Annas Leben ist völlig außer Kontrolle geraten. Als ambitionierte Psychotherapeutin hat sie ein Start-up zur Online-Behandlung von Depressionen gegründet. Doch ihre geldgierigen Mitgründer wollen ihr die Firma streitig machen, und ihr moderner Therapieansatz birgt ungeahnte Tücken: Ein ehemaliger Patient missbraucht die Anonymität ihres Programms und droht nun unter einem Pseudonym, sie umzubringen. Einst hatte sie seine Annäherungsversuche zurückgewiesen - jetzt will er Rache. Anna muss nun nicht nur um ihr Unternehmen kämpfen, sondern auch um ihr nacktes Überleben ...

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ISBN: 978-9963-53-980-2

Seiten: 233

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Anna Robert

Anna Robert
Anna Robert wurde 1984 im Sauerland geboren. Nach dem Abitur studierte sie in Würzburg Psychologie, bildete sich in Münster und Bern zur Psychologischen Psychotherapeutin weiter und arbeitete einige Jahre im Ruhrgebiet in ihrem Beruf. Da sie sich neben der menschlichen Psyche auch für die digitale Welt des Internets interessierte, kombinierte sie beides bei einem Abstecher in die Startup-Welt Berlins. Nach einer intensiven Zeit mit vielen Eindrücken zog es sie zurück in die Nähe ihrer Heimat nach Dortmund. Doch die gesammelten Erfahrungen regten ihre Fantasie an, und die Idee zu ihrem ersten Thriller „Der digitale Patient“, den sie neben ihrer Arbeit als Psychotherapeutin schrieb, war geboren. Wie der Zufall es wollte, erhielt sie bald die Gelegenheit, ihrer Autorentätigkeit ausgiebig nachzugehen, denn sie zog gemeinsam mit ihrem Mann nach Hawaii, wo sie sich nun voll und ganz dem Schreiben widmet. Wenn sie nicht gerade auf dem Balkon ihres Appartements im 40. Stockwerk am Computer sitzt und über Waikiki schaut, joggt sie gern um – hoffentlich nicht mehr aktive – Vulkankrater oder schaut den Surfern beim Ritt über die Wellen zu.

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1
Die digitale Couch

Mr. X.
   Das war das Pseudonym, mit dem sich der neue Patient auf der Selbsthilfe-Plattform für Depressionen angemeldet hatte.
   Obwohl Hannes, einer der angestellten Psychologen für die Betreuung der Patienten, ihm auf Nachfrage mehrmals versichert hatte, dass seine Daten sicher und seine Identität absolut geschützt und anonym seien, hatte sich der Patient geweigert, mit ihm über seine Probleme zu schreiben. Egal, wie sehr der Psychologe sich bemühte, Mr. X. fand etwas an ihm auszusetzen.
   Er schrieb außerdem, er könne sich Männern gegenüber nicht öffnen, dazu zweifele er nach dem stattgefundenen Schriftverkehr an der fachlichen Kompetenz von Hannes. Auf der Homepage habe er gelesen, dass Frau Anna Trebor, die leitende Psychologin, approbierte Psychotherapeutin sei, sie solle sich doch bitte seines Falles annehmen.
   Also übernahm Anna die Betreuung von Mr. X.

Hallo Frau Trebor,

danke dass Sie nun hier meine Ansprechpartnerin sind. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Aufwand gemacht habe, aber mit Ihrem Kollegen bin ich leider überhaupt nicht zurechtgekommen. Ich hoffe, dass das nun besser klappt.
   Ich weiß nicht so ganz, wie ich Ihnen am besten schreiben soll, da ich so etwas noch nie gemacht habe. Daher fange ich einfach mal an. Ich habe bereits das Internet nach Möglichkeiten abgesucht, aber keine passende Anlaufstelle gefunden. Um persönlich zu einer Beratungsstelle zu gehen, ist meine Angst zu groß, wie mein Gegenüber auf mich reagieren könnte. Dazu möchte ich unbedingt anonym bleiben.
   Ihr Angebot erscheint mir sicher genug, um mich melden zu können. Es ist mir absolut wichtig, dass meine Daten und mein Anliegen hier geschützt sind und nichts nach außen dringt von dem, was ich Ihnen schreibe. Ist das so? Ich habe zwar in den AGB gelesen, dass Sie der Schweigepflicht unterliegen, aber es wäre mir wohler, wenn Sie mir noch mal persönlich versichern könnten, dass Sie absolut diskret mit meinen Daten umgehen. Um eine Antwort Ihrerseits wäre ich sehr dankbar.
   Zunächst habe ich gedacht, dass es mir vielleicht schon hilft, am Programm teilzunehmen und die Module durchzuarbeiten. Ich habe mich jedoch dazu entschieden, Ihnen zu schreiben, da ich gemerkt habe, dass sich mein Anliegen nicht rein mit den Übungen zur Selbsthilfe lösen lässt. Nun hoffe ich auf Ihre Hilfe. Ehrlich gesagt, Sie sind meine letzte Hoffnung. Darf ich Ihnen schreiben?

Mr. X.

*

Hallo Mr. X.,

vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihr Vertrauen in mich. Natürlich dürfen Sie mir schreiben, und Sie dürfen gern ganz offen sein mit Ihrem Anliegen. Ihre Daten und auch Ihre Inhalte sind auf unserer Seite absolut sicher. Dazu unterliege ich als approbierte Psychologische Psychotherapeutin, wie Sie schon gelesen haben, der Schweigepflicht.
   Zur Sicherung der Qualität meiner psychologischen Arbeit bespreche ich regelmäßig die Anliegen meiner Patienten sowie meine Vorgehensweise mit Fachkollegen in Inter- oder Supervision. Dies geschieht jedoch in anonymisierter Form, d. h., es sind keine Rückschlüsse auf Ihre Person möglich. Unterstützt wird dieser Schutz noch durch die anonyme Nutzung Ihrerseits unseres Programms, sodass Ihre Identität völlig privat bleibt.
   Es ist sehr mutig, dass Sie sich trotz Ihrer Angst und der Unzufriedenheit mit meinem Kollegen an mich gewandt haben. Um Sie besser unterstützen zu können, wäre es für mich hilfreich, wenn Sie mir über Ihr Anliegen berichten. Ich würde mich sehr freuen, mehr von Ihnen zu lesen.

Viele Grüße
   Anna Trebor

Anna saß an ihrem Schreibtisch im Großraumbüro ihres Unternehmens in Berlin. Start-up nannte man ein neu gegründetes Unternehmen heutzutage, und Großraumbüro hieß neudeutsch Coworking Space. Alles musste hip sein und irgendwie wichtig klingen. Die zu neunzig Prozent männlichen Coworker schlurften betont lässig mit Turnschuhen, zerrissenen Jeans und neumodischen Männervollbärten durch den Space, tranken hippe Biobrause und verabredeten sich zum Business-Lunch mit irgendwelchen steinreichen Business-Angels, die in ihre Unternehmen investieren sollten. Anna war dieser ganze Hype egal, sie wollte lediglich ihre Arbeit machen. Und hier konnte sie das.
   Die Firma, mit der sie sich auf einen Deal eingelassen hatte, hatte ebenfalls in zahlreiche andere neu gegründete Unternehmen investiert, deren Mitarbeiter mit ihr den gemeinsamen Coworking Space nutzten. Die meisten von ihnen waren mit ihren durchschnittlich fünfundzwanzig Jahren wesentlich jünger als Anna mit ihren zweiunddreißig, außerdem männlich, hatten einen Bachelor-Abschluss an irgendeiner hippen Business-School gemacht und traten trotz ihrer spärlichen Berufserfahrung extrem selbstbewusst und von sich selbst überzeugt auf. Anna passte einfach nicht so richtig in den demografischen Durchschnitt ihrer Kollegen.
   Umso mehr freute sie sich, als um kurz vor halb eins das Gesicht von Jennifer hinter ihrem Bildschirm mit der E-Mail an ihren neuen Patienten auftauchte. »Lust auf Mittag?«, fragte sie.
   Anna nickte. Jenni war eine der wenigen weiblichen Kolleginnen und war für das Marketing von TerminFix zuständig, einem Start-up, das anbot, Termine für Dienstleistungen wie Frisörbesuche oder Autoreparaturen online zu buchen. Mit ihr verbrachte Anna gern ihre Pausen. Es gab keinen Konkurrenzdruck, und sie konnten auch mal über etwas anderes reden als die aktuellen Geschäftszahlen. Also schaltete sie ihren Computer in den Stand-by-Modus, schnappte sich ihre Handtasche und marschierte gemeinsam mit Jenni zu ihrem Lieblingscafé einen Block weiter.
   Genussvoll biss Anna in ihr Ciabatta-Brötchen. Sie war so vertieft in die Konversation mit Mr. X. gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie hungrig sie war.
   »Wie läuft’s denn so bei euch?«, fragte Jenni, die ebenfalls an einem belegten Sandwich kaute. »Gibt’s schon etwas Neues in Richtung Investment?«
   Anna schüttelte den Kopf. »Ne, aktuell nicht. Paul ist da an was dran mit einer Krankenkasse, aber so richtig voran geht es da momentan wohl nicht. Die Mühlen drehen sich einfach tierisch langsam.« Genervt verdrehte sie die Augen und rupfte mit den Zähnen ein Salatblatt aus ihrem Brötchen. Paul war der Geschäftsführer ihres Unternehmens und somit zuständig für die Finanzierung.
   »Hm,« sagte Jenni verständnisvoll und nahm einen großen Schluck aus ihrer Apfelschorle. »Sind Krankenkassen für euer Business-Modell denn die einzigen interessanten Kooperationspartner?«
   »Na ja, auf jeden Fall langfristig die sinnvollsten«, erwiderte Anna. »Wenn ein Patient eine ganz normale ambulante Psychotherapie macht, bekommt er die Kosten von seiner Versicherung erstattet. Und es wäre natürlich schön, wenn Online-Therapie ebenfalls bezahlt würde. Bisher müssen die Patienten die Nutzung unseres Programms und die E-Mail-Betreuung mit den Psychologen noch selbst bezahlen. Das ist ja total unfair gegenüber Leuten, die sich das nicht leisten können.«
   Jenni nickte. »Das stimmt. Wie bist du denn eigentlich damals auf die Idee mit der Online-Therapie gekommen?«
   »Ach, das hat sich irgendwann so entwickelt«, erzählte Anna, neigte ihren Kopf und blickte nachdenklich unter die Zimmerdecke des kleinen Cafés. »Damals habe ich noch als Psychotherapeutin in meiner Praxis gearbeitet. In den Gesprächen mit meinen Patienten habe ich oft den Wunsch gehört, dass sie auch im Alltag konkretere Anleitung haben wollten, über diese eine Therapiestunde in der Woche hinaus. Und die Arbeitsblätter, die ich den Patienten mitgegeben habe, waren einfach für viele nicht mehr zeitgemäß. Niemand will ständig Zettel und Stift mit sich herumzuschleppen. Aber das Handy ist sowieso für alle der ständige Begleiter und dazu flexibler zu nutzen als ein Blatt Papier.
   Und außerdem war mir nach ein paar Jahren im Job nach etwas Abwechslung, insofern habe ich mich einfach mal an den Computer gesetzt und ein paar Sachen entwickelt. Im Internet gibt es dafür ganz simple Programmier-Tools.«
   Sie winkte ab, als wäre das nichts Besonderes. »Tja, die Patienten haben meine kleinen mobilen Helferlein gut angenommen, und irgendwann wurde der Bedarf immer größer. Auch andere Patienten meldeten sich bei mir, die die Programme nutzen wollten, während sie monatelang auf einen Therapieplatz warteten. Allerdings kam ich dann schnell nicht mehr hinterher, die Anfragen zu beantworten, dazu tauchten immer wieder Fragen zur Handhabung auf, die das Technische überschritten, und ich wurde dem Ganzen nicht mehr gerecht. Immer mehr Menschen schrieben mir per E-Mail und schilderten mir ihren Leidensdruck, aber ich konnte es mir nicht leisten, den ganzen Tag nur unbezahlt E-Mails zu beantworten. Und weil ich den Eindruck hatte, dass aufgrund der Knappheit an Psychotherapieplätzen tatsächlich ein Bedarf an Online-Angeboten bestand, sah ich darin eine echte Möglichkeit, das Gesundheitssystem zu entlasten und Patienten zumindest eine Übergangslösung zu bieten, solange sie noch keinen Platz bei einem Therapeuten haben.«
   Jenni hob anerkennend die Augenbrauen. »Dann machst du ja was richtig Sinnvolles.«
   Anna musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Sie wollte nicht überheblich wirken, aber der Meinung war sie ebenso. Im Gegensatz zu den anderen Start-ups, die bloß einen weiteren Pizza-Lieferdienst aus dem Boden stampften, sah sie in ihrer Arbeit einen echten Sinn und Nutzen für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
   »Ein Selbsthilfe-Programm oder auch Beratung von Patienten per E-Mail ersetzt mit Sicherheit nicht die therapeutische Beziehung und die Möglichkeit, individuell auf die Komplexität der Lebenssituation eines Menschen einzugehen. Aber es ist ein Anfang für Menschen in Not«, erklärte sie. »Und erste Studien zeigen, dass Online-Interventionen ebenfalls sehr effektiv sein können, um Krankheitssymptome zu reduzieren. Mittlerweile ist das Thema auch in der Forschung angekommen, und in Amerika zum Beispiel laufen solche Angebote schon seit Jahren erfolgreich. Inzwischen hat man das auch in Deutschland verstanden, weshalb das Interesse von den Investment-Firmen an Start-ups so gestiegen ist, die sich mit Digital Health beschäftigen.«
   »Und wie kommst du mittlerweile mit Paul und Karl zurecht?«, fragte Jenni.
   Anna lachte. »Ach, du hast es doch mitbekommen, deren Mentalität ist einfach nicht meine.«
   Karl gehörte die Investment-Firma, in deren Coworking Space Anna und ihre Mitarbeiter arbeiteten, und an die Anna Anteile ihrer Firma verkauft hatte. Er hatte bereits fieberhaft nach geeigneten Start-ups gesucht, in die er investieren konnte. Schließlich gab es in Deutschland über achtzig Millionen Menschen, und laut Statistik kamen davon allein etwa zwanzig Millionen davon als potenzielle Kundschaft infrage. Klar, dass Menschen, die sich beruflich mit der Vermehrung von Geld beschäftigten, sich einen derartig lukrativen Markt nicht entgehen lassen wollten.
   Anna sollte als Psychotherapeutin jedoch ebenfalls bald feststellen, dass ökonomisch ausgebildete Professionelle anders tickten als sie. Für diese ging es nicht um faire Verhandlungen, die Würdigung von Arbeit oder Wert für das Unternehmen, beziehungsweise die zukünftige Zielgruppe. Es ging lediglich um die Vermehrung von Geld, buchstäblich auf Kosten der Gesundheit zahlreicher schwer kranker Menschen. Sie fand das abstoßend, und auch wenn die Motivationen so unterschiedlich waren, diente eine Kooperation dennoch ihrem Ziel, Menschen in Not zu helfen. Also hatte sie sich darauf eingelassen, einen Vertrag mit Karls Firma unterschrieben und einen Großteil ihrer Anteile an die Investoren abgeben müssen, doch es ging ihr nicht ums Geld. Das, was sie wollte, war möglichst vielen Menschen gleichzeitig helfen zu können, und über Karls Firma erhielt sie die Chance, Programmierer, einen Geschäftsführer und weitere Psychologen einzustellen, um ihre Vision von Gesundheitsversorgung voranzutreiben.
   Jenni zog eine Augenbraue hoch und lächelte amüsiert. »Halten sie dich immer noch für die Spaßbremse vom Dienst?«
   »Du sagst es!«, rief Anna und klopfte sich mit der Hand auf den Oberschenkel. »Die denken, nur weil ich meine Arbeit genau und das Ausmaß meiner Verantwortung ernst nehme, brauche ich zu lange für die Entwicklung der neuen Therapie-Module und bin nicht kosteneffizient. Und die glauben auch, dass ein Diplom- oder Master-Psychologe, der frisch von der Uni kommt ohne Approbation und vergleichbare Ausbildung zur Psychotherapeutin, den Job ebenso gut erledigen könnte wie ich, für bedeutend weniger Geld. Obwohl das Quatsch ist, denn ohne Weiterbildung und so direkt nach dem Studium fehlt denen völlig die Erfahrung mit den Patienten. Aber Paul und Karl kapieren das nicht und würden mich am liebsten wegrationalisieren.« Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
   Mitleidig schenkte Jenni ihr ein Lächeln. »Na ja, so ein BWL-Studium dauert eben nicht so lange. Wahrscheinlich denken die, dass ein Psychologe nach seinem Studium auch schon alles weiß und verstehen nicht, was ein approbierter Psychotherapeut noch jahrelang in einer weiteren Ausbildung gelernt haben will.« Über ihre unterschiedlichen Studiengänge und Ausbildungswege hatten sich Anna und Jenni schon öfter ausgetauscht.
   Anna zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich hast du recht. Trotzdem frustriert es mich, wenn sie mir offen ins Gesicht sagen, dass sie meinen Anteil am Unternehmen für überbewertet halten und mich im Endeffekt am liebsten loswerden würden, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Dazu setzen sie mich ständig unter Druck, schneller zu arbeiten, obwohl die Entwicklung qualitativ guter Selbsthilfe-Übungen eben ihre Zeit braucht. Und zusätzlich muss ich auch noch die ganzen Psychologen supervidieren, die mit der E-Mail-Betreuung der Patienten zum Teil echt überfordert sind, weil sie eben keine Therapie-Weiterbildung und keine Berufserfahrung haben. Da beißt sich die Katze in den Schwanz, und schuld bin trotzdem ich.« Genervt tippte sich Anna mit dem Finger an die Stirn. »Ich sage denen so oft, wir müssen mehr approbierte Therapeuten einstellen, die selbstständiger arbeiten können. Aber dann heißt es wieder, das ist zu teuer. Schnelles Unternehmenswachstum geht denen vor Qualität. Sie meinen, ich denke nicht wirtschaftlich im Sinne des Unternehmens, und ich bin sowieso verkehrt in dieser ganzen Start-up-Welt. Manchmal frage ich mich echt, wieso ich mir das jeden Tag antue.« Traurig senkte sie ihren Blick und schaute auf ihre Füße unter dem Café-Tisch.
   »Ach, Anna«, sagte Jenni seufzend und legte tröstend eine Hand auf die von Anna. »So schlimm?«
   Erneut zuckte Anna mit den Schultern und zog ihre Hand unter der ihrer Kollegin weg. Einerseits wollte sie Jenni gegenüber offen und transparent sein, andererseits hatte sie gelernt, dass man in dieser Szene besser professionell blieb und keine Schwäche zeigte. In diesem Moment bereute sie ihren kleinen Gefühlsausbruch schon wieder, denn Mitleid wollte sie nun wirklich nicht. »Ist schon gut«, erwiderte sie und versuchte, sich tapfer zu geben. »Ich weiß ja, wofür ich das alles mache, schließlich soll es den Patienten helfen. Außerdem macht mir die Arbeit an sich tierisch Spaß. Erst heute Vormittag habe ich seit Langem mal wieder persönlich die Betreuung eines Patienten übernommen, mit dem Hannes nicht klarkam. Und dieser persönliche Kontakt, das direkte Feedback und diese derart intime Beteiligung an den Entwicklungsprozessen der Patienten machen meine Arbeit eben so spannend und einmalig. Zu sehen, dass mein Programm jemandem hilft und sein Leben erleichtert. Das ist es, wofür ich mir gern jeden Tag ein Bein ausreiße und Pauls und Karls Unverschämtheiten in Kauf nehme.« Sie nickte, als wollte sie ihre eigenen Worte noch mal bestätigen.
   Jenni lächelte schief, und es lag immer noch ein mitleidiger Blick auf ihrem Gesicht. Doch sie sagte nichts. Anna wusste, dass sie ihr nichts vormachen konnte, aber vielleicht wollte Jenni auch eine gute Freundin für sie sein und sie nicht unter Druck setzen.
   »Zurück an die Arbeit?«, fragte Anna, um das Gespräch wieder in eine andere Richtung zu lenken. Jenni nickte. Auch sie hatte noch einen vollen Terminkalender für den restlichen Arbeitstag. Mit einem Coffee to go in der Hand machten sie sich wieder auf den Weg zum Büro.

Neue Nachrichten!, meldete der rot leuchtende Button in Annas Profil in ihrem Selbsthilfeprogramm. Es gab eine neue E-Mail von Mr. X.

Hallo Frau Trebor,

vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Es erscheint mir zwar etwas seltsam, Ihnen derart persönliche Dinge über mich zu schreiben, obwohl ich Sie nicht kenne. Aber vielleicht ist genau das gut so. Da Sie mir in Ihrer E-Mail versicherten, dass Sie der Schweigepflicht unterliegen, wage ich es nun, mich jemandem anzuvertrauen, mich Ihnen anzuvertrauen. Ich hoffe, ich finde die richtigen Worte.
   Eigentlich ist in meinem Leben immer alles glatt gelaufen. Ich war erfolgreich, sowohl beruflich als auch privat. Ich habe immer alles erreicht und bekommen, was ich wollte. Besonders bezüglich Frauen.
   Irgendwann jedoch passierte für mich das Unfassbare: Eine Frau, der ich signalisiert hatte, dass ich Sie attraktiv fand und ihr näher kommen wollte, lehnte mich eiskalt ab. Zunächst dachte ich einfach, sie macht es spannend und will erobert werden, nicht So-leicht-zu-Haben spielen. Dazu muss ich sagen, dass wir in einem beruflichen Kontext miteinander zu tun hatten. Ich dachte, sie will die Sache aufheizen und mit dem Tabu spielen. Anfangs hatte mich das noch total angefeuert, meinen Charme und meine Verführungskünste spielen zu lassen, doch sie wurde immer vehementer, was mich schon wunderte. So sehr hatte sich noch nie vorher eine angestellt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich wurde sauer und sprach sie darauf an, woraufhin sie mich ganz klar abgelehnt hat. Ich war völlig vor den Kopf gestoßen. Damit kann ich einfach nicht umgehen.
   Verurteilen Sie mich?

*

Hallo Mr. X.,
   
   ich danke Ihnen für Ihre Offenheit und die Schilderung Ihres Anliegens. Das haben Sie sehr gut dargestellt, und es ist sehr wichtig, um gezielt darauf eingehen zu können. Es muss eine sehr schwierige Situation für Sie gewesen sein.
   Ich verurteile Sie absolut nicht, das würde ich niemals tun. Alles, was Menschen erleben, ist menschlich. Darüber zu urteilen steht mir nicht zu. Mein Anliegen ist es, Ihren zu helfen, damit umgehen zu können, sodass es Ihnen damit gut bzw. besser geht.
   Zunächst würde ich dazu gern wissen, was Sie genau damit meinen, wenn Sie sagen, Sie können damit nicht umgehen. Was löst diese Erfahrung in Ihnen aus?

Herzliche Grüße
   Anna Trebor

*

Hallo Frau Trebor,

das ist nicht so leicht zu beschreiben, was diese Erfahrung in mir auslöst. Eine ganze Menge. Wie gesagt, als erfolgreicher Frauentyp war es für mich das erste Mal, dass ich so klar abgelehnt wurde. Im Gegensatz zu anderen Männern hatte ich es vorher nie nötig gehabt, mich mit so etwas auseinanderzusetzen.
   Ich denke, zuerst habe ich mich geschämt. Dass ich plötzlich einer von diesen anderen Männern war, einer von diesen Luschen, die nicht jede haben können. Ich hatte immer gedacht, ich wäre anders, eine Ausnahme, etwas Besonderes eben. Ich dachte, mir könnte keine widerstehen. Plötzlich kam ich mir nur noch lächerlich vor.
   Ich habe mich gefragt, was diese Frau an mir so sehr anwidern muss, dass sie trotz meiner wiederholten Annäherungsversuche – die ja bei allen anderen Frauen immer zum Ziel geführt hatten – standhaft geblieben ist, und sich nicht auf mich einlassen wollte. Wochenlang habe ich mich zu Hause eingeschlossen, bin nicht mehr zu meiner Arbeit gegangen, obwohl ich sonst ein Workaholic bin. Von nichts kommt nichts, und wie gesagt, ich bin beruflich sehr erfolgreich.
   Plötzlich war mir alles egal, ich habe mir mit allem, was ich finden konnte, die Birne zugedröhnt, um diesen unerträglichen Schmerz zu betäuben. Ich wollte diese Schmach einfach nicht wahrhaben. Für einen Moment habe ich sogar überlegt, mich umzubringen.
   Meine Kumpels hatten sich schon Sorgen um mich gemacht, da sie es nicht gewohnt waren, so lange nichts von mir zu hören, gemeinsam ins Fitnessstudio zu gehen oder die Klubs unsicher zu machen. Aber ich konnte doch keinem von ihnen erzählen, die mich immer so für meine Unfehlbarkeit bewunderten, dass ich plötzlich nur noch eine Lachnummer war!
   Dann habe ich gedacht: Was, wenn an mir gar nichts falsch ist, sondern der Fehler bei dieser Frau liegt? Also überprüfte ich meine Hypothese, ging wieder arbeiten, war natürlich wie gewohnt erfolgreich und eroberte eine Frau nach der nächsten. Sie lagen mir regelrecht zu Füßen. Ich hatte so viel Sex wie nie zuvor in meinem Leben. Das war für mich der Beweis, dass es an der Frau lag und nicht an mir. Offenbar tickte die nicht richtig.
   Einerseits war ich erleichtert, andererseits hatte ich plötzlich diese unbändige Wut. Ich konnte es kaum fassen, wie herabwürdigend sie mich behandelt hatte. Dass ich mich ihretwegen so schlecht gefühlt und meine Karriere vernachlässigt hatte. Dass ich wegen dieser einen blöden Frau tatsächlich an mir gezweifelt hatte! Mittlerweile hat sich die Wut regelrecht in Hass gesteigert. Purer Hass, dazu Verabscheuung. Diese Frau widert mich nur noch an. So sehr, dass ich manchmal Angst vor mir selbst habe …

Ach herrje, dachte Anna, ein gekränkter Narzisst. Kein Wunder, dass er mit ihrem männlichen Kollegen nicht klargekommen war. Nun, dann würde sie sich eben selbst kümmern um diesen geheimnisvollen Mr. X., der so viel Wert auf Anonymität legte. Es war nachvollziehbar, dass er nicht erkannt werden wollte, wenn er derart viel Angst davor hatte, in seiner Unfehlbarkeit enttarnt zu werden.
   Auch war es aus psychologischer Sicht nachvollziehbar, dass er, um sein erfolgreiches Selbstbild aufrechterhalten zu können, lieber diese Frau abwertete und an seinem »Versagen« für schuldig erklärte, anstatt sich mit den eigenen Schwächen auseinanderzusetzen. Gefühle wie Wut und Hass auf jemand anderes waren für die meisten Menschen leichter auszuhalten als Scham. Diese Scham musste ganz schön intensiv gewesen sein, wenn er deswegen sogar an Suizid gedacht hatte.
   Für sie was so etwas schwer nachzuvollziehen. In ihrer Arbeit als Psychotherapeutin hatte sie Hunderte verschiedener Menschen mit verschiedenen Schicksalen kennengelernt. Viele waren Opfer von irgendetwas gewesen, von Vergewaltigungen, von Krieg, Betrug, Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch. Diese Menschen hatten häufig viel erlebt, was für Menschen, die ein normales Leben führten, unvorstellbar war.
   Anna bewunderte ihre Patienten oft. Wenn sie selbst mal einen schlechten Tag hatte, oder wenn einer ihrer Kollegen sie nervte, dachte sie: Das ist alles nichts gegen das Leid und Elend, was meine Patienten zum Teil erleben mussten. Ich habe ein Dach über dem Kopf, jeden Tag zu Essen und zu Trinken, bin gesund, habe liebe Menschen in meinem Leben, lebe in Sicherheit und frei von Gewalt und Angst. Es geht mir gut!
   Es half ihr, um sich zu erden und ihre Probleme zu relativieren. Bevor sie Psychotherapeutin geworden war, hatte sie sich über vieles schnell geärgert und aufgeregt. Heute dachte sie, es gab Schlimmeres. Das machte sie gelassener. Sie fand es unsinnig, emotionale Energie für Dinge zu verschwenden, die übermorgen nicht mehr wichtig waren.
   Mr. X. machte quasi genau das Gegenteil. Anstatt sich zu freuen, dass in seinem Leben immer alles glatt gelaufen und es ihm so gut gegangen war, stellte er wegen dieses einen Vorfalls komplett alles infrage, sogar ob er sein Leben mit diesem »Makel« als lebenswert empfand.
   Wie radikal, ein typisches Beispiel für Schwarz-weiß-Denken: Entweder es lief alles perfekt, oder es war alles schlecht. Das würde eine Menge Arbeit bedeuten. Sie durfte ihn bloß nicht kränken.
   Als sie sich gerade daranmachen wollte, Mr. X. eine wohlüberlegte Antwort auf seine für ihn ungewohnte Offenlegung seines Gefühlserlebens zu schreiben, tauchte Paul, der CEO ihres Start-ups, plötzlich hinter ihrem Computerbildschirm auf. Wie es in der Branche üblich war, trug er zur Jeans weiße Turnschuhe und einen dunkelblauen Blazer über einem Holzfällerhemd. Casual chic lautete der Dresscode in der Start-up-Szene.
   Paul war auf den ersten Blick ein liebenswertes Kerlchen. Auch er hatte sich der aktuellen Mode unterworfen und trug einen Vollbart, der gute zwei Drittel seines runden, pausbackigen Gesichts verdeckte. Aus dem Gestrüpp an hellbraunen Haaren lugten zwei blaugrüne Augen hervor, die an den meisten Vormittagen gerötet und zugeschwollen waren. Er war absolut kein Morgen-Typ. Lieber ging er abends mit den Gründern der anderen Start-ups noch auf einen After-Work-Drink aus und quatschte über die neuesten Entwicklungen oder seinen letzten Kurztrip nach London oder Madrid. Da er – ebenfalls branchenüblich – wenig Urlaub nahm, flog er gern mal am Wochenende mit seiner Freundin kurzfristig irgendwohin. Ein scheinbar angenehmer Zeitgenosse, der immer unterhaltsame Anekdoten aus seinem aufregenden Leben zu erzählen hatte, und dem der Small Talk leicht über die Lippen ging.
   Doch sobald man mit ihm nicht einer Meinung war, konnte es unangenehm werden. Besonders, wenn es sich um unternehmerische Belange drehte, spielte er seine Macht gern aus und setzte auf Teufel komm raus seine Interessen durch – selbst, wenn diese noch so unsinnig waren. Aber darum ging es nicht, sondern um Macht und Status. Und Geld natürlich, denn es ging immer irgendwie ums Geld.
   »Na, wie sieht’s aus?«, fragte er und lehnte sich über Annas Schreibtisch. »Hast du das Wording für die neuen Übungen gegen Konzentrationsstörungen fertig, damit ich es Jonas geben kann?«
   Jonas war Leiter der IT, der Annas Wording – neudeutsch für Texte in den Übungen – in den Programmiercode einarbeitete, damit die Übungen von den Patienten interaktiv auf der Webseite nutzbar waren. Anna verdrehte innerlich die Augen, sowohl über den Begriff »Wording« als auch darüber, dass Paul ihr schon wieder Druck machte.
   »Noch nicht ganz«, antwortete sie. »Ich musste einen schwierigen Patienten von einem der Psychologen übernehmen, der recht aufwendig zu sein scheint. Dem muss ich erst noch eine E-Mail schreiben, danach setze ich mich wieder an das Programm.« Sie ärgerte sich, wie ein kleines Schulmädchen vor Paul Rede und Antwort stehen zu müssen.
   Paul schnaubte genervt. »Anna, das muss schneller gehen! Du weißt doch, dass wir eine Deadline haben!« So schnell wollte er offenbar nicht lockerlassen.
   »Gib Jonas doch die Übungen zum Aufbau von Selbstwert, die ich neulich noch als Ergänzung entwickelt habe. Die fliegen seit Wochen ungenutzt hier herum«, erwiderte sie ebenfalls genervt und deutete auf den Stapel Papier mit Übungen hin, der neben ihr auf dem Schreibtisch lag.
   Paul seufzte. »Das geht nicht. Du weißt genauso gut wie ich, dass die Investoren wollen, dass wir Abwechslung und neue Inhalte bringen anstatt mehr von dem Alten. Selbstwert haben wir doch schon als Modul!«
   Anna massierte ihre angespannten Schläfen. »Das ist doch unsinnig. Erstens ist der Aufbau von Selbstwert für die meisten Patienten viel dringender als die Verbesserung der Konzentration, das weiß ich aus meiner Erfahrung als Therapeutin. Das spielt bei viel mehr Krankheitsbildern eine Rolle. Und zweitens halte ich es für falsch, dass sich die Investoren, die überhaupt keine Ahnung von Psychologie und Psychotherapie haben, in die inhaltliche Gestaltung des Programms einmischen.« Sie schnaubte.
   Mahnend hob Paul den Zeigefinger. »Anna, es reicht. Wir hatten diese Diskussion schon so oft, und du weißt, dass du am Ende sowieso den Kürzeren ziehst. Zur Not können wir dich einfach überstimmen. Also, was ist jetzt mit den Übungen?« Zur Untermauerung seiner Dominanz baute er sich vor ihrem Schreibtisch auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine entschlossen zusammengepressten Lippen waren in dem Ungetüm seines üppigen Vollbarts kaum noch zu sehen.
   Anna wurde langsam wütend. Es passierte oft, dass sie wie ein trotziges Kind behandelt wurde, wenn sie nicht tat, was die Geldgeber von ihr wollten. Dass sie die Einzige vom Fach war, und dennoch in fachlichen Fragen ihre Meinung absolut nicht zählte, machte sie mürbe. Einerseits sollte sie ein funktionierendes und gewinnbringendes Selbsthilfeprogramm erstellen und ihre Nutzer betreuen. Andererseits wurde ihr genau das schwierig gemacht, wenn sie es so versuchte, wie sie es fachlich für richtig hielt. »Paul, was soll ich denn mit dem Patienten machen? Er ist zahlender Kunde. Willst du riskieren, dass wir ihn verlieren? Ich glaube, das wäre auch nicht im Sinne der Investoren. Und schon gar nicht in deinem, oder?« Provokant hob sie eine Augenbraue und betonte ihre Worte mit Nachdruck. Dann sollte er eben den Verlust vor den Investoren verantworten.
   Nun verdrehte er die Augen, holte tief Luft und pustete sie langsam wieder aus. »Kann diesen blöden Patienten denn nicht einer der Psychologen übernehmen? Hannes zum Beispiel?«
   Sie war entsetzt, wie respektlos er über den Patienten sprach, schluckte ihren aufkeimenden Ärger jedoch hinunter, um nicht ein neues Fass aufzumachen und noch mehr wertvolle Zeit zu verschwenden. »Nein«, antwortete sie ruhig, »der Patient hat, nachdem er mit der Betreuung durch eben genau Hannes unzufrieden war, speziell nach mir verlangt. Ich kann es nicht ändern. Sonst verlieren wir ihn als Kunden.«
   Das Argument zog immer. Da sich das Start-up noch am Anfang und nach dem ersten Investment und teuren Ausgaben weit entfernt von Profitabilität befand, waren sie auf jeden zahlenden Kunden angewiesen. Schließlich waren die geflossenen Mittel in absehbarer Zeit aufgebraucht, sie hatten eine ziemlich hohe Burn-Rate. Wieder so ein neudeutscher Begriff, der nur allzu passend formulierte, dass sie sehr schnell Geld ausgaben, verbrannten sozusagen, um das Wachstum des Unternehmens voranzutreiben.
   Zähneknirschend lenkte Paul ein. »Okay. Dann gebe ich Jonas erst mal die Übungen zum Selbstwert, damit es überhaupt irgendwie weitergeht. Und du hältst dich ran, meine Liebe!« Wieder hob er mahnend den Zeigefinger, und Anna fühlte sich wie im Kindergarten.
   Angesichts Pauls herabwürdigenden Verhaltens reichte es ihr, sie konnte nun nicht mehr an sich halten. »Was soll ich denn machen, Paul? Soll ich mich zweiteilen? Ich habe schon so oft gesagt, dass wir einen zweiten Approbierten einstellen müssen, der mich genau in solchen Situationen entlasten kann. Dann wäre ein viel schnelleres Wachstum möglich.«
   »Das können wir uns nicht leisten, und das weißt du. Ende der Diskussion!« Für Paul schien die Auseinandersetzung damit beendet zu sein, denn er drehte sich einfach um und ging.
   Derartige Situationen spielten sich häufiger ab in dem hippen Berliner Coworking Space. Anna fühlte sich gerädert, denn diese Auseinandersetzungen raubten ihre Energie. Mit kollegialem Miteinander und Verwirklichung gemeinsamer Visionen und Leidenschaften, wie Paul es ihr bei seinem Einstieg in das Unternehmen vorgeschwärmt hatte, hatte das nicht mehr viel zu tun. Sie atmete tief durch, sammelte ihre Kräfte und wandte sich wieder dem Computer zu, um eine Nachricht an Mr. X. zu formulieren.

Hallo Mr. X.,

vielen Dank für Ihre Schilderung der Situation, die Sie erlebt haben. Sie schrieben, dass Sie bisher mit niemandem darüber gesprochen haben. Wie war das für Sie, so offen darüber zu schreiben, was hat das in Ihnen ausgelöst?
   Zum Ende Ihrer Nachricht schrieben Sie, dass Sie derart angewidert seien von dieser Frau, dass Sie manchmal Angst vor sich selbst haben. Was heißt das genau? Was befürchten Sie denn, was Sie tun könnten?

Viele Grüße
   Anna Trebor

*

Hallo Frau Trebor,

ich muss gestehen, dass es mir anfangs recht schwergefallen ist, über diese Demütigung zu schreiben, da ich das – wie gesagt – sonst nicht gewohnt bin, so etwas zu erleben. Aber als ich einmal angefangen hatte, ging es leichter. Es tut gut, Ihnen zu schreiben, und dass Sie meine Nachrichten lesen, dass ich es herauslassen kann.
   Da Sie mir versicherten, dass Sie unter der Schweigepflicht liegen, habe ich mich entschlossen, mich Ihnen zu 100 % anzuvertrauen und ehrlich zu sein.
   Wenn ich an diese Frau denke, die mir so viel Leid zugefügt hat, empfinde ich Abscheu. Und Hass. Ich möchte, dass sie so sehr leidet, wie ich gelitten habe. Manchmal habe ich Fantasien, wie ich sie quäle, fessele, in meine Gewalt bringe und ihr meinen Schwanz in den Mund und ihre Fotze stecke, bis sie endlich versteht, was ihr entgangen ist, als sie mich abgelehnt hat. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich sie anschließend töte und all meine Wut an ihr endlich abladen kann.
   Verurteilen Sie mich nun?

*

Hallo Mr. X.,

nein, ich verurteile Sie immer noch nicht. Wie gesagt, das steht mir nicht zu.
   In Anbetracht dessen, wie sehr diese Frau Sie verletzt haben muss, ist es nachvollziehbar, dass Sie wütend sind. Daher ist meine Frage an Sie, damit ich Sie auch wirklich richtig verstehe: Macht es Ihnen Angst, dass Sie derart intensive Hassgefühle und Gewaltfantasien der Frau gegenüber haben, die offenbar über normale Wut hinausgehen?

Viele Grüße,
   Anna Trebor

*

Nein, dass ich diese Fantasien habe, finde ich okay. Ich stelle mir oft vor, wie ich Menschen meine Dominanz demonstriere, wenn sie nicht sofort machen, was ich will. Das tut mir im Normalfall gut, um mein Ego zu pushen, mich härter anzustrengen und meine Ziele dann zu erreichen. Wie gesagt, sonst funktioniert das immer, ich bekomme sonst immer, was ich will.
   Was mich in diesem Fall beunruhigt, ist, dass ich plötzlich den Drang habe, meine Fantasie auszuleben … Ich habe richtig Lust, es zu tun … Es geschähe dieser Frau recht.
   Ich habe bloß Angst, dafür in den Knast zu wandern. Mein Leben ist viel zu grandios für eine solche Verschwendung. Und auch meine Freunde und Mitarbeiter hätten ja gar nichts mehr von mir, was für sie schlimm wäre, da sie mich als Vorbild brauchen. Ich will ganz offen zu Ihnen sein: Manchmal fantasiere ich, wie ich es anstellen könnte, ohne erwischt zu werden …

Anna war schockiert. Sie hatte es zwar schon oft erlebt, dass Patienten wenig empathisch waren oder sich ihren Mitmenschen gegenüber mies verhielten. Nicht alle waren Opfer, manchmal kamen eben auch die Täter zur Therapie, meistens jedoch nicht ganz freiwillig oder in der Motivation, an sich etwas zu verändern.
   Oft kam der Leidensdruck – wie bei Mr. X. – daher, dass sich das Umfeld angeblich verkehrt verhielt und schuld an der eigenen Unzufriedenheit war. Solche Therapien waren meistens ein Drahtseilakt zwischen dem Wunsch nach Verringerung von Leidensdruck des Patienten und fehlender Motivation beziehungsweise Einsicht, an sich selbst zu arbeiten. Den eigenen Anteil an solchen Situationen, in denen Menschen nicht miteinander klarkamen, zu hinterfragen, kam dann nicht infrage. Das hätte weniger Schuld des anderen bedeutet und wäre unbequem. Narzissten wie Mr. X. mussten oft andere abwerten, um sich im Vergleich dazu selbst aufzuwerten.
   Dass er diese Frau, die ihn abgelehnt hatte, jedoch derart herabwürdigen musste, dass er ihr sogar das Recht zu leben absprach, um seinen eigenen Selbstwert wieder zu steigern, zeugte von einem außergewöhnlichen Mangel an Empathie. Dass er sich mehr sorgte, wegen des Mordes an der Frau bestraft zu werden anstatt mit den Schuldgefühlen leben zu müssen, was er ihr angetan hatte, fand Anna abscheulich. Aber in seinen Augen hatte die Frau, die er in seiner Fantasie quälte und umbrachte, es angesichts seines Leidens sogar verdient, so behandelt zu werden.
   Nun, was sollte sie tun? Sie hatte ihm selbst versichert, dass sie ihn nicht verurteilen würde, schließlich war sie keine Richterin. Fantasien zu haben war kein Verbrechen, bisher hatte er keins begangen. Und offenbar wollte er verhindern, eines zu begehen.
   Überlegen wir mal ressourcenorientiert, disputierte Anna innerlich. Da ist ein Mann mit ausgeprägtem Leidensdruck, der sich mir anvertraut hat, um sich helfen zu lassen. Es muss offensichtlich demütigend für ihn gewesen sein, sich als hilfsbedürftig zu empfinden, eine Schwäche, die nicht in seinen Lebenslauf passt. Um sich wieder aufzuwerten, konnte er seinen Frust darüber zunächst an Hannes, dem armen Psychologen, der ihn zuerst betreute, auslassen, indem er ihn als inkompetent abgewertet hat. Und dass er nach mir verlangte, einer Frau, die ihm vielleicht in seiner Männlichkeit keine Konkurrenz machen kann, passt auch in dieses Schema. Natürlich kann ein Erfolgstyp wie er nur von den Topleuten behandelt werden, irgendein Psychologe wird seinen Ansprüchen nicht gerecht.
   Mit Blick auf seine E-Mails überlegte sie weiter. Auch wenn er sein Empfinden und Erleben erst einmal rechtfertigen muss, scheint er ein ausreichendes Maß an Veränderungsmotivation zu haben, um über seinen Schatten zu springen und sich jemandem mitzuteilen. Und auch wenn sein Motiv – sich nicht erwischen und bestrafen zu lassen – nicht unbedingt edel ist, haben er und ich dasselbe Ziel: die Prävention der Umsetzung seiner Fantasien in die Realität. Damit kann ich vorerst arbeiten.
   Mit Sicherheit würde sie in der nächsten Intervision mit ihren Kolleginnen über diesen Fall sprechen, wahrscheinlich würde sie auch eine Sitzung Supervision bei ihrer Lieblings-Supervisorin Julia buchen. Eines war klar, ein gewöhnlicher Patient war das in jedem Fall nicht.

Hallo Mr. X.,

ich denke, ich habe Sie nun besser verstanden. Vielen Dank für Ihre Offenheit.
   Wie konkret sind denn Ihre Fantasien, Ihre Ideen in die Tat umzusetzen? Gibt es Pläne?
   Um bestmöglich auf Sie eingehen zu können, wäre es hilfreich, wenn Sie einen Wunsch äußern, was Sie sich von der Beratung durch mich erhoffen. Was müsste passieren, damit es Ihnen besser geht?

Viele Grüße
   Anna Trebor

*

Jetzt werden Sie doch langsam unsicher, Frau Trebor, nicht wahr, ob das so gut war, mir Ihre Verschwiegenheit zuzusichern? Glauben Sie, ich hätte mich nicht über die Grenzen der ärztlichen Schweigepflicht informiert? In welchen Fällen Sie davon ausgenommen sind oder Sie sie sogar brechen müssen? Ich weiß, dass Sie verpflichtet wären, zur Polizei zu gehen, wenn ich einen Mord ankündigen würde.
   Aber ich kann Sie beruhigen, Ihr kleines Therapeutinnen-Herz kann wieder langsamer schlagen, es sind alles nur Fantasien. Alles nur in meinem Kopf. Und dabei soll es auch bleiben. Wie gesagt, ich bin ja nicht dumm und zerstöre freiwillig ein so grandioses Leben wie meins.
   Somit kommen wir auch zu Ihrer letzten Frage, was ich denn von Ihnen möchte. Ich möchte, dass Sie mir helfen, dass ich meine Fantasien genießen kann, ohne sie auszuleben und in die Tat umzusetzen. Auch wenn ich vielleicht manchmal in meinen Nachrichten nicht den Eindruck mache, bin ich noch ziemlich klar im Kopf und kann Recht von Unrecht unterscheiden. Manchmal wird nur eben dieser Impuls ziemlich stark. Aber da ich bisher im Leben auch immer alles hinbekommen habe, bin ich mir sicher, dass ich das auch schaffe.
   Aber, Frau Trebor, jetzt habe ich so viel von mir berichtet. Vielleicht ist es langsam an der Zeit, dass Sie mal ins Arbeiten kommen und mir sagen, wie Sie denn überhaupt gedenken, mir zu helfen? Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, daher erwarte ich Einiges. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich von Ihnen nicht so enttäuscht werde wie von Ihrem inkompetenten Kollegen.

Herzlichst
   Ihr Mr. X.

Bumm! Das war wie ein Schlag vor den Kopf. Anna musste die Nachricht erst einmal verdauen. Trotz der vielen Erfahrungen im Kontakt mit Patienten war das keine gewöhnliche therapeutische Situation.
   Sie fühlte sich ertappt. Offenbar war sie an einen Punkt gekommen, an dem sie diesen Patienten gekränkt hatte, ohne es zu beabsichtigen. Möglicherweise war es dazu gekommen, indem sie ihm in seinen Augen unterstellt hatte, dass er ein potenzieller Straftäter war, oder dass er sich nicht unter Kontrolle haben könnte, denn das war ja sein innerer Konflikt. Vielleicht war es aber auch schon zu viel gewesen, dass sie ihn auf ihr Rollenverhältnis hingewiesen hatte, dass er der Patient war und sie die Therapeutin. Für einen derart nach Dominanz strebenden Mann bedeutete es eventuell ein zu starkes Machtgefälle, dass sie ihm ihre Hilfe anbot an einem Punkt, an dem er selbst nicht in der Lage war, sein Problem zu lösen.
   Ertappt fühlte sich Anna, da sie auf diese heftige Reaktion nicht vorbereitet gewesen war. Natürlich hatte sie bereits vermutet, dass es ein schwieriger Patient werden würde, nachdem er den armen Kollegen so behandelt hatte und seine Gewaltfantasien dieser unschuldigen Frau gegenüber als berechtigt empfand. Aber nun wurde ihre Vermutung klar bestätigt.
   Ebenso merkte sie, dass sie begann, mit den »Opfern« dieses Mannes zu sympathisieren und sich selbst mit ihnen zu identifizieren. Sie hatte ihn unterschätzt und nach den ersten förmlichen, höflichen und angemessenen E-Mails gedacht, es handelte sich um einen reflektierten und harmlosen Patienten, dessen Betreuung sie neben ihrer konzeptionellen Arbeit im Start-up erledigen könnte.
   Die Quittung dafür hatte sie nun erhalten und die volle Breitseite seiner gestörten Persönlichkeit abbekommen. Er machte ihr nicht nur deutlich, dass sie ihn nicht für unterlegen zu halten brauchte, da er nicht vom gleichen Fach war wie sie, sondern auch, dass er sie als seine Dienstbotin empfand, die zu springen hatte, wenn er das verlangte. Schließlich bezahlte er sie. In ihrem Beruf kam es selten vor, aber in diesem Moment fühlte sie sich wie eine Prostituierte.
   Und auch wenn Anna ihm versprochen hatte, nicht über ihn zu urteilen, und das normalerweise tatsächlich nicht ihre Art war, fühlte sie sich von diesem Mann angewidert. Er fand weder seine Fantasien falsch noch dass er diese Frau offenbar umbringen würde, wenn das für ihn keine negativen Konsequenzen nach sich zöge. Im Gegenteil, er wollte von ihr, dass sie ihm half, seine kranken Hirngespinste zu genießen. Puh! Anna musste erst einmal tief durchatmen.
   Es tat gut, ihre Interaktion mit ihm in einen fachlichen therapeutischen Kontext zu setzen und als – seinem Störungsbild entsprechend – völlig logisch zu empfinden. Aus seiner Perspektive heraus war sein Verhalten ihr gegenüber nachvollziehbar, denn er musste sie testen. Ob sie wirklich die richtige Therapeutin für ihn war und seinen Ansprüchen genügte, wenn er sich schon dazu herabwürdigte, Hilfe zu suchen.
   Doch obwohl er ein schwieriger Patient zu sein schien, ein äußerst schwieriger, war sie gleichzeitig wie angeknipst. Als Therapeutin vermisste sie es in ihrer Arbeit am Selbsthilfe-Programm, eigene Patienten zu betreuen und die direkte therapeutische Interaktion und Beziehung zu erleben. Zwar konnte sie mittels ihres Programms ihrem Ziel näher kommen, möglichst vielen Menschen gleichzeitig zu helfen, doch Anna hatte es immer als zutiefst belohnend empfunden, eng an der Seite ihrer Patienten mit ihnen gemeinsam an der Erreichung derer Ziele zu arbeiten, die emotionalen Entwicklungen in Echtzeit mitzuerleben, mit ihnen zu leiden und sich mit ihnen zu freuen.
   Diese intensive zwischenmenschliche Zusammenarbeit hatte sie nun nicht mehr, seit sie ihr Unternehmen in Vollzeit betrieb und ihren Kassensitz an eine Entlastungsassistenz abgegeben hatte. Und obwohl sie Mr. X. noch nie begegnet war und ihre Kommunikation ausschließlich per E-Mail ablief, spürte sie, wie die Emotionen, die dieser Patient in ihr hervorrief, sie packten.
   Anna fühlte sich regelrecht als Therapeutin herausgefordert. Sie war in Kollegenkreisen bekannt für ihr gutes Gespür im Umgang mit selbst den schwierigsten Charakteren gewesen. Nur zu gern hatten genervte Kollegen ihr Patienten überwiesen, von denen diese überfordert gewesen waren. Sie liebte spannende Fälle genauso wie den Drahtseilakt, sich auf noch so verquere Persönlichkeiten einzustellen. Mr. X. war auf jeden Fall ein interessanter Kandidat. Die Psychotherapeutin in ihr blitzte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf.
   Ein bisschen erinnerte dieser Fall sie an die Arbeit mit Pädophilen, die sich zur Prävention der Auslebung ihrer Fantasien in Behandlung begaben. Auch sie hatten oft Leidensdruck aus der Sorge heraus, zum Straftäter zu werden. Für Männer mit pädophilen Neigungen gab es bereits Angebote, Beratungsstellen, an die sich Betroffene zum Teil ebenfalls anonym wenden konnten. Für ihren Mr. X. fiel Anna allerdings keine entsprechende Anlaufstelle ein.
   Hm, dachte sie, vielleicht wäre es eine gute Idee, eine solche Stelle selbst einzurichten oder sogar gezielt in das Online-Programm mit einzubinden. Anonym war es bereits, was den Betroffenen die Hemmschwelle zur Annahme von Hilfe erleichtern sollte. Gerade bei solch heiklen Themen.
   Anna war klar, dass sie sich der Herausforderung stellen würde. Auch wenn es bedeutete, dass sie mit diesem besonders ressourcenfordernden Patienten weniger Zeit für ihr Programm hatte, und dies wiederum sicherlich Konflikte mit Paul und den Investoren nach sich ziehen würde, aber das war ihr in diesem Moment egal. Sie liebte einfach Herausforderungen, und diese stellte durch den ungewöhnlichen Patienten und der spannungsgeladenen Atmosphäre in ihrem Unternehmen eine doppelte dar.
   Sie krempelte entschlossen ihre Ärmel hoch und analysierte noch einmal detailliert die Nachrichten von Mr. X. bei einer erneuten Lektüre. Gut, dass sie abends sowieso mit ihren Freundinnen zur Intervision verabredet war.

*

Die Psycho-Mädels, wie sie sich spaßeshalber nannten, saßen in entspannter Runde in einem gemütlichen, alternativen Café um einen runden Tisch herum. Die Gruppe bestand einschließlich Anna aus fünf Psychotherapeutinnen, alle zwischen dreißig und vierunddreißig Jahren alt, sie alle hatten nach dem Psychologie-Studium zusammen die Weiterbildung zur Psychotherapeutin gemacht. Früher waren sie sogar noch eine größere Truppe gewesen. Aber wie das Leben so spielte, waren einige von ihnen der Liebe oder einer tollen Jobmöglichkeit wegen weggezogen.
   In den zahlreichen Seminaren, Gruppen-Supervisionen und Selbsterfahrungen hatten sie sich sowohl gemeinsam fachlich weiterentwickelt als auch persönlich. Die Ausbildung hatte sie alle auch in ihrem eigenen Leben herausgefordert, sich mit ihren persönlichen biografischen Höhen und Tiefen zu konfrontieren. Die gemeinsame Bewältigung derart intimer emotionaler Erlebnisse hatte sie fest zusammengeschweißt. In diesen Freundschaften gab es weder Geheimnisse noch Tabus. Jede einzelne von ihnen wurde in ihrer Individualität respektiert und akzeptiert. Hier fühlte sich Anna wohl und geborgen, hier konnte sie offen sein und von ihren Empfindungen bezüglich des neuen Patienten berichten.
   »Mann, bin ich gestresst heute!« Kathi, die lauteste von ihnen, schnatterte wie gewohnt drauflos. »Acht Patienten, und dann noch diese ganzen Anfragen vom Jobcenter und so, das war echt ein bisschen viel heute!« Sie schüttelte den Kopf, als ob sie den Tag von sich abschütteln wollte, und zog kräftig am Strohhalm, der in ihrer Maracujasaftschorle steckte.
   Oft bekamen die Therapeutinnen Anfragen von diversen Behörden und sollten Stellungnahmen oder Begutachtungen über Patienten schreiben, wenn es zum Beispiel um Arbeitsfähigkeit oder Indikation für eine Reha ging. Diese Arbeiten fielen zusätzlich zum normalen Therapiealltag an, wurden fürchterlich schlecht oder auch gar nicht vergütet, waren vergleichsweise aufwendig und beanspruchten daher zusätzliche Zeit. Sie alle waren sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst und wollten sich bestmöglich für das Wohl ihrer Patienten einsetzen. Also nahmen sie die Überstunden hin und erledigten diese undankbare Arbeit mit der gleichen Sorgfalt wie die weitaus mehr geschätzten Therapiestunden mit ihren Patienten.
   Laura verdrehte zur Bestätigung die Augen. »Ätzend!« Auch Anna, Isa und Yasmin nickten verständnisvoll.
   »Da bleibt doch keine Zeit mehr fürs Privatleben!« Kathi echauffierte sich weiter und verschränkte resolut ihre Arme vor der Brust. »Wie soll man denn da noch ’nen Kerl finden?« Wieder zustimmendes Gemurmel. »Aber gut, lasst uns mal auf das Schöne konzentrieren. Was machen denn die beiden Kleinen, Isa?«
   Isa, die eigentlich Isabell hieß, hatte zwei niedliche Kinder, einen zweijährigen Sohn und eine dreijährige Tochter, und musste schmunzeln. »Sagen wir so, angesichts der sich häufenden Tobsuchtsanfälle der beiden freue ich mich nach der kleinen Auszeit heute Abend bestimmt wieder mehr, wenn ich sie gleich wiedersehe.«
   Die Mädels kicherten.
   »So heftig?«, fragte Laura und zog eine leidende Miene. Sie hatte ebenfalls zwei zuckersüße Kinder, ebenfalls Sohn und Tochter im Alter von Isas Kindern, und konnte die Probleme der anderen Mutter in der Truppe gut nachvollziehen.
   »Hm«, brummte Isa betont lange und grimmig und nickte ausgiebig.
   Nun polterte Kathi wieder dazwischen. »Jetzt meckert mal nicht ’rum hier. Seid froh, dass ihr schon Mann und Kinder habt. Ich bin noch meilenweit davon entfernt.«
   »Wart’s mal ab, Kathi«, versuchte Isa sie zu beschwichtigen. »Das kommt schneller, als du denkst, plötzlich steht der richtige Typ vor deiner Tür, und dann geht das mit dem Kinderkriegen ganz fix.«
   »Ja, vielleicht«, sagte Kathi leise.
   Amüsiert zog Laura eine Augenbraue nach oben. »Und dann sehnst du dich nach den kinderlosen Zeiten und Abenden wie heute.« Alle prusteten vor Lachen.
   Anna liebte diese Runde.
   »Was ist denn mit dir, Anna?« Kathi drehte sich zu ihr. »Wann ist es denn bei dir und Bert mal so weit?«
   Anna fühlte sich bei diesen Fragen immer etwas unwohl. Irgendwann gehörten Kinder auch in ihrer Lebensplanung dazu, aber irgendwie hatte sie es damit einfach nicht so eilig wie die anderen. Ein wenig schämte sie sich sogar dafür, dass dieser für ihre Freundinnen so natürliche Wunsch bei ihr nicht so stark ausgeprägt war, und sie spürte, dass diese das ebenfalls seltsam fanden, da Anna schon so lange mit Bert zusammen war. »Ach ja, das hat noch Zeit. Ihr wisst doch, dass das mit meinem Job gerade nicht vereinbar wäre. Allein, dass ich heute Abend hier sitze anstatt im Büro, ist schon eine riesige Ausnahme.«
   »Meinst du nicht, dass du zu viel arbeitest?«, fragte Yasmin besorgt. Sie war die ruhigste und besonnenste aus der Gruppe. »Wie läuft’s denn überhaupt mit den BWL-Heinis?«
   Die »BWL-Heinis« hatten ihren Spitznamen weg und in den Augen der Psychologinnen keinen guten Stand. Da sie alle die gleiche Ausbildung absolviert hatten und daher ähnlich sozialisiert waren, konnten sie Annas Vorbehalte nur zu gut nachvollziehen und machten aus ihrer Abneigung gegenüber der anderen Berufsgruppe keinen Hehl.
   Anna holte tief Luft. »Ach ja, es geht so. Dieser blöde Paul macht mir immer Stress wegen unsinniger Entscheidungen fachfremder Investoren, obwohl er selbst keine Ahnung von der Materie hat und denen nur nach dem Mund plappert.« Sie ballte eine Faust, platzierte diese demonstrativ auf dem runden Tisch und beugte sich verschwörerisch nach vorn in die Mitte der Runde. »Könnt ihr euch das vorstellen? Der hat vorher als Geschäftsführer in einem Onlinehandel für Schuhe gearbeitet und denkt jetzt, er hätte Ahnung von Psychologie! Dazu rennt er überall herum und spricht immer von seinem Unternehmen, von dem er großzügig Prozente an mich und diesen IT-Jonas abgegeben hat, obwohl ich vor ihm da war und alles allein hochgezogen habe. Nur, weil er zum Notar gegangen ist und eine GmbH angemeldet hat, was einfach seine Aufgabe als Geschäftsführer war, tut er so, als wäre es allein sein Unternehmen, und als hätte er es gegründet! Und wenn ich nicht spure, wie er will, macht er mich dumm an und behandelt mich, als müsste er mich erziehen! So ein Blödmann!« Anna regte sich lautstark auf, schlug mit der Faust auf den Tisch und lehnte sich dann wieder zurück, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.
   »Was ist denn das für’n Depp!«, rief Kathi. »Leidet der an akuter Selbstüberschätzung? Kleiner Narzisst oder wie?« Sie lachte laut und freute sich sichtlich über ihre nicht ganz fachmännisch gestellte Verdachtsdiagnose.
   »Apropos Narzisst.« Anna wollte die Gelegenheit nutzen, um mit ihren Kolleginnen über Mr. X. zu sprechen. »Ich hätte da wohl tatsächlich ein intervisorisches Anliegen, das ich gern mit euch besprechen würde. Ist das okay?«
   Natürlich gab es Zustimmung, denn sie wollten sich gegenseitig unterstützen. Also erzählte Anna von dem neuen Patienten, den sie hatte übernehmen müssen, nachdem er mit dem Kollegen unzufrieden gewesen war, und der direkt nach ihr verlangt hatte. Außerdem erzählte sie von seinen Nachrichten, ihrer anfänglichen Unbedarftheit und ihrer schnell folgenden Abneigung ihm gegenüber. Es tat ihr gut, das loszuwerden und von ihren Freundinnen in ihrem Erleben verständnisvoll aufgenommen zu werden.
   »Krasser Patient«, sagte Kathi, nachdem Anna zu Ende erzählt hatte. »Hast du überhaupt Bock auf den?«
   Anna nickte eifrig. »Total, ich mag ja Herausforderungen. Ich habe die letzte Mail, in der er mich so angegangen hat, allerdings erst heute bekommen und dachte, ich nutze mal die Gelegenheit und frage euch, wie ihr damit umgehen würdet, bevor ich ihm antworte.«
   Die Psychotherapeutinnen waren sich schnell einig. »Dass du einen so leicht kränkbaren Typen früher oder später triffst, ist klar«, sagte Laura. »Wahrscheinlich war schon die Tatsache erniedrigend für ihn, dass er sich überhaupt Hilfe suchen musste. Jetzt muss er dich und deinen Kollegen abwerten, um sich wieder besser damit zu fühlen. Nimm es also nicht persönlich, das hätte er mit jedem so gemacht.«
   Anna nickte. »Habe ich auch gedacht.« Trotzdem tat es ihr gut, das von ihren Kolleginnen zu hören.
   Laura kratzte sich am Kopf. »Und zur Polizei gehen kannst du nicht, solange er kein konkretes Verbrechen wie einen Mord ankündigt. Patienten sollen ja gerade die Möglichkeit haben, sich mit ihrem Leiden unter Schweigepflicht an jemanden zu wenden, der ihnen hilft, keine Straftat zu begehen. Ich hatte mal einen, der war auch total schräg. Der war Nazi durch und durch, fühlte sich als Deutscher allen Menschen anderer Nationalitäten völlig überlegen und musste das immer demonstrieren, indem er andere abwertete und sogar öffentlich beschimpfte. In Therapie kam er auch nur, weil seine Frau ihn irgendwann gezwungen hat, zum Züchologen zu gehen, nachdem sie keinen Bock mehr auf die dauernden Anzeigen gegen ihn hatte.«
   Die Runde kicherte amüsiert, als Laura ihren Patienten nachahmte, wie er das Wort Psychologe aussprach, und verständnislos den Kopf schüttelte ob dessen Verhalten.
   »Der war auch überhaupt nicht einsichtig, wie scheiße sein Verhalten war, konnte sich kein bisschen in seine Opfer und die Frau hineinversetzen und erklärte, er wolle, dass alle Ausländer verschwinden, dann hätte er seine Probleme nicht mehr. Die Geldstrafen schreckten ihn nicht ab, und er fand es auch ungerecht, für seine ‚freie Meinungsäußerung‘ bestraft zu werden.« Laura machte mit den Händen zwei Gänsefüßchen in die Luft.
   Ihre Freundinnen und Anna klebten an ihren Lippen, während sie erzählte. Sie alle fanden diese Geschichten gleichsam abstoßend und faszinierend, wie bei einem Unfall, bei dem man nicht wegsehen konnte.
   »Und?«, fragte Anna, »was hast du mit ihm gemacht?«
   »Na ja, ich habe mit ihm an seinem Anteil gearbeitet. Es ist ja nicht gerade realistisch, dass plötzlich alle Ausländer verschwinden oder seine Alte nicht mehr frotzelt. Darauf hat er sich tatsächlich eingelassen. Am Ende war er zwar immer noch rassistisch, aber er hat zumindest aufgehört, das in der Öffentlichkeit kundzutun und andere Leute zu beschimpfen.«
   Anerkennendes Gemurmel erklang in der Runde.
   »Hm«, machte Anna, neigte den Kopf zur Seite, blickte an die Decke des Cafés und dachte einen Moment nach. »Da meiner keine Frau hat, die auf ihn Druck ausübt, und er ja noch keine Straftat begangen hat, kann ich das schon mal nicht nutzen, um Veränderungsmotivation aufzubauen.«
   Oft waren Patienten zwar therapiemotiviert und wünschten sich eine Hilfe, damit der Leidensdruck verschwand. Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass auch Veränderungsmotivation aufseiten des Patienten vorhanden war, vor allem, wenn in seinen Augen nicht er selbst, sondern jemand anderes die Schuld an seinem Leiden trug.
   »Ich könnte ihn natürlich an seinem potenten und erfolgsverwöhnten Ego kitzeln und ihn herausfordern, in seiner Impulskontrolle besser zu werden. Empathisch mit dieser Frau wird der wohl nie werden, fehlendes Gewissen und mangelndes Schuldbewusstsein inklusive. Genau wie deiner, Laura. Aber als Anreiz wäre vielleicht der Kampf gegen seinen härtesten Gegner, sich selbst, interessant. Was denkt ihr?«
   Nach langer Stille schaltete sich nun auch Yasmin ins Gespräch ein. »Spannender Gedanke. Du meinst quasi, dass du das Konfliktpotenzial aus eurer therapeutischen Beziehungsallianz nimmst, indem du nicht gegen ihn, sondern er gegen sich selbst arbeitet?« Sie war äußerst scharfsinnig. Eine ruhige Person, aber ihr Verstand war nicht zu unterschätzen.
   »Genial, Yasmin!«, rief Anna, »darauf wäre ich überhaupt nicht gekommen! Ich hatte eher überlegt, was für einen Incentive man ihm geben könnte, aber das ist ja für ihn ein doppelter Anreiz und für mich Entlastung! Dann muss er sich nicht mehr so gedemütigt fühlen, dass er von mir Hilfe annehmen muss, wenn er sich selbst hilft und ich lediglich dabei bin. Das ist super! Vielleicht kommen wir dann irgendwann in der Therapie ja doch noch an den Punkt, dass wir sogar Empathiearbeit machen können …« Anna freute sich und konnte es kaum erwarten, sich wieder an ihren Computer zu setzen, um Mr. X. eine neue Nachricht zu schreiben. In Gedanken formulierte sie schon Sätze vor, als Kathi sie unterbrach.
   »Ich seh’s dir an, du bist im Kopf schon wieder im Büro!« Kathi lachte. »Komm, jetzt mach mal ’nen Abend Pause und amüsier dich mit uns. Seit du in diesem hippen Business arbeitest, kriegen wir dich ja kaum noch zu Gesicht. Ich weiß manchmal schon gar nicht mehr, wie du aussiehst!«
   Isa zwinkerte in die Runde. »Na, gut natürlich!«
   Die Freundinnen lachten.
   »Nein, ich bleibe natürlich hier«, sagte Anna mit einem zufriedenen Lächeln. »Ihr habt mir super geholfen, vielen Dank. Ich verschwinde nur mal schnell aufs Örtchen, und dann bestelle ich noch einen Merlot. Teilt sich noch jemand Nachos mit mir?«
   Anna war äußerst zufrieden mit der Entwicklung, die ihr Tag schließlich noch genommen hatte. Nach den vielen ätzenden und ärgerlichen Streitigkeiten, dem Termindruck und den Enttäuschungen in der letzten Zeit in ihrem Unternehmen freute sie sich seit Langem mal wieder auf ihre Arbeit. Außerdem war sie fürchterlich dankbar für ihre tollen Kolleginnen und Freundinnen. Was hatte sie nur für ein Glück, so liebe und wertschätzende Menschen in ihrem Leben zu haben. Selig und schwungvoll schlängelte sie sich ihren Weg durch die anderen Tische in Richtung Toilette, als sie plötzlich diesen Geruch wahrnahm. Sie stockte.
   Ein leicht süßliches Parfüm, außergewöhnlich für einen Männerduft, nicht wirklich ihr Geschmack. Den Geruch kannte sie doch! Seltsam. Irritiert drehte sie sich in die Richtung, aus der der Duft ihr in die Nase stieg, und tatsächlich! In einer versteckten Ecke in schummrigem Licht saß Naumann, ein ehemaliger Patient, offensichtlich bei einem Date mit einer vollbusigen und recht aufgetakelten Schönheit. Naumann war vor ein paar Jahren bei Anna in Therapie gewesen, ebenfalls ein ausgeprägter Narzisst, und sie erinnerte sich, dass sie seinen Duft schon damals abstoßend gefunden hatte. Er war ihr unsympathisch und irgendwie unheimlich gewesen, und nach dem Ende der Therapie war sie zugegebenermaßen erleichtert gewesen, ihn nicht mehr sehen zu müssen.
   Heute ist wohl Tag der Narzissten, dachte Anna und grinste. Da sie in derselben Stadt lebte, in der sie arbeitete, traf sie häufiger mal Patienten. Manchmal freute sie sich, zu sehen, wie es ihren Schützlingen im Laufe der Zeit ergangen war. Manchmal hingegen zog sie es vor, Abstand zu wahren. Auch sie hatte ein Privatleben, und Naumann war bestimmt niemand, dem sie Einblicke gewähren wollte.
   Naumann war in seinen Flirt vertieft und nahm Anna nicht wahr, zumindest reagierte er nicht auf sie. Zum Glück, denn sie hatte an diesem Abend keine Energie mehr, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Na dann, Naumann, viel Spaß noch beim Date!, wünschte sie ihm in Gedanken, drehte sich um und setzte ihren Weg fort.

Als Anna am nächsten Morgen voller Motivation an ihrem Schreibtisch Platz nahm und ihre bereits in Gedanken formulierte Nachricht an Mr. X. in das Programm tippen wollte, hatte sie bereits neue digitale Post von ihm erhalten.

Na, Frau Trebor, lange nichts von Ihnen gehört! Ich muss schon sagen, dass ich ein wenig von Ihrem Service enttäuscht bin. Immerhin zahle ich für Ihre Dienste, und auf Ihrer Webseite werben Sie damit, auf E-Mails noch am selben Tag antworten. Habe ich Anlass, nun auch an Ihrer Kompetenz und Integrität zu zweifeln? Oder haben Sie gestern Abend etwas zu tief ins Weinglas geschaut? Das könnte ich noch eher verzeihen ;) Oder lehnen Sie mich doch ab?

X.

Das war seltsam. Anna fühlte sich plötzlich unwohl, und ihre gute Laune war mit einem Schlag verflogen. Vielmehr war ihr ganz schön unheimlich zumute. Sie hatte tatsächlich am Abend zuvor mit ihren Freundinnen Wein getrunken, aber woher sollte der Patient das wissen?
   Fieberhaft suchte sie in ihren Nachrichten an ihn, ob sie ihm Derartiges geschrieben hatte, doch sie konnte nichts finden. Es war sowieso nicht ihre Art, Patienten aus ihrem Privatleben zu erzählen. Hastig durchsuchte sie ihre sozialen Netzwerke und auch die Seiten ihrer Freundinnen, ob eine von ihnen dort etwas über den gestrigen Abend geschrieben oder gar ein Foto gepostet hatte, auf dem Mr. X. sie hätte sehen können, aber sie fand wieder nichts. Hm.
   Hatte er vielleicht einfach vermutet, dass sie am Abend zuvor ein Glas Wein getrunken hatte? Oder war das möglicherweise nur eine Redewendung, die er lapidar verwendet hatte? Ansonsten konnte das nur bedeuten, dass er dort gewesen sein musste, im Café. Dass er sie gesehen hatte, wie sie mit ihren Freundinnen über ihn geschnattert und dabei Wein getrunken hatte … Nicht, dass er ihr Gespräch mitbekommen hatte? Ihr Herz setzte für einen Moment aus, dann schlug es schneller.
   Aufgeregt versuchte sie noch einmal vor ihrem inneren Auge die Szenen des Vorabends im Café zu visualisieren und sich an die umliegenden Tische samt ihren Gästen zu erinnern, aber ihr kam nichts Auffälliges in den Sinn. Wie auch, sie wusste ja nicht, wer Mr. X. war, wie er aussah, geschweige denn, wie alt er war. Sie würde ihn nicht erkennen, wenn sie ihm auf der Straße begegnete. Und woher sollte er überhaupt wissen, wie sie aussah?
   Anna sank in sich zusammen und starrte ratlos auf den Computerbildschirm. Ihr Blick fiel auf ihr eigenes Konterfei. Natürlich, ihr Bild war auf der Webseite. Daher musste er sie im Café wiedererkannt haben. Ein kleines bisschen Erleichterung breitete sich aus.
   Wie gesagt, es war nicht ungewöhnlich, dass Therapeutinnen ihre Patienten ab und zu im ‚echten Leben‘ trafen. Vielleicht lebte Mr. X. also auch in Berlin und hatte sie gesehen. So what, das konnte vorkommen. Die Stadt war groß, viele Menschen lebten dort. Anna wollte das nicht überbewerten und sich stattdessen lieber inhaltlich therapeutisch auf die Antwort an ihn konzentrieren.
   Abgesehen von dem ersten Schock, den er ihr mit dieser E-Mail verpasst hatte, lag er mit seinem Vorwurf nicht ganz falsch, denn sie hatte ihm tatsächlich nicht mehr am selben Tag geantwortet. Sie durfte ihm auf keinen Fall den Eindruck vermitteln, dass sie ihn aufgrund seiner Fantasien ablehnte, er sollte sich von ihr wertgeschätzt fühlen. Das war wichtig für die therapeutische Beziehung.
   Natürlich war es jedoch auch, dass Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung ihren Therapeuten erst einmal testeten. Das heißt, sie benahmen sich extra ‚daneben‘, um zu sehen, wie weit sie gehen konnten, und ob der Therapeut in die Falle tappte und den Patienten ablehnte oder abwertete. Genau das war der besagte Drahtseilakt, der oft aus einer tiefen Verletzlichkeit rührte. Anna durfte ihm nicht wie diese Frau, von der er geschrieben hatte, ebenfalls das Gefühl vermitteln, von ihr abgelehnt zu werden. Nun war also Schadensbegrenzung angesagt, und die würde eine fette Schleimspur nach sich ziehen.

Hallo Mr. X.,

bitte entschuldigen Sie meine verspätete Antwort. Sie haben ganz recht mit Ihrer Vermutung, dass ich gestern verhindert war und Ihnen daher nicht noch am selben Tag eine Nachricht senden konnte. Das hole ich hiermit nach. Ihre Zufriedenheit hat für mich natürlich oberste Priorität.
   Ihr Anliegen nehme ich sehr ernst, und ich möchte Ihnen bestmöglich dabei zu Diensten stehen, Ihr Ziel zu erreichen. Daher habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie ich Ihnen helfen kann.
   Zunächst einmal muss ich Ihnen meinen tiefsten Respekt aussprechen, dass Sie es bisher geschafft haben, trotz dieser fürchterlichen Demütigung, die diese Frau Ihnen zugefügt hat, standhaft zu bleiben und Ihrem Impuls zu widerstehen, Ihre Fantasien in die Tat umzusetzen. Es wäre tatsächlich absolut schade, wenn Sie Ihr wunderbares Leben nicht wie gewohnt fortsetzen könnten, sondern Ihre wertvolle Zeit im Gefängnis verbringen müssten. Ihren Wunsch, dies zu verhindern und Ihren beeindruckenden Lebensstandard aufrechtzuerhalten, unterstütze ich sehr gern. Auch fühle ich mich geehrt, dass Sie mir diese wichtige Aufgabe anvertrauen.
   Ich habe folgende Hypothese, die aus psychologischer Sicht nachvollziehbar wäre, wenn ich Sie richtig verstanden habe, und ich möchte gern, dass Sie sie überprüfen.
   Kann es sein, dass Sie sich im Konflikt befinden? Dass Sie Ihre Fantasien genießen möchten, dass der Impuls, diese auszuleben, jedoch umso stärker wird, je lebhafter Ihre Vorstellungen werden?
   Wenn diese Hypothese stimmt, wäre eine mögliche Strategie, dass wir gemeinsam nach dem Punkt suchen, an dem Sie Ihre Gedanken bis ins Maximum auskosten können, quasi den maximalen Lustgewinn haben, ohne Gefahr zu laufen, dass der Impuls, diese in die Tat umzusetzen, übermächtig wird. Das würde allerdings bedeuten, dass Sie gegen sich selbst kämpfen: Ein Anteil in Ihnen, der kontrollierte, hätte einen anderen Anteil, den impulsiven, zum Gegner und müsste ihn bezwingen. Gemeinsam könnten wir Strategien und Lösungen erarbeiten, die Sie dann austesten, um Ihren kontrollierten Anteil in der Bewältigung des impulsiven Anteils zu trainieren. Das wäre mein Angebot an Sie.
   Wie gesagt, es ist eine Hypothese. Bitte beobachten Sie sich selbst, ob diese auf Sie zutrifft, und ob gegebenenfalls die Strategie zum Umgang damit für Sie infrage käme.
   Ich freue mich sehr auf Ihre Antwort und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Anna Trebor

Anna war äußerst zufrieden mit ihrer Antwort. Es kostete sie zwar immer wieder Überwindung, einem Menschen derart Honig um den Bart zu schmieren, da dies normalerweise nicht ihrem Wesen entsprach. Aber Narzissten brauchten viele Streicheleinheiten für ihr Ego, und um die therapeutische Beziehung zu festigen, musste sie das eben tun.
   Vielleicht sollte sie das bei Paul und den anderen BWL-Heinis auch mal probieren, dann wäre sie mit Sicherheit beliebter und hier vieles einfacher.
   Aber es war ihr einfach zuwider. Vielleicht fand sie eine akzeptable Grauzone, um die Wogen im Unternehmen zu glätten, ohne sich zu sehr zu verbiegen? Sie fühlte sich gut, dass sie die erste von wahrscheinlich vielen schwierigen Situationen mit ihrem neuen Patienten bewältigt hatte. Ihre Stimmung war wieder besser, sodass sie versucht war, es tatsächlich auszuprobieren.
   Gut gelaunt hopste sie daher zum Schreibtisch ihres CEOs, legte dem verdutzt schauenden Paul einen Stapel Papier auf die Tastatur seines Schreibtischs und unterbrach damit seine Arbeit. »Voilà, die Übungen zur Konzentration! Ich habe sie dir bereits per E-Mail als Datei zugeschickt.«
   »Um etliches zu spät, Anna, das weißt du«, erwiderte Paul und zog seine Hände unter dem Stapel Papier weg. »Die Investoren sind angepisst, besonders Karl.«
   Anna versuchte, eine verführerische Stimme an den Tag zu legen. »Ach, Paul, du hast es doch bisher immer geschafft, sie um den Finger zu wickeln. Das ist doch dein großes Talent als Verkäufer, andere dazu zu bringen, dass sie machen, was du willst.« Sie zwinkerte ihm zu, und Paul war sichtlich geschmeichelt.
   Er kicherte verlegen und stotterte ein paar Silben. »Ja, stimmt, das kann ich wohl.«
   Mann, war das einfach, der machte sich ja gleich ins Hemd vor Freude! Das sollte sie wirklich öfter tun! »Ich vertraue dir da, mein Lieber. Was würde ich nur ohne dich machen?«
   Paul genoss sichtlich das Lob. »Ach ja, das ist schon Teamwork, meine Liebe. Übrigens fanden Jonas und die Programmierer deine Selbstwertübungen richtig gut. Sie haben die neuen Statistiken ausgewertet, und offenbar haben die Nutzer eine hohe time-on-site und eine äußerst geringe Abbruchquote bei den Übungen. Das wollte ich dir noch sagen.«
   Das war ja plötzlich ganz schön viel Liebe auf einmal. »Danke«, sagte Anna knapp, »das freut mich. Ich mache mich als nächstes Mal an Soziale Phobie, wenn das für dich okay ist?« Heute war sie in Kompromisslaune.
   »Natürlich!«, sagte Paul und nickte ihr zu, »das klingt spannend. Und laut Marktanalyse ist das sowieso eine lukrative Zielgruppe für uns.«
   Für viele Menschen mit sozialen Ängsten war es tatsächlich eine große Hürde, sich in ambulante Psychotherapie zu begeben, da sie sich dort in eine gefürchtete soziale Situation begeben mussten. Ein digitales Angebot konnte an dieser Stelle entlasten und die Hemmschwelle herabsetzen, sich Hilfe zu suchen.
   Annas Freude über die Harmonie erhielt bei dem Wörtchen ‚lukrativ‘ dennoch schnell wieder einen Dämpfer. Sie mochte es nicht, wenn der CEO ihre Hilfe suchenden Patienten als seine lukrative Kundschaft sah. Aber mit Paul verhielt es ähnlich wie mit Mr. X.: Auch wenn er und Anna völlig verschiedene Motivationen für ihr Ziel hatten, verfolgten sie es dennoch mit einer gemeinsamen Strategie.
   Nun gut, sie waren eben verschieden, und sie wollte sich den zweiten Erfolg ihres Tages nicht durch eine Diskussion über Pauls fehlende Wertschätzung und Feinfühligkeit im Umgang mit ihren Patienten vermiesen. Genau deswegen wurde sie ja als Spaßbremse von den BWLern empfunden. Als sie sich verabschiedete, um wieder an ihre Arbeit zu gehen, hatte sie den Eindruck, dass ihr Geschäftspartner und sie gleichermaßen erleichtert waren über die zur Abwechslung mal konfliktfreie Interaktion.
   Nun hatte sie wieder Zeit für ihren Patienten.

Hallo Frau Trebor,

danke für Ihre Antwort. Ich hatte schon gedacht, Sie hätten keine Lust mehr, mir zu schreiben. Aber dann war’s ja wohl doch nur der Wein. Auch Ihnen sei ein freier Abend in geselliger Runde vergönnt. Und in vino veritas, nicht wahr? ;)
   Sie scheinen diese wohl auch gefunden zu haben, mit Ihrer Hypothese haben Sie ins Schwarze getroffen. Gratulation! Und auch Ihre Lösung erscheint mir genial, um mein Leben und meine Fantasien weiter zu genießen. Sie haben mich nicht enttäuscht, Frau Therapeutin, Sie werden Ihrem Ruf durchaus gerecht. Ich bin jetzt schon voller Ehrgeiz, diese Herausforderung gegen diesen impulsiven Anteil anzunehmen, und freue mich auf einen Wettkampf voller Nervenkitzel!
   Ich hoffe nur, dass Sie sich im Klaren sind, dass auch Sie viel zu verlieren haben, wenn ich diesen Kampf verliere. Das Leben dieser Frau lastet dann auf Ihrem Gewissen. Können Sie das aushalten?
   Gut, er war darauf angesprungen und hatte ihr ihren ‚Fehltritt‘ verziehen. Offenbar musste er sie tatsächlich im Café mit ihren Freundinnen gesehen haben, aber das beunruhigte sie nun nicht mehr. Dann hatte er sie eben gesehen. Sie war ein realer Mensch, dazu durfte ein Privatleben gehören. Und scheinbar hatte er genau das ganz sympathisch gefunden.
   Das machte häufig für Patienten, die das Rollengefälle zwischen dem Therapeuten und sich als demütigend empfanden, die Hierarchie flacher. Mr. X. hatte ebenfalls erneut um Bestätigung ihrer therapeutischen Allianz gebeten, auch wenn er das eher in den Worten einer Drohung verpackt hatte.
   Anna sah das wie gewohnt ressourcenorientiert. An dieser Stelle musste sie ihn in seinem Bedürfnis nach Unterstützung validieren, jedoch erste Grenzen aufzeigen und ihm die Verantwortung für sein Verhalten zurückzugeben. Sie hoffte, dass er das aushalten konnte.

Hallo Mr. X.,

ich freue mich, dass Ihnen mein Ansatz und die daraus abgeleitete Strategie zusagen, und auch auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.
   Verlieren kommt in Ihrem Falle nicht infrage, Mr. X. Denn das würde ja bedeuten, dass Sie an dieser Herausforderung scheitern und Ihr grandioses Leben verlieren.
   Daher verbleibe ich in Zuversicht und Vorfreude auf die gemeinsame Arbeit,

Anna Trebor

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