Die kleine Marie Zertik wächst mit ihrer Zwillingsschwester Conny und ihren Eltern Waltraud und Pavel in der ehemaligen DDR auf. Als ihr Vater die Familie verlässt, hält sich ihre Mutter mit Männerbekanntschaften über Wasser und steckt die Bettnässerin Marie in ein staatliches Erziehungsheim. Geschlagen, misshandelt, vergewaltigt und weggesperrt, erlebt sie ein acht Jahre andauerndes Martyrium, das erst mit dem Erreichen ihrer Volljährigkeit und der Entlassung aus dem Jugendwerkhof ein Ende findet. Ihr erster Schritt in Freiheit führt sie zu den Russen, wo sie naiv und weltfremd den direkten Kontakt zum KGB sucht. Ihr Ansprechpartner, Oberst Kurganow, erkennt sofort, welches Potenzial in ihr steckt und will sie als Agentin ausbilden. Doch ihr Vertrag beinhaltet auch Kleingedrucktes: Marie soll Hemmungen und Scham über Bord werfen und ihren Körper in den Dienst der Sache stellen. Was das bedeutet, zeigt ihr Anika, eine alternde Agentin, die jahrelang für den KGB als Sex-Spionin gearbeitet hat und nun den Nachwuchs ausbildet. Die nicht gerade prüde Marie ist einigermaßen geschockt und hofft, gewisse sexuelle Praktiken niemals in der Praxis anwenden zu müssen.

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ISBN: 978-9963-53-818-8

Seiten: 325

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Peter Splitt

Peter Splitt
Peter Splitt wurde 1961 in Remscheid geboren und verbrachte seine Kindheit im Bergischen Land. Nach einer technischen sowie kaufmännischen Berufsausbildung wechselte er in die frühere Bundeshauptstadt Bonn und erlangte dort Sprachdiplome in Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Neben Musik, Literatur und Antiquitäten wurden Reisen in ferne Länder zu seiner großen Leidenschaft. Besonders Lateinamerika mit seinen Menschen und Gebräuchen sowie den Jahrtausende alten Hochkulturen finden immer wieder seine Begeisterung. Unter dem Motto: „Vom Rheinland und der Eifel in die weite Welt“ schreibt er Abenteuergeschichten, Thriller und spannende Krimis aus der Region. Er hat sich damit auf dem Literaturmarkt bereits einen Namen gemacht. Zurzeit schreibt er an einer spannenden Geschichte, die während des Zweiten Weltkrieges in Argentinien spielt.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Oktober 2002

Das gleichmäßige Brummen der Triebwerke versetzte mich in eine Art Dämmerzustand. Ich lehnte den Kopf gegen das heruntergezogene Plastikrollo des ovalen Jet-Fensters und versuchte, mich zu entspannen. Ich wollte nach New York, wo ein Flieger nach Deutschland auf mich wartete. Nach vielen Jahren würde ich zum ersten Mal mein Heimatland wiedersehen. Was für ein komisches Gefühl, jetzt zurückzukehren. Wie würde es dort aussehen? Was hatte sich verändert?
   Es war auch viele Jahre her, seit ich Alexander zum letzten Mal begegnet war. Ich vermisste ihn noch immer. Selbst nach all den Jahren. Wo mochte er sein? Lebte er noch? Ging es ihm gut?
   Ich erinnerte mich daran, wie wir uns das erste Mal geliebt hatten. Es war ein unglaubliches Erlebnis gewesen. Wann immer ich daran dachte, spürte ich dieses innere Kribbeln, spürte seinen Mund auf meinen Brüsten, fühlte, wie sich seine Hände auf meinen Körper legten und sich seine Männlichkeit an mich schmiegte. Dabei blickte er direkt in mein Gesicht. Ich wusste, ich konnte, wenn ich wollte, einen richtigen Schlafzimmerblick aufsetzen, nämlich dann, wenn ich meine Augenlider bis über die obere Hälfte der Iris fallen ließ. Auch deswegen durfte ich seit meinem zwölften Lebensjahr keinem Mann mehr in die Augen sehen. Tat ich es doch, so maß er mit Sicherheit meinen noch so belanglosen Worten irgendeine sexuelle Bedeutung bei. Meine Gedanken waren immer noch bei Alexander. Er knöpfte mir die Bluse auf, bevor er mich auf das große Doppelbett zog. Seltsamerweise spürte ich keine Spur von Verlegenheit, keine Scham, nur ein unbändiges Verlangen. Meine Brüste bebten, als sie freikamen. Alexanders Hände berührten sie sanft. Daraufhin richteten sich meine Brustwarzen steil auf. Sein Körper reagierte umgehend. Ich sah die Erregung in seinen Augen, während er mich beobachtete. Eilig wollte er sich seiner Jeans entledigen, doch ich kam ihm zuvor, kniete mich neben ihn, schob seine Hände beiseite und begann, den Reißverschluss seiner Hose zu öffnen. Meine Finger berührten jede neue freigelegte Stelle seines Körpers. Ich spürte sein Schaudern, hörte, wie er etwas Unzusammenhängendes vor sich hinmurmelte. In diesem Augenblick begehrte ich ihn wie noch niemals einen Mann zuvor. Stolz wie eine Venus baute ich mich vor ihm auf. Im Lichtschein der großen Stehlampe wirkte meine Haut makellos fein, ließ an Marmor denken. Ich spürte, wie sich Alexanders Herz überschlug. Sein Atem passte sich der heftigen Bewegung meines Brustkorbes an. Unser Verlangen nacheinander wuchs mit jeder Berührung. Die Küsse wurden fordernder, die Zärtlichkeiten dringlicher. Unsere zunehmende Erregung parfümierte die Atmosphäre. Suchend, verführend, ließ ich die Lippen über seinen Körper gleiten, bis ich fühlte, wie seine Haut glühte. Danach rollte ich mich mit einer nie für möglich gehaltenen Kraft auf ihn. Bei diesem ersten Mal brauchte sich niemand von uns beiden großartig anzustrengen. Unsere Körper verstanden sich blind. Ich empfand es als äußerst angenehm, dass ich mich nicht um seine Lust kümmern musste. Sein Gesichtsausdruck gab mir zu verstehen, wie sehr seine Erregung von meinem Verlangen dirigiert wurde. Ich hörte meinen Namen, der sich von seinen Lippen losriss. Die dann folgende Vereinigung befreite mich von der Welt um mich herum, während ich meinen Körper fester und fester auf seinem bewegte. Doch dabei blieb es nicht. Nach unserem ersten Höhepunkt liebten wir uns ein zweites Mal. Diesmal kam Alexander über mich, meine Lustschreie hallten in dem Gästeschlafzimmer wider. Was die anderen Mitbewohner in diesem Augenblick von uns dachten, war mir vollkommen egal. Es zählte nur dieses großartige Gefühl. Irgendwann ließen wir voneinander ab. Wir waren völlig erschöpft. Alexander hob den Kopf und sah, wie mir die Müdigkeit die Augen verschleierte.
   »Du wirst jetzt schlafen, Marie!« Es war eine Anordnung, die er mit einem Kuss bestätigte.

Oktober 2002

Dies war heute auf den Tag genau vor zwanzig Jahren geschehen, und trotzdem kam es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Mit meinen vierundvierzig Jahren war ich noch nicht alt, aber auch nicht mehr so jung und knackig wie damals. Der Zahn der Zeit und ein reichlich turbulentes Leben hatten ihre Spuren hinterlassen. Mein Haar trug ich jetzt kürzer, meine Figur war runder und irgendwie üppiger geworden. Auch Fältchen und Krähenfüße hatten sich eingestellt, obwohl ich sie mit Make-up zu überdecken versuchte. Ich wusste, meine Augen hatten den Glanz der Jugend verloren, aber trotzdem fühlte ich mich noch immer als eine attraktive Frau.
   »Bitte anschnallen, wir fliegen jetzt hinaus auf den Atlantischen Ozean, und es könnte zu Turbulenzen kommen«, ertönte eine verzerrte männliche Stimme durch die Bordlautsprecher. Das Geräusch ließ mich zunächst zusammenzucken, allerdings fing ich mich schnell wieder und versuchte, mich zu beruhigen. Hier oben über den Wolken war ich allein mit meinen Erinnerungen, nahm diesen Moment der trügerischen Geborgenheit in mich auf und wollte ihn so lang wie möglich festhalten.
   Doch dann, so plötzlich, wie er gekommen war, ging der Moment vorbei und ich spürte, wie eine nicht für möglich gehaltene Nervosität von mir Besitz ergriff, mich nicht mehr loslassen wollte. Allein bei den neuen Gedanken, die sich mir aufdrängten, spürte ich eine tiefe innere Unruhe aufkommen. Trotzdem schaffte ich es, der jungen Stewardess in dem dunkelblau-roten Outfit zuzulächeln, als sich diese nach meinem Getränkewunsch erkundigte. Meine Stimme zitterte in keinster Weise. Ich hatte gelernt, damit umzugehen, auch wenn es mir noch so schwerfiel. Es war so manches, was ich jetzt tun musste, von dem ich vorher geglaubt hatte, niemals dazu fähig zu sein. Diese ständigen Veränderungen, die mein bewegtes Leben mir abverlangte, sowie die vielen Schicksalsschläge, die ich wie selbstverständlich hinnahm, hatten mich letztendlich am Leben gehalten.
   Die silberne Boeing 737 flog über Rhode Island hinweg und nahm Kurs auf New York. Ich traute mich zum ersten Mal, das Plastikrollo nach oben zu schieben. Die riesige Stadt versank unter mir im bleichen Dunst der Ferne, als die Maschine eine Schleife zog und langsam ihre Flughöhe verringerte. In etwas weniger als zwanzig Minuten würde sie auf dem internationalen Flughafen John F. Kennedy landen, und danach würde ich mit etwas Glück an Bord einer Lufthansa-Maschine die USA verlassen können. Das heißt, für den Fall, dass man mich nicht an der Ausreise hinderte. Bis dahin verblieben noch ein paar lange Stunden, in denen ich mich weiter lächelnd und unschuldig locker geben musste. Ich blickte hinunter auf das Land, in das ich voller Hoffnung auf eine sichere Zukunft gekommen war. Das war vor siebzehn Jahren gewesen – nachdem ich alle verraten hatte.

Wie immer war die Ankunftshalle brechend voll. Besonders lästig war die erneute Einreiseprozedur, bei der ich mein Gepäck identifizieren und wieder aufgeben musste. Ich folgte den Schildern bis zur Gepäckentnahme. An dem Rollband schnappte ich mir meinen Koffer, passierte die Einreisekontrolle und steuerte auf den Flugschalter zu. Dabei sah ich nervös auf meine Armbanduhr. Bis zum abermaligen Einchecken blieben mir noch drei Stunden. Eine verdammt lange Zeit, wenn man warten musste und der Kloß im Hals immer größer wurde. Einige Polizisten in Uniform standen herum, nahmen aber keine Notiz von mir. Aber ich wusste, dass sie da waren. Die Leute vom Geheimdienst. Irgendwo warteten sie. Ich spürte, wie ich immer nervöser wurde. Einer stand in der Nähe des Flugschalters. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ausgerechnet dort, wo man meine Bordkarte für den Weiterflug hinterlegt hatte – und wo ich unbedingt hinmusste. Der Mann wirkte teilnahmslos, seine Augen jedoch waren starr auf die Menschenmenge gerichtet. Sie überflogen jeden, der sich dem Flugschalter näherte.
   Ich setzte mir die Sonnenbrille auf, obwohl das völlig verrückt war. Ich hatte mich betont lässig gekleidet. Alles hatte den Anschein, als würde ich nur eine kurze Reise unternehmen. Ich spürte einen Schubser. Jemand drückte mich von hinten vorwärts. Jetzt war ich an der Reihe, stand direkt vor dem Flugschalter. Eine freundliche Dame lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Alles lief glatt. Problemlos bekam ich meine Bordkarte ausgehändigt. Sie stellte meinen Koffer auf die Waage.
   »Möchten Sie Ihr Gepäck direkt bis Hannover durchbuchen?«, fragte sie mit überlauter Stimme.
   Verdammt! Musste sie so schreien, ausgerechnet jetzt?
   Aber es war zu spät. Der unauffällig wirkende Beamte blickte zu mir hinüber und bewegte sich auf den Ausgang mit dem Schild Embarkation zu. »Madam, Ihre Bordkarte bitte«, sagte er höflich, aber bestimmt.
   Ich hoffte, er würde nicht das Zittern bemerken, das durch meinen Körper ging. Gehorsam reichte ich ihm die Karte und machte auf lockere Konversation mit einem Nebenmann.
   »Sie kommen aus Philadelphia und fliegen weiter nach Frankfurt?«, fragte der Beamte weiter.
   Jetzt kam’s.
   »So können Sie aber nicht abfliegen«, sagte er, genau wie ich es befürchtet hatte. Der Mann mit dem kurzen Haarschnitt und dem dunklen Schnauzbart sah mich zunächst ernst an, dann aber huschte doch ein Lächeln über sein Gesicht.
   »Sehen Sie, Madam. Sie haben die Ausreisesteuer noch nicht bezahlt. Dies ist ein internationaler Flug, und da werden fünfzig Dollar fällig. Die müssen sie noch begleichen. Ohne die Steuermarke auf der Bordkarte kann ich Sie leider nicht ausreisen lassen.«
   Mir fiel ein Stein vom Herzen. Hatte ich richtig gehört? Diese verfluchte Ausreisesteuer! Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.
   Ich schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und griff nach dem Pappstreifen. »Wird sofort erledigt, Mister.«
   Das ‚Mister‘ schien ihm zu gefallen. Ich tauchte in die Menschenmenge ein und ging zu einem der Bankschalter, wo man ein paar Devisen tauschen – und eben auch jene lästige Steuer entrichten konnte. Als ich dem Beamten kurz darauf den Karton mit der Steuermarke in die Hand drückte und ihm zunickte, grinste er breit und riss gleichzeitig den Kontrollabschnitt meiner Bordkarte ab. Danach entließ er mich in den Abflugbereich.
   Nach zwei Stunden Wartezeit wurde meine Maschine nach Deutschland aufgerufen. Gate 29, Lufthansa-Flug LH 329 nach Frankfurt am Main.
   Ich ging durch die Gangway und betrat den großen Airbus. Glücklicherweise befand sich mein Platz im vorderen Drittel der Maschine. Somit würde ich in Frankfurt als einer der ersten Passagiere aussteigen können. Langsam schob ich mich vorwärts und wartete geduldig, bis mir die Mitreisenden, die noch in aller Ruhe ihre Kleinigkeiten im Gepäckfach verstauten, Platz boten.
   Reihe fünf – Fensterplatz, endlich!
   Beim Hinsetzen blickte ich mich verstohlen um. Der Mann, mit dem ich es bereits im Flughafengebäude zu tun hatte, stand zwischen den Sitzen und beobachtete die einsteigenden Passagiere. Diese Wachmänner waren wirklich überall. Ein Seufzer stieg in mir hoch, doch ich wusste ihn zu unterdrücken. Ich lehnte die Stirn an das Fenster und glaubte, in der Ferne das Empire State Building erkennen zu können. Ein Sonnenstrahl blitzte in das ovale Fenster, worauf ich hastig das Plastikrollo nach unten zog. Erst als die Motoren brummten und endlich die Türen geschlossen wurden, fühlte ich mich einigermaßen sicher. Die Maschine fuhr auf das Rollfeld und reihte sich in die Schlange wartender Flugzeuge ein. Auf einmal knackte der Lautsprecher. Eine angenehme männliche Stimme meldete sich.
   »Guten Tag, liebe Fluggäste. Mein Name ist Rheinhard. Ich bin der Co-Pilot auf Ihrem Flug nach Frankfurt. Leider wird sich der Abflug wegen des hohen Flugaufkommens um fünfzehn Minuten verspäten. Ich bitte um Ihr Verständnis und wünsche Ihnen eine angenehme Reise. Ich melde mich nach dem Start wieder, wenn wir unsere Flughöhe erreicht haben.«
   Es knackte ein weiteres Mal, dann verstummte der Lautsprecher. Die kleine Verzögerung war nicht weiter schlimm. Ich hatte alle Zeit der Welt, fragte mich, was mich in Deutschland erwarten würde. Siebzehn Jahre lautete die magische Zahl. Siebzehn verdammt lange Jahre war ich nicht mehr in Deutschland gewesen. In der Zwischenzeit war die Mauer gefallen. Ich hatte davon gelesen, hatte gebannt die Berichte im Fernsehen verfolgt. Für mich war der Zusammenbruch der DDR eine Sensation gewesen. Aber ich hatte auch die Anzeichen von Resignation gespürt. Wofür hatte ich all die Jahre gekämpft, meine Energie und meinen Körper eingesetzt?
   Der Zweck meiner Agententätigkeit hatte darin bestanden, die Ideale, für die ich lebte, zu verteidigen. Sollten sie heute nicht mehr bestehen, dann wäre ich gescheitert. Aber falls es sie noch gab, hätte ich gewonnen. Oder hatten die anderen bloß verloren? Vielleicht fingen die Schwierigkeiten auch gerade erst an, nachdem sie die Fesseln des ideologischen Konflikts abgestreift hatten.
   Wenn ich überhaupt etwas bedauerte, dann, auf welche Art und Weise ich meine Zeit und Fähigkeiten vergeudet hatte. All die Sackgassen, die falschen Freunde, die vertane Energie. Aber der Job hatte irgendwie zu mir gepasst. Wahrscheinlich war Mutter daran schuld. Oder war es dieses Buch gewesen, worin ich als Kind immer geblättert hatte? Ich wusste es nicht. Meine Vergangenheit lag viel zu weit zurück, und doch hatte sie mich diesmal eingeholt. Durch die Nachricht von Vaters Tod. Von einem Mann, den ich niemals richtig gekannt hatte.
   Ich bildete mir ein, seine Stimme zu hören. Es war eine Stimme, die mir fremd war. Oder besser gesagt, ich konnte mich nicht mehr an sie erinnern, auch wenn mir die Worte vertraut vorkamen: »Komm zu mir Mariechen, komm …«
   Ich stellte ihn mir vor, wie er auf der geräumigen Holzveranda unseres Hauses in einem alten Schaukelstuhl saß und gemütlich eine Pfeife rauchte. Damals hätte meine Welt noch in Ordnung sein können, aber sie war es nicht. Immerhin hatte ich noch geglaubt, dass mir niemals etwas wirklich Schlimmes widerfahren könnte. Hatte mich Vater hochgehoben, auf seine Knie gesetzt und mir dann eine nicht enden wollende Geschichte erzählt? Ich wusste es nicht, doch die Vorstellung trieb mir Tränen in die Augen, meiner Kehle entwich ein kaum hörbares Schluchzen. Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen, wollte nicht, dass jemand erfuhr, dass ich im Begriff war, dieses Land zu verlassen, um in meine alte Heimat zurückzukehren. Das galt besonders für den finster dreinschauenden Typen in der vordersten Reihe, der direkt an der Trennwand zur Businessklasse saß. Wachsam wie ein Fuchs waren seine Augen beim Einsteigen über die Gesichter der Mitreisenden gewandert. Dabei hatte er keine Miene verzogen und versucht, mit eiskaltem Blick jede verdächtige Regung zu registrieren. Und genau daran glaubte ich, ihn erkannt zu haben. An dem ruhelos lauernden Ausdruck in den Augen. Bestimmt war er ein Mitglied der National Security, oder was vielleicht noch schlimmer war, vom amerikanischen Geheimdienst CIA, und die hatten mich mit Sicherheit noch auf ihrer Liste.
   Tief unter mir glitt der Atlantische Ozean vorüber. Mir fielen die Augen zu, aber schlafen konnte ich nicht. Wie sollte ich auch, entfernte ich mich doch immer mehr von jenem Land, in dem ich in Frieden und Freiheit gelebt hatte. Fast unmerklich lichteten sich draußen die Wolken, und ein sanfter Lichtstrahl beförderte die tosende Gicht des Meers aus einem tiefen Schatten. Kleine Inseln leuchteten wie grüne Punkte in einem endlosen Blau, aber diese Schönheit der Natur nahm ich kaum wahr. Stattdessen befand ich mich in einem Zustand der Schwerelosigkeit. Ohne ein Gewicht, das mich am Boden hielt, pendelte ich zwischen gestern und morgen hin und her, losgelöst von einem Leben, an das ich mich so sehr gewöhnt hatte. Ich wusste, ich tat es für meinen Vater, den ich kaum gekannt hatte. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr an sein Gesicht. War es leicht von der Sonne gebräunt gewesen? Hatte er intelligente Augen, einen sanften Mund, vielleicht ein Bärtchen gehabt?
   Ich hatte versucht, die Fassung zu bewahren, als der Brief von seinem Tod gekommen war. Der Brief, von einem gewissen Notar Lehmann aus Göttingen aufgesetzt, hatte mich über Umwege erreicht. So einfach kam niemand an meine Adresse heran. Danach hatte ich zum ersten Mal mit Tante Ingeborg telefoniert. Obwohl ich mich bei dem Telefonat sehr bemüht hatte, meine Emotionen unter Kontrolle zu halten, musste sie sofort gespürt haben, wie nervös ich gewesen war. Beinahe vermochte ich mir das Telefongespräch nicht mehr ins Gedächtnis zurückzurufen, denn zu sehr hatte die Nachricht von Vaters Tod meine Gefühle und Sehnsüchte im Keim erstickt. Etwas begann an meinem Inneren zu nagen. Etwas, dass mich nicht mehr loslassen wollte.

Nach gut zehn Stunden Flugzeit verlor der Airbus A 320 der Lufthansa langsam an Höhe und war im Begriff, sich dem Rhein-Main-Flughafen von Frankfurt zu nähern. Ich drückte meine Nase gegen das ovale Fenster und beobachtete die Umgebung des Airports in der grellen Herbstsonne. Die Umstände, die zu meiner Reise geführt hatten, kamen mir jetzt fantastisch vor, und doch freute ich mich irgendwie auf die Rückkehr in meine Heimat. Die Räder des enormen Jets berührten den Boden und verursachten eine Erschütterung in der Kabine. Einige der Passagiere applaudierten, froh, wieder festen Boden unter ihren Füßen zu wissen. Das Flugzeug blieb nach einem letzten Rütteln endlich stehen, der Lärm der Motoren verstummte. Eine allgemeine Mobilität machte sich unter den Passagieren breit, als sie auf das Verlassen der Maschine vorbereitet wurden. Ich blieb noch sitzen und beobachtete die Wolken über dem Himmel der Main-Metropole. Fast kam es mir so vor, als wollten sie sagen: »Herzlich willkommen daheim in Deutschland.«
   Letztendlich erhob ich mich aber doch, verließ den Flieger durch die Vordertür und folgte der Menge auf dem schmalen Gang hinüber zur Abfertigung meines Inlandsfluges nach Hannover. Die Menschenmenge sammelte sich um mich herum, aber niemand schien etwas anderes zu sein als einfach ein Reisender ohne Eile.

Kapitel 1
Oktober 2002

Ich mietete mir am Flughafen Hannover Langenhagen einen Leihwagen und fuhr auf die Autobahn 7 in Richtung Hildesheim. Unterwegs musste ich tanken. Ich fühlte mich sicherer, wenn der Tank voll war. Außerdem brauchte ich eine Straßenkarte. Benzin und Karte bezahlte ich mit meiner Kreditkarte, aber da waren auch noch die Kaugummis, die ich mir ausgesucht hatte. Die wollte ich bar bezahlen. Ein paar D-Mark Münzen hatte ich noch dabei.
   »Das macht einen Euro«, sagte die Angestellte an der Kasse, während sie etwas in die Tastatur eintippte.
   »Wie bitte?« Ich glaubte, mich verhört zu haben. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ab dem Januar dieses Jahres hatte man in Europa den Euro eingeführt. Auch davon hatte ich gelesen. Besonders, dass sich die Menschen nicht so richtig mit der neuen Währung anfreunden konnten. Jetzt verstand ich auch, warum. Einen Euro für die Kaugummis. Das waren nach meiner Rechnung zwei D-Mark. Unglaublich! Ich ließ die Kaugummis liegen, stieg in meinen Leihwagen und fuhr weiter nach Göttingen. Mittlerweile war es Abend geworden, und ich spürte die Auswirkungen der langen Reise. Ich war jetzt gute achtzehn Stunden unterwegs, das mehrfache Umsteigen mit eingerechnet. Die Adresse, die mir Tante Ingeborg genannt hatte, lag im Ostteil der Stadt. Als ich von der A 7 abfuhr, landete ich im Westen. Ich hielt kurz an, schaute auf die Karte. Göttingen war nur als kleiner Punkt zu erkennen. Das half mir nicht weiter. Ich erkundigte mich bei einem Passanten. Er schickte mich über die B 3 und B 27 zum Stadtwald. Hier befand sich das sogenannte Villenviertel. Es erstreckte sich den Hang des Göttinger Waldes hinauf – eine feine Wohngegend.
   Ich hatte es geschafft, parkte den Wagen auf dem Seitenstreifen und sah mich um. Bereits aus größerer Entfernung erkannte ich die niedrige hölzerne Gartenpforte im Licht der untergehenden Sonne. Es folgte ein grün angelaufenes, weit heruntergezogenes Satteldach, das das weiß getünchte Haus darunter fast völlig verdeckte. Ich atmete tief durch, als ich den Garten sah. Die rötliche Erde, die durch das Grün schimmerte, die würzige, warme Feuchtigkeit, die von ihr aufstieg, die bunten Schmetterlinge auf den unzähligen Blüten sowie der natürlich parfümierte Duft beruhigten mich. Ich ging um das Haus herum, rollte meinen Koffer hinter mir her. Großblättrige Pflanzen wucherten bis in die breiten Kronen der Bäume und ließen die letzten Sonnenstrahlen in grüngoldenen Flecken auf der erwärmten Erde tanzen. Zwei Elstern turnten an den Halmen eines dichten Lorbeerbusches. Auf den steinigen Wegen hatten die Pflanzen begonnen, sich ihren Grund zurückzuerobern. Naturbelassen nannte man das wohl.
   Dann stand ich vor einer Holzveranda mit einem Geländer aus gitterartigem Zaungeflecht. Hier blätterte langsam die Farbe ab, ein neuer Anstrich war überfällig. Ich ließ meinen Koffer einfach stehen, stieg vorsichtig die kleine Holztreppe hinauf und betrat den warmen Holzboden der Veranda. Hier und da huschte ein Käfer vor mir über die ausgelatschten Bohlen. Die Fenster des Hauses standen offen, genauso wie die Eingangstür. Ich blickte an der hellen Fassade empor und empfand ein unerwartetes Bedauern. Wie schön doch dieses Haus war. Ein echtes Schmuckstück in einer Straße, in der selbst unbebaute Grundstücke bereits ein Vermögen kosteten. Es war Vaters Haus gewesen. Er hatte es in sein Heim verwandelt. Ich versuchte, mich an ihn zu erinnern, aber es gelang mir nicht. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wer er gewesen war. Nur manchmal erinnerte ich mich an ein Gespräch, das sich seit meinen Kindertagen fest in meinem Kopf verankert hatte. Es war das letzte Mal, dass ich meine Eltern miteinander hatte streiten hören.
   »Du sagst mir nie, dass ich hübsch aussehe! Wieso eigentlich nicht?«
   »Ich sag es dir doch andauernd, Liebling, aber du hörst ja niemals zu.«
   Ich hörte das ferne Rascheln einer Zeitung. Vater las immer in der Zeitung.
   »Lass uns doch mal wieder tanzen gehen.«
   Keine Antwort.
   »Hast du gehört, was ich gesagt habe? Ich sagte, gehen wir doch mal wieder tanzen …« Mutters Stimme klang verärgert und schrill.
   Wieder folgte ein Zeitungsrascheln. »Du hast doch getrunken!«
   »Nein, habe ich nicht!«
   »O doch, ich rieche deine Alkoholfahne bis hierhin.« Vater würdigte Mutter keines Blickes, während er diese Worte sagte.
   Ich stellte mir vor, wie sie schmollte.
   »Gut, dann gehen wir eben nicht tanzen. Wie sieht es denn mit dem Kino aus? Ich war schon so lange nicht mehr im Kino.«
   »Ich habe jetzt keine Lust. Geh doch mit einer deiner Freundinnen ins Kino.«
   Ich hörte Mutter laut atmen. »Ich habe keine Freundinnen, im Gegensatz zu dir.« Ihre Stimme wurde noch lauter.
   »Pst! Sprich nicht so laut! Du weckst noch die Kinder auf.« Vater las weiter in der Zeitung.
   »Ich wette, deine Freundinnen behandelst du nicht so wie mich. Denen sagst du bestimmt nicht, sie sollen leise sein, wenn sie lustvoll stöhnen.« Mutters Stimme glich einem lauten Krächzen.
   »Jetzt hör auf damit, verdammt noch mal! Das ist ja nicht zum Aushalten.«
   »Glaubst du etwa, ich weiß nichts von deinen Weiberbekanntschaften? Glaubst du wirklich, ich weiß nicht, wohin du gehst, wenn du mir sagst, du müsstest noch Überstunden machen?«
   Ratsch! Aus dem Wohnzimmer ertönte ein eigenartiges Geräusch. Mutter hatte ihm die Seite seiner Zeitung aus den Händen gezerrt und sie vor seinen Augen zerrissen.
   Vater sprang aus dem Sessel und warf den Rest der Zeitung auf den Teppich. »Du bist ja total verrückt geworden!«
   Ich hörte ihn hinter dem grünen Velourssofa hin und her laufen.
   »Du bist hier der Verrückte«, donnerte Mutters Stimme zurück.
   Ich stellte mir vor, wie sie im Begriff war, sich auf ihn zu stürzen.
   »Ja, ich bin wirklich verrückt! Verrückt, weil ich noch bei dir bleibe!«
   »Na, dann hau doch endlich ab, du Mistkerl!«
   »Ganz genau, das werde ich tun.« Vater nahm etwas von der Garderobe und rannte zur Haustür, doch Mutter hatte noch nicht genug.
   »Ich weiß ganz genau, wohin du jetzt gehst, du Schwein!«
   Die Haustür fiel ins Schloss.
   »Nein!« Mutter fing an zu schreien. Dann schlug sie mit den Fäusten gegen die Tür, die Vater vor ihr zugeschlagen hatte.
   Er kam nie mehr zurück.
   Die Vorderfront des Hauses war blitzblank geputzt. Sie maß in der Breite etwa neun Meter. Hier gab es sogar Zimmer mit einem Blick auf den angrenzenden Park. Und was für einen. Für einen atemlosen Augenblick starrte ich auf das grandiose Panorama vor mir. Eine ältere Dame saß in einem altmodisch geschwungenen Korbsessel in der Tiefe von diesem Teil der Veranda und döste friedlich vor sich hin. Das musste Tante Ingeborg sein. Sie hatte graue Haare und war ganz in Schwarz gekleidet. Als sie die Augen öffnete, blickte sie direkt in mein fragendes Gesicht.
   »Bist du das wirklich, Marie? Wie gut, dass du hier bist. Komm, setz dich zu mir auf die Terrasse und lass dich ansehen. Mein Gott, nach so vielen Jahren lerne ich dich endlich kennen.«
   Ich war verlegen und setzte mich, unfähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen.
   »Magst du eine Tasse Kaffee?«, fragte Tante Ingeborg, nachdem sie mich ausführlich begutachtet hatte.
   »Ja gern, Tante Ingeborg.« Dies waren die ersten Worte, die aus meinem Mund kamen.
   Tante Ingeborg schenkte mir aus der Thermoskanne in eine saubere Tasse ein, die seitlich auf einem runden Tischchen stand. »Hattest du eine angenehme Reise?«
   Ich schluckte. Dann bemühte ich mich, einigermaßen klar und deutlich zu antworten. »Ja, schon. Der Flug war zwar sehr lang und dann noch das viele Umsteigen, aber wenigstens hatten wir keine größeren Turbulenzen.«
   »Na, dann bin ich ja beruhigt. Ich fliege überhaupt nicht gern. Ich stehe lieber mit meinen Füßen fest auf dem Boden.«
   Ich sah mir Tante Ingeborg genauer an. Sie entsprach nicht ganz dem Abbild, dass ich mir von ihr nach dem Telefongespräch gemacht hatte. Sie war nicht groß, eher dünn und knochig. Ich hatte mir das genaue Gegenteil vorgestellt. Auf den ersten Blick wirkte sie liebenswürdig und freundlich, doch die tiefen Furchen in ihren Mundwinkeln bestätigten, dass sie auch ganz anders sein konnte. Mit anderen Worten, Tante Ingeborg hatte Haare auf den Zähnen, und das passte wiederum bestens zu ihrer Aussage, sie wolle lieber mit den Füßen fest auf dem Boden stehen.
   »Gefällt es dir hier bei uns, Marie?«
   »Ja, sicher. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Vater hier sehr wohlgefühlt hat.«
   »Das hat er in der Tat, meine Liebe, das hat er!«
   »Er hat sicher viel dafür übriggehabt. Ich meine für den Garten, die Landschaft, das Haus …?«
   »Nun ja, dein Vater war kein Mann, der so etwas kaufte, weil es standesgemäß war. Er hat das alles hier wirklich geliebt.«
   »Ich verstehe, und doch komme ich mir hier ehrlich gesagt vor wie in einer anderen Welt.«
   Tante Ingeborg schenkte mir ein verständnisvolles Lächeln. »Das kann ich gut verstehen. Es muss alles eine große Umstellung für dich sein. In Amerika war dein Leben bestimmt ganz anders.«
   »Es kam alles so plötzlich, Tantchen, und jetzt diese vielen neuen Eindrücke. Dieses Haus hier zum Beispiel ist ein Teil des Lebens meines Vaters gewesen. Alles, was ich hier sehe, hat einem Mann gehört, den ich niemals richtig gekannt habe. Es fällt mir sehr schwer, das alles zu begreifen, und dazu sein plötzlicher Tod …«
   »Schrecklich, nicht wahr? Glaub mir, ich kann dir nachfühlen, Marie. Ich kann es auch noch nicht fassen. Dieser grauenhafte Autounfall, dabei erfreute sich dein Vater bester Gesundheit. Doch was bedeutet das schon? Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, müssen wir eben gehen. Es ist gut, dass du so schnell gekommen bist.«
   »Das ist wohl das wenigste, was ich noch für ihn tun kann. Außerdem bin ich in der Hoffnung hierhergekommen, etwas mehr über Vater in Erfahrung zu bringen. Willst du mir dabei helfen, Tante Ingeborg?«
   Wieder lächelte die alte Dame. Diesmal war es ein zweideutiges Lächeln. Sie zögerte einen winzigen Augenblick. »Aber sicher, Marie.«
   »Weißt du, da ist so vieles in mir drin, was ich gern verstehen möchte. Zum Beispiel, warum ich so geworden bin, wie ich bin, und wer meine Eltern wirklich waren. An Mutter kann ich mich noch ganz gut erinnern, aber bei Vater habe ich eine völlige Leere. Da ist nichts. Rein gar nichts. Oh, da fällt mir ein, mein Koffer … ich habe ihn vorhin unten vor der Veranda stehen lassen.«
   »Das macht nichts.« Irgendwie schien sie der Themenwechsel zu beruhigen. »Warte, ich werde nach Elisabeth rufen lassen. Sie kann den Koffer hinauf in dein Zimmer bringen. Sicher möchtest du duschen und dich umziehen? Elisabeth ist übrigens unsere Haushälterin.« Sie zwinkerte mir zu.
   »Vielen Dank, Tantchen, sehr gern, aber das mit dem Koffer schaffe ich noch allein. Wo sagtest du, befindet sich mein Zimmer?«
   »Oben, unterm Dach. Dort gibt es gleich drei Gästezimmer. Du kannst dir eins aussuchen. Geh nur schon hinauf. Gleich gibt es bei uns Abendbrot. Du magst doch mit uns zu Abend essen?«
   »Aber sicher, Tante Ingeborg.«
   »Sehr gut! Ah, da ist ja Elisabeth. Darf ich bekanntmachen: meine Nichte Marie. Sie ist extra aus den USA zu uns gekommen. Bist du so gut und begleitest sie nach oben?«
   Elisabeth lächelte, und ich gab ihr die Hand. Sie war etwa Mitte fünfzig, eine gepflegte und adrette Erscheinung. Danach holte ich meinen Koffer und schleppte ihn eigenhändig die Treppe zum Dachgeschoss hinauf. Oben angekommen, musste ich erst einmal tief durchatmen. Dann bemerkte ich die unglaubliche Aussicht. Von hier oben konnte man kilometerweit in die Landschaft blicken. Was für ein einzigartiger Ausblick!
   Elisabeth übernahm die Initiative. Sie schnappte sich meinen Koffer und ging entschlossen auf das dritte Zimmer zu. Es lag direkt neben dem Dachgiebel. Die Tür war offen, und Elisabeth hob den Koffer auf das große Doppelbett. Ich staunte nicht schlecht. In dem Zimmer sah es aus wie auf einem bayrischen Ferienhof. Decke und Wände waren mit Holzpaneelen verkleidet. Die wuchtigen Möbel aus Kiefernholz passten dazu wie die Faust aufs Auge. Das Zimmer wirkte gemütlich. Hier konnte man sich wohlfühlen. Ich bedankte mich bei Elisabeth, öffnete meinen Koffer und begann, einen Teil meiner Kleidungsstücke in den Schrank zu räumen. Elisabeth sah mir eine Weile zu, dann ging sie nach unten und ließ mich mit mir und meinen Gedanken allein zurück. Diese drehten sich weiter um Vater.
   Er hatte das Haus mit so viel Liebe zum Detail eingerichtet, er musste ein liebenswerter Mensch gewesen sein.
   Nachdem der Koffer leer war, entschied ich mich für Jeans und ein rotes Westernhemd aus dem Schrank, angelte mir frische Unterwäsche aus einem der seitlichen Schubladen, verließ das Zimmer und suchte nach der Dusche. Die befand sich auf der anderen Seite des Giebels und war quasi in die Dachschräge integriert worden. Sie war ein weiteres Detail meines Vaters. So langsam bekam ich einen Eindruck davon, wie er tatsächlich gewesen war. Ich betrat das Duschbad und drehte den Warmwasserhahn auf.
   Ah, wie gut tat das denn …
   Danach war ich ein anderer Mensch. Ich trocknete mich ab, föhnte mein Haar und schlüpfte in Jeans und Hemd. Ich fühlte mich wie neugeboren, spürte nichts mehr von einem Jetlag. Ich pfiff die Melodie eines Countrysongs vor mich hin und ging die Treppe hinunter.
   Tante Ingeborg saß bereits im Esszimmer, als ich den Raum betrat. Sie schluckte, als sie meine Aufmachung sah, und spätestens jetzt wusste ich, dass ich etwas ganz Entscheidendes außer Acht gelassen hatte. Vater war gestorben, Tante Ingeborg trauerte, und ich erschien in einem bunten Western-Outfit. Das ging gar nicht!
   »Oh … verdammt … äh, ich bitte vielmals um Entschuldigung.« Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte nach oben auf mein Zimmer.
   Im Kleiderschrank hing eine schwarze Lederkombination, die ich mir noch extra vor dem Abflug gekauft hatte. Ansonsten besaß ich nichts Schwarzes. Ich hasste die Farbe. Sie wirkte düster und traurig, aber diesmal musste es wohl sein. Zehn Minuten später war ich wieder unten im Esszimmer und bemerkte Tante Ingeborgs wohlwollenden Blick auf mir ruhen. Alles war wieder in Ordnung. Ich setzte mich an den Tisch. Er war für zwei Personen gedeckt.
   »Weißt du schon, wie es weitergeht?«, wollte ich wissen, während ich mir etwas von dem Essen auf meinen Teller schob.
   Es gab Rinderbraten mit Rotkohl, biedere Hausmannskost. Ich probierte den Braten. Das Fleisch war zart und saftig. So etwas hatte ich schon lange nicht mehr gegessen.
   Tante Ingeborg beobachtete mich eine Weile, ehe sie auf meine Frage antwortete. »Nun, ich denke, zunächst wirst du ein paar Tage brauchen, um dich von den Strapazen deiner Reise zu erholen und um dich einzugewöhnen. Danach haben wir einige Dinge zu erledigen. Immerhin geht es um das Wohl der Firma. Wie ich dir bereits geschrieben habe, besaß dein Vater eines der größten Industrieunternehmen in der Gegend. Und genau darum dreht es sich bei dem Notartermin am kommenden Freitag. Bei der anstehenden Testamentseröffnung sollen die Besitzverhältnisse geklärt werden. Als seine Tochter hast du natürlich gewisse Ansprüche …«
   »Nicht nur ich, sondern auch Conny, meine Schwester. Apropos, hast du sie erreichen können?«
   »Leider nein. Magst du noch ein Stück von dem Rinderbraten?«
   »Bitte Tante, ich habe dich etwas gefragt.«
   Sie zögerte, deutete auf die Schüssel mit dem Rotkohl. »Es ist noch genug da, Kindchen.«
   Mich beschlich ein unangenehmes Gefühl. Wollte mir Tante Ingeborg etwas verheimlichen? Sie tat so, als würde sie überlegen. Schließlich schien sie eine passende Antwort gefunden zu haben.
   »Unser Notar hat es versucht, genauso wie bei dir, aber er hat Conny nicht gefunden. Sein Brief kam zurück mit dem Vermerk ‚Adresse unbekannt‘. Aber dass du selbst keinerlei Kontakt zu ihr hast?«
   »Nein, schon all die Jahre nicht. Als ich aus dem Heim kam, habe ich in Wolfersdorf nach ihr gesucht. Aber von meiner Familie hat niemand mehr dort gewohnt. Ich weiß nicht, wo sie abgeblieben ist oder ob sie überhaupt noch lebt?«
   »Eben drum. Somit wärst du die Alleinerbin …«
   »… und genau davon möchte ich im Moment überhaupt nichts wissen, Tantchen.«
   »Das verstehe ich sehr gut, Marie, aber es ist unabdingbar, dass wir darüber reden. Früher oder später müssen wir uns um die Hinterlassenschaften deines Vaters kümmern. Ich habe einen Gedenkgottesdienst zu seinen Ehren eingeplant. Die Andacht könnte in der kleinen Kapelle des Stadtfriedhofes stattfinden. Außerdem denke ich, wir sollten ein Abendessen für die engeren Freunde deines Vaters geben, wobei auch die Direktoren der Firma geladen werden sollten, sowie einige wichtige Persönlichkeiten aus der Politik.«
   »Damit kann ich leben. Obwohl, Politiker? Muss das wirklich sein?«
   »So etwas nennt man gesellschaftliche Pflichten, Kindchen. Um die werden wir nicht herumkommen.«
   »Wenn du meinst … Liegt sonst noch etwas an?«
   »Nun, über die aktuellen geschäftlichen Dinge können wir zu einem späteren Zeitpunkt sprechen. Nachdem du die Herren der Werksleitung kennengelernt hast. Bist du damit einverstanden?«
   »Grundsätzlich schon, aber ich möchte noch unbedingt hinaus nach Wolfersdorf. Nach alldem, was geschehen ist, bin ich sehr gespannt, wie es dort aussieht.«
   »Kein Problem. Wir werden sehen, wie wir das zeitnah einbauen können.«
   Ich strich mir nachdenklich die Haare nach hinten. Das Ganze nahm ganz andere Ausmaße an, als ich zunächst angenommen hatte.

Zwei Tage später fuhr ich nach Wolfersdorf. Ich tauchte in eine Zeit ab, die ich glaubte, längst vergessen zu haben, und meine Stimmung wurde genauso wie das Wetter – trist und grau.

Das schlossähnliche Gebäude war gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts errichtet worden. An seiner verwitterten Fassade rankten mannshohe Schlingpflanzen in die Höhe. Entlang der hohen Natursteinmauer, die das große Grundstück umgab, verbreiteten Disteln und Philodendron einen bitteren Geruch. In der Mitte des verwilderten Gartens, zwischen der Mauer zur Straßenseite hin und dem wuchtigen grauen Bauwerk, stand eine uralte Eiche. Ihre Blätter bildeten einen mächtigen Schirm gegen Regen und zu viel Sonne. Auf dem festgetretenen Lehmboden verteilten sich vereinzelte Felsbrocken. Zwischen ihnen wuchsen Löwenzahn und farnartige Pflanzen. Dahinter bot ein kleiner Durchgang dem neugierigen Eindringling einen schnelleren Zutritt als das Hauptportal, das zusätzlich durch ein eisernes Tor gesichert war. Der alte Bau machte einen unheimlichen Eindruck. Von den einstmals vergitterten Fensterscheiben waren nur noch zwei intakt. Die Fensterbänke waren morsch und faulten vor sich hin. Die Haustür hing schräg aus den Angeln. Das Dach hatte zur Ostseite hin mehrere Löcher, sodass der Regen ungestört in den Innenraum strömen konnte. Er plätscherte auf die alten Holzdielen und hinterließ kleine hässliche Pfützen auf dem unebenen Untergrund. An anderen Stellen rann er weiter und bahnte sich seinen Weg über die Korridore bis hin zu den kleinen Zellen, in denen hier und da noch die Überreste verrosteter Bettgestelle standen. Sie stammten noch aus jener Zeit, als das Gebäude ein Heim für schwer erziehbare Kinder beherbergte. Das waren Kinder mit angeblichen Disziplinschwierigkeiten, oder solche, deren Eltern wegen versuchter Republikflucht und Staatshetze im Gefängnis saßen. Im Heim war alles streng reglementiert. Die Gruppe war alles, was zählte. Der Einzelne musste zurückstecken und seine Bedürfnisse hinten anstellen. Besonders schlimm erging es jenen Kindern, die eine Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit verweigerten. Sie waren der Willkür des Personals ausgesetzt, wurden misshandelt und gedemütigt. Das war vollkommen legal und gewollt, in einem Land, das 1961 die Mauer gebaut hatte.
   Dunkle Wolken zog über das Land. Sie brachten Nieselregen und Nebel mit sich. Ich zog hastig an meiner Zigarette und blies den blauen Dunst in den grauen Himmel. Dann knöpfte ich mir den Mantel zu. Ich fröstelte. Allerdings weniger wegen des einsetzenden schlechten Wetters, sondern aufgrund der Erinnerungen, die mir der baufällige Koloss bescherte. Hier hatte vor langer Zeit mein Leidensweg begonnen.
   Zögernd passierte ich den versteckten Durchgang. Der Lehmboden wurde mit zunehmendem Regen glitschiger. Meine schwarzen Stiefeletten schlitterten durch den Dreck. Vor dem Eingang blieb ich stehen, sah mich vorsichtig nach allen Seiten um. Nein, hier war niemand, konnte niemand mehr sein. Das Gebäude stand einsam und Furcht einflößend vor mir. Ich überlegte, blickte unruhig die verwitterte Fassade hinauf. Etwas fehlte. Die Erinnerungen kamen langsam zurück. Neben der Eingangstür hatte sich ein auf Hochglanz poliertes Messingschild befunden. Wie von Geisterhand erschien ein Name vor meinem geistigen Auge. Ein Name, der für mich gleichbedeutend war mit Höllenqualen und Folter: Spezialkinderheim Wolfersdorf.
   Allein die Gedanken an das Wort ‚spezial‘ ließen mich erschaudern. Es war der Ausdruck für eine Behandlung, die ich jahrelang ertragen musste.
   Vorsichtig strich ich über das raue Mauerwerk. Meine Hände zitterten. Ich wunderte mich über mich selbst. Wunderte mich darüber, dass ich es nach all den Jahren geschafft hatte, an diesen Ort zurückzukehren.
   Auch wenn das Gebäude völlig verwahrlost vor mir stand, die Empfindungen und die Erinnerungen waren geblieben. Mit der Zeit hatte ich gelernt, keinerlei Emotionen nach außen zu zeigen, mir jegliche Mimik zu verkneifen. Ich hatte nicht mehr gelacht, nicht mehr geweint. Das 24-stündige Sprechverbot von damals und die absurden Strafmaßnahmen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Damals, das war auch die Zeit gewesen, bevor man mich ins Heim steckte. Als ich zusammen mit meiner Zwillingsschwester Cornelia aufwuchs, kurz nachdem Vater uns verlassen hatte.
   »Das Schwein hat in den Westen gemacht und uns einfach im Stich gelassen«, sagte Mutter immer dann, wenn ich sie auf Vater ansprach.
   Die einzige Existenz, die es von ihm gab, war ein Foto auf dem gebogenen Holzbrett im Wohnzimmer, das Mutter als Regal diente. Daneben lag das einzige Buch, das im ganzen Haus zu finden war. Es war ein altmodisches Buch mit dem Abbild eines großen Schmetterlings als Titelbild. Auf der zweiten Seite stand Mutters Name mit großen, geschwungenen Buchstaben geschrieben: Waltraud Zertik.
   Die Seiten waren glatt und sauber, obwohl sie so rochen wie alles andere in unserer armseligen Behausung – nach Feuchtigkeit und Desinfektionsmitteln. Letztere verwendete Mutter für die Toilette hinter dem Haus. Ich blätterte gern in dem Buch, sah mir die illustrierten Seiten an. Sie handelten von einheimischen Tieren. Von dem, was sie fraßen, wie sie ihren Unterschlupf bauten und wie sie sich paarten. Besonders das interessierte mich. So wusste ich frühzeitig über Paarung Bescheid. Sowohl bei den Tieren als auch bei den Menschen. Damit verdiente sich Mutter den Lebensunterhalt. Hauptsächlich nachts, wenn sie glaubte, dass niemand etwas davon mitbekam. Aber ich bekam natürlich alles mit.
   Meine früheste Kindheitserinnerung war eine Prozession von nackten, fremden Männern, die in oder aus Mutters Bett stiegen.
   Dazu erklärte sie immer: »Das sind alles deine Onkel, Mariechen. Sei nur nett und höflich zu ihnen.”
   Die Männer waren grob und stark. Sie blieben für eine Nacht, für eine Woche oder manchmal auch für einen Monat. Danach verschwanden sie so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren. Kaum war einer fort, schaute sich Mutter schon nach einem neuen Liebhaber um. Fand sie einen, so kam das, was immer kam.
   Eigentlich sollte ich schlafen, in dem kleinen, kalten Hinterzimmer, während sich Mutter im vorderen Zimmer aufhielt. Das war wenigstens warm und wurde vom Licht der rosa Lampe auf dem Tisch beleuchtet. Meistens wartete sie, bis sie glaubte, wir Kinder wären eingeschlafen. Erst dann ließ sie die Männer ins Haus. Und meistens schlief ich dann auch tatsächlich, aber die Geräusche holten mich wieder zurück. Im Vergleich zu meiner Schwester hatte ich den leichteren Schlaf und die unruhigere Blase. Ich musste damals dauernd aufs Klo. Das stand für sich allein hinter dem Haus. Manchmal schaffte ich es nicht mehr bis dorthin. Und draußen war es kalt. Da machte ich lieber gleich ins Bett, auch wenn ich mir dafür Schelte und Schläge einhandelte. Bettnässen war ein auffälliges Verhalten.
   Die Haustür schlug zu. Schwere Schritte ertönten auf der schmalen, abgenutzten Treppe. Männerstimmen, Lachen. Ein Lichtspalt fiel vom Treppenabsatz auf ihr Gesicht, als Mutter auf Zehenspitzen in das Zimmer schlich und im Schrank herumkramte, um die Blechdose zu suchen, in der sie ihr Geld aufbewahrte. Sie fand die Dose, hielt sie in die Höhe, sodass ich das zerkratzte Blech glänzen sehen konnte, während Mutter den kleinen Schlüssel umdrehte und die gefalteten Banknoten wegschloss. Danach steckte sie das Blechding wieder sorgfältig unter einen Stoß alter Decken.
   Zu diesem Zeitpunkt war Mutter noch eine wirkliche Schönheit. Das exotisch wirkende Gesicht, die hohen Wangenknochen, dazu die großen, traurigen Augen, der sanfte Mund und das volle, lange blonde Haar. Allmählich jedoch begann sich das harte und unbarmherzige Leben in ihrem Gesicht widerzuspiegeln. Trotzdem war ich stolz auf sie. Wenn da bloß nicht immer die Prügel wegen des Bettnässens gewesen wären. Für die Männer war Mutter verfügbar. In Wolfersdorf eilte ihr der Ruf voraus, eine leidenschaftliche Bettgefährtin zu sein. Doch ihr Charakter veränderte sich stetig. Sie konnte ohne besonderen Grund aufbrausen und in Wutausbrüche verfallen. Ich litt zunehmend unter ihren Gemütsschwankungen. Daher flüchtete ich mich immer öfter in eine Scheinwelt, erfand neue Freunde und Spielkameraden, die mich weder hänselten noch verspotteten.
   Einmal kroch ich aus meinem Bett, schlich hinaus auf den Treppenabsatz und lauschte. Dabei stieß ich unabsichtlich mit meinem großen Zeh gegen die abgestoßene Holztür, die zu Mutters Kammer führte. Die Tür ging auf, und ich sah einen Mann ohne Kleider vor der Lampe stehen. Sein Ding stand heraus, rot und hart. Schnell legte ich eine Hand auf meinen Mund, um ein Kichern zu unterdrücken, so lächerlich sah der Mann aus. Und dann sah ich Mutter, die ebenfalls keine Kleider anhatte. Sie machte Paarung mit dem Mann, wie die Hunde auf der Gasse und die Katzen im Garten, oder auch die anderen Tiere aus dem Buch, das ich mir immer wieder anschaute.
   Mein Bettnässen wurde langsam zu einem ernsten Problem. Immer öfter geriet ich deswegen mit Mutter in einen heftigen Streit.
   »Ich steck dich in ein Heim, wenn das so weitergeht«, bekam ich zu hören. »Du bist doch bald ein großes Mädchen. Sieh nur zu, dass du dich auch dementsprechend benimmst.«
   Aber ich wollte mich nicht benehmen, sah keine Notwendigkeit. Und dann kam der Tag, der mein noch so junges Leben von einem Augenblick zum anderen verändern sollte. Der Tag, an dem Mutter beschloss, mich in ein Heim zu stecken.
   Er begann trüb und grau. Mutter kam in mein Zimmer, packte ein paar meiner Anziehsachen in einen alten Koffer und holte mich aus meinem Bett. In diesem Moment erstarrte ich zu Eis, alles in meinem Kopf begann sich zu drehen, während ich verzweifelt einzuordnen versuchte, was mit mir geschah. Frühstück bekam ich keins, ich wurde direkt zu dem Wagen des Nachbarn gebracht. Ich wusste immer noch nicht, wie mir geschah. Auf einmal saß ich in dem Wartburg von Herrn Schulze, wollte die Tür öffnen und Mutter fragen, ob es wirklich angehen konnte, dass sie mit ihrer Drohung ernst machte. Und tatsächlich drückte ich noch den Hebel nach unten und versuchte, die Wagentür zu öffnen, nur um ihr diese eine Frage zu stellen. Doch Mutter war nicht mehr da, und der Wartburg fuhr los.
   Ich zögerte, hineinzugehen, blickte mich nach allen Seiten um. Erst, als ich mir vollkommen sicher war, dass hier niemand herumirrte, drückte ich meinen Arm gegen die schief hängende Tür. Sie gab sofort nach, ließ sich einen Spaltbreit öffnen. Das genügte mir, um hindurchzuschlüpfen. Dabei hielt ich inne. Die Erinnerungen an damals waren übermächtig.

August 1968

Das große Tor öffnete sich, und ich stand einfach nur da, mit einem alten Koffer in den Händen. Umgeben von hohen Mauern und Stacheldraht, dachte ich: Dies ist ein Gefängnis für Kinder, hier komme ich so schnell nicht wieder raus.
   Ich trat zögerlich einen Schritt nach vorn. Jemand kam mir entgegen, schickte mich auf den Flur. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Meine fragile Blase verlangte dringend nach einer Toilette, aber hier war keine. Endlich kam eine Erzieherin. Sie trug eine Uniform. Ich wollte sie fragen, wo sich die Toilette befand, bekam aber keine Antwort. Stattdessen schrie mich die streng dreinblickende Dame an und meinte, ich solle mich an eine Wand stellen. Eingeschüchtert, wie ich war, tat ich, was sie verlangte. Dabei kniff ich die Beine zusammen und stammelte einen undeutlichen Satz vor mich hin. »Aber ich wollte doch nur … ich meine, ich muss dringend auf die Toilette.«
   Statt zu antworten, schlug die Erzieherin zu. Mit einem Bambusstock auf meinen Rücken. Ich klappte zusammen. Die Erzieherin hob abermals den Stock und schlug mich erneut. Und ein drittes Mal. Ich zitterte am ganzen Leib. Dabei spürte ich, dass ich nicht mehr einhalten konnte. Meine Notdurft lief in die Hose und auf den gebohnerten Fußboden. Dafür hagelte es weitere Schläge. Und damit war noch lange nicht Schluss. Die Erzieherin zog eine Schere aus der linken Uniformtasche, drückte mich brutal nach unten und schnitt mir die Haare ab. In Sekundenschnelle lagen meine schönen blonden Locken auf dem Boden – in meinem eigenen Urin. Und der Albtraum ging weiter. Ein männlicher Erzieher brachte mich in den Waschraum. So lief das hier. Die männlichen Erzieher kümmerten sich um die Mädchen und die weiblichen um die Jungs. Das war eine Frage der Würde. Sie sollte uns Neuankömmlingen genommen werden.
   Der Waschraum war feucht und kalt. Ich fror und musste mich auch noch vor dem fremden Mann entkleiden. Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Der Mann schmierte mich mit einem groben Scheuermittel ein und steckte mich unter die kalte Dusche. Anschließend rieb und tastete er meinen kleinen, jungen Körper ab, ehe er mich in eine Zelle steckte. Ich fühlte mich hundeelend und trotz der Behandlung mit dem Scheuermittel schmutzig. Mein Körper brannte und schmerzte, und ich war allein. Alleingelassen von meiner Mutter, von meiner Schwester, von der ganzen Welt. Dazu befand ich mich in einer Hölle, die sich Spezialheim nannte. Was hatte ich nur verbrochen, dass man mich derart bestrafte?
   Nach einer Ewigkeit öffnete sich die Tür.
   Vielleicht brachte man mir endlich etwas zu essen?
   Weit gefehlt.
   Vor mir stand derselbe Mann, der mich vorhin gesäubert und abgetastet hatte. »Meldung machen!«, verlangte er von mir.
   Ich verstand nicht sofort, was er wollte. »Wie, Meldung machen?«, fragte ich vorsichtig.
   »Ich denke, du solltest bereits wissen, was das ist«, antwortete der Mann barsch.
   »Ich weiß nur, dass ich wissen wollte, wo sich die Toilette befindet und dafür Schläge bekommen habe«, erwiderte ich kleinlaut.
   Die Antwort darauf kam prompt und beinhart.
   »Hier wird nicht gefragt! Du hast zu warten, bis du Anweisungen von den Erziehern bekommst! Du gehörst zum ‚Strandgut der Gesellschaft‘. Du bist hier, um zu lernen, Anweisungen zu befolgen, dich ein- und unterzuordnen!«
   Ich sank auf die harte Matratze und fing an zu weinen.
   Wo war ich? Was passierte mit mir?
   Bald darauf wusste ich es. Ich war in einer Disziplinierungseinrichtung gelandet, in der man mich fertigmachen und meinen Widerstand brechen wollte. Sowohl psychisch als auch körperlich. Und das alles zum Zweck der Umerziehung zu einer ‚sozialistischen Persönlichkeit‘.
   Ich betrat den Gang, fragte mich, ob es nicht besser wäre, umzukehren. Der Gang war dunkel und roch nach Feuchtigkeit. Linker Hand befand sich der sogenannte Empfang. Hier hatte ich damals Meldung machen müssen, nachdem mich der Erzieher unsanft von der Matratze gestoßen hatte. Hier waren meine Daten aufgenommen worden.
   Die Tür war morsch und stand halb offen. Ich stieß mit meiner Stiefelette dagegen. Sie öffnete sich sofort. Im Inneren des Raumes lag ein umgekippter Stuhl. Sein Metallrahmen war verrostet. Das Holzregal, in dem damals die Akten standen, lag zertrümmert und in allen Einzelteilen verteilt auf dem Boden. Daneben befanden sich mehrere vergilbte Blätter. Ich bückte mich und hob eins davon auf. Es war eine Seite aus einer alten Personalakte. Auf der Vorderseite stand der Name Magdalena Zorn mit Schreibmaschine geschrieben. Ich kannte keine Magdalena Zorn. Vielleicht war das auch nur ein Deckname. Ein Pseudonym für all die vielen Leidensgenossen, die man hier eingesperrt hatte.
   Was wohl mit meiner Akte geschehen sein mag?
   Ich wusste es nicht.
   Natürlich lief ich davon. Einmal, als der Wäschewagen kam, gelang es mir, durch das geöffnete Tor zu verschwinden. Erst danach wurde mir bewusst, dass ich keinen einzigen Ort, keine einzige Person kannte, zu der ich gehen konnte. So versteckte ich mich eine Zeit lang in einer alten Scheune. Aber Hunger und Durst ließen nicht lang auf sich warten. Ich verließ mein Versteck und versuchte, auf den Hinterhof einer Bäckerei zu gelangen. Dabei schnappten sie mich und brachten mich in ein noch stärker gesichertes Heim. Hier gab es keine Schule, sondern nur Akkordarbeit nach Norm, und nach der Arbeit militärischen Drill auf dem Hof bis zum Zusammenbrechen. Noch schlimmer waren die Demütigungen durch Erzieher und höherrangige jugendliche Insassen. Ich hielt es nicht mehr aus, versuchte erneut, zu fliehen, doch der Versuch misslang. Jemand hatte meine Fluchtpläne verraten. Dafür bekam ich die schlimmste Strafe, die es gab: tagelange Einzelhaft in dem sogenannten Fuchsbau, einer winzigen, fensterlosen Zelle ohne Behälter für die Notdurft.

Oktober 2002

Den Fuchsbau gab es noch immer. Ich wusste noch ganz genau, wo er sich befand. Im Untergeschoss ganz am Ende des Flurs. Bis dahin schaffte ich es noch, dann musste ich mich übergeben.
   Verdammt, was tat ich hier eigentlich? Was wollte ich mir beweisen? Dass mir die Vergangenheit nichts mehr anhaben konnte?
   Ich blieb vor der kleinen Zelle stehen, betrachtete die schwere, massive Holztür. Sie war noch intakt, nur die Schlösser fehlten. In den Putz der Wände waren einzelne Worte und ganze Sätze eingeritzt. Ich wusste, was hier geschrieben stand. Es waren die verzweifelten Worte jener Insassen, die man hier eingesperrt hatte.
   Wenn ich nur wüsste, wer mich damals bei den Erziehern verpfiffen hatte? Aber war das überhaupt noch wichtig?
   Für die Missstände verantwortlich war auch die Hierarchie unter den Kindern. Natürlich war das von der Obrigkeit so gewollt. Die Kinder sollten gezielt gegeneinander aufgehetzt werden. Für kleinere Vergehen gab es Essensentzug. Dann wurde gesagt: »Ihr wisst ja, wem ihr das zu verdanken habt.«
   Und dann rechneten die Kinder unter sich ab. An so manchem Morgen war ich mit einer aufgeplatzten Lippe oder einem blauen Auge aufgestanden. Und der Erzieher hatte noch hämisch gefragt: »Marie, bist du gefallen?«
   Man versuchte mit allen Mitteln, die Persönlichkeit der Insassen zu brechen. Viele gingen an der unmenschlichen Behandlung zugrunde, ließen ihr Leben im Fuchsbau oder funktionierten danach genauso, wie es das System von ihnen verlangte. Für uns Mädchen kam ab einem bestimmten Alter noch eine ganz andere Gefahr hinzu: Vergewaltigung. Ich wurde innerhalb von fünf Monaten zehn bis zwölfmal vergewaltigt. Nicht von den Mithäftlingen, sondern von meinen Erziehern und vom Anstaltsdirektor, der auch noch stolz verkündete, man brauche in seinem geschlossenen Jugendwerkhof durchschnittlich drei Tage, um die Jugendlichen auf seine Forderungen einzustellen.
   Wie ich sie alle hasste!

Oktober 1973

Mit fünfzehn wurde ich schwanger. Dieses Problem erledigte die Obrigkeit auf ihre Art und Weise. Ein sogenannter Facharzt stocherte so lange mit einem Kleiderbügel in meiner Gebärmutter herum, bis alles Mögliche aus mir herauslief und ich glaubte, verbluten zu müssen. Aber ich überlebte. All die genannten Grausamkeiten und Repressalien vermochten meine Willensstärke nicht zu brechen, auch wenn mich der Hass auf das politische System und auf die Stasi beinahe wahnsinnig werden ließ. Nicht dass die Heimerziehung von der Stasi als ein vorrangiges Ziel betrachtet wurde, so wichtig war sie nun auch wieder nicht, aber dennoch existierte eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Einrichtungen der Jugendhilfe und der Staatssicherheit. Informationen über die Spezialheime wurden akribisch gesammelt und ausgewertet. Bei Fehlentwicklungen und negativen Einstellungen zur DDR übernahm die Stasi die Ermittlungen. Inoffizielle Mitarbeiter kamen in der Jugendhilfe und Heimerziehung zum Einsatz.
   Ich wuchs zu einem attraktiven Teenager heran, mit Rundungen genau an den Stellen, wo sie sein mussten. Mit festen Brüsten, vollen Lippen, einer schlanken Taille und Hüften, die sich mit einem provozierenden Versprechen bewegten. Mit sechzehn fing ich an, meine körperlichen Reize gezielt einzusetzen. Ich sammelte Kontakte und Informationen über Personen, die mir später einmal von Nutzen sein konnten. Mein erstes Opfer war Bertram König, ein junger Erzieher, der gerade seine Ausbildung absolviert hatte. Eines Abends klopfte er an meine Zellentür, wollte sich nach irgendetwas erkundigen. Er bekam keine Antwort. Unsicher blickte er auf seine Uhr, öffnete vorsichtig die vergitterte Tür und trat ein. Der Raum war dunkel. Mein Schatten näherte sich ihm.
   »Bertram …«, flüsterte ich mit heiserer Stimme.
   Er erkannte sie und drehte sich um. »Marie, ich möchte etwas mit dir besprechen.«
   Weiter kam er nicht. Ich näherte mich ihm langsam und kam so nah, dass er sehen konnte, dass ich nackt war.
   »Großer Gott«, Bertram verhaspelte sich. »Was ist …«
   Ich nahm seine Hand und legte sie auf meine Brust. »Ich möchte, dass du mit mir schläfst.«
   »Du? D… du bist doch noch nicht volljährig!« Bertram war sichtlich überrascht. »Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.« Er trat einen Schritt zurück und wandte sich der Tür zu, aber ich ahnte, was er vorhatte.
   »Geh nur weiter, und ich erzähle dem Direktor, dass du mich zwingen wolltest …«
   »Das wagst du nicht …«
   »Mach dich nur davon, und du wirst es erleben!«
   Er hielt inne. Er wusste, wenn ich wirklich ernst machte, wäre seine letzte Stunde gekommen. Also versuchte er es auf die sanfte Tour. »Marie, Kleines, sei doch vernünftig …«
   »Ich mag es, wenn du mich Kleines nennst.«
   »Jetzt hör schon auf, Marie! Sei vernünftig! Der Direktor wird mich entlassen, wenn du ihm das sagst.«
   »Ach was, der doch nicht.«
   Er versuchte es abermals. »Ich bin doch erst seit Kurzem hier. Ich würde bei allen in Ungnade fallen.«
   »Aber nein! Da waren schon ganz andere, vor dir …«
   »Wie bitte?«
   »Ach, nichts.«
   Es war hoffnungslos.
   »Was willst du nun wirklich von mir?«
   »Dass du es mit mir tust.«
   »Aber das geht doch nicht. Wenn der Direktor davon erfährt … er würde mich auf der Stelle hinauswerfen.«
   »Ganz bestimmt nicht. Er muss ja auch gar nichts davon erfahren. Nur wenn du jetzt gehst, dann erzähle ich ihm, dass du es bei mir versucht hast und dann …«
   »Marie, bitte nicht.«
   Ich blickte ihn herausfordernd an. »Du hast keine andere Wahl, oder?«
   Er starrte mich an, ich sah Panik in ihm aufsteigen. »Warum denn gerade ich, Marie?«
   »Weil ich dich mag. Du bist immer freundlich und nett zu mir.« Ich nahm seine Hände und führte sie vorsichtig an meinen Schoß. »Siehst du, ich bin eine richtige Frau. Zeig mir, wie es ist. Lass mich fühlen, wie eine Frau liebt.«
   Was konnte er anderes tun?
   Ich führte ihn zu meinem Bett, half ihm sogar aus Hose und Shorts. Dann kniete ich mich vor ihm nieder und berührte seine Männlichkeit mit den Lippen, so, wie es mir die älteren Mädchen erzählt hatten. Er stöhnte auf. Kurz darauf nahm ich sein Ding ganz in den Mund.
   Ich spürte, wie hart er war, ließ von ihm ab und legte mich auf ihn. Bertram schlang seine Hände um meinen Nacken und drang von unten tief in mich ein. Er spürte keinen Widerstand, sah mich erschrocken an, aber ich drückte mich noch enger auf ihn, während sich meine Hüften fordernd an die seinen pressten.
   »Mein Gott, das ist umwerfend.«
   Ich fühlte mich gut. Es kam mir so vor, als wäre ich dafür geboren. Instinktiv wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Mein Körper übernahm allein die Initiative. Als es vorbei war, blieb ich noch ein Weilchen neben ihm liegen. »Und morgen machen wir es gleich noch einmal.«
   Von diesem Zeitpunkt an war Bertram König mein Verbündeter. Durch ihn genoss ich Freiheiten, von denen meine Mitgefangenen nicht einmal zu träumen wagten.
   Ich bekam gesonderte Essensrationen, Süßigkeiten und Obst, und ich durfte sogar ab und zu fernsehen. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, es waren nicht die Heime, in denen ich es nicht aushielt, es war das ganze Land.
   In der Folgezeit lernte ich, wie der Hase lief, wurde abgebrühter und emotionslos. Ich nahm mir mehrere Liebhaber, von denen ich mir gewisse Vorteile erhoffte. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit wurde ich aus dem Heim entlassen. Bei der Entlassung musste ich mich verpflichten, über das Erlebte zu schweigen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Ich hatte meinen Hass besiegt, ihn umgedreht, sogar Kraft aus ihm gezogen, nur, um meine ganz persönliche Rache zu nehmen. Meine ersten Schritte in Freiheit führten mich nach Wolfersdorf und danach direkt zu den Sowjets.

September 1976

Das Gebäude der Besatzungsbehörde in Berlin Karlshorst sah ganz anders aus, als ich erwartet hatte. Ich hatte angenommen, das Hauptquartier der russischen Staatssicherheit wäre in einem historischen Prachtbau untergebracht. So etwas wie das alte Bankgebäude mit seinen kunstvoll gemeißelten Pfeilern, die den Platz zweier Ladenfronten auf dem Alexanderplatz einnahmen, doch dem war nicht so.
   Die Dienststelle der sowjetischen Staatssicherheit befand sich in einem rechteckigen Gebäudekomplex, dessen Mittelbau über einen erhöhten Sockel mit Kellerfenstern verfügte. Darüber streckten sich vier Vollgeschosse in die Höhe und mündeten in ein leicht geneigtes und deutlich über die Fassade reichendes Flachdach. Der mit einer Sicherheitsschleuse versehene Eingang im erhöht liegenden Erdgeschoss war über eine Freitreppe zu erreichen. Auch wenn dieser Komplex den Charme anderer historischer Gebäude vermissen ließ, so war er dennoch ziemlich beeindruckend.
   Ich stand vor dem Tor und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Ein Wachsoldat in dunkelgrüner Uniform trat aus einem der kleinen Kontrollhäuschen, sah mich und kam auf mich zu. Als er beinahe vor mir stand, bemerkte ich sein ernstes Gesicht.
   »Sie wünschen, bitte?«
   Ich versuchte, meine Nervosität zu unterdrücken, und setzte eine Unschuldsmiene auf. »Ich möchte jemanden vom KGB sprechen.«
   Der Soldat musste offensichtlich an sich halten, um nicht gleich laut loszulachen. »Hören Sie, Kindchen. Das hier ist das Hauptquartier der sowjetischen Besatzungsmacht. Von einem KGB weiß ich nichts. Zu wem genau möchten Sie denn?«
   Ich sah ihn ratlos an. Das war schon mal schiefgegangen. »Leider ist mir hier keine bestimmte Person bekannt. Ich weiß nur, dass ich mit jemanden vom Geheimdienst sprechen möchte.«
   Der Uniformierte schenkte mir ein breites Grinsen. »Ich glaube, Sie gehen zu oft ins Kino. Wenn Sie nicht wissen, zu wem Sie wollen, darf ich Sie nicht hineinlassen.«
   Mein Mut fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. »Aber es ist dringend.«
   »Nun kommen Sie mal runter, gnädiges Fräulein. Ich habe die Order, hier niemand Unbefugten passieren zu lassen, und Befehl ist Befehl. War mir eine Ehre.« Der Mann hob seine Hand zum Gruß und ließ mich einfach vor dem Tor stehen.
   Und jetzt? Ich glaube, ich war ein wenig blauäugig, zu denken, ich könnte einfach so in das Gebäude der sowjetischen Staatssicherheit hineinmarschieren und irgendwer würde sich schon um mich kümmern.
   Ich überlegte, was ich tun konnte, wandte mich zum Gehen, zögerte und blieb wieder stehen. In diesem Moment näherte sich eine schwarze ZIL Limousine dem großen Tor. Der Wachsoldat nahm Haltung an und grüßte formell. An der Limousine wurde ein Seitenfenster heruntergelassen. Jetzt trat der Soldat näher an den Wagen heran. Seine Mimik entspannte sich. Anscheinend kannte er die Insassen.
   »Hallo Ivan. Na, schiebst wohl eine ruhige Kugel heute, was?«
   »In der Tat. Ist nicht viel los heute, Genosse Oberst.«
   »Na, ist doch besser als umgekehrt.«
   »Das stimmt, Genosse Oberst. Aber gerade ist mir etwas Komisches passiert. Kommt doch die Kleine, die da hinten steht, zu mir und sagt, dass sie zum KGB will. Ich habe mir fast in die Hose gemacht vor Lachen.«
   Der Oberst beugte sich aus dem Fenster. Seine Augen folgten Ivans Blickrichtung. Und dann sah er mich. Ich stand einfach nur da, rührte mich nicht und bestaunte die glänzende Limousine.
   »Na, die ist vielleicht einfältig. Hat sie gesagt, was sie von uns will?«
   »Nein, sie meinte nur, es sei sehr wichtig. Aber zu wem sie wollte, konnte sie mir nicht sagen, und da habe ich sie natürlich auch nicht passieren lassen. Schließlich kenne ich die Dienstvorschriften.«
   »Hm … gut. Aber sieht doch ganz manierlich aus, das junge Fräulein. Ich sehe sie mir mal etwas genauer an.« Der Mann bewegte seinen Oberkörper nach vorn, um sich weiter aus dem Fenster lehnen zu können. »Hey, Sie, kommen Sie doch mal her.«
   Ich starrte noch immer auf den glänzenden Wagen, meine Gedanken waren bereits ganz woanders. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich merkte, dass ich angesprochen wurde. Wie in Trance bewegte ich mich auf die Limousine zu. Ein älterer Herr mit grauem Haar und einem großen Schnauzbart lächelte mich freundlich an. Er war der Typ Vater, den ich gern gehabt hätte.
   »Ich höre gerade, Sie möchten jemanden von der Botschaft sprechen?« Er bluffte.
   »Äh, nein, eigentlich möchte ich zu jemandem vom Geheimdienst KGB. Leider kenne ich mich hier nicht aus, und der Wachsoldat will mich nicht so einfach in das Gebäude lassen.«
   »Um was geht es denn? Kann ich etwas für Sie tun?«
   »Nun ja, ich dachte …, ich wollte …«
   Der Mann wurde ungeduldig. »Was denn nun, junges Fräulein, zu wem wollten Sie?«
   »Äh … ich weiß nicht so recht, nur dass …« Mein Gestammel ging mir selbst auf den Geist.
   Die Miene des Mannes wurde wieder ernst. »Also gut, haben Sie irgendwelche Referenzen?«
   Mit fiel etwas ein. Bluffen konnte ich auch. »Ich komme von Oberstleutnant Gregori.«
   Die Miene des Mannes erhellte sich. »Ah, der Genosse Theo Gregori. Der ist mir bekannt. Also schön, was haben Sie auf dem Herzen?«
   »Soll ich das hier draußen mit Ihnen besprechen, einfach so?«
   »Wie bitte? Ach so. Aber nein. Kommen Sie, steigen Sie ein. Haben Sie schon einmal in einem ZIL gesessen?«
   »Nein.«
   Die Fahrertür öffnete sich, der Chauffeur stieg aus und bequemte sich dazu, mir die linke Seitentür zu öffnen. Ich staunte nicht schlecht, als ich den Luxus im Inneren des Fahrzeugs sah. Da war ein Telefon, eine Trennscheibe aus Glas, sogar eine kleine Bar und Chromleisten, so weit das Auge reichte. Mit einem Seufzer ließ ich mich auf die bequemen Polster fallen. Hinten auf der Rückbank saß noch ein Mann. Auf einmal richteten sich sechs neugierige Augenpaare auf mich.
   »Na, dann erzählen Sie mal!«
   Ich bemerkte erst jetzt, dass der Mann mit dem Schnauzbart eine Uniform trug, an der mächtig viel Lametta baumelte. Dann erzählte ich ihm meine Geschichte.
   »Also, mein Name ist Marie Zertik. Ich meine, ich besitze einen deutschen Pass, der auf diesen Namen ausgestellt ist. In Wirklichkeit stammt meine Familie aus Russland, zumindest mütterlicherseits. Meine Großmutter wurde in Bolschaja Poljana, dem früheren Paterswalde geboren. Das ist ein kleines Dorf in der Oblast Kaliningrad. Sie nannte mich immer Marischka. Meine Familie ist damals aus Paterswalde geflohen, als die Faschisten kamen. An der Grenze hat man ihnen ein Dokument gegeben, aus dem hervorging, dass sie rassisch rein seien und im Großen und Ganzen dem deutschen Wesen entsprachen. Das Dokument war ausgestellt auf den Namen Zertik. Ich wurde am 10. Juli 1958 in Wolfersdorf geboren. Das liegt in Thüringen. Meinen Vater habe ich kaum gekannt. Er verschwand, als ich fünf Jahre alt war. Ich glaube, er ist in den Westen gegangen. Danach hat meine Mutter andere Männer kennengelernt. Die beschwerten sich immer über die Last der mitgebrachten Kinder. Wir waren zu zweit, müssen Sie wissen. Ich habe noch eine Zwillingsschwester. Der neue Freund meiner Mutter hielt es nicht lange bei uns aus. Danach kam wieder einer, und so ging das immer weiter, bis ich zehn war. Da steckte mich Mutter in ein Heim.«
   »Ich verstehe. Wo sind Sie zur Schule gegangen?«
   »In Wolfersdorf auf die Grundschule. Allerdings nur für drei Jahre. Danach folgten weitere drei Jahre sozialistischer Unterricht in einem Spezialkinderheim, inklusive gemeinsamem Zeitungslesen und FDJ-Abenden. Aber von dort bin ich dann abgehauen.«
   »Was Sie nicht sagen. Wie alt waren Sie da?«
   »Warten Sie. Das war im Jahr 1971. Ich muss damals dreizehn gewesen sein. Allerdings haben sie mich sehr schnell wieder geschnappt und in den Jugendwerkhof gebracht. Dort habe ich dann keinen regelmäßigen Unterricht mehr bekommen.«
   »Sie haben sich also bewusst gegen das System gestellt?«
   »Ach was, nein! Eine Verräterin bin ich nie gewesen. Das kommunistische System ist schon ganz in Ordnung, nur die ausführenden Personen sind unfähig und handeln aus niedrigen Beweggründen. Die meisten Erzieher sind nur daran interessiert, ihr eigenes Selbstbewusstsein an der Machtausübung gegen Wehrlose aufzurichten. Und daran möchte ich gern etwas ändern.«
   Er sah mich fragend an.
   »Sie meinen, Sie handeln aus echter Überzeugung?«
   »Nun, der Genosse Oberstleutnant Gregori hat mir das wenigstens geglaubt. Wir haben uns im Jugendwerkhof in Wolfersdorf kennengelernt und viel miteinander gesprochen. Er wollte mich sogar in die Parteispitze mitnehmen, aber dann hat mich die Geheimpolizei abgeholt und mich nach Torgau gebracht. Nicht einmal der Genosse Oberstleutnant hat das verhindern können.«
   »Ich verstehe. Bitte erzählen Sie weiter.«
   »Der dortige Jugendwerkhof war die Hölle, und natürlich habe ich versucht, von dort auszubrechen, das gebe ich zu.«
   »Was, schon wieder?«
   »Ja, ich wollte zurück nach Wolfersdorf, aber sie haben mich nicht gelassen. Stattdessen haben sie mich in den Fuchsbau gesteckt. Sie wissen, was das ist?«
   »Aber sicher. Das Konzept stammt von unserem Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko. Übrigens eine sehr erfolgreiche Umerziehungsmaßnahme. Nun gut, aber irgendwann sind Sie dann entlassen worden?«
   »Ja, als ich achtzehn wurde.«
   »Und warum sind Sie nach Ihrer Entlassung nicht zurück in Ihre Stadt gegangen?«
   »Ich bin dort gewesen, aber niemand von meiner Familie hat mehr in Wolfersdorf gewohnt. Meine Mutter nicht, und auch nicht meine Schwester. Ich weiß nicht, wo sie abgeblieben sind. Wahrscheinlich verschollen. Es gibt keinerlei Nachricht von ihnen.«
   »Und was haben Sie dann getan?«
   »Ich bin zurück ins Heim gegangen, doch der Oberleutnant war nicht mehr da. Man wollte mich auf irgendeine FDJ-Fakultät schicken, aber das habe ich abgelehnt.«
   »Und dann?«
   »Ich habe mir stattdessen ein Bahnticket nach Berlin gekauft, und jetzt bin ich hier. Vielleicht haben Sie irgendeine Verwendung für mich?« Ich sah ihm in die Augen, war mir bewusst, wie das auf Männer wirkte.
   Er blickte mich zunächst nachdenklich an, dann erschien prompt ein Lächeln auf seinem Gesicht. Er schob seinen Sitz nach vorn und reichte mir die Hand über seine Kopfstütze.
   »Schön, ich bin Oberst Kurganow.«
   Ich war baff. »Der Oberst Kurganow?«
   »Ja, mit Leib und Seele. Vielen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind, Fräulein Zertik. Aber jetzt müssen Sie gehen. Sie werden bald von uns hören. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«
   Das war alles? Ich war einigermaßen überrascht, doch die freundliche Art des Obersten beruhigte mich. Ich wusste, ich würde ihn bald wiedersehen, stieg aus dem Wagen, ließ einen letzten Blick durch den Innenraum schweifen und ging.
   »Vielen Dank, dann bis bald, Genosse Oberst Kurganow.«
   Er beobachtete, wie ich die Tür hinter mir schloss und sagte etwas zu seinem Sekretär, das ich nicht mehr verstehen konnte.

Oktober 2002

Trotz des beklemmenden Gefühls, das die finstere Umgebung des Fuchsbaus in mir auslöste, musste ich grinsen, als ich daran dachte, wie naiv ich mich damals bei den Russen angestellt hatte. Ich hatte tatsächlich geglaubt, ich könnte einfach so zum KGB marschieren und man würde mir mit Kusshand eine interessante Agententätigkeit anbieten. Obwohl, wenn ich recht darüber nachdachte, war es beinahe so gewesen, denn der Anruf aus Oberst Kurganows Büro kam genau zehn Tage später.

Oktober 1976

Die Hauswirtin, bei der ich wohnte, beobachtete mich argwöhnisch, als ich den Hörer entgegennahm. »Keine Männerbesuche«, hatte sie ausdrücklich betont, als ich mich bei ihr vorgestellt und nach dem Zimmer gefragt hatte. Es war winzig, aber billig. Also hatte ich es genommen. Auf eine Kontaktaufnahme seitens der Russen hatte ich bereits sehnlichst gewartet, aber dass die einfach bei mir anrufen würden, hatte mich doch überrascht. Woher die wohl die Telefonnummer meiner Hauswirtin hatten? Und überhaupt, wie konnten sie wissen, dass ich jetzt hier wohnte? Na ja, Geheimdienste wussten eben alles. Das beruhigte mich sogar.
   »Fräulein Zertik?«
   »Ja, am Apparat.«
   »Bitte seien Sie morgen um 15:00 Uhr am Schloss Hohenschönhausen.«
   »Wo?«
   »Na, an dem alten Gutshaus, Hauptstraße 44.«
   »Ja gut. Soll ich …?«
   »Nicht am Telefon! Und seien Sie bitte pünktlich!«
   Klick, aufgelegt. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, aber ich wusch sie sogleich mit dem Handrücken trocken. Das waren Profis. Ich befand mich auf dem richtigen Weg.
   Der nächste Tag kam, und ich fuhr mit dem alten verrosteten Fahrrad meiner Hauswirtin nach Hohenschönhausen. Ich schauderte, als ich an der Untersuchungshaftanstalt der hiesigen Staatssicherheit vorbeifuhr. Die hohen Mauern und Wachtürme erinnerten mich an Torgau. Damit wollte ich nie wieder etwas zu tun haben. Das Schloss lag in Alt-Hohenschönhausen. Ich lehnte das Fahrrad an eine der wuchtigen Mauern und wartete. Ein gelblicher Doppeldeckerbus fuhr an mir vorbei. Dann sah ich die mir bereits bekannte schwarze Limousine. Sie kam schnell näher und hielt vor mir an der Bordsteinkante. Der Chauffeur stieg aus und öffnete mir wieder die hintere Tür. Oberst Kurganow saß auf dem Beifahrersitz. Er grüßte freundlich. Mir fiel auf, dass er in Zivil war. Er trug einen hellen Mantel und einen schwarzen Hut.
   »Ich komme direkt aus Moskau«, erklärte er mir.
   »Alle Achtung, war es dort schön?«
   »Und ob! Der Gorky Park, die Moskwa. Katjuscha und Kalinka … ein Gedicht.«
   »Sie waren bei Ihren Töchtern?«
   Der Oberst grinste über das ganze Gesicht. »Wie, Sie kennen Katjuscha und Kalinka nicht? Von wegen Töchter. Das sind russische Volkslieder. Sie müssen noch sehr viel lernen, mein Kind, wenn Sie eines Tages wirklich zu uns gehören wollen. Hier, ich habe Wodka mitgebracht. Mögen Sie einen Schluck?«
   Er reichte mir die Flasche. Sie war in ein Zeitungsblatt der Neuen Zeit eingewickelt. Ich griff danach und führte sie an den Mund.
   »Pajéchali, auf geht’s, Nastrovje.«
   Ich ließ die klare Flüssigkeit durch meine Kehle laufen. Der Wodka brannte und kitzelte meine Magenwände. Ansonsten war er gar nicht schlecht. »Ah, das tut gut.«
   »Nicht wahr? Ist einer der besten, den wir bei uns in Russland haben.«
   »Moskau, da möchte ich auch gern mal hin …«
   »Nun ja, vielleicht kann ich Ihnen sogar dabei behilflich sein. Möchten Sie noch einen Schluck?«
   »Warum nicht?« Ich spürte bereits die Wirkung des Alkohols.
   »Mögen Sie Kaviar?«
   »Ich weiß nicht. Ich habe noch nie …«
   Der Oberst nahm eine kleine Blechdose und einen Silberlöffel aus dem Handschuhfach.
   »Hier, probieren Sie, zur Feier des Tages. Aber Achtung, der schmeckt ein wenig salzig.«
   »Zur Feier des Tages? Haben wir denn etwas zu feiern?«
   »Ja, das haben wir. Ich habe mich in Moskau für Sie starkgemacht. Aber zuerst verlangt man natürlich einen Beweis Ihrer Loyalität.«
   Damit wusste ich nichts anzufangen. Ich zerkleinerte den Kaviar mit den Zähnen und schluckte ihn hinunter. Er schmeckte tatsächlich salzig. An die russischen Spezialitäten musste ich mich erst noch gewöhnen.
   »Loyalität?«, fragte ich. »Wie kann ich die denn unter Beweis stellen?«
   »Indem Sie für unsere Sache kämpfen.«
   Ich blickte den Oberst ungläubig an. »Wo soll ich denn kämpfen? Der Krieg ist doch längst vorbei.«
   »Ja, sicher ist er das, aber mit jeder neuen Nation, die sich aus dem Eis hervorwagt, mit jeder Wiederentdeckung alter Identitäten und Leidenschaften, mit jeder Auflockerung des alten Status Quo bekommen unsere Agenten haufenweise Arbeit. Wenn Sie nur einmal Ihre schönen blauen Augen öffnen, werden Sie erkennen, dass der imperialistische Feind uns stetig einkreist und bedroht. Aber wenn man die Gefahr erkennt, ist sie keine mehr, und das verdanken wir nur den wachsamen Augen unserer Spione. Wir haben in bösen Ländern gute Leute, die ihr Leben für unsere Sache riskieren. Hier, trinken Sie noch einen Schluck Wodka. Auf unsere lautlosen Helden!«
   »Ja, hicks, auf die Helden.«
   Ich war schon leicht beschwipst. So viel Wodka hatte ich noch niemals zuvor in meinem Leben getrunken. Dafür schien der Oberst umso nüchterner zu sein.
   »Marie, ich darf Sie doch Marie nennen?«
   »A… aber sicher, Genosse Oberst.«
   »Also gut, Marie, was würden Sie sagen, wenn Moskau auch Sie …?«
   »Mich?«
   »Wie ich bereits anfangs erwähnte, habe ich mich mächtig für Sie ins Zeug gelegt.«
   »Aber wieso denn gerade für mich? Ich habe doch keinerlei Erfahrung?«
   »Nun, ich habe denen erzählt, wie Sie bei uns aufgetreten sind, und glauben Sie mir, die in Moskau verstehen sich darauf, zu beurteilen, wen sie gebrauchen können und wen nicht. Sehen Sie sich das hier einmal an.« Er griff in die Seitentasche seines Mantels und holte ein Schriftstück hervor.
   Ich nahm es an mich und las.
   Hiermit verpflichte ich mich zu vollkommener Loyalität dem sowjetischen Staat gegenüber. Des Weiteren werde ich strengsten Gehorsam leisten, sämtliche Aufträge befolgen, sowie alle Hemmungen und Scham über Bord werfen. Ich bin bereit, notfalls auch meinen Körper sowie mein Leben in den Dienst der Sache zu stellen.
   Ich schluckte. Das war verdammt starker Tobak.
   Oberst Kurganow reichte mir seinen Kugelschreiber. »Hier, unterschreiben Sie.«
   Ich dachte nicht lange nach und unterschrieb. Was sollte ich auch anderes tun? Schließlich hatte ich den Stein ins Rollen gebracht und damit mein Schicksal herausgefordert.

*

Oberst Kurganow saß in seinem geräumigen Dienstzimmer und dachte über seine neuste Rekrutierung nach. Sie war ein Glücksfall. Hübsch, klug, ehrlich und unverbraucht. Er würde sie nach Belieben formen können. Sie war etwas anderes als diese Stümper, die die Rekrutierungen an Hochschulen normalerweise hervorbrachten. Wenn er nur an die letzte Veranstaltung dachte, die er in Leipzig organisiert hatte. Das sogenannte ‚Konfliktforschungsseminar‘ war ein großer Flop gewesen. Niemand hatte sich wirklich für sein Anliegen interessiert. Und dann stand da so ein Prachtmädchen quasi direkt vor seiner Haustür und fragte an, ob er eine Verwendung für sie hätte. Natürlich hatte er die.
   Er würde …
   Das Telefon klingelte, und das penetrante Geräusch unterbrach seine Gedanken, auch wenn er den Anruf erwartet hatte.
   »Boris?«
   »Dobryy vecher, Juri. Hat alles geklappt?«
   »Ja, sie hat unterschrieben.«
   »Und jetzt?«
   »Na, ich werde sie perfekt ausbilden lassen. Du weißt schon: Treffs, Mikrofone, Geheimschrift, Funk, Code, Fototechnik, das volle Programm. Die Kleine ist sehr begabt. An der werden wir viel Freude haben.«
   »Und ideologisch?«
   »Ich habe sie auf Herz und Nieren geprüft. Das Mädchen ist klasse. Sie hat Charakter, falls du verstehst, was ich meine.«
   »Du meinst, sie hat Format?«
   »Ja, und gute Umgangsformen. Sie ist wirklich ganz außergewöhnlich.«
   »Wie alt ist sie eigentlich?«
   »Gerade achtzehn geworden.«
   »Was, noch so jung? Na, in dem Alter stellt man sich unsere Tätigkeit noch als großes Abenteuer vor.«
   »Na und? Ist es das etwa nicht?«
   »Schon, aber nicht so, wie sie sich unsere Arbeit vorstellen wird. Glaub mir, sie träumt wahrscheinlich noch davon, sich im Kleiderschrank des Bundeskanzlers zu verstecken oder das Hauptquartier der amerikanischen Armee in die Luft zu sprengen.«
   »Ach was. So naiv kann sie nicht sein. Wir sind doch hier nicht bei der RAF.«
   »Das sagst du was. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe sitzen schon längst in Stammheim, und Ulrike Meinhof weilt schon nicht mehr unter uns.«
   »Das ist mir bekannt. Sie hat sich am 9. Mai in ihrer Zelle erhängt. Somit ist die gesamte Führungsmannschaft der RAF ausgeschaltet.«
   »Und dafür haben sie sich 1970 extra in Jordanien ausbilden lassen. Aber es gibt doch sicher eine Nachfolgeorganisation?«
   »Sicher, die gibt es. Nennen sich ‚Die zweite Generation‘. Da hatten sogar unsere Jungs die Finger mit im Spiel. Wusstest du, dass sie aus dem 1970 gegründeten Sozialistischen Patientenkollektiv entstanden ist?«
   »Mein Gott, Juri, was für ein Wort. Ne, das wusste ich allerdings nicht. Wer ist denn dabei?«
   »Zwei Typen namens Haag und Mayer sollen die Anführer sein.«
   »Ist mit denen etwas anzufangen?«
   »Keine Ahnung. Unsere Leute versuchen gerade, einen Kontakt herzustellen, was sich allerdings als sehr schwierig erweist. Die beiden sind äußerst misstrauisch.«
   »Verstehe. Also was ist nun mit der Kleinen? Ist sie naiv oder nicht?«
   »Ich denke schon. Immerhin hat sie einen unserer Wachsoldaten nach dem KGB gefragt.«
   »Ich würde sie mir ja gern selbst ansehen, aber leider schaffe ich es nicht, von hier wegzukommen. Du weißt schon, das Z. K. bereitet gerade die große Militärparade vor. Da brauchen sie jeden Mann.«
   »Kann ich mir vorstellen.«
   »Also, du willst sie ausbilden und dann als Kundschafterin nach Westdeutschland schicken?«
   »Als einfache Kundschafterin? Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass sie davon sehr begeistert sein wird.«
   »Nicht? An was hast du dann gedacht?«
   »Daran, dass sie einmal einen prima Führungsoffizier abgeben würde.«
   »Was, du willst sie Führungsaufgaben übernehmen lassen?«
   »Später einmal wird sie bestimmt so weit sein.«
   »Das verstehe ich nicht. Solch einen Posten muss man sich doch erst erarbeiten. Führungsoffiziere werden nur unsere besten Leute. Sie hat noch nichts für uns geleistet! Warum setzen wir sie nicht erst einmal als Lockvogel ein? Auf dem Foto, das du mir mitgebracht hast, sieht sie ja ganz passabel aus. Typ Unschuld vom Lande, na, du weißt schon, auf so etwas fliegen die Männer.«
   »Du wohl auch, was?«
   »Aber natürlich. Jedenfalls weiß ich, wovon ich spreche.«
   »Alter Schlawiner … obwohl, darüber habe ich auch bereits nachgedacht, nur eigentlich bräuchten wir dringenden Ersatz für Werner Metzger. Du weißt schon, unser Agent, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Die Sache hat ziemlich viel Staub aufgewirbelt. Besonders, als die im Westen das mit der doppelten Identität geschnallt haben. Dabei war seine Identität hervorragend. Nun ja, sei’s drum. Wir müssen nach vorn blicken, müssen unsere alten Träume in den Köpfen junger Leute entfachen und uns am Feuer ihrer Jugend wärmen.«
   »Das hast du aber schön gesagt, Juri. Bist du unter die Poeten gegangen?«
   »Nein, ich bin mit Leib und Seele Geheimdienstler, das weißt du doch.«
   »Na gut. Den Agentenjob können auch andere erledigen, denn wenn die Kleine ihre Sache gut macht, dann werden wir alle davon profitieren.«
   »Du meinst also, Anika soll sie mal unter ihre Fittiche nehmen?«
   »Kann jedenfalls nichts schaden. Die bringt ihr die richtigen Kniffe bei, und ich übernehme alles Weitere. So bekommen wir eine neue ‚Schwalbe‘, die bereit sein wird, ihren Körper als Waffe einzusetzen. Na, was meinst du?«
   »Klingt gut. Wir schicken sie nach Westdeutschland. Dort kann sie sich erst einmal bewähren und sich die ersten Sporen verdienen. Ich möchte jedenfalls nicht, dass sie ein anderer Verein bekommt.«
   »Denkst du dabei an das Ministerium für Staatssicherheit?«
   »Unter anderem.«
   »Ach was, das kommt überhaupt nicht in Frage. Nur was, wenn sie überläuft und auspackt?«
   »Nie im Leben! Wenn ich mit ihr fertig bin, kenne ich sie besser als sie sich selbst. Glaub mir, sie ist die Beste, die ich jemals bekommen habe. Wir müssen ihr nur das Gefühl geben, dass wir sie anerkennen und dass sie eine von uns ist. Eine Soldatin, die sich für das Wohl ihres Vaterlandes einsetzt. Dann können wir alles von ihr haben.«
   »Bist du sicher? Sollen wir sie nicht erst einmal tote Briefkästen leeren lassen?«
   »Aber Boris!«
   »Ist ja schon gut, Juri. Ich kann das sowieso nicht allein entscheiden. Die Entscheidung, ob jemand an der umfangreichen Ausbildung teilnehmen darf, trifft einzig und allein das Präsidium.«
   »Von dem du ein wichtiger Teil bist. Du könntest zumindest ein gutes Wort für sie einlegen.
   »Also gut, ich werde sehen, was ich tun kann. Das MFS bekommt sie jedenfalls nicht!«
   »Do svidaniya.«

Kapitel 2
April 1977

Als im April 1977 in Karlsruhe der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft Georg Wurster von einem Motorrad aus in ihrem Auto erschossen wurden, hatte ich es geschafft, eine waschechte Spionin zu werden. Wir waren die heimlichen Helden, hatten alles, was wir brauchten: einen bösen Feind, nachsichtige Verbündete, eine brodelnde Welt. Es ging darum, die Menschheit vor ihren eigenen Exzessen zu schützen. Wir hatten einen sehr gefährlichen Planeten geerbt.
   Die Ausbildung dauerte sechs Monate. Gleich in der ersten Woche bekam ich einen Decknamen und einen Lehrplan. Alles war neu und verwirrend. Abends in einem Bistro probierte ich meine neue Identität aus, den neuen Namen, und verquatschte mich prompt nach ein paar Minuten. An den Namen ‚Larissa Orloff‘ musste ich mich erst noch gewöhnen, aber Fehler konnte man nicht verhindern. Die Frage war halt, wie man damit umging – indem man improvisierte. Wenn man darüber nachdachte, was man gelernt hatte, dann hatte man schon verloren. Und man durfte keine Angst haben. Ängstliche Menschen lernten nie etwas, hatte ich mal irgendwo gelesen. Die neue Identität musste so nah wie möglich an der Wirklichkeit sein. Ansonsten verstrickte man sich viel zu schnell in Widersprüche. Agenten waren eben keine Schauspieler!
   Vier Wochen lang wurde ich alias Larissa Orloff in die Organisation und in die einzelnen Abteilungen des KGB eingewiesen. Fünf Monate lang brachte man mir bei, wie man konspirativ fotografierte, tote Briefkästen und Verstecke für geheime Nachrichten anlegte, wie man Kontaktberichte verfasste und bei den Chefs Geld für verdeckte Operationen beantragte. Außerdem bekam ich Unterricht in Staatsrecht, internationaler Politik und Psychologie.
   Wie erkannte man, wenn jemand lügt? Das war eine der Fragen, um die es ging. Und eine, auf die es offenbar trotz aller Forschung keine eindeutige Antwort gab. Nebenbei lernte ich Sprachen. Russisch war Pflicht, Englisch fand ich spannend. Die Schule, auf die man mich zeitweise schickte, hatte etwas von einem alten Schullandheim der Sechzigerjahre. Es gab eine Kegelbahn, einen Aufenthaltsraum, Schlafräume und einen Hörsaal. Alles lag dicht beieinander. Morgens, wenn ich ins Bad ging, schlurfte mein Professor oder einer der Dozenten im Bademantel über den Gang. Man musste sich mit den anderen unterhalten, ob man wollte oder nicht. Ich war von Menschen umgeben, die sehr akribisch waren, und das entsprach genau dem, was mir gefiel und was ich mir aneignete.
   »Larissas Präzision ist eine Waffe«, hatte einmal ein Kollege gesagt, und ein anderer hatte bestätigt: »Ja, sie ist beeindruckend. Aber mit der darfst du nicht verheiratet sein, da hast du nichts mehr zu melden.«
   Dem KGB war das egal. Den hohen Genossen interessierte es nicht, ob jemand mit ihren Agenten verheiratet sein wollte. Sie wollten nur die besten Leute in ihren Diensten sehen. Ansonsten entsprach der erste Teil der Ausbildung genau meinen Vorstellungen. Er ähnelte den Handlungen aus den Agentenfilmen im Fernsehen, die sich die Leute immer ansahen. Nervtötend war allerdings die bürokratische Trägheit des Verwaltungsapparates. Es dauerte ewig, bis ein Bericht freigegeben wurde. Hierarchie hoch, Hierarchie runter, erneut Überarbeiten. Dann alles wieder von vorn tippen. Ich war erst zufrieden, wenn ich nach einer Recherche ein gutes Lagebild anbieten konnte. Ich schrieb Berichte, die durch viele Hände gingen. Jeden Tag arbeiteten Dutzende Agenten an solchen Berichten. Sie schrieben Tagesberichte, Wochenberichte, Monatsberichte, Meldungen, Warnungen, verbrauchten eine Unmenge an Papier, je nachdem, wie vertraulich das Material war. Von dem, was sie schrieben, kam ein Bruchteil dort an, wo es tatsächlich hingehörte – in die Politik. Das war manchmal frustrierend, aber man musste mit dem Abenteuer und mit der Bürokratie klarkommen. Es war nicht immer einfach, zu verstehen, wie beides zusammengehörte, aber mit der Zeit würde ich es lernen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen festen Freund. Hätte ich einen gehabt, ich hätte ihm niemals erzählen dürfen, wer mein Arbeitgeber war. Eine Legende, ein erfundenes Leben war für mich ein Schutz, aber halt auch eine Lüge, und den Menschen zu belügen, den man liebte, das ging nicht. Sobald jemand in mein Leben trat, würde ich es melden müssen. Der KGB würde entsprechende Untersuchungen anstellen. Das bedeutete, ich durfte nichts mehr zu Hause auf dem Schreibtisch liegen lassen. Nichts Persönliches, nichts Berufliches, keine Kontaktliste, keinen Kalender, in dem stand, wo ich wann war und wen ich getroffen hatte. Ich versuchte, vorsichtig zu sein, aber nicht übervorsichtig. Ich wurde schnell misstrauisch, wenn Typen zu viel fragten. Ein Mann, der zu viel redete, war nichts für mich. Kollegen, die zu viel redeten, waren auch nicht mein Ding. Das Zauberwort hieß Verschwiegenheit. Darum allein drehte sich beim Geheimdienst alles. Am Ende meines Einführungslehrgangs war ich bereit, die Welt zu retten, und wenn ich sie von einem Ende zum anderen hätte ausspionieren müssen. Überall drohte die imperialistische Gefahr, und ich war bereit, es mit ihr aufzunehmen.
   Der zweite Teil meiner Ausbildung umfasste einen Punkt, der in meinem Vertrag als Kleingedrucktes aufgeführt war und den ich bereitwillig unterschrieben hatte: Alle Hemmungen und Scham sind über Bord zu werfen, und auch der eigene Körper soll in den Dienst der Sache gestellt werden. Das betraf die ganze Skala weiblicher Persönlichkeit, von der geistig-kulturell hochstehenden wissenschaftlich gebildeten Frau über die elegante-charmante Gesellschafterin, die geachtete Kollegin bis zur vermeintlichen Partnerin, die mit ihrem bezaubernden Liebreiz lockte und intime Abenteuer versprach. Entsprechend lasen sich die Protokolle über Anwerbungsgespräche und Leistungsbeurteilungen von KGB-Schwalben, die für die gezielte Vorbereitung ausgewertet wurden. Dabei ergaben sich folgende Frauentypen:
   Typ 1 – Die Chefsekretärin: steht auf finanzkräftige Männer, sehr gute äußere Erscheinung, macht auf unnahbar, luxuriös und exquisit. Sie ist dezent-berechnend, hochwertig gekleidet, feiert Partys, gibt sich tolerant und weltoffen.
   Typ 2 – Die unabhängige Frau: 50 Jahre, alleinstehend; intime Verhältnisse zu diversen Kollegen, raucht, trinkt, lesbische Veranlagung.
   Typ 3 – Die Blondine, gesellig, offenherzig, selbstbewusst, 35 Jahre, häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, charmant, witzig, leicht ironisch, sie weiß, dass sie mit ihrer Art bei den Männern ankommt.
   Typ 4 – Die Studentin: 20 Jahre, ledig; macht auf Männer einen starken sexuellen Eindruck. Sie ist gut aussehend, charmant, flirtet gern.
   Typ 5 – Die Schülerin: jugendlich, 17 Jahre, festes Verhältnis zu einem geschiedenen Mann. Sie nimmt an Sexpartys teil, lässt sich von mehreren Jungen am Abend vernaschen, raucht, trinkt, liebt es, öffentlich unsittlich berührt zu werden.
   Damit konnte ich noch einigermaßen umgehen, doch dann zeigte mir Anika, was weibliche Intuition und sexuelle Erfahrung zu bewerkstelligen vermochten. Anika war eine alternde Blondine mit einem unförmigen Po, schweren Brüsten und langem Haarzopf. Sie hatte den Zenit ihrer Jugend schon lange überschritten, dafür war sie sexuell erfahren und mit allen Wassern gewaschen. Sie führte mir eine ausgewählte Serie an Pornofilmen vor, die zeigten, wie professionelle Frauen jeglichen Wunsch ihrer männlichen Kunden erfüllten. Ich war gewiss nicht prüde, aber die Filme schockten mich. Zum ersten Mal begann ich zu begreifen, auf was ich mich eingelassen hatte. Ich erfuhr von sexuellen Praktiken, deren Existenz ich mir vorher nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte vorstellen können. Anika gab mir eine Tonbandaufnahme, in der sie mir Instruktionen gab, wie ich mit den Männern umzugehen hatte. Diese Instruktionen klangen wie Grundregeln für die weibliche Kunst des Verführens oder wie Pflichten, die eine devote Frau zu erfüllen hatte.
   Berühre ihn mit den Händen, gleite unter sein Hemd, unter seinen Gürtel, fahre mit den Fingernägeln über seinen Brustkorb, seinen Bauch, seine Schenkel. Öffne seine Hose. Streife leicht über die Gegend seiner Geschlechtsteile. Zieh deinen Slip aus und hebe den Rock. Lass den Rocksaum über verschiedene Gegenstände gleiten, seine Arme, seine Beine. Zeig es ihm, wie du es dir machst. Fahre mit deinen Händen über deinen Körper, knie nieder, spreize die Beine. Stöhne und erkläre ihm, dass du es ganz allein für ihn machst. Beschreibe deinen Orgasmus. Frage ihn, was er gern mag. Ruf ihn an und sag ihm, dass du nackt auf der Couch liegst, ein Kissen zwischen die Beine geklemmt hast und mit dir selbst spielst. Bitte ihn, dich nicht so lange allein zu lassen.
   Das KGB beauftragte seine Sex-Agentinnen, private Beziehungen mit ausgewählten Männern einzugehen. Zum Aufgabenbereich dieser Damen gehörten Sex, gemeinsame Aufenthalte im kapitalistischen Ausland oder in Städten der Nato-Staaten. Auf diese Weise gewann der sowjetische Geheimdienst Erkenntnisse über westliche Diplomaten, Journalisten und Wirtschaftsvertreter, die er als ‚operativ-interessante Ausländer‘ bezeichnete.
   Aber noch war die Theorie eben nur Theorie, und ich hoffte inständig, gewisse sexuelle Praktiken niemals in der Praxis anwenden zu müssen.

Oktober 2002

Auf der anderen Seite des Fuchsbaus lagen die Waschräume und die Toiletten. Ich verließ den Ort, der mir die schlimmsten Qualen meines Lebens beschert hatte. Die Räume mit den sanitären Anlagen sahen genauso trostlos aus wie alles andere in dem ehemaligen Erziehungsheim. Die Metallteile waren stark verschmutzt, oxidiert oder lagen herausgerissen auf dem staubbedeckten Boden. Ich blickte auf die alten blassblauen Fliesen. Wie hässlich sie waren. Genauso hässlich wie das, was hier mit mir geschehen war. Genau an dieser Stelle war ich von einem der männlichen Erzieher unsittlich berührt und vergewaltigt worden. Noch nicht einmal in den Waschräumen hatten sie mir eine gewisse Intimsphäre zugestanden. Ich fühlte eine innere Leere in mir. Da war kein Gefühl mehr, einfach nur ein leeres Nichts. Ich hatte mich damals beinahe daran gewöhnt, missbraucht zu werden. Jetzt bedeutete es mir nichts mehr. Ich hegte keine Hassgefühle gegen meine Peiniger. Viel wichtiger war das, was danach kam – mein neues Leben im Westen.

Juli 1977

Die ersten Gehversuche fielen mir schwer. Ich war eine gerade flügge gewordene Spionin, und Westdeutschland war halt doch ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Sicher, ich hatte durch Oberst Kurganow eine vorzügliche Ausbildung genossen, und danach hatte mir Anika gezeigt, wie ich auf die sexuellen Fantasien der Männer reagieren musste, doch die Realität sah zunächst ganz anders aus. Ich reiste über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in den Westsektor Berlins ein. Natürlich mit neuen Papieren, die erstklassig waren. Die Sowjets machten keine halben Sachen. Eine neue Identität besaß ich auch, und einen neuen Namen: Larissa Orloff. Dafür war ich extra mit meinem Betreuungsoffizier nach Kaliningrad gefahren, hatte mir jedes Dorf, jeden Hof und jede landschaftsspezifische Eigenschaft eingeprägt. Gemäß meinen neuen Dokumenten stammte ich aus Akulowo. Dort hatte es sogar mal eine Larissa Orlow gegeben, aber die war längst tot. Ich hatte ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof gefunden. Alles Weitere hatte der örtliche Bürgermeister für mich arrangiert – unter anderem, meinen neuen Namen in sämtliche Register eintragen lassen. So war quasi aus dem Nichts eine neue Larissa Orlow alias Orloff als Tochter einer deutschen Landarbeiterin auferstanden. Mein Pass war so echt, wie er nur echt sein konnte. Das hatte ich wiederum einem von Oberst Kurganow im Polizeirevier Lichtenberg eingeschleusten Kontaktmann zu verdanken.
   Von Westberlin aus fuhr ich mit dem Reisebus zu meinem ersten Einsatzort – nach München. Meine Aufgabe war schlicht und einfach. Ich sollte Westbürgerin werden und mich in die westdeutsche Gesellschaft integrieren. Neben meinem Pass bekam ich eine Geburtsurkunde, einen Taufschein, die Sterbeurkunde meiner Mutter, eine Arbeitserlaubnis und ein wenig Startgeld. Das war alles. Von nun an war ich auf mich allein gestellt. Das heißt, nicht ganz. Es gab noch den Betreuungsoffizier Ogoneck und die zweimal wöchentliche Kontaktaufnahme seitens der Russen mittels verschlüsseltem Funkspruch über Kurzwelle.
   Ich kam in München an, als die zweite Generation der RAF den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, ermordete. Dies geschah am 30. Juli 1977. Das RAF-Mitglied Susanne Albrecht war mit dem Bankier persönlich bekannt, sodass dieser sie in seinem Privathaus in der Oberhöchstadter Straße in Oberursel empfing. Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erschienen in Pontos Villa, um ihn zu entführen. Als sich Ponto zur Wehr setzte, schossen Klar und Mohnhaupt fünf Mal auf ihn, woraufhin er im Krankenhaus verstarb.
   Die Zeiten waren unruhiger geworden. Etwas Unheimliches ging in Westdeutschland vor sich.
   Ich saß ich in einem Café an der Pestalozzistraße und trank einen Kaffee. Draußen war es ungewöhnlich warm, oder kam mir das nur so vor, weil ich jetzt weit im Süden war?
   Alles, was ich besaß, war meine neue Identität und einen alten Lederkoffer mit ein paar Habseligkeiten. Das war nicht gerade viel. Was ich jetzt am dringendsten benötigte, war eine Unterkunft und eine legale Arbeit.
   »Am besten, Sie suchen sich etwas Öffentliches, wo Sie persönlichen Kontakt zu den Menschen bekommen, Marie«, hatte mir Oberst Kurganow eingebläut.
   Nun, der Oberst war weit weg, und ich hieß auch nicht mehr Marie, sondern Larissa. Dafür musste ich mich ab sofort irgendwie allein durchbeißen. Und genau das tat ich, indem ich die Tageszeitung studierte. Am meisten interessierten mich die Kleinanzeigen. Bei den Arbeitsangeboten handelte es sich meistens um Vertretertätigkeiten beziehungsweise um Putzjobs. Das war nicht unbedingt das, was ich suchte. Ich blätterte gedankenversunken in der Zeitung, nippte an meinem Kaffee. Irgendetwas musste mir einfallen, und zwar schnell. Später war meine Tasse leer, ich stand auf und bezahlte das Getränk an der Kasse. Dann schlenderte ich zur Garderobe, nahm meine Strickjacke vom Haken und ging weiter in Richtung Ausgang. Da sah ich das Schild. Es hing im Schaufenster neben der Tür. Serviererin gesucht, stand da beidseitig in großen Lettern geschrieben. Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zur Kasse. Die ältere Dame, bei der ich vorhin den Kaffee bezahlt hatte, lächelte freundlich.
   »Haben Sie noch etwas vergessen, junges Fräulein?«
   »Äh, nein, ich habe nur gerade das Schild im Fenster gesehen. Komisch, dass es mir nicht schon beim Betreten Ihres Cafés aufgefallen ist. Nun, ich bin neu in der Stadt und suche dringend einen Job.«
   Der Gesichtsausdruck der älteren Dame veränderte sich. Reine Neugierde ersetzte die Höflichkeit. Trotzdem schien ihr zu gefallen, was sie sah. Ich musste einen adretten und gepflegten Eindruck auf sie gemacht haben.
   »Und woher kommen Sie?«, lautete ihre erste Frage.
   »Aus Berlin. Äh, Westberlin natürlich«, fügte ich schnell hinzu.
   »Natürlich. Und Sie heißen?«
   »Larissa Orloff.«
   »Haben Sie schon einmal im Service gearbeitet?«
   Ich beschloss, die Unwahrheit zu sagen. »Aber sicher! Ich habe mehrfach im vergangenen Sommer bei uns in den Biergärten ausgeholfen.«
   »Und warum sind Sie weg von Berlin? Ich meine, eine so schöne große Stadt bietet doch sicher unzählig viele Möglichkeiten?«
   Das genau war der Knackpunkt. Hier musste eine einfache, aber glaubhafte Antwort her. Die hatte ich parat. Ich erzählte ihr die Geschichte, die ich mir zurechtgelegt hatte. »Das hat eher persönliche Gründe, verstehen Sie? Ich habe mich von meinem Freund getrennt.«
   Jetzt lächelte die ältere Dame wieder. »Ah, ich verstehe, Liebeskummer. Das tut weh, was? Na ja, ihr jungen Leute nehmt die Gefühlsangelegenheiten einfach viel zu ernst. Das Leben geht immer weiter!«
   »Ja, schon, aber ich mochte einfach nicht mehr in der gewohnten Umgebung bleiben, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
   »Aber sicher, Kindchen. Luftveränderung, was? Und da haben Sie sich gerade München ausgesucht?«
   Auch darauf wusste ich eine passende Antwort.
   »Warum denn nicht München? Ich habe immer gehört, dass München eine fantastische Stadt sein soll, und dann die Nähe zu den Bergen. Ich liebe die Berge, müssen Sie wissen.«
   »Wann können Sie anfangen?«
   Diese direkte Frage hatte ich so nicht erwartet, aber anscheinend hatte ich die ältere Dame mit meinen Antworten zufriedengestellt.
   »Von mir aus gleich morgen. Allerdings muss ich mich noch um eine Unterkunft bemühen …«
   »Was, die haben Sie auch nicht?«
   »Nein, ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich gerade erst in München angekommen bin. Eine entfernte Tante von mir wohnt in Traunstein, aber das ist wohl zu weit, was?«
   »Viel zu weit, Kindchen. Da können Sie sich auch gleich in Österreich eine Arbeit suchen.«
   »O nein, vielen Dank, ich denke, ich möchte lieber hier in München bleiben.«
   »Warten Sie mal, ich habe da oben noch eine Dachkammer frei. Die könnte Ihnen mein Mann ein wenig zurechtmachen. Ich meine, es ist nicht gerade eine Luxuswohnung, aber zum Schlafen reicht es allemal. Und wenn ich mich recht erinnere, steht da oben sogar noch ein alter Elektroofen herum, damit Sie es in den kälteren Jahreszeiten warm haben.«
   Das war meine kleinste Sorge. »Passt schon!«
   Ich brachte eine der Redewendungen an, die ich vorab einstudiert hatte. Innerhalb von ein paar Minuten hatten sich meine Probleme gelöst. Ich hatte einen Job und eine Unterkunft. Außerdem würde mir der Job als Kellnerin direkten Kontakt zu den Gästen ermöglichen.
   Na, Genosse Oberst Kurganow, wie habe ich das gemacht?, dachte ich im Stillen.

Bereits am nächsten Tag begann mein neues Leben als Bundesbürgerin. Ich richtete mich in dem kleinen Dachgeschoss oberhalb des Cafés häuslich ein. Das war nicht weiter schwer, denn ich hatte ja kaum etwas mitgebracht. Trotzdem versuchte ich, es mir irgendwie gemütlich zu machen. Tagsüber ging ich meinem Job als Serviererin nach. Ich nahm meine Aufgabe sehr ernst. Am Anfang war ich noch unbeholfen, aber lernwillig. Und ich lernte schnell. Meine Chefin, Frau Obermayr, zeigte mir sämtliche Kniffe, die Frau brauchte, um den meist männlichen Gästen ein gutes Trinkgeld zu entlocken. Dabei kam mir mein angeborener Charme zugute, und nach ein paar Tagen ging mir die Arbeit wie von selbst von der Hand. Fast kam es mir so vor, als hätte ich in meinem noch so jungen Leben nie etwas anderes getan als Servieren. Neben Frau Obermayr arbeitete auch eine junge Auszubildende in dem Café. Sie hieß Sabine, war siebzehn, nur unwesentlich jünger als ich. Wir schlossen schnell Freundschaft. Sabine stammte aus München und wusste immer, wo etwas los war. So arbeitete ich mich immer mehr in die westdeutsche Mentalität ein. Das war beileibe nicht so schwer, denn der westdeutsche Kleinbürger liebte Geld, Fußball und Autos. Darauf ließ sich aufbauen …
   War ich einmal nicht mit Sabine unterwegs, fing ich an, all das zu fotografieren, von dem ich glaubte, es könnte die Sowjets interessieren. Ich unternahm Ausflüge zu Kasernen und fotografierte militärische Einrichtungen, wann immer ich in ihre Nähe kam. Des Weiteren interessierte ich mich für industrielle Anlagen und Güter. Aus diesem Grund schloss ich mich sogar einer Gruppe ausländischer Investoren an, die verschiedene Betriebe besuchte. Nach zwei Wochen hatte ich meinen ersten Film voll. Mit einem gehörigen Gefühl von Stolz steckte ich die Filmrolle in den toten Briefkasten, den man mir zugewiesen hatte. Ich fühlte mich gut. Das war eine Tätigkeit genau nach meinem Geschmack. In der Zwischenzeit ließ mich Frau Obermayr sogar die Kasse machen. Ich hatte ihr Vertrauen gewonnen, erledigte meinen Job zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Doch dann kam die bedenkliche Nachricht von meinem Führungsoffizier Ogoneck. Ich wurde zu einer Aktivität gebeten, bei der meine körperlichen Reize gefragt waren. Demzufolge hatte das KGB Akten über potenzielle männliche Opfer angelegt, die lange observiert worden waren und neben beruflichen und privaten Informationen auch deren bevorzugte sexuelle Praktiken enthielten. Es war im September 1977, als man mich in das Haus eines einflussreichen Industriellen schickte, wo an einem ganz bestimmten Tag eine ganz bestimmte Party stattfinden sollte.
   Woanders in Deutschland erreichte der Linksterrorismus seinen Höhepunkt. Am 5. September 1977 wurde der Präsident des Bundesverbandes der Arbeitgeber, Hanns Martin Schleyer, in Köln entführt. Die vier Begleiter Schleyers wurden erschossen.

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