Der Kölner Psychologe Jonas Cilinsky verliebt sich in die bildhübsche Prostituierte Miriam – bis sie entstellt und grausam zu Tode gefoltert aufgefunden wird. Kurz darauf verschwinden weitere Frauen. Jonas kann und will den Verlust nicht ertragen, und die Polizei ist keine große Hilfe. Mit seinem Freund Alain und dem undurchsichtigen Mattusheck, einem angeblichen Mitarbeiter des LKA Düsseldorf, sucht er nach Miriams Mörder. Die Ermittlungen lösen nicht nur einen Flächenbrand in der Kölner Rotlichtszene aus, Jonas gerät auch in die verborgene Welt der perversen Snuff-Videos und muss sich einer menschenverachtend und unkalkulierbar handelnden Gruppe von Gegnern stellen, die rücksichtslos über Leichen geht – nötigenfalls auch über seine und die seiner „Familie“ ...

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ISBN: 978-9963-53-715-0

Seiten: 390

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Arndt Wolf

Arndt Wolf
Arndt Wolf, geboren 1965, studierte nach einer umfassenden militärischen Ausbildung Medizintechnik und Psychologie. Wolf ist seit dreizehn Jahren als Therapeut in einer Gemeinschaftspraxis mit dem Schwerpunkt der medizinisch-angewandten Hypnose tätig und lehrt als Dozent klinische Psychologie. Sein Ausgleich ist das Schreiben von Romanen mit psychologischer Kernaussage und Fragestellung. Besondere Geschichten finden darin ein Sprachrohr. Asiatische Kampfkunst, die Wolf seit vierzig Jahren aktiv betreibt, und ausgiebige Waldspaziergänge mit seinen Hunden sorgen für seine physische Fitness.

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1
Der Vorhang öffnet sich

Auf dem Boden kauernd halte ich sie sanft in den Armen. Sie sieht mich mit großen, angstverzerrten und flehenden Augen an. Wir beide wissen, dass ihr Lebenslicht langsam erlischt. Ich fühle, wie sich ihre Seele auf die Wanderung vorbereitet. So bleibt nur die Zeit, zu warten, gemeinsam, bis der Fährmann sie abholt, um sie in das Reich der Toten zu begleiten. Aus ihrem Mund quillt dickes Blut, und sie versucht, mir etwas zu sagen. Ganz egal, wie sehr ich mich anstrenge: Ich kann sie nicht verstehen, und die Frau hustet mir ihr Blut in das Gesicht. Meine salzigen Tränen, die an meinen Lippen zusammenlaufen, vermischen sich mit dem Geschmack von Eisen. Während einer ihrer Sprechversuche krampft sie ein letztes Mal, bis das wenige Leben aus ihrem blutleeren Körper entweicht. Doch ihr Lebenslicht hält inne, und dieser Moment steckt voller Magie. Der leblose Körper, der schwer in meinen Armen liegt und den ich wippend an mich gedrückt halte, nimmt so viele Antworten mit. Ich will das alles nicht und habe schreckliche Angst.
   Genug! Ein schriller Schrei lässt mich erwachen.

Montag, 16. April, 4:30 Uhr

Ich wache auf, schnappe nach Luft, und mein mit Adrenalin überfluteter Körper zittert, die Haut nass vor Erregung. Mein Schlaf ist in den letzten Monaten eine Katastrophe. Irgendetwas arbeitet in mir, was auf mich wartet und sich nicht erklären lässt. Ich muss aufstehen, um die unkontrollierte Hormonausschüttung zu normalisieren. Die Träume sind erschreckend nah, und sie sind treue Begleiter durch den ganzen Tag – ich hasse sie. Mir bleibt nicht viel Zeit, diese zu verarbeiten, denn morgen in der Früh wird mir der nächste Albtraum den Tag versauen. Aufstehen, duschen, Kaffee und rauchen, darin habe ich Routine, und so brauche ich das, um in den Tag zu starten. Meine rechte Hand hat Probleme, die Kaffeetasse festzuhalten. Gestern, zum späten Abend, hatte ich noch Tabak benötigt. Ich war zu einem 24-Stun­den-Kiosk zwei Straßen weiter gefahren, eine heruntergekommene Trinkhalle mit Graffiti an den Außenwänden. Hinter dem Tresen steht meistens ein dünner alter Mann mit schlechten Tätowierungen auf seinen Händen und Armen. Beim Verlassen des Kiosks laberten mich zwei junge Burschen mit bildungsfernem Hintergrund an. Ihre Anmache war grob, und ich ahnte, worauf es hinauslief.
   Der Kleinere der beiden, dennoch kräftig gebaut, zischte mich an, gab mir zu verstehen, dass ich ein Arschloch sei, und fragte, ob ich Geld habe. Ich verstehe einfach nicht, warum sich solche Kerle immer mit mir anlegen wollen. Mit meinen 1,85 Metern Körpergröße und der Figur eines kanadischen Holzfällers sollte man sich eine körperliche Auseinandersetzung mit Jonas Cilinsky gut überlegen. Beide versperrten mir den Weg und bauten sich vor mir auf. Ich war schrecklich müde und wollte die Sache schnell zu Ende bringen. Der andere war glatt einen Kopf größer als ich, schlank und grinste dümmlich vor sich hin.
   Während er sich von seinem Kumpel löste, um hinter meinem Rücken Position einzunehmen, gab ich den Streit suchenden Burschen zu verstehen, dass ich Geld hätte, aber das mit dem Arschloch doch sehr persönlich nehmen würde. Ich dachte, mit der Wahrheit geht alles etwas leichter und schlug unvermittelt dem vor mir stehenden kleinen Kasper mit voller Wucht auf seinen hässlichen, rasierten Kopf. Sein Schädel hatte die Härte einer Bowlingkugel, und in meiner Hand breitete sich ein dumpfer Schmerz aus. Er sackte in sich zusammen, ohne einen Ton von sich zu geben. Sofort nahm ich Augenkontakt mit dem langen Typen auf, dessen Gesicht sich in eine überraschte Fratze verwandelte. Ich hoffte, er verstand meine Botschaft, dass ich für diese Art der Kommunikation wenig Toleranz zeigte. Leider aber zog er aus seiner Hosentasche ein Springmesser, dessen Klinge mit einem metallischen Klickgeräusch einrastete. Er kam einen schnellen Schritt auf mich zu und stach unvermittelt in Richtung meiner Leber. Mein dafür vorgesehener Abwehrmechanismus war unzählige Male trainiert worden. Sein Messer ging zu Boden, genauso wie er selbst. Während er fiel, hielt ich ihn fest und rammte mit Wucht mein Knie in sein schäbiges Gesicht. Zu meinen Füßen brach er zusammen, und auch er gab nach wenigen Zuckungen keinen Ton mehr von sich. Der Tätowierte, mein einziger Zeuge, nickte erstaunt und bat mich, jetzt besser zu verschwinden.
   Das sich auf dem Bürgersteig ausbreitende Blut ließ das Schlimmste vermuten. Ich denke aber, ich war nicht das erste Opfer und sollte auch nicht das letzte von diesen Kerlen gewesen sein. Nach dem ungewollten Intermezzo dankte ich leise meinen Eltern, dass sie mich mit zwölf Jahren in eine renommierte Kampfsportschule gesteckt hatten. Diesen Sport betreibe ich noch heute regelmäßig, und er ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Während meines Psychologiestudiums bildete ich Personenschützer in Selbstverteidigung und Deeskalations-Psychologie aus. Unter anderem demonstrierte ich Abwehrtechniken, die nur unter der Ladentheke zu haben sind und ein schnelles Finale herbeiführen. Meine Kampfsportausbildung hat sich oft gelohnt, denn Reden ist manchmal sinnlos.
   Erkläre einem Bekloppten, dass er bekloppt ist – keine Chance, und zum Weglaufen bin ich einfach zu faul.

Um sechs Uhr laufe ich zur Hochform auf. Ich gönne mir ein kräftiges Frühstück, versorge meine zwei Hunde und Papageiendame Paula. Alle wollen immer ausgiebig kuscheln. Trotz dieser gegenseitigen Zuwendung will heute keine gute Laune in mir aufkommen. Mein Herz trage ich schwer, und ich spüre, dass zeitnah ein außergewöhnlicher Tag auf mich wartet – ein Tag, der mein Leben verändern wird. Erklären kann ich mir das nicht, aber meine Feinfühligkeit hat mich schon öfter vor größeren Schäden bewahrt. Ignoriere ich diese Gefühle, gerate ich in Situationen, an denen ich mir die Finger verbrenne – mal mehr, mal weniger.
Montag, 16. April, 8:00 Uhr

Ich fahre nach Köln in das Zoofachgeschäft meiner Freundin Camilla, das sich im Stadtteil Klettenberg befindet, um ihr bei der Arbeit zu helfen. Schön, dass sie die letzte Nacht nicht bei mir geschlafen hat, denn es reichen die paar Stunden mit ihr im Geschäft. Sie ist wirklich anstrengend. Tag und Nacht mit dieser Frau machen aus dem gutmütigsten und gelassensten Mann einen Mörder. Sie hat spanische Wurzeln, ist neunundvierzig Jahre alt und somit zwei Jahre älter als ich. Ihre zwei Töchter im höheren Teeniealter geben dem Wort Wahnsinn eine ganz besondere Bedeutung. Es macht mich glücklich, dass ich nicht deren Vater bin. Im Geschäft bin ich frühzeitig, es ist noch keiner da. In der Küche setze ich Kaffee auf und gehe durch den Verkaufsraum. Überall piepst und raschelt es von den Tieren, die sich in den Gehegen befinden. Es riecht nach Arbeit! Ich drehe mir eine Zigarette, trinke Kaffee und genieße die Ruhe, die mit Camillas Ankommen ein Ende findet. Wir begrüßen uns mit einer Umarmung und einem flüchtigen Kuss. Schon nimmt der spanische Wahnsinn seinen freien Lauf. Wie ein durchgeknallter Feldherr läuft sie wild gestikulierend durch den Aufenthaltsraum, als wenn es gälte, für zwanzig Angestellte, die zurzeit nutzlos abhängen, Arbeit zu verteilen. Dabei sind wir allein, und das bleibt heute auch so. Sie redet unentwegt, schimpft, lacht höhnisch und greift zum Telefon, um ihr erstes Opfer zusammenzufalten: Die Putzfrau hat nicht richtig sauber gemacht. Ich lasse mich von ihr nicht aus der Ruhe bringen und beobachte dieses Theaterstück leicht amüsiert. Toll, kann ich jeden Tag haben – will ich aber nicht, denn diese Hektik und Camillas Art, mit Menschen umzugehen, stößt mich ab. Jeden Tag ein wenig mehr. Die arme Putzfrau bekommt von meiner Freundin die volle verbale Packung ab. Wie so oft gehen dabei Camillas Sätze unter die Gürtellinie. Nach ihrem Monolog legt sie zufrieden den Hörer auf und will sich schon an das nächste Opfer ranmachen. Ich habe genug, stehe auf, nehme sie in die Arme und spüre die Hitze in ihrem Körper. Ich könnte jetzt schon wieder gehen, doch diesen Tag habe ich Camilla versprochen.
   Normalerweise arbeite ich als Psychotherapeut in einer großen Gemeinschaftspraxis im linksrheinischen Köln, die in einer schmucken Villa mit freiem Blick auf den Rhein beheimatet ist. Dort versuchen acht Therapeuten mit unterschiedlichen Fachdisziplinen verwundete Seelen zu retten. Mein Chef, Herr Kirchenläuter, ist ein lausiger Therapeut, aber ein Gigant in Menschenkenntnis und Organisation. Außerdem vertritt er die Meinung: Um den Kaputten zu helfen, muss man selbst ein Kaputter sein. Nun ja, meine Meinung trifft es nicht, aber warum er vorzugsweise mir die Akten der Soziopathen und Gewaltbereiten auf den Tisch legt, gibt mir oft zu denken. Wir haben nie darüber gesprochen, aber seine finanzielle Sonderzuwendung nehme ich gern als Entschädigung an.
   Mein Schwerpunkt ist die medizinisch angewandte Hypnose, in der ich meine therapeutische Gelenkigkeit mit hoher Erfolgsquote beweise. Dagegen hilft mir die Arbeit mit den Tieren in Camillas Zoogeschäft, Abstand von den Seelenschmerzen meiner Patienten zu gewinnen. Ich will nicht so enden wie einige Kollegen, die abends nur mit Rotwein und Tabletten zur Ruhe kommen, denn in diesem Job wird man automatisch selbst zum Pflegefall. Abends falle ich erschöpft in mein Bett, und das Weinen und die Schreie meiner Patienten in der Hypnose bleiben vor der Tür.

2
Miriam
Donnerstag, 19. April, 18:30 Uhr

Dieser Tag hat mich Kraft gekostet. Ich habe nur noch das Bedürfnis nach Natur und Ruhe. Im Kopf fliegen grelle Blitze umher, und ich höre Stimmen aus dem Getöse des Tages. Ich steige in mein Auto und fahre aus der Praxis in den nahe gelegenen Stadtwald am Militärring, wo der 1. FC Köln sein Klubhaus stehen hat und auch trainiert. Es ist die grüne Lunge dieser schönen Domstadt am Rhein, die darüber hinaus auch Platz für die Straßenprostitution bereitstellt. Auf einem Parkplatz, wo Nutten auf Kunden in zahlreichen Wohnwagen warten, steige ich aus, drehe mir eine Zigarette und wähle einen der Wege, die in den Wald führen. Die Ruhe und die Bäume löschen das sinnfreie Geschwätz des Tages von meiner Festplatte.
   Auf dem Rückweg kommt mir ein Mann entgegen, der sich aus dem Gebüsch kämpft, hochroter Kopf, verklärter Blick, und stopft sich sein Hemd hektisch in die Hose. Was für eine arme Sau. Eine so schöne Sache so zu verrichten. Kurz darauf folgt ihm eine junge Frau, die sich ebenfalls an ihren spärlichen Klamotten herumzupft. Scheiße, denke ich, denn sie ist einfach zu schade für so einen Job. Sie hat einen guten Mann verdient, mit Kindern, Haus und Garten.
   »Hey, Großer, bleib doch mal stehen«, spricht sie mich unvermittelt aggressiv an. »Für ’nen Fünfziger lutsch ich dir deinen Schwanz, dass du nicht mehr weißt, wie du heißt!«
   Ich bleibe stehen und warte, bis sie nahe an mich herankommt. Dieses Angebot habe ich hier von verschiedenen Damen schon öfter gehört, doch jetzt ist irgendetwas anders. Ich schaue in wunderschöne, aber verletzte Augen und sehe Verzweiflung, Angst, Vernichtung und Hunger. Die Vernichtung ihrer Seele, der Hunger nach Liebe und Geborgenheit, das alles in einem so hübschen Gesicht. Ich muss an scharfen Chili denken, der jedoch so süß ist wie türkisches Gebäck. Gegensätze halt.
   »Wir beide haben viel gemeinsam«, sage ich zu ihr und kneife dabei die Augen zusammen. Ihre Präsenz ist erstaunlich, ich spüre sie so deutlich, als würden wir uns schon ewig kennen.
   Sie aber schaut irritiert, zögert und schimpft laut. »Was bist du denn für ein Vogel? Willst du nun ficken, oder bist du etwa so ein verkappter impotenter Spanner?«
   Sie ist geschätzt Mitte zwanzig und macht hier im Wald einen auf Schulmädchen mit kurzem karierten Rock, weißen Turnschuhen und schwarzen Haaren, die zu einem vollen Pferdeschwanz gebunden sind. Für meinen Geschmack ist sie zu stark geschminkt und übt den falschen Beruf aus. Sie könnte meine Tochter sein. Ich verachte ihren Vater, der das zulässt, drehe mich um und gehe irritiert weiter.
   Komisch, ich schaue nach vorn auf den Waldweg, und vor meinem inneren Auge sehe ich sie immer noch, wie sie mir hinterherschaut. Nach mehreren Schritten bleibe ich stehen, drehe mich zu ihr um und stelle fest: Sie steht genauso da, mit der gleichen Körperhaltung, bevor ich mich von ihr weggedreht habe. Zwischen uns mögen vielleicht zwanzig Meter sein – und doch fühle ich sie. Diese Gabe, Menschen mit ihrer energetischen Ausstrahlung zu fühlen, hilft mir, ein guter Therapeut zu sein, aber manchmal nervt das auch gewaltig. Meine Hellfühligkeit kann ich nicht steuern, sie ist einfach da – ob Schwarz oder Weiß.
   Sie sieht mich mit starrem Gesichtsausdruck an und sagt kein Wort. Mir fallen dazu zwei Dinge ein. Mein letzter Patient sagte zu mir, dass ich selbst einen Therapeuten brauchen würde, und die zweite Sache: Ich glaube, diese vor mir stehende Frau ist eine Hexe. Ich kann einfach nicht weitergehen und fühle mich von ihr angezogen, elektrisiert.
   Sie kommt langsam auf mich zu. »Was ist denn nun mit uns beiden?«, fragt sie säuselnd.
   Ich stehe mit offenem Mund vor ihr. »Magst du mit mir essen gehen?«, ist das Einzige, was mir dazu einfällt.
   Verdammt! Was ist bloß in mich gefahren? Das ist überhaupt nicht meine Art, und doch würde ich mich über die Gesellschaft dieser Frau freuen – warum auch immer.
   Ihre Miene verdunkelt sich, und sie geht zwei Schritte zurück. »Bist du etwa so ein Perverser?«, giftet sie mich an, und meine Einladung bereue ich zutiefst.
   Ich komme wieder zu mir. »Keine Ahnung, was ein gutes Essen mit pervers zu tun hat, aber ich wünsche dir noch alles Gute – hier im Wald!«
   Sie wirkt vollkommen neben der Spur, und ich beschließe, dieses unhöfliche Weib mit dem frechen Gefasel stehen zu lassen. Kopfschüttelnd begebe ich mich zu meinem Auto.
   »Warte doch!«, ruft sie mir hinterher. »Wo gehst du denn essen?«
   Ich drehe mich zu ihr. »Maredo am Heumarkt«, sage ich in einem ruhigen, aber harten Ton. »Und du hast deine Chance gehabt!«
   »Sorry, habe es nicht so gemeint. Ich habe heute noch nichts gegessen, und mir ist schon ganz schlecht von dieser Schwanzlutscherei. Gilt deine Einladung noch?«
   Na super! Das wollte ich gerade noch hören, vor allem den vulgären Teil, der ein Ekelgefühl aufkommen lässt. »Hör zu! Ich habe dich von Anfang an nicht wie eine Hure behandelt, behandle du mich nicht wie einen Freier!«
   »Entschuldige, du hast recht!«, kommt bedrückt als Antwort, und wir gehen nebeneinander und schweigend die wenigen Meter zum Parkplatz.
   Mein Verhalten kann ich nicht nachvollziehen. Sie zieht mich an wie ein Magnet, aber ihren Auftritt empfinde ich als asozial und billig. Jetzt gehe ich mit ihr zum Abendessen und lade dieses freche Ding dazu noch ein. Es ist diese Energie, die um sie herum ist. Ihre Aura hat so viel Dampf, wie ich es bei keinem Menschen zuvor gespürt habe.

Am Parkplatz angekommen warte ich an meinem Auto, während sie zu einer auf Kundschaft wartenden Kollegin geht. Diese begutachtet mich aus der Ferne und scheint von dem Vorhaben, mit mir essen zu gehen, nicht begeistert zu sein. Die beiden diskutieren und verschwinden in einem Wohnwagen. Die Wartezeit vertreibe ich mir mit einer Zigarette und halluziniere von einem Fünfhunderter-Rib-Eye-Steak.
   Nach wenigen Minuten werde ich ungeduldig, und ich denke darüber nach, einfach zu fahren und die ganze Sache zu vergessen. Plötzlich kommt sie umgezogen heraus und ähnelt jetzt mehr einer hübschen und braven BWL-Studentin. Ich beobachte, wie sich ihre Kollegin das Kennzeichen von meinem Auto aufschreibt und mir einen drohenden Blick zuwirft. Ich winke ihr zum Abschied zu und öffne meiner Begleitung die Beifahrertür wie ein Gentleman. Sie lächelt mich an. O mein Gott! Sie sieht wirklich gut aus, und ich kämpfe dagegen an, mich nicht Hals über Kopf in sie zu verlieben. Ich steige ebenfalls ein und freue mich auf einen schönen Abend. Meine Beifahrerin sieht mich an, als ob Bescherung zu Weihnachten anstünde. Ihre funkelnden Augen machen mich schwach. Wir fahren los und ich stelle mich ihr vor.
   »Jonas Cilinsky.« Ich reiche ihr die Hand.
   Sie nimmt an. »Maya.«
   Ich weiß, dass sie lügt. »Maya oder wie immer du auch heißt: Wir beide haben einen Deal!«
   »Verstehe. Mein richtiger Name ist Miriam Maybach.«
   »Also, Miriam Maybach! Du scheinst ganz pfiffig zu sein, hast einen schönen Namen und siehst umwerfend aus. Wissen deine Eltern, was du hier im Wald so treibst?«
   Ihr Gesicht wird hart, und ich erkenne, dass ich im Übermut eine Grenze überschritten habe. Ich entschuldige mich, sie verzeiht, und wir freuen uns auf ein gutes Essen.

Donnerstag, 19. April, 20:00 Uhr

Im Steakhaus lassen wir uns einen schönen Platz zuweisen und wenden unsere Aufmerksamkeit dem Speiseprogramm zu. Meine Entscheidung für das Essen steht fest, denn der vorangegangenen Halluzination sollen Taten folgen. Nach so einer Proteinmahlzeit werde ich immer selbst zum Bullen. Kraft und Energie fließen durch meine Adern, die sich fingerdick auf meinen Händen zeigen und sich um meine Unterarme schlängeln – irgendetwas passiert in mir.
   Miriam hält die Speisekarte mit einem Gesichtsausdruck, als ob sie ein Opernprogramm in italienischer Sprache in der Hand hielte. Ihr Kopf wippt nach links und rechts, und ihr Gesicht wirkt nachdenklich, während ihre Blicke nur so über die mehrseitige Speisekarte fliegen.
   Ich bestelle uns Bier, amüsiere mich still über ihre sichtbare Ratlosigkeit und nutze die Zeit, mir ihr Gesicht genau anzusehen. Selten so etwas Feines betrachtet, das perfekte Gesicht! Nichts ist zu groß oder zu klein, und ihre ausdrucksstarke Mimik zieht mich gnadenlos an. Ich unterbreche sie beim Auswendiglernen der Speisekarte, da sich mein Magen schon selbst verdaut.
   »Kann ich dir helfen, Miriam?«
   »Habe ich freie Auswahl?«
   »Selbstverständlich!«
   Unsere Getränke kommen, und ich lasse Miriam für unsere Bestellung den Vortritt. Sie weiß jetzt, was sie will, legt die Karte geschlossen zur Seite und eine Salve mit mehreren Positionen verlässt fließend und auf den Punkt genau ihren Mund. Ich bin beeindruckt, die Bedienung auch. Entweder geht Miriam hier jeden Tag essen, oder sie beweist mir gerade ihre rasche Auffassungsgabe, denn sie weiß zu jeder Position auch die vorstehende dreistellige Codierung. Die Dame kommt mit dem Tippen auf ihrem Bestellcomputer kaum nach.
   Miriams zusammengestellte Kombination passt hervorragend zusammen – nur die Menge reicht für zwei gestandene Kerle und nicht für diese zierliche Frau. Nach meiner dagegen bescheidenen Order schaut uns die Bedienung über ihren Brillenrand ungläubig an, als wenn wir sie nicht mehr alle hätten. Miriam aber lächelt entwaffnend zurück, und mir fehlen bei dieser Frau wieder einmal mehr die Worte. Ich schaue in ihre funkelnden, doch immer noch traurig wirkenden Augen und beginne, unaufhaltsam Feuer für sie zu fangen. »Sag mal, Miriam, bist du öfter hier?«
   »Noch nie! Warum fragst du?«
   »Na ja. Wegen deiner professionellen Bestellung.«
   »Ich kann ja noch was nachbestellen, wenn es nicht reichen sollte. Jetzt weiß ich, was es alles gibt.«
   Humor hat sie. Entweder verarscht sie mich gerade, oder die Speisekarte befindet sich tatsächlich als Kopie in ihrem hübschen Kopf.

Wir genießen das Essen und verstehen uns hervorragend. Miriam beim Essen zu beobachten, ist fantastisch. Sie isst mit Freude und gibt zu allem einen Kommentar der Begeisterung ab. Unsere Kommunikation kommt mit einer so erschreckenden Leichtigkeit daher, als würden wir uns ewig kennen und vor allem – mögen. Miriam beweist Schlagfertigkeit und lässt sich von meinem rabenschwarzen Humor nicht aus dem Konzept bringen, sodass mir bei ihren Antworten vor Überraschung oft die Spucke wegbleibt. Ich liebe dieses Spiel der raschen und inhaltsvollen Kommunikation, wobei Miriam mir auf Augenhöhe begegnet. Ihre Worte wägt sie sorgsam ab, sie zeigen Bildung, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mir oft einen Satz voraus ist. Wir finden ohne Mühe gemeinsame Interessen und auch Lebensziele. Unsere Sympathie füreinander ist auch an den Nebentischen hör- oder vielmehr sichtbar, denn einige Gäste beobachten uns mit einem amüsierten Lächeln. Miriam zeigt sich mir als eine Frau, die weit über den Tellerrand des Lebens blickt und hungrig nach einem warmen Leben ist. Sie gibt zu verstehen, dass sie nicht weiß, wo sie hingehört. Ich kann es kaum glauben, aber Miriams Hauptberuf ist Kinderkrankenschwester und sie geht ihn in Kölns renommiertester Kinderklinik an der Amsterdamer Straße im Rahmen einer Siebzig-Prozent-Stelle nach. Diese hervorragende Persönlichkeit macht mir Angst. Ich bekomme sie einfach nicht unter einen Hut. Sie hat nichts mit der Frau gemeinsam, die ich im Wald kennengelernt habe. Das sage ich ihr auch, und wir müssen herzlich lachen, denn auch sie hat Schwierigkeiten, mich auf einen Nenner zu bringen. Mein Aussehen der, wie Miriam es sagt, gepflegten Verwegenheit mit der schmutzigen Sprache – nein, so stelle sie sich keinen Psychotherapeuten vor, der sensibel in der Seele seiner Patienten Ursachenforschung betreibt.
   Miriam ist neunundzwanzig und von raumfüllender Präsenz. Ihre Weiblichkeit raubt nicht nur mir den Atem, und ihr Lachen kommt direkt aus dem Herzen. Ich bin ein stiller Zeitgenosse und gehe das Leben gern etwas ruhiger an. Ich habe gelernt, mich so zu geben, wie ich bin und lasse mich nicht verbiegen. Ruhige Musik, ein gutes Buch mit einer Tasse Kaffee sind für mich das Größte – bisher. Mein Einkommen ist ausreichend, um ein Leben zu leben, das ich möchte. Doch einen Traum habe ich noch: Diese eine Frau – meine Frau –, die das Universum für mich vorgesehen hat, fehlt mir noch. Im hohen Alter, wenn meine faltigen Hände die Hände dieser Frau halten, möchte ich in glückliche Augen blicken und ihr sagen können, dass sie mein Leben mit Licht und Wärme gefüllt hat, jeden vergangenen Tag. Ich habe es mehrmals geträumt, und es wird auch geschehen, doch wie lange muss ich noch auf diese Zusammenkunft warten? Hat meine Sehnsucht nach dieser einen Frau ihr Ziel erreicht? In was für ein Wesen verliebe ich mich gerade? Ist Miriam die Vorahnung oder nur ein Hirngespinst, eine Wunschvorstellung? Vorstellen könnte ich mir mit ihr alles. Aber ob ein Jonas Cilinsky für eine Frau wie Miriam reicht? Ich habe keine Ahnung. Also ändere ich während des Essens die Taktik und versuche, sie mir schlechtzureden. Vor meinem inneren Auge geht eine Tabelle auf: links, was mir nicht an Miriam gefällt, und rechts, was ich an ihr schätze oder vielmehr liebe. Nach einer Zeit beende ich diesen sinnlosen Versuch. Links steht nur die Tatsache, dass sie anschaffen geht und ich damit meine Probleme habe. Rechts jedoch gibt es unzählige Positionen, wobei die meisten mich ganz wuschig machen.
   Eines ist jedoch merkwürdig: Miriam erzählt nicht viel von sich, ihrer Herkunft und ihrer Familie. Sie ist alleinstehend, und auf ihre Frage hin, ob ich in einer Partnerschaft lebe, verheimliche ich Camilla. Dafür schäme ich mich in Grund und Boden. Miriam aber bemerkt meine Lüge, als wenn sie meine Gedanken abgreifen könnte. Sie nimmt es mir nicht übel, und ich erschrecke über ihre Hellsichtigkeit, die sie am heutigen Abend schon mehrmals bewiesen hat.

Donnerstag, 19. April, 24:00 Uhr

Die Rechnung fällt derb aus, und wir gehen mehr als zufrieden zu meinem Auto.
   »Ich danke dir für deine Gesellschaft, Miriam. Es war sehr schön. Ich möchte dich gern nach Hause fahren.«
   Sie scheint genau wie ich enttäuscht über das Ende des Abends zu sein und sagt mir zögerlich ihren Heimweg an. Im Stadtteil Ehrenfeld, vor Miriams Wohnung, steigen wir gemeinsam aus. Das heruntergekommene Gebäude mit acht Wohneinheiten liegt in einer ruhigen Seitenstraße und ist ein Altbau mit Stuckfassade, hohen Decken und Minibalkonen.
   »Jonas Cilinsky! Willst du meine Handynummer?«
   »Nein! Ich gebe dir meine, denn du entscheidest, wie es mit uns weitergehen soll.« Ich möchte dieses zauberhafte Wesen wiedersehen. Also wende ich diesen Trick an, der das Ergebnis einer renommierten Studie ist. Die Frau bekommt das Gefühl von Sicherheit und hält die Fäden in der Hand. Die Chance, dass sie sich meldet, liegt bei über achtzig Prozent. Ich brauche nur Geduld, denn die meisten Frauen melden sich spätestens am dritten Tag und meinen es dann auch ernst.
   Wir verabschieden uns. Zaghaft nehme ich sie in die Arme, flüstere ihr ins Ohr, dass sie auf sich aufpassen soll und dass ich für sie da bin, wenn sie mich braucht. Ich gebe ihr einen dicken Kuss auf die Wange und spüre mein Herz, wie es im Galopp des Verliebtseins meine ganze Aufmerksamkeit fordert. Wir lösen uns voneinander, und die bestehende Verwirrung über unsere Gefühle ist unübersehbar.
   »Tschüss, du suchender Mann, der im Herzen voller Liebe ist!« Miriam dreht sich von mir weg und geht mit schnellen Schritten durch den Hauseingang.
   Während ich wie ein nasser Hund dastehe, muss ich mir eingestehen: Ich bin verliebt! Ihre Wärme und ihr Geruch bleiben auf meiner Haut.
   Ich fahre zügig nach Hause und beschließe, mich heute nicht mehr zu waschen.
   In Gedanken an das Erlebte und diese Begegnung würde ich mich riesig freuen, diese Frau wiederzusehen. Auf der anderen Seite aber macht mich die Bekanntschaft mit Miriam nervös. Irgendetwas stimmt nicht, und mein Verstand ist auf Alarm geschaltet. Sie sprach von Bestimmung und einer Fügung von Gott und dass wir uns begegnen mussten. Sie sprach von dem Weg, den jeder Einzelne von uns gehen muss, um seine ihm zugedachte Aufgabe zu erfüllen. Sie sprach von der Unausweichlichkeit und dass wir beide auf derselben Frequenz kommunizieren. Mit Camilla sehe ich keine Zukunft mehr. Sie ist mir zu laut, zu hektisch, und ihre Töchter treiben mich mit ihrem blöden, pubertierenden Gesabbel noch in den Wahnsinn – ich werde diese Beziehung rasch beenden.

Freitag, 20. April, 7:00 Uhr

In der vergangenen Nacht blieb ich schlaflos. Gut, so hatte ich wenigstens keinen dieser Albträume. Mein Körper ist ein Sammelsurium von genügsamer Biomasse, denn ich schlafe kaum, esse wenig, rauche viel, und bei Rotwein und Cognac sage ich nicht Nein. Zum Dank strotze ich vor Gesundheit und Power, eine wirklich dankbare Hülle, die meiner Seele ein Zuhause gibt. Dieser Morgen wird mir versüßt durch eine Kurznachricht auf dem Handy. Miriam wünscht mir einen schönen Tag und fragt, ob ich an diesem Wochenende schon etwas vorhätte. Dass so einem alten Drecksack wie mir beim Lesen einer SMS die Finger zittern und das Herz bis zum Hals schlägt, kann man nicht glauben.
   Auf meiner rechten Schulter der weiße Engel: »Jonas, mach langsam. Denk genau nach, was du tust. Verfalle ihrer Magie nicht. Ist sie überhaupt gesund?«
   Auf der linken Schulter der schwarze Engel: »Jaja! Nimm sie dir und besorg es ihr hart. Junge, hab Spaß und genieße das Leben, koste es, was es wolle!«
   »Ruhe!«, rufe ich.
   Ich glaube, irgendwann bin ich mein eigener Dauerpatient, der mit irrem Blick nur noch sabbernd auf einem Stuhl sitzt und Pflege braucht. Also sollte ich bis dahin das Leben genießen und das junge Luder durch mein Wasserbett treiben. Aber dieser Gedanke erscheint mir zu billig. Außerdem sollte ich mich auf die Trennung von Camilla konzentrieren, die bringt mich um, so oder so!
   Für mich beginnt schon das Wochenende, aber meine Wohnung muss auf Vordermann gebracht werden. Kann ich gut, denn vor meinem Studium war ich bei der Bundeswehr, und Ordnung hieß Pflichtprogramm. Ich wähle Miriams Nummer, die ich mit ihrer SMS bekommen habe. Sie meldet sich mit einem sanften »Guten Morgen, Blauauge.«
   Mir geht das Herz auf, und ich schmelze wie heißes Wachs nur so dahin – scheiß auf die Ratschläge vom weißen Engel. »Hallo, Miriam. Ja! Ich habe schon was vor.«
   »Das ist sehr schade«, kommt es traurig zurück.
   Ich lege schnell nach, ich hasse es, sie traurig zu hören. »Ich möchte Miriam ein wenig von meinem Leben zeigen!«
   Ihre Freude ist unüberhörbar, und so lade ich sie zu mir ein. Wir plappern wild durcheinander und können nicht aufhören, uns gegenseitig für den gestrigen Abend zu danken. Wegen meiner blauen Augen nennt sie mich Blauauge, und ich platze vor Stolz. Wir beide spüren, dass etwas zwischen uns beiden läuft, genauer gesagt – fließt! Energie und Liebe zeigen uns ihre ganze Macht, gegen die kein Mittel wirkt, warum auch? Mein Verhalten ist nicht das von Jonas, und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so in Liebeseuphorie geraten zu sein. Aus dem eingetrockneten Analytiker wächst eine neue Blüte meiner längst vergangenen Pubertät, und ich könnte vor Freude die ganze Welt umarmen.
   Miriam kommt um 18:00 Uhr. Also, Hausputz und ab ins Zoogeschäft für ein wenig Papierkram, denn für mehr habe ich heute kein Interesse. In meinem Kopf ist nur noch Platz für diesen Engel mit dem schwarzen Pferdeschwanz und ihren Mandelaugen. Der Frühling fühlt sich an wie Sommer, was für ein geiler Tag. Ich will sie sehen, riechen, fühlen – und schmecken.

Freitag, 20. April, 12:00 Uhr

Camilla macht mich wieder ganz bekloppt. Sie läuft mit hektischen roten Flecken im Gesicht herum, die Halsschlagader pulsiert sichtbar, und vergreift sich allen gegenüber chronisch im Ton. Ist mir schon klar, dass ihre zwei Ehemänner sie verlassen haben, denn ich erkenne seit Langem auch bei mir erhebliche Fluchtgedanken. Gern würde ich dieser unwürdigen Beziehung heute ein Ende setzen, doch in ihrem aggressiven Zustand kommt dieses Vorhaben einem Selbstmord gleich. Ich würde das Geschäft nicht lebend verlassen können und plädiere im Stillen auf Vertagung. Unter einem Vorwand, noch wichtige Dinge erledigen zu müssen, rufe ich meine Hunde und wünsche Camilla ein schönes Wochenende, während ich im Begriff bin, zügig das Geschäft zu verlassen.
   »Moment, mein Lieber!«, schnauzt sie mich an. »Wann sehen wir uns?«, kommt es bedrohlich aus ihrem Munde.
   Da sind sie wieder, meine drei Probleme. Camilla, ein bevorstehendes Wochenende, und sie will Sex. Mein Mund wird schlagartig trocken. Ich drücke sie noch einmal und sage, dass ich sie anrufen werde. Jetzt fühle ich die heißen Flecken an meinem Hals aufsteigen.
   Rasch fahre ich zu dem Parkplatz, wo ich Miriam kennengelernt habe. Auch für die Hunde ist der Wald mit den großen angrenzenden Wiesen ein Paradies. Meine vierbeinigen Jungs haben die Größe von Schäferhunden, gute Manieren und sehen klasse aus, richtige Hunde halt.
   »Hallo Jonas!«, höre ich hinter mir, bevor wir unseren Weg in den Wald einschlagen können.
   Ich drehe mich zu der Stimme um und kann meine Verblüffung nicht zurückhalten. Miriams Kollegin von gestern kommt auf mich zugetippelt. Dass jemand auf so hohen High Heels noch wie eine Dame laufen kann, ist schon Akrobatik, und überhaupt, woher und warum kennt sie meinen Namen? Außerdem, was sind das für Atombrüste, die diese Frau vor sich herdrückt?
   »Ich bin Caro, Miriams Freundin. Die Kleine ist ganz aus dem Häuschen. Habe sie selten so unbeschwert erlebt.« Caro steht direkt vor mir, und es ist einfach nicht möglich, meinen Blick von ihren Brüsten zu wenden, die sich wie Kanonenkugeln unter ihrem Oberteil abzeichnen.
   »Hallo Caro! Sorry, aber deine Atombrüste sind wirklich ein Kunstwerk.«
   Au weia! Das Glücksgefühl des Verliebtseins macht meine Zunge übermütig, aber das musste jetzt einfach raus, basta!
   Sie lächelt. »Geh gut mit ihr um, sie hat es verdient. Ich habe deine Adresse und Telefonnummer, und wenn ich Klagen höre, komme ich höchstpersönlich und lege dich übers Knie!«
   Ich muss lachen. Wir sind uns auffällig sympathisch, und ich hätte sie gern gedrückt, aber mir fehlt die Erfahrung mit solchen Megabrüsten dazwischen. »Kann ich in Ruhe durch den Wald gehen, oder kommt mir dann Miriam als Maya entgegen?«
   »Sie war heute nicht hier. Wir haben vorhin nur telefoniert und uns ein schönes Wochenende gewünscht.«
   Ich freue mich riesig über diese Aussage.

Freitag, 20. April, 18:00 Uhr

Zu Hause plagen mich Zweifel, ob Miriam überhaupt kommt. Ich bin nervös und laufe kopflos durch die Wohnung, um die letzten Vorbereitungen für mein Date zu treffen. Es klingelt, ich öffne, und im Hausflur höre ich das Klackern von Absatzschuhen. Dann steht sie vor mir.
   Scheiße, denke ich, mache mich zu deinem Lustsklaven.
   Miriam sieht umwerfend aus. Eine weiße hautenge Designerjeans, verdammt hohe High Heels in Schwarz, ein schwarzes Top mit Blazer und dezentes, gekonnt aufgelegtes Make-up. Sie braucht nicht viel davon, denn sie sieht aus, als käme sie gerade aus der Karibik. Ihre braunen Mandelaugen wirken extrem exotisch, und sie strahlt mich mit einem weichen Puppengesicht an. Sie trägt ihre schwarzen Haare offen in großen Locken. Wortlos kommt sie langsam auf mich zu, und wir umarmen uns fest. Ich vergrabe das Gesicht in ihrer Halsbeuge, inhaliere den Geruch, der von dieser Frau ausgeht.
   Okay, Alter. So kannst du sterben! Sie riecht nach Vollweib, Sonne, Liebe, Licht und Sex.
   Ich befinde mich mit meinen Hormonen am Limit. Ich will sie heiraten, ein Haus im Grünen, ich lasse dieses Prachtweib nicht mehr los. Ich bin verloren, das war’s. Wir küssen uns gegenseitig auf die Wangen, sehen uns in die Augen und schweigen. Worte wären jetzt nicht passend. Jonas versteht Jonas nicht mehr, und Miriam ist für mich irgendwie keine Fremde!
   Wir lösen uns voneinander, und ich frage, ob sie Lust auf einen guten Cappuccino hat. Sie hat und folgt mir mit ihren High Heels klackernd in die Küche. Miriam nimmt auf einem der Barhocker an der Theke Platz und schlägt ihre Beine übereinander. Ich fummle derweil an dem Kaffeeautomaten herum. Dafür öffne und schließe ich Druckventile und überall dampft und qualmt es aus diesem Ding. Ich verbrühe mich mit heißem Wasserdampf, und die aufgeschäumte Milch spritzt mir um die Ohren. Ich bin wegen meines Besuchs komplett von der Rolle, und die Kaffeemaschine wohl auch. Ich drehe mich mit Milchspritzern im Gesicht und auf dem Hemd zu Miriam, während sie sich vor Lachen kaum noch auf dem Hocker halten kann. Klarer Beweis! Die Maschine ist männlich, ich auch, und Miriam macht hier alle bekloppt, meine Hunde eingeschlossen, die ebenfalls ihre Augen und Nasen nicht von ihr lassen können. Nach kurzer Konzentrationsphase serviere ich zwei Cappuccino der Spitzenklasse – selbst das Herz auf dem Milchschaum ist mir gelungen.
   Wir genießen, rauchen, reden, lachen und verstehen uns so, als wären wir gute alte Freunde und würden uns ewig kennen. Zwischen uns beiden existieren keine Barrieren. So viel Vertrautheit ist unheimlich, und ich spüre, wie ich mit jeder Sekunde immer mehr diesem Wesen Miriam verfalle.
   »Wohnungsbesichtigung, Essen, Musik hören, Wein trinken und Kuscheln habe ich für uns auf dem Programm.«
   »Ich bin dabei!«, flötet mir ein sinnlich geformter Kussmund entgegen.
   Ich betrachte dieses Vollweib und möchte am liebsten gleich zum letzten Punkt übergehen, aber das ist nicht meine Art, und ich wüsste auch nicht, wo ich bei ihr anfangen sollte. »Ich wollte nicht an deinem Geschmack vorbei Essen einkaufen. Fünf Minuten mit dem Auto von hier befindet sich ein Supermarkt, ein richtiger Gourmettempel, wo man sich mit vielen kleinen Leckereien für zu Hause verwöhnen kann.«
   »Ich liebe kleine Leckereien«, haucht sie und streicht mit der Zungenspitze über ihre vollen knallroten Lippen.
   Ich muss jetzt raus hier, denn in meinem Kopf laufen schmutzige Filme, und im Schritt verspüre ich erheblichen Platzbedarf.
   An der Gourmettheke entscheiden wir uns für kleine Leckereien, die typisch für die mediterrane Küche sind. Sie liebt Rotwein, wie ich, und die Entscheidung fällt auf einen Châteauneuf-du-Pape 2009. Ich wusle durch den Laden wie ein Jüngling, der seine erste Liebe beeindrucken will. Miriam klackert entspannt hinter mir her, und die Leute gucken schon komisch.
   Wieder zu Hause, mache ich sie mit meiner Wohnung vertraut.
   Außerhalb von Köln, in einem Gewerbegebiet von Niederkassel bei Bonn, bewohne ich eine schöne Penthousewohnung mit umlaufender Dachterrasse und einem grandiosen Fernblick. Von den hundertachtzig Quadratmetern, den lichtdurchfluteten Räumen und der weiten Sicht ist sie beeindruckt, aber bei der Einrichtung sieht sie Handlungsbedarf. Da ich Minimalist bin, sind mir zu viele Möbel ein Gräuel. Miriam sieht das anders, und für sie würde ich meine Einrichtungspolitik überdenken.
   All die Leckereien finden kaum Platz auf dem großen Esstisch im Wohnzimmer. Miriam fühlt sich wohl und sucht mit ihren Händen Körperkontakt mit meinen, während ich mich zurückhalte. Dabei könnte ich auf der Stelle über sie herfallen, doch ich will keinen falschen Eindruck hinterlassen. Wir genießen jede Sekunde. Zum Essen hören wir wunderbare Lounge-Musik, die uns zu gemeinsamen Träumereien verleitet. Dass Miriam das Wochenende mit mir verbringen will – ich könnte schreien vor Glück. Dieses Luder hat alles einkalkuliert, eine Tasche mit ein paar Sachen befindet sich in ihrem Auto. Wie schon im Steakhaus trinkt und isst Miriam mit einer wahren Leidenschaft und Genuss. Ich weiß es aus Erfahrung: Solche Frauen sind auch in der Liebe voller Leidenschaft, und ein Mann kann nicht genug von so einer Genussfrau bekommen. Für mich ist sie der gewonnene Lottojackpot, und alles scheint zu passen. Das Wohnzimmer ist stimmungsvoll mit Kerzenschein ausgeleuchtet. Nach dem Wegräumen der Reste begeben wir uns auf die Couch. Miriam zieht ihre High Heels aus und setzt sich im Schneidersitz mir gegenüber. Ist schon erstaunlich, dass ihre hautenge Jeans das mitmacht und nicht aus allen Nähten platzt. Ich mache es ihr nach, wobei sich unsere Beine berühren. Wir reden und lachen nicht mehr. Wir hören Musik, unsere Hände berühren sich, und wir schauen uns gegenseitig mit einem für diese Situation ernsten Gesicht in die Augen. Ich bin hin und weg, das war’s! Miriam soll die Mutter unserer Kinder werden. Auch ihre Augen sagen mir alles. Wenn hier nicht die Liebe wie der Blitz eingeschlagen hat und in unseren Herzen wie ein Tornado wütet, dann weiß ich es auch nicht mehr. Wir nähern uns dem ersten Kuss. Ich liebe diesen Moment, wenn die Nasenspitzen sich berühren und ich den Atem der Frau aufnehmen kann. Dafür lasse ich mir viel Zeit, denn dieser einzigartige Moment lässt sich niemals wiederholen. Ihre vollen Lippen schmecken unglaublich, sind extrem zart, und durch meinen Körper fließt ein wohliger Schauder nach dem anderen. Mit Miriam wollte ich mir Zeit lassen und nicht am ersten Abend schon Sex haben. Es wäre schade, wenn das hier zu einem One-Night-Stand verkommen sollte, und dazu geistert mir noch Camilla im Hinterkopf herum. Ach, egal, ich bin geil, und Miriam auch.
   Mich hat der Teufel gefickt und ein Engel mir dabei die Hand gehalten!

Montag, 23. April, 6:00 Uhr

Ich konnte nur wenig neben dieser Frau schlafen. Miriam in meinen Armen zu beobachten, ist wunderbar. Sie wirkt vollkommen rein – so unschuldig. Das Wort Vereinigung hat an diesem Wochenende für mich eine neue Bedeutung erhalten. Ich werde alles tun, dass Maya kein Teil mehr von Miriam ist. Das Thema haben wir nur angeschnitten. Auf meine Frage, warum sie sich verkaufe, kam nur als Antwort, dass es ihr Weg, ihre Bestimmung sei, der sie folgen müsse, und ihr Weg in Kürze sein Ziel erreicht habe. Ich verstehe das nicht, aber sie bat mich, ihr zu vertrauen, und das mache ich auch. In Miriams Augen wird es diesbezüglich zwischen uns zu keinem Konflikt kommen. Auf ihrem Rücken und Hintern befinden sich verblasste Spuren von sadomasochistischen Praktiken. Ich verliere nicht viele Worte darüber, gebe aber zu verstehen, dass ich die Verletzungen sehe und sie in meinem Herzen schmerzen.

Ich muss in die Praxis und Miriam in die Klinik. Unsere Arbeit und andere Verpflichtungen erlauben es kaum, uns vor Freitag wiederzusehen. Wir beschließen, das nächste Wochenende ab Freitagmittag jede Minute zusammen zu verbringen und dazwischen so viel zu telefonieren, wie es nur geht. Mir zerreißt es das Herz. Das Leben ist manchmal grausam.
   Miriam erlebe ich ebenfalls traurig und auffallend still. Meine Blume ist noch nicht durch die Tür, und ich vermisse sie schon furchtbar. Ich freue mich unendlich darauf, sie wieder in die Arme schließen zu können und mit ihr von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen.

3
Vernichtung
Montag, 23. April, 10:00 Uhr

In der Praxis werde ich mit einem besonderen Fall betraut. Meine neue Patientin lebt seit zwanzig Jahren abwechselnd in der Psychiatrie und im betreuten Wohnen. Katharina hat einen IQ von hundertfünfundsiebzig, ist fünfundvierzig Jahre alt, unruhig, und sie besteht aus Angst und Misstrauen. Zahllose fehlgeschlagene Selbsttötungsversuche und der nervöse Blick in ihren Augen zeigen Katharinas Konflikt mit sich und der Außenwelt. Sie erweist sich als außerordentlich schweigsam, und ihre Körperhaltung verrät Ablehnung gegenüber meiner Person und unserem Erstgespräch. Da von Katharina ein erhöhtes Aggressionspotenzial ausgeht, ist sie mit ihrem Bezugspfleger gekommen, der doppelt so kräftig wirkt wie ich. Dieser Koloss nimmt im hinteren Teil unseres Besprechungsraumes Platz. Meinem Vorgänger hat sie laut Akte den Schwanz abgebissen, und das wortwörtlich.
   Komisch! Ich kenne beim besten Willen keinen Therapeuten, der mit offener Hose vor seinen Patienten sitzt. Wie es dazu gekommen ist, interessiert mich in diesem Moment aber nicht, da ich meiner Patientin ohne Vorverurteilung begegnen möchte, denn jede Geschichte hat zwei Seiten. Da ist es wieder. Freak und Freak sitzen sich gegenüber. Sie mustert mich mit brennenden Blicken, während ich mir, kleine Fragen zu ihrem Wohlbefinden stellend, eine Reaktion erhoffe. Meine Bemühung honoriert sie mit einem arroganten Zungenschnalzen. Mit übereinandergeschlagenen Beinen, der Notizkladde auf dem Schoß und diplomiertem Psychogebrabbel werde ich Katharina nicht erreichen, also versuche ich es nicht. Für sie bin ich nur einer von vielen Psychokaspern, die sich, nach der Dicke ihrer Akte zu urteilen, an ihr schon die Zähne ausgebissen haben. Sollte es nach diesem Kennenlernen mit einer Therapie weitergehen, so verbleibt keine Zeit für dünne Standardphrasen.
   Ich bitte den Pfleger, mich mit Katharina allein zu lassen, was er auch kopfschüttelnd und grinsend macht. Um sie zu einer Reaktion zu bewegen, entscheide ich mich für einen Seelentorpedo. Ich beschreibe in einem Satz Katharinas Ich, ihre Katastrophe, ihr Dilemma, wovon nur sie im Verborgenen wissen kann. Das setzt aber voraus, dass ich richtigliege und sie das so noch nicht von einem anderen gehört hat. Dabei folge ich meiner Intuition und Erfahrung.
   Liege ich falsch, wird sie mich auslachen oder mir einen Vogel zeigen, vielleicht auch beides.
   Liege ich aber richtig, so wird sie entweder aufstehen und den Raum verlassen oder sie beschimpft mich. Egal! Eine Reaktion wird kommen.
   »Nicht wahr, Katharina? Es muss furchtbar sein, wenn mit unendlicher Intelligenz das Herz nach unendlicher Liebe und Verständnis schreit und nichts davon bekommt. Es muss für dich furchtbar sein, das, was du zu geben hast – niemand will es haben. Ich, Jonas Cilinsky, weiß das, ich sehe und fühle dich. Ich bin für dich da, heute und in Zukunft, sonst wärst du jetzt nicht hier, denn Gott will es so!« Ich halte Katharina im Blick.
   Es braucht ein paar Sekunden. Sie kneift ihren zitternden Mund zusammen, und die Augen zeigen Wut, aber auch Hilflosigkeit, und sie füllen sich schnell mit Tränen. Ich habe es kurz gesehen – ihre unendliche Verletzbarkeit. Ihr ganzer Körper verkrampft, sie bricht still in sich zusammen und weint hemmungslos.
   Volltreffer! Katharina lebt, der Anfang ist mit dem Setzen eines zarten Pflänzchens gemacht. Ich reiche ihr ein Taschentuch, sie nimmt es an, und ich bin gespannt, was mich beim nächsten Treffen mit ihr erwartet. Gott gibt nur wenigen Menschen den Verstand, den Katharina in sich trägt. Irgendwann in ihrem Leben hat sie den Boden unter den Füßen verloren. Irgendetwas in der Vergangenheit ist passiert, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich werde ihr vielleicht helfen können, wenn sie es zulässt. Ich mag Katharina, denn sie besitzt ein helles weißes Licht, das die Kraft und Gabe hat, Dunkelheit auszuleuchten.

Montag, 23. April, 14:30 Uhr

In der Mittagspause betrete ich das Zoofachgeschäft. Camilla ist allein und würdigt mich keines Blickes. Das mit dem aus ihrer Sicht verkackten Wochenende macht sie richtig giftig. Sie schimpft, schreit, weint und droht, mich zu verlassen. Ich versuche, sie zu beruhigen, und ziehe es vor, den Mund zu halten, um die Sache nicht eskalieren zu lassen.
   Eigentlich wollte ich heute reinen Tisch machen und diese Beziehung, die schon lange keine Beziehung mehr ist, beenden. Doch sage ich jetzt das, was ich zu sagen habe, dreht sie vollkommen durch. Mit Engelszunge und einem Sack voll Lügen, dass ich am Wochenende einfach meine Ruhe brauchte, schaffe ich es, Camilla in eine moderate Stimmungslage zu bringen. Wenn das bisher in meinem Leben noch nicht geschehen ist, dann jetzt: Ich habe mein Gesicht vor mir verloren. Doch mir fehlt die Kraft für eine weitere Konfrontation, und der Selbstschutz ist größer. Meine Gedanken sind bei Miriam, und die Eindrücke vom Wochenende arbeiten wie ein Virus in mir.

Donnerstag, 26. April, 17:00 Uhr

Die Woche vergeht wie im Flug. Ich habe einen Berg Arbeit um die Ohren und kaum Zeit, über das Leben nachzudenken. Die letzte SMS von Miriam kam am Mittwochmorgen. Ihre liebevollen Kurznachrichten entwickeln sich zum absoluten Highlight. Sie erreichen alles in mir – ich brenne für diese Frau lichterloh. Abends telefonieren wir lange. Ich nehme sie mit in mein Bett und träume von diesem sanften Wesen, während mein Kopf in dem Kissen mit ihrem Geruch liegt. Außer am Mittwochabend! Miriam war nicht zu erreichen. Gern wäre ich zu ihr gefahren, doch wollte ich nicht den Eindruck erwecken, hinter ihr herzuschnüffeln.
   Während ich meiner Arbeit im Zoogeschäft nachgehe, klingelt mein Handy. »Cilinsky hier. Schönen guten Tag.«
   »Guten Tag, Herr Cilinsky. Mein Name ist Braun, Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei Köln.«
   Ich werde nervös. »Guten Tag, Herr Braun. Was kann ich für Sie tun?«
   »Ist es möglich, dass mein Kollege und ich mit Ihnen sprechen können?«
   »Natürlich! Legen Sie los.«
   »Nicht am Telefon!«
   »In Ordnung. Ich bin um 19:00 Uhr zu Hause. Dann können wir reden. Meine Adresse ist …«
   »Wir haben Ihre Adresse!«, fällt mir der Kommissar forsch ins Wort.
   Wir beenden das Gespräch. Irgendetwas stimmt nicht. Es bohren Fragen in mir, die der Kommissar nicht beantwortet hätte, denn er war kurz angebunden. Warum wollen die zu mir nach Hause? Hat dieser Anruf was mit meiner Unruhe in der letzten Nacht zu tun? Ich fühle, dass sich mein Leben an einem Scheidepunkt befindet, danach geht es nur noch abwärts. Ich drehe mir eine Zigarette und inhaliere nervös den Rauch. Ein Unwetter mit schwarzen Wolken kommt auf mich zu, und ich sitze in einem kleinen löchrigen Ruderboot, auf dem Ozean treibend, ohne Paddel. Camilla kommt in den Aufenthaltsraum, um mich zur Arbeit anzutreiben oder zu schikanieren, was weiß ich.
   Sie sieht mich an. »Der Laden ist voll, und du hängst hier gemütlich ab. Was bist du für ein Egoist!«
   »Es tut mir leid, aber ich muss jetzt fahren!« Ich kann keinen klaren Gedanken fassen und möchte nach Hause. Camilla hat dafür kein Verständnis. Sie ruft mir hinterher, dass sie meine Launen nicht mehr ertragen kann und auch nicht mehr will. Außerdem sollte ich doch eine Therapie machen, da ich »nicht mehr ganz klar im Kopf bin!«

Donnerstag, 26. April, 19:00 Uhr

Mein Besuch ist auf die Minute pünktlich. »Herr Cilinsky?«
   »Ja, und nach Ihrer Stimme dürften Sie Herr Braun sein.«
   »Richtig, und das ist mein Kollege Mattusheck vom LKA Düsseldorf.«
   Ups! Jetzt wird es aber spannend. Die Herren zeigen mir ihre Ausweise, und ich bitte sie, meine Wohnung zu betreten. Mattusheck sieht aus, als hätte er schon in mehreren Kriegen an vorderster Front gekämpft. Sein Gesicht ist von Härte gezeichnet, sein Körperbau wirkt athletisch. Er dürfte Ende fünfzig sein. Braun und ich haben schätzungsweise das gleiche Alter. Braun ist der typische Büromensch. Groß gewachsen, schmaler Körperbau, akademische Gesichtszüge, und seine Hände kennen Aktenabheften und Kugelschreiberhalten. Ich bin mir sicher, dass dieser Typ immer exakt nach Vorschrift arbeitet und nichts an seinen Hintern kommen lässt.
   Ich biete Kaffee an. Die beiden nehmen auf den Barhockern an der Küchentheke Platz. Wir trinken Kaffee, und ich nehme einen nervösen Zug aus meiner Zigarette.
   »Herr Cilinsky, kennen Sie eine Miriam Maybach?«
   Da sehe ich sie, die Tsunamiwelle, wie sie auf mich zukommt und mein Glück zerreißt. Ich nicke nur und möchte sterben. Jetzt, hier und sofort, denn ich weiß, was kommt, ich habe es letzte Nacht gespürt und als Panikmache zur Seite geschoben.
   »Frau Maybachs Körper wurde heute Morgen gefunden. Wir gehen von einem Gewalt-, von einem Tötungsdelikt aus!«
   Ich nehme diesen Satz im Trancezustand auf, kann ihn hören, aber nicht verarbeiten. »Wie bitte?«, frage ich sinnloserweise.
   »In welchem Verhältnis standen Sie zu Frau Maybach?«
   Tequila, der Alfarüde, kommt in die Küche und nimmt Kontakt mit mir auf. Er spürt, dass ich im freien Fall bin und brutal aufschlagen werde. Mein Kopf fühlt sich an wie ein riesiger Gasballon, der Spannung aufbaut, um zu explodieren. Danach die Stille. Ich bin leer. Hätte mir Braun das nicht eleganter sagen können?
   Ich rauche unentwegt und murmle verständnisloses Zeug vor mich hin. Wie ein schlecht eingestelltes Radioprogramm benötige ich Feinjustierung für meine Sätze, die einem Knistern gleichen. In Details erzähle ich von Miriam. Ich erzähle von unserer wachsenden und reinen Liebe, die wir füreinander empfunden haben. Meine Gefühle für diesen Engel, mein Licht, das jetzt dunkel geworden ist. Die Herren folgen aufmerksam meinen Ausführungen, ohne zu unterbrechen. »Ich möchte Miriam sehen, jetzt!«
   »Wir wollten Sie auch bitten, Frau Maybach zu identifizieren, denn Verwandte konnten noch nicht erreicht werden. Doch müssen wir Sie darauf vorbereiten: Sie ist nicht mehr die Frau, die Sie kennen. Der Anblick ist schwierig zu ertragen. Durch die Auswertung von Frau Maybachs Handy, das gestern Abend bei der zufälligen Festnahme eines Kleinkriminellen gefunden wurde, kamen wir auf Sie. Die zahlreichen SMS sprechen eine eindeutige Sprache. Frau Maybach muss Sie geliebt und geschätzt haben.« Während Braun redet, stelle ich mir vor, dass Gott vor mir steht: Er hätte Erklärungsnotstand, und meine Wortwahl fielen scharf aus.
   »Wir müssen Sie das fragen: Wo waren Sie gestern Abend zwischen 18:00 und 24:00 Uhr?«, fragt Mattusheck.
   »Mittwochabends bin ich oft mit Arbeitskollegen zum Essen und Weintrinken verabredet, so wie auch gestern Abend.«
   Mattusheck nickt kurz mit einem angedeuteten Lächeln. Ich werde das Gefühl nicht los, dass beide schon einiges über mich wissen.

Donnerstag, 26. April, 20:00 Uhr

Braun steigt in seinen Dienstwagen, während Mattusheck mich fragt, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn er bei mir mitführe. Erstaunt über seinen Wunsch willige ich ein, und die Fahrt zur Rechtsmedizin der Stadt Köln am Melatengürtel erfolgt zügig über die A 555 und der Luxemburger Straße stadteinwärts. Mattusheck stellt Fragen über mich und mein Leben. Was ich beruflich mache und andere langweilige Dinge, für die ich jetzt keinen Kopf habe. Auch an meiner Ausbildung zum Hypnosetherapeuten scheint er interessiert zu sein.
   »Warum spielen Sie mir was vor?«, zische ich ihn an, und mein Blick fordert, dass er damit aufhören soll.
   Er wirkt verblüfft. »War das so offensichtlich?«
   Ich schaue ihn an, und seine Frage lasse ich unkommentiert. Warum interessiert sich dieser Mann so für mich?
   Wir parken direkt vor der Rechtsmedizin und nehmen einen Seiteneingang des schmucklosen Gebäudes. Dieser führt uns über Treppen direkt in das Untergeschoss. Auch wenn die Augen verbunden wären, jeder wüsste sofort, wo wir uns befinden: im Atelier des Geruches, der niemals aus dem Kopf geht.
   Wir werden erwartet. Der Sezierraum ist blitzeblank, es riecht nach Desinfektionsmittel und Tod. Ein junger Mann führt uns zu einem der drei Tische. Ein Tisch ist leer. An den beiden anderen aber verdeckt ein grünes Tuch das Ende eines Lebens. Ich weiß, auf welchem Miriam liegt, denn ich spüre sie, seit ich aus dem Auto gestiegen bin. Alle drei Männer stehen mir gegenüber, und zwischen uns der Tisch mit dem Rest meiner Liebe. Es ist still, und diese Stille ist laut, sehr laut. Ich nicke kurz, und der junge Mann zieht das Tuch langsam bis zu Miriams Bauchnabel zurück.
   Braun ist von dem Anblick sichtlich erschüttert, und Mattusheck behält mich im Blick. Komischer Kauz. Ich glaube, er hat so etwas schon gesehen. Mein Mund bleibt weit auf, wie bei einem lauten Schrei, nur ohne Ton. Ich schließe die Augen und fühle mich in einer Matrix schwebend. Mein Körper vor Fassungslosigkeit erstarrt, beobachte ich mich selbst – und Miriam. Ihr Lachen, ihre Stimme und ihr wunderbarer Geruch überdecken die Süße der Verwesung. Ich spüre die Berührungen ihrer zarten Hände auf meiner Haut und ihren Geschmack, der sich auf meiner Zunge verewigt hat. Miriam ist jetzt bei mir, bei ihrem toten Körper, und hält mich sanft fest. Sie ist warm und lächelt mich an, als wenn nichts geschehen wäre. Ich öffne die Augen.
   Der junge Mann redet unentwegt über die Verletzungen an ihrem Körper. Mit jeder vorbeiziehenden Sekunde verschwindet ein Stück Menschlichkeit in mir und übergibt den frei gewordenen Platz an Hass und Wut. Wie durch dichten Nebel streicht meine rechte Hand durch Miriams schönes und dichtes schwarzes Haar. Es ist strähnig vor Blut und Dreck. Es gibt kaum eine Stelle an ihrem Körper, die keine Verletzung aufweist. Miriams in meiner Erinnerung so perfekte Brüste sind entstellt, ihre Brustwarzen existieren nicht mehr. Das hübsche Gesicht ist durch apfelsinengroße Hämatome verzogen, und auf ihrem Mund scheint das ertragene Leid festgefroren.
   Ich höre von Verletzungen, die von zahllosen Faust- und Fußtritten stammen. Von Knochenbrüchen und einem Rücken ohne Haut, denn Miriam wurde gepeitscht, bis keine mehr da war. In ihrem Körper konnten keine Drogen oder Alkohol nachgewiesen werden. Diese Folterungen habe sie bei klarem Verstand durchleiden müssen. Die Todesursache sei letztendlich Kreislaufversagen aufgrund massiver innerer und äußerer Blutungen gewesen. Miriams rechte Niere, die Milz und ihre Leber seien gerissen. Als der junge Mann mit seiner Ausführung fertig ist, starren mich alle an. Mein Mund steht immer noch weit auf. Ich schüttle wortlos den Kopf, beuge mich zu Miriam und gebe einen Kuss auf ihre kalten Lippen. Das Licht in meiner Seele ist dunkler geworden.
   Mein Mund berührt Miriams Ohr. »Ich liebe dich, meine Blume, und ich werde dich rächen«, flüstere ich ihr zu. »Wir werden uns irgendwann wiedersehen!«
   Welch eine Schande, dass der Verwalter des Kosmos zulässt, dass einem seiner Engel so etwas angetan wird.
   »Auch an einem solchen Ort wie diesem gehört ein dermaßen zugerichteter Körper nicht zum Standard«, sagt der Mitarbeiter des Institutes ergänzend und sichtlich betroffen.
   Meine Kraft lässt nach. Während ich eilig den Raum verlasse, höre ich noch etwas von fremden Genspuren, die es nicht gibt, und dass morgen der Bericht fertig ist.
   Vor dem Gebäude lasse ich mich auf den Knien zu Boden sinken. Jetzt schreie ich. Ich schreie laut. Ich weine und schreie so laut, wie ich es noch nie getan habe. Ich verfluche Gott, dass er uns nicht mehr Zeit für unsere so reine Liebe gegeben hat. Ich verfluche den oder die, die das Miriam angetan haben und mir diese wunderbare Frau wegnahmen. Ich lasse meinen ganzen Schmerz hinaus, mit dem Schwur, dass ich Vergeltung üben werde, und ich bin bereit, dafür mein Leben zu geben. Ich schwöre Rache, die die Verantwortlichen weit aus dem Land der Lebenden führen wird, an meiner rechten Seite den Fährmann als treuer Weggefährte.
   Braun und Mattusheck stehen etwas abseits und beobachten meinen Wutanfall. Ich stehe auf, trockne mein nasses Gesicht und drehe mir eine Zigarette. Mattusheck fragt, ob er noch etwas für mich tun könne. Ich sehe ihn sprachlos an, und er versteht. Es ist dieser Tag, dieser eine verdammte Abend, an dem es zu einer Verwandlung kommt. Aus einem ruhenden Mann wird eine getriebene Kreatur ohne Erbarmen – und diese Kreatur hört erst auf, wenn sie ihren Schwur abgeleistet hat. Ich gehe zu meinem Auto, denn ich will nur noch nach Hause.

4
Die Jagd beginnt
Freitag, 27. April, 6:00 Uhr

Ich benötige Zeit. Zeit, wieder einen klaren Kopf zu bekommen und diesem beißenden Schmerz in meinem Herzen ein Ventil zu geben. So ist das nicht zum Aushalten, so gehe ich vor die Hunde.
   »Sie hören dann von uns, Herr Cilinsky. Und halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung.« Mit diesem Satz hat sich Braun von mir verabschiedet. Es klang wie Hohn, und ich höre daraus ein: Schauen wir mal, wie es weitergeht. Vielleicht kriegen wir den oder die Täter, vielleicht auch nicht. War ja nur eine kleine Nutte.
   Nein! Ich kann nicht einfach so weitermachen, als wenn nichts geschehen wäre. Ich warte nicht, bis ein Braun mich anruft und sagt: »Die Ermittlungen wurden eingestellt, Herr Cilinsky. Uns fehlt einfach das Personal, und außerdem haben wir Wichtigeres zu tun. Mit Sicherheit verstehen Sie das.«
   Nein! Verstehe ich nicht, und ändern wird sich an meiner Meinung auch nichts. Nein! Zum Trauern ist jetzt nicht die Zeit, das sagt mir meine innere Stimme, und die ist heute, so früh am Morgen, besonders laut. Okay! Was die Polizei macht, ist mir egal. Diese Nacht habe ich in meinem Arbeitszimmer verbracht, in einem hundertdreißig Jahre alten Ledersessel. Nach den Flecken im Leder zu urteilen sind darin mit Sicherheit schon Menschen erschossen worden, oder sonstige Flüssigkeiten haben sich darüber ergossen, wie auch immer. Niemand wollte diesen schweren Sessel haben, ich auch nicht. Jetzt steht er bei mir, und wir sind unzertrennlich. Dieser Sessel steckt voller Energie. Setzt man sich hinein, umhüllt einen die Ruhe, und klare Gedanken finden ihren Weg. In ihm bekomme ich die besten Lösungen für meine Probleme. Die letzten sechs Stunden habe ich Cognac und Kaffee getrunken und in einer Tour geraucht. Lösungen kamen mir diesmal nicht, aber Bilder, während ich kurz eingenickt bin. Eine strahlende Miriam, die mir mit ihrer Power und Schönheit den Verstand raubte. Eine tote Miriam, die mit zerstörtem Körper auf dem kalten Tisch in der Pathologie liegt. Genau das befeuert meinen Antrieb, nach dem zu suchen, wer mir mein Glück entrissen und meiner Blume das angetan hat. Für diesen Schmerz in meinem Herzen kann es nur eine Antwort geben – Vergeltung!

Freitag, 27. April, 9:30 Uhr

Mit der Praxis ist telefonisch alles zügig abgeklärt. Kirchenläuter genehmigt mir die drei Wochen, die ich denke, zu benötigen, um alles zu regeln. Komisch ist nur, mein mündlicher Urlaubsantrag ging problemlos durch, keine Fragen und kein Gejammer – sehr ungewöhnlich. Mit Camilla und dem Zoogeschäft wird es schwieriger werden, aber das interessiert mich nicht mehr.
   Für meine Wohnung benötige ich jemanden, der sich um die Tiere, vielleicht auch um den Haushalt kümmert. Rebecca, dreiundvierzig Jahre alt, und auf eine Größe von 1,60 Meter verteilen sich achtzig Kilogramm Körpergewicht. Das braucht sie auch, sonst findet ihr riesengroßes Herz keinen Platz in ihrer Brust. Sie könnte die Schwester der französischen Sängerin Mireille Mathieu sein, die gleiche Frisur und ein hübsches Gesicht. Rebeccas Problem ist ihr Bedürfnis, jedem helfen zu wollen, um Anerkennung zu finden. Doch ihre Hilfe geht weit über das normale Maß hinaus. Sie opfert sich für einige Mitmenschen gnadenlos auf und hat sich auf diesem Weg irgendwann selbst verloren. Viele haben sie so lange ausgenutzt, bis sie daran zerbrochen ist. Zu dieser Zeit, wo sie selbst nur noch zuckend am Boden lag, war keiner mehr für sie da. Nackt auf der kalten Nulllinie liegend, haben wir uns kennengelernt, es sollte so sein. In einem Wald wollte sie ihrem Leben ein Ende setzen. Während ich mit den Hunden diese kleine, in sich zusammengesunkene Frau auf einem Baumstumpf sitzen sah, die Spritze mit Insulin gefüllt und die Kanüle schon in der Vene des linken Armes steckend. Rebecca sah mich mit milchigen Augen an, drückte aber nicht ab – es war Gottes Wille, denn in diesem Waldgebiet war ich vorher noch nie, und bin seitdem auch nie wieder da gewesen. Zwischen uns hat sich schnell etwas entwickelt, was man nicht oft im Leben findet: eine wertvolle und tiefe Freundschaft mit gegenseitigem Respekt und Anerkennung. Wir haben einen Deal. Ich passe auf sie auf, dass ihr niemand mehr wehtut, dass es ihr gut geht, und sie ist für mich da, wenn ich Hilfe benötige. Sie wohnt in einem kleinen Kaff in der Nähe von Gummersbach, sechzig Kilometer von mir entfernt, und arbeitet als Altenpflegerin in der Gerontopsychiatrie. Ihr Dreischichtsystem gestaltet unsere Treffen oft schwierig. Ich habe aber Glück. Nach einem kurzen Telefonat weiß ich, dass ich das Zepter der Macht heute Mittag an sie übergeben kann. Rebecca hat ein freies Wochenende, und die kommende Woche ist ihre Freiwoche. Das mit dem Zepter kann man ernst nehmen, denn ist sie einmal hier, übernehme ich nur noch eine Statistenrolle. Selbst meine Hunde tanzen ihr nicht auf der Nase herum, und das soll schon was heißen. Meine Wohnung wird wieder einen Grundputz erhalten, und ich weiß, dass es hier jeden Tag nach köstlichem Essen duften wird. Rebecca kocht zum Niederknien. Ich werde so lange auf sie warten und stopfe inzwischen die wenigen Sachen von Camilla, die sich noch in meinem Kleiderschrank befinden, in eine kleine Reisetasche. Für sie ist die Zeit hier vorbei. Rebecca hasst Camilla. Sie ist der Meinung, diese Frau ist nicht gut für mich. Damit hat sie recht, aber selbst braucht man länger, um solche Dinge zu erkennen.

Freitag, 27. April, 12:00 Uhr

Unsere Begrüßung fällt, wie immer, herzlich und warm aus. Wir verbringen beim Kaffee noch Zeit miteinander, damit ich ihr von Miriam erzählen kann.
   Sie hört sich meine Geschichte an und schüttelt den Kopf. »Das tut mir alles unendlich leid.« Doch dann droht sie mir mit erhobenem Zeigefinger. »Aber Jonas! Deine Weibergeschichten bringen dich eines Tages ins Grab.«
   Ich nicke nur, denn diesmal könnte es stimmen.

Freitag, 27. April, 15:00 Uhr

Kurz nach dem Betreten des Zoogeschäftes kommt mir Camilla schlecht gelaunt entgegen. Eine Wand von schnellen Sätzen trifft mich, deren Inhalt man so interpretieren kann: Die ganze Welt ist gegen sie, aber sie lässt sich nichts gefallen, und sie ist auch die Einzige, die immer die Wahrheit spricht. Im Aufenthaltsraum lege ich einen Berg von Steuerunterlagen, die ihr Geschäft betreffen, auf den Tisch. Ich hätte mit Camilla eine Menge zu besprechen, bevor ich mich verabschieden werde. Neues vom Steuerberater, und dass ich in den nächsten Wochen nicht für sie arbeiten werde, doch bei ihrer desolaten Laune vergewissert man sich besser, ob der Fluchtweg nicht mit Kartons verstellt ist. Camillas jüngste Tochter ist ebenfalls im Geschäft. Sie ist zwar schon neunzehn, hat jedoch den Verstand eines kleinen Kindes und macht das, was sie am besten kann: Sie plärrt belangloses Zeug in ihr Handy und verzieht währenddessen das Gesicht, als wenn nur über sie alle wichtigen Geschäfte dieser Welt abgewickelt würden. Camilla hätte mich heute gern bei sich, als Sündenbock. Miriams Verlust und der chronische Schlafmangel haben mein Verhalten hart werden lassen. Camillas Geschwätz erscheint mir nichtig, und meine Gedanken sind weit weg.
   Nach einer halben Stunde habe ich genug von diesem Irrsinn. Für meine Anliegen und andere wichtige Dinge scheint sich Camilla nicht zu interessieren. Jeder von mir angefangene Satz wird von ihr abgewürgt. Sie kann reden und gleichzeitig Luft holen. Manchmal glaube ich, sie hat einen Kompressor in ihrem Arsch eingebaut. Ich will nur noch raus. Wie in Trance stehe ich auf und nehme meine Sachen. Camilla unterbricht ihren bizarren Rederausch und sieht mich an, als ob der Heilige Geist vor ihr stünde. Ich verabschiede mich höflich, ohne sie zu berühren, und verlasse das Geschäft durch den Hinterausgang.
   Sie läuft mir hinterher. »Du bist doch krank im Kopf, du Psychopath«, schreit sie. »Du kommst und gehst, wie es dir passt, und interessierst dich nur für dich!«
   Ich bleibe stehen, drehe mich zu ihr und möchte etwas sagen. Camilla dampft wie ein Schnellkochtopf, bei dem der rote Pin schon weit herausguckt und die Explosion eine Frage von Sekunden ist. Ich verspüre Mitleid, denn wie sie zu sein, ist furchtbar. Ich gehe lieber, bevor sie mich körperlich angeht – es wäre nicht das erste Mal. Wäre sie meine Patientin, so käme nur eine Diagnose in Frage: Normopath mit paranoider Persönlichkeitsstörung, kurz pP. Normopathen sind so unglaublich normal, dass es für nicht Normopathen nur noch wehtut. Kein Rechts, kein links, immer schön Grau und nur lachen, wenn andere über andere lachen. Misstrauen und streitsüchtiges Verhalten mit unbelehrbar rechthaberischen Kämpfen ist eines von vielen Leitsymptomen für die pP. Ich werde keine Zeit mehr für sie und ihr Geschäft haben. Die Entscheidung, die Reisetasche mit ihren Sachen in meinem Kofferraum zu lassen, war klug. Ich wollte nicht von dieser Tasche erschlagen werden. Die Post wird sich darum kümmern. Im Auto sitzend atme ich tief durch und fühle mich befreit, ein klein wenig zumindest.

Freitag, 27. April, 17:00 Uhr

Wo soll ich anfangen? Ich bin kein Detektiv. Doch mein Bauchgefühl sagt mir, ich soll da beginnen, wo alles anfing – auf dem Parkplatz im Wald, bei den Prostituierten. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Ich muss mit Caro sprechen und hoffe, dass ich sie an ihrem Wohnwagen antreffe und sie kurz Zeit für mich hat. Um diese Stunde fängt dort die Stoßzeit an, denn viele berufstätige Männer machen schnell einen Abstecher, bevor sie nach Hause fahren – zu Frau und Kind. Ich werde mit dem Auto nicht direkt zu den Wohnwagen fahren, sondern einen anderen Parkplatz in der Nähe nutzen. Diesen nehmen vorwiegend Hundebesitzer, Spaziergänger oder knutschende Paare, die eigentlich keine Paare sind. Von dort aus habe ich noch einen Kilometer auf einem Waldweg.
   Wie zu erwarten kreisen eine Menge Autos auf dem Kontaktplatz, um sich die optimale Dienstleistung der Damen zu erkaufen. Schlipsträger in dicken Limousinen, Normalos in ihren Familienkombis, wo der Kinderwagen hinten reinpasst, sowie Handwerker mit Firmenwagen, alles dabei.
   Komisch ist nur, dass ich niemanden aus meinem Bekanntenkreis kenne, der jemals solch eine Dienstleistung bei einer der 100.000 Huren, die es in Deutschland gibt, in Anspruch genommen hat. Ich gehe direkt auf Caros Wohnwagen zu. Zu meiner Enttäuschung ist es aber nicht Caro, die mir ihren künstlichen Atombusen entgegenstreckt, sondern eine andere junge Frau, die mich sofort mit ihrer Dienstleistungspalette einlullt.
   Ich unterbreche sie mit einer abwehrenden Handbewegung und energischem Kopfschütteln. »Wo finde ich Caro?« Ich bemerke meinen unhöflichen Ton.
   »Sie ist heute nicht da. Ich mache es dir genauso gut wie Caro«, kommt schnippisch zurück.
   »Weißt du, wie ich mit ihr Kontakt aufnehmen kann? Es ist wirklich sehr wichtig. Es geht um Maya!«
   Ich staune nicht schlecht. Dieses unreife Ding fängt unvermittelt an, mich heftig zu beschimpfen. »Was? Du hast kein Geld und willst einen Freifick! Was bist du denn für ein Penner? Verpiss dich, du Schlappschwanz, und mach dich zu Mutti, du Wichser!«
   Also! So unhöflich war meine Frage doch nicht, dass ich mir so einen Mist anhören muss. Ich drehe mich von ihr weg, während sie mich mit weiteren Beschimpfungen einnebelt, und wende mich an eine andere, sichtbar ältere Frau im Domina-Outfit, direkt daneben an einem anderen Wohnwagen. Sie sieht mich auf sich zukommen und dreht sich von mir weg, während sie einen Arm hebt und eine kreisende Handbewegung über ihren Kopf macht. Ich verstehe erst nicht, was das soll. Unverzüglich steigen aus einer schwarzen tiefer gelegten Limousine in etwa dreißig Meter Entfernung zwei bullige und braun gebrannte Südländer und kommen rasch auf mich zu. Das riecht nach Ärger. Ich dachte, die Zuhälter von heute tragen Anzug und haben ein seriöses Auftreten. Diesen Floh hat mir Miriam ins Ohr gesetzt, doch da muss ich etwas falsch verstanden haben, denn diese beiden sind zum Weglaufen. Schwarze Lederjacke, Goldketten, einen kahl rasierten glänzenden Schädel, und die beiden erinnern mich an eine ausgewachsene Kuh. Diese Typen sehen aus, als wenn sie die Muttermilch in der Muckibude bekommen haben und den ganzen Tag fressen.
   Während sie auf mich zugewalzt kommen, zeigt einer von den beiden mit dem Finger auf mich. »Eyee, duu Kadoffel!«, bellt er in aggressivem und verkorkstem Deutsch.
   Viele Südländer benutzen für den Deutschen den Spitznamen Kartoffel. Nicht, weil wir Deutsche gern Kartoffeln essen, sondern weil eine Kartoffel, wenn man sie aufschneidet, so langweilig aussieht. Kein Charakter, kein Temperament, kein Stolz. Ich war ein paar Monate mit einer Perserin zusammen, daher weiß ich das. Es kann einfach nicht wahr sein, dass ich den Ärger wie ein Magnet anziehe. Alles geht sehr schnell.
   Ohne vor mir zu stoppen, packt mich der zweite Mann mit seinen klodeckelgroßen Pranken vorn an meiner Jacke und zieht mich nahe an sich heran. »Pass auf, du Wichser, nix die Bräute hier vollquatschen und unsere Zeit verschwenden!«
   Unsere Gesichter sind zehn Zentimeter voneinander entfernt, und ich rieche seinen säuerlichen Atem. Ich hebe langsam seitlich meine Hände auf Kopfhöhe, begleitet von der Bitte, mich loszulassen, und signalisiere Frieden. Ich erwarte, dass er mir mit der Stirn das Nasenbein brechen wird, ich werde schneller sein und sein Kopf wird ins Leere schlagen. Er lässt es, stößt mich hart nach hinten und spuckt vor mir auf den Boden.
   Mit einem heftigen Bums pralle ich mit dem Rücken gegen einen Wohnwagen, richte meine Jacke und gehe auf die beiden zu. »Jungs! Ich will keinen Ärger. Ich muss wissen, wie ich Caro erreichen kann«, unterstreiche ich in ruhigem Ton meine friedliche Absicht und setze auf Deeskalation.
   Der mit dem schlechten Deutsch bekommt einen aufgesetzten Lachanfall. »Waas iss das für Idiot? Willst du in Fresse?« Er geht rechts seitlich um mich herum mit dem Versuch, sich hinter meinem Rücken zu positionieren.
   Gelingt ihm das, wird er mich von hinten festhalten wollen, während der Vordermann mich bearbeiten kann.
   Ich weiche dem aus und erkenne, dass meine Bemühungen um Frieden sinnlos sind. Die Pitbulls haben ihre Chance bekommen, noch so eine Provokation werde ich nicht dulden.
   »Eyee, du Nazi! Gib deine Kohle rüber und verpiss dich!« Der zu meiner linken Seite Stehende holt zum Faustschlag gegen meinen Kopf aus.
   Dreißig Jahre Kampfsport gegen schlechte Manieren. Drei schwarze Gürtel gegen zwei Männer, die sich vor Kraft nicht mehr bewegen können. Meine Hände reagieren im Reflex. Ich drehe mich zu dem Faustschläger, leite seine Schlaghand mit der linken Hand von meinem Körper weg und stoße blitzschnell mit gestreckten Fingern an seinen Kehlkopf. Er sackt mit einem zischenden Geräusch in sich zusammen, während seine Hände im Schutzreflex seinen Hals festhalten. Der Kehlkopf dürfte großen Schaden genommen haben, denn seine pfeifende Luftnot ist unüberhörbar. Der mit dem schlechten Deutsch steht rechts von mir, kommt einen Schritt auf mich zugewalzt, um ebenfalls einen Faustschlag an meinem Kopf zu landen. Masse macht langsam und benötigt viel Sauerstoff. Seine Aktion kommt mir wie in Zeitlupe vor. Dem wuchtigen Faustschwinger weiche ich durch seitliches Wegducken aus. Bei ihm muss ich nicht viel machen, denn er verliert das Gleichgewicht und stolpert. Ich helfe mit einem Beinfeger an seinem Standbein nach und bringe ihn zu Fall. Bevor er am Boden landet, platziere ich einen derben Tritt in seine rechte Seite. Die dicken Scheißer liegen röchelnd zu meinen Füßen und kriegen keine Luft mehr. Verständlich, wenn jemandem die Rippen in der Lunge stecken oder sich Reste des Kehlkopfes in der Luftröhre befinden. Die anwesenden Nutten gucken doof, und die meisten Freier haben sich verzogen.
   Ich habe mein Ziel, mit Caro zu sprechen, verfehlt, schlechte Laune und noch mehr Probleme. »Ich will mit Caro sprechen, sonst fackle ich eure beschissenen Bumsbuden ab!«, schreie ich über den gesamten Parkplatz und blicke in ratlose Gesichter.
   Ich beuge mich zu einem der Röchelnden und stecke ihm einen Zettel mit der Nummer meines Ersatzhandys in seine Jackentasche. Es ist eine spezielle Prepaid-Nummer, freigeschaltet, aber nicht registriert.
   »Dein Chef soll mich anzurufen. Es ist wichtig. Verstehst du das?«
   Meine Höflichkeit findet einfach keinen Nährboden. Seine rechte Hand, bestehend aus dicken Wurstfingern, löst sich von seinen gebrochenen Rippen des rechten Rippenbogens und greift nach meinem Kehlkopf. Jetzt ist Schluss! Mit beiden Händen an seinem Handgelenk setze ich einen Spezialgriff an. Er schreit wie am Spieß, seine Mittelhandknochen sind verschoben, und der Chirurg wird eine Menge Arbeit mit ihm haben. Mit dieser Hand macht er mindestens ein Jahr lang nichts mehr.
   Was für ein verdammter Scheiß! Ich wollte nur reden und nun das. Zu viel Adrenalin fließt durch meinen Körper, mir ist nach mehr, aber ich spüre, dass mich irgendetwas zurückhält. Diese beiden haben mit Miriams Tod nichts zu tun.
   Es wird Zeit, zügig diesen Ort zu verlassen, da mit Sicherheit die Polizei alarmiert ist. Wie ich mich auf dem Waldweg befinde, vernehme ich hinter mir eine piepsige Stimme.
   »Hey du! Warte doch. Ich weiß, wo Caro ist. Sie hat mir von dir und Miriam erzählt.«
   Ich drehe mich um und schaue in ein extrem stark geschminktes Kindergesicht. Die Kleine ist mit Sicherheit nicht volljährig, und ich könnte kotzen. »Schön, dass einer mit mir redet, ohne gleich zu drohen! Also. Wo finde ich sie?«
   Ihr Gesicht wirkt verärgert, denn mein Ton ihr gegenüber war abwertend.
   »Sorry! Ich hab im Moment schlechte Laune.«
   »Ist schon gut. Ich werde Caro sagen, dass du hier warst. Wie kann sie dich erreichen?«
   »Sie hat meine Telefonnummer!« Auch ihr gebe ich zur Sicherheit einen Zettel mit meiner Prepaid-Nummer.
   »Okay! Sollte sich Caro bis morgen nicht bei dir gemeldet haben, dann rufst du mich an und kommst nicht wieder hierher. Glaube mir, das ist nach dieser Aktion zu gefährlich für dich!« Während diese Minderjährige mir das durchpiepst, fummelt sie in ihrem Handtäschchen und reicht mir eine Visitenkarte.
   Ich nehme sie an und werfe einen Blick darauf: Escort Service für den anspruchsvollen Herrn. Babsi und eine Handynummer. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Verdammt! Das Mädchen gehört in die Schule und nicht hierher. Ich bedanke mich und mache mich zügig auf den Weg zu meinem Auto.
   Mein Bedarf an Nutten und Scheiße ist für heute gedeckt. Ich beschließe, nach Hause zu fahren und im stillen Kämmerlein meine Wunden zu lecken. Erst werde ich mich besaufen und dann schlafen. In der Ferne höre ich das Martinshorn von Polizei und Rettungswagen.

Freitag, 27. April, 18:30 Uhr

Auf dem Weg nach Hause wird mir bewusst, dass ich mit dieser Situation überfordert bin. Dass ich mich zu Handlungen hinreißen lasse, die mich erschrecken und ich außergewöhnlich dünnhäutig reagiere. Vielleicht auch, dass der Verstand durch mein Gefühlschaos nicht mehr so strukturiert denkt. Dass ich Fehler begehe, die ich bereuen werde und mein eigentliches Ziel, Miriam zu rächen, verfehle. Ich benötige jemanden an meiner Seite, auf Augenhöhe, dem ich vertrauen kann und vor allem, der zu mir steht. Keinen Laberkopf, der mit klugen Sprüchen herumwirft, sondern einen Kerl mit Tatendrang und Lebenserfahrung, der mein Anliegen ernst nimmt. Nicht so einfach! Ich wähle die Festnetznummer von Alain. Er ist halb Franzose und halb Deutscher. In Köln verbrachte er seine Jugendzeit. In seinem jungen Leben ging vieles schief, eigentlich alles. Irgendwie wollte ihn als Kind keiner haben, und so wurde er innerhalb der Familie hin- und hergeschoben. Über seine biologischen Erzeuger hat er mir gegenüber nie ein Wort verloren. Fehlender familiärer Halt, keine Ausbildung und keine Ahnung, wie es weitergehen soll, hatten den jugendlichen Alain zu einem Gesetzlosen, zu einem Intensivtäter werden lassen. Irgendwann zog sich die Schlinge um seinen Hals zu. Für eine neue Identität und die Möglichkeit, in einem anderen Leben seine Zukunft zu finden, flüchtete Alain, gerade volljährig, in die französische Fremdenlegion. Vor acht Jahren beendete er den Dienst als Berufssoldat mit vollen Pensionsansprüchen, er hat überlebt! Jetzt ist Alain ein Mannsbild von Willensstärke, Kraft und Intelligenz. Ein ganz ruhiger Zeitgenosse, der nicht viel Gefühl zulässt, auf den ersten Blick zumindest. Heute ist er fünfzig und mit Lydia seit sechs Jahren verheiratet. Zwischen den beiden ist es die große Liebe, sie sind füreinander bestimmt. Zwei wunderbare kleine Töchter, Zwillinge und zuckersüß, setzten dem Familienglück die Krone auf. Lydia war vor einem Jahr meine Patientin. Der unstillbare Drang nach Selbsttötung gab Lydias heftigen bipolaren Depressionen eine grässliche Fratze. Diese Krankheit fraß sich hungrig durch das Familienglück, und alles drohte, zu zerbrechen. Ich konnte Lydia helfen, und ihr geht es seit längerer Zeit gut. Es ist schön, zu sehen, wie die beiden miteinander umgehen. Lydia ist der Hals und Alain der Kopf. Der Hals entscheidet, wo der Kopf hinzuschauen hat und einer ist ohne den anderen nicht vollständig. Was seine geliebte Familie angeht, ist Alain butterweich. Lydia und die Kinder trägt er auf seinen kräftigen Händen durchs Leben. Wehe dem, der nur daran denken würde, sein Glück zerstören zu wollen. Gegen Lydias Krankheit war er machtlos. Ein so gestandenes Mannsbild dann gebrochen zu sehen, war für mich eine zusätzliche Motivation. Ich entschied mich entgegen dem Rat meiner Kollegen für eine aufdeckende Therapie. Für Lydia schmerzhaft, für meine Ohren laut. Jahrelange Seelenpein in unzähligen Therapiestunden und in vier Monaten liquidiert. Ich kam mir vor wie ein Teufelsaustreiber. Das Ergebnis war großartig, da Lydia fantastisch mitgearbeitet hatte. Erlebt sie heute Situationen, die ihr altes Dilemma berühren, startet dank Hypnose ein Programm in ihrem Kopf, das starke Glücksgefühle erzeugt, die die negativen Empfindungen überlagern. Wie eine Droge, nur halt mit Hormonen, die Lydias Körper produziert. Beim Abschlussgespräch mit den beiden hörten sie nicht auf, sich bei mir zu bedanken. Das war mir richtig peinlich. Wir verstanden uns prima, beschlossen, privat in Kontakt zu bleiben, und wurden Freunde. In der Regel lasse ich so etwas nicht zu, aber bei den beiden war das etwas anderes.
   Lydia meldet sich am Telefon. »Hallo Jonas! Schön, dass du dich meldest. Ich habe dir so viel zu erzählen!«
   »Hallo Lydia! Und ich freue mich, dich zu hören.«
   Sie beginnt zu erzählen, wie gut es ihr geht und dass alles klasse läuft. Sie hält nach einer Minute, mitten im Satz an. »Jonas, dir geht es nicht gut. Ich spüre das!«
   Das ist es, was ich meine. Ohne ein weiteres Wort von sich zu geben, spüren Menschen, die auf der gleichen Frequenz funken, wie es dem anderen geht, auch durch das Telefon. Es war keine Frage von ihr, sondern eine Feststellung.
   »Mir geht es nicht gut. Ich könnte jetzt Freunde gebrauchen.«
   »Komm vorbei! Alain ist auch zu Hause. Die Kinder gehen ins Bett, und wir machen einen guten Rotwein auf.«
   Das wollte ich hören. Die beiden werden mir guttun.
   Lydia hat zwanzig Jahre lang ihren Körper verkauft, ihr macht keiner etwas vor. Alain war in allen Ländern, wo die Franzosen und die Vereinten Nationen ein militärisches Interesse hatten. Für ihn ist das Thema Krieg ein Tabu, und er nimmt seine Lebenszeit in der Fremde mit viel Stolz. Er sagt nur: »Für jemanden, der Krieg nicht erlebt hat, für jemanden, der nicht vierundzwanzig Stunden und sieben Tage in der Woche Todesangst gefühlt hat, macht es keinen Sinn, nur ein Wort über den Krieg und das damit verbundene Elend zu verlieren.«
   Ich glaube, er hat viel Schlimmes mit ansehen müssen und selbst furchtbare Dinge gemacht, um zu überleben, und weil Krieg die Seele abstumpfen lässt.
   Ich parke vor einem gepflegten bürgerlichen Einfamilienhaus in einer spießigen Wohngegend in Lohmar, etwa zwanzig Kilometer von Köln entfernt. Die Vorgärten sehen unrealistisch gepflegt aus, wie im Märchenland. Kein Blatt liegt da, wo es nicht hingehört, und niemand hat vor der Tür einen Mülleimer stehen. Ich bezweifle, dass die Nachbarn von der Vergangenheit der zwei wissen. Gut so! Denn die meisten könnten damit nicht umgehen.
   An der Eingangstür werde ich erwartet, und unsere Begrüßung fällt herzlich aus. Selbst Alain strahlt über das ganze Gesicht, und das ist selten. Ich bin der Einzige, bei dem er zulässt, dass jemand seine Frau in die Arme nehmen darf, so wie ich es gerade tue. Lydias und meine Stirn berühren sich, wir schauen uns in die Augen, lächeln uns an und nehmen Kontakt miteinander auf. Ein anderer Mann hätte spätestens jetzt einen Sprengsatz in seinem Anus, denn Alain war Sprengstoffspezialist.
   »O Gott, Jonas. Was ist denn nur passiert?«, fragt Lydia unvermittelt und mit Entsetzen in der Stimme.
   Wir gehen ins Haus, und sie fängt sofort an, mich zu bemuttern. Essen, Trinken und ihre Fürsorge tun mir gut. Wir setzen uns gemütlich in das Wohnzimmer, mit brennendem Kamin und einem hervorragenden Rotwein, den Alain direkt nach dem Telefonat geöffnet hat.
   »Ein gereifter Bordeaux braucht Luft. Das Dekantieren bei so einem Tropfen ist enorm wichtig und wird zu oft unterschätzt. Nur so lassen sich die Aromen vom Depot trennen«, philosophiert Alain, während er sich einen Schluck in das passende Ballonglas eingießt und ausgiebig schwenkt. »Du musst wissen, Jonas: Die Blume des Weines kann sich so besser entfalten!«
   Ah ja! Er macht auf mich den Eindruck, als wäre er der Chefsommelier eines Fünfsternehotels. Seine raue Erscheinung und die kultivierte Weinkunde aus seinem Mund passen nicht zusammen.
   Lydia hat Schnittchen vorbereitet, und es darf ausnahmsweise im Wohnzimmer geraucht werden. Sie sieht, dass ich durch den Wind bin, und Alain nutzt die Gelegenheit, nicht wie sonst auf der Terrasse rauchen zu müssen.
   Ich genieße den Wein, die Schnittchen und erzähle den beiden meine Geschichte von Miriam. Es fällt mir schwer, darüber zu reden, weil ich ständig mit Tränen zu kämpfen habe. Lydia und Alain hören, ohne mich zu unterbrechen, was ich zu sagen habe. Selbst bei einer längeren Pause gibt keiner seine Meinung dazu – und ich bin mir sicher, dass sie eine haben.
   Als ich fertig bin, steht Lydia auf, kommt zu mir auf die Couch und nimmt mich in den Arm. Sie gibt mir einen dicken Kuss auf die rechte Wange und streichelt diese mit einem milden Lächeln.
   Alain steht auf, geht um die Couch und stellt sich hinter mich. Seine kräftige Hand klopft auf meine Schulter. »Ich bin dabei!«
   Es ist verrückt! Ich habe ihn nicht um Hilfe gebeten. Lydia lächelt zufrieden und schaut Alain mit einem stolzen Kopfnicken an, sie hat von ihm nichts anderes erwartet. Einen erleichterten Seufzer kann ich nicht unterdrücken, denn ich weiß, dass ich mit diesem Paar starke Verbündete habe. Ich liebe sie!
   Der Wein und der harte Tag zeigen Wirkung. Ich schlafe nach kurzer Zeit auf der Couch meiner Freunde unvermittelt ein, als hätte jemand den Notausknopf gedrückt.

Samstag, 28. April, 6:30 Uhr

Es klingelt laut in meinem Kopf. Ich brauche eine kurze Zeit, um mich zu orientieren. Draußen dämmert der neue Tag, und ich liege unter einer Decke, die angenehm nach Lydia riecht. Ich greife nach meinem Handy. Es ist Rebecca. Sie macht sich große Sorgen, weil ich nicht nach Hause gekommen bin, und nur mit Mühe lässt sie sich beruhigen. Für Alain und Lydia hinterlasse ich eine Nachricht, dass ich mich unendlich für den Abend und den erhaltenen Zuspruch bedanke. Ein kurzer Blick in den Spiegel mit der Erkenntnis: Ich sehe einfach nur scheiße aus, vollkommen verknittert. Sorgen, Wut, Angst, Trauer und die Nacht auf der Couch haben im Gesicht Spuren hinterlassen, und ich spüre jeden Knochen. Ein Wasserbettschläfer schläft auf der Couch, da bekommen Rückenschmerzen ein neues Gesicht, und der Adrenalinkater gibt mir den Rest.
   Mit frischen Brötchen und der Zeitung im Schlepptau betrete ich meine Wohnung. Wie erwartet ist Rebecca stinkesauer, freut sich aber, mich zu sehen. Bei einer solchen Mischung bekommen viele Frauen ein Gesicht, dass man sie nur lieb haben kann und vor allem auch sollte.
   Körperpflege, ein neues Outfit und ein Mega-Frühstück machen aus mir einen neuen Menschen. Rebecca wuselt aufräumend in der Wohnung herum, als wenn sie zur Stammbesatzung gehört, und die Hunde immer hinter ihr her. So schnell ist man abgeschrieben. Ich gönne mir die Zeitung und stoße auf einen Bericht im Lokalteil. Die Überschrift ist nicht zu übersehen.

Bandenkrieg im Milieu der Prostitution

Ist das der Anfang eines neuen Bandenkrieges unter Zuhältern in Köln? Die Eskalation erfolgte am gestrigen Nachmittag auf einem berüchtigten Parkplatz im Stadtwald am Militärring. Während einer wüsten Schlägerei kam es auch zum Einsatz von Schusswaffen. Zwei Schwerverletzte befinden sich nach Notoperationen außer Lebensgefahr, konnten jedoch noch nicht vernommen werden. Zeugenaussagen über den Tathergang, besonders über das Aussehen des Täters, sind widersprüchlich, betonen jedoch zweifelsohne, mit welcher Brutalität und Kaltblütigkeit der Täter vorgegangen sein muss. Nach dem flüchtigen Mann ermittelt ein Sonderkommando der Polizei. Vermutlich handelt es sich hierbei um einen Revierkampf mit der osteuropäischen Mafia, die vermehrt versucht, Einfluss in die Straßenprostitution zu gewinnen.

Was für Schusswaffen, was für eine Eskalation, und welche Mafia? Der Bericht verschlingt eine halbe Seite mit Unwahrheiten des gestrigen Vorfalls. Von den Behörden wird diese Streitigkeit ernst genommen. Die Polizei wird keine Rivalität dulden und mit ganzer Macht des Gesetzes dagegen vorgehen. Ich habe es gewusst! Meine Aktion ist in die Hose gegangen, schlafende Hunde sind geweckt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Staatsmacht vor meiner Tür steht. In mir kommt Unruhe hoch, gegen die ich mich nicht wehren kann, die aber dank des Klingeltons meines Prepaid-Handys unterbrochen wird. Das kann nur der Chef der beiden Stiernacken sein, Caro oder Babsi mit ihrer piepsigen Stimme. Niemand hat sonst diese Nummer. Ich melde mich mit einem »Ja?«.
   Es ist ruhig, ich höre nur jemanden atmen. Der Anrufer lässt sich ein paar Sekunden Zeit. »Das war nicht schlecht!«, sagt ein Mann mit holländischem Akzent.
   Ich bin aufgeregt, höre meinen Puls im Ohr hämmern und entscheide, sparsam mit meinen Worten umzugehen. »Und?«
   »Das waren zwei meiner besten Männer, und ich kann auf deren Dienste für lange Zeit nicht zugreifen. Ich brauche Ersatz, und das kostet mich Geld. Wer bezahlt mir das?«
   Mit Erstaunen nehme ich diesen Satz auf. »Das – ist – mir – scheißegal!«, antworte ich langsam, mit Betonung auf jedem einzelnen Wort.
   »Was wollen Sie?«, kommt knurrig zurück.
   »Was ist mit Miriam passiert? Wer hat ihr das angetan? Wo finde ich Caro?«, belle ich ihn an. Es herrscht Stille am Telefon, nur das Atmen des Mannes und dieses Pochen in meinem Ohr. Die Stimmung ist bedrückend. Nach Sekunden unterbreche ich die Schweigsamkeit. »Hallo? Ist da noch jemand?« Ich könnte an die Decke gehen. Warum ruft der mich an? Damit ich mir seine Atmung anhöre?
   »Nicht am Telefon. Können wir uns treffen?«, fragt nach zähen Sekunden mein wortkarger Gesprächspartner.
   Wir verabreden uns für 15:00 Uhr im La Strada, einem multikulti Szene-Café im Zentrum der Stadt. Ich weiß, dort gibt es guten Cappuccino und die besten türkischen Frikadellen. Ich soll ihn an seinem roten Schal erkennen.
   Der Mann legt einfach auf.
   Ich rufe Alain an. Er hält es für unklug, allein hinzugehen. Er hat recht, und mit Alain fühle ich mich sicherer. Er wird eine Stunde früher im Café sein, um die Lage besser einzuschätzen. Kaum haben wir unser Telefonat beendet, klingelt mein normales Handy mit einer unterdrückten Rufnummer.
   »Jonas Cilinsky.«
   »Hallo! Ich bin die Schwester von Caro!«
   »Hallo Schwester von Caro«, antworte ich, und mein fühlbarer Puls im Ohr nimmt vor Erregung wieder an Fahrt auf.
   »Du wolltest mit Caro sprechen?«
   »Ja! Es ist sehr wichtig. Es geht um Miriam!«
   »Caro geht es nicht gut. Sie muss vorsichtig sein und hat große Angst.«
   »Toll! Mir geht es auch nicht gut, und Miriam geht es richtig schlecht. Vor was hat Caro Angst?«, frage ich mit wenig Feingefühl und ertappe mich dabei, wie ich die Stimme dieser Frau analysiere.
   »Caro möchte sich mit dir treffen!«
   Das ist genau das, was ich möchte, und diese Frau am Telefon ist niemals Caros Schwester. »Darüber würde ich mich freuen. Ich muss wissen, was mit Miriam geschehen ist«, versuche ich, mit mehr Taktgefühl ein besseres Gespräch aufzubauen. »Warum kann Caro nicht mit mir am Telefon sprechen?«
   »Es hat seinen Grund!«
   »Okay! Wie kommen wir da jetzt weiter, Schwester von Caro?«
   »Ich melde mich später noch mal per SMS mit Zeit- und Treffpunkt.«
   »Einverstanden!« Ich lege auf und spüre eine Mischung zwischen Unzufriedenheit und Erleichterung. Unzufrieden macht mich die Tatsache, nicht mit Caro persönlich gesprochen zu haben, sondern mit einer Frau, die vorgibt, etwas zu sein, was sie nicht ist, und deren Namen ich nicht kenne. Jedoch Erleichterung, dass sich überhaupt jemand gemeldet hat und die Kommunikation zwischen Babsi und Caro anscheinend funktioniert. Das könnte auch eine Falle für mich bedeuten, denn diese Frauenstimme war falsch, irgendwie verlogen. Auch über dieses Gespräch setze ich Alain in Kenntnis. Seine Begeisterung kennt keine Grenzen, und meine Bedenken über die Frau tut er als Hirngespinst ab. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Alain hin und wieder ein bisschen Gefahr benötigt, um im Gleichgewicht zu bleiben.
   Ich fiebere dem Treffen mit dem Oberzuhälter entgegen.
   Rebecca kocht was Gutes für den heutigen Abend, und appetitlicher Geruch strömt aus der Küche. »Du bist zum Abendessen doch hier, oder?«, fragt sie in scharfem Kommandoton.
   »Ja, ja natürlich!«, erwidere ich zügig.
   »Schön!« Sie schaut mich streng an.
   Ich blicke währenddessen in einen der Kochtöpfe, um mir eine Kostprobe ihrer Kochkunst zu genehmigen. Dafür ernte ich ihr Missfallen und sie verweist mich der Küche. Kopfschüttelnd verlasse ich die Wohnung. Rebecca hat ein fürsorgliches, einnehmendes Wesen mit einer Portion Herrschsucht. Und trotzdem bin ich glücklich und zufrieden, dass sie sich Zeit für mich und die Tiere nimmt.

Samstag, 28. April, 14:00 Uhr

Die Ruhe im Auto und ein schönes Lied aus dem Radio lassen meine Traurigkeit wieder hochkommen. Stille Tränen fließen, und mir steht auch nicht der Sinn danach, diese zu unterdrücken. Die Bilder aus der Pathologie flirren vor meinen Augen, das Wochenende mit Miriam hat mich geprägt. Die Gewissheit, endlich die richtige Frau gefunden zu haben, und jetzt, jetzt besteht mein Körper nur aus Schmerz. Ein hoher Preis, doch missen möchte ich die gemeinsamen Stunden mit ihr nicht.
   Durch eine SMS werde ich aus meinen Gedanken gerissen. In der Hoffnung, die Nachricht kommt von Caro, lese ich hastig – und bin enttäuscht.
   Hallo mein Lieber! Ich habe noch mal über uns nachgedacht und mit den Kindern gesprochen. Ich verzeihe dir! Aber du brauchst dringend therapeutische Hilfe. Du magst das nicht sehen wollen, aber ich werde mich für dich umhören. Melde dich bitte! Camilla
   Während mein Blick über diese Zeilen fliegt, wird mir eines bewusst: Diese Höllenbeziehung ist noch nicht vorbei. Ich stoße einen stöhnenden Seufzer der Last aus. Camilla wird so lange weitermachen, bis ich glaube, was sie sagt. Sie möchte am liebsten, dass alle, die um sie herum sind, eine Gehirnwäsche bekommen, damit diese Zombies noch mehr für sie tun. Sie ist ständig bemüht, ihre Mitmenschen zu motivieren, sich um sie zu kümmern. Selbst gibt sie nur gerade so viel, um denjenigen bei Laune zu halten. Ich habe genug von ihren abartigen Psychospielchen. Ich lösche die SMS genauso wie Camilla aus meinem Gedächtnis.

Den Treffpunkt, das La Strada, mag ich, denn dieses Szene-Café besitzt das Flair aus italienischer und osmanischer Kultur. Hier treffen sich Menschen aus allen sozialen Schichten und Nationalitäten. Gutes Essen, leckere Cocktails, und für Nachtschwärmer perfekt, mit einem Absacker eine durchgefeierte Nacht zu beenden. Interessantes Konzept und seit über vierzig Jahren erfolgreich.
   Den am Eingang hängenden schwarzen und schweren Stoffvorhang bewege ich zur Seite. Musik, gemischt mit Sprachgewirr, erfüllt das gut besuchte Café. Ich gehe langsam und bedächtig durch den Hauptgang. Konzentriert scanne ich das Publikum. Ich sehe Alain an einem Zweiertisch am Gang sitzen, im Gespräch mit einem Mann, den ich nicht kenne. Während ich an ihrem Tisch vorbeigehe, bemerke ich die auffallenden Tätowierungen an den Unterarmen von Alains Gesprächspartner. Er hat die gleiche Bemalung, und somit hatten beide in der Vergangenheit den gleichen Arbeitgeber. Wir drei würdigen uns keines Blickes. Im hinteren Bereich am letzten Tisch sehe ich meinen Termin sitzen. Ein auffallend kräftig gebauter Mann in einem teuren Anzug, ein roter Schal liegt ihm locker um Hals und Schultern. Wie vermutet ist er nicht allein gekommen. Zwei Männer, die fast so aussehen wie die Kerle von gestern, sitzen einen Tisch davor. Ich gehe an den beiden vorbei, die mich verachtend von oben bis unten mustern. Ich nicke mit einem Grinsen zurück.
   Mein Gesprächspartner steht höflich auf und weist mit offener rechter Hand auf den Platz ihm gegenüber. Während ich meinen Stuhl zurechtrücke, mustert er mich, schaut auf meine Hände und grinst.
   »Kaum zu glauben, was diese Hände gestern mit meinen Männern gemacht haben.«
   »Ich habe nicht angefangen!«
   Der Typ runzelt die Stirn. »Wenn Sie mal in die Sicherheitsbranche wechseln wollen, lassen Sie es mich wissen. Gute Leute sind schwer zu bekommen.«
   »Nein danke! Der Job ist mir zu gefährlich. Sie sehen doch, was für Irre so rumlaufen. Oder brauchen Sie jemanden, der für Sie die Frauen auf den Strich prügelt?«
   Der Typ beugt sich zu mir. »Diese Frauen sind unser Kapital. Kein Handwerker tritt gegen seine wertvollen Maschinen. Wir beschützen unsere Frauen und sehen zu, dass es ihnen gut geht!«
   Blödes Zuhältergelaber. Ich zünde mir eine Zigarette an, und mein Cappuccino wird gebracht. Ich streue Zucker auf die Sahnehaube und lasse mir mit der Antwort Zeit.
   »Bei Maya haben Sie versagt!« Ich blicke dem Typen tief in die Augen. Er hält meinem Blick stand, und ich vermute in ihm einen klugen Mann, der mit vielen Wassern gewaschen ist und vom Alter her an die sechzig Jahre sein dürfte.
   »Das mit Maya ist eine Katastrophe. Glauben Sie mir, auf das, was passiert ist und noch passieren wird, haben wir keinen Einfluss. Wir müssen das akzeptieren!«
   »Einen Scheißdreck werde ich akzeptieren«, schleudere ich giftig zurück. Wäre es im La Strada nicht so laut, könnte uns jeder hören. »Was ist mit Maya passiert, und wo ist Caro?«
   »Wir suchen selbst nach Caro. Wir wissen nur, dass sie mit Maya am letzten Mittwoch zusammen einen Auftrag hatte. Maya ist schon unsere dritte Mitarbeiterin, die in diesem Jahr getötet wurde.« Er stützt sich mit den Armen auf dem Tisch ab und kommt mir bedrohlich nahe. »Hören Sie mir genau zu! Sie überblicken das Ganze nicht. Sie haben keine Ahnung, was hier los ist. Ich finde es zum Kotzen, was mit den Mädchen geschehen ist. Aber! Wir können das nicht ändern und Sie, Sie erst recht nicht! Und was Caro betrifft: Sie war dabei. Sie wird die Nächste sein. Wir müssen sie finden, um sie zu schützen, sonst wird sie ihrer Freundin folgen.«
   Ich schaue ihm fortlaufend in die Augen und denke, ihn verstanden zu haben. Er glaubt an das, was er sagt. »Sie können diesen Scheißdreck nicht stoppen?«
   »Nein!«
   »Und die Polizei?«
   »Auch nicht!«
   »Wir aber schon!«, fauche ich ihn an.
   Er weiß im Moment nichts darauf zu sagen, jedoch verrät sein Blick, dass er mich für bekloppt hält. Wieder einer mehr, und ich habe das Gefühl, dass ich mich weit aus dem Fenster lehne. Aber Klappern gehört zum Handwerk, was für eines auch immer ich vertrete.
   »Sie sind total irre, Mann! Größenwahnsinnig und überhaupt: Wer sind Sie? Wer ist wir?«, schnaubt er mir entgegen, und sein niederländischer Akzent kommt deutlich zum Tragen.
   Ich setze ein arrogantes Grinsen auf und zerbrösle die Zigarette einschließlich der Glut zwischen meinem rechten Daumen und dem rechten Zeigefinger. Es riecht nach verschmorter Haut, Glutfunken fliegen um meine Finger, es zischt, der Typ kann nicht fassen, was er sieht, und ich kann nicht fassen, was ich gerade tue. Meine Hände sind durch den Kampfsport Schmerzen gewohnt, und ich empfinde es sogar als leicht erfrischend. So mancher Psychopath wäre neidisch auf mich, und Camilla könnte mit ihrer Prognose, was meine Psyche betrifft, auf dem richtigen Weg sein. »Wissen Sie, es gibt den Freak, der so auf die Welt kommt und lernt, mit den Eigenarten, die er in sich trägt, umzugehen. Der ist so, wie er ist, und er akzeptiert sich auch als das, was er ist. Ungefährlich, diese Spezies. Doch nimmt man ihm das Wichtigste, dann handelt er. Mitmenschen bezeichnen diesen Typen als sonderbar oder wunderlich.«
   Mein Gegenüber, dessen Name ich immer noch nicht kenne, lässt den Satz amüsiert grinsend auf sich wirken.
   »Mir wurde das Wichtigste genommen! Sagen Sie mir, was mit Miriam geschehen ist.«
   Er greift mit der rechten Hand in die linke Innentasche des Jacketts, zieht sein Handy raus, steht auf und entfernt sich von unserem Tisch in eine ruhige Ecke des Lokals.
   Nach einer Minute kommt er zurück, bleibt vor mir stehen und überreicht mir einen Bierdeckel, auf dem eine Telefonnummer gekritzelt steht.
   »Bei dieser Nummer meldet sich ein Band. Diese Nummer wird alle sieben Tage gewechselt. Danach verliert sie die Gültigkeit. Immer am Sonntag um 24:00 Uhr erfolgt der Wechsel. Wenn Sie diese Nummer nicht bis dahin anrufen, haben Sie keine Möglichkeit mehr, um an die neue Nummer ranzukommen. Unterdrücken Sie nicht Ihre Rufnummer, sonst gibt es keine Band-Info. Viel Glück!« Unvermittelt reicht er mir seine Hand und verabschiedet sich schweigend.
   Seine Leibgarde hinter ihm her, und ich muss für die ganze Bande den Kaffee bezahlen, was für ein Drecksack. Ich bin mir aber sicher, dass er nichts mit Miriams Tod zu tun hat.
   Ich bezahle und verlasse das Café ohne Blickkontakt zu Alains Tisch. Die Telefonnummer ist für mich wie eine Trophäe, mein erstes Puzzlestück. Das hilft mir über die Verärgerung hinweg, nicht die Antworten erhalten zu haben, die ich mir erhofft habe. Vielleicht habe ich aber auch nicht die richtigen Fragen gestellt.
   Auf dem Weg zum Auto rufe ich Alain an. Wir verabreden uns bei ihm zu Hause, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen.
   Im Auto sehe ich, dass mehrere SMS während meiner Zeit im Lokal eingegangen sind. Die erste Rufnummer ist mir unbekannt. Ich öffne die Nachricht.
   Bitte dringendst um Rückruf! Mattusheck.
   Dieser Aufforderung komme ich gern nach, vielleicht gibt es wichtige Erkenntnisse.
   »Cilinsky! Schön, dass Sie anrufen«, meldet sich ein gut gelaunter Mattusheck.
   »Keine Ursache. Was kann ich für Sie tun?«
   »Falsche Frage! Was kann ich für Sie tun, damit nicht gleich die Polizei vor Ihrer Tür steht? Wir müssen dringend miteinander reden.« Sein Ton verändert sich scharf.
   »Gern, wie wäre es mit kommenden Montag?«
   »Wie wäre es in einer Stunde? Wo sind Sie, Cilinsky?«
   »Unterwegs in der Stadt«, antworte ich wahrheitsgemäß und bemerke, dass Mattusheck es ernst meint. Ich möchte noch etwas sagen, aber er fällt mir ins Wort.
   »Nee, Cilinsky. Sofort! Die Adresse ist per SMS unterwegs!« Er legt auf, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
   Wenn ich doof gucken kann, dann tue ich das gerade. Gott noch mal, fühle ich mich abgewatscht. Bevor mich dieser Kerl zur Fahndung ausschreibt, gehe ich besser auf seinen Wunsch ein, der mehr einem Befehl geähnelt hat. Ich gebe die Adresse in das Navi ein und bin erstaunt, dass ich nur drei Straßen zu fahren habe. Meine Fahrt geht in den Klapperhof in das Friesenviertel. In diesem Stadtviertel tobte von den 60ern bis Ende der 80er Jahre die Bordell- und Zockerszene. Das war mit ein Grund, warum Köln den Spitznamen Chicago am Rhein bekam.
   Mit Alain ist die Programmänderung schnell besprochen. Er ist auch dafür, den LKA-Mann nicht zu verärgern, er hat da so seine Erfahrungen. Zwei weitere SMS von Camilla lösche ich ungelesen. Ich will mich über diese Frau nicht mehr ärgern müssen, ihre Beleidigungen mir gegenüber reichen für drei Leben.
   Die von Mattusheck durchgegebene Adresse ist ein großes dreigeschossiges Haus mit hohen Decken, die den Bomben im Zweiten Weltkrieg nicht zum Opfer gefallen sind. Die Fassade, bunt von Graffiti, wirkt auf den ersten Blick irritierend. Betrachtet man mit etwas Abstand die Fassade, so sind die Malereien aus der Sprühdose gut. Sie erzählen Geschichten von Krieg, Armut und Sehnsucht. Die wenigen hohen Fenster des Hauses sind in die Malereien geschickt mit eingebunden. Das Gebäude passt hier nicht hin, weil sich das Viertel im Umbruch in die Moderne befindet und parallel zu einer belebten und gepflegten Flaniermeile liegt. Im Erdgeschoss befindet sich das Café Sol, mein Treffpunkt. Warme Küche und Tapas, steht in großen verwitterten Buchstaben über dem Eingang. Die kleine Frontscheibe ist verdunkelt und bietet nur einen spärlichen Blick hinein.
   Als ich das Café betrete, drehen sich einige Köpfe in meine Richtung. Dass nicht noch die Musik ausgeht, verwundert mich. Etwa zehn Gäste, Männer, die ziemlich verwegen aussehen, und drei Frauen, die ihre beste Zeit in einer weit entfernten Vergangenheit und im gefüllten Schnapsglas suchen, glotzen mich an. Mir ist klar: Ich gehöre hier nicht hin, und ich gehöre nicht zu denen. Ich würde mich besser fühlen, wenn Alain vor der Tür stünde, denn hier sitzen viele Jahre Knast, und einige von denen haben allem Anschein nach nichts mehr zu verlieren. Das Gefühl, gleich bedrängt oder angegriffen zu werden, lässt mich nicht los. Meine Sinne sind hellwach, ich rechne mit dem Schlimmsten. Das schwache Licht, unzählige Kritzeleien, deren Bedeutung sich mir entzieht, und Abbildungen von Menschen auf den dunklen, eingerauchten Wänden geben dem Café einen gruftigen Charakter. Vor der Theke, die sich an der linken Wandseite befindet und einen erstaunlich sauberen Eindruck macht, bleibe ich stehen. Ich blicke mich noch einmal um und beschließe, zu gehen. Ich sehe keinen Mattusheck, und hierbleibe ich nicht länger.
   Ein dünner Mann rempelt mich an. »Komm mit!«, zischt er laut aus einem zahnlosen Mund.
   Ich folge ihm, der nur ein paar faulige Zähne im Mund hat. Der daraus strömende Mundgeruch zieht wie ein Schleier hinter ihm her. Seine abgewetzte Jeans hängt an seinem dürren Arsch, und sein tippelnder Gang erinnert mich an eine Geisha. Neben dem Zugang zum WC nehmen wir die linke Tür, auf die ein Pappschild Privat getackert ist. Eine enge steile Treppe, deren Ende ich nicht erkennen kann, führt uns in den Keller. Die Deckenhöhe reicht gerade für meine Körpergröße, und ich bin bemüht, den Kopf einzuziehen. Für jemanden wie mich, der unter Klaustrophobie leidet, ist das die Hölle, denn mit meinen Schultern berühre ich die Außenwände. In dem dämmrigen Licht folge ich dem Dürren mit reichlich Abstand. Das ist kein normaler Keller, denn diese Treppenstufen wollen einfach nicht aufhören, und die Luft wird kälter und modriger. Die Wände erzählen lautlos Geschichten aus der Vergangenheit. Inschriften, Kritzeleien und Flecken im Beton legen Zeugnis darüber ab, dass diese schon viel gesehen und auch gehört haben.
   Endlich unten angekommen, stehen wir vor zwei massiven Stahltüren, wie sie früher beim Bunkerbau zum Einsatz kamen. Jetzt wird mir klar: Ich befinde mich in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Hier bin ich falsch, und während ich mich umdrehen möchte, um den Rückweg einzuschlagen, öffnet der Zahnlose die rechte Tür.
   Er muss sich mächtig anstrengen und bleibt am Durchgang stehen. »Du wirst erwartet!«
   Ich gehe an ihm vorbei und nehme unbeabsichtigt den fauligen Geruch, der aus seinem Mund kommt, mit meiner Atmung auf. Ich muss mich schütteln und presse rasch die Luft wieder aus den Lungen. Zügig gehe ich durch den Durchgang von etwa zwei Metern Beton und stelle fest: Das ist die Wanddicke. Ich betrete den dahinterliegenden Raum, der in gedämmtes Licht getaucht ist. Erleichtert erkenne ich Mattusheck und einen anderen Typen in alten englischen Ledersesseln sitzend.
   Der Typ, der auf mich einen guten Eindruck macht, steht auf und kommt auf mich zu. »Was trinkst du?«
   Ich bin irritiert und blicke auf Mattusheck, der mir schmunzelnd versichert, dass die angebotenen Kaffeespezialitäten des Hauses köstlich sind. Meine Zunge klebt mir am Gaumen. Ich bitte um eine geschlossene Flasche Wasser und mehr nicht. Der Typ nickt und verlässt den Raum mit dem Zahnlosen. Ich höre, wie sich die schwere Stahltür schließt und mehrere Verschlussriegel in das Mauerwerk einfahren. Ich hole tief Luft, um diese durch aufgepustete Wangen wieder auszublasen. Erleichterung.
   Mattusheck schmunzelt immer noch und bittet mich, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Ich komme dem nach und bemerke die hochwertige Qualität des Sessels und die Wärme, die sich noch von dem Vorgänger im Leder befindet. »Was ist das hier?«
   »Die sind hier alle schwer in Ordnung, und Sie werden die Vorzüge dieses Cafés mit der Zeit zu schätzen wissen.«
   Ja Mensch! Was will mir Mattusheck damit sagen? Glaubt er etwa, dass ich hier öfter herkommen werde?
   Ich nehme mir die Zeit, diesen Raum auf mich wirken zu lassen. Die Luft ist wohlig temperiert und riecht fast neutral, obwohl Mattushecks Aschenbecher mit einer Handvoll Kippen gefüllt ist und er auch gerade raucht. Die in der abgehangenen Decke eingelassenen Luftaustrittskassetten verteilen frische Luft mit einem leichten Rauschen, das mit dem Surren der unzähligen Lüfter in den Computersystemen konkurriert. Die Deckenhöhe ist für einen Bunker mit etwa drei Meter außergewöhnlich hoch. Eine Wand ist bestückt mit neun großen Bildschirmen wie in einer Leitzentrale. Mattusheck konnte mich kommen sehen, da einer dieser Bildschirme das Geschehen im und vor dem Café zeigt. Mehrere Festnetztelefone sowie Drucker- und Kopiersysteme füllen mit anderem technischen Gerät, das ich noch nie gesehen habe, den quadratischen Raum. Die Wandlängen dürften jeweils zehn Meter betragen und diese sind mit Magnetboards und Regalen, auf denen sich unzählige Aktenordner befinden, vollgestellt. Die Wandboards sind jeweils mit einer Zugjalousie vor unberechtigten Blicken verhangen. Die gemütliche Ledergarnitur mit dem stilvollen niedrigen Holztisch aus dem späten Mittelalter gibt der kalten technischen Atmosphäre einen Hauch von Behaglichkeit. Das Licht an der Decke ist so gedimmt, dass ich auf den hochauflösenden Bildschirmen mit einem schnellen Blick die Geschehnisse vor den Kameras erkennen kann. Eine weitere, doppelflügelige Zimmertür aus Holz lässt vermuten, dass sich ein weiterer Raum diesem hier anschließt und ebenfalls einen größeren Ausgang nach oben hat. Muss auch so sein, denn durch den engen Kellergang lässt sich nicht viel transportieren, erst recht kein Sessel.
   Während mein Blick den Raum abfährt, lässt mir Mattusheck die Zeit, mich zu orientieren. Er macht einfach nur das, was er, bei mir zumindest, immer macht: Er beobachtet mich. Mein Handy ist auch meine Uhr, und ein kurzer Blick auf das Display lässt mich erneut staunen. Ich habe vollen Empfang! »Was zum Teufel ist das hier?«, wiederhole ich meine Frage.
   »Nach was sieht es denn aus?«
   »Ein Bunker, in dem eine Leitstelle eingebaut ist?«
   »Gut beobachtet. Wir sind dreißig Meter unter der Erde.«
   »Was befindet sich dahinter?« Ich zeige mit dem Finger auf die doppelflügelige Holztür.
   »Noch mehr von diesen Räumen. Genau gesagt ist dieses Areal halb so groß wie ein Fußballfeld und eines der am besten erhaltenen Bunkersysteme in Köln.«
   »Komisch! Dann hätte man doch mal was davon gehört!«
   »Warum sollten Sie? Das kennt doch keiner.«
   Durch einen Gong werden wir unterbrochen. Mattusheck steht aus seinem Sessel auf und geht auf den Durchgang zu, durch den ich den Raum betreten habe. Er öffnet eine koffergroße Klappe, der ich keine große Bedeutung gegeben habe, und zieht ein Tablett heraus. Zwei Espresso und mehrere kleine Glasflaschen mit Softdrinks und Wasser stehen darauf.
   »Ist das praktisch?«, fragt er und blickt mich stolz an. »Das war mal ein alter Druckausgleichschacht. Habe mir vor Kurzem einen Miniaufzug einbauen lassen.«
   Meine Nervosität hat sich gelegt, und ich muss mir eingestehen – ich bin von alldem beeindruckt.
   Ich greife nach einer Flasche Wasser, öffne sie und achte darauf, dass der Verschluss das erste Mal geöffnet wird. Die kleine Wasserflasche entleert sich an meinen Lippen, als wenn eine Vakuumpumpe das Wasser absaugt. Ich setze ab und bin zufrieden – meine Zunge funktioniert wieder, und das Sprechen wird mir jetzt leichter fallen. »Wem gehört das hier?«
   Mattusheck sitzt mir wieder grinsend gegenüber und spielt mit einem DIN-A5-Umschlag, ohne auf meine Frage einzugehen. »Wenn ich Sie mir so ansehe, würde ich sagen: Sie sind ein Weichei, Cilinsky. Wenn ich aber diese Bilder betrachte, bietet sich ein ganz anderer Eindruck von Ihnen.« Er greift in den Umschlag, zieht eine beträchtliche Menge Bilder heraus und legt sie ausgefächert auf den kleinen Tisch.
   Ich verschlucke mich an der zweiten Flasche und konzentriere mich darauf, nicht an dem Schluck zu ersticken. Mattusheck legt mir eine Fotoserie auf den Tisch, die zeigt, wie ich mich in der Unterhaltung mit den zwei Aufpassern auf dem Parkplatz befinde – mir wird erst heiß, dann kalt.
   »Schauen Sie doch, Cilinsky! Jetzt liegen die beiden am Boden. Was ist denn da bloß passiert?«, fragt er amüsiert und wühlt nach einem Bild, das er ganz nach oben legt. Er klopft mit dem Finger drauf. »Wir haben einen warmen Frühling. Die haben bestimmt was mit dem Kreislauf.«
   Ich werde nichts zugeben.
   Mattusheck wird ernst und kramt aus dem Bilderstapel ein Bild, das er mir vor die Nase hält. Es zeigt, wie ich dem einen Typen die Mittelhandknochen umsortiere und er seinen Mund durch den Schmerz weit aufreißt. Ich lehne mich zurück und bin erschrocken. Erschrocken über mich und mein Gesicht, das ich dabei mache – wie ein Irrer, ein Monster, das nicht weiß, wohin mit seiner Kraft. So viel Hass in den Augen, das bin ich nicht, das ist nicht Jonas Cilinsky.
   »Geht das jetzt so weiter? Als was darf ich diese Aktion bewerten, Cilinsky?«
   Tja! Besser kann man einen Kerl nicht an den Eiern packen. Ich betrachte die Bilder und inhaliere tief den Rauch meiner Zigarette. »Ja Mann! Dieser Typ auf den Bildern sieht ja aus wie ich, eine Verwechslung! Was es alles so gibt!« Ich schüttle wie ein ahnungsloser Depp den Kopf.
   Er greift wieder in die Tüte und legt das letzte Bild der Fotoserie auf den Tisch. Was für ein Scheiß, denn es zeigt, wie ich in mein Auto einsteige. Er hat gewonnen. Das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, lässt sich nicht leugnen, und ich sehe mich schon im Gericht sitzen, wie ich wegen schwerer Körperverletzung verdonnert werde.
   »Seit dem Tod von Frau Maybach wird der Parkplatz von meinen Leuten observiert. Diese Bilder habe nur ich. Bis jetzt!«
   Mattusheck hat es geschafft, mich mit dem Rücken an die Wand zu drücken. Mir bleibt nur die Flucht nach vorn. Hätte er was anderes gewollt, würde ich das hier nicht sehen. Ich lehne mich zurück in den Sessel und beschließe, die Dinge so laufen zu lassen, wie Gott denkt, dass sie laufen sollen. »Was gibt das hier? Eine Erpressung? Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Miriams Mörder suchen und auch finden werde.«
   »Versuchen wir es mit Kooperation, Cilinsky?«
   Ich würde gern den vor mir stehenden und gut duftenden Espresso trinken, traue der Sache aber nicht. Es könnte etwas drin sein, was mir nicht guttut.
   Mattusheck bemerkt mein Zögern, nimmt eine Tasse und trinkt sie leer. »Köstlich!«, sagt er mit vollem Genuss.
   Egal. Ich mache es ihm nach und stelle fest: Der volle Kaffeegeschmack entfaltet sich in meiner Mundhöhle zu einer wahren Explosion des perfekten Geschmacks.
   Mattusheck stopft die Bilder in den Umschlag zurück und schiebt diesen über den kleinen Tisch in meine Richtung. »Es gibt keine weiteren Abzüge. Die Bilder gehören Ihnen, die Sache ist somit erledigt.«
   Eines steht schon mal fest – Mattusheck ist kein Idiot. Er wusste, wenn er mich zur Beendigung meiner Aktivitäten zwingen würde, damit ich mir die Bilder erst verdienen muss, so käme mein Sturkopf durch. Ich würde mich sonst erpresst fühlen, und Erpressung hört niemals auf – er weiß das, und ich auch. Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass er jetzt etwas von mir erwartet, denn sonst hätte er mich nicht hierhin zitiert. Also erzähle ich von dem Treffen im La Strada. Stolz zücke ich den Bierdeckel mit dem guten Gefühl, doch etwas Sinnvolles erreicht zu haben, und lege ihn auf den Tisch.
   Dieser Mann mit niederländischem Akzent ist Mattusheck bekannt, und er erzählt mir, dass er der Stratege im Milieu der Straßenprostitution ist und als Mediator zwischen den verschiedenen Clans agiert. Mit einer blitzsauberen Akte und viel Einfluss kam er vor zehn Jahren nach Köln. Er bewegt sich unauffällig. Woher er genau kam, weiß niemand.
   »Wie heißt der Mann?«
   Mattusheck gibt vor, das nicht zu wissen, weil er die Akte vor längerer Zeit in der Hand gehalten und nur überflogen habe. Er lügt! Entweder will er mir den Namen nicht preisgeben, oder ich soll ihn selbst herausfinden. Für die Telefonnummer interessiert sich der Beamte sehr und steckt sich den ersten Anhaltspunkt einfach ein.
   »Hallo? Das ist mein erstes Puzzleteil!«
   »Cilinsky. Sie haben schöne Bilder von sich. Die können Sie später Ihren Enkelkindern zeigen, damit die sehen, was ihr Opa gemacht hat. Ich verspreche Ihnen, wir prüfen, was das mit der Telefonnummer auf sich hat, und ich unterrichte Sie darüber, sobald ich etwas weiß.«
   Ich glaube ihm, weil mir auch nichts anderes übrig bleibt. Ich versuche, die kleine Blume des gegenseitigen Vertrauens im Wachstumsprozess zu fördern. »Ich werde mich mit der Freundin von Miriam treffen, sie heißt Caro!«
   »Leck mich am Arsch!«, stößt er laut aus, und ich habe das Gefühl, ihn mit diesem Satz wachgepikt zu haben. Dass diese wenigen Worte so eine Reaktion bei ihm auslösen, hätte ich nicht gedacht.
   »Wie sind Sie an Caro rangekommen?«
   Ich erzähle ihm von Babsi und dieser Pseudoschwester und welches befremdliche Gefühl ich bei ihr hatte.
   »Dieser Kontakt ist uns nicht gelungen. Miriams Freundin ist wie vom Erdboden verschluckt. Ich war mir sicher, das ist nur eine Frage der Zeit, bis wir sie ebenfalls tot auffinden. Wie erreichen Sie Caro?«
   Ich stutze. Mattusheck hat Miriam gesagt und nicht Frau Maybach. Ob er es bewusst oder unbewusst gesagt hat – ich weiß jetzt, er verfolgt das gleiche Ziel wie ich. Miriam muss ihm näher gestanden haben als andere Opfer. Jeder Ermittler spricht nur den Nachnamen aus, Distanzwahrung zum Opfer!
   Mattusheck bemerkt meine zögerliche Haltung und sieht mich an. Ich nehme die stille Frage, ob er Miriam kannte, nicht ohne Antwort mit nach Hause. »Kannten Sie Miriam?«
   Ich richte den Blick starr in seine Augen, keine noch so kleine Gestik und Mimik entgeht mir jetzt.
   Er weiß das und zögert. »Ja!«
   »Woher?«
   »Ich war ihr Kunde!«
   »Wie lange schon?«
   »Wenn es nach mir gegangen wäre – für immer!«
   Oh weia! Der Kunde Mattusheck hatte sich in Miriam verliebt. Ich muss kurz auflachen, Galgenhumor, das Schicksal spielt gern mal den Clown. Aber hier hat der Clown eindeutig übertrieben. Mattusheck ist die Situation peinlich, und ich könnte ihm einen der zahlreichen Computer über seine Rübe hauen. Doch ich habe kein recht dazu. Ich wusste, was Miriam gemacht hat.
   »Cilinsky! Es ist anders, als Sie denken. Wir hatten zweimal Sex miteinander, dann wollte ich nicht mehr – Miriam war einfach zu wertvoll für diesen Job. Wir trafen uns, um etwas zu trinken und um zu quatschen. Sie war einmal meine Begleitung ins Theater, doch dafür wollte sie kein Geld. Sie hat es gemacht, weil ich allein bin und ich sie brauchte. Am Tag vor ihrem Tod, am Dienstag, haben wir uns auf ein Abendessen getroffen. Miriam erzählte mir, dass sie aufhören wird, dass am Mittwoch ihr letztes Arrangement ansteht, und dass sie sich heftig verliebt hat – in Sie, Cilinsky. Sie hätten nichts mehr dafür zu tun brauchen, Miriam wollte weg von der Straße. Ihre Augen hatten an diesem Abend einen Glanz, es war unglaublich!«
   Ich sitze zu Stein erstarrt zusammengesunken im Sessel, den Mund geöffnet. Bilder von Miriam fliegen vor meinen sich mit Tränen füllenden Augen. Ich bin zu keiner sinnvollen Reaktion fähig, weil ich nicht glauben kann, was ich gehört habe.
   »Abgesehen davon: Ich habe die Nase voll. Dieses Töten muss aufhören. Miriam war das achte Opfer in sechs Monaten. Alle Frauen weisen das gleiche Verbrechensmuster mit fast identischen Verletzungen auf. Alle Frauen wurden gefoltert, bis jede nach einem langen Todeskampf durch Kreislaufversagen erlöst wurde. Alle Frauen waren außergewöhnlich hübsch, jung und verdienten ihr Geld mit der Prostitution. Kaum eine wurde vermisst, sie hatten nur wenige Freunde und kaum soziale Kontakte oder Familie. Wir sind so vielen Spuren nachgegangen. Nichts, rein gar nichts, nur Verwirrung und Sackgassen. Es ist nicht zu glauben. Alle schweigen und haben Angst. Viele von Miriams Kolleginnen wissen, was Sache ist, die Zuhälter auch. Hier in der Stadt geschehen merkwürdige Dinge, und niemand macht den Mund auf.«
   Ich will mich erheben, doch die Schwerkraft zieht mich bleiern in den Sessel zurück. Meine Kraftlosigkeit lässt mich erschrecken. Ich möchte ein paar Runden durch den Raum gehen. Meine Füße stapfen in Watte, und durch meinen wackligen Gang könnte man denken, ich bin besoffen. Genug für heute. Das muss erst einmal verarbeitet werden. Die Zeit hier sollte ich eigentlich nutzen, um Fragen zu stellen, doch in meinem Kopf herrscht Leere. Dieser Mattusheck und meine Miriam – ich fasse es nicht. Bevor ich gehe, halte ich die eine Frage noch für wichtig. »Hat Miriam Familienangehörige?« Ich erschrecke über meine zittrige Stimme.
   »Miriams Eltern sind Alkoholiker und Messies. Der Vater ist siebzig Jahre alt, die Mutter sechsundsechzig.«
   »Wo wohnen die Eltern?«
   Diese Frage ignoriert er. Er erzählt, wie Miriams Eltern den Tod ihrer Tochter aufgenommen haben: gleichgültig, interesselos. »Wir haben kein Geld für die Beerdigung. Sehen Sie doch selbst zu, wie die unter die Erde kommt!«
   Irgendwie sprengt das meine Vorstellungskraft. Hatte ich Miriam nach ihren Eltern gefragt, wurde sie ungehalten und bat mich, kein Wort mehr über dieses Thema zu verlieren.
   »Miriam hatte noch eine ältere Schwester, die sich vor drei Jahren mit einem Medikamenten-Cocktail das Leben genommen hat – sie ging ebenfalls auf den Strich. Zu anderen Familienangehörigen hielten Miriam und ihre Schwester seit Jahren keinen Kontakt mehr. Die Wohnung von Miriam ist eine Chaosbude, und Spuren werden noch ausgewertet.«
   »Woher wissen Sie das mit der Schwester?«
   »Das ist aktenkundig.«
   Ich will gehen, stehe am Durchgang und winke ab. Ich bin sauer auf ihn, habe kein recht dazu, aber Grund schon. Aber Moment! Den letzten Satz kann ich so nicht stehen lassen. Ich drehe mich wieder. »Ich habe Miriam ganz anders erlebt. Ordentlich, fast schon pingelig und sauber. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich bei mir so verstellt hat. War ihre Wohnung schmutzig?«, frage ich barsch, als wenn er Miriam beleidigt hätte.
   »Nein, aber unordentlich, und es gibt keine Einbruchsspuren!«
   Es ist eindeutig, dass schon jemand vor der Polizei in Miriams Wohnung gewesen sein muss und dafür den Hausschlüssel benutzt hat.
   »Miriam erzählte mir, dass sie in der Kinderklinik als Krankenschwester in Teilzeit eine Arbeit hatte«, bohre ich weiter nach.
   »Miriams Arbeitsstelle ist über das Schicksal ihrer Kollegin von uns informiert worden. Alle wirkten betroffen. Mit dem medizinischen Leiter der Klinik konnten wir noch nicht sprechen, weil er ein Fachsymposium in München besucht.«
   Ich bin durcheinander, der Satz von Miriams Eltern hallt wie ein Echo von einer Schädelwand zur anderen. Außerdem wartet Rebecca mit dem Essen, und ich will sie nicht enttäuschen. Schweigend gehe ich zu der Stahltür, drehe den Riegelmechanismus zurück und drücke sie auf.
   Hinter mir höre ich Mattusheck rufen, ob wir uns morgen sehen. Ohne Antwort zu geben, gehe ich weiter. Nach mehreren Treppenstufen bleibe ich stehen – einfach so und mir unerklärlich. Ein Gefühl zieht sich durch mich: Mein unhöfliches Verhalten ist nicht richtig. Ich gehe zurück und stelle mich wortlos vor Mattusheck. Er sitzt zusammengesunken in seinem Sessel. Erschreckend grau und eingefallen sieht er aus. Nein, dieser Mann ist nicht allein, er ist verdammt einsam, trauert um Miriam. Und auch die anderen Opfer scheinen ihm nahezugehen. Er blickt zu mir auf und rappelt sich aus seinem Sessel. Schweigend stehen wir uns gegenüber – wir sitzen im selben Boot und verfolgen das gleiche Ziel. Wir reichen uns die Hände und halten diese mit kräftigem Druck fest. Mir wird klar, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, dass hier und jetzt ein Pakt besiegelt wird – ganz im Sinne von Miriam. Mattusheck ist ein ehrlicher Mann. Irgendwie brauchen wir einander, und ich verspreche ihm, mich nach dem Treffen mit Caro zu melden. Ich bin ihm dankbar, dass er mir die Bilder ausgehändigt hat, und ich weiß auch, dass er darüber kein Wort mehr verlieren wird. Er nickt kurz, unsere Hände lösen sich, und ich begebe mich nach oben in das Café. Warum Mattusheck das alles macht und wer diese aufwendig ausgestattete Leitzentrale finanziert, wird mich noch eine Zeit beschäftigen. Ich beschließe, diesen Keller als Mattushecks Kommandozentrale zu bezeichnen.
   Mittlerweile ist das Lokal voll. Mattusheck gab mir durch die Blume zu verstehen: Einige der Gäste sind V-Männer, die auf der Gehaltsliste diverser exekutiver Staatsdienste stehen und vom Geschäft der Information leben.

Samstag, 28. April, 18:00 Uhr

Auf dem Weg nach Hause telefoniere ich mit Alain. Er hat Verständnis dafür, dass mir heute nicht mehr nach Reden ist. Wir verabreden uns für den nächsten Tag. Aus dem Autoradio ertönt ein wunderschönes Lied, das mich an die kurze und schöne Zeit mit Miriam erinnert. Gehört habe ich diesen Ohrwurm das erste Mal, als ich mit ihr ins Steakhaus gefahren bin – das prägt. Ich habe Miriams Gesicht vor Augen, höre ihr Lachen und spüre ihre vollen, wunderschön geschwungenen Lippen auf meinem Körper. Ich drehe das Radio auf Maximum und entwickle mich langsam zu einer Heulsuse.
   Rebecca steht an der Tür und sieht, was mit mir los ist. Sie ist fürsorglich, und wir lassen uns das Essen mit einem guten Rotwein schmecken. Es entgeht ihr nicht, dass ich kraftlos wirke und nicht mehr reden mag. Sie erzählt von Gott und der Welt und versucht, mich auf andere Gedanken zu bringen. Sie macht das so geschickt, dass ihre Erzählungen nicht nerven und ich sogar ihren Worten zuhöre.

Nach dem großartigen Essen und müde dieser gefühlsgeladenen Tage schleiche ich mich kraftlos auf die Couch. Ohne ein Wort kommt Rebecca dazu. Ich lege den Kopf in ihren Schoß und genieße ihre Streicheleinheiten in meinem Gesicht. Es ist Seelenmedizin, ich kann mich fallen lassen. Immer stark sein zu müssen, ist verdammt kraftzehrend, und so schlafe ich tief und fest ein.

5
Schicksalhafte Begegnung im Doppelpack
Sonntag, 29. April, 6:00 Uhr

Stöhnend und krumm schleppe ich mich in das Badezimmer. Nächte auf der Couch machen mich fertig und beschleunigen meinen Alterungsprozess. Rebecca, die Glückliche, schläft noch in meinem Wasserbett. Das viele Adrenalin der letzten Tage und der chronische Schlafmangel machen aus mir noch ein Wrack. Da ich mittlerweile dank Stoppelbart wie ein verkorkster Gangster aussehe, werde ich mich heute mit Nassrasur und allem Drum und Dran aufhübschen.
   Gestylt rufe ich die Hunde und gehe eine Runde über die Wiesen und Felder, die unmittelbar an meine Wohnung grenzen. Es ist ruhig. Keine Menschen unterwegs, und das Wetter ist für diese Jahreszeit sehr schön. Würde Miriam noch leben, so hätte ich ihr heute einen Maibaum mit Wurzeln gesetzt und ihn nach ein paar Wochen auf ein Grundstück gepflanzt, das ich gekauft hätte. Jedes Jahr wäre ein Baum hinzugekommen, bis ­ein großer Wald daraus gewachsen wäre, ein Wald meiner Liebe zu dieser Frau.
   In Gedanken plane ich den Tag und hoffe, dass das Treffen mit Caro funktioniert. Ich verspreche mir viel davon. Auf der Suche nach Miriams Mörder werde ich keine Ruhe geben und vertraue auf meine gottgegebene Eigenschaft, instinktsicher zu sein. Und dieser Instinkt sagt mir: Caro ist die Schlüsselfigur. Die kommende Woche wird Feuer haben, und dass ich Alain an meiner Seite habe, verleiht mir Zuversicht.
   Wieder zu Hause decke ich für ein ausgiebiges Frühstück den Tisch und werfe einen Blick ins Schlafzimmer. Rebecca liegt wach, und es sieht danach aus, als wenn sie sich intensiv in ihren Gedanken mit etwas beschäftigt. Ich bringe ihr Kaffee ans Bett und setze mich zu ihr.
   Sie sieht mich einfach nur an und legt eine Hand auf mein Bein. »Was war das mit dir und Miriam? Kannst du dich in einen Menschen so schnell und so tief verlieben? War es der Sex, das Neue? Vielleicht verwechselst du da etwas.«
   Ihre Frage stimmt mich nachdenklich, und ich benötige etwas Zeit, um eine passende und vor allem eine zutreffende Antwort zu finden. »Kannst du dir das vorstellen: Du triffst einen fremden Menschen und spürst Heimat, Vertrautheit, und alles andere – Sorgen, Probleme – verliert mit einem Schlag an Bedeutung. Berührungen oder ein zärtlicher Kuss werden mit Wärme quittiert, du fühlst dich elektrisiert, und alles um dich herum verschwimmt, ist unwichtig. Der Sex, der wortlos zelebriert wird, weil es für diese Gefühlstiefe keine Worte gibt. Miriam beim Schlafen zu beobachten, so rein und so verletzlich, dieser Moment, als ich ihr geschworen habe, auf sie aufzupassen, während sie tief schlief. Das Gefühl in sich zu haben, diesen geliebten Menschen schon einmal gespürt zu haben. Dass alles, was in diesem Moment geschieht, schon da gewesen ist – genau mit diesem Menschen, jedoch in einer anderen, in einer vergangenen Zeit. Genau das war diese Frau für mich.« Ich senke den Kopf und bin traurig.
   Rebecca nimmt ihre Hand von meinem Knie und hält mein Kinn. Zaghaft zieht sie mein Gesicht in ihre Richtung, sodass wir uns ansehen. Sie lächelt und nickt mir aufmunternd zu. »Du musst glücklich sein, Jonas! Glücklich, und nicht traurig. Die meisten Menschen suchen danach, ihr ganzes Leben. Du hattest es, genau dieses Gefühl, nur kurz, aber es war da und wird dich begleiten – bis zu deinem letzten Atemzug.«

Das Frühstück war umfangreich, und Rebeccas Antwort arbeitet in mir. Sie hat recht. Ich bin ein Glückskind, ein trauriges Glückskind.
   Mein erstes Telefonat führe ich mit Alain. Er kann es nicht erwarten, strategische Aktionen durchzuführen und zeitnah in den Tag zu starten. Er ist übermotiviert, und ich muss beruhigend auf ihn einreden. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn stehen, aufgerüstet in Uniform, Orden, Waffen und Sprengstoff. Er sagte einmal: »Jonas, warst du in der Legion, dann bleibt das bis zum Tode so, auch wenn du nicht mehr aktiv bist.«
   Für heute nehmen wir uns vor, Miriams Wohnung zu besichtigen, um mehr von ihrem Leben herauszufinden.
   »Ich habe aber keine Schlüssel.«
   Alain lacht nur. »Komm, hol mich ab und lass uns endlich was machen.«
   Er ist wirklich ein bisschen bekloppt, voller Ecken und Kanten, aber ein klasse Typ. Ich vertröste ihn auf einen späteren Zeitpunkt, da ich das Treffen mit Caro zeitlich nicht gefährden möchte.

Sonntag, 29. April, 12:00 Uhr

Mittagszeit, und nichts ist passiert. Ich laufe wie ein Tiger im Käfig durch die Wohnung, mein Blick klebt an der Uhr. Das Warten macht mich kirre, die Gedanken überschlagen sich. Ich sollte Alains Vorschlag nachgeben und eine Planänderung in Erwägung ziehen. Mein Handy klingelt. Die Rufnummer ist unterdrückt, und so melde ich mich auf den puren Verdacht hin, dass es Caro ist: »Guten Morgen, Caro. Ich freue mich sehr, dass du dich meldest!«
   Kaum habe ich ausgesprochen, bemerke ich, wie unüberlegt es war, den Namen Caro in den Mund zu nehmen. Es herrscht Stille, was mich zu einem verwunderten »Hallo?« hinreißt.
   »Woher wusstest du, dass ich es bin?« Sie spricht sehr leise und langsam.
   »Das habe ich gespürt. Ich freue mich riesig, dich zu hören. Ich muss dringend mit dir sprechen.« Das ist Caro, denn ihre Stimme ist etwas rauchiger, abgeklärter, aber sie spricht auffallend leise. Ich verspüre den Drang, sofort mit Fragen loszulegen, aber Caros Stimme klingt, als wenn ihr das Sprechen Mühe bereitet, weil vom letzten Zahnarztbesuch noch die Tamponaden in den Wangen stecken. »Können wir uns treffen, Caro?«
   »Nicht so gern. Mir geht es echt schlecht.«
   »Das trifft sich gut: Mir geht es wie dir! Du musst wissen: Ich habe meine große Liebe verloren. Gott ist mein Zeuge. Ich habe Miriam geliebt und liebe sie immer noch.«
   »Ich weiß! Ich habe meine beste Freundin verloren. Wir waren unzertrennlich wie Schwestern, die sich lieben. Miriam konnte nur noch von eurem Wochenende und von dir schwärmen. Jonas! Ich habe die Kleine noch nie so verliebt und glücklich erlebt. Es tut mir für euch beide schrecklich leid.«
   »Wer hat sie mir weggenommen?«
   »Lass die Angelegenheit auf sich beruhen. Du bringst dich und uns alle nur in Gefahr. Es gibt Dinge im Leben, die kannst du nicht ändern, die musst du nehmen, wie sie sind.«
   Ich glaube, mich verhört zu haben, und spüre, wie mir die Halsschlagadern pulsieren. »Sag mal! Hast du sie eigentlich noch alle? Glaubst du, ich lasse diese Angelegenheit, wie du sagst, einfach auf sich beruhen und gehe meinem Tagewerk weiter nach, als wenn nichts geschehen ist? Was denkst du eigentlich, mit wem du hier redest? Mit irgend so einem bekackten Freier, der sich in eine kleine Nutte verliebt hat, und keiner darf davon was wissen? Glaubst du, ich bin so ein kleiner ängstlicher Schisser, der gleich das nervöse Augenzucken anfängt, wenn sich jemand räuspert?«, schimpfe ich mit aggressivem Ton in das Telefon.
   »Es ist gut, Jonas, ja?«
   Ich schnappe nach Luft. Diplomatie hört sich anders an. Mich hätte es auch nicht gewundert, wenn sie einfach aufgelegt hätte. Rebecca steht vor mir und macht eine eindeutige Handbewegung, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Meine Dünnhäutigkeit macht mir Sorgen. Es war das Wort Angelegenheit, das mich zu diesem Ausfall verleitet hat. Ich möchte mich entschuldigen, da fällt mir Caro ins Wort.
   »Hör mir zu! Die Nummer auf dem Parkplatz war großes Kino. Dass du nicht ohne bist, hast du eindrucksvoll bewiesen. Man wird in Jahren noch davon reden, und du, du bist ein toter Mann. Die werden dich finden und töten.«
   »Das ist ein Haufen Bullshit, Caro! Mit deinem Zuhälter, diesem Holländer, habe ich gestern Kaffee getrunken, inklusive seiner übergewichtigen Leibgarde! Der Typ hat mir einen Job angeboten.« Es fällt mir schwer, meine Stimme ruhig zu halten.
   »Du hast mit van Buyten gesprochen, mit Nick van Buyten? Das kann doch nicht wahr sein. Über was habt ihr gesprochen?«
   »Also! Wo muss ich jetzt hinkommen, um dich zu sehen und in Ruhe mit dir zu reden?«, säusele ich im Schmuseton.
   »Du meinst es wirklich ernst, du Spinner, oder?«
   »Ja!«
   »Du bist verrückt! Schon Miriam war dieser Meinung, und du hast ihr verdammt gutgetan.«
   Ich glaube, mich schon wieder verhört zu haben. Aber was ist schon verrückt: nicht in der Mitte? Ver-rückt. Wer will mir sagen, was die Mitte ist? Die Gesellschaft, der Gesetzgeber oder der Einzelne? Meine Mitte ist da, wo ich mich gut fühle und kein anderer dabei zu Schaden kommt.
   »Ja, ich möchte den Mann kennenlernen, der Miriam so beeindruckt hat. Kennst du dich im Siebengebirge bei Königswinter aus?«
   »Ja! Ich bin da viel mit den Hunden unterwegs.«
   Caro überlegt kurz und gibt mir unseren Treffpunkt durch. Eine große Wiese an einem Hang, direkt im Siebengebirge und gut mit dem Auto zu erreichen. Wir beenden das Telefonat, und ich bin froh über den positiven Gesprächsverlauf. Alain werde ich zum Treffen mitnehmen, da er sich sonst von mir hintergangen fühlt.
   Dieser Kerl ist am Telefon nicht zu bändigen. Ich muss dringend mit Lydia reden, er hat einfach zu viel Power. Sie muss sich ihn mal richtig vornehmen, um seine überschüssige Energie abzubauen.
   Das Treffen ist um 14:30 Uhr. Alain wird mich abholen. Wir werden es ohne zeitliche Probleme schaffen. Nachdem alles geklärt ist, kommt Rebecca in das Wohnzimmer und versorgt mich mit Kaffee sowie einer Zigarette, die sie für mich gedreht hat. Sie stellt die Tasse auf den Tisch, überreicht mir die Zigarette, die mehr an einen Joint erinnert, holt tief Luft und faltet mich nach allen Regeln der Kunst zusammen. Was mir bloß einfallen würde, so unverschämt mit der armen Frau zu reden – und überhaupt, meine Taktlosigkeit! Sie kennt mich so nicht und will diese Seite nicht mehr an mir sehen. Nachdem sie mit dem Anschiss fertig ist, dreht sie sich um und geht. Ich schaue ihr hinterher: Zuckerbrot und Peitsche, eine tolle Frau.

Ich steige in Alains Auto. Er sieht wirklich wie einer von der Fremdenlegion aus. Braun gebrannte Haut, Hose und Jacke in Kaki-Olive und selbstverständlich das grüne Barett als Kopfbedeckung, an dem sich an der rechten Seite das Abzeichen der Fremdenlegion befindet – die siebenflammige Granate. Darunter steht auf Französisch: Honneur et Fidélité – Ehre und Treue. Er bereitet mir Sorgen. Ich befürchte, wir zwei reden aneinander vorbei. Er zieht in die Schlacht, und ich möchte nur mit Caro reden. Vielleicht sollte ich ihm eine kleine Pille geben, die ihn entspannt und ihm hilft, wieder auf den Boden zu kommen.
   Während der Fahrt schwärmt er, wie geil er das alles findet, und lässt keinen Zweifel daran, dass wir Miriams Mörder finden werden. Ich hingegen nutze die Zeit, ihm meine Eindrücke und Erlebnisse vom gestrigen Tage zu schildern. Alain sieht Mattusheck als einen möglichen Partner an unserer Seite, wir sollten jedoch wachsam sein. Ein Beamter vom LKA in einer gut ausgestatteten Leitzentrale in einem Luftschutzbunker, das klingt für ihn befremdlich. Wir einigen uns darauf, dass Mattusheck mehr ist, oder sogar ein ganz anderer, als er vorgibt zu sein.
   Zum vereinbarten Treffpunkt parken wir so nah wie möglich auf einem kleinen Parkplatz, der gern von Wanderern genutzt wird. Unter Alains Jacke erkenne ich zu meinem Unmut ein Schulterhalfter mit Pistole. Ich halte ihn für »overdressed« und bestehe darauf, mich mit Caro allein zu treffen, um ihr keine Angst zu machen. Alain zieht eine Schnute wie ein verzogenes Rotzbalg, das seinen Willen nicht durchgesetzt bekommt.
   Unser Treffpunkt liegt etwa fünfhundert Meter entfernt. Ein steiler Waldweg führt zu einer Lichtung, einem Wiesengrundstück, doppelt so groß wie ein Fußballfeld. Alain bleibt am Übergang zur Lichtung zurück. Von dort aus kann er das gesamte Areal überblicken und mir Rückendeckung geben, sollte etwas schiefgehen.
   Pünktlich angekommen setze ich mich mittig in das saftige grüne Gras. Lange schon habe ich nicht mehr einfach so auf einer Wiese gesessen. Schade, dass man sich für die einfachen und schönen Dinge des Lebens zu wenig Zeit nimmt.
   Ich fühle, dass ich beobachtet werde, und das nicht nur von Alain. Die Minuten vergehen, ich werde seltsamerweise nervös, lasse mir diese Unsicherheit aber nicht anmerken.
   In der Ferne sehe ich eine Person aus dem Wald gegenüber von Alains Position auf mich zukommen. Es ist eine Frau, die niemals Caro sein kann. Ihre Haare sind blond zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden und ihr Gesicht hinter einer überdimensionalen Sonnenbrille versteckt. Jeans, T-Shirt und eine Sportjacke um die Hüfte zeigen mir eine fremde Frau, ich habe Caro anders in Erinnerung. Es mag auch daran liegen, dass ihr Gang mich an jemanden erinnert, der sich mit einem eingeklemmten Ischiasnerv zum Orthopäden schleppt. Sie kommt näher, und ich erkenne sie, aber nur an ihrer üppigen Oberweite. Sie bleibt einen Meter vor mir stehen, ich erschrecke, und keiner von uns sagt ein Wort. Ich sehe in ein Gesicht, das verbeult und mit Hämatomen überzogen ist. Trotz ihrer großen Sonnenbrille sind ihre Verletzungen nicht zu übersehen. Die unbekleideten Arme und der Hals legen ebenfalls Zeugnis darüber ab, dass sie eine heftige Tracht Prügel erlitten hat. Ihr Mund erinnert an eine Gummischwimmhilfe für Kinder, die Lippen sind rissig. Ich bin fassungslos, dass es Menschen gibt, die einer Frau so etwas antun. Wir haben uns bisher nur zweimal und nur kurz gesehen, und doch verspüre ich das Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen und zu schützen. Ich kann nicht anders, weil ihr Anblick mich schmerzt, und Miriam verbindet uns miteinander. Ich gehe den Schritt auf sie zu, breite die Arme aus und nehme sie sanft in meine Mitte. Sie erwidert meine Umarmung, gibt stöhnende Laute von sich und beginnt leise zu weinen. Au weia! Unsere Umarmung ist zaghaft, und doch scheint ihr der ganze Körper zu schmerzen. Für einen Mann wie mich, mit ausgeprägtem Helfersyndrom, ist das überhaupt nichts.
   »Es ist schön, dass du gekommen bist«, sage ich noch in der Umarmung leise zu ihr. »Ich bin dir sehr dankbar dafür!«
   »Ich habe so große Angst, Jonas!«, haucht sie zurück. Sie zittert. Caro ist mit den Nerven am Ende.
   Wir lösen die Umarmung und ich nehme ihr langsam die Sonnenbrille ab. Mit schlaff hinunterhängenden Armen lässt sie es zu. Wie nach einem außer Kontrolle geratenen Schwergewichtsboxkampf sind Caros Augen zugeschwollen. Tränen laufen daraus hervor, die Pupillen kann ich nicht sehen. Diese Augen erinnern mich an überreife Pfirsiche. Ich sehe mich in der Pathologie stehen, auf Miriam blickend – die gleichen Verletzungen im Gesicht. Kopfschüttelnd ringe ich nach Worten, aber mir fällt nichts ein, nur, dass sie sofort ins Krankenhaus gehört. Sie sagt, dass sie Angst hat. Aber ich sehe bei ihr noch etwas anderes, und damit liege ich meistens richtig – sie mag nicht mehr! Sie ist des Lebens müde. Diesen Eindruck nehme ich wie ein ausgetrockneter Schwamm in mir auf. Eine weitere Motivation, Miriams Tod zu rächen, denn wer Caro das angetan hat, hat auch Miriam getötet. Diese Art der Brutalität trägt eine Handschrift. Vorsichtig setze ich ihr die Brille wieder auf, mein Blick schweift über Caros Schulter. Eine unbekannte weibliche Person betritt die Lichtung von der gleichen Stelle wie Caro zuvor und eilt rasch auf uns zu.
   »Caro, kennst du die Frau, die da kommt?«
   Sie dreht sich um. »Das ist Patrizia, meine Freundin. Du kennst sie vom Telefon.« Caro versucht, sich die Tränen abzutupfen. Es bereitet ihr Probleme, da jede Berührung in ihrem Gesicht mit einem leisen und zischenden Schmerzlaut quittiert wird.
   Patrizia kommt näher, bleibt vor uns stehen. »Ist mit dir alles in Ordnung?«
   Caro schafft es nur zu einem schniefenden Nicken.
   Patrizia und ich geben uns die Hand, und ich weiß, wir beide werden keine Freunde werden.
   »Ich gestehe, mit dieser Situation habe ich nicht gerechnet.« Ich zeige auf Caros Erscheinungsbild. Dass sie ihre unzähligen Hämatome an den Armen und am Hals nicht vor mir versteckt hat, soll mir etwas sagen. Ich denke, sie will mich testen, mich abschrecken. Sie versucht, mich von meinem Vorhaben, Miriams Mörder zu suchen, abzuhalten. Sie hat keinen Einwand erhoben, als ich ihr die Sonnenbrille vom Gesicht genommen habe, ich sollte alles sehen. Sie will, dass ich verstehe, auf was ich mich einlasse.
   Beide Frauen sind vom Alter schwierig einzuschätzen, es kommt einem Blick in die Glaskugel gleich. Sie sind schlank, durchtrainiert und mit ausladenden weiblichen Attributen versehen. Besonders bei Patrizia sind die Spuren eines anstrengenden Lebens mit Ecken und Kanten unübersehbar. Es kostet mich Überwindung, Caro anzusehen, denn mit diesen Prügeln hat sich jemand Zeit gelassen. Er wusste, wie er schlagen musste, ohne zu töten. Wer, verdammt, tut jemandem so etwas an? Und wie hält man das aus? Warum ist Caro hier und nicht im Krankenhaus? Dass sie nicht allein erscheinen wird, war mir klar. Schließlich wartet meine Rückendeckung ebenfalls auf seinen Einsatz. Vermutlich verhaut Alain gerade einen Baum, um seine überschüssige Energie abzubauen.
   »Erzähl mir, was geschehen ist, Caro!«
   Sie benötigt Zeit, um Worte zu finden, während ihre Hände nervös miteinander nesteln.
   »Irgendwas ist letzten Mittwoch schiefgegangen. Miriam und ich wurden gemeinsam für einen Job gebucht. Es sollte eine leichte Sache sein.« Caro spricht so leise, dass ich sie kaum verstehe, dabei blickt sie zu Boden. Es schmerzt sie, darüber zu sprechen. Stille Tränen laufen weiterhin ungehemmt an ihrem Gesicht hinunter, um von der Kinnspitze in das Gras zu tropfen. »Ich bin so durcheinander. Wir … wir wurden getrennt … und Miriam wollte … sie wollte doch aufhören. Es sollte ihr letzter Job sein. Jetzt … jetzt ist sie tot. Einfach nicht mehr da. Es ist so schrecklich! Wir wurden getrennt. Das war so nicht abgesprochen. Ich glaube, es sollte auch mein Ende werden – aber … ich konnte fliehen. Es war die Hölle. Ich weiß nicht, was mit Miriam geschehen ist, wo sie war. Ich weiß es einfach nicht. Ich war woanders und … und bekam Prügel … immer wieder … es hörte nicht auf. Wenn die wüssten, dass wir hier sind — o mein Gott! Wenn die mich finden, geht alles von vorn los! Ich kann nicht mehr.« Abrupt hört sie auf, ihr Kopf bewegt sich roboterhaft von rechts nach links und wieder zurück.
   Das kenne ich aus der Praxis. Ihr Unterbewusstsein schickt Bilder und Gefühle, die sich nicht in Worte packen lassen. Ihre Hände sind so ineinander verhakt, dass die Finger vor Blutleere weiß sind. Ihre Lippen zittern. Caro ist vollkommen durcheinander, und so macht das auch keinen Sinn.
   Es gelingt mir, sie anzusprechen und von diesem Brainflow zu lösen. Das Kopfschütteln hört auf. Ich überlege, den Vorschlag zu unterbreiten, beide mit zu mir nach Hause zu nehmen, um in sicherer Umgebung mehr zu erfahren. Wichtiger jedoch ist: Caro gehört in ärztliche Betreuung.
   Doch bevor ich etwas sagen kann, ergreift Patrizia das Wort. »Du hast überhaupt keine Ahnung, auf was du dich da einlässt und in welcher Gefahr wir uns befinden. Du hast sie wirklich nicht alle. Deine Fragerei führt doch zu nichts, sieh doch, was du gemacht hast!« Dabei zeigt sie auf Caro.
   Mich beschleicht die Befürchtung, dass Patrizia eine Zicke ist, denn sie geht mir jetzt schon mächtig auf die Nerven und gibt mir das Gefühl, als wäre ich für Caros Erscheinungsbild und schlechten Zustand verantwortlich. Jetzt aber ist der Psychologe gefragt, weil ich sonst an Glaubwürdigkeit verliere. »In Ordnung! Ich habe sie nicht mehr alle. Mein Vorschlag: Ihr geht nach Hause in eurer zugedachten Opferrolle und wälzt euch in Selbstmitleid und Angst. Stimmt! Was geht mich das alles an? Ihr seid Lämmer, die darauf warten, geschlachtet zu werden. Wartet nur, bis die Zeitungen wieder ein paar Zeilen über den Tod einer Hure berichten. Vielleicht bist du als Nächste dran.« Ich zeige auf Caro, danach auf Patrizia. »Oder du!«
   Patrizias Gesicht läuft vor Zorn rot an.
   »Oder eine andere Frau, von der niemand etwas wissen will, geschweige denn, dass man sie vermisst. Und das geht immer weiter, und ihr kauert in eurer Höhle, mit Angst und Ignoranz. Aber verdammt: Wir können diese unerträgliche Situation ändern. Ich weiß das, ich spüre das – und Scheiße noch mal: Wir sind das Miriam schuldig! Ich kann nicht so tun, als wäre alles gut. Nichts ist gut! Schau dich doch an, Caro. Dass du lebst, ist ein Wunder. Du musstest jetzt hier stehen, mir gegenüber. Du musst mit mir reden. Wir haben eine gemeinsame Aufgabe, und ich brauche dich dabei.« Ich benötige eine Pause, um Luft zu holen, da ich immer lauter wurde. Ja, ich weiß, Diplomatie klingt anders. Aber ich bin auch nur ein Mensch. Mit Sicherheit konnte man mich über die ganze Lichtung hören, bis in den Wald hinein. »Vielleicht aber kannst du, Caro, mir ein wenig Vertrauen entgegenbringen, genauso wie es Miriam gemacht hat, und erzählst, was geschehen ist. Es muss nicht hier sein. Wir fahren zu mir, da ist es sicher, und wir trinken einen guten Kaffee. Du brauchst medizinische Versorgung – Mensch, ich will dir doch helfen!«
   Caro hebt den Kopf, und ich spüre, auch durch ihre dunkle Sonnenbrille, dass sie mich ansieht. Ich konnte sie erreichen: 1:0 für mich. Jetzt muss nur noch der Deckel drauf, verpackt in ruhigem Ton. Ich nehme Caros Hände. »Das geht so nicht, wie ihr euch das vorstellt. Außerdem, wenn du nicht diesen Druck spüren würdest, wärst du nicht gekommen. Ob mit oder ohne deine Hilfe: Ich werde Miriams Tod rächen. Hilfst du mir, helfe ich dir!«
   »Das ist doch Bullshit!«, unterbricht mich eine vor sich her dampfende Patrizia.
   Ich würdige sie keines Blickes, sondern halte Caros Hände weiterhin sanft in meinen. Sie muss jetzt eine Entscheidung treffen: gehen oder bleiben. Doch Caros Mund sagt nichts, nur ihr Körper zittert. Ich sehe zu Patrizia, suche Augenkontakt, ohne Caros Hände loszulassen. »Verdammt, Patrizia! Du musst doch auch was wissen. Dann mach doch den Mund auf, damit ich weiß, woran ich bin. Ihr könnt mich nicht so stehen lassen.«
   Obwohl ein leichter Wind geht, rieche ich Stresshormone von uns dreien.
   »Die Nummer auf dem Parkplatz war beeindruckend, wie ich gehört habe. Diese Typen aber, die das Caro angetan haben und die für den Tod von Miriam verantwortlich sind, sind von einem ganz anderen Kaliber. Es geht um Geld, um sehr viel Geld.«
   Ich halte den Kopf schief und schaue sie an. »Ach, ehrlich? Um was soll es denn sonst gehen? Es geht immer um Geld und Macht. Ficken und Fressen: unser aller Urantrieb. Der Treibstoff der Evolution. Außerdem bin ich nicht allein auf irgendeinem Rachefeldzug!«, raune ich hart zurück.
   Patrizias Satz bewerte ich als einen mickrigen Versuch, mich umzustimmen, die Angelegenheit ruhen zu lassen. Ich will meine Beschwörung fortsetzen, da übt Caro einen beachtlichen Druck auf meine Hände aus.
   »Ich helfe dir. Ich sage alles, was ich weiß«, beendet sie die ungewisse und quälende Situation.
   Ich bin ihr unendlich dankbar, löse meine Hände, rufe Alain an und bitte ihn, zu uns zu kommen. Patrizia scheint sich mit Caros Entscheidung nicht anfreunden zu können. Während ich mit Alain spreche, redet sie auf Caro ein. Sie ist der Meinung, dass diese Nummer zu groß für einen Jonas Cilinsky ist.
   Vielleicht kann die Anwesenheit von Alain die Situation mit entspannen.
   »Komm weg hier, schnell!«, ruft Patrizia laut, noch während ich mit ihm spreche. »Das ist eine Falle!« Sie nimmt Caros rechte Hand und zieht sie hinter sich her, um in das Waldstück zu laufen, aus dem sie gekommen sind.
   Ich drehe mich in die Richtung, aus der Alain wie ein durchgeknallter Terminator auf uns zumarschiert kommt. Würde ich ihn nicht kennen, so wäre die Flucht das Mittel der ersten Wahl. Ich laufe den beiden hinterher, stelle mich ihnen in den Weg und breite die Arme aus, als wenn ich ein gescheutes Pferd beruhigen möchte. Ihre Reaktion zeigt nur, welche Angst in ihnen steckt. »Das ist Alain, mein Freund. Alles ist gut. Keine Gefahr!«
   Die Frauen beruhigen sich. Mist! Alain kann man wirklich nicht überall mit hinnehmen.
   Er kommt mit strammen Schritten auf uns zu, bleibt auf Armlänge vor Caro stehen, reicht ihr die Hand. »Bonjour les dames!« Er nimmt sein Barett vom Kopf, zollt ihr mit einer höflichen Verbeugung und einem akkurat angedeuteten Handkuss seine Aufwartung und wiederholt das Ganze bei Patrizia. Seine linke Hand befördert das Barett wieder fachmännisch auf seinen Kopf. Er sieht mich lächelnd an, nickt kurz, dann geht sein Blick zu Caro. Dieser Kerl lässt hier den charmanten Franzosen raushängen, und das mit Erfolg.
   Die Frauen sind sichtbar beeindruckt, die Panik verliert sich aus ihren Gesichtern.
   Fassungslos schüttelt Alain den Kopf. Er zeigt mit der rechten Hand auf Caro. »Wer zum Teufel hat dir das, verdammt noch mal, angetan?« Er wendet sich mir mit verständnislosem Blick zu. »Jonas! Wer macht so was? Das ist nicht normal. Die Frau gehört ins Krankenhaus, sofort! Ihr macht hier Palaver, dass man euch bis in den Wald hört, und dabei muss Caro dringend versorgt werden. Soll ich hier noch ein Zelt aufbauen, mit Gulaschkanone und Musikkapelle? Mann, diese Zivilisten! Das hier ist ein schlecht gewählter Treffpunkt, ihr seid Zielscheiben. Leute, das mache ich nicht mit. Wir fahren jetzt zu dir, Jonas, und Caro muss ins Krankenhaus.«
   Selten habe ich Alain so erlebt. So viele Worte auf einmal.
   »Ich bin damit einverstanden, zu Jonas zu fahren, aber kein Krankenhaus!« Caro sieht mich an und kommt einen Schritt auf mich zu. »In Miriams Herz konnte niemand vordringen. Du, Jonas, du schon! Sie wusste, was sie tat. Sie hat dir vertraut, ich vertraue dir.«
   Patrizia willigt mit einem stummen Nicken ein, wirkt jedoch nicht zufrieden. Ich bitte Alain um seinen Autoschlüssel und Caro, mich zu seinem Auto zu begleiten. Alain soll mit Patrizia fahren. Für einen Moment stutzt er, dann hat er mich verstanden. Ich will die Frauen trennen, sie nicht zusammen fahren lassen, damit es zu keiner Änderung des abgesprochenen Planes kommt.
   Auf dem Fußweg zurück erzähle ich Caro von Rebecca und den Hunden, damit sie weiß, was sie bei mir erwartet. Ich melde uns bei Rebecca an und bitte sie, Vorbereitungen für den Besuch zu treffen. Es ist schließlich Sonntag und Kaffeezeit. Dann darf auch, für diese Jahreszeit passend, ein erfrischender Obstkuchen nicht fehlen. Auch von Lydia erzähle ich und dass ich sie gern bei unserem Gespräch mit dabeihätte. Sie mit ihrer Lebenserfahrung und ihren tief greifenden Milieukenntnissen aus der Prostitutionsszene könnte nicht nur eine gute Zuhörerin sein, sondern vor allem eine weitsichtige Beraterin. Ich bitte Alain, abzuklären, ob das möglich wäre und jemand auf die Kinder aufpassen könnte.

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