Zwei junge Männer sterben in einem kleinen Eifeldorf sonderbare Tode: Mathias Hammes wird von einer wild gewordenen Pferdeherde erschlagen, Robert Schäfer stürzt von einem imaginären Balkon eines Neubaus. Lynn Cooks kleine Schwester, die Privatdetektivin May, verschwindet während ihrer Ermittlungen spurlos. Plötzlich ist es Lynn, die tief in den Fall eintauchen muss, um die Verstrickungen zwischen den Klöppelkriegen im Jahr 1798 und den Verbrechen von heute zu entschlüsseln. Dafür nimmt der gerissene Mörder nun Lynn ins Visier ...

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ISBN: 978-9963-53-666-5

Seiten: 247

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Jennifer Louis

Jennifer Louis
Jennifer Louis wurde im November 1967 in Duisburg geboren. Heute lebt sie mit ihrer großen Liebe gemeinsam mit ihren beiden Collies und zwei Pferden in der Nähe von Trier und liebt Geschichte und Geschichten. Ob das tägliche Blut bei der Arbeit im OP eins großen Klinkikums dazu führt, dass sie leidenschaftlich gern Krimis und Thriller schreibt, bleibt zu klären. Bislang hat sie Kriminalromane mit geschichtlichem Hintergrund unter dem Namen Ursula Pauls und Johanna Kirchen veröffentlicht, zudem eine pferdische Satire.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Abtei Schwarzenborn in der Eifel
18. Juni 1977

Die Klosterglocke läutet zur Mitternacht und erschreckt Robert fast zu Tode. Er schafft es kaum, den Knopf der kurzen Hose zu schließen, so sehr zittern ihm die Hände.
   Er hat Angst. Ärgerlich wirft er seinem Freund einen vorwurfsvollen Blick zu, weil Mathias beim Anziehen der Sandalen mit dem Ellenbogen geräuschvoll gegen das metallene Bettgestell gestoßen ist. Er hält die Luft an, horcht in die Stille des Schlafraumes. Schwacher Mondschein, der durch die Fenster schimmert, taucht den Saal in ein unheimliches Licht.
   Schließlich atmet Robert auf. Die Klassenkameraden scheinen nichts gehört zu haben. Beruhigt registriert er die gleichmäßigen Atemgeräusche und gibt Mathias lautlos ein Zeichen.
   Vorsichtig packen sie ihre Sachen in die kleinen Koffer und schleichen zur Tür. Der Junge im ersten Bett dreht sich auf die andere Seite. Robert verharrt in seiner Bewegung und bedeutet Mathias, still zu stehen. Sie warten. Alles bleibt ruhig.
   Endlich schleichen sie weiter Richtung Tür. Diese quietscht beim Öffnen, und sie zwängen sich durch einen engen Spalt, um die Tür von außen so rasch wie möglich wieder zu schließen.
   Im Flur herrscht abgrundtiefe Dunkelheit. Robert sträuben sich die Nackenhaare, er versucht, sich zu erinnern, wie weit der Weg zur Treppe ist. Sie tasten sich an der Wand entlang, bis sie den Treppenabsatz erreichen, steigen langsam Stufe um Stufe hinunter.
   Der Hauptflur im Erdgeschoss ist viel breiter und durch Säulen unterteilt. Sie angeln sich von einer zur nächsten und erkennen in der Ferne die große Eingangspforte. Das Mondlicht erleuchtet die gläsernen Fenster nur spärlich. Jetzt ist es nicht mehr weit.
   Sie laufen auf das Tor zu, um verzweifelt festzustellen, dass die Pforte verschlossen ist.
   »Mist«, flüstert Mathias, »was jetzt?«
   »Wir müssen einen anderen Weg hinaus finden«, entscheidet Robert leise, »auf keinen Fall bleibe ich hier.«
   Mathias fängt an zu weinen.
   Robert schüttelt seinen Freund unsanft am Arm. »Pst«, haucht er, »hörst du nicht?«
   Mathias wischt sich mit dem Ärmel seines Pullis über die Augen und zieht die Nase hoch. Sie horchen in die vermeintliche Stille.
   Und da, da ist es wieder.
   Jemand ist unterwegs in den dunklen Fluren des riesigen Gebäudes. Die Wände der Gänge und Treppenhäuser werfen ein unheimliches Echo der bedrohlich hallenden Schritte. Zitternd kauern sich Mathias und Robert auf die kalten Steinfliesen hinter einer Säule und verharren.
   Sie haben Glück, die Schritte entfernen sich, werden leiser und sind bald nicht mehr zu hören.
   Sie rappeln sich auf, drehen der Eingangspforte den Rücken zu. Robert nimmt Mathias an der Hand und zieht ihn in den nächsten Gang nach links. Dort sind große Fenster in die Wand eingelassen. Robert betätigt den Hebel und dankt Gott, dass sich das Fenster mühelos öffnen lässt. Er wirft einen ängstlichen Blick hinaus, es dürften etwa zwei Meter bis zum Boden sein.
   Entschlossen werfen sie ihre Koffer hinunter in den Kies und klettern nacheinander hinaus, hangeln sich ans Fensterbrett und lassen sich fallen. Sie ergreifen ihre Koffer und stürmen los.
   Endlich erreichen sie das Ende des Parks, klettern über den Zaun und verschwinden im angrenzenden Wald. Dort fallen sie sich in die Arme.
   »Wir haben es geschafft!«
   Aber bis nach Hause liegt noch ein weiter Weg vor ihnen.
   »Weißt du, wo wir lang müssen?«, fragt Mathias.
   »Ich glaub schon«, antwortet Robert und sieht sich den Sternenhimmel an.
   Er führt seinen Freund tiefer in den Wald. Das Wichtigste ist, dass niemand sie jetzt noch erwischen möge. »Ich bringe uns heil nach Hause.«
   Sie laufen stundenlang. Oft verirren sie sich oder gehen im Kreis. Müssen umkehren, um den Weg neu zu finden. Doch irgendwann, die Sonne geht bereits auf, sieht Robert im Morgendunst ein Dorf auftauchen. Er erkennt den Nachbarort an der Silhouette des Kirchturmes. Sie sind nur noch wenige Kilometer von zu Hause entfernt.
   Erst jetzt gönnt sich Robert eine Pause.
   Mathias hinter ihm keucht und stöhnt. »Seitenstechen«, murmelt er erschöpft.
   »Das alles bleibt unser Geheimnis, versprochen?«, bittet Robert und blickt seinem Freund in die Augen.
   »Aber … aber wir müssen es doch daheim sagen. Wir kriegen doch sonst Strafe, weil wir abgehauen sind, meine ich«, stammelt Mathias.
   »Also, ich sag nix, glaubt uns doch sowieso keiner«, widerspricht Robert. »Wehe, wenn du mich verrätst!«
   Mathias bleibt still und strampelt hilflos von einem Bein auf das andere. Er fängt schon wieder an zu heulen.
   »Komm, jetzt gehen wir erst mal heim«, sagt Robert und stapft weiter.

Kapitel 1
Fünfunddreißig Jahre später

Lynn streifte die Schirmmütze vom Kopf und warf die Malerrolle in den Farbeimer. »Herrgott, ich komm ja schon«, brüllte sie durch das Haus, stolperte über ein Paket Fliesen und stieß sich unsanft das Knie. Eine Unverschämtheit. Wer verdammt noch mal wagte es, um acht Uhr am Sonntagmorgen Sturm zu klingeln?
    Humpelnd hüpfte sie durch den Flur, riss die Tür auf und traute ihren Augen kaum.
   »May! Das ist aber eine Überraschung.« Lynn fiel ihrer kleinen Schwester in die Arme.
   Die Freude erhielt den ersten Dämpfer beim Blick auf eine große Reisetasche. Den zweiten, weitaus größeren, in Angesicht eines voluminösen Fellmonsters, das May zunächst um die Beine wuselte und schlussendlich zum finalen Sprung auf Lynn ansetzte, um sie mit aller Kraft zu Boden zu werfen.
   Der Aufschrei blieb Lynn im Halse stecken. »May … jetzt mach doch was, in Gottes Namen«, prustete sie schließlich hilflos unter den Fellbergen hervor und versuchte, der feuchten rosa Riesenzunge zu entkommen, die ihr gründlich das Gesicht wusch.
   »Ich wusste gar nicht, dass du so gottesfürchtig geworden bist«, meinte May lapidar und zwängte sich mit der Tasche in der Hand vorbei ins Haus. »Lass gut sein, Samson. Tante Lynn freut sich auch, dich kennenzulernen, aber nun komm runter von ihr!«, befahl May dem Hund, der sich endlich erbarmte, von Lynn abließ und seinem Frauchen hinterherhechtete.
   »Tante Lynn?« Sie schnaubte, kämpfte sich auf die Beine und starrte ihrer Schwester hinterher.
   Schnurstracks begab sich May auf den Weg zu dem einzigen komplett renovierten Zimmer des alten Hauses, knallte ihre Tasche in eine Ecke und ließ sich mit einem Seufzer auf dem Sofa nieder. Nebst Hund. »Na, Samson ist mein Baby, du bist meine Schwester, also folglich seine Tante, klar?«, erläuterte sie die verwandtschaftlichen Beziehungsverhältnisse und kraulte ihren Liebling zwischen den Ohren.
   »Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen? Nimm den Hund von der Couch! Was, bitte, hast du diesmal angestellt und was bitte, willst du hier?«
   »Wir müssen kurzfristig bei dir einziehen«, bekannte May nun kleinlauter, »ich musste Kevin verlassen und weiß nicht, wo ich sonst hinsoll. Aber du hast ja Platz genug und bist sicher froh über ein wenig Gesellschaft, jetzt, wo der arme Ben …«
   Die Erwähnung seines Namens reichte aus, um Lynns Wut verrauchen und die Eiseskälte wieder in ihr Herz zu lassen. Sie setzte sich neben May auf das Sofa und ließ den Kopf hängen. »Ben ist vor einem halben Jahr gestorben, und du hast dich seit der Beerdigung nicht blicken lassen.«
   May blickte beschämt zu Boden. »Ja, ich weiß, und es tut mir auch leid, ehrlich. Aber Kevin, na ja, ich dachte, er braucht mich und ich … ach verdammt, dieses Schwein! Ehrlich, wenn ich gewusst hätte, dass er ein solches Arschloch ist, dann hätte ich …«
   Lynn winkte ab. »Was ist passiert?«
   »Der Typ hat mich von Anfang an nur ausgenutzt und betrogen, aber das habe ich erst jetzt gecheckt. Also musste ich ihn abservieren. Blöd nur, dass es seine Wohnung war. Sonst hätte ich ihn hochkant vor die Tür gesetzt, das kannst du mir glauben. Na ja, lange Rede, kurzer Sinn, deshalb sind Samson und ich nun hier.« May lachte schon wieder und ignorierte Lynns fassungslosen Blick. »Du siehst übrigens beschissen aus, große Schwester«, gab sie eines ihrer empathischen Statements ab. »Könntest mal langsam wieder ein bisschen mehr Wert auf dich legen. Gut, dass ich jetzt da bin, um dich hochzupäppeln. Du weißt, wie ich dich um deine langen schwarzen Haare beneide.« Demonstrativ richtete May ihre Hände auf sich. »Sieh mich an, ich sehe aus wie eine Strohpuppe, die in die Steckdose gefasst hat.«
   Lynn musterte ihre Schwester und fand deren Erscheinung wie immer umwerfend. Trotz des blonden Strubbelkopfes.
   »Deine derzeitigen strähnigen Fusseln beneide ich allerdings überhaupt nicht«, ging Mays Ansprache gnadenlos weiter. »Ein bisschen Shampoo würde Wunder wirken.« Damit nicht genug, ließ May abschätzend ihren Blick an Lynns Körper hinabwandern. »Außerdem solltest du mal was essen, dünn mag ja in sein, aber du bist nicht schlank, sondern mager. Also, schön ist anders. Und dieser schlabberige Hausanzug geht gar nicht. Also echt.«
   Lynn glaubte, ihr müsste der Kopf platzen von all dem Blut, das ihr ins Hirn schoss. Eigentlich halfen bei solcher Wut im Bauch nur ihre einstudierten Yogaübungen. Eine solche Unverschämtheit!
   Zum Zelebrieren von Yoga blieb keine Zeit, also mussten Atemtechniken für kurzfristige Beruhigung unterhalb des Siedepunktes sorgen. Nach tiefem Ein- und Ausatmen fasste sich Lynn und funkelte ihre kleine Schwester an. »Ich habe bis eben eine Schirmmütze getragen, weil ich angestrichen habe. Das dürfte die platten Haare erklären. Mein alter Hausanzug ist zu dieser Tätigkeit bestens geeignet, und außerdem, was bildest du dir eigentlich ein? Soll ich wie eine Kandidatin bei Topmodel am Sonntagmorgen herumstolzieren?«, presste sie heraus. »Und wenn du ein klein wenig Gefühl im Leib hättest, würdest du auch nicht gut aussehen, wenn dein Lebenspartner vor einem halben Jahr gestorben wäre. Das würde vielleicht sogar dir auf deinen gesunden Appetit schlagen. Aber entschuldige, ich bin ungerecht, schließlich kannst du ja von echter Liebe und Beziehungen nichts wissen. Du wechselst deine Traumtypen wie die Unterhosen und fällst ständig auf die Falschen herein.«
   »Sorry«, flüsterte May. »Du hast recht. Bitte verzeih mir, war echt blöd von mir, so mit der Tür ins Haus zu fallen. Dass ich ausgerechnet zu dir so fies bin, kann nur daran liegen, dass du absolut recht hast. Ehrlich Lynn, ich bin fix und fertig mit der Welt, vor allem mit den Männern.«
   Lynns Wut verrauchte so schnell, wie sie emporgebrodelt war.
   So war es schon immer. May machte Blödsinn, und Lynn holte für sie die Kohlen aus dem Feuer. Natürlich eher sprichwörtlich, meist reichte es, konstruktive Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten, um May aus irgendeinem Schlamassel zu ziehen. Kein Wunder, dass ihre Schwester auch diesmal zu ihr gekommen war. Lynn spürte sofort den Wunsch, May beizustehen und sie vor allem Unheil zu beschützen. Am liebsten hätte sie diesem Kevin gehörig die Meinung gegeigt. Große Schwester blieb große Schwester. Sogleich schoss Lynn auch schon ein blendender Einfall ins Hirn. »Du hast doch zu Beginn deiner Ausbildung im Wohnheim der Krankenpflegeschule gewohnt. Bestimmt kannst du wieder dort einziehen. Frag doch gleich morgen mal nach.« Lynn freute sich über ihren tollen Einfall und lachte May aufmunternd ins Gesicht. Sie konnte ihr nie lange böse sein, und ein wenig hatte ihre Schwester ja auch recht.
   Sie musste wirklich versuchen, aus ihrem Loch zu kriechen, ansonsten konnte sie sich gleich die Kugel geben.
   Sie war einunddreißig und wollte kaum den Rest ihres Lebens in Trauer und Depression verbringen. Lynn musste stumm zugestehen, dass sie in der Tat keinerlei Wert mehr auf sich legte.
   May sah zum wiederholten Male betreten zu Boden. »Das geht leider nicht. Ich bin rausgeflogen.«
   »Du bist was?« Das wurde ja immer besser! Beziehungsweise schlimmer. Mit einer derartigen Katastrophe hatte sie keineswegs gerechnet und wartete ungeduldig auf Mays weitere Schuldgeständnisse.
   Beschämt klärte May sie über die Umstände auf. Das Krankenhaus hatte sie gefeuert, weil sie beim Diebstahl von Schmerz- und Schlafmitteln erwischt worden war. Natürlich hatte sie die Pillen für Kevin aus dem Medikamentenschrank der Station gestohlen.
   Lynn fühlte, wie erneut die Wut wie heiße Magna aus einem Vulkan in ihr aufstieg. Sie konnte nur den Kopf schütteln. Wie dumm konnte ihre kleine Schwester sein? »Und da hast du dir gedacht, zieh ich doch einfach zu meiner gutmütigen und doofen Schwester, die hat ja eh keine Menschen mehr auf der Welt. Aber so läuft das nicht, May.« Stöhnend betrachtete sie den Collie namens Samson, der sich auf der Couch langmachte und sich von May den behaarten Bauch kraulen ließ. »Und dieser Hund geht schon gar nicht.«
   Bevor May reagieren konnte, klingelte es erneut an der Haustür.
   »Also wenn das jetzt dein Kevin ist, raste ich aus.«
   »Keine Sorge, ich geh schon, das wird Sarah Schäfer sein«, beruhigte May sie sogleich. »Sie hat auf meine Anzeige in der Zeitung reagiert und will mich wohl engagieren. Aus diesem Grund habe ich mich mitten in der Nacht auf den Weg zu dir gemacht. Ich habe ihr deine Adresse gegeben, sie lebt nämlich zufälligerweise hier in deinem herrlich beschaulichen Bauerndorf. Du hast doch sicher nichts dagegen.«
   Lynn kam sich vor wie eine glotzende Kuh und verstand nur noch Bahnhof. »Welche Zeitungsanzeige? Welches Engagement? Welche Sarah?«
   May brüllte, während sie dem wild bellenden Collie durch den Hausflur folgte. »Stimmt, das kannst du ja nicht wissen. Ich hab mir überlegt, es mal als Privatdetektivin zu versuchen, jetzt, wo meine Schwesternkarriere futsch ist. Hat mir eh nicht gefallen, dieser dämliche Schichtdienst, dazu noch Wochenend- und Feiertagsarbeit. Und diese Sarah könnte zu meiner ersten Klientin mutieren.«
   Lynn blieben die Worte im Hals stecken. Sie konnte kaum zählen, wie viele Ausbildungen ihre kleine Schwester mit ihren vierundzwanzig Jahren bereits voller Enthusiasmus begonnen und tränenreich wieder an den Nagel gehängt hatte. Aber einer solch abstrusen Berufsvorstellung war sie bislang noch nicht aufgesessen. Privatdetektiven! Also wirklich!
   May führte ihre Besucherin ins Kaminzimmer, als wäre dies das Normalste auf der Welt. Lynn sah in die rot verheulten Augen und das aufgedunsene Gesicht der jungen Frau und beschloss, dieses Theater erst mal mitzuspielen.
   »Sorry, Sarah, in diesem Haus ist irgendwie noch nichts fertig«, konstatierte May frech und bot Sarah, die kaum älter als achtzehn sein konnte, einen Platz auf der Couch an.
   »Äh, nun ja, ich geh mal Kaffee kochen«, entschuldigte sich Lynn und zündete auf dem Weg zur Küche eine Zigarette an. Die Dosis Nikotin brauchte sie nach all der Aufregung dringend, denn ihre unbesetzten Hirnrezeptoren merkten vehement ihre Vernachlässigung an.
   »Lynn, bitte mach die Kippe im Haus aus, denk an den Hund«, rief May ihr hinterher. »Ich hab auch aufgehört mit dem Scheißrauchen, und du willst doch nicht dafür verantwortlich sein, dass der arme Samson Nasenkrebs bekommt?«
   Lynn schnaubte und konnte es nicht fassen, dass sie nach einem tiefen Zug tatsächlich prompt gehorchte und die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte. Ausgerechnet May nahm das Wort Verantwortung in den Mund, dabei konnte sie die nicht mal annähernd für sich selbst übernehmen.
   Die Kaffeemaschine spuckte mittlerweile Tasse um Tasse einer tiefschwarzen heißen Brühe aus, und Lynn servierte. Ganz Hausfrau und Gastgeberin.
   Danach setzte sie sich zu den beiden an den Tisch. Sarahs Gesichtshaut schimmerte bleich, fast blutleer, die farblosen Lippen wirkten aufgesprungen und trocken und rau wie Schmirgelpapier.
   O mein Gott, was war diesem armen Menschen passiert?
   »Bitte, du musst mir helfen«, stammelte Sarah leise und zögerlich und starrte May flehentlich ins Gesicht. »Mein … mein Vater ist … er ist bestimmt ermordet worden.« Sie sah Lynn und May abwechselnd in die Augen. »Mein Vater ist ermordet worden, aber niemand glaubt mir.«
   Sarah nippte nur an ihrem Kaffee, den dazu gereichten Keks würdigte sie keines Blickes. Seit Tagen schon könne sie fast nichts mehr essen, entschuldigte sie sich und schnäuzte in ein malträtiertes Taschentuch. Seit jenem Tag, an dem der schreckliche Unfall passiert sei. Genau heute vor einer Woche. Sie schluchzte noch heftiger.
   Lynn fühlte sich überfordert und räusperte sich umständlich. »Nun ja, also, vielleicht wollen Sie uns ja erzählen, was sich genau zugetragen hat. Heute vor einer Woche.«
   May warf ihr einen anerkennenden Seitenblick zu. »Genau, erzähl uns alles, was wichtig sein könnte!«
   Sarah wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und zog die Nase hoch. »Okay, darum bin ich ja schließlich hier, oder nicht?« Sie versuchte sich an einem Lächeln, scheiterte kläglich an dieser Herausforderung und sah von weiterer fröhlich wirkender Gesichtsmimik ab.
   Ungefragt schob Lynn der jungen Frau eine Packung Papiertaschentücher zu.
   Sarah griff danach wie nach einem Rettungsring. »Also, es war so: Letzten Mittwoch wollte mein Vater eigentlich klettern gehen. Schon lange hatte er sich auf diesen Tag gefreut. Weil er doch so selten dazu kommt. Das Klettern ist sein Hobby. Aber sein Beruf, er ist Schreiner in einer Möbelfabrik in Belgien, lässt ihm kaum Zeit. Er wollte mit einem Kollegen nach Nideggen. Da gibt es Felsen und Steinwände, die für Kletterer freigegeben sind, wenn man Mitglied im Verein ist und eine entsprechende Ausbildung absolviert hat. Und Papa konnte wirklich gut klettern. Er hat mich ein paar Mal mitgenommen, und ich durfte es an kleineren Übungswänden selbst versuchen. Das war echt cool und hat richtig Spaß gebracht.« Sarah nestelte ein Taschentuch aus der Packung und schnäuzte sich. »Und dann, nur vier Tage vor seinem Klettertermin, kam er mit haarsträubenden Ausreden, warum er nicht hingehen könne. Er hat den Termin abgesagt, und sein Kollege war tierisch sauer. Auch wir, also Mama und ich, konnten nicht verstehen, warum er auf einmal nicht mehr da hinwollte. Na ja … und dann … also an dem Tag, kam er auf einmal mit der abstrusen Ausrede, dass er die Klettertour absagen musste, weil er einem Freund versprochen habe, ihm beim Anstreichen zu helfen. Wenn ihr mich fragt, war Papa das gerade so eingefallen.
   Dieser Freund hat ein neues Haus gebaut bei uns im Dorf, oben im Neubaugebiet, das stimmt wohl. Aber Papa hatte ihm vorher auch nicht geholfen. Warum also jetzt auf einmal? Und wirklich, Papa ist schon morgens hin. Und dann … spät abends kam der Anruf. Er ist aus der Balkontür des oberen Stockwerks gestürzt. Einfach so. Also, da war noch kein Balkon, stellt euch das mal vor! Also, da war nur die Tür … und unten stand der Gartenzaun mit den spitzen Stahlenden oben …« Nun konnte sich Sarah nicht mehr halten und heulte hemmungslos. »Er … ist genau in diesen Zaun gefallen.« Sarah sah Lynn und May an, als müssten sie doch nun endlich begreifen, was geschehen war. »Er wurde regelrecht aufgespießt«, erklärte sie endlich, »und nun ist er tot.«
   Lynn bekam kein Wort heraus, aber May reagierte professionell. Anscheinend hatte sie sich in irgendeiner Weise auf ihren neuen Traumjob vorbereitet. Vermutlich hatte sie sich entsprechende Sendungen oder Realsatiren im Privatfernsehen angeschaut.
   »War jemand bei deinem Vater im Raum, als das passiert ist?«, erkundigte sich May sachlich.
   »Nein«, antwortete Sarah bestimmt, »sein Kumpel hat bei der Polizei ausgesagt, dass er im Keller war, um Bier zu holen. Und als er wiederkam, da …«
   »Aber warum ist dein Vater überhaupt durch diese Tür getreten?«
   »Na ja, es war schon dunkel. Und Papa hat geraucht. Sein Kumpel hat ausgesagt, dass sich mein Vater schon die ganze Zeit beschwert hatte, dass er in dem Neubau, wo doch noch nichts fertig war, nicht rauchen durfte. Wo soll denn da was von dem Rauch hängen bleiben, wo doch sowieso noch alles gemacht werden muss, hat er wohl gedacht. Und die Polizei hat gesagt, dass sie eine Zigarette, die noch nicht angezündet war, auf dem Boden vor dem Haus gefunden haben, mit Speichelspuren dran und auf der anderen Seite des Zauns ein Feuerzeug, das Papa beim Sturz aus den Händen gefallen sein muss.«
   »Also hatte er die Kippe bereits im Mund und das Feuerzeug in der Hand, als er durch die Tür nach draußen getreten und in Ermangelung des Balkons hinuntergestürzt ist«, fasste May zusammen.
   Lynn biss sich auf die Zunge und verkniff sich zu referieren, dass dadurch der Aussage »Rauchen kann tödlich sein« eine ganz neue Bedeutung zukam. Anscheinend schien ihr Geist aufgrund dieser furchtbaren Situation einen Fluchtweg einschlagen zu wollen. »Aber war denn an der Balkontür keine Absperrung, kein Warnhinweis oder dergleichen?«, fiel sie stattdessen kopfschüttelnd in das Gespräch ein.
   »Nein, wohl nicht«, bestätigte Sarah und griff nun doch nach dem Keks.
   »Sieht alles nach einem echt blöden Unfall aus«, meinte May mitfühlend.
   »Aber es war kein Unfall. Ich bin mir sicher. Papa hat sich in letzter Zeit seltsam benommen. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht. Bei diesem sogenannten Unfall, da hat jemand nachgeholfen. Es kann nicht anders sein.« Sarah starrte ins Leere.
   Lynn fühlte sich durch den Anblick der gebrochenen Frau an sich selbst erinnert. Genauso hatte sie dagesessen vor einem halben Jahr. Innerlich zerbrochen und fassungslos. Am Morgen hatte Ben das Kaminzimmer fertiggestellt und ihr diesen ersten Raum in seinem Traumhaus stolz präsentiert, nachdem er die ganze Nacht die Bruchsteine an der hintern Wand gereinigt und den Kamin mit Sandsteinfurnier verkleidet hatte.
   Dieses alte Bauernhaus war sein großer Traum gewesen, und er hatte sein ganzes Herzblut hineingelegt. Deshalb konnte Lynn das Haus auch nicht aufgeben, obwohl es für sie allein viel zu groß war und es zudem noch unendlich viel zu renovieren gab. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Bens Traum zu verraten, und hatte beschlossen, das alte Anwesen nicht zu verkaufen, sondern in seinem Gedenken hier wohnen zu bleiben. Sie würde es schon irgendwie schaffen. Nach und nach könnte sie alles schaffen. Zum Glück saß das neue Dach, und Ben hatte bereits vor dem Einzug die Heizanlage installieren lassen. Das Kaminzimmer entsprach genau ihren Vorstellungen, die Küche war halbwegs eingerichtet, und im Bad funktionierte das Nötigste.
   Lynn hatte sich an jenem Abend vor einem halben Jahr tierisch aufgeregt über Ben, während das Rumpsteak für ihn langsam aber sicher in der Pfanne verkohlte. Was trieb Männer nur so lange in einem Baumarkt herum?
   Irgendwann hatte das Telefon geklingelt, und Lynn hatte wutentbrannt den Hörer abgenommen, um Ben eine gehörige Standpauke zu halten.
   Aber am anderen Ende der Leitung meldete sich kein Ben. Sie hörte keineswegs die erwartete Entschuldigung von ihm. Stattdessen erklärte ihr ein mitleidig klingender Polizeibeamter, dass ihren Lebensgefährten keine Schuld traf. Der Lkw hatte beim Linksabbiegen die Vorfahrt missachtet. Ben war per Hubschrauber in ein Krankenhaus nach Trier geflogen worden, aber man habe erst am Abend seine Papiere aus dem zertrümmerten Wagen bergen können.
   Noch in derselben Nacht war Ben an seinen schweren Hirnverletzungen gestorben.
   Die Stille fühlte sich fast greifbar an.
   Lynn getraute sich kaum, zu atmen, so angespannt empfand sie die Atmosphäre. Sie schob die Gedanken an den schlimmsten Tag ihres Lebens in die hinterste Hirnkammer. Die Situation erschien ihr kaum zum Aushalten.
   Daher schickte sie ein stummes Dankgebet gen Himmel, als es erneut an der Tür klingelte. Lynn sah affektiert auf die Uhr. »Oh, ist es schon so spät? Das müssen Yannick und Niklas sein, meine Englisch-Nachhilfekinder. Tut mir leid, aber ich muss die Tür aufmachen.« Erleichtert, der schrecklichen Situation entfliehen zu können, schlich Lynn zum Flur.
   May tat ihr leid, weil sie sie allein mit diesem armen Mädchen zurücklassen musste. Aber schließlich hatte sie sich dieses Dilemma selbst eingebrockt. »Privatdetektivin«, schnaubte Lynn. May würde niemals erwachsen werden.
   Als sie den Jungs mit ihren Englischbüchern in den Händen die Tür öffnete, verspürte sie trotzdem ein gewaltiges Gefühl von Neugier. Wie sollte die Geschichte um den mysteriösen Tod von Sarahs Vater weitergehen? Und wie wollte gerade ihre chaotische Schwester diesen Fall lösen?

Kapitel 2

Mathias saß vor dem Telefon und zermarterte sich das Hirn. Geradezu krampfhaft hielt er den Hörer in der rechten Hand und starrte auf das Display. Sollte er anrufen oder nicht? Lächerlich, dachte seine rationale Seite. Überlebenswichtig dagegen seine abergläubische Hälfte.
   Niemals hätte er sich auch nur eine Spur von Gedanken gemacht, wäre nicht Robert letzte Woche …
   Wie hatte er nur auf diesen Balkon treten wollen, den es doch noch gar nicht gab? Was hatte ihn dazu getrieben, durch diese Tür in dem halb fertigen Neubau hinaus ins Dunkle zu steigen?
   Niemand im Dorf wusste von ihrer Verbindung. Niemand ahnte, was sie durchgemacht hatten, damals. Und das sollte auch so bleiben. Mit Robert hatte er seit jenen Kindertagen im Jahre 1977 nichts mehr zu tun. Robert hatte nichts mehr von ihm wissen wollen, seit er damals daheim alles ausgeplaudert hatte. Und was hatte ihm der Verrat an seinem besten Freund genützt? Was hatte ihm die Petzerei gebracht? Nichts. Nichts hatte sein Vater damals erreicht, nachdem er ihm gehörig den Hintern versohlt hatte. Alles sollte fein unter seinem Deckelchen bleiben. War auch besser so. Mathias war ehrlich gesagt froh, dass im Dorf niemand eine Ahnung hatte. Das hoffte er zumindest, denn er schämte sich immer noch.
   Und niemand im Dorf wusste, dass sie ihn aufgesucht hatten. Jetzt, nach all der Zeit. Jetzt, da er sich erdreistet hatte, in ihr Dorf zu kommen und so zu tun, als wäre nie etwas gewesen. Und niemand wusste von ihren Drohungen gegen ihn. Niemand wusste von seinem Fluch.
   Fluch. Welch lächerliches Wort! Welch abergläubisches Wort aus vergangenen dunklen Jahrhunderten, als die Menschen noch an alles glaubten. An Gott und an den Teufel. Mathias glaubte an nichts. Auch wenn er regelmäßig an jedem verdammten Sonntag im Jahr die Kirchenbank drückte und sein Sohn Messdiener spielte. Aber wer wollte schon auffallen? Es reichte, dass seine Frau nicht hinging. Durfte sie aber auch nicht, sie war schließlich evangelisch. Dieser Umstand hatte damals schon für Gerede gesorgt, als sie geheiratet hatten.
   Außerdem gab es zur Entschädigung nach der Messe den Frühschoppen und das Kartenzocken im Vereinshaus der freiwilligen Feuerwehr. Früher hatte es im Dorf noch eine Kneipe gegeben, aber die war seit Jahren geschlossen. Nicht mehr genügend Kundschaft, die Kneipenkultur in ihrem Dorf war leider ausgestorben. Das Schlafzimmer war noch nicht Lächerlich! Er würde nicht klein beigeben. Mathias beschloss, sich nicht weiter ins Bockshorn jagen zu lassen und wie ein vernünftiger Mensch zur Arbeit zu fahren. Er wollte gerade das Telefon zurück auf die Feststation legen, als ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. Die Angst überwältigte ihn. Regelrechte Todesangst. Er malte sich aus, wie es heute wäre, zur Arbeit zu fahren. Ausgerechnet heute sollten die Löwenkäfige gereinigt werden. Er war gern Tierpfleger im Zoo, liebte seine Arbeit und die Tiere, auch wenn er vor den Löwen einen gesunden Respekt hatte und einem von ihnen niemals ohne Gitter dazwischen gegenüberstehen wollte. Seit zwanzig Jahren arbeitete er im Tierpark zu Lünebach, und noch nie war etwas passiert. Also, warum ausgerechnet heute?
   Der Typ hatte Robert vorausgesagt, dass er in die Tiefe stürzen würde. Also hatte Robert die geplante Klettertour für seinen besagten Todestag abgesagt. Und dennoch war er in die Tiefe gestürzt, wenn auch nicht von einem Felshang, sondern von einem imaginären Balkon. Robert hatte dem Fluch nicht entrinnen können.
   Und er? Er wollte es besser machen. Von einer Bestie sollte er zerfetzt werden. Heute. Beherzt wählte er nun doch die Nummer seines Arbeitgebers und meldete sich krank. Brechdurchfall. Morgen könne er wieder hingehen.
   Er würde besser wegkommen als Robert. Es gab in der Eifel keine wilden und gefährlichen Tiere außer im Zoo. Er würde angeln gehen. Das war sicher. Und er müsste seiner Frau auch nichts von seinem blauen Tag erzählen. Maria war schon misstrauisch genug. Er würde einfach wie gewohnt das Haus verlassen, doch er würde nicht zur Arbeit fahren und sich in die Nähe irgendwelcher Bestien begeben.
   Mathias packte seine Angel und eine Dose Maden auf den Rücksitz. Friedvoll angeln war das Beste, was er heute unternehmen konnte. Denn dass der weiße Hai plötzlich im kleinen Flüsschen Prüm sein Unwesen treiben sollte, konnte er sich selbst in seinen kühnsten Albträumen nicht vorstellen.
   Es war noch nicht mal acht Uhr und schon unsagbar heiß. Was war das nur für ein Sommer? Erst die anhaltenden Stürme und die nachfolgende Regenperiode, nun diese fast unerträgliche Hitzewelle. Der Klimawandel, den es in den Augen der Verantwortlichen nicht gab, ließ grüßen.
   Doch eigentlich kam die Sonne Mathias gerade recht. Er verspürte einen Bärenhunger und kramte aus seiner Tasche die Pausenbrote heraus. Eigentlich sein Mittagessen. Wie immer hatte Maria sie schon abends geschmiert und liebevoll verpackt. Mathias kaute genüsslich. Die frische Luft, die Angelrute über der sanft schaukelnden Wasseroberfläche, die einlullend wirkenden Geräusche der grasenden Jungpferdeherde auf der Koppel nebenan …
   Ihm fiel das Brot aus der Hand und ins Wasser, als er urplötzlich die heranstürmenden Hufe und das schrille Wiehern hinter seinem Rücken hörte. Was war nur in die friedliche Herde gefahren?
   Er wirbelte herum.
   Sah die Tiere wie von Sinnen auf sich zu rasen. Wie hatten sie ihrer Koppel entfliehen können? Mathias wollte weglaufen, aber er wusste, dass es zu spät war. Er wusste, dass der Teufel in diese Tiere gefahren war. Sein Schicksal war besiegelt. Genau wie bei Robert. Denn er sah ihn. Er stand auf der anderen Seite der Weide und umklammerte das geöffnete Gatter mit der Hand.
   Er musste ihm gefolgt sein. Mathias war unfähig, sich zu bewegen. Er verharrte reglos. Erwartete sein Schicksal, den unausweichlichen Tod.
   »Bestie.« Das Wort verhallte auf seinen Lippen, als die kräftigen Hufe eines der steigenden Pferde wild vor seinen Kopf schlugen.

Kapitel 3

Er konnte sein Glück kaum fassen. Eigentlich hatte er nicht ernsthaft daran geglaubt. Wie kleingläubig er doch gewesen ist. Trotzdem war alles genau nach Plan verlaufen. Es gab die höhere Gewalt also doch. Und er hatte den Beweis dazu geliefert. Nun ja, er hatte ein wenig nachgeholfen. Nur, um auf Nummer Sicher zu gehen. Aber dennoch. Es hatte wirklich funktioniert!
   Genau wie bei Pastor Hubert Toskens damals. Ob er noch weiter mit dieser Macht experimentieren sollte? Besser nicht.
   Zweimal war er erfolgreich gewesen, er wollte seine Fähigkeiten und die ihm geschenkte Macht nicht überstrapazieren. Lieber dann, wenn er es noch mal ernsthaft brauchen sollte. Dann, wenn es wirklich ernst werden würde. So wie dieses Mal, als seine Existenz auf dem Spiel gestanden hatte.
   Er durfte seine Macht nicht missbrauchen. Außerdem taten ihm die unschuldigen Pferde leid. Drei von ihnen waren letztlich verendet.

Mit zitternden Fingern streichelte er das alte Buch. Dieses Buch war der einzige Beweis, falls doch noch jemand rumschnüffeln würde. Aber wie sollte sich ihr Verdacht ausgerechnet auf ihn lenken?
   Trotzdem, er musste das Buch verschwinden lassen. Nur wo? Vernichten wollte und konnte er es nicht, dazu war es viel zu wertvoll. Wenn er es irgendwo im Wald vergraben würde, könnte es Schaden nehmen und außerdem gefunden werden. Hier in seiner Wohnung konnte es auch nicht bleiben, denn man würde es natürlich sofort mit ihm in Verbindung bringen, im Falle einer Durchsuchung, die hoffentlich ausbleiben würde, aber dennoch im Rahmen des Möglichen lag. Er zermarterte sich das Hirn, und endlich durchzuckte ihn ein Geistesblitz.
   Ja, dort würde es sicher sein. Und dort konnte er es sogar immer wieder hervorholen und weiter darin studieren. Diese fantastische Idee dürfte eine Eingebung vom Höchsten selbst gewesen sein. Er rieb sich voller Aufregung die Hände. Gleich morgen würde er sich darum kümmern.
   Er sah auf den Kalender an der Wand und rechnete die Tage nach. Sie würden nicht mehr kommen.
   Niemand würde nach dieser Zeit noch kommen, um ihn zu verhören. Seit dem ersten Mal waren nun schon zwei Wochen ins Land gezogen, nach dem zweiten Mal bereits eine. Die Leichen ruhten still in geweihter Erde, und kein Hahn hatte seitdem danach gekräht. Er hatte es einfach zu perfekt angestellt, und niemand hatte Verdacht geschöpft.
   Vielleicht sollte er das Buch noch einmal lesen. Wer wusste schon, wann sich noch mal eine Gelegenheit dazu bieten würde? Denn in der ersten Zeit müsste er wohl vorsichtig agieren und sich davon fernhalten, so schwer dies auch fallen mochte. Er sah es als Prüfung und würde sich selbstverständlich fügen. Aber heute Abend, ja heute gehörte es noch ihm allein.
   Er setzte sich zurück in seinen Lehnstuhl, schaltete die Leselampe darüber ein und verlor sich schon bald in den alten Worten.

Departement der Wälder,
zu Lengscheid im September 1798

In meiner Not schreibe ich nieder, was sich zuträgt in diesen schrecklichen Zeiten. Denn niemandem kann ich mein Elend offenbaren. Und so vertraue ich meine Gedanken diesem Papier an und erzähle den Seiten, dass ich nicht feige war. Niemals habe ich Gott, unseren Herrn, verleugnet. Denn ich habe den verhassten Eid nicht abgelegt, den die Staatsdiener und auch wir Priester vor unserem Kantonskommissar zu schwören haben, um uns zur Gänze der Französischen Republik und deren Gesetzen zu unterwerfen. Alle Staatsdiener und nicht wenige Priester haben den Eid gesprochen, um weiter unbetroffen leben zu können. Viele andere und auch ich jedoch nicht. Nie könnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, mich gegen meinen Gott und gegen meine Religion zu stellen. Also gälte ich vor dem französischen Gesetz als eine eidverweigernde Person, die nur aufgrund der Gnade und des Gutdünkens des Departement-Kommissars leben und handeln darf. Bis zum Sommer dieses Jahres ließ man mich unbehelligt tätig sein, meine Gemeinde fand sich wenig eingeschränkt von den Regeln der Revolution.
   Kommissar Legier ließ uns sogar unsere Kirche besuchen und die Gottesdienste feiern.
   Doch dann wurde alles anders. Am 11. Juni trat Jaques Louis Failly die Nachfolge Legiers als Kommissar unseres sogenannten Wälderdepartements an. Mit ihm kam der Schrecken über uns. Noch genau sehe ich die Erscheinung Faillys vor mir, wenn ich mich an jenen Tag erinnere, an dem er das erste Mal über unseren Dorfplatz geschritten ist. Ich sehe seinen Hut mit weißem Rosshaarschmuck geziert, seinen dunkelgrünen Rock mit den tiefen Schößen, die gekreuzten Lederbänder vor seiner Brust und die hellen Hosen, die über die Knie hinweg reichenden Schaftstiefel aus schwarzem glänzendem Leder. Ich sehe den in der Scheide steckenden Säbel und die abgrundtief kalten blauen Augen, die mich stechenden Blickes mustern und hasserfüllt anfunkeln.
   Und ich höre seine schneidenden Worte noch heute in meinem Kopf. »Du also willst der Pfaffe dieses armen Dorfes sein und nennst dich selbst Herr über die geknechteten und unfreien Menschen. Du und deine ganze katholische Brut, ihr widert mich an!« Er hatte dabei voller Zorn zu Boden gespuckt, und ich wäre am liebsten in der Erde versunken, während er weiter lamentierte. »Ihr unterjocht die Menschen mit eurem Geschwafel und euren Verboten! Tut dies nicht, tut das, betet, sündigt, beichtet, sühnt und zahlt. Pah! Aber ich sage dir: Dein Klerus ist der schlimmste Sündenbock selbst! Seit Jahrhunderten unterdrückt er die Menschen. Auf unerträgliche Weise bestimmt die verdammte Religion deren Alltag und Leben, selbst bis über den Tod hinaus. Aber dies werde ich auszurotten wissen! Merk dir meinen Namen gut, Pfaffe und Unterdrücker der Freiheit, Sklaventreiber der Menschheit: Ich bin Jaques Louis Failly, Kommissar dieses Departements, und ich werde deinem Treiben ein Ende bereiten.«
   Nun quälen sie mich Tag um Tag. Die Revolutionssoldaten, die uns ihre Weltvorstellung, ihren Kalender, ihre Gesetze und ihren Hass gegen Gott aufdrücken wollen. Sie lassen mich nicht mehr Priester sein.
   Doch meine Gemeinde steht hinter mir. Auch sie wollen ihren Gott nicht verraten.
   Wir schreiben das Jahr 1798. Heute ist der 22. September nach unserem Kalender. Doch nun heißt dieser Tag der 1. Vendemiaire, der erste Tag des Weinmonats.
   Sie haben unsere christliche Zeitrechnung abgeschafft und unser Jahr in zehn Monate aufgeteilt. Ein Monat zählt drei Wochen von jeweils zehn Tagen, ein Tag zählt zehn Stunden, die wiederum in zwei Teile gespalten sind. Sie haben unsere christlichen Feiertage und sogar die Sonntage abgeschafft in ihrem gotteslästerlichen Revolutionskalender.
   Sie zwingen uns, ihre heidnischen Feste zu feiern, wie das Fest der Natur und des Volkes, das Fest der Weisheit, das Fest des Vaterlandes oder das Fest der Arbeit. Noch in diesem Monat haben wir das Fest des Alters zu begehen. Sie zwingen uns, diese Tage feierlich um den Freiheitsbaum versammelt, zu singen und zu tanzen. Ein solcher Freiheitsbaum steht in jedem Dorf an einem zentralen Platz. Der Stamm des Baumes ist mit Bändern in den Farben der Trikolore geschmückt und an dessen Spitze sitzt die phrygische Mütze. Bei Todesstrafe ist es verboten, diesen Baum zu schänden oder gar abzuschlagen.
   Es gibt kein Ostern mehr, kein Christi Himmelfahrt, kein Mariä Verkündigung, kein Pfingsten und kein Weihnachten für uns. Aber wir feiern unsere Feste dennoch. Heimlich und im Verborgenen, aber daher so inbrünstig wie niemals zuvor.
   Die heiligen Gefäße, die Kelche und Monstranzen, meine Messgewänder, Kruzifixe und Statuen haben sie gewaltsam aus meiner Kirche genommen und öffentlich versteigert.
   Doch ein gottesfürchtiger und reicher Mann meiner Gemeinde hat alles erworben zu einem horrenden Preis und mir heimlich zurückgegeben. Also haben wir unsere Kapelle neu eingerichtet. In der Krypta unseres Kirchenstifters Remigius Pistorius, direkt unterhalb der Kirche. Für uns ist es ein feierlicher, ja ein heiliger Ort. Auch wenn über uns in der Kirche die Pferde und Maultiere der Franzosen beherbergt sind. Sie haben meine Kirche zu einem Stall gemacht. Aber ist nicht auch unser Herr Jesu in einem Stall zur Welt gekommen? Wir gelangen durch einen geheimen Gang, der von tapferen Männern der Gemeinde gegraben wurde, in die Gruft. Der Tunnel beginnt im Gewölbekeller eines nahe liegenden Gehöftes.
   Wir haben geheime Zeiten, in denen wir uns zum Gottesdienst versammeln. Die Besatzer ahnen etwas, wir mir scheint, doch bisher haben sie uns nicht entdeckt.
   Wegekreuze und christliche Symbole haben sie abreißen lassen, alle, die sie finden konnten. Viele halten wir versteckt unter Gebüsch und Gesträuch. Das schwere Eisenkreuz auf dem Kirchhof hatten gläubige Männer mit Erbsenstroh umwickelt und so versteckt. Doch nun im Herbst war das Stroh weggefault und der Christuskörper guckte raus. Und da kam der alte Mattes zu mir und sagte: »Ich hab schon mal gesagt, der Narr guckt wieder raus.« Also habe ich das Corpus eines Nachts abgenommen und er hängt nun an einem Holzkreuz in unserer heimlichen Kapelle. Das Eisenkreuz des Friedhofs haben die Franzosen entfernt, wohl um es einzuschmelzen und neue Waffen daraus zu schmieden. Aber unserem Christus konnten sie nichts anhaben.
   Auch haben sie meine Aufzeichnungen nicht gefunden, denn ich halte sie gut versteckt. Nicht in meinem armseligen Pfarrhäuschen, welches sie viele Male durchsucht haben. Sie haben alles, was sie entdeckt haben, verbrannt. Meine kirchlichen Schriften, ja, sogar die heilige Bibel.
   Aber meine Notizen habe ich retten können, sie ruhen sicher versteckt in einem Schweinestall. Und meine Aufzeichnungen werden uns von ihnen befreien. Denn ich habe alles zusammengetragen und ordentlich studiert. Und ich werde lernen. Ich werde die Flüche erlernen, die darin beschrieben sind. Einst ausgestoßen gegen unsere heilige Kirche und nun dazu bestimmt, sie zu retten. Unsere heilige Kirche und auch uns.
   Abscheuliche Dinge. Diese Aufzeichnungen offenbaren wahrlich teuflische Dinge. Und wenn es einst vollbracht ist und dieses gottlose Gesinde von uns gewichen ist, auf jedwede Weise, dann werde ich dieses teuflische Machwerk verbrennen.
   Es ist eine schändliche Schrift. Ehemals verfasst vom ehrwürdigen Priester Pistorius, geschrieben auf Pergament vor langer Zeit. Als er beiwohnte den heiligen Prozessen gegen Hexen und Ketzern. Als er jede Silbe ihrer Aussagen protokollierte und deren Flüche, von Luzifer eingegeben, beschrieb. Jedwede Schandtat waren die Besessenen bereit zugegeben unter der peinlichen Befragung und hatten letztlich freiwillig all ihre Missetaten bis ins Kleinste gebeichtet. Ein jeder, der angeklagt in den Prozessen des Pistorius war, wurde dem Urteil Gottes unterzogen, und ein jeder starb durch das Feuer der Reinigung. Und nun habe ich all diese Seiten zusammengetragen, sorgsam kopiert und wie ein Buch gebunden.
   Und genau diese Tat nährt nun meine Angst. Würde auch ich dem Feuer übergeben werden, wenn ich die darin beschriebenen Flüche anwende?
   Aber nein. Es gab keine katholische Gerichtsbarkeit mehr, der ich anheimfallen könnte. Und selbst wenn. Ich würde die Flüche anwenden, um die Heilige Kirche zu beschützen und zu wahren. Nicht, um ihr zu schaden oder dem Satan zu dienen. Gott, nein! Ich würde sie damit erretten. Erretten von diesen Teufeln!
   Und ja, ich werde es tun. Und danach mein Gottesurteil erfahren.
   »Noch heute wirst du neben mir im Paradies sitzen.« Hatte das nicht Jesus selbst am Kreuz hängend zum Sünder neben ihm gesagt?

Kapitel 4

Angewidert drückte Lynn die Zigarettenkippe im überquellenden Aschenbecher aus und trank den letzten Schluck Kaffee aus ihrer schwarzen Lieblingstasse. May hatte schon gefrühstückt. Zum Beweis tummelten sich ein leerer Eierbecher mit verklebten Eigelbresten am Rand, eine Ladung ausgetrockneter Kakaorest in Mays rosa Bärchentasse mit der Aufschrift »Guten Morgen Schlafmütze!« und ein verkrümeltes Frühstücksbrettchen auf dem Tisch. Lynn fragte sich zum wiederholten Male, wohin ihre Schwester all die Köstlichkeiten bloß steckte. Vermutlich verbrauchte sie allein beim Atmen so viele Kalorien, dass sie trotz Nussnugatcreme stets eine sportliche Figur abgab.
   Lynn frühstückte nie, sie bevorzugte ein paar Tassen Kaffee und Zigaretten vor der Arbeit. Mit einem Stöhnen räumte sie Mays Überbleibsel in die Spülmaschine und musste schon wieder einen Anflug von Missmut unterdrücken. Seit mehr als zwei Wochen wohnte May nun hier im Haus und sie teilten sich nachts das Sofa im Kaminzimmer zum Schlafen, genauso, wie sie es vorher mit Ben getan hatte. Das Schlafzimmer war noch nicht mal fertig gestrichen und der Fliesenboden musste noch verlegt werden. An dieses Zimmer hatte Lynn sich bislang nur widerwillig herangetraut. Das Schlafzimmer für Ben und sie. Lynn konnte sich nicht vorstellen, sich jemals wohl darin zu fühlen. Aber gemeinsam mit ihrer Schwester auf der Couch wurde dieser Zustand langsam unhaltbar. Dazu der Hund, der in jeder Nacht regelmäßig und gründlich ihren Schlaf im Türrahmen liegend überwachte. Eigentlich war Samson ein lieber und süßer Typ, musste Lynn widerwillig zugeben. Sie hatte noch niemals zuvor mit einem Tier zusammengelebt und musste sich erst daran gewöhnen. Trotzdem konnte sie sich manchmal nicht beherrschen und erwischte sich immer öfter dabei, Samsons flauschiges Fell zu streicheln. Außerdem kochte sie für ihn, denn sie fand es als unnatürlich, ein Raubtier wie den Hund vegetarisch zu ernähren. Nur weil May als Vegetarierin lebte, mutete sie ihrem ansonsten ach so geliebten Samson das Gleiche zu. Ob es nun an den Streicheleinheiten oder am gebratenen Hühnchen lag, Samson schloss immer tiefere Freundschaft mit Lynn, und sie musste sich eingestehen, dass es ihr gefiel.
   May hatte für sich und ihre nähere Zukunft die perfekte Lösung parat: Sie würde sich einfach auf Lynns Dachboden häuslich einrichten. Die letzten zwei Wochen hatte sie damit zugebracht, Möbel, Tapeten, Laminat und Farbeimer anzuschleppen. An ihrem mysteriösen ersten Fall arbeitete sie bislang, wenn überhaupt, nur unmotiviert, und Lynn wartete schon gespannt darauf, was sich ihre Schwester als nächsten Traumberuf einfallen lassen würde.
   Lynn verspürte heute sowieso übelste Laune, wenn sie an ihr Tagwerk dachte. Sie musste sich unbedingt um die Einkommenssteuer kümmern, wenn sie alle Unterlagen bis zur nächsten Woche bei ihrem Steuerberater abgeben wollte. Sie arbeitete freiberuflich, was ihr außer der jährlichen stupiden Steuerarbeit ausnehmend gut gefiel. Sie hatte Englisch und Französisch studiert und dazu einen Abschluss in Altphilologie nachzuweisen. Ihr berufliches Hauptaugenmerk lag auf der Übersetzung griechischer und lateinischer Schriften für Museen und Institute weltweit. Daher konnte sie bequem von zu Hause aus arbeiten, die Aufträge flatterten aufgrund ihres Renommees per E-Mail ins Haus. Vielleicht könnte die Steuer noch einen Tag warten, überlegte sie und checkte zunächst ihr Postfach nach neuen und interessanten Aufgaben.
   Bevor Lynn ihr E-Mail Fach geöffnet hatte, ratterte das Dröhnen vom Dachboden wieder los. May schnitt offensichtlich Laminatplatten.
   Collie Samson rannte daraufhin voller Schreck wie ein geölter Blitz die Treppe hinunter und versteckte sich hinter Lynns Füßen unter dem Schreibtisch. Er hasste Lärm.
   Warum zog ihre Schwester nicht für ein paar Wochen oder von ihr aus auch Monaten zu ihren Eltern, dachte Lynn genervt. In Dads kalifornischer Heimat könnte sie sich am Pazifik entspannen und diesen dämlichen Kevin sicher besser vergessen als hier in diesem kleinen Eifeldorf, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht wünschten. Sam Cook, ihr Vater, war als amerikanischer Soldat in Spangdahlem stationiert gewesen, und er und Mama lebten seit seiner Pensionierung in den Staaten.
   Lynn stützte ihr Kinn mit beiden Händen ab und starrte auf den Monitor. Ein Museum in Österreich fragte wegen der Übersetzung einer Steintafel mit altgriechischen Schriftzeichen an. Könnte sich als interessant herausstellen, frohlockte Lynn, liebte sie doch alles Historische und hatte sich daher für genau diesen Beruf entschieden. Aber der Krach vom Dachboden erstickte jeglichen Versuch aufmerksamen Arbeitens.
   Genervt setzte Lynn in der Küche eine Kanne Entspannungstee auf und gönnte sich einen Schokoriegel.
   Nach der ersten Tasse etwas gechillter, begab sie sich zurück am Computer halbherzig daran, ein Abbild der Steintafel aus dem österreichischen Museum als Bilddatei zu öffnen. Der Computer brauchte bei der miserablen Internetleitung hier im Dorf wie immer ewig dazu. Während sie den grünen Balken auf dem Monitor anflehte, endlich voranzuschreiten, schweiften Lynns Gedanken immer wieder zu ihrer Schwester ab. Kein Wunder, hörte sie doch den Grund ihrer Grübeleien ständig auf dem Dachboden rumoren.
   Lynn verspürte den Anflug eines schlechten Gewissens. Sie hätte Mays Einzug nicht zustimmen müssen, sie hätte sie abweisen können. Aber das hatte sie nicht getan, sondern ihre kleine Schwester bei sich aufgenommen. Außerdem hegte sie Mitleid mit der Armen. May hatte wirklich geglaubt, in Kevin den Mann fürs Leben gefunden zu haben, und war schwer enttäuscht worden. Zudem hatte sie wegen des Kerls und ihrer Verblendung und Dummheit auch noch ihre Ausbildung an den Nagel hängen müssen. Medikamente klauen, also wirklich! Nur aufgrund seiner Sucht hatte dieser Kevin sich wohl mit May eingelassen, mutmaßte Lynn. Eine Schwesterschülerin musste er als ideal angesehen haben, ansonsten hätte er sie doch nicht sofort fallen gelassen, nachdem May entlassen und damit seine Bezugsquelle versiegt war. Außerdem hatte er May von Anfang an belogen und lebte eigentlich seit Jahren mit einer anderen Frau zusammen. Dies hatte sie aber erst herausgefunden, als sie ihn nach seiner Abfuhr in seiner angeblichen Studenten-WG aufgesucht hatte.
   Sicher plagten May dieselben Gedanken, und sie hatte genügend an ihren Gefühlen und Verfehlungen zu knabbern. May konnte froh sein, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber sie nicht angezeigt, sondern lediglich entlassen hatte. Andernfalls würde sie vermutlich im Gefängnis hocken. Wie hätte Lynn ihre kleine Schwester bei all diesen Problemen einfach abweisen und auf der Straße stehen lassen können?
   Jetzt konnte sie nur auf Mays Sprunghaftigkeit vertrauen und hoffen, dass ihr bald neue Ideen in den Kopf schossen. Bis es so weit war, würde sie schon durchhalten, außerdem tat es ihr auch gut, in familiärer Gesellschaft zu sein und nicht immer allein in ihren trüben Gedanken zu versinken.
   Lynn nahm noch einen Schluck Tee und besann sich darauf, dass sie ihre kleine Schwester ja eigentlich auch furchtbar lieb hatte.
   Ein höllisches Gekreische und riesiges Gepolter auf dem Dachboden ließen Lynn die letzten Gedanken überarbeiten. Sie speicherte die mittlerweile vollständige Bilddatei auf dem PC und spurtete in den Flur, um nachzusehen, was passiert war.
   Wie am Spieß schreiend stürzte May mit blutender Hand die Treppe herunter. Der rote Lebenssaft sprudelte wie ein Springbrunnen, und Mays Gesicht leuchtete weißer als die Wand. »Was hast du jetzt schon wieder angestellt?«, schrie Lynn panisch und rannte ins Bad, um ein Handtuch zu besorgen. Schnell wickelte sie Mays Hand darin ein und drückte fest zu, um die Blutung zu stoppen.

Mit einer heißen Tasse Entspannungstee aufgefüllt, aber immer noch etwas zittrig, ließ sich May die Schnittverletzung im Daumen von Lynn verbinden, während Samson interessiert zuguckte und die Blutstropfen vom Boden aufschleckte. Schniefend betrachtete May den überdimensionalen Verband und erklärte, diese todesgefährliche Säge habe sie kaltblütig angegriffen. Zum Glück hatte sich die Wunde als weitaus weniger schlimm herausgestellt als befürchtet und nur stark geblutet, sodass Lynn klarstellte, dass May aufgrund dieser Lappalie keineswegs in die Notaufnahme müsse. Sie strich ihr liebevoll das klitschnasse kurze Haar aus der Stirn.
   Sie beschloss, altgriechische Steinplatten erst mal Steinplatten sein zu lassen und May auf dem Dachboden zur Hand zu gehen. Aus deren Vorhaben würde ansonsten nie etwas werden und Ruhe könnte auf Ewigkeiten nicht wieder im Haus einziehen. Und die Steuererklärung konnte sie auch noch fünf Tage aufschieben.
   Sie kletterte die Treppe zum Dachboden hoch und besah sich kopfschüttelnd, was ihre Schwester in ihrem neuen Reich bislang auf die Beine gestellt hatte. Immerhin hatte sie es geschafft, zwei Reihen Laminat zu verlegen. Die Möbel lehnten immer noch in Kartons verpackt an der hinteren Wand, und nur ein grüner Polstersessel in Waldoptik versprach, das Einzige zu sein, was gemütlich aussah und bereits bewohnbar erschien.
   Ohne zu überlegen, befreite Lynn die Säge und herumliegende Paneele mit einem Tuch von Mays Blutspritzern und verschaffte sich einen Überblick. Dann begann sie, den Boden zu verlegen. Diese Tätigkeit war um Längen spannender, als Steuererklärungen auszufüllen. Sie maß aus, schnitt, klickte, verlegte und hatte in etwa die Hälfte des großen Raumes geschafft, als Mays gellender Schrei von unten sie wie zu Eis gefrieren ließ. Was hatte die kleine Schwester nun schon wieder angestellt? Lynn rannte hinunter.
   May hatte sich in der Zwischenzeit mit der Tageszeitung beschäftigt und schob sich ein Brötchen mit Marmelade in den Mund. Ein zweites, sehr liebevoll mit Minzeblättchen dekoriert und wohl als Dank für sie gedacht, ruhte ebenfalls auf dem Teller. May hielt demonstrativ ihre verbundene und mit Marmelade verklebte Hand in die Höhe, schob mit der anderen das Blatt kommentarlos an Lynn heran und wies auf einen Artikel. »Lynn, das musst du unbedingt lesen!«
   Angler von ausgerasteter Pferdeherde totgetrampelt
   Warum es in der Pferdeherde zu solch extremer Gewalt gegen einen Angler aus Lengscheid kommen konnte, wird derzeit labortechnisch geprüft. Eines der verendeten Tiere wird zurzeit obduziert, das Blut soll auf pathologische Veränderungen untersucht werden. Eine Frage drängt sich geradezu auf: Sind die normalerweise friedlichen Tiere vergiftet worden, oder sind sie mit chemischen Stoffen in Kontakt gekommen, die ein solches artfremdes Verhalten auslösen können?
   Wir bleiben dran und berichten weiter, sobald neue Fakten in diesem unglaublichen Fall vorliegen.
   »Schrecklich. Aber warum zeigst du mir das?«
   »Hast du den Beitrag eigentlich gelesen?«, wollte May kopfschüttelnd wissen. »Woher stammt der Mann?«
   Lynn griff erneut zur Zeitung und blinzelte angestrengt. So langsam kam sie wohl in das Alter, in dem die Arme zu kurz zum Lesen wurden. »Ich brauche eine Lesebrille«, konstatierte sie und entzifferte den Ortsnamen. »Lengscheid. Oha! Dieser schlimme Unfall hat sich in unserem Dorf ereignet?«
   »O Mann, jetzt wach endlich auf und denk mal nach!«, stöhnte May und klopfte dabei sanft mit dem Handrücken an Lynns Stirn. »Zufällig lebt auch Sarah Schäfer hier, und zufällig lebte natürlich auch ihr Vater hier, der zufällig, wie du weißt, von einem nicht vorhandenen Balkon oben im Neubaugebiet gestürzt ist. Uff.«
   »Uff«, gab Lynn verstehend zurück. »Du willst mir damit sagen, dass an Sarahs Verdacht wirklich etwas dran ist, und ihr Vater ermordet wurde?«
   »Genau das meine ich«, bestätigte May. »Überleg doch mal: Zwei mysteriöse Todesfälle im Laufe einer Woche in einem kleinen Dorf. Das sind mir ein paar Zufälle zu viel, wenn du mich fragst.«
   »Ja schon«, gab Lynn klein bei, »aber es könnten doch wirklich Unfälle gewesen sein. Jetzt überleg du doch mal: Der Vater von Sarah war definitiv allein im Raum, als er abgestürzt ist, und dieser andere Mann … ich bitte dich, wer soll denn eine Herde Pferde zu so was bringen können? Da muss sonst was passiert sein. Irgendeine Krankheit vielleicht. Oder sie haben giftige Pflanzen auf ihrer Koppel gefressen, was weiß ich?«
   »Es könnte ein Unfall gewesen sein, ja. Aber diese Geschichten klingen in meinen Ohren einfach zu seltsam, um keinen anderen Grund haben zu können. Sarah jedenfalls hat das Gefühl, dass ihr Vater ermordet wurde. Sie weiß nicht, von wem, und sie weiß nicht, weshalb. Aber trotzdem«, überlegte May mit ernstem Gesicht.
   »Du hast recht, irgendwie riecht die ganze Sache schon etwas faul. Du solltest dich vielleicht doch noch mal mit Sarah treffen und dann ernsthaft damit anfangen, an deinem ersten Fall zu arbeiten!«
   May reagierte bei dieser Vorstellung furchtbar aufgeregt und wuselte sich mit der gesunden Hand durch die kurzen Haare. »O Mann, das wäre was. Du hast recht, es wird wirklich Zeit, dass ich mich wieder bei ihr melde. Wegen all der Arbeit auf deinem alten Dachboden bin ich bisher einfach nicht nochmals dazu gekommen.«
   Lynn warf ihr einen mitleidigen Blick zu. »O ja, du hast verdammt viel geschuftet da oben«, bemerkte sie und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
   »Eben, sag ich doch«, bestätigte May und griff nach ihrem Handy auf dem Küchentisch.
   »Treffen mit Sarah ist gebongt«, sagte May nach einem kurzen Gespräch nachdenklich. »Jetzt leg ich richtig los, du wirst schon sehen. Bitte setz dich doch mal zu mir, ich will dir erzählen, was ich bislang herausgefunden habe. Ziemlich wirres Zeugs, vielleicht kannst du was damit anfangen. Es ist ja nicht so, als hätte ich noch gar nichts unternommen.«
   Lynn nahm Platz und sah ihre Schwester aufmerksam an. »Das wusste ich ja noch gar nicht, okay, schieß los!«
   »Ich war bei dem Neubau, aus dem Sarahs Vater gestürzt ist. Ich habe die Balkontür gesehen und den Zaun mit den spitzen Pfosten darunter.« May schüttelte sich. »O Mann, mir vorzustellen, wie Robert Schäfer davon aufgespießt wurde, hat mir echt das Grauen beigebracht. Der Hausbesitzer war auch da und hat mir eher missmutig die Tür geöffnet. Als ich ihm versichert hatte, dass ich von Sarah engagiert worden bin, ist er ein wenig aufgetaut. Er hat mir ziemlich kryptische Sachen erzählt. Nichts genaues, nur Andeutungen, die mir nicht weiterhelfen.« May erstummte und sah nachdenklich in den Raum.
   »Ja, und weiter?« Lynn wollte nun endlich mehr erfahren.
   »Er hat so Sachen gesagt, wie dass Robert es seit seiner Kindheit nicht leicht gehabt hätte, er wüsste das genau, denn er wäre mit ihm in einer Klasse gewesen. Irgendetwas Schlimmes muss Robert als Kind passiert sein. Aber was genau, damit ist er nicht rausgerückt.«
   »Hm«, warf Lynn ein, »so was muss doch rauszufinden sein in einem Dorf wie diesem.«
   »Eben nicht«, meinte May kopfschüttelnd. »Der Hausbesitzer behauptete, das ganze Dorf wüsste davon. Nur Robert habe nichts davon geahnt, dass alle hinter vorgehaltener Hand über ihn geredet hätten. Damals. Viele hätten ihn als Lügner beschimpft. Nur er, der Hausbesitzer und ein paar Wenige hätten noch zu ihm gehalten. Heute würde niemand mehr davon wissen wollen.«
   »Ja aber, von was denn?«, hakte Lynn nach.
   May schlug mit der gesunden Hand auf den Tisch. »Das ist es ja gerade! Er hat es mir nicht erzählt, und ich habe nicht die geringste Ahnung.«
   »Fassen wir mal zusammen«, bestimmte Lynn. »Sarahs Vater ist als Kind irgendeine schlimme Sache widerfahren. Im Dorf gab es Gerede, und Robert galt als Lügner. Ich frage mich, was damals passiert ist und vor allem, ob diese alte Geschichte mit seinem mysteriösen Tod so viele Jahre später in irgendeinem Zusammenhang steht.«
   »Du hast es erfasst«, bestätigte May kopfnickend. »Irgendwer hatte wohl mit Robert Schäfer noch eine alte Rechnung zu begleichen.«

Kapitel 5

Verdammt, warum ließen sie dieses blöde Pferd untersuchen? Sie würden doch hoffentlich nichts finden? Außer vielleicht ein wenig Adrenalin zu viel im Blut. Woher sollte er wissen, wie der Stoff wirkte, was er bewirkte? Hauptsache, es hatte geklappt.
   Aber trotzdem. Sie schienen zu ermitteln. Vermutlich nur Routine. Oder schöpften sie etwa Verdacht?
   Es war doch so ein schöner Unfalltod gewesen. Ein abstruser, zugegeben. Aber dennoch ein Unfall, offensichtlich. Verrückt gewordene Tiere eben.
   Würden sie über ihre Schnüffeleien auf ihn kommen? Aber nein, unmöglich. Es gab keinerlei Verbindung.
   Und daran, dass Roberts Tod ein Unfall war, zweifelte niemand. Das Buch war gut versteckt. Niemand würde ihm auf die Schliche kommen.
    Dennoch sollte er Buße tun. Sicher war sicher. Er öffnete die alte Schranktür, wühlte sich durch Mäntel und Jacken und fand endlich, wonach er suchte. Schon viel zu lange hatte er es nicht mehr getan.
   Er bekreuzigte sich demutsvoll. Dann griff er nach der Geißel, einem Stock, an dem neun Lederschnüre befestigt waren. Er befühlte die Nägel, die an jedem Ende einer Schur verknotet waren, und befand sie für genügend scharf. Er ging in seine Schlafkammer und kniete nieder vor dem Abbild seines Herrn.
   Aufwallende Erregung und unermessliche Vorfreude durchströmten sein Herz, als er sich das Hemd über den Kopf zog. Warum nur hatte er die Sühne so lange vernachlässigt? Er rechnete in Gedanken nach: einen Tag nach dem Tod von Mathias. Neun Tage also. Viel zu lange her!
   Er warf das Hemd in eine Ecke des kleinen Raumes und konnte es kaum noch erwarten. Der erste Schlag auf seinen von roten und wulstigen Narben überzogenen Rücken bedeutete den Beginn der Erlösung.
   Nach dem zehnten Schlag spürte er das Blut warm und sanft über seinen Rücken rinnen. Und er fühlte sich wieder als neuer Mensch. Frei und stark und vom Geist durchflossen. Er spürte absolute Erlösung und unsägliches Erbarmen. Freude der höchsten Stufe durchflutete ihn, und reiner Schweiß rann ihm von der Stirn. Er wollte weitermachen, wollte sich weiter geißeln, um das Glück noch zu steigern, aber das verdammte Telefon klingelte schon seit einer Ewigkeit. Und dann fiel es ihm ein, heute war Sonntag. Erschrocken blickte er auf die Wanduhr. Verdammt!
   Rasch griff er zum Telefon: »Ja?« Mit dem Gerät am Ohr rannte er ins Bad. »Ja, ja, ich komme schon, war in meiner Andacht … ja, sofort, ja, ich habe verstanden, die Gemeinde wartet seit fünf Minuten in der Kirche, ja, sofort …« Er legte auf und sprang unter die Dusche. Wie hatte er nur die heilige Messe vergessen können?

Kapitel 6

»Komm rein, wir gehen direkt hoch in mein Zimmer.« Sarah Schäfer deutete in Richtung einer geschlossenen Tür. »Mama ist in der Küche, sie will nicht, dass ich das tue. Bitte sei leise!«
   May schlich hinter Sarah die Treppe hinauf und kam sich vor wie ein Mädchen, das während eines Schulausflugs nachts den Jungenschlafsaal aufsucht. Auch in Sarahs Zimmer fühlte sie sich in ihre Jugendzeit zurückversetzt, als sie sich in ein zartrosa Sitzkissen knautschte. Unbehaglich sah sie sich um. Ein Himmelbett, auf dem Sarah nun kauerte, ebenfalls rosa Bettwäsche, ein kleiner, mit einem schrillen Laptop dekorierter Schreibtisch, ein Kleiderschrank aus Buchenfurnier, ein niedriges rundes Tischchen voller Bravos, Poster von Pink und Bruno Mars an der Wand.
   All das passte nicht zu Sarah, wie May sie kennengelernt hatte. Es passte nicht zusammen. Blickte sie Sarah in die Augen, musste dieses Mädchen in den letzten schlimmen Wochen um Jahre reifer geworden sein. May ließ das Gefühl nicht los, dass diesem Zimmer bald eine gehörige Veränderung bevorstand. Dieser Gedanke stimmte sie traurig. Das unbeschwerte, normale Leben dieses jungen Menschen war von einer Sekunde auf die andere zerbrochen. Sarah trauerte um ihren toten Vater, und nur zu verständlich wollte sie wissen, ob ein anderer Mensch für dessen Tod verantwortlich war. May konnte nachempfinden, wie sich Sarah fühlte. Sie sah Lynn vor sich, die sich wegen Ben vor einem halben Jahr in einer ähnlichen Situation befunden hatte. Der Lkw-Fahrer, der Ben die Vorfahrt genommen hatte und damit die Schuld an dessen Tod trug, wartete noch auf seinen Prozess. Lynn erhoffte bis heute vergeblich ein Wort der Entschuldigung. Vielleicht wäre es tröstlich gewesen, wahrscheinlich aber nicht. Wäre er nicht unachtsam von der Schnellstraße links abgebogen, wäre Ben nicht gestorben.
   May verscheuchte die schweren Gedanken mit einem Kopfschütteln und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe. Wenn sie diesen Fall lösen und abschließen könnte, so hätte sie den ersten Fuß in die Tür ihrer neuen beruflichen Existenz gesetzt.
   »Magst du mir erzählen, warum deine Mutter dich nicht dabei unterstützen will, die Wahrheit herauszufinden?«
   Und Sarah erzählte. Ihre Mutter war so sehr in ihrer Trauer versunken, dass sie nichts anderes an sich heranlassen wollte. Die Trauer verzehrte sie. Sie wollte Papa in Frieden ruhen lassen. Sie wollte nicht, dass jemand schnüffelte, sie wollte nicht, dass seine Ruhe gestört wurde. Sie wollte nicht, dass jemand ihre Trauer störte. Es war schlimm genug, und durch keine Erkenntnis der Welt würde er von den Toten auferstehen. Und deshalb wollte sie von Sarahs Gedanken und Verdächtigungen nichts hören, sie wollte nichts wissen von Mord und Todschlag, von Gewalt und Scherereien. Papa war einem schrecklichen Unfall zum Opfer gefallen, und sie haderte mit Gott, aber nicht mit anderen Menschen. Warum hätte jemand ihren Vater umbringen sollen? Was sollte er getan haben, um eine solche Tat zu provozieren? Ausgeschlossen. Niemand sollte herumschnüffeln und seine Nase in ihr Privatleben stecken. Schon gar nicht irgendeine wildfremde und dahergelaufene Frau.
   May überhörte den letzten Satz. Sarah konnte ja nichts für die Meinung ihrer Mutter. »Gibt es irgendeine Verbindung zwischen deinem Vater und diesem anderen Todesopfer?«
   Sarah krauste die Augenbrauen in Gedanken versunken und schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste. Na klar, sie kannten sich bestimmt, so wie jeder hier im Dorf jeden kennt. Aber Freunde oder so waren sie nicht, glaube ich zumindest. Papa war im Fußballklub, Altherrenmannschaft. Ob der andere dort auch Mitglied war, weiß ich nicht.«
   »Kennst du denn seinen Namen? In der Zeitung steht ja nichts.«
   »Was? Ach so, ja. Mathias Hammes.« Sarah verkroch sich immer mehr in ihrer Gedankenwelt.
   »Wie alt war dieser Mathias Hammes?« May hatte mittlerweile gedanklich einen imaginären Notizblock gezückt und war bereit, Sarahs Antworten direkt in ihre Großhirnrinde zu kritzeln.
   Sarah stützte den Kopf in beide Arme und überlegte. »Keine Ahnung«, seufzte sie, »vielleicht so alt wie Papa, vielleicht ein bisschen älter. Ich weiß es nicht.«
   »Okay«, resümierte May, »das sind wenige Anhaltspunkte, aber so ist es eben. Meinst du, ich kann die Familie von diesem Mathias Hammes befragen?« Über das Gerede von damals schien Sarah nichts zu wissen. May beschloss, es dabei zu belassen, sie wollte das Mädchen nicht zusätzlich quälen. Aber vielleicht wusste die Ehefrau von Mathias Hammes etwas.
   Sarahs obligatorisches »Keine Ahnung« folgte auf dem Fuße, dann erhob sie sich stöhnend und ging zielstrebig auf ihren Schreibtisch zu. Sie kramte herum, fand endlich ein Sparschwein in Form eines Piratenkopfes, öffnete den Verschluss und kippte den beinhalteten Schatz auf die Tischplatte. Sie kramte ein paar kleine Scheine und einige Münzen zusammen. »Hier, das ist alles, was ich habe. War eigentlich für einen Campingausflug mit meinen Freunden gedacht. Mehr kann ich nicht zahlen. Bitte finde den Mörder von Papa für mich!« Sarah ließ sich auf ihr Himmelbett fallen und heulte hemmungslos. »Ich kann einfach nicht mehr.«

Departement der Wälder,
Lengscheid, September 1798

Könnte ich die Schriften doch nur mit in mein Haus nehmen. Seit Stunden kauerte ich nun schon unter dem einzigen Lüftungsschacht des Schweinestalls. Ich musste mir nur noch diese letzten Worte einprägen und dann sehen, wie ich unbehelligt verschwinden konnte. In regelmäßigen Abständen marschierten die französischen Wachen durch die Gassen.
   Ein letztes Mal las ich die Worte des Fluches, prägte sie mir ein und wiederholte sie im Geiste. Ich hörte die festen Schritte der Wächter. Langsam zählte ich bis zehn, wickelte das Buch sanft in ein Leinentuch ein und verbarg es unter dem Futtertrog. Gebückt schlüpfte ich durch die niedrige Stalltür nach draußen. Ich sah mich um, lauschte. Aus der Ferne hörte ich die davoneilenden Schritte.
   Unentdeckt lief ich nach Hause in meine Kammer, immer wieder die Worte aufsagend, die ich gelernt hatte, denn gleich würde ich es versuchen müssen. Ich musste wissen, ob es wirkte.
   Mein Kruzifix, das ich stets um den Hals getragen hatte sowie das Kreuz in meiner Kammer hatten die Franzosen geholt. Also zeichnete ich mit Kohle ein Kreuz an die Wand über meiner Lagerstatt und kniete davor nieder. »Herr, vergib mir, was ich tun will. Doch ich tue es für Dich und jene, die Du mir anvertraut hast. O bitte, Herr, gib mir die Kraft und das Vermögen, es zu vollbringen. In Deinem Namen und für Dich. Auch wenn ich dafür die Mächte der Finsternis anrufen muss, so wisse, dass ich im wahren Herzen und Geiste nur Dein bin. Ich muss es tun, um diese Gottlosen zu vertreiben und meine Gemeinde zu befreien, auf dass sie wieder aufrecht und in aller Öffentlichkeit zu Dir beten kann. Tiefsten Dank, oh Herr. Dein ergebener Diener Hubert.« Ich atmete tief durch und schloss die Augen.
   Dann rief ich mir noch einmal die Worte, die ich zu sprechen verdammt war, in mein Gedächtnis.
   Ich trat hinaus und ging zu einer nahe gelegenen Weide. Dort grasten zwei brave Ackergäule nebst meinen drei Ziegen. Ich gab den Tieren das trockene Brot mit den darin eingedrückten schwarzen Früchten zu fressen.
   Ich wartete, und schon bald war es so weit. Die Pferde rollten mit den Augen und schäumten vor ihren Mäulern, sie zuckten mit den Gliedern und wieherten aufgeregt. Nun war es an der Zeit.
   Ich schloss die Augen und bat nochmals um Verzeihung. »Du friedliches Getier! Spüre nun die Macht in dir! Töte, was du vor dir siehst, denn ich, der Knecht der Finsternis befehle dir dies!«
   Meine Ziegen verhielten sich normal, nichts von dem irrsinnigen Wahn schien sie befallen zu haben. Doch die armen Pferde drehten vollkommen durch, schlugen mit ihren schweren Hufen auf die hilflosen Ziegen ein, bis keines der kleinen Tiere mehr am Leben war. Dann endlich war es vorbei. Die Gäule beruhigten sich und standen schwitzend, dampfend und nach Atem pumpend auf der Weide und schienen nichts mehr davon zu ahnen, welcher Schrecken in sie gefahren war.
   Mein Herz tat weh. Ich hatte meine Ziegen getötet und zu diesem Zweck die unschuldigen Pferde dem Satan anheimfallen lassen. Dennoch, mein Tun war von Erfolg gekrönt, ich hatte es geschafft.
   Ich war des Spruches mächtig. Beim nächsten Mal würden er keine Ziegen, sondern französische Soldaten treffen. Zu diesem Zweck bin ich den Bund mit dem Teufel eingegangen.
   Ich schlich in meine Kammer zurück, nahm die Geißel aus der Truhe und schlug mir vor dem Kreuze Jesu den Rücken so blutig wie niemals zuvor.

Kapitel 7

Unschlüssig kurvte May durch die Straßen des Dorfes. Bei dieser Hitze zeigte sich keine Menschenseele um die Mittagszeit draußen. Schon zum zweiten Mal fuhr sie am Haus der Familie Hammes vorbei und traute sich nicht, anzuhalten und zu klingeln. Sie würde auf eine Frau in tiefster Trauer treffen. Wie sollte sie reagieren, wenn sich Frau Hammes ebenso abweisend verhalten sollte wie Sarahs Mutter?
   May stöhnte auf. Irgendwo musste sie doch anfangen! Es gab in diesem Dorf keinen öffentlichen, neutralen Raum. Keine Kneipe, kein Geschäft, keine Arztpraxis mit Wartezimmer, in der sie Leute hätte treffen und mit ihnen reden können. Die Leihbücherei war noch geschlossen, ansonsten gab es lediglich eine Metzgerei, aber ohne Laden. Die Kunden spazierten einfach in den Schlachtraum, wenn sie etwas kaufen wollten. May war bei ihrem Besuch dort würgend wieder hinausgestolpert, nachdem sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Bottich voller flüssiger Blutwurst gesehen hatte. Wie gut, dass sie seit Jahren Vegetarierin war. Spätestens nach diesem Erlebnis hätte sie zum fleischlosen Lebensstil umgeschwenkt.
   Es blieb ihr keine andere Möglichkeit. May parkte vor dem Haus der Familie Hammes, stieg unsicher aus und betrachtete den Bau. Typisch für diese Gegend. Zweistöckig, ausladend, weiß gestrichen mit braun umrahmten Fenstern. Garten hinterm Haus, großzügige Auffahrt und Terrasse mit Vorgarten. Alles gepflegt, von der Buchsbaumhecke über die Blumenbeete bis zur Doppelgarage.
   Das Herz hämmerte May in der Brust, als sie zitternd den Finger zum Klingelknopf bewegte.
   Unmittelbar öffnete sich die doppelflügelige Glastür. Eine kleine zierliche Frau Ende dreißig, in schwarzem Hosenanzug, sah ihr in die Augen.
   »Sind Sie die Frau, die sich hier im Dorf als Detektivin niederlassen will?«, begrüßte sie May und komplementierte sie nach kurzem Handschlag ins Innere des Hauses.
   Die Dorftrommel schien hervorragend zu funktionieren, dachte May erleichtert über den positiven Empfang.
   Frau Hammes führte sie unmittelbar weiter. »Ich habe Sie schon erwartet, kommen Sie. Alles ist vorbereitet.«
   May traute ihren Ohren kaum, aber noch weniger ihren Augen, als sie ins Wohnzimmer geschleift wurde. Eine Wand des Zimmers war freigeräumt worden, ein Schrank verschoben, alle Bilder abgehangen, die großen Zimmerpflanzen aus dem Weg geschafft.
   May staunte über den Anblick einer polizeimäßig anmutenden Informationstafel des aktuellen Falls.
   Verblüfft betrachtete sie die Fotos aus vergangener Zeit. Kinderfotos, in der Art, wie auch sie welche von sich aus der Schulzeit besaß. May schloss daraus, dass Maria Hammes etwas aus der Vergangenheit der Jungs wusste.
   »Sie … Sie ermitteln schon selbst?«, fragte sie mit einem Hauch von Bewunderung in der Stimme.
   »Es macht mich ganz krank. All dieses untätige Herumsitzen, Weinen, Heulen, Nichtstun. Da hab ich das gemacht, was sie jeden Sonntag im Tatort tun«, konstatierte Maria Hammes mit entschlossenem Gesichtsausdruck. »Und ich bin froh, dass Sie da sind, ich hätte mir sonst gleich morgen Ihre Nummer von Sarah Schäfer besorgt. Das Mädchen weiß genau wie ich, dass was faul an der Sache ist. Am Bäckerauto habe ich davon gehört, dass Sarah bei Ihnen war, wissen Sie? Und sozusagen als Vorarbeit habe ich schon mal angefangen.«
   »Ich muss sagen, ich bin beeindruckt! Bitte erklären sie mir, was Sie alles zusammengetragen haben«, bat May und trat näher an die Wand heran.
   Maria Hammes folgte der Aufforderung, ohne zu zögern.
   Das erste Opfer, Robert Schäfer, war genauso alt wie ihr Mann, Mathias Hammes. Beide hatten gemeinsam die Grundschule des Dorfes besucht, die allerdings schon etliche Jahre geschlossen hatte, zwischenzeitlich als Kuhstall genutzt wurde und seit geraumer Zeit leer stand. Ob die beiden als Kinder Schulfreunde waren, wusste Maria Hammes nicht, vermutete es aber. Als Erwachsene hatten sie nichts miteinander zu tun gehabt. Befreundet waren sie jedenfalls nicht mehr gewesen. Robert war Mitglied im Fußballklub, Mathias im Musikverein. Wo konnte es eine Gemeinsamkeit, eine Verbindung zwischen den Männern geben?
   »Nur hier.« Maria wies auf ein Foto. »Dieses Bild habe ich auf dem Dachboden in einer Kiste voller alter Fotos gefunden. Ganz tief unten versteckt.«
   May betrachtete die alte Aufnahme genauer. Etwa zwanzig Kinder waren darauf zu sehen. Die Mädchen trugen wollenen Strumpfhosen, darüber Röckchen, dazu gestrickte Pullis mit kurzen Ärmeln in Rot oder Blau. Die Jungs zierten kurze Hosen, Kniestrümpfe und Sandalen, darüber einfarbige T-Shirts. Sie hockten in der ersten Reihe, die Mädchen standen schamvoll lächelnd dahinter. Am unteren Bildrand las May eine Jahreszahl: 1977. Dahinter eine Aufschrift: Kinderferienlager Abtei Schwarzenborn.
   Maria Hammes wies mit dem Finger auf den dritten Jungen von rechts. »Das ist Mathias, und das«, nun markierte sie den Jungen daneben, »ist Robert Schäfer. Können sie die krakelige Jungenschrift entziffern?«
   May trat näher an das Foto heran und blinzelte angestrengt. Mit viel Mühe konnte sie die beiden Namen unterhalb des jeweiligen Kindes lesen. Mathias und Robert. Vermutlich von Mathias Hammes selbst auf das Foto geschrieben. Wie die heimliche Botschaft eines Toten. May fuhr ein Schauder durch die Glieder.
   »Beide haben lockiges blondes Haar und gleichen sich fast wie ein Ei dem anderen, beide lachen glücklich und ulken offensichtlich miteinander«, flüsterte May gebannt.
   »Und nicht nur das«, bestätigte Maria, »sehen Sie mal genau hin. Die beiden haben sich gegenseitig die Arme um die Schultern gelegt.«
   »Stimmt, wenn man genau hinsieht, kann man die Hand des jeweils anderen auf der Schulter erkennen.« May sah Maria an. »Sie meinen also, sie waren damals dicke Freunde?«
   Maria seufzte schwer. »So sieht es für mich aus. Nach der Ferienfreizeit scheint diese wunderbare Freundschaft abrupt geendet zu haben. Ich frage mich nur, weshalb? Mathias hat niemals von Robert gesprochen. Er hat überhaupt nie aus seiner Kindheit erzählt. Mittlerweile frage ich mich, warum? Ist damals etwas passiert? Könnte das etwas mit seinem Tod zu tun haben? Ich sehe in der Gegenwart einfach keinen Grund, aber ich bin mir sicher, dass die wild gewordenen Pferde kein Zufall waren. Ich hab’s einfach im Gefühl.« Sie verbarg ein Schniefen hinter vorgehaltener Hand.
   May nickte. »Ja, damals muss etwas passiert sein. Ich habe Gerüchte um Robert Schäfer gehört, weiß aber leider nichts Genaues.«
   Entgegen Mays Erwartung blickte Maria Hammes erstaunt auf. »Davon habe ich nichts gewusst. Bei mir ist es eher eine Vermutung, eben, weil ich ansonsten keinerlei Erklärung finde.«
   Enttäuscht betrachtete May das nächste Foto. Mathias saß an einem Kinderschreibtisch mit einem Stück Kreide in der Hand und einer Tischtafel vor sich. Etwas älter. Die Haare, nun kurz geschoren, ermöglichten einen ungehinderten Blick auf seine abstehenden Ohren. Irgendetwas Abgründiges lag in seinem Blick. Seine Augen wirkten unsagbar traurig, irgendwie gebrochen. Die Unschuld des Kindes war verloren gegangen. May schwante Böses.
   »Siehst du es auch?«, flüsterte Maria.
   May registrierte, dass ihr Gegenüber einfach zum Du übergegangen war. Ihr war es nur recht.
   Was war diesem Jungen zwischen den Aufnahmen dieser so unterschiedlichen Fotos geschehen? May betrachtete noch einmal das erste Foto und schüttelte den Kopf beim Anblick von Mathias’ fröhlich glänzenden Augen. Ob es ähnliche Fotos von Robert gab? Sie musste unbedingt Sarah danach fragen.
   »Wer sind diese beiden?«, fragte sie Maria und zeigte auf die jungen Männer, die jeweils rechts und links neben den knienden Jungen am Bildrand standen.
   »Ich weiß nicht …«, sagte Maria. »Vermutlich die Betreuer. Vielleicht ist einer der beiden der Schlüssel zu allem. Ich tippe auf den hier«, meinte sie zögerlich und wies auf den Betreuer am rechten Bildrand.
   Schwarzer Anzug, kurz geschnittene dunkelblonde Haare. Und sie glaubte, tiefschwarze Augen zu erkennen.

Kapitel 8

Das Buch war gut versteckt. Dennoch fühlte er eine seltsame Unruhe und den unbändigen Drang, sich zu vergewissern, dass es im sicheren Versteck ruhte. Nicht auszudenken, wenn es jemand finden, darin herumschnüffeln und ihm auf die Schliche kommen würde.
   Von dieser Angst getrieben, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr die Dorfstraße hinunter. Am Haus von Mathias musste er vorbei, da gab es keinen Ausweg. Innerlich schmerzte es ihn, wenn er daran dachte, dass der süße Junge tot war. Tot und kalt. Verrotten würde er unter der Erde.
   Aber, ach! Mathias war nicht mehr der süße Junge von einst, tröstete er sich. Es war ein unberechenbarer und bösartiger Mann gewesen, der vor ihm gestanden und ihm gedroht hatte. Genau wie der andere. Robert. Vor wenigen Wochen. Sie waren nicht mehr die unschuldigen, süßen Geschöpfe Gottes gewesen, die so dankbar und demütig zu ihm aufgeblickt hatten.
   Er musste eine Hand vom Lenkrad nehmen, um sich die Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen, als er daran dachte, wie schön und rein die beiden als Knaben gewesen waren.
   Und dann sah er das Haus, das sein Liebling Mathias für die Weibsperson erbaut hatte, die er geheiratet hatte, und für ihre gemeinschaftliche Brut. Sein Sohn war Messdiener und auch hübsch. Der Junge ähnelte dem Mathias von früher. Aber er wusste, dass er die Finger von ihm lassen musste, wollte er nicht nochmals auffallen.
   Gott war ihm gnädig. Das Alter half. Es nahm das Feuer und den Drang. Gepriesen sei der Herr!
   Und dann rann ihm mit einem Mal kalter Schweiß von der Stirn. Was wollte dieses Weib vor Mathias’ Haus? Er kannte sie nur vom Sehen und vom Hörensagen. Diese Frau war bei der alleinstehenden Weibsperson in das alte Haus gezogen. Diese Hexe war ihm von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen mit ihren schwarzen langen Haaren, dünn und mager, und immer in schwarze Kleidung gehüllt. Außerdem hatte er sie noch niemals in der Kirche gesehen. Und nun wohnte die unmögliche Person mit den unmöglich blond gefärbten kurzen Haaren bei ihr. Wie es hieß, wollte sie Detektivin spielen. Was hatte sie in Mathias’ Haus zu suchen? Was hatte sie mit seiner Frau zu schaffen?
   Er drückte auf das Gaspedal. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er, wie sich Maria Hammes und die Kurzhaarige zum Abschied umarmten. Was hatte das zu bedeuten? Arbeiteten sie nun zusammen? Hatte Maria diese Frau engagiert, um gegen ihn zu ermitteln?
   Es wurde höchste Zeit! Irgendetwas war im Busch. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getrogen. Er musste sofort nachsehen, ob das Buch noch an Ort und Stelle weilte, denn einen anderen Beweis gegen ihn konnte es nicht geben.
   Er schlich in der Bücherei umher, als stöberte er zwischen den Regalen, um interessanten Lesestoff zu suchen. Der Frauenverein des Dorfes führte die Bücherei und stand interessierten Besuchern jeden Werktag von 14:00 bis 16:00 Uhr zur Verfügung. Außer mittwochs. Heute tat die Frau des Bürgermeisters Dienst. Er kannte Frau Milesch aus der Kirche und sie hatte ihn natürlich höflich und ehrfürchtig begrüßt.
   Wie zufällig wandelte er zu den Kinderbüchern und besah sich Bille und Zottel von Tina Caspari. Einen der vielen Bände hob er an und fand, Gott sei gedankt, sicher dahinter versteckt, sein Buch.
   Erleichtert stellte er das Kinderbuch wieder davor. Kein Kind würde seines anrühren. So ein altes, stinkendes Ding in seltsamer Sprache.
   Er grüßte die Bürgermeisterin beim Hinausgehen und ebenfalls die Frau, die gleichzeitig durch die Tür trat, mit einem höflichen »Guten Tag«. Es handelte sich um die Kurzhaarige, die eben noch Maria Hammes umarmt hatte. Was mochte ihr Besuch in der Bücherei bedeuten? War sie ihm bereits auf die Schliche gekommen und suchte nach seinem Buch? Aber das war doch vollkommen unmöglich. Woher sollte sie davon wissen?
   Sollte er nochmals hineingehen? Er musste nachsehen, in welcher Abteilung sich diese Frau herumtrieb. Aber in seinem Kopf hörte er schon das schrille Tönen der Glocke in dem Moment, in dem er über die Türschwelle treten würde. Und dann? Er sah vor seinem geistigen Auge den fragenden Blick der Bürgermeisterin. Was sollte er sagen? Er habe etwas vergessen? Aber was? Sollte er sich irgendein beliebiges Buch ausleihen?
   Nein. Viel zu auffällig. Schließlich hatte er eben erst die Bücherei verlassen. Er konnte nicht einfach wieder hineingehen, damit würde er sich nur verdächtig machen.
   In Angstschweiß gebadet, entschied er sich für den Rückzug. Der Allmächtige würde ihm beistehen. Und außerdem! Woher sollte diese Frau von seinem Buch wissen? Und auch, wenn. Wie sollte sie es finden? Es war gut versteckt.
   Sicher würde sie sich keine Kinderbücher ansehen. Dennoch warf er noch einen Blick durch die Fensterscheiben und grub schmerzhaft die Finger ineinander, als er sie nun doch ausgerechnet in der Kinderbuchabteilung entdeckte. Im Moment konnte er nichts unternehmen, ohne Misstrauen zu wecken. Schon gar nicht, wenn sie sein Buch entgegen allen Erwartungen doch finden sollte. Er musste weg von hier, und zwar so rasch wie möglich. Sie durfte keinerlei Verbindung zwischen ihm und dem Buch erahnen.
   Abrupt kehrte er der Bücherei den Rücken zu und machte sich festen Schrittes auf den Weg zur Kirche. Er brauchte frische Luft, musste sich durch einen flotten Marsch abreagieren und ließ seinen Wagen einfach stehen. Beten vor dem Altar Jesu würde ihm im Anschluss seine Ruhe zurückbringen.
   Der Marsch beflügelte ihn tatsächlich, er genoss die frische Luft und die Zeit zum Nachdenken. Wenn diese Frau irgendetwas über ihn herausgefunden hatte, so würde sie früher oder später in der Kirche auftauchen. Dort würde er sie erwarten.

Kapitel 9

Voller Neugier hatte May durch das Fenster der Leihbücherei gestiert, bevor sie sich hineingetraut hatte. Maria Hammes hatte bestätigt, dass es eine gute Idee sei, sich dort umzuhören. Die Frauen, die in der Bücherei Dienst taten, wussten meistens am besten Bescheid, was im Dorf gerade Gesprächsstoff Nummer eins war.
   Und so hatte sie diesen Mann gesehen, der wie ein Fremdkörper in der bunt dekorierten Kinderbuchabteilung herumgeschlichen war und sich verschiedene Bücher angesehen hatte.
   Ein Mann in schwarzer Kleidung und mit kurzen grauen Haaren. Sie hatte ihn sofort wiedererkannt. Eben erst hatte sie ihn auf dem Klassenfoto von Robert Schäfer und Mathias Hames gesehen, das an die Infotafel gepinnt war, die Maria so akribisch im Wohnzimmer aufgebaut hatte.
   Dieser Mann war einer der Betreuer der Klasse von Robert und Mathias gewesen. Natürlich war er viele Jahre älter als damals, aber dennoch unverkennbar. Das alte Foto steckte in Mays Hosentasche, aber sie musste es sich nicht noch einmal ansehen.
   Als May endlich ihren Mut zusammengefasst hatte und durch die Eingangstür getreten war, hatte er ihr beim Hinausgehen freundlich einen Guten Tag gewünscht, sodass sie die Gelegenheit hatte, ihm in die Augen zu blicken. Sie waren, wohl aufgrund seines fortgeschrittenen Alters, nicht mehr abgrundtief schwarz, sondern mattgrau und wirkten ausdruckslos. Dieser Mann war einer der Betreuer der Kinderfreizeit in der Abtei Schwarzenborn gewesen, damals, als Mathias Hammes und Robert Schäfer noch hellblond gelockte Jungen waren. May konnte ihr Ermittlerglück kaum fassen. Schon beim ersten Versuch hatte sie einen Volltreffer gelandet.
   Mit einem Herzschlag bis zum Hals grüßte sie die Frau am Eingang möglichst ruhig und sah sich zunächst um. Sie wanderte entlang der neusten Bestseller, historischen Romane, Regionalliteratur und Sachkundebücher, bis sie endlich zum Ziel kam: der Kinderbuchabteilung.
   Sie wusste, vor welchem Regal er verharrt hatte und traute ihren Augen kaum.
   Bille und Zottel. Der Mittelpunkt ihrer Kindheitserlebnisse literarischer Art. Die Geschichten rund um das Mädchen Bille, das natürlich aus ärmlichen Verhältnissen stammte, und ihrem bunt gescheckten Pony Zottel, das sich durch Klugheit und Frechheit auszeichnete, in kompletter Folge.
   Erstaunt stellte May fest, dass sie die letzten Bände der Reihe überhaupt nicht kannte. Sie war zu deren Erscheinungsdaten wohl aus dem Alter herausgewachsen, sich noch dafür zu interessieren. In kindlicher Nostalgie schwelgend, zog Sie Bille und Zottel, Band 6, aus dem Regal.
   Und dann sah sie das schwarze Leder, direkt hinter den Kinderbüchern versteckt. Mit plötzlich schweißnassen Händen zog sie es heraus. Uralt, war Mays erster Gedanke, als sie den Einband aufschlug. Latein, ihr nächster. Verdammt! Sie konnte kein Latein. Lynn würde es für sie übersetzen müssen.
   Ob der mysteriöse Mann nach diesem Werk gesucht hatte? Vermutlich wahrscheinlicher als nach Bille und Zottel. »Dieser Mann und dieses Buch«, murmelte sie. »Da muss es Zusammenhänge geben.« Vielleicht konnte sie in diesem alten Schinken irgendwelche Hinweise zu ihrem Fall entdecken.
   Mit einem kribbligen Gefühl im Bauch ging sie zum Empfangsschalter. »Das möchte ich gern ausleihen«, gab sie entschlossen bekannt.
   »Schön, schön. Haben Sie eine Kundenkarte?«, wollte die Dame hinter dem Tresen wissen.
   »Nein. Ich wusste nicht, dass ich eine brauche. Ich bin erst kürzlich zugezogen, müssen Sie wissen.«
   Die Dame setzte sich die Lesebrille, die an einem goldenen Kettchen hängend ihr Dekolleté dekoriert hatte, auf die Nase, und zog eine Registrierkarte und einen Füllfederhalter aus der Schublade. Beflissentlich notierte sie Mays persönliche Angaben von ihrem Personalausweis und wies ihr eine Kundennummer zu. Dann händigte sie ihr einen zusammenklappbaren Pappausweis aus und schlug das alte Buch auf.
   »Äh, noch ein Problemchen«, konstatierte sie und übersah Mays Hand, die das Buch in Empfang nehmen wollte. »Keine Registriernummer, wissen sie?«
   »Bitte?«, erwiderte May und sah der Frau zu, wie sie das Buch Seite um Seite umschlug.
   »Nun, das Buch ist in unserer Bibliothek nicht registriert. Keine Ahnung, wie es in das Regal kommt.« Nach Verständnis in Mays Augen suchend, rollte die Frau ihre eigenen. »Alles muss doch seine Ordnung haben. Na ja.« Kurzerhand zückte sie einen Stempel aus der zweiten Schublade des Schreibtisches, drehte an irgendwelchen Rädchen und drückte ihn auf die Innenseite des Buchumschlages. Dann unterschrieb sie das Ganze und blickte May freudig an. »So«, meinte sie fröhlich, »damit ist alles geregelt. Eine Woche ab heute können Sie das Buch haben, danach kostet es drei Mark, äh, Euro, Verzugsgebühren.«
   »Oh«, gab May zurück, die schon lange geschnallt hatte, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging und es mit ihrem nicht registrierten Buch etwas Besonderes auf sich haben musste. »Danke. Sagen sie mal«, fragte sie wie zufällig, »wer war eigentlich dieser Mann, der eben hier war?« Und nach der Antwort der Dame wusste May, wo sie weitersuchen musste.

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