Spannender Wissenschaftsthriller zum Thema Alternsforschung und ewige Jugend. Werden wir Alter und Tod überwinden können? Davon ist der anonyme Auftraggeber überzeugt, der den Biomediziner John Flender für ein exklusives Forschungsprojekt gewinnen will. Obwohl die ungewöhnlichen Umstände des Angebotes ihn zunächst zögern lassen, stellt John sich der Herausforderung. Er begibt sich auf ein abgelegenes Cottage in Südengland, wo er am genetischen Code zu forschen beginnt. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt besteht fortan über ein hochmodernes Computersystem, das ihn und seine Forschungskollegen miteinander verbindet – und in seiner attraktiven Betreuerin Anna Cortini. Bald verdichten sich jedoch die Anzeichen, dass irgendetwas mit dem Projekt nicht stimmt. Bei seiner Suche nach Antworten kann John Flender niemandem vertrauen: Weder Anna, die ein dunkles Geheimnis vor ihm verbirgt, noch dem mysteriösen Auftraggeber, dessen wahre Absichten sich erst nach und nach offenbaren ...

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ISBN: 978-9963-53-798-3

Seiten: 324

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Paul Weiler

Paul Weiler
Paul Weiler, geboren 1964 im westfälischen Münster, absolvierte nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einer Non-Profit-Organisation. Hier veröffentlichte er bereits zahlreiche Texte für Magazine und Zeitungen. Anschließend studierte er Betriebswirtschaftslehre und publizierte zwei Sachbücher. Die folgende Rushhour des Lebens - Weiler ist Familienvater zweier Kinder, Geschäftsführer eines bundesweit tätigen IT-Dienstleisters und  gelegentlich als Saxophonist einer Funk-Band unterwegs - ließ ihm kaum Zeit für anderes. Erst in den letzten Jahren hat er seine Leidenschaft für das Schreiben wiederentdeckt.

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Prolog
Kloster Sacro Cuore, Provinz Lodi, Norditalien, fünf Jahre zuvor

Marco spürte kaum, wie sich die Rostsplitter des vom Lauf der Jahrzehnte verwitterten Fenstergitters in seine Handflächen bohrten. Er umklammerte die rauen Eisenstäbe wie ein Ertrinkender eine rettende Schiffsplanke und starrte auf den weitläufigen Klosterhof, der sich unterhalb seines Fensters erstreckte. Ungläubig erfasste sein Blick die ankommenden Fahrzeuge, die mit ihren Scheinwerfern das Dunkel der Nacht zerrissen und das Gelände wie ein Stadion unter Flutlicht erhellten.
   Dann sah er die Schatten. Einem Heer schwarz vermummter Kundschafter gleich eilten die im Scheinwerferlicht geborenen Silhouetten der aus den Wagen stürmenden Männer und Frauen ihren Besitzern voraus und schwärmten in Richtung des Klostergebäudes.
   Marcos Herz begann zu rasen. Taumelnd stieg er von der Holztruhe, die er unter das Fenster seiner Zelle geschoben hatte, und trat an die schwere Holztür. Sein ganzer Körper zitterte vor Erwartung, und sein gesamtes Denken war mit einem Mal beseelt von einem Gefühl, dass er längst aus seinem Kopf verbannt hatte, so, wie er selbst seit Tagen aus dem Leben verbannt war: Hoffnung.
   Sie waren tatsächlich noch rechtzeitig gekommen, um ihn zu befreien.
   Marco ließ sich mit einem erleichterten Seufzer gegen die Zellentür fallen. Er atmete tief durch und versuchte, seine aufgewühlten Gedanken zu sortieren. Was ihm auch gelang, aber in diesem Moment wich die Hoffnung so abrupt wie die Luft aus einem geöffneten Druckventil.
   Was geht hier eigentlich vor?
   Das da draußen waren mit Sicherheit keine Polizisten. Auch eine Spezialeinheit des Militärs würde sich nicht so verhalten. Bei nüchterner Betrachtung gab es eigentlich nur eine logische Erklärung für das befremdliche Schauspiel. Unter seinem Fenster tobte ein wütender Mob, bewaffnet mit Schlagstöcken und Baseballschlägern, wie er an den Umrissen der Schatten zu erkennen glaubte. Irgendetwas schien den Zorn der Massen auf dieses Kloster zu ziehen. Marco ahnte, nein, er befürchtete zu wissen, was diese Leute antrieb. Und wenn dem so war, so spekulierte er weiter, würde sich ihr Hass und ihre blinde Zerstörungswut vermutlich gegen alles richten, was sie in dem Kloster finden würden – ihn eingeschlossen. Die waren glatt imstande, ihn kaltblütig zu lynchen, noch bevor er irgendetwas erklären konnte.
   Keine gute Perspektive.
   Andererseits – wenn er hier nicht bald rauskam, war er sowieso so gut wie tot. Als Medizinstudent im achten Semester wusste er nur zu gut, welches Schicksal ihn in den nächsten vierundzwanzig Stunden erwartete: Die Exsikkose, das langsame Austrocknen des Körpers aufgrund von Flüssigkeitsmangel, hatte sich bereits deutlich bemerkbar gemacht. Der seit gestern permanent andauernde Schwindel trieb ihn fast in den Wahnsinn, und jede Bewegung seiner Arme und Beine fühlte sich an, als steckte er in einem bleibeschwerten Taucheranzug. Nur dass dieses Blei nicht an einem Gürtel außerhalb seiner selbst, sondern tief in ihm drin in jeder einzelnen Muskelzelle seines Körpers lagerte. Auch fiel es ihm zunehmend schwerer, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Schon bald würden seine Nieren versagen, und dann würde er unweigerlich von innen heraus vergiften. Das Gift würde Gehirn, Muskelgewebe und Nervenzellen befallen, und kurze Zeit später würde er apathisch werden und ins Koma fallen. Das wäre sein sicheres Ende. Ein gespaltener Schädel durch einen Baseballschläger war da noch die deutlich schnellere und schmerzfreiere Alternative.
   Ihm blieb keine Wahl. Er hämmerte gegen die verschlossene Zellentür. »Hilfe! Holt mich hier raus!«
   Er wartete ein paar Sekunden und lauschte. Nichts tat sich. Seine Zelle lag im Obergeschoss des Klosters, fast am Ende eines langen Ganges mit identischen Türen, die in lauter karge, schuhkartongroße Räume wie dem seinen führten. Noch hatte die Menge nicht den Weg zu ihm heraufgefunden.
   Marco setzte erneut zu einem verzweifelten Hilferuf an, aber seine Stimme schlug unvermittelt in ein heiseres, kraftloses Krächzen um. Zu oft schon hatte er in den letzten Tagen gegen seine Gefangenschaft angeschrien in der Hoffnung, ihn würde jemand hören. Seine Stimmbänder waren restlos am Ende.
   Er lauschte weiter an der Tür. In der Ferne vernahm er das Splittern von Glas und die Geräusche von berstendem Holz. Stampfende Laufgeräusche wie bei einem unvermittelten Appell auf einem Kasernenhof drangen zu ihm herauf. Endlich näherten sich die Schritte. Eine Zelle nach der anderen auf seinem Gang wurde aufgestoßen. Marco konnte hören, wie die schweren Holztüren gegen die eng stehenden Wände schlugen.
   Dann kam seine Tür an die Reihe. Die Klinke wurde heruntergedrückt, doch dieses Mal folgte kein Anschlagen der Tür an die Innenwand. Seine Tür war die einzig verschlossene auf diesem Gang. Für einen Moment herrschte Stille, dann folgte eine lautstarke Erschütterung im Türrahmen, unmittelbar gefolgt von einem Fluchen – offenbar hatte sich jemand mit der Schulter gegen die Tür geworfen. Als Nächstes setzte eine Abfolge von Stößen ein, die Marco als kräftige Fußtritte interpretierte. Holz splitterte, es knirschte und knarrte. Er verkroch sich in die hinterste Ecke seiner Zelle.
   Schließlich flog die Tür mit einem Schwung auf. Im Türrahmen erschienen drei Männer, muskelbepackt wie Bergarbeiter und mit schweißdurchtränkten Hemden. Einer hielt einen Schlagstock in der Hand, ein anderer hatte ein Messer gezogen. Aus ihren Augen sprach wütende Erregung, in die sich bei seinem Anblick eine verstohlene Unsicherheit mischte.
   »Was zum Teufel …«
   »Bitte!« Marco hob abwehrend die Arme. Er konnte nur hoffen, dass die drei ihn nicht auf der Stelle niedermachten.
   Die Männer scannten ihn mit irritierten Blicken. Er hatte seit Tagen nicht mehr in den Spiegel geschaut, er konnte daher nur ahnen, was sie sahen: Einen ausgemergelten Körper, der aufgrund des Flüssigkeitsmangels von einer fahlen und eingefallenen Haut umspannt war. Seine Haare und der ungepflegte Bart mussten verfilzt sein wie ein alter Wollpullover. Er lebte und schlief seit Tagen in den gleichen Klamotten, einer alten Jeans und einem T-Shirt, so steif vor Schweiß und Dreck, dass man sie als Skulptur in die Ecke hätte stellen können. Vermutlich roch er auch nicht besonders gut.
   Die Dreiergruppe stand noch immer sprachlos vor seiner Zelle. Was immer sie hier suchten, offenbar hatten sie mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit so einem Fund. Sie schienen unschlüssig, was sie tun sollten.
   Vom Treppenaufgang her strömten weitere Leute nach, vorwärtstreibend wie eine Lawine, die alles unter sich zu begraben drohte. Noch bevor die drei Männer ihre Münder wieder schließen oder etwas tun konnten, wurden sie mitgerissen, weg von Marcos Tür. Andere Körper drängten nach, Hände griffen nach dem lädierten Türrahmen, um den Schwung des nachrückenden Schwarms abzufangen. Eine Frau mittleren Alters rettete sich in seine Zelle, sichtlich erleichtert, dem Strom entkommen zu sein.
   Marco drehte sich blitzschnell von ihr weg und bückte sich, als suchte er irgendetwas unter dem Bett. Die Frau betrachtete ihn kurz, um sich dann in einer aufbrechenden Lücke des Flurgedrängels wieder mit dem Schwarm zu vereinen. Marco sprang auf und folgte ihr.
   Es funktionierte. Niemand beachtete ihn weiter. Er war zu einem der ihren geworden, ein Teil des vorwärtsdrängenden Mobs, in dem niemand einen Namen oder ein Gesicht hatte und alle einem unsichtbaren Plan folgten. Der Strom führte ihn bis an das Ende des langen Flures und dann eine Treppe hinunter in das Erdgeschoss. Marco erspähte einen Seitenausgang und quetschte sich durch die Tür.
   Vor ihm erstreckte sich das weitläufige Hofgelände des alten Klosters. Er sog die frische Nachtluft ein wie ein Bergarbeiter nach Stunden unter Tage. Regungslos stand er für eine Weile da, noch unfähig, seine wiedergewonnene Freiheit zu begreifen.
   Bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, was er als Nächstes tun sollte, strömten weitere Menschen aus dem Seitenausgang und stießen ihn unsanft mit ihren Ellbogen aus dem Weg. Sie schleppten schwere Kisten oder hatten vollgestopfte Rucksäcke geschultert und rannten wie panisch in Richtung der wartenden Fahrzeuge. Immer mehr Menschen stürmten aus allen Richtungen mit wildem Sturmgeschrei auf den Hof, teils mit einer Beute beladen, teils mit leeren, zu Fäusten geballten Händen. Die leer ausgegangenen Plünderer schrien und fluchten und machten Jagd auf jeden, der etwas in den Händen hielt. Überall entstanden Handgemenge, Gegenstände fielen scheppernd zu Boden, Fauststöße und Fußtritte prasselten auf Körper nieder.
   Marco sah jetzt klar vor sich, was zu tun war: Er musste hier schnellstmöglich weg. Egal, wohin. Hauptsache weg.
   Mit wackligen Schritten lief er in einem weiten Bogen um die in Schlägereien verwickelten Gruppen in Richtung des Scheinwerfermeers, wo eine Batterie von parkenden Autos und Motorrädern auf ihre Besitzer warteten. Er spähte durch die Fensterscheiben der Wagen. Die Leute hatten es eilig gehabt, viele Schlüssel steckten. Er entschied sich für einen roten Fiat Uno, der nicht von nachfolgenden Autos zugeparkt war.
   Marco drehte den Zündschlüssel und legte den Rückwärtsgang ein. Langsam wendete er den Wagen und fuhr durch die Toreinfahrt des Klosterhofes hinaus auf die Landstraße. Dann drückte er das Gaspedal durch.

Polizeistation der Gemeinde Lodi, unweit des Klosters Sacro Cuore

Hätte ihm einmal jemand prophezeit, dass er die beste Nacht seines Lebens auf einer Polizeistation verbringen würde, hätte Marco ihn für verrückt erklärt. Aber es war tatsächlich so. An diesem Morgen des 26. Juni fühlte er sich wie neu geboren. Der nervtötende Schwindel war fort, und seine Zunge klebte nicht mehr an seinem Gaumen, als wäre sie dort für alle Zeiten festgetackert. Auch das brennende Hungergefühl, das sich fast unmittelbar nach dem hastigen Stillen seines Durstes eingestellt hatte, war verschwunden. Stattdessen verspürte er einen angenehmen Appetit.
   Er sprang aus dem Bett und zog sich an. Der Raum, in dem er sich befand, wies neben einem Bett und einem Tisch mit einem klapprigen Stuhl auch eine kleine Sanitärecke auf. Er erledigte seine Morgentoilette und betrachtete sich im Spiegel. Das Gesicht, das ihm entgegenblickte, gefiel ihm zwar nicht besonders, war aber um Meilen besser als seine ausgemergelte Visage von gestern Abend. Die Haut hatte wieder etwas Farbe. Seine Augen leuchteten halbwegs ansehnlich in dem gewohnten Blau, das seine Mutter immer als Nachthimmelblau beschrieben hatte. Die Partie um Kinn, Mund und Wangen wies zwar ein paar unschöne Kratzer auf – er war schon immer ungeübt darin gewesen, sich nass zu rasieren –, aber das Ergebnis gefiel ihm immer noch um Längen besser als der ungepflegte Bart, mit dem er hier angekommen war.
   Er nickte seinem Spiegelbild wohlwollend zu. »Du hast verdammtes Glück gehabt. Das weißt du, oder?«
   Sein Spiegelbild nickte flüchtig zurück, hob den Blick an die Decke und versank in den Erinnerungen des gestrigen Abends. Er sah sich, wie er nach seiner Flucht aus dem Kloster ziellos über unbekannte Landstraßen und durch fremde Ortschaften gerauscht war. Eine halb volle Wasserflasche, eingeklemmt zwischen Fahrer- und Beifahrersitz des gestohlenen Wagens, war ihm wie ein Geschenk Gottes vorgekommen – genauso wie das Hinweisschild mit der Aufschrift »Polizia«, das irgendwann im Lichtkegel seiner Scheinwerfer aufgetaucht war.
   Nachdem er den Wachposten der Polizeistation davon überzeugen konnte, kein Obdachloser auf der Suche nach einem kostenlosen Bett für die Nacht zu sein – ein Verdacht, der sich aufgrund seines äußerlichen Zustandes nur schwer ausräumen ließ –, hatte man ihn in ein geräumiges Büro geführt. Die dortige mehrstündige Unterredung mit dem diensthabenden Offizier war ein einziger, lang ersehnter Befreiungsschlag gewesen. Mit jedem Satz seines Berichtes hatte er sich vorgestellt, wie in wenigen Stunden sämtliche Kräfte der Polizeistation ausscheren und diesen skrupellosen Menschen verhaften würden, dem er seine Gefangenschaft in der Klosterzelle zu verdanken hatte. Und er hatte dem Inspektor von seinem Verdacht erzählt, dass die Meute in dem Kloster vermutlich ebenfalls hinter diesem Mann her gewesen war, und wie er gezittert hatte, für seinen Komplizen gehalten zu werden.
   Die nächste Station des Abends bildeten die Waschräume im Kellergeschoss. Jemand reichte ihm Seife, Rasierzeug, Zahnbürste und ein Handtuch. Selbst frische Wäsche und ein Hemd in ungefähr seiner Größe wurden von irgendwoher aufgetrieben. Dann hatten sie ihn in den Trakt mit den Zellen für die Untersuchungshäftlinge geführt. Marco erinnerte sich, wie er angesichts der Aussicht auf eine erneute Unterbringung in einer geschlossenen Zelle lautstark protestiert hatte, aber schließlich hatte er sich dem Argument beugen müssen, dass es in einer Polizeiwache kaum andere Möglichkeiten gab, Gäste unterzubringen.
   Das Letzte, woran er sich erinnerte – und diese Sequenz hatte eine Furche des Erinnerns so breit wie eine Autobahn in sein Gehirn gepflügt – war, als der Wachmann noch einmal zurückgekommen war und ihm etwas zu essen gebracht hatte. Obwohl, das traf es nicht. Es war nicht einfach etwas zu essen gewesen. Es war das beste Essen, das er jemals gegessen hatte. Nach drei Tagen ohne Nahrung hatte er alles gierig in sich hineingeschlungen, und obwohl er seinem Gaumen kaum eine Sekunde Zeit ließ, um zu registrieren, was er eigentlich hinunterschluckte, entfachte es ein Feuerwerk von ungekannten Glücksempfindungen in jeder Zelle seines Körpers, als gäbe es keine zwischengeschaltete Verdauung. Irgendwann danach war er ohne eine weitere Schrecksekunde in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen.
   Marco blickte wieder in sein Spiegelbild und beantwortete die gestellte Ausgangsfrage: Ja, er hatte verdammtes Glück gehabt. Er war dem sicher geglaubten Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, und hatte es geschafft, sich in einen sicheren Hafen zu retten.
   Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Schwergängige Verschlüsse an seiner Zellentür wurden geöffnet, und ein Wachmann mit einem Frühstückstablett trat ein. Marco glaubte nicht, das Gesicht des Mannes gestern Abend schon gesehen zu haben. Der Beamte war um die fünfzig und leicht untersetzt. Tiefe Falten durchzogen seine Stirn und die Mundwinkel. Seine Gesten wirkten schwerfällig, aber nicht kraftlos. Er stellte das Tablet auf den Tisch und trat einen Schritt zurück.
   Marco nickte dem Wachmann freundlich zu. »Vielen Dank.«
   Der Mann sagte nichts, aber er ging auch nicht.
   Wortlos starrte Marco auf den kahlen Fußboden. Zwar hatte er prinzipiell nach den Tagen der Einsamkeit in seiner Klosterzelle nichts gegen eine kleine Unterhaltung einzuwenden, andererseits aber verströmten der Kaffee und die frischen Brötchen auf dem Frühstückstablett einen solch unwiderstehlichen Duft, dass er am liebsten sofort darüber hergefallen wäre. Er verspürte daher überhaupt keine Lust auf einen Small Talk.
   »Stimmt es, dass Sie ein Arzt aus dem Kloster sind?«
   Marco sah erstaunt auf. »Äh … nein, nicht ganz. Ich bin Medizinstudent aus Mailand und habe dort nur ein Semesterpraktikum absolviert.«
   »Ein Praktikant?« Der Wachmann fixierte ihn argwöhnisch. »Aber Sie haben Zugang zu diesen Wundermitteln, oder?«
   »Wundermittel?«
   »Tun Sie nicht so scheinheilig. Jeder in der Gegend weiß, dass in dem Kloster selbst unheilbare Krankheiten geheilt werden.«
   Marco starrte den Mann verständnislos an. »Wovon reden Sie?« Ihm fiel auf, dass die Hände des Mannes zitterten. Er umklammerte sie wie zwei ineinander verkeilte Schraubstöcke, was die Sache nur schlimmer machte, weil sich dadurch das Zittern auf seine Arme bis hinauf zu den Schultern übertrug.
   »Meine Frau verliert mit jedem Tag einen Teil ihrer selbst. Alzheimer. Viel zu früh, sagen die Ärzte. Sie ist gerade einmal zweiundfünfzig. Vielleicht noch zwei, drei Monate, höchstens bis zum Herbst, dann wird sie permanent auf Hilfe angewiesen sein.« Der Mann hielt kurz inne, als würde er für einen Moment den Ernst seiner Situation überdenken. »Das Wundermittel von Sankt Santos ist ihre einzige Rettung.« Seine Stimme hatte einen kämpferischen Unterton angenommen.
   »Sankt Santos?« Marco starrte den Wachmann fassungslos an. »Meinen Sie etwa Dr. Emanuel Santos, den leitenden Arzt der Klosterstation?«
   »Sankt Santos, der heilige Spanier. Was weiß ich, wie Sie ihn nennen.«
   »Und ich habe keine Ahnung, wovon Sie eigentlich reden«, erwiderte Marco scharf. Der Mann machte ihm langsam Angst, aber gleichzeitig spürte er eine unbändige Wut darüber in sich heraufziehen, dass jemand diesen Teufel von Santos auch noch als Heiligen bezeichnete.
   Sind die Leute hier in der Gegend eigentlich alle verrückt? Erst diese fanatischen Irren aus dem Kloster, und jetzt auch noch dieser offensichtlich völlig durchgeknallte Wachmann.
   »Hören Sie, es gibt kein Wundermittel. Und wenn Sie glauben, Dr. Santos habe in dem Kloster nur Gutes vollbracht, dann irren Sie. Ich habe aus nächster Nähe miterleben müssen, was er dort wirklich treibt. Ihr sogenannter Heiliger ist nichts als ein Betrüger. Er hätte mich fast umgebracht, und Sie sind einem großen Irrtum aufgesessen, wenn …«
   »Ein Irrtum also«, unterbrach ihn der Wachmann. »Und Sie wissen von nichts.« Ein Schleier der Verzweiflung legte sich über das Gesicht des Mannes. Er senkte den Kopf und löste die Umklammerung seiner immer noch zitternden Hände.
   Marco glaubte zu spüren, wie plötzlich eine Eiseskälte jeden Winkel der Zelle erfüllte, als hätte jemand die Tür zu einem angrenzenden Tiefkühlraum aufgestoßen. Als der Wachmann seinen Blick wieder erhob, stand blanke Wut in seinen Augen.
   »Sie verdammter Scheißkerl!« Der Wachmann stürmte mit erhoben Fäusten auf ihn zu.
   Schläge prasselten auf ihn ein. Marco hob schützend die Arme vor den Kopf. Mehrere Fauststöße bohrten sich mit der Kraft eines Presslufthammers in seine Magengrube und auf seine Rippen. Er sackte zusammen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Wachmann seinen Schlagstock aus der Gürtelhalterung zog.
   Das Nächste, was er sah, war nur noch Schwärze.

Polizeistation der Gemeinde Lodi, Büro des Oberstleutnants

»Ein Wunder, dass Sie das überlebt haben.«
   Die Worte erreichten Marco wie durch einen dichten Nebel. Sein Schädel brummte wie ein alter Treckermotor. Ihm war speiübel. Sein Mageninneres brannte, als hätte ihm jemand einen Schluck Brennspiritus verpasst und dann in ihm angezündet. Vorsichtig öffnete er die Augen. Es dauerte eine Weile, bis es ihm gelang, den Blick scharf zu stellen.
   Er erkannte den Inspektor von gestern Abend, der mit trübsinniger Miene auf ihn herabblickte. Der Offizier stand etwa zwei Meter entfernt hinter einem niedrigen Ledersessel, die Hände fest auf die Rückenlehne gepresst, als drohte die Gefahr der Flucht des Möbelstückes.
   Marco lag auf einem Sofa – zumindest registrierte sein Gleichgewichtssinn eine horizontale Position, und im Nacken spürte er die Kühle einer glatten Lederoberfläche.
   »Es tut mir aufrichtig leid, was da passiert ist.« Der Blick des Polizeibeamten glitt über ihn hinweg, fast, als gälte sein Bedauern irgendetwas anderem in weiter Ferne. »Der Mann, der Sie niedergeschlagen hat, wurde umgehend festgenommen. Sie können von Glück reden, dass ein Kollege den Überwachungsmonitor Ihrer Zelle fest im Blick hatte, sodass er schnell eingreifen konnten.«
   Marco versuchte, sich aufzurichten, aber eine Hand an seiner Schulter drückte ihn sanft, aber bestimmend, zurück in die Waagerechte. Erst jetzt bemerkte er die zweite Person, die hinter ihm stand. Er drehte den Kopf und blickte in die Augen einer attraktiven Frau um die dreißig.
   Sie trug einen weißen Kittel und sah ausdruckslos auf ihn herab. »Es dauert nur noch einen Moment«, sagte sie und zog eine Spritze auf.
   Bevor er reagieren konnte, spürte er auch den Einstich einer Nadel in seiner Schulter. Er verzog schmerzvoll das Gesicht.
   »So, fertig. Bleiben Sie noch einen Moment liegen.«
   Marco spürte, wie sich von der Einstichstelle aus in Sekundenschnelle eine Hitzewelle in seinem Körper ausbreitete. Die Flüssigkeit zog wie ein Strom brennender Lava durch seine Adern. Es tat höllisch weh. Er bekam Panik. Sein Herz begann wild zu rasen, und sein Körper krampfte sich zusammen.
   Der Inspektor trat zu ihm ans Sofa und packte seine Arme, während die Frau in dem weißen Kittel ihm den Oberkörper fest auf das Sofa drückte.
   »Es war nicht gut, dass Sie in dem Kloster so neugierig waren«, hörte er den Inspektor sagen. »Vor allem aber hätten Sie wirklich nicht darüber reden sollen.«
   Marco trat verzweifelt um sich und versuchte, sich aus der Umklammerung seiner Arme zu befreien, aber der Inspektor verstärkte seinen Griff und hielt ihn gemeinsam mit der vermeintlichen Ärztin mit aller Macht auf dem Sofa.
   Sekunden später spürte er die Ohnmacht wie einen schweren schwarzen Vorhang auf sich herunterfallen. Er registrierte noch, wie sein Herz immer langsamer schlug. Während er sich tief in seinem Inneren darüber bewusst wurde, dass er starb, kreisten seine Gedanken wie ein versiegender Strudel immer wieder um den gleichen absurden Satz: Sankt Santos, der heilige Spanier. Sankt Santos, der heilige Spanier. Sankt Santos, …

Eins



1.
Saarbrücken, Deutschland, heute

Die Frau betrat das Café, als wäre es eine eigens für sie hergerichtete Bühne, auf der es mit jedem einzelnen ihrer Schritte zu überzeugen galt. Was ihr auch mühelos gelang. John war nicht der einzige Gast, der verstohlen ihren Aufmarsch entlang der langen Theke des Gastraums verfolgte. Obwohl schon Anfang Oktober, hatte der Tag Temperaturen von über zwanzig Grad gesehen, und sie trug dieses sommerliche Flair in Form eines zitronengelben Kleids in das Lokal. Am Ende der Theke hielt sie für einen Moment inne und steuerte dann auf den freien Tisch neben John im hinteren Teil des Cafés zu.
   John gelang es gerade noch rechtzeitig, seinen Blick loszureißen. Er konzentrierte sich wieder auf die vor ihm liegende Ausgabe der Science, seiner üblichen Feierabendlektüre. Er blätterte durch die Zeitschrift und blieb bei einem Artikel über die in Grönland lebenden Inuit hängen. Dem Abstract zufolge hatten Forscher bei dieser Volksgruppe veränderte Genome entdeckt, die im Erbgut anderer Menschen fehlten und die die Inuit vor den schädlichen Folgen ihrer traditionell fettreichen Ernährung bestehend aus Robben, Walrossen und Fischen schützten. John wollte sich gerade in die Details der betroffenen Gensequenzen vertiefen, als ihn eine Stimme aus seinem Lesefluss riss.
   »Herr Flender? Mein Name ist Anna Cortini. Ich freue mich, Sie endlich kennenzulernen.«
   John sah verdutzt auf. Die Frau in dem gelben Kleid hatte nicht wie vermutet den Nebentisch angesteuert, sondern stand direkt vor ihm und streckte ihm ihre sonnengebräunte Hand entgegen.
   Woher kennt sie meinen Namen? John war sich ziemlich sicher, ihr noch nie begegnet zu sein. Auch der Name Anna Cortini sagte ihm nichts. Und noch etwas war eigenartig: Hatte sie nicht »Ich freue mich, sie endlich kennenzulernen« gesagt? Das klang fast, als würden sie seit Monaten in einem Chat in Kontakt stehen und hätten sich heute zu einem ersten Treffen verabredet. Aber er war in keinem Chat aktiv.
   Verwirrt ergriff er die dargebotene Hand und starrte sie wortlos an.
   »Darf ich?« Anna Cortini setzte sich, ohne auf eine Antwort zu warten. »Ich würde Sie gern einladen.« Sie deutete auf Johns leeres Glas.
   Er war noch immer viel zu perplex, um irgendetwas Sinnvolles von sich zu geben. Noch nie hatte sich eine fremde Frau einfach zu ihm an den Tisch gesetzt und ihn auf einen Drink eingeladen – erst recht keine, die auch nur annähernd die Attraktivität von Anna Cortini besaß. Sie musste in seinem Alter sein, um die fünfunddreißig, schätzte er. Abgesehen von der auffälligen Farbe ihres Kleides war ihr ganzes Erscheinungsbild eher auf zurückhaltende Eleganz ausgelegt. Sie trug keinerlei Schmuck und war nur dezent geschminkt. Ihr Lächeln wirkte offen und vertrauenerweckend, und sie präsentierte die ersten Falten um Augen und Mund mit dem erhabenen Stolz südländischer Frauen.
   Ihm war klar, dass er endlich etwas sagen sollte, sonst würde Anna Cortini ihn noch für total bescheuert halten. »Hat meine Exfrau Sie auf mich angesetzt?«
   Sie schaute verdutzt, aber nur für eine Schrecksekunde. Dann unterdrückte sie mühsam einen Lachanfall.
   John hätte sich treten können. Du verdammter Vollidiot! Kannst du nicht wenigstens einmal normal mit einer Frau reden, ohne gleich wieder über den gesammelten Dreck deiner Vergangenheit zu stolpern?
   »Keine Sorge«, sagte Anna Cortini, immer noch sichtlich belustigt, »mein Interesse an Ihnen gilt ausschließlich dem beruflichen Bereich.«
   Erstaunt sah John auf. Natürlich! Er hätte es wissen müssen: Sie war eine Headhunterin. Eine dieser Personalberaterinnen, die gezielt Mitarbeiter von Firmen abwarben und bei Erfolg mehrere Monatsgehälter als Prämie kassierten.
   John hatte schon öfter Gespräche mit Headhuntern geführt, bisher allerdings nur am Telefon. Persönlich in seinem Stammcafé aufgelauert zu werden, das war eine völlig neue Erfahrung. Und es erklärte natürlich, woher Sie seinen Namen kannte. Vermutlich schlummerte in ihrer Handtasche eine dicke Akte mit allen beruflichen und persönlichen Details, die ihr Auftraggeber über ihn hatte ergattern können – angefangen von seiner Geburtsurkunde bis hin zur Farbe seiner Unterwäsche.
   »Ich denke nicht, dass ich ein Interesse habe – was immer Sie mir auch anbieten wollen«, entgegnete John nüchtern.
   »Betrifft das auch die Einladung?« Sie deutete erneut auf sein leeres Glas.
   Er überlegte. Was hatte er schon groß zu verlieren? Ein Gespräch mit dieser Frau würde zumindest unterhaltsamer werden als ein Artikel über die Gensequenzen der grönländischen Inuit. »Na schön. Aber ich warne Sie: Sie werden die Kosten als Fehlinvestition verbuchen müssen.«
   Anna Cortini nickte zufrieden und winkte dem Kellner. Sie bestellte für sich einen Rotwein und ein Mineralwasser, John nahm noch ein Bier. Kaum war der Kellner mit der Bestellung verschwunden, versenkte sie ihren Oberkörper unter der Tischkante und begann umständlich in ihrer Handtasche zu kramen. John war sich sicher, dass nach ihrem Auftauchen die vermutete Akte mit seinen gesammelten persönlichen Daten zum Vorschein kommen würde, aber stattdessen reichte sie ihm ein in Klarsichtfolie verschweißtes Buch. »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht. Ein Geschenk meines Auftraggebers«.
   John fragte sich, wie man so lange brauchen konnte, um ein Buch in einer Handtasche zu finden, aber er hütete sich, das Rätsel anzusprechen. Stattdessen las er den Titel: The Soul of a New Machine. Darunter war eine gelbe Strichzeichnung abgebildet, die einen Menschen mit abgespreizten Armen und Beinen in einem Kreis zeigte. John kannte das Bild und seine Bedeutung. Es war die weltberühmte Proportionenstudie von Leonardo da Vinci. Der vitruvianische Mensch. Die von da Vinci dargestellten idealisierten Verhältnisse der Körperteile standen als Symbol für den Einklang des Menschen mit der Natur und den Grundsätzen des Universums. Er runzelte die Stirn. »Sie haben wohl Ihre Hausaufgaben nicht richtig gemacht. Ich bin kein Ingenieur.«
   »Der Titel täuscht«, sagte Anna Cortini. »In dem Buch geht es nicht um Maschinen, sondern vorrangig um Menschen wie Sie – um Menschen mit der richtigen Seele.«
   John lachte auf. »Woher wollen Sie etwas über meine Seele wissen?«
   »Vielleicht mehr, als sie ahnen«, entgegnete sie trocken. »Das Buch ist ein Tatsachenbericht aus den Siebzigern. Es handelt vom Wettlauf zweier führender Computerfirmen um einen neuen Hochleistungschip. Und von den Menschen, die sich für diese Sache eingesetzt haben. Menschen mit Einsatzbereitschaft. Menschen mit Leidenschaft und Mut zu neuen Lösungswegen. Außergewöhnliche Menschen, die bereit sind, sich einem Ziel voll und ganz hinzugeben.« Anna Cortini hielt kurz inne. »Auch, wenn es vielleicht pathetisch klingt: Wir glauben, dass Sie diese Seele besitzen. Diese Eigenschaft – und natürlich Ihr Fachwissen als einer der führenden Spezialisten auf dem Gebiet der zellulären Alterungsforschung – sind es, an denen wir interessiert sind.«
   »Sie wissen, wo ich derzeit arbeite?« Es war mehr eine rhetorische Frage. Die Erwähnung seines Forschungsschwerpunktes hatte unschwer erkennen lassen, dass diese Frau sehr wohl ihre Hausaufgaben bezüglich seiner beruflichen Position gemacht hatte.
   »Natürlich. Am Institut für Biomedizin der Fraunhofer-Gesellschaft«, antworte Anna Cortini erwartungsgemäß. »Und als Nächstes werden Sie vermutlich fragen, was ich Ihnen schon groß anzubieten habe, wenn man bereits bei einem der weltweit renommiertesten Forschungsinstitute tätig ist. Richtig?«
   »Sie haben es erfasst. Also?«
   »Wie ich schon sagte: Eine Aufgabe, die nicht nur Ihre Arbeitszeit und Ihr Fachwissen, sondern sprichwörtlich alles von Ihnen erfordert.«
   »Machen Sie es nicht so spannend. Was wollen Sie konkret?«
   Sie erzählte von dem Ziel, endlich einen entscheidenden Durchbruch auf dem Gebiet der Alterungsforschung erreichen zu wollen; von dem Plan, ein hocheffizientes Forschungsnetzwerk aufzubauen; von der Notwendigkeit, zwei Jahre lang alle Brücken zu seinem Privatleben abzureißen; von einem Cottage in Südengland, dass sein neuer Arbeitsplatz werden sollte. Und sie erzählte von weiteren Kandidaten, allesamt führende Spezialisten auf dem Gebiet der Biomedizin und Gentechnik, von denen bereits einige erfolgreich angeworben werden konnten.
   »Wenn Sie wissen wollen, was Ihnen bei einer positiven Entscheidung für das Projekt bevorsteht, dann lesen Sie da hinein.« Anna Cortini tippte mit dem Zeigefinger auf das Buch, das John als demonstratives Zeichen seines anfänglichen Desinteresses wieder zu ihr hinübergeschoben hatte. »Der Autor dieses Buches beschreibt sehr anschaulich, wie Spitzenleistung funktioniert: Keine Hierarchien. Keine Vorgaben zu möglichen Lösungswegen. Größtmögliche Unterstützung des Teams und geringstmögliche Ablenkung aus dem privaten Umfeld.« Anna Cortini ließ ein fast mädchenhaftes Lächeln folgen, das John spontan in seinen Bann zog. Er konnte überhaupt nicht anders, als ihr Lächeln zu erwidern, obwohl sein Verstand ein zweifelndes Stirnrunzeln bevorzugt hätte. »Natürlich ist auch ein entsprechender finanzieller Anreiz dabei. Wir reden hier übrigens von einer Million Euro pro Jahr.«
   John fiel die Kinnlade runter. Hatte er richtig gehört? Eine Million Euro? »Wer zum Henker gibt so viel Geld aus?«
   Anna Cortini lächelte erneut, diesmal jedoch mit weniger Überzeugungskraft als zuvor. »Das ist leider die einzige Frage, die ich Ihnen nicht beantworten darf. Mein Auftraggeber – übrigens ein alter Freund von mir – arbeitet für eine Institution, die derzeit nicht in Erscheinung treten möchte. Ich versichere Ihnen aber, dass es sich um ein ehrwürdiges Unternehmen handelt.«
   »Ehrwürdiges Unternehmen!«, spottete John. »Das würde der Schatzmeister der Cosa Nostra wohl auch behaupten.«
   Anna Cortini zögerte. »Ich … ich kann Ihnen leider nicht mehr sagen. Außer, dass Sie die vertragliche Zusicherung erhalten werden, dass im Falle eines Erfolgs alle Präparate und Anwendungen der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung gestellt werden.«
   Entgeistert starrte er Anna Cortini an, die aber nur bestätigend nickte.
   Ihm schwirrte der Kopf. Gedanken an frühere Gespräche mit Headhuntern zogen an ihm vorbei, die wie ein ehernes Gesetz immer den gleichen Regeln gefolgt waren: Je allgemeinnütziger der Auftraggeber, desto niedriger das Gehaltsangebot. Hier lag die Sache völlig anders. »Nicht schlecht, diese Karte, muss ich zugeben. Wer steckt dahinter – die Weltgesundheitsorganisation?«
   »Kein Kommentar.«
   »Eine Stiftung?«
   »Kein Kommentar.«
   »Ach, kommen Sie schon. Oder arbeitet Ihr Freund im Privatauftrag für einen alternden Milliardär, der seinem Schicksal von der Schippe springen will?«
   »Kein Kommentar.«
   John seufzte. Es war offensichtlich, dass er bei dieser Frage nichts aus ihr rausbekommen würde.
   In diesem Moment kämpfte sich der Kellner an ihren Tisch und brachte die bestellten Getränke. John nahm einen großen Schluck Bier und wischte sich nachdenklich den Schaum vom Mund. Dann lenkte er das Gespräch auf einen Aspekt, der ihm mindestens genauso abwegig erschien wie die Vorstellung, für einen anonymen Auftraggeber tätig zu werden. »Sie sprachen von zwei Jahren. Das ist aus Forschungssicht eine verdammt kurze Zeit. Auch wenn es Ihnen vermutlich egal ist: Glauben Sie wirklich, dass ein bahnbrechender Erfolg in diesem Rahmen überhaupt möglich ist?«
   Anna Cortini blickte erstaunt auf. »Wie kommen Sie darauf, dass mir das egal sein sollte?«
   John grinste abfällig. »Tun Sie doch nicht so. Wenn ich angebissen habe, kassieren Sie Ihre Provision, und dann sind Sie raus aus der Geschichte.«
   »Provision? Da haben Sie wohl etwas falsch verstanden.«
   »Sie … sie sind keine Headhunterin?«
   Anna Cortini winkte ab. »Nein, um Himmels willen. Ich sagte doch schon, ich tue das hier für einen persönlichen Freund.« Sie kramte erneut in ihrer Handtasche und reichte ihm eine Visitenkarte.
   John las den Schriftzug:
   
   LOCATIONS & SERVICES
   Anna Cortini
   Mailand – Frankfurt a.M.
   
   »Locations & Services?« Er hatte keine Ahnung, was er mit diesen Begriffen anfangen sollte.
   »Ich arbeite für die Filmindustrie«, setzte sie zu einer Erklärung an. »Sie verstehen schon: Privatwohnungen, Eckkneipen, leer stehende Lagerhallen und so etwas. Unverbrauchte Locations zu finden wird für die Branche immer schwieriger. Meine Agentur vermittelt die passenden Objekte, handelt Verträge aus und organisierte alles, was für einen reibungslosen Dreh vor Ort erforderlich ist.«
   John war völlig perplex. »Für … wie soll ich sagen … für jemanden Fachfremden haben Sie vorhin verdammt gut mit Interna aus dem Forschungsmetier um sich geworfen.«
   »Danke für die Blumen. Ich habe mich natürlich vorbereitet. Wollen Sie trotzdem wissen, wie ich als Laie über die Erfolgsaussichten des Projektes denke?«
   »Sie haben sich vermutlich auch auf diese Frage vorbereitet«, spekulierte John.
   »Richtig. Und damit das nicht umsonst war, sage ich Ihnen jetzt, was ich denke: Ich glaube, dass die biomedizinische Forschung zur Untersuchung der Alterungsprozesse derzeit riesige Fortschritte macht. Soweit ich weiß, ist es bereits gelungen, Stammzellen des blutbildenden Systems so zu verjüngen, dass der Alterungsprozess vollständig rückgängig gemacht werden konnte. Warum also nicht?«
   »Sie meinen vermutlich die Ergebnisse der Forschergruppe 142 der Ulmer Universitätsmedizin und des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center?«, warf er ein. »Ja, das ist gelungen. An Mäusen. Innerhalb eines kleinen Ausschnitts eines komplexen Organismus. Eine unsterbliche Maus als Ganzes konnte aber noch nie präsentiert werden.«
   »Dann sollten Sie das schnellstmöglich ändern. Ich will mir schließlich nicht die ganze Zeit Ihr Gejammer über Misserfolge anhören müssen.«
   »Wie meinen Sie das denn jetzt wieder? Welche ganze Zeit?«
   Anna Cortini wirkte plötzlich verlegen. »Hatte ich vergessen, das zu erwähnen? Jedem Mitglied des Teams wird während der Projektlaufzeit ein persönlicher Betreuer zur Seite gestellt, der sich vor Ort um alle laufenden Belange kümmert. In Ihrem Fall … wäre das ich.«

2.

ie Büros am Institut für Biomedizin der Fraunhofer-Gesellschaft in der Außenstelle Sulzbach, einem Ableger des Mutterinstituts in St. Ingbert nahe Saarbrücken, waren funktional und ästhetisch zugleich – das Ergebnis eines vor Jahren ausgelobten Architekturwettbewerbs. Sämtliche Arbeitsräume, Lagerhallen, Labore und Pausenzonen waren mit bodentiefen Fenster ausgestattet, sodass die Räume an schönen Tagen von Sonnenlicht durchflutet wurden. Verglichen mit Johns früheren Arbeitsplätzen, bei denen es sich meist um Büros von der Größe eines Schuhkartons nahe der Labortrakte im Kellergeschoss gehandelt hatte, war das hier das Paradies auf Erden.
   Im Moment jedoch konnte er sich kaum für die architektonischen Vorzüge seines Arbeitsplatzes begeistern – geschweige, dass er in der Lage gewesen wäre, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Seit über einer Stunde saß er schon an seinem Schreibtisch und starrte gedankenverloren die Wände an. Der Abgabetermin für eine pharmakologische Versuchsplanung saß ihm im Nacken, aber statt sich mit dieser dringenden Aufgabe zu befassen, kreisten seine Gedanken permanent um Anna Cortini und um das Gespräch in dem Café. Drei Tage war das her.
   Verrückt. Einfach verrückt.
   Etwas Besseres fiel ihm dazu immer noch nicht ein. Andererseits musste er sich eingestehen, dass sich einige seiner anfänglichen absoluten No-Gos in Bezug auf das Jobangebot mittlerweile relativiert hatten – zumindest erschienen sie ihm längst nicht mehr so verrückt wie noch vor wenigen Tagen. Da war zum Beispiel die Sache mit dem anonymen Auftraggeber. Eigentlich ein absolutes K.-O.-Kriterium. Aber allein die Tatsache, dass dieser anonyme Auftraggeber Anna Cortini geschickt hatte und nicht, wie zunächst vermutet, eine professionelle Headhunterin, war ihm irgendwie sympathisch. Zwar blieb der anonyme Auftraggeber dadurch weiterhin anonym, aber es war immerhin jemand, der persönliche Freunde und Bekannte ins Rennen schicken konnte, die sich als ganz normale Menschen zu erkennen gaben. Das machte die ganze Sache wieder etwas weniger verrückt.
   Auch die avisierte persönliche Betreuung durch Anna Cortini während der Projektlaufzeit verlieh dem Ganzen irgendwie etwas Familiäres, Vertrauenerweckendes. Außerdem konnte John nicht umhin, sich einzugestehen, dass Anna Cortini ihm sympathisch war. Vielleicht sogar mehr als das. Die Vorstellung, diese attraktive Frau während der nächsten zwei Jahre regelmäßig um sich haben, war ihm alles andere als unangenehm. Wobei ihm durchaus klar war, dass er sich in Bezug auf das Jobangebot von dem Einfluss dieses Gedankens lösen musste. Zwei Jahre außerhalb jeglichen normalen Lebens! Das war eine weitreichende Entscheidung, die sorgsam und nüchtern überlegt werden musste – und nicht verblendet von dem Lächeln einer schönen Frau. Trotzdem fiel es ihm schwer, einen klaren Trennstrich zu ziehen.
   Ein weiterer Punkt, den er anfänglich als erhebliches Hindernis eingestuft hatte, hatte sich mittlerweile ebenfalls in Wohlgefallen aufgelöst. Er würde für den neuen Job bereits Anfang November zur Verfügung stehen müssen. Bis dahin waren es gerade mal noch vier Wochen, und er wollte auf keinen Fall arbeitsrechtliche Probleme mit dem Fraunhofer-Institut riskieren. Sein Lebenslauf war bisher makellos, und das sollte auch so bleiben. Ein Blick in seinen Arbeitsvertrag und auf die Anzahl seiner offenen Resturlaubstage hatte ihm dann aber klargemacht, dass er ohne Vertragsbruch termingerecht ausscheiden konnte, wenn er bis Ende der Woche seine Kündigung einreichte. Also auch hier grünes Licht, obwohl es ihn schmerzen würde, ein paar seiner aktuell laufenden Versuchsreihen nicht weiter begleiten zu können.
   Doch genau dieser Gedanke, die Frage, was er aus forscherischer Sicht würde aufgeben müssen und was er stattdessen hinzugewinnen würde, führte ihn immer wieder zu dem wichtigsten Punkt seiner Überlegungen: die Frage nach den Erfolgsaussichten des Projektes. Ihn beschlich schon seit Längerem das unbestimmte Gefühl, dass er in sämtlichen seiner vergangenen und auch in seinem aktuellen Job immer nur in Trippelschritten vorankam. Das Gleiche galt für die gesamte biomedizinische Forschungsgemeinde. Er fragte sich zum Beispiel, warum im letzten Jahrhundert uralte Krankheiten wie Cholera, Diphtherie, Masern, Röteln, Gelbfieber und Kinderlähmung tatsächlich besiegt werden konnten, während seine Generation immer nur Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten erzielte. Krebs, Aids, Demenz, Alzheimer, Schlaganfälle – stets gab es nur neue Hoffnungen, aber nie wirkliche Durchbrüche. Woran lag das? Warum gab es weltweit nicht eine einzige konzertierte Aktion von Bedeutung, die sich ausschließlich dem einen großen Ziel widmete: dem menschlichen Altern mitsamt seinen vielfältigen negativen Begleiterscheinungen endgültig den Garaus zu machen?
   John hatte keine Antwort auf diese Frage. Aber er hatte in das Buch reingelesen, das Anna Cortini ihm geschenkt hatte. Wie von ihr beschrieben spielte die Geschichte in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, und er hatte in jeder Zeile dieses Tatsachenberichtes den unbändigen Forschergeist der damaligen Zeit herauslesen können. Natürlich arbeiteten auch er und sein Team hart – aber nicht so. Nicht in dieser Intensität. Nicht mit dieser bedingungslosen Konsequenz, die ein Scheitern erst gar nicht als mögliche Option zuließ. Und erst recht arbeitete er nicht in diesem von allen störenden Ablenkungen befreitem Vakuum, das überhaupt erst eine vollständige Hingabe auf ein einziges Thema ermöglichte.
   War es tatsächlich möglich, diesen Geist von damals in die heutige Zeit zu transferieren? Die alternativlose Ausrichtung eines hochkarätigen Projektteams auf ein einziges, großes Ziel? Er hielt es zumindest für möglich. Nach allem, was er von Anna Cortini gehört hatte, war die Absicht zumindest deutlich erkennbar.
   Fragte sich nur, ob er tatsächlich der richtige Kandidat dafür war, so etwas durchzustehen. Wie hatte Anna Cortini sich in dem Café ausgedrückt? »Wir glauben, dass Sie diese Seele besitzen.« Vielleicht stimmte das tatsächlich. Andererseits hatte er sich gerade vorgenommen, sich wieder mehr auf sein Privatleben zu konzentrieren. Hier gab es so viele Baustellen, die dringend mehr Abstand von seinem Job erforderten. Dennoch spürte er, dass sie mit diesem Satz etwas in ihm wachgerüttelt hatte. Er vernahm zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Ansporn, den er längst als verloren geglaubt hatte. Vielleicht lag in diesem Projekt tatsächlich die Lösung für ein Problem verborgen, das ihn schon längst wie eine böswillige Ironie der Geschichte vorkam: Niemals zuvor hatte es so viele Patente im Kampf gegen altersbedingte Krankheiten gegeben wie heute, aber ein Patentrezept gegen das Altern hatte noch niemand.
   John wusste, dass er langsam eine Entscheidung treffen musste. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Kurz entschlossen zog er die Visitenkarte aus seiner Brieftasche hervor, die Anna Cortini ihm im Café überreicht hatte, und wählte die angegebene Nummer.
   »Ja?«
   Er erkannte ihre Stimme sofort. »John Flender hier.«
   »Herr Flender, schön von Ihnen zu hören. Sie haben sich Zeit gelassen.«
   »Wieso Zeit? Hatten Sie ernsthaft angenommen, ich rufe gleich am nächsten Tag an und schreie begeistert Ja?«
   »Hätte ja sein können – bei dem Angebot.«
   »Immer langsam. Mir geht zunächst noch eine entscheidende Frage durch den Kopf: Wieso ich? Es gibt haufenweise andere Experten auf dem Gebiet der Genforschung. Und jetzt kommen Sie mir nicht wieder mit meiner angeblichen Seele.«
   Am anderen Ende der Leitung blieb es für einen Moment still. »Weil Sie bewiesen haben, dass Sie fähig sind, alles zu geben. Vor allem hat meinem Freund Ihre absolute Zielorientierung beeindruckt.«
   »Wie kommt er darauf, dass ich absolut zielorientiert sein könnte?« Johns spielte den Verblüfften, obwohl er bereits ahnte, dass Anna Cortini als Antwort zu einer langen Litanei seiner bisherigen beruflichen Erfolge und Auszeichnungen ausholen würde. Genauso kam es.
   »Nun, Herr Flender … wie viele Kollegen kennen Sie, die wie Sie keinen Doktortitel besitzen? Ich vermute mal keinen einzigen. Die Promotion gehört zum Lebenslauf eines Naturwissenschaftlers einfach dazu, richtig? Sie aber haben bereits die Forschungslabore erstürmt, als Ihre Kollegen noch dachten, ohne Titel niemals eine Eintrittskarte bekommen zu können. Dann haben Sie schnellstmöglich Leitungspositionen übernommen, damit Sie bestimmen konnten, was und wie geforscht wird. Sie haben wie ein Besessener gearbeitet, und das über Jahre hinweg. Wo andere längst aufgeben, suchen Sie nach neuen Wegen und finden sie schließlich auch. Die zahlreichen Veröffentlichungen, Ihr hart erarbeitetes Spezialwissen auf dem Gebiet der Stammzellforschung …«
   »Ihr Freund hat gut recherchiert«, unterbrach John. »Aber das war einmal. Ich bin ruhiger geworden. Ich habe gelernt, dass es noch ein Leben außerhalb der Forschung gibt.«
   »Oh ja? Welches Leben meinen Sie denn?«
   John zuckte zusammen. Volltreffer! Er brauchte nicht lange zu überlegen, um zu erkennen, dass sie recht hatte: Es war ihm noch nie gelungen, ein sogenanntes normales Leben zu führen. Eines, das das magische Dreieck von Beruf, Freizeit und Familie – der heilige Gral der Glücksforschung – halbwegs im Gleichgewicht hielt.
   Wenn er auf die berufliche Seite seines Lebens schaute, konnte er durchaus zufrieden sein. Abitur mit achtzehn, Masterabschluss in Biomedizin an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich mit dreiundzwanzig, Forschungsleiter bei einem Pharmakonzern mit Anfang dreißig. Nicht wenige hielten auch seinen aktuellen Job beim Fraunhofer-Institut für einen absoluten Traum – gut bezahlt, international ausgerichtet, immer nah an den aktuellen Themen.
   Der Blick auf sein Familienleben lieferte dagegen ein eher desaströses Bild. Seine Eltern lebten in Süddeutschland, mehr als sechs Autostunden von Saarbrücken entfernt. Der einzige Bruder war ihm damals in die Schweiz zum Studium gefolgt, dann aber nach Amerika gegangen. Wenn man John fragte, wie er sich mit seiner Familie verstand, pflegte er zu sagen »gut«, doch die Wahrheit sah eher so aus, dass weder Eltern noch Bruder in seinem Alltag irgendeine Rolle spielten. Außer gelegentlichen Telefonaten und einem jährlichen Pflichtbesuch im elterlichen Haus, der mangels ausreichender Themen von gemeinsamem Interesse gewöhnlich in einem Fernsehabend endete, gab es kaum Berührungspunkte.
   Der Versuch, eine eigene Familie aufzubauen, hatte in einem Scherbenhaufen geendet. Seine Exfrau arbeitete damals bei dem gleichen Pharmakonzern, bei dem er als Forschungsleiter tätig war. In einem seltenen Anflug von Zielstrebigkeit außerhalb der Laborräume war es ihm gelungen, sie ins Kino einzuladen. Es folgten weitere Verabredungen, der erste gemeinsame Urlaub, eine überstürzte Hochzeit. Er liebte es, mit ihr – einer studierten Medizinerin – auf Augenhöhe über berufliche Dinge reden zu können und dachte ernsthaft über Kinder nach.
   Aber dann war sie in die Vertriebsabteilung des Konzerns gewechselt. Plötzlich sah er sich mit dem Anspruch konfrontiert, ihre Karriere zu unterstützen und auf allen möglichen Events mit aufzutauchen, die für den Aufbau ihres Beziehungsnetzwerks so unerlässlich waren. John spielte mit, verdrückte sich aber bei diesen Veranstaltungen regelmäßig ins Abseits – Small Talks über Mode, Sport oder das neueste YouTube-Video mit zwei Millionen »Likes« waren einfach nicht sein Ding. Bei einer Poolparty auf Mallorca, einem von der Firma bezahlten exquisiten Happening für Vertriebsleute und Kunden inklusive deren Anhang, traf er seine Frau dann eines Tages ebenfalls im Abseits – unterhalb des nackten Hinterns eines ihrer Geschäftspartner. John verließ Frau wie Pharmakonzern, und seit einem Jahr war die Scheidung durch.
   Für die dritte Seite des magischen Glücksdreiecks, Freizeit und Hobbys, war eigentlich nur zu konstatieren: Fehlanzeige. John fragte sich oft, wieso ihn Aktivitäten und Kontakte außerhalb des Kollegenkreises so nervten. Manchmal dachte er, das müsste an einem Gendefekt liegen. Vielleicht gab es so etwas wie einen mutierten Wächter in seinem Hirn, der alles als uninteressant abstempelte, was nicht mit wissenschaftlicher Forschung zu tun hatte.
   »Gut, Sie haben gewonnen«, kehrte John zu seinem Telefonat zurück. »Ich bin halt ein Forschungsfreak. Wo wir gerade bei dem Thema sind: Wenn ich mich entscheiden würde – nur mal angenommen –, wie frei wäre ich hinsichtlich der Methoden meiner Forschung?«
   »Völlig frei«, antworte Anna Cortini. »Mein Auftrag lautet, Ihnen alles zu besorgen, was Sie brauchen.« Sie schickte einen tiefen Seufzer nach. »Ich kann nur hoffen, dass Sie nicht so ausgefallene Wünsche haben wie manche Filmregisseure. Sie glauben nicht, was die sich alles einfallen lassen.«
   »Keine Sorge, ich bin sehr bescheiden.«
   »Ihr Wort in Gottes Ohr.« Für einen Moment herrschte erneut Stille in der Leitung. »Und, haben Sie sich schon entschieden?«
   »Noch nicht«, log John. »Ich melde mich wieder.«

3.

Wie verabredet lenkte Anna Cortini ihren Wagen um Punkt acht Uhr morgens vor Johns Wohnung in Saarbrücken und hupte dreimal, ohne auszusteigen. Sie fuhr einen feuerroten Audi TT, und bereits bei dem Anblick des schnittigen Sportcoupés ahnte John, was auf ihn zukommen würde. Er hievte seinen Koffer mit ungefähr allem, was er an Klamotten besaß, auf die schmale Rückbank des Wagens und stieg auf der Beifahrerseite ein. Heute, am ersten November und knapp einen Monat nach ihrem ersten Treffen, war sein erster Arbeitstag. In den nächsten Stunden würden sie gemeinsam die Anreise in die Grafschaft East Sussex im Südosten Englands bewältigen. Dort befand sich das Cottage, das seine Arbeitsstätte für die kommenden zwei Jahre werden sollte.
   Tatsächlich beachtete Anna Cortini so gut wie keine Geschwindigkeitsbegrenzung, und eine niedrige Motordrehzahl schien eine Beleidigung für ihre Ohren zu sein. Dennoch vermittelte ihr Fahrstil absolute Souveränität, und John hielt sich mit belehrenden Kommentaren zu angezeigten Tempolimits und Überholverboten zurück. Bereits nach wenigen Minuten Fahrt hatten sie die kleine Gemeinde Freyming-Merlebach im Département Moselle erreicht. Deutschland lag hinter ihnen, rund fünfhundert Kilometer quer durch das nordöstliche Frankreich vor ihnen.
   John fühlte sich aufgewühlt wie zuletzt zu Studentenzeiten. Damals hatte er häufiger Reisen mit unbestimmtem Ziel unternommen, bereit, sich auf unbekannte Gegebenheiten vor Ort einzustellen. Jetzt spürte er wieder diese Mischung aus Entdeckerdrang und jugendlicher Unbeschwertheit, wenn auch gepaart mit einer gehörigen Portion Skepsis, die er dem ganzen Vorhaben noch immer entgegenbrachte. »Halten Sie mal dort.«
   Anna Cortini stoppte den Audi an einem kleinen Rastplatz der Autoroute A4 nach Metz.
   John stieg aus und wählte eine gespeicherte Nummer. »John Flender hier. Ich hätte gern eine Kontoauskunft. Ja, einen Moment.« Er rief eine passwortgeschützte App seines Smartphones zur Speicherung vertraulicher Daten auf und gab Nummer und Telefonbanking-PIN eines neu eröffneten Kontos durch.
   Als er zum Wagen zurückkehrte, lächelte er zufrieden.
   »Alles in Ordnung?« Anna Cortini hatte den Motor bereits wieder gestartet.
   »Ich weiß ja nicht, was Sie so verdienen, aber ein Monatsgehalt von über achtzigtausend Euro ist schon beeindruckend. Der erste Cappuccino heute geht auf mich.«
   »Übernehmen Sie sich mal nicht – Raststätten sind teuer.« Sie grinste breit, wurde dann aber wieder ernst. »Haben Sie ernsthaft gezweifelt, dass das Geld kommt?«
   »Na ja, das Ganze könnte immer noch auf eine Entführung oder so etwas hinauslaufen. Völlig abwegig wäre das schließlich nicht.«
   »Sie lesen zu viele Krimis. Sehe ich aus wie eine Gangsterbraut?«
   »Sie könnten der Lockvogel sein, vielleicht sogar unschuldig hineingezogen. Ihr Freund könnte mit falschen Karten spielen, und Sie wissen es nur nicht.«
   »Soll ich umkehren?«
   Er schüttelte den Kopf und stieg wieder zu ihr in den Wagen.
   Sie setzten die Fahrt fort.
   »Was hat eigentlich den Ausschlag für Ihre Zusage gegeben?«, fragte Anna Cortini nach einer Weile. »Sie müssen nicht antworten, wenn Sie nicht wollen.«
   »Ist schon in Ordnung«, sagte John. Kurz verlor er sich in seinen Gedanken, überlegte, wie viel er von sich preisgeben sollte. »Die Antwort ist eigentlich erschreckend banal. Hauptsächlich war es wohl die Aussicht auf einen Tapetenwechsel in meinem Leben. Ich glaube, ich war schon längst so weit. Mir fehlte nur der berühmte Tritt in den Hintern. Sie haben es am Telefon selbst gesagt – mein Privatleben ist nicht gerade etwas, das man als Highlight bezeichnen könnte. Seit der Trennung von meiner Frau ist es eigentlich gar nicht vorhanden, wenn ich ehrlich bin. Warum also nicht voll und ganz das tun, was mir sowieso am besten liegt?«
   Anna Cortini wurde plötzlich verlegen. »Bitte entschuldigen Sie die Schnüffelei in Ihrem Privatleben. Aber bei der Auswahl der Kandidaten mussten wir sichergehen, dass wir die Richtigen ansprechen.«
   John winkte ab. »Ist schon okay. Bevor man so viel Geld in jemanden investiert, will man natürlich informiert sein. Apropos investieren – vielleicht hätte Ihr Freund mehr in einen guten Anwalt investieren sollen. Der Kerl hat die Rückzahlungsklausel verschlampt!«
   »Keine Rückzahlungsklausel?«
   John merkte an ihrem Tonfall, dass Anna Cortini ehrlich überrascht war.
   »Auch nicht, wenn Sie mittendrin einfach alles hinschmeißen?«
   »Nein, keine Klausel«, bestätigte er. »Ich habe mich erst gar nicht bemüht, die amtlichen Registerauszüge dieser ominösen SolMed Future Società a responsabilità limitata oder so ähnlich einzusehen, in deren Namen der Anwalt aufgetreten ist. Ich bin sicher, dass dies ohnehin nur eine Scheinfirma ist. Vermutlich ist der Briefkasten des Anwalts das einzig greifbare Objekt, das man jemals zu fassen bekäme. Aber wie gesagt, ohne Rückzahlungsklausel und bei regelmäßigen Zahlungseingängen ist das für mich kein Problem.«
   »Das ist mal wieder typisch für …!« Anna Cortini brach abrupt ab. Fast hätte sie einen Namen preisgegeben. »Tun Sie mir einen Gefallen«, sagte sie mit Nachdruck. »Enttäuschen Sie ihn nicht. Er ist ein guter Mensch, vertrauensvoll … vielleicht zu vertrauensvoll.«
   Wieder kam ihm die Frage in den Sinn, die er sich in den letzten Wochen schon oft gestellt hatte: Was verband Anna Cortini eigentlich mit diesem geheimnisvollen Auftraggeber? Welche Art von Freund war das, für den sie so viel Zeit investierte und für dessen Ziele sie sich mit so viel Energie einsetzte? War er ihr Liebhaber? Auszuschließen wäre es nicht. Andererseits passte das nicht zu dem Ausdruck »alter Freund«, den sie ständig bemühte. Aber was auch immer es war – ihre Beziehung musste eine intensive und innige sein.
   John spürte bei diesem Gedanken ein Gefühl der Eifersucht emporsteigen. In seiner Ehe hatte er nie das Gefühl gehabt, dass sich seine Frau den Dingen innig und intensiv verbunden fühlte, die ihm wichtig waren. Sie war stets nur ihren eigenen Zielen hinterhergerannt, und wenn er es nüchtern betrachtete, hatte sie ihn von Anfang an nur als Steigbügelhalter für ihre Karriere benutzt.
   John vertrieb die trüben Erinnerungen. »Keine Angst, ich werde mein Bestes geben. Der Vertrag sichert mir das Recht zu, alle Forschungsergebnisse eigenständig zu verwerten oder zu veröffentlichen, falls im Falle eines Erfolgs nicht wie versprochen die Allgemeinheit kostenlos profitiert. Ihr Freund scheint es in dieser Hinsicht wirklich ernst zu meinen, was ihm vorerst meine volle Loyalität sichert.«
   Inzwischen hatten sie Metz hinter sich gelassen, die nächstgrößere Stadt war Reims. Anna Cortini hatte Johns letzte Äußerung unkommentiert gelassen und gab sich ihren Gedanken hin. John beobachtete sie verstohlen aus den Augenwinkeln. Eine Haarsträhne tanzte wie eine Feder im Herbstwind über die linke Seite ihres Gesichts, bewegte sich im Rhythmus des Straßenverlaufs, der sie abwechselnd nach links und rechts dirigierte. Ihr Mund war geschlossen, die kaum geschminkten Lippen glänzten frisch im trüben Tageslicht. Er entdeckte einen reizenden kleinen Leberfleck am rechten Nasenflügel und noch einen oberhalb der Augenbrauen.
   Lange Tage und Nächte, allein konzentriert auf die Arbeit …
   »Wie wäre es mit dem versprochenen Cappuccino an der nächsten Raststätte?«, zwang sich John aus seinen Gedanken.
   Anna Cortini nickte.

4.

Bei Coquelles nahe Calais nahmen sie einen der Pendelzüge der Eurotunnel-Gesellschaft nach Dover. Mit der Einfahrt in den Tunnel verschwand das Tageslicht und kam auch nach der Ausfahrt auf der britischen Insel nicht wieder zum Vorschein – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt. Kurz vor Ashford verließen sie die Autobahn, schlängelten sich eine Weile über die Landstraßen Südenglands und erreichten das Ortsschild von Hastings am späten Abend. Hier bog Anna Cortini Richtung Norden. John erkannte Hinweisschilder auf einen Ort Namens Battle, aber bevor sie den erreichten, öffnete sich zur Linken ein Waldweg. Sie nahmen die schmale Abzweigung.
   Ein hölzernes Hinweisschild mit der Aufschrift Rosegardenhouse hing verloren am Straßenrand. Das von geschnitzten Rosenranken umschlossene Schild hatte schon bessere Tage gesehen, die Farbe blätterte an vielen Stellen ab. Nach etwa hundert Metern endete der Waldweg vor einer mannshohen Eibenhecke. Der in die Hecke geschnittene Rundbogen zwang mangels ausreichender Breite den Wagen zum Stopp. Hinter dem Grün erkannte John in der Dämmerung das Dach eines schätzungsweise zwanzig Meter breiten Hauses.
   Anna Cortini parkte ihren Audi neben dem Rundbogen. »Da wären wir«, sagte sie müde. Sie hatte alle Angebote zum Fahrerwechsel abgelehnt und war den ganzen Tag durchgefahren.
   John wuchtete seinen Koffer aus dem Wagen und marschierte in Richtung Eingangstür. Anna Cortini folgte ihm. Hinter der Eibenhecke erstreckte sich ein kleiner Vorgarten mit Staudenrabatten, Buchsbaum und anderen Gräsern, die John nicht benennen konnte. Ramblerrosen breiteten sich an der grobsteinigen Hauswand aus. Das Dach des Cottage wirkte wie eine übergroße Pudelmütze, mindestens anderthalb mal so hoch wie die tragenden Mauern des Erdgeschosses.
   »Sehr hübsch«, meinte John.
   »Warten Sie erst einmal, bis wir drinnen sind.« Anna Cortini schob sich an ihm vorbei, hob einen Stein neben der Eingangstür und zog einen Schlüsselbund aus dem Versteck hervor. Dann schloss sie die weiße Holztür auf, legte einen Lichtschalter um und deutete eine Verbeugung an. »Wenn ich bitten darf.«
   »Wow …« Überrascht erfasste John den riesigen Wohnraum, der sich hinter der Eingangstür erstreckte. Die von außen vermutete niedrige Decke des Erdgeschosses gab es nicht, stattdessen reichte der Blick ungehindert fast fünf Meter hoch bis zum Dachfirst. Eine Empore, zu der eine freitragende Wendeltreppe führte, war im hinteren Teil des Raumes angebracht. Die Einrichtung stellte eine gekonnte Mischung aus modernem Design und britischem Landhausstil dar. Plüschige Sessel neben einer filigran geschwungenen Stehlampe aus Edelstahl, ein rustikaler Tisch umringt mit Stuhlklassikern von Arne Jacobsen, massiver Dielenboden, schwere, aber helle Gardinen an den Fenstern und ein riesiger offener Kamin. Die Küche war in den Wohnraum integriert, blumiges Geschirr lehnte an einem aus Stahlschienen gefertigten Bord.
   »Ich glaube, ich lerne Ihre Berufsexpertise bei der Auswahl von Locations gerade zu schätzen. Was ist da hinten?« John deutete auf drei Türen, die links des Raumes abgingen.
   »In der Mitte das Badezimmer und zwei Schlafzimmer. Ihres ist das rechte.« Anna Cortini ergriff ihren Koffer und verschwand im linken Zimmer. Nach etwa einer Viertelstunde, in der sich John weiter mit dem Raum vertraut gemacht hatte, erschien sie umgezogen und sichtlich erfrischt.
   »Ich habe Hunger – wir sollten etwas essen. Wie wäre es, wenn Sie sich einrichten und ich in der Zeit etwas koche? Wenn meine Anweisungen befolgt wurden, sollte der Kühlschrank gut gefüllt sein.«
   John nickte und zog den Koffer in sein Zimmer. Das Bild von Geräumigkeit einerseits und ansprechender Gemütlichkeit andererseits wiederholte sich hier. Eine zweite Tür im Zimmer führte zum gemeinsamen Badezimmer, in dem Anna Cortini außer einem benutzten Handtuch keine weiteren Spuren hinterlassen hatte.
   John zog sich ebenfalls um und schlüpfte in bequeme Sneakers. Als er wieder in den Wohnraum trat, duftete es bereits köstlich nach Kräutern und gebratenem Fleisch.
   Sie saßen noch bis kurz vor Mitternacht zusammen, dann verabschiedete sich jeder in sein Zimmer. John nahm sich vor, sich gleich am nächsten Tag für das Essen zu revanchieren und sie mit seinen durchaus brauchbaren Kochkünsten zu überraschen.
   Zufrieden mit sich und seiner neuen Situation fiel er in einen langen und tiefen Schlaf.
   
   Der nächste Morgen weckte John mit Vogelgezwitscher. Er brauchte etwa eine Minute, um die neue Umgebung einzusortieren, bevor er aufstand. Vorsichtig klopfte er an die Badezimmertür, um eine peinliche Situation zu vermeiden. Als sich nichts rührte, nahm er den Raum in Beschlag, stieg unter die Dusche und machte sich fertig für den Tag.
   Im Wohnraum des Cottage herrschte noch gähnende Leere. Es war bereits nach neun.
   Eine Langschläferin also, dachte John. Er durchsuchte die Küche und fand neben einer Kaffeemaschine auch einen Espressobereiter sowie einen elektrischen Milchaufschäumer. Auf der Suche nach Tassen fiel sein Blick auf einen großen Umschlag auf dem Küchentisch, auf dem eine Notiz mit gut leserlicher Handschrift prangte:
   Guten Morgen, John!
   John! – er erinnerte sich, dass sie sich gestern Abend kurz vor der zweiten Flasche Wein das Du angeboten hatten.
   Ich musste leider früh los. Alles Weitere in dem Umschlag.
   Bis dann
   Anna

5.

Anstelle von Anna nur eine Nachricht über ihre Abreise und einen Umschlag vorzufinden, ärgerte John ziemlich. So hatte er sich seinen ersten Tag in Südengland nicht vorgestellt.
   Aber was zum Teufel hatte er sich eigentlich vorgestellt? Täglich mit Anna frühstücken, nette Ausflüge in die Umgebung und Kinoabende? Und dafür jeden Monat einen Haufen Geld einstreichen?
   Wach auf, John, wach auf!
   Er verbannte Anna so gut es ging aus seinen Gedanken und trank den ersten Cappuccino des Tages. Dann durchsuchte er die Küche nach brauchbaren Zutaten für ein Frühstück. Er wurde mehr als fündig: Eier, Speck, Aufschnitt, Käse, Fleisch – der Kühlschrank quoll förmlich über. In den Vorratsschränken der Küche bot sich ihm das gleiche Bild. Nur frische Brötchen vermisste er. Eine vage Vermutung ließ ihn vor die Haustür treten. Und tatsächlich, unmittelbar vor der Tür fand er eine Tüte frischer Backwaren abgestellt, daneben Milch und eine Tageszeitung. Anna hatte wirklich an alles gedacht.
   John frühstückte ausgiebig und las die Zeitung. Dann öffnete er den Umschlag, den Anna ihm hinterlassen hatte. Er enthielt eine Kurzanleitung zum Einloggen in ein Computernetzwerk, ein Merkblatt für den Umgang mit seinem Passwort, einen Hinweis, dass aufgrund der internationalen Teambesetzung in allen Besprechungen ausschließlich Englisch gesprochen werden würde, sowie einen Termin für ein erstes Onlinemeeting. John sah auf die Uhr. Es war halb elf, die Besprechung war für vierzehn Uhr angesetzt. Er überlegte, ob er Anna auf ihrem Handy anrufen sollte, entschied sich dann aber für seine Eltern.
   »Ja, alles gut, Mama. Die Fahrt war kein Problem … Gestern Abend. Nein, kein Stau … Die Unterkunft ist wirklich nett, ein tolles Gebäude … Mama, ich spreche ausgezeichnet Englisch, das ist kein Problem … Ja, ich melde mich wieder. Grüß Papa … Bis dann.«
   John hatte seine Eltern im Groben über den neuen Job in England informiert. Einzelheiten, insbesondere das außergewöhnliche Gehalt, den merkwürdigen Anwerbungsprozess und die noch immer bestehenden Fragezeichen hinsichtlich seines Arbeitgebers hatte er sorgsam verschwiegen. Sie hätten es ohnehin nicht verstanden – wo er es doch selbst kaum verstand.
   Weitere Eingeweihte gab es nicht. Wen hätte er auch sonst informieren sollen? Gegenüber dem Fraunhofer-Institut und seinen ehemaligen Kollegen war er laut Vertrag ohnehin zum Stillschweigen verpflichtet. Dort hatte er nur von einer internationalen Firma mit Sitz auf den britischen Inseln gesprochen, die ihm ein lukratives Angebot gemacht hatte.
   Wirklich informiert – sich selbst eingeschlossen – war also eigentlich niemand.
   Nachdem er den Küchentisch aufgeräumt hatte, machte sich John auf die Suche nach seinem Arbeitsplatz. Da er in dem riesigen Wohnraum des Cottage keinen Computer entdecken konnte, kam eigentlich nur noch die Empore in Betracht. Sie war neben Annas Zimmer der einzige Ort, den er noch nicht inspiziert hatte. Er erklomm die Wendeltreppe und sah sich um. Ein riesiger Schreibtisch nahm fast die Hälfte der von dezenten Stahlpfeilern getragenen Konstruktion in Anspruch. Mittig auf dem großen Schreibtisch prangten ein Monster von einem Bildschirm sowie eine im Vergleich lächerlich klein wirkende Tastatur und eine kabellose Maus. Die Kabel der Tastatur und des Bildschirms verschwanden hinter dem Schreibtisch und führten zu einer kleinen Recheneinheit, die John unter dem Schreibtisch entdeckte. Aus dem Kästchen ragte eine überdimensionale Antenne. Er suchte ein bisschen herum, konnte aber keinen An- und Ausschalter finden. Schließlich entdeckte er ihn auf der Tastatur.
   Er schaltete den Computer ein und folgte den schriftlichen Anweisungen aus dem Umschlag. Nach Eingabe des mitgelieferten Passwortes wurde er aufgefordert, dieses zu ändern. Er gab sein Standardpasswort ein, was prompt mit einer Fehlermeldung quittiert wurde. Eine Infobox erläuterte die Anforderungen: Mindestens sechzehn Zeichen, Zahlen und Sonderzeichen waren Pflicht. Nachdem diese Anforderung gemeistert war – er notierte sich die Zeichenfolge auf einem Zettel, den er sorgsam zwischen zwei Seiten eines Notizblocks verbarg – kam die zweite Hürde. Auf dem Bildschirm erschien in einem Fenster ein stilisierter Daumenabdruck. Er presste seinen Daumen gegen das Display. Das Fenster änderte abrupt seine Farbe, dann wurde der Bildschirm schwarz und der Computer startete erneut.
   Mein Gott, was für ein Theater.
   John kramte den Zettel mit dem Passwort noch mal hervor und presste nach erneuter Aufforderung seinen Daumen noch einmal auf das Scanfeld. Endlich wurde der Computer freigegeben. Ein kleines blinkendes Antennensymbol gab zu verstehen, dass er online war. Vergeblich suchte er nach einem vorinstallierten Internetbrowser oder einem Mailprogramm. Das einzige Item, das wie verloren auf dem riesigen Bildschirm in der linken oberen Ecke platziert war, war das Icon eines ihm unbekannten Programms. Ein Klick darauf öffnete ein neues Fenster.
   John pfiff leise durch die Zähne. Alles, was er bisher an softwaretechnischen Hilfsmitteln in der Grundlagen- und Pharmaforschung kannte, war vollständig vertreten: umfassende Gendatenbanken, dreidimensionale Computersimulationsprogramme für chemische Moleküle und ihre Reaktionen, Wirkstoffverzeichnisse und vieles mehr. Kein Wunsch blieb offen. Das einzige Programm, von dem er noch nie etwas gehört hatte, war ein Item mit dem Namen Romeo. Es entpuppte sich als ein Chatprogramm, dessen Funktionen sich intuitiv erschlossen. Eine rot umrandete Sechs signalisierte, dass bereits ungelesene Nachrichten auf ihn warteten. Der Inhalt der Nachrichten war banal und vielsagend zugleich:
   MeCP2 als neuer User angemeldet.
   Oct4 als neuer User angemeldet.
   Nanog als neuer User angemeldet.
   Cdx2 als neuer User angemeldet.
   Klf4 als neuer User angemeldet.
   Sox2 als neuer User angemeldet.
   Was einem Außenstehenden wie eine Ansammlung unverständlicher Fantasiekürzel erscheinen musste, war für John eine vertraute Sprache. Jede der Zeichenfolgen entsprach einem Begriff aus dem Umfeld der Genetik, war die Bezeichnung eines der Bausteine des universellen Erbgutes aller Lebewesen.
   John fand besonders die Wahl des Benutzernamens Nanog auffallend tiefgründig gewählt. Er wusste, dass Nanog von »Tir na nOg« abgeleitet war und aus einer keltischen Legende stammte. Es bezeichnete ein Land der ewigen Jugend, das der keltische Held Oisin einst entdeckt hatte. Schottische Wissenschaftler der Universität Edinburgh hatten ein von ihnen entdecktes Gen auf diesen Namen getauft, das bei einer Aktivierung wie ein permanenter Jungbrunnen auf die Zellen wirkt. Auch Oct4 und Sox2 waren in Fachkreisen bekannte genetische Schlüsselfaktoren bei der Aufrechterhaltung der Zellteilung. Schon diese Namenswahl verriet, dass hier ein hochrangiger Kreis von Experten auf dem Gebiet der Alterungsforschung in den Startlöchern stand.
   Wenn ich der letzte bin, sind wir also sieben. Er war gespannt, wer sich hinter den Kürzeln verbarg. In Gedanken ging er einige ihm bekannte Kandidaten durch, die seiner Meinung nach das Potenzial hatten, zur Teilnahme an einem solchen Projekt eingeladen zu werden. Die weltweite Gemeinschaft der Genforscher war zwar nicht klein, durch Kontakte auf internationalen Kongressen und in Expertenforen aber auch wieder persönlich genug, dass er den einen oder anderen der hinter den Kürzeln versteckten Kollegen vielleicht persönlich kannte.
   Ein Hinweisfenster des Programms forderte ihn auf, einen eigenen Chatnamen zu wählen. Kurz überlegte John, dann tippte er dem Beispiel seiner Vorgänger folgend die Zeichen:
   c-Myc.
   Er hatte die Bezeichnung eines menschlichen Gens gewählt, das über ein von diesem Gen codiertes Protein die Expression anderer Gene verstärkt. Er fand den Vergleich passend – wachstumsanregend und zugleich eine Mahnung, da c-Myc auch häufig bei Tumorentstehungen eine Schlüsselrolle spielte.
   Inzwischen war es halb zwei, in einer halben Stunde würde das Onlinemeeting beginnen. John nutzte die Zeit, um sich weiter mit dem Chatprogramm vertraut zu machen. Seine Bemühungen, das Bild einer Chatkamera einzublenden, blieben jedoch vergeblich. Er kniff die Augen zusammen und inspizierte den oberen Rand seines Bildschirms, konnte aber keinen noch so kleinen Ausschnitt für ein dort eingebautes Objektiv entdecken.
   Geringstmögliche Ablenkung durch soziale Kontakte, fielen ihm Annas Ausführungen ein. Ging das etwa so weit, dass er nicht einmal die Gesichter seiner zukünftigen Kollegen zu sehen bekam?
   Romeo! Vielleicht war der Name des Chatprogramms doch tiefgründiger gewählt, als er gedacht hatte.

6.

Die Stille des Cottage wurde Punkt vierzehn Uhr von einer blechernen Stimme unterbrochen. Es krächzte und knarrte. Erst jetzt fiel ihm das wie ein Lüftungsgitter aussehende Lochblech am unteren Rand des Bildschirms auf – eine Aussparung für offensichtlich wattstarke Lautsprecher. Hektisch suchte John nach dem Lautstärkeregler.
   »Ich freue mich, dass sie alle es pünktlich geschafft haben, sich einzuloggen.« Die Stimme klang auch nach der Lautstärkereduzierung noch unnatürlich verzerrt. »Die Oberfläche, die Sie auf Ihren Bildschirmen sehen, ist Ihr neuer Arbeitsplatz. Alles, was Sie an Informationen benötigen, wird Ihnen hierüber zur Verfügung gestellt. Soweit ich das beurteilen kann, kommen Sie ja schon ganz gut damit zurecht.«
   »Ich kann die Funktion zum Einblenden der Kamera nicht finden«, sagte eine zweite Stimme. Offenbar hatte da jemand das gleiche Problem wie John.
   Ein dezentes Sprechblasensymbol, das zeitgleich mit der Stimme des zweiten Sprechers in einem kleinen Bildschirmfenster erschien, enthielt den Namen Oct4. Erst jetzt fiel ihm auf, dass darüber bereits eine Sprechblase mit dem Inhalt Administrator eingeblendet war. Oct4 hörte sich wie der Administrator ebenfalls merkwürdig verfremdet an.
   »Tut mir leid, es gibt keine Kameras.« Die Sprechblase des Administrators erschien erneut. »Wie Ihnen in den Vorgesprächen bereits erläutert wurde, streben wir eine größtmögliche Teameffizienz an. Daher möchten wir jede Art von Vorprägung bei Ihnen vermeiden. Ihr Alter, Ihre Nationalität, Ihr Geschlecht, bisherige berufliche Positionen, selbst Ihr Aussehen und der Klang Ihrer Stimme – die menschliche Psyche kann gar nicht anders, als daraus unbewusst Rangordnungen, Sympathien und Abneigungen abzuleiten. Um das zu vermeiden, haben wir auf Kameras verzichtet und Ihre Stimmen computertechnisch verändert. Zusätzlich wurden Sie alle vertraglich dazu verpflichtet, ihre Identität nicht preiszugeben. Sollten Sie diese Vereinbarung missachten, werden wir Sie unverzüglich aus dem Projekt entfernen. Um Sie allerdings vor unbeabsichtigten Versprechern zu schützten, haben wir eine zusätzliche Schutzfunktion eingebaut.«
   »Was für eine Schutzfunktion?«, fragte John erstaunt.
   »Ausnahmsweise dürfen Sie jetzt einmal Ihren echten Namen nennen«, antwortete der Administrator.
   John zögerte. War das ein Trick, um ihn direkt wieder aus dem Projekt zu entfernen? Auch er hatte schließlich die Anonymitätserklärung unterschrieben.
   »Nur zu. Sie haben keine negativen Konsequenzen zu befürchten«, ermutigte ihn der Administrator.
   »Ich heiße John Flender«, sagte er leise, noch immer verunsichert über die Absichten hinter dieser Aufforderung. Seine Sprechblase mit dem Namen »c-Myc« erschien auf dem Bildschirm. Nahezu zeitgleich ertönte aus dem Lautsprecher: »Ich heiße … Spider-Man.«
   »Sehr schön.« Das Administratorsymbol erschien erneut. »Wir haben den Computer mit Ihren gesammelten persönlichen Daten gefüttert: Ihre letzten Arbeitgeber, die Namen Ihrer Eltern, Ihre bisherigen Wohnorte, die Stationen Ihrer Lebensläufe, Ihr jetziger Aufenthaltsort und so weiter. Wann immer Sie eines dieser Schlüsselwörter verwenden, wird der Computer daran eine Sinnverfremdung vornehmen, so wie gerade. Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, hegt der hierfür zuständige Mitarbeiter eine Vorliebe für Comic-Helden.«
   Für eine Weile herrschte erstauntes Schweigen. Dann, wie auf ein einheitliches Kommando, verstand jeder die Erläuterung des Administrators als Aufforderung, die Grenzen dieser merkwürdigen Einschränkung auszutesten.
   »Mein Name ist … Super-Goofy.« Klf-4 ertönte verzerrt aus dem Lautsprecher.
   »Ich wohne in … Entenhausen.« Die Sox2-Sprechblase erschien.
   »Mein Eltern sind … Catwoman und … Iron-Man.« Nanogs erster Wortbeitrag.
   »Wow, dass die beiden was miteinander hatten, hätte ich nie gedacht.« Die Sprechblase von Cdx2 erschien. »Jetzt weiß ich endlich, wo diese winkenden kleinen Katzen aus Blech herkommen, die überall in den Schaufenstern stehen.«
   Allgemeines Gelächter erhob sich. Cdx2 war John sofort sympathisch. So ganz klappt das mit dem Ausschluss aller menschlichen Emotionen wohl doch nicht, war sein stillschweigendes Fazit.
   Dann schweiften seine Gedanken ab. Mit einem Mal wurde ihm die Konsequenz dieser merkwürdigen Filterfunktion bewusst: totale Anonymität. Ein Team ohne jegliche Struktur, nicht ein greifbarer Anhaltspunkt, der einen Rückschluss auf die wahren Identitäten der einzelnen Mitglieder ermöglichte. John war sich unsicher, was er davon halten sollte. Natürlich wusste er, dass manche Menschen ihr halbes Leben in so einem Umfeld verbrachten. Sie schlüpften nach Feierabend in eine neue digitale Identität, lebten als Magier, Elfenkönig oder Mitglied einer Antiterroreinheit in irgendeinem Onlinespiel, und niemand fragte in diesen Welten nach dem wahren Ich hinter der Spielfigur. Aber das hier war kein Spiel. Weder würden sie Fehler durch einen Restart ungeschehen machen noch würden sie einfach den Ausschalter betätigen können, wenn sie ausgelaugt und verzweifelt in einer Sackgasse gelandet waren, aus der es kein Entrinnen gab. Zumindest nicht in den nächsten zwei Jahren.
   »Natürlich kann auch diese Filterfunktion nicht verhindern, dass Sie mittels Umschreibungen oder Wortspielen Ihre Identität dennoch preisgeben. Aber ich erinnere Sie an dieser Stelle nochmals an ihre Verpflichtung, dies nicht zu tun. Die Konsequenzen im Falle einer Zuwiderhandlung hatte ich bereits erläutert.«
   Die Worte des Administrators durchpflügten Johns weiterhin um das Thema kreisenden Gedanken und bestärkten sein merkwürdiges Gefühl. Warum wies der Administrator jetzt schon zum zweiten Mal auf die unterschriebene Anonymitätsverpflichtung hin? Warum dieser immense Aufwand mit einer eigens entwickelten Software, um jede versehentliche Preisgabe von persönlichen Informationen zu verhindern? Ging es wirklich nur um die Teameffizienz, oder steckte etwas anderes dahinter? Und wer war dieser Administrator überhaupt? War er der Auftraggeber, Annas mysteriöser Freund, der die ganze Sache hier zu verantworten hatte? Die Bezeichnung Administrator wies allerdings eher auf einen Angestellten hin, der sich ausschließlich um die technischen Belange kümmerte.
   »Mit welchen Labors arbeiten wir zusammen?«
   Der plötzliche Themenwechsel riss John aus seinen Gedanken. Ein Blick auf das unterste Sprechblasensymbol auf dem Bildschirm verriet ihm, dass sich Klf-4 zu Wort gemeldet hatte.
   »Ein privates Labor«, gab der Administrator knapp zurück.
   »Und wie viel Vorlaufzeit müssen wir einplanen?«, hakte Sox2 nach.
   »Vorlaufzeit? Ich bitte Sie. Vergessen Sie alles, was Sie bisher an Budgetbeschränkungen, höheren Prioritäten anderer Forschungsreihen oder Ähnlichem erlebt haben. Sie haben völlig freie Hand! Nutzen Sie diese Chance. Also dann – ich wünsche Ihnen viel Erfolg.«
   »Hey, und was jetzt?« Sox2 war hörbar irritiert über den vermeintlichen Abschied des Administrators.
   »Nun, Sie sind die Experten«, sagte der Administrator. »Diskutieren Sie. Legen Sie die Marschrichtung fest. Gehen Sie unkonventionelle Wege. Es gibt keine Vorgaben außer dem einen Ziel: Befreien Sie die Menschheit von der Geißel des Alterns. Also, wie ich schon sagte, gutes Gelingen.«
   Administrator hat sich abgemeldet, erschien als neuer Post auf dem Bildschirm.
   John starrte fassungslos auf den Monitor. Das also war die ganze Einweisung? In diesem Moment begriff er endgültig, dass er so schnell wohl keine Antworten auf seine zahlreichen offenen Fragen erhalten würde.

7.

Der Fauststoß kam blitzschnell. Anna wich instinktiv zurück – der Schlag verfehlte ihren Kiefer nur um Zentimeter. Ein zweiter Fauststoß des Angreifers folgte fast ohne Verzögerung. Sie reagierte blitzschnell, blockte den Stoß mit ihrem Unterarm und ließ einen rückwärts gedrehten Fußtritt folgen. Ihre Ferse stieß in die Magengrube ihres Gegners. Der Tritt war aber nicht stark genug, um ihn einsacken zu lassen. Zu nah für weitere Fußstöße, schleuderte sie ihren rechten Arm in einer halbkreisförmigen Bewegung nach vorn. Ihr Handrücken klatschte auf die Schläfe des Gegners. Irritiert durch den Treffer, aber nicht ernstlich verletzt, stürmte dieser erneut vor. Diesmal wurde Anna fast überrannt. In letzter Sekunde gelang es ihr, einen Fußfeger anzusetzen, der den Gegner aus dem Gleichgewicht brachte. Schnell drang sie mit einem Fauststoß zum Magen auf ihn ein …
   Yame!
   Abrupt hielt Anna inne. Sie verbeugte sich vor ihrem Gegner und streifte die dünnen Faustschützer ab. Dann stellte sie sich gemeinsam mit den anderen Kämpfern in einer Reihe auf. Alle knieten nieder. Der vor der Gruppe kniende Sensei sprach die traditionellen fünf Leitsätze der Kampfkunst, das Dojo-Kun, die alle Anwesenden wie ein Echo wiederholten. Es folgte eine gemeinsame Verbeugung, dann war das Training im Mailänder Karate-Dojo beendet.
   Anna eilte zur Umkleidekabine. Sie entledigte sich ihres verschwitzten Karateanzugs und stieg unter die Dusche. Das Wasser lief erfrischend über ihre Haut. Sie genoss dieses Gefühl nach dem Training: völlig erschöpft, aber mit sich und ihrer Leistung im Reinen.
   Vor dem Dojo wurde Anna bereits erwartet. Der Mann, gegen den sie gerade noch gekämpft hatte, trug jetzt Baumwollhose, Hemd und Sakko. Er war um die fünfzig, hatte grau meliertes, aber noch volles Haar und eine sportliche Figur.
   Er schenkte Anna ein warmes Lächeln. »Du wirst immer besser. Ich habe kaum noch eine Chance gegen dich.«
   »Ach komm, Enrico, du lässt mich doch absichtlich gewinnen. Ich kenne dich doch!«
   Enrico Bacchelli lächelte süffisant. »Na, wenn du dich da mal nicht irrst.« Er schwieg ein paar Sekunden, als rekapitulierte er nochmals das Gesagte. Dann wandte er sich wieder an Anna. »Komm, lass uns spazieren gehen. Da kann ich wenigstens problemlos mithalten.«
   Gemeinsam gingen sie über die Via Rovello, vorbei am Piccolo Teatro Grassi. Vor dem Theaterhaus blieben sie kurz stehen und warfen einen Blick auf das aktuelle Programm. Beide liebten dieses Gebäude. Während Annas Studienzeit hatten sie hier gemeinsam viele Aufführungen von Bertolt Brecht, Anton Tschechow oder William Shakespeare gesehen und den Abend in benachbarten Bars ausklingen lassen.
   Sie schlenderten weiter über die Via Orefici und bogen schließlich in die Via Victor Hugo zum Ristorante Cracco ab.
   »Signora Cortini, Professore, es ist mir eine Ehre, Sie wieder begrüßen zu dürfen.« Obwohl der Platzanweiser beide Gäste gut kannte und vermutete, dass Anna weder mit dem Professore noch sonst verheiratet war, wählte er die Anrede Frau statt Fräulein. »Ich habe Ihnen Ihren Stammtisch reserviert.«
   Anna und Enrico folgten dem Platzanweiser und ließen sich die Karte bringen. Wie üblich nahm sich Enrico Bacchelli für die Auswahl des Weines aus dem mehr als umfangreichen Angebot einige Zeit. Die Wahl fiel schließlich auf einen Chianti Classico Riserva von 1993, dazu wählten sie das Drei-Gänge-Menü aus dem Tagesangebot und zwei große Flaschen Wasser.
   »Erzähl mir von England.« Bacchelli ließ die Worte wie beiläufig fallen, während er Anna und sich Wasser nachschenkte. Beide hatten das erste Glas in einem Zug geleert.
   »England war erstaunlich mild für diese späte Jahreszeit. Ich habe übrigens einen sehr netten Abend mit Signore Flender verbracht – wir duzen uns jetzt.« Anna sah Enrico herausfordernd an.
   Bacchelli legte den Kopf schief. »Halt dich bloß zurück. Seine Aufgabe ist nicht das Flirten, sondern die Forschung. Hat er diesbezüglich was gesagt?«
   Anna hörte aus Enricos Tonfall heraus, dass er bei diesem Thema nicht zu Späßen aufgelegt war. Mit unbewegter Miene griff sie seine Frage auf. »Ich glaube, er ist eher skeptisch, was einen Erfolg angeht.«
   »Skepsis ist grundsätzlich keine schlechte Eigenschaft. Sie schärft den Verstand. Aber er sollte zusehen, dass er sich wirklich ganz der Sache widmet.« Bacchelli stellte sein Wasserglas heftiger auf den Tisch zurück, als es erforderlich gewesen wäre.
   »Was ist mit den anderen Standorten und Experten?«, versuchte Anna von John abzulenken.
   »Es läuft wie geplant. Das Netzwerk steht, alle sieben Wissenschaftler sind einsatzbereit. Die ersten Online-Meetings haben schon stattgefunden. Soweit ich weiß, gab es ziemlich schnell eine Einigung auf ein gemeinsames Vorgehen. Ich glaube, der Zeitpunkt und die Experten sind gut gewählt. Vielleicht haben wir diesmal tatsächlich den richtigen Weg gefunden, eine Lösung für unsere Probleme herbeizuführen. Es wäre fantastisch. Für uns … für alle.«
   Etwas an Enricos Worten irritierte Anna. »Wieso diesmal?«
   Bacchelli antwortete ausweichend. »Das meinte ich nicht wörtlich. Die Betonung lag auf dem wir. Wir und nicht diese verfluchten Konzerne. Du weißt, wie wichtig es ist, denen zuvorzukommen.«
   »Und du weißt, dass ich da nicht ganz so überzeugt bin wie du. Auch wenn ich die damaligen Projektergebnisse nicht vergessen habe – ob der Weg der Richtige ist, muss sich erst noch zeigen. Sofern eine Lösung überhaupt erforderlich wird. Wie gesagt, John Flender ist da eher skeptisch. Und ich persönlich auch, wie du weißt.«
   »Warten wir‘s ab.« Bacchellis Blick wurde eindringlich. »Aber auch wenn du nicht überzeugt bist – du musst voll bei der Sache bleiben. Versprich es mir.«
   Anna versprach es.
   Der Kellner servierte den ersten Gang. Wie ein vertrautes, wenn auch ungleiches Paar, das eher an Vater und Tochter erinnerte, verbrachten sie den weiteren Abend, ohne das Projekt erneut zu streifen. Bevor sie sich auf den Weg nach Hause machten, kam Enrico Bacchelli noch einmal auf das Thema zurück.
   »Lass dir noch etwa eine Woche Zeit, dann fahr zurück nach England. Auch wenn wir alles im Netzwerk kontrollieren können – ich möchte wissen, was dieser John Flender wirklich denkt. Versuche herauszufinden, welche Stärken und Schwächen er in dem Vorgehen sieht. Und ob es Ansatzpunkte gibt, wo wir die Wissenschaftler noch mehr unterstützen können.«
   »Sehen wir uns bis dahin noch?«, fragte Anna.
   »Tut mir leid, aber ich bin mit Terminen zu bis oben hin. Aber versuch, es mal so zu sehen: Wenn alles gut geht, werden wir schon bald alle Zeit der Welt haben.«

8.

John kam gerade aus der Küche, als das Türschloss ein leises Klack von sich gab. Erschrocken fuhr er herum. Es war bereits nach elf Uhr abends. Sein einziger Besucher in der Einsamkeit der letzten Wochen war der Botenjunge des kleinen Dorfsupermarkts, der täglich die Brötchen und sonstige Bestellungen brachte. Aber keinesfalls um diese Zeit.
   Die Haustür öffnete sich schwungvoll. John wich einen Schritt zurück. Eine Stimme zerriss die Ruhe, die seit seiner Ankunft im Cottage sein ständiger Begleiter war. »John? Ich bin es, Anna.« Im Türrahmen kam Anna Cortinis schlanker Körper zum Vorschein.
   Anna!
   Er eilte ihr entgegen, hielt dann aber inne. »Ah, da bist du ja«, warf er ihr bissig zu. »Hattest Du eine nette kleine Reise?«
   Anna sah ihn konsterniert an. »Bist du sauer? Hat irgendetwas nicht geklappt?«
   »Oh, alles bestens.« John hob abwehrend die Hände. »Ich dachte nur, du sagst wenigstens noch Tschüss, bevor du verschwindest. Konntest es wohl kaum erwarten, hier rauszukommen. Ich …«
   »Ich bin dir keine Erklärungen schuldig«, unterbrach ihn Anna schroff. »Du hast einen Job zu erfüllen, mehr nicht.« Demonstrativ verschränkte sie die Arme vor ihrem Körper.
   Mehr nicht.
   Die Worte rissen John zurück in die Realität.
   Mehr nicht. Ein Job. John atmete tief aus. Mit einem Schlag wurde ihm klar, wie idiotisch sein Wutausbruch auf Anna wirken musste.
   Er ließ entwaffnet Arme und Schultern fallen. »Entschuldige bitte … ich habe wohl zu viel gearbeitet.«
   »Das ist ja gerade der Sinn der Sache. Du erinnerst dich?«
   »Ja, ich erinnere mich. Tut mir leid.« Seine Gefühlswelt beruhigte sich langsam wieder. »Ich habe deinen Wagen nicht gehört. Dann plötzlich das Öffnen der Haustür um diese Zeit – du hast mich ganz schön erschreckt.«
   »Das Cottage hat keine Klingel. Ich sollte vielleicht das nächste Mal lieber anklopfen. Dann hättest du auch noch genug Zeit gehabt, dir deinen Sonntagsanzug anzuziehen.« Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht zu seinen Füßen und verharrte dort.
   Erschrocken fiel John auf, wie er gerade vor Anna dastand: Schlafshorts, ein alter Kapuzenpulli über dem T-Shirt, mit dem er bereits heute Morgen aus dem Bett gestiegen war, die nackten Füße steckten in ausgetretenen Hausschlappen. Er hatte sich zudem seit Tagen nicht rasiert.
   »Ich bin nicht auf Besuch eingerichtet«, konterte er peinlich berührt.
   »Ich kann auch morgen wiederkommen. Vielleicht findet sich noch ein Hotelzimmer.«
   Das Gespräch lief in eine Richtung, die ihm nicht gefiel. Schnell versuchte er einzulenken. »Ein Vorschlag: Ich zieh mir was an, du beziehst dein Zimmer, und in einer halben Stunde fangen wir wieder da an, wo wir vorletzte Woche aufgehört haben: bei einer Flasche Rotwein. Genug zu essen ist auch noch im Haus, falls du Hunger hast.«
   »Bist du sicher?«
   »Ja, bin ich. Und ganz ehrlich – ich freue mich, dass du da bist.« Er unterstrich die Aussage mit dem freundlichsten Lächeln, dass er zurzeit auftreiben konnte.
   Eine halbe Stunde später saßen sie am großen Esstisch. John hatte sich rasiert und ordentlich angezogen. Anna sah müde aus, was ihrer Attraktivität aber nicht im Geringsten schadete. Eine Flasche Rotwein war geöffnet, John hatte Brot aufgeschnitten und eine Käseplatte aus den Vorräten zusammengestellt.
   »Erzähl mal«, begann Anna. »Wie läuft das Projekt?«
   »Gut. Ich hätte nie gedacht, dass wir schon nach wenigen Tagen so weit kommen würden. Das Team ist echt phänomenal.«
   »Gibt es etwa schon Ergebnisse?«, fragte Anna ungläubig.
   John schüttelte den Kopf. »Das nicht, aber viele neue Details und einen vielversprechenden Ansatz, wohin die Reise gehen könnte.«
   »Lass hören.« Anna schenkte Rotwein nach.
   John ließ sich stöhnend gegen die Rückenlehne fallen. »Nicht jetzt. Das ist echt kompliziert, eine Erklärung würde ewig dauern. Du hast dich zwar in das Thema eingelesen, aber vermutlich hast du überhaupt keine Ahnung von …« Abrupt brach er ab.
   »Was wolltest du sagen?« Anna beugte sich angriffslustig vor. »Keine Ahnung von was?«
   John setzte sich wieder aufrecht hin und schob ebenfalls den Oberkörper vor. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. »Außerdem befriedige ich deine Neugier nur im Tausch gegen andere Informationen. Mein Leben habt ihr sauber ausspioniert, aber von dir weiß ich so gut wie nichts. Was hast du überhaupt studiert? Deinem Job nach würde ich auf Geographie, Architektur, Filmwissenschaften oder so was tippen.«
   Anna hielt seinem Blick stand. »Auch das ist echt kompliziert und würde ewig dauern«, parierte sie. »Noch dazu, wenn jemand vermutlich überhaupt keine Ahnung von Frauen hat.«
   »Ich …«, setzte John empört nach, aber dann brachen sie in Gelächter aus.
   »Wie wäre es, wenn wir uns beide morgen die Zeit nehmen, uns besser kennenzulernen«, sagte Anna. »Wir könnten das Ganze mit einem Ausflug verbinden, damit du mal rauskommst.«
   »Es gibt eine Welt außerhalb dieses Hauses?«, scherzte John.
   Anna spielte mit. »Ja, stell dir vor, sogar bewohnt von echten Menschen, mit Läden, Straßen und einer schönen Küste ganz in der Nähe. Zu dieser Jahreszeit ist die Szenerie vielleicht nicht ganz postkartentauglich, aber immerhin. Was sagt denn dein Terminplan?«
   »Ich kann mich jederzeit ausklinken. Das tun alle ab und an. Dann läuft der Chat über andere Themen weiter, in denen derjenige nicht so tief drinsteckt.«
   Anna schob ihre Hand über den Tisch. »Also abgemacht?«
   John zögerte. »Und wer garantiert mir, dass du nicht wieder heimlich abreist?«
   Anna ergriff seine Hand. »Vertrau mir einfach, John.«

9.

Das lautstarke Hämmern von Regentropfen gegen die Scheibe seines Schlafzimmerfensters weckte John am nächsten Morgen. Er stand auf und schlurfte schläfrig in Richtung Küche. Wie immer galt sein erster Handgriff des Tages dem Espressobereiter. Er mahlte eine Handvoll Bohnen, füllte das Espressomehl in das Drucksieb und … ließ alles fallen.
   Mein Gott! Er eilte zurück in sein Schlafzimmer.
   Erst jetzt war ihm klargeworden, dass er nicht allein war. Noch so eine Situation wie gestern Abend, eine Begegnung mit Anna unrasiert und in Schlafshorts, wollte er auf jeden Fall vermeiden.
   War sie überhaupt noch da?
   Die Erinnerung an ihre letzte unangekündigte Abreise brannte sich für einen Moment schmerzlich in seine Brust. Aber dann wischte er seine Zweifel beiseite und huschte zur Badezimmertür, um sich frisch zu machen.
   »Kannst du nicht klopfen?« Nur mit einem Handtuch bekleidet stand Anna vor dem Waschbecken. Der vom heißen Duschen beschlagene Spiegel zeigte ihr Gesicht wie mit Weichzeichner gemalt, makellos und voll anmutiger Schönheit.
   Das Bild hielt John für einen Augenblick gefangen.
   »Ich bin gleich fertig«, setzte sie nochmals nach.
   John riss sich aus dem Moment heraus, stammelte eine Entschuldigung und zog die Tür von außen zu.
   »Das Bad ist wieder frei«, hörte er kurze Zeit später Anna durch die Tür rufen.
   Er beeilte sich mit der Morgentoilette, wählte ein paar passende Klamotten für die anstehende Landtour und betrat den Wohnraum. Anna saß bereits am Küchentisch und hatte die tägliche Lieferung des Supermarktboten hereingeholt. Zwei perfekt bereitete Cappuccini standen auf dem Tisch.
   »Na, verwundert, mich zu sehen?«
   »Bei dem Dampf im Bad hatte ich erst gedacht, ich erblicke eine Fata Morgana.« John versuchte die peinliche Situation im Badezimmer so gut es ging herabzuspielen. »Wollen wir hier frühstücken oder unterwegs? Es bleibt doch bei dem Ausflug, oder?«
   »Na klar. Ich habe noch keinen richtigen Hunger. Lieber unterwegs also, wenn es dir recht ist.«
   John war es recht. »Ich muss mich noch kurz bei den anderen abmelden und ein paar Dinge klären.«
   »Tu das. Ich bereite schon mal alles für die Abfahrt vor.«

10.

Zwanzig Minuten später saßen sie in Annas Wagen und fuhren die schmalen Landstraßen Südenglands in Richtung Küste hinunter nach Hastings. Der Küstenort war bei Touristen äußerst beliebt, aber angesichts von Wetter und Jahreszeit fand Anna problemlos einen Parkplatz in Ufernähe. Sie frühstückten ausgiebig in einem Ausflugscafé bei Hastings Castle. Anschließend spazierten sie die wenigen Schritte zum Strand hinunter.
   Es pfiff ein eisiger Wind, das Meer zeigte sich bei bedecktem Himmel in einem dunklen eintönigen Grau. Bereits nach fünfzehn Minuten waren Anna und John völlig durchgefroren. Sie beschlossen, den weiteren Vormittag im windgeschützteren Bereich der malerischen Spazierwege von East Hill oberhalb der Küste zu verbringen.
   John fühlte sich rundherum wohl. Nach den letzten beiden Wochen, die ausschließlich aus Arbeit innerhalb der vier Wände des Cottage bestanden hatten, freute er sich über jeden Schritt an der frischen Luft. Und er genoss Annas Gesellschaft nach den Tagen der Einsamkeit. Zwar bestand über das Chatprogramm stets ein reger Austausch mit den Kollegen aus dem Forschungsteam, aber es war eben doch etwas anderes, mit einer realen Person von Angesicht zu Angesicht zu reden.
   »Weißt du, was merkwürdig ist?«, fragte John, während er den Anstieg hinauf nach East Hill erklomm. »Obwohl ich nicht einen der Forschungskollegen je gesehen oder auch nur ihre echten Stimmen gehört habe, und weder das Alter kenne und nicht einmal sagen könnte, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, habe ich trotzdem zu jedem ein Bild im Kopf.«
   »Und was malst du dir in deiner Fantasie so aus? Lauter langhaarige Blondinen mit Barbiefigur?«
   John lachte auf. »Nein, eher so was wie überzeichnete Karikaturen ehemaliger Kollegen. Oct4 zum Beispiel hat eine Hakennase wie …«
   »Wer?«, fiel Anna ihm ins Wort.
   »Oct4. Da wir unsere echten Namen nicht benutzen dürfen, haben wir uns alle Chatnamen basierend auf Begriffen aus der Genetik gegeben. Die anderen heißen zum Beispiel Nanog oder Cdx2 oder Klf4.«
   »Und du?«
   »c-Myc.«
   »Klingt genauso bescheuert. Kein Wunder, dass dabei keine Barbiefantasien aufkommen«, sagte Anna amüsiert. »Aber erzähl mal, wie läuft es denn?«
   John verfiel unvermittelt ins Schwärmen. »Es ist unglaublich. Dein Freund hat wirklich einige der besten Köpfe der Welt zusammengestellt. Wir haben drei Tage lang alle möglichen Ansätze, das Thema anzugehen, in einen Topf geworfen, deren Vor- und Nachteile diskutiert, und dann einen Fahrplan entwickelt. Den erfolgversprechendsten Ansatz sehen wir in der endogenen Rekrutierung adulter Stammzellen durch eine Auffüllung der Telomere.«
   Anna blieb abrupt stehen. »John. Stopp! Ich bin keine Molekularbiologin. Erklär es mir etwas allgemeinverständlicher, ja?«
   »Was genau?«
   »Na, alles, was du eben gesagt hast. Oder glaubst du wirklich, ich hätte auch nur ein einziges Wort verstanden?«
   John runzelte die Stirn.
   Wo fange ich nur an?
   Anna schien seine Gedanken zu erraten. »Fang am besten mit den Stammzellen an. Da weiß ich wenigstens ungefähr, was das ist.«

11.

Mittlerweile hatten sie den Anstieg nach East Hill gemeistert, ein Holzschild mit der Aufschrift Welcome to Hastings Country Park Nature Reserve begrüßte sie.
   »Also gut, beginnen wir mit den Stammzellen«, setzte John zu der von Anna geforderten Erklärung an. »Eine Stammzelle ist eine Art Ursprungszelle. Sie kann sich prinzipiell unbegrenzt vermehren und alle möglichen Zellen wie Muskelzellen, Blutzellen, Nervenzellen und so weiter bilden. Wegen dieser Eigenschaften setzt eigentlich jede Forschung, die nach dem Jungbrunnen sucht, bei den Stammzellen an. Die Idee dahinter ist ziemlich simpel: Man sucht nach Wegen, die Stammzellen so einzustellen, dass abgestorbene Zellen laufend ersetzt werden. Dadurch würde im Prinzip keine Alterung mehr stattfinden.«
   »Dann ist das Altern also nur eine Verlangsamung der Zellerneuerung?«, wollte Anna wissen.
   »Ja, das trifft es ganz gut. Und eine ewige, gleichbleibende Regeneration ist das Gegenmittel. Viele Zellen werden bis ins hohe Alter stetig erneuert. Aber dann ist irgendwann Schluss. Und leider gibt es auch Zellen, die sich schon nach Abschluss der Wachstumsphase überhaupt nicht mehr regenerieren. Oder zumindest dachte man lange Zeit, dass dem so sei. Nervenzellen etwa haben einen Komplexitätsgrad erreicht, der mit Zellteilung nicht mehr vereinbar ist. Darum findet zum Beispiel bei Gehirnverletzungen auch keine Selbstheilung statt. Für das Herz und die Nieren gilt das Gleiche. Ein Ersatz untergegangener Zellen ist hier nicht möglich.«
   »Dachte man? Du sprichst in der Vergangenheitsform. Stimmen die Aussagen denn nicht mehr?«
   »Es gibt in der Tat neue Erkenntnisse, übrigens auch für mich. Sox2 und MeCP2 – du weißt schon, zwei aus dem Team – sind mit den neuesten diesbezüglichen Forschungsergebnissen vertraut. Bisher ist man immer davon ausgegangen, dass, wo keine Zellteilung stattfindet, auch keine Stammzellen vorhanden wären. Mittlerweile hat man aber auch im Gehirn Stammzellen entdeckt, und bei Herzzellen weisen die Zeichen in die gleiche Richtung. Fraglich ist nur, warum deren Potenzial zur Teilung nicht genutzt wird. Manche Dinge sind echt …« John schrie unvermittelt auf. Er hatte einen über den Fußweg hängenden Ast übersehen und war mit dem Kopf direkt dagegen marschiert. Er rieb sich die Stirn und blickte griesgrämig zum Attentäter hoch.
   Anna hakte sich bei ihm unter und zog ihn zum Wegesrand. »Komm, wir setzen uns da vorn auf die Bank. Das scheint mir weniger gefährlich. Du kommst in dieser Wildnis ja noch um.«
   »Sehr witzig. Ich hab den Ast einfach nicht gesehen.«
   »Schon gut. Hier, trink.« Anna reichte ihm die Flasche Wasser, die sie im Ausflugscafé nach dem Frühstück zusammen mit zwei Äpfeln gekauft hatte.
   Statt zu trinken, hielt sich John die kalte Flasche an die Stirn.
   Anna beobachtete ihn von der Seite. »Bist du eigentlich sportlich?«, fragte sie unvermittelt.
   »Wie kommst du denn jetzt darauf?«
   »Du bist schlank.«
   »Ich verbrenne die Kalorien ganz gut. Sport war eigentlich noch nie mein Ding. Schon als Kind habe ich lieber gelesen, statt mich auf Fußballplätzen herumzutreiben. Nur Joggen geht halbwegs.«
   »Na immerhin.«
   »Ich sagte nur, dass Joggen geht. Was nicht heißt, dass ich es auch tue. Und du?«
   »Ich trainiere schon ein wenig«, flunkerte sie. Sie verspürte gerade keine Lust, ihm die Wahrheit aufzutischen: Dass sie einen schwarzen Gurt in Karate besaß, mindestens drei Mal die Woche trainierte, um dieses Niveau zu halten, und nebenbei noch ins Fitnessstudio und Laufen ging. Außerdem begrub sie die spontane Idee, zukünftig mit John vielleicht auch mal was Sportliches zu unternehmen. Stattdessen lenkte sie wieder zum Forschungsthema zurück. »Ohne andauernde Zellerneuerung in allen Körperzellen also kein ewiges Leben?«
   »Ja, so ist es«, nahm John den Themenwechsel dankbar an. »Für die Zellbildung sind die Stammzellen zuständig. Embryonale Stammzellen, also die allerersten Zellen eines Menschen, die nur im Embryo vorkommen, können noch alle möglichen Zellen bilden. Sieh dich an, alles an dir ist mal aus einer einzigen Zelle entstanden – Augen, Gehirn, Muskeln, deine Haut. Wahnsinn, oder? Je älter die Zellen allerdings werden – die wir dann adulte, also erwachsene Stammzellen nennen – desto eingeschränkter ist ihre Verwandlungsfähigkeit. Sie können dann jeweils nur noch die Zellen desjenigen Gewebes hervorbringen, in dem sie vorkommen. Aber das ist immer noch verdammt viel. So bilden Stammzellen des Bindegewebes zum Beispiel immer noch verschiedene Dinge wie Knorpel und Knochen, Sehnen, Bindegewebe, Fettgewebe, die Skelettmuskulatur und so weiter. Die Stammzellen des blutbildenden Systems erschaffen wiederum Zellen mit unterschiedlichen Funktionen wie Sauerstofftransport, Abwehr von Bakterien und Viren, Wundheilung und Gefäßabdichtung – also die roten und weißen Blutkörperchen sowie die Blutplättchen. Die neu gebildeten Zellen selbst leben meist nur sehr kurz, von wenigen Tagen bis wenigen Monaten. Durch die ständige Erneuerung aber hat man auch eine permanente Regeneration. Die oberste Hautschicht etwa erneuert sich rund alle vier Wochen komplett.«
   »Und warum stoppt dieser Prozess im Alter? Er wird doch zumindest deutlich schlechter, oder? Vielleicht sollten zumindest die Stammzellen mehr Sport treiben.« Anna konnte es nicht lassen, noch einen Kommentar in dieser Richtung loszuwerden.
   »Sport nutzt da nichts. Eher mehr Zielgenauigkeit.«
   »Das sagt mir nun im Zusammenhang mit Zellteilung ziemlich wenig.«
   »Kein Wunder. Die Erkenntnisse über die dabei ablaufenden Prozesse sind auch noch ziemlich jung. Sie basieren auf der Entdeckung des sogenannten Unsterblichkeitsenzyms Telomerase.«
   »Das hast du vorhin schon erwähnt, oder?« Anna hatte aufgepasst.
   »Ja, die Telomere. Also, stell dir ganz vereinfacht eine Zelle wie einen mit Wasser gefüllten Luftballon vor, in dessen Mitte ein Reißverschluss schwimmt.«
   Anna versuchte, das Bild in ihren Kopf zu bekommen.
   »Der Reißverschluss ist die DNA, die alle Erbinformationen der Zelle enthält«, erklärte John weiter. »Bei der Zellteilung wird der Reißverschluss geöffnet, die beiden Seitenteile trennen sich und einer schwimmt nach oben, der andere nach unten. Der Ballon selbst bildet in seiner Mitte eine Zwischenhaut aus und ist dann in der Lage, sich in zwei neue Ballons zu teilen. Im Ergebnis hat man zwei frische Zellen mit jeweils einer halben DNA. Damit sich diese beiden neuen Zellen später wieder teilen können, muss ein neuer Reißverschluss her. Die halbe DNA muss aufgefüllt werden, eine sogenannte Replikation wird erforderlich. Ohne einen neuen doppelten, geschlossenen Reißverschluss funktioniert die weitere Zellteilung nicht. Und hier kommt die Zielgenauigkeit ins Spiel. Es gelingt nämlich nie, bei der Auffüllung genau den ersten Zahn des Reißverschlusses zu treffen.«
   »Wie bei meinen Jacken, wenn vom Reißverschluss das Steckteil ganz unten kaputt ist.«
   »Ja, genau so. Der neue Reißverschluss schließt dann erst ab dem dritten oder vierten Zahn.«
   »Oder gar nicht mehr. Hatte ich auch schon.«
   »Darauf kommen wir noch. Genau das passiert nämlich bei ganz alten Zellen, wenn die Reißverschlussenden zu kurz geworden sind.« John trank einen Schluck Wasser. »Da also die Wiederherstellung des Doppelstranges der DNA nie ganz am Anfang gelingt, dürfen auf diesem Anfang auch keine wichtigen Erbinformationen liegen. Nicht auszudenken, wenn bei der Eizelle deiner Mutter zum Beispiel gerade die Information für deine bernsteinfarbenen Augen ganz am Anfang der DNA gestanden hätte und verloren gegangen wäre.«
   Anna sah John für einen Moment schweigend an. »Danke«, sagte sie leise.
   John lächelte und dozierte weiter. »Diese Enden der DNA, die keine Codierung beinhalten wie der Rest, heißen Telomere. Sie werden bei jeder Zellteilung kürzer, bis die Zelle schließlich die Fähigkeit zur korrekten Zellteilung vollständig verliert. Dann ist der Reißverschluss kaputt, und die Zellteilung liefert nur noch unschöne Mutationen wie Krebszellen. Damit das nicht passiert, gibt es aber eine körpereigene Feuerwehr.«
   »Abwehrkräfte?«, fragte Anna ins Blaue hinein.
   John schüttelte den Kopf. »Die haben damit nichts zu tun. Es sind Enzyme, die automatisch bei zu kurzen Telomeren freigesetzt werden, um eine weitere Zellteilung der Zellen zu unterbinden, die das nicht mehr sauber hinbekämen. Wie gesagt, ein wichtiger Schutz, um fehlerhafte Zellteilungen und damit Mutationen zu vermeiden. Aber jetzt kommt der Hit: Stammzellen haben ein Enzym namens Telomerase, das die Telomere immer wieder neu auffüllt. Die Verkürzung unterbleibt, und die Zellen können sich damit auf ewig weiter teilen. Daher auch der Name Unsterblichkeitsenzym.«
   »Das verstehe ich nicht«, warf Anna ein. »Wir altern doch.«
   »Tja, das ist das Problem. Leider fällt die Konzentration der Telomerase nach dem Ende der Fortpflanzungsfähigkeit unter ein kritisches Niveau. Die Stammzellen werden im Alter weniger und inaktiver, die Zellerneuerung kommt nicht mehr nach. Die einzige Ausnahme bilden die Krebszellen, die eine hohe Konzentration von Telomerase aufweisen und sich daher wie wild vermehren.«
   »Wie so oft im Leben«, warf Anna nachdenklich ein. »Alles, was gut ist, hat auch eine schlechte Seite. Es gibt eben nichts Reines, absolut Gutes.«
   Sie bemerkte, wie John sie verstohlen aus den Augenwinkeln taxierte. Vermutlich fragte er sich, ob sie gerade
   über die Telomerase oder über ihr eigenes Leben gesprochen hatte. Tatsächlich gab es in ihrem Leben ein Thema, bei dem sie noch nicht wusste, ob es sich letztlich zum Guten oder zu einem bösartigen Krebsgeschwür entwickeln würde. Daran hatte sie gerade denken müssen. Wenn sie John erst einmal besser kannte, würde sie es ihm vielleicht eines Tages erzählen.
   »Komm zum Ende«, forderte sie ihn auf. Schließlich verspürte sie nicht die geringste Lust, den ganzen Tag auf einer Parkbank zu verbringen und sich wissenschaftliche Vorträge anzuhören – auch wenn John wirklich gut erklären konnte, wie sie fand.
   John nickte. »Jetzt verstehst du vielleicht den eingangs erwähnten Satz Endogene Rekrutierung adulter Stammzellen durch eine Auffüllung der Telomere. Wobei endogen bedeutet, dass wir das Übel an der Ursache anpacken wollen – die Patienten also nicht bis in alle Ewigkeit irgendeine Spritze oder ein Medikament einnehmen lassen wollen oder ihnen permanent neue Zellen transplantieren. Wir wollen die Stammzellen vor Ort im Körper zu beständiger Regeneration anregen. Hierbei spielen vermutlich spezielle Gene eine Rolle, die wir gezielt beeinflussen müssen. Vielleicht hängt auch die Frage, warum sich etwa Nervenzellen nach Abschluss der Wachstumsphase überhaupt nicht und andere Zellen mit zunehmendem Alter immer langsamer teilen, an einer gemeinsamen Ursache. Das wäre natürlich ein echter Volltreffer.«
   John wartete offensichtlich auf weitere Fragen, aber sie hatte keine mehr. Sie stand auf. »Komm, lass uns weitergehen.«

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