Nach dem Mord an einem kleinen Mädchen erleidet die junge, unerfahrene Kommissarin Katrin Schwarz einen Zusammenbruch. Nur langsam erholt sie sich von den Eindrücken, die der Fall auf ihrer Seele hinterlassen hat. In dieser Zeit lernt Katrin den Deutschamerikaner Daren Grass kennen und verliebt sich in den gut aussehenden Journalisten. Doch schon bald erschüttert ein weiteres Verbrechen das beschauliche Städtchen Hüfingen am Rand des Schwarzwaldes: Die fünfjährige Julia Göggel wurde entführt und kurz darauf ermordet aufgefunden. Noch bevor das Ermittlerteam dem bestialischen Serienmörder auf die Spur kommt, wird ein weiteres fünfjähriges Mädchen entführt, dessen Versteck der Täter nicht preisgibt. Es beginnt ein Wettlauf um das Leben des Kindes, an dessen Ende Katrin alles zu verlieren droht.

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-724-60-4
Kindle: 978-9963-724-62-8
pdf: 978-9963-724-59-8

Zeichen: 441.000

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-724-58-1

Seiten: 288

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Doris Rothweiler

Doris Rothweiler
Doris Rothweiler wurde 1972 in Villingen geboren und wuchs in Blumberg nahe der Schweizer Grenze auf, wo sie mit ihrer Familie auch lebt. Nach einem Studium der Verwaltungswissenschaften machte sie eine Ausbildung zur Lerntherapeutin. Schreiben ist für sie wie Schauspielerei. Nur, dass die Autorin alle Rollen gleichzeitig besetzt. Vom Regisseur bis in die kleinste Nebenrolle hinein. „Darin liegt auch das Spannende in diesem Beruf“, findet Doris Rothweiler. „Jeden Tag aufs Neue zu spüren, dass der eigenen Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.“

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Sonntag, 21. Mai 1972


»Ich will aber nicht zu Onkel Klaus«, maulte Ralf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Der macht mir Angst.«
   »Red kein dummes Zeug.« Seine Mutter zog die Augenbrauen nach oben.
   »Wann holst du mich wieder?« Er versuchte, tapfer zu sein, aber sein Magen krampfte sich allein bei dem Gedanken an die kalten Augen dieses Mannes zusammen.
   Der hellblaue VW-Käfer hüpfte unangenehm, als Mama mit dem Wagen durch ein tiefes Schlagloch fuhr. Ralf griff nach dem Handgriff der Tür, um sich daran festzuhalten. Er rutschte beinahe vom Sitz. Ängstlich betrachtete er das Gesicht seiner Mutter im Rückspiegel. Ihr Mund war streng zusammengekniffen und ihre Augen starrten auf den Feldweg, der in ein paar Minuten auf Onkel Klaus’ einsamen Hof enden würde. Die Straße war eine Sackgasse. Er kurbelte das Seitenfenster herunter. Wenn die Sonne schien, heizte sich der Käfer schnell auf und die Luft war unangenehm stickig. Aber vielleicht empfand nur er es so.
   »Wieso hast du denn alle meine Spielsachen eingepackt?«, fragte er, als er sich plötzlich daran erinnerte, wie Mama gestern Abend mit ausdrucksloser Miene Stück für Stück in einen großen Koffer gestopft hatte. Sie hatte sogar sein Kettcar auf den Beifahrersitz gehievt, das er zu Ostern bekommen hatte.
   »Du willst doch nicht, dass es dir langweilig wird«, sagte sie und sah ihn über die Schulter hinweg an. Ihr Mund lächelte, ihre Augen nicht. Sie hatten nur einen eigentümlichen Glanz, den er noch nie darin gesehen hatte.
   »Aber du holst mich doch heute Abend wieder, oder?«
   »Sicher«, sagte sie, und sah wieder nach vorn.
   Als sie auf den Hof fuhren, stieg sie nicht aus. Das tat sie nie.
   Onkel Klaus half, sein Gepäck auszuladen. Seine langen Haare hingen ihm in fettigen Strähnen in die Stirn und seine dunkelblaue Latzhose war fleckig und durchgeschwitzt. Er hatte kein Hemd darunter. Nur nackte, ölige Haut. Onkel Klaus blickte Mama an. »Es ist mir wie immer ein Vergnügen, den Kleinen bei mir zu haben.« Die Worte waren freundlich, aber sie klangen nicht so. »Schade, dass du nicht bleiben kannst«, fuhr er fort und griff nach einer Strähne ihrer langen Haare.
   Mamas Finger umklammerten das Lenkrad.
   »Es würde sich für dich hier sicher auch ein Platz zum Schlafen finden, irgendwo …«, er beugte sich durch das Autofenster zu ihr hinein, »… unter mir.«
   Seine Mutter ließ den Motor an.
   »Komm schon«, brüllte Onkel Klaus über den Motorenlärm hinweg und zog den Kopf aus dem Fenster. »Du brauchst es doch mal wieder, und ich besorge es dir.« Er schlug mit der flachen Hand auf das Wagendach, als Mama den Vorwärtsgang einlegte.
   Dann brauste sie davon.
   »Mama«, flüsterte Ralf, während sich seine Augen mit Tränen füllten. Sie hatte sich nicht einmal von ihm verabschiedet.

Den ganzen Tag saß er auf der Treppe zum Haus und suchte den Horizont nach einer kleinen Staubwolke ab, die ihm sagte, dass Mama wiederkommen und ihn holen würde, während sein Onkel auf dem Hof an einem alten Motorrad schraubte. Onkel Klaus beachtete ihn nur, wenn er ihn in die dunkle Scheune schickte, um eine Flasche Bier herauszuholen. Dabei hatte Ralf Angst vor der Dunkelheit.
   Der Nachmittag verging trotzdem und endlich wurde es Abend.
   »Geh in die Scheune und hol mir noch ’n Bier«, lallte Onkel Klaus.
   In der Scheune musste es jetzt stockdunkel sein.
   »Aber Mama kommt bestimmt bald und sie will nicht auf mich warten müssen«, wagte er einen kleinen Protest. Vielleicht würde sich Onkel Klaus das Bier dann doch selbst holen.
   Stattdessen begann er, lauthals zu lachen. »Du weißt es also noch gar nicht«, sagte er und kam schwankend auf ihn zu. »Sie war wohl zu feige, es dir zu sagen, was? Deine liebe Frau Mutter.« Onkel Klaus wollte nach ihm greifen, verfehlte ihn aber und hob stattdessen drohend die Hand. »Nein, Junge. Das kannst du dir abschminken. Deine Mutter kommt dich nicht holen. Nicht heute und auch sonst nicht mehr.« Wieder begann er zu lachen, als hätte er den Verstand verloren. Er torkelte zur Treppe, lehnte sich gegen das Geländer, zog seinen Penis aus dem Hosenschlitz und urinierte in den Hof. »Das ist besser.« Er stöhnte auf, als er fertig war.
   »Was heißt das, sie kommt nicht mehr?« Obwohl die Worte seines Onkels keinen Sinn ergaben, spürte er dennoch, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.
   »Tja, Junge«, lallte er. »Wir sind deiner Mutter nicht gut genug, wir zwei.« Er schlug ihm heftig auf den Hinterkopf. »Und jetzt mach, dass du wegkommst. Oben kannst du schlafen. Ich komm dann gleich zu dir.« Er murmelte weiter vor sich hin, ehe er schwankend die Treppe hinaufging. Als er in den Lichtkreis trat, den die Lampe im Treppenhaus bildete, sah Ralf, dass das Glied seines Onkels immer noch aus seiner Hose ragte.
   Hart und groß.

Kapitel 1
Katrin


Zusammengerollt wie ein Embryo lag Katrin Schwarz auf ihrem Bett. Vor dem Fenster unterhielt sich ein Liebespaar in einer Sprache, die sie nicht kannte. Aber Liebe hörte sich überall auf der Welt gleich an.
   Katrin blinzelte. Ihre Augen brannten, doch sie weinte schon lange nicht mehr. Sie starrte auf den immer gleichen Wasserfleck an der Wand. Ihr Verstand klammerte sich verzweifelt an diese Vertrautheit, aber so sehr sie es auch zu verhindern versuchte, zerstörte das immer selbe Bild dieses Gefühl. Ein Bild, das so schrecklich war, dass ihr Verstand sich weigerte, seine endgültige Wahrheit zu akzeptieren.
   Ihr Telefon klingelte. Schon wieder. Es klingelte so oft in letzter Zeit. Seit wann eigentlich? Seit wie vielen Tagen sie auf ihrem Bett lag, wusste sie nicht. Nur die Nächte zählten, denn an die konnte sie sich erinnern. In den Nächten war es dunkel, und in der Dunkelheit sah sie den Fleck nicht mehr. Und wenn sie den Fleck nicht mehr sah, konnte sie sich nicht mehr daran festhalten. Dann fiel sie – und ihr Verstand ließ das Bild des toten Mädchens entstehen, immer und immer wieder, wie in einem Film.
   Dem Gesicht des Mädchens hatte man es nicht angesehen, und da es bekleidet war, sah es auf den ersten Blick tatsächlich aus, als würde es schlafen.
   Aber dann hatte Katrin bemerkt, dass etwas mit den Händen des Mädchens nicht stimmte. »Sind sie gebrochen?«, hatte sie den Gerichtsmediziner gefragt und der nickte. Dann schob er das Hemd des Mädchens nach oben. Ihr Oberkörper schimmerte schwarz und blau.
   »Mein Gott«, hörte sie ihren Vorgesetzten Josef Horn sagen, der hinter sie getreten war. »Können Sie schon was zur Todesursache sagen?«
   Der Gerichtsmediziner schüttelte den Kopf. »Sie hat so viele Verletzungen, dass ich unmöglich sagen kann, welche davon letztendlich zum Tode geführt hat. Am wahrscheinlichsten erscheint mir, dass sie an inneren Verletzungen gestorben ist. So wie ihr Körper aussieht, muss das Schwein wie ein Irrer auf sie eingeprügelt haben.«
   Katrin betrachtete das kleine Gesicht. Sie war ein hübsches Mädchen gewesen. Ihre Haare waren weißblond. Katrin stellte sich vor, wie es geglänzt haben musste, wenn die Sonne darauf schien. Jetzt war es verfilzt und völlig verdreckt. Wie das Gesicht mit der vorwitzigen Stupsnase. Dann krampfte sich ihr Magen zusammen. »Sie hat geweint«, wisperte sie. »Als sie gestorben ist, hat sie geweint.«
   Horn blickte sie an. »Ist alles in Ordnung, Katrin?«
   Sie deutete auf das Gesicht des Kindes. »Man sieht genau, wo die Tränen den Schmutz von ihrer Haut gespült haben.« Sie würgte und versuchte verzweifelt, sich auf das zu konzentrieren, was der Gerichtsmediziner ihnen erklärte. Es war wichtig, dass sie alles verstand. Aber ihr Blick war immer und immer wieder zu den Tränenspuren gewandert.
   Und seit fünf Nächten kehrte es zurück. Das Gesicht des Mädchens, das geweint hatte, als es starb.
   Das Telefon hörte auf zu klingeln. Endlich. Katrin rollte sich noch ein bisschen enger zusammen. Die Augen fielen ihr zu, und als sie schreiend hochschreckte, wusste sie, dass sie geschlafen hatte. Der Schatten der großen Birke vor ihrem Haus war bis zum Kleiderschrank gekrochen. Der Tag würde bald wieder der Nacht weichen. Ihre Schultern krampften sich bei diesem Gedanken schmerzhaft zusammen.
   Es klopfte. »Katrin? Katrin, sind Sie da drin?«
   Sie blinzelte.
   »Katrin, bitte öffnen Sie die Tür. Ich bin’s, Josef Horn.«
   Beim Klang des Namens begann sie, sich rhythmisch hin und her zu wiegen. Ein heiseres Schluchzen quälte sich aus ihrer trockenen Kehle. Dann hörte sie, wie ein Schlüssel in das Schloss geschoben wurde.
   Die Tür öffnete sich und das vertraute Gesicht ihres Chefs beugte sich über sie. Sie wiegte sich noch ein bisschen schneller.
   »Es wird alles wieder gut, Katrin«, sagte Horn und Katrin sah, wie er den Männern hinter sich ein Zeichen gab.
   »Ich will nach Hause«, flüsterte sie und griff nach Horns Hand. »Ich will einfach nur nach Hause.«

*

Katrin strich die rote Bistroschürze glatt. »Darf es sonst noch was sein?«, fragte sie die alte Frau, die sie verständnislos ansah. »Darf es sonst noch etwas sein?«, wiederholte sie etwas lauter und Frau Stein schüttelte mit einem leichten Schulterzucken den Kopf.
   »Nein, danke, ich glaube, das war alles.«
   Katrin lächelte. Sie mochte Frau Stein. Die alte Dame war neunundachtzig und trug, seit Katrin denken konnte, eine hellblau geblümte Kittelschürze und Filzpantoffeln. Aber sie war immer freundlich und hatte sich bis ins hohe Alter einen liebenswert schüchternen, mädchenhaften Charme bewahrt. Sie lebte allein und versorgte sich und ihre unzähligen Katzen noch immer selbst.
   Katrin wartete geduldig, bis Frau Stein ihre Brötchen, die Leberwurst und zwei Liter Milch eingepackt hatte. »Das macht dann fünf Euro fünfzig, Frau Stein«, sagte sie diesmal gleich so laut, dass Frau Stein sie auch verstehen konnte.
   Frau Stein reichte ihr den geöffneten Geldbeutel über die Theke. »Suchen Sie sich bitte das Geld selbst heraus.« Sie lächelte entschuldigend und warf einen kurzen Blick auf ihre krummen, arthritischen Finger.
   Nachdem Katrin kassiert und für Frau Stein die Einkaufstasche an die Tür getragen hatte, ließ sie sich erschöpft auf einen Stuhl plumpsen. »Ich wusste gar nicht mehr, wie anstrengend es ist, den ganzen Tag hinter der Theke zu stehen.«
   Ihrer Mutter schaltete die Lichter aus und schloss die Ladentür zu. »Ja, mein Schatz. Es ist eben schon eine Zeit her, seit du das letzte Mal hier gearbeitet hast.« Ihre Mutter kam herüber und drückte sie auf einmal fest an ihren großen Busen. »Es ist schön, dass du wieder hier bist, mein Schatz. Hier bei uns ist die Welt doch noch in Ordnung.«
   »Nicht, Mama, bitte …« Ungeduldig befreite sich Katrin aus der Umarmung ihrer Mutter. Sie war vierundzwanzig und fühlte sich zu alt, um sich wie ein Kind an Mamas Busen auszuweinen.
   »Ich sage ja gar nichts. Es ist nur, dass ich so froh bin, dass du wieder hier bist. Die Großstadt ist einfach nichts für so Landeier, wie wir es sind. Dafür muss man geboren sein, und das bist du eben nicht, genauso wenig wie ich.«
   »Ich bin nicht wegen der Großstadt zurückgekommen. Außerdem ist Freiburg nicht gerade der Nabel der Welt.«
   »Nein, das ist es wirklich nicht«, meinte ihre Mutter und lachte.
   »Ich habe mich in Freiburg immer wohlgefühlt und in ein paar Wochen werde ich auch meinen Dienst wieder aufnehmen«, sagte Katrin, selbst nicht ganz von der Aufrichtigkeit ihrer Worte überzeugt.
   »Du nimmst deinen Dienst erst dann wieder auf, wenn der Arzt sagt, dass du über die Sache weg bist.«
   »Ich liebe meinen Beruf, Mama. Ich bin zur Kripo gegangen, weil ich an eine bessere Welt glaube, weil ich nicht möchte, dass sich irgendeiner das Recht herausnehmen kann, ein Verbrechen zu begehen, ohne dafür bestraft zu werden. Es war mein erster Mordfall, und dann auch noch dieses kleine Kind.« Sie schluckte. »Selbst Kommissar Horn meinte, dass man da durchaus den Boden unter den Füßen verlieren kann.«
   Die Augen ihrer Mutter wurden schon wieder feucht. Wie immer in den letzten Tagen, wenn sie auf Katrins Zusammenbruch zu sprechen kamen. »Vielleicht liebst du deinen Beruf ja ein bisschen zu viel.«
   Katrin wollte das Gespräch beenden und ging mit ein paar leeren Getränkekisten ins Lager, aber so leicht ließ sich ihre Mutter nicht abschütteln.
   »Du hast zu wenig inneren Abstand. Die Sache mit dem Mädchen hast du viel zu nah an dich herangelassen.«
   Katrin war sicher, dass aus ihrem Gesicht jegliche Farbe verschwunden war. »Das sind Anfängerfehler, ich muss einfach einen Weg finden, wie ich damit klarkomme.«
   »Ich würde einen dissoziativen Stupor nicht gerade als einen Anfängerfehler bezeichnen«, sagte ihre Mutter scharf. »Ich darf es mir gar nicht ausmalen, wie du da auf deinem Bett gelegen haben musst, tagelang, völlig apathisch. Ich kann einfach nicht vergessen, wie Kommissar Horn dich gefunden hat. Halb verhungert und verdurstet, kaum ansprechbar.« Die Stimme ihrer Mutter hatte schon wieder diesen Ton, als kämpfte sie gegen ihre Tränen.
   Katrin wollte soeben etwas erwidern, als sie die Schritte ihres Vaters auf der Treppe hörte.
   Er warf einen kurzen Blick auf die Szene.
   Katrin nahm sich eine leere Kiste und stellte zwei Flaschen hinein.
   »Kannst du das Mädel nicht einfach mal in Ruhe lassen?«, knurrte er und Katrin sah überrascht auf. »Sie ist eine erwachsene Frau, und du wirst sie nicht bis an dein Lebensende an dich fesseln können. Manchmal fallen die Kinder eben hin, aber Katrin ist stark, und wenn sie wieder aufsteht, dann müssen wir sie ermutigen, weiterzugehen.« Er machte ihr ein Zeichen, nach oben zu gehen.
   Katrin war ihrem Vater unendlich dankbar. Sie verließ den kleinen Dorfladen, den ihre Eltern schon von ihren Großeltern übernommen hatten, und stieg die Treppe hinauf in die darüberliegende Wohnung. Sie schloss die Tür zu ihrem Zimmer leise hinter sich, ging zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Dann legte sie sich aufs Bett und schloss die Augen.
   War es wirklich schon drei Monate her, seit sie den Zusammenbruch gehabt hatte? Sie erinnerte sich an diese Tage, als wären sie erst gestern gewesen.
   »Jetzt müssen Sie sich erst einmal ein bisschen fangen und dann kommen Sie wieder zu uns, nicht wahr, Katrin?«
   Die Worte hallten noch nach, als sie sich in die Wirklichkeit zurückblinzelte.
   Sie stand auf und ohne zu zögern, ging sie zum Telefon und wählte die Nummer.
   »Horn«, meldete sich die vertraute Stimme.
   »Hallo Chef«, sagte sie lächelnd. »Ich wollte nur mal wieder von mir hören lassen.«
   Sie war noch lange nicht so weit, dass sie ihren Dienst wieder aufnehmen konnte, das wusste sie. Aber das machte ihr nichts aus. Nicht mehr. Sie war endlich wieder aufgestanden und hatte den ersten Schritt in ihre Zukunft gewagt.
   Und nur das zählte.

*

Seine Hand glitt über den glänzenden Stoff des Satinlakens. Noch immer haftete ihr Duft in jeder Faser des weinroten Stoffes, und wenn er sich bewegte und dabei die parfümgeschwängerte Luft in Schwingung versetzte, war es, als läge sie neben ihm.
   Er liebte diesen Duft und wann immer dieser drohte, sich zu verflüchtigen, gab er ein paar Tropfen ihres Parfüms auf die Bettwäsche. Sich vorzustellen, wie sie sich in ihrer Wohnung bewegte, wie sie hier schlief, duschte, aß, unwissend, dass er ihr Leben mit ihr teilte, dass er in ihrer Wohnung ebenso zu Hause war, wie sie selbst, verlieh ihm das Gefühl von Macht, von Allmacht über Leben und Tod.
   Er legte die Spielregeln fest, er entschied, wann sie ihn spüren würde. Er bestimmte, wie sicher sie sich fühlen durfte. Er entschied über ihr Leben oder ihren Tod.
   »Wir gehören zusammen«, zischte er ihrem Bild auf dem Nachttisch entgegen. »Du und ich.« Ja, es ging ihm um die Macht. »Macht«, sagte er laut in die Stille. Macht machte stark. Und schwach. Denn seit er sie zum ersten Mal gekostet hatte, diese Macht des Tötens, wollte er sie wieder und wieder spüren.
   Er wälzte sich auf dem feuchten Laken und wäre am liebsten sofort aus dem Bett gesprungen, um auf die Jagd zu gehen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und spürte, wie sein Glied sich versteifte, als er an das unbeschreibliche Gefühl dachte, das er empfand, wenn er sich entschieden hatte. Wenn er es gefunden hatte: sein neues Opfer.
   Er keuchte. Aber er hatte einen Plan und den durfte er nicht gefährden. Er krümmte sich zusammen, schloss die Augen und wartete, bis es vorbei war. Als er wieder aufstand, stand sein Entschluss fest. Er hatte lange genug gewartet.
   Es war schon zu lange her, seit er sie zuletzt gekostet hatte – diese süße Lust, wenn in den Augen seiner Opfer das Erkennen aufflackerte.
   Das Erkennen, dass es keinen Ausweg mehr gab und dass der Tod Schmerz und Erlösung in einem sein würde.

*

Ich will nie mehr Fahrrad fahren«, heulte Ulrike und verschränkte bockig ihre Arme. Im Schneidersitz saß sie auf dem Boden und blickte auf ihr rosarotes Fahrrad, eine steile Zornesfalte auf der Stirn. »Fahrrad fahren ist voll blöd.«
   »Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen. Du darfst jetzt nicht einfach aufgeben«, sagte Josef Horn und beugte sich über seine Tochter.
   »Das hat aber richtig fest weh gemacht«, schluchzte Uli und trat nach dem auf dem Boden liegenden Rad.
   Es war Ostersonntag. Josef war mit seiner fünfjährigen Tochter und ihrem achtjährigen Bruder Andreas gleich nach dem Eiersuchen auf den Parkplatz der Rothaus-Arena gefahren. Dort konnten sie in Ruhe üben, ohne auf den Straßenverkehr achten zu müssen. »Komm, Uli, steh jetzt auf«, sagte er und strich sich über seinen Schnauzer.
   »Ich will nicht«, heulte Uli. »Ich will, dass Mami da ist und auf mein Aua pustet.«
   »Mama ist aber nicht da, du Heulsuse«, stellte Andreas, der unbeirrt und auch ein bisschen angeberisch mit seinem schwarzen Mountainbike eine Runde nach der anderen drehte, spöttisch fest.
   Josef setzte sich neben seiner Tochter auf den Boden. »Du weißt doch, mein Schatz, dass Mama heute nicht bei uns sein kann, weil Mama und Papa sich nicht mehr so gut vertragen.« Er zog Uli auf den Schoß und strich zärtlich über ihre blonden Haare.
   »Man muss sich aber vertragen, immer muss man sich vertragen«, schniefte Uli und wischte ihre laufende Nase mit dem Ärmel ihrer Jacke ab.
   Nicht am Ärmel, wollte Josef gerade noch sagen, aber da war die Nase schon sauber.
   »Ihr sagt dauernd, dass ich mich mit Andi vertragen muss, dann müsst ihr euch auch vertragen.«
   »Aber bei Mami und Papi ist das ein bisschen anders, weißt du? Manchmal geht es einfach nicht mehr. Es war doch zu Hause auch nicht so schön, als Mama und Papa sich die ganze Zeit gestritten haben, oder?«
   »Nein, das war es nicht.« Die Bestimmtheit ihrer Stimme tat ihm weh.
   Er hatte sich nicht streiten wollen, aber seine Frau Johanna hatte sich in ihrer Ehe eingesperrt gefühlt. So zumindest hatte sie es ausgedrückt, als sie vor einem halben Jahr ihre und die Sachen der Kinder gepackt hatte und in eine andere Wohnung gezogen war.
   »Hey, Melissa … Melissa«, rief Uli plötzlich und schon stand sie wieder auf den Beinen. »Papi, da ist Melissa, schau.« Sie deutete völlig überflüssig in Richtung der Einfahrt, wo Thomas Wagner in Begleitung seiner Frau und seiner Tochter Melissa erschienen war.
   »Das war ja klar, dass Melissa auch hier auftaucht«, sagte Josef und grinste. »Ihr zwei könnt ja wirklich nichts getrennt machen.«
   Auch Melissa schob ein hübsches, rosafarbenes Rad. Ihre blonden Haare leuchteten im Sonnenlicht fast silbern und ihre helle Haut wirkte durchscheinend und zart.
   »Wie Zwillinge«, sagte Uli und deutete auf die beiden gleich aussehenden Fahrräder. Sie klang furchtbar stolz.
   »Klar«, höhnte Andreas, der wie immer alles hörte, was nicht für seine Ohren bestimmt war.
   »Du bist viel dicker als Melissa und ihr seht euch gar nicht ähnlich.«
   Uli streckte ihrem Bruder die Zunge raus, drehte sich um und ließ ihn einfach stehen. »Guck mal, Melli. Ich kann schon fast ein bisschen fahren, gell, Papi?«, protzte Uli und stemmte ihre Hände in die Hüften.
   »Jetzt könnt ihr zwei ja zusammen üben.« Thomas Wagner lachte und hielt das Fahrrad fest, damit Melissa sich daraufsetzen konnte.
   »Hast du die Kamera gerichtet?«, fragte Thomas und jetzt wusste Josef auch, was er zu Hause vergessen hatte.
   »Kamera läuft«, sagte Stephanie, als das rote Kontrolllämpchen aufleuchtete. »Auf die Plätze, fertig, los!«, rief sie und die beiden Mädchen traten kräftig in die Pedale.
   Josef kam, im Gegensatz zu Thomas Wagner, der mit seinen fünfunddreißig Jahren zehn Jahre jünger war als er, schneller außer Atem, während sie, eine Hand am Sattel, hinter den Fahrrädern ihrer Töchter herrannten.
   Als sie wieder einmal auf der anderen Seite des Parkplatzes angekommen waren, glaubte Josef, die Silhouette eines Mannes hinter einem der Büsche zu sehen. »Was zum Henker …?« Er blieb stehen. »He!«, rief er und rannte zu der Stelle, an der er den Schatten gesehen hatte. Er bog das Gebüsch auseinander, doch dort stand nur eine alte Weide, die ihre Äste hängen ließ.
   »Papa!«, rief Uli traurig und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er einfach ohne jede Vorwarnung das Fahrrad losgelassen hatte.
   Sicher war Uli hingefallen und hatte sich wehgetan. Er drehte sich um und beobachtete staunend, wie Uli wacklig, aber allein am anderen Ende des Parkplatzes eine Kurve fuhr. Nach einer halben Stunde, die Josef wie eine Ewigkeit erschienen war, radelten Uli und Melissa zwar noch immer ein bisschen unsicher, aber dafür sichtlich stolz Runde um Runde.
   »Ich mache dir dann eine Kopie vom Film, Josef, wenn es dir recht ist?«, fragte Stephanie Wagner, während sie alle drei zusammenstanden und Uli und Melissa zusahen, wie diese immer mutiger versuchten, genauso cool und lässig auf dem Fahrrad zu sitzen wie Andreas.
   »Das ist nett, Stephanie, danke. Ich habe wirklich nicht daran gedacht, die Kamera mitzunehmen.«
   »Es hätte auch nicht allzu viel Sinn gemacht. Du musstest ja schließlich neben Ulrike herrennen.«
   Das stimmt, dachte Josef und fühlte sich auf einmal wieder sehr einsam. Ohne die Wagners hätte er niemanden gehabt, der diesen wunderschönen Morgen für die Zukunft festgehalten hätte.

*

»Ich halte es nicht mehr aus«, brüllte er und biss die Zähne so fest zusammen, dass es schmerzte. Seit der letzten Nacht war ihm klar geworden, dass er nicht mehr länger warten konnte. Er brauchte es wie ein Junkie den nächsten Schuss. Er ärgerte sich, dass er so schwach war, denn das erforderte, dass er den Plan ändern musste.
   Seine Wahl war auf Hüfingen gefallen. Das hieß, weniger auf Hüfingen als auf das Mädchen. Die kleine Stadt mit dem alten Römerbad und dem schicken Neubaugebiet war ideal für seine Pläne. Hüfingen lag nur ein paar Kilometer von Donaueschingen entfernt und so würde es Katrin sicher nicht entgehen, wenn wieder ein kleines, fünfjähriges Kind spurlos verschwinden würde. Sie würden überall Plakate aufhängen, die Zeitungen würden darüber berichten, das Fernsehen würde kommen …
   Er war von Katrins Zusammenbruch nach dem Mord an Emma Schmid völlig überrascht gewesen. Lange hatte er geglaubt, dass sein Plan geplatzt wäre, aber dann war Katrin doch recht schnell wieder aus der Klinik entlassen worden.
   Er hatte sich entschlossen, nicht mehr länger darauf zu warten, dass sie ihren Dienst wieder aufnahm. Weil er einfach nicht mehr länger warten wollte. Also würde sich hier in Hüfingen entscheiden, ob sein Plan am Ende doch noch aufgehen würde.
   Entweder, Katrin würde sich durch das Verschwinden des Mädchens dazu entschließen, ihre Arbeit an der Seite Horns wieder aufzunehmen, oder sie würde sich für immer aus dem aktiven Dienst zurückziehen.
   Er legte den Zeigefinger auf sein linkes Handgelenk, schloss die Augen und zählte. Sein Puls lag bei 130 und das, obwohl er regungslos in seinem Auto saß.
   Er erinnerte sich an das erste Kind, das er sich genommen hatte.
   Es war kalt gewesen. Für Ende März war es sogar sehr kalt gewesen.
   Mit einer Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Dabei stieg ihm wieder der metallische Geruch von Blut in die Nase, als wäre dort immer noch das Blut des Jungen. Das erregte ihn erneut.
   Zwei Tage hatte er ihn nur gehabt.
   Dabei hatte er ihn ein ganzes Leben lang haben wollen. Aber er hatte die Beherrschung verloren. Carstens Todeskampf war vorbei, kaum dass er begonnen hatte. Er hätte den Akt des Tötens gern länger hinausgezögert, aber er hatte getötet, wie ein Teenager Sex hat. Schnell und fantasielos. Von dem Augenblick an, als ihm der fünfjährige Carsten Kuntz zum ersten Mal über den Weg gelaufen war, hatte das Kind keine Zukunft mehr gehabt.
   Unschuldig und rein wie ein unbeschriebenes Blatt Papier war der Junge gewesen und jetzt war es seine Handschrift, die Carstens totem Körper eine neue Aussage gegeben hatte.
   Er war der Erste gewesen, und deshalb würde er für ihn immer etwas Besonderes sein, und dann, als er so vor ihm auf dem kalten Bürgersteig gelegen hatte, genau an der Stelle, an der er ihn zwei Tage zuvor in sein Auto gelockt hatte, hatte er zum ersten Mal die Sicherheit gehabt, dass der Tod genau das war, wofür er lebte.

*

»Ich hätte gern eine Tasse Kaffee«, sagte der schlanke, junge Mann, der in den letzten beiden Wochen beinahe täglich zu Katrin in den Dorfladen gekommen war.
   Erst, als er das Geschäft betreten hatte, bemerkte Katrin, dass sie sich schon den ganzen Vormittag auf ihn freute und fühlte sich erleichtert, weil er tatsächlich gekommen war. »Wieder zum hier trinken?«, fragte sie überflüssigerweise. Er hatte sich schon an den kleinen Tisch neben der Kasse gesetzt und seine Zeitung aufgeschlagen.
   »Klar«, meinte er und in seinen grauen Augen blitzte es belustigt auf. »Es sei denn natürlich, ich störe.«
   »Nein, nein, überhaupt nicht«, beeilte sie sich zu sagen und hätte sich am liebsten mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen. Nein, nein, überhaupt nicht, äffte sie sich im Stillen nach, während sie vor der Maschine stand und darauf wartete, dass die letzten Tropfen in die Tasse fielen. Wenn sie weiter so blöde Antworten gab, hielt er sie für ein einfältiges Landei.
   »Bitte schön.« Höflich, aber distanziert genug, um ihre übereilige Antwort von eben wieder wettzumachen, stellte sie das Tablett mit der Kaffeetasse und dem hauseigenen Kleingebäck auf den Bistrotisch.
   »Warum setzen Sie sich nicht einen Augenblick zu mir?«, fragte der Schwarzhaarige, den Katrin auf Anfang dreißig schätzte, unvermittelt und blinzelte ihr zu. »Ich sag’s auch nicht dem Chef.« Er grinste verschwörerisch.
   »Das würde meinen Chef auch nicht sonderlich interessieren. Weder den einen noch den anderen.«
   »Sie haben gleich zwei Chefs, die sich nicht dafür interessieren, ob Sie arbeiten oder nicht? Wie kommt das?«
   Sie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. »Ach«, meinte sie so beiläufig wie möglich. »Das ist gar nicht weiter interessant. Der Laden gehört meinen Eltern, ich helfe hier nur für eine Weile aus.«
   »Dann haben Sie gerade Urlaub? Da hatte ich ja Glück, dass es mich ausgerechnet jetzt aufs Land verschlagen hat.« Aus seinem Mund klang dieser Spruch nicht einmal flach.
   »Und was hat Sie hierher aufs Land verschlagen?«
   »Die Arbeit.« Er trank einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse klirrend wieder auf den Unterteller. Dann verzog er schmerzhaft sein Gesicht. »Heiß«, meinte er entschuldigend und hustete.
   Katrin grinste. »Das hat Kaffee so an sich, wenn er frisch aus der Maschine kommt.« Sie stand auf und goss ihm ein Glas Mineralwasser ein. »Das kühlt den Mund ein bisschen«, sagte sie und erwiderte sein Lächeln. Sie mochte ihn. »Also«, nahm sie den Gesprächsfaden wieder auf, denn sie wollte gern mehr über den attraktiven Mann erfahren. »Sie arbeiten in einer der Firmen hier?« Sie hoffte, dass sie nicht so neugierig klang, wie sie war.
   »Nein.« Er hob die Kaffeetasse erneut zum Mund, stellte sie aber ohne zu trinken wieder ab. »Ich warte wohl lieber noch, bis der Kaffee ein bisschen kälter ist. Nein, ich arbeite nicht in einer der Firmen hier. Ich bin Journalist und schreibe einen Bericht über eine der Firmen, die sich in den letzten zwei Jahren zu einem wirtschaftlichen Musterbetrieb gemausert hat.«
   »Hier?«
   Sie mussten beide herzhaft lachen, weil ihre Stimme bei der Vorstellung, in dem beschaulichen Vorort von Donaueschingen könnte irgendetwas journalistisch Interessantes passiert sein, völlig entgleist war.
   Als sie sich wieder beruhigt hatten, streckte er ihr die Hand entgegen. »Darren, Darren Grass.«
   »Hallo Darren, ich heiße Katrin«, lächelte sie. »Darren ist ein ungewöhnlicher Name.«
   »Mein Vater war Amerikaner.«
   »Soldat?«
   »Nein, Broker, an der Börse in Atlanta. Er hat sich nach einigen Fehlspekulationen von einer Brücke gestürzt. Meine Mutter hatte damals nicht einmal mehr das Geld, um mit mir nach Deutschland zurückzufliegen.«
   »Und wie kamen Sie dann doch wieder nach Deutschland?«
   »Du! Ich dachte, wir waren beim Du.«
   »Ach ja. Also, wie kamst du nach Deutschland?«
   »Meine Großeltern haben uns den Flug bezahlt. An meinen Vater erinnere ich mich kaum noch. Ich war damals erst drei Jahre alt.«
   »Das tut mir trotzdem leid«, murmelte Katrin.
   »Ist ja schon lange her«, sagte er und lehnte sich entspannt zurück. »Aber daher kommt wahrscheinlich mein Interesse für Betriebswirtschaft und Ökonomie. Und was machst du beruflich, wenn du nicht im Laden deiner Eltern Urlaub machst?«
   Bei dieser Frage krampfte sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Ihr schwindelte. Glücklicherweise betrat in diesem Augenblick eine Kundin den Laden.
   »Ja, das ist ja die Katrin! Das ist aber eine Überraschung, Sie mal wieder hier zu sehen.«
   Katrins Schwindelgefühl wurde stärker. »Guten Morgen, Frau Schneider. Was darf’s denn heute sein?«
   Die alte Schnepfe wusste doch ganz genau, was los war, dachte Katrin, während sie an ihren Platz hinter der Kuchentheke zurückkehrte. Wahrscheinlich war die Schneider sowieso nur deshalb einkaufen gekommen, um die Geschichte über ihren Zusammenbruch aus erster Hand zu erfahren.
   »Ich krieg einen kleinen Bauernlaib und zwei Doppelwecken«, meinte Frau Schneider anscheinend arglos, aber ihre Augen huschten neugierig über Katrins Gesicht und taxierten jede ihrer Bewegungen. »Ich bin ein bisschen überrascht. Man sieht Ihnen gar nichts mehr an.«
   Die Feststellung traf Katrin so unerwartet, dass sie verwundert aufblickte. »Was sieht man mir nicht an?«
   »Den Aufenthalt in der Klaps… ich meine natürlich den Aufenthalt in der Anstalt.«
   Katrin nahm nur undeutlich aus den Augenwinkeln heraus wahr, dass Darren mitten in seiner Bewegung innehielt.
   »Sie müssen ja in einem fürchterlichen Zustand gewesen sein, wenn man glaubt, was die Leut’ so alles sagen, gell?«
   »Deswegen glaubt man besser auch nicht alles, was einem die Leute so erzählen, Frau Schneider. Darf es außerdem noch etwas sein?« Sie legte die Tüten mit dem Brot und den Brötchen auf die Theke.
   »Ja, sicher, noch zweihundert Gramm Lyoner, geschnitten, bitte, Fräulein Schwarz.«
   »Gern«, meinte Katrin und biss die Zähne zusammen.
   »Wie ist es denn so in so einer Anstalt?«, fragte die Schneider über den Lärm der Wurstschneidemaschine hinweg.
   Warum mussten ihre Eltern auch ausgerechnet heute beide einen Arzttermin haben? Sie hätte sich sonst einfach schnell mit einer Entschuldigung verdrücken können und ihr Vater hätte der alten Schachtel schon das Richtige erzählt. »In der Klinik war es nicht viel anders als in jedem anderen Krankenhaus auch«, erklärte sie knapp, ohne von der Arbeit aufzusehen.
   »Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Hatten Sie so eine Art Aufpasser vor Ihrer Tür, oder waren einfach nur die Zimmertüren abgesperrt?«
   »Weder noch, Frau Schneider. Ich hatte sogar ein sehr hübsches Zimmer mit einer äußerst sympathischen jungen Frau als Zimmergenossin.«
   Frau Schneider kramte im Angebotskorb neben der Kasse. »Sie waren ja aber doch in der Geschlossenen, oder erzählen die Leute da was Falsches?« Sie legte ihre Einkaufstasche auf den Tisch neben Darren und machte Anstalten, sich niederzulassen.
   Katrin wäre am liebsten davongelaufen.
   In diesem Moment mischte sich Darren ein. »Es tut mir sehr leid, Frau Schneider, aber Frau Schwarz wird kaum die Zeit haben, sich mit Ihnen zu unterhalten. Wir müssen nämlich noch die Grußkartenbestellung fertigmachen«, er warf einen raschen Blick auf seine Uhr, »und das wird, schätze ich, noch ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.«
   Katrin unterdrückte den Impuls, Darren vor Dankbarkeit um den Hals zu fallen.
   »Ja, wenn das so ist, Katrin, dann will ich Sie jetzt auch gar nicht weiter aufhalten. Was bin ich schuldig?«
   Katrin tippte die Preise in die Kasse. »Das macht sechs Euro neunundzwanzig«, sagte sie und beeilte sich, das Wechselgeld herauszugeben.
   »Weiß die Kripo eigentlich, dass Sie hier arbeiten, obwohl Sie doch sicher krankgeschrieben sind?«, fragte die Alte, während sie das Münzgeld in ihren abgegriffenen, braunledernen Geldbeutel fallen ließ, mit einem gehässigen Blick auf Katrin. Dann verließ sie mit einem vielsagenden Nicken den Laden.
   »Die Grußkartenbestellung.« Katrin lachte und ließ sich neben Darren auf einen Stuhl plumpsen. Darrens Grinsen erinnerte sie an einen kleinen Jungen, der beim Plätzchennaschen ertappt worden war.
   »Etwas Besseres ist mir so spontan nicht eingefallen«, sagte er in gespieltem Entrüsten und stimmte dann in ihr Lachen ein.
   »Die Idee ist Gold wert.« Sie lachte noch immer und trank einen Schluck Kaffee. »Deiner dürfte in der Zwischenzeit auch kalt genug sein«, meinte sie mit einem Blick auf seine unberührte, volle Tasse. Dann wurde sie wieder ernst. »Ich fürchte, ich muss da einiges zurechtrücken.« Sie sah ihm trotzig in die Augen.
   »Du musst überhaupt nichts, Katrin«, sagte Darren ruhig.
   Sie konnte den Blick nicht von seinen grauen Augen wenden.
   »Aber wenn du über irgendetwas reden möchtest, dann könnten wir das ja vielleicht heute Abend bei einem Abendessen tun.« Sein Gesicht war entspannt und sein Blick ruhig, als er auf ihre Antwort wartete. Nur sein Adamsapfel zuckte.
   »Ich weiß noch nicht, ob ich über etwas reden möchte«, sagte sie und versuchte, gelassen zu wirken, »aber ich würde gern mit dir essen gehen.«
   Die Erleichterung war ihm deutlich anzusehen und Katrin hatte den restlichen Tag das Gefühl, mehr zu schweben als zu gehen.
   Sie stand vor dem großen Spiegel im Badezimmer und kämmte sich die Haare. »Straßenköterbraun«, murmelte sie unzufrieden und unterdrückte den Impuls, in die nächste Drogerie zu fahren, um sich ein verführerisches Rot oder beschützerinstinktweckendes Blond zu kaufen. Sie zupfte den cognacfarbenen Wollpullover zurecht und drehte sich einmal um die eigene Achse. Mit dem Rest ihres Erscheinungsbildes war sie einigermaßen zufrieden. Sie war nicht sehr groß, aber schlank. Ihr Gesicht empfand sie zwar als eher langweilig, aber sie hatte weder störende Pickel noch eine krumme Nase, also wollte sie nicht meckern. Dennoch streckte sie ihrem Spiegelbild die Zunge hinaus, als sie das Badezimmer verließ.

*

Die kleine Pizzeria in Donaueschingen war schlecht besucht. An der Küche konnte es nicht liegen, denn Katrin schmeckten Pizza und Salat ausgezeichnet. Darren verzehrte eine saftig aussehende Gemüselasagne und verdrehte die Augen.
   »Ich wette, dass es in ganz Baden Württemberg keine bessere Lasagne gibt«, sagte er, kaute genießerisch und spülte den letzten Bissen mit einem kräftigen Schluck Valpolicella hinunter.
   »Man dürfte sogar in Rom Schwierigkeiten haben, eine bessere Pizza zu kriegen.« Katrin lachte und lehnte sich entspannt zurück.
   Das Essen war köstlich, die Unterhaltung locker und anregend, und Darren sah einfach umwerfend aus. Der Abend hätte schöner nicht sein können. Trotzdem lag ihr noch immer das dumme Geschwätz von Frau Schneider vom Vormittag im Magen. Nachdem sie eine weitere Flasche Wein bestellt hatten, brachte sie zögerlich das Thema zur Sprache. »Zu heute Morgen noch mal, Darren …«
   »Manchmal können die Menschen fürchterlich unsensibel sein«, unterbrach Darren sie.
   »Aber manchmal können sie auch ein bisschen zu sensibel sein«, erwiderte sie leise. »Und genau das ist mein Problem gewesen. Ich habe eine schlimme Zeit hinter mir, Darren, und ich stehe sozusagen noch immer auf sehr wackligen Beinen.« Sie lächelte. »Aber immerhin stehe ich.« Sie suchte in Darrens Gesicht nach einem Zeichen von Skepsis, fand aber nichts als Aufmerksamkeit und Verständnis. Das ermutigte sie, weiterzusprechen. »Ich bin, wie du dir vielleicht zusammenreimen konntest, keine Verkäuferin, sondern Beamtin bei der Kripo.«
   Darren nickte, sagte aber nichts.
   »Vor ein paar Monaten wurde ein kleines Mädchen entführt.« Ihre Kehle war trocken und sie musste sich räuspern. »Der Fall ging bundesweit durch die Presse, du hast sicherlich auch davon gehört.«
   »Du meinst die kleine Emma Schmid«, stellte Darren mit ruhiger Stimme fest. »Natürlich habe ich davon gehört.« In seinem Blick lagen Verständnis und eine Spur von Angst, die Katrin nicht deuten konnte.
   »Ich habe mich, freundlich ausgedrückt, ein bisschen gehen lassen, als man Emma tot auffand.« Sie kaute an ihrer Unterlippe, wusste nicht recht, wie sie fortfahren sollte.
   »Wer hätte das nicht?«, fragte Darren und legte seine Hand auf ihre.
   Die Wärme seiner Hand entkrampfte sie und zum ersten Mal seit vielen Monaten hatte sie nicht mehr das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein.
   »Ich war wie gelähmt«, redete sie einfach weiter. Sie schloss die Augen und sprach, ohne nachzudenken, öffnete ihr Herz und ließ es überlaufen. »Ich wusste, dass ich ein totes Kind sehen würde, als wir zu dem Spielplatz in Sexau gerufen wurden. Und ich war mir sicher, dass es die Leiche der kleinen fünfjährigen Emma sein würde, denn von genau diesem Spielplatz war Emma entführt worden. Ich hatte mich auf schreckliche Wunden und Verstümmelungen eingestellt, aber auf den ersten Blick war nichts zu sehen. Keine sichtbaren Zeichen einer Misshandlung, kein Blut. Es war ihr Gesicht, das mich nicht mehr losgelassen hat. Die weiße, zarte Spur getrockneter Tränen auf ihrer schmutzigen Haut.« Katrin schluckte schwer. »Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Mich hat der Gedanke nicht mehr losgelassen, dass sie geweint haben musste, als sie starb. Dieser stumme Zeuge ihres Leids hat mich mehr getroffen als alles andere.«
   Darren hielt ihre Hand noch ein bisschen fester, und sie öffnete die Augen.
   Eine Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel und fiel auf die rote Papierserviette, die der Kellner vergessen hatte abzuräumen.
   »Darauf war ich einfach nicht vorbereitet.«
   »Ich weiß.« Ihre Blicke begegneten sich. »Nichts kann einen auf so einen Anblick vorbereiten.« In seinen Augen las sie, dass er wusste, wovon er sprach.

*

»Hallo, Tammy«, sagte er und lehnte sich gegen das Klettergerüst auf dem kleinen Spielplatz des Schwimmbades. Er streckte ihr ein Eis entgegen.
   »Oh«, strahlte Tammy. »Ed von Schleck mag ich am allerliebsten, danke.«
   »Das wusste ich doch«, sagte er und lächelte geheimnisvoll.
   »Ach, und woher wusstest du das?«
   Sie hatte eine niedliche Art, ihren Kopf auf eine Seite zu legen, wenn sie eine Frage stellte.
   »Das wusste ich, weil deine Mama es mir verraten hat«, sagte er im unschuldigen Plauderton.
   »Du kennst meine Mama?« Wieder legte sie ihren Kopf schief.
   Das war wirklich süß. »Sag bloß, Tammy, du weißt nicht, wer ich bin?« Er sah, wie sie angestrengt nachdachte und scheinbar doch zu keinem Ergebnis kam. Jetzt war der Punkt gekommen, an dem er gewinnen oder verlieren würde.
   »Doch, klar weiß ich jetzt, wer du bist. Ich hab’s nur kurz vergessen gehabt.«
   Sie log. Natürlich log sie, denn sie konnte ihn nicht kennen. Innerlich jubelte er.
   Hätte sie ihn in diesem Augenblick nicht belogen und hätte ihm einfach gesagt, dass sie ihn nicht kennen würde, dann wäre er chancenlos gewesen, sie ohne Aufsehen zu erregen aus dem Schwimmbad zu locken.
   Aber sie hatte gelogen. Gelogen, um ihn nicht zu kränken. Außerdem, dachte er sich, wollte sie sicher nicht riskieren, in Zukunft kein Eis mehr spendiert zu bekommen, wenn sie ihn nicht erkennen würde. Kinder waren so eigensüchtig.
   »Na also. Dann frag doch einfach«, forderte er das völlig verwirrte Mädchen auf.
   »Aber …«
   »Es ist doch nichts dabei, wenn du fragst, ob du sie dir mal anschauen darfst.«
   Er hatte sie genau da, wo er sie haben wollte. In ihrem Gesicht las er alles. Ihre Verwirrung, weil sie immer noch nicht wusste, wer er war, ihre Unentschlossenheit, weil sie nicht wusste, ob sie überhaupt mit ihm reden durfte, ihre Neugier, was sie sich anschauen könnte.
   »Sie sind wirklich unheimlich süß, und deine Mama meinte, sie würde dir den kleinen Schwarz-Weißen schenken.« Er redete immer weiter. »Aber ich glaube, dass dir die hübsche Weiße mit den blauen Augen viel besser gefallen würde. Was meinst du? Welches Kätzchen würde dir gefallen?«
   Verwirrung und Unentschlossenheit waren verschwunden. Übrig geblieben war nur noch die reine Neugier.
   »Ein weißes Kätzchen mit blauen Augen?« Ihre Stimme war schon ganz piepsig, so sehr wollte sie das Kätzchen haben.
   »Ja, ich glaube wirklich, dass ihr beide richtig gut zusammenpassen würdet.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Aber leider kommt in einer halben Stunde ein anderes kleines Mädchen«, er lächelte und zwickte ihr neckisch in die Nase. »Und dieses kleine Mädchen darf sich eine Katze aussuchen. Da bestimmt nicht einfach die Mama, was ihr besser gefällt.«
   »Aber die darf mir das weiße Kätzchen nicht wegnehmen.« Tränen waren in ihre runden, blauen Augen getreten.
   »Hm, ich hätte da einen Vorschlag«, sagte er und warf wieder einen Blick auf seine Uhr. »Wenn wir uns ganz schnell beeilen, dann könnten wir in zehn bis fünfzehn Minuten wieder zurück sein.« Er tat so, als würde er nur mit sich selbst sprechen. »Wenn du sie gesehen hättest, und mir sagen würdest, dass du sie willst, dann würde ich dem anderen Mädchen sagen, dass die weiße schon dir gehört.« Dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Das ist nicht mehr zu schaffen«, sagte er bestimmt. »Schon allein, bis wir deine Mutter hier im Schwimmbad gefunden und ihr erklärt haben, wo wir mal kurz hinwollen … Nein. Ich darf nicht zu spät nach Hause kommen und das andere Mädchen warten lassen.«
   Tammy hüpfte aufgeregt vor ihm auf und ab. »Aber wenn wir Mama gar nichts sagen und jetzt gleich losfahren, dann schaffst du es doch rechtzeitig …«
   »Nein«, unterbrach er sie barsch. »Kein Kind darf mit einem Fremden weggehen, ohne der Mama Bescheid gegeben zu haben.«
   »Aber du bist doch gar kein Fremder«, rief sie und schmiegte ihre kleine Hand in seine große. »Ich kenn dich doch und meine Mama kennt dich auch.«
   Jawohl, dachte er zufrieden. Bettele. Vertrauensvoll sah sie zu ihm auf und drängte zum Ausgang. Sie zog ihn förmlich mit sich. Das lief besser, als er erwartet hatte.
   »Und außerdem«, versuchte sie, ihn zu überzeugen, »sind wir doch ganz schnell wieder da, hast du gesagt.«
   Er tat, als wäre das das entscheidende Argument gewesen, und zuckte kapitulierend mit den Schultern. Sie hatte es so gewollt. Hand in Hand verließen sie das Schwimmbad.

*

»Du kennst diesen Kerl doch kaum!« Marianne Schwarz stemmte ihre Hände in die Hüften. »Meine Güte, ihr trefft euch schließlich erst seit ein paar Wochen. Du bist doch sonst nicht so …«, sie schien einen Augenblick nach dem richtigen Wort zu suchen. »… leicht zu kriegen.«
   Katrin sprang auf. »Bin ich jetzt schon leicht zu haben, wenn ich als erwachsene Frau mit einem Mann zusammen sein möchte, den ich seit immerhin drei Monaten kenne und liebe?« Katrin war außer sich vor Wut.
   Marianne Schwarz warf ihrem Mann einen Blick zu, der keinen Zweifel darüber ließ, was sie von ihm in diesem Augenblick erwartete.
   Peter Schwarz räusperte sich. »Ich gebe deiner Mutter recht, Katrin. Du kennst diesen Darren wirklich noch nicht lange genug, um seinetwegen mir nichts dir nichts hier deine Zelte abzubrechen.«
   Katrin nahm ihrem Vater diesen halbherzig vorgetragenen Einwand nicht krumm. Sie wusste, dass er im Grunde nichts gegen ihren Entschluss hatte, und dass er sich nur eingemischt hatte, weil ihre Mutter das erwartete. Katrins Mutter war eindeutig die Stärkere in der Beziehung. Ihr Vater liebte sie abgöttisch.
   »Ich hätte mehr Verständnis erwartet. Eure Augen werden doch heute noch feucht, wenn ihr davon erzählt, wie ihr euch kennengelernt habt. Und daran, dass ihr beide angeblich vom ersten Augenblick an gewusst habt, dass ihr füreinander bestimmt gewesen seid.« Katrin blickte von ihrem Vater wieder zu ihrer Mutter und setzte zum entscheidenden Hieb an. »Habt ihr nicht nach genau acht Wochen schon geheiratet? Ich dachte, ihr mögt Darren und wünscht euch nichts mehr, als dass ich glücklich werde.«
   »Klar mögen wir Darren, wenn er ab und zu sonntags zum Kaffee kommt.« Die Stimme ihrer Mutter war voller Sarkasmus.
   »Wir meinen es doch nur gut, Katinka.« Diesen Kosenamen aus ihrer Kindheit hatte ihr Vater in letzter Zeit wieder häufiger gebraucht, als sähe er in ihr wieder nur das kleine Mädchen, das sie einmal gewesen war.
   Katrin erinnerte sich noch gut daran, wie sehr sie es geliebt hatte, wenn ihr Vater sie so nannte. Katinka war etwas Besonderes, Katinka war das liebe, brave Kind, während Katrin die war, nach der man rief, wenn sie etwas ausgefressen hatte. »Nenn mich nicht Katinka«, fauchte sie. »Ich bin kein kleines Mädchen mehr.«
   »Aber ich nenne dich doch schon immer …«
   »Nein«, unterbrach Katrin mit zunehmender Wut. »Du nennst mich erst wieder Katinka, seit ich meinen Zusammenbruch hatte.« Tränen der Wut brannten ihr in den Augen und sie brachte kaum ein Wort an dem dicken Kloß in ihrem Hals vorbei. »Auch wenn ihr glaubt, dass ich für die harten Realitäten des Lebens noch zu jung bin: Das bin ich nicht. Ich trage keine Zöpfe mehr. Ich spiele da draußen mit den richtig bösen Jungs und es ist verdammt noch mal kein Zeichen von Schwäche gewesen, dass mich der Anblick meiner ersten Kinderleiche aus der Fassung gebracht hat. Und ich sehe auch nicht ein, warum ich mich wieder und immer wieder dafür rechtfertigen muss. In euren Augen habe ich vielleicht versagt, aber …« Sie ballte die Hände zu Fäusten. Es war besser, wenn sie jetzt nicht weitersprach.
   »Wir möchten nur, dass du auf dich aufpasst«, sagte ihre Mutter mit belegter Stimme. »Manchmal zeigen Menschen ihr wahres Gesicht auch erst, wenn sie sich ihrer Sache sicher sind.«
   Der Klang ihrer Stimme ließ Katrin aufhorchen. Es hörte sich an, als würde ihre Mutter aus Erfahrung sprechen. Aus einer schmerzhaften Erfahrung. Katrin betrachtete das Gesicht ihrer Mutter. In ihren Augen schwammen Tränen und eigentlich hätte sie deshalb ein schlechtes Gewissen haben müssen, aber noch war ihre Wut zu frisch, die Enttäuschung zu groß. Trotzdem spürte sie, dass ihre Mutter etwas vor ihr zurückhielt.
   Für einen Augenblick sah sie in ihr etwas, das ihr nie zuvor aufgefallen war, obwohl es immer da gewesen war, wie sie jetzt erkannte.
   Sie hatte in ihrer Mutter immer nur die Mutter gesehen, die Ehefrau, die zumindest meistens mit ihrem Leben zufrieden war. Aber jetzt sah sie die verletzte, junge Frau, die Angst hatte, dass ihrer Tochter das Gleiche passieren könnte wie ihr. Als Katrin weitersprach, war ihre Stimme wieder ruhiger. »Es ist ja nicht so, dass Darren und ich morgen schon vor den Traualtar treten wollen. Aber er muss zurück nach Freiburg und ich, wenn wir ehrlich sind, auch. Ich habe mich lange genug bei Mama und Papa vor der Welt versteckt und meinen Kopf in deinem Schoss ausgeruht.« Sie hatte die Hand ihrer Mutter genommen.
   Sie wollte nicht im Streit gehen müssen. Ihre Eltern waren ihr bis vor Kurzem die wichtigsten Menschen auf der Welt gewesen. Sie hatten sie liebevoll und mit viel Verständnis erzogen.
   »Ihr habt so viel für mich getan, wart immer für mich da und ich bin euch dafür auch immer dankbar. Ihr habt nie Fragen gestellt, mir nie Vorwürfe gemacht, mich einfach immer so genommen, wie ich bin.«
   Der Blick ihrer Mutter wurde weich.
   »Hast nicht du immer gesagt, dass du bei Papa vom ersten Augenblick an gewusst hast, dass er die Liebe deines Lebens ist? Und hast du nicht erst vor Kurzem zu mir gesagt, dass es in deinem ganzen Leben noch keinen Tag gegeben hat, an dem du dein Jawort bereut hättest?«
   Ihre Mutter nickte. Katrin sah, wie Angst und Sorge langsam aus ihrem Blick wichen.
   »Ich wünsche mir so sehr, dass ihr euch mit mir freut. Dass ihr erkennt, was Darren mir bedeutet und wie glücklich er mich macht.«
   »Ich wünsche dir ja auch nur das Allerbeste, mein Schatz.« Ihre Mutter nahm sie in ihre vollen Arme. »Aber halt trotzdem einfach die Augen offen, ja? Liebe macht nämlich vor allem auch blind.«
   »Als ob du das wüsstest.« Katrin lachte und drückte ihre Mutter.