Südsee-Magie und Mord in Zürich – Warum musste der fremde Besucher in der Kunstgalerie sterben? Eine sympathische Galeristin und ein Kunstmaler werden in ein politisches Komplott verstrickt und versuchen, selbst zu ermitteln. Auf den Spuren eines historischen Amuletts geraten sie im Zürcher Völkerkundemuseum in Lebensgefahr ...

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ISBN: 978-9963-53-976-5

Seiten: 248

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Susanne Mathies

Susanne Mathies
Susanne Mathies, geboren 1953 in Hamburg, wohnhaft in Zürich, studierte zuerst BWL, dann englische Literatur und Philosophie. Sie schreibt Lyrik, Kurzgeschichten und Romane. Seit 2012 ist sie Redaktionsmitglied der Schweizer Literaturzeitschrift orte. Sie schreibt auf Deutsch und Englisch und hat bisher drei Zürich-Krimis veröffentlicht, außerdem Gedichte und Kurzgeschichten in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien.

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1
20 Minuten, 16.7.2015, Titelseite

Südsee-Horror: Schweizer Ehepaar in der Gewalt von brutalen Rebellen

TURALUGA CITY. »Ich dachte, jetzt knallen sie uns ab, das war’s«, sagt Beat B.* unserem Reporter. Das Zürcher Ehepaar B., das seine Flitterwochen in einem Viersternehotel im melanesischen Inselstaat Turaluga zubrachte, hat den Aufstand der Rebellen hautnah miterlebt.
   »Wir waren abends auf dem Weg zum Essen«, berichtet Beat B., »da rannten drei Männer mit Kalaschnikows zum Haupteingang herein. Wir natürlich sofort zurück ins Zimmer, die Tür verriegelt und das Sofa davorgestellt. Die ganze Nacht Maschinengewehrfeuer, das war der Wahnsinn! Und dann kein Netz, unsere Smartphones konnten wir vergessen. Wir haben geschlottert vor Todesangst. Morgens um fünf kamen dann Lautsprecherdurchsagen, auch auf Deutsch, dass die Armee das Hotel befreit hat. Wir sind gleich mit dem ersten Bus zum Flughafen, im Militärkonvoi. Frühstück gab es natürlich keines.«
   »Die Leute waren immer lieb und höflich«, sagt seine Frau Vreni, »wir haben uns wohlgefühlt in der Hotelanlage, alles war ganz sauber. Und dann wird plötzlich geschossen!« Beide sind froh, heil wieder in der Schweiz angekommen zu sein.
   Näheres zum Bürgerkrieg in Turaluga erfahren Sie im Auslandsteil auf Seite 17.

* Name der Redaktion bekannt

2
Ein Besucher will nicht gehen

Martin stampfte mit dem Fuß auf.
   »Ich habe keine Lust auf diese verdammte Vernissage! Du kannst dir nicht vorstellen, wie mich diese Knopfbilder inzwischen nerven. Das Konzept ist ausgelutscht. Ich sitze an den Porträts wie am Fließband. Am liebsten würde ich den ganzen Krempel hinwerfen.«
   Etwas nagte an Pia, und es wurde nicht besser dadurch, dass sie es durchschaute. Es war der blanke Neid einer Malerin, deren Werke noch nie öffentlich zu sehen waren, gegenüber einem Künstler, dem die Bilder nur so aus der Hand gerissen wurden.
   »Wenn man so erfolgreich ist wie du, kann man sich das natürlich leisten. Von dem, was du allein heute Nachmittag verdient hast, könnte ich locker ein paar Monate leben.«
   Sein Blick wurde bohrend. »Wieso denkst du in letzter Zeit eigentlich immer nur an Geld? Du hast dich doch auch mal für Kunst interessiert. Ich kann nicht begreifen, wie du dich so verändern konntest. Wahrscheinlich hast du dir deine Kommission schon auf den Rappen genau ausgerechnet.«
   Pia fand, dass eine Antwort darauf unter ihrer Würde wäre. Anscheinend hatte Martin Lust, sie zu beleidigen, aber sie würde sich nicht provozieren lassen.
   Martin zog ein hässliches Gesicht mit schmalen Augen und vorgeschobenem Kinn. »Früher konnte man sich mit dir richtig gut unterhalten, über wichtige Dinge. Was ist bloß los mit dir?«
   »Mit mir ist alles in Ordnung. Und mit dir?«
   Er sah sie prüfend an, dann zuckte er mit den Schultern. »Ich bin dann mal weg.« Er drehte sich um und ging zur Tür. Ein paar gelbe Blätter wehten in den Raum, als er sie öffnete. »Wahrscheinlich gehe ich für ein Jahr nach Paris.«
   Pia schnappte nach Luft. So war es also, wenn einem plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wurde: Man spürte den Luftzug an den Ohren vorbeisausen, aber seltsamerweise schien alles auf seinem Platz zu bleiben, nur wie hinter einer Glasscheibe.
   Auf gar keinen Fall würde sie sich anmerken lassen, dass sie entsetzt war. »Klar«, sagte sie. »Paris. Warum nicht?«
   Die Tür klappte hinter Martin zu.
   Mechanisch fing Pia an, die Buchhaltungsbelege abzuheften und die Prospekte wieder einzuordnen. Alles, was vom Denken ablenkte, fühlte sich gut an.
   Etwas rüttelte an der Ladentür der Galerie. Pia schreckte hoch, und die eben sortierten Prospekte fielen ihr aus der Hand. Sie hob sie hastig wieder auf und stieß sich den Kopf an der Theke. War Martin zurückgekommen? Vielleicht wollte er sich bei ihr entschuldigen? Ihr Herz schlug schneller.
   Nein, das war nicht Martins lange Silhouette hinter der Glasscheibe, sondern eine kompakte, mittelgroße Gestalt, die gerade versuchte, die Tür in die falsche Richtung zu öffnen. »Push« stand auf einem silbernen Schild neben dem Türknauf, aber die meisten Leute lasen eben keine Anleitungen, sondern probierten einfach drauflos.
   Eigentlich hätte sie die Tür abschließen sollen, fiel ihr ein, immerhin war es schon nach sechzehn Uhr. Leute, die außerhalb der Ladenöffnungszeiten kamen, gehörten meistens zu Gruppen, mit denen sie lieber keinen Kontakt haben wollte: Beamte der Steuerbehörde, Zeugen Jehovas, Lokalpolitiker auf Stimmenfang oder Vertreter von gemeinnützigen Organisationen mit Spendenlisten. Fast hätte sie gelacht, als ihr noch ein anderer Gedanke kam. Auch ihr Prinz, wer immer das sein mochte, könnte zumindest theoretisch irgendwann einmal an diese Ladentür klopfen und sie in sein Königreich entführen, weg aus Zürich Oerlikon, weg von schlechten Bilanzwerten und arroganten Künstlern, weit weg in eine friedliche, warme, sonnige Welt am Meer, wo jeder ihr die Wünsche von den Augen ablas.
   Jetzt klopfte es. Der Besucher hatte offenbar den Versuch aufgegeben, die Tür selbst zu öffnen. Pia kniff die Augen zusammen und musterte seine Umrisse im Gegenlicht. Ein dicklicher Mann über vierzig, etwa einen Kopf kleiner als sie, schätzte sie. Ihren Prinzen hatte sie sich anders vorgestellt. Vielleicht würde der Mann freiwillig wieder weggehen, wenn sie nicht öffnete?
   Sei nicht feige, ermahnte sie sich, Herausforderungen sollte man sich stellen. Energisch ging sie zur Tür und öffnete. Vom Oerliker Park gegenüber leuchteten die gelben Herbstblätter gegen den tiefblauen Himmel, aber der Besucher stand im Schatten.
   »Guten Tag, Sie wünschen?«
   Der Mann vor ihr starrte sie aus zusammengekniffenen dunklen Augen an, dann machte er plötzlich einen Schritt nach vorn, sodass sie unwillkürlich zur Seite wich. Er drängte sich an ihr vorbei in den Empfangsraum der Galerie. »Ich komme, um die Ausstellung anzusehen«, sagte er mit rauer Stimme, zog seinen Trenchcoat aus und reichte ihn ihr. »Wo sind die Bilder?«
   Pia nahm ihm automatisch den Mantel ab, stutzte kurz und hielt ihn gleich wieder in seine Richtung. »Die Galerie ist für heute schon geschlossen«, sagte sie. »Morgen Vormittag ab elf sind wir gern wieder für Sie da.«
   »Heute. Ich will sie heute sehen.« Er drehte sich um und ging auf den Torbogen zu, der zum Ausstellungsraum führte. »Hier durch?«
   Das war doch nicht zu fassen. Sie warf den Mantel über einen Sessel, folgte dem Besucher und packte ihn am Oberarm. »Ich muss Sie leider bitten, zu gehen. Die Galerie ist geschlossen.«
   Erstaunt sah er sie an. Anscheinend hatte er nicht mit Widerstand gerechnet. Ein typischer Macho. Er sah so aus, als ob er für die Rolle des fiesen Bösewichts im Fernsehkrimi vorsprechen wollte. Seine schmalen schwarzen Augen waren in dicke Wülste eingebettet, und sein aufgedunsenes Gesicht wurde zum Kinn hin immer breiter.
   »Sie wollen mir nichts zeigen? Holen Sie den Geschäftsführer, sofort«, sagte er in aggressivem Ton. Beim Sprechen öffneten sich seine schmalen Lippen in den Mundwinkeln weiter als in der Mitte. Wie ein Frosch sah er aus.
   »Ich bin die Geschäftsführerin, Pia Hürlimann. Und mit wem habe ich das Vergnügen?« Sie war überrascht, wie höflich sie noch sein konnte.
   Der Besucher runzelte die Stirn, kramte dann in seiner Jacketttasche und zog eine Visitenkarte heraus. »Mein Name ist Doktor Reto Runami. Herr Bellmann hat Ihnen doch gesagt, dass ich komme!« Er fischte ein Bonbon aus der Hosentasche, wickelte es aus und steckte es in den Mund.
   Auf der Karte war eine große rote Maske mit schrägen Augenschlitzen und einem breiten Mund abgebildet, aus dem ein Sortiment unterschiedlich langer Zähne ragte. Darunter stand:

»Konsulat der Republik Turaluga in der Schweiz
   Stellvertretender Konsulatssekretär
   Dr. hc. Reto Runami«

Bellmann – der Name sagte Pia tatsächlich etwas. Martin hatte ihn erwähnt im Zusammenhang mit der Galerie. Der Künstler Louis Atare, der zusammen mit Martin die neue Ausstellung bestreiten würde, war Melanesier, stammte aus Turaluga, und Bellmann war turalesischer Konsul in der Schweiz. Aber sie hatte noch keinen von beiden kennengelernt, denn Martin hatte alles allein über das Internet organisiert. Er informierte sie noch nicht einmal mehr über das Geschäftliche. Es war nicht auszuhalten. Aber darüber würde sie später nachdenken. »Natürlich weiß ich, wer Herr Bellmann ist«, sagte sie, »aber von Ihnen habe ich noch nie gehört. Aus welchem Grund sind Sie hier?«
   »Vielleicht hat er es Ihnen gesagt, und Sie haben es vergessen?«
   Aus seinem Blick las Pia eine abgrundtiefe Verachtung für die geistigen Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts. Sie musterte ihn genauer. Sein Teint war grau-braun, und seine Haare wirkten ungewöhnlich dicht und schwarz für einen Mann mit so einem faltigen Gesicht. Er sah nicht besonders schweizerisch aus. Wahrscheinlich stammte er aus einem Kulturkreis, in dem Frauen noch weniger galten als in der Schweiz. Sie atmete tief durch. »Sagen Sie mir einfach, aus welchem Grund Sie hier sind. Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«, fügte sie auf seinen aufgebrachten Blick hin hinzu.
   »Espresso.«
   Na also, es ging doch. Pia rüstete die Espressomaschine, und während der Dampfstrahl fauchte, machte sie ein Tablett zurecht. Espressotasse, Löffelchen, Rahmkännchen, Zuckerdose, Keksdose. Das Sortieren von Geschirr hatte immer etwas Beruhigendes.
   Herr Runami ließ drei Zuckerwürfel in seinen Espresso fallen, rührte energisch um und stürzte das Getränk hinunter. Die beiden letzten Kekse aus der Dose nahm er auch. Kein Wunder, dass er etwas füllig war, wenn er Süßes so gernhatte.
   »Und nun zeigen Sie mir die Bilder der Ausstellung«, sagte er und steckte sich noch ein Bonbon in den Mund. »Ich muss sie für das Konsulat begutachten.«
   »Die Ausstellung ist noch nicht eröffnet«, erklärte Pia. »Am Freitag veranstalten wir die Vernissage, darüber haben wir das Konsulat informiert. Die Einladungen habe ich schon vor drei Wochen herausgeschickt.«
   »Und die Bilder noch nicht aufgehängt? Haben Sie Zweifel an Künstlern aus Turaluga, ist Ihnen unsere Kunst nicht gut genug? Sind Sie etwa Rassistin?«
   Was war das nur für ein unglaublich furchtbarer Tag. Erst die grauenhafte Szene mit Martin, dann dieser Giftfrosch, der sie anscheinend unbedingt ärgern wollte – schlimmer konnte es kaum kommen. Oder vielleicht doch? Möglicherweise war Louis Atare in Schwierigkeiten, die er aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Wer wusste schon, was für ein Mensch er war? Ein politischer Flüchtling aus Turaluga – natürlich hatte man immer Mitleid mit Flüchtlingen. Schrecklich, wenn man in seiner Heimat nicht sicher leben konnte. Aber hätte sie sich nicht in den vergangenen Wochen besser informieren sollen, zum Beispiel herausfinden, wie die politische Landschaft in Turaluga genau aussah, und welcher Fraktion Louis angehörte? Selbst Martin hatte bisher nur über Internet und Skype mit ihm Kontakt gehabt.
   Natürlich hatte sie schon hinter die Verpackung von Louis´ Kunstwerken geschaut, um zu sehen, was er für die Vernissage ausgewählt hatte. Pia fand die Bilder sehr geheimnisvoll. Anscheinend hatte Louis für seine Kollagen echte antiquarische Dokumente aus der Kolonialzeit verwendet, wahrscheinlich private Briefe. Die Schrift aus sepiafarbener Tinte sah stark verblasst aus auf dem gelblichen Papier, und es tat Pia weh, zu sehen, dass Louis diese Briefe quer durch die Handschrift zerschnitten hatte, um geometrische Muster zu erzeugen. Wenn sie ihm endlich persönlich begegnete, würde sie ihn auf jeden Fall fragen, woher er die Dokumente hatte, die er für seine Bilder verwendete. Vielleicht konnte man die Reste noch retten? Stand etwas Wichtiges in diesen Texten, das Louis gern zerstören wollte? Sie war gespannt darauf, ihn endlich kennenzulernen.
   »Wir hängen die Bilder nur unter Mitwirkung des Künstlers auf«, antwortete sie. »Herr Atare hat sich aber bisher nicht bei uns gemeldet, deshalb stehen die Bilder noch verpackt im Archiv. Im Moment ist in unseren Räumen nur der Ausstellungsteil von Martin Knopf aufgebaut, aber an der Rückwand haben wir Platz für die Bilder von Louis Atare gelassen.«
   Aus seinem Blick erkannte sie, dass er ihr nicht glaubte.
   »Ich zeige Ihnen die Knopf-Bilder natürlich gern.«
   Er schnaufte und hustete, während er sie nach wie vor boshaft anschaute.
   Sollte sie ihm ein Glas Wasser anbieten? Nein, wenn er etwas wollte, sollte er sie darum bitten.
   Sie leitete ihn in den großen Saal mit der Kuppel, in dem Martins Knopfporträts dicht an dicht die Wände bedeckten, sodass sie wie Stickereien auf einem Wandteppich wirkten. Obwohl sie den Anblick gut kannte, war sie immer wieder überwältigt von der Schönheit des Raumes. Der Boden war mit Terrakotta gefliest, die Wände einfach weiß gekalkt, und die Kuppel hatte rundum seitlich eingelassene Fenster, durch die das Sonnenlicht auf den Boden fiel.
   Ihr Besucher ließ sich durch den Gesamteindruck aber nicht von seinem Ziel ablenken. Anscheinend glaubte er nicht, dass die Bilder von Louis Atare noch nicht aufgehängt waren, und vermutete sie in irgendeiner verborgenen Ecke. Er sah sich misstrauisch um, inspizierte alle Winkel des Raums, ging an der leeren Wand vorbei, beugte sich zu dem größten der Knopfporträts hinunter und musterte es eingehend. Dies war ein Porträt, das Martin vor vielen Jahren in Berlin nach Fotos des damaligen deutschen Bundeskanzlers angefertigt hatte. Der Kopf wurde durch einen großen schwarz-rot-goldenen Knopf mit zwei Löchern dargestellt, der an die Leinwand genäht war.
   Als sich Herr Runami wieder aufrichtete, schien er nach Worten zu ringen. Er sah wirklich aus wie ein Frosch. Sein fleischiges Gesicht wirkte wie ein bis zum Bersten aufgeblasener Ballon, und sein breiter Mund wölbte sich an den Rändern vor, sodass Pia die glänzende Innenfläche seiner Lippen sehen konnte. Würde er gleich anfangen zu quaken?
   Ich bin voreingenommen, ermahnte sie sich.
   »Dies ist eine von Martin Knopfs klassischen Arbeiten aus der Zeit um 1995«, sagte sie, um ein bisschen kooperativer zu wirken als bisher. »Zu der Zeit hat er die Knöpfe immer in derselben Form gegossen. Inzwischen hat sich sein Stil in eine mehr postmoderne Richtung weiterentwickelt. Gefällt Ihnen das Bild?«
   Er sagte immer noch nichts. Seine kleinen schwarzen Augen schienen fast aus dem Kopf zu quellen, und sein Mund wurde breiter.
   »Nein!«, stieß er schließlich hervor.
   Das war schon sehr stark. Was dachte sich dieser Dr. hc. Runami dabei, so unhöflich zu sein? Bei welcher exotischen Uni mochte er wohl seinen Doktortitel eingekauft haben? Sie sah ihn prüfend an.
   »Nein, nein«, stöhnte er, diesmal mit noch mehr Überzeugung.
   War etwas mit dem Bild nicht in Ordnung? Pia beugte sich vor, um zu überprüfen, ob das Porträt möglicherweise Details enthielt, die ein Melanesier als politisch inkorrekt empfinden würde. Nein, da gab es nichts Besonderes, nur eine Wiese mit Kühen und Fabriken war darauf abgebildet, das konnte der Mann unmöglich auf sich oder auf die Kultur seines Landes beziehen.
   Er legte seine Hand schwer auf ihre Schulter.
   »Lassen Sie mich los!«, rief sie und entwand sich dem Griff.
   Sie wollte Herrn Runami energisch zurechtweisen, aber er sackte plötzlich in sich zusammen, fiel mit einem dumpfen Plumpsen zu Boden und lag zusammengekrümmt auf dem Terrakottaboden, den Kopf auf einem Arm, als ob er sich kurzfristig zu einem Nickerchen entschlossen hätte. Die Sonnenstrahlen, die durch das Oberlicht fielen, reflektierten auf seinem glänzenden schwarzen Haar und gaben ihm einen rötlichen Glanz. Er färbte sich die Haare, um jünger auszusehen, dachte Pia und erschrak darüber, in dieser Situation so einen Gedanken zu haben.
   Schnell ging sie neben ihm in die Hocke und fühlte nach seinem Puls. Sie konnte nichts spüren, aber das musste nichts heißen, manchmal konnte sie ihren eigenen Puls nicht finden. Was konnte man sonst noch tun? Seine Haltung sah schon nach der stabilen Seitenlage aus, die in jedem Erste-Hilfe-Kurs beschrieben wurde.
   Hilfe holen, das war wichtig. Sie rannte zur Rezeption, griff nach ihrer Handtasche und kniete sich wieder neben Herrn Runami, während sie auf ihrem Handy die Notrufnummer wählte. Seine Augen blickten starr nach vorn, und seine rot gefärbte Zunge hing weit aus seinem geöffneten Mund. Das sah so grotesk aus, dass Pia gleich wieder wegschaute. Atmete er eigentlich noch? In einem Krimi hatte sie mal gelesen, dass man mithilfe eines Spiegels feststellen konnte, ob jemand noch am Leben war. Sie hielt ihren Handspiegel dicht vor die Nase des Mannes, während sie auf die Verbindung wartete. Und dann noch mal vor seinen offenen Mund.
   Der Spiegel beschlug nicht. Sie saß neben einem Toten.

3
Verpasste Gelegenheiten

Jetzt war er also wieder einmal bei Starbucks. Eigentlich konnte Martin solche internationalen Ketten nicht leiden, aber wenn er einmal dort war, gefiel es ihm irgendwie doch. Gerade diese Filiale am Stauffacher hatte so etwas unamerikanisch Eigentümliches, das den Laden schon fast zu einem Zürcher Szenelokal machte, passend zur Umgebung. Auf der verwitterten Holzbank an der Tramhaltestelle neben dem Café-Eingang saß heute wie üblich der König, trotz des kühlen Wetters mit weit aufgeknöpftem weißen Hemd, einem Goldanhänger auf der weiß behaarten Brust und kurzen Hosen. Martin hatte keine Ahnung, wie dieser Mann hieß, aber so breit und herrschaftlich, wie er dasaß und mindestens zwei Drittel der Bank bedeckte, musste er der König sein. Auf dem Pflaster lag ein aufgerissener Sixpack Bier, und neben ihm standen zwei langhaarige Männer, Bierdose in der Hand, die sich in rollender Bewegung vom Fußballen zur Ferse und wieder zurück wiegten. Es sah sehr friedlich aus.
   Seit Jahren, nämlich seit er regelmäßig Knopf-Porträts anfertigte, teilte Martin die Menschheit in Knopftypen ein, je nachdem, welche Art von Knopf sich zur Darstellung ihres Kopfes und ihrer Persönlichkeit eignen würde. Der König war eindeutig ein dunkelgrüner Siegellack-Knopf mit nur einem Loch, das hatte Martin schnell herausgefunden.
   Aus der Tür drängte sich ein Trupp von weiblichen Teenagern, die es fertigbrachten, gleichzeitig zu kichern, auf ihren Smartphones zu tippen, mit dem Strohhalm einen Smoothie zu schlürfen und unter weißen Plüschkapuzen neckisch alle vorbeikommenden Männer anzuschauen. Diese Mädchen waren mit rosa Stoff überzogene Blechknöpfe, blau gepunktet, mit dünner Öse, eine eindeutige Diagnose. Fast hätte er zufrieden gelächelt, aber er war sich immer noch unschlüssig darüber, ob er nun gut oder schlecht gelaunt sein sollte. Er stellte sich an die Warteschlange an der Kasse, glücklicherweise war sie kurz.
   Vorsichtshalber bestellte er einen Double Venti Cappuccino. Das sollte ihm nach diesem stressigen Nachmittag wieder auf die Beine helfen, außerdem freute er sich jedes Mal, wenn er nachmittags Cappuccino bestellte, weil er damit all diesen selbst ernannten Toskana-Kennern zeigen konnte, dass sie ihn mit ihrem altklugen »Cappuccino trinkt man in Italien nur am Morgen« überhaupt nicht beeindrucken konnten.
   Das Mädchen, das vor ihm an der Ausgabe-Theke wartete, blickte verhärmt vor sich hin und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Die Arme, dachte Martin, während ein Funken Wärme ihn durchzog, ein mit Grünspan überzogener Messingknopf mit scharfen Kanten. Es war immer tröstlich, Menschen zu sehen, die weniger glücklich wirkten, als man selbst sich fühlte.
   Der Barista stellte ein Glas vor dem Mädchen hin, und Martin nahm sein Mitgefühl sofort wieder zurück. Das Glas enthielt eine giftgrüne Flüssigkeit, die von innen zu leuchten schien. Das war doch dieses Matcha Latte Tee-Zeug, das Pia so gern trank. Martin machte unwillkürlich einen Schritt zurück und stieß mit dem Mann zusammen, der hinter ihm stand.
   Der fluchte laut, aber als sich Martin umdrehte und ihn anschaute, bückte er sich plötzlich und machte sich an seinen Schnürsenkeln zu schaffen. Dem ersten kurzen Eindruck nach sollte das ein Teakholzknopf mit abgerundeten Ecken sein. Martin nahm seinen Cappuccino und stieg die abgewetzten schwarzen Stufen in den ersten Stock hoch.
   Der obere Raum war nur schwach besetzt an diesem späten Dienstagnachmittag. An den Computertischen saßen die üblichen Programmcode-Tipper, die wahrscheinliche gerade tolle Websites für Start-up-Unternehmen entwarfen. Auf einem der runden Tische daneben waren aufgeschlagene Schulbücher aufgestapelt, und ein forscher junger Mann fixierte ein dunkelhaariges Mädchen, das ihm mit hochgezogenen Schultern gegenübersaß. »Und was machst du mit x Quadrat?« Aus ihrer Haltung war klar zu erkennen, dass sie keine Ahnung hatte, was sie mit x Quadrat anstellen sollte.
   Martin riss sich von dem bemitleidenswerten Anblick los. Von Louis Atare war nichts zu sehen. Er blickte auf seine Armbanduhr. Gerade einmal um eine Viertelstunde hatte er sich verspätet, war also fast pünktlich. Zu blöd, dass er sich mit Louis auf dieses lange Verhandeln per Skype und E-Mail eingelassen hatte – nur auf Leute, die man persönlich getroffen hatte, konnte man sich wirklich verlassen, das war ihm eigentlich schon immer klar gewesen. Aber natürlich war Louis ein Sonderfall. Als er zum ersten Mal seine Geschichte erzählt hatte, hätte Martin das fast für ein Lügengespinst gehalten – so ein dramatisches Schicksal gab es nur im Kino oder in der Klatschpresse! Konnte er glauben, dass auf Louis in seiner Heimat ein vollstreckbares Todesurteil wartete? Nachprüfen ließ sich das nicht, es sein denn, man konnte sich in die turalesischen Gerichtsakten hacken.
   Einem Flüchtling musste man ein bisschen Verspätung auch mal nachsehen können. Also würde er noch ein bisschen warten. Einer der begehrten breiten Sessel an der Fensterfront war frei. Martin stellte seine Tasse auf dem wackligen Tischchen ab und legte seine Füße auf den niedrigen Heizkörper. Dort lag über den staubigen Metallrippen noch die rote Trockenfrucht, die er schon im Frühjahr an genau dieser Stelle gesichtet hatte. Gleich fühlte er sich wie zu Hause.
   Der Ausblick auf die im Berufsverkehr aus den Trams hastenden Rucksack- und Aktentaschenträger heiterte ihn zusätzlich auf. Was wäre, wenn die Menschen dort draußen tatsächlich alle Knöpfe wären, die haarscharf aneinander vorbeirollten oder –eierten, sich gegenseitig anstießen und zum Trudeln brachten, sich vielleicht auch einmal Knopfloch an Knopfloch gebannt gegenüberstanden? Bis irgendwann der große Knopfsammler seine knochige Hand ausstreckte und sie alle zusammen in seinen Sack warf?
   Durch ein leise knurrendes Geräusch aus dem Sessel neben ihm wurde er aus seinen Tagträumen gerissen. Er blickte hinüber und sah, dass der dort im Sessel zusammengerollte kleine Mann die Kapuze seines schwarzen Hoodies zurückschob und zu ihm herüberblinzelte.
   Das Gesicht kam Martin bekannt vor – konnte dies Louis Atare sein? Im Skype-Video hatte er kleiner und schlanker gewirkt, aber im Wesentlichen auch so ausgesehen: Ein runder Kopf, eine breite glatte Stirn über großen schwarzen Augen, eine normale Nase und ein kräftiges Kinn. Na also, dann hatte es mit dem Treffen doch geklappt. Aber warum hatte sich Louis nicht gleich bemerkbar gemacht? Das wäre eine normale Reaktion gewesen. Louis wirkte seltsam zurückhaltend. Als ob er mit ihm flirten wollte.
   Martin rückte ein Stück nach vorn und sprach ihn an. »Hallo Louis. Alles klar? Fast hätte ich dich nicht erkannt unter der Kapuze.«
   Louis beugte sich vor. »Heute ist es nicht gut hier«, sagte er mit leiser Stimme. »Wir treffen uns bei mir. Komm in fünf Minuten nach.« Er tat so, als ob er etwas vom Boden aufheben wollte, und steckte Martin unauffällig einen zusammengefalteten Zettel in die Hand. Louis war im Begriff, sich aufzurichten, als ein Mann an seinem Sessel vorbeirannte, stolperte und die schwere Tasse, die er in der Hand hielt, auf Louis hinuntersausen ließ.
   Martin reagierte sofort und zog Louis nach vorn, sodass die Tasse nur auf seine Schulter knallte und nicht seinen Kopf traf. Die Tasse prallte von Louis’ Schulterblatt ab, sprang auf den Boden und zerschellte in zwei Hälften. Louis schrie auf, schnellte aus dem Sessel hoch und rannte hinter dem Mann her.
   Martin beobachtete, wie der Mann in Richtung der Treppe rannte, mit Louis dicht auf den Fersen. Jetzt wurde ihm klar, dass er den Mann schon vorher gesehen hatte. Er trug solche affigen, auf alt gemachten dunkelroten Leder-Sneakers, die ihm an dem nervösen Typen aufgefallen waren, der in der Schlange hinter ihm gestanden hatte. Offenbar hatte dieser Kerl von Anfang an böse Absichten gehabt – hatte er vielleicht gezielt nach Louis Atare gesucht, um ihn zu überfallen, aus welchem Grund auch immer? Schon von Anfang an hatte Martin den Verdacht gehabt, dass Louis als Flüchtling aus Turaluga in viel gefährlichere Situationen verwickelt war, als er zugegeben hatte. Was konnte er tun, um ihm zu helfen?
   Durch das Fenster zur Straße sah er, wie der Angreifer über die Badenerstraße rannte und in Richtung Stauffacherstraße hinter den Passanten verschwand. Louis folgte ihm über die Tramspuren und lief gefährlich knapp vor eine Dreier-Tram, die aus Richtung Hauptbahnhof am Stauffacher einfuhr. Martin zuckte zusammen, als er mit ansah, wie die runde Schnauze der Cobra-Tram den rennenden Mann fast schon zu berühren schien, aber Louis schaffte es gerade noch rechtzeitig, auf den Perron zu springen. Dann konnte Martin nichts mehr von den beiden erkennen, weil das Fahrzeug ihm die Sicht versperrte.
   Er öffnete den Zettel, den Louis ihm heimlich in die Hand gedrückt hatte. Es war eine aus einem linierten Notizbuch herausgerissene Seite, auf der ein paar mit Kugelschreiber hingekritzelte Worte standen. Für die obersten Worte hatte sich der Schreibende noch Mühe gegeben, sie gut lesbar in Druckbuchstaben aufzuschreiben, trotzdem musste sich Martin anstrengen, sie zu entziffern. Nach den ersten sinnlosen Rateversuchen – Sommersprossenleiter mal 3 x? Stammtisch 1313? Steuererklärung steht? – kam er darauf, dass es sich um eine Adresse handeln musste: Stauffacherstraße 33a oder 33b. Wenn er Glück hatte, war das Louis’ Adresse. Aus den beiden Worten, die an den unteren Rand des Papiers geschmiert waren, wurde Martin aber nicht klug. Er riet aufs Geratewohl »Bellende Tölen« und »Buhlende Termiten«, gab aber auf, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
   Ganz offensichtlich brauchte Louis seine Hilfe. Die Situation wirkte allerdings ziemlich undurchsichtig, und man konnte nicht erkennen, wer in diesem Drama die Guten und wer die Bösen waren. Natürlich hoffte Martin, dass sich Louis auf der moralisch vertretbaren Seite der turalesischen Bürgerkriegsparteien befand, aber besonders gut kannte er ihn nun auch wieder nicht, er konnte sich da nicht sicher sein. Wenn es um Politik ging, machten sich meistens alle Seiten die Hände schmutzig, aber manche wurden schmutziger als andere …
   Diese Überlegungen brachten ihn nicht weiter. Er musste sich einfach spontan entscheiden. Wollte er seinem Maler-Kollegen und künftigem Geschäftspartner beistehen, oder war es besser, sich einfach herauszuhalten?
   Ihm war schon klar, wie die Antwort aussehen würde. Martin Knopf war keiner von denen, die feige danebenstanden, wenn irgendwo jemandem ein Unrecht geschah. Er gehörte eher zu den Leuten, die keine Ruhe geben, ehe sie einer Sache auf den Grund gegangen waren. Das war er sich schuldig.
   Er trank seinen Cappuccino in großen Schlucken aus und stand auf.
   Die Stauffacher-Haltestelle war im Moment Tram-frei, aber er konnte weder Louis noch seinen Angreifer erkennen. Am besten ging er erst einmal zu der Adresse auf dem Zettel.
   Als er Starbucks verließ, fing es an zu regnen. Er zog die Kapuze über den Kopf und sah sich die Passanten auf der Straße an, aber mit einem anderen Blick als sonst. Ausnahmsweise interessierte ihn nicht ihre Knopf-Tauglichkeit, sondern ihre Aufmerksamkeit. War hier irgendjemand, der ihn beobachtete oder verfolgte? Es war schwierig zu erkennen zwischen all den bunten Regenschirmen und ins Gesicht gezogenen Mützen. Martin schlängelte sich zwischen die hintereinanderstehenden Trams Nr. 14 und 2 und lief mit gutem Abstand vor der Tram Nr. 9 auf der Spur gegenüber zur überdachten Haltestelle. Bis jetzt sah nichts besonders verdächtig aus. Auf der Mauer zum Garten der St. Jakobs-Kirche saßen trotz des Regens zwei rauchende Frauen neben prall gefüllten Plastiktaschen und unterhielten sich angeregt mit weit ausholenden Gesten. Aber die beiden hatte Martin hier schon öfter gesehen, das war anscheinend ganz normal.
   Er kreuzte die Stauffacherstraße und betrat den kleinen Innenhof, in dem sich die Hausnummern 33a und 33b befanden. Die Nummer 33a gehörte offenbar vollständig der »Schmalfilm AG«, und es gab dort keine Klingel, nur eine stählerne Tür. Sehr verdächtig, dachte Martin und klopfte laut, aber es rührte sich nichts.
   Also ging er als Nächstes zur Nummer 33b. Auf der Klingelleiste neben der alten Holztür befanden sich acht Namensschilder, und über manchen klebten Kreppstreifen mit handgeschriebenen Namen. Das Wort »Atare« tauchte nirgendwo auf. Louis hielt sich noch nicht lange in Zürich auf – vielleicht wohnte er irgendwo zur Untermiete, ohne dass es von außen erkennbar war.
   Während Martin noch überlegte, wo er klingeln sollte, um ins Haus zu gelangen, öffnete sich die Tür, und eine rundliche junge Frau versuchte, ihren Kinderwagen aus der Tür die zwei Stufen hinunterzubugsieren. Schnell fasste Martin mit an und half ihr beim Heruntertragen, dann hielt er die Tür fest, ehe sie wieder ins Schloss fallen konnte.
   Nun war er wenigstens schon mal im Haus – er würde sich einfach bei den Nachbarn erkundigen, ob jemand von ihnen Louis kannte.
   Im Erdgeschoss wohnte nur eine Partei. »Lehmann« stand an der Tür. Martin läutete mehrmals, aber bei Lehmanns öffnete niemand. Nach ein paar Minuten gab er auf und ging weiter.
   Als er im nächsten Stock um die Ecke bog, war er überrascht, dort eine schmale Gestalt in einem dunklen Hoodie vor einer Wohnungstür stehen zu sehen, mit der Hand auf dem Klingelknopf. So gern Martin selbst solche Hoodies trug, er musste sich eingestehen, dass ihr Verhüllungspotenzial ziemlich nervig sein konnte. War dies der Mann aus Starbucks? Nein, die Gestalt war kleiner, und sie trug auch keine Sneakers, sondern Cowboystiefel aus grünem Leder. Diese Person musste wohl schon eine ganze Weile geklingelt haben, denn Martin hatte niemanden hereinkommen gesehen und auch keine Schritte im Treppenhaus gehört.
   Er trat näher heran, und die Gestalt schrak zusammen und drehte sich um. Dabei rutschte ihr die Kapuze vom Kopf, und Martin sah, dass es sich um ein junges Mädchen handelte, Anfang zwanzig, mit leuchtenden blonden Locken, rundem Gesicht und großen hellblauen Augen.
   Eigentlich war das überhaupt nicht sein Typ Frau, aber dieses Mädchen strahlte so eine unschuldige Schönheit aus, dass er sich unwillkürlich beeindruckt fühlte. Er versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen. »Hallo! Weißt du zufällig, ob Louis Atare hier wohnt?«
   Die Augen des Mädchens wurden noch runder. »Hey, bist du ein Freund von Louis? Ich wohne hier, ich meine, wir haben eine Wohngemeinschaft, bloß ich habe meinen Schlüssel heute Morgen im Zimmer liegen lassen, und ich läute hier schon eine halbe Ewigkeit, aber Louis ist anscheinend nicht zu Hause. Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte? Oder hast du vielleicht einen Schlüssel?«
   »Ich dachte, ich könnte Louis hier finden.«
   Zur Sicherheit hielt Martin seinen Finger auf den Klingelknopf. Es war kein Ton zu hören.
   »Aber die Türglocke geht doch gar nicht! Ist dir das nicht aufgefallen?«
   Ganz so unschuldig, wie dieses Mädchen ihn anschaute, konnte niemand sein.
   »Ich dachte, vielleicht hört man es nur von innen.«
   »Dann klopfen wir eben mal, das hört man garantiert von innen und von außen.« Martin schlug mit der Faust gegen die Tür. Die Tür schwang langsam nach innen und gab einen Blick auf den Flur frei. Drinnen standen ein gepackter Koffer, aus dem seitlich ein Gürtel heraushing, und ein paar knallorangefarbene Turnschuhe.
   Das Mädchen machte keine Anstalten, in die Wohnung zu gehen, deshalb lief Martin voran. Irgendetwas schien hier oberfaul zu sein.
   Vom Flur gingen zwei Zimmertüren ab, beide waren geschlossen. Martin drehte sich zu dem Mädchen um und stellte fest, dass es gerade den Koffer beim Henkel gepackt hatte und dabei war, sich davonzuschleichen.
   »Hey, Moment, warte mal!«, rief er und hielt sie am Arm fest. »Das kommt mir hier alles sehr komisch vor. Du bleibst jetzt hier, bis wir festgestellt haben, was passiert ist. Und den Koffer kannst du auch erst mal wieder hinstellen. Wie heißt du, und welches ist dein Zimmer?«
   »Sylvia. Ich heiße Sylvia Sommer, ich bin Studentin, und mein Zimmer ist da links. Ich hatte keine Ahnung, dass die Tür offen ist, ehrlich nicht! Pass bloß auf, vielleicht ist hier noch ein Einbrecher in der Wohnung!«
   Martin öffnete die Tür zu seiner Rechten. Dahinter befand sich ein kleines Zimmer mit einem winzigen Fenster zu dem engen Innenhof, und bei dem grauen Frühherbstwetter war es ziemlich finster in diesem Raum. Es standen dort nur ein großer schwarzer Kleiderschrank mit klobigen Messingbeschlägen, ein aufgebocktes Brett, auf dem ein Stapel Papier lag, ein Klappstuhl, und ein Bett mit Messinggittern am Fuß- und Kopfende, auf dem sich die Bettdecke hochtürmte. So eine Art Bett kam in französischen Filmen vor, bei denen die Federn immer komisch quietschten, wenn jemand darauf Sex hatte. Aber wer oder was dort unter der Decke lag, schien sich nicht bewegen zu wollen. Das Fenster war geschlossen, und es hing ein seltsamer Geruch in der Luft, den Martin nicht identifizieren konnte.
   Er bemerkte, wie Sylvia neben ihm einen Schritt nach hinten machte, und am liebsten hätte er das jetzt auch getan. Aber er musste herausfinden, was geschehen war. Der Bettdecken-Berg rief förmlich danach, untersucht zu werden, und Martin fürchtete sich davor, was er dort entdecken würde. Zögernd streckte er eine Hand aus.

4
Brief des Kurators Alois Bucher an seinen Freund Gottlieb Hasler in Zürich, 1889

27. Mai 1889: Mein lieber Freund, ich kann dir gar nicht sagen, mit welchem Bedauern ich dich am 11. Oktober letzten Jahres mit deinem gebrochenen Bein in Zürich zurückgelassen habe, um mich als einziger Schweizer an dieser deutschen Forschungsreise nach Turaluga zu beteiligen. Es war meine feste Absicht, dir schon vom ersten Reisetag an alle Begebenheiten ausführlich zu schildern, damit du dir ein gutes Bild von meinen Abenteuern und den Erkenntnissen der Expedition machen kannst.
   Die Kutschenfahrt nach Hamburg war allerdings so holprig, dass ich schon beim ersten Schreibversuch nur Tinte verkleckste, und ich nahm mir daher vor, die Berichterstattung auf See zu beginnen. Als wir jedoch auf unserem Schiff, der Pommern, Cuxhaven hinter uns gelassen hatten, wurde mir sehr schnell klar, dass ich nicht für die Seefahrt geboren bin. Das Schreiben war mir während unserer Überfahrt schlichtweg unmöglich.
   Die Pommern ist ein plump gebauter Dreimaster, hat schon fast dreißig Jahre auf dem Buckel und ist seit zwanzig Jahren überwiegend im Einsatz, um Auswanderer nach Australien zu bringen. Unsere Gruppe verfügte über ein privilegiertes Logis: Wir durften uns zu fünft eine Privatkabine teilen, während die Auswanderer unter Deck bleiben mussten, wo sie eng gegeneinandergedrängt auf Strohsäcken hausten. Durch gespannte Leintücher wurden wenigstens die Familien voneinander abgeschirmt, sodass ein Minimum an Anstand und Privatraum gewährt blieb. Aber auch in unserer »Luxuskabine« war diese Reise kein Vergnügen. Die Bark war topplastig beladen und rollte beim geringsten Seegang, sodass ich mich fast ständig unwohl fühlte und das Bett hüten musste, was mir den Spott meiner Mitreisenden einbrachte. Allerdings war ich nicht der Einzige, dem es so erging.
   Als wir Anfang März nach langen Strapazen endlich in Sydney anlegten und die Auswanderer von Bord gehen konnten, hatte ich eigentlich erwartet, wir könnten unsere Reise in Richtung Melanesien unter etwas angenehmeren Bedingungen fortsetzen. Leider wurde der frei gewordene Ladeplatz unter Deck jedoch umgehend mit Schichten stinkenden Trockenfleisches aufgefüllt, das – wie man uns versicherte – im östlichen Polynesien eine sehr gefragte Spezialität darstellt.
   Du kannst dir vorstellen, dass ich überglücklich bin, diese Seereise ohne Schäden überstanden zu haben.
   Heute bei Tagesanbruch legte die Pommern nach stürmischer Überfahrt von Australien am östlichen Rand des Bismarck-Archipels vor der Küste Turalugas an. Der Ort Malini besteht aus ein paar auf Pfählen gebauten Holzhäusern in einer kleinen Bucht auf der Westseite der vulkanischen Insel, die einen natürlichen Hafen bildet, umringt von dichtem tropischem Regenwald, der bis an den Rand des Dorfes reicht. In der Mitte der Insel erhebt sich eine Kette von drei Vulkanen über den Urwald, die nach erstem Anschein bestimmt eine Höhe von tausend Metern erreichen. Nur am Strand, der völlig mit schwarzem Sand bedeckt ist, wachsen ein paar Kokospalmen. Im Gegensatz zu vielen anderen Inseln im Südseeraum ist Turaluga nicht von gefährlichen Korallenriffs umgeben, sodass unsere Landung ohne Schwierigkeiten vonstattenging.
   Da Herr Reinhold, der Leiter der Expedition, schon bei seinem letzten Besuch auf der Insel unsere Expedition avisiert hatte, wurden wir von einem Begrüßungskomitee erwartet. Am Strand standen fünf eingeborene Männer mit Speeren in der Hand, die uns unbewegt beobachteten und uns dann friedlich zu unserem künftigen Lagerplatz ziehen ließen, nachdem Herr Reinhold kurz mit ihrem Häuptling geredet hatte. Es wohnen keine Weißen mehr auf Turaluga, aber die Missionsschule wurde erst vor Kurzem aufgegeben, und die meisten Eingeborenen sprechen ein recht verständliches einfaches Englisch, wenn sie überhaupt sprechen. Sie scheinen überwiegend scheu und zurückhaltend zu sein.
   Mir wurde von meinen deutschen Reisegefährten berichtet, dass diese Insel nach der Besitzerklärung des Deutschen Reiches im Jahr 1885 in »Neu-Hildesheim« umbenannt wurde. Aber soweit ich weiß, existiert dieser Name nur für die Kartografen in Berlin, da weder der melanesische noch der britische Gaumen seinen phonetischen Eigenschaften gerecht werden kann.
   Die Mannschaft der Pommern half uns beim Ausladen unseres Gepäcks und dem Aufbauen der Zelte, bevor das Schiff wieder in See stach. Nur der Gehilfe des Kochs blieb bei uns auf der Insel, alle anderen wurden dringend an Bord gebraucht.
   Wie Herr Reinhold uns nach langen Verhandlungen mit den Eingeborenen mitteilte, wird erst in etwa zwei Wochen ein Führer zur Verfügung stehen, der uns zum stark bewaldeten Ostteil der Insel führen kann. Um auf die andere Seite der Insel zu kommen, muss man einen erloschenen Vulkan überqueren, was für Ortsunkundige sehr gefährlich sein kann, deshalb ist man auf einen einheimischen Führer angewiesen. Mit dem Schiff ist dieser Teil der Insel nicht zu erreichen, weil die Felsenriffe unter Wasser eine Annäherung an der Ostseite der Insel nicht zulassen. Meine Untersuchungen der örtlichen Herba Ocimi muss ich also leider bis dahin zurückstellen, aber ich werde die Zeit dazu verwenden, alle Beobachtungen von Land und Leuten aufzuzeichnen, von denen ich denke, dass sie für dich als Wissenschaftler von Interesse oder wenigstens für dich als Freund ergötzlich oder lehrreich sein können. Ich denke, dass ich die Gelegenheit nutzen werde, meine Reisezeit nicht für rein wissenschaftliche Aufzeichnungen zu verwenden, sondern insgesamt für einen menschlichen Erfahrungsbericht aus einem Kulturkreis, der dem unseren so fern ist. Sobald ich mich ein wenig eingerichtet habe, werde ich auch Zeichnungen anfertigen von den Eingeborenen und ihren Tätowierungen.
   Der leichte Tropenanzug, den ich mir auf Anraten von Herrn Reinhold vor der Abreise in Zürich anfertigen ließ, hat sich schon bewährt. Während wir auf dem Schiff waren, brachte der Meereswind genügend Abkühlung, um die in diesen Breitengraden üblichen Temperaturen zu ertragen, aber hier auf der Insel herrscht Tag und Nacht eine unerträgliche Hitze. Leider konnten wir unser Lager aus Platzgründen nicht an dem schmalen Strand aufschlagen, sondern hinter dem Dorf auf einem kahlen, mit Lavaschutt bedeckten Platz am Rand des feuchtheißen Urwaldes. Der Schutt ist noch nicht von Pflanzen überwachsen, was darauf schließen lässt, dass mindestens einer der Vulkane auf dieser Insel aktiv ist.
   Nach unseren Messungen heute beträgt die Höchsttemperatur am Tag zweiundvierzig Grad Celsius, und auch jetzt in der Nacht sind es noch achtundzwanzig Grad. Das Hygrometer zeigt eine relative Luftfeuchtigkeit von sechsundachtzig Prozent. Nicht auszudenken, wenn ich hier in Anzug und Weste angereist wäre wie an einem Arbeitstag an der Universität in Zürich!
   Ich habe erwartet, dass unsere moderne Tropenausrüstung und die mit Laternen ausgerüsteten Zelte die Neugierde der einheimischen Bevölkerung wecken würden, aber wir sind hier einem erstaunlichen Mangel an Interesse begegnet. Niemand kommt her, um unser Lager anzuschauen, und wenn wir an einem Eingeborenen vorbeigehen, schaut er auf den Boden. Anscheinend sind hier schon öfter europäische Besucher vor Anker gegangen, was mich erstaunt, denn es war mir nicht möglich, Reiseberichte von früheren Expeditionen zu finden. Herr Reinhold hat sich hier im letzten Jahr nur für ein paar Stunden an Land aufgehalten und kennt die Insel daher auch nur sehr unvollkommen.
   Da das nächste Schiff in Richtung Europa erst in einigen Wochen zu erwarten ist, werde ich bis dahin diesen Brief von Tag zu Tag fortsetzen. Wahrscheinlich werden meine Aufzeichnungen dich also mit ein paar Monaten Verspätung erreichen. Ich hoffe, dass du dich inzwischen wieder guter Gesundheit erfreust!

5
Entdeckungen

Vorsichtig ergriff Martin einen Bettdeckenzipfel und zog daran. Das ging zu Anfang einfach, aber dann hakte die Decke irgendwo, als ob jemand sie von unten festhalten wollte. Er erschauerte. So kam er nicht weiter. Er nahm allen Mut zusammen und klappte die Decke von der Seite her auf.
   Vor ihm lag auf dem Bettlaken ein schwarz gekleideter, zusammengekrümmter Körper. Der Kopf war von der Tür abgewandt, und das war auch gut so. Die Haare schienen über und über mit Blut bedeckt zu sein. Auf dem schwarzen Stoff sah man das Rot nicht, der wirkte einfach nur glänzend nass, aber das Blut lief auch jetzt noch auf das Kissen und das Laken. Martin erkannte, wie sich die roten Flecken ausdehnten. Ein helles Rot, das zum Rand hin dunkle Streifen entwickelte. »Blut ist kein Nagellack«, kam ihm in den Sinn, das war der Titel eines alten Krimis, den er neulich im Antiquariat gefunden hatte. Keine Frau, die er kannte, benutzte Nagellack, trotzdem fühlte er sich an knallrote Fingernägel erinnert. Seltsam, wohin ihn seine Gedanken manchmal führten.
   Es half nichts, er musste nachschauen, ob der Verletzte noch am Leben war, so unwahrscheinlich ihm das auch erschien. Er beugte sich über den Kopf, und ihm war sofort klar, dass hier nichts mehr zu machen war. Hier lag ein toter Mann, dem man erst vor kurzer Zeit ein Loch in den Hinterkopf verpasst hatte. Das Gesicht war blutüberströmt, sodass man die Züge nicht erkennen konnte, aber Martin kamen die Schuhe bekannt vor. Es waren die gleichen auffälligen Sneakers, die der Angreifer im Starbucks getragen hatte.
   Was zum Teufel war bloß mit Louis passiert? Hatte er diesen Mann erschlagen? Oder war noch ein Dritter im Spiel? Im Zimmer hielt sich Louis nicht auf, das erkannte Martin mit einem Blick. War er vielleicht in der kurzen Zeit, in der Martin noch im Café versucht hatte, die Schrift auf dem Zettel zu entziffern, wieder aus dem Haus gegangen? War er auch tot, oder sonst irgendwie in Gefahr? Obwohl er Louis nur flüchtig kannte, konnte er sich ihn nicht als Mörder vorstellen.
   Er warf einen prüfenden Blick auf Sylvia, die dicht neben ihm stand und sich eine Faust vor den Mund presste. Keine voreiligen Schlüsse ziehen – vielleicht war Louis eben überhaupt nicht hier gewesen? Wäre es nicht auch möglich, dass Sylvia mit dem Sneaker-Mann zusammengestoßen war, angegriffen wurde und dann auf ihn eingeschlagen hatte? Inzwischen kam es ihm immer seltsamer vor, dass sie ewig lange vor einer nicht abgeschlossenen Haustür auf einen nicht funktionierenden Klingelknopf gedrückt haben sollte.
   Etwas anderes konnte er aber sofort untersuchen. Ohne zu fragen, drehte er sich um und öffnete die Tür zu Sylvias Zimmer.
   »Hey, warte mal!«, rief sie hinter ihm.
   In ihrem Zimmer war das Bett abgezogen, es sah sehr aufgeräumt aus. Eigentlich wirkte es sogar unbewohnt. Auch dieses Zimmer hatte ein Fenster zum Hof, und es stand weit offen. Martin ging hin und schaute hinaus. Hinunter zum Hof war es nicht besonders weit. Von diesem Fenster aus hätte eine einigermaßen sportliche Person ohne Probleme auf den Müllcontainer springen und verschwinden können.
   Er wandte sich zu Sylvia. »Jetzt erzähl mal«, sagte er. »Wieso sieht dein Zimmer so leer aus? Ist das dein Koffer da draußen?«
   Sylvia wurde blass, und aus ihren riesigen blauen Augen quollen einzelne Tränen und rannen über ihre Wangen. Es war ein herzzerreißender Anblick, und wenn Martin nicht gerade einen Toten gefunden hätte, hätte er unendliches Mitleid mit ihr gehabt.
   »Ich warte«, sagte er. »Oder soll ich lieber gleich die Polizei rufen?«
   Sylvia schniefte. »Ja, der Koffer im Flur gehört mir. Louis wollte, dass ich ausziehe. Erstens, weil sein Bruder nun auch aus Turaluga fliehen konnte und nach Zürich kommen will, und dann hat er noch gesagt, dass es für mich zu gefährlich sein würde. Und das stimmt auch, das siehst du doch selbst!«
   Martin runzelte die Stirn. Bis jetzt machte das alles nicht allzu viel Sinn. »Warte mal – wenn du ausziehen solltest, und dein Koffer schon gepackt ist, warum bist du dann noch nicht weg, und wieso hast du gesagt, dass du deinen Schlüssel vergessen hast?«
   »Ich weiß auch nicht, das ist schwer zu erklären – eigentlich sollte ich erst Ende des Monats ausziehen, aber Louis hat wohl heute alle meine Sachen gepackt, keine Ahnung, warum!«
   »Kennst du den Mann, der da in Louis’ Zimmer liegt?«
   »Nein, natürlich nicht!« Sie schluchzte auf und setzte sich auf das unbezogene Bett. »Ich habe den noch nie vorher nie gesehen, und ich habe auch noch nie vorher einen Toten gesehen, und ich weiß nicht, wo ich heute Nacht schlafen soll.«
   »Also rufen wir jetzt die Polizei.«
   »Nein!« Sylvia sprang auf. »Ich weiß nicht, was der Tote hier zu suchen hatte, und wer ihn umgebracht hat, aber der Mörder sucht bestimmt auch nach Louis, und wenn ich da mit reingezogen werde, dann sucht er auch nach mir und nach dir auch!«
   »Tatsache ist, wir haben keine Ahnung, was hier passiert ist. Die Polizei hat Forensik-Experten, die finden den Mörder, und das ist im Moment das Allerwichtigste. Den können wir nicht einfach frei rumlaufen lassen, damit er weiter Leute umbringen kann.«
   »Wenn wir ganz unauffällig gehen, kannst du irgendwo von einer Telefonzelle einen anonymen Anruf zur Polizei machen. Dann fangen die mit ihren Untersuchungen an, aber wir kommen nicht in die Zeitung, uns passiert nichts, denk doch mal nach! In Turaluga machen sie gerade eine Revolution, das sind keine normalen Kriminellen, dahinter steckt bestimmt eine ganze Organisation. Und die finden dich überall, wenn sie dich erst mal im Verdacht haben, irgendwo mit drinzustecken.«
   »Finden die dich nicht sowieso, wenn du da gewohnt hast?«
   »Na ja, das war nicht so offiziell. Das hatte ich nur mit Louis abgemacht.«
   Für eine junge Frau, die eigentlich vom Anblick des ersten Toten in einem bisher unbeschwerten Mädchenleben völlig traumatisiert sein sollte, hatte Sylvia bemerkenswert konkrete Pläne. Martin beschloss, ihr vorsichtshalber nicht zu trauen. Abgesehen davon hatte sie aber recht – es war vielleicht besser, in der Öffentlichkeit nicht mit diesem Toten in Verbindung gebracht zu werden. Trotzdem war dies eine dumme Situation. Keine, in der man sich gern befinden wollte. Aber dann dachte er wieder an den Toten im Nebenzimmer. Es gab noch ganz andere Situationen, die man gern vermeiden wollte, wenn es irgendwie ging. »Also gut, lass uns gehen. Hier am Stauffacher gibt es ein öffentliches Telefon, und bei dem Gedränge fallen wir bestimmt nicht auf. Alles klar bei dir?«
   Sylvia nickte. »Aber meinen Koffer muss ich mitnehmen – das sieht sonst komisch aus, wenn die Polizei ihn findet.«
   Er griff den Koffer und ging mit Sylvia aus der Wohnung. Die Tür ließ er so angelehnt stehen, wie er sie vorgefunden hatte. Sie hatten Glück – niemand begegnete ihnen im Treppenhaus, und die Telefonzelle am Stauffacher war frei und in Betrieb. Von den vorbeieilenden Passanten schien ihnen keiner Beachtung zu schenken.
   Martin wählte die Notfallnummer und wartete.
   »Hier Notfalldienst der Stadt Zürich, was kann ich für Sie tun?«, meldete sich nach kurzer Zeit eine Frauenstimme.
   Eigentlich hatte er sich die Worte vorher gut zurechtgelegt, aber nun kamen sie ihm irgendwie falsch und künstlich vor. »Hallo, es liegt ein Toter in der Stauffacherstraße 33b im ersten Stock. Bitte suchen Sie nach dem Täter.« Er spürte sein Herz rasen, während er auf eine Reaktion wartete.
   »Wie bitte?«
   Martin war im Begriff, aufzulegen – aber damit, dass jemand ihn nicht verstehen konnte, hatte er nicht gerechnet. Er wollte nicht länger als nötig in dieser Telefonverbindung bleiben. Sollte er das Ganze einfach noch mal wiederholen?
   »Um was für eine Art Notfall handelt es sich? Wo ist der Notfallort?«
   Er hängte den Hörer ein. Bestimmt wurde das Gespräch aufgezeichnet, und die Leute vom Notfalldienst konnten es sich noch mal anhören, falls es beim ersten Mal zu schnell für sie war. Er bemerkte, dass er ins Schwitzen gekommen war. Es war Zeit, diesen Ort zu verlassen. Dabei hatte er das unangenehme Gefühl, etwas nicht erledigt zu haben. Er sollte nicht gehen, es wäre richtiger, zu bleiben und der Polizei zu helfen. Aber jetzt hatte er schon den ersten Schritt in die falsche Richtung gemacht.
   »Hilfst du mir?«
   Er schrak zusammen. Sylvia stand neben ihm, ihren Koffer in der Hand. Sie sah ziemlich blass aus. Irgendetwas sollte er mit ihr anstellen, um herauszufinden, was sie mit Louis zu tun hatte. Sie wusste bestimmt mehr, als sie im Moment zugeben wollte, und ihm war nicht klar, was er von ihr halten sollte. Für eine brutale Totschlägerin hielt er sie nicht – dafür war sie zu klein und zu zierlich, das traute er ihr körperlich nicht zu.
   »Wohin gehst du?« Sie drängte sich an ihn. »Kann ich bei dir übernachten?«
   So nicht. Sie brauchte nicht zu glauben, dass sie sich bei ihm einschmeicheln könnte. Auf der anderen Seite wäre es nicht schlecht, wenn sie tatsächlich für ein paar Tage bei ihm wohnen würde. Dann könnte er ein Auge auf sie haben, und außerdem – mit Erleichterung stellte er fest, dass er auch noch praktisch denken konnte – würde er sie einspannen, die Ausstellung vorzubereiten.
   Ihm war seltsam zumute, als ob sich die Welt plötzlich hinter einer Glasscheibe befände, und er ganz allein draußen stünde. Es kribbelte in seinem Nacken. Das Bild des blutigen Kopfes ließ ihn nicht los.
   Aber so ging das nicht. Er musste sich ablenken, an etwas anderes denken. Schließlich war noch viel zu tun, Louis’ Bilder mussten ausgepackt und aufgehängt werden. Solange nicht klar war, was mit ihm passiert war, wollte Martin mit der Ausstellung so weitermachen wie geplant. Sylvia war Studentin, und Studenten sollten eigentlich reichlich Zeit haben. Sie könnte ihm helfen.
   Die Vernissage sollte in drei Tagen stattfinden, und wenn Louis in Gefahr war, würde er bestimmt nicht in der Galerie auftauchen und überlegen, wo seine Bilder hängen sollten.
   Und zur Schau gestellt werden sollten sie auf jeden Fall: Erstens, weil er sie großartig fand, und zweitens, weil er sich gern aus der Galerie zurückziehen wollte, und Louis’ Kunstwerke wären ein gutes Folgeprojekt. Zu viele Knopf-Bilder in zu vielen Jahren, er fühlte sich ausgebrannt. Das hatte er vorhin schon zu Pia gesagt. Er hatte sein größtes Problem vor ihr ausgebreitet, aber hatte sie dafür auch nur eine Spur von Verständnis gezeigt? Nein, sie hatte noch nicht einmal richtig zugehört. Beim Aufsteigen seines Ärgers über Pia bemerkte er, dass er sich schon wieder etwas besser fühlte.
   »Hey, alles okay bei dir?« Sylvia sah ihn besorgt an.
   Er riss sich zusammen. »Ja, und natürlich kann ich dir helfen, jedenfalls für ein paar Tage. Aber du musst dann auch ein paar Sachen für mich tun.«
   »Klar werde ich mich revanchieren.« Sylvias Blick war schwer zu durchschauen.
   Egal, sie kriegten das schon hin. »Am besten gehen wir erst mal zu mir, das ist nicht weit. Ich wohne in der Ankerstraße gleich neben der Heilsarmee.« Er nahm ihr den Koffer wieder ab, und sie liefen einträchtig nebeneinander die Badenerstraße hoch. »Was studierst du eigentlich?«
   »Ethnologie, im zehnten Semester.«
   Donnerwetter, für so alt hätte er sie nicht gehalten.
   »Und ich habe sogar einen Job als studentische Hilfskraft im Völkerkundemuseum«, fuhr sie stolz fort. »Dadurch habe ich auch Louis kennengelernt, er hatte eine Anfrage an den Kurator der neuen Ausstellung gerichtet.«
   Martin wurde neugierig. »Und der Kurator hat die Anfrage an eine Studentin weitergeleitet? Beantwortet er so etwas nicht selbst?«
   Sylvia lachte. »Nee, er hat viel Wichtigeres zu tun. Die normalen Anfragen sieht er nicht, die landen in einem E-Mail-Fach für die ganze Abteilung, und die Studenten müssen sie abarbeiten. Wir dürfen dann einen Antwortbrief entwerfen und dem Kurator zur Unterschrift vorlegen.«
   Das hörte sich nach einer sehr bürokratischen Abwicklung an. Martin hätte von einer städtischen Einrichtung auch nichts anderes erwartet. Aber etwas war ihm noch nicht klar. »Wenn du nur einen Antwortentwurf machst, wie konntest du dann Louis persönlich kennenlernen?«
   »Du kennst dich nicht mit Verwaltungsarbeit aus, oder?«
   Anscheinend konnte Sylvia ganz schön frech werden, wenn sie nicht mehr in Gefahr war, aber er musste zugeben, dass sie recht hatte. Er verstand von bürokratischen Abläufen wirklich nichts, und ihm war vorher auch noch nie der Gedanke gekommen, dass er daran etwas ändern sollte. »Erklär’s mir einfach.«
   »Also gut – ich hatte eine Rückfrage. Das passiert dauernd. Die Leute schreiben nicht genau auf, was sie wollen, und dann muss man es erst mal mühsam herausfinden. Und Louis spricht zwar gut deutsch, aber er drückt sich nicht verständlich aus. Da sind wir einfach ins Gespräch gekommen, auch über den Wohnungsmarkt in Zürich, und dass ich dringend ein Zimmer suche, und daraus hat sich dann die Wohngemeinschaft ergeben. Louis weiß auch total viel über die Geschichte von Turaluga, und das kann ich alles gut für meine Arbeit gebrauchen.«
   »Handelt die nächste Ausstellung im Völkerkunde-Museum auch von Turaluga?«
   Sylvia sah ihn an, als ob er gerade frisch vom Mars eingetroffen wäre. »Guck dich doch um!«, sagte sie und zeigte auf die Plakatsäule, an der sie gerade vorbeiliefen. »Hier steht es groß und breit: ‚Melanesien – Ahnenkult und Macht‘, wird nächste Woche eröffnet.«
   Martin spürte, wie schon wieder ein Schwall von Ärger in ihm hochstieg. Wieso hatte ihm das keiner gesagt, und wieso hatte Pia das nicht mitbekommen? Als Galerie-Inhaberin hatte sie sich um das Organisatorische zu kümmern. Vielleicht hätte man mit dem Museum zusammen ein Event über Melanesische Kunst organisieren können, und Louis wäre schon mal in Zürich bekannt geworden.
   »Natürlich hätte Louis gern mit dem Völkerkunde-Museum zusammengearbeitet, das wäre mega-toll für ihn gewesen.« Es war, als ob Sylvia seine Gedanken gelesen hätte. »Aber der Kurator sagt immer: Keine Kooperationen mit Privatpersonen, wir dürfen niemanden bevorzugen. Er hat wahrscheinlich Angst, dass ihn jemand für bestechlich halten könnte. Dabei ist Herr Horner so ein absolut toller Mann, das würde ihm nie jemand unterstellen! Er ist gebildet, klug, lebenserfahren …« Sie legte eine kurze Atempause ein, offenbar froh, über ein neues Thema sprechen zu können. »Herr Horner hat über zehn Jahre lang vor Ort in Melanesien bei den Ureinwohnern gelebt und über Stammeskulte geforscht, er ist ein echter Experte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was der alles schon gesehen hat.«
   »Vielleicht kann er uns helfen, Louis zu finden?«
   »Oh, das glaube ich nicht, mit der aktuellen Tagespolitik hat er nichts zu tun. Er ist als Kurator eingestellt worden, als man in den Archiven, die ganz unten im Depot gelagert werden, diese Schenkung von einer Familie Bucher in Zürich aus dem neunzehnten Jahrhundert gefunden hat. Da ist extra dafür eine Stelle geschaffen worden, nur für die Sammlung Melanesien.«
   »Was – man hat eine ganze Sammlung zufällig gefunden? War sie so klein, dass man sie in einer Schublade übersehen konnte?«
   »Du hast keine Ahnung davon, wie die Arbeit in einem Museum aussieht, stimmt’s?«
   »Stimmt.«
   »Da gibt es den katalogisierten Teil der Sammlung, und da gibt es Teile, die noch nicht untersucht worden sind. Bei der Bucher-Schenkung gab es einen Brief der Familie an die Sammlung für Völkerkunde der Universität Zürich aus dem Jahr 1916. Da war die Sammlung gerade neu an die Uni übertragen worden, und der Brief wurde in der Dokumentenabteilung abgelegt. Als sie dann vor zwei Jahren die ganzen alten Dokumente in die neuen säurefreien Ordner umgepackt haben, sind die Briefe zum ersten Mal seit anno dazumal wieder gelesen worden. In dem Bucher-Brief stand, dass die riesige Sammlung im Keller des Hauses zur Abholung bereitsteht. Das war 1916, natürlich, aber als die Leute vom Museum vorsichtig nachgefragt haben, wohnte die Familie tatsächlich noch in derselben Villa, und die Kisten aus der Südsee standen noch im Keller. Kannst du dir das vorstellen?«
   »In der Schweiz ist eben alles sehr nachhaltig«, sagte Martin nach kurzem Nachdenken.
   Sylvia kicherte. »Und jetzt sind wir immer noch beim Auspacken und Katalogisieren, aber schon bei der letzten Kiste angekommen. Bis Freitag müssen wir durch sein. Die Ausstellung ist natürlich schon fertig, aber Herr Horner ist sehr gründlich. Vielleicht finden wir noch etwas ganz Aufregendes, das noch mit rein soll. Ist das nicht spannend?«
   »Sehr.«
   »Ich glaube, Herr Horner nimmt mich noch nicht so richtig ernst. Er hatte ein aufregendes Leben mit vielen Liebesaffären, aber jetzt will er allmählich zur Ruhe kommen, glaube ich. Ich werde ihn noch davon überzeugen, dass ich wichtig für ihn bin.«
   »Wie willst du das machen – ihm Kaffee kochen, Kuchen backen?«
   »Blöde Frage – natürlich nicht, ich werde etwas Wichtiges für ihn herausfinden, für seine Arbeit. Du wirst schon sehen, ich schaffe das.«
   »Klar schaffst du das.« Martin bugsierte Sylvia über die Badenerstraße und bog links in die Ankerstraße ein. »Konntest du Louis helfen in Bezug auf seine schlecht formulierte Anfrage?«
   »Ja, aber es war nicht so einfach. Und als ich ihm einmal geholfen hatte, wollte er immer mehr Dinge wissen, da hatte ich gar keine Zeit, das alles herauszufinden. Das musste ich neben meiner normalen Arbeit machen. Und er hat im Gegenzug nie etwas für mich getan, ich meine, außer, dass ich bei ihm wohnen darf, aber dafür zahle ich schließlich auch Miete.«
   Sie waren an seiner Wohnung angekommen. Als Martin die Tür zu seiner Ladenwohnung aufschloss, schwankte das Metallschild mit der Aufschrift ‚Vorübergehend geschlossen’ an seiner rostigen Kette hinter der Glasscheibe hin und her.
   »Hier wohnst du?« Sylvias Blick auf die schmutzige Tür und die staubigen Fensterscheiben wirkte nicht begeistert.
   Damit hatte sie wohl nicht gerechnet. Diese jungen Mädels taten immer alternativ und spontan, aber eigentlich wollten sie doch lieber schön ordentlich wohnen wie bei Mutti zu Hause, nur dass sie ihre Möbel nicht im teuren Design-Shop, sondern bei Ikea bestellen würden.
   Er trat ins Wohnzimmer, und ein wehmütiges Gefühl kam in ihm auf. Er hatte sich in dieser Wohnung immer wohlgefühlt. Da stand dieser schöne, breite Ledersessel mit der kaputten Sprungfeder hinten links, dann die knallrote Kaffeemaschine, die er aus den Achtzigern herübergerettet hatte, auf den aufgetürmten Bänden von Meyers Kontinente und Meere, und da waren all die anderen Sachen, von denen er nicht mehr genau wusste, was sie eigentlich darstellten, die wiederzuentdecken sich aber sicher lohnen würde. Wollte er das wirklich alles hinter sich lassen und sein Glück in Paris versuchen, wie er es sich schon lange vorgenommen hatte? Es war so bequem und vertraut hier. Alles befand sich dort, wo er es brauchte. Die Einrichtung umhüllte ihn mit ihrer Gemütlichkeit, jedes Ding fügte sich in die Atmosphäre ein, die er zum Entspannen brauchte.
   »Komm rein«, sagte er zu Sylvia. Ihm kam gerade ein glänzender Gedanke. Wenn es ihr hier nicht sauber genug war, konnte sie gern ein bisschen putzen. Gleichzeitig fiel ihm ein, wie lustig es wäre, wenn er Pia mit diesem frauenfeindlichen Gedanken provozieren könnte. Er stellte sich ihr entsetztes Gesicht vor und lachte innerlich, bevor er sich erinnerte, dass sie zurzeit ziemlich sauer auf ihn war. Bestimmt dauerte es ein paar Tage, bis sie sich wieder beruhigt hatte.
   Dann fiel ihm noch etwas anderes ein, was er lieber vergessen hätte. Gerade eben hatte er fast danebengestanden, als ein Mord passierte. Und er durfte niemandem sagen, was er gesehen hatte, weder Pia noch seinen engsten Freunden und Bekannten, weil er sie dadurch auch in Gefahr bringen konnte. Die einzige Person, mit der er sich darüber austauschen konnte, war eine leicht zickige Studentin, deren Absichten ihm noch unklar waren. »Du kannst deinen Koffer dort drüben in die Ecke legen.«
   Sie starrte mit zusammengekniffenen Augen auf die Stelle neben ein paar Zeitschriftenstapeln, die er ihr gezeigt hatte, und warf ihren Koffer entnervt auf den Boden.
   »Die Ecke ist total staubig, da werden meine Klamotten dreckig! Hast du nicht irgendwo ein sauberes Zimmer?«
   Der Koffer knallte auf den Holzfußboden und sprang auf. Ganz oben auf dem Kleiderstapel lag ein großes Bild, eine knallbunte Kollage mit aufgeklebten kleinen Steinen, Stofffetzen und zerschnittenen Handschriften.
   Martin erkannte sofort eine Arbeit von Louis Atare. »Wie kommst du zu diesem Bild?«

6
Brief des Kurators Alois Bucher an seinen Freund Gottlieb Hasler in Zürich, 1889

27. Mai 1889: Als ich vorhin die Feder niederlegte, dachte ich, meinen Bericht an dich erst morgen fortzusetzen, aber in der Zwischenzeit sind dermaßen entsetzliche Dinge geschehen, dass ich mich nicht zur Ruhe legen kann, ohne sie vorher zu Papier gebracht zu haben. Ich werde sie dir ganz im Detail schildern, damit du dir ein recht lebendiges Bild machen kannst von der schrecklichen Situation, in der wir uns hier befinden.
   Am frühen Abend erhielten wir eine Einladung zu einem Empfang in der Hütte des Häuptlings. Diese Einladung wurde uns von einer Abordnung von Dorfbewohnern in gebrochenem Englisch übermittelt, mit einer gewissen Dringlichkeit, die sich darin äußerte, dass wir am Arm gepackt und zum Hafen gezerrt wurden. Da wir die Absichten unserer Gastgeber noch als harmlos einschätzten, machten wir gute Miene zu diesem seltsamen Spiel. Jedes der fünf Mitglieder unserer Expedition wurde von einem Einheimischen geleitet, bekleidet mit einem weißen Lendenschurz, der eine Art Drahtschleife über der Schulter trug. Mein erster Eindruck war, dass es sich dabei um eine Art Rangabzeichen handelt.
   Das hölzerne Haus des Häuptlings ist reich verziert. Es steht auf Stelzen im Meer, ein Stück außerhalb des Dorfes. Wir mussten im Gänsemarsch über einen dünnen Steg gehen, der nur aus einem Baumstamm bestand, jeweils ein Expeditionsmitglied und ein Führer hintereinander. Als wir die Hütte betraten, wurden wir zu meiner Überraschung jedoch nicht wie Gäste behandelt, sondern von unseren Begleitern grob von hinten gepackt. Jeder von uns hatte plötzlich eine Drahtschlinge um die Gurgel, die gegen den Kehlkopf drückte – nicht schmerzhaft, aber spürbar.
   Die Hütte war schummrig, nur durch einige Schlitze zwischen Dach und Wänden fiel etwas Licht herein. Soweit ich es erkennen konnte, war sie vollständig mit grob bemalten Fratzen aus geschnitztem Holz ausgekleidet. Im hinteren Teil, gegenüber dem Eingang, saß der Häuptling auf einem thronähnlichen Rattanstuhl und schwieg. Um seine Hüften hatte er ein glänzendes Tuch geschlungen, das mich an die Damasttischdecken meiner Mutter erinnerte, und seine feierliche Erscheinung wurde ergänzt durch ein kreisrundes Amulett aus poliertem Perlmutt, das aussah wie ein weit aufgerissenes Auge mit zwei Pupillen. Es mutete seltsam an, dass dieser massige Mann sein langes glattes Haar zu einem Knoten hochgesteckt trug, ähnlich wie eine europäische Frau. Diese zierliche Haartracht stand in direktem Widerspruch zu seinen groben Gesichtszügen, besonders der breiten platten Nase. Ich kann selbst im Nachhinein nicht sagen, was mir schrecklicher vorkam: die drohende Schlinge um meinen Hals, die Nähe eines halb nackten Mannes, der sich an meinen Rücken drängte, das brutale Gesicht des Häuptlings oder der Anblick der Tiergrimassen auf den bunten Schnitzbildern, die mir im Halbdunkel von den Wänden entgegengrinsten.
   Der Zeichner Georg Ampers, dessen Konstitution sich schon während der langen und anstrengenden Seereise geschwächt hatte (er litt noch stärker unter der Seekrankheit als ich), sackte zusammen und glitt zu Boden. Glücklicherweise ließ sein Bewacher die Drahtschlinge rechtzeitig los, sonst wäre Herr Ampers vor unser aller Augen garrottiert worden.
   Daraufhin fasste sich Herr Reinhold ein Herz und fragte den Häuptling, den er als Wei-Ani ansprach, auf Englisch, warum er uns in dieser feindlichen Weise begrüßte.
   Die Antwort von Wei-Ani fiel wortkarg und unwillig aus.
   Er habe keine Wahl, wir selbst hätten uns diese Behandlung zuzuschreiben. Ins Deutsche übersetzt und zusammengefasst (Wei-Ani schien beim Sprechen zwischendrin immer fast einzunicken, was kein Wunder war bei der infernalischen Hitze), lauteten seine Worte:
   »Der Lagerplatz, den ihr gewählt habt, ist Tabu. Duk-duk hat das Tabu bestimmt. Ihr habt das Tabu gebrochen. Dafür bezahlt ihr mit dem Leben. Der böse Geist muss besänftigt werden.«
   Vergeblich wies Herr Reinhold darauf hin, dass der Häuptling selbst den Platz für unsere Unterkunft ausgesucht hatte. Die Antwort war immer die gleiche.
   »Das Opfer muss gebracht werden, um den unsteten Geist zur Ruhe zu bringen. Wir sollen im Einklang leben mit den Geistern der Vorfahren, denn sie sind immer mitten unter uns.«
   Herr Reinhold bot an, dass wir auf einen anderen Platz umziehen könnten.
   »Zu spät«, antwortete der Wei-Ani. »Das Tabu ist gebrochen, das Verbrechen vollzogen.«
   Die Luft wurde immer heißer und stickiger. Der Raum war mit stark duftenden Orchideen geschmückt, aber in deren Geruch mischten sich zunehmend unangenehmere Duftnoten.
   Wir Schweizer sind praktisch veranlagte Menschen, was sich in vielen Lebenslagen auszahlt. Also fragte ich mich nach dem Grund, warum sich der Häuptling so viel Mühe machte, um uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, uns einfach auf der Stelle umzubringen und unsere Besitztümer an sich zu nehmen.
    »Gibt es noch eine andere Art von Opfer, die den Geist beschwichtigen könnte?«, fragte ich den Häuptling.
   Er schloss die Augen, legte seine rechte Hand auf sein Perlmutt-Amulett und schien in Trance zu versinken.
   Nach einer Weile stand er auf. »Der Geist benötigt Nahrung, Kleidung und Schmuck, um sich über das gebrochene Tabu zu trösten. Wenn er ausreichend beruhigt ist, wird er in seiner Großzügigkeit auf ein Menschenopfer verzichten.«
   An diesem Punkt schaltete sich Herr Reinhold wieder ein, der offenbar befürchtete, seinen Status als Sprecher der Gruppe zu verlieren. »Wie groß müsste das Opfer sein?«
   »Sehr groß, denn es wurde ein großes Tabu verletzt.«
   »Wir haben auf unserer Fahrt bei einem starken Sturm große Teile unserer Ladung verloren. Im Moment besitzen wir nur unsere nötigsten Kleider und Zelte, dazu ein paar Kisten Konserven und ein Dutzend Äxte zum Roden des Waldes.«
   »Ich habe gesehen, dass ihr mit wenig Gepäck gekommen seid. Das Wenige wird den Geist nicht zufriedenstellen.«
   »Wenn wir mit dem Opferritual noch ein paar Tage warten können, können wir das Problem lösen. Wir haben schon von vor einiger Zeit ein deutsches Handelsschiff mit Proviant, Stoffen und Werkzeugen bestellt, das in Kürze hier eintreffen wird.«
   Der Häuptling schwieg.
   »Außerdem wird in einem Monat eine Expedition von der University of Sydney zu uns stoßen, die Handelswaren zum Tausch und diverse Geschenke mit sich führen wird.«
   Nach einer längeren Pause gab der Häuptling ein Zeichen, und unsere Bewacher lösten die Drahtschlingen von unseren Hälsen und traten zurück. »Das Opferritual findet statt, wenn das erste Schiff eintrifft. Geht in euer Lager zurück.«
   Das waren Wei-Anis Abschiedsworte. Wir waren froh, aus der Hütte herauszukommen. Herrn Ampers mussten wir allerdings tragen, was sich auf dem schmalen Steg sehr schwierig gestaltete. Schließlich rutschten wir aus und fielen mit ihm ins Meer, und wir mussten ihn durch das brusthohe Wasser an Land schleppen. Keiner der Eingeborenen bot uns seine Hilfe an.
   Als wir uns unseren Zelten näherten, hatte ich den Eindruck, als wenn uns jemand aus dem Unterholz beobachtete. Es raschelte, und ich glaubte einmal, schwarze Augen blitzen zu sehen. Aber wahrscheinlich handelte es sich nur um ein Tier, vielleicht einen Laufvogel. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mich mit der einheimischen Fauna bekannt zu machen, und in Anbetracht der Lage, in der wir uns befinden, ist es fraglich, ob ich noch die Muße dazu haben werde. Ich schließe meinen Bericht für heute in der Hoffnung, dass ich morgen noch am Leben sein werde, um ihn fortzusetzen.

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20 Minuten, 02.09.2015, Seite 7 – Ausland

Amulett-Magie – Schwindel oder Wahrheit?
   Machtkampf in Melanesien

TURALUGA CITY. »Ich habe das Amulett, und ich habe die Kraft der Ahnen!«, verkündete Emoni, der abgesetzte Diktator von Turaluga, gestern um 20:30 Uhr Ortszeit im Fernsehen. Er hatte den staatlichen Sender vorübergehend unter seine Kontrolle gebracht.
   Ein Jahr nach den ersten demokratischen Wahlen in Turaluga brodelt es im Volk. Seit Wochen gibt es blutige Straßenschlachten zwischen den aufständischen Anhängern von Emoni und den Regierungstruppen.
   Der abgesetzte Diktator von Turaluga hat angekündigt, dass er das historische Amulett des Herrschers besitzt. Das Amulett galt lange als verschollen. Emoni will am Sonntag, dem turalesischen Nationalfeiertag, mit dem Original-Amulett vor das Volk treten. Es gibt ein traditionelles Ritual, bei dem der Zauber des Amulettes getestet werden kann. Das Ritual heißt »Das Zittern der weisen Frau«. Es gibt aber seit über fünfzig Jahren auf Turaluga keine traditionell ausgebildeten »weisen Frauen« mehr. Emoni wird Schwierigkeiten haben, die Echtheit zu beweisen.
   Gegen Mitternacht Ortszeit konnte die Armee die Fernsehstation zurückerobern. Emoni hält sich nach Berichten informierter Kreise wieder im Untergrund auf.
   Eine Erklärung des amtierenden Präsidenten Tarigu, der vor Aberglauben und Rückständigkeit warnte, wurde von der Bevölkerung mit Buh-Rufen begrüßt.
   Der Schweizer Robert K.* nimmt zurzeit an den Internationalen Lianen-Schwingkämpfen in Turaluga teil. »Die Leute glauben hier alle, dass sie von internationalen Konzernen übers Ohr gehauen worden sind, und sie wollen ihr Land wiederhaben«, sagt er. »Das wird noch jede Menge Ärger geben – sobald der Wettkampf zu Ende ist, bin ich hier weg!«

* Name der Redaktion bekannt

8
Pia konzentriert sich auf ästhetisches Empfinden

Im Ausstellungsraum nebenan rumorten zwei Polizisten, die den Umriss des toten Körpers auf dem Boden markieren wollten. Pia fühlte sich, als würde sie ungefähr einen Meter über dem Boden balancieren, auf einer luftigen Watteschicht, die jederzeit unter ihr wegrutschen konnte. Außerdem war ihr hundeübel. »Kann ich mir bitte eine Tasse Tee aufbrühen?«
   Niemand nahm von ihr Notiz. Anscheinend war sie unsichtbar. Vorsichtig machte sie einen Schritt nach vorn zur Küchenecke hinter dem Tresen, aber ein fester Griff am Arm hielt sie zurück.
   »Was glauben Sie, wo Sie da hingehen? Dieser Bereich der Galerie ist für Ermittlungsarbeiten gesperrt, das habe ich Ihnen eben schon erklärt.« Der Polizist sah ungeduldig aus wie jemand, der am späten Freitagnachmittag noch mal zum Einsatz gerufen wurde, obwohl er eigentlich früher loswollte, um seiner Frau beim Einkaufen zu helfen und einen Gute-Tat-Bonus für den Rest der Woche abzusahnen, damit er am Samstag zum Fußballspielen gehen durfte. »Sie können froh sein, wenn wir die Galerie nicht für morgen schließen«, fügte er hinzu. »Ich weiß nicht, ob die Kollegen von der Spurensicherung noch kommen werden. Es könnte knapp werden.«
   »Mir ist schlecht«, sagte Pia.
   »Hätten Sie das nicht sagen können, als die Sanitäter noch da waren? Warten Sie, die Kollegen sind noch auf der Straße vor dem Rettungswagen, ich rufe sie zurück.« Er führte sie zu einem der Besucherstühle. »Setzen Sie sich am besten da hin, ich bin gleich wieder da. Und nehmen Sie den Kopf zwischen die Knie, das hilft.«
   Pia blieb aufrecht sitzen, während er nach draußen ging. Es war eigenartig, die Rezeption einmal von der Kundenseite aus zu betrachten. Der Raum wirkte viel größer. Den Acrylständer mit den Hochglanzbroschüren sollte sie etwas niedriger hängen, damit die Kunden ihn auch im Sitzen erreichen konnten. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass der beigefarbene Tresen über dem hellblauen Teppichboden sehr elegant aussah. Weniger elegant waren die breiten weiß-rot-gestreiften Plastikbänder, mit denen der Küchenteil des Empfangsraums abgesperrt worden war, in dem sie dem verstorbenen Herrn Runami seinen Espresso zubereitet hatte.
   Außerdem störte noch etwas, und es brauchte eine Weile, bis sie bemerkte, was es war. Eine winzige, rot leuchtende Pyramide lag mitten auf dem klaren Blau des Teppichs. Sie sah wertvoll und strahlend aus, ein Kleinod auf einem weiten Himmelspolster. Pia beugte sich zu diesem seltsamen Gegenstand hinunter. Nein, natürlich nicht, dies war kein Rubin, wie dumm von ihr, auch nur daran zu denken. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Art Hustenbonbon, kein Ricola, die waren oval, sondern eine fremde Marke. In dieser Galerie sollte kein Schmutz herumliegen. Sie nahm das Bonbon mit spitzen Fingern auf. Komisch, hatte sie es heute Morgen beim Staubsaugen übersehen? Vielleicht hatte es einfach nicht durch die Düse gepasst. Glücklicherweise hatte es keine Spuren hinterlassen. Es fühlte sich klebrig an. Angewidert wickelte sie das Ding in ein Papiertaschentuch und steckte es in ihre Jackentasche. Wenn sie an einem Mülleimer vorbeikam, würde sie es wegwerfen, aber im Moment war der Küchenbereich ja noch abgesperrt.
   Warum kam nicht irgendjemand vorbei, um sie zu trösten? Eben hatte sie sogar ihren Stolz überwunden und Martins Nummer angerufen, aber es meldete sich nur seine Mailbox, da hatte sie gleich wieder aufgelegt. So eine Katastrophe konnte man nicht einfach einer Mailbox anvertrauen, schon gar nicht, wenn es viel zu erklären gab.

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