Detroit, Michigan. Die Motor City. Das einstige Juwel der amerikanischen Automobilindustrie befindet sich fest im Griff krimineller Organisationen. Die Mächtigste von ihnen ist die Great Lakes Association, und Alec Boyd ist ihr bester Fahrer. Hinter dem Steuer eines hochtourigen Fluchtwagens kann den jungen Mann fast niemand aufhalten. Ramesh Dewari leitet für die GLA den Drogenhandel und Zigarettenschmuggel in Detroit. Doch an der Spitze ist es gefährlich. Neider lauern überall. Ramesh braucht jemanden, dem er vertrauen kann. Seine Wahl fällt auf Alec. Zwischen den Männern entwickelt sich eine spannungsgeladene Freundschaft, die unter keinem guten Stern steht. Denn Alec verbirgt ein Geheimnis, das ihn das Leben kosten könnte. Als ein blutiger Bandenkrieg auszubrechen droht, muss sich Alec entscheiden, auf welcher Seite er steht.

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ISBN: 978-9925-33-146-8

Seiten: 343

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Lara Möller

Lara Möller
Lara Möller wurde 1978 in Hamburg geboren und ist gelernte Schifffahrtskauffrau. Ihre Faszination für das Rollenspiel ShadowRun und die begleitenden Romane führte schließlich zu ihrem Entschluss, selbst ernsthaft mit dem Schreiben zu beginnen. Während ihrer Ausbildung und in den folgenden Jahren veröffentlichte sie drei ShadowRun-Romane und zwei Kurzgeschichten. Mittlerweile konzentriert sie sich auf Krimis und Thriller und unternimmt gelegentliche Ausflüge in die SF. Wenn die Autorin in ihrer Freizeit nicht gerade an einer neuen Geschichte arbeitet, plant sie den nächsten Wanderurlaub und hält sich mit Fahrradfahren, Fitnesstraining und Heavy-Metal-Konzerten in Form.

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Leseprobe

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Prolog
Detroit, Michigan

Auf der Uhr am Armaturenbrett verstrichen die Sekunden.
   Vor fünf Minuten hatten seine Fahrgäste dunkle Skimasken übergestreift, ihre Sporttaschen genommen und waren auf das Gelände der Easy Self Storage Company gelaufen. Was immer die Männer in dem zweistöckigen Gebäude stehlen wollten, sie sollten sich besser beeilen.
   Alec spreizte die Finger der linken Hand, die in einem dünnen Lederhandschuh steckte, und schloss sie wieder fest ums Lenkrad. Seine rechte Hand lag locker auf der Gangschaltung. Zeigefinger und Mittelfinger tippten einen stetigen langsamen Rhythmus. Durch das halb geöffnete Fahrerfenster wehte kühle Luft herein. Der Motor des dunkelblauen Ford Taurus vibrierte kaum merklich im Leerlauf.
   Alec ließ prüfend den Blick schweifen. Die Straße war schlecht beleuchtet und der Himmel wolkenverhangen. Ideale Deckung. Er rechnete nicht mit Publikum. Das Gebäude der Easy Self Storage Company lag in Ferndale, einem Vorort von Detroit. Eingeklemmt zwischen einem Friedhof und einer Reihe gewerblich genutzter Gebäude. Unter dem Schirm seiner Baseballkappe heraus blickte er hinüber zum Lagerhaus, einem quadratischen Klotz auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es gab weder Mauern noch einen Zaun, die das Gelände von der Straße trennten. Zwei Lampen erhellten den von Kameras überwachten Eingangsbereich. Der Parkplatz vor dem Eingang war leer.
   Mit statischem Knacken und Rauschen erwachte der Polizeifunk zum Leben. Der Empfänger, kaum größer als ein Walkie-Talkie, klemmte zwischen Alecs rechtem Oberschenkel und der Mittelkonsole. Vor neugierigen Blicken geschützt und mit einem schnellen Handgriff abzuschalten.
   Alec lauschte der verzerrt klingenden Unterhaltung zwischen der Einsatzzentrale und einem Streifenwagen. Jemand hatte einen Überfall auf ein Juweliergeschäft in der Innenstadt gemeldet. Weit entfernt. Nichts, worüber er sich Sorgen machen musste.
   Vor ihm bog ein Wagen in die Straße. Scheinwerferlicht durchschnitt die Dunkelheit. Alec erstarrte, jeder Muskel in seinem Körper schlagartig angespannt. Als das Fahrzeug näherkam, rutschte er trotz der getönten Scheiben weit im Fahrersitz nach unten. Er beobachtete den Wagen im Außenspiegel, bis dessen Heckscheinwerfer zu winzigen Quadraten zusammenschrumpften.
   Alec richtete sich wieder auf.
   Plötzlich zerriss das schrille Jaulen einer Alarmanlage die Stille. Gleichzeitig begann eine rote Lampe über dem Eingang des Lagerhauses hektisch zu blinken. Alec schloss die Hände reflexartig fester um Lenkrad und Gangschaltung. Rasch suchte er die Umgebung ab.
   Niemand zu sehen. Von seinen Fahrgästen ebenfalls keine Spur. Er legte den ersten Gang ein. Der Polizeifunk schwieg. Noch.
   Keine Minute später informierte eine emotionslose Frauenstimme alle Streifenwagen in der Umgebung der West Marshall Avenue über einen möglichen Einbruch bei der Easy Self Storage Company. Zwei Streifenwagen antworteten. Der Schnellere der beiden würde in zwei Minuten hier eintreffen. Alec atmete tief ein und ließ die Luft langsam ausströmen. Kein Grund zur Panik. In zwei Minuten konnte viel passieren.
   Hörte er Sirenen?
   Er senkte das Fahrerfenster weiter ab.
   Nein. Bloß die Nerven behalten.
   Endlich bewegte sich etwas beim Lagerhaus. Zwei Schatten kamen hinter dem Gebäude hervor und rannten zur Straße. Alec schaltete die Scheinwerfer ein, damit die Männer ihn leichter fanden. Ihre Sporttaschen waren jetzt prall gefüllt.
   Seine Passagiere hatten den Wagen fast erreicht, als eine männliche Stimme über den Polizeifunk zwei verdächtige Personen meldete, die zu Fuß vom Gelände der Storage Company flüchteten. Im Rückspiegel entdeckte Alec Scheinwerfer, die rasch näherkamen. Kurz stockte ihm der Atem. Dann wurde die linke Hintertür des Fords aufgerissen und seine Passagiere drängten in den Wagen.
   »Los, los, los!«, schrie einer von ihnen voller Panik.
   Alec gab Gas. Über dreihundert PS ließen den Ford starten wie eine Rakete. Hinter ihnen blitzten blaue und rote Lichter in der Dunkelheit auf. Mit dem Aufheulen der Sirene nahm der Streifenwagen die Verfolgung auf.
   Weit vor Alec kam der zweite Streifenwagen aus einer Querstraße geschossen. Der Fahrer vollführte einen gewagten Schlenker und hielt danach auf Alec zu. Sie wollten ihn in die Zange nehmen. Gleich würde sich der Streifenwagen vor ihm quer stellen, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden. Alec verschaffte sich blitzschnell einen Überblick. Hier war die Straße frei von parkenden Autos. Er hatte ausreichend Platz. Er schätzte die Entfernung zu seinen Verfolgern ab und ging vom Gas. Während sich die Lücke zwischen ihren Fahrzeugen schloss, nahm Alec die Hand von der Gangschaltung und legte sie auf die Handbremse. Im nächsten Moment riss er das Steuer ruckartig nach links, zog die Handbremse an und trat gleichzeitig die Kupplung durch. Der Ford schleuderte mit quietschenden Reifen herum. Für einen Sekundenbruchteil sah es aus, als würden sie frontal in eine Hauswand rasen. Dann kam das Heck nach, und der Wagen beschrieb eine 180-Grad-Drehung wie aus dem Lehrbuch. Der verfolgende Streifenwagen schoss haarscharf an der Fahrerseite des Fords vorbei. Bremsen kreischten, als der Polizist in die Eisen stieg. Der Streifenwagen kam schräg auf der Straße zum Stehen. Da hatte Alec den Ford längst zurück in die Spur gebracht und raste in die entgegengesetzte Richtung davon. Im Rückspiegel sah er, wie der Fahrer den Streifenwagen zurücksetzte, um seine Kollegen vorbeizulassen. Die Jagd war noch nicht zu Ende.
   Einer der Polizisten gab verärgert einen Lagebericht und eine Beschreibung des Fords an die Einsatzzentrale durch. Einschließlich des Kennzeichens.
   Bei der nächsten Gelegenheit bog Alec rechts ab, das Heulen der Sirenen in den Ohren. Er hatte das Ende der Straße fast erreicht, als hinter ihm die blinkenden Lichter auftauchten. An der Kreuzung lenkte er den Ford nach links. Er fuhr jetzt durch ein Wohngebiet und musste die Geschwindigkeit den engeren Straßen anpassen. Die Sirenen und der Polizeifunk hielten ihn über die Position der Verfolger auf dem Laufenden. Mittlerweile war ein dritter Streifenwagen im Spiel, der sich von der Stadt her näherte. Nach dem, was Alec im Funk hörte, fuhren sie direkt aufeinander zu. In der Straße, in der er sich jetzt befand. Alec entdeckte keine Möglichkeit, abzubiegen. Er schaltete die Scheinwerfer aus und ging vom Gas. Er hörte weder Sirenen noch sah er Scheinwerfer oder blinkende Lichter auf sich zukommen. Versuchten die Polizisten, ihn auszutricksen? Kurz entschlossen trat er auf die Bremse, legte den Rückwärtsgang ein und schwenkte in die Einfahrt eines Grundstücks. Schemenhaft erkannte er die Umrisse einer Doppelgarage. Einer der beiden Stellplätze war frei. Alec parkte neben einem Kombi und stellte den Motor ab. Von der Rückbank kam kein Laut. Seine Fahrgäste waren wie erstarrt. Durch das offene Fenster hörte er Motorengeräusche. Er hielt unwillkürlich den Atem an. Sekunden später rollte langsam ein Schatten am Grundstück vorbei.
   Der Streifenwagen.
   Unbeleuchtet.
   Alec blickte dem Fahrzeug nach und konnte kaum fassen, wie knapp es gewesen war. Geschickter Schachzug, zollte er dem Fahrer stummen Respekt.
   In den folgenden Minuten sprach niemand ein Wort. Die angespannte Stille wurde nur vom Knistern des Empfängers und kurzen Funksprüchen der Polizeibeamten unterbrochen. Sie konnten den Ford nicht finden. Schließlich meldete die Einsatzzentrale eine Schießerei im Twin Pines Trailerpark, in der 11 Mile Road. Nicht allzu weit entfernt. Zwei der Streifenwagen beantworteten die Anfrage. Kurz darauf brach auch der dritte Wagen die Suche nach den Flüchtigen ab und fuhr zum nächsten Einsatz.
   Alec atmete auf. Von der Rückbank hörte er gelöstes Lachen. Seine Fahrgäste zogen sich die Skimasken vom Kopf. Darunter kamen zufriedene schwarze Gesichter zum Vorschein. Einer der Männer klopfte Alec anerkennend auf die Schulter, der andere reckte grinsend den Daumen in die Höhe.
   Der schwierigste Teil war geschafft. Jetzt mussten sie unentdeckt zurück nach Detroit kommen. Es war ein weiter Weg dahin, der an zahlreichen Verkehrskameras vorbeiführte.
   Alec zog sich die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und stieg aus. Die kühle Nachtluft prickelte erfrischend auf der Haut. Sein Herzschlag beruhigte sich allmählich, doch sein Körper vibrierte noch vom Adrenalinschub. Seine Finger zitterten, als er versuchte, die schwarze Folie zu lösen, die auf der Motorhaube klebte. Der Handschuh machte es unmöglich. Alec zog ihn aus und benutzte die Fingernägel. Sobald eine Ecke hochstand, konnte er die Folie mit der anderen, behandschuhten Hand abziehen. Heller Lack kam zum Vorschein. Wenig später hatte Alec den gesamten Wagen von der Tarnung befreit und stand vor einem silbernen Taurus. Er zog den Handschuh wieder an und knüllte die Folienstücke zu einem Ball zusammen. Anschließend zog er das Nummernschild aus seiner Halterung am Heck. Darunter wurde ein zweites Schild sichtbar. Er versteckte Folie und Nummernschild unter einer Hecke und stieg wieder ein. Das zweistöckige Wohnhaus im Blick, startete er den Motor. Die Fenster zur Straße blieben dunkel. Die Bewohner verschliefen die Ereignisse vor ihrer Haustür. Alec legte den Vorwärtsgang ein und rollte vom Grundstück.
   Auf der 8 Mile Road, Detroits wohl berühmtester Straße, kam ihnen ein Streifenwagen entgegen. Alec spürte die Nervosität seiner Fahrgäste. Doch die Patrouille fuhr vorbei, und der Polizeifunk blieb ruhig. Wie erwartet.
   Alec nahm den Freeway, die kürzeste der drei Routen, die er für diese Nacht ausgearbeitet hatte, und erreichte bald die Innenstadt. An einer Straßenecke im Vergnügungsviertel hielt er an. Einer seiner Fahrgäste stieg wortlos aus.
   Der andere reichte Alec die Hand und drückte sie kräftig. »Guter Job, Kumpel!«
   Sobald der zweite Mann ausgestiegen war, fuhr Alec weiter.
   Während er an einer roten Ampel wartete, schaltete er den Polizeiempfänger aus und verstaute ihn im Handschuhfach. Danach beobachtete er die Nachtschwärmer, die vor ihm die Straße überquerten. Auf dem Weg zur nächsten Party, auf der Suche nach einem Taxi, vielleicht unentschlossen, wie die Nacht weitergehen sollte.
   Für diese Menschen war es ein ganz normaler Abend.
   Alec kam es vor, als würde er durch ein Fenster in eine fremde Welt schauen. Seine Normalität war eine vollkommen andere.
   Wenig später bog er in eine ruhige Nebenstraße ab und lenkte den Ford in die Auffahrt eines Parkhauses. Er stellte den Wagen im zweiten Obergeschoss ab und platzierte das Parkticket gut sichtbar auf dem Armaturenbrett. Den Autoschlüssel legte er zum Polizeiempfänger ins Handschuhfach. Auf dem Weg zum Fahrstuhl zog er ein Handy aus der Jackentasche und schrieb eine kurze Textnachricht mit dem Standort des Wagens. Nachdem er die Nachricht abgeschickt hatte, schaltete er das Handy aus und warf es in einen Mülleimer.
   Wieder auf der Straße, wandte er sich nach rechts und ging einen Teil der Strecke zurück, die er eben gefahren war.
   Hinter einer Kreuzung stand am Straßenrand ein betagter, dunkelblauer Dodge Daytona. Alec zog einen Autoschlüssel aus der Hosentasche, öffnete die Fahrertür und hielt inne. Auf der anderen Straßenseite lag ein Fitnessstudio, dessen Eingangsbereich selbst weit nach Mitternacht hell erleuchtet war. Hinter einer Milchglasscheibe zeichneten sich schemenhaft die Umrisse einer einzelnen Person ab, die auf einem Laufband trainierte.
   Alec gab der Fahrertür einen kräftigen Stoß, damit das Schloss einrastete, und holte eine Sporttasche aus dem Kofferraum. Sein Körper summte und brummte wie ein Bienenstock. Wenn er die überschüssige Energie nicht abbaute, würde er heute Nacht kein Auge zumachen.

Kapitel 1

An einem Montagmorgen um vier Uhr unterschied sich Detroit von keiner anderen amerikanischen Großstadt. Nach dem Wochenende herrschte eine Atmosphäre erschöpfter Stille. Die Straßen waren wie leer gefegt, und der gnädige Schleier der Dunkelheit bedeckte all die kleinen und großen Makel. Erst das Tageslicht würde sie gnadenlos zum Vorschein bringen. Doch bis dahin blieb noch Zeit.
   Alec stand in Boxershorts und T-Shirt am offenen Küchenfenster und trank Wasser aus einem Glas. Kühle Nachtluft wehte herein. In der Ferne zeichneten vereinzelte Lichter die Skyline von Detroit nach. Ihr Anblick übte eine magische Anziehungskraft auf ihn aus.
   Alecs Wohnung lag im fünften Stock einer sechsstöckigen Wohnanlage, die den optimistischen Namen Freedom Place Apartments trug. Vom Dach bot sich ein spektakulärer Blick auf die Hochhäuser der Innenstadt. An besonders warmen Tagen saß er manchmal bis spät abends auf der von der Sonne aufgeheizten Teerpappe, trank Bier und genoss die herrliche Aussicht. Kurz nach seinem Einzug hatte er herausgefunden, dass der Schlüssel für den Trockenraum im Keller auch für den Zugang zum Dach passte. Ob Zufall oder Absicht, konnte Alec nicht sagen. Den Hausmeister würde er jedenfalls nicht danach fragen.
   Von unten drang leise Musik herauf. Vielleicht aus dem vierten Stock, vielleicht aus dem dritten. Die dünnen Wände isolierten schlecht, als wäre das Gebäude aus Pappmaschee gebaut.
   Alec schloss das Fenster, holte Butter, Käse und Schinken aus dem Kühlschrank und bereitete zwei Sandwiches zu. Danach füllte er das Wasserglas erneut aus einer großen Plastikflasche und ging ins Wohnzimmer. Im Fernsehen lief das vorletzte Inning eines Baseballspiels. Die Lautstärke war heruntergedreht und die Stimmen der Kommentatoren kaum zu hören. Er machte es sich auf dem Sofa bequem.
   Am Tag zuvor hatte ein lokaler Radiosender von einem Einbruch in ein Self-Storage-Lagerhaus in Ferndale berichtet. Lediglich eine der kleineren Lagereinheiten war aufgebrochen worden. Bei der Spurensicherung fand die Polizei Hinweise auf ein Drogendepot. Es bestand der begründete Verdacht, dass die Täter die Lagereinheit gezielt aufgebrochen hatten, um an die Drogen zu gelangen. Nach dem Mieter der Einheit wurde ebenso gefahndet wie nach den drei oder vier unbekannten Personen, die an dem Raub beteiligt gewesen sein sollten. Kein Wort über die nächtliche Verfolgungsjagd oder das Entkommen der Täter. Diese unrühmlichen Details verschwieg das Detroit PD.
   Während sich das Baseballspiel dem Ende näherte, aß Alec in aller Ruhe sein Frühstück. Es war sein erster Auftritt in den Nachrichten. Sorgen machte er sich deshalb nicht, solange es bei dem einen Mal blieb.
   Um kurz nach fünf zog er die Wohnungstür hinter sich zu und ging durch den spärlich beleuchteten Korridor zum Fahrstuhl. Die Luft roch muffig und nach Schimmel. An der Decke zeichneten sich vereinzelt dunkle Flecken ab. Hier und da zierten mit Kreide oder Buntstiften gemalte Krakeleien die Wände und das hellgraue Linoleum. Die jüngeren Kinder benutzten das Haus als Malbuch, die älteren als Übungsfläche für Graffitis.
   Im Fahrstuhl roch es nach einer Mischung von Urin, Schweiß und scharfen Reinigungsmitteln, die ihm fast dem Atem verschlug. In einer Ecke lag ein verloren gegangener Schnuller. Freedom Place war eine städtische Wohnanlage, in der überwiegend alleinerziehende Eltern mit niedrigem Einkommen wohnten. Bis auf wenige Stunden in der Nacht herrschte ständiger Lärm. Kindergeschrei, Getrampel, dröhnende Musik, laut gedrehte Fernseher, hitzige Debatten hinter verschlossenen Türen. Alec machte die Unruhe nichts aus, weil er selten zu Hause war. Und wenn er einmal schlief, konnte ihn kaum etwas wecken.
   In der Tiefgarage blieb er einen Moment zwischen den geöffneten Fahrstuhltüren stehen und sah sich prüfend um. Freedom Place war kein Getto, trotzdem gab es Zeitgenossen und Situationen, die man besser meiden sollte. Heute bewegte sich nichts zwischen den Reihen der geparkten Fahrzeuge. Das einzige Geräusch kam von einer defekten Leuchtstoffröhre, die in unregelmäßigen Abständen flackerte und dabei brummte wie eine wütende Hornisse.
   Alecs Wagen stand weit entfernt von der Ausfahrt, auf dem Parkplatz, der ihm bei seinem Einzug vom Hausmeister zugeteilt worden war. Er stieg ein, rollte zur Ausfahrt und wartete, bis sich das Sicherheitstor quietschend und ratternd gehoben hatte. Das Gelände der Wohnanlage lag eingeklemmt zwischen einem der zahlreichen Freeways, die Detroit wie Lebensadern durchschnitten, und der Warren Avenue, einer Durchgangsstraße. Alec fuhr die Rampe hoch, bog auf die Warren Avenue ein und lenkte den Wagen nach Westen. Es waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs, doch allmählich erwachte die Stadt aus dem Schlaf.
   Während er an Schrott- und Autohändlern, städtischen Wohnungsbauprojekten und One-Dollar-Shops vorbeifuhr, überkam Alec angesichts der geballten Hässlichkeit und Trostlosigkeit eine leichte Melancholie. Der Niedergang der Automobilindustrie hatte Detroit fast den Todesstoß versetzt. Die alte Dame stand noch im Ring, aber sie schwankte gefährlich. Der anbrechende Tag würde nach und nach die Wunden ihres Kampfes sichtbar machen. Die Schlaglöcher und Risse im Asphalt, die nicht ausgebessert wurden, weil finanzielle Mittel fehlten. Die brachliegenden Flächen, auf denen nicht gebaut wurde. Die unbewohnten Häuser, die allmählich verfielen. Seit den 1950er Jahren hatte sich Detroits Bevölkerung mehr als halbiert. Von einst knapp unter zwei Millionen Einwohnern waren keine achthunderttausend übrig geblieben. Mehr als ein Fünftel der Gebäude stand leer. Tausende Ruinen verschandelten das Stadtbild. Der Zusammenbruch des Immobilienmarktes und die folgende weltweite Wirtschaftskrise hatten ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen, der Motor City, dem einstigen Juwel des Nordens, ihr heutiges Gesicht zu verleihen.
   Nach der nächsten Ampel tauchte Alecs Ziel in der Dunkelheit auf. Er hielt vor einem schweren Eisentor. Jenseits des Tores zeichneten sich zwei eingeschossige Gebäude ab. Das Kleinere, eine Doppelgarage, stand hinten auf dem Gelände und quer zur Straße. Das größere Gebäude blickte auf die Warren Avenue. Über den vier geschlossenen Rolltoren leuchtete grellrot eine Reklame:
   Mikelti’s Autoshop – Repairs & Parts
   Alec zog einen Schlüsselbund aus der Hosentasche und öffnete das Eisentor. Er stellte den Daytona neben der Doppelgarage ab, schloss das Tor und ging zum Hauptgebäude. Eine Videokamera verfolgte, wie er ein massives Vorhängeschloss öffnete und einen schweren Riegel zurückzog. Er schloss die Eingangstür zum Büro auf, das gleichzeitig als Kassenraum, Beratungszimmer und Ausstellungsraum für verschiedene Felgen- und Reifenmodelle diente. In der Dunkelheit begann ein rotes Lämpchen zu blinken. Alec gab den Deaktivierungscode in die Alarmanlage ein, das Lämpchen erlosch. Nach dem Wochenende war die Luft im Büro stickig. Er öffnete zwei Fenster und setzte in der Küche die erste Kanne Kaffee auf. Sein Chef würde frühestens um halb sieben auftauchen. Bis dahin hatte Alec die Werkstatt für sich allein. Während die Kaffeemaschine geschäftig vor sich hin blubberte, schaltete er das Radio ein und wechselte den Sender. Seine Kollegen hörten Hip-Hop, R’n’B und eine gewöhnungsbedürftige Mischung aus Funk und House, die sich Detroit Techno nannte. Tagsüber schallte die Musik unaufhörlich durch die Werkstatt. Alec mochte Springsteen, Cash, Gary Moore und einen Haufen anderes altes Zeug. Abgesehen von vereinzelten Ausflügen in die Popcharts war sein Musikgeschmack ähnlich old school wie seine Vorliebe für Autos.
   Er schenkte sich Kaffee ein – schwarz, ohne Zucker – und nippte vorsichtig an dem heißen, bitteren Getränk. Mit dem Becher in der Hand ging er in den Umkleideraum. Sein Spind war leicht zu finden. Die blanke Tür unterschied sich deutlich von den vier anderen, an denen Bilder von Sportlern, Autos, Comicfiguren oder Familienmitgliedern klebten. Alec stellte den Kaffeebecher auf dem Spind ab und tauschte seine Kleidung gegen einen dunkelblauen, von Schmutz- und Ölflecken übersäten Overall. Auf dem Rücken und über der linken Brust prangte in Gelb und Rot der Name des Autoshops. Nachdem er sein Handy in einer der zahlreichen Hosentaschen verstaut hatte, nahm er den Kaffeebecher mit in die Werkstatt. Alle vier Stellplätze waren belegt. In diesen unsicheren Zeiten kaufte kaum jemand einen neuen Wagen. Stattdessen ließen die Leute ihre alten Karren so lange zusammenflicken, bis sie ihnen quasi unter dem Hintern zusammenbrachen.
   Alec betrachtete skeptisch den weißen Viertürer in der zweiten Bucht. Der japanische Plastikbomber brauchte ein neues Getriebe und eine neue Kupplung. Damit würde Alec in den nächsten Stunden gut beschäftigt sein. Er hätte dem Besitzer gern geraten, die hässliche Möhre zu verschrotten und sich ein ordentliches Auto zu kaufen. Schließlich waren sie in Detroit. Doch er würde sich hüten, seine Gedanken laut auszusprechen. Es war sein persönliches Problem, dass er den Fahrzeugen gewisser Hersteller mehr Respekt entgegenbrachte als denen anderer.
   Begleitet von einem pflegeleichten Popsong fuhr Alec die Hebebühne hoch und holte seinen Werkzeugwagen aus einem der Sicherheitsverschläge.
   Als sein Chef um kurz nach sieben die Werkstatt betrat, hatte Alec den Motor längst ausgebaut und an vier starken Ketten aufgehängt, um leichter an die defekten Teile zu kommen.
   Mikelti musterte ihn mürrisch. »Bist du ein verdammter Roboter, der keinen Schlaf braucht? Das ist ja nicht normal!«
   Alec legte schmunzelnd den Schraubenschlüssel beiseite. »Und auch dir einen wunderschönen guten Morgen!«
   Der ältere Mann schüttelte den Kopf und wandte sich mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. Irgendetwas hatte ihm gründlich die Laune verdorben. Alec wischte seine schmutzigen Hände mit einem feuchten Lappen ab und folgte seinem Chef ins Büro. Mikelti saß bereits hinter dem Schreibtisch. Er sah müde und abgespannt aus. Kein guter Start in die Woche.
   Alec lehnte sich gegen den Türrahmen. »Alles klar?«
   Mikelti seufzte. »Laurie ist letzte Nacht viermal aufgewacht und hat mit ihrem Geschrei das ganze Haus geweckt. Die Nacht davor war kaum besser. Sie hat Durst, sie hat Albträume, sie weint. Darnelle ist mit den Nerven am Ende. Sie will die Schule schmeißen, weil sie alles überfordert, und stattdessen halbtags im Supermarkt arbeiten.« Sein Chef warf ihm einen erschöpften Blick zu. »Wie war dein Wochenende?«
   Alec verzog mitfühlend das Gesicht. »Kaffee?«
   Als Antwort kam ein Nicken. Alec füllte in der Küche einen Becher, gab Milch und Zucker dazu und brachte Mikelti den kleinen Seelentröster.
   Sein Chef nahm einen Schluck und lehnte sich seufzend zurück. »Danke. Das habe ich gebraucht.«
   Alec deutete einen Zweifingersalut an und ging zurück an die Arbeit.
   Mikelti Mbame führte wahrlich kein stressfreies Leben. Er war siebenundfünfzig Jahre alt, besaß seit fünfzehn Jahren eine Werkstatt, die trotz guter Phasen immer wieder bedrohlich nahe an der Pleite entlangschrammte, und war nach zwei gescheiterten Ehen zum dritten Mal verheiratet. Er hatte einen Sohn aus zweiter Ehe und eine Tochter aus der dritten, die ihn mit zarten sechzehn Jahren zum Großvater gemacht hatte. Mittlerweile war die kleine Laurie zwei Jahre alt. Darnelle versuchte seit einiger Zeit, ihren Highschool-Abschluss nachzuholen. Allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen und schwankender Motivation. Lauries biologischer Vater, ein dreiundzwanzigjähriger Hohlkopf, war spurlos verschwunden, nachdem er von dem Braten in der Röhre erfahren hatte. Tagsüber kümmerte sich Mikeltis Frau um die Enkeltochter, damit Darnelle zur Schule gehen konnte. Abends übernahm häufig Mikelti die Babysitterrolle, um seiner Tochter Zeit für Hausaufgaben und ihre Freundinnen zu geben. Darnelle war trotz allem immer noch ein Teenager. Ein äußerst zickiger Teenager mit einem permanent beleidigten Gesichtsausdruck, der die Welt wissen ließ, dass ihr Leben nicht nach Plan verlief.
   Seit Alec im Autoshop arbeitete, war Darnelle dreimal vorbeigekommen, um existenzielle Probleme mit ihrem Vater auszudiskutieren. Was bedeutete, dass sie keifte und Mikelti zuhörte. Jedes Mal hatte Darnelle die Kinderkarre samt ihrer Tochter in der Werkstatt geparkt und es Alec und den anderen Mechanikern überlassen, Babysitter zu spielen. Laurie war ein süßes Mädchen, keine Frage. Auf die Mutter konnte Alec getrost verzichten.
   Nach und nach trafen Alecs Kollegen ein. Zuerst Sayed. Er begrüßte Alec mit einem fröhlichen Hallo und der Androhung, später ausführlich von seinem großartigen Wochenende mit Maria oder Mary oder Marianne zu erzählen. Jedenfalls irgendwas mit ‚M‘. Der Einunddreißigjährige war keine geistige Leuchte, doch stets gut gelaunt und für jeden Spaß zu haben. Anders als Joseph. Der ältere Mann quittierte Alecs Anwesenheit mit einem sparsamen Nicken und machte sich wortlos an die Arbeit. Joseph ging auf die fünfzig zu und hatte offenbar genug Lebenszeit mit zwischenmenschlichem Geplänkel verschwendet.
   Zuletzt gab sich Mikelti Junior die Ehre. Oder Mick, wie ihn alle nannten, um Verwechslungen mit seinem Vater zu vermeiden. Wer es wagte, Mick ohne Erlaubnis Junior zu nennen, begab sich allerdings in Lebensgefahr.
   Pünktlich um acht Uhr fuhren sie die Rolltore hoch und öffneten das Tor zur Straße. Sayed suchte im Radio den Hip-Hop-Sender, und das Arbeitstempo zog an. Trotzdem wurde viel gescherzt und gelacht. Der Umgangston war rau, aber freundschaftlich. Besonders Sayed und Mick nahmen kein Blatt vor den Mund. Als einziger Weißer im Team war Alec ein beliebtes Ziel für ihre flapsigen Sprüche und Sticheleien. Es störte ihn nicht. Er teilte genauso gut aus, wie er einsteckte. Wenn es ihm zu viel wurde, ignorierte er das Gequatsche und konzentrierte sich auf seine Patienten. Die Arbeit an den Fahrzeugen war wie Meditation für ihn. Weil er an nichts anderes denken musste, als an die Lösung einer einzigen überschaubaren Aufgabe. Keine komplizierten Abwägungen, keine Vielschichtigkeit, keine unbekannten Variablen. Reine Mechanik, reine Technik. Häufig vergaß er darüber die Zeit und solch nebensächliche Dinge wie Essen oder Trinken.
   So auch heute. Irgendwann stieß Mikelti ihn an und reichte ihm eine Flasche Wasser.
   »Danke.« Alec lehnte sich gegen den Pick-up, bei dem er eben eine defekte Wasserpumpe ausgetauscht hatte, und trank durstig.
   »Bist du fertig mit dem Baby?«
   Alec nickte.
   »Draußen steht ein Beemer, der bei hoher Geschwindigkeit nach links zieht. Den kannst du dir als Nächstes vornehmen. Hinterher machst du Pause, klar?«
   »Zu Befehl.«
   Mikelti gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Oberarm und ging zu Mick, der mit einem störrischen Auspuff kämpfte. Eine Weile beobachtete Alec, wie Vater und Sohn gemeinsam unter der hochgefahrenen Hebebühne standen und versuchten, das verkantete Teil auszubauen.
   Und plötzlich war das Heimweh da. Es kam aus dem Nichts, und die Wucht des Gefühls schnürte Alec die Kehle zu. Er vermisste seine Eltern und seinen Onkel. Er hatte sie ewig nicht gesehen, viel zu lange nicht mit ihnen gesprochen.
   Ob es ihnen gut ging?
   Alec bemerkte, dass Joseph ihn beobachtete. Ihre Blicke trafen sich, und für einige Sekunden musterten sie einander stumm, bis sich der ältere Mann wieder der Arbeit zuwandte. Joseph war der Einzige, zu dem Alec keinen Zugang fand. Auch nach vier Monaten nicht. Er nahm es nicht persönlich. Sein Kollege war den anderen gegenüber ebenso sparsam mit Worten und Gesten. Allerdings hatte Alec den Verdacht, dass sein freundschaftliches Verhältnis zu Mikelti und alles, was damit verbunden war, bei Joseph keine Zustimmung fand. Er trank noch etwas Wasser und stellte die Flasche zurück auf den Werkstattwagen. Um den Pick-up nicht zu verschmutzen, legte er eine dünne Wolldecke auf den Fahrersitz und fuhr den Wagen rückwärts auf den Hof. Bei Tageslicht konnte man die Schrift auf dem grauen Schild lesen, das an einem schmalen Mauerstück zwischen zwei Rolltoren hing. In weißen Lettern stand dort:
   Best Care Anywhere
   Egal, wie schlecht gelaunt Alec war, diese drei Worte brachten ihn jedes Mal zum Schmunzeln.
   Kurz vor halb eins legte Alec letzte Hand an den BMW, oder Beemer, wie die Marke von vielen genannt wurde. Der Wagen würde nun nicht mehr nach links ziehen. Alec streckte sich und unterdrückte ein Gähnen. Der Schlafmangel machte sich inzwischen deutlich bemerkbar. Seine Konzentration ließ nach, und er musste immer häufiger blinzeln, um den Blick zu fokussieren. Dagegen half kein Kaffee mehr. Er brauchte frische Luft und ein ordentliches Mittagessen, um seinen knurrenden Magen zu besänftigen. Vorher musste er allerdings noch etwas erledigen. Joseph war wie jeden Tag pünktlich um zwölf in der Küche verschwunden, um seine mitgebrachte Mahlzeit in der Mikrowelle aufzuwärmen. Sayed und Mick machten gewöhnlich später Pause. Der Zeitpunkt war günstig. Alec ging ins Büro, um sich bei Mikelti abzumelden, doch von seinem Chef war nichts zu sehen. In der Küche saß lediglich Joseph und aß etwas, das wie Nudeln in Tomatensoße aussah. Einer Eingebung folgend, sah Alec in dem kleinen Zimmer neben der Küche nach, das sie manchmal als Besprechungsraum nutzten. Dort fand er Mikelti. Sein Chef saß zurückgelehnt in einem der beiden Sessel. Er hatte die Schuhe ausgezogen, die Füße auf die Armlehne des Sofas gestützt und schlief. In einer Hand hielt er einen Kaffeebecher, der jede Sekunde umzukippen drohte. Alec nahm Mikelti vorsichtig den Becher aus der Hand und stellte ihn auf den Tisch. Danach zog er sich leise zurück und suchte Mick. Er fand den Juniorchef unter einem Wagen liegend.
   Alec klopfte auf die Motorhaube. »Ich mache Pause.«
   »Viel Spaß«, kam die gedämpfte Antwort.

Alec zog sich um, nahm seine Umhängetasche aus dem Spind und ging auf den Hof. Er wollte gerade den Daytona aufschließen, als ihn ein Ruf innehalten ließ.
   »Yo, Weißbrot!«
   Alec wandte sich um und entdeckte Sayed, der mit einer dunkelhäutigen Frau neben einem rostigen Zweitürer stand.
   »Was is’?«, imitierte er Sayeds schnodderigen Tonfall.
   »Bringst du mir was vom Chinesen mit?«
   »Menü dreiundzwanzig und eine Cola?«
   Sayed hob zur Bestätigung grinsend den Daumen.
   Während Alec vom Hof rollte, sah er im Rückspiegel, wie Sayed sehr vertraulich den Arm um die junge Frau legte.
   Sayed war ein notorischer Flirter. Er liebte die Frauen. Alle Frauen. Und die Frauen liebten Sayed. Er hatte ein freundliches, offenes Gesicht, und ihn umgab die Aura des kleinen Jungen, der ein bisschen verloren wirkte in der großen weiten Welt. Sayed fand stets die richtigen Worte, um zu schmeicheln und zu verführen. Wenn das nicht reichte, erlegte er seine Opfer mit einem schelmischen Grinsen und einem tiefen Blick aus dunklen Augen.
   Beneidenswert.
   Alec musste beim Dating andere Register ziehen. Er konnte sich weder auf sein Äußeres verlassen noch versprühte er irgendeine Art von unschuldigem Charme. Als Kind war er ein hübscher, engelsblonder Junge mit dunkelbraunen Augen gewesen. Ein Herzensbrecher, von Großmüttern, Lehrerinnen und Kaufhausverkäuferinnen gleichermaßen angehimmelt. Alle waren sich einig gewesen, dass er später die Frauen reihenweise um den kleinen Finger wickeln würde.
   Leider hatte Alec die Pubertät einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihm das Gesicht seines Vaters beschert: das kantige Kinn, die etwas zu weit auseinanderstehenden Augen und die kräftige Stirnpartie. Dazu kamen diese beiden tiefen Furchen zwischen den Augen, die sich bildeten, wenn er sich konzentrierte, und die ihn grimmiger erscheinen ließen, als er war. Was unter gewissen Umständen von Vorteil sein konnte. Allerdings nicht, wenn es um die Eroberung von Frauenherzen ging. Das Engelsblond war über die Jahre zu einem langweiligen Farbton nachgedunkelt, der irgendwo zwischen dunkelblond und hellbraun lag. Straßenköterblond. Mit hundertachtundsiebzig Zentimetern gehörte Alec nicht zu den Riesen, doch sein breites Kreuz verstärkte den Eindruck, dass man sich nicht leichtfertig mit ihm anlegen sollte.
   Die Lehrerinnen und Kaufhausverkäuferinnen von damals würden ihn heute sicherlich nicht mehr als hübsch bezeichnen. Höchstens als Charakterkopf.
   Deshalb griff Alec im Clinch mit der holden Weiblichkeit auf Waffen zurück, die sich auch in anderen Lebenslagen bewährten: Schlagfertigkeit, eine gewisse Dreistigkeit und eine hohe Risikobereitschaft. Manchmal fiel er damit auf die Schnauze, doch er fand die Trefferquote ausreichend.
   Sein letztes Date lag allerdings deprimierend weit zurück.

Kapitel 2

Punkt dreizehn Uhr parkte Alec den Daytona in Sichtweite eines heruntergekommenen Family-Dollar-Stores. Er holte eine Sonnenbrille und eine rote Schirmmütze mit dem weißen Schriftzug der Red Wings, Detroits Eishockeymannschaft, aus der Umhängetasche und setzte beides auf. Er wartete eine Lücke im dichten Verkehr ab, überquerte die Straße und betrat den dunklen, muffigen Laden. Der junge Mann an der Kasse blickte kurz von einer Zeitschrift auf, musterte ihn, musterte die Schirmmütze und las danach scheinbar gelangweilt weiter. Alec schlenderte durch die Regalreihen, auf der Suche nach nichts bestimmten. In Plastikbehältern und Körben lagen Haushaltsartikel, Schreibwaren und billiger Kram. Er nahm das eine oder andere in die Hand und legte es nach kurzer Betrachtung zurück. Die einzigen anderen Kunden waren ein älterer Herr, der sich beim Geschenkpapier herumdrückte, und eine übergewichtige, ungepflegt wirkende Frau, die zwei Packungen mit Zahnbürsten in den Händen hielt. Sie schien unentschlossen, welche sie nehmen sollte. Plötzlich ließ sie eine der Packungen unter ihrem Mantel verschwinden und watschelte mit der anderen zur Kasse. Alec stellte sich hinter ihr an. Nachdem die Frau bezahlt hatte und mit ihrem Einkauf und dem Diebesgut verschwunden war, zog Alec ein Benzinfeuerzeug aus einem Ständer und legte es auf den Tresen. Mit viel gutem Willen konnte man das Ding für ein teures Zippo halten.
   »Kann ich das als Geschenk verpackt bekommen?«
   Der Kassierer schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, den Service bieten wir nicht an. Aber ich habe noch eins in der Originalverpackung.«
   Alec nickte.
   Der ältere Herr schlurfte heran. Er schob eine Wolke von getrocknetem Schweiß und Alkohol vor sich her.
   »Die Herstellergarantie liegt in der Verpackung.« Der Kassierer reichte ihm eine kleine schwarze Plastikbox.
   Alec zog einen Fünfdollarschein aus der Hosentasche und bezahlte. Er ging zurück zum Wagen und fuhr los, ohne das Ziel zu kennen. An einer roten Ampel holte er die kleine Box aus der Jackentasche und öffnete sie. Ein silbernes Benzinfeuerzeug rutschte heraus. Darunter lag zusammengefaltet ein Zettel. Darauf standen eine Adresse und ein Wort: Japan.
   Das war neu. Normalerweise arbeitete Alec bei diesen Botenfahrten nach einem festgelegten Code. Ziffern für die Abholorte, Buchstaben für die Abgabeorte. Keine Adressen. Keine Hinweise für neugierige Augen. Die rote Ampel im Blick, untersuchte er das Feuerzeug. Nichts deutete darauf hin, dass der Gegenstand in seiner Hand etwas anderes war als ein Feuerzeug. Es gab weder Geheimfächer noch Öffnungen für USB-Sticks oder Kabel. Kein Klappern im Inneren. Der einzige Geruch, den er wahrnahm, war der von Benzin. Alec verzichtete darauf, das Feuerzeug auszuprobieren. Das Risiko, einen versteckten Mechanismus auszulösen, oder auf andere Weise Spuren zu hinterlassen, erschien ihm zu groß. Er wischte das Feuerzeug sorgfältig ab, um die Fingerabdrücke zu beseitigen, und steckte es zusammen mit dem Zettel zurück in die Verpackung.
   Die Adresse, zu der man ihn beordert hatte, war die eines Schuhgeschäfts am Rande des Rotlichtbezirks. Alec fuhr an dem Gebäude vorbei, parkte in einer Nebenstraße und ging zu Fuß zurück. Er betrat das Geschäft und sah sich um. Teenager, die zu dieser Zeit in die Schule gehörten, Mütter mit kleinen Kindern und drei Verkäufer in schwarzen Hosen und blütenweißen, kurzärmligen Hemden. Keine Japaner, keine japanischen Flaggen, niemand in japanischer Kleidung. Alec beschloss, sich finden zu lassen. Er blieb bei den Laufschuhen stehen und untersuchte scheinbar interessiert eines der Ausstellungsstücke.
   Es dauerte nicht lange, bis er eine männliche Stimme neben sich hörte. »Wir haben vorhin einige neue Modelle reinbekommen, die noch im Lager stehen. Falls es Sie interessiert, könnte ich sie Ihnen zeigen.« Es war einer der Verkäufer, der ihn ansprach, ein blonder Mann mit unruhigem Blick. Auf seinem rechten Unterarm prangte gut sichtbar eine Tätowierung von Godzilla. Das klassische Monster, nicht die Neuauflage.
   Japan.
   Der Verfasser der Nachricht besaß Sinn für Humor.
   Alec folgte dem Verkäufer an den Kassen vorbei, durch eine Tür, die als Privat gekennzeichnet war, weiter durch einen Korridor und zu einer zweiten Tür. Dahinter lag ein von Fahrzeugen zugeparkter Innenhof. Sein Begleiter deutete wortlos über den Hof und auf den Hintereingang eines Nachtclubs. Alec ging allein weiter. Er hörte, wie die Hintertür des Schuhgeschäfts zufiel.
   Anspannung breitete sich in Alec aus. Sie vertrieb den letzten Rest von Müdigkeit und Hunger. Einige Schritte vor dem Hintereingang blieb er stehen und betrachtete die Leuchtreklame, die jetzt bei Tage ausgeschaltet war.
   Arabian Nights. Was nach billigem Stripclub klang, war einer der teuersten Nachtclubs der Stadt. Alec schielte hoch zu der Überwachungskamera, die auf die schwere Metalltür gerichtet war, und widerstand dem Drang, den Schirm seiner Mütze zu richten. Stattdessen drückte er auf die Klingel. Die Tür öffnete sich fast sofort. Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit kurzen schwarzen Haaren erschien. Er trug einen schwarzen Anzug. Keine Krawatte. Das Jackett wölbte sich sichtbar unter der linken Achsel. Durchdringende blaue Augen musterten Alec von Kopf bis Fuß, versuchten, ihn einzuschätzen, suchten nach möglichen Anzeichen für eine Bedrohung. Der prüfende Blick eines Bodyguards. Schließlich trat der Mann zur Seite und ließ Alec hinein. Was folgte, erinnerte an die Sicherheitsüberprüfung am Flughafen. Der Bodyguard befahl Alec, sich mit gespreizten Armen und Beinen an die Wand zu stellen und tastete ihn grob nach Waffen, Wanzen, Drähten, Sprengsätzen oder Ähnlichem ab. Anschließend holte er einen tragbaren Scanner hervor und fuhr damit über jeden Quadratzentimeter von Alecs Körper. Die Tatsache, dass kein Verdacht erregendes Piepsen ertönte, stimmte den Mann nicht fröhlicher. Nach einem letzten, beinahe enttäuscht wirkenden Blick auf das Gerät schaltete er den Scanner aus und bedeutete Alec mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen.
   Während sie durch einen langen Korridor gingen, versuchte Alec, seine Gedanken zu ordnen. Das hier hatte nichts mit einer gewöhnlichen Kurierfahrt zu tun. Der Bodyguard, der Nachtclub, alles deutete auf ein Treffen hin. Aber mit wem? Und warum? War das hier der Moment, auf den er seit Monaten hingearbeitet hatte? Der nächste Schritt? Als sie den dunklen Saal betraten, wurden Alecs Handflächen feucht. Er wischte sie unauffällig an der Hose ab. Cool bleiben. Die Sache ruhig und lässig durchziehen.
   Sein Aufpasser führte ihn an einem kreisrunden Tresen vorbei, der wie eine Insel in der Mitte des Raumes aufragte, und weiter in den hinteren Teil des Nachtclubs. Dort saß im Licht eines einzelnen Scheinwerfers eine Person an einem Tisch. Es war ein Mann in Alecs Alter, der konzentriert auf den Bildschirm eines Laptops blickte und in ein Handy sprach. In seinem anderen Ohr steckte der Kopfhörer eines MP3-Spielers oder iPods.
   Alec erkannte den Mann. Sein Herz schlug schneller.
   Kurz bevor sie den Tisch erreichten, blieb der Bodyguard stehen. Alec stoppte. Er überlegte, ob er zum Zeichen des Respekts die Sonnenbrille abnehmen sollte. Er entschied sich dagegen. Wenn er sein Gegenüber richtig einschätzte, würde eine Portion Dreistigkeit das Eis schneller brechen.
   Während Alec auf den Beginn der Audienz wartete, musterte er den Mann am Tisch verstohlen über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg. Die kurz geschnittenen, tiefschwarzen Haare waren modisch zerzaust. Die Gesichtszüge und der bronzefarbene Teint verrieten die indische Herkunft. Die Körpersprache strahlte absolutes Selbstvertrauen aus. Sein Gegenüber wirkte wie einer dieser Selfmademillionäre, die in hippen Straßencafés saßen und zwischen zwei Espressi den nächsten großen Deal einfädelten.
   Vom Telefonat waren lediglich Wortfetzen zu hören, die nichts über den Inhalt des Gesprächs preisgaben, denn der Inder sprach eine wilde Mischung aus Englisch und Hindi. Eine wirksame Methode gegen unerwünschte Mithörer.
   Alecs Blick fiel auf das grellrote Hemd mit den blau und weiß gesteppten Nähten, an dessen Kragen sein Gegenüber unentwegt herumzupfte. Plötzlich tanzten vor Alecs innerem Auge dickbäuchige Männer in Cowboyhemden Line-Dance-Figuren. Er brauchte einige Sekunden, um das Bild loszuwerden. Es sollte verboten werden, Hemden wie dieses zu verkaufen. Oder zu kaufen. Andererseits hatte jedermann ein Anrecht auf schlechten Geschmack. Selbst wenn er Ramesh Dewari hieß und für eine der mächtigsten Verbrecherorganisationen der USA arbeitete.
   Zum Portfolio der Great Lakes Association gehörten Prostitution, illegales Glücksspiel und Drogen- und Zigarettenschmuggel. Die Nähe zur kanadischen Grenze bot lukrative Handelsmöglichkeiten mit dem nördlichen Nachbarn. Ramesh Dewaris Zuständigkeiten lagen bei Drogen und Zigaretten. Wer in Detroit in dieser Richtung Geschäfte machen wollte, kam an dem Inder nicht vorbei. Er repräsentierte eines der größten Räder im Detroiter Getriebe der Great Lakes Association. Smart genug, um die wirtschaftlichen und organisatorischen Aspekte zu überblicken und sich trotzdem nicht zu schade, persönlich in Erscheinung zu treten, falls es der Anlass erforderte. Es kursierten Geschichten über unliebsame Konkurrenten, die nach einem Besuch von Ramesh Dewari überstürzt die Stadt verlassen hatten. Und es gab Gerüchte über zwei Drogendealer, die sich in Detroit breitmachen wollten und eines Nachts spurlos verschwanden. Wie vom Erdboden verschluckt.
   Oder vom Detroit River …
   Als könnte der Mann seine Gedanken lesen, hob Ramesh Dewari den Blick. Intelligente dunkle Augen musterten Alec und kehrten danach auf den Bildschirm des Laptops zurück. Obwohl Ramesh zwei Jahre älter war als Alec, sah er aus wie Anfang dreißig. Er war einer dieser jugendlichen Typen, deren Äußeres sich zwischen Anfang zwanzig und Mitte vierzig kaum veränderte. Ein Umstand, der manche Menschen dazu verleiten mochte, ihn zu unterschätzen.
   Eine Bewegung lenkte Alecs Aufmerksamkeit auf eine der plüschbezogenen Sitzecken. Außerhalb des Lichtkegels saß ein dunkelhäutiger Mann, der die Szene aufmerksam beobachtete. Anfang vierzig, die schwarzen Haare militärisch kurz rasiert, kein überschüssiges Gramm Fett am Leib, dafür zu viele Ringe an den Fingern.
   Eric Deacon. Das zweite große Rad in Detroit.
   Deacon gehörte der Geschäftszweig Prostitution, illegales Glücksspiel und Kreditgeschäfte. Er beaufsichtigte die Clubs und Bars, in denen getanzt, gespielt, gehurt und Rameshs Drogen konsumiert wurden.
   Die Anwesenheit so viel unerwarteter Prominenz machte Alec nervös. Deshalb empfand er die Wartezeit, die ihm wohl seinen Platz in der Hierarchie zeigen sollte, nicht als lästig, sondern als Gelegenheit, seine Gedanken zu ordnen.
   Er sah erneut zu Eric Deacon. Dieser Mann hatte ihn aus Buffalo abgeworben. Mit dem Versprechen besserer Konditionen und größerer Unabhängigkeit. Keine Agentur mehr, die sich an Alecs Einkünften bereicherte und ihm immer wieder Kunden vermittelte, mit denen er eine Zusammenarbeit aus reinem Selbstschutz ablehnen musste. Alec hatte Aufträge abgelehnt. Mehrmals war er mit allzu sorglosen Fahrgästen aneinandergeraten. So machte man sich bei seinem Arbeitgeber nicht beliebt. Doch Alec ließ sich nicht reinreden, wenn es um seine Freiheit ging. Oder um sein Leben. Bei dieser Arbeit gab es keinen Spielraum für Experimente.
   Deacons Angebot war verlockend gewesen: Ein einziger fester Arbeitgeber, der Alec ausschließlich eigene Mitarbeiter schickte, die regelmäßig streng überprüft wurden. Dazu die Kurierfahrten, bei denen er sich kaum überanstrengen würde. Er nahm das Angebot an und verlegte seinen Wohnsitz nach Detroit. Die Agentur in Buffalo war nicht traurig gewesen, ihn ziehen zu sehen.
   Seit vier Monaten fuhr Alec für die Great Lakes Association und wartete auf den einen Auftrag, bei dem er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte. Die Fahrt am Samstag war ein guter Anfang gewesen. Ramesh Dewari und Eric Deacon mussten ähnlicher Meinung sein, sonst stünde er jetzt nicht in einem Nachtclub herum und würde auf das Ende eines unverständlichen Telefonats warten.
   Endlich beendete Ramesh Dewari sein Gespräch. Er steckte das Handy in die Brusttasche, zog den Kopfhörer aus dem Ohr und klappte den Laptop zu. Er lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete Alec mit einer süffisanten Überheblichkeit, die sich wohl nur jemand leisten konnte, der derartig hässliche Cowboyhemden trug.
   »Du bist also der Fahrer.« Eine Feststellung, keine Frage.
   Alec nickte. Im nächsten Moment verpasste ihm sein Aufpasser einen Stoß gegen den Oberarm, der ihn fast zur Seite stolpern ließ.
   »Nimm die Sonnenbrille ab!«, schnauzte ihn der Bodyguard an.
   Alec ignorierte ihn ebenso wie seinen schmerzenden Oberarm.
   »Schon gut«, winkte Ramesh Dewari ab. »Lass ihn.«
   Alec zog die Verpackung mit dem Feuerzeug aus der Jackentasche und legte sie auf den Tisch.
   Der Inder würdigte sie keines Blickes. »Ich habe interessante Geschichten über dich gehört. Besonders die von dem kleinen Abenteuer am Samstag. Gute Arbeit.«
   »Dafür werde ich bezahlt.«
   »Hervorragend bezahlt, wenn ich mich recht erinnere.«
   Was sollte er darauf erwidern? Qualität hat ihren Preis?
   Ramesh legte einen Arm lässig über die Stuhllehne. »Als Deacon vorschlug, jemanden von außerhalb anzuheuern, war ich nicht begeistert. Das Risiko erschien mir zu groß. Doch die Bullen haben die meisten unserer Fahrer einkassiert, deshalb blieb uns keine andere Wahl. Schließlich kann ich mich nicht selbst hinters Steuer setzen.« Ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Obwohl das bestimmt eine interessante Erfahrung wäre.« Ramesh Dewari sprach ausgezeichnetes Englisch mit einem leichten indischen Akzent. Dieser unverkennbare Singsang verlieh seinen Worten einen charmanten, fast unschuldigen Klang. Ob seine Konkurrenten ähnlich empfanden, wenn er ihnen kalt lächelnd mit dem Tod drohte? »In deinem Fall muss ich Deacon allerdings beglückwünschen.« Ramesh sah kurz zu dem Mann in der Sitzecke hinüber. »Er hat ein hervorragendes Gespür für Talent.« Es klingelte leise. Ramesh seufzte und griff nach seinem Handy. »Die Arbeit ruft«, erklärte er nach einem Blick auf das Display und nahm das Gespräch entgegen.
   Alec blickte hinüber zu Eric Deacon. Der gab ihm mit einer knappen Kopfbewegung zu verstehen, dass er entlassen war. Alec wechselte einen letzten Blick mit Ramesh Dewari und ging, den Bodyguard wie einen Schatten an seiner Seite. Am Tresen blickte Alec noch einmal zurück und sah, wie Ramesh Dewari beim Telefonieren das Feuerzeug aus der Verpackung holte und sich damit eine Zigarette anzündete. Er nahm einen tiefen Zug, blickte Alec über den Raum hinweg an und stieß dann langsam den Rauch aus.

Kapitel 3

Dieser Typ kann dir gefährlich werden.
   Das war Alecs erster Gedanke, sobald er allein im Innenhof stand. Der zweite war, dass ihm diese kurze Begegnung einiges über die Machtverhältnisse zwischen Ramesh Dewari und Eric Deacon verraten hatte.
   Auf dem Papier und in seiner Vorstellung mochte Deacon dem Inder ebenbürtig sein, doch Dewari war eindeutig der Mächtigere der beiden. Die Selbstverständlichkeit, mit der er seine Zweifel an Deacons Urteilsfähigkeit geäußert hatte, war ein Zeichen von Respektlosigkeit. Man kritisierte keine gleichgestellten Kollegen oder Geschäftspartner in Anwesenheit Untergebener. Es sei denn, man konnte es sich leisten. Oder man nahm sich das Recht heraus, es zu tun. Dewari hatte es geschickt angestellt: Kritik äußern, anschließend ein Lob einstreuen und das subtile Eingeständnis, sich geirrt zu haben. Deacon fühlte sich vermutlich geschmeichelt und in seiner Position bestätigt.
   Alec rieb sich den schmerzenden Oberarm und ging zum Hofausgang. Die Sache mit dem Feuerzeug beschäftigte ihn. In den vergangenen Monaten hatte er sich häufig gefragt, ob er bei diesen Kurierfahrten überhaupt etwas von Wert transportierte. Oder ob es sich um eine sehr gründliche Prüfung seiner Zuverlässigkeit handelte. Hatte er heute die Antwort bekommen?
   Er stieg in den Daytona und startete den Motor. Alles in allem war diese erste Begegnung mit Ramesh Dewari gut verlaufen. Hatte er den richtigen Eindruck hinterlassen, konnten sich zahlreiche Türen für ihn öffnen.
   Doch hatte er?
   Die alles entscheidende Frage.
   Alec blickte auf die Uhr. Seine Pausenzeit betrug eine Stunde. Er war seit etwas mehr als einer halben Stunde unterwegs, und die Rückfahrt würde eine Viertelstunde dauern. Er lag gut im Rennen.
   Kurz bevor er die Werkstatt erreichte, fiel ihm Sayeds Mittagessen ein. Sofort meldete sich sein eigener Magen mit unüberhörbarem Knurren. Alec wendete, fuhr ein Stück auf der Warren Avenue zurück und lenkte den Wagen auf den Parkplatz eines Supermarkts. Dort stand ein bunt bemalter Bus, den ein chinesisches Restaurant zur mobilen Küche umgerüstet hatte. Neben dem Bus saßen an eine niedrige Mauer gelehnt dieselben vier abgerissenen Gestalten wie jeden Tag: Drei Schwarze und ein Mexikaner, Alter unbestimmbar. Dürre Arme und Beine lugten aus ausgebeulter, fleckiger Kleidung hervor. Knochige Finger hielten selbst gedrehte Zigaretten. Trübe Augen in verlebten Gesichtern verfolgten das Kommen und Gehen. Manchmal bat einer der Vier einen vorbeieilenden Supermarktkunden mit rauer Stimme um etwas Kleingeld. Ansonsten sprachen die Männer kaum ein Wort. Sie warteten. Sie hatten Zeit.
   Alec grüßte die Vier, wie er es immer tat, und erhielt, wie gewohnt, keine Antwort. Am Bus bestellte er Menü 23, gebackene Ente mit Reis, eine große Portion Bratnudeln mit Gemüse und Huhn und Getränke. Cola für Sayed und eine Flasche Wasser für sich. Während das Essen eingepackt wurde, kaufte er im Supermarkt rasch ein Sandwich für später.
   »Endlich!« Sayed riss ihm die heiße Styroporpackung förmlich aus den Händen. »Bist du unterwegs eingepennt, Mann?«
   Bevor Alec beleidigt sein konnte, zwinkerte ihm sein Kollege gut gelaunt zu. Zusammen gingen sie in die Küche. Alec stellte die Getränke auf den Tisch und legte das Sandwich in der fest verknoteten Einkaufstüte in den Kühlschrank. Damit niemand auf die Idee kam, es wäre herrenlos. Sayed hatte bereits für Besteck gesorgt. Alec rutschte neben ihn auf die gepolsterte Bank, zog die Packung mit seinem Essen heran und klappte den Deckel auf. Eine Wolke von Essensgeruch schlug ihm entgegen. Für einen Moment wurde ihm schlecht vor Hunger. Er wünschte Sayed guten Appetit und schaufelte gierig Nudeln, Gemüse und Hühnerfleisch in sich hinein. Sayed hingegen war nicht in Eile. Er kaute langsam und blätterte in einer Sportzeitung. Hin und wieder gab er kommentierende Laute von sich. Manchmal zitierte er Textpassagen, die ihm besonders erwähnenswert erschienen. Bei dieser Alleinunterhaltung erwartete er gewöhnlich keine Antworten. Deshalb blendete Alec ohne schlechtes Gewissen die Geräusche seines Kollegen aus und hing den eigenen Gedanken nach. Der heutige Tag hatte ihn einen wichtigen Schritt nach vorn gebracht. Trotzdem wurde er ein mulmiges Gefühl nicht los. Bisher war alles bloßes Vorgeplänkel gewesen. Jetzt wurde es allmählich ernst.
   Um kurz nach halb sieben arbeitete Alec noch immer an einem Fahrzeug. Die Werkstatt war bereits geschlossen, die Rolltore heruntergelassen. Bis auf Mikelti befanden sich alle auf dem Heimweg. Alec hatte hingegen einen typischen Fehler begangen. Kurz vor Feierabend war Sayed mit dem Abschleppwagen losgefahren, um ein Auto mit defekter Elektrik einzusammeln. Und Alec war prompt in die Ich-schau-mir-das-nur-kurz-an-Falle getappt. Jetzt konnte er die Finger nicht mehr von dem Fahrzeug nehmen, obwohl längst klar war, dass sich das Problem nicht so schnell beheben ließ. Aber er konnte sich Zeit lassen. Zu Hause wartete nur seine leere Wohnung auf ihn.
   »Schluss für heute!« Mikeltis Stimme ließ ihn aufblicken. Sein Chef stand einige Meter entfernt und musterte ihn streng. »Ernsthaft, Junge, such dir ein Hobby! Oder besser, eine Freundin. Ich komme mir allmählich vor wie ein verfluchter Ausbeuter!«
   »Ich habe ein Hobby.« Alec legte die ausgebaute Lichtmaschine demonstrativ auf den Werkzeugwagen.
   »Das hier ist Arbeit. Hobbys beinhalten Dinge, die man in seiner Freizeit tut.«
   »Ich habe frei. Seit einer halben Stunde.«
   Für einen Moment guckte Mikelti, als würde er ihn am liebsten übers Knie legen.
   Alec kam eine Idee. »Ich könnte diese Karre hier in Ruhe lassen und mich mit einem anderen Wagen beschäftigen.« Er lächelte vielsagend. »Falls du dich dann besser fühlst.«
   Mikelti schüttelte den Kopf über den plumpen Manipulationsversuch. Dann lachte er leise. »Mach doch, was du willst, du sturer Bengel.«
   Alec nahm den Satz als Zustimmung. Er klappte die Motorhaube des Wagens zu und ging an Mikelti vorbei in den Umkleideraum. Nachdem er sich gewaschen und umgezogen hatte, füllte er in der Küche einen Rest Kaffee in eine Thermosflasche und holte das Sandwich aus dem Kühlschrank. Sein Chef wartete im Büro auf ihn. Vor der Tür trennten sich ihre Wege. Mikelti ging zu seinem Wagen und Alec zum Garagengebäude. Als er hinter sich einen Motor starten hörte, wandte er sich um und hob zum Abschied die Hand. Sein Chef blendete kurz die Scheinwerfer auf und rollte vom Hof.
   Es war ein schöner Sommerabend. Die Luft angenehm mild und der blaue Himmel mit leichten Schleierwolken überzogen. Das Wetter lud dazu ein, den Abend bei einem kühlen Bier im Freien zu verbringen. Zum Beispiel auf dem Dach eines Wohnblocks, mit freiem Blick über die Stadt.
   Vielleicht morgen. Falls sich das gute Wetter hielt.
   Alec öffnete zwei massive Vorhängeschlösser am rechten Garagentor, zog die schweren Riegel zurück und schob das gut geölte Tor auf. Dahinter lag die Traumwerkstatt eines jeden Hobbymechanikers. An der Rückwand stand eine Werkbank mit Schleifmaschine und Schraubstock. Darüber hing ein beeindruckendes Sortiment von Werkzeugen. Die rechte Wand dominierte ein schwerer, verschließbarer Metallschrank, hinter dessen Türen Kisten und Kartons mit Autoteilen lagerten. Daneben stand ein Regal mit Aktenordnern, Sortierkästen mit Schrauben, Muttern und Unterlegscheiben in unterschiedlichen Größen, Schutzbrillen und Schutzhandschuhe, Lötkolben und vielem mehr, was nützlich sein konnte. Links lagen auf zwei niedrigen Hebebühnen eine Vorderachse samt Motor und Getriebe und eine Hinterachse. Sie wurden durch Abdeckplanen vor Staub und Schmutz geschützt. Daneben, ebenfalls unter Planen verborgen, standen mehrere Autositze. An der Torwand gab es eine mobile Sandstrahlkabine, einen Tisch mit zwei Klappstühlen und einen Kühlschrank. Wo Wandfläche frei geblieben war, hingen großformatige Explosionszeichnungen von Autokomponenten und vergilbte Bau- und Schaltpläne.
   Doch der Grund dafür, dass sich Alec wie ein Junge im schönsten Spielzeuggeschäft der Welt fühlte, stand in der Mitte des Raumes. Auf einen Untersatz mit Rillen montiert und durch eine graue Schutzplane verborgen.
   Alec schaltete die Deckenbeleuchtung ein und betrat die Garage. Zwischen Metallschrank und Regal war ein kleiner grauer Kasten in die Wand eingelassen. Er öffnete die Schutzklappe und gab einen sechsstelligen Code in das darunterliegende Tastenfeld ein. Ein rotes Lämpchen, das bis dahin hektisch geblinkt hatte, erlosch. Alec zog das Garagentor bis auf einen breiten Spalt zu, um ein wenig frische Luft hineinzulassen, und deponierte Thermosflasche, Sandwich und seine Umhängetasche auf der Werkbank. Er ergriff eine Ecke der grauen Schutzplane und zog daran. Obwohl es ihm in den Fingern juckte, es mit einem einzigen Ruck zu tun, zwang er sich zur Langsamkeit. Um den magischen Moment nicht durch Ungeduld zu ruinieren.
   Zuerst wurde ein breites Heck sichtbar. Schwarz lackiert und auf Hochglanz poliert. Danach ein Kotflügel, unter dem eine Lücke klaffte, wo Hinterachse und Rad fehlten. Schließlich ein schräg abfallendes Dach, eine Fahrertür und eine Motorhaube. Nach einem letzten Ruck glitt die Plane zu Boden, und Alec blickte auf die Karosserie eines 67er Chevrolet Impala Super Sport. Eine Weile stand er reglos da, ein breites Grinsen im Gesicht. Schließlich trat er näher, bis er sich in der glänzenden Motorhaube spiegelte. Noch war der Impala lediglich eine leere Hülle. Seine Eingeweide lagerten in Kisten und Kartons, bereit für die Aufarbeitung, oder warteten zusammengebaut auf die Endmontage.
   Mikelti hatte vor vier Jahren mit der Restaurierung des Impalas begonnen, voller Elan und mit der Leidenschaft des Autonarren. Er hatte den Wagen von einem Schrotthändler gekauft, leider ohne den Originalmotor, und komplett auseinandergebaut. Dabei war von Mikelti jeder Handgriff penibel dokumentiert worden. Die vier Aktenordner im Regal enthielten über sechshundert Fotos und detaillierte Beschreibungen jedes einzelnen Arbeitsschrittes. Den fehlenden Motor ersetzte Mikelti durch den Motor einer Corvette desselben Jahrgangs. Keine Matching Numbers, die den Wert des restaurierten Fahrzeugs um ein Vielfaches hätten steigern können. Dafür würde am Ende ein 427er Big Block unter der Haube des Impalas schlummern, ein vierhundertfünfundzwanzig PS starkes Monster. Damit war Mikelti in seiner Begeisterung etwas übers Ziel hinausgeschossen. Der schwere Motor würde das Fahrzeug behäbiger machen und den Vorteil gegenüber PS-schwächeren Motoren schmälern. Ein 327er mit zweihundertfünfundsiebzig PS hätte es auch getan. Was nicht bedeutete, dass Alec die Vorstellung, zum allerersten Mal den Zündschlüssel umzudrehen und vierhundertfünfundzwanzig PS blubbern zu hören, kalt ließ.
   Durch Darnelles ungeplante Schwangerschaft war das Restaurierungsprojekt ins Stocken geraten. Mikelti fehlten Zeit, Geld und Energie. Schließlich gab er die Arbeit am Impala auf, um sich ganz seiner Familie zu widmen. Mehr als ein Jahr stand der Wagen unberührt in der Garage. Bis Alec in der Werkstatt anfing und Mikelti von seiner Leidenschaft für amerikanische Muscle Cars und Classic Cars erzählte. Und von dem verbeulten Chevy Impala, in dem er als Junge die ersten Fahrversuche unternommen hatte. Nachdem sich Mikelti wohl einige ernsthafte Gedanken hinsichtlich Alecs Vertrauenswürdigkeit gemacht hatte, zeigte er Alec schließlich, welchen Schatz er auf dem Werkstattgelände versteckt hielt. Beim Anblick des Impalas standen Alec Tränen in den Augen. Er flehte Mikelti quasi auf den Knien an, an dem Projekt weiterarbeiten zu dürfen. In seiner Freizeit und ohne Bezahlung oder irgendwelche Verpflichtungen. Es wäre ein Verbrechen gewesen, den Wagen in diesem Zustand zu belassen! Schließlich stimmte Mikelti zu. In den ersten Wochen arbeiteten sie gemeinsam an dem Wagen, und für kurze Zeit entflammte Mikeltis Leidenschaft erneut. Doch er konnte sich seinen familiären Verpflichtungen nicht entziehen. Sobald er genug Vertrauen in Alec gefasst hatte, um ihm die Schlüssel zur Garage und Werkstatt zu überlassen, zog er sich zurück. Inzwischen schaute Mikelti nur selten vorbei, um sich ein Bild von den Fortschritten zu machen oder für eine Weile mitzuhelfen. Es schmerzte ihn, keine Zeit mehr für die Restaurierung zu haben.
   Alec hatte jede Menge Zeit, während er darauf wartete, dass sich gewisse Dinge entwickelten. Und ihm fiel kein besserer Ort ein, an dem er sie verbringen könnte.
   Er holte einen der Klappstühle heran und stellte ihn vor der Motorhaube des Impalas auf. Danach packte er das Sandwich aus, goss sich Kaffee aus der Thermosflasche ein und setzte sich. Während er aß, betrachtete er zufrieden das verchromte ‚SS‘-Emblem in der Mitte des Kühlergrills.
   Ein kleines Stück vom Paradies …

Kapitel 4

Ein rhythmisches Vibrieren in seiner Gesäßtasche störte Alecs konzentrierte Versunkenheit. Er zog eine Hand aus der laut brummenden Sandstrahlkabine, in der er gerade Teile der Trommelbremsen von Rost und Schmutz befreite, schüttelte winzige Glasperlen von seinem Arbeitshandschuh und holte das Handy hervor. Ein Blick durch die verkratzten Gläser der Schutzbrille zeigte ihm den Namen Katie auf dem Display. Mit einem Knopfdruck brachte er den Sandstrahler zum Schweigen und nahm das Gespräch entgegen.
   »Hi, Baby«, flötete es ihm entgegen. »Hast du mich vermisst?«
   »Natürlich.«
   »Lügner.« Die Frau, die er Katie nannte, lachte kokett. »Hast du Freitag schon was vor?«
   »Nein.«
   »Wunderbar! Ein Freund von mir feiert Geburtstag. Nichts Aufregendes, bloß zwei Stündchen in gemütlicher Runde zusammensitzen.«
   »Klingt gut. Wohin soll ich kommen?«
   »Ich gebe dir am Mittwoch die Adresse und Uhrzeit. Dann können wir den Rest besprechen.«
   »In Ordnung.«
   »Ich freu mich! Schlaf schön, Baby.«
   Alec blickte nachdenklich auf das Handy, bevor er es in der Hosentasche verschwinden ließ. Der nächste Auftrag. Offenbar hatte er heute den richtigen Eindruck hinterlassen. Nach Katies Wortwahl zu urteilen, sollte es ein ruhiger Job werden. Sonst hätte sie von einer wilden Party gesprochen und nicht von einer gemütlichen Runde. Sobald er mehr Details kannte, würde er mit der Planung der Fahrtrouten beginnen. Über die Wahl des Transportmittels entschieden der Stadtteil und die Anzahl der Passagiere. Katie würde seine Wünsche aufnehmen und ein geeignetes Fahrzeug organisieren. Ein weiterer Pluspunkt im Vergleich zu Buffalo, wo er selbst für die Beschaffung der Autos verantwortlich gewesen war.
   Alec unterdrückte ein Gähnen. Er fühlte sich schlagartig müde und abgespannt. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, warum. Es war bereits kurz vor zehn. Ohne es gemerkt zu haben, bastelte er seit über drei Stunden an den Einzelteilen der Bremsanlage herum. Kein Wunder, dass seine Akkus allmählich auf Reserve liefen. Alec holte die gereinigten Bremsbacken aus der Sandstrahlkabine. Er blies über das Metall, um die letzten Rückstände zu entfernen, nahm die Schutzbrille ab und begutachtete kritisch das Ergebnis seiner Arbeit. Erstklassig. Die Teile legte er zu den anderen in einen Plastikkasten und schloss den Deckel. Bis zum Ende der Woche würde er die restlichen Komponenten gesäubert haben. Dann konnte Mikelti seinen Kumpel anrufen, der für ihn die professionellen Galvanik- und Lackarbeiten ausführte. Sobald die verzinkten Teile zurück waren, stand der Montage der Bremsanlage nichts mehr im Weg. Alec blickte zu der Karosserie des Impalas, die er längst wieder abgedeckt hatte.
   Ich bin gespannt, wie weit wir kommen.
   Er stellte den Karton zurück in den Metallschrank, schloss ihn ab und ging zu den Autositzen, die an der linken Wand unter einer Plane lagen. Ohne einen der Sitze zu verschieben oder auch nur die Plane zu berühren, ließ er sich auf ein Knie nieder und löste einen der Backsteine aus der Wand. Es war nur ein halber Stein. Dahinter lagen in einem Hohlraum, separat in wiederverschließbare Plastiktüten verpackt, ein Handy und ein Ladegerät. Nach einem prüfenden Blick über die Schulter nahm Alec das Handy aus der Tüte. Er schaltete es ein und gab einen mehrstelligen Zahlencode ein, um die SIM-Karte zu entsperren. Den Stein setzte er zurück in die Öffnung. Während er aufstand, drückte er die Wahlwiederholung. Die Garagentür schob er vorsichtshalber vollständig zu.
   Nach dem vierten Klingeln wurde abgenommen. Eine männliche Stimme meldete sich: »Jimmy’s Pizzaservice, guten Abend. Wie kann ich Ihnen helfen?«
   Weil Alec allein war, sparte er sich die gespielte Bestellung und ging direkt zur Kennung über.
   »9-7-2-5-Shelby.«
   »Einen Moment.« Einige Sekunden herrschte absolute Stille. Kein Rauschen, kein Freizeichen. »Ich leite Sie weiter.«
   Ein Freizeichen ertönte. Es klingelte geschlagene acht Mal, bevor sich der Mann meldete, dem Alec dieses Abenteuer zu verdanken hatte.
   »Solltest du nicht längst im Bett sein?«, erkundigte sich Special Agent Steve Blake mit der für ihn typischen nasalen Stimme. Der Mann klang konstant erkältet.
   »Ich bin ein großer Junge. Ich kann mir allein die Schuhe zubinden und selbst bestimmen, wann ich schlafen gehe.«
   »Tatsächlich?«
   Alec lächelte. Es tat gut, mit einem vertrauten Menschen zu sprechen. »Der Job am Samstag war ein voller Erfolg. Zur Belohnung hat mir Ramesh Dewari heute eine Audienz gewährt.«
   »Sehr gut!« Sein Vorgesetzter und langjähriger Freund klang erleichtert.
   »Eric Deacon hat sich ebenfalls die Ehre gegeben.«
   »Ein wahrer Starauflauf. Hast du einen ordentlichen Eindruck hinterlassen?«
   »Würde ich sagen. Der nächste Job läuft am Freitag.«
   »Sehr schön. Endlich kommt Bewegung in die Sache.«
   »Abwarten.« Vorzeitige Euphorie führte nur zu unnötiger Frustration.
   »Leicht gesagt. Die höheren Mächte sitzen mir im Nacken und verlangen Ergebnisse.«
   Der Druck, der auf Steve Blake und damit auch auf Alec lastete, war groß. Schließlich ging es darum, die Great Lakes Association zu sprengen. Den gierigen Kraken aus Chicago, Detroit und Cleveland zu vertreiben. Detroit sollte der erste Dominostein sein. Der Auslöser einer Kettenreaktion, an deren Ende – hoffentlich – die gesamte Organisation am Boden lag. Ein ehrgeiziges Vorhaben.
   Der verdeckte Einsatz lief seit über einem Jahr, einschließlich der Vorbereitungsphase waren es fast zwei Jahre. Eine lange Zeit fern der Heimat.
   »Es rollt übrigens eine Schlechtwetterfront auf deinen Arbeitgeber zu«, fuhr Steve Blake betont locker fort.
   »Aha.« Alec horchte auf.
   »Meine Kontakte vermelden erhöhte Aktivität der Konkurrenz. Jemand versucht, sich ins Geschäft zu drängen.«
   »Hast du nähere Informationen?«
   »Es handelt sich angeblich um eine New Yorker Organisation, die in den Kokain- und Waffenschmuggel nach Kanada einsteigen will.«
   Alec runzelte die Stirn. Wenn das stimmte, würden einige der Schmuggelgüter auf dem Weg nach Kanada unweigerlich in Detroit hängen bleiben. Mehr harte Drogen und Feuerwaffen waren das Letzte, was diese Stadt brauchte.
   »Das befördert sie nicht automatisch auf den Radarschirm der GLA«, erwiderte er. In ihrer abgekürzten Form klang die Great Lakes Association wie eine harmlose Eishockeyliga.
   »O doch. Offenbar bringen die Kuriere auf dem Rückweg Ecstasy und Marihuana mit. Was sie definitiv auf den Radarschirm von Ramesh Dewari befördert. Bisher sind das alles Gerüchte, sollte es aber stimmen, könnte es demnächst gehörig knallen.«
   Schöne Aussichten.
   »Ein Krieg wäre hilfreich für uns«, gab Alec zurück. »Wenn sich die Organisationen gegenseitig aufreiben, müssen wir nur abwarten, um am Ende die Überreste einzusammeln.«
   Und die Leichen der Unschuldigen, die es bei einer solchen Konfrontation unweigerlich geben würde.
   »Ich würde es vorziehen, wenn sich Detroit nicht in einen Kriegsschauplatz verwandelte.« Steve Blake schwieg einige Sekunden. »Sei vorsichtig. Die Situation kann sehr schnell sehr hässlich werden.«
   »Dann sollte ich mich wohl am besten von allem so weit wie möglich fernhalten.«
   Ein bitteres Lachen war zu hören. »Genau.«
   »Wie ist das Wetter in Buffalo?«, wechselte Alec das Thema. Diese Frage lag ihm wie ein Stein im Magen.
   »Sonnig. Der Police Commissioner bläst den Einsatz ab. Ich musste allerdings die ganz schweren Geschütze auffahren. Letztendlich konnte ich ihn überzeugen, dass es keine gute Idee wäre, die Agentur jetzt zu sprengen. Der Mann ist verständlicherweise nicht entzückt darüber, einen Haufen Krimineller in seiner Stadt dulden zu müssen, ohne über die Hintergründe unterrichtet zu werden. «
   »Ich muss also nicht damit rechnen, demnächst per Haftbefehl gesucht zu werden?«
   »Tut mir leid. Ich weiß, wie viel es dir bedeutet hätte.«
   »Ein Kindheitstraum zerplatzt.«
   Im Nachhinein konnten sie über eine Bedrohung scherzen, die den gesamten Einsatz gefährdet hatte. Das Buffalo PD war der kriminellen Fahrervermittlung mittlerweile selbst auf die Spur gekommen. Durch einen seiner Kontakte hatte Steve Blake von einem geplanten Schlag gegen die Agentur erfahren und sich eingeschaltet. Wenn nur einer der Verhafteten im Verhör Alecs Namen ausgeplaudert hätte, wären die Konsequenzen womöglich fatal gewesen. Ein Haftbefehl würde Alecs Arbeit für die GLA erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Niemand engagierte einen Fahrer, der bei einer Routinekontrolle verhaftet werden konnte. Einen vorliegenden Haftbefehl zurückziehen zu lassen, wäre natürlich möglich, würde allerdings Fragen aufwerfen. Es gab korrupte Polizisten, und die Great Lakes Association hatte garantiert in jeder ihrer Städte einige davon in der Tasche. Die Gefahr, dass streng geheime Informationen an die falschen Stellen durchsickerten, war zu groß.
   »Ich werde dir so schnell wie möglich mehr Informationen über diese neue Organisation besorgen«, fuhr Steve Blake fort. »Sobald ich Namen und Fotos habe, bekommst du sie.«
   »In Ordnung.«
   Mehr gab es nicht zu sagen. Alec wünschte sich, ein bisschen plaudern zu können. Über Sport, Familie, Alltagsdinge. Über die Herausforderung, Tag für Tag eine Rolle spielen zu müssen. Vorzugeben, jemand zu sein, der man nicht war. Ohne sich dabei selbst zu verlieren. Doch diesen Luxus konnte er sich nicht leisten. Jede Minute, die er länger telefonierte, war ein Risiko. Er hätte auch gar nicht gewusst, wo er anfangen sollte. Gewisse Themen ließen sich schwer ansprechen. Obwohl sein Freund ihn bestimmt verstanden hätte. Vielleicht besser, als es ihm lieb wäre. Sie beendeten das Gespräch mit einem Austausch humoriger Floskeln, die den Ernst der Lage überspielen sollten. Alec packte das Handy wieder in die Plastiktüte und legte es zurück ins Versteck.
   Als er schließlich hinter dem Steuer seines Daytona saß, fuhr er nicht sofort los, sondern blickte eine Weile nachdenklich in die Dunkelheit.
   Eine zweite Organisation …
   Kaum war er eine Sorge los, tauchte das nächste Problem auf. Es war, als würde er in einem Haifischbecken schwimmen, dessen Bewohner sich soeben um eine unbekannte Zahl vermehrt hatten. Der gesunde Menschenverstand riet ihm, toter Mann zu spielen. Sich reglos treiben zu lassen, bis die Gefahr vorüber war. Leider würde er genau das Gegenteil tun müssen.
   Alec startete den Motor und schaltete die Scheinwerfer ein. Die Schlafaugen des Daytona öffneten sich und erfassten eine streunende Katze. Für einen Moment blitzten grünlich fluoreszierende Augen auf, bevor das Tier davonhuschte.
   Alec fuhr vom Grundstück, schloss das Eisentor ab und machte sich endlich auf den Heimweg. Er war unglaublich müde. Die Aussicht, bald im Bett zu liegen, erfüllte ihn mit Vorfreude.
   Steve Blake holte sich wahrscheinlich gerade ein Bier aus dem Kühlschrank, während er darüber nachdachte, wie er mehr Informationen über die neuen Spieler in Detroit herausbekommen konnte. Manchmal fragte sich Alec, wer von ihnen den schwierigeren Job hatte.
   Steve hatte ihn persönlich für den verdeckten Einsatz ausgesucht. Ein großer Vertrauensbeweis, der ihn allerdings zusätzlich unter Druck setzte, alles zu tun, um den Einsatz erfolgreich zu beenden.
   Steve Blake und Alec waren sich vor fast zehn Jahren zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Damals arbeitete sein Freund noch für das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, kurz ATF, und jagte Alkohol- und Zigarettenschmuggler an der mexikanischen Grenze. Alec war Mitte zwanzig, gerade nach Phoenix, Arizona versetzt worden und fest davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, fast zweitausend Meilen zwischen seine Ex-Verlobte und sich zu bringen.
   Trotzdem hatte er Heimweh. Die fremde Stadt, die neuen Kollegen, nichts wollte so recht passen.
   Die Ankunft von Special Agent Steve Blake und dessen Team wirbelte Alecs Polizeialltag gehörig durcheinander. Einer seiner Fälle kreuzte die Ermittlungen der ATF, und ehe sie sich versahen, wurden sein damaliger Partner und er vom Raubdezernat abgezogen und fanden sich in einem groß angelegten Einsatz gegen einen Ring von Waffenschmugglern wieder. Die Zusammenarbeit mit der ATF war aufregend, lehrreich und gewährte Alec neue Einblicke in die Polizeiarbeit. Während unzähliger Überstunden und nächtlicher Einsätze, in denen sie die Verstecke der Waffenschmuggler überwachten, wurde ihm eines endgültig klar: Er liebte seinen Beruf. Und er würde sich von niemandem vorschreiben lassen, ob und wie lange er diesen Beruf ausübte.
   Mit Steve Blake verstand er sich trotz der zwölf Jahre Altersunterschied hervorragend. Sie stammten beide aus Georgia – Alec aus dem Norden, Steve aus dem Südosten des Staates – und allein diese Tatsache erzeugte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Steve hatte bereits eine Scheidung hinter sich und deshalb eine ziemlich gute Vorstellung von dem, was sich in Alecs Kopf abspielte, wenn es zu ruhig wurde um ihn herum. Steve half ihm, sein persönliches Chaos zu ordnen, und im Gegenzug half Alec der ATF, die bösen Jungs zu fangen. Am Ende war es seinem Einsatz hinter dem Steuer eines Streifenwagens zu verdanken, dass sie den Fall erfolgreich lösten. Obwohl seine damaligen Fahrkünste nicht mit seinem heutigen Repertoire vergleichbar waren, gelang es ihm, das Fahrzeug der flüchtenden Waffenschmuggler einzuholen, auszumanövrieren und zu stoppen, ohne seinem Streifenwagen mehr als ein paar Kratzer und eine Delle am Kotflügel zuzufügen. Sein beherztes Eingreifen brachte Alec eine Belobigung ein, den Respekt des ATF-Teams und seiner Kollegen beim Phoenix PD und den Spitznamen Roadrunner, der ihm ziemlich gut gefiel, obwohl er natürlich vehement dagegen protestierte.
   Speedy Gonzales wäre wesentlich peinlicher gewesen.
   In den folgenden Jahren hielten Steve und Alec regelmäßigen Kontakt und gingen ein Bier trinken, wann immer der ATF-Agent in Phoenix war. Ihre Treffen fanden ein jähes Ende, als sich Alec zurück nach Atlanta versetzen ließ. Sein Vater hatte mit Anfang fünfzig einen Schlaganfall erlitten. Alec wollte in der Nähe sein, um seine Eltern zu unterstützen. Moralisch und finanziell. Er nahm eine Stelle beim Drogendezernat an und sammelte erste Erfahrung bei verdeckten Ermittlungen. Wenn es der Dienstplan erlaubte, fuhr er an den Wochenenden von Atlanta nach Dalton, um seine Eltern zu besuchen und seinem Onkel in der Autowerkstatt zur Hand zu gehen. Abgesehen von seltenen Telefonaten lag seine Freundschaft mit Steve Blake im verlängerten Winterschlaf.
   Bis Steve eines Tages vor seiner Wohnungstür stand. Er arbeitete mittlerweile für die Drogenbehörde, kurz DEA, und war der neue Leiter der Special Task Force Organised Crime Great Lakes. Seine Vorgesetzten bei der DEA hatten ihn mit der Aufgabe betraut, die Great Lakes Association zu Fall zu bringen. Ein nahezu unmöglicher Auftrag. Niemand kannte die Hintermänner der Organisation. Sie waren Schatten, graue Eminenzen, die im Verborgenen die Fäden zogen. Es gab keine Verdachtsfälle, keinerlei Hinweise auf ihre Identität. Alle Spuren endeten bei den Lieutenants, die für sie die Geschäfte in den verschiedenen Städten leiteten. In Detroit bei Eric Deacon und Ramesh Dewari, in Cleveland und Chicago bei einer Handvoll Nachtclubbesitzer und Geschäftsleuten.
   Trotzdem hatte sich Steve Blake bereit erklärt, die Sonderkommission zu leiten. Was ihm fehlte, um den Einsatz zu beginnen, war ein verdeckter Ermittler. Jemand, den er als Fahrer in die Organisation einschleusen konnte. Alec war seine erste und einzige Wahl. Weil Alec gewisse Fähigkeiten und Vorlieben – oder besser, Leidenschaften – hatte, die sich nicht vortäuschen ließen.
   Alec fühlte sich geschmeichelt, euphorisiert und gleichzeitig zu Tode geängstigt. Er würde sich für einen nicht absehbaren Zeitraum in eine kriminelle Organisation einschleichen, sein Leben riskieren, nicht in der Lage sein, nach Hause zu kommen, falls er gebraucht wurde. Ihm gefiel die Arbeit beim Atlanta PD, und er schätzte seinen Partner sehr. Trotzdem nahm er das Angebot schließlich an. Die Chance, an einem Einsatz dieses Ausmaßes beteiligt zu sein, konnte er nicht ausschlagen. Die DEA prüfte ihn auf Herz und Nieren und gab nach einer gründlichen psychologischen Untersuchung grünes Licht. Das Atlanta PD stellte Alec der DEA für den Zeitraum der verdeckten Ermittlungen zur Verfügung. Quasi als Leihgabe. Rücklieferung in möglichst unbeschädigtem Zustand.
   Das würde sich zeigen …
   Gemeinsam mit Steve Blake arbeitete Alec einen fiktiven Lebenslauf aus, und sein Freund brachte ihm die Tücken der Langzeit-Undercoverarbeit näher. Das kurze Spiel der verdeckten Ermittlung beherrschte Alec bereits. Eine erfundene Identität für ein paar Stunden oder Tage aufrecht zu erhalten, war kein Problem. Für Monate in eine andere Rolle zu schlüpfen, stellte eine ganz andere Herausforderung dar. Steves langjährige Erfahrungen als verdeckter Ermittler halfen Alec, die Risiken besser einzuschätzen und dadurch zu verringern.
   Am schlimmsten war es, seine Eltern im Unklaren zu lassen. Sie durften nicht erfahren, wo er sein würde, was er tat oder wann er zurückkommen würde. Natürlich ahnten sie, dass es sich um keine einfache Versetzung handelte, sondern um einen möglicherweise gefährlichen Einsatz. Er mochte ein begabter Schauspieler sein, doch er war ihr Sohn. Seine Eltern kannten ihn gut genug, um hinter die Fassade sehen zu können. Alec erinnerte sich an die letzten Umarmungen, die letzten aufmunternden Worte, bevor er nach Kalifornien flog. Um sich unter falscher Identität sechs Wochen lang von einem ehemaligen Lehrer der International Stunt School durch die Mangel drehen zu lassen. Alec würde seine Rolle nicht überzeugend spielen können, wenn ihm das richtige Handwerkszeug fehlte. Er musste in der Lage sein, gefährliche Situationen souverän zu meistern und mögliche Verfolger abzuschütteln, ohne dabei sich oder andere zu gefährden, sonst würde er es bei dem Einsatz nicht weit bringen.
   Steve Blake hatte dem Vorschlag zugestimmt. Allerdings nicht, ohne vorher einige ausgewählte Worte in Bezug auf Alecs Motivation fallen zu lassen. Natürlich steckte mehr als reines Pflichtgefühl hinter dem Vorhaben. Warum sollte er Arbeit und Vergnügen nicht miteinander verbinden?
   In der Datenbank der Polizei fanden sie einen Fahrlehrer, der seit einigen Jahren nicht mehr unterrichtete. Was wohl an seinem schillernden Vorstrafenregister lag. Alec stellte den Kontakt her. Er gab vor, sich für eine Karriere als Stuntfahrer zu interessieren und ausgiebig üben zu wollen, bevor er sich bei der International Stunt School bewarb. Die Worte ‚großzügige Bezahlung‘ brachen den ohnehin geringen Widerstand des ehemaligen Lehrers.
   In einem Kaff im Nirgendwo traf Alec auf einen wortkargen Mann in mittleren Jahren, der ihm offen ins Gesicht sagte, was er von der Bullshit-Geschichte mit der Stuntfahrerausbildung hielt: »Nur fürs Protokoll, Jungchen, ich lasse mich nicht für dumm verkaufen!«
   Die Wahrheit interessierte ihn trotzdem nicht. Alec bezahlte die Hälfte der vereinbarten Summe im Voraus, und sie gingen an die Arbeit.
   Was folgte, würde bis ans Ende seines Lebens ganz oben auf Alecs Hitliste der besten Erlebnisse aller Zeiten stehen.
   Schon während der ersten Übungsstunden wurde ihm klar, dass die Fahrtricks, die er sich in den vergangenen Jahren selbst beigebracht hatte, lediglich ein Bruchteil dessen waren, was er leisten konnte. In ihm schlummerte ein Talent, von dem er nichts geahnt hatte. Wie denn auch? Jetzt, da ihm endlich jemand zeigte, welche Möglichkeiten es gab, explodierte es geradezu. Als hätte jemand Benzin in ein schwelendes Feuer gegossen. Das Training erfüllten Alec mit einer unglaublichen Lebendigkeit. Essen, Trinken, Schlafen, alles wurde nebensächlich. Er beschäftigte sich mit der Theorie, analysierte Übungsvideos und genoss jede Minute, die er hinter dem Steuer verbrachte. Gleichgültig, wie oft er eine Übung wiederholen musste, er tat es, ohne zu klagen. Der Ehrgeiz trieb ihn an seine körperlichen Grenzen und manchmal darüber hinaus. Das spürte er abends, wenn er nach dem Training zurück ins Motel kam und auf dem Sofa sofort in tiefen schwarzen Schlaf fiel.
   Der Rausch der Geschwindigkeit hatte ihn gepackt. Dieser Kick, wenn er das Fahrzeug bis an den Rand der Leistungsfähigkeit brachte, wenn die Fliehkraft einsetzte und für einen atemlosen Augenblick nicht klar war, ob er das Manöver schaffen würde.
   Um ihn für alle erdenklichen Straßenverhältnisse zu trainieren, legte sein Fahrlehrer erstaunliche Kreativität an den Tag. Der Höhepunkt war eine Lektion in einem riesigen Kühlhaus, in dem sie mitten in der Nacht das Fahren und Bremsen auf vereister Strecke übten.
   Am Ende der sechsten Woche beherrschte Alec die wichtigsten Manöver wie im Schlaf. Seine Abschlussprüfung bestand aus einer inszenierten Verfolgungsjagd, bei der ihm sein Fahrlehrer demonstrierte, was es bedeutete, einen Gegner im Genick zu haben, der alles daransetzte, um ihn zu stoppen. Es war eine neue Erfahrung auf Alecs persönlicher Angstskala, doch er bestand die Prüfung mit Bravour. Hinterher teilte ihm sein sonst so verschlossener Lehrer beeindruckt mit, dass Alec zu den talentiertesten Schülern gehörte, die er je unterrichtet hatte. Alec würde es weit bringen, ob als Stuntfahrer oder in welcher anderen Profession auch immer.
   Alec wünschte sich, länger bleiben zu können. Für immer bleiben zu können. Doch die Zeit der Vorbereitung lief gnadenlos ab. Also buchte er einen Flug nach Buffalo und packte seinen Koffer.
   Steve Blake war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Während Alec Drifts und Drehungen übte, ebnete ihm sein Freund den Weg in sein neues Leben als Krimineller. Alec sollte sich in Buffalo als Fahrer einen Namen machen und später nach Detroit wechseln, um für die Great Lakes Association zu arbeiten. Allerdings musste erst die nötige Nachfrage geschaffen werden. Die Kurier- und Fluchtwagenfahrer von Detroit sollten von der Bildfläche verschwinden. Der Plan ging hundertprozentig auf. Steves Informanten identifizierten die Fahrer und lieferten die nötigen Hinweise, die Steve wiederum dem Detroit PD zuspielte. In einer koordinierten Nacht- und Nebelaktion kassierte die Detroiter Polizei jeden Fahrer von Steves Liste ein. Danach musste Alec nur abwarten.
   Zwei Wochen später vermittelte ihm die Agentur in Buffalo einen Chauffeurjob. Der Mann, der am vereinbarten Treffpunkt zu Alec in den Wagen stieg, war kein anderer als Eric Deacon.

Kapitel 5

Am Freitag fand Alec sich zu nachtschlafender Zeit in Delray wieder, Detroits ‚idyllischstem‘ Stadtteil. Malerisch gelegen an zwei Flüssen, dem Detroit River im Osten und dem River Rouge im Süden, eingeklemmt zwischen der Interstate 75 im Westen und einer Durchgangsstraße im Norden. Entlang der Flussufer saßen dicht an dicht gedrängt Chemiewerke, Fabriken und Lagerhäuser. Auf Zug Island, einem am Detroit River gelegenem Areal, das der River Rouge wie ein Hufeisen umgab, arbeitete Tag und Nacht ein gigantisches Stahlwerk.
   Alec blickte in die Dunkelheit und lauschte den Trucks, die hoch über seinem Kopf die Interstate 75 entlangdonnerten. Er parkte im Schutze eines der Doppelpfeiler der vielspurigen Überführung mit Sicht auf eine Reihe niedriger Wohnhäuser, deren Besitzer sich rund um die Uhr an dieser Geräuschkulisse erfreuen durften. Alec hatte das Fahrerfenster einen Spalt geöffnet. Kühle Luft drang ins Wageninnere, die einen leicht fauligen Geruch mit sich brachte. Der Wind wehte die Ausdünstungen des Klärwerks herüber.
   Wie konnten Menschen in diesem Industriemoloch leben?
   Die Bewohner von Delray stellten sich offenbar dieselbe Frage. Türen und Fenster vieler Häuser waren mit Brettern vernagelt. Unzählige Schilder boten Grundstücke zum Verkauf an, die niemand haben wollte. Die meisten Straßen besaßen keine Bürgersteige. Ihre Ränder fransten aus wie alte Teppiche und verschmolzen mit den schmalen Grün- oder Schotterstreifen vor den Häusern. Alec war in Delray einem einzigen Auto begegnet, dessen Fahrer geübt die Schlaglöcher im aufgerissenen Asphalt umkurvte.
   Er kratzte sich selbstvergessen unter dem Rand seiner dunklen Baseballkappe. Ihm fiel ein Satz aus einem der Zeitungsartikel ein, die er zur Vorbereitung auf Detroit gelesen hatte. Darin schrieb ein Journalist, dass Delray dem am Nächsten kam, was man als Geisterstadt innerhalb einer Stadt bezeichnen würde. Wahre Worte.
   Das lang gezogene Warnsignal eines herannahenden Zuges ertönte. Bald darauf tauchten die Scheinwerfer einer Lok aus dem Dunkel auf. Alec verfolgte im Rückspiegel, wie unmittelbar hinter ihm ein Güterwaggon nach dem anderen über die Schienen ratterte und quietschend in einer Kurve verschwand.
   Er unterdrückte ein Gähnen und verlagerte sein Gewicht auf die linke Seite, damit ihm der Hintern nicht einschlief. Er war müde und doch hellwach. Sein Körper vibrierte. Es fühlte sich an wie die Sekunden vor einem schweren Gewitter. Wenn die Luft vor Elektrizität knisterte und die Natur den Atem anzuhalten schien. In Vorbereitung auf den Moment, in dem sich die Energie mit einem Höllenknall entladen würde.
   Auf genau diesen Knall wartete er. Vielleicht hoffte er darauf, denn jedes Gewitter war ein Spektakel. Er sah auf die Digitaluhr im Armaturenbrett. Noch eine Stunde.
   Katies Anweisungen waren wie immer kurz gefasst gewesen: den Wagen abholen, nach Delray fahren, exakt an dieser Stelle warten. Bezahlt wurde er für zwei Stunden Bereitschaft.
   Sie waren eindeutig als Rückendeckung für jemanden hier, der Plan B, falls etwas schiefging.
   Doch für wen? Und was konnte schiefgehen?
   Rhythmisches Kauen störte Alecs Gedanken. Er warf einen Blick auf den jungen Mann neben sich. Sein namenloser Passagier gehörte zum heutigen Lieferumfang. Eine Sonderausstattung in teurer Lederjacke. Der Typ kaute unablässig auf einem Kaugummi herum, rutschte immer wieder unruhig in seinem Sitz hin und her und sah in regelmäßigen Abständen auf sein Handy. Solange er es unauffällig tat und das helle Display keine ungebetenen Gäste anlockte, sollte es Alec recht sein. Es gab zahlreiche Gangs in Delray, und es wäre äußerst unvorteilhaft gewesen, von den herumstreunenden Mitgliedern eines dieser Freizeitclubs entdeckt zu werden. Ein Weißer und ein Schwarzer, die nachts in einem Wagen unter einer Unterführung warteten, wären ein gefundenes Fressen. Sein Beifahrer trug eine Pistole unter der Jacke. Er war der nervöse Typ, der sie sicher zur falschen Zeit ziehen würde. Alec verzichtete bei seinen Aufträgen bewusst auf derartige Extras. Kriminelle und Polizisten reagierten gleichermaßen empfindlich auf den Anblick von Schusswaffen. Er wollte weder von einem dahergelaufenen Möchtegerngangster noch von einem übereifrigen Kollegen abgeknallt werden.
   Ein schrilles Klingeln durchbrach die Stille und jagte seinen Puls in die Höhe. Sein Beifahrer richtete sich kerzengerade auf. Er nahm das Gespräch entgegen, nickte, und nickte erneut. »Alles klar, Boss.« Er legte auf. »Das war’s«, sagte er, schlagartig um einiges entspannter. »Wir können abhauen.«
   Alec konnte sich nicht entscheiden, ob er erleichtert oder enttäuscht war. Er drehte wortlos den Zündschlüssel, startete den Motor und rollte aus der Deckung der Brückenpfeiler.
   Alles klar, Boss.
   Boss …
   Hatte Ramesh Dewari sie als Rückendeckung für einen seiner Deals bestellt?
   Alec fuhr langsam über einen unbefestigten Schotterweg, der hinter einer Reihe von Wohnhäusern verlief. Er wollte eben in eine schmale Nebenstraße einbiegen, als er in einiger Entfernung einen Knall hörte. Es klang wie die berühmte Fehlzündung, die keine war. Er bremste und ließ das Fahrerfenster weiter herunter.
   »Was …?«, hob sein Beifahrer irritiert an, doch Alec schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab.
   Es knallte erneut. Keine Fehlzündung. Im nächsten Moment klingelte das Handy.
   »Ja, Boss? Was?« Die Verwunderung des jungen Mannes verwandelte sich schlagartig in Hektik. »Ja, ja, alles klar, Boss! Sofort, Boss! Los, fahr!«, herrschte er Alec an, das Handy noch am Ohr. Er spuckte einen Straßennamen aus, gefolgt von einer kurzen, doch unnötigen Wegbeschreibung. Alec wusste, wo ihr Ziel lag.
   Er gab Gas, bog in die Nebenstraße und fuhr auf eine breite Hauptstraße. Während sie dem Ziel entgegenrasten, und damit einer unbekannten Zahl bewaffneter Krimineller, griff er zwischen Fahrersitz und Mittelkonsole und schaltete den Empfänger für den Polizeifunk ein. Sein Beifahrer blieb am Handy. Nach dem Gesprächsverlauf zu urteilen, mussten sie mehrere Personen einsammeln, die zu Fuß unterwegs waren und verfolgt wurden.
   »Keller Street!«, rief ihm sein Nebenmann plötzlich zu, und wiederholte es lauter, als wäre Alec taub. »Keller Street!«
   Dort waren sie eben vorbeigefahren. Alec legte auf der leeren Fahrbahn einen sportlichen U-Turn hin und raste zurück. Er bog in die Keller Street ein und verlangsamte das Tempo. »Wo sind sie?«
   »Boss, wo seid ihr?«, wurde die Frage weitergegeben. »Da vorn!«
   Die Scheinwerfer des Wagens erfassten eine hochgewachsene Gestalt, die aus der Deckung eines Lieferwagens getreten war. Lennox Kinley, Rameshs Bodyguard. Der Mann, der Alec im Nachtclub so liebevoll gegen den Oberarm geknufft hatte. Noch bevor Alec zum Stehen gekommen war, hatte Lennox bereits die rechte Hintertür aufgerissen. Eine kleinere, schmalere Gestalt kam mit zügigen Schritten näher. Ramesh Dewari, der trotz allem verdammt entspannt wirkte, ließ sich samt schwarzem Aktenkoffer hinter Alec auf die Rückbank fallen.
   »Nett, dass ihr vorbeischaut«, begrüßte Ramesh sie mit seinem indischen Singsangakzent.
   Zwei Anschnallgurte klickten.
   »Wo sind die anderen?«, fragte der junge Mann auf dem Beifahrersitz nervös.
   »Alternative Route«, knurrte Lennox Kinley, weit weniger entspannt.
   Alecs wachsamer Blick bemerkte eine Bewegung in der Dunkelheit. Ein Mann kam auf den Wagen zugelaufen. »Gehört der zu euch?« Noch während er fragte, legte er den Rückwärtsgang ein.
   Sobald er das zweifache »Nein« von der Rückbank hörte, trat er das Gaspedal durch. Begleitet vom gequälten Aufheulen des Motors schoss der Wagen rückwärts. Was den Mann auf der Straße dazu veranlasste, stehen zu bleiben und mit einer Waffe auf sie zu zielen.
   »Deckung!«, befahl Alec seinen Fahrgästen.
   Plötzlich wurde der bewaffnete Mann von hinten in helles Licht getaucht. Ein Auto raste gefährlich nah an ihm vorbei und drängte sich zwischen Schütze und Ziel.
   Da hatte Alec sein Gewitter.
   Im Rückwärtsgang würde er den Verfolgern nicht entkommen. Er musste wenden!
   Im Außenspiegel sah er zu seiner Linken eine Querstraße. »Festhalten!«, brüllte er, umfasste die Handbremse und lenkte abrupt nach rechts. Noch während das Fahrzeug herumschleuderte, legte er den ersten Gang ein. Sobald sie mit der Nase zur Querstraße standen, beschleunigte er erneut, doch das Manöver hatte zu lange gedauert. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Knall rammten sie das andere Auto seitlich am Heck. Der heftige Aufprall entriss Alec fast das Lenkrad. Jemand schrie auf. Sie drehten sich um die eigene Achse. Alec steuerte gegen und brachte den Wagen zum Stehen. Die Querstraße, in die er hatte fahren wollen, lag jetzt schräg hinter ihnen. Der andere Wagen stand einige Meter entfernt. Weiße Lichter blendeten am Heck auf, als der Fahrer den Rückwärtsgang einlegte, um sie erneut zu rammen. Diesmal würde er die Beifahrerseite erwischen. Alec beschleunigte. Weil er keinen anderen Ausweg sah, hielt er direkt auf eines der Wohnhäuser zu. Das andere Fahrzeug verfehlte sie nur knapp. Kurz bevor Alec den Hausbewohnern die Blumenkübel von der Terrasse räumte, riss er das Steuer herum, schlitterte über ein schmales Rasenstück und brachte den Wagen zurück auf die Straße. Sein Herz hämmerte, als wollte es ihm aus der Brust springen und wegrennen. Er raste auf eine Kreuzung zu und bog links ab, die Verfolger hartnäckig am lädierten Heck. Der Polizeiempfänger rauschte und knackte. Die Zentrale meldete einen Einbruch in einem anderen Teil der Stadt. Kein Wort über Delray. Bis jetzt. Vor Alec hob sich die Überführung der Interstate 75 gegen den Nachthimmel ab. Keine gute Idee. Die Verkehrskameras wären ein sicheres Ticket in die Abendnachrichten. Er musste die Verfolger in den Geisterstraßen von Delray loswerden, wo die Wahrscheinlichkeit, auf eine Polizeistreife zu treffen, weitaus geringer war.
   Rechts hinter ihm surrte eine Fensterautomatik. Alec blickte rasch über die Schulter. Lennox Kinley hatte den Gurt gelöst und saß seitlich auf der Rückbank, mit einer Pistole in der Hand. Im nächsten Moment lehnte er sich aus dem Fenster und richtete die Waffe auf ihre Verfolger. In aller Ruhe, als würde er das jeden Tag machen. Alec konzentrierte sich wieder auf die Straße und wartete auf den Schuss. Es knallte, das Geräusch gedämpft und verzerrt durch die Geschwindigkeit. Alec wusste nicht, ob Lennox getroffen hatte. Ein Blick in den Außenspiegel verriet, dass der andere Wagen zurückgefallen war.
   Doch die Verfolger gaben nicht auf.
   Am Straßenrand tauchten Warnschilder auf, die auf einen Bahnübergang hinwiesen. Schon von Weitem erkannte Alec, dass die Schranken geöffnet waren.
   Kleine Geschenke …
   Der Wagen hüpfte wie ein Känguru über die Schienen. Auf der rechten Straßenseite tauchten in der Dunkelheit hohe Containerstapel aus. Ein Großteil der Stahlboxen befand sich innerhalb eines umzäunten Geländes, doch einige Container waren einzeln oder in kleinen Gruppen vor dem Zaun abgestellt worden. Während sie an den Boxen vorbeirasten, durchzuckte Alec ein Gedanke. Eine Idee. Vor ihnen beschrieb die Straße eine Kurve und verlief danach weiter entlang des Geländes. Wenn sein Glück hielt und er schnell genug reagierte …
   Er überprüfte den Abstand zu den Verfolgern. Ihm würden lediglich wenige Sekunden zur Verfügung stehen. Verdammt knapp. Die Kurve war schlecht einzusehen, und er musste abbremsen, um eventuellem Gegenverkehr ausweichen zu können. Er schaffte es durch die Kurve, ohne den Wagen um einen Baum zu wickeln, und entzog sich für wenige kostbare Sekunden den Blicken der Verfolger. Und das Glück war auf seiner Seite. Am Straßenrand standen hintereinander aufgereiht fünf Container. Alle ein gutes Stück vom Zaun entfernt.
   »Festhalten!« Alec scherte haarscharf vor der ersten Metallbox ein und trat brutal auf die Bremse. Die Fliehkraft schleuderte ihn vorwärts. Sein Gurt arretierte und schnitt ihm schmerzhaft in den Oberkörper. Mit einem raschen Blick über die Schulter überzeugte er sich davon, dass die Lücke zwischen Zaun und Container genug Platz bot, schaltete die Scheinwerfer aus und setzte schwungvoll zurück. Dabei blieb der linke Außenspiegel am Container hängen und klappte geräuschvoll in die falsche Richtung.
   Kaum war der Wagen in der Deckung verschwunden, rasten schon ihre Verfolger vorbei.
   Atemlos blickte Alec den Rücklichtern nach, die kleiner und kleiner wurden und schließlich in der Nacht verschwanden. Es hatte tatsächlich geklappt! Ihm wurde schwindlig vor Erleichterung und Euphorie. Der Polizeiempfänger sendete unermüdlich die kurzen Wortwechsel zwischen Streifenwagen und Zentrale, doch niemand erwähnte Delray. Sie hatten es geschafft!
   »Holy Shit!« Für einige Sekunden vergaß Lennox Kinley seinen amerikanischen Akzent, und die Straßen von Belfast überzogen seine Stimme mit einer zentimeterdicken Schicht. »Kann jemand den Mistkerl am Steuer küssen, damit ich es nicht tun muss?«
   Alec musste lachen, und mit dem Lachen fiel ein Teil der Anspannung ab. Sein Körper prickelte vom Adrenalin. Sein Nacken war schweißnass, und seine Hände schienen in den Lederhandschuhen zu glühen.
   »Respekt!« Lennox verpasste ihm einen anerkennenden Schlag auf die Schulter.
   Alec unterdrückte einen Schmerzenslaut. Irgendwann würde er dem Mann den Unterschied zwischen freundschaftlichem Klaps und ernst gemeinter Gewalt erklären müssen.
   Neben Alec brach plötzlich Hektik aus. Sein namenloser Beifahrer löste den Gurt, stieß die Wagentür so weit auf, wie es der Zaun erlaubte, beugte sich hinaus und verabschiedete sich würgend von seinem Mageninhalt.
   Auf der Rückbank fing Lennox Kinley an, dröhnend zu lachen.
   Alec erinnerte der Anblick an den ersten Tag seines Fahrtrainings. Als sein Lehrer ihm zur Einstimmung gezeigt hatte, welche Manöver ein Stuntfahrer beherrschen sollte. Nach der Präsentation hatte Alecs Magen ähnlich reagiert.
   Er wandte sich nach hinten um und sah zu Ramesh Dewari. »Alles klar?«
   »Alles klar«, kam die ruhige Antwort. Die Dunkelheit verbarg Rameshs Miene, und Alec fragte sich, was der Mann wohl dachte.
   »Wir müssen den Wagen loswerden«, sprach Alec das Offensichtliche aus. Der Schaden am Heck würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Sobald sie Delray verließen, war es lediglich eine Frage der Zeit, bis sie von einer Streife angehalten würden. Vier Männer, mindestens zwei davon bewaffnet, ein illegaler Polizeiempfänger und ein schwarzer Aktenkoffer mit unbekanntem Inhalt. Bye bye, verdeckte Ermittlungen.
   »Ich kümmere mich darum.« Ramesh zog sein Handy hervor. Nach einem kurzen Anruf nannte er Alec eine Adresse am Rande von Delray.
   Sobald sich sein Beifahrer gesammelt hatte, fuhr Alec aus dem Versteck. Er bog den beschädigten Außenspiegel in eine einigermaßen brauchbare Position zurück und wendete.
   Die genannte Adresse gehörte zu einem Supermarkt, auf dessen Parkplatz zwei Männer sie mit einem dunklen Pkw und dem Transporter einer Kurierfirma erwarteten. Während Alec über den leeren Platz fuhr, öffnete einer der Männer die Hintertüren des Transporters und zog zwei breite Schienen heraus. Er legte sie so zurecht, dass eine flache Rampe entstand. Auch ohne die eindeutigen Gesten des Mannes wusste Alec, was er zu tun hatte. Er wartete, bis seine Fahrgäste ausgestiegen waren, danach bugsierte er den Wagen über die Rampe in den Transporter. Es war Maßarbeit, und es blieb kaum Platz, um die Fahrertür zu öffnen. Während sich Alec durch den engen Spalt quetschte, räumte der Mann die Schienen wieder ein. Alecs namenloser Beifahrer saß bereits mit dem zweiten Mann im anderen Wagen. Ramesh und Lennox warteten einige Schritte entfernt.
   »Er nimmt dich mit.« Ramesh deutete auf den schweigsamen Mann beim Transporter. »Das war gute Arbeit«, fügte er hinzu, und in seinem Blick lag Anerkennung.
   »Dafür werde ich bezahlt.«
   Alecs Gegenüber schmunzelte angesichts des kleinen Revivals aus dem Arabian Nights.
   »Hervorragend bezahlt, wenn ich mich recht erinnere.«
   Diesmal sagte Alec es. »Qualität hat ihren Preis.«
   Rameshs schnaufte amüsiert und gab Lennox Kinley ein Zeichen. Der Bodyguard zwinkerte Alec zum Abschied zu.
   Noch bevor Ramesh in den dunklen Pkw einstieg, holte er sein Handy hervor und begann zu telefonieren. Alec blickte ihm nach. Was, zur Hölle, war da vorhin passiert?
   Ihm kam das Gespräch mit Steve Blake in den Sinn. Die neuen Spieler, die sich rücksichtslos im Revier der GLA breitmachten. Hatten sie heute Nacht eine Kostprobe ihrer Geschäftsmethoden geliefert?
   Falls ja, würde es bald lustig auf Detroits Straßen werden.
   Alec nahm auf dem Beifahrersitz des Transporters Platz und teilte seinem Chauffeur mit, wo er den Daytona geparkt hatte. Während sie Delray endgültig verließen, betrachtete er nachdenklich die vorbeiziehenden Häuser.
   Die Haie kamen näher.
   Es dauerte noch eine Weile, bis er den Daytona in der Tiefgarage abstellte und im Fahrstuhl zu seiner Wohnung fuhr. Inzwischen hatte die aufputschende Wirkung des Adrenalins nachgelassen, und er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt. Das unvermeidliche Tief nach dem Höhenflug. In seinem Magen rumorte es. Er konnte nicht sagen, ob es Hunger oder Übelkeit war.
   Mit unsicheren Fingern schloss er seine Wohnungstür auf, verschwendete keine Zeit daran, Schuhe oder Jacke auszuziehen, und ging direkt in die Küche. Er holte eine Packung Tiefkühllasagne aus dem Kühlschrank und stellte sie in die Mikrowelle. Hoffentlich war es Hunger. Sollte er sich irren, würde er es bald merken. Während er wartete, öffnete er eine Flasche Bier. Trotz Jacke fröstelte er. Nach dem vierten Schluck fing seine Hand an zu zittern. So stark, dass er die Flasche abstellen musste. Sein ganzer Körper zitterte plötzlich. Seine Knie wurden weich, und er hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Der einzige Stuhl stand zusammengeklappt an der Wand neben dem Fenster. Zu weit weg. Alec sank auf die kalten Fliesen und lehnte sich rücklings gegen den Herd.
   Erinnerungen an die Verfolgungsjagd blitzten vor seinem inneren Auge auf. Wie aus einer frisch aufgebrochenen Quelle sprudelten sie hervor und füllten seinen Kopf mit Bildern und Geräuschen. Er meinte, erneut den Knall zu hören, als die Verfolger seinen Wagen rammten. Er spürte noch einmal den heftigen Aufprall und das Herumschleudern. Schweiß bildete sich an seinen Schläfen und im Nacken. Er zwang sich zur Ruhe, konzentrierte sich auf jeden Atemzug.
   Mit einem leisen Ping schaltete sich die Mikrowelle ab.
   Alec blieb sitzen, bis das Zittern nachließ und sich sein Herzschlag normalisierte. Sobald er wieder Kontrolle über seine Hände hatte, nahm er das Bier von der Anrichte und trank einen großen Schluck. Das half. Er presste die kühle Flasche gegen seine Stirn und atmete langsam aus.
   Alles in Ordnung.

Kapitel 6

Gegen Mittag erwachte Alec mit einem Kratzen im Hals, Muskelkater in den Armen und einem Trommler im Kopf, der hervorragend zu den Regentropfen passte, die gegen das Schlafzimmerfenster prasselten. Er kochte mürrisch Kaffee und bestrich zwei Scheiben Toast mit Erdnussbutter. Ein klares Zeichen für seinen schlechten Allgemeinzustand. Die Steigerung wären warme Waffeln mit Erdnussbutter und Aprikosenmarmelade. Ein wirksames Rezept gegen wirklich miese Stimmungen. Heute würde der Toast reichen. Er frühstückte lustlos und trank einen zweiten Becher Kaffee. Anschließend packte er seine Sporttasche. Wenn er nicht das Blei aus den Gliedern und die Watte aus dem Kopf bekam, konnte er diesen Tag vergessen. Alec verließ die Wohnung und nahm die Treppe, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen.
   Der Regen hatte nachgelassen. Die Luft fühlte sich feuchtwarm und klebrig an. Nicht hilfreich bei Kopfschmerzen. Ein Stück entfernt mähte der Hausmeister stumpfsinnig eine der Rasenflächen, die den Wohnblock umgaben. Er hatte es nicht für nötig befunden, vorher den Müll einzusammeln, und hinterließ einen bunten Teppich aus abgeschnittenen Grashalmen und geschreddertem Plastik. Vollidiot.
   Alec zog die Kapuze seines Pullovers tief in die Stirn und ging das kurze Stück bis zu einer in die Jahre gekommenen Ladenzeile. Dort hatte sich zwischen einem Schnellimbiss und einem Waschsalon eine Sportschule angesiedelt, die verschiedene Kampfsportarten, Selbstverteidigung und Boxen unterrichtete. Gegen eine geringe Gebühr konnten Nichtmitglieder außerhalb der Kurszeiten das Box-Gym zum Training nutzen. Alec machte von diesem Angebot regelmäßigen Gebrauch. Er zog die mit asiatischen Schriftzeichen beklebte Eingangstür auf, bezahlte am Empfangstresen und ging in den Keller. Unten schlug ihm ein Aroma von Schweiß, alten Socken und verbrauchter Luft entgegen. Es roch wie damals in der Sporthalle seiner Highschool. Er zog sich um und wärmte sich auf einem der Laufbänder auf. Außer ihm trainierten sechs andere Männer. Zwei von ihnen lieferten sich einen von Flüchen und Beleidigungen begleiteten Schlagabtausch im Ring. Sie trugen keinen Kopfschutz und hatten sichtlich Vergnügen daran, sich gegenseitig die Flausen aus den grauen Zellen zu dreschen.
   Manchmal verirrten sich Studenten der nahen Universität in die Boxhalle, um zur Abwechslung etwas anderes zu trainieren als ihren Intellekt. Das Stammpublikum war jedoch weit weniger akademisch veranlagt.
   Obwohl Alec problemlos einen Sparringspartner gefunden hätte, verzichtete er auf den Clinch mit einem menschlichen Gegner. In dieser unsortierten Stimmung neigte er dazu, sportliche Auseinandersetzungen zu ernst zu nehmen. Die Erfahrung wollte er keinem der Anwesenden zumuten. Deshalb konzentrierte er sich auf Konditions- und Technikübungen. Zum Abschluss prügelte er auf einen der Sandsäcke ein. Mit jedem Schlag fühlte er sich besser. Eine ausgiebige Dusche brachte ihn endgültig zurück in die Welt der Lebenden.
   Nach dem Training ging er zu der Tankstelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite und kaufte Lebensmittel ein. Der Minimarkt, der an die Tankstelle angeschlossen war, hatte einen separaten Liquor Store. Dort konnte man neben Bier und Mixgetränken reichlich harten Alkohol kaufen. Alec betrachtete skeptisch die Reihen von Whiskey, Bourbon, Scotch und Co.
   Sprit für deine Karre und Sprit für deinen Körper.
   Ein hübsches Verkaufskonzept.
   Alec klemmte sich einen Sechserpack Bier unter den Arm, bezahlte und machte sich auf den Rückweg.
   Weil er vorhin die Treppe genommen hatte, war ihm entgangen, dass einer der Fahrstühle den Geist aufgegeben hatte. Der Grund, weshalb es zwei davon gab: damit der Hausmeister stets einen Platz fand, an dem er sein selbst gemaltes Defekt-Schild aufhängen konnte. Der intakte Fahrstuhl spuckte nach scheinbar endloser Wartezeit eine Horde Vorschulkinder aus, die Alec fast umrannte. Die junge Frau, die zu dem lärmenden Haufen dazugehörte, lächelte ihn entschuldigend an. Sie war hübsch, und für dieses Lächeln hätte er ihr weitaus schlimmere Dinge verziehen. Schlagartig besser gelaunt, fuhr er hoch in seine Wohnung, räumte die Sporttasche und die vom Nieselregen feuchten Papiertüten aus und aß eine Kleinigkeit.
   Danach fuhr er nach Delray, ohne recht zu wissen, was er von diesem Ausflug erwartete.
   Bei Tage wirkte der Stadtteil noch trister als bei Nacht. Obwohl Alec vereinzelte Fahrzeuge auf den Straßen sah, ein paar spielende Kinder und Anwohner beim samstäglichen Hausputz, verstärkte dieses Mehr an Leben auf sonderbare Weise den Eindruck der Verlassenheit. Er fühlte sich wie von unsichtbaren Augen beobachtet. Es lag eine ablehnende, beinahe feindselige Stimmung in der Luft. Delray ließ ihn spüren, dass er nicht willkommen war. Je näher Alec den Schauplätzen der nächtlichen Verfolgungsjagd kam, desto angespannter wurde er. Schließlich fuhr er langsam an der Stelle vorbei, an der einige Stunden zuvor die Verfolger seinen Wagen gerammt hatten. Abgesehen von den zersplitterten Überresten einer Heckbeleuchtung, dunklen Bremsspuren auf dem rissigen Asphalt und einem von Reifen aufgewühlten Rasenstreifen deutete nichts darauf hin, dass hier vier Menschen fast ihr Leben ausgehaucht hätten.
   Alec fuhr weiter zu der Straße, deren Namen ihm sein Beifahrer zuerst zugerufen hatte.
   Auch hier deutete nichts auf die nächtlichen Ereignisse hin. Vielleicht in einer der Querstraßen …
   Er wollte rechts abbiegen, entdeckte in der Ferne einen Streifenwagen und hielt an. Zwei Polizisten standen neben ihrem Dienstfahrzeug und steckten die Köpfe zusammen. Eine Gruppe Jugendlicher beobachtete die Uniformierten misstrauisch, fast feindselig aus sicherer Entfernung. Auf der Veranda eines Hauses saßen drei ungepflegte Männer nebeneinander, rauchten, tranken Dosenbier und schauten unverwandt zu den Polizisten. Alec beneidete seine Kollegen nicht um die Aufgabe, in dieser Nachbarschaft Zeugen für eine Schießerei finden zu müssen.
   Auf der anderen Straßenseite lehnten zwei dunkelhäutige Männer an einem mit Sperrmüll beladenen Anhänger. Bis eben hatte ihre Aufmerksamkeit ebenfalls den Polizisten gegolten. Nun sahen sie zu Alec herüber. Bevor sie dem weißen Mann in dem dunkelblauen Dodge zu viel Interesse entgegenbrachten, setzte Alec den Blinker und bog nach links ab. Er fuhr ein Stück und hielt an, um nachzudenken. Zumindest kannte er jetzt einen Straßennamen. Vielleicht ließ sich daraus etwas machen. Sein umherschweifender Blick blieb an der ausgebrannten Ruine eines Wohnhauses hängen, die mitten zwischen anderen unversehrten Häusern stand. Ein windschiefer, mit Warnschildern versehener Maschendrahtzaun sollte allzu neugierige Menschen davon abhalten, das einsturzgefährdete Gebäude zu betreten. Nach den zahlreichen Löchern im Zaun zu urteilen, ein sinnloses Unterfangen. Irgendjemand hatte ein Schild auf dem schwarz verbrannten Rasen aufgestellt:
   A Victim of Devil’s Night – Protect Your Neighbourhood!
   Die Devil’s Night war die Nacht vor Halloween, in der einige Detroiter traditionell ganz besondere Partys feierten. Während die Kinder der Stadt in den Betten lagen und sich darauf freuten, am nächsten Abend in Kostümen von Tür zu Tür zu gehen und Süßigkeiten einzusammeln, zogen hirnlose Randalierer mit Brandbeschleunigern, Fackeln und Feuerzeugen los und ließen ihrer pyromanischen Veranlagung und Zerstörungswut freien Lauf. Jedes Jahr brannten in der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober leer stehende Gebäude in Detroit. Von denen gab es reichlich. In der letzten Devil’s Night waren an die hundert angezündet worden. In ganz schlimmen Jahren brannten auch bewohnte Häuser. Groß angelegte Aktionen wie die Angel’s-Night-Kampagne riefen die Bürger dazu auf, während der drei Nächte um Halloween in den Straßen zu patrouillieren und verdächtige Personen der Polizei zu melden. Die Zahl der Brände hatte sich dadurch deutlich verringert. Trotzdem ließ sich nicht jeder Feuerteufel den Spaß verderben. Dieses Jahr würde Alec die Devil’s Night möglicherweise live und in Farbe miterleben. Er sah dem Ereignis mit einer gewissen gespannten Erwartung entgegen.
   Er wollte schon weiterfahren, als er etwas entdeckte, womit er in Delray niemals gerechnet hätte. Verblüfft stellte er den Motor ab, stieg aus und ging zwischen der Ruine und dem Wohnhaus daneben hindurch. Jenseits der Häuser blühte auf einem unbebauten Grundstück ein Meer von Blumen. Eine Explosion von Farben inmitten dieser tristen Wüste. Leichter Wind brachte das Meer zum Wogen. Der feine, süße Duft des Sommers stieg Alec in die Nase. Er atmete tief ein und schloss für einige Sekunden die Augen. Die Anspannung in seiner Brust ließ nach, ihm wurde leichter zumute. Als er die Augen wieder öffnete, sah er zu seiner Rechten einen Gemüsegarten. Etwas abseits standen zwei junge Apfelbäume. Jemand hatte dieses Stück Brachland in etwas Wunderbares verwandelt. Direkt neben einer ausgebrannten Ruine sprühte es vor Leben. Alec fühlte sich auf eine Weise berührt, die ihn überraschte.
   Es gab Pläne, Teile von Detroit einzuebnen und als landwirtschaftliche Flächen zu nutzen. Um die Stadt gesundzuschrumpfen und die Bewohner mit günstigen Nahrungsmitteln zu versorgen. Irgendein reicher Geldsack wollte dreißig Millionen Dollar investieren, um das Vorhaben zu realisieren. Bisher hatte Alec das alles für versponnene Fantasien gehalten. Hier bekam er eine Ahnung davon, wie es aussehen könnte, wenn die Pläne umgesetzt würden.
   Er ging zu den maroden Überresten einer niedrigen Mauer, die früher einen Teil des Geländes umgeben hatte, und setzte sich. Eine Weile saß er einfach nur da, am Rande dieser kleinen Oase, und genoss die Ruhe, den Duft der Blumen und die warme Sonne auf seinem Gesicht.
   Schließlich ging er zum Wagen zurück und verließ Delray, versöhnt mit der Welt und erfüllt von Hoffnung und Zuversicht. Manchmal brauchte es dafür erstaunlich wenig. Das Lächeln einer hübschen Frau oder einen Blumengarten, wo man ihn nicht erwartete.
   Bei einem Internetcafé legte Alec einen Zwischenstopp ein und rief die Seiten der wichtigsten Zeitungen von Detroit auf. Er suchte vergeblich nach Meldungen über die Schießerei in Delray. Der Vorfall war wohl nicht interessant oder ungewöhnlich genug. Auf der Website einer Stadtteilzeitung wurde er schließlich doch fündig. In fünf dürftigen Zeilen war dort etwas über eine Schießerei in einem leer stehenden Haus in Delray zu lesen, Hintergründe unbekannt, zwei Männer afroamerikanischer Herkunft wurden in der Nähe des Tatorts beobachtet. In einer Stadt, in der über achtzig Prozent der Einwohner afroamerikanischer Herkunft waren, würde die Beschreibung bei der Suche nach den Verdächtigen ungemein hilfreich sein.
   Alec beschloss, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen, aber in den kommenden Tagen die Nachrichten zu verfolgen. Er konnte keine potenziellen Zeugen befragen, ohne aufzufallen und den ermittelnden Kollegen unweigerlich in die Quere zu kommen. Nach einem Blick auf die Uhr beschloss er, dem Autoshop einen Besuch abzustatten. Genauer gesagt, dem Impala.

Er erreichte die Werkstatt kurz vor Torschluss und musste die üblichen Sticheleien hinsichtlich seines Mangels an Privatleben und weiblichem Zuspruch über sich ergehen lassen. Er nahm es wie ein Mann, wünschte seinen Kollegen ein schönes Wochenende und verschwand in der Garage.
   Kurz darauf gesellte sich Mikelti zu ihm, und sie arbeiteten zwei volle Stunden gemeinsam an dem Impala. Schließlich konnte sich Mikelti seinen familiären Verpflichtungen nicht länger entziehen. Sie trugen die Kartons mit den gesäuberten Teilen der Bremsanlage zu seinem Wagen und verabschiedeten sich. Alec fand es schade, allein weiterarbeiten zu müssen. Zu zweit machte es einfach mehr Spaß. Er schob eine CD von Gary Moore in die angestaubte Ministereoanlage und drehte die Lautstärke auf. Während er im Takt der Musik mitwippte, studierte er den Bauplan für die Elektrik.
   Als Alec spät am Abend seine Wohnung betrat, erwartete ihn eine Überraschung. Jemand hatte in seiner Abwesenheit eine Zeitschrift durch den Briefschlitz geschoben. Da der Postbote gewöhnlich nicht den Weg in den fünften Stock fand, sondern die Briefkästen im Eingangsbereich benutzte, konnte es sich nur um eines handeln. Alec hob die Zeitschrift auf, zog Jacke und Schuhe aus und setzte sich im Wohnzimmer aufs Sofa. Im Schein der Stehlampe betrachtete er das Cover. Movie Madness. Die Septemberausgabe einer monatlich erscheinenden Kinozeitschrift. Er blätterte bis Seite zwanzig vor und hielt inne. Dort waren Fotos von drei Männern abgedruckt, zwei dunkelhäutig, einer weiß. Qualitativ unterschieden sich die Aufnahmen von keiner anderen in der Zeitschrift. Was dem unbedarften Betrachter vielleicht auffallen könnte, war die Art der Aufnahmen. Es waren beobachtende Bilder, die alle drei Männer bei alltäglichen Handlungen festhielten. Beim Tanken, beim Anzünden einer Zigarette, beim Telefonieren. Keiner der Männer blickte in die Kamera, und keiner versprühte einen Funken von Hollywoodcharme.
   Ein Gruß von Steve Blake.
   Unter den Fotos standen die Namen der Männer und der Zusatz Copyright N. Y.
   Also keine aktuellen Aufnahmen, sondern Archivbilder aus New York. Der dazugehörige Text war eine erstaunlich kreative Kritik über einen angeblichen neuen Thriller, in die zusätzliche Informationen über die Männer einflossen. Die Verdächtigen gehörten der Organisation an, die der GLA das Geschäft streitig machen wollte. Die dunkelhäutigen Männer waren Brüder und vermutlich die Anführer. Der Weiße sollte einer ihrer Lieutenants sein.
   Alec prägte sich die Gesichter und Namen gründlich ein. Danach trennte er die Seite fein säuberlich aus der Zeitschrift, holte eine Packung Streichhölzer aus der Küche und ging ins Badezimmer. Außer Reichweite der Rauchmelder veranstaltete er ein kleines Feuer im Waschbecken und beobachtete, wie sich das Papier mit den Informationen in Asche und Rauch auflöste.

Kapitel 7

Die Detroit Regional Bank war eine kleine Bank, deren Zentrale in einer Seitenstraße im Finanzdistrikt lag. Fernab der großen Banken und weltbewegenden Entscheidungen. Bei Alecs Eintreten saßen die beiden Finanzberater gelangweilt an ihren Tischen und unterhielten sich leise. Lediglich einer der drei Schalter war besetzt. Eine gebrechlich wirkende alte Dame stand auf einen Stock gestützt davor und redete ohne Punkt und Komma auf einen sichtlich um Geduld bemühten Angestellten ein.
   Alec ging weiter in den hinteren Bereich der Filiale. Dort befand sich eine Treppe, über die man in den Keller und zum Raum mit den Schließfächern kam. An einem Tisch neben der Treppe gab eine junge Frau Informationen von einem Blatt Papier in einen Computer ein. Sobald sie ihn sah, unterbrach sie ihre Arbeit. Er teilte ihr mit, dass er an sein Schließfach wolle, und reichte ihr seinen Führerschein. Die junge Frau verglich akribisch die Daten mit den im System vermerkten Angaben und begleitete ihn nach unten. Sie war ein hübsches Mädchen in einem hübschen Kostüm. Alec nickte dem bewaffneten Sicherheitsbeamten zu, der die massive, halb geöffnete Tresortür bewachte, hinter der sich die Schließfächer befanden. Alecs hübsche Begleitung fand das passende Schließfach, löste den Generalschlüssel von der schmalen Kette um ihren Hals und steckte ihn in eines der beiden Schlüssellöcher. Sobald Alec seinen Schlüssel in das zweite Schlüsselloch gesteckt hatte, öffneten sie gemeinsam das Fach. Die junge Frau zog den flachen Metallkasten aus dem Inneren und setzte ihn auf einem Tisch in der Mitte des Raumes ab. Anschließend wünschte sie Alec einen guten Tag und ging. Sobald sie den Raum verlassen hatte, öffnete Alec den Metallkasten und entnahm ihm einen gut gefüllten Umschlag. Die Bezahlung für die letzten beiden Jobs und die Kurierfahrten. Er zählte rasch nach, legte den Umschlag auf den Tisch, klappte den Metallkasten wieder zu und schob ihn zurück ins Schließfach. Nach einem prüfenden Blick zur Tür stemmte Alec den rechten Fuß gegen die Tischkante und tastete im Innenfutter seines Turnschuhs nach einem schmalen Schlitz. Daraus holte er einen zweiten Schlüssel hervor und öffnete ein weiteres Schließfach. Das Einzige in diesem Tresorraum, das sich mit nur einem Schlüssel öffnen ließ. Ein Service der Detroit Regional Bank, der Steve Blake sämtliche Überredungskünste abverlangt hatte. In dem Metallkasten lagen drei Geldumschläge und ein Handy samt Ladegerät. Alec legte den neuen Umschlag dazu. Die Bezahlung der Great Lakes Association wanderte direkt zur Regierung der Vereinigten Staaten. Er schloss das Schließfach ab und versuchte, nicht allzu intensiv darüber nachzudenken, was man von dem Geld alles kaufen könnte.
   Vor dem Ende seiner Mittagspause musste Alec auf die Suche nach einer ordentlichen Mahlzeit gehen. Er verließ die Bank und ging zu der Pizzeria auf der anderen Straßenseite. Na gut, das ‚ordentlich‘ würde er heute streichen. Am Fenster für den Straßenverkauf bestellte er eine Pizza Salami mit extra Käse und eine Flasche Wasser. Während er noch Kleingeld suchte, war vom Ende der Straße ein schrilles Quietschen von Metall auf Metall zu hören. Ein Zug des People Movers bog auf Gleisen hoch über der Straße um die Ecke und ratterte wenig später über Alecs Kopf hinweg. Alec sah den beiden Waggons belustigt nach. Der People Mover war Detroits putzige Version eines Massentransportmittels. Die Gesamtstrecke umfasste beeindruckende dreizehn Stationen und bediente ausschließlich den Innenstadtbereich. Die Züge fuhren allerdings nur in eine Richtung. Wer seine Station verpasst hatte, musste die gesamte Strecke im Kreis fahren, um ans Ziel zu kommen. Eine tolle Möglichkeit für Touristen, um eine günstige Sightseeingtour durch die Innenstadt zu machen, nahezu nutzlos für die arbeitende Bevölkerung. Das kam dabei heraus, wenn eine Autostadt versuchte, ein öffentliches Nahverkehrsmittel zu schaffen.
   Kurz bevor Alec auf das Werkstattgelände einbog, entdeckte er den schwarzen Mercedes. Das auf Hochglanz polierte Fahrzeug stand neben dem Zaun zur Straße. Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Es verstärkte sich, als er das Kennzeichen erkannte. Er parkte neben der Doppelgarage und beobachtete den Mercedes einige Sekunden lang durch den Außenspiegel. Die verdunkelten Scheiben verwehrten den Blick ins Innere.
   Was wollte Ramesh Dewari hier?
   Alec war gerade ausgestiegen, als sich die Tür zum Büro öffnete und Ramesh ins Freie trat.
   Alec erstarrte. Das war überhaupt nicht gut!
   Während sich Ramesh in aller Ruhe eine Zigarette anzündete, erschien Mikelti in der Tür. Das Gesicht und die Körpersprache des älteren Mannes verrieten Missbilligung. Das änderte sich auch nicht, als er Alec entdeckte. Ramesh steckte Feuerzeug und Zigarettenschachtel ein. Er sagte etwas zu Mikelti und schlenderte danach zu Alec herüber. Alec ging ihm entgegen, und sie trafen sich auf halber Strecke außer Hörweite von Mikelti, der sich nach einem strengen Blick ins Büro zurückzog.
   »Was willst du hier?« Alec gab sich keine Mühe, freundlich zu sein oder eine angemessene Anrede zu benutzen.
   Ramesh blies lässig Zigarettenrauch aus. »Ich war neugierig.« Er dämpfte die Stimme. »Ich wollte sehen, was du treibst, wenn du nicht auf der Flucht vor der Polizei bist. Oder vor einem Haufen schießwütiger Dealer.«
   »Woher weiß du, dass ich hier arbeite?«
   »Ich habe meine Quellen.«
   Natürlich. Wahrscheinlich kannte Ramesh auch seine Adresse in den Freedom Place Apartments.
   Alec hatte damit gerechnet, ausspioniert zu werden. Gefallen lassen musste er es sich nicht. »Du wirst hier nie wieder unangemeldet auftauchen!«, gab er scharf zurück.
   Rameshs Lächeln verschwand. »Wie bitte?«
   »Du hast mich verstanden.« Alec sprach leise, doch bestimmt. »Meine Kollegen halten mich für einen gesetzestreuen Bürger, und dabei soll es bleiben. Dieser Job ist meine Tarnung. Ich habe keine Lust, ihn deinetwegen zu verlieren. Deshalb wirst du dich in Zukunft von dieser Werkstatt fernhalten.«
   Ramesh Augen wurden tiefschwarz. »Niemand sagt mir, was ich zu tun oder zu lassen habe.« Seine sonst so charmant klingende Stimme bekam einen eisigen Unterton. »Du schon gar nicht!« Er schnippte die Zigarette weg und trat auf Alec zu, bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander trennten und Alec den Rauch in Rameshs Atem riechen konnte.
   Er widerstand mühsam dem Impuls, zurückzuweichen und Distanz zwischen sie zu bringen. Ramesh brauchte weder Muskelberge noch ein breites Kreuz, um einschüchternd zu wirken. Das schaffte er allein durch seine Ausstrahlung.
   Die Fahrertür des Mercedes wurde geöffnet. Lennox Kinley schraubte seine beeindruckenden Körpermaße ins Freie und machte Anstalten, zu ihnen herüberzukommen. Ramesh gab ihm ein Zeichen, zurückzubleiben, ohne für einen Moment die Aufmerksamkeit von Alec zu nehmen. Seine Miene machte deutlich, dass er Alec die Gelegenheit geben wollte, sich zu entschuldigen, bevor er seinen Bodyguard von der Kette ließ.
   »Ich fahre für dich«, sagte Alec ruhig, während ihm das Herz bis zum Hals schlug. »Ich setze meine Gesundheit und meine Freiheit für dich aufs Spiel. Ich respektiere dich und ich respektiere deine Regeln. Im Gegenzug erwarte ich, dass du meine Privatsphäre respektierst. Das ist alles.«
   Rameshs Augen verengten sich. Er dachte über das Gesagte nach. Er nahm sich verdammt viel Zeit. Schließlich nickte er und trat zurück. »In Ordnung.« So schnell und heftig sein Zorn aufgeflammt war, so schnell war er verraucht.
   Alec gab sich Mühe, seine Erleichterung nicht zu zeigen.
   »Du musst hier nicht arbeiten.« Ramesh zündete sich eine neue Zigarette an, als wäre nichts gewesen. »Einer von Deacons Jungs hat sich für zwei Jahre in Joliet eingemietet.« Will County Jail, der Knast außerhalb von Chicago. »Deacon braucht jemanden, der seine Mädchen zu den Freiern fährt und auf sie aufpasst. Damit könntest du die Zeit zwischen den Jobs für mich überbrücken.« In Rameshs Augen blitzte es herausfordernd auf. Das Angebot kam einer Beleidigung gleich, und er wusste es.
   »Ich bin kein Chauffeur«, gab Alec spröde zurück. »Wenn du einen richtigen Job für mich hast, kannst du anrufen.« Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zum Daytona. Es war riskant, den Mann, dessen Sympathie er gewinnen sollte, auf solch rüde Weise abzufertigen, doch wenn er seinem Ruf und seiner Rolle gerecht werden wollte, durfte er nicht anders reagieren.
   Er hatte eben die Beifahrertür des Daytona geöffnet, als sein Handy klingelte. Alec wandte automatisch den Kopf. Ramesh lehnte am Heck des Mercedes, das Handy am Ohr und sah ihn herausfordernd an.
   Es fiel Alec schwer, ernst zu bleiben. Er zog sein Handy aus der Jackentasche, nahm das Gespräch entgegen und schwieg demonstrativ.
   »Ich habe einen richtigen Job für dich.«
   »Ich höre.«
   »Nimm dir für Mittwochabend nichts vor. Den Rest erfährst du morgen. Das hier«, Ramesh hielt das Handy hoch, »solltest du behalten.« Er legte auf und platzierte das Handy auf einem Pfosten des Eisentores. Danach stieg er in den Mercedes ein.
   Alec wartete, bis der Wagen mit den ungebetenen Besuchern vom Hof gefahren war. Erst dann holte er sein Mittagessen vom Beifahrersitz und sammelte das Handy ein. Sayed stand in einem der offenen Rolltore, das Gesicht ein einziges Fragezeichen. Alec ging wortlos an ihm vorbei und durch die Werkstatt. Joseph hatte ebenfalls die Arbeit unterbrochen und blickte ihm nach. Das war genau die Art von Aufmerksamkeit, die er nicht brauchen konnte. Er setzte sich in der Küche auf die Holzbank und klappte missmutig den Pizzakarton auf. Der Schlagabtausch hatte sich alles andere als förderlich auf seinen Appetit ausgewirkt. Trotzdem aß er ein Stück der mittlerweile lauwarmen Pizza. Rameshs Zorn hatte ihn überrumpelt. Wenn er diesen Einsatz unbeschadet überstehen wollte, musste er ein Gespür dafür entwickeln, was er sich in Gegenwart des Inders erlauben konnte und was nicht. Direktheit und Selbstbewusstsein kamen anscheinend gut an, solange er eine bestimmte Grenze nicht überschritt. Diese Grenze galt es auszuloten. Vorzugsweise, ohne dabei den Kopf zu verlieren.
   »Dein Freund ist ziemlich neugierig.« Mikelti stand in der Tür, einen Becher in der Hand.
   »Ach ja?« Alec biss ein Stück Pizza ab, weil die Stimme beim Kauen entspannter klang. »Was wollte er denn wissen?«
   »Seit wann du hier arbeitest, ob du ein zuverlässiger Mitarbeiter bist …«
   »Was hast du ihm erzählt?«
   »Die Wahrheit.« Sein Chef trank einen Schluck Kaffee, bevor er weitersprach. »Dass du erstklassige Arbeit leistest, die Kunden freundlich behandelst und mir bisher keinen Ärger gemacht hast. Es wäre schön, wenn es dabei bliebe«, fügte er hinzu.
   »Keine Sorge, der wird hier nicht mehr auftauchen. Ich …« Mikeltis Blick ließ Alec innehalten. Das hatte sein Chef nicht gemeint.
   »Du bist ein guter Junge, Alec. Ich weiß nicht, was dieser angebliche Freund von dir treibt, aber ich habe ein schlechtes Gefühl.« Mikelti wandte sich zum Gehen. »Pass auf, dass du nicht in die falsche Gesellschaft gerätst. Das geht oft schneller, als man denkt.«
   Alec blickte seinem Chef nach, der sich so rührend um ihn sorgte, und bekam ein schlechtes Gewissen. Wenn alles wie vorgesehen lief, würde er Mikelti in absehbarer Zeit tief enttäuschen. Das tat ihm leid, weil er Mikelti wirklich mochte, aber der Autoshop stellte lediglich eine Station auf dem Weg in die Great Lakes Association dar. Für mehr war die Werkstatt nicht vorgesehen. Wenn Alec etwas anderes daraus gemacht hatte, war das sein Problem.

Der Dienstag brachte den erwarteten Anruf von Katie, die ihm unter dem vereinbarten Code eine Uhrzeit und einen Treffpunkt mitteilte. Es ging um eine kleine Ausfahrt mit einem Freund, um ein paar andere Freunde zu treffen. Abschließend gab sie ihm zu verstehen, dass es keine Kurieraufträge mehr geben würde. Jemand anders würde die Fahrten übernehmen. Die Testphase war offenbar vorbei.
   Am Mittwochabend holte Alec den Wagen an der vereinbarten Stelle ab und sah sich seinem namenlosen Beifahrer vom letzten Mal gegenüber. Der jüngere Mann beäugte ihn mit einem solchen Unbehagen, dass sich Alec nur mühsam das Grinsen verkneifen konnte. Diesmal stellten sie sich vor. Sein Begleiter hieß James, bestand aber darauf, Jay genannt zu werden. Erst, als Alec ihm versprochen hatte, ihn abzusetzen, bevor er wieder »diese beschissene Stuntnummer abzog«, erklärte sich Jay bereit, mitzufahren.
   Weil Alec im Herzen ein netter Kerl war, verzichtete er darauf, seinen sichtlich angespannten Nebenmann während der Fahrt mit sportlichen Überholmanövern und Spurwechseln zu ärgern, obwohl es ihm in den Fingern juckte.
   Ihr Ziel war eine wenig befahrene Kreuzung im Westen der Stadt. Alec hielt am Straßenrand und warf Jay einen fragenden Blick zu.
   »Wir warten«, gab dieser knapp zurück.
   Auf die geheimnisvollen Freunde, die sie treffen sollten.
   Vielleicht war es die übliche Taktik der Great Lakes Association, vielleicht die persönliche Note von Ramesh Dewari, Informationen nur häppchenweise ans Fußvolk zu verteilen, damit niemand das Gesamtbild kannte. Eine kluge Taktik, die es Alec verdammt schwer machen würde, einen Einblick ins das Wie, Wer, Wann und Wo zu erhalten.
   Die einsetzende Dämmerung tauchte den Himmel in dunkles Grau. Alec schaltete das Autoradio ein, um die Nachrichten zu hören. Keine besonderen Vorkommnisse an diesem wunderschönen Tag in Detroit, Michigan, USA. Sechs Lieder und einen Werbeblock später ertönte gedämpftes Klingeln. Alec zog Rameshs Handy aus der Jackentasche und reichte es kommentarlos an Jay weiter. Der spielte den üblichen Ablauf von ‚Gespräch entgegennehmen, zuhören, nicken, auflegen‘ durch und steckte das Handy ein.
   »Sie sind gleich hier.« Jay beugte sich vor und sah nach links die Straße hinunter.
   Alec folgte seinem Blick. Ein dunkelblauer Lieferwagen kam um eine Ecke und fuhr auf sie zu.
   »Folge dem Lieferwagen.«
   Sobald das unbeschriftete Fahrzeug vorbeigerauscht war, hängte sich Alec dahinter. Jay öffnete den Reißverschluss seiner Lederjacke, wohl, um schnelleren Zugriff auf die Pistole in seinem Schulterholster zu haben. Die Ausbuchtung unter Jays linker Achsel ließ Alec die Bewaffnung erahnen. Nun zog sein Beifahrer einen länglichen, in Stoff eingeschlagenen Gegenstand ein Stück unter dem Sitz hervor. Der Form nach eine abgesägte Schrotflinte, oder eine Pumpgun. Heute spielten sie also Geleitschutz. Vermutlich für einen von Rameshs Drogentransporten.
   Alec folgte dem Lieferwagen auf die Interstate 75 und nach Süden in Richtung Toledo. Es sah nach einer längeren Fahrt aus, und er fragte sich, ob er Sandwiches und eine Thermosflasche mit Kaffee hätte einpacken sollen.
   Die Rushhour war mittlerweile vorbei, trotzdem herrschte einiger Verkehr. Keine Chance, direkt hinter dem Lieferwagen zu bleiben, was Alec auch nicht vorhatte. Er erlaubte immer zwei oder drei Fahrzeugen, sich zwischen sein Fahrzeug und ihr Schutzobjekt zu setzen. Der Abstand gab ihm bessere Sicht auf den Lieferwagen. Von Zeit zu Zeit wechselte Alec die Spur, um in Bewegung zu bleiben und dadurch mögliche Verfolger leichter entdecken zu können. Er rechnete nicht mit Ärger. Auf der Interstate würde niemand einen Überfall wagen. Zu viele Zeugen.
   Mit einsetzender Dunkelheit nahm der Verkehr ab. Alec fuhr näher an den Lieferwagen heran und verzichtete auf den Puffer anderer Fahrzeuge. Im Rückspiegel machte er drei Scheinwerferpaare aus, die den Abstand konstant hielten. Vor dem Lieferwagen fuhren zwei andere Pkw, von denen keiner die Geschwindigkeit verringerte. Auch Jay beobachtete aufmerksam die Umgebung. Seine Schuhspitze tippte nervös auf das längliche Stoffbündel im Fußraum.
   Kurz vor der Grenze zu Ohio griff Jay nach dem Handy und telefonierte. »Wir sind gleich da«, sagte er lediglich.
   In der Ferne tauchten die Lichter einer Tankstelle auf. Alec bekam von Jay die Anweisung, sich zurückfallen zu lassen. Er verringerte die Geschwindigkeit. Jetzt wurde es spannend. Sobald ihr Schutzobjekt an der Tankstelle vorbeigefahren war, schwenkte ein heller Viertürer auf die Interstate ein und setzte sich hinter den Lieferwagen. Der Wachwechsel?
   »Das war’s«, bestätigte Jay seine Vermutung. Er schob den Stoffbeutel unter den Beifahrersitz zurück und lehnte sich sichtlich entspannt zurück. »Du kannst zurückfahren.«
   Alec nahm die letzte Ausfahrt vor der Grenze und lenkte den Wagen zurück nach Detroit. Sie würden etwa eine Stunde brauchen bis in die Stadt. Mit etwas Glück war er gegen halb elf zu Hause. Ein weiterer langer Tag.
   Sie trennten sich dort, wo Alec Jay und den Wagen abgeholt hatte. Zum Abschied reichte Jay ihm einen unbeschrifteten, versiegelten Briefumschlag. Alecs fragenden Blick quittierte er mit einem Achselzucken und der Bemerkung, ihm würde sowieso nie irgendjemand irgendetwas über irgendwas verraten. Willkommen im Club, dachte Alec. Er wartete mit dem Öffnen des Umschlags, bis Jay außer Sicht war. Im Inneren steckte ein weißer Zettel, auf dem in neutraler Druckschrift ein Datum, eine Uhrzeit und eine Adresse standen. Keine Erklärung, kein Hinweis, worum es ging.

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