Bernadette Meyfarths Leben gerät ins Wanken, als sie von dem angeblichen Unfall ihrer Schwester Diana auf dem Fühlinger See in Köln erfährt. Doch da nirgendwo ihre Leiche auftaucht, verfolgt Hauptkommissar Gereon die Angelegenheit routinemäßig und halbherzig. Nur Jungpolizist Klaus Behringer schenkt ihr Gehör und versucht, ihr dabei zu helfen, etwas über den Verbleib ihrer Schwester herauszufinden. Eine erste Spur führt zur Kölner Universität, wo sich angeblich tolerante Studentinnen auf anonymen Sexpartys der Oberschicht ein beachtliches Zubrot verdienen. Währenddessen wird Diana von einem unbekannten Psychopaten in einem umgebauten Kriegsbunker gefangen gehalten, in dem sich auch noch andere Personen befinden. Nach und nach muss jeder von ihnen eine grausame Prüfung ablegen. Eine Prüfung, bei der es um Leben und Tod geht …

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ISBN: 978-9963-53-956-7

Seiten: 272

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Peter Splitt

Peter Splitt
Peter Splitt wurde 1961 in Remscheid geboren und verbrachte seine Kindheit im Bergischen Land. Nach einer technischen sowie kaufmännischen Berufsausbildung wechselte er in die frühere Bundeshauptstadt Bonn und erlangte dort Sprachdiplome in Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Neben Musik, Literatur und Antiquitäten wurden Reisen in ferne Länder zu seiner großen Leidenschaft. Besonders Lateinamerika mit seinen Menschen und Gebräuchen sowie den Jahrtausende alten Hochkulturen finden immer wieder seine Begeisterung. Unter dem Motto: „Vom Rheinland und der Eifel in die weite Welt“ schreibt er Abenteuergeschichten, Thriller und spannende Krimis aus der Region. Er hat sich damit auf dem Literaturmarkt bereits einen Namen gemacht. Zurzeit schreibt er an einer spannenden Geschichte, die während des Zweiten Weltkrieges in Argentinien spielt.

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Prolog
Sonntag, 17. August 2014 – 21:45 Uhr

»Belgisches Viertel«, verkündete der Taxifahrer. »Wir sind gleich da.«
   Diana öffnete ihre Handtasche, entnahm einen Taschenspiegel und überprüfte ihr Make-up. Alles war perfekt. Sie holte die Maske hervor, die sie für diesen Abend vorbereitet hatte.
   Neben ihrem Studium arbeitete sie als Hostess, und natürlich wollte sie unerkannt bleiben. Nicht, dass sie irgendwann einmal vor einem ihrer Professoren stand … Sie lachte in sich hinein.
   Zwei Minuten später waren sie am Ziel.
   Während sie auf das Haus mit der Nummer 22 zuging, betrachtete sie das Gebäude.
   Von außen wirkte es schlicht. Der Eigentümer wollte kein großes Aufsehen erregen. Diana betätigte die Klingel. Im Hintergrund ertönte ein tiefer Gong. Oberhalb der Tür bewegte sich eine Kamera. Während sie wartete, erinnerte sie sich an eine ganz besondere Party, an der sie bereits in diesem Haus teilgenommen hatte. Damals war sie als Schneewichten gegangen, ihr Gastgeber als Zorro.
   Jemand betätigte die Sprechanlage. »Das Kennwort, bitte«, sagte eine monotone Stimme.
   »Adel verpflichtet«, antwortete Diana und bestätigte das Codewort, das ihr vom Gastgeber übermittelt worden war. Sie hatte ihn noch niemals zu Gesicht bekommen, denn er trug stets eine Verkleidung wie die anderen Gäste.
   Die Tür öffnete sich, und Diana betrat das Haus. Das Innenleben war ganz anders, als man es aufgrund der äußeren Fassade erwarten durfte. Der Eigentümer hatte es seinen extravaganten Wünschen angepasst. Allein die Ausmaße des Wohnzimmers verschlugen jedem neuen Besucher die Sprache. Mit mehr als hundert Quadratmetern übertraf es alles, was die meisten bisher gesehen hatten. Eine exklusive Auswahl an Antiquitäten und teuren Teppichen auf blitzblank geputzten Marmorböden vermittelten den Eindruck von Wohlstand und Vermögen.
   »Was haben wir denn da für ein hübsches Kätzchen?«, begrüßte sie eine angenehme, männliche Stimme, die sie sofort erkannte.
   Diana drehte sich um und blickte in das Gesicht eines Dobermanns. Es war natürlich eine Maske. Sie gehörte zu ihrem Gastgeber.
   Zum Dank für das Kompliment machte sie einen Knicks und öffnete gleichzeitig ihren Mantel. »Ich hoffe, das hier wird Ihnen noch besser gefallen«, erwiderte sie und lächelte kokett.
   Der Gastgeber nahm ihr den Mantel ab. Darunter trug sie einen schwarzen, hautengen Hosenanzug und rote Pumps mit hohen Keilabsätzen. Ihr Gesicht versteckte sie hinter einer Katzenmaske.
   »Freut mich sehr, dass du kommen konntest. Du siehst zum Anbeißen aus«, sagte ihr Gastgeber, nahm sie bei der Hand und führte sie mit sich fort.
   Die Party war bereits seit ein paar Stunden im Gange. Die Gäste tanzten, tranken und flirteten, was das Zeug hielt. Diana bemerkte, wie sich Pärchen bildeten. Auf einem Sofa verführten zwei Herren, maskiert als Obama und Putin, eine Frau mit einer Maske der Bundeskanzlerin. Ein Typ mit einer Berlusconi-Maske filmte die Aktion.
   Hinterm Wohnzimmer befand sich der berühmte Springbrunnen. Diana erinnerte sich noch sehr gut an dessen Inhalt: Fruchtbowle mit Zusätzen. Bei ihrem Besuch im letzten Jahr hatte sie einen Schluck davon getrunken, sich dann aber entschlossen, doch besser beim Mineralwasser zu bleiben. Eine ihrer Prinzipien lautete: Immer schön nüchtern bleiben. Dann weißt du auch, was du tust.
   Damals hatte sich die Party prächtig entwickelt. Vor allem, als sie Peter kennenlernte, einen sehr angenehmen Zeitgenossen. Er war großzügig und zuvorkommend gewesen, und sie hatte den Rest der Nacht mit ihm in einem Hotel verbracht. Viel von ihm hatte sie allerdings nicht in Erfahrung bringen können, nur, dass er verheiratet war. Danach hatten sie sich noch ein paar Mal getroffen, aber dann war die Sache irgendwie eingeschlafen. Wie oftmals war es nur eine Bettgeschichte gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Seitdem hatte es kein Fest mehr in dieser Größenordnung gegeben, doch die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte bestens, und nun hatte sich wieder eine frivole Menge zusammengefunden, um eine ausschweifende Party zu feiern.
   Hoffentlich lernte sie wieder einen netten Mann kennen.
   Diesmal hatte der Gastgeber überall Bildschirme aufgestellt, auf denen schmutzige Filme liefen, selbst draußen auf der Terrasse. Und selbstverständlich war auch der Fruchtbowlen-Springbrunnen wieder im Einsatz. Die meisten der Gäste standen bereits unter Alkoholeinfluss. Hinter den Masken konnte man sich wunderschön verstecken, wenn man die Sau rauslassen wollte.
   Ein Mann mit einer Piratenmaske starrte sie an. Als Diana in ein anderes Zimmer ging, schlich er ihr nach. Als sie sich umdrehte, stand er plötzlich vor ihr, und sie sah durch die Augenschlitze der Maske seine Augen: hellblau und eiskalt.
   Sie fröstelte. Schnell drehte sie sich um und hielt Ausschau nach jemandem, mit dem sie sich unterhalten konnte, aber es gab niemanden, der so war wie Peter im vergangenen Jahr - charmant und witzig.
   Gegen 23:00 Uhr war Diana die Einzige, die noch ohne fremde Hilfe aufrecht stehen konnte. Ein Mann mit einer Affenmaske lag schnarchend unter einem antiken Holztisch. Seine Hose war verschwunden, dafür hatte jemand sein bestes Stück rot angemalt. Die meisten der kostbaren Möbelstücke waren zur Seite geschoben worden. Überall standen halb volle Gläser und Becher mit Fruchtbowle herum. Reste von Gebäck und Lachsschnittchen schmückten sich mit Konfetti und Luftschlangen. In den Salatschüsseln schwamm alles Mögliche, nur kein Salat. Es sah aus wie flüssige Pizza.
   Diana suchte weiter nach einem geeigneten Kandidaten, aber es wollte sich keiner finden. Entweder waren die Typen betrunken und vulgär, oder aber bereits besetzt.
   So, wie die Dinge lagen, wurde es heute wohl nichts werden mit einer guten Partie. Der richtige Zeitpunkt war gekommen, um sich unbeobachtet aus dem Haus zu schleichen. Sie erinnerte sich an die beiden schmalen Türen, die dicht nebeneinanderlagen, und von denen eine hinaus auf die Terrasse führte. Sie tat genau zwei Schritte in besagte Richtung, als sich von hinten ein gewaltiges Gewicht auf sie senkte. Sie wirbelte herum.
   Ein übergewichtiger Bursche mit einem Löwenkopf versuchte, seine Arme um sie zu schlingen. »Hi«, sagte er und drückte sie an sich. »Isch bin de Leo.«
   Diana hatte alle Mühe, ihn fernzuhalten. »Ich wollte gerade gehen, trinken Sie doch noch einen.«
   Leo rülpste. »Isch will nischs su drinken«, lallte er. »Nur ma so Hallo sagen. Du bisssu süß. D… das wollte ich dir nua sagen.«
   »Vielen Dank«, erwiderte sie, während sie weiterhin versuchte, den Löwen abzuschütteln. »Ich glaube, du brauchst dringend frische Luft, Leo«, krächzte sie in der Hoffnung, dass er verstand und dahin verschwand, wo er hergekommen war.
   Tat er aber nicht, sondern klammerte sich noch fester an sie, während sie panisch versuchte, nach hinten auszubrechen. Durch den Mundschlitz sah sie seine sabbernde Zunge, die sich nach außen schob, während er sie rückwärts auf die Veranda drückte.
   Ein eng umschlungenes Paar stand in der hinteren Ecke, fest an das schmiedeeiserne Geländer gepresst. Eine Frau hinter einer Vampirmaske kicherte und ließ ihre Hand im Hosenschlitz des Mannes verschwinden. Danach zog sie ihn mit sich in die Dunkelheit des anliegenden Gartens. Dort verwandelte sich der Klang des Kicherns allmählich zu einem Laut des Schleckens -und Stöhnens.
   »Willst du dich nicht setzen?«, schlug Diana hoffnungsvoll vor.
   »Nein«, sagte Leo und zog sie mit einer Kraft zu sich hinunter, die dem doppelten ihres Gewichts zu entsprechen schien. »Isch will mit dir bumsen.«
   »Äh, nun …«, wollte sie angesichts seiner geballten Unverschämtheit erwidern, da sackte er plötzlich in sich zusammen. Der Alkohol hatte ihm den Rest verpasst.
   Gott sei Dank!
   Sie versuchte erst gar nicht, ihn aufzufangen und vor einem Sturz zu bewahren. Erleichtert lehnte sie sich gegen das Geländer und atmete tief durch.
   Die Luft war klar und sauber, und es war immer noch warm hier draußen und allemal angenehmer als in der gerammelt vollen Bude mit dem Gestank nach Zigaretten, Schweiß und Alkohol. Das war es nicht, was sie gesucht hatte. Einen zahlungskräftigen Verehrer, warum nicht, aber bei den vielen Schnapsleichen da drinnen konnte man nicht einmal eine vernünftige Unterhaltung führen. Außerdem hatte jemand diese riesigen Lautsprecher aufgestellt, aus denen laute Discobeats dröhnten und jegliche Konversation von vornherein unmöglich machten. Und dafür hatte sie sich extra in Schale geworfen.
   Sie strich über ihren hautengen Hosenanzug und überlegte, was sie stattdessen noch unternehmen konnte.
   Die hintere Tür quietschte, und Diana drehte sich um. Zum Glück war es nicht Leo, der sich erholt hatte, sondern ein weiteres Pärchen, das bis auf die Masken kaum noch etwas anhatte und ebenfalls in Richtung der schützenden Dunkelheit des Gartens verschwand.
   Dianas Füße schmerzten in den neuen Schuhen mit den hohen Keilabsätzen, und so überließ sie Leo seinem süßen Schlaf mit den taufeuchten Träumen von Liebe und ging wieder ins Haus.
   »Juhu, die Stripperinnen sind da«, tönte es ihr entgegen.
   Auch das noch. Blieb ihr denn heute wirklich nichts erspart?
   Die erste Tänzerin, eine resolut wirkende Rothaarige mit einer Augenblende, begann sich hin und her zu schlängeln, während sie sich einiger unnötiger Kleidungsstücke entledigte. Als sie fast nackt war, setzte sie sich auf den Schoß eines männlichen Gastes und leckte an seinem Ohrläppchen. Während sie mit dem Po wackelte, zwang sie den Kopf des betrunkenen Mannes zwischen ihre Brüste, bog ihren Rücken durch und sprang nach hinten weg. Eine vollbusige Blondine wiederholte den Vorgang, beugte sich allerdings dabei so weit vor, dass ihre Brüste über sein Gesicht strichen. Der Mann versuchte, nach ihnen zu grapschen, war aber viel zu voll, um einen Treffer zu landen. Also versuchte er es erneut, grölte etwas in die Menge und schnalzte mit der Zunge. An dieser Stelle brachte der Gastgeber jeder Tänzerin ein Glas Fruchtbowle, das sie rhythmisch wackelnd tranken.
   Großer Gott! Brauchten Männer wirklich so etwas? Vorsichtig drängte sich Diana an der Meute vorbei, ging auf die Haustür zu und wurde prompt wieder aufgehalten.
   Diesmal vom Hausherrn, der sie zurück ins Haus bugsierte. »Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, hübsche Frau?«, fragte er, ohne eine Spur betrunken zu klingen.
   »Ihre Party ist wirklich wunderbar, aber ich muss leider …«
   »… etwas trinken«, sagte er schnell, hielt einen Becher in den Springbrunnen und stieß ihn ihr entgegen, sodass etwas Bowle auf ihre Seidenbluse schwappte.
   Er hielt sein Glas hoch, prostete ihr zu und trank es in einem Zug aus. Zu ihrem Glück bescherte ihm das Getränk einen Hustenanfall, und es gelang Diana, sich abzusetzen, als er sich zusammenkrümmte und nach Luft schnappte.
   Sie ging nach draußen, warf die lächerliche Maske in einen Müllcontainer und lief über die Straße. Der Abend kam ihr wie eine Niederlage vor. Erst, als sie sich etwas entfernt hatte und die Musik zu einem leisen Surren verklungen war, wurde ihr bewusst, dass es bereits später war, als sie angenommen hatte. Sie blickte sich um, aber no way! Eine Rückkehr kam nicht infrage. Also stöckelte sie weiter die Zufahrtsstraße entlang in Richtung Zentrum.
   Plötzlich flatterte etwas über ihren Kopf hinweg. Ein Schwarm schwarzer Vögel stieg in den Himmel. Brr …, grausig!
   Ihre Schritte auf dem Asphalt kamen ihr ungewöhnlich laut vor. Mit ihren hohen Absätzen musste sie aufpassen, wohin sie trat. Schon kam die erste Häuserreihe in ihr Blickfeld. Die Häuser standen ein Stück zurückgesetzt von der Straße. Nur hier und da brannte Licht. Ein Wagen kam mit quietschenden Reifen auf sie zu. Diana zuckte zusammen. Sie konnte sich gerade noch an einem Laternenmast festhalten. Die jungen Typen in dem voll besetzten Wagen grölten ihr durch die geöffnete Fensterscheibe etwas zu. Dann spurtete der Wasgen davon. Sie war wieder allein.
   Und wieder schallte nur das Klacken ihrer Absätze durch die Nacht. Sie hatte nur noch eine kurze Strecke vor sich bis zum Busbahnhof. Vielleicht wäre es besser, doch ein Taxi zu rufen. Sie tastete nach ihrem Handy, da ließ sie das Geräusch eines weiteren Wagens aufhorchen. Dieser fuhr deutlich langsamer. Diana drehte sich um. Zwei Scheinwerferlichter kamen auf sie zu.
   Sie beschleunigte ihre Schritte und ignorierte den Schmerz ihrer Füße in den neuen Schuhen. Eine dunkle Limousine fuhr langsam an ihr vorbei. Sie versuchte, möglichst unauffällig hineinzuschauen, konnte jedoch den Fahrer nicht erkennen. Er bremste an dem Stoppschild weiter vorn.
   Verdammt! Warum bog er nicht ab? Ihre Muskeln verkrampften. »Nun fahr schon endlich weiter, du Idiot.«
   Als sie das Handy aus ihrer Handtasche hervorzerrte, wurde das Motorengeräusch lauter, und der Wagen bog um die Kurve und verschwand.
   Sie blickte hinter ihm her und kam sich selten dämlich vor. »Jetzt leide ich schon unter Halluzinationen«, murmelte sie, behielt das Telefon aber fest in ihrer Hand. Sie ging schneller und überquerte die Straße. Genau dort, wo der Wagen zuvor angehalten hatte. Ihre Füße brannten, doch sie drosselte ihr Tempo nicht. Auf der linken Straßenseite lag das neue Einkaufszentrum mit Filialen von Lidl und Aldi. Tagsüber tummelte sich hier das Leben, jetzt jedoch lag alles verlassen da. Sie fröstelte, blieb stehen und wählte die Nummer der Taxizentrale.
   Nichts tat sich.
   Ein Funkloch! So ein Mist! Sie musste weitergehen.
   Wieder beschlich sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie lief noch schneller. Am Rande des Einkaufszentrums war niemand, bloß ein Wagen. Komisch, der war ihr zuvor nicht aufgefallen. Großer Gott, war das etwa derselbe Wagen wie vorhin?s
   Diana rannte los. Der Wagen kam näher. Mit der linken Hand wählte sie den Notruf und hielt sich das Handy ans Ohr. Verdammt! Da war kein Piepton, kein Freizeichen, nichts. Das Display zeigte an, dass der Apparat nach einem Netz suchte.
   Der Wagen fuhr langsam neben ihr her. Der Fahrer spielte offensichtlich mit ihrer Angst. Sie hielt ihr Handy vor den Mund und tat so, als ob sie telefonieren würde. Da beschleunigte der Wagen und verschwand in der Dunkelheit vor ihr.
   Nur noch ein kleines Stück. Hinter dem Einkaufszentrum bauten sie ein paar hohe Gebäude. Wenn sie daran vorbei war, bekam sie bestimmt wieder eine Verbindung.
   Das Licht der Straßenlaterne flackerte. Irgendetwas stimmte nicht mit der Birne.
   Als sie an der Baustelle vorbei war, piepste ihr Handy. Endlich hatte das Ding wieder ein Netz gefunden. Erleichtert wollte sie wählen, als sich wie aus dem Nichts eine Hand um ihr Handgelenk schloss. Es schmerzte. Sie öffnete ihre Hand, das Handy fiel zu Boden. Dianas Schrei erstickte. Die andere Hand des Unbekannten presste ein stinkendes Tuch auf ihr Gesicht. Alles um sie herum drehte sich, ihr wurde schwarz vor Augen.

Kapitel 1
Montag, 18. August 2014 - 03:30 Uhr

Polizeihauptkommissar Gereon donnerte ärgerlich mit der Faust gegen die Tür des Großraumbüros, in dem sich zu dieser nächtlichen Stunde nur Tobias aufhielt. »Ich möchte gern mal wissen, wann ihr Dummköpfe endlich in die Gänge kommt?«
   Vor fast zwei Stunden war die Meldung eingegangen, dass am Fühlinger See ein Kanu kopfüber im Wasser trieb, aber weit und breit keine Menschenseele zu sehen war.
   Tobias versuchte, cool zu bleiben. Er schrieb an einem Bericht, den er noch hatte fertigstellen wollen. Ein herumtreibendes Kanu konnte schließlich auch etwas länger warten. »Bin gleich fertig, Boss, und dann fahre ich mit Christian raus nach Fühlingen.«
   »Kriminalrat Sengel und der neue Staatsanwalt machen mir die Hölle heiß. Wir müssen jeder verdammten Meldung nachgehen, selbst so einer Lappalie wie einem umgekippten Boot, ansonsten steht morgen wieder im Express, dass wir nichts täten.«
   »Das versteh ich doch. Haben Sie den Namen der Person, die den Unfall gemeldet hat?«
   »Von Unfall war hier bisher nicht die Rede, aber bei dem Anrufer handelt es sich um einen gewissen Ehrmann. Ist am Fühlinger See mit seiner Freundin spazieren gegangen, hat er gesagt.«
   Tobias erhob sich von seinem Platz. In den Händen hielt er fünf DIN-A4-Seiten, die er gerade betippt hatte. »Der kann uns viel erzählen. Na ja, ich sehe mir den Vogel einmal aus nächster Nähe an.«
   »Mach, dass du fortkommst.«
   Tobias verließ das Großraumbüro und ging hinüber in das Dienstzimmer seines Kollegen Christian Neubarth. Als er ihn erblickte, musste er lachen. Christian saß an seinem Schreibtisch und las Zeitung. Seine Füße lagen auf der Tischplatte, sein Stuhl kippte, belastet durch sein Gewicht, gefährlich nach hinten. Er trug verwaschene Jeans, ein Polohemd und ausgelatschte Turnschuhe. Sein kantiges Gesicht zierte ein Dreitagebart.
   »Nichts viel los bei dir, was?«, fragte Tobias.
   Neubarth blickte von seiner Zeitung auf. »Sag das nicht zu laut. Sonst ist es womöglich damit vorbei …«
   Tobias Behringer machte derzeit ein Praktikum und arbeitete als Springer in den unterschiedlichen Dezernaten. Meistens wurde er dort eingesetzt, wo Not am Mann war, was in diesem Augenblick leider genau den Tatsachen entsprach.
   »So ist es, leider. Befehl von Gereon. Wir sollen nach Fühlingen fahren. Eventuell hat es auf dem See einen Unfall gegeben.«
   Christian blickte auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor 04:00 Uhr. »Was, um diese Zeit? Da ist doch am See kein Schwein mehr! Ich meine, wenn wir Sommer hätten, dann wäre das natürlich etwas anderes, aber so …«
   »Sag das mal dem Herrn Kommissar. Seitdem sich die Vermisstenanzeigen gehäuft haben, ist Gereon reichlich nervös geworden. Also, was soll’s, tun wir ihm den Gefallen und fahren kurz rüber. Ist wahrscheinlich sowieso nur falscher Alarm. Du bist doch fertig mit deiner Arbeit?«
   »Was für eine Arbeit?«
   »Also, worauf wartest du dann? Komm schon!«
   Gemeinsam verließen sie das Polizeigebäude und gingen auf den Hof, um sich eines der Dienstfahrzeuge zu bemächtigen, das ihnen die Fahrbereitschaft zur Verfügung gestellt hatte.
   Tobias betrachtete die Lichter von Köln, die anscheinend niemals erloschen. Selbst, wenn alle Bewohner in ihren Häusern waren und schliefen.
   Christian folgte ihm zu einem beigefarbenen Opel Omega und rieb sich den Bauch. Zu wenig Bewegung und unregelmäßige Mahlzeiten hatten ihm ein chronisches Magenleiden beschert. Dazu rauchte er wie ein Schlot. Als er die Beifahrertür öffnete, zündete er sich eine Zigarette an.
   »Rauch sie bitte draußen, Christian«, sagte Tobias. »So viel Zeit muss sein. Was ist bei euch aktuell so los?«
   Christian zog an seiner Zigarette und blies den blauen Dunst in die Nacht. »Zwei Frauen sind misshandelt und ausgeraubt worden, dazu eine scheinbar endlose Liste an vermissten Personen.«
   »Davon habe ich gehört. Wer bearbeitet die Fälle?«
   »Na, wer wohl? Gerd Gereon. Und er schwitzt Blut und Wasser, seit Jürgen Heller, der neue Staatsanwalt, im Amt ist. Muss ein richtiger Stinkstiefel sein. Und was habt ihr aktuell?«
   »Einen Brand in einem Imbiss, bei Irene, kennst du doch sicher, oder nicht?«
   »Meinst du die Bruzelbude unten am Rheinufer?«
   »Ganz genau.«
   »Die hätte man längst abfackeln sollen. Hat es Verletzte gegeben?«
   »Nur Irenes Koch, und der war sturzbetrunken. Hat wahrscheinlich auch den Brand verursacht. Gereon hat ihn eingebuchtet, Schutzhaft.«
   »Schutzhaft?« Christian lachte.
   »Na klar, Irene hat gedroht, ihn umzubringen.«
   »Ha, ha, ha. Sonst noch etwas?«
   »Nur das Übliche: Schlägereien, zwei Einbrüche und eine Vergewaltigung. Fahren wir?«
   Sie stiegen in den Opel und fuhren hinaus nach Fühlingen.
   Der See lag ruhig und dunkel vor ihnen, fernab der Geschehnisse einer großen Stadt. Nur ab und zu tauchten die Scheinwerferlichter eines vorbeifahrenden Autos auf. Meist waren es Liebespärchen, die nach einem einsamen Plätzchen suchten.
   Tobias parkte auf dem Parkplatz in der Nähe der Regattabahn.
   Ein junger Mann stand vor einem aufgemotzten VW Polo und wedelte wild mit den Armen. »Wurde auch langsam Zeit, dass Sie kommen!«, rief er. »Ist ja schon eine Ewigkeit her seit meinem Anruf, und ich habe weiß Gott keine Lust, mir die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen.«
   »Immer schön mit der Ruhe«, erwiderte Christian, während er aus dem Dienstwagen stieg. »Herr Ehrmann, habe ich recht? Am besten, Sie zeigen uns einfach die Stelle und wir schauen uns ein bisschen um. Tobias, bringst du bitte die Taschenlampe mit?«
   Das Gelände zum Ufer des Sees hin war stockdunkel. Tobias leuchtete den Pfad mit der Taschenlampe aus. Es dauerte etwa zehn Minuten, da hatten sie das Ufer erreicht. Jemand hatte das Kanu an Land gezogen.
   »Das war ich«, sagte der junge Mann nicht ohne Stolz. »Ich dachte, bevor es abtreibt …«
   Christian und Tobias untersuchten das Boot, konnten aber weder eine Beschädigung noch sonst etwas Ungewöhnliches feststellen. Bis auf die Tatsache, dass es mit der Öffnung nach unten lag. Sie drehten es um, und Tobias leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Gähnende Leere schlug ihnen entgegen.
   »Ich glaube, es ist falscher Alarm«, sagte Tobias. »Das Kanu wird sich irgendwo losgerissen haben.«
   »Das würde bedeuten, dass ich mit meiner Vermutung richtig gelegen habe, aber da wir schon einmal hier sind: Leuchte mal das Ufer aus. Vielleicht finden wir noch etwas anderes.«
   Sie suchten eine Weile das Gelände am Ufer ab, fanden aber außer leeren Bierflaschen und benutzten Kondomen keinen Hinweis auf menschliche Besucher.
   »Lass uns die Aktion abbrechen«, sagte Christian und suchte nach dem Pfad, auf dem sie hergekommen waren.
   »Warte, hier ist noch etwas.« Der Schein von Tobias’ Lampe fiel auf einen verkohlten Baumstumpf in Ufernähe, den jemand als Feuerstelle benutzt hatte. Daneben lagen ein heller Mantel und eine Handtasche in passender Farbe. »Verdammt!« Tobias ging langsam darauf zu und lenkte den Strahl seiner Lampe auf die Utensilien. »Sehen neu und teuer aus, was meinst du?«
   »Ganz deiner Meinung. Sieh mal in der Tasche nach.«
   Tobias öffnete die Handtasche und zog eine Geldbörse heraus. »Handspiegel, Lippenstift und irgend so ein Puderzeugs.« Er öffnete das Portemonnaie und zog einen Personalausweis heraus. Er hielt den Lichtkegel direkt auf die Vorderseite. »Der Ausweis gehört einer Diana Meyfarth, ausgestellt in Daun, Landkreis Vulkaneifel.«
   »Ich breche zusammen«, meinte Christian. »Jetzt ist doch noch ein Fall daraus geworden. Gereon wird im Sechseck springen. Am besten, ich rufe ihn gleich an. Soll er entscheiden, wie weiter vorzugehen ist. Wahrscheinlich wird er noch im Dunkeln das ganze Gelände absuchen lassen.«

Hauptkommissar Gerd Gereon schickte eine Zehnerschaft an den Fühlinger See, die, mit Leuchtmitteln bewaffnet, bis in die frühen Morgenstunden das Ufer absuchte. Der Erfolg fiel eher bescheiden aus. Also griff Gereon zu drastischeren Mitteln und schickte zwei Sporttaucher an den See. Sie suchten zunächst jene Stelle ab, wo das Boot ans Ufer getrieben war. Da war nichts, außer ein paar alten Gummistiefeln und einem verrosteten Fahrradrahmen. Also erweiterten sie den Suchradius bis zur Mitte des Sees. Immer noch nichts. Von Diana Meyfarth weit und breit keine Spur.
   Gereon blies die Aktion ab. Außer Spesen nichts gewesen, doch wenigstens würde ihm diesmal niemand Untätigkeit vorwerfen können. Dennoch blieb der Verbleib der jungen Frau sowie der Umstand, dass ihre persönlichen Utensilien am Ufer des Sees aufgetaucht waren, ungeklärt. Jetzt begann die eigentliche Sisyphusarbeit. Als Nächstes mussten sie mit den Kollegen in der Eifel sprechen. Die Chancen auf ein reichhaltiges Frühstück standen an diesem Morgen mehr als schlecht.

05:25 Uhr

Zu Bernadettes Gewohnheiten zählte, dass sie meistens kurz vor Sonnenaufgang aufwachte. So konnte sie vom Bett aus das perlenfarbige Licht am Horizont beobachten, noch ehe es zu einem rötlich-gelben Streifen heranwuchs. Diese frühen Morgenstunden stellten einen wichtigen Moment dar, war sie gerade dann am besten in der Lage, Gedanken zu ordnen, die ihr im Schlaf gekommen waren. Sie blickte gedankenverloren aus dem Fenster in den frühen Morgenhimmel.
   Bis spät in die Nacht hinein hatte sie mit einer Freundin zusammengesessen und Wein getrunken. Bernadette hatte nicht einmal halb so viel getrunken wie Vanessa und fühlte sich fit wie ein Turnschuh. Eine fröhliche Melodie summend, rollte sie sich eine knappe Stunde später aus dem Bett. Der neue Tag konnte beginnen.
   Im Wohnzimmer betrachtete sie Vanessa. Die Ärmste. Die Sache mit ihrem Exfreund war ihr gewaltig auf den Magen geschlagen. Sie lag zusammengekauert auf dem Klappsofa, auf dem sonst nur hin und wieder ihre Schwester schlief. Diana war nach Köln gezogen, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Früher einmal waren sie die besten Freundinnen gewesen, aber seit einigen Monaten hörten sie immer weniger voneinander.
   Sie musste sich unbedingt mal wieder bei ihr melden. Es war fast eine halbe Ewigkeit her, und ihr letztes Gespräch nicht viel mehr als Small Talk. Gleich nach dem Duschen würde sie sie anrufen. Bernadette schnappte sich ihren Morgenmantel und ging ins Bad. Das wechselnd heiße und kalte Wasser in der Dusche erweckte ihre Lebensgeister. Rasch zog sie sich an und tapste nach unten, um die Zeitung zu holen.
   Sie lag wie gewohnt auf der obersten Stufe vor der Haustür. Bernadette ging in die Küche und stellte die Espressomaschine an. Vom Wohnzimmer aus drang Vanessas Schnarchen herüber. Sie beobachtete, wie die braune Brühe in die Tasse floss. Als ein einigermaßen trinkbares Gebräu fertiggestellt war, setzte sie sich an den Küchentisch und griff nach der Zeitung. Auf einmal fiel ihr Diana ein.
   »Verdammt, ich wollte sie doch zuerst anrufen.« Abrupt stand sie wieder auf und ging hinüber zum Kühlschrank, wo das drahtlose Telefon auf der Ladestation stand. Sie wählte Dianas Nummer und fing gleich an, freudig draufloszuplaudern, bis sie bemerkte, dass die Stimme von einem Band kam. »Leider können Sie im Moment keine Nachricht hinterlassen. Das Band ist voll. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt wieder.«
   Wahrscheinlich war es noch viel zu früh, daran hätte sie denken sollen.
   Ein leises Murmeln drang in ihre Ohren. Sie warf einen Blick durch die geöffnete Tür ins Wohnzimmer.
   Vanessa gähnte, reckte sich und starrte sie an.
   »Guten Morgen, Süße. Schon ausgeschlafen? Wie geht es dir?«
   »Danke, geht so, und selbst? Wie spät ist es überhaupt?«
   Bernadette sah auf die Küchenuhr. »Gleich sieben.«
   »Shit!« Vanessa raffte ihre Sachen zusammen. »Ich muss mich beeilen.« Sie hechtete ins Bad.
   Bernadette musste lachen. Hektik pur. Aber so war ihre Freundin. Sie betätigte abermals den Startknopf der Espressomaschine. Diesmal hoffte sie, ein Getränk zustande zu bringen, das nicht nach ihrem eher masochistischen Kaffeegeschmack gebraut wurde. Als sie die Tasse für Vanessa auf den Tisch stellte und sich wieder setzen wollte, klingelte das Telefon.
   »Ja, hallo?«
   »Spreche ich mit Frau Bernadette Meyfarth?«, fragte eine Stimme, die sie nicht kannte.
   »Ja.«
   »Einen Moment bitte, ich verbinde Sie weiter.«
   Hoffentlich war das nicht wieder einer dieser Telefonfuzzies, die ihr irgendeinen neuen Tarif andrehen wollten. Aber um diese Zeit? Zum Glück war sie offensichtlich nicht der einzige frühe Vogel …
   »Hier spricht Kommissar Gerd Gereon aus Köln. Sind Sie die Schwester von Diana Meyfarth?«
   Bernadette zuckte zusammen. Automatisch ließ sie sich auf den Küchenstuhl fallen.
   »Ja, die bin ich.« Sie zögerte einen Moment. »Ist etwas mit … mit meiner Schwester nicht in Ordnung?«, fragte sie leise.
   »Nun, das wissen wir noch nicht genau, aber wir machen uns Sorgen um sie. Wir glauben, dass sie möglicherweise einen Unfall hatte.«
   Bernadette erstarrte. »Was ist passiert?«
   »Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Also, zunächst wurde ein Kanu herrenlos und kopfüber am Uferrand des Fühlinger Sees treibend gefunden. Bei der Durchsuchung des Geländes entdeckten wir ein Kleidungsstück und eine Handtasche mit Papieren. Darunter befand sich ein Personalausweis, ausgestellt auf den Namen Diana Meyfarth, was mich zu ihrer Schwester bringt, beziehungsweise auch zu Ihnen. Ihre Schwester heißt doch Diana Meyfarth, nicht wahr?«
   »J… ja, schon, aber … ich verstehe nicht ganz. Wo sagten Sie, haben Sie die Sachen gefunden?«
   »Sie lagen an einem Baumstumpf in der Nähe des Seeufers.«
   »Und meine Schwester?«, fragte Bernadette.
   »Wir suchen noch nach ihr.«
   Hoffnung keimte auf. »Gott sei Dank. Das bedeutet, dass sie noch lebt.«
   »In der Nacht herrschte starker Wind.«
   Bernadettes Herz tat einen Sprung. Ganz langsam löste sich ihre Schockstarre. »Und um wie viel Uhr soll das gewesen sein?«
   »So gegen 22:00 Uhr.«
   »Ach was! Meine Schwester rudert doch zu so später Stunde nicht einfach auf den Fühlinger See hinaus. Sind Sie sich ganz sicher, dass die Sachen meiner Schwester gehören?«
   »Der Ausweis in jedem Fall. Wie ich bereits sagte, er ist auf Diana Meyfarth ausgestellt, geboren in Daun/Eifel. Sagen Sie, wissen Sie etwas davon, ob ihre Schwester möglicherweise unter Depressionen litt?«
   Bernadette umfasste die kleine Espressotasse. Ihre Hand zitterte. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie glauben, meine Schwester könnte sich umgebracht haben?«
   »Nun ja …«
   »Aber das ist völlig absurd. Dafür liebt sie sich und das Leben viel zu sehr!« Bernadettes Stimme klang wütend und aufgeregt zugleich. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Herr Kommissar?«
   »Im Moment nicht, vielen Dank, Frau Meyfarth. Nur eine Frage noch. Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Schwester gesprochen?«
   »Vor etwa einem Monat. Aber gerade vorhin wollte ich sie anrufen, doch da war nur ihr AB dran und das Band war voll.«
   »Hm … und Sie können sich auch nicht vorstellen, wo sie sein könnte?«
   »Leider nein.«
   »Okay. Wir werden Sie informieren, falls es Neuigkeiten gibt. Hoffen wir das Beste für Ihre Schwester.«
   »Ja.« Bernadette legte auf. Sie blieb eine Zeit lang regungslos sitzen. Erst langsam wurde ihr klar, was der Kommissar ihr erzählt hatte.
   Sie war so sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie kaum bemerkte, wie Vanessa frisch geduscht in die Küche kam.
    »Mein Gott, was ist denn hier los?«, fragte sie. »Ist dir nicht gut? Du bist ja leichenblass.«
   »D… Diana«, stotterte sie. Die Polizei hat angerufen. Sie ist verschwunden. Möglicherweise ist ihr etwas passiert.«
   »Ich verstehe nur Bahnhof. Könntest du mich bitte aufklären?«
   Sie erzählte ihrer Freundin, was der Kommissar gesagt hatte. »Ein gewisser Gregor, nein Georg. Verdammt, ich habe vergessen, mir den Namen zu notieren. Gerd Gereon.«
   »Habe ich das richtig verstanden? Diana soll bei Nacht mit einem Kanu hinaus auf den Fühlinger See gerudert sein? Ich habe noch nie davon gehört, dass sie auf Wassersport steht.«
   »Ich auch nicht.« Bernadette zuckte mit den Achseln. »Diana macht sich überhaupt nichts aus Wassersport. Sie liebt Volleyball und Tennis, aber Kanufahren? Nie und nimmer. Aber anscheinend hat die Kölner Polizei ihre Papiere gefunden.«
   »Was für eine seltsame Geschichte, aber vielleicht gibt es eine plausible Erklärung.« Vanessa nippte an ihrem Espresso.
   »Da ist noch etwas. Noch vor dem Anruf des Kommissars habe ich versucht, Diana telefonisch zu erreichen. Ihr AB lief, aber nicht so wie sonst. Eine Ansage teilte mit, dass das Band voll sei.«
   Vanessa sah sie ungläubig an, doch sie zweifelte nicht laut an ihren Worten. »Es gibt nur eine Möglichkeit, herauszufinden, was dahintersteckt.« Sie legte Bernadette eine Hand auf die Schulter. »Du wolltest doch sowieso Urlaub anmelden. Nimm dir ein paar Tage frei und fahr nach Köln. Schau dich in aller Ruhe um. Sicher wird sich das Ganze bald aufklären.«
   »Meinst du?«
   »Aber sicher.«
   »Danke. Ich mache mir vielleicht viel zu viele Sorgen«, sagte Bernadette und formte ihre Lippen zu einem Kussmund.
   Vanessa verabschiedete sich. »Halt mich auf dem Laufenden, okay?« Sie war zur Haustür hinaus, ehe Bernadette antworten konnte.
   Bernadette griff zum Telefon, um in ihrer Redaktion anzurufen.

Zweieinhalb Stunden später packte sie einen Koffer in ihren Corsa. Es dauerte fast eine Ewigkeit, bis Bernadette das Kölner Stadtzentrum erreichte. Unzählige Baustellen auf der Autobahn hatten ein zügiges Vorankommen unmöglich gemacht. Überall wurde vergrößert, erweitert und ausgebaut, was das Zeug hielt. Erst nach dem Autobahnkreuz Köln-Ost war es ein wenig besser geworden.
   Sie bog in die Kanalstraße ein und sah den Dom vor sich.
   Köln hatte wirklich ein ganz eigenes Flair. Dann fiel ihr ein, dass sie bei all der Aufregung ganz vergessen hatte, ein Hotelzimmer zu reservieren. Und in Deutz war gerade Möbelmesse.
   »Na Mahlzeit, Bernadette. Das hast du ja wieder prima hinbekommen.« Die großen Hotels konnte sie getrost vergessen, aber wo fand sie jetzt ein freies Zimmer, verdammt noch mal?
   Sie fuhr langsam weiter. Hinter ihr hupte bereits jemand, weil sie nicht schneller fuhr. »So viel zu den freundlichen Kölnern.«
   Vor dem Hauptbahnhof sah sie einen Taxistand. Sie fuhr an die Seite, fuhr das Seitenfenster herunter und rief dem erstbesten Fahrer etwas zu.
    »Hier kannst du aber nicht stehen bleiben, Liebchen.«
   Bernadette spürte, wie sie rot wurde. »Nur ganz kurz, bitte! Ich bin auf der Suche nach einem Hotelzimmer.«
   Der Mann sah sie an. Seine Augen signalisierten Mitleid. »Au weia, das sieht aber nicht gut für dich aus. Da geht hier im Zentrum zurzeit überhaupt nichts. Aber warte mal, nicht verzagen, Tünnes fragen! Ich ruf ’nen Kollegen an. Der ist in Nippes unterwegs. Vielleicht weiß der etwas?«
   In Nippes war auch nichts zu bekommen, doch zehn Minuten später hatte jemand für sie ein Zimmer im Stadtteil Dünnwald gefunden. Hastig notierte sie sich die Adresse und bedankte sich bei dem Taxifahrer.
   Die Kölner hatten ihr Herz also doch am rechten Fleck. Bernadette setzte den Blinker und kurvte einmal rund um den Dom. Danach fuhr sie stadtauswärts Richtung Mühlheim und Dünnwald.
   Das Hotel hieß Petit Colonia und lag in der Nähe des Stadtwaldes. Es war ein unscheinbares Gebäude aus den Fünfzigerjahren, das seine besten Zeiten lange hinter sich hatte. Bernadette parkte auf dem Seitenstreifen, stieg aus ihrem Corsa und ging nach hinten. Sie öffnete den Deckel des Kofferraumes und machte Anstalten, ihr Gepäck herauszuholen.
   »Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte eine freundliche Stimme.
   Bernadette drehte sich um. Neben ihr stand ein Männchen mit einer Baskenmütze, das von irgendwoher gekommen war und sie anstrahlte.
   »O ja, bitte, das wäre sehr freundlich von Ihnen, vielen Dank. Gehören Sie zum Hotel?«
   »Genau so ist es, mein Fräulein. Wenn Sie gestatten, ich bin der Jupp.« Er schnappte sich ihren Koffer und trug ihn ins Hotel.
   Bernadette folgte ihm. Das Erste, was ihr beim Betreten des Hotels auffiel, war eine alte Standuhr. Sie stand im Flur, ehe man zu einer wuchtigen Holztreppe gelangte. Bernadette blieb kurz davor stehen und bewunderte das wuchtige Gehäuse.
   »Die habe ich von meinem Großvater geerbt«, erklärte ihr Jupp nicht ganz ohne Stolz. Dann ging er voran. Die Rezeption befand sich im ersten Stock. Das Männchen stellte den Koffer ab, schwang sich hinter den Empfangstisch und nahm seine Mütze ab. Jetzt wirkte er wesentlich älter, denn er hatte so gut wie keine Haare mehr auf dem Kopf.
   »Ich hoffe, Sie haben noch ein freies Zimmer?«, fragte Bernadette besorgt.
   »Äwer secher dat. Junge Frauen sind bei mir stets herzlich willkommen.« Er lachte. »Nein, im Ernst. Heutzutage bin ich nur noch sehr selten ausgebucht. Die großen Hotelketten in der Innenstadt. Na, Sie wissen schon …«
   Natürlich wusste sie, was er meinte. Und mehr noch, als sie das Zimmer sah. Es war winzig und vollgestellt mit alten Möbeln. Wahrscheinlich stammten sie noch aus der Jugendzeit des Besitzers. Das Doppelbett war ohne Kopfteil. Der Schrank zweitürig, schräg, schäbig. Die Kommode mit Spiegelaufsatz wackelig, eine Schublade fehlte. Weiter gab es zwei kleine Nachttische, einen rechteckigen Tisch sowie zwei Stühle. Alles abgenutzt, wackelnd und aus dem gleichen hässlichen Nussbaumimitat gefertigt. Das erbärmliche Bild des Raumes rundete eine Blümchentapete aus den Siebzigerjahren ab, im Wesentlichen in den Farben Grün und Braun.
   Bernadette ließ sich mit einem Seufzer auf das Bett fallen. Es knarrte und krachte. Wenigstens schien die Matratze in Ordnung zu sein, und die Bettwäsche war sauber.
   »Passt Ihnen das Zimmer?«
   Bernadette zuckte zusammen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Jupp zurückgekommen war. In der rechten Hand trug er ihren Koffer.
   »Ja, d… doch«, stammelte sie.
   »Prima. Dann müssen Sie nur noch das Meldeformular ausfüllen. Ordnung muss schließlich sein.« Wieder lachte er und stellte den Koffer mit einer Kraft auf den Boden, die sie ihm niemals zugetraut hätte. »Wie lange wollen Sie bleiben?«
   Wenn sie das wüsste. »Vielleicht eine Woche.« Spätestens dann war die Möbelmesse in Deutz zu Ende, und sie würde mit Leichtigkeit ein anderes Hotelzimmer finden. Das hieß, für den Fall, dass sie bis dahin immer noch nichts von ihrer Schwester gehört hatte.
   Apropos Diana. Es konnte nicht schaden, wenn sie ihm ein Foto zeigte. Immerhin lebte Jupp seit ewigen Zeiten in Köln, und die Welt konnte manchmal so verdammt klein sein. Sie griff in ihre Handtasche und zog ein Foto heraus, auf dem sie zusammen mit ihrer Schwester zu sehen war. »Das ist meine Schwester Diana. Ich bin auf der Suche nach ihr. Sie kennen sie nicht zufällig?«
   Jupp griff nach dem Foto und warf einen Blick darauf. »Schönes Mädchen«, sagte er anerkennend. »Ein bisschen jünger als sie, was?«
   »Acht Jahre.«
   »Und sie soll hier in Köln sein?«
   »Ja, sie studiert an der Uni. Kommt sie Ihnen vielleicht bekannt vor?«
   »Ich wünschte, es wäre so, aber leider nein. Ich kenne sie nicht. Aber das will überhaupt nichts heißen, wo Köln doch so verdammt groß ist. Warum suchen Sie eigentlich nach ihr?«
   Bernadette hatte keine Lust, ihm die Einzelheiten zu erzählen. »Sagen wir einfach, weil ich seit längerer Zeit nichts von ihr gehört habe.«
   »Ach so, jetzt versteh ich. Unstimmigkeiten unter Geschwistern sollen ja häufiger vorkommen, als man denkt. Übrigens gehen die meisten Studenten zum Abfeiern in die Altstadt. Vielleicht sollten Sie dort einmal nachfragen.«
   »Prima Idee, das werde ich tun. Vielen Dank für den Tipp. Soll ich Ihnen die Woche im Voraus bezahlen oder lieber jeden Tag einzeln?«
   »Das können Sie halten, wie Sie wollen, junge Frau. Hauptsache, ich bekomme mein Geld. Das Zimmer kostet zwanzig Euro die Nacht.« Er wandte sich zum Gehen, blieb aber auf der Türschwelle noch einmal stehen und sah sie an. »Also dann, genießen Sie Ihren Aufenthalt im schönen Köln«, sagte er, bevor er hinaus auf den Flur trat.
   Mehr als zwanzig Euro die Nacht war diese Absteige auch nicht wert, aber die Einrichtung war ihr ziemlich egal. Hauptsache, es verfügte über ein eigenes Bad. Bernadette bugsierte ihren Koffer vor das Bett und packte aus. Die Türen des alten Kleiderschranks waren verzogen und quietschten beim Öffnen. Drinnen roch es muffig nach altem Holz. Sie überlegte, so viele Kleidungsstücke wie möglich auf die wenigen Bügel zu verteilen, die in dem alten Schrank hingen, verwarf den Gedanken aber schnell und legte stattdessen das, was sie benötigte, auf die Matratze neben sich.
   Was zum Teufel tat sie eigentlich hier?, fragte sie sich, während sie einen Blick in den Spiegel oberhalb der kleinen Kommode warf und feststellte, dass sie abgespannt aussah. Schnell ging sie ins Bad.
   Das Waschbecken war winzig, die Wände mit hellgrünen Kacheln gefliest. Sie drehte den Wasserhahn auf und spritzte sich das kühle Nass ins Gesicht. Das sollte helfen.
   Sie ging zurück in ihr Zimmer, schnappte sich Jacke und Handtasche und ging nach unten.

Keine Dreiviertelstunde später stand sie vor einem alten Stadthaus im Kölner Ortsteil Lindenthal, das den Studenten als Wohnheim diente. Während sie das Gebäude in Augenschein nahm und spürte, wie sich ein Anfall von Nervosität breitmachen wollte, trat ein Mann in einem blauen Overall aus dem Schatten des Eingangs, griff nach zwei Mülltonnen, die seitlich davon aufgestellt waren, und stellte sie an die Straße.
   Der Hausmeister, vermutlich. Sie holte tief Luft und ging auf ihn zu, bevor er wieder im Hauseingang verschwinden konnte. »Hallo. Kann ich Sie bitte einen Moment sprechen?«
   Der Mann drehte sich um und sah sie verdutzt an. »Was gibt’s denn?«
   Noch so ein freundlicher Kölner. Bernadette spürte den berühmten Kloß in ihrem Hals. So nah war sie ihrer Schwester schon lange nicht mehr gewesen. »Bitte entschuldigen Sie. Sie sind doch hier der Hausmeister, nicht wahr? Ich bin auf der Suche nach meiner Schwester Diana. Sie soll hier wohnen. Wenn Sie so freundlich wären und sich einmal dieses Foto anschauen würden? Ich bin mir sicher, sie kommt Ihnen bekannt vor.«
   Seine klobige Hand griff nach dem Foto. Er betrachtete es eine Weile, dann schüttelte er den Kopf. »Ich kann nicht behaupten, dass ich sie kenne«, sagte er bestimmt.
   Bernadette rutschte das Herz in die Hose. »Sind Sie sich ganz sicher?«, fragte sie ungläubig. »Sie ist Studentin. Sie müssen sie doch schon einmal gesehen haben.«
   »Die Uni liegt am Albertus-Magnus-Platz. Das ist ein gutes Stück entfernt. Und wenn ich Ihnen sage, dass ich sie nicht kenne, dann kenne ich sie auch nicht! Schließlich gibt es hier Hunderte von Studenten, und ihre Schwester kann genauso gut auch woanders wohnen.«
   Sofort schossen ihr die Tränen in die Augen.
   »Herr Kowalski …«, flötete eine schrille Stimme hinter ihr. Eine junge Frau befand sich im Begriff, den armen Mann in Beschlag zu nehmen. Mit einer groben Bewegung ihrer großen Hände deutete sie auf ein Apartment zur Rechten und wollte ihn mit sich ziehen. Einige weitere Studenten zogen lachend an ihr vorbei.
   »Ei… einen Moment bitte.« Wild mit den Armen wedelnd hielt Bernadette der Gruppe das Foto entgegen. »Bitte! Nur einen Moment. Ich suche meine Schwester. Haben Sie sie vielleicht schon mal gesehen?«
   Die jungen Leute sahen sich an. Ihre Blicke waren eindeutig. Was wollte diese Verrückte von ihnen? Sie schüttelten ihre Köpfe, lachten und gingen weiter.
   Ein junger Mann drehte sich nochmals um. »Versuchen Sie es doch bei der Universitätsverwaltung. Dort sind alle Studenten registriert. Wenn Ihre Schwester hier studiert, muss sie dort eingetragen sein.«
   »Gute Idee!« Bernadette ging zu ihrem Wagen und fuhr ein gutes Stück die Universitätsstraße hinunter. Am Ende bog sie rechts ab. Den Uni-Campus am Albertus-Magnus-Platz konnte sie nicht verfehlen. Es war der größte Gebäudekomplex weit und breit. Wieder parkte sie ihren Wagen auf dem Seitenstreifen, stieg aus und betrat das Unigelände. Das war unbekanntes Terrain. Zunächst glaubte sie, der Schilderwald würde sie verwirren, aber dann fand sie die Verwaltung auf Anhieb im Untergeschoss des Hauptgebäudes. Die Eingangstür eines der Büros stand offen. In dem Raum saßen zwei Angestellte und tippten in ihre Computer. Bernadette räusperte sich. Eine der Frauen blickte auf.
   Bernadette nahm all ihren Mut zusammen. »Entschuldigen Sie bitte, dass ich einfach so hereinspaziert komme. Ich bin auf der Suche nach meiner Schwester und wollte mich erkundigen, für welches Semester sie sich eingeschrieben hat.«
   Die Angestellte deutete auf die große Uhr, die über der Eingangstür hing. Sie zeigte 13:00 Uhr an.
   »Normalerweise haben wir nur an den Vormittagen geöffnet«, sagte die Frau, und ihre Stimme klang missmutig. »Aber da Sie sich schon einmal herbemüht haben: Wie heißt denn ihre Schwester?«
   »Diana Meyfarth.«
   »Einen Moment, bitte. Ich schau gleich nach.« Sie tippte etwas in den Computer, zögerte, raufte sich die Haare und wandte sich wieder Bernadette zu. »Hier gibt es einen Eintrag. Eine Diana Meyfarth ist bei uns registriert, allerdings hat sie schon lange keine Scheine mehr gemacht. Möglicherweise hat sie das Semester abgebrochen.«
   »Aber sie hat mir doch immer …«
   »Tut mir leid. Das ist alles, was der Computer hergibt. Mehr kann ich nicht für Sie tun. Falls Sie noch weitere Auskünfte wünschen, müssen Sie zu den öffentlichen Zeiten wiederkommen.« Sie fing wieder an, ihren Computer zu bearbeiten, während Bernadette den Raum verließ.
   Sie war ratlos und enttäuscht. Diana sollte bereits vor längerer Zeit das Studium an den Nagel gehängt haben? Was zum Teufel sollte das nun wieder bedeuten? In einem ihrer letzten Telefonate hatte sie sich noch über die schweren Klausuren beklagt. Da half es wohl auch nichts, wenn sie noch weitere Studentsen nach ihr befragte. Diana war nicht mehr an der Uni. Aus und fertig. Damit musste sie sich wohl oder übel abfinden.
   Blieb noch Kommissar Gereon. Nach den mageren Ergebnissen, die sie bisher gesammelt hatte, kam der Begegnung mit ihm eine besondere Bedeutung zu. Außerdem war es an der Zeit, dass die Polizei endlich etwas tat. Diana schien wie vom Erdboden verschwunden. Was nun? Die unerschütterliche Bernadette Meyfarth, ja, genauso wollte sie auftreten. Warum bloß gelang es ihr nicht, diese verdammte Nervosität in den Griff zu bekommen?

14:00 Uhr

Das Polizeipräsidium in Köln sah anders aus, als Bernadette es sich vorgestellt hatte. Sie hatte angenommen, dass der Polizeiapparat in einem historischen Prachtbau untergebracht sein würde. So etwas wie das alte Bankgebäude mit seinen kunstvoll gemeißelten Pfeilern, die den Platz zweier Ladenfronten auf dem Marktplatz einnahmen, doch dem war nicht so. Die Kriminalhauptstelle befand sich in einem hypermodernen Gebäudekomplex, dessen Mittelbau über einen gläsernen Sockel mit Panoramafenster verfügte. Darüber streckten sich vier Vollgeschosse in die Höhe und mündeten in ein leicht geneigtes und deutlich über die Fassade reichendes Flachdach. Seitlich begrenzt wurde der Bau von der Barcelona-Straße und der Geschwister-Katz-Straße sowie rückwärtig vom Walter-Pauli-Ring. Den mit einer Sicherheitsschleuse versehenen Eingang im erhöht liegenden Erdgeschoss erreichte man über eine Freitreppe. Auch wenn dieser Komplex den Charme historischer Gebäude vermissen ließ, war er dennoch beeindruckend. Um Schaulustige fernzuhalten und Platz für die Einsatzfahrzeuge zu schaffen, hatte man einen Bereich von gut dreißig Metern in beide Richtungen abgesperrt. Bernadette sah die Einsatzfahrzeuge der Polizei und etwa noch mal so viele Zivilfahrzeuge.
   Der Empfang befand sich auf der rechten Seite. In dem gläsernen Kasten saß ein junger Mann hinter einem großen Pult und begrüßte sie mit einem Lächeln. »Kann ich etwas für Sie tun?«
   Bernadette versuchte, selbstbewusst aufzutreten. Charmant lächelte sie zurück. »Ich möchte zu Kommissar Gereon.«
   »Dürfte ich Ihren Namen erfahren?«
   »Bernadette Meyfarth.«
   »Sind Sie angemeldet?«
   »Nein, aber der Kommissar weiß, wer ich bin.«
   »Prima, dann werde ich schnell nachfragen, ob er da ist. Wenn Sie sich in der Zwischenzeit bitte hier eintragen wollen?« Er reichte ihr eine Liste, auf der bereits mehrere Namen standen.
   Bernadette fügte ihren hinzu und beobachtete, wie der Mann telefonierte.
   Nachdem er aufgelegt hatte, nickte er ihr zu. »Sie können hinaufgehen. Der Kommissar erwartet Sie in seinem Büro. Kennen Sie sich aus?«
   Bernadette schüttelte den Kopf. »Nein.«
   »Dritter Stock, zweites Büro auf der rechten Seite. Der Aufzug befindet sich gleich da vorn.« Er deutete in die entsprechende Richtung.
   Sie bedankte sich und machte sich auf den Weg zum Aufzug. Im Gang an der Wand hing eine Pinnwand. Daran hatte jemand mithilfe von Heftzwecken Fotos befestigt. Darunter standen Namen und Daten. Daneben hing ein Poster mit fünf kleineren Fotos. Oberhalb des Posters stand ein Wort in großen schwarzen Buchstaben: Vermisst.
   Also gab es noch mehr Personen, die vermisst wurden. Warum wunderte sie das? Überall verschwanden laufend Menschen, aber wie immer wieder berichtet wurde, tauchten die meisten davon auch wieder auf. Zum Glück.
   Sie versuchte, ihre Nervosität unter Kontrolle zu halten, hatte sie doch gehört, wie Polizisten reagierten, wenn man nicht sicher genug auftrat. Sie fand das Büro des Kommissars ohne Probleme. Die Tür stand offen. Trotzdem klopfte sie vorsichtig an die Glasscheibe. »Kommissar Gereon?«
   Der Mann hinter dem großen Schreibtisch blickte auf und lächelte. Er war etwa fünfzig. Sein dunkles Haar wurde langsam grau, und sein Gesicht war fein geschnitten. Über einem wohlgeformten Mund trug er einen kleinen Oberlippenbart.
   Nicht unsympathisch, auch wenn sie den Ausdruck seiner Augen nicht deuten konnte und ihr sein Lächeln zu professionell vorkam.
   »Genau der bin ich. Was kann ich für Sie tun?«
   »Ich bin Bernadette Meyfarth und komme wegen meiner Schwester, Sie erinnern sich sicher …«
   Sein Lächeln wurde ein Tick schmaler. »Ah, Frau Meyfarth. Das nenne ich mal eine Überraschung.« Er deutete auf die beiden Besucherstühle, die an der freien Wand standen. »Bitte nehmen Sie Platz. Möchten Sie etwas trinken?« Er griff zum Telefon.
   »Danke, nein. Ich möchte lieber gleich zur Sache kommen.«
   Er schaute in ihre Augen, dann senkte er den Blick. »Ich fürchte, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann. Es gibt noch keine neuen Erkenntnisse.«
   »Aber meine Schwester verschwindet doch nicht einfach so!«
   »Es kommt beinahe täglich vor, dass …«
   »Ist es nicht Ihre Aufgabe, herauszufinden, was passiert ist?« Bernadette bemerkte, wie sie wütend wurde.
   »Hören Sie. Hier gehen fast täglich Anzeigen ein, die das Verschwinden von Personen betreffen, aber was soll ich Ihnen sagen? Die meisten tauchend später irgendwo wieder auf. Manche gönnen sich einfach eine Auszeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
   »Wie bitte?« Der Mann hatte recht, dennoch empfand sie seine Vermutung als blanken Hohn. »Und wenn ihr etwas zugestoßen ist?« Ihre Hände zitterten. Sie legte sie in den Schoß und presste die Schenkel zusammen.
   Gerd Gereon sagte nichts, sondern sah sie nur an. Fast kam es ihr so vor, als wollte er durch sie hindurchblicken. Sie fröstelte.
   »Na ja«, sagte er schließlich. »Die Möglichkeit, dass Ihre Schwester einen Unfall hatte, ziehen wir durchaus in Betracht. Ich habe Taucher an jene Stelle geschickt, wo das Kanu zuerst gesichtet wurde, aber da war sie nicht. Mein Kollege hat telefonisch alle Krankenhäuser der Stadt abgeklappert. Auch nichts. Es gibt keine Leiche und keinen Hinweis darauf, wo sie abgeblieben ist. Das Einzige, was wir haben, sind ein Kanu, einen Mantel sowie die Handtasche Ihrer Schwester mit den wenigen persönlichen Utensilien.« Er schob ihr eine Fotokopie zu, die er der obersten Akte auf seinem Schreibtisch entnommen hatte.
   Bernadette erkannte sofort, was es war. Dianas Personalausweis.
   O mein Gott. Die Kopie des Dokuments hier vor sich liegen zu sehen verursachte ein Gefühl, als verknotete sich ihr Magen.
   »Sehen Sie, manchmal sind es gerade die Menschen, die uns am nächsten stehen, die wir am wenigsten kennen.«
   Sie dachte kurz über seine Worte nach. Darin steckte eine Menge Wahrheit, das ließ sich nicht leugnen. Bis vor Kurzem noch hatte sie fest daran geglaubt, dass Diana in Köln studierte. Nach den Erfahrungen des heutigen Tages war sie sich allerdings nicht mehr sicher.
   »Haben Sie einmal daran gedacht, dass Ihre Schwester überhaupt nicht mit Ihnen in Kontakt treten möchte?«
   Sie warf ihm einen frustrierten Gesichtsausdruck zu. »Nun ja, sicherlich waren wir nicht immer einer Meinung, aber …«
   »Sehen Sie, genau das meine ich. Es tut mir sehr leid, aber wir können nichts anderes tun, als abzuwarten. Darauf, dass sie sich meldet oder irgendwo wiederauftaucht.«
   Das war deutlich genug. Er wollte nichts mehr unternehmen. Erst jetzt fielen ihr die Fotos wieder ein, die unten im Foyer an der Wand hingen. Sie alle zeigten Personen, die irgendjemandem als vermisst gemeldet hatte. Da war es wieder, dieses schreckliche Wort. Vermisst. Sie schluckte ihren Ärger hinunter. »Herr Kommissar, ich habe unten die Fotos gesehen. Meine Schwester ist also nicht die einzige Person, die verschwunden ist?«
   Gereon zuckte mit den Achseln. »Das sagte ich ja bereits. Jeden Tag gehen bei uns Vermisstenanzeigen ein, und fast alle Personen tauchen irgendwann und irgendwo wieder auf. Natürlich gehen wir jeder einzelnen Sache nach, und selbstverständlich legen wir auch für jede Person eine eigene Akte an.«
   »Das gilt also auch für meine Schwester?«
   »Natürlich. Wir haben sämtliche Einzelheiten im Computer gespeichert.«
   »Aber Sie wollen nichts weiter unternehmen?«
   »Doch, verdammt noch mal! Liefern Sie mir Beweise, dass Ihrer Schwester wirklich etwas zugestoßen ist, und ich schwöre Ihnen, ich setze diesen ganzen verflixten Polizeiapparat in Bewegung, um die Angelegenheit aufzuklären.«
   »Also gut«, sagte sie und erhob sich. Sie hatte ihre Chance vertan. »Ich werde Sie beim Wort nehmen, Herr Kommissar. Ich bin fest entschlossen, meine Schwester zu finden.«
   Seine Mundwinkel verschoben sich nach unten. »Na, dann viel Glück. Ich bewundere Ihre Ausdauer. Nur bezweifele ich, dass sie Ihnen in diesem Fall etwas nützen wird. Schließlich arbeite ich nicht erst seit gestern bei der Polizei … Trotzdem würde es mich interessieren zu erfahren, womit Sie anfangen wollen?«
   »Ich werde Sie auf dem Laufenden halten«, sagte Bernadette anstelle einer direkten Antwort. Sie versuchte, sich emotionslos zu geben. Innerlich jedoch machte sich eine tiefe Verzweiflung breit, während sie sich verabschiedete.
   Sie war keinen Schritt weitergekommen.
   Missmutig stieg sie in den Aufzug und fuhr wieder nach unten. Eigentlich wollte sie schnurstracks zum Ausgang gehen, aber etwas zog sie noch einmal zu der Pinnwand mit den Fotos. Irgendetwas war ihr aufgefallen. Ganz tief in ihrem Unterbewusstsein. Sie sah sich die Fotos genauer an. Bei den abgebildeten Personen handelte es sich ausschließlich um Frauen. Die aufgeführten Daten bezogen sich auf einen Zeitraum, der bereits längere Zeit zurücklag. Die Fotos auf dem Poster zeigten Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, und die angegebenen Daten lagen erst ein paar Wochen zurück. Das war es, was sie stutzig gemacht hatte. Hastig notierte sie sich die Namen der fünf Personen. Möglicherweise bot sich ihr hier etwas, wo sie ansetzen konnte.

16:00 Uhr

Als Bernadette zurück ins Petit Colonia kam, saß Jupp in dem kleinen Empfangsbereich des Hotels und blätterte im Kölner Express.
   »Wo bekomme ich um diese Zeit etwas zu essen?« Bernadette hatte vor Aufregung am Morgen keinen Bissen herunterbekommen, aber jetzt war ihr beinahe schlecht vor Hunger.
   Jupp starrte sie an. Dann blickte er auf seine Armbanduhr. »Das wird schwierig, mein Liebchen. Um diese Uhrzeit haben die meisten Lokale noch geschlossen. Ich könnte allerdings mit ’nem Halve Hahn weiterhelfen. Den besorge ich immer für Gisela, meine Putzhilfe. Die kommt zweimal in der Woche vorbei und sieht nach dem Rechten, beziehungsweise dann, wenn ich etwas vorhabe.« Er zwinkerte ihr zu.
   Hähnchen war besser als nichts. »Abgemacht.« Sie stieg die Stufen hinauf und marschierte entschlossen auf ihre Zimmertür zu. Dort musste sie den Schlüssel mehrfach im Schloss hin und her bewegen, bis die Tür endlich nachgab und aufsprang. Drinnen warf sie ihre Jacke auf den Boden und suchte nach ihrem Handy. Es lag auf dem Nachttisch. Sie drückte auf den Knopf. Nichts tat sich, der Akku war leer. Zum Glück hatte sie das Ladekabel mitgenommen. Es befand sich in ihrem Koffer. Genervt steckte sie die eine Seite in ihr Handy und die andere in die Steckdose. Danach legte sie sich aufs Bett. Der Rahmen quietschte, und der kleine Apparat summte, während er aufgeladen wurde.
   Ruhe fand sie keine. Die Ereignisse des Tages nagten an ihren Eingeweiden. Sie hatte bisher nur sehr wenig in Erfahrung bringen können. Am meisten schockierte sie die Feststellung, dass Diana nicht mehr in dem Studentenwohnheim lebte. Warum hatte sie nichts davon erzählt, dass sie umgezogen war? Wo wohnte ihre Schwester? Außerdem hatte sie offenbar schon lange keine Lesung mehr besucht. Und jetzt war sie verschwunden. Oder war das alles nur viel Lärm um nichts? Hatte sie eine Arbeit angenommen und sich nicht getraut, Bernadette davon zu erzählen, dass sie ihr Studium abgebrochen hatte? War sie mit einem Freund zusammengezogen? Vielleicht waren ihr der Mantel und die Handtasche gestohlen worden und der Dieb hatte sich der Gegenstände an dem See entledigt.
   Bernadettes Magen knurrte laut. Sie hatte gedacht, der Wirt würde ihr das Essen aufs Zimmer bringen, aber das war wohl ein Irrtum. Es musste bereits eine knappe halbe Stunde vergangen sein.
   Sie ging nach unten. Jupp war nirgendwo zu sehen. Dafür stand auf dem Tischchen an der Rezeption ein Teller mit einem Roggenbrötchen, dazu Butter und Käse.
   »Das gibt es doch gar nicht«, murmelte sie. Versprach ihr groß ein halbes Brathähnchen und stellte ihr dann einen Teller mit einem Brötchen auf den Tisch. Der hatte sie wohl nicht mehr alle. »Jupp? Jupp! Sind Sie hier irgendwo?«
   Keine Antwort. Der gute Jupp war ausgeflogen. Sie ließ das Brötchen Brötchen sein und ging auf die Straße. Irgendwo musste es doch zumindest eine Imbissbude geben.
   Kurze Zeit später hatte sie eine Gaststätte gefunden. Die typische Kölner Kneipe lag unweit der Stadtgrenze zu Leverkusen Schlebusch. Bald saß sie allein an einem kleinen Tisch und blies Trübsal. Das Licht war schummrig, was irgendwie genau zu ihrer Stimmung passte. Es war verdammt noch mal nicht klug gewesen, allein nach Köln zu fahren. Nur eine Verrückte begab sich ohne jegliche Vorbereitung in eine Großstadt. Sie dachte über ihre unüberlegte Aktion nach, als sie von jemandem angesprochen wurde.
   »Na, Sie sehen ja nicht gerade so aus, als würden Sie sich prächtig amüsieren?« Die Stimme kam aus dem Hintergrund.
   Bernadette zuckte zusammen. Nur zögernd drehte sie den Kopf nach hinten, um zu sehen, wer sie angesprochen hatte. Ein bekanntes Gesicht strahlte sie an. Es gehörte dem freundlichen jungen Mann, den sie am Empfang des Polizeipräsidiums getroffen hatte.
   »Wie klein die Welt doch ist, nicht wahr?«, sagte er fröhlich. »Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten? Möchten Sie etwas trinken?«
   »Ein … ein Kölsch vielleicht«, stammelte sie zu ihrem Erstaunen. Eigentlich stand ihr mehr der Sinn nach etwas Essbarem.
   »Kölsch klingt gut«, sagte der junge Mann und hob zwei Finger in die Höhe. Der Wirt verstand sofort und stellte zwei Gläser in die Nähe des Zapfhahns.
   »Ich darf mich doch zu Ihnen setzen?«, fragte der junge Mann und nahm Platz, noch bevor Bernadette etwas erwidern konnte.
   Der Wirt beobachtete, wie die gelbe Flüssigkeit den Schaum verdrängte, wartete noch einen Moment, bis sich die weiße Haube gebildet hatte, dann kam er herüber und stellte die bis an den Rand gefüllten Biergläser auf den Tisch. »Zum Wohl«, sagte er und marschierte zurück an seinen Tresen.
   »Tobias Behringer«, stellte sich der junge Mann vor und streckte Bernadette eine Hand entgegen. »Und wie Sie heißen, weiß ich ja bereits. Bernadette Meyfar, nicht wahr?«
   »Meyfahrt«, berichtigte sie ihn.
   »Die meisten Besucher haben eine völlig falsche Vorstellung von den Kneipen in Köln«, sagte er und versuchte es mit freundlichem Small Talk. »Dabei handelt es sich keinesfalls um Örtlichkeiten, die man besucht, nur um zu trinken. Es geht vielmehr um soziale Kontakte. Man trifft sich mit Freunden und Bekannten, hält ein Schwätzchen und erfährt die ultimativen Neuigkeiten. Das gilt für Einheimische genauso wie für Fremde. In einer echten Kölner Kneipe sind alle per Du. Der angesehene Anwalt wie auch der einfache Arbeiter. Und genau das ist es, was ich an Köln so liebe, obwohl ich im Stadtteil Schlebusch wohne, der schon zu Leverkusen gehört. Diese Großstadt hat sich noch immer einen Teil von Menschlichkeit bewahrt.« Er sah sie an, und als sie weiter stumm blieb, redete er weiter. »Woher kommen Sie eigentlich?«
   »Aus Zermüllen in der Eifel«, erwiderte sie. »Das liegt bei Kelberg«, fügte sie hinzu und wünschte sich, er würde bemerken, dass ihr nicht der Sinn nach einem Gespräch stand. Sie wollte nachdenken, ihre Gedanken sammeln. Und etwas in den Magen bekommen. Vorsichtig schielte sie zu dem Wirt hinüber, aber er bemerkte es nicht.
   »Ah, kenne ich«, sagte ihr Gegenüber. »Schöne Landschaft. Ich bin ein paarmal dort gewesen. Die Maare und so weiter …« Er machte eine kleine Pause und nippte an seinem Bier. Es war offensichtlich, dass er darauf wartete, dass sie etwas sagte. Sie tat ihm den Gefallen nicht. »Ein Schulfreund hat mal dort gewohnt, ich habe ihn ab und zu besucht. Dabei bin ich mit dem Motorrad hingefahren. Sie wissen schon, über Adenau und den Nürburgring …«
   Bernadette wusste, was er meinte. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas, schwieg aber beharrlich weiter. Sie war wirklich verrückt, denn er war doch ganz nett.
   »Na ja, und irgendwann bin ich dann bei der Polizei gelandet«, erzählte er weiter. »Ich studiere für den gehobenen Dienst bei der Kripo und mache gerade ein Praktikum. Sie setzen mich als Mädchen für alles ein. In der Zentrale helfe ich gerade aus, weil unsere liebe Frau Goldmeier plötzlich erkrankt ist.«
   Bernadette schenkte ihm ein kleines Lächeln. Seine Ausführungen interessierten sie nicht sonderlich. Ihr war etwas ganz anderes aufgefallen. In den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie sich jemand von draußen einem der Fenster näherte. Ein Schatten verdunkelte den Schankraum, eine Frau blieb stehen und winkte dem Wirt zu, was er mit einer freundlichen Handbewegung quittierte. Danach verschwand sie so plötzlich, wie sie gekommen war.
   »Großer Gott«, keuchte Bernadette und sprang auf.
   Tobias sah sie erschrocken an. »Ist etwas nicht in Ordnung?«
   »Sie ist es, Diana!«, rief sie laut aus und sprang zur Tür.
   »Wer?«
   »Meine Schwester Diana, ich habe sie gerade gesehen!« Bernadette öffnete die schwere Kneipentür und sprang auf die Straße. »Diana!«, brüllte sie und rannte zuerst nach links, wieder zurück und dann weiter nach rechts. »Diana, bitte komm zurück!«
   Sie lief ziellos durch die Menschenmenge. Bereits nach wenigen Minuten wusste sie nicht mehr, wo sie war. »Diana!«, rief sie wieder in die Menge. Einige Passanten drehten sich um und schauten fragend in ihre Richtung, bevor sie weitergingen.
   »Diana!« Ihre Rufe wurden lauter.
   Autos rauschten an ihr vorbei. Auf einmal kamen ihr die Worte des Kommissars in den Sinn: »Personen verschwinden manchmal einfach und nehmen sich eine Auszeit. Wir ziehen durchaus in Betracht, dass ihre Schwester einen Unfall erlitten haben könnte.« Aber sie hatte keinen Unfall erlitten, und sie war schon gar nicht tot. Sie befand sich ganz in ihrer Nähe. Ihr wurde schwindlig, sie rappelte sich jedoch wieder auf und versuchte, nicht auf das Getuschel der Passanten zu achten, die stehen blieben und sie seltsam anstarrten. Ohne auf den Verkehr zu achten, überquerte sie die Straße. Autofahrer hupten, manche gestikulierten offenbar fluchend. Ein Jugendlicher auf einem Motorroller, in den sie beinahe hineingelaufen wäre, zeigte ihr den Stinkefinger. Plötzlich war jemand an ihrer Seite und berührte ihren Arm. Die Augen eines blonden Mannes blickten sie besorgt an.
   Ein nettes Gesicht, dachte sie und fragte sich, warum ihr diese Tatsache nicht schon früher aufgefallen war.
   »Ich bin’s, Tobias«, sagte der junge Mann und schob sie sanft zur Seite, um sicherzustellen, dass sie nicht wieder auf die B 51 laufen konnte.
   »Damit wir uns klar verstehen, ich bin keineswegs verrückt.«
   »Davon gehe ich mal aus, aber so, wie Sie davongerannt sind … Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht. Haben Sie Diana wenigstens gefunden?«
   »Also haben Sie sie auch gesehen?«
   »Nein, ich habe niemanden gesehen. Ich habe nur mein Bier getrunken und versucht, mich mit Ihnen zu unterhalten. Dann sind Sie plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und zur Tür gestürzt, haben Diana geschrien und sind auf die Straße gelaufen.«
   »Und Sie sind mir gefolgt?«
   »Das hatte ich zumindest vor, aber Sie …«
   »Und warum sind Sie mir gefolgt?«
   »Das sagte ich bereits. Weil ich mir Sorgen gemacht habe. Sie haben ausgesehen, als wäre der Leibhaftige hinter Ihnen her.«
   Bernadette zuckte mit den Schultern. »Vielleicht war es ja tatsächlich so«, entgegnete sie leise. Sie wusste, dass sie ihm eine Antwort schuldig war. »Es tut mir wirklich leid.« Was für eine dumme Antwort. Gerade jetzt …
   »Ist jene junge Frau der Grund dafür, warum Sie heute auf dem Präsidium waren?«
   Bernadette nickte. »Diana ist meine Schwester. Kommissar Gereon hat mich gestern angerufen und behauptet, sie sei möglicherweise mit einem Kanu auf den Fühlinger See hinausgerudert und verunglückt.«
   Tobias sah sie nachdenklich an. »Ich weiß, das ist eine dumme Sache. Ich bin selbst an Ort und Stelle gewesen. Das Kanu trieb kopfüber am Seeufer, und später haben wir an einem Baumstumpf den Mantel und die Handtasche mit den Papieren Ihrer Schwester gefunden.«
   »Sie waren dabei?«, fragte Bernadette vorsichtig.
   Tobias antwortete mit einer Geste und legte ihr freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. »Aber gefunden haben wir sie nicht, und jetzt wollen Sie sie gesehen haben?«
   »Ich … ich glaube schon.«
   »Und sie? Hat sie Sie auch gesehen? Ich meine, hat sie mit Ihnen gesprochen?«
   »Leider nein. Als ich auf die Straße trat, war sie bereits in der Menschenmenge verschwunden.«
   »Wollen wir zusammen essen gehen?«
   »Wie bitte?« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Soll das eine Einladung sein?« Sein Themenwechsel kam unerwartet und plötzlich.
   Er bemerkte ihren strengen Gesichtsausdruck. »Oh, tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Ich habe nicht viel Übung darin, Sie wissen schon, die Arbeit …«
   »Ist schon gut.« Sie machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Aber heute geht es leider nicht.«
   »Ich will Sie keineswegs bedrängen.«
   »Das ist es nicht. Ich bin den ganzen Tag unterwegs gewesen. Ich sehe schlecht aus und fühle mich furchtbar müde und erschöpft.«
   »Sie sehen toll aus.«
   »Vielen Dank für die Blumen.« Komplimente kamen immer gut an. »Es geht wirklich nicht«, wiederholte sie. »Ich wäre heute keine gute Gesprächspartnerin.«
   »Ach was! Kommen Sie einfach mit! Wir gehen zu meinem Lieblingsitaliener, und anschließend bringe ich Sie in ihr Hotel.«
   »Ich habe mich nicht einmal für Ihre Hilfe bedankt.« Ihre Stimme klang fast verlegen.
   »Ist nicht der Rede wert.«
   »Also gut, ich komme mit. Aber nur unter der Bedingung, dass ich sofort auf die Damentoilette verschwinden kann, um mich frisch zu machen.«
   »Alles, was Sie wollen, wenn Sie nur mitkommen«, erwiderte er und lachte.
   Kurze Zeit später saßen sie sich im El Capricho gegenüber. Bernadette las in der Speisekarte.
   Tobias beobachtete sie und tat so, als könnte er sich nicht für ein Menü entscheiden. »Und? Haben Sie bereits etwas gefunden?«
   Bernadette zuckte mit den Schultern. »Ach, ich weiß nicht. Die ganze Aufregung von heute ist mir irgendwie auf den Magen geschlagen. Zuerst hatte ich einen riesigen Kohldampf, und jetzt habe ich eigentlich überhaupt keinen Appetit mehr. Was nehmen Sie denn?« Sie klappte die Karte zusammen und legte sie beiseite.
   »Ich würde am liebsten die Muscheln essen, aber beim letzten Mal ist mir davon schlecht geworden.«
   Sie musste lachen. »Wenn Ihnen schlecht wird, warum essen Sie sie dann immer wieder?«
   »Weil ich sie liebe. Und jedes Mal denke ich: Heute wird mir bestimmt nicht übel.« Er grinste sie an. »Sehen Sie, es gibt eben nichts Besseres als frische Muscheln. Dazu einen Salat und einen guten Wein. Apropos Wein. Lassen Sie uns erst einmal einen guten Tropfen bestellen. Ich denke, den haben Sie sich redlich verdient nach diesem seltsamen Tag.«
   Sie studierten die Weinkarte, da kam auch schon die Kellnerin. »Was darf ich Ihnen bringen?«
   »Ich habe mich gerade selbst überredet. Ich nehme die Muscheln, einen gemischten Salat mit Brot und einen einheimischen Rotwein«, sagte Tobias.
   »Trocken?«, fragte die Kellnerin.
   »Lieber halb trocken.«
   Die Kellnerin notierte den Wunsch.
   »Für mich dasselbe, nur ohne die Muscheln«, entschied Bernadette.
   »Nur Wein und Salat? Ich kann ihnen den Hackbraten empfehlen«, sagte die Kellnerin.
   Bernadette überlegte einen Augenblick. »Also gut, dann nehme ich den Hackbraten.«
   Wieder schrieb Sonja etwas auf ihren Zettel. »Püree oder gebackene Kartoffeln?«
   »Mhm … also zum Hackbraten gehört eigentlich Püree, aber ich hätte lieber die Kartoffeln.«
   Sonja machte sich entsprechende Notizen.
   »Gibt es zu dem Hackbraten eine Soße?«, wollte Tobias wissen.
   »Ich glaube, ja. Irgendetwas mit Kräutern. Ich kann den Koch fragen, wenn Sie es wünschen?«
   Bernadette lächelte. »Nein, das geht schon in Ordnung. »Irgendetwas mit Kräutern ist immer gut.«
   »Prima, ich bin gleich zurück.« Sie stellte vorab zwei leere Weingläser auf den Tisch.
   »Eigentlich bin ich nicht gerade scharf auf den Hackbraten«, sagte Bernadette, als die Kellnerin in Richtung Küche verschwunden war.
   »Der ist bestimmt gut. Alles, was sie hier servieren, ist normalerweise sehr ordentlich.«
   Die Kellnerin brachte eine Karaffe mit Wein. »Einen kleinen Moment noch. Die Salate kommen gleich.« Schon war sie wieder weg.
   Bernadette sah ihn an. »Sind Sie sich mit den Muscheln wirklich sicher?«, fragte sie besorgt. »Was, wenn Ihnen wieder schlecht wird?«
   Tobias grinste. »Dann verschwinde ich schnell auf die Toilette, und danach geht es mir wieder gut.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Sie sind wirklich verrückt!« Sie lachte.
   »Das Lachen steht Ihnen wirklich gut. Wahrscheinlich hatten Sie heute nicht viel Grund zum Lachen, liege ich richtig?«
    Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und blickte ihn noch intensiver an. »Es ist wegen meiner Schwester. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Irgendwie kann ich nicht begreifen, warum sie so mir nichts dir nichts verschwunden ist.«
   Er wollte etwas erwidern, aber die Kellnerin kam und brachte die Salate. »Entschuldigung, aber in der Küche ist plötzlich der Teufel los. Habe ich noch etwas vergessen?«
   Sie schüttelten die Köpfe. Die Kellnerin füllte ihre Gläser bis zur Hälfte. »Ich hoffe, der Wein schmeckt Ihnen. Bitte melden Sie sich einfach, wenn Sie etwas benötigen.«
   »Vielen Dank. Wir sagen Bescheid, wenn wir noch etwas bestellen möchten«, erwiderte Tobias, bevor er sich wieder an Bernadette wandte. »Das mit ihrer Schwester kommt mir auch irgendwie seltsam vor. In letzter Zeit sind überhaupt ungewöhnlich viele Personen in Köln verschwunden.« Er stockte. »Entschuldigung. Das habe ich nicht sagen wollen. War dumm von mir, das Thema anzusprechen.«
   Sie saßen eine Weile zusammen, stocherten in ihren Salaten herum und sprachen kein Wort.
   »Tobias, ich …«
   »Ist schon in Ordnung, Bernadette. Du musst wirklich nicht darüber sprechen.« Plötzlich waren sie beim Du.
   »Es tut mir so leid«, flüsterte sie, stand auf und eilte zur Toilette. Als sie zurückging, hoffte sie, dass niemand sah, dass geweint hatte.
   Sonja kam und stellte lächelnd das Essen auf den Tisch. »Hackbraten mit gebratenen Kartoffeln für die Dame und eine Portion Muscheln für den Herrn.«
   »Guten Appetit, Bernadette.«
   Schweigend begannen sie zu essen.
   »Wie ist dein Hackbraten?«, erkundigte sich Tobias nach einer Weile.
   »Danke, gut.«
   Wieder aßen sie schweigend.
   »Du hast vorhin so traurig ausgesehen, als du von der Toilette kamst.« Tobias wartete einen Moment. »Entschuldige bitte. Geht mich ja auch wirklich nichts an.«
   »Es ist nicht so, wie du denkst. Ich bin nicht verrückt. Ich habe sie wirklich gesehen.«
   »Das habe ich doch gar nicht gedacht.«
   »Doch, das hast du. Du hast gedacht, dass ich halluziniere.«
   »Es geht mich einfach nichts an, verstehst du?« Er begann, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln und kniff die Augen zusammen, als wäre er mit sich selbst nicht im Reinen. »Ich kenne dich doch gar nicht«, sagte er schließlich.
   »Tobias, du musst dich wirklich nicht entschuldigen.« Sie presste die Lippen zusammen und wandte den Blick ab. »Kannst du mir nicht erklären, was mit meiner Schwester geschehen ist?«
   Er ließ ihre Frage unbeantwortet und widmete sich seinen Muscheln. Vorsichtig öffnete er die schwarze Schale und sog das helle Fleisch ein. Dann nahm er eine der beiden Muschelhälften, riss sie von der anderen ab und besaß somit eine kleine Schaufel, um das weitere Muschelfleisch aus der harten Schale zu entfernen. »Wir sollten wirklich keine Probleme herbeireden«, sagte er und prostete ihr zu.
   »Das hat meine Mutter schon gesagt. Gott sei ihrer Seele gnädig.« Sie trank einen Schluck Wein und beobachtete ihn, wie er das Muschelfleisch verschlang. »Ich hoffe, du weißt, was du da tust. Geht es dir gut?«
   »Sehr gut! Wirklich, sehr gut.« Er kaute, was das Zeug hielt.
   »Kann ich Ihnen noch etwas bringen? Kaffee vielleicht, oder ein Dessert?«
   »Möchtest du, Bernadette?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Für mich nichts mehr, danke.«
   »Dann bringen Sie uns bitte die Rechnung.«
   Die Kellnerin notierte rasch, was sie verzehrt hatten und addierte den Betrag. Tobias bezahlte und gab ihr ein kräftiges Trinkgeld.
   »Vielen Dank. Ich hoffe, Sie beehren uns bald wieder«, sagte sie und hielt ihnen die Tür auf.
   »Davon gehe ich aus«, erwiderte er und zwinkerte ihr zu.
   Noch während sie zum Parkplatz gingen, donnerte es, und über den Ausläufern der Stadt zuckten die ersten Blitze.
   Bernadette sah zum Himmel und berechnete im Geiste, wann der Regen losbrechen würde.
   »Es tut mir leid«, sagte Tobias, als sie in seinen Wagen gestiegen waren. »Ich habe mehr Fragen gestellt, als es mir zusteht.« Er fuhr los.
   Der Regen unterband jegliche Konversation. Im Inneren des Fahrzeugs war eine Zeit lang nichts zu hören, außer dem Aufklatschen der Regentropfen und dem rhythmischen Geräusch der Scheibenwischer.
   Tobias schaltete das Radio ein. WDR 1 brachte Oldies, aber keiner von ihnen sang mit. Das unbehagliche Schweigen hielt an, bis sie die Einfahrt ihres Hotels erreichten.
   Bernadette wollte sich verabschieden, da fiel ihr noch etwas ein. »Er hat sie auch gesehen, er muss sie kennen!«
   »Von wem sprichst du?«
   »Na, von dem Wirt in der Kneipe, wo wir waren! Ich erinnere mich, dass er sie gegrüßt hat.«
   »Bist du dir ganz sicher?«
   »Natürlich. Ich habe es deutlich gesehen.«
   »Na, dann fahren wir doch hin. Pitter hat sicher noch geöffnet. Fragen wir ihn.« Er wendete und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Pitter, der Wirt vom Balthasar, war dabei, seine Schankstube aufräumen. Verwundert sah er sie an, als Bernadette nach der Frau fragte, die ihn vom Fenster aus gegrüßt hatte.
   »Und dafür seid ihr extra wieder hergekommen?«, fragte er ungläubig. »Das ist Rita. Sie hilft manchmal hier aus. Hat sie irgendetwas angestellt?«
   »Nein, das ist es nicht. Aber sind Sie sicher, dass sie Rita heißt und nicht Diana?«, fragte Bernadette.
   Pitter verzog sein Gesicht. »Sie hat sich mir als Rita Schäfer vorgestellt, und mir fällt beim besten Willen keinen Grund ein, warum sie mir ihren wahren Namen verschwiegen haben sollte. Sicher verwechseln Sie Rita mit einer anderen Person.«
   Bernadette war völlig durcheinander. Sie konnte kaum noch an sich halten. »Ich weiß nicht … ich bin mir nicht sicher«, stammelte sie.
   Tobias wandte sich an den Wirt. »Hat diese Rita vielleicht eine Adresse, oder hast du eine Idee, wo wir sie finden können?«
   Pitter zuckte mit den Schultern. »Da müsste ich auf meinem Handy nachsehen.« Er kramte in einer Schublade, ohne etwas zu finden. »Wo ist es denn nur? Ich verlege es immer wieder …« Er schob die Lade mit einem Knall zu. »Aber Rita kommt wenigstens einmal pro Woche vorbei und fragt nach, ob sie aushelfen kann.«
   Bernadette schwankte und hielt sich am Tresen fest.
   Tobias schob sie zum Ausgang. »War ein langer Tag, vielen Dank für deine Auskunft. Ich schaue dann in den nächsten Tagen wieder vorbei.«
   »Ja, tu das, Tobias. Du kennst ja meine Öffnungszeiten. Macht es gut.« Pitter knipste das Licht aus, und Tobias brachte Bernadette zu seinem Wagen.
   Es war fast halb zwölf, als er sie im Petit Colonia ablieferte. Bernadette verabschiedete sich, schlich hinauf auf ihr Zimmer, warf die Handtasche aufs Bett, sperrte die Tür von innen zu … und fand den Teller mit dem Käsebrötchen auf ihrer Nachtkonsole.
   Sie stapfte sie ins Bad, zog sich aus, putzte sich die Zähne und kletterte in das fast schon antike Bett. Wieder quietschte der Rahmen. »Gute Nacht, du halber Hahn«, sagte sie zu dem Brötchen, drehte sich auf die Seite und schlief sofort ein.

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