Sie spricht nicht, denkt mit einem Computerchip und verhält sich wie ein Kind, das mit atemberaubender Geschwindigkeit lernt. Und sie ist tätowiert wie ein Versuchstier. Ihr Name: EVE 1.0. Als der Arzt Adrian Sykes versucht, die Identität der Frau zu lüften, die seiner verstorbenen Ehefrau Christina aufs Haar gleicht, legt er sich mit mächtigen Gegnern an, die keine Skrupel kennen, ihr Geheimnis zu wahren. Bald wird ihm klar, dass die sanfte Eve nicht das einzige Hybridwesen einer neuen Rasse ist. Ihr droht nicht nur von Brad Wilson Gefahr, Adrians altem Feind aus Kindheitstagen und Leiter eines riskanten Experiments, sondern auch von einer Schimäre namens Adam, die allein eine Aufgabe kennt: Töten.

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Printausgabe: 14,99 €

ISBN: 978-9963-53-204-9

Seiten: 440

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Volker C. Dützer

Volker C. Dützer
Geboren wurde ich am 21. März 1964 in Kirchen, einem kleinen Ort zwischen Siegerland und Westerwald. Das ist natürlich eine ganze Weile her und ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern. Es gibt allerdings noch Zeitzeugen, die mir bereits in einem sehr frühen Alter eine überdurchschnittliche Fantasie zuschreiben. Ich schreibe, seit ich einen Stift halten kann, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil, oft kann ich die Geschichten, die sich vor meinem inneren Auge abspielen, gar nicht so schnell festhalten, wie sie plötzlich da sind. Schriftsteller klagen dann und wann über die berüchtigte Schreibblockade. Ich muss die Muse manchmal rauswerfen, damit ich mal zur Ruhe komme (Sie kehrt bisher aber stets zu mir zurück, wofür ich der Muse außerordentlich dankbar bin). Diese geheimnisvollen Schnörkel, die man Buchstaben nennt, auf ein weißes Blatt Papier zu malen, hat mich schon sehr früh fasziniert. Ich ahnte, dass sich dahinter Geschichten und Figuren verbargen, die nur darauf warteten, von mir zum Leben erweckt zu werden. Es dauerte dann aber noch viele Jahre, bis ich mich dazu entschloss, einen Roman zu schreiben. Im Alter von fünfzehn stellte ich fest, dass es sich berauschend gut anfühlt, hinter einem Schlagzeug zu sitzen und auf alles draufzuhauen, was da vor einem steht und hängt. Zwar entstanden damals schon mehrere gruselige Kurzgeschichten und zwei kurze Romane, aber es blieb für lange Zeit dabei. Das Schlagzeug war faszinierender. Vierzehn Jahre spielte ich in verschiedenen Bands und arbeitete schließlich eine Zeitlang als Studiomusiker, bevor mir klar wurde, dass man Drumsticks nicht wie Spaghetti essen kann – sie schmecken auch nicht mit Tomatensoße und Parmesan. Ich verdiente einfach nicht genug, um davon leben zu können. Also kehrte ich in meinen erlernten Beruf als Maschinenbaukonstrukteur zurück. Irgendwann bahnte sich dann doch wieder der Traum vom Schriftsteller seinen Weg. Eines Tages fiel mir beim Entrümpeln infolge eines Umzugs ein Manuskript in die Hände, das ich nicht beendet hatte, und fand, dass es wert war, beendet zu werden. Ich fing wieder Feuer. Eines Tages drückte mir ein befreundeter Buchhändler ein Buch von James N. Frey in die Hand. Ich besitze dieses zerfledderte, mit unzähligen Kommentaren und Kritzeleien vollgestopfte Ding noch immer, denn es hat mir geholfen, zu erkennen, dass Schreiben zum großen Teil ein Handwerk ist und man es lernen kann. Genau so wie man Snaredrum-Rudiments paukt oder wie man übt, freihändig Fahrrad zu fahren (Talent ist übrigens eher hinderlich - glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede). Im September 2008 erschien dann endlich mein erster Roman „Schattenjagd“. Es folgten weitere Veröffentlichungen: „Schattenjagd“ (e-book bei Chichili-Satzweiss 2010 „Das Prometheus-Projekt“ (e-Book bei Chichili-Satzweiss 2011) „Seeleneis“ (e-Book bei Chichili-Satzweiss 2012) „Schwarzer Regen“ (Kurzgeschichte -  2. Platz deutscher e-Book-Preis 2012) „Die Brut“ (e-Book bei Chichili-Satzweis 2013) Im Augenblick schreibe ich wie verrückt und produziere jede Menge Papierstapel mit diesen komischen Schnörkeln drauf. Ich hasse es, in Kategorien und Schubladen gezwängt und eingeordnet zu werden, aber wenn Sie mich schon nach meinem Genre fragen: Thriller, Krimi und ein bisschen Mystery darf es ab und zu auch sein. Lassen Sie sich überraschen, was als Nächstes kommt …

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Teil 1
Eve 1.0


1
Die letzte Wette

Seit sieben Tagen bot Adrian Gott eine Wette an, aber der weigerte sich, mitzuspielen. Möglicherweise war ihm der Einsatz nicht hoch genug. Vielleicht spürte er die winzigen Nadelstiche auch gar nicht, mit denen ihn Adrian herausforderte. Gott hatte Zeit, Adrian nur noch fünf Minuten.
   Er schraubte den Verschluss auf die Flasche. Wenn er noch mehr Wodka in sich hineinschüttete, war er zu betrunken, um seinen Wetteinsatz einzulösen. Jack, der alte Hirtenhund, hob den Kopf und winselte leise. Die Spritze für Jack lag auf der Küchenanrichte. Er würde den Hund nicht allein zurücklassen. Wer wusste schon, vielleicht wollte Gott ja auch diesmal nicht mitspielen.
   Der geölte Lappen auf dem Küchentisch verbarg den .357 Magnum-Revolver, den er vor acht Jahren in der alten Armeekiste im Schuppen neben dem Stall versteckt hatte. Mit sparsamen Bewegungen faltete er den Lappen auseinander. Seine Finger zitterten nicht, weder von der Sauferei noch im Angesicht des Todes.
   Adrian nahm die Waffe in die Hand und klappte die Trommel auf. Dann steckte er eine einzelne Patrone in eine der Kammern, ließ die Trommel zuschnappen und drehte sie dreimal.
   Jack trottete zum Küchentisch und rieb seinen Kopf an Adrians Hosenbein.
   Adrian legte den Revolver auf den Tisch zurück, schob den Stuhl zurück und tappte zur Anrichte. Jack suchte inzwischen in seinem Napf vergeblich nach Futter und warf Adrian einen vorwurfsvollen Blick zu. Aus dem Blickkontakt entwickelte sich ein stummer Machtkampf, bei dem der Hund eine ungewöhnliche Ausdauer bewies. Adrian gab entnervt auf. Es war unfair, den Hund in seinen aussichtslosen Krieg hineinzuziehen. Er hatte nicht das Recht, auch über sein Leben zu bestimmen.
   Er leerte die Spritze in den Ausguss und warf sie in den Mülleimer. Dann füllte er Jacks Napf auf, stellte eine Schüssel mit frischem Wasser daneben und setzte sich wieder.
   Auf dem Tisch wartete noch immer der Tod. Sollte er die Trommel noch einmal drehen? Vielleicht erwies sich Gott ja als Falschspieler. Adrian wollte es herausfinden. Er wollte wissen, was Gott damit bezweckt hatte, Christina sterben zu lassen und ihn mit der Schuld zurückzulassen. Sechs Patronen in einen Revolver stecken und abdrücken konnte jeder Idiot. Die richtige Kammer wählen konnte nur Gott.
   Mit einer schnellen Bewegung griff er nach der Waffe und drückte die Mündung unter das Kinn. Ein entschlossener, sauberer Schuss durch das Gaumendach direkt ins Hirn. Peng. Dunkelheit. Frieden.
   Er drückte den Abzug.
   Das Telefon klingelte schrill.
   Der Revolver gab ein trockenes Klicken von sich. Die schwere Waffe entglitt seinen Fingern und fiel auf den Boden.
   Adrian zitterte am ganzen Körper. Trotz der nasskalten Abendluft, die durch das offene Küchenfenster drang, war seine Stirn mit Schweiß bedeckt.
   Das Telefon schellte unaufhörlich. Man sagte, Gewohnheiten seien stärker als der Tod. Adrian spürte den Hörer erst in seiner Hand, als seine Stimme versagte. Er versuchte es noch einmal. »Praxis Dr. Sykes.«
   »Hier ist Annette Vossen. Bitte kommen Sie schnell, Dr. Sykes. Josef ist zusammengebrochen. Sie wissen doch, er lässt es sich nicht nehmen, seine Medikamente selbst einzuteilen. Aber er bringt alles durcheinander. Und ich kann seine Notfallspritze nicht finden. Sie ist nicht an ihrem Platz.«
   Adrian legte den Hörer auf die Kommode und drückte auf die Lautsprechertaste. Seine Beine sackten unter ihm weg, plötzlich drehte sich alles um ihn, die Waffe auf dem Küchenboden, das Telefon, Jack. Der Wodka brannte wie ätzende Lauge in seinem Bauch. Hatte Gott das Spiel nicht gefallen? Stand er vielleicht mehr auf Autorennen, die an einem Brückenpfeiler endeten?
   »Dr. Sykes? Sind Sie noch dran?« Die Stimme der Anruferin quakte verzerrt aus dem Lautsprecher.
   Adrian erwischte den Hörer, der an der Schnur vor seinem Gesicht baumelte. »Ja … ja, natürlich. Hatte er Krämpfe oder Lähmungserscheinungen?«
   »Heute Nachmittag hat er über einen Wadenkrampf geklagt.«
   »Vermutlich hat er einen Zuckerschock. Haben Sie versucht, Dr. Janson zu erreichen?«
   Annette Vossens Stimme klang verzweifelt. »Janson meldet sich nicht. Bitte, Dr. Sykes. Kommen Sie schnell!«
   »Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.« Der Hörer entglitt seinen Fingern. Er hatte dem alten Vossen viel zu verdanken. Der ehemalige Chefarzt hatte ihm die Anstellung an der Klinik in Koblenz ermöglicht, nachdem er vor acht Jahren aus den Staaten nach Deutschland gekommen war. Nein, er konnte Vossen nicht im Stich lassen. »Wir werden ein anderes Mal weiterspielen«, murmelte er.
   Die Arzttasche stand noch immer auf dem Schemel neben der Haustür, auch wenn er sie seit Wochen nicht mehr benutzt hatte. Seine Praxis war geschlossen. Niemand wollte sich von einem Arzt behandeln lassen, der am frühen Morgen bereits nach Schnaps roch und falsche Diagnosen stellte.
   Benommen streifte Adrian seine Jacke über, griff nach der Tasche und den Autoschlüsseln und lief zu seinem Wagen. Er funktionierte automatisch. Wie eine Maschine, die man eingeschaltet hatte.
   Zwölf Minuten später hatte er Vossens Haus im Nachbarort erreicht. Annette wartete bereits angespannt in der offenen Haustür. Sie führte ihn in die kleine Bibliothek. Dort war Vossen ohnmächtig vor seinem Lieblingssessel auf dem Teppich zusammengebrochen.
   »Haben Sie Traubenzucker im Haus? Irgendetwas Süßes?«, fragte Adrian.
   »Ja, natürlich. Mein Gott, dass ich nicht selbst daran gedacht habe …« Sie hastete in die Küche und kehrte kurz darauf zurück.
   Adrian kniete neben Vossen nieder, untersuchte ihn und injizierte ihm eine Ampulle Glukagon. Er tätschelte dem Bewusstlosen die Wangen. »Josef? Können Sie mich hören?«
   Vossen blinzelte, schlug die Augen auf und blickte verwirrt um sich. Adrian half dem alten Mann in den Sessel. Dabei bemühte er sich, sein Gesicht abzuwenden, damit Vossen seine Fahne nicht bemerkte.
   »Der Eid des Hippokrates lässt einen nicht mehr los. Nicht wahr, Dr. Sykes?«
   Adrian schüttelte den Kopf. »Meine Praxis ist geschlossen, und ich kehre auch nicht an die Klinik zurück. Ich bin nur für Janson eingesprungen. Das ist alles.«
   Vossen lächelte dünn. »Einmal Arzt, immer Arzt.« Er trank hastig von dem Fruchtsaft, den ihm seine Frau reichte, verschluckte sich und hustete.
   Adrian klappte seine Tasche zu. »Ich bin kein Arzt, ich bin ein Schlachter.« Er wandte sich zum Gehen.
   »Niemand macht Ihnen Vorwürfe oder hat es jemals getan, auch Dr. Janson nicht. Sie tragen keine Schuld an Christinas Tod«, erwiderte Vossen.
   »Als behandelnder Arzt trage ich die Verantwortung und muss die Risiken einer Operation gründlich abwägen.«
   »Richtig. Und das haben Sie getan. Aber hat das Schicksal seine Hand im Spiel, sind wir machtlos. Vielleicht war es Gottes Wille, dass Ihre Frau sterben musste.«
   »Gottes Wille«, wiederholte Adrian verächtlich.
   »Hadern Sie nicht mit dem Schöpfer«, antwortete Vossen. »Janson braucht einen guten Chirurgen in der Klinik. Er wird Sie jederzeit wieder einstellen.«
   »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, aber ich bleibe bei meiner Entscheidung. Sie sollten die Überwachung Ihres Zuckerspiegels künftig besser Ihrer Frau überlassen.«
   Vossen schüttelte matt den Kopf. »Sie sind ein Sturschädel! Ich kannte Christina gut. Sie hätte nicht gewollt, dass Sie so leiden. Vergessen Sie nicht, es war ihr ausdrücklicher Wunsch, dass Sie den Eingriff vornehmen.«
   »Wie könnte ich das? Umso mehr liegt die Schuld bei mir. Muss ich Ihnen erklären, dass man als Chirurg nicht seine eigene Frau operieren sollte?« Adrian überkam plötzlich Übelkeit, alles drehte sich um ihn. Er konnte das Zittern seiner Hände nicht mehr verbergen.
   »Lassen Sie die Finger vom Alkohol, er wird Sie umbringen.«
   Adrian deutete ein Nicken an und verließ die Bibliothek, ohne sich noch einmal umzuschauen. Er warf die Arzttasche auf den Beifahrersitz und ließ den Motor des Geländewagens an. Die Nacht kam schnell und verdrängte den letzten Streifen Tageslicht am Horizont. In den Senken und Tälern des Westerwalds herrschte bereits pechschwarze Dunkelheit.
   Er verließ den kleinen Ort, fuhr die Serpentinen hinunter zur Hauptstraße und beschleunigte so stark, dass die Traktionskontrolle immer wieder warnend eingriff. Am Fuß des Berges trat er hart auf die Bremse. Die Scheinwerfer eines Lasters tauchten aus dem Dunkel auf. Die breiten Zwillingsreifen zischten wie aufgeschreckte Schlangen über den nassen Asphalt. Ihm folgte eine Kolonne aus Lastwagen im Nato-Oliv der Bundeswehr, drei Einsatzfahrzeuge der Polizei und ein Jeep amerikanischer Bauart, dessen Rücklichter so schnell im Nebel verschwanden, als wäre er nur ein Spuk gewesen. Adrian lenkte den Wagen in die entgegengesetzte Richtung. Benommen fuhr er durch einen Tunnel aus Nebel und Dunkelheit. Seit dem Morgen hatte er nichts gegessen und der Alkohol in seinem leeren Magen machte ihn schläfrig.
   Das grelle Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Wagens blendete ihn und riss ihn aus dem Sekundenschlaf. Der Fahrer hupte. Adrian reagierte träge und riss das Steuer herum. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und warf einen Blick in den Rückspiegel. Blaulicht zuckte durch die Dunkelheit und näherte sich schnell. Ein Polizeiwagen überholte ihn mit halsbrecherischem Tempo. Vielleicht hatte sich in dem dichten Nebel ein Unfall ereignet, oder sie jagten einem Verdächtigen nach.
   Adrian rieb sich die Nasenwurzel und starrte angestrengt auf die glitzernde Spur der Scheinwerfer auf dem nassen Asphalt. Auch wenn er nicht mehr an diesem Leben hing, verspürte er keine Lust, im Rollstuhl zu enden oder als Ziffer in der Unfallstatistik aufzutauchen. Er bremste den Geländewagen ab und bog in eine schmale Nebenstrecke ein. In der Talsenke waberte der Nebel wie Milch in einer riesigen Schüssel. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können und schaltete das Fernlicht aus, denn die grellen Lichter verwandelten die feuchte Nebelwand in einen glitzernden Vorhang aus Wassertropfen.
   Hinter der Kuppe eines Hügels erfassten die Scheinwerfer eine Gestalt, die mit ausgebreiteten Armen über den Mittelstreifen balancierte, als tanzte sie über einen Schwebebalken. Instinktiv scherte er nach rechts aus. Der schwere Wagen geriet ins Schleudern und drehte sich um die eigene Achse. Etwas schlug mit einem dumpfen Laut gegen das Heck. Glas splitterte. Der linke Scheinwerfer erlosch, als der BMW einen Leitpfosten aus der Verankerung riss und in die Nacht hinausschleuderte. Der Wagen rutschte noch ein Stück über die glatte Wiese und kam mit dem rechten Hinterrad im Straßengraben zum Stillstand.
   Adrians Verstand versuchte zu verarbeiten, was er gerade erlebt hatte. Vorsichtig gab er Gas, schaltete den Allradantrieb zu und manövrierte den Wagen langsam aus dem Straßengraben. Mit laufendem Motor wartete der BMW auf den nächsten Befehl. Er musste nur das Gaspedal durchdrücken und der Spuk war vorbei. Nichts war geschehen. Sein Fuß zuckte, der Motor heulte auf. Zu verschwinden war die einfachste Lösung. Sollten sie doch nach ihm suchen – ihm konnte es gleich sein. Wenn sie sein Gehirn von der Wand kratzten, konnte er keine Fragen mehr beantworten.
   Aber sein Gewissen zwang ihn schließlich, den Motor abzustellen. Vossen hatte es klar ausgedrückt: einmal Arzt, immer Arzt. Und ein Arzt, der betrunken einen Menschen anfuhr und sich aus dem Staub machte, war nichts weiter als ein gleichgültiges Arschloch. Es war schlimm genug, dass er mit seinem eigenen Leben spielte. Es gab keinen Grund, den Rest der Welt zu hassen.
   Noch immer leicht benommen tastete er nach der Taschenlampe unter dem Fahrersitz und stieg aus. Der unbeschädigte Scheinwerfer stach mit seinem geisterhaften Lichtfinger in die Nebelwand. Angestrengt blickte Adrian in das Dunkel und suchte die Straße ab. Wer zum Teufel spazierte bei dichtem Nebel in der Dunkelheit über den Mittelstreifen einer Landstraße? Ein Betrunkener? Jemand, der den Verstand verloren hatte und das Schicksal herausforderte wie er? Ein Schlafwandler?
   Der Lichtfleck der Taschenlampe huschte über den Asphalt und den Straßengraben. Mittlerweile hatte er fünfzig Meter zurückgelegt, ohne eine Spur von dem Unbekannten zu entdecken, der einen grünen Mantel oder ein ähnliches Kleidungsstück getragen hatte. Mehr hatte er in den kurzen Schrecksekunden nicht wahrgenommen. Plötzlich wurde ihm erschreckend klar, dass das Opfer nicht nur verletzt, sondern tot sein konnte. Die Masse des schweren Wagens reichte aus, um selbst bei niedrigem Tempo einen Schädel zu Brei zu zerquetschen. Vielleicht entschied jetzt jede Sekunde über Leben und Tod.
   Adrian blieb stehen. Sein Atem entwich in kleinen, feuchten Wolken. Er war mit dem Wagen nach links ausgewichen, also hatte er das Unfallopfer wahrscheinlich mit der rechten Seite gestreift. Doch obwohl er bereits hundert Meter der Strecke abgesucht hatte, blieb der oder die Unbekannte verschwunden. Er war beinahe bereit zu glauben, dass der Unfall ein Trugbild seines überreizten Verstandes gewesen war, als ein glitzernder Gegenstand im Lichtkreis seiner Lampe auftauchte. Auf der Straße lag ein blaues, an der Schnalle abgerissenes Plastikarmband mit einem Namensschild aus Blech. Er kannte solche Bänder. Man befestigte sie an den Handgelenken von Neugeborenen, um Verwechslungen auszuschließen. Er bückte sich und hob das Band auf. Auf Metallstreifen waren drei Buchstaben und zwei Zahlen eingestanzt: »EVE 1.0«.
   Nachdenklich steckte er das Band in die Hosentasche und setzte seine Suche fort. Hinter der Straßenkuppe fand er endlich, wonach er suchte. Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe wanderte über eine leblose Gestalt. Das Bild, das sich ihm bot, war schlimmer und seltsamer, als er befürchtet hatte. Im Straßengraben lag kein Penner, der im Alkoholnebel über den Mittelstreifen spaziert war, und auch kein Selbstmörder. Es war der schlanke Körper einer Frau mit langem, dunkelbraunem Haar. Sie lag auf dem Bauch, sodass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Als einziges Kleidungsstück trug sie ein flaschengrünes Operationshemd, wie es in Tausenden Krankenhäusern auf der Welt benutzt wurde.
   Sie trug nicht einmal Schuhe. Wie kam eine offensichtlich verwirrte Frau in diese abgelegene Gegend? Im Umkreis von fünfzehn Kilometern gab es keine Klinik, kein Krankenhaus und auch keine psychiatrische Einrichtung, aus der sie geflohen sein konnte.
   Der kalte Lauf des Revolvers, die Spritze für Jack, sein Selbstmitleid, all das war in diesem Augenblick vergessen. Er stolperte in den Graben hinab, rutschte auf dem nassen Gras aus und schrie vor Schmerz auf. Im Licht der Lampe sah er, dass er in die Scherben einer Flasche gefallen war, die jemand aus einem fahrenden Auto geworfen hatte. Er blutete aus einem tiefen Schnitt in der Handwurzel. Leise fluchend kroch er den Hang hinab und beugte sich über die Frau. »Hallo? Können Sie mich verstehen?«
   Sie antwortete nicht. Hastig suchte er an ihrem Handgelenk nach dem Puls. Der Herzschlag war kräftig und regelmäßig, aber auffallend schnell. Er klopfte und raste wie ein überdrehter Dieselmotor.
   Adrian drehte sie vorsichtig auf den Rücken. Dann richtete er ihren Oberkörper auf und zog sie mit geübtem Griff den Hang hinauf zur Straße. Dort kniete er sich neben sie, schob sie in eine stabile Seitenlage und leuchtete mit der Taschenlampe in ihr bleiches, mit Schmutz, Erde und Blut verkrustetes Gesicht.
   Schnell untersuchte er ihre Ohren und tastete ihren Schädel, Arme und Beine ab. Er konnte kein Schädel-Hirn-Trauma und auch keine Knochenbrüche feststellen. Wahrscheinlich hatte sie sich eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen, und das viele Blut stammte von der harmlosen Platzwunde über der linken Augenbraue. Erleichtert atmete er auf und sank auf den nassen Asphalt.
   Sie war ungefähr einsfünfundsiebzig groß und schlank. Ihr Alter schätzte er auf Ende zwanzig. Auf dem OP-Hemd entdeckte er eingetrocknetes Blut. Außer der geplatzten Augenbraue konnte er keine weitere offene Wunde entdecken. Ihr linker Oberschenkel wies von der Hüfte großflächige Schürfwunden auf. Vermutlich hatte der Wagen sie dort erfasst. Dadurch war sie zu Fall gekommen, mit dem Kopf aufgeschlagen und hatte das Bewusstsein verloren.
   Seine Gedanken rasten. Was sollte er mit ihr anfangen? Sie musste in ein Krankenhaus, wo man sie gründlich untersuchen würde. Aber das bedeutete auch, dass es offizielle Untersuchungen geben würde und er in einem Polizeiverhör Fragen beantworten musste. Unangenehme Fragen. Dabei würde unweigerlich herauskommen, dass er betrunken Auto gefahren war und einen Unfall verursacht hatte.
   Ratlos betrachtete er die Bewusstlose. Was hatte es mit dem OP-Kittel auf sich? Woher kam diese Frau? Wer war sie? Seine Selbstmordgedanken waren verschwunden. Die Fremde weckte ein ungewohnt heftiges Verlangen, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Vielleicht hatte sie sogar sein Leben gerettet. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er das Gefühl, gebraucht zu werden. Ihr Gesicht lag im Dunkeln, trotzdem kam ihm die Fremde auf eine seltsame Art vertraut vor. Vossen, der Nebel, der Unfall … gehörte dies etwa auch alles zum Spiel?
   Er traf eine Entscheidung. Jeden Augenblick konnte ein Wagen die Stelle passieren. Er würde sie in seine Praxis bringen und gründlich untersuchen. Sollte sich herausstellen, dass sie innere Verletzungen davongetragen hatte, würde er sie umgehend zu Dr. Janson in die Klinik nach Koblenz bringen. Vielleicht ließ sich die Sache irgendwie regeln.
   Behutsam schob er seine Arme unter ihren Leib, hob sie hoch und trug sie zu seinem Wagen. Sie wog weniger als sechzig Kilo, trotzdem kamen ihm die hundert Meter endlos vor. Bald zitterten seine Arme vor Erschöpfung und er legte die Frau neben dem BMW ab.
   Er holte den Verbandskasten unter dem Fahrersitz hervor und legte ihr einen provisorischen Kopfverband an, um die Blutung über der Augenbraue zu stillen. Noch einmal sprach er sie an, aber sie reagierte nicht. Er klappte die Rücksitzbank um und bettete die Fremde auf eine Decke in den geräumigen Kofferraum. Dann lief er um den Wagen herum und ließ sich erschöpft auf den Fahrersitz fallen.
   Auf dem Hügel tauchte ein Scheinwerferpaar auf. Adrian wartete, bis der Wagen vorbeifuhr und wieder in die Nacht eintauchte. Dann ließ er den Motor an und fuhr in Richtung Nisterbach, dem kleinen Weiler, in dem er wohnte. Der Ort bestand aus einem Dutzend Bauernhäusern und einem Lebensmittelladen, der jetzt, gegen 22:00 Uhr, längst geschlossen hatte. Es gab nur eine Straße, auf der man den Ort so schnell verließ, wie man hineingekommen war. Zwanzig Meter hinter dem Ortsende bog ein geteerter Feldweg ab und führte zur Burg, einem alten Gehöft, das er vor vier Jahren gekauft hatte. Hinter dem Haus lag ein Teich, der von einem Wasserlauf gespeist wurde. Der Bach floss ringförmig wie ein Wassergraben um das Grundstück und verstärkte den Eindruck einer alten Burg, die nur darauf gewartet hatte, in Besitz genommen zu werden. Christina hatte das Haus geliebt. Für ihn war es nur noch ein Ort voller Erinnerungen, die ihn unablässig quälten.
   Ein donnerndes Motorengeräusch näherte sich. Ein Hubschrauber mit eingeschaltetem Suchscheinwerfer überquerte fünfzig Meter vor ihm im Tiefflug die Straße. Die bizarre Kolonne aus Polizeiwagen und Armeefahrzeugen kam Adrian in den Sinn. Nachdenklich warf er einen Blick in den Rückspiegel. Die Fremde war noch immer ohne Bewusstsein. Einer Eingebung folgend bog er von der Straße ab und folgte einem schlammigen Wirtschaftsweg, der in weitem Bogen am Wald entlang zur Burg führte. Wenn die Polizei nach jemandem suchte, würden sie Straßensperren errichten und verdächtige Wagen anhalten. Mit einer blutverschmierten, bewusstlosen Frau im Kofferraum würde er eine Menge zu erklären haben.
   Der BMW rumpelte über den mit Schlaglöchern übersäten Waldweg und erreichte kurz darauf den Innenhof des alten Gehöfts.
   Ein leises Stöhnen schreckte Adrian auf. Er parkte dicht vor der Tür des Hauptgebäudes, stieg aus dem Wagen und öffnete die Haustür. Jack kläffte aufgeregt und stürmte an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er raste um den Wagen herum, glitt auf dem nassen Pflaster aus, rappelte sich auf und sprang wie ein Verrückter an der Heckklappe hoch.
   »He! Hör auf damit!«
   Jack kratzte mit den Pfoten am Wagen und versuchte, mit den Zähnen die Tür zu öffnen.
   Adrian zog ihn am Halsband vom Wagen weg. »Rein mit dir ins Haus! Was ist denn in dich gefahren?«
   Jack bellte noch immer lautstark den Wagen an. Adrian schleifte ihn ins Haus und sperrte ihn in das Wartezimmer der Praxis. Dann eilte er zum Wagen zurück.
   Die Frau blinzelte mit dem rechten Auge unter dem Verband hindurch und murmelte unverständliche Worte, bevor sie abermals das Bewusstsein verlor.
   Er trug sie ins Haus und legte sie im Behandlungszimmer auf der Untersuchungsliege ab.
   Jack winselte jämmerlich und scharrte mit den Pfoten an der Tür. Adrian verbannte den Hund aus seinen Gedanken und wandte sich seiner Patientin zu. Er besaß in seiner Landarztpraxis alle Gerätschaften, um die Fremde gründlich zu untersuchen. Mithilfe des alten Röntgenapparates im Nebenraum konnte er sie sogar auf innere Verletzungen und Knochenbrüche überprüfen.
   In der Küche füllte er eine Schüssel mit Wasser. Dann griff er nach Schere und Verbandszeug und versorgte seine Hand, die er sich an den Glasscherben aufgeschnitten hatte. Der Revolver lag noch immer auf dem Boden unter dem Küchentisch. Adrian hob ihn auf und blickte in den Spalt zwischen Trommel und Gehäuse. Seine Hände zitterten so stark, dass er Angst hatte, die Waffe ein zweites Mal fallen zu lassen. Die Patrone steckte in der Kammer neben dem Lauf. Das bedeutete, der Revolver hatte das Geschoss eine Position weiter befördert, ohne dass sich ein Schuss gelöst hatte. Eigentlich müsste er tot sein.
   Er klappte die Trommel auf und ließ die Patrone in seine Hand gleiten. Nichts deutete darauf hin, dass sie fehlerhaft war. Hatte doch jemand mitgespielt? Hastig wickelte er den Revolver in den Lappen und verstaute ihn in der Kommode.
   Als er mit der Schüssel und sauberen Tüchern zurück zum Behandlungszimmer ging, saß Jack neben der Ruheliege und leckte der Unbekannten die Hand. Irgendwie hatte er es geschafft, die Tür des Wartezimmers zu öffnen.
   »Jack! Raus!«
   Der Hund gab ein klägliches Jaulen von sich und missachtete den Befehl.
   »Setz dich da hin stör mich nicht! Verrückter Hund.«
   Jack ließ sich gehorsam auf die Hinterbeine nieder.
   Adrian knipste die Stehlampe am Fuß der Ruheliege an und setzte sich auf einen Hocker. Die Frau war totenbleich. Ihr Gesicht war mit geronnenem Blut und Dreck verschmiert, der Kopfverband verdeckte einen großen Teil ihrer Stirn und des linken Auges. Das Operationshemd war verrutscht und gab ihre Schulter frei. An ihrem Oberarm entdeckte er eine kleine Tätowierung. Nachdenklich holte er das blaue Band aus seiner Hosentasche. Die Tätowierung bestand aus der gleichen Buchstaben-Zahlenkombination: »EVE 1.0«.
   Vorsichtig entfernte er den Kopfverband. Die Frau regte sich. Adrian säuberte ihr Gesicht von Schmutz und getrocknetem Blut. Er stutzte und fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wollte er ein Trugbild vertreiben. Dann schaltete er die Neonleuchte über der Liege ein und zog sie zu sich heran.
   Jack bellte.
   Adrian ließ den Lappen fallen, sprang auf und stieß die Schüssel um. Im weißen Licht der Neonröhre starrte er ungläubig auf das Gesicht der Fremden. Was er sah, war vollkommen unmöglich. Es musste eine Ausgeburt seiner wahnhaften Fantasie sein. Die Fremde auf der Liege glich seiner vor zwei Jahren verstorbenen Frau Christina bis aufs Haar.

2
Keine Seele

Edgar Sehner erwachte beim zweiten Klingeln des Telefons und war sofort hellwach. Dreiundvierzig Jahre Polizeidienst, davon achtundzwanzig bei der Mordkommission, hatten seinen Instinkt für Ärger und Gefahr geschärft wie ein Wetzstein. Er warf einen Blick auf die Ziffern des Radioweckers. Es war weit nach Mitternacht. Anrufer, die sich um diese Zeit meldeten, brachten selten gute Nachrichten. Auf dem Display leuchtete die Nummer von Rolf Windhagen auf, der in dieser Woche Nachtschicht schob.
   »Hallo Herr Sehner. Windhagen hier. Tut mir wirklich leid, dass ich Sie um diese Uhrzeit stören muss.«
   »Sie werden schon wissen, warum«, murmelte Edgar.
   »Hier sitzt ein Junge, der angeblich einen Mord beobachtet hat, und er will nur mit Ihnen reden.«
   »Einen Mord?«
   »So sieht’s aus. Ich habe das Gefühl, an der Sache könnte etwas dran sein.«
   »Ich bin sicher, dass Sie hervorragend allein zurechtkommen.«
   »Er macht den Mund nicht auf. Will nur mit Ihnen reden.«
   »Hakan.«
   »Sie kennen ihn?«
   »Ich bin schon unterwegs.«
   Edgar schaltete das Handy aus und ließ den Kopf auf das Kissen sinken. Edith lag neben ihm und schnarchte leise. Ihr machten die nächtlichen Anrufe nichts mehr aus. Sie hatte sich schon vor zwanzig Jahren daran gewöhnt und würde vermutlich nicht einmal aufwachen, wenn er seine Dienstwaffe im Schlafzimmer auf einen Einbrecher abfeuerte. Ächzend kroch er aus dem Bett.
   Eine Viertelstunde später betrat er Windhagens Büro.
   Hakan sprang auf, als er ihn erblickte. Der Junge war fünfzehn, dünn wie ein Strichmännchen und trug ausgebeulte Jeans und eine affige bunte Jacke. Eine rote Baseballkappe saß schief auf den schwarzen Locken. Er war nicht schlecht, suchte sich aber stets die falschen Freunde. Zweimal hatte Edgar ihn laufen lassen, obwohl es um Körperverletzung und Diebstahl ging. Direkt hatte er ihm nichts nachweisen können, aber der Junge war beide Male dabei gewesen. Ein drittes Pardon würde es nicht geben, das wusste Hakan. Eins war er sicher nicht: ein Lügner und Aufschneider. Aus seinen Augen sprach nackte Angst. Nicht vor der Polizei, sondern vor dem, was er gesehen hatte.
   »Lassen Sie uns einen Moment allein.« Edgar gähnte.
   Windhagen zog die Mundwinkel herab. »Wenn Sie meinen.«
   Er wartete, bis Windhagen die Tür hinter sich geschlossen hatte. Der Junge war zweifellos ein fähiger Polizist, aber es fehlte ihm an Erfahrung und Einfühlungsvermögen. Erfahrung war einer der wenigen Vorteile des Alters. »Was dagegen, wenn ich das Band mitlaufen lasse?«
   Hakan schüttelte den Kopf. Er hatte wieder auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz genommen und rutschte hin und her, als müsste er dringend zur Toilette.
   Edgar baute auf dem Schreibtisch ein Mikrofon auf, drückte die Aufnahmetaste des Rekorders und ließ sich auf Windhagens Stuhl fallen. »Also?«
   Hakan blieb stumm.
   Er hörte die Zähne des Jungen klappern. »Du bist auf einmal gar nicht mehr so cool, was? Was hast du denn ausgefressen? Na, rück schon raus damit – wird schon nicht so schlimm sein.«
   »Ich hab’ gar nix gemacht.«
   Er blickte ihn scharf an, stand ruckartig auf und ging um den Schreibtisch herum. »Zeig mal deine Pupillen!«
   Hakan drehte den Kopf weg. »Okay, okay. Ich hab’ was geraucht. Aber nur ’n bisschen Gras. Ey, ich bin sauber, Alter.«
   »Also, was war los?«
   Nervös verschränkte Hakan die Arme vor der Brust und versteckte seine Hände hinter den Oberarmen. Wahrscheinlich war es ihm peinlich, dass er vor Angst zitterte.
   »Wir waren im Kino …«
   »Wann war die Vorstellung aus?«
   »So gegen elf, glaub ich. Wir wussten nicht, wo wir abhängen sollten. Und dann hatte Ercan plötzlich die Knarre in der Hand.«
   »Langsam. Was für eine Waffe?«
   Hakan zögerte. »Er wollte runter an den Fluss, auf leere Flaschen schießen.«
   »Hm. Ercan, der ist doch so was wie euer Anführer, nicht wahr? Der mit der großen Klappe und den schiefen Zähnen?«
   Hakan nickte. »Wir sind zum Fluss runter. Ein Stück hinter der Tankstelle gibt’s ’ne Treppe, die zum Radweg am Ufer führt. Von dort aus sind wir zum Parkdeck gelaufen.«
   »Und weiter?«
   »Dann war da plötzlich der Penner.«
   »Welcher Penner?«
   »Na ja, so ’n Penner eben. Der lebt schon seit ’ner Woche unter dem Parkdeck. Da hat man Schutz vor dem Wind und so, und trocken ist es auch.«
   »Was geschah dann?«
   »Der Penner schob ’nen Einkaufswagen vor sich her, randvoll mit leeren Flaschen. Er wollte zur Tankstelle, um das Pfand zu kassieren. Dann hat er uns gesehen und Angst gekriegt, aber auf dem Uferweg konnte er nich abhauen.
   ‚Guckt euch den mal an‘, hat Ercan gerufen. ‚Mann, Alter. Du stinkst!‘« Jetzt sprudelte es nur so aus Hakan heraus.
   Er hörte dem Jungen gebannt zu, ohne ihn zu unterbrechen.
   Ercan rempelte den Mann an. Der Stadtstreicher stolperte und ließ den Einkaufswagen los. Frankie, der jüngste der Gang, schnappte sich den Wagen und drehte ihn johlend im Kreis herum. »Hast du die alle selbst ausgesoffen?«, rief er. »Ich wette, du hast noch was übrig für uns!«
   Der Alte hatte sich wieder gefangen und versuchte, den Einkaufswagen zu fassen, aber er griff ins Leere und fiel taumelnd in die Sträucher entlang der Böschung. Mühsam kam er auf die Beine und stierte die Jugendlichen aus gläsernen Augen an. »Lasst mich … in Ruhe! Ihr … solltet euch schämen! Einen … einen alten Mann rumzu… sto… stoßen!«
   Er drehte sich im Kreis und versuchte, einen der Jungen zu erwischen, aber sie waren viel zu schnell für ihn.
   »Scheißtürken!«, murmelte er leise.
   Wütend sprang Ercan auf den Alten zu und stieß ihn vor die Brust. »Was hast du gesagt, du Penner? Ich mach dich alle!«
   Der Alte wich zurück und stieß gegen Frankie, der ihm einen Tritt verpasste.
   »Der Penner packte Ercan an den Haaren«, erzählte Hakan aufgeregt weiter. »Und der hatte plötzlich ein Messer in der Hand.«
   »Ein Stilett?«
   »Nee, das war nur ’n altes Taschenmesser. Nicht wirklich gefährlich.«
   »Und darum seid ihr auf ihn drauf, zu fünft?«
   »Ercan kam an die Pistole. Er hatte sie hinten in den Hosenbund geschoben. Er hielt sie dem Penner an die Schläfe – so.« Hakan tippte mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn. »Da wurde mir die Sache zu heiß. Sie haben gesagt, noch mal lassen Sie mich nicht laufen. Und ich hab echt keinen Bock auf Knast und so.«
   »Aber sie haben nicht auf dich gehört, stimmt’s?«
   Hakan schüttelte den Kopf. »Der Alte ließ plötzlich das Messer fallen. Er röchelte und wurde ganz blau im Gesicht. Dann fiel er auf die Knie und griff sich an die Brust. Da sind wir abgehauen.«
   »Du hast mich doch nicht nachts um Mitternacht aus dem Bett geholt, um mir zu erzählen, dass ihr einen Stadtstreicher ein bisschen herumgeschubst habt.«
   Hakan löste die verschränkten Arme und starrte auf seine Hände. »Die anderen sind dann los, in die Disco«, sagte er kleinlaut. »Ich hatte keinen Bock mehr auf Party. Sie haben mich ausgelacht, aber ich bin trotzdem noch mal zum Fluss zurückgelaufen. Auf der Treppe zum Fluss hab ich gesehen, dass der Alte immer noch da unten lag. Aber er war nicht mehr allein.«
   »Wer war noch dort?«
   »Ich hab echt … schon viele Horrorfilme gesehen … aber das hier … das war … schlimmer als alles …«
   »Lass dir Zeit.«
   »Der Typ stand im Dunkeln und ich konnte nur seinen Rücken sehen.«
   »Groß, klein? Wie alt war er? Was hatte er an?«
   »Groß, der war verdammt groß. Und nackt. Der hatte überhaupt nichts an! Im ersten Moment hab ich gedacht, da unten steht der Terminator. Sie wissen schon – der Roboter aus dem Film mit Schwarzenegger. Er bewegte sich auch so merkwürdig – so eckig – wie eine Maschine. Als er einen Schritt auf den Alten zuging, sah ich seinen Hinterkopf im Schein der Straßenlampe. Seine Haare waren abrasiert. Und da war die riesige Narbe hinter seinen Ohren, ganz frisch und rot.« Hakan zitterte am ganzen Körper.
   »Was hat er gemacht?«
   »Erst dachte ich, er wollte dem Alten helfen, aber dann sah ich, dass der Penner eine Scheißangst hatte. Er versuchte zu sprechen, aber er brachte nur ein Wimmern raus.«
   Hakan schlug die Hände vor das Gesicht und schüttelte den Kopf. »O Scheiße, Mann. Scheiße.«
   »Weiter.«
   »,Seele’, sagte der Typ immer wieder. ,Seele, Seele.’« Hakan sprang auf und rannte panisch im Zimmer auf und ab. »Er hatte eine ganz komische Stimme, tief und kehlig – als würde er mit Reißnägeln gurgeln. Das war echt unheimlich. Der Typ ging in die Knie und brabbelte immer nur ,Seele, Seele’. Und dann hat er dem Alten die Hand auf die Brust gelegt.« Hakan blieb stehen und starrte aus dem Fenster in die Nacht hinaus. »Dann, dann … hat … er sich über den … Alten gebeugt. Der Alte hat geschrien … die ganze Zeit … und ich hab gewusst … der Typ bringt ihn um. Dann hab ich auch angefangen zu schreien, aber das hab ich erst gemerkt, als sich der Typ zu mir umgedreht hat …«
   »Was passierte dann? Hat er dich angegriffen?«
   »Er stand unter der Straßenlampe am Fuß der Treppe. Mann, hatte ich die Hosen voll. Ich konnte sein Gesicht sehen. Das … das war kein Mensch. Ich hab noch nie solche Augen gesehen. Das waren die hellsten Augen, die Sie sich vorstellen können. Und seine Hände …«
   »Was war mit seinen Händen?«
   »Sie waren rot. Alles war rot. Überall war Blut. Er hat ihm das verdammte Herz aus dem Leib gerissen. Er hielt es in den Händen. Es hat richtig gedampft, weil es noch ganz warm war. Da bin ich losgerannt. Sofort hierher, so schnell ich konnte.« Hakan ließ sich auf den Stuhl fallen und schluchzte krampfhaft.
   In der Tür stand Windhagen, der Hakans letzte Sätze mitgehört hatte.
   Edgar stand an der gleichen Stelle wie eine Stunde zuvor Hakan und blickte auf die Uferpromenade hinab, doch das Bild unterschied sich völlig von dem, das der Junge geschildert hatte. Die Dunkelheit der regnerischen Septembernacht hatte dem gleißenden Licht von Halogenscheinwerfern Platz gemacht. Der Bereich am Fuß der Treppe war weitläufig abgesperrt worden. Die Beamten von der Spurensicherung liefen in ihren weißen Schutzanzügen herum und drehten jede Zigarettenkippe um. Blaue Blinklichter fetzten durch die Nacht, die rotweiße Polizeiabsperrung hielt Schaulustige fern, die das Verbrechen selbst nachts gegen halb eins angelockt hatte.
   Im Zentrum des hektischen Treibens lag unter einer dunklen Plane die Leiche des alten Stadtstreichers. Hakan saß in einem Krankenwagen, wo ihm ein Sanitäter eine Beruhigungsspritze verpasste.
   Edgar starrte verdrießlich auf den Tatort zu seinen Füßen. Obwohl er mit Leib und Seele Polizist war, hatte er sich doch einen weniger gruseligen Fall zu seinem Abgang gewünscht. Er ahnte bereits, dass ihn dieser bizarre Mord bis ans Ende seiner Dienstzeit beschäftigen würde.
   Auf dem nassen Pflaster erhob sich eine schmale Gestalt und winkte ihn zu sich. Er setzte sich widerwillig in Bewegung und schritt die Stufen hinab.
   »Morgen Edgar«, begrüßte ihn der Gerichtsmediziner.
   »Morgen Walter. Du bist ein bisschen blass um die Nase.«
   Engelmann schüttelte den Kopf »Na ja, sowas sieht man auch nicht alle Tage.«
   Edgar nickte. Der Pathologe war nur ein Jahr jünger als er und hatte genug Leichen in seinem Leben gesehen, um seinen Magen abzuhärten. Manchmal fragte er sich, ob Engelmann überhaupt einen Magen besaß. Sein Freund und Kollege war so hager, dass er von den Kollegen nur das Gespenst genannt wurde.
   »Was kannst du mir schon sagen?«
   »Schwer zu beschreiben, sieh’s dir selbst an.« Engelmann bückte sich, ergriff einen Zipfel der Plane und hielt sie hoch.
   Edgar überkam Brechreiz, Magensäure schoss in seiner Kehle hoch. Er drehte sich um und schluckte.
   Der Gerichtsmediziner ließ die Plane los und hielt ihm einen durchsichtigen Plastikbeutel unter die Nase. »Das ist die Tatwaffe.«
   »Ein Taschenmesser?«
   Engelmann nickte. »Und vor zehn Jahren ist es sogar mal scharf gewesen.«
   »Er hat ihm das Herz mit einem stumpfen Taschenmesser herausgeschnitten? Was ist das für eine Bestie?«
   »Ehrlich gesagt, ich hätte es auch nicht für möglich gehalten«, bestätigte Engelmann und klappte seinen Koffer zu. »Der Täter hat so lange an dem armen Teufel herumgesäbelt, bis er das Brustbein durchtrennt hatte. Dann er hat die Rippen auseinandergebogen, um an das Herz heranzukommen. Genauso macht man es bei …«
   »Erspar mir die Details«, wehrte er ab. »Erzähl mir was über den Todeszeitpunkt.«
   »Er ist noch nicht lange tot. Höchstens anderthalb Stunden.«
   »Also gegen halb zwölf«, sagte er nachdenklich. »Laut Protokoll tauchte Hakan kurz nach Mitternacht in der Wache auf.«
   »Herr Engelmann!« Einer der Männer von der Spurensicherung kam mit bleicher Miene auf sie zu. »Wir haben es gefunden!«
   In den Sträuchern am Ufer flammte ein Blitzlicht auf. Edgar folgte dem Pathologen in einigem Abstand. Er hatte für heute Nacht genug Blut gesehen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Engelmanns Mitarbeiter einen blutigen Klumpen in einer Plastikbox verstauten.
   »Er schneidet ihm das Herz raus und wirft es dann einfach weg?«, überlegte er laut.
   »Was soll er denn damit anfangen? Es mit nach Hause nehmen und in die Pfanne hauen?«, rief Engelmann trocken zurück und streifte sich die Gummihandschuhe ab.
   »Das muss ein Irrer sein«, sagte Edgar. Abwesend schaute er zu, wie Engelmanns Leute die Leiche in einen Zinksarg hoben. »So zu sterben hat wirklich niemand verdient.«
   »Er könnte schon vorher tot gewesen sein«, meinte Engelmann.
   »Bist du sicher?«
   »Ganz sicher bin ich erst nach der Obduktion. Komm mit, ich will dir noch was zeigen.« Er ging auf den Zinksarg zu. Edgar stöhnte, doch Engelmann winkte ihn auffordernd heran. »Schau dir sein Gesicht an.«
   Er beugte sich schaudernd vor. Die Wangen des Toten waren mit wässrigen roten Flecken übersät.
   »Was hat er da im Gesicht?«
   »Hämatidrose.«
   »Häma…?«
   »Ein äußerst seltenes Phänomen«, erklärte Engelmann. »Ich habe darüber gelesen, es aber noch nie selbst beobachten können. Bei extremen seelischen und körperlichen Belastungen kann es zu einer Ausdehnung der Kapillaren in der Haut kommen. Kleine Mengen Blut treten in das umgebende Gewebe und in die Schweißdrüsen aus. Dieser Mann hat Blut geschwitzt. Er ist vor Angst gestorben.«

3
Déjà-vu

Adrian taumelte zurück ins Halbdunkel der Praxis, als wäre er einem Geist begegnet. Der scharf abgegrenzte Lichtfleck zeichnete die Konturen der bewusstlosen Frau nach: den Schwung ihrer Augenbrauen, die gerade, schmale Nase und die vollen Lippen. Die Ähnlichkeit war gespenstisch, ihr Gesicht entsprach in jedem Detail den Zügen seiner verstorbenen Frau. Wäre ihr Gesicht nicht mit Blut und Dreck verschmiert gewesen, hätte er sie sofort erkannt.
   »Ich verliere den Verstand«, wiederholte er immer wieder. »Ich verliere den Verstand.« Er stürzte aus der Praxis und stolperte ziellos die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Seine Fähigkeit, rational zu denken, setzte aus. Sein Schädel fühlte sich an wie ein heiß gelaufenes Radio vor dem endgültigen Kurzschluss. Minutenlang steckte er den Kopf unter die kalte Dusche, aber nichts half, den Wahnsinn zu vertreiben.
   Er drehte den Hahn zu und starrte in den Badezimmerspiegel. Das letzte Jahr hatte seine Züge ausgezehrt und entlang seiner Mundwinkel tiefe Kerben in sein hageres Gesicht gemeißelt. Das dichte, hellbraune Haar zeigte noch keine Spur von Grau, und doch wirkte er älter als Mitte dreißig. Seine blauen Augen waren gerötet und brannten fiebrig.
   Die Unruhe trieb ihn ins Schlafzimmer. Er musste sich irren, alles andere war unvorstellbar. Sein Verstand war so von der Erinnerung an Christina gefesselt, seine Trauer so überwältigend, dass seine Augen ihm ein Phantom vorgaukelten. Sicher, die Fremde dort unten in seiner Praxis sah ihr ähnlich, aber sie war nicht Christina, konnte es nicht sein.
   Er setzte sich auf das Bett und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Er griff nach dem gerahmten Foto auf dem Nachttisch, aber seine Finger zitterten so heftig, dass er es umstieß. Das Bild fiel auf den Parkettboden, das Glas zerbrach. Vorsichtig nahm er das Foto aus dem Rahmen. Auf der Rückseite stand in seiner eigenen, unleserlichen Handschrift: »Korfu 2012«. Das Bild zeigte seine Frau während einer Urlaubsreise vor drei Jahren. Sie versprühte darauf ihre vertraute Lebendigkeit und Energie, und sie sah trügerisch gesund aus. Christina hatte intensiv gelebt, mit Hingabe und Leidenschaft – ohne zu ahnen, wie wenig Zeit ihr noch blieb.
   Der Wodka brannte sauer in seinem leeren Magen. Das wäre eine einleuchtende Erklärung sein: Er näherte sich dem Delirium. Vielleicht hatte es überhaupt keinen Unfall gegeben? Vielleicht waren die Ereignisse der letzten Stunde lediglich Ausgeburten seiner Einbildung? Ja, so musste es sein. Ginge er jetzt gleich nach unten, würde er dort vorfinden, was er zurückgelassen hatte, eine Batterie leere Schnapsflaschen und ein verwaistes Behandlungszimmer. Das einzige lebendige Wesen im Haus außer ihm war Jack.
   Mit der Fotografie in der Hand ging er hinunter in die Küche. Er kippte sämtliche Alkoholvorräte in den Ausguss. Für jemanden, der plante, sich das Leben zu nehmen, war er bemerkenswert um seine Gesundheit besorgt, schoss ihm durch den Kopf. Und dann war die Erkenntnis da: Eine halb leere Wodkaflasche entglitt seinen Fingern und zerbarst klirrend auf den Bodenfliesen. Das Verhalten des Hundes. Die Fremde war keine Halluzination gewesen. Auch Jack hatte sich von der Ähnlichkeit täuschen lassen.
   Er lief über den Flur und stieß die Tür zum Behandlungszimmer auf.
   Jack saß neben der Ruheliege und blickte ihn vorwurfsvoll an. Du bist doch Arzt! Tu was! Unternimm was! Oder willst du sie verbluten lassen?, fragten seine Hundeaugen.
   Die Fremde lag noch auf der Liege, wie er sie verlassen hatte. Die Platzwunde über der Augenbraue blutete nicht mehr. Er starrte abwechselnd auf das Foto und die Frau. Es gab keinen Zweifel. Sie sah Christina nicht nur ähnlich, sie glich ihr aufs Haar. Und doch war es unmöglich. Christina Sykes war tot und begraben.
   Ihre Augenlider öffneten sich einen Spalt. Langsam drehte sie den Kopf und blickte ihn an. Sein Herz setzte einen Moment lang aus. Sie besaß Christinas dunkelbraune Augen und den gleichen wachen, lebendigen Blick. Konnte es sein, dass Gott das Spiel umgedreht hatte und ihm eine Wette vorschlug? Er versuchte, den absurden Gedanken zu vertreiben, aber es gelang ihm nicht.
   Das eingetrocknete Blut auf ihrer Wange rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Er desinfizierte die Wunde und legte ein Druckpflaster über der Augenbraue an. Dann leuchtete er in ihre Pupillen. Sie waren gleich groß und sie schielte nicht – kein Schädel-Hirn-Trauma, wie er bereits vermutet hatte.
   Die gewohnten Handgriffe lenkten ihn vorübergehend von seinen rasenden Gedanken ab. Sie ließ die Behandlung wortlos über sich ergehen und blickte ihn seltsam eindringlich an, sprach aber kein Wort.
   Schließlich brach er das Schweigen. »Wie heißen Sie?« Sein Mund war staubtrocken und seine Stimme bebte.
   Sie antwortete nicht.
   »Ich bin Doktor Sykes.«
   Keine Antwort.
   »Wissen Sie, welchen Tag wir heute haben?« Er bewegte die Hand vor ihrem Gesicht hin und her. »Wie viele Finger halte ich hoch?«
   Ihre Augen folgten der Bewegung, aber sie antwortete noch immer nicht.
   »Können Sie mich verstehen?« Er wagte kaum, in diese Augen zu blicken und versuchte sich einzureden, dass die Ähnlichkeit zwar verblüffend, aber nicht mehr als ein teuflischer Zufall des Schicksals war. »Haben Sie Schmerzen?« Sie blickte ihn aus ihren großen braunen Augen an, die ihm so vertraut vorkamen, dass der Schmerz des Verlustes brannte wie eine frische Wunde. »Können Sie sich daran erinnern, was passiert ist? Sie hatten einen Autounfall.« Er wartete weiter auf eine Regung, ein Zeichen des Verstehens. Möglicherweise litt sie an einer retrograden Amnesie. Dann konnte sie sich nicht mehr an Ereignisse vor dem Unfall erinnern. »Ich muss Sie röntgen. Vermutlich haben Sie nur eine Gehirnerschütterung, aber ich will mir Gewissheit verschaffen, dass Sie keine inneren Verletzungen haben.« Er blickte sie einen Moment fragend an. »Einverstanden?«
   Plötzlich streckte sie den Arm aus.
   Erschrocken spürte er ihre warmen Finger auf seinem Unterarm. Die sanfte Berührung rief das Gefühl hervor, Christinas Geist sei durch ihn hindurchgegangen. Vorsichtig nahm er ihre Hand und legte sie zurück auf die Liege. Der Versuch zu lächeln strengte seine Muskeln so sehr an, dass seine Mundwinkel zu zerreißen drohten. »Ich komme gleich wieder.« Er stand auf und ging hinüber in den Nebenraum, in dem der Röntgenapparat stand. Er hatte ihn seit einem Jahr nicht mehr benutzt, war aber sicher, dass er noch einwandfrei funktionierte. Er schaltete das Gerät ein und wartete, bis es betriebsbereit war. Dann kehrte er ins Behandlungszimmer zurück. Die Liege war leer. Die Fremde stand hinter dem Schreibtisch und blickte auf den Bildschirm des aufgeklappten Laptops. Er sah das blaue Flackern schnell wechselnder Bilder auf ihrem Gesicht. Ihre Pupillen wanderten im Takt dazu hin und her, die Lippen bewegten sich lautlos. Jack saß neben ihr auf dem Boden und schaute ihr fasziniert zu.
   Adrian ging um den Schreibtisch herum. Christinas Doppelgängerin schien ihn nicht zu bemerken und war in die Betrachtung der flimmernden Bilder versunken. Der Bildschirm zeigte mit rasender Geschwindigkeit Bilder und Texte an und wechselte so schnell die Webseiten wie ein Stroboskoplicht. Dazwischen öffneten sich ihm unbekannte Masken und Fenster und füllten sich mit Zahlenkolonnen. Wie konnte sie aus dem kleinen Rechner eine solche Leistung herausholen?
   Er spürte augenblicklich, dass er Zeuge einer unheimlichen und unerklärlichen Begebenheit wurde, die vor ihm noch nie ein Mensch beobachtet hatte. Ein kaltes Prickeln kroch seinen Nacken herauf. Sie benutzte weder Tastatur noch Maus, stand einfach nur da und starrte auf den Bildschirm, der flimmerte und flackerte, als hätte sie dem Computer Leben eingehaucht.
   »Was tun Sie da?« Er deutete auf den Laptop. »Wie machen Sie das?«
   Sie beachtete ihn nicht und fuhr in ihrem stummen Zwiegespräch mit der Maschine fort. Dem Impuls folgend, etwas Widernatürliches zu beenden, streckte er die Hand aus und klappte den Deckel des Laptops zu.
   Der Spuk endete abrupt. Langsam drehte sie sich zu ihm um. Einen Augenblick lang verspürte er die irrationale Angst, sie verärgert zu haben. Vielleicht hatte er einem Alien vom Planeten Xpflt Unterschlupf gewährt, der die DNA der toten Christina wieder zusammengebastelt hatte und ihm nun das Hirn aus dem Kopf saugen würde.
   Sie versuchte, zu sprechen. Es schien sie ungeheuer anzustrengen, ein Wort zu formen. Ihre Lippen zitterten. »Iiiiiiiiiif«, sagte sie plötzlich. »Iiiiiiiiiif.«
   Sein Herz krampfte sich zu einem harten Knoten zusammen. Die Stimme. Das war Christinas Stimme. Er machte einen unsicheren Schritt in ihre Richtung, aber er wusste nicht, wie er ihr helfen sollte. Er wusste ja noch nicht einmal, was mit ihr los war.
   Sie kam ebenfalls näher und strich über seinen Arm, so wie sie es vorhin schon getan hatte. Offenbar löste die Berührung eine Erinnerung in ihr aus.
   »Iiiiiiiiiiif«, sagte sie wieder. Diesmal fiel es ihr schon leichter.
   Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Vorsichtig schob er den rechten Ärmel des OP-Hemdes nach oben. Es irritierte ihn, dass sie ihn die ganze Zeit über anblickte, aber sie schien nichts dagegen zu haben, dass er sie berührte. Im Gegenteil, sie deutete ein Lächeln an. All ihre Bewegungen und Gesten waren zaghaft und langsam, als müsste sie erst lernen, ihre Gliedmaßen zu gebrauchen. Sie wirkte wie ein Kind, das die Welt entdeckt.
   Auf ihrem Oberarm, dicht unter der Schulter, fand er die Tätowierung. »EVE 1.0«.
   »Eve? Das ist dein Name, nicht wahr? Du heißt Eve.«
   »Iiiiiiiiiiiif«, wiederholte sie und lächelte.
   Seine Gedanken rasten. Was geschah hier?
   »Okay, Eve. Ich muss dich untersuchen. Vielleicht bist du verletzt. Verstehst du das?«
   Sie lächelte noch immer, zeigte aber mit keiner Reaktion, ob sie ihn verstanden hatte.
   »Ich muss dich röntgen. Keine Angst, es tut nicht weh. Du wirst nichts davon spüren.«
   Er legte ihr einen Arm um die Schulter und führte sie in den Untersuchungsraum. »Setz dich!«
   Als sie nicht reagierte, drückte er sie sanft auf den Hocker. Dann legte er eine Bildplatte in den Röntgenapparat. Als er den Aufnahmearm dicht an ihren Kopf heranführte, wurde sie unruhig.
   »Es tut nicht weh«, sagte er beruhigend. »Ich mache nur ein Foto von deinem Kopf.«
   Sie stieß den Hocker um, wich ängstlich zurück und suchte offenkundig nach einem Fluchtweg.
   Er bot ihr seine Hand an und nickte ihr aufmunternd zu. »Eve? Du heißt doch Eve, nicht wahr? Ich werde dich Eve nennen. Ich tue dir nichts. Ich will dir helfen.«
   Sie stieß mit dem Rücken gegen die Wand, wimmerte verängstigt und rutschte auf den Boden hinab. Schützend barg sie den Kopf in den Armen. Ihr Mund öffnete und schloss sich verzweifelt, aber sie brachte kein einziges Wort hervor.
   Er wagte es nicht, sich ihr nochmals zu nähern, weil er nicht wusste, welche Reaktionen das auslösen würde. Schließlich setzte er sich auf den Hocker und postierte das Aufnahmegerät dicht vor seinem Kopf. »Siehst du? Es passiert überhaupt nichts. Es tut nicht weh.«
   Eve beobachtete ihn aus ängstlich aufgerissenen Augen.
   Die Tür zur Praxis öffnete sich einen Spalt und Jack steckte seine Schnauze herein. Er schob die Tür auf und trottete auf Eve zu. Sie kauerte sich neben den Hund und begann ihn zu streicheln. Das Tier schien sie zu beruhigen.
   »Er heißt Jack«, sagte Adrian. »Er ist ein guter Hund. Magst du Hunde?«
   Sie schlang die Arme um Jack und vergrub ihr Gesicht in seinem Fell. Adrian griff nach ihrer Hand und zog sie sanft hoch. »Komm. Jack wird auf dich aufpassen.«
   Sie setzte sich wieder auf den Hocker. Jack wich nicht von ihrer Seite.
   »Okay, Eve. Bleib einen Moment still sitzen.« Er konnte ihr nicht klar machen, was er beabsichtigte und musste darauf vertrauen, dass sie einen Augenblick ruhig sitzen blieb.
   Als er ihr eine Bleischürze umlegte, wurde sie wieder unruhig. Mühsam gelang es ihm, sie zu beruhigen. Hastig verschwand er im Nebenraum und drückte auf den Auslöser. Er hatte nur diese eine Bildplatte. Die Aufnahme musste nicht perfekt sein, aber wenn sich Eve jetzt bewegt hatte, konnte er nachher nichts erkennen. Nun musste er warten, bis die Platte entwickelt war.
   Als er zurückkam, kauerte Eve frierend und angsterfüllt auf dem Hocker. »Dir ist kalt, nicht wahr? Und Hunger hast du sicher auch. Mal schauen, ob wir dir helfen können.« Er nahm ihre Hand und führte sie nach oben ins Schlafzimmer. In der Hoffnung, dass sie begriff, öffnete er den Kleiderschrank und deutete auf Christinas Kleider. »Such dir was aus«, ermunterte er sie. »Ich bin sicher, die Sachen passen dir.«
   Sie trat an den Schrank und ließ ihre Finger neugierig über die Kleider, Hosen und Blusen wandern. Zumindest in dieser Hinsicht war sie wie andere Frauen.
   Adrian zog sich langsam zurück und schloss die Tür hinter sich. Was zum Teufel machte er da? Nach und nach kehrte seine Fähigkeit zurück, die Situation zu analysieren. Wie weit wollte er dieses Spiel treiben? Er konnte die Frau nicht hier behalten. Das war unmöglich, sie gehörte in ein Krankenhaus. Aber das bedeutete, dass er Eve verlieren und damit das Rätsel um die verblüffende Ähnlichkeit mit Christina niemals lösen würde. Er biss sich auf die Unterlippe. Jetzt dachte er schon über sie, als wäre sie nichts weiter als ein neues Haustier. Aber das war sie nicht. Sie war ein Mensch, ein Mensch, der aussah wie Christina. Was sollte er nur tun? Ihm wurde klar, dass er sich auf einen verführerischen Tanz eingelassen hatte. Er spielte das Spiel Christina ist wieder da. Und dieses Spiel musste er so schnell wie möglich beenden, weil es ihn in den Wahnsinn treiben würde. »Ich gehe hinunter und mache uns einen Happen zu essen«, rief er durch die angelehnte Tür.
   Sie gab keine Antwort. Er lief die Treppe hinab und hoffte, dass ihr Gedächtnis nach und nach zurückkehrte. Eine vorübergehende Amnesie war nichts Ungewöhnliches nach einer Gehirnerschütterung. Gleichzeitig jedoch war ihm klar, dass er sich etwas vormachte. Sie zeigte keinerlei Anzeichen einer schweren Gehirnerschütterung. Offenbar plagten sie nicht einmal Kopfschmerzen, sie erbrach sich nicht und schien sich erstaunlich schnell zu erholen.
   Unentschlossen stand er in der Küche. Sein Magen knurrte. Adrian holte er Butter, Wurst und Käse aus dem Kühlschrank und schnitt Speck, den er mit ein paar Eiern braten wollte. Als er sich umdrehte, um nach der Pfanne zu suchen, konnte er gerade noch einen Schrei unterdrücken. Eve stand in der offenen Tür und betrachtete ihn stumm. Sie trug Jeans und ein apfelfarbenes langes T-Shirt. Die Sachen verstärkten nicht nur den optischen Eindruck, seine Frau sei von den Toten auferstanden, es waren genau die Kleidungsstücke, die auch Christina für einen gemütlichen Abend auf der Couch gewählt hätte.
   Er weinte. Das war einfach zu viel.
   Eve trat neugierig näher und berührte sein tränenfeuchtes Gesicht. Sie lächelte unergründlich, wandte sich ab und tänzelte wie eine Schlafwandlerin hinüber ins Wohnzimmer. Ihre Aufmerksamkeitsspanne war unnatürlich kurz. Sie schien an allem Neuen sehr schnell jegliches Interesse zu verlieren. Verstört und von Trauer überwältigt blieb er in der Küche zurück.
   Als die Eier fertig waren und er die Pfanne vom Herd nahm, hörte er aus dem Wohnzimmer leise Musik. Neugierig ging er hinüber. Jack hatte es sich auf seiner Matte vor dem Fenster bequem gemacht und döste vor sich hin. Für ihn schien die Welt wieder in Ordnung zu sein.
   Eve hatte die Stereoanlage eingeschaltet. Die Corrs sangen Listen to the radio. Adrian hatte diese CD seit dem Tod seiner Frau nie wieder gehört und er war sicher, dass das Laufwerk des Players vorhin leer gewesen war. Eve musste also genau diese CD ausgewählt haben. Woher wusste sie, wie man einen CD-Player bediente, wenn sie sich sonst an nichts erinnern konnte?
   Sie tanzte mit geschlossenen Augen und sparsamen, weichen Bewegungen und wiegte sich im Rhythmus der Musik.
   Der Anblick war zu viel für Adrian. Er stürzte zur Stereoanlage und riss das Stromkabel aus der Wand. »Hör auf damit«, schrie er. »Hör auf!«
   Erschrocken schlug sie die Augen auf. Jack sprang auf und kläffte wütend.
   »Entschuldige, ich … wollte … das nicht. Ich … du siehst aus …« Adrian sank in einen Sessel und vergrub das Gesicht in den Händen. Was geschah hier? Verlor er den Verstand?
   Ihre Hand auf seinem Arm brachte ihn wieder zu sich. »Gut«, sagte sie. »Es ist … gut.«
   Er blickte überrascht auf. Das waren die ersten richtigen Worte, die sie bisher gesprochen hatte. Dann fiel ihm die Röntgenaufnahme ein. Das Bild musste inzwischen entwickelt sein. Er lief hinüber in die Praxis und zog die Bildplatte aus der Maschine, hetzte in das Behandlungszimmer und steckte das Röntgenbild in die Halteleiste der Lichttafel.
   Er zweifelte endgültig an seinem Verstand. Das Bild war klar, die Umrisse des Schädels und des Kiefers waren deutlich zu erkennen und ergaben keinen Befund. Aber dort, wo sich Eves Gehirn befinden musste, zeigte das Röntgenbild etwas völlig Irreales: Hunderte von dünnen vertikalen Röhren drängten sich zu einem säulenartigen Gebilde zusammen und füllten das Innere des Schädels aus. Sie waren in Bündeln angeordnet und strebten in die Höhe wie die Säulen einer Kathedrale.
   Das Röntgenbild zeigte einen riesigen Computerchip. Anstelle einer organischen Gehirnmasse besaß diese Frau ein künstliches Implantat, das es nach menschlichem Ermessen nicht geben durfte.

4
Das blinkende Herz

, »Überleg es dir noch mal. Ich fühle mich auf jeden Fall sicherer so«, sagte Lisa. Sie schob den Kaugummi in die andere Backe und zwinkerte einem älteren
   Mann zu, der langsam an ihnen vorbeifuhr. Er hatte die Seitenscheibe seines Mercedes heruntergelassen und musterte Lisa und sie mit einer Mischung aus Unsicherheit und Verlangen.
   »Warum soll ich diesem Idioten die Hälfte abgeben?«, fragte Jenny zurück.
   Lisa lehnte sich an die Mauer und kaute schweigend weiter. Heute Nacht war nicht viel los.
   Jenny warf einen gelangweilten Blick auf ihre Armbanduhr. Es war kurz nach eins.
   »Ich sag dir, warum«, fuhr Lisa fort. »Es gibt ’ne Menge durchgeknallte Typen und Perverse. Liest du keine Zeitung? Jede Woche steht da ’ne neue Schauergeschichte über einen Irren, der eine von uns aufgeschlitzt hat. Nee, danke.«
   »Und du glaubst wirklich, dieser Leonardo kann dich beschützen?«, fragte Jenny zweifelnd.
   Lisa zuckte mit den Schultern. »Klar. Mit Leo legt sich so schnell keiner an.«
   Jenny schüttelte den Kopf. »Warum nennt sich der Typ Leonardo? So heißt doch kein Mensch.«
   »Er sieht aus wie eine von diesen Marmorstatuen, du weißt schon.« Lisa grinste. »Außerdem ist er nett.«
   Jenny warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Und weil er so nett ist, verprügelt er dich ständig?«
   »Manchmal gehen eben die Pferde mit ihm durch. Das ist sein italienisches Temperament.«
   Jenny ersparte sich einen weiteren Kommentar, sie hatte eine andere Vorstellung von Temperament. Außerdem konnte sie gut auf sich selbst aufpassen. Die meisten Freier waren sowieso harmlos. Geile Mittfünfziger, die noch mal abspritzen wollten, oder verklemmte Typen, die zu schüchtern waren, um eine Freundin abzubekommen. Natürlich gab es auch die Perversen, denen es Spaß machte, einer Frau wehzutun, aber Jennys sechster Sinn funktionierte tadellos, er filterte diese Männer sofort aus. Davon war sie jedenfalls überzeugt.
   Jenny schlenderte ein Stück die Straße hinab. Sie wollte unauffällig weg von Lisa. Ihre Freundin suchte sich mit absoluter Treffsicherheit die falschen Männer aus – Freier wie Beschützer, Kerle wie diesen Leonardo eben.
   Sie steckte sich eine Zigarette in den Mund und kramte in ihrer Handtasche nach dem Feuerzeug. Als sie keines fand, beschloss sie, zu Lisa zurückzukehren. Jenny drehte sich um und erschrak so heftig, dass sie aufschrie und die Zigarette aus ihrem Mundwinkel fiel. Ohne dass sie es bemerkt hatte, hatte sich ihr ein Mann genähert. Ein großer Mann. Ein Riese.
   »Hi«, sagte sie nervös.
   Der Riese antwortete nicht, sah sie nur mit einem seltsam starren Blick an. Das war nicht weiter ungewöhnlich. Viele Männer waren unsicher, wenn Jenny sie ansprach – selbst Kerle wie dieses Prachtexemplar.
   Lisa wartete in einiger Entfernung und machte große Augen. Sie hatte Jennys Verehrer ebenfalls entdeckt und war sichtlich beeindruckt.
   »Wie heißt du denn?«, fragte Jenny, um das Eis zu brechen. Er blieb noch immer stumm.
   Mit routinierten Blicken taxierte Jenny den vermeintlichen Kunden. Sein Gesicht war auf eine herbe Art schön – ein kräftiges, kantiges Kinn, eine breite Nase und Augen, die tief in den Höhlen lagen. Die breite Stirn wölbte sich über die Augenpartie, als wäre sie aus einer dicken Knochenplatte herausgemeißelt worden. Sein Haar war so kurz rasiert, dass nur ein blonder Schimmer übrig war. Er trug löchrige Jeans, die über den Boden schleiften, und ein schwarzes T-Shirt, das ihm zwei Nummern zu klein war. Fasziniert betrachtete Jenny die Muskelpakete unter dem vom Nieselregen durchnässten Stoff. Sie mochte durchtrainierte Männer.
   Doch etwas in seinen Augen irritierte sie. Obwohl sie hell und klar wie ein Gebirgsbach waren, loderte in ihnen ein Feuer, das ihr Angst machte. »Machst einen auf cool, was?« Sie konnte es sich nicht verkneifen, bewundernd mit den Fingern über seine breite Brust zu streichen, trat ganz nah an den Riesen heran und hob den Kopf. Er ragte über ihr auf wie ein Turm. Der sechste Sinn in ihrem Kopf schrie und tobte, aber sie drängte ihn in den Hintergrund. Man konnte diesen Job nicht machen, wenn man keine Männer mochte. Und dieser Mann zog sie geradezu animalisch an.
   In der Ferne wedelte Lisa mit den Armen in der Luft und schüttelte warnend den Kopf. Doch was wusste Lisa schon?
   »Hast du Lust, mit mir was zu trinken?«
   Der Riese sagte noch immer kein Wort.
   »Bist wohl ein bisschen schüchtern, was? So ’n großer Kerl und kriegt keinen Ton raus. Aber ich bring dich schon zum Singen. Komm, ich zeig dir mein Zuhause.« Jenny griff nach seiner Hand. Sie fühlte sich hart und kühl an. Sie wollte ihn mit sich ziehen, aber er rührte sich nicht vom Fleck.
   »Iiiiiiiif«, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang rau und heiser.
   Erschrocken ließ sie seine Hand los.
   Er hob den Arm und fuhr mit den Fingern durch ihr Haar. Trotz seiner riesigen Hand ging er dabei geschickt und zärtlich vor. »Iiiiiiiiiif!«
   Auf Jennys Armen bildete sich eine Gänsehaut. Wenn nicht das sanfte Streicheln seiner Hand gewesen wäre, hätte sie längst die Beine in die Hand genommen. Aber gerade dieses zärtliche Kraulen reizte sie – vor ihr stand ein Riese, sanft wie Lamm. Sie trat einen Schritt zurück, lächelte unsicher und nahm erneut seine Hand. Diesmal gelang es ihr, ihn mitzuziehen.
   Als sie sich ihrem Camper näherten, der auf dem Parkplatz am Rand des Industriegebietes in einer Reihe mit anderen Wohnmobilen stand, blieb der Mann wie angewurzelt stehen. »Herz«, sagte er und deutete auf das blinkende rote Plastikherz hinter dem Fenster des Wohnmobils.
   »Das gefällt dir, was? Komm, ich zeig’s dir«, sagte Jenny. Der Typ hatte eine Macke, aber sie glaubte, dass er harmlos war. Auch wenn ihr sechster Sinn sie eben noch gewarnt hatte.
   Jenny schloss die Tür auf und zog ihn ins Innere ihres Wohnmobils. Der Riese musste sich bücken und zog die Schultern ein. Dabei bemerkte Jenny die frisch verheilte, halbmondförmige Narbe an seinem Hinterkopf. Ein warnendes Prickeln kroch ihre Wirbelsäule hinauf. Bis jetzt hatte sie den starren Blick und das Gestotter als Schüchternheit gedeutet. Aber die hässliche Narbe war zu viel – Jennys sechster Sinn spielte verrückt und schrie und tobte. Sie verfluchte ihren Leichtsinn. Wenn der Kerl doch ein perverser Irrer war, konnte er sie im Wohnwagen in aller Ruhe abmurksen, ohne dass es jemand bemerken würde.
   Jenny riss sich zusammen. Ein gewisses Risiko gehörte zu ihrem Job. Wahrscheinlich litt der Kerl ganz einfach unter seiner Einsamkeit, weil er behindert war. Wie er da so unbeholfen in dem engen Wohnwagen stand und den Kopf einzog, tat er ihr fast leid. Nein, er war nur ein etwas groß geratener Junge, und es war doch ein schönes Gefühl gewesen, als er ihr Haar gestreichelt hatte. Ein Psychopath war nicht zärtlich.
   »Willst du dein T-Shirt nicht ausziehen? Es ist ganz nass. Du frierst doch bestimmt.« Sie ließ ihre Finger über seinen harten Bizeps wandern und schob spielerisch den Ärmel des T-Shirts nach oben. »Tätowiert bist du auch. Ich mag Tattoos.« Sie strich über die Buchstaben. »A-d-a-m«, buchstabierte sie. »Ich wette, du suchst deine Eva, was?«
   Ihre Finger wanderten weiter nach oben über das gespaltene Kinn und berührten seine Lippen. »Ich heiße Jenny. Aber ich mach’s dir genauso gut wie deine Eva«, versprach sie und schmunzelte.
   »Iiiiiiiif?«, wisperte er fragend. Er schien etwas entdeckt zu haben, das ihm nicht gefiel. »Braunnneee Auuugenn«, sagte er stockend.
   »Nee, meine Augen sind grün.« Jenny klapperte mit den Augenlidern.
   Der Riese streckte seine Hand aus und berührte ihre Stirn. Sie blinzelte verwirrt und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Hinter ihren Augen lief unvermutet ein Film ab, klare, wie Schneeflocken vorbeiwirbelnde Bilder: Ein schmaler Raum ohne Farben, weiß und steril, ein großer Eisenkäfig, ein Mann in einem Arztkittel, grelles Neonlicht, eine Frau mit dunkelbraunen langen Haaren, die ihr ähnlich sah. Sie lag auf einer Pritsche und zerrte vergeblich an den Lederriemen, mit denen sie gefesselt war. In ihren Augen stand namenlose Angst. War Jenny diese Frau? Sah sie die Zukunft?
   Die Bilder verblassten so schnell, wie sie gekommen waren. Jenny schnappte nach Luft und kam wieder zu sich. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Der Riese stand noch immer vor ihr, seine Hand lag schwer auf ihrer Brust. Na endlich. Jenny zwinkerte ihm zu. »Fühlt sich gut an.« Sie drückte seine Hand fester auf ihre Brust und bewegte sie langsam im Kreis. Dann schloss sie die Augen und wollte nur noch seine Berührungen genießen.
   Aber der Riese zog plötzlich seine Hand zurück. »Seele?«, fragte er mit heiserer Stimme.
   »Hä?« Jenny begriff gar nichts mehr.
   »Seele? Da drin?«, fragte er und zeigte auf ihre Brust.
   Jenny grinste. »Nee, da ist schon lange keine Seele mehr drin. Aber wir können ja mal nachschauen.« Mit flinken Bewegungen streifte sie ihr Top ab.
   Das schien ihn zu verwirren. Sie runzelte die Stirn. Hatte der Typ wirklich keine Ahnung, was sie von ihm wollte?
   »Sag mal, hast du eigentlich Geld?«, fragte sie. »Kohle? Flocken?« Sie rieb Zeigefinger und Daumen aneinander.
   Der Riese streckte blitzschnell die Arme aus. Obwohl Jenny überrascht einen Schritt zurückstolperte, bekam er sie mühelos zu fassen. Und diesmal war die Berührung weder zart noch sanft. Ihr Kopf fand sich unversehens im eisenharten Griff eines Schraubstocks wieder.
   »Du tust mir weh!« Sie versuchte, sich zu befreien. Von einer Sekunde auf die andere überkam sie Panik. Das war kein Spiel mehr, und der große Junge war alles andere als harmlos.

*

Der Typ gefiel Lisa nicht, aber Jenny wollte ja nicht auf sie hören. Nervös wanderte sie zur Häuserecke und blickte misstrauisch zum Wohnmobil ihrer Freundin hinüber. Vielleicht hatte Jenny doch Recht und Lisa klammerte sich immer wieder an die falschen Typen. Und ja, Leonardo war ein Schläger, ein brutaler Zuhälter, der sich einfach nahm, was ihm gefiel. Für ihre fragwürdige Sicherheit zahlte Lisa einen hohen Preis. Leonardo war ein Schwein, aber er war berechenbar. Der Freier mit dem rasierten Schädel und der halbmondförmigen Narbe am Kopf aber war irre, daran zweifelte Lisa keine Sekunde. Und normalerweise war es genau jene Art Mann, um die Jenny mit sicherem Gespür einen Bogen machte. Weshalb nicht auch heute Abend?
   Lisa war ihrer Freundin im Schatten der Häuserfront des alten Fabrikviertels gefolgt und drückte sich noch immer in der Nähe von Jennys Wohnmobil herum. So konnte sie wenigstens Alarm schlagen, wenn etwas passierte. Eine Viertelstunde lang stand sie sich schon die Beine in den Bauch, ohne dass ein Laut aus dem Inneren nach draußen gedrungen war. Wenn man erwürgt wird, schreit man nicht, dachte sie.
   Lisa reckte den Kopf und spähte durch einen Spalt in dem roten Vorhang. Sie konnte Jenny nicht direkt sehen, aber ihr Abbild in dem großen Spiegel, der an der Längswand schräg über dem Bett hing. Zwei klobige Hände tauchten scheinbar aus dem Nichts auf und umklammerten Jennys Kopf. Lisas Freundin öffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei. Im nächsten Atemzug färbten sich ihre weit aufgerissenen Augen blutrot, und zwischen den Fingern des riesigen Kerls spritzte helles Blut hervor. Lisa wich entsetzt zurück. Ihr Herz hämmerte so hart gegen ihre Brust, als wollte es zerspringen. Hier konnte auch Leonardo nichts mehr ausrichten. Sie schrie gellend auf und rannte voller Panik die Straße hinab.

*

Edgar rieb sich die Müdigkeit aus den brennenden Augen und stieg ächzend die Stufen zur Tür des Wohnmobils hinauf. Er hatte sich damit abgefunden, heute Nacht keinen Schlaf mehr zu bekommen – erst hatten ihn Hakan und der tote Penner davon abgehalten, ins Bett zurück zu kriechen, und nun hatten sie einen weiteren Mord.
   In dem engen Huren-Wohnwagen war es stickig. Der saure Gestank nach Angst und Blut überlagerte den schwachen Geruch billigen Parfüms. Er fand kaum Platz zum Stehen, denn drei Kollegen der Spurensicherung waren damit beschäftigt, die Tote zu fotografieren und das Wohnmobil nach Spuren eines Kampfes zu durchsuchen. Walter Engelmann kniete neben der Leiche auf dem Boden und schüttelte fassungslos den Kopf.
   Edgar ließ sich auf einem wackligen Hocker nieder und blickte Engelmann gespannt an. »Und?«
   Der Pathologe zuckte mit den Schultern. »Das wird immer bizarrer. Viel kann ich dir nicht sagen. Ich habe ja noch nicht mal den Obdachlosen auf meinem Tisch gehabt.« Er ergriff die rechte Hand der ermordeten Prostituierten und untersuchte die Fingernägel. »Es sieht nicht so aus, als hätte hier ein Kampf stattgefunden. Sie hat sich anscheinend nicht mal gewehrt.«
   »Du meinst, sie hat den Täter gekannt, ihm vertraut?«
   »Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war es ein Freier. Gib mir ein bisschen Zeit.«
   Er nickte müde. »Woran ist sie gestorben?«
   Engelmann setzte sich auf das Bett, das einzige Möbelstück, das breiter als einen halben Meter war. »Schau sie dir an, was würdest du sagen?«
   Edgar betrachtete irritiert die Leiche, die stark aus Nase und Ohren geblutet hatte; ihre Augen waren zwei rubinrote Flecken in dem kalkweißen Gesicht. »Keine Ahnung. Ich bin nicht in der Stimmung für Rätsel, Walter.«
   »Ich auch nicht. Wenn du mich fragst, sind sämtliche Blutgefäße in ihrem Kopf explodiert.«
   »So was ist möglich?«
   »Nein.«
   Er studierte die vertrauten Züge seines Freundes. Auf der Glatze des Pathologen zerplatzte ein einzelner roter Tropfen wie der Vorbote eines Gewittersturms. Edgar hob den Kopf. Auf dem Spiegel über dem Bett standen zwei Worte – nur ein Irrer konnte sie mit dem Blut des armen Mädchens geschrieben haben: KEINE SEELE.

5
Eve

Adrian wandte sich um und starrte ungläubig auf das Röntgenbild. Was er sah, war unmöglich. Niemand auf diesem Planeten konnte in den Kopf eines Menschen ein künstliches Gehirn einsetzen. Die Ärzte tauschten Kniegelenke aus oder verpflanzten eine Niere, aber das menschliche Gehirn war viel zu komplex, um durch einen Computerchip ersetzt werden zu können. Kein Chirurg war auch nur ansatzweise in der Lage, einen solchen Eingriff durchzuführen. Ganz abgesehen davon gab es keinen medizinischen Grund, einen solchen Versuch zu unternehmen.
   Ruhelos lief er vor dem Röntgenbild auf und ab. Es musste eine andere Erklärung geben, vielleicht war die Bildplatte defekt.
   Konzentriert studierte er die Einzelheiten der Aufnahme. Das Bild war gut entwickelt und unterschied sich in nichts von einer herkömmlichen Röntgenaufnahme. Knochen und Gewebestrukturen waren für das geübte Auge eines Arztes leicht zu erkennen. An die Wirbelsäule schloss sich der Hirnstamm an, der evolutionär älteste Teil des Gehirns. Er allein war vollständig vorhanden. Das wäre eine Erklärung, warum die lebenserhaltenden Körperfunktionen wie Atmung und Herzschlag bei Eve nicht beeinträchtigt waren. Sie liefen größtenteils unbewusst über das vegetative Nervensystem ab. Wie hatten die Schöpfer dieses Monstrums das verbliebene Stammhirn mit dem Cyberimplantat verbinden können? Das war nur eins der vielen Rätsel, auf die er keine Antworten fand. Ein Monstrum? Eve war ein Cyborg, eine Mischung aus Mensch und Maschine. Aber das war unmöglich. Es war sogar unmöglich, dass er die Einzelheiten dieses filigranen Gebildes überhaupt auf dem Röntgenbild erkennen konnte. Metall und Plastik hätten eigentlich als pechschwarze Flecken auf dem Bild erscheinen müssen … es sein denn, dieses Konstrukt bestand aus etwas anderem als Silikon und Leiterbahnen, aus einer ihm unbekannten organischen Masse.
   Er trat näher an das Bild heran. Das Implantat in Eves Schädel bestand nicht nur aus ein paar Hundert röhrenförmigen Gebilden, wie er zunächst angenommen hatte. Je länger er die Aufnahme betrachtete, desto mehr dieser gebündelten dünnen Röhren entdeckte er. Weitere Einzelheiten gab die grobe Fotografie nicht preis, doch eine Kernspintomografie würde mit Sicherheit noch weit mehr dieser Säulen zeigen. Wahrscheinlich bestand jede einzelne aus weiteren Bündeln, die sich in immer feinere Einheiten unterteilten. Die Form dieser Röhren war ein vergrößertes Abbild dessen, was man eine neokortikale Säule nannte. In der natürlichen Struktur des menschlichen Gehirns waren sie etwa zwei Millimeter lang. Die Oberfläche des Gehirns, wo alle Sinneseindrücke ankamen und aufgenommen wurden, bestand aus Millionen solcher Säulen. Jede enthielt bis zu sechzigtausend Neuronen. So unvorstellbar der Gedanke auch war, jemand hatte ein menschliches Gehirn nachgebaut und es dieser Frau eingesetzt. Und es funktionierte. Er schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein, das ist unmöglich. Niemand kann das!«
   Wenn nach dem heutigen Stand der Wissenschaft niemand in der Lage war, solch einen Eingriff vorzunehmen, wer war dann der Schöpfer dieses Kunstwerkes? Ein verrückter Gedanke durchzuckte ihn, der so unglaublich war, dass er ihn sofort weit von sich wies. Berichte von Entführungsopfern geisterten durch seinen Verstand. Kleine graue Wesen, die mit spitzen Nadeln und unheimlichen Gerätschaften hantierten und Menschen sezierten wie die Bewohner eines galaktischen Zoos. Die meisten Menschen nahmen instinktiv an, dass wir nicht die einzigen intelligenten Wesen im Universum waren, aber es musste eine einfache, naheliegende Erklärung geben. Die Vorstellung, experimentierfreudige Aliens hätten Eve ein künstliches Gehirn eingesetzt und ließen sie unbehelligt auf der Erde herumspazieren, war absurd.
   Die Arme vor der Brust verschränkt, lehnte sich Adrian gegen die Bildtafel und beobachtete Eve. Jack hatte sich auf den Rücken gedreht und ließ sich von ihr genussvoll den Bauch kraulen. Der Anblick löste in Adrian ein heftiges Déjà-vu aus. Aber auch wenn die Ähnlichkeit Eves mit Christina noch so verblüffend war, das alles war und blieb eine Illusion. Trieb jemand ein perfides Spiel mit ihm? Hatte er sich einen Feind geschaffen, der ihn in den Wahnsinn treiben wollte? Mühsam versuchte er, die verwirrenden Gedanken zu verdrängen. Er musste Abstand gewinnen, so wie er es gewöhnlich mit seinen Patienten handhabte. Eine zu enge Bindung konnte jeden Arzt sehr schnell an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit führen. Das war eine der ersten Lektionen, die alle angehenden Mediziner lernen mussten.
   Es musste eine rationale Erklärung für die Vorgänge dieser Nacht geben. Er löste sich von dem Bild des Implantats und versuchte, andere Möglichkeiten durchzuspielen als das Eingreifen kleiner grüner Männchen. Konnte es sein, dass Christina eine Zwillingsschwester hatte, von der er nichts wusste? Adrian war elektrisiert von dieser Vorstellung, auch wenn sie ihn der Illusion beraubte, Gott hätte ihm seine Frau wiedergegeben, um mit ihm eine wahnsinnige Wette abzuschließen. Der Schöpfer des Universums war ganz sicher nicht so eitel, dass er sich von seinem Zorn herausfordern ließ.
   Es gab nur einen einzigen Menschen, der ihm die Frage nach einer möglichen Zwillingsschwester beantworten konnte: Christinas Mutter. Und damit begannen die Schwierigkeiten bereits. Zwar hatte Angela ihm nie offen die Schuld am Tod ihrer Tochter gegeben, trotzdem hatte er den unausgesprochenen Vorwurf in ihren Augen bemerkt. Wie konntest du so unverantwortlich sein, und Christina selbst operieren? Wie konntest du uns das antun?
   Wie Adrian stammte auch Christina aus einer Arztfamilie. Ihr Vater hatte bis zu seinem frühen Tod eine eigene Praxis geführt, und Angela war diplomierte Psychologin. Von der Idee elektrisiert, griff er zum Telefon, hob den Hörer ab und legte ihn sofort wieder auf die Gabel. Nein, so würde es nicht gehen. Ungeachtet ihrer naiven Einstellung – Angela teilte die Menschen in simple Kategorien ein, in Gesunde und Irre -, war sie eine intelligente Frau. Sie arbeitete als Therapeutin und war in ihrem Beruf trotz ihrer eingeschränkten Sichtweise zweifellos erfolgreich. Stillschweigend hatte sie zur Kenntnis genommen, dass er sich nach Christinas Tod langsam um den Verstand trank und in Depressionen verfiel. Doch Hilfe hatte sie ihm nie angeboten. Es schickte sich nicht für ein Mitglied der Familie von Alsbach, in der Öffentlichkeit die Haltung zu verlieren, also ignorierte man sein Fehlverhalten nach Kräften. Was sollte er ihr sagen? »Hör mal, Angela. Ich habe heute Nacht eine Frau über den Haufen gefahren, die aussieht wie deine Tochter. In ihrem Kopf sitzt ein riesiger Computerchip. Willst du nicht mal rüberkommen und dir die Röntgenbilder anschauen?« Wahrscheinlich würde sie ihn umgehend in die Psychiatrie einweisen lassen.
   Eve hörte auf, den Hund zu kraulen. Sie stand auf und ging in die Küche. Adrian verließ die Praxis und traf Eve auf dem Weg in die Küche. Er folgte ihr neugierig. »Hast du Hunger?«
   Statt einer Antwort nahm sie sich einen Apfel aus der Obstschale und begann mit Heißhunger zu essen. Sie biss ab und kaute und schluckte, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen – und vielleicht hatte sie das auch nicht. Sie aß den Apfel mit Stumpf und Stiel auf, hob den Kopf und schaute ihn mit funkelnden Augen an. Er war ihr noch nie so nahe gewesen. »Hunger«, sagte sie unvermutet. »Huuuuuuunger«, und lachte.
   Er fuhr mit den Fingern durch ihr Haar, wie er es so oft bei Christina getan hatte. »Du bist wie ein Kind, Eve.« Er schüttelte den Kopf. »Was haben sie nur mit dir angestellt?«
   Unvermittelt schnupperte sie, wie Jack es manchmal tat. Sie schien alle Sinneseindrücke mit einer animalischen Freude aufzunehmen. »Huuuuunger!« Sie löste sich von ihm, ging auf den Herd zu und versuchte, eins der Spiegeleier aus der heißen Pfanne zu fischen. »Heeeiiiiii«, rief sie überrascht.
   »Du verbrennst dir die Finger. Setz dich«, er deutete auf den Stuhl, »dorthin.«
   Sie leckte sich über die Lippen, setzte sich an den Küchentisch und beobachtete konzentriert jede seiner Bewegungen.
   Er stellte zwei Teller auf den Tisch. Dann schnitt er vier Scheiben Brot ab und legte sie in einen Bastkorb. Als er den Kühlschrank öffnete, um Butter herauszuholen, drehte sich Eve auf ihrem Stuhl herum und streckte neugierig den Kopf hinein.
   »Kalt«, sagte sie und strich über Flaschen und Gläser.
   Woher kannte sie auf einmal all diese Worte? Er blickte sie eindringlich an. »Du verstehst, was ich sage, nicht wahr?«
   Sie lächelte unergründlich und nahm Ketchup, Senf, Mayonnaise, Marmelade und Schokocreme aus dem Kühlschrank. Verwirrt beobachtete er, wie sie die Flaschen, Tuben und Gläser auf dem Tisch aufbaute, die verschiedenen Soßen über Brot und Eier goss und mit großem Appetit zu essen begann. Dabei benutzte sie ausgiebig ihre Finger.
   »Na ja, Besteck brauchst du wohl keines«, kommentierte er kopfschüttelnd.
   Eve grinste ihn glücklich und zufrieden an. Ihr Mund war mit Schokolade und Senf verschmiert. Sie war ein Kind im Körper einer erwachsenen Frau. Und offensichtlich war sie gesund und munter. Der Unfall hatte keine bleibenden Schäden hinterlassen – wenn man von ihren irritierten Geschmacksnerven absah. Im Gegenteil, sie erholte sich atemberaubend schnell. In ihrer Unschuld war sie hinreißend.
   Adrian schob seinen Teller zur Seite, er hatte plötzlich keinen Hunger mehr.
   Eve wischte mit dem Brot die Reste von Ketchup und Marmelade vom Teller auf. Als sie sah, dass er nicht aß, sah sie ihn abwartend an. Ihre Blicke wanderten zwischen dem Teller und seinem Gesicht hin und her.
   »Mein Gott, du bist wie Jack«, sagte Adrian und bereute sofort, dass er sie mit einem Tier verglich. Nein, sie war und blieb ein Mensch, dem man etwas Schreckliches angetan hatte.
   Eve streckte die Hand nach dem seinem Teller aus. Adrian hielt ihn fest. »Wenn ich dir mein Spiegelei gebe, zeigst du mir dann, was du mit dem Computer gemacht hast?«
   Sie deutete weder ein Nicken noch ein Kopfschütteln an, aber er würde schon herausfinden, ob sie ihn verstanden hatte.
   »Wirst du?« Er schob ihr den Teller hin.
   Sofort machte sie sich hungrig über das zweite Ei her.
   Er seufzte und gab auf. »Du solltest dir die Hände waschen.« Er führte sie ins Bad und drehte den Wasserhahn auf. Fasziniert begann sie, mit dem Wasserstrahl zu spielen. Adrian begriff in diesem Moment, dass diese Frau nicht Christina war. Ihr Körper mochte derselbe sein, aber ihr Bewusstsein, ihr Wesen war erloschen. Selbst wenn er sie geduldig erzog wie ein kleines Kind, würde sie nie wieder dieselbe Chrissy sein, die er geliebt hatte. »Ich bin im Behandlungszimmer. Wenn du fertig bist, kannst du mir zeigen, was du mit dem Computer gemacht hast.«
   In der Praxis ließ er sich in den Ledersessel hinter dem Schreibtisch fallen und blickte zornig auf das Telefon. Er wusste, was er jetzt zu tun hatte. Wenn er Eve versteckte, machte er sich schuldig – nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch ihr gegenüber. Sie hatte ein Anrecht darauf, dass diejenigen, die sie als Versuchskaninchen missbraucht hatten, zur Rechenschaft gezogen wurden. Er fasste einen Entschluss, ihm blieb keine andere Wahl. Es war kurz vor zweiundzwanzig Uhr. Er würde sie über Nacht hier behalten und morgen zu Dr. Janson in die Klinik bringen. Ihn konnte er ins Vertrauen ziehen. Was immer sich daraus ergeben würde, es war die richtige Entscheidung.
   Eve riss ihn aus seiner Grübelei. Sie stand in der Tür, ihr grünes T-Shirt durchnässt und mit Ketchup- und Schokocremeflecken übersät.
   »Zeig es mir.« Er klappte den Laptop auf. »Was hast du mit dem Computer angestellt?«
   Der PC war der einzige Anhaltspunkt, der einzige Gegenstand, an dem Eve für längere Zeit Interesse gezeigt hatte. Sie näherte sich dem Schreibtisch und legte die Finger auf die Tastatur. Nach einer Weile flackerte der Bildschirm auf, und das Betriebssystem fuhr viel schneller hoch, als Adrian es von dem betagten Computer gewohnt war.
   »Wie hast du das gemacht?«, fragte er fasziniert.
   Ihm kam eine Idee. Er startete den Internetbrowser und suchte nach einer Website, auf der man Deutsch lernen konnte. Er schob ihr den Laptop hin.
   Eve betrachtete die Seite kurz, aber sie schien schnell das Interesse zu verlieren. Plötzlich rauschten die Seiten und Bilder so schnell über den Monitor, dass Adrian kaum noch Einzelheiten erkennen konnte. »Wie machst du das?«, murmelte er fassungslos.
   Jack rieb seine Schnauze an seinem Bein und jaulte.
   »Ich komme gleich wieder«, sagte Adrian abwesend. »Ich bringe nur eben Jack nach draußen.«
   Während er mit dem Hund durch den Flur zur Hintertür ging, überschlugen sich seine Gedanken. Es war nicht mehr als ein Versuch. Vielleicht war das Ding in ihrem Kopf ja auch zu gar nichts gut – ein fehlgeschlagenes Experiment. Vielleicht waren sie deshalb ihrer Erfindung überdrüssig geworden und hatten Eve ausgesetzt wie ein Labortier, mit dem sie nichts mehr anfangen konnten.
   Er ließ Jack hinaus und starrte in die Dunkelheit. Eines wusste er sicher: Man brauchte keine kleinen grauhäutigen Außerirdischen zu erfinden, die mit unschuldigen Menschen herumexperimentierten. Der Teufel saß mitten unter den Menschen. Und wahrscheinlich war der Teufel Amerikaner. Ein derartiges Experiment traute Adrian nur seinen Landsleuten oder den Russen zu. Höher, schneller, weiter. Amerikanische Tugenden. Was machbar war, setzten Wissenschaft und Militär um, ganz gleich, welche Konsequenzen es für die Betroffenen mit sich brachte. Hatte der Zufall ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht und Eve die Flucht ermöglicht? Blieb nur die Frage der unheimlichen Ähnlichkeit mit Christina.
   Als er ins Behandlungszimmer zurückkam, war der Computerbildschirm dunkel. Eve hatte sich im Ledersessel hinter dem Schreibtisch zusammengerollt wie ein Igel und war eingeschlafen.
   Verwundert betrachtete er ihr entspanntes Gesicht. Hatte sie die Beschäftigung mit dem Computer so erschöpft? Eben war sie noch ganz munter gewesen. Behutsam hob er sie hoch. Sie rührte sich leicht im Schlaf und murmelte etwas Unverständliches, wachte aber nicht auf. Er trug sie die Treppe hinauf und legte sie im Gästezimmer auf das Bett. Zunächst hatte er vorgehabt, ihr das nasse T-Shirt und die Jeans auszuziehen, aber dann breitete er nur eine Decke über sie. Es kam ihm nicht recht vor, sie auszuziehen.
   Nachdem er Jack wieder hereingelassen hatte, beschloss er, ebenfalls zu Bett zu gehen. Auch wenn er den Drang nach Alkohol verspürte, würde er heute Abend keinen Tropfen mehr trinken. Er brauchte einen klaren Kopf, denn er trug jetzt wieder eine Verantwortung. Die ständig kreisenden Gedanken, seinem Leben ein Ende zu setzen, waren verschwunden und hatten gespannter Erwartung Platz gemacht.
   Er stieg die knarrenden Stufen der alten Holztreppe nach oben und legte sich ins Bett. Eine Weile starrte er noch in die Dunkelheit, doch irgendwann übermannte ihn die bleierne Müdigkeit in seinen Knochen, und der Schlaf hüllte ihn in eine warme Decke.

Adrian wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er aus einem unruhigen Schlaf aufschreckte. Einen Herzschlag lang wirkte noch der groteske Traum nach und er spürte die monströsen schwarzen Insektenflügel auf seinem schweißnassen Gesicht. Das Traumgeschöpf war der Wirklichkeit gewichen, aber das Schlagen seiner Flügel hielt an und ließ das alte Haus in seinen Grundfesten erzittern. Die Leuchtziffern des Radioweckers zeigten 03:23 Uhr an.
   Die Schlafzimmertür schwang leise auf. Fahles Mondlicht fiel ins Zimmer. Eine Gestalt huschte herein und verkroch sich wimmernd unter seiner Bettdecke. Eve zitterte am ganzen Leib. Sie barg ihren Kopf an seiner Brust und klammerte sich voller Angst an ihn.
   Er blickte durch die offene Tür zum Dachfenster hinaus. Ein geisterhafter Lichtstrahl durchschnitt die Herbstnacht. Ihm folgte donnernd ein riesiges Insekt und überquerte das Haus. Der Helikopter entfernte sich schnell Richtung Süden. Dem Motorenlärm nach zu urteilen, musste er dicht oberhalb der Baumwipfel über das Haus geflogen sein.
   Die Erkenntnis kam unerwartet, obwohl er die Erklärung die ganze Zeit vor Augen gehabt hatte. Die Laster der Bundeswehr, die vielen Polizeiwagen, die wie Bluthunde ausgeschwärmt waren, der Helikopter, die Jeeps der US-Army, alles fügte sich plötzlich zusammen.
   Er nahm Eves Gesicht in seine Hände. »Sie suchen dich, nicht wahr?«
   Sie antwortete nicht. In ihren Augen schimmerten Tränen. Sie schien sehr viel mehr zu wissen und wahrzunehmen, als er zunächst geglaubt hatte, konnte sich aber nicht verständlich machen.
   Unten im Korridor bellte Jack. Adrian stand auf und spähte durch einen Spalt in der Gardine. Ein blau-weißer Passat Kombi mit eingeschaltetem Blaulicht und ein schwarzer Land Rover Discovery rollten über die Brücke auf das Haus zu. Sie hatten Eve schneller aufgespürt, als er befürchtet hatte. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, um sich etwas einfallen zu lassen.
   Sie kauerte unter der Decke und blickte ihn aus schreckgeweiteten Augen an. Mochte sie auch den Intellekt eines Kleinkindes besitzen, auf einer unbewussten Ebene spürte sie die Gefahr, in der sie schwebte. Und sie kannte die Männer in dem Land Rover, daran gab es kaum einen Zweifel. Wenn er doch nur einen Weg fand, um sich mit ihr verständigen zu können. Schnell zog er sich an.
   »Komm«, sagte er. Eve kroch nur widerwillig aus dem warmen Bett. Er holte einen warmen Pullover aus dem Kleiderschrank und half ihr beim Anziehen. Dann lief er mit ihr die Treppe hinab. Jack bellte wütend die Haustür an. Adrian wurde in diesem Moment schlagartig klar, dass Gott ihm tatsächlich eine Wette anbot, aber er spielte dabei nach seinen eigenen Regeln. Es war kein Zufall, dass er die verängstigte, schutzbedürftige Frau gefunden hatte.
   Angesichts der neuen Erkenntnisse verwarf er seinen Plan, Eve am nächsten Morgen in die Klinik zu Janson zu bringen. Gleichgültig, wohin er sich um Hilfe wandte, ihre Verfolger würden überall auf sie warten. Eve musste ungeheuer wertvoll für diese Monster sein, sie war die teuerste Frau der Welt, die Eine Billion Dollar-Frau. Wer immer sie waren, sie würden niemals aufhören, nach ihr zu suchen.
   Sein Verdacht, seine Landsleute könnten hinter diesem grausigen Experiment stecken, verfestigte sich. In diesem Fall würde er es mit der CIA zu tun bekommen, und die war ein ernst zu nehmender Gegner. Er suchte in dem Schuhschrank unter der Treppe nach Christinas alten Turnschuhen. Eve schaute ihm ängstlich zu, wie er ihr die Schuhe anzog, ihre Angst lähmte sie. Auf dem Hof erklang das Schlagen von Autotüren.
   Sein Verstand arbeitete fieberhaft und suchte nach einem sicheren Versteck für Eve. Der ausgetrocknete Brunnen in der Mitte des Hofes wäre ideal gewesen, aber der Weg dorthin war ihnen bereits verstellt. Er griff nach der Taschenlampe in der Schublade und zog Eve hinter sich her. Sie folgte ihm wie paralysiert.
   Durch die hintere Tür trat er auf den rückwärtigen Teil des Hofes hinaus. Das Haus lag zwischen ihm und den nächtlichen Besuchern. Links von ihm lag das Stallgebäude. Hastig schob er den rostigen Riegel zurück und öffnete die Tür einen Spalt. Auf der Vorderseite des Wohnhauses drückte jemand auf den Klingelknopf. Er klingelte beinahe sofort ein zweites Mal und hämmerte gegen die Tür.
   Adrian schob Eve hastig in den dunklen Stall. Tom und Jerry, die beiden alten Waldarbeitspferde, stampften unruhig mit den Hufen. Der nächtliche Lärm und der Strahl der Taschenlampe erschreckten sie. Eve jedoch vergaß augenblicklich die drohende Gefahr, ging fasziniert auf die Pferde zu und begann, Tom zu streicheln.
   »Eve! Wir haben keine Zeit für einen Besuch im Streichelzoo. Steig die Leiter hinauf!« Er zog sie von den Tieren weg und führte sie an den Fuß der Leiter. Der Heuboden über dem Stall war der einzige Ort, der ihm als Versteck geeignet schien.
   Eve begriff, kletterte rasch die Leiter hinauf und verschwand lautlos im Heu.
   »Bleib da oben! Und rühr dich nicht! Ich hole dich, sobald ich kann.« So schnell er konnte, rannte er zurück ins Haus. Jack bellte wie verrückt, an der Tür klingelte es Sturm. Adrian wappnete sich für einen möglichen Zusammenprall und riss betont ärgerlich die Tür auf.
   Sie waren zu zweit. Beide trugen Zivil. Einen von ihnen kannte Adrian: Max Windhagen gehörte zu seinen Patienten. Hose und Schuhe des Polizisten waren verschmutzt und mit Schlamm bespritzt.
   Mit dem geübten Blick des Arztes erkannte Adrian sofort, dass Windhagen übermüdet war und seit mindestens zwanzig Stunden nicht geschlafen hatte. Jack knurrte und spannte die Muskeln, um sich auf den Polizisten zu stürzen.
   »Halten Sie den Hund zurück«, sagte Windhagen müde.
   »Ruhe, Jack!«
   Windhagens Begleiter war groß und schlank. Er mochte um die fünfzig sein und hatte dünnes grau meliertes Haar. Seine vorspringende Adlernase wurde von zwei dicht zusammenstehenden dunklen Augen flankiert. Alles an ihm wirkte verkniffen und angespannt, ein Augenlid zuckte nervös. Er trug einen dunkelblauen Anzug und darüber einen langen schwarzen Regenmantel. Auch seine Kleidung war zerknittert und sah mitgenommen aus.
   »Entschuldigen Sie die nächtliche Störung, Dr. Sykes. Wir werden Sie nicht lange aufhalten. Wir bitten Sie lediglich um Ihre Mithilfe«, erklärte Windhagen. Die letzten Worte musste er schreien, denn über dem Waldrand im Süden tauchte donnernd der Hubschrauber wieder auf.
   »Und wer sind Sie?«, fragte Adrian den Hageren.
   »Das ist Sonderermittler Schmidtbauer vom BKA«, sagte Windhagen.
   »BKA?«
   »Wir möchten Ihnen nur ein paar Fragen stellen«, sagte Schmidtbauer. »Wenn wir eintreten dürften?«
   »Und wenn ich um diese Uhrzeit keine Lust habe, Besucher zu empfangen?«
   »Dann müssen wir davon ausgehen, dass Sie etwas zu verbergen haben.«
   Adrian blickte zwischen den beiden Männern hindurch. Aus dem Land Rover stieg ein dritter Mann. Obwohl er ihn nur aus der Ferne sah, alarmierte ihn die Art, wie er sich bewegte. Er konnte nicht sagen, warum, aber ein sicheres Gefühl warnte ihn davor, sich diesem Mann in den Weg zu stellen. Er hielt sich mit der linken Hand am Türholm fest und kletterte aus dem Geländewagen, als hätte er Schmerzen. Die Innenbeleuchtung ließ sein Gesicht für einen Augenblick im Dunkeln aufleuchten. Als sich ihre Blicke begegneten, glühten die Augen des Fremden wie zwei heiße Kohlen in dem pockennarbigen Gesicht auf. Feine graue Streifen durchzogen seine schwarzen, streng nach hinten gekämmten Haare. Der schmale Mund wirkte wie ein harter Bleistiftstrich in einer Radierung.
   Als der Pockennarbige auf das Haus zukam, bemerkte Adrian, dass er hinkte und das linke Bein nachzog. Dieses Hinken löste eine Erinnerung aus, von der er gehofft hatte, er hätte sie für immer aus seinem Gedächtnis verbannt. Die Bilder eines lange zurückliegenden Tages kehrten mit voller Wucht zurück.
   Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte: »Lassen Sie uns ins Haus gehen.« Ihm war plötzlich eiskalt.
   »Wir würden uns lieber Ihre Praxis ansehen, Dr. Sykes«, sagte Schmidtbauer knapp.
   »Und was hoffen Sie, dort zu finden?«
   »Wir stellen hier die Fragen.«
   Adrian drehte sich überrascht um. Im Gegenlicht der Deckenlampe tauchte die Silhouette des dritten Mannes in der Haustür auf, sein Gesicht lag im Schatten. Er sprach mit ausgeprägtem englischem Akzent, aber sein Deutsch war nahezu fehlerfrei. Er war sicher, diesem Mann noch nie begegnet zu sein, und doch schien er ihm auf eine seltsame, unerklärliche Weise vertraut.
   »Äh, das ist Mister …«, begann Windhagen.
   »Ich bin sicher, Dr. Sykes möchte so schnell wie möglich weiterschlafen. Also halten wir ihn nicht mit Formalitäten auf«, unterbrach ihn der Mann auf der Türschwelle.
   Adrian nickte. »Richtig. Gehen wir in die Praxis.«
   Er führte die Besucher ins Behandlungszimmer. Jack trottete neben ihm her und ließ die drei Fremden keine Sekunde aus den Augen.
   »Also, was kann ich für Sie tun?«
   »Wir suchen zwei flüchtige Personen. Sie sind bewaffnet und äußerst gefährlich. Eine von ihnen ist möglicherweise verletzt und könnte die Hilfe eines Arztes suchen«, erklärte Schmidtbauer.
   »Bei mir war niemand.«
   »Vielleicht haben Sie ja etwas Auffälliges bemerkt?«, fragte Windhagen.
   »Was zum Beispiel?«
   »Sagen Sie es ihm ruhig«, mischte sich der Ausländer ein. Seinem Akzent nach war er Amerikaner, vielleicht sogar wie Adrian aus Chicago. Er drehte ihm den Rücken zu und studierte die Buchrücken in dem Wandregal hinter dem Schreibtisch. Jack machte einen drohenden Satz auf ihn zu und kläffte ihn lautstark an. Der Mann drehte sich um und wich unwillkürlich zurück. »Schaffen Sie auf der Stelle den Hund fort!«
   Adrian legte Jack beruhigend eine Hand auf die Flanke. »Sie brauchen keine Angst vor Jack zu haben.« Er deutete auf eine Wolldecke in der Nähe des Fensters. »Platz!« Der Hund folgte zögernd dem Befehl und legte sich wachsam auf die Decke.
   Seine Blicke wanderten fragend zwischen den drei Männern hin und her. Sie schienen sich gegenseitig zu belauern, und der Amerikaner hatte unverkennbar das Sagen.
   Schmidtbauer räusperte sich umständlich. »Wir suchen einen Mann und eine Frau. Mitte bis Ende zwanzig. Der Mann ist groß und kräftig gebaut und hat kurzes, blondes Haar. Die Frau ist etwa einen Meter siebzig, schlank und hat langes, dunkelbraunes Haar.«
   »Wie ich schon sagte, bei mir war niemand.«
   »Haben Sie was dagegen, wenn ich mich ein wenig umschaue?«, fragte Windhagen.
   »Nur zu. Ich habe nichts zu verbergen. Sie betreiben einen ziemlichen Aufwand«, stellte Adrian fest. »Was haben die beiden denn angestellt?«
   »Die Angelegenheit betrifft die nationale Sicherheit«, bemerkte Schmidtbauer kurz angebunden und wechselte schnell das Thema. »Sie sind also sicher, dass Sie heute Nacht niemanden behandelt haben.«
   Der BKA-Beamte ließ seine Blicke durch den Raum wandern und starrte auf die zerknitterte Papierauflage der Behandlungsliege. Adrian bemühte sich, die Lichttafel daneben zu ignorieren. Dort hing noch immer die Röntgenaufnahme von Eves Schädel. Im Halbdunkel war auf dem Bild nicht mehr als ein schwarzer Fleck zu erkennen, aber diese Männer wussten genau, wonach sie suchten. Er biss sich auf die Lippen. Irgendwie musste er sie unauffällig aus der Praxis locken.
   »Und was ist das hier?«, fragte Schmidtbauer. Er stand am Fußende der Liege und hielt mit spitzen Fingern blutiges Verbandsmaterial hoch.
   Adrian reagierte sofort und zeigte ihm seine verbundene Hand.
   »Wie ist das passiert?«, wollte der Amerikaner wissen.
   »Als ich heute Abend den Müll hinausgetragen habe, bin ich auf dem nassen Kopfsteinpflaster ausgerutscht und in eine Glasscherbe gefallen.« Er ließ seine Worte einen Moment wirken. »Wollen Sie die Wunde sehen?« Er begann, den Verband abzuwickeln.
   »Ich denke, das wird nicht nötig sein«, wehrte Schmidtbauer ab.
   Adrian wurde nervös. Es gab zu viele Spuren im Raum, die Eves Anwesenheit verrieten.
   »Ich sehe, Sie haben ein Röntgengerät?«, fragte der Amerikaner. Er hatte die Tür zum Nebenraum aufgestoßen und das Deckenlicht eingeschaltet.
   »Das ist eine Arztpraxis. Was haben Sie denn erwartet? Einen Teilchenbeschleuniger?«
   Er hielt die Hand an den Apparat. »Sieht so aus, als hätte der Doktor diesen Apparat heute Abend noch benutzt. Sagten Sie nicht, Dr. Sykes arbeite nicht mehr als Arzt?«
   Windhagen betrat die Praxis. Er hielt ein verdrecktes, grünes OP-Hemd in den Händen.
   »Ich behandle nur noch mit Naturheilverfahren. Das hält mich aber nicht davon ab, die moderne Gerätemedizin einzusetzen, wenn es mir nötig erscheint. Meine Hand tat höllisch weh. Ich wollte sicher sein, dass nichts gebrochen ist«, erklärte Adrian ärgerlich. »Welche Show ziehen Sie hier eigentlich ab? Ist heute Nacht ein Krieg ausgebrochen?«
   »Ganz recht!«, stimmte ihm der Amerikaner wider Erwarten zu. »Wir führen Krieg gegen den internationalen Terrorismus. Jeder, der uns dabei nicht unterstützt, macht sich verdächtig.«
   Adrian lachte spöttisch. »Mir scheint, Sie sind hier falsch. Sie sollten einen Psychiater aufsuchen, Mister …? Sie scheinen unter Verfolgungswahn zu leiden.«
   Der Amerikaner reagierte nicht auf die Provokation.
   »Was ist das?«, fragte er Windhagen.
   »Sieht aus wie ein OP-Hemd. Es lag im Wäschekorb.«
   Der Amerikaner starrte auf das blutige, dreckverschmierte Hemd.
   »Sie haben kein Recht, ungefragt meine Sachen zu durchwühlen«, rief Adrian aufgebracht. »Besorgen Sie sich einen Durchsuchungsbefehl. Dann können Sie von mir aus alles hier auf den Kopf stellen. Aber jetzt werden Sie mein Haus verlassen. Sofort!«
   Jack stand bereits sprungbereit auf seiner Decke und knurrte böse.
   »Woher haben Sie das OP-Hemd?«, fragte Schmidtbauer.
   »Raus!«, brüllte Adrian.
   »In der Spüle steht Geschirr. Sieht aus, als ob er nicht allein zu Abend gegessen hat«, rief Windhagen aus der Küche herüber.
   »Ich hatte Besuch.« Adrian spürte, dass die drei Männer ihn in die Enge trieben und er sich zunehmend unglaubwürdig machte. Er zwang sich zur Ruhe und atmete tief aus. »Okay«, sagte er. »Ich erklär’s Ihnen noch mal. Ich bin draußen ausgerutscht und habe mich an einer Glasscherbe geschnitten. Da ich stark geblutet habe, bin ich ins Haus zurück. Das Erste, was mir in die Hände fiel, war dieses OP-Hemd. Ich habe meine Hand darin eingewickelt, damit das Blut nicht den ganzen Teppich versaute. Nebenan liegen mehrere dieser Hemden. Schließlich war ich Chirurg, bevor ich diese Praxis eröffnet habe. Schauen Sie doch im Röntgenraum nach, wenn Sie mir nicht glauben.«
   Schmidtbauer nickte Windhagen zu, der im Nebenraum verschwand. Adrian war aufgesprungen und lief nervös auf und ab. Schließlich lehnte er sich wie zufällig mit dem Rücken an die Lichttafel und verdeckte das Röntgenbild.
   »Er hat recht«, rief Windhagen.
   »Holen Sie Ihre Leute«, befahl der Amerikaner. »Sie sollen das ganze Haus durchsuchen. Und vergessen Sie die Nebengebäude nicht.« Er starrte Adrian durchdringend an. »Was befindet sich in dem Schuppen hinter dem Haus?«
   »Sie haben kein Recht dazu«, wandte sich Adrian an Schmidtbauer. »Lässt sich auch das BKA bereits von den Amerikanern auf der Nase herumtanzen?«
   »Wir unterstützen unsere Freunde, wo immer wir können, Dr. Sykes. Das sollte Ihnen als Amerikaner doch eigentlich auch am Herzen liegen, oder nicht?«
   Windhagen stürmte nach draußen und rief nach Unterstützung, Schmidtbauer folgte ihm. Der Amerikaner stand am Schreibtisch und griff nach einem gerahmten Bild Christinas.
   »Nehmen Sie Ihre Finger weg!«
   Er wollte ihm das Foto aus der Hand reißen, aber Jack war schneller. Er sprang den Fremden wütend an.
   Der Amerikaner schrie auf und wich humpelnd vor dem großen Hund zurück. »Take that dog away!« Er versuchte, die Tür zwischen sich und Jack zu bringen, aber der Hund quetschte sich durch den Spalt und folgte ihm. Aus dem Flur klangen die Schreie des Amerikaners und wütendes Gebell.
   Adrian riss das Röntgenbild von der Lichttafel und schob es unter seinen Pullover. Dann folgte er dem Fremden. »Jack! Aus!«
   Im Korridor prallte er mit zwei Uniformierten zusammen. Einer von ihnen presste ihn an die Wand und hielt ihn fest. Der andere richtete eine Waffe auf Jack.
   »Rufen Sie den Hund zurück!«, befahl der Beamte kalt. Jack hatte den Amerikaner in eine Ecke gedrängt.
   »Was ist in dem Schuppen?«, brüllte Schmidtbauer.
   Adrian sah hilflos zu, wie Windhagen die Tür zum Hintereingang des Gebäudes aufstieß und sich am Riegel der Stalltür zu schaffen machte.
   »Mitkommen«, befahl der Amerikaner. »Und sperren Sie endlich dieses Vieh ein.«
   Adrian schob Jack in die Küche und schloss die Tür. Der Uniformierte hatte inzwischen die Stalltür geöffnet. Auf dem Hof waren mehrere Beamte versammelt, drei Polizeiwagen versperrten die Zufahrt über die Brücke.
   Einer der Uniformierten folgte Windhagen und leuchtete den Stall mit einer starken Taschenlampe aus. »Da führt eine Leiter auf den Heuboden«, rief er.
   Adrian betrat hinter dem Amerikaner den Stall. Der Polizist kletterte die Leiter hinauf und brach durch eine morsche Sprosse. Fluchend klammerte er sich an die Seitenstreben.
   »Wie wär’s, wenn Sie uns einfach sagen, wen wir dort oben finden, Dr. Sykes?«
   Alles war umsonst gewesen. Er stellte sich bereits auf einen Kampf ein, so aussichtslos seine Lage auch schien. Was seine Gegner mit Sicherheit nicht wussten, war die Tatsache, dass Adrian eine Sonderausbildung der US-Army absolviert hatte. Auch wenn seine aktive Zeit einige Jahre zurücklag, konnte er Schmidtbauers Truppe doch in Bedrängnis bringen und lange genug aufhalten, damit Eve fliehen konnte.
   Der Polizist hatte inzwischen die gebrochene Sprosse überwunden und verschwand auf dem Heuboden. Kurz darauf tauchte sein Kopf wieder am Rand des Bodens auf. »Hier oben ist niemand.«
   Der Amerikaner fluchte leise und ergriff den Holm der Leiter, aber offenbar konnte er mit seiner Behinderung nicht nach oben klettern.
   »Vielleicht hat Dr. Sykes die Wahrheit gesagt, Mr. Wilson«, meinte Windhagen.
   Adrian wurde blass. Plötzlich wusste er, warum dieser Mann düstere Erinnerungen geweckt hatte. Brad Wilson verwandelte sich vor seinen Augen in jenen hasserfüllten zwölfjährigen Jungen, der ihn vor dreiundzwanzig Jahren in der Kiesgrube seiner Heimatstadt Mayville beinahe zu Tode gehetzt hatte.
   Wilson grinste höhnisch im Halbdunkel des Schuppens. Adrian zuckte mit dem Augenwinkel. Eine scharfe Ecke des Röntgenbildes unter seinem Pullover stach in seine Rippen. Die Aufnahme war alles, was ihm von Eve geblieben war.

6
Fragen

»Du solltest Feierabend machen«, sagte Walter Engelmann mit einem Stirnrunzeln.
   Edgar hatte sich auf einem Plastikstuhl neben
   dem Fenster niedergelassen und drohte zum wiederholten Mal, einzunicken. »Erst wenn ich deinen Bericht gehört habe.« Er rieb sich die Augen und stand seufzend auf.
   »Die Knochen sind nicht mehr die jüngsten, was?« Engelmann lächelte wissend und trat an die Edelstahlspüle, um seine Instrumente zu säubern.
   »Das sagt mir ein Kerl, den alle das Gespenst nennen. Außerdem bin ich nur ein Jahr älter als du.«
   Engelmann grinste breit, was seinen kahlen Kopf einem Totenschädel noch ähnlicher machte. »Im Ernst, Edgar. Übergib Windhagen den Fall. Die Jungen wollen schließlich auch mal ran. Denk daran, wie heiß wir damals waren, einen solchen Fall bearbeiten zu können.«
   »Wir waren unerfahren und noch nicht trocken hinter den Ohren.«
   Engelmann legte die Skalpelle in das Desinfektionsgerät. »Du glaubst, Windhagen ist mit der Aufklärung dieser Geschichte überfordert?«
   »Zu viele Paragraphen, zu wenig Fantasie.«
   »Und ich frage mich, ob du vielleicht nicht loslassen kannst«, entgegnete Engelmann nachdenklich.
   Edgar antwortete nicht und starrte auf die nackten Füße des Mädchens, die unter dem grünen Laken hervorlugten.
   Eines Tages hängt an meinem großen Zeh auch so ein Zettel, dachte er schaudernd.
   »Nein, wirklich«, fuhr Engelmann fort. »Du solltest schon längst zu Hause sein, in deinem Lieblingssessel sitzen und dir von Edith ein kaltes Bier bringen lassen.«
   »Edith hat Krebs.«
   Engelmann drehte sich erschrocken um. »Seit wann weißt du das?«
   Er schloss die Augen und kämpfte die aufsteigende Furcht nieder. »Seit ein paar Tagen.«
   »Und was sagen die Ärzte?«
   »Sie hat einen Knoten in der Brust. Aber es gibt Hoffnung – das behaupten sie zumindest.«
   »Um eine Chemotherapie wird sie nicht herumkommen«, murmelte Engelmann erschüttert.
   »Übermorgen wird sie operiert.«
   »Ein Grund mehr für dich, hier zu verschwinden. Morgen hast du den Bericht auf deinem Schreibtisch. Das ist früh genug.«
   Energisch schüttelte er den Kopf. »Ich habe das Gefühl, uns läuft die Zeit davon.«
   »Wem sagst du das?« Der Pathologe fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel.
   Edgar trat an den Seziertisch heran. »Ich meine nicht uns beide. Lass uns nicht drum herum reden, Walter. Das ist der sonderbarste Fall, mit dem ich in meiner Dienstzeit zu tun hatte. Ich will wissen, was hier vorgeht. Da draußen läuft ein Wahnsinniger in meiner Stadt herum und bringt Leute um.«
   »Also gut. Du gibst ja doch keine Ruhe. Komm mit.«
   Er führte ihn in den Nebenraum, öffnete eines der Kühlfächer und zog die Bahre heraus. »Willst du dir das wirklich antun?«, fragte er abwartend.
   »Ja.
   Engelmann schlug das Laken zurück.
   Edgar spürte Brechreiz in seiner Kehle. Er biss die Zähne zusammen und schluckte. Der alte Stadtstreicher sah schrecklich aus. In seinen Zügen fehlte jeglicher Frieden, der den meisten Verstorbenen innewohnt. Der Pathologe hatte die Wunde mit groben Stichen zusammengenäht, aber trotz der zusätzlichen langen Schnitte, die von der Obduktion herrührten, war das gezackte Loch in der Brust des Toten der schlimmste Anblick.
   »Er hat ihm mit bloßen Händen das Herz herausgerissen.«
   »Kann man das überhaupt? Ich meine, dazu braucht man doch ein scharfes Werkzeug.«
   »Aber er hat keines benutzt. Weder ein Messer noch ein Werkzeug, das ähnliche Spuren hinterlässt. Mit dem Taschenmesser, das wir am Tatort gefunden haben, hat er nur das Brustbein durchtrennt.«
   Engelmann streichelte seine Glatze, was er immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. »Wenn ich nicht die Zeugenaussage gelesen hätte, würde ich sagen, ein wildes Tier hat ihn angefallen. Siehst du hier die ausgefransten Wundränder?«
   Edgar beugte sich widerstrebend vor, um besser sehen zu können.
   »Solche zerfetzten Ränder sind typisch für den Angriff einer großen Raubkatze.«
   »Wir wissen aber, dass der Täter ein Mensch war.«
   »Ja, das wissen wir«, murmelte der Pathologe abwesend.
   »Die Prostituierte hat für einen kurzen Augenblick die Hände des Täters gesehen, als sie durch einen Spalt in der Gardine den Mord beobachtete. Sie beschreibt sie als seltsam verkrüppelt, fast wie Tierklauen.«
   »Davon hat der Junge nichts erzählt.«
   «Hakan? Wahrscheinlich stand er zu weit weg. Außerdem ist er kurzsichtig. Wegen seiner Eitelkeit trägt er keine Brille.«
   Edgar wandte sich von dem Toten ab und wanderte zum Fenster hinüber. Draußen war es dunkel geworden. Kalter Nieselregen lief in dünnen Bahnen an der Scheibe herab. »Warum hat Hakan solch entsetzliche Angst gehabt?«, fragte er.
   »Wer hätte das nicht in so einer Situation?«
   »Schon«, gab er zu. »Er hat einen Mord beobachtet und ist verstört. Aber der Junge war nicht nur durcheinander, sondern halb wahnsinnig vor Angst. Er war nicht dazu zu bewegen, mit mir an den Tatort zurückzukehren. Hakan hat etwas Außergewöhnliches gesehen.«
   »Du meinst, er lügt, weil sein Verstand es nicht verkraftet, die Wahrheit auszusprechen?«
   »So etwas in der Art. Er hat mich nicht angelogen, da bin ich sicher. Aber ich frage mich, ob er die ganze Wahrheit erzählt hat.« Er überlegte einen Augenblick. »Du hast gesagt, der alte Mann sei vor Angst gestorben.«
   Engelmann nickte. »Er hat tatsächlich Blut geschwitzt. Das ist sehr selten, aber durchaus möglich. Gestorben ist er an einem Herzinfarkt, ausgelöst durch immensen Stress.«
   »Das konntest du noch feststellen?«
   Engelmann lächelte. »Warum nicht? Wir haben sein Herz ja gefunden.«
   Edgar blickte stumm auf das fahle Gesicht des Toten.
   »Was denkst du?«
   Er schüttelte den Kopf. »Wirres Zeug.«
   »Erzähl’s mir!«
   »Nein, es hört sich zu verrückt an. Wir können so etwas nicht ernsthaft in Erwägung ziehen.«
   »Dann sag ich es dir: Die Täterbeschreibung passt zu einem Werwolf. Das hast du gedacht, nicht wahr?«
   Edgar blickte dem Pathologen in die Augen. »Wie lange kennen wir uns?«
   Engelmann deckte den Toten zu und schob ihn zurück ins Kühlfach. »Nächsten Januar sind es vierzig Jahre«, antwortete er. »Keine Angst, ich halte dich nicht für senil. Mir ging der gleiche irre Gedanke durch den Kopf. Wenn man so viel erlebt hat wie wir, darf man auch mal ein bisschen spinnen. Bleib locker, Edgar. Du wirst eine Erklärung finden, und sie wird in unser aufgeklärtes Weltbild passen.«
   Er war sich keineswegs sicher, ob sein Freund recht hatte. Die Vermutungen des Pathologen erfüllten ihn mit düsteren Vorahnungen. Engelmann kehrte in den Obduktionsraum zurück. Edgar wappnete sich für den Anblick der Prostituierten. Der Pathologe zog das Laken zurück. Der Schrecken in ihrem Gesicht war nicht so ausgeprägt wie bei dem Obdachlosen, aber trotzdem deutlich zu erkennen.
   »Ich nehme an, du hast noch eine weitere Gruselgeschichte für mich auf Lager.«
   »Ich kann dir sagen, woran sie gestorben ist, aber das Wie ist mir unerklärlich.« Engelmann massierte seine Glatze. »In ihrem Kopf sind sämtliche Blutgefäße geplatzt. Sie sind regelrecht explodiert. Es muss ein irrsinniger Druck in ihrem Schädel geherrscht haben.«
   Edgar starrte auf den hässlichen umlaufenden Schnitt, der rings um den rasierten Kopf der Toten verlief, und stellte sich Engelmann mit einer elektrischen Säge in der Hand vor, wie er eine lustige Melodie pfiff und das Gehirn des Opfers freilegte. Sein Magen rebellierte, obwohl er den Anblick von Leichen gewohnt war. »Eine natürliche Ursache schließt du aus?«
   »Nicht mal ein kettenrauchender, alkoholkranker Sumoringer könnte einen solchen Blutdruck länger als ein paar Sekunden überleben. Nein, unmöglich.«
   »Die Täterbeschreibung deckt sich mit der Aussage des Jungen. Es muss derselbe Mörder gewesen sein. Zwei Zeugen können uns nicht die gleiche Lügengeschichte auftischen. Aber ich sehe einfach keine Verbindung zwischen den Taten. Wo steckt das Motiv?«
   Engelmann deckte das Gesicht der Toten wieder zu. »Sonst habe ich keine Verletzungen festgestellt. Sie hatte weder Geschlechtsverkehr in den letzten vierundzwanzig Stunden noch wurde sie vergewaltigt.«
   »Was ist mit anderen Spuren? Fingerabdrücke, Haare, Hautreste für eine DNA-Analyse?«
   »Da kann ich dir weiterhelfen. Wir haben Hautpartikel und Keratinfragmente. In der Brusthöhle des Obdachlosen haben wir einen abgebrochenen Fingernagel gefunden.« Engelmann runzelte die Stirn. »Der Kerl muss verdammt lange Fingernägel haben.«
   Edgar schluckte und verdrängte die Flut grässlicher Bilder, die sich ihm aufdrängte.
   »Die DNA-Untersuchung läuft. Ein Ergebnis kann ich dir frühestens morgen Abend präsentieren.«
   »Welche Kreatur macht so etwas?«
   Der Pathologe schob die Bahre mit dem Mädchen zurück in den Kühlraum. »Du bist hier die Spürnase. Und dennoch – ich an deiner Stelle würde den Fall Windhagen übergeben. Wenn noch ein Mord geschieht, wird sowieso eine Sonderkommission einberufen.«
   »Du meinst, er wird wieder töten?«
   »Du etwa nicht?«
   Es klopfte leise an der Tür. Windhagen trat ein. Er wirkte nervös.
   »Was gibt’s?«
   »Wir haben noch einen Mord. Pfarrer Wildenberg.«
   »O mein Gott«, entfuhr es Edgar.
   »Sie sollen sofort in die Kirche kommen. Das BKA ist schon dort. Ach, und ein Amerikaner wartet auf Sie.«
   »Ein Amerikaner?«
   »Der Mann heißt Wilson. Er tauchte gestern zusammen mit einem BKA-Beamten auf und scheint weitreichende Verbindungen zu haben. Selbst dieser Schmidtbauer vom BKA duckt sich vor ihm.«
   »Woher wissen Sie das alles?«
   »Die Amerikaner suchen nach vermeintlichen Terroristen. Schmidtbauer hat die Hälfte unserer Leute zu diesem Einsatz abgezogen. Die halbe Nacht habe ich mir um die Ohren geschlagen, weil Wilson meine Ortskenntnisse brauchte.«
   »Wieso erfahre ich davon erst jetzt?«
   Windhagen hob entschuldigend die Hände. »Irgendwann muss ich ja mal schlafen.«
   »Darf dieser Wilson das überhaupt?«, fragte Engelmann verwundert.
   »Er macht, was er will und hat die volle Unterstützung des BKA«, erwiderte Windhagen müde.
   »Na und?«, rief Engelmann. »Das BKA hat uns gar nichts zu sagen.«
   »Das ist nur noch eine Frage der Zeit. Klapp deinen Kühlschrank zu, Walter.«
   Engelmann schloss die Tür des Kühlfachs. Edgar beschlich das Gefühl, dass dies erst der Anfang war. Sein Freund würde nicht genug Platz für die Leichen haben, die sie in den kommenden Nächten finden würden.

7
Der Prediger

Die schmucklose Kirche aus dem 19. Jahrhundert lag am Ende einer steilen Straße. Windhagen trieb seinen Passat den buckligen Asphalt hinauf und stoppte auf dem Parkplatz unterhalb des Gotteshauses. Er sprang aus dem Wagen und spurtete die steile Treppe hinauf, die zu einem halbrunden Platz vor dem Kirchenportal führte. Edgar seufzte und nahm sich Zeit für die Stufen.
   »Der hat’s aber eilig«, meinte Engelmann. Er grinste breit und wuchtete seinen Koffer aus dem Kombi.
   »Ich kann mich nicht erinnern, dass uns mal eine Leiche davongelaufen ist«, brummte Edgar.
   »Lass ihn doch. Du kannst ihm ja über die Schulter schauen, wenn es dich beruhigt.«
   Das Portal in der graubraunen Bruchsteinfassade stand weit offen. Aus dem Inneren drang gelber Lichtschein auf den Platz. Zwei Streifenwagen standen mit offenen Türen an den Seitenausgängen. Edgar stellte befriedigt fest, dass der Tatort weiträumig abgesperrt worden war. Er zählte fünf Uniformierte, und in der Kirche waren wahrscheinlich noch weitere Beamte postiert. Die komplette Dienststellenmannschaft musste anwesend sein. Windhagen jagte wild gestikulierend seine Leute in alle Richtungen.
   »Der ist längst weg«, keuchte Edgar kurzatmig und drehte sich zu Engelmann um. Der schmale Schädel des Pathologen leuchtete im schräg einfallenden Licht wie der Wasserspeier einer gotischen Kathedrale.
   Da will dich jemand sprechen«, sagte er.
   Ein schlanker Mann im Regenmantel kam die Eingangsstufen herab. »Schmidtbauer, BKA«, stellte er sich vor. »Hauptkommissar Sehner?«
   Edgar nickte und schüttelte die angebotene Hand. Das rechte Lid des BKA-Mannes zuckte unentwegt, unter seinen Augen hatten sich dunkle Ringe ausgebreitet. Er würde jede Wette eingehen, dass der Mann kurz vor dem Zusammenbruch stand. Auf jeden Fall besaß er nicht mehr die Konzentration, die im Moment gefordert war.
   »Darf ich fragen, warum Sie so schnell am Tatort sind?«
   »Später«, antwortete Schmidtbauer hastig. »Ich möchte Sie jemandem vorstellen.«
   »Hat das nicht Zeit? Ich will mir so schnell wie möglich ein Bild vom Tatort machen.«
   »Es dauert nur eine Sekunde.«
   Edgar folgte ihm ins Innere der Kirche. In der hintersten Bank saß eine Gestalt ins Gebet vertieft. Nach vorn gebeugt, stützte sie die Ellenbogen auf der Kirchenbank ab und lehnte die Stirn gegen die gefalteten Hände.
   »Mr. Wilson?«, fragte Schmidtbauer leise. »Hauptkommissar Sehner ist da.«
   Wilson blickte abwesend auf, als wäre er in einer anderen Welt versunken gewesen. Er schlug das Kreuzzeichen, stand auf und trat aus der Bank. Und tatsächlich deutete er dabei noch einen Kniefall Richtung Altar an. Edgar schob die Unterlippe vor. Etwas irritierte ihn an diesem Ritus. War Wilson wirklich so fromm? Sein Gehabe wirkte eher einstudiert als gläubig.
   »Herr Sehner, das ist Mr. Wilson. Er ist amerikanischer Staatsbürger und arbeitet für das DHS.«
   Er fühlte sich unbehaglich in der Nähe des Amerikaners. Dessen pockennarbiges Gesicht und die streng nach hinten gegelten schwarzen Haare verliehen seinen Zügen Härte und Verbitterung. Wenn man Wilson eine zerlumpte braune Mönchskutte über die Schultern streifte, würde er die perfekte Besetzung für einen fanatischen mittelalterlichen Prediger in einem Historienfilm abgeben. Er überwand sich und reichte Wilson die Hand. »DHS?«, fragte er.
   »United States Department of Home Security«, erklärte Schmidtbauer, »das Heimatschutzministerium der USA.«
   »Ich habe davon gehört. Haben Sie Angst, islamistische Terroristen könnten unsere Pfarrer abmurksen?« Er verzog den Mund zu einem Lächeln, aber der Amerikaner schien keinen Spaß zu verstehen.
   »Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Mister Sehner. Wir befinden uns in der Tat auf einem Kreuzzug gegen das Böse, auch wenn viele Menschen in Ihrem Land darüber Witze reißen. Sie besitzen zu wenige Informationen, um das enorme Ausmaß der Gefahr beurteilen zu können. Dennoch – ich freue mich aufrichtig, Ihre Bekanntschaft zu machen. Und ich bin sehr gespannt auf Ihre Einschätzung des Tathergangs.« Wilson sprach beinahe perfekt Deutsch, wenn auch mit starkem Akzent.
   »Mister Wilson möchte sich ein Bild von der deutschen Polizeiarbeit machen«, mischte sich Schmidtbauer ein.
   »Von mir aus. Ich hoffe, Sie haben einen guten Magen.« Damit ließ er die beiden Männer stehen und folgte Engelmann, der seinen Koffer zur Apsis geschleppt hatte, wo seine Mitarbeiter bereits auf ihn warteten.
   Er betrat den Altarraum und schaute sich suchend um. Der Pathologe deutete nach oben. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, was er sah. Quer über die hölzerne Brust des gekreuzigten Jesus hatte der Irre in krakeliger Kinderschrift zwei Worte eingeritzt: »KEINE SEELE«. Damit stand zumindest fest, dass es sich um denselben Täter handelte. Jetzt sah er auch, was mit dem Priester geschehen war. Ein Teil des Ellenbogens ragte unter dem Querbalken des Kreuzes hervor. Er ging um das freitragende Kruzifix herum.
   »Siehst du die Beschädigungen am Fuß der Jesusfigur? Sieht so aus, als hätte er zunächst versucht, die Figur vom Kreuz zu lösen, aber das hat er nicht geschafft. Dann hat er sich etwas anderes überlegt.«
   Edgar schaute an der Rückseite des Kruzifixes hinauf. Der Täter hatte den Pfarrer mit einem Nylonseil an die Rückseite des Kreuzes gebunden und ihm dann große Nägel durch die Handwurzeln getrieben.
   »Heilige Scheiße«, entfuhr es ihm.
   »Ich bitte Sie, nicht zu fluchen. Wir befinden uns in einem Gotteshaus.«
   Er drehte sich überrascht um. Wilson war ihm lautlos wie ein Schatten gefolgt.
   »Woran ist er gestorben, Doktor?«, fragte der Amerikaner. »Ist er erstickt?«
   Engelmann schüttelte den Kopf. »Kann ich noch nicht sagen. Aber ich tippe mal darauf, dass er ihm vorher das Genick gebrochen hat. Sehen Sie den verdrehten Winkel, in dem der Kopf herabhängt?«
   Wilson trat interessiert näher. Die Brutalität des Verbrechens schien ihn nicht zu berühren. Edgar dagegen war erschüttert. Das war der dritte Mord innerhalb von zwei Tagen – und wahrscheinlich nicht der letzte. Zumindest würde er diesen Fall nicht allein lösen müssen. Diese Taten schrien geradezu nach einer Sonderkommission.
   Wilson schlug erneut ein Kreuzzeichen. »Ego te absolve«, murmelte er. Er bemerkte Edgars erstaunten Blick. »Beten Sie nicht, Mister Sehner?«
   »Schon lange nicht mehr. Dem Pfarrer hat es auch nicht geholfen.«
   »Nur Gott weiß, wodurch sein Diener diese Strafe verdient hat.«
   Er schwieg verdrossen. Der Amerikaner wurde ihm immer suspekter. »Auf jeden Fall muss ich Sie enttäuschen, Mister Wilson. Hinter dieser Tat steckt kein arabischer Fanatiker.«
   »Sie ziehen Ihre Schlüsse sehr schnell«, entgegnete Wilson.
   Er deutete auf die eingeritzten Worte. »Keine Seele. Denselben Spruch haben wir im Wohnmobil einer ermordeten Prostituierten gefunden. Und die Täterbeschreibung deckt sich mit den Zeugenaussagen zu einem weiteren Mord an einem Obdachlosen. Das hier ist die Handschrift desselben Täters. Der Mann, den wir suchen, ist sehr groß, kräftig und hat kurz geschorene blonde Haare – nicht gerade der orientalische Typ.«
   Wilson musterte ihn für einen Moment feindselig, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. »Was werden Sie jetzt unternehmen?«
   »Ich werde die Obduktion abwarten. Außerdem haben wir beim ersten Opfer genug DNA-Material für eine Analyse gefunden. Vielleicht bringt uns das weiter.«
   »Und wenn der Täter noch nie auffällig geworden ist?«
   Er wandte sich dem Altar zu und beobachtete Engelmanns Helfer, die sich abmühten, den toten Priester vom Kreuz abzunehmen. Einer der Nägel quietschte kreischend bei dem Versuch, ihn aus dem Holz zu lösen.
   »Wir werden nach weiteren Gemeinsamkeiten bei den drei Morden suchen, nach einem Motiv. Das Umfeld der Opfer könnte uns einen Hinweis geben. Ich nehme an, das FBI würde genauso vorgehen, oder nicht?«
   »Natürlich«, bestätigte Wilson.
   »Eine Menge Experten werden sich mit dem Fall beschäftigen – Psychologen, Profiler …« Er deutete ein Lächeln an, was ihm dem Amerikaner gegenüber sonderbar schwer fiel. »Sie sehen, wir haben einiges von unseren amerikanischen Kollegen übernommen.
   Wilson nickt anerkennend.
   »Sehner?« Schmidtbauers kratzige Stimme hallte durch die leere Kirche.
   Edgar wandte sich um. Der BKA-Beamte stand in der Nähe des Eingangs und winkte ihn heran. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«
   Schmidtbauer tupfte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. »Ich finde es irgendwie stickig in der Kirche, Sie nicht?«
   »Nein.«
   »Grässlich, dieser Mord.« Er wies mit einer Kopfbewegung nach draußen. »Begleiten Sie mich bitte.« Vor der Kirche atmete er tief die kalte Nachtluft ein. »Ich möchte, dass Sie Wilson in allem unterstützen.«
   Daher wehte der Wind. »Was will der denn wirklich?«
   »Das haben Sie doch gehört.«
   Edgar bedachte ihn mit einem ungeduldigen Blick. »Passen Sie gut auf, Sehner. Ich weiß, dass Sie kurz vor der Pensionierung stehen. Normalerweise würde ich Ihnen diesen Fall gar nicht mehr zumuten.«
   »Und warum tun Sie es dann?«
   »Das kommt von ganz oben. Wenn Ihnen etwas an Ihrer Pension liegt, tun Sie alles, was Wilson will. Und legen Sie sich bitte nicht mit ihm an.«
   Schon geschehen. »Wie soll ich einen Fall bearbeiten, wenn ich nicht alle Informationen bekomme?«, fragte er herausfordernd. »Lügen Sie mich nicht an. Sie wissen mehr als ich.«
   Schmidtbauer schwieg, wischte sich erneut Schweißtropfen von der Stirn und nieste zweimal. »Verdammt. Ich glaube, ich habe mir in diesem Scheißwald eine Erkältung geholt.« Er putzte sich geräuschvoll die Nase.
   Edgar senkte den Kopf und starrte nachdenklich auf seine Schuhe. »Vielleicht haben Sie recht. Ich bin wirklich nicht mehr der Jüngste. Ich sollte meinen restlichen Urlaub nehmen und mich um meine kranke Frau kümmern.«
   »Sie können den Fall nicht abgeben.«
   »Natürlich kann ich …«
   »Wilson hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt«, unterbrach ihn Schmidtbauer gereizt.
   »Wilson ist Ihnen gegenüber weisungsbefugt?«
   Schmidtbauer nickte unmerklich.
   »Und warum interessiert er sich so für diese Mordserie? Sein frommes Geheuchel stinkt doch zum Himmel.«
   »Das braucht Sie nicht zu kümmern.« Schmidtbauer sah sich gehetzt um, als befürchtete er, Wilson könnte seine Worte gehört haben.
   »Warum ausgerechnet ich?«
   »Er hält Sie für kompetent und will von Ihnen lernen. Sie hätten Karriere machen können. Aber leider fehlt Ihnen das diplomatische Fingerspitzengefühl.« Schmidtbauer gähnte. »Nehmen Sie es als Kompliment.« Er sah auf die Armbanduhr. »Können Sie mir ein Hotel empfehlen? Ich bin seit gestern auf den Beinen – Wilson übrigens auch. Beeindruckend, wie er sich hält, nicht wahr?«
   »Sie scheinen eine Kleinigkeit vergessen zu haben.«
   Schmidtbauer sah ihn fragend an.
   »Das hier ist Ländersache. Das BKA hat mit diesen Mordfällen nichts zu tun. Die Ermittlungen laufen über das zuständige …«
   »Sehner«, unterbrach ihn Schmidtbauer ungeduldig. »Das kostet mich einen Anruf, mehr nicht.«
   »Dann holen Sie sich die Zustimmung meines Vorgesetzten.« Edgar winkte einen der Uniformierten heran und bat ihn, Schmidtbauer in ein Hotel zu fahren. Lange starrte er dem Streifenwagen nach. Er verspürte nicht die geringste Lust, in die Kirche zurückzukehren.
   »Sorry, Mister Sehner. Ich hörte, Ihre Frau ist sehr krank?«
   Edgar drehte sich gereizt um. Der Amerikaner schlich sich jedes Mal an wie ein Puma, und außerdem war er verdächtig gut informiert. Das war umso ärgerlicher, weil er seinerseits rein gar nichts über Wilson wusste.
   »Nun, vielleicht kann ich etwas für Sie tun«, sagte Wilson gedehnt. »Wenn wir diesen vertrackten Fall gelöst haben«, fügte er hinzu.
   Edgar hatte plötzlich einen faulen Geschmack im Mund. Er wusste noch nicht, ob er von diesem Mann Hilfe annehmen wollte, selbst wenn es um Ediths Leben ging.

8
Die Kiesgrube und das Blut

Das Donnern eines Helikopters über dem nahe gelegenen Wald weckte Adrian aus einem unruhigen Schlaf. Die Traumbilder vermischten sich mit der Wirklichkeit: Eve, wie sie zur Musik tanzte, Eve, die mit allen Sinnen das Leben begriff und genoss, das Röntgenbild, der Computer, das grüne T-Shirt mit den Schokoladenflecken, der leere Heuboden.
   Nachdem Wilson und Schmidtbauer mit ihrer Meute den Hof verlassen hatten, war er unruhig hinter dem Fenster auf und ab gelaufen und hatte gewartet, bis er sicher war, dass sie nicht zurückkehren würden. Dann hatte er mit Jack zusammen den Wald hinter der Burg abgesucht.
   Noch immer hatte er nicht die geringste Ahnung, was mit Eve geschehen und warum sie verschwunden war. Vielleicht war sie in panischer Angst in den Wald geflüchtet und hatte sich verirrt. Zwar war das unwegsame Gelände nicht mit den riesigen Wäldern in seiner Heimat im Nordosten Amerikas zu vergleichen, aber Gefahren lauerten auch hier. Eine tiefe und gefährliche Schlucht durchzog das ausgedehnte Waldgebiet wie eine klaffende Wunde. Vielleicht war sie in eine Felsspalte gestürzt und hatte sich ein Bein gebrochen? Oder sie war in den Wildbach gefallen, der nach den Regenfällen der letzten Tage Hochwasser führte? Alles schien möglich zu sein.
   Nach zwei Stunden hatte er die Suche ergebnislos abgebrochen, und auch Jack hatte keine Witterung aufnehmen können. Verzweifelt war er ins Haus zurückgekehrt und ohne sich zu entkleiden in einen betäubenden Schlaf gefallen, der jedoch keine Erholung gebracht hatte.
   Eve hatte seinem Leben neuen Sinn und Hoffnung gegeben. Aber so plötzlich, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden und mit ihr der Zweck seines Daseins. Wieder drohte er in der lähmenden Gleichgültigkeit zu versinken, in der es keinen Unterschied machte, ob er lebte oder starb.
   Es war fast Mittag. Nach den Anstrengungen der vergangenen Nacht hatte er fast acht Stunden geschlafen wie ein Toter. Das Motorengeräusch wurde leiser, der Hubschrauber entfernte sich nach Norden. Immerhin hatten auch seine unerwünschten nächtlichen Besucher Eve nicht gefunden. Der kreisende Helikopter ließ keinen anderen Schluss zu.
   Wenn Eve noch immer dort draußen war, irrte sie hilflos und ohne Orientierung herum. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, dass er seine Mutlosigkeit abstreifte und nichts unversucht ließ, sie zu finden.
   Seine Gedanken kehrten zu dem Mann mit dem narbigen Gesicht zurück: Brad Wilson. Wie ein Gespenst war er aus der Vergangenheit aufgetaucht. Es konnte kein Zufall sein, dass er diesem Mann, der ihn einst mit abgrundtiefem Hass verfolgt hatte, ausgerechnet in dieser Nacht wieder begegnete. Die Bilder jenes heißen Sommertages in der Kiesgrube kehrten zurück. Er befand sich wieder in Mayville, jenem kleinen Ort in der Nähe von Chicago, in dem er aufgewachsen war. Er war dreizehn Jahre alt und stand in der Tür der Tankstelle, als …

… sie ihn erwischten. Fünf Wochen lang hatte Adrian es geschafft, Brad Wilson aus dem Weg zu gehen. Die Sommerferien waren fast vorbei, und er hatte Brad, dem Schwarm aller Mädchen in Mayville und gleichzeitig dem niederträchtigsten Großmaul der Stadt, nicht ein einziges Mal die Gelegenheit gegeben, ihm eine Tracht Prügel zu verpassen. Er wusste, dass es beim nächsten Mal mehr als nur Prügel setzen würde. Brad wollte ihn vernichten. Auf der Suche nach ihm durchstreifte der zwei Jahre ältere Junge rastlos die Stadt, und jeder Tag ergebnisloser Jagd auf Adrian nährte zusätzlich seinen Hass. Brads grenzenlose Wut fand jeden Tag ein neues Opfer, nur Adrian entglitt ihm immer wieder.
   Als er dem Großmaul an der Tankstelle am Ende der Maple-Street begegnete, war die Stunde der Abrechnung angebrochen.
   Mit einem Zitroneneis in der Hand trat er aus der Verkaufsbude und sah sie sofort auf der anderen Straßenseite stehen, als hätten sie die ganze Zeit auf ihn gewartet: Der schlaksige Phil beugte sich lässig über den Lenker seines Fahrrads. Er schien jeden Tag ein Stück zu wachsen, aber sein Gehirn konnte offenbar dabei nie Schritt halten. Neben ihm stand breitbeinig der dicke Mike, den alle Bulle nannten. Seine roten Stoppelhaare leuchteten in der grellen Sonne. Grinsend präsentierte er die Zahnlücke, die von der letzten Schlägerei stammte. Daneben warteten Matt, der immer Spaß daran hatte, Katzen zu quälen – und Brad. Seine dunklen Augen blitzten triumphierend.
   Adrian warf das Eis mit der halb aufgerissenen Verpackung in die Mülltonne neben der Tür, rannte zu seinem Mountainbike, sprang in den Sattel und trat in die Pedale, was seine Beine hergaben. Da war etwas in Brads Gesicht, was in seinem Kopf eine übergroße Warnlampe zum Glühen brachte. Es war nicht nur die Lust, anderen Schmerzen zuzufügen. Brad prügelte sich jede Woche mindestens zweimal. Nein, da war ein abgrundtiefer Hass in seinen Augen, der allein ihm galt. Heute war Zahltag. Und der Preis, den er zahlen musste, würde verdammt hoch ausfallen.
   Er raste die Main Street hinab, obwohl er sich damit von seinem Zuhause entfernte. Aber die vier hatten ihm den Fluchtweg abgeschnitten.
   Sein Kopf fühlte sich leer und kalt an. Die einzigen Teile seines Körpers, die im Augenblick noch funktionierten, waren die Beine. Sein Instinkt war auf Flucht programmiert und schien alles abzuschalten, was nicht unmittelbar gebraucht wurde.
   Nach ein paar Minuten erreichte er die Kreuzung oberhalb der kleinen Kirche. An dieser Stelle machte die Main Street einen scharfen Knick nach rechts und führte bergab auf den Ortsausgang zu. Er riss den Lenker herum und raste um die Biegung, wobei er fast den alten Kinley über den Haufen fuhr, kurvte in einem waghalsigen Schlenker um Kinley herum, beugte sich tief über den Lenker und schoss wie ein Pfeil auf das Ortsschild zu.
   Immer wieder blickte er zurück. So sehr er gehofft hatte, sie abgehängt zu haben, er wurde enttäuscht. Mike und Brad hatten aufgeholt und spurteten hundert Meter hinter ihm die Straße hinab. Die anderen beiden Jungen rasten über die breiten Gehwege rechts und links der Straße den Berg hinunter. Phil grinste die ganze Zeit wie ein Wahnsinniger und freute sich bereits auf die Prügel, die sie Adrian zugedacht hatten.
   Hinter der Kurve am Ortsausgang führte die State Road 211 schnurgerade nach Süden, auf der rechten Seite begleitet von der Eisenbahntrasse. Es wurde Zeit, dass ihm etwas einfiel, sonst würde dieser heiße Sommertag im Stadtkrankenhaus von Mayville enden.
   Das Ortsschild flog an ihm vorbei. In der Ferne konnte er bereits die Abzweigung ausmachen, die hinter dem Bahnübergang in den Schotterweg zur Kiesgrube mündete. Obwohl das Baden in dem kreisrunden Baggersee verboten war, gab es nichts Schöneres, als in der Nachmittagshitze in dem klaren, kühlen Wasser zu schwimmen und im Schatten der hohen Felswände zu faulenzen. Und dabei von Susan Hoffner zu träumen.
   Die Schienen des Bahnübergangs flogen unter ihm hinweg. Er bremste und bog in den Zufahrtsweg ein, wobei sein Hinterrad gefährlich rutschte. Hinter der Biegung stieg er aus dem Sattel und trampelte wie verrückt. Inzwischen brannten seine Lungen von der Anstrengung, und sein Körper schrie nach einer Pause. Aber nur, wenn er den Wald rings um den See erreichte, hatte er eine Chance, zu entkommen. Auf der anderen Seite des Waldstreifens lagen die ersten Häuser der Siedlung. War er erst einmal dort, würde Brad es nicht mehr wagen, ihn anzurühren.
   Er tauchte in den dunklen Kiefernwald ein. Die Baumkronen bildeten ein dichtes, grünes Dach und warfen kühle Schatten auf den Waldboden. Dreißig Meter vor ihm begann der Weg anzusteigen. Wenn er den höchsten Punkt des Hügels überwunden hatte, war er wenige Augenblicke lang für seine Verfolger unsichtbar und hatte eine winzige Chance, sie abzuschütteln.
   Trotzig biss er die Zähne zusammen und raste auf die Erhebung zu. Es war keine Schande, Angst zu haben – die halbe Schule hatte Angst vor Brad und seinen Schlägern. Vor fünf Wochen war Brad einen Schritt zu weit gegangen – und ausgerechnet Adrian war dafür verantwortlich, dass er aufgeflogen war. Selbst Brads Vater, der seinen Sitz im Stadtrat dazu benutzte, überall seinen Einfluss geltend zu machen, um Brad wegen seiner ständigen Eskapaden vor der Schande eines Rauswurfs zu bewahren, hatte sich am neuen Trainer des Footballteams die Zähne ausgebissen. Greg Carlis wischte Wilsons Einmischung mit einem Satz zur Seite, der ihm die Achtung aller Opfer Brads eingebracht hatte: »Ihr Sohn ist ein Psychopath, Mr. Wilson. Auf meinem Footballplatz gibt es keine Schlägereien und keine Fouls, nach denen sich Knochensplitter durch die Trikots bohren. Ihr Sohn ist draußen!«
   Lyman Bonham, der Sohn des stellvertretenden Bürgermeisters von Mayville, lag mit angeknacksten Rippen, einer schweren Gehirnerschütterung und einem Splitterbruch des rechten Schienbeins im Krankenhaus. Trotzdem grinste er, als hätte er die Schulmeisterschaft im Alleingang gewonnen, weil jeder aus dem Team den Satz auf seinen Gips geschrieben hatte: »Wilson ist draußen!«
   Adrian war zum Helden wider Willen geworden. Noch immer hörte er das trockene Krachen von Lymans Schienbein, wenn er den Sportplatz betrat. Warum zum Teufel hatte er nicht den Mund gehalten? Er kannte die Antwort: Er wäre an seinem Schweigen erstickt und Brads verstecktes Foul wäre unbemerkt geblieben, weil keiner den Mut aufbrachte, sich gegen den Angeber zu stellen. Doch er musste ja mit dem Finger auf Brad zeigen. Plötzlich hatten alle durcheinandergeschrien. Und Brad hatte das getan, was er immer tat, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand: auf alles einschlagen, was sich bewegte. Durch Adrians Anklage angespornt, sahen alle in diesem Moment die einmalige Chance gekommen, den unerträglichen Angeber Brad Wilson loszuwerden. Und sie waren ihn losgeworden … alle außer Adrian.
   Als er den Buckel des Wegs erreichte, hatten Brad und seine Kumpanen den Bahnübergang passiert und holten wieder auf. Brad feuerte die anderen aus Leibeskräften an. Sein Geschrei verlor sich zwischen den schlanken Stämmen der Kiefern und schallte als albtraumhafte Fetzen durch den Wald. Der fette Mike hatte sich auf die Nase gelegt und hüpfte vor Schmerz auf einem Bein.
   Im nächsten Augenblick geschah es. Kaum hatte er den Hügel hinter sich gebracht, rutschte das Vorderrad an einer glatten Baumwurzel ab. Er versuchte, das Gleichgewicht zu halten, aber es war zu spät. Das Fahrrad rutschte unter ihm weg und brachte ihn zu Fall. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen. Er überschlug sich, landete auf dem mit Kieseln übersäten Waldweg und riss sich Knie und Handflächen blutig. Benommen blieb er einen Moment liegen, was ihn seinen Vorsprung kostete.
   Bevor die Meute ihn eingeholt hatte, rappelte er sich auf und beugte sich über sein Mountainbike. Die Gabel war gebrochen. Zeit, in den Wald zu flüchten und sich dort zu verstecken, blieb ihm nicht. Brads Gebrüll kam rasch näher.
   Er hetzte auf das Ende des Wirtschaftsweges zu. Hinter der gelb-schwarzen gestreiften Schranke lag die Kiesgrube. Vielleicht fand er dort ein Versteck, oder die Männer, die auf dem großen Schwimmbagger arbeiteten, versprachen ihm Hilfe.
   Doch hinter der Schranke lag der Baggersee still und menschenleer in der Mittagshitze, grelles Sonnenlicht spiegelte sich in Millionen glitzernder Reflexe auf der unbewegten Wasseroberfläche.
   Natürlich! Die Kiesgrube war letzten Winter stillgelegt worden, weil sie nicht mehr rentabel genug war. Hier war niemand, abgesehen von einem altersschwachen Biber und ein paar Eichhörnchen – und vier brutalen Schlägern, die ihm sämtliche Zähne aus dem Mund prügeln würden, wenn sie ihn erwischten.
   Er blickte sich verzweifelt in dem weiten Rund der Grube um. In der Mitte lag der kreisrunde, etwa hundert Meter durchmessende See. Rechts und links erstreckte sich dichter Kiefernwald, der zum See hin zurückwich und steil aufragenden Felswänden Platz machte. Der Baggersee ruhte in ihrer Mitte wie der Krater eines Meteoriteneinschlages. Am anderen Ende des Talkessels, hinter dem Schwimmbagger am Ufer, stiegen die Felswände beinahe senkrecht zwanzig Meter in die Höhe. Wer Mut hatte, konnte diese Felsen hinaufklettern, aber das war lebensgefährlich. Dort oben, hinter der Felswand, standen in einem Kilometer Entfernung hinter den Maisfeldern die ersten Häuser.
   »Wir haben ihn«, rief Brad triumphierend. Er hatte die Kuppe erklommen und thronte dort oben wie ein Feldherr.
   Sekunden später waren auch die anderen da, Mikes knallrotes Gesicht tauchte hinter Brads schlanker Gestalt auf. Der fette Junge pfiff keuchend durch seine Zahnlücke. Er hatte sich beide Knie bei dem Sturz aufgerissen und blutete wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Und er gierte danach, seine Wut an Adrian auszulassen. Brad warf sein Rad in den Graben und kam den Hügel herunter. »Wen haben wir denn da? Den kleinen Adrian. Was für ein Zufall, dass wir Lust auf ein Bad hatten, was, Jungs?«
   Mike grölte vor Lachen.
   Adrian wich langsam vor seinem Erzfeind zurück. Brad war fast zwei Jahre älter und groß und kräftig. Und nichts bereitete ihm mehr Spaß, als seine Kraft an allen auszulassen, die ihm nicht gewachsen waren und denen jene Hemmungslosigkeit fehlte, die ihn so gefährlich machte. Seine drei Mitstreiter verteilten sich und kamen in einem Halbkreis auf Adrian zu, Phil grinste immer noch von einem Ohr zum anderen.
   »Überleg dir gut, was du machst, Brad. Das nächste Mal fliegst du nicht nur aus der Footballmannschaft.« Seine Beine zitterten und sein Mund war vor Angst so trocken, dass er kaum schlucken konnte. Auf dem Spielfeld war es einfach gewesen, auf Brad zu zeigen. Aber hier, in der flirrenden Hitze der Kiesgrube, war er allein. Niemand würde ihm zu Hilfe kommen.
   Aus den Augenwinkeln suchte er nach einem Ast oder einem Stein, der ihm als Waffe dienen konnte. Aber der Boden über dem Seeufer war so leer, als hätte gestern jemand gründlich gefegt.
   Brad baute sich breit grinsend vor ihm auf. »Ich mach mir keine allzu großen Sorgen. Niemand wird je davon erfahren.«
   »Wo ist denn deine große Schnauze geblieben, Sykes?« Phil bog sich vor Lachen. »Schaut euch den an. Jetzt hat er die Hosen gestrichen voll.«
   »Hast du wirklich geglaubt, du kannst mich mit deinen Tricks aus der Mannschaft drängen und dann auch noch meinen Platz einnehmen? Dafür wirst du bezahlen, Sykes.« Brad spuckte in den Kies und ballte die Fäuste.
   Adrian wich weiter zurück und beobachtete, wie Phil und Mike ihn umkreisten und die Fluchtwege um den See herum versperrten.
   »Du bist selbst schuld. Und du reitest dich immer tiefer rein.«
   Brad kniff in der grellen Sonne die Augen zusammen. »Immer wieder dieser verfluchte Sykes. Du fängst an, mich richtig wütend zu machen. Dauernd kommst du mir in die Quere. Ich fliege aus der Mannschaft. Und wer ist schuld? Sykes. Deinetwegen verpasse ich das Endspiel um die Schulmeisterschaft. Wer spielt den Quarterback? Sykes! Mein Alter streicht mir das Sommercamp. Wegen Sykes! Susan Hoffner findet plötzlich, dass ich ein Arsch bin. Mit wem trifft sie sich? Mit Sykes. Sykes. Sykes. Sykes …«
   Es war noch schlimmer, als er befürchtet hatte. Brad würde seine ganze Wut an ihm auslassen und ihn für jedes Missgeschick verantwortlich machen, das ihm jemals widerfahren war.
   Brad legte den Kopf in den Nacken und stemmte die Hände in die Hüften. »Verdammt heiß heute. Was meint ihr, Jungs? Wie wär’s mit einem Bad im Baggersee?«
   »Schmeiß ihn rein, Brad«, rief Mike.
   Brad schnellte vor und stieß Adrian vor die Brust. »Hältst dich für einen guten Schwimmer, was? Hältst dich für ganz ausgekocht. Mal sehen, wie lange du dich über Wasser halten kannst, wenn wir dir einen Sack Kies an den Arsch binden.«
   Adrian erbleichte und wich weiter zurück, bis seine Fersen über dem Rand des Felsüberhanges schwebten, der wie ein Sprungbrett über den See hinausragte. Was hatte Brad vor? Er war größer und stärker, aber kein besonders guter Schwimmer.
   Hektisch warf er einen Blick über die Schulter und schätzte seine Chancen ein. Wenn er den Schwimmbagger auf der anderen Seite des Sees erreichte, schaffte er es vielleicht unbehelligt bis zum Fuß der terrassenförmigen Steilwand.
   Bevor ihn seine Angst noch länger zögern ließ, drehte er sich um und sprang kopfüber in den See. Das kalte Wasser war ein Schock nach der Hitze des Mittags. Sofort tauchte er wieder auf, schnappte nach Luft und kraulte auf den Schwimmbagger zu. Der Ponton ragte weit ins Wasser hinein. Vielleicht konnte er ihn erreichen und von dort aus über die Felsen aus der Falle fliehen, bevor seine Peiniger auf die Idee kamen, um den See herumzulaufen. Doch da hörte er schon Phils schnarrende Stimme. »Ja, gib’s ihm, Brad! Mach ihn fertig!«
   Etwas sauste mit lautem Platschen in das Wasser. Er drehte sich auf den Rücken und blickte zurück. Brad stand am Ufer, bückte sich und hob einen Kiesel von der Größe eines Golfballes auf. Er wog den Stein prüfend in der Hand und holte blitzschnell aus. Der Kiesel zischte an Adrians Ohr vorbei und platschte ins Wasser. Jetzt begannen auch Phil und die anderen nach ihm zu werfen. Mike grölte, bis er heiser war. Sie würden ihn mit Steinen totschmeißen wie einen Straßenköter.
   Er schwamm um sein Leben. Brad feuerte halb wahnsinnig vor Wut Stein auf Stein auf ihn ab. Bei ihm waren alle Sicherungen durchgebrannt, und er war ein guter Werfer, der beste, den die John F. Kennedy-School jemals in ihrer Baseballmannschaft gehabt hatte. Die Kiesel prasselten wie Hagelkörner aufs Wasser. Einer traf den empfindlichen Knöchel seines Mittelfingers. Adrian schrie auf und schluckte Seewasser. Ein taubes Gefühl breitete sich in seinen Fingern aus und behinderte ihn beim Schwimmen.
   Rings um ihn herum sausten Kieselsteine wie Torpedos in das aufgewühlte Wasser. Kurz hintereinander landeten seine Feinde Treffer an Schulter und Nacken. Er tauchte und schwamm ein Stück dicht unter der Oberfläche, streckte den Kopf wieder aus dem Wasser und schnappte nach Luft. Mike feuerte Brad unentwegt mit seiner schrillen Stimme an.
   Der Ponton des Baggers war nur noch zwanzig Meter entfernt. Er musste schnellstens aus dem See hinaus, denn wenn ihn einer der harten Kiesel am Kopf traf, war es vorbei. Er würde ohnmächtig werden und in dem verdammten Baggersee ertrinken. Und wenn die vier Jungen dichthielten, würde niemand je erfahren, was wirklich geschehen war. Dass alle den Mund hielten, dafür würde Brad sorgen.
   Mit letzter Kraft kraulte er auf ein Gewirr aus Treibholz zu, das am vorderen Teil des verlassenen Schwimmbaggers angeschwemmt worden war. Der heftige Sommersturm vor sechs Tagen hatte mehrere Äste einer Kiefer, die wie ein narbenbedeckter Riese am Waldrand stand, abgerissen und in den See geschleudert. Er tauchte und gelangte im Schutz des Treibholzes wieder an die Oberfläche. Nach Luft ringend klammerte er sich an den Ponton, bis sein Atem ruhiger ging. Durch die Zweige sah er, dass sich seine Verfolger aufteilten und um den See herum liefen. Mikes rotes Stoppelhaar leuchtete wie ein Streichholzkopf.
   Entsetzt stellte er fest, wie viel Kraft es ihn gekostet hatte, den See zu durchqueren. Er versuchte dreimal, sich aus dem Wasser zu ziehen, bis er endlich erschöpft auf dem Deck des Baggers lag. Seine aufgescheuerten Handflächen brannten höllisch, als sie das sonnenheiße Blech berührten.
   Ein neuer Kieselregen prasselte auf ihn ein, Steinsplitter fetzten wie Gewehrfeuer um ihn herum und prallten scheppernd vom Blech ab. Er schrie auf, als er an Hüfte und Ellenbogen getroffen wurde.
   Phil war bereits halb um den See herumgelaufen und sammelte fleißig Kiesel vom Boden auf. Schützend legte Adrian die Arme um den Kopf und rannte den schmalen Laufsteg des Schwimmbaggers entlang. Am Ende des Stegs ragte das Gitterwerk des Auslegerarms schräg in den flimmernden Sommerhimmel. Er war ein guter Kletterer, und diesen Vorteil musste er nutzen, wenn er lebend aus der Kiesgrube hinauskommen wollte.
   Der Auslegerarm zeigte wie ein riesiger Finger auf die terrassenförmig ansteigenden Felsen und endete dicht über einem kleinen Felsplateau in fünfzehn Meter Höhe. Von dort aus konnte man – wenn man Mut hatte und geschickt war – die Steilwand erklimmen und die Maisfelder erreichen, die zwischen der Kiesgrube und der Neubausiedlung lagen. Dort gab es genug Verstecke, wo ihn Brad niemals finden würde.
   Er schwang sich auf das Netzwerk der Eisenstreben und robbte auf allen vieren über den schräg nach oben führenden Ausleger.
   »Er haut ab, die Ratte entwischt uns«, rief Mike.
   Die Winkeleisen unter seinen Händen erzitterten summend, als sie von mehreren dicken Kieseln getroffen wurden. Phil heulte triumphierend auf.
   Flach auf den Auslegerarm gepresst, zog sich Adrian mit Händen und Füßen nach vorn wie eine Raupe. Fast hatte er das Ende des Arms erreicht, als ein Stein seinen Hinterkopf streifte und eine blutige Schramme an seinem Ohr hinterließ. Gott, tat das weh. Er kroch weiter, verlor das Gleichgewicht und rutschte mit den Beinen von dem rostigen Eisen ab. Einen Augenblick später klammerte er sich nur noch mit den Händen fest und hing vierzehn Meter über der unbewegten Oberfläche des Sees. Das kleine Felsplateau war noch drei Meter entfernt. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, nicht an die schwindelnde Höhe zu denken. Entlang der Streben hangelte er sich nach vorn, bis er das Plateau erreicht hatte, und sprang auf den felsigen Boden hinab. Vorerst war er in Sicherheit, allerdings lag der gefährlichste Teil der Kletterei noch vor ihm. Er lief an den Rand des Plateaus und blickte nach unten.
   Brad stieß laute Verwünschungen aus und begann nun ebenfalls, die Felswand emporzuklettern.
   Ein heißes Rinnsal tröpfelte an seinem Hals hinab. Er tastete nach seinem verletzten Ohr und zog die Hand zurück – sie war rot vom Blut. In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er sich Brad stellen musste. Er konnte nicht ewig davonlaufen. Sein Problem war nur, dass er Prügeleien stets aus dem Weg ging, während Brad all die Tricks und Kniffe kannte, mit denen man auch einen stärkeren Gegner in die Knie zwingen konnte.
   Er biss die Zähne zusammen und wartete entschlossen, bis Brad das Plateau erreicht hatte. Zu spät erkannte er, dass er damit seinen Vorteil verspielt hatte, denn solange Brad seine Arme und Beine zum Klettern brauchte, stellte er keine Gefahr dar. Jetzt schwang sich sein Gegner über den Rand des Plateaus. Hier, auf den heißen Felsen, würde es zu einer Entscheidung kommen.
   In Brads Gesicht spiegelte sich blanke Mordlust. »Weißt du, was dein Problem ist, Sykes? Du wartest ab, bis sich andere nehmen, was sie haben wollen. Deshalb wirst du wieder im See landen. Immer wieder, bis du ersäufst wie eine verdammte Kanalratte.«
   »Mach ihn fertig, Brad!«, brüllte Mike von unten.
   Adrian konnte nicht weiter zurückweichen. Dicht hinter seinen Füßen fielen die Felsen steil zum See hinab. Das Felsplateau war früher mit Stacheldraht gesichert gewesen, ebenso wie die Abbruchkante zwanzig Meter über ihm. Jetzt lag von dem scharfen Draht nur ein kümmerlicher Rest am Rand des Simses, eingerollt wie eine dösende Klapperschlange.
   Brad grinste böse. »Hast du die Hosen voll, Sykes? Entweder kriegst du jetzt die Schnauze voll oder du springst. Such’s dir aus!«
   Adrian warf einen Blick über die Schulter. Er hatte keine Ahnung, wie tief der Baggersee an dieser Stelle war, aber die Chancen, sich die Knochen zu brechen, standen nicht schlecht. Der See wurde erst zur Mitte hin richtig tief, die Ränder waren flach wie ein Suppenteller. Ohnmächtiger Zorn stieg in ihm auf. In seiner Verzweiflung tat er etwas, mit dem Brad nicht gerechnet hatte. Er griff frontal an und versetzte seinem Gegner einen ungeschickten Schwinger. Brad schrie auf, mehr aus Überraschung als vor Schmerz. Adrian setzte nach und stieß ihn vor die Brust. Der Stoß reichte aus, um Brad ins Taumeln zu bringen. Er rutschte auf Kieseln und Steinsplittern aus und plumpste auf den felsigen Boden.
   Adrian nahm eine Handvoll Kies auf und schleuderte sie wutentbrannt auf ihn. »Hau ab und lass mich endlich in Ruhe!«
   Brad quiekte, als ihn ein Kiesel am Mund traf. Er rieb sich das Kinn und starrte auf das Blut zwischen seinen Fingern.
   Adrian wich wieder an den Rand des Plateaus zurück, erschrocken über seinen Wutausbruch. Tief unter ihm bemühte sich Mike, die Felsen hochzuklettern, aber der dicke Junge stellte sich ungeschickt an und klebte wie ein Fettfleck an der Steilwand.
   Als sich Adrian wieder Brad zuwandte, hielt er plötzlich einen roten Zylinder in der Hand. Das Ding sah aus wie ein riesiger Silvesterkracher. Brads Linke verschwand in der Hosentasche und kam mit einem Feuerzeug wieder zum Vorschein.
   »Okay, Brad. Das reicht. Du bist irre.«
   »Er hat ’ne Stange Dynamit«, kreischte Phil am Fuß der Steilwand.
   Adrian überlegte fieberhaft, wie er Brad beruhigen konnte. Sich zu prügeln war eine Sache, aber das hier überstieg jegliches Maß. »Woher hast du das Dynamit?«
   »Das Zeug liegt haufenweise in den Schuppen da unten rum. Du brauchst nur die Hand danach auszustrecken.« Brad ließ das Feuerzeug mehrmals klicken, bis er eine stetige Flamme erzeugte.
   »Mach das verdammte Feuerzeug aus, Brad! Das ist kein Spiel mehr.«
   »Ich spiele auch nicht, Sykes. Los, spring!« Brad fuchtelte mit dem Feuerzeug und der Dynamitstange in der Luft herum.
   »Brad! Leg das Dynamit weg«, rief Matt. »Lass den Quatsch!«
   Adrian warf einen Blick auf den See. Er schätzte die Chancen ziemlich schlecht ein, sie Brad abzunehmen. Den Auslegerarm des Schwimmbaggers konnte er auch nicht erreichen. Das Gitternetz aus Winkeleisen hing unerreichbar zwei Meter über ihm in der Luft. Aber wenn er sprang, brach er sich höchstwahrscheinlich sämtliche Knochen.
   Brad nahm ihm die Entscheidung ab. Zischend fing die kurze Lunte Feuer. Er wich an den hinteren Rand des Plateaus zurück und warf ihm die Stange vor die Füße. »Na los! Spring, du Feigling!«
   Adrian starrte Brad an, der sich hinter einem Felsvorsprung in Sicherheit bringen wollte, und erkannte plötzlich die Gefahr, in der er schwebte. Brads Hosenbein hatte sich in dem rostigen Gewirr aus Stacheldraht verfangen, das von der Absperrung übrig geblieben war. Er versuchte, sein Bein zu befreien, verwickelte sich aber nur noch mehr in den Drahtschlingen.
   »Dein Fuß«, schrie Adrian, »dein Fuß!«
   Mehr Zeit blieb ihm nicht. Er stieß sich von der Kante des Plateaus ab und hoffte, dass der See unter ihm an dieser Stelle tief genug war, um den Sprung zu überleben.
   Auch Mike, der unterhalb des Plateaus an der Wand klebte und über den Rand blickte, musste es gesehen haben. »Dein Fuß! Verdammt, Brad. Dein Fuß!«
   Adrian klatschte wie ein Stein in den See und stieß mit den Füßen hart in den sandigen Grund. Als er wieder auftauchte, rollte der verzerrte Laut der Explosion dumpf über das Wasser. Das Echo hallte noch im Talkessel wider, als er die Oberfläche durchbrach. Einen Moment lang war er orientierungslos und drehte sich hilflos im Kreis. Dann sah er Phil und Matt am Fuß der Felsen stehen. Phil schrie wie verrückt und Matt begann nun ebenfalls, auf das Plateau zu klettern. Mike hatte seinen unförmigen Leib gerade auf das Felssims gewuchtet und übergab sich. Der Rand des Plateaus war blutgetränkt. Die Explosion hatte Brads linken Fuß abgerissen. Er blutete aus unzähligen kleinen Wunden im Gesicht. Dutzend scharfkantige Steinsplitter hatten sich in seine Wangen gebohrt und würden für immer ihre Narben hinterlassen.

Adrian wischte sich über die Augen und kehrte in die Gegenwart zurück. Warum tauchte Brad Wilson plötzlich hier auf? Wenn er eine Antwort auf diese Frage fand, kam er dem Rätsel um Eve möglicherweise näher.
   Die Schlafzimmertür bewegte sich, Jack streckte winselnd seine Schnauze in den Türspalt. Adrian ging hinunter ins Erdgeschoss und öffnete eine Dose Hundefutter.
   Er duschte eiskalt und begann, sich mit zitternden Händen zu rasieren. Als er sein hohlwangiges Gesicht mit den blutunterlaufenen Augen im Spiegel anstarrte, schämte er sich zutiefst. Dort draußen versteckte sich ein Mensch, der seine Hilfe brauchte. Ein Mensch, dem man alles genommen hatte, viel mehr, als Adrian verloren hatte. Seine Erinnerungen, sein Leben und Bewusstsein, sogar seinen Namen. Und Eve hatte ihm in bedingungsloser Offenheit vertraut – ihm, der sein Leben als wertlos betrachtete und im Begriff war, es wegzuwerfen.
   Er zog ein Baumwollhemd und Jeans an. Nachdem er seinen rebellierenden Magen gezwungen hatte, ein Frühstück und eine halbe Kanne schwarzen Kaffees anzunehmen, fühlte er sich besser. Sein Verstand begann, rege zu arbeiten.
   Als Brad Wilson aus dem Wagen gestiegen war, hätte Adrian seinen alten Feind trotz der vergangenen Jahre sofort erkennen müssen. Aber er hatte den brutalen Schläger längst aus seinem Gedächtnis verbannt. Brad hingegen wusste offenbar genau, wen er vor sich hatte.
   Drei Jahre nach der Explosion in der Kiesgrube hatte er Brad aus den Augen verloren. Die einzige Verbindung zu ihm war Mike Vanderbilt. Der rothaarige Mike und Adrian waren zusammen auf die Highschool gegangen. Mike hatte in den ersten zwei Jahren noch immer losen Kontakt zu Brad gehalten, doch dann zog Brads Familie nach Washington. Sein Vater hatte dort einen hohen Posten beim Verteidigungsministerium angenommen. Von da an verlor sich Brads Spur.
   Der dicke Mike hatte sich während der Highschoolzeit verändert. Er war in die Höhe geschossen und hatte einen großen Teil seines Babyspecks verloren. Ohne Brad verlor Mike auch seinen Sonderstatus, am College war er nicht mehr die rechte Hand des Schlägers Brad Wilson, sondern ein linkischer Junge ohne Chancen bei den Mädchen. Ihm fehlte das Selbstvertrauen, seine Schwierigkeiten selbst zu lösen und brauchte jemand Neuen, der ihm zeigte, wo es lang ging. Er war der typische Mitläufer. Und so hatte er sich dem einzigen Menschen angeschlossen, den er kannte: Adrian. Zwischen ihnen war nie eine echte Freundschaft entstanden, mehr eine Beziehung, in der beide voneinander profitierten. Es gab gemeinsame Erlebnisse, die sie verbanden. Mike verdankte Adrian seine Bekanntschaft mit Linda, die er später heiratete. Und so hatten sie auch nach der Highschoolzeit losen Kontakt gehalten, bis Adrian nach Deutschland ging. Wenn jemand wusste, wo Brad die letzten zwanzig Jahre gesteckt hatte, dann war das Mike Vanderbilt.
   Adrian stieg auf den Dachboden. In einer dunklen Ecke stieß er auf einen Pappkarton mit Relikten aus seiner Vergangenheit. Vergilbte Fotos und Erinnerungsstücke an Christina, die er auf den Speicher verbannt hatte, weil er ihren Anblick nicht ertragen konnte, Jahrbücher aus der Collegezeit und ein grünes, abgegriffenes Notizbuch mit Adressen und Telefonnummern, die er seit Langem nicht mehr brauchte.
   Er trug die Kiste nach unten und blätterte das Notizbuch durch. Die Telefonnummer von Mike war fast zehn Jahre alt, aber sie war die einzige Fährte. Er wählte und wartete. Als sich nach einer Ewigkeit niemand meldete, legte er wieder auf. Natürlich. Er hätte daran denken müssen. In Chicago war es erst kurz vor fünf. Wenn er Mike erreichen wollte, musste er sich noch ein paar Stunden gedulden.
   Auf der Tischplatte lag noch immer das Röntgenbild mit der Aufnahme von Eves Kopf. Er hielt das Bild ins Gegenlicht und studierte noch einmal die Einzelheiten des Implantats. Wenn er bis jetzt noch auf einer unbewussten Ebene gehofft hatte, der gestrige Abend wäre dem fieberkranken Gehirn eines Alkoholikers entsprungen, so vertrieb dieses Bild den letzten Zweifel. Alles war wirklich geschehen.
   Er legte die Aufnahme zurück auf den Tisch und kramte gedankenverloren in dem Karton. Vielleicht fand sich in den Erinnerungsstücken ein Fingerzeig, der ihm weiterhelfen konnte. Bücher, die Christina gern gelesen hatte, einige ihrer Lieblings-CDs, eine Menge Fotos und in einer kleinen, verzierten Schachtel ein Stapel Briefe, die er ihr geschrieben hatte, als er für kurze Zeit in die Staaten zu seiner erkrankten Mutter geflogen war.
   Am Boden der Schachtel fand er ihre Antworten auf dem vertrauten Briefpapier und ein angelaufenes Medaillon, das eine Haarsträhne von Christina enthielt. Er drückte auf den winzigen Knopf und ließ den Deckel aufspringen. Seine Finger glitten zärtlich über die dunkle Strähne, bis ihn eine Erkenntnis wie ein Blitz durchfuhr. Wenn er Eve wiederfand, konnte er einen DNA-Abgleich machen lassen und damit die Wahrheit herausfinden.
   Elektrisiert sprang er auf und stieß dabei den Karton um. Das Verbandszeug! Die Platzwunde an Eves Stirn hatte stark geblutet. Adrian hatte ihr einen Druckverband angelegt und ihn später durch ein Pflaster ersetzt, als die Blutung nachgelassen hatte. Den Verband hatte er gestern Abend in die Mülltonne geworfen.
   Er lief auf den Hof und riss den Deckel der Tonne auf. Hektisch wühlte er im Müll, bis er den verdreckten Verbandsmull gefunden hatte, und presste ihn an die Brust wie den kostbarsten Schatz auf Erden. Das getrocknete Blut reichte auf jeden Fall für eine Analyse.
   Er verstaute den Verband in einem Plastikbeutel und steckte ihn in seine Jackentasche. Irgendwie musste er Janson davon überzeugen, einen DNA-Test zu machen. Natürlich konnte er sich auch an ein anderes Labor wenden, aber dann würde er mehrere Wochen auf Ergebnisse warten müssen. Wenn er Janson dazu bringen konnte, ihm zu helfen, würde er ihm das Ergebnis als Chefarzt der Robert-Koch-Klinik schon in ein paar Stunden mitteilen.
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