen Promis. Selbst bei uns hier im Landkreis, das sind vor allem die Besserverdienenden, um diesen Begriff mal zu strapazieren.«
   »Aha.« Es war klar. Patrizia musste hier energisch dazwischengehen, sonst würde der Politiker einen endlosen Monolog starten, ohne Ertrag für die Ermittlung. Heberer und seine bescheuerte »narrative«-Technik. Sie fluchte innerlich, riss sich aber zusammen: Vierzehn war beim Thema. Immerhin.
   »Frau Jauernig ist eine recht strenge Linie gefahren, auch und gerade bei diesen Leuten, und dafür hatte sie immer meine vollste Unterstützung.«
   »Was meinen Sie mit ‚streng‘?«, fragte Patrizia.
   »Na ja. Bei all‘ diesen Projekten, die vom Üblichen abweichen und wo die Probleme schon vorprogrammiert sind: Kandidaten über vierzig, Alleinstehende, Wiederverheiratete, Adoption von älteren Kindern, von Geschwistern …«
   »Und wieso soll es da Probleme geben?«
   Der Sozialdezernent stutzte irritiert. Offenbar war er so viel Widerspruch nicht gewohnt. Er lächelte etwas säuerlich. »Moment, ich wollte das gerade … Na gut, Sie machen Ihre Arbeit. Also, bei solchen, äh, ungewöhnlichen Projekten, da findet Frau Jauernig immer …«
   »Sie meinen: Frau Jauernig fand …«
   Wieder ein verärgerter Blick. »Ja, natürlich. Fand. Jedenfalls, sie hat gefunden, dass das nicht geht. Grosses Risiko, dass es nicht klappt.«
   »Warum? Ist doch gut, wenn Leute bereit sind, ältere Kinder aufzunehmen«, hakte Patrizia nochmals nach.
   Der Sozialdezernent blickte sie an. Er seufzte kurz, stand auf und lehnte sich ans Fensterbrett. »Passen Sie auf. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Leider keine Geschichte, sondern traurige Realität. Passiert vor mehr als vier Jahren, ausgerechnet bei uns hier im Landkreis. Da war Frau Jauernig noch recht neu für die Betreuung der Adoptionsverfahren zuständig. Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, danach verstehen Sie besser, warum wir hier so eine strenge Linie fahren.«
   Patrizia nickte artig. Na dann.
   »Also. Da ist eine Dame, so um die fünfzig. Alleinstehend, gebildet, gut aussehend, arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin. Früher mal beim Fernsehen. Diese Dame hat eigentlich ein gutes und interessantes Leben, aber mit Mitte, Ende vierzig, da merkt sie, dass etwas fehlt in ihrem Leben. Na ja, auf jeden Fall, diese Dame knüpft Kontakte zu einem Kinderheim in Kolumbien. Sie lernt einen Jungen kennen, nennen wir ihn mal Pélé, der war damals acht oder neun. Nein, halt, er hieß Pedro. Sie besucht den Jungen öfter, man schreibt sich Briefe und sie schickt ihm was zu Weihnachten, drei Jahre lang. Der Junge hat offenbar überhaupt keine Verwandten, und in Kolumbien will niemand ein so großes Kind adoptieren. Also fragt der Direktor des Kindesheimes die Dame, ob sie Pedro nicht bei sich aufnehmen möchte. Das kann sie sich gut vorstellen, und sie startet hier bei uns, an ihrem Wohnsitz, ein Adoptionsverfahren. Weil sie einen soliden Beruf hat und genügend Einkommen, kommt sie auch durch mit ihrem Antrag.«
   »Wieso?«, fragte Patrizia. »Ich dachte, Sie wollen hier keine Adoptionsanträge für ältere Kinder?«
   »Frau Hölderlin. Ich sagte Ihnen doch schon, das war vor Jahren. Bevor die Linie hier streng wurde. Hören Sie einfach zu, dann verstehen Sie schon.«
   Der Sozialdezernent wirkte verschnupft. Scheint ihm wichtig zu sein, Frau Jauernig zu verteidigen, dachte Patrizia und machte sich eine gedankliche Notiz. Sie lächelte ihren Gegenüber unverbindlich an.
   Der startete erneut. »Also, weiter. Unsere Kulturdame reist einige Zeit später zum zweiten Mal nach Kolumbien. Dort trifft sie wieder Pedro, der inzwischen elf oder zwölf ist, und sie trifft den Direktor. Man geht Essen. Da vertraut die Dame dem Direktor an, dass sie eigentlich immer gern mehr als nur ein Kind gehabt hätte, und am liebsten auch noch ein Mädchen. Der Direktor sagt, er hätte da noch ein Mädchen im Heim, warten Sie, die hieß Carmen. Sie sei ungefähr so alt wie Pedro, ein knappes Jahr älter als er, und die beiden Kinder würden sich gut verstehen.
   Schon am nächsten Tag ruft die Dame bei uns hier im Amt an. Sie macht es furchtbar dringend und sagt, dass sie unbedingt eine Bewilligung für ein zweites Kind braucht. Dazu erzählt sie eine wilde Räubergeschichte, Carmen solle in ein anderes Heim verlegt werden, und das sei ganz schrecklich, und das Kind würde sich verzweifelt dagegen wehren, et cetera et cetera.
   Viel später hat sich herausgestellt, dass nichts davon gestimmt hat. Alles erstunken und erlogen, man muss das leider so deutlich sagen. Aber damals hatte die Dame eine Medienkampagne angekündigt und damit gedroht, dass sie einen riesigen Skandal macht, wenn man ihr die Bewilligung verweigert. Zwei Politiker aus dem Kreistag hat sie auch noch vor ihren Karren gespannt. Sie sehen, die Dame war sehr kampagnenfähig.«
   Vierzehn war jetzt voll in Fahrt. Patrizia hätte die eine oder andere Frage gehabt, wollte ihn aber nicht bremsen. Und sie war – wider Willen – auch gespannt, wie es weiterging. Erzählen konnte der Politiker, ohne Frage.
   »Frau Jauernig war zu dieser Zeit gerade im Urlaub. Ich war da zwar schon hier im Amt, aber ich war auch gerade nicht da. Mein Stellvertreter hatte gesundheitliche Probleme, er wollte keinen Stress, und außerdem hatte er selbst für ein politisches Amt kandidiert, da wollte er ganz bestimmt keine schlechte Presse. Verständlich. Die Dame hat ihre zweite Bewilligung also tatsächlich gekriegt, ohne neue Prüfung, und zwar nur fünf Tage später, da war sie sowieso noch in Kolumbien.«
   »Und dann?«, gab Patrizia die brave Zuhörerin.
   »Das Mädchen war knapp vierzehn, glaube ich, der Junge zwölf oder dreizehn – eigentlich schon Jugendliche. Die beiden sprachen natürlich kaum Deutsch. Und dann wurde klar: Sie hatte sich überhaupt nicht um das Thema Schule gekümmert. Zwei Wochen nach Ankunft der Kinder stand Madame dann hier im Amt auf der Matte. Eine Schule zu finden, das war nun wirklich nicht die Aufgabe von uns hier, aber Frau Jauernig und ihr Team haben wirklich viel unternommen, und am Schluss haben sie eine Ganztagsschule gefunden, so Typ Waldorfschule, die waren bereit, die Kinder probehalber ins laufende Schuljahr aufzunehmen.«
   »Hm«, machte Patrizia. Das schien wirklich nicht gut gelaufen zu sein. Aber vielleicht war das doch nur ein Einzelfall? Nachhaken, unbedingt, nahm sie sich vor, aber dann hatte Vierzehn sie schon wieder mit seinem Redeschwall eingefangen.
   »Jetzt wiederum stellte sich heraus, dass Madame nicht genügend Mittel hatte, um das Schulgeld für beide Kinder zu finanzieren. Also kam das Sozialamt ins Spiel. Da hat sich Frau Jauernig wieder sehr engagiert. Aber denken Sie, jetzt wäre Ruhe eingekehrt? Von wegen.« Vierzehn hatte wieder am Schreibtisch Platz genommen. »Zwei Wochen später rief die Dame aufgelöst bei uns an, die beiden würden sich weigern, die Schule zu besuchen. Sie selbst könne überhaupt nicht mehr zur Arbeit gehen. Sobald sie die Wohnungstür öffne, würden beide Kinder schreiend versuchen, sie festzuhalten. Was sie tun solle. Das hörte nicht mehr auf.« Er schlug auf die Schreibtischplatte. »Frau Jauernig hat Frau Windhuber losgeschickt, unsere erfahrenste Sozialarbeiterin. Über fünfundzwanzig Berufsjahre, und da hat sie schon einiges gesehen. Die Kinder schliefen auf der Couch im Wohnzimmer! Und es gab noch nicht mal einen Herd! Auf Nachfrage hat Madame gestanden, dass sie überhaupt nicht kochen kann. Das müssen Sie sich mal vorstellen!«
   Vierzehn wirkte ehrlich erschüttert. Nein, eine Idealkandidatin war das sicher nicht gewesen. Aber warum erzählte er Patrizia diese Geschichte?
   »Herr Dr. Vierzehn, wieso …?«
   »Warten Sie, Frau Hölderlin. Ich bin gleich durch. Ich muss Ihnen, glaube ich, nicht erzählen, wie es weitergegangen ist. Sie ahnen es selbst. Genau. Zwei Monate später bekam das Jugendamt einen Anruf von Madames Nachbarn. Madame sei vor ein paar Tagen in eine Klinik eingeliefert worden, mit schweren Depressionen, die beiden Kinder seien vollkommen sich selbst überlassen. Zur Schule gingen sie auch nicht mehr, und der Junge wurde beim Klauen erwischt. Wir mussten dann sehr schnell handeln. Wir haben Madames Adoptionspflege für gescheitert erklärt und suspendiert – Sie wissen ja, vor der eigentlichen Adoption gibt es ein einjähriges Pflegschaftsverhältnis – und wir haben beim Gericht beantragt, dass die Kinder sofort in eine Pflegefamilie kommen. Zur Anhörung vor Gericht ist Madame nicht erschienen. Das Mädchen, die Carmen, hat sich in der Pflegefamilie schnell eingelebt, Deutsch gelernt und schulisch Fuß gefasst.«
   Vierzehn wirkte erschöpft, Patrizia war es auch. »Und was war mit Pedro?«
   Der Sozialdezernent blickte irritiert.
   »Den Jungen meine ich. Sie sagten, er hieß Pedro.«
   »Äh, ja«, sagte er leicht gereizt. »Ich weiß das nicht mehr so genau.«
   Aber eine endlose Geschichte erzählst Du mir, und ich weiß nicht mal, warum, dachte Patrizia, sagte aber nichts.
   Dr. Vierzehn bog jetzt in die Schlussgerade ein. »Den Jungen, den mussten wir herausnehmen aus der Pflegefamilie, er hat beide Pflegeeltern angegriffen, wohl sogar mit einem Messer. Der war offenbar damals schon ein Kraftprotz. Wir haben ihn in ein Erziehungsheim einweisen lassen, in ein sehr strenges. Ist zu hoffen, dass er da endlich die Kurve kriegt. Bisher ist das wohl nicht sicher, nach dem, was mir die Damen aus der Jugendhilfe sagen.«
   »Und die Adoptivmutter?«, fragte Patrizia.
   Vierzehn lachte kurz und hart. »Die? Da mussten wir eine Zwangsvollstreckung starten, per Gerichtsvollzieher, damit sie sich wenigstens an den Kosten für die Unterbringung der Kinder beteiligt. Ich glaube, unser Rechtsamt streitet immer noch mit ihr.«
   Die Geschichte war beendet, Vierzehn schwieg; er hatte den Kopf gesenkt. »Verstehe«, nahm Patrizia den Faden wieder auf, »das ist wohl wirklich total schiefgelaufen. Und deshalb ist das Amt sehr vorsichtig geworden. Keine Experimente.«
   Vierzehn hob den Kopf wieder und blickte die Kommissarin an. Müde. Er wirkt fast dankbar, registrierte Patrizia irritiert.
   »Ja. Genau, Frau Hölderlin. Nach so einer Erfahrung wird man zurückhaltend. Frau Jauernig hat lange gebraucht, bis sie das alles verarbeitet hat. Sehr lange. Das ist ihr alles sehr nahe gegangen.«
   Vierzehn wirkte selbst angegriffen. Entweder machte ihn das Schicksal der Kinder betroffen, oder sein Mitgefühl galt der verstorbenen Amtsleiterin. Mochte sein, aber sie musste vorwärtskommen.
   »Aber«, hakte sie nochmals nach, »ist das nicht einfach ein Einzelfall? Es gibt doch sicher auch Adoptionen, wo alles prima läuft, oder?«
   »Ja, ja, ja«, sagte er unwirsch und stand auf. »Sicher. Vieles klappt ja auch. Wie gesagt, jetzt verstehen Sie, warum wir hier im Landkreis eine strenge Linie fahren. So ein Fall darf sich nicht wiederholen, unter keinen Umständen. Keine Experimente. Wie Sie schon selbst sagten.«
   Er streckte die Hand aus und wollte die Audienz beenden. Aber Patrizia hatte noch Fragen. Freundlich lächelte sie ihr Gegenüber an. »Ich bräuchte noch ein paar Auskünfte von Ihnen, wenn es recht ist.«
   Wieder der irritierte Blick von vorhin. Dann wurde die Hand zurückgezogen. Er nahm wieder hinter seinem aufgeräumten Schreibtisch Platz und knipste sein Profilächeln an. »Bitte, Frau Kommissarin.«
   »Sagen Sie, Herr Dr. Vierzehn …«
   »Vierzehn. Einfach Vierzehn.«
   »Gern. Herr Vierzehn, wie lange stehen Sie dem Sozialreferat schon vor?«
   »Seit fünf Jahren. Früher war ich für Inneres und Sicherheit zuständig.«
   »Eine ziemliche Veränderung, oder?«
   »Ja, schon.« Der Dezernent entkrampfte sich. »Oder auch nicht. Letztlich geht’s immer um die korrekte Anwendung von Gesetzen. Und um das Bürgerwohl natürlich.«
   »Natürlich. Wenn ich richtig informiert bin, war Frau Jauernig früher auch beim Referat ‚Inneres und Sicherheit‘, nicht wahr?«
   Kurzes, fast unmerkliches Zucken bei Dr. Vierzehn. »Ja, das stimmt.«
   »Und – damals haben Sie Frau Jauernig mit hierhergebracht, beim Wechsel ins neue Amt?«
   »Äh – ja. Aber nicht nur sie. Insgesamt vier Leute, mit verschiedenen Zuständigkeiten. Und Frau Moltke-Leitgruber natürlich auch.«
   Der Vorzimmerdrachen. »Natürlich. Wie gut kennen Sie, ich meine, kannten Sie Frau Jauernig?«
   Wieder das Zucken. »Gut. Ganz gut, meine ich. Also, nicht so gut.«
   »Sie meinen, persönlich nicht so gut?«
   »Nein, das heißt, doch, schon. Wir waren ja schon lange Kollegen.«
   »Und privat, hatten Sie da Kontakt?«
   »Nicht so sehr. Ich habe ja auch Familie.«
   »Ja, und Frau Jauernig war verheiratet. Das heißt, irgendwann mal geschieden, ist ja noch nicht so lange her.«
   »Ja.«
   »Und als die Scheidung lief, war sie da anders als sonst?«
   »Nein. Wie immer.«
   »Kein Blues, keine Depressionen? Da haben doch viele Leute einen Durchhänger.«
   »Nein. Nichts«, sagte Vierzehn, jetzt sehr kurz angebunden.
   Patrizia sah, dass hier nichts mehr zu machen war, jedenfalls im Augenblick. Kurzer Abschied von Vierzehn, draußen Lob für den guten Kaffee. Frau Moltke-Leitgruber bedankte sich mit einem überraschend freundlichen Lächeln.
   »Die hat sich hochgeschlafen, weiß doch jeder«, hörte Patrizia die Sekretärin noch murmeln, als sie die Tür zuzog.

Später im Präsidium spielte Patrizia ihrem Kollegen Wimmer das Vierzehn’sche Elaborat vor.
   »Was hat eigentlich diese Kolumbien-Story mit unserem Fall zu tun?«, fragte Hugo.
   »Das frage ich mich auch«, entgegnete Patrizia. »Der Vierzehn war erstaunlich gut informiert. Kannte jedes Detail, bis auf den Vornamen des Jungen. Und er hat richtig mitgelitten.«
   »Aber was …?«
   »Keine Ahnung. Also, Hugo, machen wir weiter. Ich habe den Eindruck, wir kennen noch nicht mal die Spitze des Eisbergs.«
   Hugo sah sie erschrocken an. »Meinst du wirklich?«

Kapitel 6

Klar, sie lebten auf dem Land. Das wusste Patrizia. Der Landkreis bestand, abgesehen von seiner wenig aufregenden Kreisstadt Stettbronn und dem versprengten Industrieort Mittelbronn, nur aus Dörfern. Aus Käffern, wie ihr Sohn Nicolà bisweilen verächtlich sagte. Kaum ein Ort, der mehr als tausend Einwohner zählte, viele versammelten nicht mehr als ein paar hundert oder gar ein paar Dutzend Seelen. Auch wenn hier im Landkreis nicht viele Menschen lebten, so schienen doch alle im Auto unterwegs zu sein. So auch heute. Patrizia hatte einen sehr suboptimalen Dreierpack erwischt: Postauto, Straßenmarkierungskolonne und ein zögerlicher alter Autofahrer. Überholen? Das konnte sie vergessen, bei diesen schmalen Straßen, bei diesem Gegenverkehr.
   Niedersohl, Hintersohl, Vordersohl. Kleine Orte reihten sich aneinander. Es nahm einfach kein Ende. Warum nicht auch noch Untersohl, Zwischensohl und Ohnesohl, dachte Patrizia genervt, während sie permanent vom zweiten in den dritten Gang hin und her schaltete, manchmal sogar hinunter in den ersten Gang, wenn – wie jetzt – wieder ein Empfänger von Landwirtschaftssubventionen vor ihr her tuckerte. Der Verkehr nahm deutlich zu, es ging Richtung Feierabend.
   Eine knappe halbe Stunde später erreichte sie das Ortsschild von Grünersohl. Haus Nr. 5 lag etwas abseits und war nur über einen holprigen, gut hundert Meter langen Feldweg zu erreichen. Schon bevor Patrizia etwas erkennen konnte, hörte sie Hundegebell, tief und heiser. Von ihrem Pflegedackel Hundul wusste sie, dass Tonlage und Volumen des Gebells nicht zwingend auf die Größe eines Tieres schließen ließen. Wer Hundul nur hörte, rechnete mindestens mit einem Schäferhund oder mit einer deutschen Dogge, so beeindruckend war sein Gebell. Aber hier, auf dem abgelegenen Gehöft, war sich Patrizia ganz sicher, da würde sie keinen Dackel antreffen, auch keinen Mops, auch keinen Chihuahua.
   Schon eine Minute später, als sie den Feldweg endlich passiert und den Motor ihres Autos abgestellt hatte, erkannte sie hinter dem hohen Tor mit Eisenstäben am Eingang die Silhouette eines riesigen Hundes, die sich rasch auf und ab bewegte – ein Kangal. Patrizia kam Ferdl in den Sinn, ein früherer Kurzzeitlover aus Tirol, der diesem anatolischen Kampf- und Hütehund verfallen gewesen war. Dank Ferdl wusste Patrizia, wie sie sich verhalten musste. Das momentane Bellen des Kangals bedeutete: »Eindringling in Sicht. Ich warne dich.«
   Patrizia musste vermeiden, dass das Bellen lauter und schneller wurde – sonst würde es nicht mehr lange dauern und der Hund würde sich zum Angriff bereit machen, um Herr und Herde zu beschützen.
   Auf eine solche Begegnung hatte sie keine Lust. Anstatt am Tor zu klingeln, wählte sie deshalb die Nummer des Ehepaares Bauer/Kilian und sandte einen freundlichen Gedanken an Ferdl.
   »Ja?«, kam sofort eine Männerstimme aus dem Hörer.
   »Hallo, hier ist Patrizia Hölderlin von der Kripo. Ich dachte, ich rufe lieber erst mal an.«
   »Ah, sehr gut. Ich komme.« Es klickte.
   Wenige Sekunden später ging die Haustür langsam auf. Der Kangalrüde wedelte und lief auf seinen Herrn zu. Der nahm den großen Hund an einen Lederriemen und ging auf das Tor zu. »Moment.« Der Mann hantierte umständlich am Schloss und öffnete schließlich das Tor. Es war so schwer, dass der Hausherr mit dem Ellbogen der Hand, die den Kangal führte, unterstützen musste.
   »Hallo, guten Tag«, sagte Patrizia und streckte ihre Linke aus, denn die Rechte des Mannes hielt die Leine.
   »Ja, hallo«, sagte ihr Gegenüber, ein stämmiger Mittfünfziger mit Halbglatze, zerknittertem Gesicht und sehr hellen, fast durchsichtigen Augen. »Ich sehe schon, Sie kennen sich aus mit Hunden. Haben Sie auch einen Kangal?«
   »Nein, bin zu viel unterwegs. Aber er ist ein schönes Tier – wirklich. Wie alt?«, gab Patrizia rasch zurück und hoffte, der Hund würde ihre Angst nicht spüren.
   Der merkte natürlich etwas und fing an, auf Patrizia zuzusteuern.
   »Aus! Wittko, sitz!«, kam ein scharfes Kommando, und der große Hund mit fast weißem Fell duckte sich sofort an die Seite seines Herrn.
   »Sie haben ihn gut erzogen«, fing Patrizia nochmals an, um ihre Angst zu überspielen.
   »Muss sein«, erwiderte der Hausherr und wies in Richtung des Hauses. »Warten Sie, ich bringe Wittko nach hinten. Gehen Sie schon mal rein, die Tür ist offen.« Der Mann verschwand.
   Patrizia atmete auf. Sie fragte sich insgeheim, ob der Kangal noch hierbleiben konnte, wenn in das Haus Nr. 5 dereinst ein Adoptivkind einzog. Oder gleich mehr als eins.
   Aber vorerst waren solche Überlegungen müßig, denn der Antrag des Paares Bauer/Kilian hing seit Jahren in der Adoptionsbehörde fest. Ob und wann sie ihre Bewilligung bekommen würden, stand in den Sternen. Immer wieder hatten Brigitte Jaunernig und ihre Mitarbeiterinnen neue Gutachten angefordert oder selbst geschrieben, erneut psychologische Begutachtungen verlangt und schon zweimal den Antrag abgelehnt. Jedes Mal hatte es im Ablehnungsbescheid geheißen, das Paar habe seine »psychosoziale Fähigkeit zur Aufnahme von Kindern« nicht darlegen können. Doch Ariane Bauer und Horst Kilian hatten jedes Mal Widerspruch eingelegt und erreicht, dass das Verfahren wiederaufgenommen wurde.
   Patrizia nutzte die Abwesenheit von Herrn und Hund, um sich umzusehen. Das Haus des Ehepaares war ein umgebauter Bauernhof, ehemals weiß verputzt, jetzt schmuddelig-grau, in der typischen Bauweise der Gegend: geducktes, zweistöckiges Haus, spitzes rotes Ziegeldach. Linker Hand die Stallungen; dem Geruch nach wohl ein ehemaliger Kuhstall. Halb links hinter dem Bauernhof machte Patrizia zwei große Verschläge aus – vermutlich das Revier von Hühnern und Kaninchen. Ob sie noch genutzt wurden, konnte sie auf die Schnelle nicht erkennen.
   Das Grundstück war riesig, bestimmt einen Hektar groß, und wo es endete, war nur zu ahnen. Und es wirkte romantisch, selbst jetzt noch im Spätherbst: alte Streuobstwiesen mit Bäumen, ein kleiner Teich mit einer Trauerweide, Reste von Beeten, die Wittko offenbar schon mehr als einmal umgegraben hatte. Das Gras stand kniehoch – hier war lange nicht mehr gemäht worden. Offenbar gehörte das Paar Bauer/Kilian nicht zum Kreis der Hobbygärtner.
   Horst Kilian war zurückgekehrt. »Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass Sie reingehen können«, sagte er in einem leichten Ton, aber Patrizia hörte, dass er verärgert war.
   »Ja – pardon«, entgegnete sie. »Ihr Garten ist so schön, da konnte ich mich nicht gleich losreißen.« Sie lächelte ihn an.
   Er verzog das Gesicht. »Ja, der Garten. Viel zu groß. Da kommt man überhaupt nicht durch. Das übernimmt Wittko.« Er wies mit einer weit ausholenden Armbewegung in den Garten hinaus.
   Patrizia sah gut zwanzig Meter entfernt eine Silhouette, die sich schnell vor- und zurückbewegte: ein Kangal bei Tiefbauarbeiten.
   »Tja, Blumenbeete haben da wohl kaum Chancen.«
   »Stimmt. Meine Frau wollte mal Rosen und einen Bauerngarten, aber das klappt mit ihm nicht. Wittko gräbt alles aus. Frisst sogar Blumenzwiebeln. Folgenlos für ihn, folgenschwer für den Garten.«
   Es war schon eigenartig. Einerseits drängte der Gastgeber darauf, ins Haus zu gehen, andererseits schien er es überhaupt nicht eilig zu haben.
   »Ja«, Patrizia nickte etwas lahm, »dann lassen Sie uns doch mal reingehen. Ihre Frau ist im Haus?«
   Kilian nickte knapp und wies mit einer Handbewegung den Weg.
   Er liebt Anweisungen, dachte Patrizia, der Mann scheint gern die Kontrolle zu haben.
   Nebeneinander gingen sie auf das Haus zu, schweigend. Nur zweimal rief, oder besser brüllte Horst Kilian Befehle für Wittko in den Garten. Patrizia gingen wieder ketzerische Gedanken durch den Kopf, diesmal zur Frage, ob Horst Kilian als Adoptivvater wohl auch so befehlsfreudig sein würde.
   Je weiter sie auf das Haus zugingen, desto langsamer wurde ihr Gastgeber. Auf dem obersten Treppenabsatz hielt er nochmals an. »Ach so, ich habe Ihnen noch gar nicht gesagt, wie alt Wittko ist. Zwei Jahre. Lebenserwartung: acht bis zehn Jahre. Ich hoffe, er bleibt noch eine Weile bei uns. Hat Hüftprobleme. Weiß nicht, wie sich das entwickelt.«
   Patrizia nickte und machte eine deutliche Bewegung auf die Haustür zu – nicht aber ihr Gastgeber.
   »Und Sie, haben Sie auch einen Hund?«
   »Nein«, sagte sie knapp, »ich hatte mal einen. Einen Rauhaardackel.« Hundul würde ihr verzeihen – sie wollte jetzt endlich vorwärtskommen.
   »Aha«, kam es nun auch knapp von Kilian, »ein Dackel. Nett.« Offenbar waren das für ihn keine vollwertigen Hunde.
   »Hallo, guten Tag«, hörte Patrizia eine weibliche Stimme aus dem Inneren des Hauses. Eine müde Stimme, die einer alten Frau zu gehören schien.
   Patrizia war irritiert. Was war das hier, eine ménage à trois, Horst Kilian, gemeinsam mit Gattin und Mutter? Aber nein. Die alte Stimme gehörte zu Ariane Bauer, die sich soeben vorstellte. Patrizia wusste aus den Akten, dass die Ehefrau sechs Jahre jünger war als er – gerade einmal neunundvierzig.
   Die Frau, die im Türrahmen stand, wirkte eher wie fünfundsechzig oder gar siebzig. Weiße lange Haare hingen um ihr Gesicht, von einem Schnitt waren allenfalls Reste erkennbar. Patrizia dachte unwillkürlich an Enzo, ihren Friseur, der diesen Kopf vermutlich gern umgestylt hätte. Ariane Bauer hatte ein fein geschnittenes Gesicht, in dem Erschöpfung und Enttäuschung zu lesen standen. Die dunklen Augen wirkten skeptisch, die Lippen waren so schmal und bleich, dass sie sich kaum im Gesicht abzeichneten.
   Wenn Ariane Bauer sprach, öffnete sie den Mund kaum. Von Hals bis Fuß war sie in Grautöne gehüllt. »Walleweib« hätte Patrizias modebewusster Kollege Bernd Lenz diesen Look kommentiert. Trotz der mehrfachen Lagen Stoff war zu erkennen, dass die Hausherrin überaus schlank, fast schon dürr war. Gar nicht zu ihrer Silhouette passte ein rund vorgewölbter Bauch.
   Erwartete Ariane Bauer etwa ein Kind? Mit fast fünfzig? Jetzt drückte sie auch noch die Hände gegen die Hüften und machte ein Hohlkreuz, wie das schwangere Frauen oft und gern taten, und sie seufzte.
   Ehemann Horst hatte der Szene schweigend zugeschaut.
   Seine Frau schaute Kilian nur knapp an. »Wohnzimmer?«
   »Schatz«, kam zurück, »machst du uns ’nen Tee?«
   Tee. Wahrscheinlich würde Horst Kilian gleich mit einem handgetöpferten Krug anrücken, in dem irgendeine Yogimischung aus dem Bioladen dampfte. Oder, noch schlimmer, Kamille. Im allerbesten Fall: Roiboos. Patrizia hasste Tee.
   »Kannst einen haben, wie üblich, ja«, kam es von ihm, »ich mach mir ’nen Espresso. Und für Sie?«
   »Espresso? Ja, gern«. Immerhin.
   Ariane Bauer war inzwischen ins Wohnzimmer vorausgegangen. Schwer ließ sie sich auf der Couch nieder. Die gute Stube von Bauer/Kilian war sparsam und überraschend modern eingerichtet, alles wirkte sehr sauber. Offenbar hatte Hund Wittko hier kein Zutrittsrecht. Einige Möbel sahen handgeschreinert aus, etwa ein rötlich schimmernder Couchtisch und ein niedriges Sideboard im selben Farbton.
   »Kirsche?«, versuchte sich Patrizia aufs Geratewohl.
   »Genau.«
   »Selbst gemacht?«, riet Patrizia weiter.
   »Ja«, bestätigte Ariane Bauer, »ich war mal Möbelschreinerin.«
   »Oh, ich …«
   »Hätten Sie nicht gedacht, ja?« Ariane Bauer lachte zum ersten Mal. Sofort wirkte sie etliche Jahre jünger. »Ein toller Beruf. Ich musste leider aufhören vor sechs Jahren wegen einer Holzstauballergie.« Sie hustete und zog ein Asthmaspray hervor – aus einer Ledertasche, die sie unter ihrem Überhang trug. Aha. Das war also das Geheimnis des dicken Bauches. Patrizia blickte taktvoll zur Seite, während Ariane Bauer inhalierte.
   »Kam ganz plötzlich«, fuhr sie fort. »Und ich kann auch kein Fleisch mehr essen. Wenn ich Fleisch nur sehe oder rieche, falle ich gleich in Ohnmacht. Geht alles nur noch vegetarisch. Vegan sogar. Ich ertrage nicht mal mehr den Geruch von Milch und Eiern. Fleisch, wie gesagt, ohnehin nicht. Und das, wo Horst Jäger ist. Hat sich viel verändert.« Ariane Bauer räumte ihr Spray weg und wirkte wieder so mutlos wie vorher.
   Horst Kilian kam herein, in der Hand ein Tablett mit zwei Espressotassen und – yes! – einem handgetöpferten großen Teebecher. Er stellte das Tablett auf dem Couchtisch ab.
   »Aha, und dann sind Sie Keramikerin geworden«, versuchte Patrizia es mit einem halben Scherz.
   »Nein.« Ariane Bauer schüttelte den Kopf. »Diese Tasse hat mir meine Nichte geschenkt.« Jetzt hatte sie wieder diesen jungen, freundlichen Gesichtsausdruck, der aber gleich wieder verschwand.
   »Und dann haben Sie einen neuen Beruf gelernt?«, fragte Patrizia. Sie fühlte sich hilflos.
   »Ja. Umschulung, alles bezahlt von der Berufsgenossenschaft. Ich bin jetzt Systemtechnikerin. In einer großen Anwaltskanzlei. Teilzeit. Bringe dort die Computer wieder zum Laufen.« Sie zog eine Grimasse.
   IT war offenbar keine Leidenschaft, sondern ein reiner Brotberuf.
   »Ist bloß zum Geldverdienen«, sagte Ariane Bauer, als ob sie Patrizias Gedanken gelesen hätte. »Staub hat’s da auch genug, auch jede Menge Holzköpfe. Und die Bezahlung ist deutlich besser.« Sie lachte kurz und spöttisch. »Aber wir haben den Hof hier vor ein paar Jahren gekauft, damals hatte ich noch geplant, mir eine Schreinerei einzurichten. Außerdem, Horst verdient auch nicht so viel.«
   »Sie sind …«, wandte sich Patrizia nun an Horst Kilian, der in einem der beiden Ledersessel Platz genommen hatte. In der Akte hatte nur »selbstständig« gestanden, und aus den Sozialberichten im Adoptionsverfahren war Patrizia auch nicht recht schlau geworden.
   »Ich, äh, ich schreibe Geschichten. Science-Fiction. So im Stil von Perry Rhodan, falls Sie das kennen.«
   Natürlich kannte Patrizia den Major und sein Raumschiff »Stardust«, wenn auch nur von den Umschlägen der zahllosen Hefte, die sich früher im Zimmer ihres Sprösslings Nicolà gestapelt hatten.
   »Nur ist Horst leider nicht so erfolgreich«, kommentierte die Frau des Autors.
   Horst Kilian biss sich kurz auf die Lippen, sagte aber nichts. Offenbar fand diese Debatte öfter statt.
    »Sie haben ja vor ein paar Jahren einen Adoptionsantrag gestellt«, begann Patrizia.
   Ariane Bauer nickte. »Stimmt. Vor gut fünf Jahren.«
   »Das war, als Sie Ihren Beruf …«
   »Ja. Nein. Ich meine, das ist eher Zufall. Ich meine, wir haben das nicht gestartet, weil mein Beruf …« Die Frau auf der Couch begann zu stottern und zu husten.
   »Ich verstehe schon«, sagte Patrizia rasch, um einen neuen Asthmaanfall zu vermeiden. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.«
   »Äh – ja, genau. Wir, wir wollten das ohnehin machen.«
   Patrizia sah das Ehepaar mit ihrem Spezial-Sozialarbeiterblick an. Der funktionierte in heiklen Momenten, so auch jetzt.
   »Ich …«, begann Ariane Bauer zögernd und gab sich einen Ruck. »Ich bin schon mit Anfang dreißig in die Wechseljahre gekommen. Es war klar, dass wir keine eigenen Kinder haben können.«
   Patrizia nickte. Bei ihrer eigenen Adoptivmutter war es dasselbe gewesen: frühe Menopause, Schwangerschaft ade. Und dann kam ich, der Notnagel, durchzuckte es Patrizia.
   Jetzt war es Horst Kilian, der dreinschaute wie ein Sozialarbeiter. »Alles in Ordnung bei Ihnen? Warten Sie, ich hole ein Glas Wasser.« Er stand auf.
   Als er zurückkam, nahm Patrizia das Wasserglas und leerte es in einem Zug. »Vielen Dank, Herr Kilian. Also – Sie sind dann hier zum Jugendamt und haben Ihren Antrag gestellt.«
   »Ja. Bei dieser unsäglichen Schnalle, dieser Jauernig«, sagte Horst Kilian heftig und stand auf.
   »Wirklich unsäglich. Dass man sich bei der Behörde total ausziehen muss, haben wir ja gewusst. Kindheit, Jugend, Verhältnis zu den Geschwistern, Berufswahl, Einkommen, Vorstrafen, Sexualleben. Aber dass sie einen dann fertigmachen, so richtig, so voll sadistisch … wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich diese ganze Prozedur nie mitgemacht. Nie. Niemals.« Vorhin hatte Horst Kilian noch ruhig gewirkt und beherrscht. Jetzt ging er im Wohnzimmer auf und ab, gestikulierte, stampfte.
   »Horst. Setz dich doch wieder hin«, sagte seine Frau leise, aber bestimmt. »Lass das doch. Ist doch sowieso alles vorbei.«
    »Das regt Sie alles ziemlich auf«, versuchte Patrizia, ihn weiter zum Sprechen zu bewegen.
   »Natürlich regt mich das auf! Was würden Sie denn machen, wenn jemand so über Sie urteilt? Sie aburteilt. Jemand, den Sie nie vorher gesehen haben. Und diese Jauernig, diese Tussi, sitzt da und starrt Sie an wie die Direktorin einen Schüler, der was ausgefressen hat. Mustert Sie im Stil: ‚Ja, ich weiß nicht, ob wir da noch was machen können …‘. Und wehe, der böse Schüler gibt nicht alles zu. Dann gibt’s gleich noch ’ne Strafe.«
   »Sie fühlten sich in die Schulzeit zurückversetzt?«
   »Absolut.« Horst Kilian nickte heftig. »Das war jedes Mal wie ’ne Prüfung. Ich kam immer total verschwitzt raus aus diesen Gesprächen, du doch auch, nicht wahr, Ariane?«
   Seine Frau fuhr hoch wie aus Gedanken gerissen. »Äh – ja, absolut. Die Interviews sind sehr unangenehm.«
   Patrizia hätte gern gefragt, wie sich Ariane gefühlt hatte, aber nun legte Horst wieder los.
   »Und wütend war ich. So wütend, jedes Mal, wenn ich da rausgekommen bin. Ich hätte denen die Bude zerlegen können. So einen Hass hatte ich, sage ich Ihnen. So einen Hass. Ich hätte schreien können. Dauernd diese Fragen. Und diese Blicke. Und diese Sprüche. So im Stil von ‚Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie zu Kindern irgendeine emotionale Beziehung haben.‘ Wie wollen die das wissen? Die kennen mich doch überhaupt nicht!«
   Draußen war es dunkel geworden. Jetzt im November waren die Tage sehr kurz. Seit bald zwei Stunden war Patrizia bei den Eheleuten, und sie mochte zwar einen Blick in deren Seelenleben getan haben, aber für die polizeilichen Ermittlungen war noch nichts Greifbares dabei gewesen. »Ja«, sagte sie, »das ist schon sehr an der roten Linie. Oder noch darüber.«
   Beide Eheleute nickten. »Und selbst wenn es um ganz praktische Dinge ging, so was wie Einkommen oder künftige Kinderzimmer, selbst dann ging es zu wie beim Polizeiverhör.« Wieder einvernehmliches Nicken. »Oder eben wie bei der Schuldirektorin.«
   Nochmals Nicken.
   »Und dann«, fing Patrizia wieder an, »kam die Ablehnung. Gleich zweimal. « Sie erwartete wieder einen Ausbruch, aber ihr Gastgeber blieb diesmal ruhig.
   Horst Kilian stand wie vorhin hinter seinem Sessel, in der Hand hielt er immer noch seine leere Kaffeetasse. Auch von Ariane Bauer kam nichts. Sie hatte den Kopf gesenkt, ihre Finger spielten mit den Fransen eines karierten Plaids auf der Couch. Es war sehr still im Zimmer. Draußen bellte Wittko, der anatolische Hütehund.
   »Sie wurden abgelehnt«, startete Patrizia nochmals einen Versuch, »zweimal.« Wieder keine Reaktion. »Hat Ihnen das nichts ausgemacht?« Immer noch nichts. »Vorhin haben Sie mir sehr detailliert erzählt, wie wütend Sie nach den Terminen bei der Psychologin waren. Und jetzt sitzen Sie ganz ruhig da. Das passt für mich nicht zusammen.« Wieder nichts.
   Patrizia war langsam genervt. Eigentlich hatte sie längst Feierabend. Sie wollte nur noch weg von diesem jähzornigen Hundehalter, seiner depressiven Tontassengattin, dem kläffenden Köter draußen und von diesem Kaff, das zwei Stunden von zu Hause entfernt lag. Letzter Versuch. »Ich frage Sie jetzt noch einmal: War Ihnen das egal? Das passt doch nicht zusammen. Vergessen Sie bitte nicht, es geht hier um Mord. Ich kann Sie auch ins Präsidium kommen lassen zum Verhör.«
   Horst Kilian fuhr mit der rechten Hand mehrfach über die Sessellehne hin und her. Immerhin: ein Lebenszeichen. Frau Bauers Hand hatte aufgehört, mit den Fransen zu spielen und lag still auf der karierten Decke.
   »Also? Wie gesagt, wir können auch im Präsidium weitersprechen. Ist aber gut zwei Stunden von hier weg, einfache Fahrt.« Sie registrierte, dass die Eheleute einen schnellen Blick wechselten. Aber noch immer sprach keiner. Patrizia stand auf. »Gut. Wie Sie meinen. Ich schicke Ihnen eine Ladung für nächste Woche.«
   »Die Mühe können Sie sich sparen.«
   »Wieso?«
   »Meine Frau und ich haben mit dem Mord nichts zu tun.« Horst Kilian kam hinter seiner Sessellehne hervor und ging auf Patrizia zu. Zwei Schritte entfernt von ihr blieb er stehen und blickte ihr ins Gesicht.
   »Das sagen Sie.« Auch Patrizia war jetzt in angriffslustiger Stimmung. Sie stand Kilian gegenüber und erwiderte seinen Blick. »Mich müssen Sie erst überzeugen.«
   »Wie gesagt: Meine Frau hat damit nichts zu tun, und ich auch nicht.«
   »Und wie gesagt: Das sagen Sie. Wissen Sie, was? Es ist spät, und ich glaube nicht, dass wir hier weiterkommen. Ich schicke Ihnen eine Vorla…«
   Ariane Bauer sprang vom Sofa auf. »Aber – Sie glauben doch nicht … Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass wir …« Sie stotterte. Auf ihrem sonst bleichen Gesicht explodierten rote Flecken. »Wir, wir sind doch keine …«
   »Wie gesagt, Frau Bauer: Mich müssen Sie erst noch überzeugen.«
   »Aber … das kann doch nicht sein, das ist doch …« Ariane Bauer fuhr sich durch die Haare, die noch wirrer vom Kopf abstanden als vorher. »Warten Sie …«
   Patrizia war gerade dabei, ihre kleine Tasche zu öffnen, um den Autoschlüssel herauszuholen. Sie hielt inne und sah Ariane an. Ehemann Horst stand nur da und blickte auf seine Frau und Patrizia.
   »Wir … wir …« Ariane verknotete die Hände ineinander. »Schauen Sie, wir haben das vier Jahre lang mitgemacht. Vier lange Jahre. Wir haben uns all diese Gemeinheiten von der Psychologin und von der Sozialarbeiterin angehört, Horst hat es Ihnen ja erzählt. Und die Gemeinste war diese Amtsleiterin. Ich … ich wollte irgendwann nicht mehr weitermachen. Mir ist das alles zu viel geworden. Aber Horst hat gefunden, dass …« Der Rest ging in Schluchzen unter.
   Patrizia griff in ihre Tasche und holte ein Kleenex heraus. »Hier.«
   »Danke.« Ariane Bauer schnäuzte sich.
   Ihr Mann war zu ihr gegangen und stand dicht neben ihr, ohne sie zu berühren.
   »Ja?«, fragte Patrizia. »Was hat er dann?«
   Ariane zögerte. Sie blickte rasch zu Horst, dann wieder zu Patrizia. »Horst hat gesagt, dass er sich das nicht bieten lässt. Wir sind dann zu seinem Bruder, der …«
   »Mein Bruder ist Verwaltungsjurist«, ergänzte Horst Kilian ihren Satz.
   Patrizia nickte. »Und Ihr Bruder hat geholfen, den Widerspruch zu formulieren.«
   »Ja, genau. So was geht ja nicht. Kann man sich ja nicht bieten lassen, solche Frechheiten.« Horst ruderte wieder wie zu Beginn des Gesprächs.
   Patrizia wandte sich wieder an Ariane Bauer. »Verstehe. Das wollten Sie so nicht einfach hinnehmen. Und dann haben Sie weitergemacht.«
   »Ja. Wissen Sie …« Ariane lief unruhig im Zimmer hin und her. »Das ganze Verfahren ist immer monströser geworden. Es ging nur noch darum, zu gewinnen. Und weiterzumachen. Denen zu zeigen, dass wir uns das nicht bieten lassen. Das ist eine richtige Obsession geworden, wir hatten fast kein anderes Thema mehr und …« Wieder erstickte ihre Stimme.
   Patrizia kramte noch ein Kleenex aus ihrer Tasche.
   »Vielen Dank. Entschuldigung, das ist so …«, Ariane suchte nach dem passenden Ausdruck.
   »Belastend?«, bot Patrizia an.
   »Genau. Wie gesagt, wir haben dann gewonnen gegen das Amt und weitergemacht.«
   »Und jetzt könnten Sie noch mal starten.«
   Wieder ein Kopfnicken.
   Patrizia wartete, bevor sie ihre nächste Frage stellte. »Und? Jetzt?«
   »Was, jetzt?«, schoss Horst Kilian dazwischen.
   »Ja – Sie starten noch mal?«
   »Ich …«, begann Kilian
   »Ich nicht. Ich mache nicht mehr weiter. Ich hab zu Horst gesagt, wenn du noch mal eine Runde startest, ist es aus zwischen uns«, sagte seine Frau in sehr bestimmtem Ton.
   Horst Kilian machte den Mund auf und klappte ihn gleich wieder zu. Sie standen schweigend im Salon.
   Schließlich hüstelte Patrizia. »Ja, danke. Ich glaube, das wäre es. Falls noch was ist, melde ich mich noch mal. Vielen Dank für Ihre Zeit und für den Kaffee.«
   Ariane nickte schwach, drehte sich um und verschwand durch eine Seitentür des Wohnzimmers.
   »Warten Sie, ich bringe Sie nach draußen. Muss sowieso noch mal mit dem Hund laufen.«
   Patrizia nickte. Auch Horst Kilian sah jetzt alt aus und sehr müde. Sie sagte nichts, denn es gab nichts zu sagen zu diesem Ehepaar, das vermutlich viel mehr verloren hatte als den Traum vom Familienleben.

Kapitel 7

Er war höchst unwirsch gewesen, Lothar Jauernig, als Patrizia ihn wegen eines Termins angerufen hatte. Kein Wunder. Wer ließ sich schon gern über seine Exehefrau befragen, und dann erst noch, wenn sie auf unnatürliche Weise gestorben war? Morgen? Ging nicht. Die ganze restliche Woche? Ging nicht. Nächste Woche? Ging nicht.
   »Herr Jauernig, hier ist die Kripo«, bellte Patrizia schließlich ins Telefon, »wenn Sie keine Zeit für mich haben, kommen Sie zu mir. Und zwar dann, wenn ich es sage.«
   Auf einmal hatte Lothar Jauernig Zeit. Schon am selben Nachmittag, und zwar bei sich zu Hause.
   Die Wahl des Ortes erstaunte Patrizia nicht. Lothar Jauernig war Steuerberater in Stettbronn. Ein Polizeiauto vor seiner Kanzlei hätte sicher keine Werbung bedeutet, sondern eher: Verdacht auf Geldwäsche, auf Briefkastenfirmen, auf Panama-Connections. Da nahm sich Jauernig wohl lieber einen halben Tag frei und verzichtete auf Einkünfte. Nur kein Aufhebens. Er hatte Patrizia sogar gefragt, ob sie per Zivilstreife kommen könne. »Jetzt grad mit Fleiß«, hatte sich Patrizia auf gut Schwäbisch gedacht und extra das auffällige Polizeifahrzeug genommen.
   Der Steuerberater wohnte so, wie Freiberufler gern residieren: in Stadtnähe, schon etwas im Grünen, aber doch nahe beim Büro und beim Mandanten. Repräsentatives Einfamilienhaus, Säulen an den Eingängen, großes Grundstück, filmreife Auffahrt mit Kiesbelag, Blumenrabatten links und rechts, auf denen die allerletzten Astern blühten. Rechter Hand ein Doppelcarport, linker Hand ein kleiner Swimmingpool mit geschwungenem Rasenstück, das ganz kurz gemäht war. Vermutlich übte Jauernig hier seine Golfabschläge. Oder die Gattin hätte es tun können, tagsüber, wenn der Hausherr im Büro saß, jedenfalls eine klassische Hausfrauengattin. Das allerdings war Brigitte Jauernig nicht gewesen.
   »Muss das sein?« Wut stand Lothar Jauernig nicht gut, genauso wenig wie sein unvorteilhaft zugeknöpfter Anzug. Der Hausherr war kein Mann fürs Titelblatt. Untersetzt, fast würfelförmig, mit einem schon bald kahlen Schädel und grotesk großen Ohren. Eine runde kleine Brille, Typ Franz Schubert, hüpfte auf Lothar Jauernigs Nasenspitze hin und her. Es hätte lustig wirken können, aber der ganze Mann wirkte nicht wie einer, der Scherze machte. »Muss das sein?«
   Patrizia hatte bisher nicht geantwortet.
   »Ich meine, dass Sie im Streifenwagen gekommen sind.«
   »Guten Tag, Herr Jauernig«, sagte Patrizia betont ruhig, »der Streifenwagen bedeutet sicher keine Überraschung für Ihre Nachbarn, es weiß ja sowieso jeder, was passiert ist.«
   »Na«, knurrte Jauernig, »dann kommen Sie halt rein.«
   »Danke.«
   Der Kies knirschte standesgemäß unter den Absätzen.
   »Bitte.« Mit einer knappen Handbewegung ließ Jauernig ihr den Vortritt ins Haus.
   Patrizia hatte eine protzige Einrichtung erwartet, aber innen war es überraschend gemütlich. Countrystyle, viel Kariertes, Geblümtes bei Tapeten, Vorhängen und Kissen, eine große Bücherwand, ein schön geschreinerter Eichentisch mit sechs Stühlen, von denen wohl nur einer besetzt wurde, momentan jedenfalls. Brigitte Jauernig war vor knapp zwanzig Monaten aus dem ehelichen Heim ausgezogen, und es wirkte nicht so, als wäre bereits eine Nachfolgerin eingezogen. Beim Hereinkommen hatte sie rasch die Garderobe inspiziert: eindeutig und ausschließlich männlich. Aufgefallen war ihr auch eine große Garnitur von Golfschlägern, die in einer Ecke lehnten, teils lose, teils ragten sie halb aus einer Golftasche.
   »Sie spielen Golf?«, fragte Patrizia, um Jauernig wieder auf normale Betriebstemperatur herunterzubringen.
   Er schnaubte noch immer vor sich hin. »Wasser? Kaffee? Tee?«, hackte der Steuerberater jetzt, ohne auf Patrizias Frage einzugehen.
   »Gern Kaffee, wenn Sie auch einen nehmen. Sonst bitte Wasser«, zoomte Patrizia weiter herunter.
   »Ich trinke nie Kaffee.«
   »Aha. Wieso bieten Sie mir dann einen an?«, rutschte es Patrizia heraus. Blöde Kaffeesucht. Aber sie fing sich gleich wieder. »Macht nix. Gern ein Wasser. Und: Spielen Sie Golf?«
   »Nicht mehr«, knurrte Lothar Jauernig und verschwand in der Küche, wo Patrizia Schranktüren schlagen und Geschirr klappern hörte. Ganz schön viel Aufwand für ein einfaches Glas Wasser.
   Während ihr Gastgeber in der Küche hantierte, inspizierte Patrizia die Jauernig’sche Bibliothek. Jede Menge Romane von Rosamunde Pilcher, Utta Danella und Anne Golon, Liebesschnulzen, romantisches Schwelgen. Sie hätte bei einem Steuerberater anderes vermutet: Science-Fiction, Krimis, Sachbücher, Horror. Oder aber – das war eine andere Möglichkeit –, Lothar Jauernig las überhaupt nicht, und seine Exfrau hatte bei ihrem Auszug alle Bücher zurückgelassen.
   Patrizia dachte an die Durchsuchung in der Wohnung der Ermordeten. Eine sehr einfache, hastig möblierte Zweizimmerwohnung, kaum Persönliches, praktisch keine Bücher, nur ein Wust von Fachzeitschriften, die noch in der Verpackung gesteckt hatten, und jede Menge Müll, Reste von Essen und Kosmetika, mindestens drei Dutzend halb leer getrunkener Colaflaschen, Berge ungewaschener Kleidung. Das ganze Ensemble hatte gewirkt wie die Wohnung eines überforderten Studenten mitten in der Diplomarbeit – ein verblüffender Kontrast zum früheren Zuhause.
   Wer war die echte, die wirkliche Brigitte Jauernig? Eine Frau aus der Vorstadtvilla, die auf der Küchentheke Blumen arrangiert, oder jener Messie, der schon in der Adoptionsbehörde gewütet hatte? Patrizia rief sich zurück aus ihren Betrachtungen. Besser, Lothar Jauernig riss sie heraus.
   Er knallte ein Tablett mit zwei Wassergläsern und einer Espressotasse auf den Couchtisch.
   Das Warten hatte sich gelohnt. Sein Espresso war der beste seit Langem. »Hervorragend, Ihr Kaffee. Wirklich, ganz hervorragend.«
   Hier würde die Heber’sche narrative Methode nichts bringen, das war klar. Ihr Gastgeber wirkte gesprächig wie ein Tiefseefisch.
   »Herr Jauernig«, begann Patrizia, »wo waren Sie am letzten Freitagnachmittag und am Abend?« Pfeifle wäre stolz auf sie. Endlich. Dieses eine Mal hatte sie die Masterfrage nicht vergessen.
   »Büro, ich war im Büro. Ein großer Kunde hatte externe Buchprüfungen, und da mussten wir alles vorbereiten.«
   »Wie lange waren Sie da?«
   »Keine Ahnung. Mitternacht, vielleicht noch länger.«
   Patrizia schwieg.
   »Ist das alles? Dafür hätten Sie nicht kommen müssen.« Lothar Jauernig sprang auf. Er hoffte offenbar, die Befragung sei zu Ende.
   »Halt, stopp, ich bin noch nicht fertig. Wer kann das bezeugen?«
   »Was?«
   »Dass Sie die ganze Zeit im Büro waren.«
   Der Steuerberater zögerte. »Bis gegen vier war meine Sekretärin da. Die ist dann heimgegangen, war ja Freitag.«
   »Und danach?«
   »Niemand.«
   »Es war niemand außer Ihnen in Ihrer Kanzlei?«
   »Nein, hab ich doch gesagt.«
   »Das heißt, es kann auch niemand bezeugen, dass Sie dort waren und nirgendwo sonst.«
   Schweigen.
   »Es kann also niemand bestätigen, dass Sie nicht im Büro Ihrer Exfrau waren. Wie Sie wissen, ist sie am letzten Freitag getötet worden.«
   Schweigen.
   Patrizia stand auf. »Kein besonders stabiles Alibi, das Sie da haben, Herr Jauernig.«
   Die Provokation saß. Der Steuerberater wurde puterrot. Patrizia befürchtete, die Jackettknöpfe könnten jeden Moment abspringen.
   »Was soll das werden hier?«
   »Das weiß ich noch nicht«, sagte Patrizia und wunderte sich über ihre eigene Ruhe. »Vielleicht wissen Sie mehr als ich.«
   »Was soll ich wissen?«
   »Herr Jauernig.« Patrizia ging zwei Schritte auf den Steuerberater zu, der am Fensterbrett lehnte und sich dort festhielt. Sie hörte ihn laut atmen.
   Dann, in einer überraschend hilflosen Geste, hob er die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Was wollen Sie wissen?«
   »Alles«, sagte Patrizia. »Ich meine: Alles, was dazugehört.« Sie setzte sich wieder auf die Couch und blickte den Gastgeber an.
   Eine halbe Stunde später wusste sie, dass Lothar und Brigitte Jauernig sich vor zwölf Jahren kennengelernt – sie war im Vorstand des Golfklubs und für die Steuersachen zuständig – und dass sie vor acht Jahren im ganz kleinen Kreis geheiratet hatten. Das Paar war bewusst kinderlos geblieben. Brigitte Jauernig war vor knapp zwei Jahren aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen, die Ehe war vor einem Jahr geschieden worden. Das alles referierte Lothar Jauernig mit einer Leidenschaft, die er vermutlich auch an den Tag legte, wenn er mit Finanzbeamten über steuerbefreite Gewinnentnahmen seiner Mandanten verhandelte.
   »Sie wissen bis heute nicht, warum Ihre Ehe gescheitert ist«, zitierte Patrizia ihren Gesprächspartner, »aber in zwölf Jahren lernt man einander doch kennen, oder?«
   Der Steuerberater wirkte wie jemand, der über eine komplizierte Frage nachdachte. »Nein, ich weiß es wirklich nicht«, kam es vom Fenster her. »War sicher nicht alles toll, aber wir haben uns gut vertragen. Und, ja, wir waren beide beruflich sehr eingespannt, wir haben uns gar nicht so oft gesehen.«
   »Das heißt?«
   »Jeder war viel unterwegs. Durch die Arbeit.«
   »Sie haben sich einfach auseinandergelebt?«
   »Ja, vielleicht. Oder nein, eigentlich nicht. Was weiß ich.« Lothar Jauernig wurde wieder stachelig.
   Sie sah sich um. »Schön haben Sie es hier. Wenn ich das so sagen darf. Sie kommen offenbar gut allein klar.«
   Der Steuerberater sah Patrizia überrascht an und versuchte so etwas wie ein Lächeln. »Äh ja, danke. Ich hab’s gern gemütlich.«
   »Ist selten so gemütlich bei geschiedenen Ehemännern, das kann ich Ihnen versichern«. Der Lockerungsversuch klappte.
   Aus Jauernigs Lächeln wurde ein Lachen. »Ja. Na ja. Ich hab Training. Hatte früher ja auch allein gewohnt.«
   »Früher?«
   »Ja – vor meiner Ehe, meine ich.« Und weg. Lothar, der Entspannte, verschwand so schnell, wie er gekommen war.
   Nun ja. Patrizia war nicht zum Plaudern hier. Sie musste ihre Fragen stellen. Jetzt. »Herr Jauernig – Ludwig Vierzehn.« Keine Reaktion. »Dr. Vierzehn. Der Sozialdezernent.« Leichtes Zucken der Augenlider. »Er schien Ihre Frau recht gut zu kennen.«
   »Exfrau!«, bellte Lothar Jauernig.
   »Natürlich. Exfrau.«
   Wieder Schweigen.
   Gut, dann eben so, beschloss Patrizia und schwieg auch. Sie blickten einander an. Zehn Sekunden, zwanzig. Dann schlug Jauernig auf das Fensterbrett. Patrizia schwieg weiter. Noch ein Schlag. Wie schon beim ersten Mal, schlug er nicht mit der Faust, sondern mit der flachen Kante der linken Hand.
   »Kampfsport?«, fragte Patrizia.
   Keine Antwort. Muss ich abklären, dachte Patrizia und kritzelte etwas in ihr Notizbuch.
   »Was schreiben Sie da auf?«, herrschte sie ihr Gastgeber an.
   »Na ja. Wie Sie wissen, arbeite ich bei der Polizei, und ich bin hier, weil Ihre Frau, pardon, Exfrau, getötet worden ist.«
   Ihr Gegenüber schnaubte.
   »Herr Jauernig«, fuhr Patrizia schnell fort. Ihr pochte das Herz bis zum Hals. »So läuft das nicht. Am besten ist es wohl, ich lade Sie vor, und dann reden wir Tacheles, auch über Ludwig Vierzehn und über sein Verhältnis zu Ihrer Exfrau.«
   »Bitte. Machen Sie das.« Lothar Jauernig löste sich vom Fensterbrett, schritt einmal quer durch den Salon und öffnete die Tür zum Flur.
   Ein klarer Rauswurf.
   Jauernig ging mit kleinen Schritten auf die Haustür zu. Dabei schob er Patrizia fast vor sich her.
   »Auf Wiedersehen, Herr Jauernig. Danke für den Kaffee. Ich vermute, wir sehen uns bei der Beerdigung?«
   »Beerdigung?«
   »Ach – Sie wissen nichts? Beerdigung Ihrer Exfrau. Nächsten Dienstag, 14:00.«
   Der Steuerberater knurrte etwas, das Zustimmung oder Ablehnung bedeuten konnte.
   »Ich bin sicher, Herr Vierzehn wird auch k…«
   Lothar Jauernig hatte die Haustür zugeschlagen.

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