Wer hat sich nicht schon über Freunde, Kollegen oder Fremde geärgert, ohne ihnen angemessen die Meinung zu sagen? Manfred Schuster hat zeit seines Lebens auf Harmonie gesetzt und bei Konfrontationen oft um des lieben Friedens willen den Mund gehalten. Das ändert sich, als er durch einen Treppensturz ins Koma fällt und verbittert im Rollstuhl landet. Da er für sich keine Zukunft sieht, flüchtet Schuster in seine Vergangenheit. Als er herausfindet, dass seine traumhaften Ausflüge in sein jüngeres „Ich“ reale Gestalt annehmen, beginnt er mit seinen früheren Widersachern abzurechnen – nicht angreifbar für die Polizei und mit tödlichen Folgen für die Betroffenen. Scheinbar ist der einzige Mensch, der die Chance hat, Schuster und seinen Amoklauf, den er in seinem Kopf steuert, zu stoppen, zugleich die Frau, die ihn liebt. Es beginnt ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit. „Hirngespinste“ spannt den Bogen von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart und bringt einen Hauch von Musik und Lebensgefühl der Vergangenheit zurück.

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ISBN: 978-9925-33-004-1

Seiten: 297

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Ruben Schwarz

Ruben Schwarz
Ruben Schwarz wurde in den 1950er Jahren im Herzen des Ruhrpotts geboren und ist seiner Heimatstadt Essen sechzig Jahre lang treu geblieben. Der Medienkaufmann kam erst relativ spät zum Schreiben und lebt heute im schönen Bergischen Land. Inspiriert von großen literarischen Vorbildern erzählt er gern Geschichten von normalen Leuten, deren normales Leben von ganz und gar nicht normalen Ereignissen auf den Kopf gestellt wird.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1.
August 2016

Um festzustellen, dass es kurz vor 14:00 Uhr war, musste man nicht auf die Uhr sehen. Das helle Klappern auf dem Flur und das geräuschvolle Öffnen und Schließen der benachbarten Zellentüren waren eindeutige Indizien dafür, dass die Essensgeschirre eingesammelt wurden.
   Evelyn faltete langsam und sorgfältig den Brief zusammen, den die Pfarrerin der Jakobus-Gemeinde in Magdeburg-Fermersleben ihr geschickt hatte.
   Wenn es tatsächlich einen lieben Gott gab, so dachte sie, und man ihm keinen Sadismus unterstellen wollte, dann hatte er zumindest eine merkwürdige Art von Humor. Ein anderer Beweggrund fiel Evelyn nicht ein, warum er die Menschen am Anfang des Lebens mit Vitalität und Optimismus ausstattete, ihnen zeigte, wie schön das Leben sein konnte, um sie am Ende mit Demenz, Arthritis, Inkontinenz und anderen Liebhabereien zu demütigen. Ihr Vater Arthur Brandes war immerhin fünfundachtzig Jahre alt geworden, hatte aber die letzten zwei Jahre in seinem Pflegeheim in völliger geistiger Umnachtung zugebracht.
   Man hatte ihr angeboten, an der Beisetzung teilzunehmen, sie hatte aber dankend darauf verzichtet, ihrem Vater an dessen Grab Seite an Seite mit zwei Polizeibeamten die letzte Ehre zu erweisen. Diese Show hatte sie der Verwandtschaft und ihren früheren Nachbarn nicht gegönnt. Außerdem hatte es in den vergangenen Jahren ohnehin keinen Kontakt zwischen Vater und Tochter gegeben.
   Bei Arthur Brandes hatte es sich nicht um einen wirklich lieben Menschen gehandelt. In der Blüte seiner Jahre war er ein Quartalssäufer gewesen. Während seiner Phasen, wie Evelyns Mutter es oft verharmlosend auszudrücken pflegte, hatte er Frau und Kinder verdroschen und war auch nicht davor zurückgeschreckt, mit allen möglichen Gegenständen nach ihnen zu werfen, die er gerade zur Hand hatte. Wundersamerweise war Evelyn im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern und der Mutti von diesen Attacken immer verschont geblieben. Nach einem Entzug Mitte der Siebziger, da hatte Evelyn schon nicht mehr zu Hause gewohnt, hatte er nie mehr einen Tropfen angerührt. Trotzdem waren auch danach Jähzorn und permanente Unzufriedenheit mit Allem und Jedem seine herausragendsten Eigenschaften geblieben.
   Es klopfte zweimal kurz an der Tür, bevor aufgeschlossen wurde. Frau Diepholz war eine nette Vollzugsbeamtin. Sie war immer freundlich zu Evelyn und – sie klopfte an. Wie man in den Wald hineinruft …
   »Na, Frau Lengsfeld, wie isset? Geht’s wieder besser?«
   Frau Diepholz war eingetreten und nahm das Tablett mit dem Plastikgeschirr entgegen, dass Evelyn von dem kleinen Schreibtisch genommen hatte und ihr reichte. Flora, die kleine Rothaarige mit den unzähligen Tattoos, wartete draußen auf dem Gang. Sie war wie Evelyn Insassin im Frauentrakt der Justizvollzugsanstalt in Essen-Frintrop und assistierte Frau Diepholz beim Einsammeln des Geschirrs.
   »Ja, geht schon wieder, Frau Diepholz«, antwortete Evelyn und nickte. »Vielen Dank«, fügte sie hinzu, denn Frau Diepholz war wirklich nett.
   »Ach, Sie haben ja wieder nich aufgegessen«, klagte Frau Diepholz, »kein Wunder, dat sie schlappmachen.«
   »Danke, es war echt lecker, aber ich kann bei der Hitze nicht so viel essen«, erklärte Evelyn.
   Es hatte Geflügelgeschnetzeltes mit Reis gegeben, dazu eine Art Brei, der mutmaßlich aus Erbsen und Möhren bestand.
   »Ja, is aber auch echt heiß«, stimmte Frau Diepholz zu, »den ganzen Juni un Juli nur Scheißwetter, un jetzt gleich wieder über dreißig Grad. Dat geht auf ’n Kreislauf.« Sie warf einen Blick auf den halb vollen Teller. »Na ja, morgen gibbtet Currywurst un Pommes. Dat is hier immer ganz lecker.«
   Evelyn hatte heute Morgen vergessen, ihre Blutdrucktabletten einzunehmen, dazu kam die schwüle Hitze. Ihr war schwindlig geworden, und sie hatte sich hinlegen müssen.
   »So sind die Sommer doch hier immer«, sagte Evelyn. Fast hätte sie gesagt: Hier bei euch im Westen. »Entweder nass und kalt oder Schwüle und Gewitter. Aber mir geht’s gut«, fügte sie hinzu, als sie erneut den besorgten Blick der Beamtin bemerkte.
   »Tja, dat is der Klimawandel«, entschied Frau Diepholz, »dat ham die jetzt davon. Demnächst is dat hier wie inne Tropen, warten Se ma ab.« Frau Diepholz mochte Anfang vierzig sein, so genau konnte man sie in ihrer hellblauen Berufskleidung, heute trug sie wegen der Hitze nur ein kurzärmeliges Uniformhemd zur Diensthose, nicht einschätzen, und sie behandelte Evelyn, die im Mai zweiundsechzig geworden war, wie eine zerbrechliche alte Dame. Dabei wirkte Evelyn trotz ihrer Falten im Gesicht viel jünger als die meisten Sechziger. »Na gut, ich muss«, sagte Frau Diepholz und wies mit dem Kinn zur offenen Zellentür.
   Draußen neben dem vierstöckigen Servierwagen aus Stahlblech lächelte die rothaarige Flora trotz ihres unvollständigen Gebisses ein freundliches Lächeln. Ihr Typ hatte ihr die oberen Schneidezähne auf einem seiner Acid-Trips mit einem schweren Glasaschenbecher ausgeschlagen. Flora, die wirklich extrem dünn war, hatte in der Haft einen Entzug hinter sich gebracht, schien aber noch immer nicht ganz darüber hinweg zu sein.
   »Tschüss dann«, sagte Frau Diepholz und ging hinaus.
   »Tschüss«, rief Evelyn ihr hinterher.
   Das Zuknallen und Verriegeln der Tür klang wie in einem dieser Gefängnisfilme, die man gelegentlich im Fernsehen sieht. Ansonsten war hier drin das meiste ganz anders, und zwar besser, als sie befürchtet hatte.
   Die JVA Essen-Frintrop lag an der Grenze zwischen Essen und Mülheim in einem ansonsten unbebauten Gebiet, umgeben von einem Grüngürtel. Früher hatte hier mal ein großes Stahlwerk produziert. In den Achtzigerjahren war das komplett von den Chinesen demontiert und in Nanjing neu aufgebaut worden. Die JVA bestand aus fünf lang gestreckten, jeweils viergeschossigen Gebäuden, die zusammen einen Halbkreis bildeten und ein großes Areal mit Sportplatz und einer modernen Sporthalle umgaben, die in ihrer annähernd linsenförmigen Architektur und der glänzenden Fassade aus Glas und Aluminium einem gelandeten UFO ähnelte. Das mittlere der fünf Gebäude beherbergte zum großen Teil die Verwaltung, Gemeinschaftseinrichtungen, Küche und Vorratsräume. Nur eines der vier verbleibenden Häuser war weiblichen Strafgefangenen vorbehalten. In der Strafanstalt saßen sechshundertdreißig Männer und zweihundertsiebzehn Frauen ein. Die bösen Buben waren also auch in emanzipierten Zeiten immer noch deutlich in der Überzahl.
   Die Frauenquote ist bei uns immerhin viel besser als in den DAX-Vorständen, hatte die Leiterin der JVA Frau Doktor Wegener am zweiten Tag nach Evelyns Überstellung nach Frintrop in launigem Tonfall zu ihr gesagt. Frau Doktor Wegener war eine stämmige Frau Mitte fünfzig und hatte eine erstaunlich warmherzige Art, mit Leuten umzugehen. Es war das Einführungsgespräch gewesen. Neue Häftlinge bekamen hier immer ein Einführungsgespräch, in dem ihnen die Abläufe in der JVA nähergebracht und der Sinn der Haftstrafe erläutert wurde, die eine problemlose Wiedereingliederung in die Gesellschaft draußen zum Ziel hatte. Evelyn konnte sich deshalb so gut an das Gespräch erinnern, weil sie bei dem Vergleich zwischen den Insassen der Frintroper JVA und den DAX-Vorständen trotz des ansonsten ernsten Gesprächs hatte schmunzeln müssen. Es war ihr nämlich die Frage in den Sinn gekommen war, wo unter dem Strich die kriminelle Energie wohl stärker ausgeprägt sein mochte.
   Evelyn blickte auf den kleinen Reisewecker, der auf ihrem Nachttischchen neben dem schmalen Einzelbett stand. Es war Viertel nach zwei. Um drei Uhr sah der Stundenplan sechzig Minuten Hofgang vor.
   Evelyn setzte sich matt auf ihr Bett und blickte in den gegenüberliegenden kleinen Spiegel an der Wand. Die Haut unter ihren müden blauen Augen glänzte vom Schweiß. Die hellblond gefärbten Haare, die sie zu einem Knoten gebunden hatte, zeigten am Scheitel einen grauen Ansatz. Das orangefarbene T-Shirt (man gestattete hier auch einige private Kleidungsstücke) zeigte deutliche Schweißflecken. Dazu trug sie die dunkelblaue Arbeitshose der JVA. Die Hosenbeine hatte sie bis zu den Knien umgeschlagen. Sie blickte auf den zusammengefalteten Brief, der neben der kleinen gerahmten Fotografie auf dem Schreibtisch lag, und eine Welle der Trauer überrollte sie wie die Brandung, die sich schäumend auf den Strand wälzt und auf dem Rückweg ins Meer an einem zerrt. Evelyns Augen wurden feucht, und ein Teil der Trauer mochte durchaus ihrem toten Vater gelten. Der weitaus größere Teil ihres Kummers begleitete sie nun jedoch schon seit fast zehn Monaten und war der Grund dafür, dass ihr Leben aus den Fugen geraten war. Und es war der Grund dafür, dass sie hier war.
   Manfreds Tod, der Tod der späten Liebe ihres Lebens, der letzten Liebe, dessen war sie sich sicher, hatte ihr die Perspektive geraubt. Pläne, die sie noch miteinander geschmiedet hatten, Träume, die sie noch gemeinsam geträumt hatten, waren vom Tisch gewischt worden wie Krümel von einem abgeräumten Frühstückstisch.
   Von dem Foto auf dem Schreibtisch lächelte er sie an, mit geschlossenen Lippen, wie er es meistens getan hatte, die Wangen voller, als er es sich gewünscht hatte, die ehemals blonden Haare ergraut und dünn geworden. Damals war die Welt noch in Ordnung gewesen, damals im Sommer 2014 auf Langeoog, als sie mit den Fahrrädern ein gutes Stück weit nach Osten gefahren waren. Dorthin, wo der ohnehin breite Strand, durch die Ebbe noch fast verdoppelt, schon relativ menschenleer gewesen war. Sie hatten sich am Rand der Dünen in den Sand gelegt und gemeinsam die vorüberziehenden Wolken beobachtet, die vom Wind ins Landesinnere getrieben wurden.
   Evelyn legte sich auf das Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Für einen Moment hörte sie das Rauschen des Meeres.
   Die Zellendecke war weiß. Die Wände waren bis zur halben Höhe in einem freundlichen Hellgrün gestrichen. Die Farbkombination aus Grün und Weiß war das Konzept derjenigen gewesen, die für die Gestaltung der Vollzugsanstalt verantwortlich gewesen waren. Auch auf den Fluren und in den Treppenhäusern waren Grün und Weiß die vorherrschenden Farben. Aus dem vergitterten Fenster neben dem Kopfende ihres Bettes konnte sie nur hinunter auf den Sportplatz und die gegenüberliegenden Trakte blicken, wenn sie aufrecht davorstand. Trotzdem bekam die Zelle genügend Tageslicht ab. Es wäre schön gewesen, wenn man jetzt bei der schwülwarmen Wetterlage die Tür zum Lüften öffnen könnte. Dagegen sprach jedoch nicht nur die Hausordnung der JVA, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Evelyn hatte sich schon immer ganz gut stundenlang allein in einem Raum aufhalten können und war sich dabei selbst genug. Aber zu wissen, dass sie diesen Raum nicht jederzeit verlassen konnte, dass sie sich hinter einer verriegelten Tür befand, bereitete ihr Unbehagen.
   Sie setzte sich auf und strich sich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren, die stets den unwiderstehlichen Drang zu verspüren schienen, sich aus dem Knoten an ihrem Hinterkopf zu lösen. Dann ging sie zu dem Edelstahl-Waschbecken an der gegenüberliegenden Wand und ließ sich kaltes Wasser (was aus der Leitung kam, war eher irgendetwas zwischen fast kühl und lauwarm) über Unterarme und Hände laufen. Sie legte die nassen Handflächen auf ihr Gesicht und sog die Luft tief durch die Nase ein.
   Evelyn war ungeschminkt. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie in Haft war, sondern sie schminkte sich grundsätzlich nie.
   Auf ihrem Schreibtisch lagen eine Reihe von Büchern, die sie sich schon vor Tagen aus der Bücherei ausgeliehen hatte. Effi Briest war dabei, von Fontane. Auch Der Schimmelreiter. Beide Bücher kannte sie aus ihrer Jugend und hatte sie mehr als einmal gelesen, aber sie gehörten immer noch zu ihren Lieblingsbüchern, und sie verband damit viele Erinnerungen. Außerdem beschwor es sowohl schöne als auch traurige Momente ihres Lebens herauf, den Namen Effi auf dem Buchdeckel zu lesen. Allerdings hatte sie es bisher nicht geschafft, mit dem Lesen eines der Bücher zu beginnen.
   Nicht, dass sie dafür keine Zeit hätte, bewahre. Sie hatte sich noch nicht einmal für eine Tätigkeit entschieden, von denen in der JVA jede Menge angeboten wurden. Die kleine Flora, zum Beispiel, arbeitete in der Küche. Wahrscheinlich hoffte man, dass sie beim Umgang mit den Lebensmitteln ein bisschen zunehmen würde. Viele Häftlinge bastelten Geschenkartikel, die im Onlineshop der JVA verkauft wurden. Jenny Lumbeck, mit der Evelyn bis vor zwei Wochen vorübergehend wegen Platzmangel eine Gemeinschaftszelle hatte teilen müssen, arbeitete in der Wäscherei. Jenny hatte ihrem Mann seinen Bowlingpokal, auf den er mächtig stolz war, zielgenau ins Gesicht geschmettert und ihm dabei das Nasen- und das linke Jochbein gebrochen. Auf einem Auge hatte er bei der Attacke siebzig Prozent seiner Sehkraft eingebüßt. Anschließend hatte sie versucht, sein Flittchen übers Balkongeländer zu werfen, was zum Glück von Nachbarn, die durch das Geschrei alarmiert worden waren, im letzten Moment verhindert werden konnte.
   Viele Wege führen nach Alcatraz.
   Das Gefängnis war schon ein merkwürdiges Paralleluniversum. Evelyn erinnerte sich, dass Jenny Lumbeck durch das Zellenfenster über das Sportgelände hinweg eine Beziehung zu einem männlichen Häftling im gegenüberliegenden Trakt aufgenommen hatte. Dabei war auf diese Distanz bestenfalls schemenhaft ein Gesicht im Fenster zu erkennen, vorausgesetzt, der Lichteinfall war günstig. Und dies war durchaus kein Einzelfall. Massenhaft kam es im Knast zu Fernkontakten zwischen männlichen und weiblichen Insassen. Es hatte sich eine regelrechte hausinterne Zeichen- und Winksprache entwickelt, mit der sich Männlein und Weiblein miteinander verständigten. Sogar Prügeleien zwischen Frauen hatte es beim Hofgang gegeben, wenn eine es gewagt hatte, dem falschen Fenster zu winken.
   Wenn beide Häftlinge einen Antrag stellten, war es durchaus möglich, dass das Pärchen einen unbeaufsichtigten, sogenannten Langzeitbesuch, oder auch Intimbesuch genehmigt bekam. Dafür musste es sich aber in beiden Fällen um Häftlinge mit sehr guter Führung handeln. Soweit Evelyn gehört hatte, kamen solche Zusammenkünfte häufiger vor, als man annehmen sollte. Der Trieb sucht sich seinen Weg, hatte sie bei sich gedacht und sich die absurde Situation damit erklärt. Am Ende kamen dort schließlich zwei Menschen zusammen, die sich zuvor niemals näher als hundert Meter gekommen waren. Ihr hatte sich der Vergleich von Laborratten aufgedrängt, die, sich einander völlig unbekannt, in einen Glaskäfig gesetzt wurden, um zu beobachten, wie sie sich verhalten und ob sie sich paaren. Die immerhin recht wohnlich eingerichteten Besuchszimmer wurden zwar nicht beobachtet, aber schließlich wusste jeder Außenstehende, ob Vollzugsbeamter oder Häftling, was in den kostbaren Stunden darin geschah. Letzten Monat hatte ein Häftling seine Angebetete in einer solchen Begegnungszelle zusammengeschlagen, weil diese es sich plötzlich doch anders überlegt hatte. Seitdem hatte die Anstaltsleitung die Möglichkeit solcher Zusammenkünfte einstweilen auf Eis gelegt.
   Natürlich hatte Evelyn irgendwo Verständnis für Jenny. Schließlich stand diese mit ihren fünfunddreißig Jahren voll im »Saft«. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie selbst, auch in früheren Jahren, jemals Gefahr gelaufen wäre, so tief zu sinken.
   Manfred, dachte sie spontan. Das Foto blieb stumm, das Lächeln unbeweglich.
   Sie hatten sich spät gefunden. Für beide war es das zweite Glück gewesen, die zweite Chance, nun ja, was sie selbst betraf, wohl eher die dritte. Beide hatten gemeinsam die Leidenschaft neu entdeckt, die Schmetterlinge im Bauch (riesige Falter zuweilen) neu verspürt. Aber es hatte ihnen auch gereicht, einfach nur beisammen zu liegen, sich anzusehen, sich zu berühren.
   Als der Hofgang fällig war, ging Evelyn nach draußen. Sie hätte auch darauf verzichten können, aber vielleicht wehte draußen ein angenehmes Lüftchen. Und was brachte es, in der Zelle die grün-weißen Wände anzuschauen, das ewige, stille Lächeln mit geschlossenen Lippen, den zusammengefalteten Brief auf liniertem Papier, den Waschtisch und die Kloschüssel aus Edelstahl. Viel zu selten konnte sie Letztere benutzen. Evelyn hatte nie, oder zumindest selten, Probleme mit der Verdauung gehabt, aber seit sie im Knast war, schien der Darm in einen Ruhemodus umgeschaltet zu haben.
   Sie reihte sich ein in den Strom der überwiegend blau gekleideten Frauen, der sich die Treppen hinunter ergoss, hörte das schnatternde, kreischende Stimmengewirr aus unzähligen Frauenkehlen, das an eine Geflügelfarm erinnerte, und trat hinaus in grelles Sonnenlicht auf der Außenseite des Gebäudehalbkreises, von wo aus der Männertrakt nicht zu sehen war. Die Mauer, die das gesamte Areal der Justizvollzugsanstalt umgab, war an die sechs Meter hoch, und darauf befand sich der glitzernde Abschluss aus gerolltem Stacheldraht.
   Das war es, was ihr Probleme machte. Das gesamte Gebäude, die Zellen, die Gänge, das Treppenhaus, Gemeinschaftsräume, Sporthalle, auch die Kapelle, alles war freundlich eingerichtet und in warmen Farben gehalten. Jedoch gab es keinen Blick durch irgendein wie auch immer geartetes Fenster, ohne dass er durch Gitterstäbe zerteilt wurde. Hier wurde die Welt in kleine rechteckige Einheiten unterteilt. Das Leben wurde von hier aus durch ein grobes Raster betrachtet. Die einzige Ausnahme war, wenn man beim Hofgang den Kopf in den Nacken legte und in den freien Himmel hinaufsah. Dann zogen an manchen Tagen die Wolken dahin wie am Strand und über den Dünen von Langeoog. Nicht heute, denn das Thermometer zeigte vierunddreißig Grad Celsius, und der Himmel war nicht ganz blau, sondern milchig weiß, als hätte der liebe Gott (der mit dem merkwürdigen Humor) eine durchsichtige, nicht ganz neue Folie über die Welt gespannt.
   In dem einen Monat, den sie bisher hier verbracht hatte, und in den vier Monaten Untersuchungshaft davor, bis zu ihrem Prozess und währenddessen, hätte Evelyn schon viel Gelegenheit gehabt, sich an die Omnipräsenz von Gittern zu gewöhnen. Es war ihr bisher nicht gelungen.
   Aus der Tageszeitung, die in der Gefängnisbibliothek eingesehen werden konnte, wusste sie, dass es vielen anderen Menschen ähnlich ging. In der Türkei zum Beispiel war der Staatspräsident dabei, nach einem gescheiterten Putschversuch unzählige Menschen, die nach seiner Auffassung von der Linie abwichen, unter dem Vorwurf terroristischer Umtriebe ins Gefängnis zu werfen. Unter ihnen waren neben Militärs auch Staatsanwälte, Lehrer und Journalisten in so großer Zahl, dass es kaum vorstellbar war, dass es sich tatsächlich ohne Ausnahme um Sympathisanten und Unterstützer staatsfeindlicher Organisationen handelte. Evelyn wusste, dass es diesen Leuten hinter ihren Gitterstäben weitaus schlechter ging als ihr. Sie war schließlich zu Recht hier. Sie war mit ihrem Urteil absolut einverstanden. Der Richter hatte keine Chance gehabt, anders zu entscheiden.

2.
Juli 1962

Manfred saß am Küchentisch und zeichnete. Draußen war schönes Wetter, und das war es, was seine Eltern schon immer gewundert hatte. Es konnte das schönste Wetter sein, die Kinder aus der Nachbarschaft spielten johlend und rufend zwischen den Häusern – aber Manfred beschäftigte sich stundenlang mit seinen Bilderbüchern und vertiefte sich in die Abenteuer von Meckie und seinen Freunden. Oder er malte. Wobei das Malen mit Farben nie in besonderem Maße sein Interesse fand. Er zeichnete mit dem Bleistift. Voller Andacht entstanden die grauen Konturen einer Ritterburg mit Zinnen und Schießscharten auf dem frischen Blatt seines Zeichenblocks. Das unberührte weiße Blatt übte eine sinnliche Anziehungskraft auf ihn aus. Einen ganz neuen Zeichenblock zu beginnen, das bunte Deckblatt aufzuschlagen und die ersten Striche auf dem makellosen, holzfreien Papier auszuführen, war ein fast religiöser Akt.
   Er genoss es, in der Küche allein zu sein. Der Papa war nebenan im Wohnzimmer und nahm Musik auf. Dabei kam es für Papa darauf an, genau im richtigen Moment, wenn der Ansager verstummte, gleichzeitig die Start- und Aufnahmetaste zu drücken, bevor die Musik einsetzte. Der Papa war stolz auf sein Grundig TK 23 Tonbandgerät. Mit den Magnetbandspulen von BASF konnte er bis zu zwei Stunden Musik am Stück aufnehmen.
   Die Mama war noch mal zu Petzelberger gelaufen, einem kleinen Gemischtwarenladen ein paar Hundert Meter entfernt an der Ecke auf der anderen Seite der Gelsenkirchener Straße.
   Manfred nahm das stumpfe Ende seines Bleistifts in den Mund und sah gedankenverloren zum Küchenfenster hinaus. Direkt gegenüber war der »Stall«, in dem der Papa allerlei Gartengeräte aufbewahrte und in dessen oberem Teil sich ein Taubenschlag befand. Tauben hielten die Eltern zwar nicht, dafür versorgte Susi, die schwarz-weiße Katze aus der Nachbarschaft, dort im Stroh ihren Wurf von vier kleinen Welpen, die ihre Augen noch geschlossen hielten. Das hatte Manfred erst gestern noch überprüft.
   Oberhalb der grauen Dachschindeln des Stalles konnte Manfred sehen, dass die beiden Kühltürme der Zeche dicke weiße Dampfwolken ausstießen, die sich kompakt und träge in den Himmel hinaufwälzten wie schwereloser Rasierschaum. Die Sicht auf die Kühltürme selbst wurde durch den Stall verdeckt.
   Manfred zeichnete im Umfeld der Ritterburg mit schwungvollen Bögen ein paar Sträucher und Bäume. Den groben und unregelmäßigen Mauersteinen verlieh er durch Schraffierungen und Schatten ein möglichst realistisches Aussehen. Auf einem der Türme entstand ein kleiner, einsamer Ritter, der aus nicht ersichtlichen Gründen sein Schwert erhoben hatte.
   Manfred hörte die Haustür ins Schloss fallen. Kurz darauf öffnete sich die Küchentür. Noch halb im Korridor (so nannten sie die Diele ihrer Erdgeschosswohnung) rief Elfriede ins Wohnzimmer: »Schorsch, willße am Sonntach Pellkartoffeln oder Bratkartoffeln?«
   Durch die offene Küchentür drang die weiche, aber männliche Stimme von Gerhard Wendland. Darf ich bitten zum Tango um Mitternacht?
   Und dann die weniger weiche, jedoch ebenfalls männliche Stimme von Georg Schuster. »Bratkartoffeln!«
   Tanze mit mir in den Morgen.…
   »Manfred, du muss gleich ma hier den Küchentisch freimachen«, bemerkte die Mama und stellte ihre Einkaufstasche auf der Spüle ab.
   Tanze mit mir in das Glück … Die Stimme wurde begleitet von einem beschwingten Tangorhythmus.
   »Setz dich doch anne Fensterbank«, schlug die Mama vor.
   In deinen Armen zu träumen ist so schön bei verliebter Musik…
   Sie schloss die Küchentür.
   Der Papa hatte damals keine abgeschlossene Lehre absolvieren können. Daran waren die Kinderlandverschickung schuld, die ihn als Heranwachsenden ins Oberhessische verschlagen hatte, und die Turbulenzen sowohl in den letzten Kriegs-, als auch in den ersten Friedensjahren. Trotzdem besaß er eine Menge handwerkliches Geschick. So hatte er die Küchenfensterbank um das Dreifache verbreitert und darunter einen Schrank mit Schiebetüren gebaut, sodass die neue Fensterbank den oberen Abschluss des Schrankes bildete. Die Materialien stammten ausnahmslos aus Zechenbeständen. Hinter den Schiebetüren verbargen sich Stapel von Meckie Bilderbüchern, Malbüchern, mehrere Autoquartette und eine große, rot lackierte Holzkiste mit verschieden großen Fächern (ebenfalls von Papa gebaut) in denen sich die Lego-Steine befanden.
   Manfred klappte seinen Zeichenblock zu und räumte die Malsachen vom Tisch. Dann kniete er sich vor den Schiebeschrank und zog die Legokiste vor.
   Mama begann, das Viertelpfund Aufschnitt, die Gurken und einen halbes Pfund Butter in den Bosch-Kühlschrank zu räumen, der friedlich und vertrauenerweckend vor sich hin brummte.
   »Mensch, Manfred«, sagte sie, »warum gehße denn nich ma’n bisschen in’n Garten? Es is so ’n schönes Wetter.«
   »Nee, keine Lust«, bemerkte Manfred und begann, auf einer Lego-Bodenplatte die Außenmauern eines Hauses zu errichten.
   »Ich hab Ingo und Siechfried draußen gesehn«, ließ die Mama nicht locker, »die haben gefracht, ob du nich raus komms.«
   »Mhm … Mhm …«, machte Manfred und schüttelte den Kopf, was Mama nicht sehen konnte, weil sie ihm an der Spüle stehend den Rücken zuwandte. Er bemühte sich, die roten und weißen Steine abwechselnd zu verwenden, weil er wusste, dass er von jeweils einer Farbe nicht genügend Steine für ein Haus besaß. Und nichts war schlimmer, als eine Bauruine auf halber Strecke notgedrungen mit einer anderen Farbe weiterzubauen. Ein geordnetes rot-weißes Schachbrettmuster an den Mauern wirkte da erheblich ansprechender. Die Schwierigkeit stellte sich erst ein, wenn es an die Errichtung des Daches ging und man auf der einen Seite darauf achten musste, dass die Dachsteine genügend solide zusammengedrückt wurden, auf der anderen Seite jedoch aufpassen musste, dass das Dach nicht ab der dritten oder vierten Reihe einstürzte.
   Als sich die Küchentür erneut öffnete, gab es im Wohnzimmer offenbar gerade die Nachrichten, irgendwas mit Adenauer, Chruschtschow und so weiter.
   Tanze mit mir in den Morgen, hatte auf der Magnetspule in der Reihenfolge hinter der italienischen Sängerin Mina mit Heißer Sand seinen Platz gefunden. Es war das Jahr, in dem sich in England eine Bluesband namens The Rolling Stones gründete, damals noch mit Brian Jones und Ian Stewart. Zu der Zeit gab es die Beatles schon seit zwei Jahren. Der Tsunami, den die beiden Musikgruppen in der Musikbranche und in der Jugendbewegung insgesamt auslösten, würde erst mit Verspätung bei Manfred Schuster ankommen.
   »Friede, ich geh noch ma im Garten«, verkündete Georg Schuster.
   »Ja komm, Manfred, dann geh doch mit nach draußen«, machte Elfriede einen weiteren Versuch.
   »Nee, ich will nich!«, bestimmte Manfred jetzt entschlossen.
   »Keine Fissematenten, du k…k…komms mit nach draußen«, legte der Papa fest, und eine Entscheidung dieser Art galt in der Regel im Hause Schuster als unanfechtbar. Das leichte Stottern schlich sich nur gelegentlich in Georg Schusters Rede ein.
   Er hatte in den letzten Jahren damit begonnen, ein bisschen füllig zu werden. Er aß gern, das Bier schmeckte, er hatte das Rauchen aufgegeben, und Elfriede kochte große, kalorienreiche Mahlzeiten (obwohl das Wort Kalorien zu Beginn der Sechziger in der Bevölkerung weitgehend unbekannt war). Es war die Zeit des Wirtschaftswunders. Ludwig Erhard würde noch ein gutes Jahr Bundeswirtschaftsminister bleiben, bevor er das Amt an seinen Nachfolger Kurt Schmücker übergab.
   »Ach, Schorsch, dann lass doch den Jungen, wenner nich will«, war Elfriede nun plötzlich wieder ganz auf der Seite ihres einzigen Kindes.
   »Junge«, befahl der Vater, »zieh deine Schuhe an, un ab!«
   Der Papa hatte ihn noch nie geschlagen, aber er konnte Entscheidungen treffen, mochten sie richtig oder falsch sein. Und wenn er eine traf, dann teilte er das in einer Stimmlage mit, die bei Frau und Sohn jede Lust zur weiteren Diskussion im Keim erstickte.
   »Wenn der nächsten Monat inne Schule kommt, dann weht sowieso ’n anderer Wind!«
   Das war ein Satz, den Manfred schon häufiger gehört hatte, auch von seiner Mutter. Auch der Oppa hatte ihn schon verwendet. Und dieser Satz war nicht eben dazu angetan, seine Vorfreude auf die Einschulung zu fördern. Die Begeisterung wurde zusätzlich gedämpft durch den Hinweis auf den sogenannten Ernst des Lebens, der offenbar mit dem Tag der Einschulung in sein Leben treten sollte.
   Vater und Sohn gingen durch den Hausflur und die Hintertür, wo sie in die Gartenschuhe schlüpften, die Treppe hinunter über den mit Asche bedeckten Hof. Der Hof musste im Wochenrhythmus geharkt werden, damit sich kein Unkraut ansiedelte. Meistens übernahm das die Mama.
   Wenn der Papa im Garten arbeitete, war Manfred grundsätzlich im Weg. Geduld und pädagogisches Einfühlungsvermögen gehörten nicht zu Georg Schusters Kernkompetenzen. Er liebte Frau und Kind. Das auf jeden Fall! Aber wenn bei der Arbeit nicht alles klappte, wie er es sich vorstellte, und wenn andere nicht seine Gedankengänge rechtzeitig errieten, konnte er schnell einmal laut werden. Aber er war nicht nachtragend. Bei ihm zogen Gewitter genauso schnell weiter, wie sie heraufzogen. Hatten im einen Moment die Türen geknallt, konnte er im nächsten schon wieder ganz ruhig und liebevoll sein.
   Während sich der Vater mit der Schaufel daran machte, die Ausschachtung für den geplanten Gartenteich vor der Laube voranzutreiben, sah Manfred im überdachten Gang vor dem Hühnerstall (auch hier stammten die Baumaterialien ausnahmslos vom Pütt) nach seiner Ameisenfarm, die er vor ein paar Tagen angelegt hatte. Unter einem Trittstein im Garten hatte er eine Ameisenkolonie freigelegt, eine große Population kurzerhand gekidnappt und zusammen mit lockerer Erde und Sand in ein leeres Gurkenglas verfrachtet. In den Metalldeckel hatte er mit einem dünnen Nagel winzige Löcher gebohrt, so winzig, dass nicht einmal eine Ameise hindurchpasste. Auf die Erde, die das Glas zu zwei Dritteln füllte, hatte er einen Teelöffel Zucker gestreut, den die Mama beigesteuert hatte. Inzwischen hatten sich die Ameisen schon häuslich eingerichtet, einen Teil des Zuckers unter Tage befördert und Gänge gegraben, die zum Teil entlang der Glaswand verliefen, sodass man sie von außen einsehen konnte.
   Manfred stellte das Glas beiseite und überlegte, was passieren würde, wenn er Insekten fing, eine Spinne oder eine Biene, vielleicht auch einen Regenwurm, und ihn zu den Ameisen ins Glas gab. Kinder können mitunter recht skrupellos sein.
   Er schlenderte den Gartenweg entlang und kam an der Laube vorbei, wo sein Vater inmitten eines Blumenbeetes schaufelnd fast bis zur Hüfte in einem Erdloch stand.
   Der lang gezogene Garten wurde am Ende durch eine rotbraune Backsteinmauer begrenzt. Schon wenige Meter dahinter erhoben sich auf dem Zechengelände die zwei mächtigen Kühltürme. Jenseits der Mauer hörte man das leise, aber stetige Rauschen von Wasser. Weiter links erhob sich, vielleicht zweihundert Meter Luftlinie entfernt, der Förderturm von Schacht 12, auch Doppelbock genannt, der die zentrale Förderanlage der Zeche Zollverein war. Beide Seilscheiben rotierten, was bedeutete, dass Bergleute auf Seilfahrt waren. Viele Jahre später, lange nach dem Ende des Ruhrbergbaus, würde das ganze Gelände zum Weltkulturerbe erklärt werden.
   Drinnen in der Küche bereitete die Mutter die Schnittchen fürs Abendessen vor. Bald weht ein anderer Wind, dachte sie, und in ihrem Herzen saß die Sorge, wie sich ihr einziges Kind wohl in der Schule machen würde. Manfred war immer ein ruhiges Kind gewesen, kein Rabauke, keiner, der auf die Bäume kletterte, vorlaut war und sich mit anderen prügelte. Sicher hatte er mehrfach aufgeschürfte Knie gehabt, wenn er vom Roller fahren nach Hause kam. Aber Manfred war eben ein Kind, das lieber im Haus malte, in Bilderbüchern blätterte oder sich in ferne Welten träumte, als mit den anderen draußen Fangen zu spielen. Elfriede hoffte, dass der »andere Wind« nicht zu rau für ihren kleinen Manfred sein würde.

3.
Dezember 2015

Das Angela-von-Merici-Heil-und-Pflegeheim war 1911 ursprünglich von Nonnen des Ursulinenordens in Essen erbaut worden und dort zunächst gut besuchte Anlaufstelle für Wöchnerinnen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten gewesen. Sehr bald allerdings kurierten hier überwiegend kriegsversehrte Soldaten ihre schweren Verwundungen aus, bis diese so weit verheilt waren, dass man ihnen den hölzernen Ersatz für verlorene Gliedmaßen anpassen konnte. Auch manches Giftgasopfer tat hier seinen letzten Atemzug, während eine der aufopferungsvollen Ordensschwestern ihm die Hand hielt. Was der Steinstaub in Bergwerken mit Namen wie Mathias Stinnes oder Langenbrahm nicht geschafft hatte, das Dianisidin aus Beständen der eigenen Artillerie konnte die Lungenfunktion in Minuten irreparabel schädigen, sofern die Windrichtung dafür günstig war.
   Ab Juni 1930 hatte die Katholische Kirche in dem schönen Gebäude mit Stuckfassade und Zwiebeltürmchen unter dem neuen Namen Martinus-Heim ein Hospiz für Menschen mit langwierigen und unheilbaren Erkrankungen unterhalten. Im April 1944 war das Martinus-Heim dann, sozusagen als Kollateralschaden, einem alliierten Bombenangriff zum Opfer gefallen, der eigentlich den Krupp-Werken in Altendorf gegolten hatte. Erst 1957 war das Gelände vollständig vom Schutt befreit worden, auf dem nun ein zweckmäßiger Neubau entstand. Zu Beginn des Jahres 1993 hatte ein privater Träger der Kirche das Objekt abgekauft und eine Privatklinik daraus gemacht. Erst seit April 2004 war das Martinus-Heim, wie es bei den Anwohnern weiterhin hieß, eine externe Abteilung des Klinikums Essen. Aus Platzmangel bei der Hirnchirurgie auf dem eigentlichen Klinikgelände erfolgte hier die Nachsorge und Pflege von Patienten mit Hirntraumata und nach Schädeloperationen. Auf dem großzügigen Gartengrundstück hinter dem Haus entstand ein Anbau, der die Kapazität deutlich verbesserte.
   Das Martinus-Heim lag in der Brunnenstraße in einem ruhigen Wohngebiet. Direkt gegenüber konnte man in den Stadtgarten blicken, der an diesem Tag menschenleer war. Die Straße wurde gesäumt von einer Reihe alter Ulmen, die zurzeit fast vollständig entlaubt waren. Von einem der Bäume, schräg gegenüber des Martinus-Heims, war nur noch der Stumpf übrig, an dessen glatter Schnittfläche sich im letzten Sommer schon wieder neue Triebe gebildet hatten. Der Baum war am Pfingstmontag des vergangenen Jahres dem Orkan Ela zum Opfer gefallen und hatte quer über der Fahrbahn gelegen, wobei er einer S-Klasse mit nur knapp fünftausend Kilometern auf dem Tacho den viel zu frühen Totalschadentod gebracht hatte.
   Evelyn hatte ihren roten Renault Twingo mit zwei Rädern auf dem Bordstein abgestellt, zwischen zwei Fahrzeugen mit Anwohnerausweis hinter der Frontscheibe. Bei diesem Wetter würden garantiert keine Politessen unterwegs sein, vermutete sie, deshalb verzichtete sie darauf, einen Parkschein zu ziehen. Schon während sie den kleinen Strauß aus frischen Tannenzweigen aus dem Kofferraum nahm, hatte der Wind, der einen feinen, kalten Nieselregen durch die Luft trieb, erste Erfolge dabei errungen, den Knoten, den sie aus ihren Haaren geflochten hatte, aufzulösen. Eilig lief sie über die unbelebte Straße und erklomm die ersten Stufen des Haupteingangs, die sie unter das großzügige Vordach führten, wo sie immerhin vor dem Regen geschützt war. Evelyn drückte die Glastür auf und nickte grüßend dem älteren Mann zu, der hinter dem geschwungenen Tresen aus hellem Holz saß, der den Empfang bildete. Evelyn und der ältere Mann kannten sich vom Sehen, denn der Besuch heute war nicht ihr erster. Anfangs war Evelyn fast jeden Tag für eine Stunde hergekommen. Inzwischen hatten sich ihre Besuche auf freitags, weil sie da eher Dienstschluss hatte, und sonntags reduziert.
   Der ältere Mann grüßte freundlich, aber irgendwie abwesend zurück. Offenbar war er dabei gewesen, ein Buch zu lesen.
   Evelyn ging geradeaus durch die Empfangshalle auf den gläsernen Gang zu, der vom Haupthaus durch den Garten zum Anbau am hinteren Ende des Grundstücks führte. Das hintere Gebäude war nur zweigeschossig, und sie gelangte über eine moderne Steintreppe mit einem Geländer aus transparentem Plexiglas nach oben. Auf der Glastür stand in blassen grauen Versalien NEUROTRAUMATOLOGIE. Auf dem hellen Gang kam ihr Schwester Kathrin entgegen. Die weiblichen Pflegekräfte im Martinus-Heim nannten sich zwar in alter Tradition Schwestern, waren aber weit vom Bild der Ordensschwester mit Häubchen und Tracht entfernt. Erstens gab es offiziell den Begriff Krankenschwester nicht mehr, sondern es gab in Krankenhäusern schon lange sowohl weibliche als auch männliche Pflegekräfte. Zweitens war die vielleicht dreißigjährige »Schwester« Kathrin eine in jeder Hinsicht weltliche Person in einer modischen kurzärmeligen Bluse, einer Brille mit einem Gestell in leuchtendem Orange, einer Jeans, die ihren nicht kleinen, aber ansehnlichen Hintern gut ins Bild setzte und dem Tattoo einer Elfe mit Schmetterlingsflügeln auf dem linken Unterarm. Evelyn vermutete unter der apricotfarbenen Bluse noch mehr solcher fantasievollen Abbildungen. Sie mochte Schwester Kathrin. »Hallo«, grüßte sie.
   »Frau Lengsfeld«, Schwester Kathrin nickte ihr lächelnd zu, »kann sein, dass heute einer der schlechteren Tage ist. Is auch wieder ziemlich warm im Zimmer.«
   »Okay«, sagte Evelyn, »ich guck mal. Haben sie wohl noch mal ’ne Vase für mich?«
   »Klar«, antwortete Kathrin, »gehn se nur schomma rein, ich komm gleich.«
   Evelyn drückte die Türklinke von Zimmer 7 hinunter und trat ein. Die Sieben ist eine magische Zahl, und Evelyn hatte am Anfang gehofft, die Zahl könnte vielleicht ein Wunder bewirken. Diese Illusion hatte sie inzwischen aufgegeben. Allerdings fand sie nicht, dass es besonders warm im Zimmer war. Nicht im Moment jedenfalls.
   Manfred saß in seinem Rollstuhl, beide Hände auf den Armlehnen abgelegt, und blickte geradeaus zum Fenster.
   »Hallo Manni«, rief Evelyn in den Raum hinein. Ihre Stimme hatte einen fröhlichen, optimistischen Klang, der nicht im Mindesten ihrer tatsächlichen Stimmung entsprach. Erwartungsgemäß reagierte Manfred nicht. Sein Gesicht war unbeweglich, wie aus Wachs, und die Augen waren starr auf das Fenster gerichtet.
   »Wie geht’s dir heute?«, fragte Evelyn und ging um den Rollstuhl herum zum Fenster, damit er sie sehen konnte. Er schien sie nicht wahrzunehmen. Also alles wie immer.
   »Guck, ich hab frisches Tannengrün mitgebracht. Ist doch bald Weihnachten.« Sie wedelte mit den Zweigen vor ihm herum und lächelte ihm in das schlaffe, blasse Gesicht.
   Sein Blick zielte eine Handbreit an ihrem Gesicht vorbei und endete irgendwo jenseits der großen Fensterscheibe im tristen Grau des Dezembernachmittages.
   Die Situation war nicht neu, aber es tat immer noch weh. Sie liebte Manfred noch immer über alle Maßen, und sie war einfach nicht bereit, sich mit den paar schönen Jahren zufriedenzugeben, die sie miteinander gehabt hatten bis zu diesem schrecklichen Montag im Juni, den sie mit schöner Regelmäßigkeit in ihren Träumen wieder und wieder erlebte.
   Die Tür ging auf und Schwester Kathrin brachte eine mittelgroße Glasvase, die optimal für die mitgebrachten Tannenzweige passte.
   »Gehm se her, Frau Lengsfeld, ich mach das schon«, sagte sie und nahm Evelyn den Strauß aus der Hand.
   Evelyn hatte schon mehrmals darüber nachgedacht, der Schwester das Du anzubieten, aber irgendwie hatte es nie eine passende Gelegenheit gegeben. Sie sah zu, wie Kathrin das Papier von den Tannenzweigen entfernte und diese geschickt in der Vase drapierte.
   »Hierhin?«, fragte die Schwester und hielt die Vase mit den Zweigen über den kleinen runden Tisch, auf dem auch ein Foto von Evelyn und Manfred stand. Es war ein Selfie, allerdings ein gut gelungenes. Wenn sich Evelyn recht erinnerte, hatten sie es am Rhein aufgenommen, an der Ruine der Kaiserpfalz in Düsseldorf-Kaiserswerth an einem schönen, sonnigen Samstagnachmittag.
   »Ja, schön«, sagte sie und nickte.
   Schwester Kathrin stellte die Vase ab, richtete sich auf und hielt einen Moment inne. »Och, scheint doch alles normal zu sein«, stellte sie fest und ging zur Tür. »Einen schönen Tach noch, Frau Lengsfeld«, sagte sie.
   »Danke, Ihnen auch.«
   Schwester Kathrin war außer Evelyn die einzige Person, jedenfalls vermutete sie das, die es bemerkt hatte, dass es in Manfreds Umgebung wärmer wurde, wenn er diese Momente hatte. Evelyn wusste nicht, wie sie es anders nennen sollte.
   »Liebster«, flüsterte sie und sah ihn traurig an. Sie nahm das weiße Tuch, eine Stoffwindel, von der Rückenlehne seines Rollstuhls und tupfte das Rinnsal aus Speichel ab, das sich aus Manfreds linkem Mundwinkel zum Kinn zog. Dann küsste sie ihn auf den Mund. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass seine Lippen keinen Widerstand boten, dass sie sich schlaff und unbeteiligt anfühlten wie die Gummischnute eines Partyluftballons, den ihre kleine Enkelin bei unzähligen vergeblichen Versuchen, ihn selbst aufzublasen, bereits feuchtwarm vorgekaut hatte, bevor sie ihn weiterreichte mit dem weinerlichen Kommando: »Mach du, Omi.«
   Manfred saß da, die früher einmal vollen Wangen merkwürdig eingefallen, weiß und teigig. Die früher einmal blonden Haare waren grau und schütter geworden. Die unteren Augenlider waren gerötet. Nur ganz selten blinzelte er, meistens starrten die Augen unbewegt.
   »Was meinst du, Schatz, soll ich am Sonntag ein bisschen Weihnachtsschmuck mitbringen?«, fragte Evelyn hoffnungslos, »ich kann Zimtsterne backen, und wir machen uns einen schönen Nachmittag. Was meinst du?«
   Von dem Tischchen neben dem Fenster zog sie einen der drei Stühle heran und setzte sich im rechten Winkel ihm gegenüber. Wie gern hätte sie ihm ein Glas Wasser eingeflößt oder sogar einen Kaffee mit ihm getrunken. Jeder Tropfen wäre an seinen schlaffen Lippen abgelaufen und von der dunkelblauen Trainingsjacke aufgesogen worden, die er trug.
   Die Ärzte hatten gleich zu Anfang prognostiziert, dass er mit einiger Sicherheit nie mehr würde laufen können. Die beiden zertrümmerten Lendenwirbel hatten ein klares Urteil gesprochen. Die Hirnblutung hatten sie jedoch damals schnell stoppen und das Gerinnsel, das Druck auf sein Gehirn ausgeübt hatte, entfernen können. Nach Auffassung von Professor Lüdinghausen bestand durchaus berechtigte Hoffnung, dass Manfred die oberen Extremitäten wieder würde benutzen können, irgendwann. Die kognitiven Fähigkeiten dürften aus ärztlicher Sicht auch nicht derart geschädigt sein, dass er seine Umgebung nicht wahrnehmen und mit ihr kommunizieren konnte.
   »Aber er muss es auch wollen«, hatte der Professor einmal zu ihr gesagt und sie vielsagend angesehen. Sie hatte ihn nicht verstanden.
   Manfred saß nun seit über zwei Monaten im Rollstuhl und wurde künstlich ernährt.
   »Ich mach das, ja, Schatz? Ich besorge ein paar kleine Kugeln und Sterne und schmücke damit die Tannenzweige, okay?«
   Evelyn erwartete keine Antwort. Sie sah das wächserne Gesicht an, das ihr sein Profil zuwandte, und sie merkte, wie sich ihre Augen mit heißer Tränenflüssigkeit füllten.
   »Weihnachten wollen auch deine Kinder kommen, das wird ein richtig schönes Fest, warte mal ab«, sagte sie und bemühte sich redlich, ihre Stimme fest klingen zu lassen, »und bis dahin kannst du bestimmt auch wieder sprechen.«
   Sie sah auf seine Augen, bemerkte voller Angst, dass sie anfingen zu flackern wie die Adventskerze in dem Gesteck, das sie ihm letzten Sonntag mitgebracht hatte. Er blinzelte ein paar Mal schnell hintereinander, und dann begannen seine Pupillen in einem aberwitzigen Tempo auf und ab zu rollen. Seine Augen sahen aus wie die kleinen Sichtfenster in einem Glücksspielautomaten, in denen in schneller Folge Kirschen und Zitronen mit Spielkartenmotiven wechselten. Gleichzeitig spürte Evelyn, wie eine ungesunde Wärme in ihr aufstieg wie die Vorboten einer fiebrigen Erkältung. Die Temperatur im Zimmer 7 schien um ein paar Grad gestiegen zu sein. Sie wusste aber nicht, ob das tatsächlich so war, oder ob es ihr nur so vorkam. Außerdem bemerkte sie einen schwachen Chlorgeruch, der sie an Besuche im Hallenbad erinnerte. Sollte Manfred bisher noch ein Minimum dessen mitbekommen haben, was Evelyn zu ihm gesagt hatte, jetzt war er endgültig abgedriftet, war in seine Zwischenwelt abgetaucht, in der er für niemanden erreichbar war. Evelyn nahm an, dass er träumte, träumte mit offenen Augen, Augen, die flatterten wie die einer wahnsinnig gewordenen Trickfilmfigur. Wenn er seine Momente hatte, fürchtete sie sich vor ihm. So wie damals, als er diesen Unfall gehabt hatte, wie sie es für sich selbst nannte. Nur, damals war es kalt gewesen, nicht warm wie im Moment. Und so schrecklich sie den Gedanken fand, ein Teil von ihr wusste, dass es gut war, dass Manfred hier war, in diesem Raum, an diesen Rollstuhl gebunden. Nicht schön, aber richtig, besser so!
   »Gib Antwort!«, schrie sie ihn plötzlich an, »antworte mir!« Ihre Finger umklammerten die verchromten Armlehnen ihres Stuhles, bis ihre Knöchel weiß wurden. »Warum tust du das?« Sie begann hemmungslos zu weinen. Wovor sollte sie auch Hemmungen haben?
   »Hör doch damit auf! Wach auf!«, flehte sie die menschliche Kleiderpuppe im Rollstuhl an, aber im Zimmer 7 blieb es still.

4.
Juni 1968

Dass es unbedingt ein Klappfahrrad sein musste, war auf Papas Mist gewachsen. Klappräder waren in letzter Zeit der Trend, man sah sie in der Zeitungswerbung und bei Lippmann, dem Fahrrad-Fachhändler in Essen-Katernberg (der Ur-Einwohner sagte Kaddernberch) konnte man sie im Schaufenster bewundern. Klappräder hatten den Vorzug, dass man sie mit wenigen Handgriffen auf ein handliches Format bringen und problemlos auch mit dem Auto transportieren konnte. In Wahrheit erforderte das Zusammenklappen doch einiges mehr an Geschick im Umgang mit den passenden Schraubenschlüsseln. Der praktische Nutzen eines Klappfahrrades für ihn persönlich erschloss sich Manfred auch insofern nicht, dass sein Vater Georg Schuster Zeit seines Lebens weder ein Auto noch einen Führerschein besessen hatte. Das traf ebenfalls sowohl auf seine Ehefrau Elfriede, Manfreds Mutter, als auch auf Omma und Oppa zu. Damals gab es auch im erweiterten familiären Kreis nicht ein einziges Automobil. Aber Klappräder waren nun mal ungemein praktisch, das hatten sie schließlich auch in der Zeitung geschrieben. Vielleicht hatten auch Arbeitskollegen dazu geraten. So war also die unverhandelbare Entscheidung durch Georg Schuster gefallen: »Wenn der Junge ’n Farratt will, krichter ’n K…K…Klappratt! Schluss!«
   Es muss dabei erwähnt werden, dass Georg Schuster seinem Sohn durchaus wohlgesinnt war und ihm von Herzen ein Fahrrad gönnte. Manfreds Freund Rainer Bönnes, der im Haus neben Omma und Oppa wohnte, hatte immerhin schon seit einiger Zeit ein eigenes Fahrrad, und wenn sein Sohn auch eines bekam, sollte es auf jeden Fall auf dem neuesten Stand sein.
   Manfred hatte am Anfang in einem gemäßigten Umfang versucht, Einspruch zu erheben, weil ein Klapprad mit seinen verhältnismäßig kleinen Rädern nach seiner Auffassung nicht gerade cool aussah (wobei der Begriff cool in den Sechzigern in Deutschland noch nicht sehr gebräuchlich war), dann war er allerdings angesichts der stimmlichen Dominanz des Vaters zu dem Schluss gekommen, dass ein Klapprad immerhin besser war als gar kein Fahrrad.
   Bezahlt hatten das Klapprad Omma und Oppa, und Manfred hatte es zu Weihnachten vom Christkindchen bekommen, an das er nicht mehr glaubte, obwohl er seinen Glauben länger bewahrt hatte als die meisten Klassenkameraden. Einmal, vor Jahren, hatte er sich zu Hause bitterlich über Klassenkameraden beschwert, die die Behauptung aufgestellt hatten, das Christkindchen gäbe es überhaupt nicht.
   Da Weihnachten bekanntermaßen in einer Jahreszeit stattfindet, die nicht gerade zu Radtouren einlädt, hatte es bis Ende April gedauert, bis Manfred mit dem Oppa und Rainer Bönnes das Klapprad erstmalig auf dem Kaddernberger Markt ausprobiert hatte. Fahren lernen war kein Problem gewesen. Man musste nur sehen, dass das Rad in Bewegung kam, dann kippte man auch nicht um. Und das Prinzip des Lenkens ergab sich von selbst.
   In den folgenden Wochen und Monaten ersetzte Manfred die aufgrund der kleinen Räder nur mangelhafte Coolness durch umso cooleres Zubehör wie neongrüne Handgriffe, Aufkleber, Reflektoren und bunte Filzringe, die man um die Radnaben schlang, wo diese schrill aussahen und gleichzeitig die Naben beim Fahren blank polierten.
   Den knapp halbstündigen Fußmarsch zwischen seinem Zuhause in Schonnebeck und Omma und Oppa in Kaddernberch ersetzte Manfred nun durch eine zehnminütige Radfahrt, die auf besonderen Wunsch einer einzelnen Mutter überwiegend auf den Bürgersteigen stattfand. Oft musste er vor dem Bahnübergang warten, wenn der Schrankenwärter in dem würfelförmigen Backsteinhäuschen die Schranken herunterließ (was er meistens eine gefühlte halbe Stunde vor Ankunft des Zuges tat), damit die Werkslokomotive, eine rostrot gestrichene Diesellok, wieder einmal eine endlose Kette aus mit Koks beladenen Güterwaggons über die Gelsenkirchener Straße ziehen konnte.
   Kurz vor dem Abzweig Katernberg, wo die Linie 7 aus Fahrtrichtung Innenstadt kommend Richtung Katernberg weiterfuhr, während sich die 17 über Stoppenberg Richtung Gelsenkirchen wandte, bog Manfreds Fahrt links ab, die Haldenstraße hinunter, wo sich linker Hand, durch einen zwei Meter hohen Maschendrahtzaun vom Bürgersteig getrennt, die Abraumhalde der Zeche erstreckte, die schon damals mit Birken und dichten Sträuchern bewachsen war.
   In dieser Zeit war Manfred an jedem Tag, soweit das Wetter und seine schulischen Pflichten es erlaubten, mit dem Fahrrad unterwegs. Der Sattel verschmolz schon nach kurzer Zeit regelrecht mit seinem Hinterteil, und er erkundete sämtliche Nebenstraßen seiner Umgebung in Schonnebeck und Katernberg. Manchmal tat er das zusammen mit Rainer Bönnes, meistens jedoch allein.
   An diesem Samstagnachmittag des Monats, in dem Tom Jones mit Delilah die Deutsche Hitparade und die Rolling Stones mit Jumpin’ Jack Flash die britischen Charts anführten, war der Himmel über dem Essener Norden mit einer geschlossenen, hochnebelartigen Bewölkung bedeckt, die immerhin dünn genug war, um die Position der Sonne auszumachen, und die Temperatur lag knapp über zwanzig Grad.
   Manfred war mit seinem Klapprad in unvernünftig hohem Tempo die Haldenstraße hinuntergerast. Auf dieser Nebenstrecke begegnete man nur selten einem Auto. Die Herausforderung bestand eher in der geschickten Umfahrung der Schlaglöcher im Straßenbelag, die nur zum Teil provisorisch mit Teer ausgebessert waren. Er überquerte die Schonnebeckhöfe, die wesentlich dichter frequentiert war, und auf der auch die Straßenbahnschienen verliefen. Der Meybuschhof war eine Sackgasse, die an einer Eisenbahnunterführung für Fußgänger endete. Linker Hand gab es eine leicht abschüssige Brache, die von Gestrüpp und hohem Farn bewachsen war. Es war gar nicht lange her, dass Manfred zusammen mit Freunden durch dieses Gestrüpp gestreift war, einen meterlangen Holzknüppel in der Hand, der in Wirklichkeit der Henrystutzen von Old Shatterhand gewesen war.
   Wenn man vor der Bahnunterführung genügend Fahrt aufnahm und auch im Gefälle ordentlich in die Pedale trat, erhielt man ausreichend Schwung, um auf der anderen Seite ohne große Anstrengung wieder nach oben zu gelangen. Allerdings nur, wenn man nicht in der Unterführung von Fußgängern behindert wurde. Auf der Katernberger Straße stieß man dann wieder auf die Straßenbahnschienen, die in Kopfsteinpflaster eingebettet waren. Besser war es deshalb, die Viktoriastraße zu nehmen, die leicht abschüssig zum Katernberger Markt führte. Auch hier bestand der Straßenbelag aus Kopfsteinen, sodass sowohl das Klapprad als auch Manfred ordentlich durchgerüttelt wurden. Wenn kein Wochenmarkt stattfand, war der Marktplatz eine völlig freie, asphaltierte Fläche.
   Manfred drehte ein paar Runden um den Katerbrunnen und fuhr einen Slalomparcours zwischen ein paar am Rande des Platzes geparkten Autos. Dem Katerbrunnen gegenüber, auf der anderen Seite der Katernberger Straße, befand sich die alte Polizeiwache, und ein paar Meter weiter links war das REX-Kino, wo Manfred zusammen mit Rainer oder mit Fredi Chelnik Filme wie Schwarze Sporen oder U 2000 – Tauchfahrt des Grauens gesehen hatte.
   Der Name des Stadtteils Katernberg hatte mit den felinen Lieblingshaustieren der Menschen nichts zu tun, sondern leitete sich von dem Begriff Kate ab, der alten Bezeichnung für einen Bauernhof. Eine Kate am Berg bildete also den Ursprung der Siedlung, die 1929 der Stadt Essen eingemeindet worden war.
   Die Evangelische Kirche, im Volksmund auch Bergmannsdom genannt, rechter Hand passierend, bog Manfred nach rechts wieder in die Viktoriastraße ein, wo, durch ein schmales Rasenstück vom Bürgersteig getrennt, zwei längliche, zweistöckige Häuser standen. Im ersten wohnte Rainer Bönnes mit seiner Schwester Christa und seinen Eltern, im zweiten Haus wohnten im Parterre Omma und Oppa. Manfred radelte an den Häusern vorbei. Später sollte er bei den Großeltern zu Abend essen. Die Viktoriastraße überquerte die sogenannte »Köttelbecke«, einen vielleicht eineinhalb Meter schmalen Abwasserkanal, vor dem die Kinder immer wieder gewarnt wurden, weil die schrägen, steil abfallenden Betonwände des Kanals das Herausklettern fast unmöglich machten, sollte man zuvor hineingefallen sein. Vor dem Krieg war hier mal ein Junge beim Spielen ertrunken, wusste Manfred vom Oppa.
   Nachdem sich Manfred vorschriftsmäßig in beide Richtungen abgesichert hatte, überquerte er mit dem Rad die Viktoriastraße und fuhr in die Hegestraße ein, eine ruhige und schmale Wohnstraße mit gepflegten Vorgärten und nur einem Bürgersteig auf der Häuserseite. Auf der anderen Seite wurde die Hegestraße durch die begrünte Böschung der Köttelbecke und das Gleisbett der Zechenbahn gesäumt. Auch hier standen nur vereinzelt Autos am Straßenrand. Im Jahr 1968 gab es so gut wie keine Familie, die mehr als einen PKW besaß, die meisten Arbeiterfamilien hatten allerdings überhaupt kein Auto. Herr Bein, der im gleichen Haus wie Rainer Bönnes wohnte, hatte einen 1960er Citroën DS Pallas der ersten Modellgeneration, ein richtiges Schlachtschiff, wie der Papa immer sagte. Das war so ein Wagen, dessen Hinterräder man kaum sehen konnte, vor allem, wenn das Heck beim Parken hydraulisch abgesenkt wurde. Angeblich sollte man in dem Auto seekrank werden, weil es so weich gefedert war. Für Manfred war diese Information uninteressant, denn ihm wurde ohnehin sowohl in der Straßenbahn als auch im Autobus schlecht. Warum sollte das also im Citroën Pallas anders sein?
   Herr Bein war vor seiner Pensionierung Ingenieur unter Tage gewesen, und was das Entscheidende war: Er hatte geerbt, wie man sich in der Nachbarschaft erzählte. Was und von wem, blieb im Verborgenen.
   Manfred war die Hegestraße bis zum Ende durchgefahren, bis dorthin, wo man über einen Trampelpfad, der über eine mit wild wuchernden Brombeersträuchern und Ginster bewachsene Brache führte, in den Stadtteil Altenessen gelangte. Weil er jedoch schon vor einiger Zeit die Kirchturmuhr (des Bergmannsdoms) fünf Mal hatte schlagen hören, drehte er um und radelte über die Hegestraße in umgekehrter Richtung zurück.
   Vielleicht hundert Meter, bevor er wieder die Viktoriastraße erreichte, kamen ihm drei Typen entgegengeschlendert, die nichts Gutes verhießen. Als Halbstarke oder Eckensteher hätte sein Oppa sie wahrscheinlich bezeichnet. Zwei davon waren Manfred vom Sehen bekannt. Besonders einer, der immer der Wortführer war, hatte dieses typische Gesicht, das man mit Visage oder besser noch Hackfresse treffend beschreiben konnte. Er hatte stets diesen Gesichtsausdruck, der verkündete, dass er seinen Mitmenschen nichts Gutes tun würde, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Dieses freche, gemeine Grinsen schien diesem Typen ins Gesicht geschnitzt. Zwei dieser Ganoven hatten Klaus Stünkel und ihn schon mehrfach auf dem Heimweg vom Konfirmandenunterricht abgefangen und belästigt, sie geschubst, an der Jacke gezogen, oder einfach nur den Weg versperrt. Diese Typen in ihren Jeansjacken, die übersät waren mit irgendwelchen Stickern und Abzeichen, waren eine der negativen Begleiterscheinungen der Zeit, in der der Rock ’n’ Roll die Welt eroberte, der Zeit, in der Rockerbanden damit begannen, Romantik mit Gewalt und martialischem Auftreten zu verknüpfen. Es war eine Zeit des Umbruchs. In diesem Jahr hatte Heintje den Durchbruch mit seinem Lied Mama erzielt, das ihn lebenslang nicht mehr loslassen sollte. Rudi Dutschke war in Berlin auf offener Straße erschossen worden und hatte schwer verletzt nach Vater und Mutter gerufen. Ein Passant soll kommentiert haben: Sieh mal an, wenn’s ans Sterben geht, ruft sogar der nach Vater und Mutter.
   Ein Jahr später würde im amerikanischen Bundesstaat New York eine Band namens Santana für eine Gage von 750 Dollar beim legendären Woodstock-Festival auftreten und ihren Titel Jingo vorstellen.
   Heintje war aus Manfreds Sicht eine schiere Katastrophe, er stellte für ihn sogar eine Art Feindbild dar in einer Reihe mit Peter Alexander und Anneliese Rothenberger. Der Oppa hingegen bekam feuchte Augen, wenn er den kleinen Sänger aus Bleijerheide im Fernsehen sah und hörte. Von Woodstock würde Manfred erst später erfahren. Leider war er für die 68er Bewegung zu jung, ebenso wie für die Beatlemania. Die sprichwörtliche späte Geburt war also nicht immer eine Gnade.
   Im Moment hatte er jedoch andere Probleme. Wenn er gehofft hatte, er könnte einfach an den drei Typen vorbeiradeln, hatte er sich geschnitten. Auf der schmalen Straße kamen sie ihm breitbeinig, nebeneinander gehend, entgegen wie eine Dreier-Delegation der Glorreichen Sieben und versperrten ihm den Weg. Die drei waren wie Manfred zu jung, um wirkliche Rocker zu sein, fühlten sich aber (oder taten wenigstens so), als wären sie welche. Der Rädelsführer, der mit der Hackfresse, mochte ein oder zwei Jahre älter sein als Manfred, war jedoch nicht größer, was er durch aggressives Auftreten wettmachte.
   Hey, du, halt ma!«, kommandierte er und grinste bösartig, wobei er nach links und rechts zu seinen Kumpels Blickkontakt aufnahm. Eine Hand hatte er gehoben wie ein Verkehrspolizist mit weißen Handschuhen auf einer stark befahrenen Kreuzung. Manfred hatte angehalten, stand, das Klapprad zwischen den Beinen, und umklammerte die neongrünen Griffe des Lenkers.
   »Was haste hier zu suchen?«, fragte der Anführer unsinnigerweise und erwartete wohl auch keine sinnvolle Antwort. Die anderen beiden lachten auf.
   Manfred fühlte sich wie gelähmt und unfähig, in irgendeiner Weise zu reagieren. Er konnte einfach nur abwarten und hoffen, dass er die Situation irgendwie heil überstehen würde. Er war in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen, und Gewalttätigkeiten jeder Art waren ihm fremd. Außer ein paar harmlosen Rangeleien und Schubsereien auf dem Schulhof waren ihm diese auch bisher erspart geblieben.
   »Was ’n dat für ’ne Scheiß Jacke?«, fragte die Hackfresse und erwartete auch hierauf wahrscheinlich keine ernsthafte Antwort. Er hatte mit einer Hand in den Fahrradlenker gegriffen und zog mit der anderen am Ärmel von Manfreds beigefarbenem Windblouson. Über Kleidung hatte er sich bisher noch nie Gedanken gemacht. Zu dem Windblouson trug er eine braune Cordhose, die damals in rein deutscher Aussprache Manschesterhose hieß. Beides war praktisch, sauber und pflegeleicht. Für Kleidung war die Mama zuständig.
   »Willße nich antworten?«, bellte Hackfresse ihn an und rüttelte am Lenker, um eine Reaktion zu provozieren.
   Manfred entriss dem Typen seinen Ärmel, mehr traute er sich nicht zu tun. Einer der zwei Mitläufer, der, den er noch nie gesehen hatte, kam jetzt heran und versetzte dem Vorderrad einen heftigen Tritt, dass Manfred fast das Gleichgewicht verlor und mehrfach zur Seite hüpfen musste, um nicht zu stürzen. Alle drei lachten, und dann versetzte Hackfresse Manfred einen Schlag mit der Faust ins Gesicht. Der Schlag war nicht besonders heftig und tat kaum weh, vielleicht auch wegen der Mengen an Adrenalin, die seine Nebennieren ausschütteten.
   »Boah, guck ma, der blutet wie ’n Schwein!«, bemerkte einer der Mitläufer fasziniert.
   Dann gab der Anführer Manfred einen heftigen Stoß gegen die Schulter, sodass er mit seinem Rad auf den Straßenbelag fiel. Er bekam kaum mit, wer von den Dreien dann sagte: »Ey, da kommt einer.«
   Während sich Manfred zaghaft aufrappelte, sprach ihn die Hackfresse leise an: »Glück gehabt, Babyface.« Dann machten sich die drei Schläger fröhlich feixend davon.
   Als Manfred sein Fahrrad wieder aufgerichtet hatte und sich umsah, konnte er zuerst nicht erkennen, wer da angeblich gekommen war. Dann sah er, dass einer der Anwohner von den Mülltonnen zu seiner Haustür ging und dahinter verschwand. Manfred hatte einen metallischen Geschmack auf der Zunge, und als er seinen Mund mit den Fingern befühlte, stellte er fest, dass seine Lippe an der rechten Seite anzuschwellen begann.
   Blutet wie ein Schwein, hatte der Penner gesagt. Der hatte wohl noch nie Blut gesehen, denn so schlimm war es bei Weitem nicht.
   Wenn man heutzutage aktuelle Nachrichten verfolgt, weiß man, dass die Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen damals nicht annähernd mit der zu Beginn des 21. Jahrhunderts vergleichbar war.
   Die Typen hatten sich damit zufriedengegeben, dass sich auf seiner Lippe ein paar Blutstropfen zeigten. Heutzutage würden sie sich in einer ähnlichen Situation selbst von einem herannahenden Passanten nicht davon abhalten lassen, weiter auf ihr Opfer einzuschlagen.
   Trotzdem beschäftigte Manfred noch für einige Zeit die Bedrohungssituation, der er hilflos ausgeliefert gewesen war, und vor allem die erlittene Schmach. Er merkte, dass sein männliches Ego Risse davongetragen hatte. Gerade an der Schwelle vom Kind zum Mann ist dieses Ego ein besonders fragiles Gebilde. Es war kein Jahr her, dass er mit Mama in der Lichtburg DAS DSCHUNGELBUCH angeschaut hatte. Mit Mama ins Kino zu gehen, wäre heute eine unvorstellbare Peinlichkeit. Manfred spürte, dass sich seine Wangen gerötet hatten, und er hoffte, dass sich die Schwellung der Lippe in Grenzen halten würde. Auf keinen Fall wollte er, dass Mama, Papa, Omma oder Oppa etwas davon mitbekamen. So fuhr er noch eine Weile mit dem Fahrrad durch Katernberg und ließ sich den Fahrtwind ins Gesicht wehen, bis sich seine Nerven und die Gesichtshaut beruhigt hatten.
   Als er später bei Omma und Oppa ankam, stellte sich heraus, dass es tatsächlich keine auffälligen Spuren in seinem Gesicht gab. Er fuhr zwischen den beiden Häusern, wo der Platz für die Mülltonnen war, hindurch auf den Hof und stellte sein Klapprad neben der Kellertreppe ab, wo früher die Kaninchenställe gewesen waren. Damals, bevor es diesen Brand gegeben hatte. Eine sehr unangenehme und verwirrende Erinnerung. Heute war dort nur noch ein Stück Rasen.
   Als Omma Maria ihn hereinließ, ging er mit einem gemurmelten »Ich muss aufs Klo« an ihr vorbei und schloss sich zuerst einmal im Badezimmer ein, um seine Lippe im Spiegel zu inspizieren. Man sah wirklich nur etwas, wenn man genau hinsah.
   »Adolf Hitler war der größte Verbrecher aller Zeiten« war ein Satz, den Georg Schuster Senior (der Oppa) ein paar Mal in Manfreds Gegenwart von sich gegeben hatte. Dabei pflegte er das »R« zwischen Zungenspitze und oberem Gaumen derart zu rollen, wie man es von den Sprechern alter Wochenschauen kennt. Den genauen Zusammenhang, in dem der Oppa den Satz ausgesprochen hatte, wusste Manfred nicht mehr so genau. Einmal mochte es gewesen sein, als er sich Oppas alten Bildbetrachter vor die Augen gehalten hatte. Das Ding sah aus wie zwei nebeneinander montierte Fadenzähler, in die man kleine Dias einsetzen konnte. Man musste sich am besten einer Lichtquelle oder dem Fenster zuwenden, wenn man in den Bildbetrachter schaute. Es handelte sich um Fotografien, die bei den Olympischen Spielen 1936 aufgenommen worden waren, und sie zeigten in erster Linie faszinierend dreidimensional und fast erschreckend real ein riesiges Stadion mit einer gewaltigen Menschenmenge und flatternden roten Fahnen mit Hakenkreuzen darauf.
   Manfred hatte sich diese Bilder gern angesehen, weil sie so farbig und lebendig waren, als wäre man selbst im Stadion. Ansonsten schien sich für Manfred alles, was man so durch Radio, Zeitungen oder durch Bemerkungen von Tanten und Onkels über das sogenannte Dritte Reich erfuhr, in einer weit entfernten schwarz-weißen Epoche der Menschheitsgeschichte abgespielt zu haben, irgendwo zwischen dem finsteren und dem frühen Mittelalter. Der Geschichtsunterricht in der Schule, für den er sich auch nicht sonderlich interessierte, spielte sich eher zwischen Karl dem Großen und August dem Starken ab.
   In der eigenen Familie gab es keine Anzeichen dafür, dass es dort glühende Nazis gegeben hätte. Allerdings hatten Oppa und Omma im Krieg auch den älteren von zwei Söhnen verloren. Heinrich, der Georg Schuster Seniors Lieblingssohn gewesen war, war nur wenige Wochen vor Kriegsende im Alter von neunzehn Jahren in der Nähe von Königsberg gefallen. Der Begriff »gefallen« für das sinnlose und grausame Schlachtfest im Dienste einer absurden und menschenverachtenden Ideologie, die unzählige junge und hoffnungsvolle Männer um Zukunft und Leben betrogen hatte, war Manfred immer seltsam vorgekommen. Gefallen, das klang, als wenn jemand gestolpert wäre und aus nicht erklärbaren Gründen versäumt hatte, wieder aufzustehen. Dabei waren die Männer in Wahrheit mit abgerissenen Gliedmaßen, verbrannten Gesichtern oder heraushängenden Gedärmen elendig und nach ihrer Mutter schreiend irgendwo im Schlamm eines fremden Landes verreckt.
   Wenn bei Bonanza mal ein Gauner erschossen wurde, zuckte er, griff sich an die Brust und fiel in einer eleganten Drehbewegung zu Boden. Das passierte aber nur den ganz bösen Buben. Da floss kaum Blut, das war eine saubere Sache. Am Ende saß oder stand man auf der Veranda der Ponderosa Ranch beisammen und freute sich wieder einmal über ein bestandenes Abenteuer. Und die Omma freute sich über den dicken Hoss, der so stark wie aufrecht und gutmütig war. Und der chinesische Koch Hop Sing servierte dazu einen deftigen Bohneneintopf.
   Adolf Hitler war der größte Verbrecher aller Zeiten.
   Ob Georg Schuster Senior den Mann nun von Anfang an so beurteilt hatte oder erst gegen Ende des Tausendjährigen Reiches, als der Krieg in Form von alliierten Bombern, Mangelernährung und Luftschutzbunkern auch an der Heimatfront das tägliche Leben prägte, ist nicht überliefert.
   Derlei Überlegungen befanden sich aber auch jenseits von Manfreds Gedankenhorizont.
   Kurz nachdem Little Joe und Adam auf ihren Pferden zur Nordweide aufgebrochen waren, um den dortigen Weidezaun zu reparieren, ertönte der wohlbekannte Gitarrensound und kennzeichnete das Ende der heutigen Episode. Die schwarz-weiße Mattscheibe zeigte eine Landkarte der Ponderosa, in deren Mitte sich ein Brandfleck bildete, der sich rasch ausbreitete und schließlich den ganzen Bildschirm in Brand setzte. Die Ansagerin Ruth Kappelsberger kündigte den Beatclub von Radio Bremen für unsere jüngeren Zuschauer an. Die älteren Zuschauer bat Frau Kappelsberger, die eine so blonde wie betonharte Hochsteckfrisur trug, hingegen mit einem wohlwollenden Schmunzeln für die nächsten fünfundvierzig Minuten um Verständnis.
   »Jetzt kommen wieder die Gammler«, meinte der Oppa, auf seinem Stammsessel neben dem Fenster sitzend, eine HB mit Filter zwischen Zeige- und Mittelfinger, die beide bräunliche Verfärbungen aufwiesen. Und: »Musst du dir wieder diese Negermusik anhören, Junge?« In der Stimme lag nachsichtige Resignation, denn der Beatclub gehörte inzwischen zum samstagnachmittäglichen Ritual, ebenso wie die Erbsensuppe am Abend (die der Junge so gern isst). Außerdem war Manfred, der einzige Enkel, Oppas Ein und Alles. Er konnte eigentlich nichts falsch machen. Allerdings verließ der Oppa bei der Erkennungsmelodie des Beatclubs (schon ein Vorgeschmack auf die folgende Negermusik) das Wohnzimmer und ging zu Omma in die große Wohnküche. Manfred war das recht, so konnte er zum Fernseher gehen und den Ton lauter drehen. Sicherlich interessierte er sich auch für My name is Jack von Manfred Man, Lazy sunday von den Small Faces und Baby come back von den Equals, am meisten war er jedoch fasziniert von Uschi Nerke, der Ansagerin mit den langen dunklen Haaren und dem Pony, der ihr bis auf die Augenbrauen fiel. Seltsamerweise lächelte Uschi Nerke nie und kündigte die einzelnen Titel mit gleichbleibend ernster Miene an. Das jedoch war ein Ausdruck des Protests, den die Jugend in dieser Zeit unter anderem durch die Abwesenheit von Fröhlichkeit gegenüber dem »Establishment« zum Ausdruck zu bringen bemüht war. Vielleicht aber war das weibliche Gesicht des Beatclubs gerade durch seine unnahbare Kühle dazu angetan, die pubertären Fantasien eines Vierzehnjährigen zu beflügeln und seine Träume zu befeuchten.
   Nach dem Beatclub schauten sich Omma und Oppa mit Manfred zusammen die Drehscheibe an. In einem der Beiträge brachte Anneliese Rothenberger die Titelpartie aus Madame Bovary zu Gehör. Neben dem Opernsopran war auch das hellblaue spießige Ommakostüm der Künstlerin eine Tortur für Manfreds Nerven. Nachdem Rut Speer, die Moderatorin der Sendung, den Zuschauern für ihr Interesse gedankt und ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen hatte, dass man beim nächsten Mal wieder einschalten möge, gab es Ommas Erbseneintopf, Erbsen und Kartoffeln schön sämig gekocht und darin ein Stück Speckschwarte, für die man Ausdauer und gute Zähne brauchte, die aber sehr lecker war. Manfred verfeinerte gewohnheitsgemäß mit viel Maggi-Würze und ließ sich gern eine zweite Portion in den Teller füllen. Dazu gab es wohlmeinende Kommentare vom Oppa wie: »Der Junge haut rein wie Blücher.«
   Da es im Juni lange hell ist, konnte sich Manfred abends noch bei Tageslicht auf den Heimweg machen. Kurz bevor sie sich dem Horizont näherte, kam die Sonne noch mal zwischen den Wolken hervor und es wurde wärmer, als es am Mittag gewesen war.
   »Fahr schön vorsichtig, Junge«, ermahnte die Omma ihren einzigen Enkel, was dieser mit genervtem Augenrollen und einem lang gezogenen »Jaaa« beantwortete.
   Mit einem ordentlichen Spurt strampelte er die Viktoriastraße hoch und bog wieder in den Meybuschweg ein. Nach der Eisenbahnunterführung fuhr er die unasphaltierte Abkürzung hinter den Häusern entlang, einen ruhigen Spazierweg, der zu beiden Seiten von einer hohen Ligusterhecke gesäumt wurde. Eine unsichtbare Faust fuhr ihm in den Magen und rührte kurz in einem Liter Erbsensuppe, als vor ihm die Hackfresse auftauchte, diesmal ohne seine Kumpane. Der Penner mit der krausen Mähne und der mit Stickern übersäten Jeansjacke ging vor ihm her und wandte ihm den Rücken zu. Bevor Manfred reagieren konnte, hatte sich der Eckensteher aber schon umgedreht und sah ihm grinsend entgegen. Der Spazierweg war nicht breit und die Ausweichmöglichkeiten begrenzt, aber Manfred trat mit hämmerndem Puls in die Pedale und lenkte dicht an der Hecke entlang um die Hackfresse herum. Der rechte, neongrüne Griff des Lenkers streifte die Ligusterblätter.
   »Hey, Babyface, warum so eilig?«, rief der Penner und streckte einen Arm nach Manfred aus. Ihm gelang es aber, unbehelligt zu passieren.
   Der hätte mich kriegen können, dachte er flüchtig, wenn er gewollt hätte.
   Offenbar hatte Hackfresse ohne sein Gefolge keine große Lust, sich mit seinem Opfer abzugeben. Während Manfred an seinem Peiniger vorbeisauste, spürte er eine ungewöhnliche Kälte, die ihn umgab. Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen, und er nahm einen süßlichen Geruch war, etwa wie jener, der vor drei oder vier Wochen aus seiner Schultasche gekommen war, in der er für mehrere Tage eine Banane vergessen hatte. Er sah sich kurz nach der Hackfresse um und bemerkte, dass sein Blickfeld von einem Flimmern eingerahmt wurde. Manfred war einmal mit Mama und Papa am Düsseldorfer Flughafen gewesen und hatte dort beobachtet, wie eine Boeing 707 mit ihren vier laufenden Düsentriebwerken zur Startbahn rollte. Die Luft hinter den Düsen hatte ähnlich geflimmert wie hier, nur dass das Flimmern jetzt lediglich sein Gesichtsfeld wie eine Aura einrahmte und er Hackfresse im Fokus klar und deutlich sehen konnte, als der rief: »Wir sehen uns, Babyface!«
   Manfred blickte wieder nach vorn, wo er im letzten Moment einem Mann ausweichen konnte, den er fast über den Haufen gefahren hätte. Der Mann schimpfte, und die Hackfresse lachte blöd hinter ihm her. Jetzt war alles wieder normal. Der Geruch hatte sich verflüchtigt, die Kälte war weg, und auch das Flimmern war verschwunden. Aus dem offenen Fenster im obersten Stockwerk eines der umstehenden Häuser drang die fröhliche, helle Stimme von Sandy Shaw, von der man wusste, dass sie grundsätzlich barfuß auf der Bühne stand: »I’ll gladly, be there like a puppet on a string.«
   Mit der Erinnerung ist das manchmal so eine Sache für sich. Als Manfred am späteren Abend in seinem Bett lag, das seinen Platz in einer Ecke der großen Wohnküche hatte, konnte er lange nicht einschlafen. Zu erschreckend war die Erinnerung an den Vorfall auf dem Heimweg. Seine Fantasie schien ihm einen merkwürdigen Streich zu spielen. Es konnte eigentlich nur Wunschdenken sein, der Wunsch, mutig zu sein, so mutig wie Adam Cartwright von der Ponderosa, der keinem Ärger aus dem Weg ging. Manfred erinnerte sich an seinen Heimweg, wie er an Hackfresse vorbeigefahren war. »Hey, Babyface, so eilig?«, hatte der Kerl gerufen. Manfred hatte das Klapprad mit der Rücktrittbremse zum Stehen gebracht und war abgestiegen. Nachdem er das Rad an die Ligusterhecke gelehnt hatte, war er auf Hackfresse zugegangen.
   Konnte das sein? Er hatte gespürt, wie eine eisige Kälte ihn umgab. Der Geruch von faulem Obst war ebenso da wie das Flimmern an der Peripherie seines Gesichtsfeldes. Er konnte sich an das erstaunte, fast erschrockene Gesicht dieses Penners erinnern, das plötzlich ganz nah gewesen war. Dann ein Flattern der Bilder, als hätte sich ein Super-8-Film im Projektor verheddert. Danach war er auf dem Weg zum Fahrrad gewesen. Den Hammer hatte er erschrocken in den wild wuchernden Löwenzahn am Wegrand fallen lassen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie Oppas Hammer, den dieser immer in dem kleinen Schränkchen in der Küche unter der Spüle zusammen mit einer Rohrzange und einem kleinen Handbohrer aufbewahrte, in die Satteltasche seines Fahrrades gekommen war. Verstört hatte er versucht, die frischen Blutspritzer an seiner rechten Hand an dem verwitterten Lattenzaun abzuwischen, der den Spazierweg von einem der Gärten abgrenzte, die sich hinter den Häusern des Meybuschhofs befanden.
   Eigentlich bin ich an dem Typen vorbei und auf direktem Weg nach Hause gefahren, dachte Manfred verzweifelt und wälzte sich im Bett auf die andere Seite. Eine kurze Sequenz tauchte nur für einen Sekundenbruchteil auf und verschwand dann wieder im Unterbewusstsein: Die Augen des Typen waren grau, und sie waren weit geöffnet. Und sie waren unglaublich nah. Die flache Seite des Hammerkopfes bewegte sich wie in extremer Zeitlupe auf die Stirn von Hackfresse zu. Der längliche Metallquader berührte die Kopfhaut in der Mitte der Stirn, knapp oberhalb von Nase und Augenbrauen. Dann sank er dort ein wie der Absatz eines Damenschuhs in frisch ausgebrachten Asphalt, mindestens einen Zentimeter tief. Das kurze, trockene Geräusch hatte an einen Samstag vor wenigen Wochen erinnert, als der Oppa mit genau dem gleichen Werkzeug eine Kokosnuss geknackt hatte. Nur war der Klang hier etwas gedämpfter, etwas … feuchter gewesen. Manfred Schuster sah, wie sich die Kopfhaut rund um den quadratischen Druckpunkt zu einem Kranz kräuselte und nach innen gezogen wurde. Der Kranz färbte sich weiß und kurz danach blass rötlich. Als sich das Metall wieder aus dem Schädelknochen heraushob, füllte sich die eckige, klar abgezirkelte Mulde mit Blut, so dunkel und intensiv wie Rote Beete-Saft. Sandy Shaw sang: »I wonder if one day that, you’ll say that, you care …«
   Aber das alles war so nicht gewesen. Manfred wusste genau, dass er nicht abgestiegen war. Er war nach Hause gefahren, so schnell er konnte. Er hatte Angst vor Hackfresse, auch wenn es für einen pubertierenden, bis zum Rollkragen seines Kunstfaserpullis mit Testosteron gefüllten Jungen nicht leicht war, sich das einzugestehen. Das Problem war nur, dass die Variante seiner Erinnerung, in der er so schnell es ging vor dem Angreifer geflohen war, genau so realistisch war wie die, in der er plötzlich mit dem Hammer in der Hand neben seinem Klapprad gestanden hatte. Beide Erinnerungen waren so wirklich, in beiden Versionen waren die Bilder gestochen scharf in seinem Hirn präsent.
   Das Ereignis würde ihn noch viele Jahre beschäftigen. Es war eines der Erlebnisse, die man sein ganzes Leben lang nicht vergisst, auch wenn es im Laufe der Zeit in eine sehr weit hinten liegende, nur schwer zugängliche Region des Gehirns verschoben wurde. Und es war untrennbar verbunden mit dem fröhlichen Song Puppet on a string und der Stimme von Sandy Shaw.
   Ganz offensichtlich war es reine Glückssache, dass die Polizei, die in den kommenden Tagen intensiv nach dem »Hammermörder« fahndete, nie eine Verbindung zu Manfred hergestellt hatte, obwohl zwei Zeugen unabhängig voneinander beobachtet hatten, wie ein Junge mit seinem Fahrrad eilig den Tatort verlassen hatte. Die eine Zeugin, eine junge Hausfrau, die zur Tatzeit dabei gewesen war, auf ihrem Balkon im ersten Stock Wäsche aufzuhängen, hatte einen kleinen hellblonden Jungen auf einem roten Kinderfahrrad bemerkt, während es bei dem anderen Zeugen, einem pensionierten Straßenbahnschaffner, ein Halbstarker mit blauer Pudelmütze gewesen war.

5.
März 1969

Die offizielle Feier fand wie in den Vorjahren in der Aula der Fachhochschule für Wasserwirtschaft statt. Evelyn war schon früh auf den Beinen gewesen, um sich für die Jugendweihe angemessen herauszuputzen. Den dunkelblauen Stoff für das Kleid hatte ihr Tante Margret aus dem Westen geschickt, zusammen mit zwei Paketen Tschibo-Kaffee, drei Pfund guter Butter, einer Tafel Sarotti-Schokolade, einem selbst gestrickten Schal und drei Apfelsinen. Letztere hatten allerdings in einem weit fortgeschrittenen Verfallstadium die Empfängerin erreicht. Genäht hatte Evelyn das Kleid fast allein auf der antiken Juno Vesta-Nähmaschine, die ihre Oma schon von ihrer Mutter geerbt hatte, und die immer noch einwandfrei funktionierte, obwohl sie zwischenzeitlich über dreißig Jahre auf dem Dachboden verstaubt war. Nur hin und wieder hatte Mutti ihr Tipps geben müssen, wenn es mal besonders knifflig wurde. Herausgekommen war ein vom Schnitt her schlichtes, aber trotzdem elegant wirkendes dunkelblaues Kleid mit rundem Halsausschnitt und schwarzen Schleifenbändern an den Armabschlüssen und in der Taille. Hätte Mutti mehr Mitspracherecht gehabt, das Kleid wäre entschieden weniger kurz ausgefallen. So jedoch befand sich der Saum sehr deutlich oberhalb der Knie und gewährte einen erfreulichen Blick auf Evelyns schöne, gerade, wenn auch ein bisschen zu dünne Beine. Überhaupt hätte das quirlige junge Mädchen sich ein bisschen mehr Rundungen an den richtigen Stellen gewünscht. Gegen die Proteste ihrer Mutter Hertha hatte Evelyn zunächst darauf bestanden, zu dem Kleid ihr rotes Pionierhalstuch zu tragen. Mutter Brandes mochte solche äußerlich sichtbaren Bekenntnisse zu Staat und Partei nicht. Sie sah sogar regelmäßig Westfernsehen und machte daraus in ihrem näheren Umfeld nicht einmal einen Hehl. Erst der Einwand ihrer besten Freundin Henriette, »Oh nee, Evi, das sieht aber nicht schick aus«, und die objektive Selbstanalyse vor dem Spiegel in der Diele hatten das Mädchen davon überzeugt, dass das Halstuch den Gesamteindruck störte.
   Zum Gelöbnis in der Aula fanden sich vierundzwanzig Mädchen und Jungen im Alter von vierzehn und fünfzehn Jahren mit ihren Familien und Freunden ein. Die feierliche Ansprache, in der er auch an den fünfzigsten Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vom 19. Januar dieses Jahres erinnerte, hielt der Rektor der Hochschule, Doktor Gottfried Liebig, und im Anschluss erfolgte die Verleihung der Urkunden. Außerdem erhielt jeder teilnehmende Jugendliche ein Exemplar des Sammelwerkes Weltall Erde Mensch, eines über fünfhundert Seiten starken Druck-Erzeugnisses vom Verlag Neues Leben in Berlin mit reichhaltigen Grafiken, Schaubildern und Zeichnungen, die ein umfassendes System der Natur und der Gesellschaft nach marxistisch-leninistischem Muster illustrierten.
   Noch Jahre danach war Evelyns intensivste Erinnerung an diesen Tag der Moment, als sie mit dem schweren Buch in den Händen in das breite rote Gesicht von Doktor Liebig geblickt hatte, der sie mit wohlmeinenden Worten als ein vollwertiges Glied in die Sozialistische Gesellschaft entließ.
   Die Sonnenstrahlen, die zwischen den schweren Vorhangstoffen durch die hohen Fenster fielen, zeichneten helle Rechtecke mit scharfen Konturen auf den gewachsten Dielenboden des Podiums, das wie eine kleine Theaterbühne wirkte, und brachten auf ihrem Weg vom Fenster dorthin Millionen von Staubpartikeln in der Luft zum Leuchten. Das Knarren der Dielen ging im freundlichen Applaus des Auditoriums unter, als Evelyn mit ungewohnt vorsichtigen Schritten, weil auf ungewohnt hohen Absätzen, die drei hölzernen Stufen hinabstieg und zu ihrem Platz zwischen den anderen Jugendlichen ihres Jahrgangs in der ersten Reihe ging.
   Nach der offiziellen Feier löste sich die Gesellschaft unter eindrucksvollem Stühlerücken auf.
   »Evi fährt natürlich an ihrem Ehrentag bei mir mit«, verkündete Onkel Erich so stolz wie jovial und wedelte eifrig mit der Hand in der Luft herum, während er Evelyn und ihrer Mutter Hertha aufmunternd zunickte. Erich Brandes, der älteste Bruder von Evelyns Vater war Witwer, wohnte draußen in Calenberge und brachte geschätzte drei Zentner Lebendgewicht auf die Waage. Offiziell war er der Leiter der Poststelle bei der Magdeburger Volksstimme. Onkel Erich hatte keinen sehr engen Kontakt zur Familie, aber es gehörte sich, ihn zu Hochzeiten, Beerdigungen, runden Geburtstagen und eben zur Jugendweihe einzuladen.
   »Na kommt, Kinder«, sagte Mutter Brandes resolut und nahm Marita, Evelyns jüngere Schwester, an die Hand. »Nett von dir, Schwager«, sagte sie zu Onkel Erich, der eben die Beifahrertür seiner dunkelgrünen Limousine öffnete.
   Die drei Mädchen kletterten auf die Rückbank, und Mutter Hertha setzte sich in die erstaunlich bequeme Polsterung neben dem Fahrersitz. Als sich Erich mit einem Ächzen auf Letzteren fallen ließ, kippte die Horizontalachse des Fahrzeugs deutlich nach links. Wie es dazu kam, dass ein normaler Angestellter bei der Zeitung (obwohl, immerhin hatte er in der Poststelle drei Leute unter sich) einen fast fabrikneuen Lada fuhr, darüber brauchte man sich keine Gedanken zu machen, und man stellte dazu auch keine Fragen.
   »Wo ist denn eigentlich Arthur?«, fragte Erich seine Schwägerin. Der schwere Mann schien immer außer Atem zu sein, selbst wenn er sich kaum bewegte. Der Viertakter rollte vom Straßenrand an und setzte sich Richtung Ottersleben in Bewegung.
   »Der fühlte sich nich«, gab Hertha Brandes knapp Auskunft.
   »Haha, säuft doch wohl nich wieder, der alte Knabe!«, amüsierte sich Onkel Erich.
   Hertha hatte ihren Schwager noch nie sonderlich gemocht, nicht nur wegen seiner strengen Linientreue gegenüber der Partei. Noch weniger gefielen ihr seine anzüglichen Sprüche und zotigen Witze, die er ebenso gern wie ungebeten von sich gab. Außerdem hatte sie schon mehrfach das Gefühl gehabt, dass er ihre Töchter mit Blicken bedachte, die einem Onkel nicht gut zu Gesicht standen.
   Im Fond gab es kurzfristig ein Handgemenge, weil die zehnjährige Marita ihre soeben geweihte Schwester geärgert hatte, indem sie an den Schleifen ihres Kleides zog. Evelyn hatte die Jüngste mit einem Knuff gegen den Oberarm zurechtgewiesen, worauf diese ein schrilles Protestgeheul vernehmen ließ. Die sechzehnjährige Sabine (die Große) saß am linken Fenster und schaute mit der Miene einer Kummer gewohnten Gouvernante hinaus auf die Straße.
   »Könnt ihr mal still sein, der Onkel muss sich auf den Verkehr konzentrieren«, zischte die Mutter von vorn.
   »Hmhm«, machte Onkel Erich, »haben eben viel Temperament, die jungen Damen.« Er lachte still vor sich hin, wobei sein Bauch unterhalb des Lenkrades rhythmische Bewegungen vollführte.
   Als der Lada in den Eulespring einbog, ratterten die Reifen über lückenhaftes Kopfsteinpflaster. Ottersleben gehört zwar zur Stadt Magdeburg, aber in diesem Teil gewann man 1969 noch eher den Eindruck eines ländlichen Idylls. Die Straßen hatten teilweise keine ordentlichen Bürgersteige, und zwischen den einzelnen Gebäuden befanden sich unbebaute Grundstücke. Vor und hinter den Häusern gab es Gärten mit Gemüsebeeten und Obstbäumen und zum Teil mit Hühner- und Kaninchenställen.
   »Der alte Knabe«, beharrte Erich, »Arthur und Wyborowa, eine echte Männerfreundschaft.« Er lachte glucksend. »Schon als Junge hatter nach den Geburtstagsfeiern immer die Reste aus den Gläsern jetrunken. Keenen Tropfen hatter ausjelassen.«
   Evelyn zupfte auf dem Rücksitz nervös an ihrem Kleid, über dem sie jetzt ihre graue Strickjacke trug. Sie war heilfroh gewesen, als sich am Morgen herausgestellt hatte, dass Vati im Bett bleiben würde. Wenn er auf Feiern mit Schnaps in Berührung kam, und das war unausweichlich, konnte es mitunter sehr peinlich werden. Im Suff hatte Arthur Brandes schon so manche Feier gesprengt.
   Das Haus der Eltern ihrer besten Freundin Henny war keine hundert Meter von ihrem eigenen Elternhaus entfernt. Aber die Familie Drebitz hatte hinten im Garten eine große Datsche, weshalb man verabredet hatte, hier gemeinsam zu feiern.
   Als Evelyn mit ihren zwei Schwestern, ihrer Mutter und Onkel Erich aus dem Wagen stieg, zeigte die Wolkendecke, die am Vormittag noch geschlossen gewesen war, einige Lücken, und die Märzsonne lugte hindurch. Es war für die Jahreszeit zwar ungewöhnlich warm, aber Evelyn fröstelte in ihrem kurzen Kleid und zog die Schultern hoch, während sie den feuchten, lehmigen Gartenweg entlang der Backsteinmauer des Hauses nach hinten in den Garten trabte. Die Datsche stand hinter einigen Rankgestellen für Bohnen, und die Tür stand offen. Schlagermusik drang an Evelyns Ohren. Christel Schulze sang Bau mir ein Haus, auf das die Sonne scheint. Herr Drebitz hatte also seinen Plattenspieler aufgestellt. Als Evelyn durch die niedrige Tür in die Datsche trat, drehten sich ein paar Gäste zu ihr um und begannen zu applaudieren. Obwohl es sich ausschließlich um Familie und gute Bekannte handelte, war Evelyn peinlich berührt und fasste sich unwillkürlich in ihr dunkelblondes, gewelltes Haar, das halblang geschnitten war. Der Applaus hielt an, als ihre Freundin Henny kurz nach ihr hereinkam. Auch Onkel Erich schob seinen Bauch durch die Tür.
   »He, hallo, ihr Schönen!«, rief Hanno, der Patensohn von Evelyns Vater Arthur. Er mochte jetzt um die Mitte dreißig sein, hatte aber schon fast keine Haare mehr auf dem Kopf. Evelyn hatte Hanno schon immer ganz gern gemocht. Er arbeitete im Stellwerk des Magdeburger Hauptbahnhofs und hatte ihr vor ein paar Jahren ihr erstes Fahrrad geschenkt. Aus einem rostigen Wrack, dass er vom Hof der Schrottverwertung kurzerhand entführt hatte, war unter seinen Händen ein knallrot lackiertes Damenrad geworden, das aussah wie direkt aus dem Laden. Das Fahrrad war damals, vor fünf Jahren, ein bisschen zu groß für Evelyn gewesen, aber sie hatte unter Hannos Anleitung auf dem Feldweg außerhalb der Siedlung schnell das Fahren erlernt. Noch heute fuhr sie mit diesem Fahrrad fast täglich zur Schule. Nur in den vergangenen beiden Monaten, die sehr kalt und schneereich gewesen waren, war sie lieber zu Fuß gegangen.
   Manchmal hatte Hanno Evelyn auf dem Sozius seiner 250er MZ ES mitgenommen, und sie waren damit sonntags an die Elbe gefahren. Jetzt hatte sie seine Maschine, die er damals selbst zusammen mit einem Kumpel im sächsischen Zschopau abgeholt hatte, jedoch nicht draußen stehen sehen.
   Evelyn gab Hanno einen Kuss auf eine seiner rosigen Wangen und setzte sich neben ihn auf die Holzbank unter dem Fenster. Henny setzte sich auf die andere Seite.
   Hanno hatte ein Glas Bier in der Hand, und es schien nicht sein erstes zu sein. »Keine Angst, Kinder«, erklärte er, »das bleibt nich so mit der Musik. Friedhelm und Benno müssen gleich da sein.«
   Evelyn wusste, dass Friedhelm mit seiner Schwalbe kommen würde. Er war zwei Klassen über ihr und wollte zur Nationalen Volksarmee. In den schlanken Jungen mit den frech blitzenden Augen und dem dichten, dunklen Haarschopf war sie ein bisschen verschossen. Wenn sie mal heiraten sollte, dann musste der Auserwählte so einer sein wie Friedhelm.
   Aus den beiden Lautsprechern von Gernot Drebitz’ Plattenspieler erklang eben die Stimme von Helga Brauer mit ihrem Hit Schlaf, mein kleiner Jonny. Mit dem Lied hatte die Sängerin vor drei Jahren den ersten DDR-Schlagerwettbewerb gewonnen. Evelyn stand jedoch mehr auf die Rolling Stones.
   »Guck ma, Evi.« Hanno stupste seine Sitznachbarin an und nickte zu Onkel Erich hinüber, der sich an der selbst gezimmerten Bar niedergelassen hatte.
   Begeistert sang er textsicher den Schlager mit. Vor ihm stand eine Flasche Goldquell Pilsener und ein Glas Altmeister Kräuterlikör. Als er bemerkte, dass Hanno und die Mädchen zu ihm hinüberschauten, stemmte er sich mühsam in die Höhe und kam zu ihnen. Er griff in die Innentasche seines geräumigen Sakkos und holte ein längliches ledernes Etui hervor.
   »Hier, Hanno, komm her, nimm dir eine«, grölte er jovial, »ein herzlicher Gruß vom Genossen Fidel.« Er hielt Hanno eine dunkelbraune Zigarre vor das Gesicht.
   »Da sag ich nich Nein.« Hanno griff nach der Havanna und zog sie genießerisch unter seiner Nase hindurch.
   »Haha, so ists recht.« Erich lachte und knallte Hanno seine linke Hand auf die Schulter. »Na, für euch zwee beede is das ja wohl nüscht«, fügte er hinzu, während er nacheinander Henny und Evelyn ansah. »Aber für een kleines Likörchen seid ihr ja jetzte wohl alt jenuch. Seid ja zwee richtig flotte Käfer jeworden.«
   Alle schauten zur Tür, als sich diese wieder öffnete. Ein kühler Windstoß wehte herein. Evelyns Mutter Hertha kam mit den Schwestern Sabine und Marita herein. Sie brachten einen riesigen ovalen Kochtopf und reichlich Teller mit. Am Vortag hatte Hertha Brandes am Herd gestanden und eine gewaltige Portion Ragout mit Huhn und Rinderzunge und viel dicker Soße zubereitet. Das war heute alles richtig schön durchgezogen. Tante Lilo und Danuta, die junge Frau von Evelyns Vetter Heinz halfen beim Auftischen. Dann ertönte vor der Datsche das charakteristische Knattern von Friedhelms Schwalbe. Henny und Evelyn sprangen von ihrer Bank auf und liefen, gefolgt von der kleinen Marita, nach draußen.
   Friedhelms wilder dunkler Haarschopf bedeckte inzwischen verwegen seine Ohren. Du siehst aus wie ein Beatle, pflegte seine Mutter zu ihm zu sagen, und sie meinte es nicht positiv. Friedhelm und Benno, der auf dem Sozius gesessen hatte, stiegen ab, und Friedhelm klappte den Ständer des Zweirads heraus. Hinten an der Schwalbe hing ein zweirädriger Anhänger, auf dem unter einer Plane Bennos Schlagzeug verstaut war, ausschließlich bestehend aus der Bass Drum, zwei TomToms und einem Becken mit Ständer.
   »Ahoi!«, grüßte Friedhelm die drei Mädchen lässig und zog seine Gitarre unter der Plane hervor. Es war eine Musima Wandergitarre, die schon reichlich ramponiert aussah, aber für Evelyn sah Friedhelm damit wie ein Rockstar aus. Die ausgeleierte Cordhose und das enge, bunt gemusterte Hemd unterstrichen diesen Eindruck.
   Offensichtlich war ihr die Bewunderung an den Augen abzulesen, denn plötzlich begann ihre kleine Schwester Marita wie ein Derwisch um sie herum zu tanzen und zu singen: »Evi ist verlie-hiebt, Evi ist verlie-hiebt …!«
   Wie nicht anders zu erwarten, traf sie unvermittelt Evelyns Handfläche am Hinterkopf, was die Zehnjährige vorübergehend zum Verstummen brachte.
   »Halt die Klappe«, zischte die Große die Kleine wütend an, worauf sich ein silberhelles Plärren erhob und Marita zu ihrer Mutti lief.
   Nachdem sie unter krampfartigem Schluchzen von dem Gewaltakt ihrer Schwester berichtet hatte, ergriff die Mutter ausnahmsweise und entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nicht die Partei der Kleineren, sondern herrschte sie an: »Lass deine Schwester in Ruhe. Die hat heute Jugendweihe!«
   Erschüttert über so viel Ungerechtigkeit und mangelndes Mitgefühl in der Welt, weinte Marita noch eine ganze Weile, bis sie merkte, dass niemand mehr davon Notiz nahm.
   Unterdessen wurde in einer Ecke der Datsche das Schlagzeug aufgebaut, während sich an anderer Stelle einige Gäste mit Huhn und Zunge versorgten. Inzwischen floss das Goldquell in Strömen, und Vater Drebitz hatte für die Damen noch eine fast volle Flasche Danziger Goldwasser aufgetan.
   An der Theke sprach Frau Drebitz mit Horst Mühlhaus, der nur auf einen Sprung und in Uniform vorbeigekommen war. Mühlhaus wohnte im Parterre des Hauses schräg gegenüber der Familie Brandes im Eulespring mit seiner Frau Charlotte. Trotz seiner jungen Jahre war Horst Mühlhaus schon Unterfeldwebel bei den Grenztruppen. Vor gut eineinhalb Jahren hatten seine Frau und er das zweite Kind bekommen, wieder ein Mädchen. Die Kleine, sie hieß Doris, kämpfte im Moment mit einer hartnäckigen Bronchitis, weshalb Charlotte mit ihr zu Hause geblieben war. Charlotte Mühlhaus arbeitete als Straßenbahnfahrerin beim VEB Magdeburger Verkehrsbetriebe. Deshalb war Monika, die Ältere, tagsüber im Hort untergebracht.
   In der Musikecke stimmte Friedhelm seine Gitarre, und ein erster Trommelwirbel dröhnte durch den Raum. Dann stimmte das Duo den ersten Song der Butlers, Troika, an. Danach folgte Quartermaster Stores. Friedhelm Meyers Wandergitarre ersetzte natürlich ebenso wenig eine E-Gitarre wie den Bass von Klaus Renft, und das Schlagzeug war im Verhältnis viel zu laut, aber die jugendlichen Gäste lebten regelrecht auf, während einige Erwachsene, vor allem die älteren, ihre Gespräche einstellten und die Gesichter verzogen. Als sich die beiden Jungs dann an Sergeant Peppers Lonely Hearts Club Band wagten, trug Onkel Erich eine zunehmend strenge Miene zur Schau, was Evelyn, die begeistert im Takt wippte, nicht bemerkte. Friedhelm jedoch sah Onkel Erichs Blick und sang absichtlich noch lauter, wobei er sogar gelegentlich gegen Bennos TomToms ankam. Der Junge hatte so gut wie keine Englischkenntnisse, und er ersetzte Textpassagen, die er nicht verstand, einfach durch ähnlich klingende Wortschöpfungen, aber ihm war der aufrührerische Charakter seines Vortrages wichtig. Nachdem Friedhelm bei Jumpin’Jack Flash seine Gitarre wie ein Waschbrett malträtiert und Bennos Bass Drum die Getränke in den Gläsern zum Erzittern gebracht hatte, machten die jungen Musiker eine Pause. Evelyns beste Freundin Henriette brachte Friedhelm, dem verschwitzte Haarsträhnen sexy in die Stirn hingen, ein kaltes Glas Club-Cola, das dieser dankbar auf Ex austrank. Dann versorgten sich die beiden Musiker ebenfalls mit Essen. Frau Drebitz hatte inzwischen noch ein Blech mit Streuselkuchen gebracht. Herr Drebitz setzte seinen Elektrofon-Plattenspieler wieder in Gang, und sogleich sang Monika Hauff in wesentlich zivilerer Lautstärke Die ganze Stadt macht sich schön.
   Onkel Erich nutzte die Gelegenheit, um Hanno und Tante Lilo zu erklären, dass wir nicht unbedingt jede Negermusik aus dem Westen und dieses ganze Yeah yeah yeah, und wie das alles heißt, nachmachen müssten, und dass wir schließlich genügend gute Musik hätten, dass die Jugend sich damit abreagieren könnte.
   »Lalalalalalalala, jetzt kommt die herrlichste Zeit für dich und mich …«, schwärmte Monika Hauff derweil von ihrer bevorstehenden Hochzeit.
   Hertha Brandes, die Erichs Ausführungen mitbekam (inzwischen konnte man ja wieder richtige Gespräche führen) rollte mit den Augen, weil diese fast wörtlich einer Rede von Walter Ulbricht über die Dekadenz und Verwahrlosung der westlichen Jugend wiedergab. Hanno hatte inzwischen genügend Bier konsumiert, um die immer eifriger vorgetragene Ansprache von Erich einigermaßen schmerzfrei an sich abperlen zu lassen. Die arme Tante Lilo, eine ziemlich magere Frau, die schon frühzeitig ergraut war, hielt verstohlen Ausschau nach einem Ausweg, aber Erich neigte sein glänzendes Gesicht so nah an das ihre, dass ihr nichts übrig blieb, als hin und wieder zustimmend zu nicken, dabei unfroh zu lächeln und sich mit der Aura aus Bier und Kräuterlikör abzufinden, die sie umfing.
   Ernst Freybühler, ein Nachbar, mit dem sowohl die Drebitzens als auch die Familie Brandes befreundet waren, hatte sich, nicht mehr ganz standfest, auf den Hocker hinter Bennos Schlagzeug gesetzt und erklärte Herrn Drebitz, Evelyns Vetter Heinz und dessen Frau Danuta lautstark, er habe gehört, dass Kuli mit seiner Show Einer wird gewinnen noch in diesem Jahr aufhören würde.
   Kulenkamff sei der Quizmaster für den Samstagabend schlechthin, konstatierte darauf Evelyns Vetter Heinz mit Kennermiene, und er wisse nicht, wer die danach entstehende Lücke ausfüllen könnte. Danuta führte daraufhin an, dass sie die Streitgespräche zwischen Kuli und seinem Butler Herrn Martin am Schluss der Sendung immer zum Schreien komisch finde. Herr Drebitz, mit einem Bier in der Hand, stellte fest, dass er EWG früher auch schon mal besser gefunden habe, und Kulenkampff ruhig mal einem Jüngeren Platz machen könne. Etwas leiser raunte er Vetter Heinz zu, dass Kulis Assistentin Uschi allerdings ein richtig heißer Feger sei.
   Erstaunt drehte sich Heinz um, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Hanno stand plötzlich neben ihm und schlug mit leicht schwergängiger Zunge vor: »Liebe Genossen, könnt ihr mal eure Schwärmereien übers Westfernsehen ein bisschen dezenter austauschen?«
   Heinz und Herr Drebitz glotzten ihn erstaunt an. Der Nachbar Ernst Freybühler starrte auf seinem Hocker stumpf vor sich hin. Er verspürte ein brisantes Gebräu aus Huhn, Zunge, Streuselkuchen und Bier in sich aufsteigen.
   »Na, ihr scheint nich zu wissen, dass der Erich im Verein is«, fügte Hanno hinzu.
   Alle schauten zu Onkel Erich hinüber, der, Tante Lilo gegenübersitzend, beide Hände auf deren Schultern gelegt hatte und auf sie einredete. Die schmächtige Dame hoffte inständig auf eine Gesprächspause, die sie nutzen konnte, um einen notwendigen Toilettenbesuch vorzutäuschen.
   »Was für ’n Verein denn?«, fragte Evelyns Vetter Heinz, und er glotzte ziemlich dümmlich dabei.
   Der Nachbar Ernst Freybühler sprang erstaunlich behände von seinem Hocker auf und rannte durch die Tür der Datsche hinaus in den Garten.
   »Na, bei Horch und Guck, Mensch«, flüsterte Hanno und schüttelte den Kopf, »wo denn sonst?«
   »Ach«, sagte Herr Drebitz nur und schaute versonnen die Tür an, durch die Ernst Freybühler verschwunden war.
   Onkel Erich teilte der inzwischen völlig willenlosen Tante Lilo mit, was er am vergangenen Montagabend im Schwarzen Kanal erfahren hatte. »Der Schnitzler is nämlich eener, der bringts aufn Punkt«, posaunte er, »auch wenner ’n ‚von‘ is. Der nennt die Dinge beim Namen.«
   Tante Lilo schien den Tränen nah.
   »Et is nämlich so«, dozierte er, »die feinen Herren in Bonn prämieren das Zechensterben. Denen gehts nämlich gar nich schnell jenuch mit der Vernichtung von zehntausenden Arbeitsplätzen. In Amerika isses ja nich anders. Der Kennedy hat schon damit angefangen, damals, als er kurzerhand den Streik bei der PAN AM abjewürcht hat, wo sich die Werktätigen gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen uffjelehnt haben. Und der neue, wie heeßter? Johnson! Nee, Nixon heeßter ja jetze. Ich weeß jar nich, ob man sich den Namen noch merken soll, der is keene Mark mehr wert.«
   »Warte, Erich, ich muss mal kurz, bin gleich wieder da«, piepste Lilo mit kaum hörbarer Stimme, denn Helga Depré sang nun mit Orchesterbegleitung Ein großer Regenbogen.
   »Klar«, antwortete Onkel Erich, drückte sein Opfer jedoch mit beiden Händen auf den Stuhl zurück.
   »Mensch, Erich, nüchtern siehst du beschissen aus!« Hanno stand mit zwei Biergläsern in den Händen neben Erichs Stuhl. »Schluss mit Politik«, befahl er, »ein Glas auf unsere Evi!«
   Onkel Erich starrte ihn für einen Moment entgeistert an, bis er mental die Bühne der großen Politik verlassen hatte, und griff dann nach einem der Gläser. »Recht haste, mein Junge«, röhrte er den Jüngeren an und prostete ihm zu. »Uff Evi!«
   Dann leerten beide Männer ihre Gläser in etwa bis zur Hälfte. Tante Lilo nutzte endgültig die Gelegenheit zur Flucht.
   »Wo is Evi überhaupt?« Erich drehte sich suchend um und fand seine Nichte in einer Traube aus Jugendlichen angeregt diskutieren und lachen.
   Mittlerweile war der Nachbar Ernst Freybühler wieder in der Datsche aufgetaucht. Sein Gesicht hatte die Farbe der Rügener Kreidefelsen, und er behandelte seine Unpässlichkeit umgehend mit zwei kurz hintereinander gekippten Gläschen Kräuterlikör. Seine Schuhe wiesen Spritzer einer schäumenden Substanz auf, welche winzige Partikel enthielt, die verdächtig nach Geflügel aussahen.
   Als sich Hertha Brandes einmal in der Gesellschaft umsah, dachte sie kurz, dass ihr Arthur, wenn er hier wäre, jetzt wohl auch nicht mehr viel kaputt machen könnte.
   Ein Wiederaufleben von Onkel Erichs Agitation wurde dadurch verhindert, dass Friedhelm und Benno nun wieder mit ihrer ohrenbetäubenden Negermusik loslegten. Friedhelm gab jetzt wirklich alles an der Gitarre, und bei Shazam von den Sputniks begannen einige der Jugendlichen, hauptsächlich die Mädchen, zu tanzen. Evelyn legte Wert darauf, dass Friedhelm sie dabei sah, und der lächelte das dünne, elastische Mädchen mit den langen Beinen unter dem blauen Kleid an, als würde er nur für sie spielen.

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