Seit Monaten fallen immer mehr Menschen in China einer Art Seuche zum Opfer, die sie halb tot, halb lebendig zurücklässt. Ein westliches Wissenschaftlerteam stellt sich der Herausforderung, das Phänomen aufzuklären, und wird dabei im modernen China mit chinesischem Aberglauben und einem Intrigenspiel konfrontiert, das bis in die Ming-Dynastie zurückreicht. Als sich bei den Wissenschaftlern erste Anzeichen der Krankheit zeigen, beginnt ein Wettlauf um die Lösung des Rätsels, der die Forscher bis tief in die gelben Berge führt ...

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ISBN: 978-9925-33-043-0

Seiten: 321

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Adrian Canis

Adrian Canis
Adrian Canis hat in München Biologie studiert und arbeitet seither in der biomedizinischen Forschung und Entwicklung. Wenn er nicht gerade Fachartikel verfasst oder Projekte betreut, schreibt er am liebsten Thriller und Kurzgeschichten. Forschungsreisen und Expeditionen in teils entlegene Winkel der Welt sowie aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse inspirieren ihn zu Thrillern um Wissenschaft und Verschwörungen, die sich erschreckend nah an der Realität bewegen.

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Kapitel 1
Nanjing, China, im Jahr 1407
Palast des Kaisers Yongle

Das Mondlicht tauchte den Innenhof der verbotenen Stadt in ein fahles, gespenstisches Licht. Dushang lief zur Dienststube der Palastwache, so schnell er konnte. Als kaiserliche Wache war es seine Pflicht, seinen Kommandanten unverzüglich über alle ungewöhnlichen Vorkommnisse zu informieren. Völlig außer Atem trat er vor den Hauptmann der Wache.
   »Etwas Seltsames geht unter den Gemächern des Kaisers vor sich«, brach es aus Dushang hervor. »Ich hörte Geräusche wie ein Schaben oder Kratzen, aber konnte zuerst nicht feststellen, woher sie kamen. Dann legte ich mein Ohr auf den Boden und hörte, dass sie aus dem Erdreich neben den Räumen des Kaisers kamen.«
   »Aus dem Erdreich?«, fragte der Hauptmann und machte einen Schritt auf Dushang zu. Er schnupperte an dessen Atem. »Du hast doch nicht wieder getrunken, oder? Der billige Fusel, der manchmal in die verbotene Stadt geschmuggelt wird, macht blind und taub.«
   Dushang begann zu zittern. »Niemals, mein Kommandant.« Er machte einen Schritt rückwärts. »Bitte glaubt mir«, flehte er.
   »Na gut«, seufzte der Hauptmann und rief drei Soldaten aus der Wachstube zu sich. »Lasst uns prüfen, was an der Geschichte dran ist. Wenn das ein Fehlalarm ist, reduziere ich deinen Sold um die Hälfte.«
   Sie liefen durch den Innenhof und zwei Torbögen, die direkt zu den Gemächern des Kaisers führten. Dushang deutete auf das Gebäude, vor dem er zuvor die Geräusche vernommen hatte. Er wusste, dass seine Geschichte unglaublich klang. Schließlich war die gesamte verbotene Stadt so weitläufig abgeriegelt, dass nichts und niemand ohne Kontrolle hinaus- oder hineingelangen konnte. Er wusste aber auch, was er gehört hatte.
   Dushang, der Hauptmann und die drei Soldaten verharrten regungslos wenige Meter vor dem Eingang zu des Kaisers Privatgemächern. Nur ihr Atem war zu hören.
   Dann hörten sie es. Ein Knarzen wie von Dielenbrettern, die verbogen wurden. Der Hauptmann legte seine Hand auf die Außenwand des Gebäudes. »Vibrationen«, murmelte er. »Wir müssen in die Gemächer hinein. Rasch!«
   »Hinein?«, fragte Dushang. »Wenn wir uns irren, dann ist unser Leben verwirkt.«
   Der Hauptmann rannte los. »Meines ist es ohnehin«, rief er. »Mir nach!«
   Sie alle stürmten in die Gemächer des Kaisers und blieben in der geöffneten Flügeltür stehen. Dushangs Nackenhaare stellten sich auf. Es bot sich ihnen ein groteskes Bild. Das Mondlicht warf Streifen in das Schlafgemach des Kaisers. Dieser lag, selig schlafend, in seinem Bett. Über ihn beugte sich eine Gestalt, die wie eine kaiserliche Palastwache gekleidet war, jedoch kaum etwas Menschliches an sich hatte. Selbst im Zwielicht waren die strähnigen weißen Haare und die eingefallen Gesichtszüge zu erkennen. Auf der Stirn und den Wangen eiterten Geschwüre. Die Arme des Angreifers streckten sich steif und ungelenk nach dem Kaiser aus, um dessen Hals im Schlaf zu packen.
   Dushang und dem Hauptmann entfuhr ein Schrei, als sie sich von ihrem Schock erholt hatten. Die Gestalt hielt inne und drehte den Kopf langsam zu ihnen. Dushang sah in zwei milchig trübe Augen und einen Mund voller spitzer Zähne.
   Der Hauptmann packte seinen Speer und rannte mit einem Kampfschrei auf das Bett des Kaisers zu, während Dushang noch starr vor Angst in der Tür stand und zum Bett des Herrschers starrte. Er hörte ein Knacken rechts neben sich, und erst jetzt fiel ihm auf, dass im Boden der kaiserlichen Gemächer ein Loch in den Dielen klaffte. Aus dieser Öffnung sprang eine weitere Gestalt heraus, die ebenso fahle Augen, schütteres Haar und spitze Zähne hatte wie die erste. Es wirkte beinahe, als wäre der Angreifer wie eine Marionette an Fäden aus dem Versteck unter dem Schlafgemach gezogen worden. Eine weitere folgte, die sich, wie die beiden ersten, unbeholfen und mit einem leisen Stöhnen zum Bett des Kaisers bewegte. Ein Rumoren und Rumpeln drang unter dem Boden der kaiserlichen Gemächer hervor und deutete darauf hin, dass diese nicht die Einzigen waren, die dem Palast einen nächtlichen Besuch abstatteten. Dushang roch einen fauligen Geruch, der sich im Raum ausbreitete. Der erste Eindringling hatte seinen Kopf wieder zum Kaiser gedreht, der durch die Schreie erwacht, aber immer noch orientierungslos war. Der Angreifer öffnete seinen Mund und griff nach des Kaisers Hals. Den Bruchteil einer Sekunde später wurde er mit Wucht zurückgeworfen und prallte gegen die hölzerne Seitenwand des Schlafzimmers. Eine vibrierende Speerschaft ragte aus seiner Brust. Die Spitze des Speers des Hauptmannes steckte tief in der Wand. Der Befehlshaber der Wache zog sein Schwert und forderte mit lauten Rufen Verstärkung. Einen Augenblick später stürzte sich der zweite Eindringling mit zwei kurzen Sprüngen auf ihn und riss ihn von den Beinen, während eine weitere Gestalt durch das Loch im Boden in das Gemach drang.
   Dushang und die anderen kaiserlichen Wachen lieferten sich nun ebenfalls einen Kampf mit den seltsam steif umherspringenden Angreifern, die ebenso alle die Uniform der Palastwache trugen. Es gelang ihnen, die Angreifer vom Kaiser fernzuhalten. Man konnte sie trotz ihrer Uniformen gut von den Wachen unterscheiden, denn im Mondlicht erkannte man sie an ihren weißen Haaren und den steifen, unnatürlichen Bewegungen. Dennoch schien es beinahe wie ein Kampf unter Brüdern. Der Kaiser zog die Bettdecke schützend an sich heran. Von überall im Palast drangen nun Schreie und Kampflärm.
   Die Schlacht in den Gemächern war nach wenigen Minuten vorüber. Es war ein ungleicher Kampf, die Eindringlinge trugen außer kleinen Dolchen keine Waffen, während die Palastwache und die kaiserliche Garde mit Schwertern und Speeren ausgerüstet waren, die sie gekonnt und unbarmherzig führten. Am Ende lagen sechs Angreifer im Schlafgemach des Kaisers am Boden. Auch andernorts im Palast legte sich die Aufregung. Der Kaiser war unverletzt, zitterte aber am ganzen Leib, was angesichts der Kriege und Schlachten, die er bereits in seinem Leben geführt hatte, ein seltener Anblick war.
   »Jangshi …«, murmelte er.
   »Ja, mein Herr! Untote, Kreaturen der Nacht, des Abgrundes!«, erwiderte der Hauptmann und warf sich neben dem Bett des Kaisers auf die Knie. »Aber Ihr seid in Sicherheit. Wir haben sie alle erledigt.«
   Auch Dushang und die anderen Soldaten knieten nun vor dem Kaiser und beugten ihr Haupt.
   Zwei Soldaten der Garde durchsuchten das Gemach, weitere kletterten in den Bereich unter den Dielen, um sicherzustellen, dass dort nicht noch weitere Eindringlinge lauerten.
   Das Gesicht des Kaisers war nun rot vor Wut. »Wie konnten sie in so großer Zahl in den Palast gelangen? Woher kamen sie? Wieso tragen sie unsere Uniformen? Erklärt mir das. Sofort, oder es wird euch den Kopf kosten!«
   Der Chef der Garde wurde blass und schwieg.
   »Mein Kaiser, mein Kaiser.« Ein Soldat der Palastwache stürmte ins Zimmer und warf sich zu Boden.
   »Was?«, bellte ihm der Kaiser entgegen.
   »Eure Gemahlin, die Kaiserin Xu, und Eure Konkubinen. Sie …«, er zögerte, »… haben den heimtückischen Angriff in ihren Gemächern nicht überlebt.«
   Der Kaiser ballte die Faust und stieß einen Schrei aus, der den Palast erbeben ließ. Er zog den Speer aus dem leblosen Körper in der Wand, der daraufhin auf den Boden sackte. Dann stach er immer wieder auf ihn ein, bis er ihn bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatte.

Kapitel 2
Lufthansa-Flug LH726 von München nach Shanghai
15. August 2010 – 600 Jahre später

Rick stocherte lustlos in seinem Hähnchen in Tomatensoße herum. »Chickäään or Pasta?«, äffte er den Flugbegleiter genervt nach. Da hätte man ihm auch die Frage nach Pest oder Cholera stellen können. Man müsste den Vorstandschef von Lufthansa zwingen, das Essen in der Economyclass selbst zu vertilgen.
   »Schmeckt es Ihnen nicht?«, fragte der Passagier auf dem Platz neben ihm mit vollem Mund.
   Rick verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Was war das für eine Frage?
   Sein Nachbar deutete auf die Aluschale mit dem Essensbrei. »Sie können es mir gern überlassen. Ich hasse chinesisches Essen, da schlag ich mich lieber noch mal mit dem Bordmenü voll.«
   Unterhaltungen mit anderen Fluggästen standen weit oben auf der Liste der Dinge, die Rick für völlig überflüssig hielt, direkt gefolgt von philosophischen Diskussionen mit Taxifahrern, Einladungen zum Abendessen beim Chef sowie eingewachsenen Zehennägeln.
   Er drehte sich zu seinem Sitznachbarn. Er war etwa Anfang fünfzig und kräftig gebaut, aber nicht fett. »Werden sie glücklich damit. Ich esse lieber meine Müsliriegel.«
   Der Mann zog erfreut die Aluschale mit Ricks Essen auf den Klapptisch vor sich. Er schlang alles mit einer enormen Geschwindigkeit in sich hinein und begann auf der Stirn und über der Oberlippe zu schwitzen.
   Rick sah ihm fassungslos zu. Bestimmt furzte der während des Fluges dauernd in den Sitz. Er musste würgen und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen, indem er sich ein mentales Bild von herumtollenden Hundewelpen herbeirief.
   Der Mann wischte sich die Tomatensoße aus den Mundwinkeln. »Warum fliegen Sie nach Shanghai? Ich bin geschäftlich für eine Woche dort. Ich arbeite für einen Automobilzulieferer und soll prüfen, ob uns diese schlitzohrigen Chinesen nicht wieder übers Ohr hauen.« Der Mann lachte und legte seinen Kopf in den ausrasierten Nacken.
   Rick versuchte, nicht auf die große Narbe zu starren, die den Hinterkopf seines Sitznachbars zierte und bis über das Ohr reichte. An vielen Stellen wuchsen aufgrund des Narbengewebes keine Haare mehr. Bestimmt hatten sie ihm dort den Teil des Gehirns herausoperiert, der Sympathie bei anderen Menschen erzeugte.
   Rick sah auf die Uhr und rollte mit den Augen. Das konnte ja lustig werden. Noch neun Stunden Flug. Wie sollte man das nur durchstehen?
   »Was machen Sie denn so?«, wiederholte der Mann seine Frage.
   »Bin auch geschäftlich dort, aber das ist geheim«, sagte Rick trocken, ohne sich zu seinem Nachbarn zu drehen.
   Er hatte gehofft, damit die Unterhaltung im Keim zu ersticken, aber im selben Moment verfluchte er sich bereits für seinen Kommentar. Er hätte besser einfach etwas erfunden. Schließlich konnte und durfte er niemandem erzählen, warum er nach China flog. Seit ihn Allen Zhang in die äußerst merkwürdigen Vorkommnisse in und um Shanghai eingeweiht und um Hilfe gebeten hatte, waren drei Monate vergangen. Rick wusste selbst nicht so genau, für wen er arbeitete, aber Mr. Zhang war extrem gut über Ricks Abenteuer und die Geschehnisse in New York, Freising und Lourdes informiert gewesen. Dieses Wissen konnte er nur von offiziellen Stellen erhalten haben. Er vermutete, dass es so eine Art chinesischer Geheimdienst war, für den er nun arbeitete. Das Angebot war finanziell so attraktiv gewesen, dass er seinen Umzug zu Lucy nach Schottland noch etwas aufschieben wollte. Der Vorschuss und die gesamte in Aussicht gestellte Summe würden ihm die Freiheit geben, ein oder zwei Jahre in Schottland nicht arbeiten zu müssen, was die Situation dort sicher entspannte. Es gab ihm außerdem etwas Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dort eng mit Schafen und der Natur zusammenzuleben, dafür aber ohne Internet. Einmal ganz abgesehen davon, dass die Angelegenheit in China sein Interesse und seinen Ehrgeiz als Chemiker und Wissenschaftler geweckt hatte. Allen Zhang hatte ihm geheime Untersuchungs- und Polizeiakten gezeigt, in denen von Untoten oder Vampiren die Rede war, die angeblich ihr Unwesen in Shanghai trieben und langsam zu einem so großen Problem wurden, dass man es kaum mehr vertuschen konnte. Vampire und Untote in Shanghai? Shanghai war mit mehr als fünfundzwanzig Millionen Einwohnern eine der modernsten Großstädte der Welt und eigentlich die heimliche Hauptstadt der Volksrepublik China. Zumindest wirtschaftlich war sie das sicher. Wie sollte sich dort so ein alberner Glaube an Märchen und Fabelwesen halten können, sogar in Polizei- und Geheimdienstkreisen? Rick empfand es als seine Pflicht, mit diesem Aberglauben aufzuräumen, und offensichtlich wurde er von oberster chinesischer Stelle als geeignet dafür empfunden. Es sollte mit seiner Erfahrung als Chemiker und Wissenschaftler generell nicht allzu schwierig werden.
   »Aha, geheiiim!«, rief der Mann mit hochgezogenen Augenbrauen, so laut, dass es beinahe jeder in der Economyclass hören konnte. »Das ist ja interessant.«
   Rick wurde knallrot, halb vor Verlegenheit, halb vor Wut. »Ist nicht so wild. Ich darf eben nicht darüber reden. Verbot von meiner Firma.«
   Ricks Nachbar wirkte enttäuscht. »Schade. Ich hatte mich schon auf eine spannende Geschichte gefreut. In China ist alles möglich. Aber das verstehe ich natürlich, wenn Sie verdonnert wurden, zu schweigen.«
   »Ja, Schweigen ist Trumpf«, seufzte Rick leise.
   »Wie meinen Sie? Hab Sie gerade nicht verstanden, die verdammten Treibwerke sind so laut.«
   »Nicht so wichtig«, wiegelte Rick ab.
   »Warum fliegen Sie denn mit Lufthansa? Ist ja nicht gerade die komfortabelste Airline. Wenn sie vor lauter Streiks überhaupt mal in der Luft ist.«
   Er zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht, vielleicht aus Patriotismus. Sicher nicht wegen des guten Essens oder des Charmes der Flugbegleiterinnen.«
   »Oder den gut duftenden Sitzen«, ergänzte Ricks Sitznachbar.
   »Und erst recht nicht wegen des Unterhaltungsprogramms, das aus Filmen vom Grabbeltisch eines Ein-Euro-Ladens stammt«, sagte Rick. Er schnaufte. »Oder den unterhaltsamen Mitreisenden.«
   Der Mann lachte laut. »Mensch, Sie haben ja doch Humor. Und mit Ihren Gründen gehe ich mit. Aber eins haben sie noch vergessen: Immerhin heißt es, Lufthansa ist Suffhansa. Das bedeutet, Drinks, so viel man will. Und da werde ich mir jetzt ein paar genehmigen.« Er hob die Hand, als eine Flugbegleiterin vorbeikam, und winkte sie her. »Ich hätte gern einen Whiskey. Einen Doppelten bitte, mit Eis.«
   Einen Moment später bekam Ricks Nachbar den Whiskey gereicht, wobei er der etwa zwanzig Jahre jüngeren Dame zuzwinkerte. »Wissen Sie eigentlich, warum die Whiskyflaschen im Flugzeug eckig sind?«
   Die Flugbegleiterin lächelte schief. »Damit sie beim Start nicht aus dem Cockpit rollen?« Sie seufzte höflich. »Toller Witz, den habe ich noch nie gehört.«
   Rick rutschte tiefer in seinen Sessel, um sich in Ruhe fremdschämen zu können.
   Nachdem die Flugbegleiterin weg war, reichte der Mann Rick die Hand. »Mein Name ist Schneider, Alfred Schneider. Sie können mich gern Alf nennen.«
   Rick schüttelte seine Hand. »Rick Roth. Eigentlich Dr. Rick Roth, aber Herr Roth ist auch okay.«
   »Sehr schön, Rick. Wir sind uns schließlich die nächsten Stunden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Da muss man doch wissen, wer neben einem sitzt.«
   Musste Rick nicht. »Ja, natürlich. Guten Flug auch. Ich glaube, ich sehe mir jetzt einen Film an.« Rick nippte an seinem Kaffee und startete das Unterhaltungssystem.
   Für Alfred Schneider war das Gespräch noch nicht beendet. »Kennst du den schon? Ein Mann erzählt seiner Frau, dass er sich wünscht, so zu sterben wie einst sein Vater: im Schlaf nach ein paar guten Gläsern Cognac. Auf keinen Fall wolle er aber eingezwängt beim Videoschauen sein Leben aushauchen, so wie die Passagiere seines Vaters!« Schneider lachte laut.
   Rick sah sich nach freien Plätzen in der Economyclass um, aber es gab keine.

Kapitel 3
Nanjing
1. Oktober 1407

Zhao, Hof-Eunuche im Rang eines kaiserlichen Beraters, lief zur Tür der Gemächer des Kaisers und öffnete sie einen Spalt.
   Dushang, inzwischen neu ernannter Hauptmann der kaiserlichen Palastwache, stand vor den Gemächern des Kaisers.
   »Ich muss den Kaiser sprechen, es ist von größter Wichtigkeit.«
   Zhao versperrte dem Hauptmann den Weg. »Egal, wie wichtig es ist, es wird warten müssen. Der Kaiser trauert noch immer um seine Gemahlin. Er hat sie erst vor einer Woche begraben. Dass er das überhaupt musste, war das Versagen Eures Vorgängers. Ihr kümmert Euch besser um die Sicherheit des Palastes, sonst verliert Ihr ebenfalls noch Euren Kopf.« Zhao gestikulierte wild und versuchte, Dushang fortzuscheuchen, doch so leicht ließ sich der Gardechef nicht abwimmeln.
   »Um nicht weniger als die Sicherheit des Kaisers geht es. Wir haben eine Entdeckung gemacht, die mit dem Überfall vor zehn Tagen im Zusammenhang steht.«
   Zhao sah ihn ausdruckslos an. »Dann sagt es mir, und ich werde dem Kaiser von Euren Ergebnissen berichten, sobald er dazu bereit ist. Andernfalls würde Euch vielleicht der Zorn unseres gottgleichen Herrschers treffen.«
   Der Hauptmann zögerte. »Ich würde es ihm trotzdem gern selbst sagen. Das Risiko gehe ich ein.«
   »Na gut, auf Eure Verantwortung.« Zhao gab widerwillig den Weg in die Gemächer des Kaisers frei.
   Der Hauptmann ging geradewegs zu den Gemächern. Zhao folgte ihm und kündigte ihn dem Kaiser an.
   Der Kaiser Yongle saß auf seinem Stuhl und unterzeichnete Dokumente. Nach einigen Momenten sah er auf, winkte den Hauptmann zu sich und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, zu sprechen.
   Ohne den Kaiser direkt anzusehen, fing Dushang an zu erzählen. »Wir haben nach dem nächtlichen Überfall alle Räume des Palastes ausgiebig durchsucht, auch die Gewölbe darunter und die angrenzenden Gebäude. Ich habe inzwischen eine Theorie, wie die Jiangshi eingedrungen sind und was hinter ihnen steckt.
   »Seid Ihr Euch sicher?«, fragte Zhao skeptisch und baute sich hinter dem Gardehauptmann auf.
   Dushang nickte ernst. »Ich bin sicher. Wir wissen inzwischen, wie es dazu kommen konnte.«
   »Dann erzählt es uns schon. Na los!«, forderte Zhao.
   »Zuerst haben wir bei den Durchsuchungen des Palastes nichts gefunden. Es schien so, als hätten sich die Wachen tatsächlich über Nacht in untote Angreifer verwandelt, und sich dann von unten durch die Böden vorgearbeitet.«
   Zhao wurde ungeduldig. »Aber?«
   Der Chef der Wache nickte und beeilte sich, fortzufahren. »Aber dann dehnten wir unsere Suchaktion in einen Bereich des Palastes aus, der etwa zehn Jahren nicht mehr genutzt wurde. Es waren hauptsächlich die Gemächer der Konkubinen des Hongwu-Kaisers. Unter diesen gab es weitläufige Fluchttunnel und Katakomben, die auf keiner Karte des Palasts vermerkt waren. Die Spuren, die wir fanden, deuten darauf hin, dass dort mindesten zwei Dutzend Personen gelebt haben müssen. Und das für mehrere Wochen. Es war jedoch niemand mehr da, als wir kamen. Alles schien hektisch verlassen worden zu sein. Es waren ebenfalls etwa zwei Dutzend Jiangshi, die den heimtückischen Angriff neulich durchgeführt haben.«
   »Eine Verschwörung und geheime Räume in meinem Palast? Ohne mein Wissen? Das ist unvorstellbar!«, tobte der Yongle-Kaiser und sprang auf.
   Zhao und der Chef der kaiserlichen Garde wichen instinktiv ein paar Schritte zurück.
   Der Kaiser sah Zhao scharf an. »Ich habe Euch nicht deshalb die Leitung meiner Geheimpolizei übertragen, damit Dinge vor mir geheim gehalten werden, sondern damit Ihr sie aufdeckt! Bestimmt stecken die Anhänger meines verbrecherischen Neffen Zhu Yunwen dahinter, die mir den Thron entreißen wollen. Sogar fünf Jahre, nachdem sich der feige Hund selbst verbrannt hat, wimmelt es in dieser Stadt noch immer von Verrätern.«
   Zhao stand tief gebückt vor Yongle. Als der Kaiser einen Moment schwieg, fing er an, ihn zu beschwichtigen. »Niemals, mein Herr. Wir haben alle bis auf den Letzten von ihnen ausgemerzt. Niemand in Nanjing oder im ganzen Land spricht von jemand anderem als Euch. Ihr seid in allen Herzen. Nur Ihr!«
   Der Yongle-Kaiser schnaufte tief, und sein Kopf war dunkelrot. Nach und nach wurde er etwas ruhiger.
   »Noch wissen wir nicht, was es damit auf sich hat. Vielleicht gibt es eine harmlose Erklärung«, setzte Zhao nach und warf dem Hauptmann einen bösen Blick zu, der mit seiner Geschichte den Kaiser so erzürnt hatte.
   Dieser nickte zaghaft. »Das ist richtig. Aber das dort irgendetwas vor sich geht, ist eindeutig. Und es verlangt Aufklärung. Um der Sicherheit des Kaisers willen.«
   »Dann findet es endlich heraus!«, schrie ihn der Kaiser an.
   Der Chef der Wache wurde blass. »Natürlich. Alle meine Männer geben ihr Bestes. Aber ich glaube, dass ihr es selbst mit euren göttlichen Augen sehen solltet. Denn was wir in den geheimen Räumen und Tunnels gefunden haben, übersteigt den Verstand eines einfachen Hauptmanns der Wache. Wir haben dort …«, er zögerte, »… bestimmte Dinge gefunden. Niemand in der Garde kann sich erklären, für was sie gut sein könnten.«
   Zhao sah den Hauptmann strafend an und wandte sich wieder an Yongle. »Ihr erwägt doch nicht etwa, tatsächlich in diesen baufälligen Bereich des Palastes zu gehen? Eure Sicherheit wäre dort gefährdet, besonders, solange wir nicht wissen, was dort vor sich ging, oder noch geht!«
   Der Kaiser sah regungslos aus dem Fenster. »Doch, das werde ich. Die Kaiserin hat den heimtückischen Angriff mit ihrem Leben bezahlt. Ich bin es ihr schuldig, selbst zu sehen, wer oder was dafür verantwortlich ist. Und dann werde ich sie persönlich rächen.«
   Zhao holte Luft, aber der Kaiser schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Bereitet alles vor, ich werde morgen den verlassenen Teil des Palastes besichtigen. Und die geheimen Katakomben ebenfalls. Zeigt mir alles.« Er sah Zhao und den Hauptmann an. »Ihr werdet meine Sicherheit dort gewährleisten. Das ist mein letztes Wort.«
   »Selbstverständlich, mein Kaiser«, erwiderte Zhao, ohne zu zögern. Sein linkes Auge zuckte nervös.

Kapitel 4
Flughafen Pudong, Shanghai
15. August 2010

Vor Rick fuhren Taschen und Koffer auf dem Gepäckband vorbei. Neunzig Prozent waren schwarze oder dunkle Trolleys. Ricks grüner Schalenkoffer sollte also auffallen. Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Verdammt, wo blieb das Ding nur?
   Sein Visum und Reisepass waren in Ordnung gewesen, und seine Einreise am Flughafen nach China hatte problemlos geklappt, auch wenn er den Grenzbeamten nicht durch seine hastig im Flugzeug gelernten Brocken Chinesisch hatte beeindrucken können. Jetzt musste er nur noch seinen Koffer einsammeln und am Ausgang seine Kontaktperson treffen. Allen Zhang hatte ihm mitgeteilt, sein Kontakt würde Ricks Namen auf einem Schild hochhalten. Da der Flug deutlich verspätet angekommen war, wurde Rick etwas nervös. Man würde ihn hoffentlich nicht am Flughafen stehen lassen, ohne Informationen, wo er untergebracht war, oder wen er kontaktieren musste. Rick beugte sich weit nach vorn über das Gepäckband, um es der ganzen Länge nach überblicken zu können.
   Er wurde durch einen plötzlichen Schlag auf die Schulter fast auf das Förderband geschleudert. Rick machte einen Ausfallschritt und drehte sich erbost um. Er sah in Schneiders lachendes Gesicht.
   »Ich warte mit dir auf dein Gepäck, Rick. Das mache ich gern, nachdem wir uns im Flieger so gut angefreundet haben. Falls es nicht kommt, helfe ich dir, die Gepäckermittlung am Flughafen rund zu machen, das kann ich gut.«
   Ricks Blutdruck stieg sprunghaft an. Er wusste nicht, was ihn mehr nervte und beunruhigte. Der Schlag auf die Schulter, Alfred Schneiders dreistes Duzen und die Behauptung, er wäre sein Freund, oder die Aussicht, dass Schneider die Angestellten am Flughafen so sehr ärgerte, dass diese danach seinen Koffer absichtlich einem mongolischen Waisenheim spendeten.
   Rick versuchte, ruhig zu bleiben. »Danke, aber das ist doch nicht nötig. Bin ja auch schon ein paar Mal in meinem Leben geflogen und musste auf mein Gepäck warten.«
   Gerade noch rechtzeitig, bevor Rick die Fassung verlor, bog sein Koffer um die Ecke auf dem Gepäckband. Er zog ihn erleichtert vom Band.
   »Na, da ist aber jemand erleichtert. Dann lass uns mal durch den Zoll zum Ausgang laufen.«
   Sie passierten die Zollbeamten und traten nach draußen, wo sich schon Dutzende Chauffeure und Firmenvertreter drängten, um ihre Fahrgäste und Partner abzuholen. Der Stimmenwirrwarr geschäftstüchtiger Taxifahrer, heimkehrender Familienväter und ausländischer Geschäftsreisender machte Rick beinahe wahnsinnig. Er schlug ein paar wilde Haken durch die Menge, einerseits, um Schneider abzuschütteln, aber hauptsächlich, um auf die Schilder zu spähen und nach seinem Namen zu suchen. Vergeblich. Während sich die Menge langsam auflöste, musste er feststellen, dass sein Name auf keinem der Schilder stand.
   Verdammt, er war zu spät.
   Rick drehte sich um, nur, um wieder Schneiders rosarotes Gesicht vor sich zu haben.
   »Kann ich dich mitnehmen?«, bot er Rick an.
   »Äh, nein. Trotzdem vielen Dank, Alfred, ich meine Herr Schneider. Ich werde abgeholt.« Rick seufzte und suchte verzweifelt seinen Namen auf den letzten verbliebenen Schildern.
   »In der Tat«, bestätigte Schneider ruhig, wobei sich sein Gesichtsausdruck merkwürdig veränderte. Plötzlich hatte es nichts kumpelhaftes mehr, sondern trotz seines rundlichen Kopfes strenge, sogar dominante Züge.
   Alfred Schneider zog ein Blatt Papier aus seiner Aktentasche, auf dem Ricks voller Name stand.
   »Ich bin dein Kontakt«, sagte Schneider und nickte Rick zu. »Ich wollte eigentlich einen Tag vor dir in Shanghai sein, aber ich wurde aufgehalten. Als ich erfahren habe, dass wir im gleichen Flieger sitzen, habe ich dafür gesorgt, dass wir Plätze nebeneinander bekommen.« Schneider seufzte. »Dafür musste ich meine Buchung in der Businessclass sausen lassen, weil du Economy gebucht hattest.«
   Rick wurde blass. »Ich wusste nicht, dass ich auch Businessclass als Spesen hätte abrechnen können.«
   »Das geht bei diesem Auftrag in der Tat. Hat man dir wohl nicht gesagt. Du hättest die Gesichter des Lufthansa-Bodenpersonals sehen sollen, als ich freiwillig von Business in die Economy wechseln wollte. Auf Downgrades sind die absolut nicht vorbereitet. Aber dass wir uns etwas kennenlernen konnten, war mir den engeren Sitz wert. Dass ich eine erste Einschätzung deiner Person machen konnte, war gut. Nach meiner Erfahrung ist das enorm wichtig. Ich muss wissen, was ich von dir erwarten kann und was nicht.« Schneider machte eine Pause und sah Rick mit wachen, durchdringenden Augen an. »Mach den Mund zu, Rick. Du solltest die verschmutzte Luft in Shanghai nicht ungefiltert einatmen.« Für einen winzigen Moment war wieder der Zoten reißende Schneider in seinen Zügen zu erkennen. Dann jedoch wurde er wieder ernst. »Es tut mir leid, dass ich dir etwas vorgespielt habe. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Abgesehen davon gebe ich meine Identität nicht einfach preis. Oder gehe sogar damit hausieren, dass ich gerade auf einer geheimen Mission bin.«
   Rick wurde rot und fühlte sich wie ein Schuljunge, den man in die Ecke gestellt hatte. »Ich hab mich wohl nicht gerade als professioneller Partner entpuppt, oder? Aber ich hätte auch niemals damit gerechnet, dass du mein Kontakt bist. Ich hatte jemanden, sagen wir Chinesischeren, erwartet.«
   Schneider sah Rick beinahe väterlich an. »Ich habe die Hälfte meines Lebens in Asien verbracht, und ich spreche fließend Mandarin und ganz ordentlich Kantonesisch. Nebenbei bemerkt liebe ich chinesisches Essen und musste den Lufthansa-Fraß mit Gewalt in mich reinpressen.« Schneider verzog das Gesicht. »Aber was deine Professionalität angeht, mach dir mal keine Gedanken. Weil du kein Profi-Agent bist, ist das ganz normal. Du bist aufgeregt und unsicher, das sieht man dir an. Aber man merkt, dass du dich auf die Aufgabe konzentrierst und sie ernst nimmst. Das ist das Wichtigste. Wenn wir die Mission abgeschlossen haben, zeige ich dir das Persönlichkeitsprofil, das ich von dir erstellt habe. Ich hatte genug Zeit dafür, während du dir im Flugzeug Trickfilme angesehen hast. Mein Feedback hilft dir vielleicht, deine Karriere voranzubringen. Aber jetzt ist es Zeit, vom Flughafen wegzukommen, wir sind spät dran. Unser Wagen steht auf dem Parkdeck.« Schneider deutete mit dem Kopf Richtung Ausgang und lief voraus.

Kapitel 5
Nanjing
2. Oktober 1407

Dushang hatte den ganzen Tag auf der Lauer gelegen, um einen Moment abzupassen, in dem der Kaiser nicht von seinem Vertrauten und Berater Zhao umgeben war. Er wollte ohne den Eunuchen mit dem Kaiser sprechen, dafür gab es mehr als genug Gründe. Es war seine Pflicht als Chef der kaiserlichen Garde, den Kaiser über jede mögliche Bedrohung zu informieren.
   Direkt nachdem der Kaiser über den Baufortschritt seiner neuen Paläste durch Zhao informiert worden war, hastete dieser mit neuen Anweisungen zu den Schreibern und Boten.
   Dushang nutzte die Gelegenheit und trat dem Kaiser mit gesenktem Haupt gegenüber.
   Der Yongle-Kaiser schien irritiert. »Was willst du hier, Hauptmann? Du hast doch sicher keinen Termin?«
   »Es ist von höchster Wichtigkeit.« Dushang sah den Kaiser noch immer nicht an.
   »Dann sprich, los! Ich habe das größte Reich der Welt zu führen.«
   Dushang hob den Kopf leicht an, damit der Kaiser ihn besser verstehen konnte. »Mein Kaiser, nachdem in jener unsäglichen Nacht alle Angreifer zur Strecke gebracht wurden, fiel bereits einigen Wachen auf, dass dieselbe Zahl an Wachen fehlte wie es tote Angreifer gab. Der Grund, warum die Jiangshi Uniformen der Wache trugen, ist, dass es tatsächlich zuvor Palastwachen gewesen sein mussten. Wir konnten inzwischen alle identifizieren. Auch wenn sie in vielerlei Hinsicht nicht mehr so aussahen wie früher, so sind wir uns doch sicher.«
   »Wie kann das sein?«, fragte der Kaiser. »Die Wachen des Palastes sind die besten Männer im ganzen Land.«
   Dushang nickte unsicher und fing an zu schwitzen. »Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich vermute, dass Euer Berater Zhao dahintersteckt.«
   »Zhao? du bist verrückt. Er ist mir treu ergeben.«
   »Vielleicht war er einst treu. Aber er führt Seltsames und Grauenhaftes im Schilde. Ich glaube, er wollte Euch ermorden, mithilfe von Truppen, rekrutiert aus Euren eigenen Wachen, gefügig gemacht mit Hexenwerk, das ich nicht durchschaue.«
   »Das sagst du mir einfach so? Das ist ungeheuerlich«, schrie der Kaiser. Die Adern an seinen Schläfen traten hervor. »Wenn du lügst, lasse ich dich und neun Generationen deiner Familie mit einem Handstreich auslöschen. Niemand wird je wissen, dass du existiert hast.«
   Dushang fixierte die pulsierenden Schläfen des Kaisers und begann zu zittern. »Ich bitte Euch nur dieses eine Mal, mir zu vertrauen. Bei meinem Leben und dem meiner Familie. Ich habe Beweise.« Er händigte dem Kaiser eine Schriftrolle aus, die Zhaos Unterschrift trug.
   Der Kaiser las, was darauf stand und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. »Er hat mich verraten«, murmelte er. »Was sollen wir tun?«, fragte er nach einer Weile.
   »Wir zerschlagen heute Nacht sein Netzwerk und durchkreuzen seine Pläne. Bis dahin verdreifache ich Eure persönlichen Wachen. Ihr habt es wahrscheinlich noch nicht bemerkt, aber ich habe seit gestern noch einmal zusätzlich dreißig meiner besten Männer abgestellt, die für Eure Sicherheit sorgen. Ich habe sie persönlich ausgewählt und kenne alle seit Jahren. Ich musste das tun, denn es scheint in Euren Palastgemächern nicht mehr sicher zu sein. Meine Vorgänger waren zu nachlässig. Wenn das bisher übersehen werden konnte, was noch?«
   »Du hast recht, hier ist es nicht sicher. Zu viele geheime Bereiche und verborgene Gänge aus alter Zeit. Umso richtiger ist meine Entscheidung, die Hauptstadt des Reiches und meinen Kaisersitz in den Norden zu verlegen«, sagte der Kaiser und starrte ins Leere.
   »Ihr wollt den Kaiserpalast und alles andere verlegen? Weg von Nanjing?«, fragte Dushang überrascht.
   »Und ob. Es gibt bereits umfangreiche Pläne, und der Bau wurde vor Kurzem begonnen. Im Norden wird die großartigste Herrscherstadt aller Zeiten entstehen. Und ich werde sie begründen.«
   »Man sagt, es habe über zwanzig Jahre gedauert, bis in Nanjing alles erbaut war. Die strategische Lage hier ist ideal, und niemals wieder wird es eine so große, bedeutende und sichere Stadtmauer geben, sagt man zumindest.« Dushang verbeugte sich tief. »Aber wenn dies je einem Herrscher gelingen sollte, dann nur Euch.«
   Der Kaiser machte eine Handbewegung, als wollte er ganz Nanjing ausradieren. »Nanjing ist bald Geschichte. In zwanzig Jahren wird niemand mehr von Nanjing sprechen. Und auch nicht von Zhao. Und jetzt geh und bereite alles vor. Ich will dabei sein, wenn er für seine Taten büßt!«

Kapitel 6
Shanghai
15. August 2010, 18:00 Uhr

Rick ließ sich erschöpft in einen weichen Sessel im Hotel-Foyer fallen und schloss die Augen. Er hatte während der Autofahrt schon etwas gedöst und nur mit einem Auge die Betonburgen am Rande Shanghais vorbeiflitzen sehen, die kein Ende zu nehmen schienen. Es war erst etwa 18 Uhr, aber beinahe zwölf Stunden Nachtflug, in denen er kein bisschen geschlafen hatte, hatten ihm zugesetzt.
   Schneider hingegen war, ohne das Navigationssystem zu benutzen, zielstrebig und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit vom Flughafen in die Innenstadt zum Hotel gefahren und stand nun an der Rezeption und checkte sie beide in ihre Zimmer ein. Der Mann hatte echt eine Menge Energie, das musste sich Rick eingestehen.
   Fast wäre er in dem bequemen Sessel eingeschlafen, da kam Schneider mit den Zimmerschlüsseln zurück. Er reichte Rick einen. »Zimmer 1810 für dich. Ich habe 1812. Die anderen sind auch alle im 18. Stockwerk untergebracht.«
   Rick stemmte sich im Sessel nach oben. »Welche anderen denn?«
   »Besprechen wir gleich«, antwortete Schneider knapp. »Du kannst dich etwas frisch machen. Wir treffen uns in zwanzig Minuten wieder hier, essen eine Kleinigkeit und gehen dann die Einsatzdetails durch.«
   Obwohl Schneider freundlich klang, wagte Rick nicht, seinen eindeutigen Befehlen zu widersprechen, auch wenn er gern etwas mehr Zeit zum Ausruhen gehabt hätte, oder, um Lucy eine Nachricht zu schicken.
   Als er wenig später wieder im Hotelfoyer ankam, wartete Schneider schon. Er hatte sich umgezogen und geduscht, hielt eine Aktentasche in der einen Hand und tippe mit der anderen eine Nachricht auf seinem Handy. Ohne aufzusehen winkte er Rick zu sich. »Das Restaurant im Hotel ist in Ordnung. So verlieren wir keine Zeit mit Herumlaufen in der Stadt.«
   Bevor Rick wusste, wie ihm geschah, saßen sie bereits an einem ruhigen Tisch im Restaurant. Schneider hatte für sie beide mit ein paar Worten etwas zu essen bestellt, ohne dass Rick auch nur die leiseste Chance gehabt hätte, dagegen zu opponieren.
   »Du warst nicht zufällig beim Militär?«, fragte Rick vorsichtig.
   Schneider lächelte. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich die Hälfte meines Lebens in Asien verbracht habe. Was ich während der Zeit gemacht habe, musst du nicht wissen. Also, was weißt du über unsere Mission?«
   Rick erzählte Schneider alles, was er von Allen Zhang erfahren hatte. Nachdem Rick eingewilligt hatte, den Auftrag zu übernehmen, hatte Zhang ihm eine fünfseitige Akte überlassen. Diese hatte Rick bestimmt mehr als zehn Mal gelesen, und das alles rezitierte er nun für Schneider.
   Schneider hörte aufmerksam zu und nickte. »Ist das alles?«
   »Ja«, antwortete Rick irritiert.
   »Okay, das ist die Kurzversion. Scheinbar hat Zhang es nicht für nötig gehalten, dir den kompletten Bericht zu geben. Oder er wollte es dir bewusst vorenthalten, solange du noch nicht in China bist. Egal, du bekommst ihn jetzt von mir.« Schneider zog eine Mappe aus seiner Aktentasche und reichte sie Rick über den Tisch.
   »Das sind bestimmt hundert Seiten«, ächzte Rick.
   »Hunderteinundzwanzig, um genau zu sein. Und du solltest sie bis morgen früh um acht Uhr gelesen haben. Dann geht es los.«
   Rick sah auf die Uhr und schluckte seinen Fischhappen hinunter. »Das sind nur zwölf Stunden. Und ich muss noch schlafen.« Außerdem wollte er sich unbedingt bei Lucy melden, weil sie sich sonst Sorgen machte.
   »Du schaffst das! Außerdem ist das kein Urlaub, wenn ich dich daran erinnern darf.«
   Rick nickte unterwürfig und aß weiter.
   Schneider sah ihn zufrieden an. »Nach allem, was ich bisher weiß, könnte die Mission gefährlich werden. Da müssen wir alle Informationen jederzeit parat haben.«
   Rick schluckte hörbar. »Glaubst du, dass es tatsächlich Untote oder so eine Art chinesische Vampire in Shanghai gibt? Das, was in dem Bericht Jiangshi genannt wird? Da steckt doch sicher etwas anderes dahinter.«
   »Es ist dein Job, das herauszufinden, und natürlich der Job der drei anderen Superhirne. Ich bin für eure Sicherheit zuständig und kein Wissenschaftler. In diesem Punkt zählt meine Meinung nicht.«
   »Wer sind die drei anderen? Wann treffe ich sie?«
   »Sie kommen in der Nacht an, aus allen Teilen der Welt. Alles Experten auf ihren Gebieten. So wie du.« Schneider machte eine Pause und sah Rick an. »Du ziehst ein Gesicht wie ein Rentner, dem sie in den Schrebergarten gekackt haben. Was ist los?«
   »Oh, ich wusste nicht, dass noch andere Wissenschaftler engagiert wurden. Ich dachte, ich wäre der einzige Experte, dessen Hilfe man braucht.« Rick versuchte zu lächeln.
   »Erinnere mich bitte morgen daran, dass ich noch Größenwahn zu deinem Profil hinzufüge. Hast du wirklich geglaubt, die chinesische Regierung, egal, ob offiziell oder inoffiziell, legt das Schicksal Chinas in die Hände eines einzelnen deutschen Chemikers? Nachdem sich ein Team aus einem Dutzend chinesischer Wissenschaftlern ein Jahr lang vergeblich daran versucht hat? Wie du in der kurzen Zusammenfassung erfahren hast, werden es jede Nacht mehr Opfer. Und es breitet sich aus.«
   »Wenn du das so sagst, klingt es tatsächlich etwas größenwahnsinnig«, sagte Rick. »Irgendwie beruhigt es mich auch, dass ich Unterstützung bekomme. Ein Austausch unter Kollegen kann sehr stimulierend sein.«
   »Das hoffe ich«, stimmte Schneider zu. »Unsere anderen drei Teammitglieder für diese Mission wurden ebenfalls handverlesen. Dr. Harris ist eine Medizinerin aus den USA, sie arbeitet derzeit als Pathologin für das FBI und ist Spezialistin für die Bestimmung von Todesursachen und für Stoffwechselvorgänge.«
   Rick nickte aufmerksam.
   »Dr. Chudaiev ist Mikrobiologe und stammt aus Russland. Man sagt, er hätte vor Ende des Kalten Kriegs noch ein paar Jahre für das Biowaffenprogramm der Sowjetunion gearbeitet. Aktuell lebt und arbeitet er in Großbritannien und forscht an der Abwehr von Bedrohungen durch Krankheitserreger, besonders durch Viren.«
   Rick zog interessiert die Augenbraue nach oben. »Der hat sicher einiges zu erzählen. Und wer ist der Dritte?«
   Schneider lächelte. »Der wird dir gefallen. Sein Name ist Dr. Wilhelm von Luhe. Er ist Schweizer und leitet in Luzern ein privates Institut namens CONPA, Consulting for Parapsychology. Das Institut beschäftigt sich mit Parapsychologie und Grenzwissenschaften und unterhält auch so etwas wie eine Beratungsstelle.«
   »Du verarschst mich, oder?« Rick lächelte unsicher.
   Schneider machte eine abwehrende Handbewegung. »Die Zusammensetzung des Teams war nicht meine Entscheidung. Der Kerl ist auch mit von der Partie, so viel ist klar. Es wird seine Gründe haben. Mir ist es eigentlich egal, welche Expertise ihr habt. Solange ihr während des gesamten Einsatzes auf mein Kommando hört. Nur so kann ich eure Sicherheit einigermaßen gewährleisten.«
   »Das ist sonnenklar«, bestätigte Rick ohne Zögern.
   »Was ist eigentlich damit?« Schneider stach mit dem Finger in Ricks Schulter.
   Rick zuckte kurz und rieb sich über die Stelle. »Alles okay. Ist gut verheilt. Du hast meine Akte wirklich aufmerksam gelesen. Es war nur eine Fleischwunde von einem Stockdegen, keine vergiftete Morgul-Klinge.«
   »Was für eine Klinge?«
   »Nicht so wichtig. Ich dachte mir schon, dass du deine Zeit nicht damit verbringst, Herr der Ringe anzusehen.«
   »Ins Kino komme ich tatsächlich nicht oft. Ich habe genug damit zu tun, alle Arten von Kreaturen in der Realität zu bekämpfen.«
   Rick seufzte. »Diese Antwort hatte ich beinahe befürchtet.«
   »Du hast doch keine Angst, oder?« Schneider lehnte sich zurück und machte dabei einen sehr selbstgefälligen Eindruck.
   Rick beeilte sich, heftig den Kopf zu schütteln. Vielleicht sogar etwas zu heftig, um noch glaubwürdig zu sein.
   Schneider grinste breit. »Sehr gut. Dann solltest du jetzt auf dein Zimmer gehen und die Akte durcharbeiten. Morgen früh um acht Uhr treffen wir uns in der Lobby. Deine drei Wissenschaftler-Kollegen werden auch da sein.«
   »Es sind zwei Wissenschaftler-Kollegen«, korrigierte Rick leise.
   »Wie dem auch sei. Ich bringe euch dann mit dem Mini-Bus in die Zentrale, dort besprechen wir die Mission. Schlaf gut und erhol dich.«
   Als Rick aufstand, um zu gehen, stoppte ihn Schneider und hielt seinen Arm fest. »Eines muss ich noch wissen, Rick. In der Akte über dich steht etwas davon, dass dich ohne Vorwarnungen Halluzinationen heimgesucht haben, die durch den früheren Konsum einer Droge, ähnlich LSD, verursacht wurden. Leidest du immer noch darunter? Ich muss das wissen. Es stellt eine Unbekannte in unserem Einsatz dar. Wenn du mich fragst, disqualifiziert dich das für den Auftrag, solange wir nicht wissen, was uns hier erwartet. Aber es scheint so, als würde man glauben, deine anderen Qualitäten wögen das Risiko auf. Wir werden sehen, ob das so ist.«
   Rick sah auf seinen Arm, den Schneider immer noch fest im Griff hielt. Schneider ließ los, sah ihn aber weiter eindringlich an.
   »Ich kann dich beruhigen. Das stellt kein Problem mehr dar. Die Halluzinationen sind inzwischen extrem selten und so schwach, dass ich sie kontrollieren kann. Ich bin voll einsatzfähig, so würdest du das wohl formulieren. Außerdem ist das keine Mission, bei der wir einen Bunker des kolumbianischen Drogenkartells ausheben, sondern bei dem wir in einem wissenschaftlichen Labor Untersuchungen durchführen.« Rick lachte. »Was soll da schon passieren?«
   »… waren die letzten Worte des Chemikers«, setzte Schneider nach. »Gute Nacht, Rick.«

Kapitel 7
Nanjing
2. Oktober 1407 – nachts

Der Bursche folgte Zhao, so gut es ging. Dieser rannte im Dunkeln durch enge Korridore, Räume und Türen, als wäre der Teufel hinter ihm her.
   Der junge Wuang konnte kaum mit ihm mithalten, was auch damit zu tun hatte, dass er ständig aufpassen musste, sich nicht den Kopf oder ein anderes Körperteil an den baufälligen Mauern oder Decken zu stoßen. Zhao jedoch kannte dies alles wie seine Westentasche. Er brauchte trotz der Dunkelheit nicht einmal eine Lampe.
   Wuang schnaufte. »Herr, wie viel Zeit habt Ihr in diesem alten, verlassenen Teil des Palastes verbracht, um Euch so gut auszukennen?«
   Zhao antwortete nicht, sondern lachte nur leise.
   Wuang sprang und stolperte hinter Zhao her, als sie im Innenhof eines Gebäudeteils eine Steintreppe nach unten nahmen. Endlich wurde Zhao langsamer und blieb stehen. Er befahl Wuang, ruhig zu sein. Zhao lauschte, konnte aber nichts Verdächtiges hören.
   »Komm, Wuang, wir haben nur noch wenige Stunden. Dann werden der Kaiser und die gesamte Garde hier herumschnüffeln. Es gibt noch Arbeit, bevor dies passiert.«
   Wuang nickte eifrig.
   »Hast du deinen Auftrag wirklich verstanden? Für den Fall, dass heute Nacht etwas schiefgeht, meine ich«, fragte ihn Zhao und sah ihn eindringlich an. Er machte sich erneut bewusst, wie jung Wuang war, wahrscheinlich viel zu jung für die große Verantwortung. Aber er hatte keine andere Wahl. Zhao konnte sonst niemandem vertrauen. Und er wollte es auch nicht. Vielleicht war er als Chef der Geheimpolizei mit der Zeit paranoid geworden. Aber weil man paranoid war, hieß das noch lange nicht, dass man nicht wirklich ausgespäht wurde. Einzig Wuang konnte er vertrauen, dieser stand tief in seiner Schuld und hatte sich die letzten Jahre als treuer Diener erwiesen.
   Zhao lächelte fast unmerklich und fuhr über Wuangs kurze, stoppelige Haare.
   »Lass uns anfangen«, sagte Zhao und öffnete am unteren Ende eines Ganges eine verschlossene Tür in die ältesten Katakomben des Palastes.
   Zhao und Wuang begannen, das weitläufige Gewölbe zu durchsuchen. Immer, wenn Zhao auf etwas deutete, packte es Wuang in den Sack, den er auf dem Rücken trug. Manches steckte Zhao in seinen Sack, ohne es Wuang zu zeigen. Unter ihrer Beute waren kleine Schatullen, Fläschchen, fremdartige Utensilien, Tontäfelchen und auch Schriftrollen.
   Sie gingen vorsichtig und beinahe geräuschlos vor. Je mehr sie einpacken konnten, desto ruhiger wurde Zhao.
   Noch ein paar Minuten, und er hatte all das in Sicherheit gebracht, was Dushang nicht sehen durfte, geschweige denn der Kaiser. Zhao ärgerte sich noch immer über sich selbst. Wie hatte er den neu ernannten Hauptmann nur so unterschätzen können? Dieser hatte seine Aufgabe sehr ernst genommen und selbst dort gesucht, wo er nicht hätte suchen sollen.
   Zhao öffnete eine große Truhe und wühlte darin herum. Er drückte Wuang gerade ein paar silberne Täfelchen mit Inschriften in die Hand, als er etwas hörte.
   Er blieb stocksteif stehen und lauschte. Kein Zweifel. Da war etwas. Es kam aus der Richtung, in der sie die Katakomben betreten hatten. Zhao hatte die Tür wieder verschlossen, aber es gab weitere Schlüssel, die nur die Palastwache hatte. Er hatte das zu verhindern versucht, aber manchmal reichte selbst sein Einfluss nicht aus.
   Er zog Wuang hinter sich her, und sie bewegten sich vom Eingang weg. Zhao wusste, wohin er wollte, es gab einen zweiten Zugang, den hoffentlich nur er kannte. Er führte von einem kleinen Tempel am inneren Rand der verbotenen Stadt in die Katakomben.
   Doch halt, was war das? Nun hörte er auch Schritte von vorn.
   Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hatte vermutet, dass die Palastwache nur einen Zugang kannte, aber es schien, als würde jemand von beiden Seiten in die Katakomben vordringen. Mit nur einem Ziel. Ihnen jeden Fluchtweg abzuschneiden.
   Wuang sah Zhao hilflos an. Auch er hatte bemerkt, dass sie in eine Falle gelaufen waren.
   Zhao drehte sich einmal im Kreis. Vielleicht bot sich ihnen noch ein Ausweg. Zumindest, sofern ihre Jäger nicht den Fluchttunnel kannten. Zhao schob Wuang in Richtung einer Nische, die direkt in den Stein gehauen war. Dort stand eine Kommode. Er zog sie mit aller Kraft heraus, und darunter kam ein Loch im Boden zum Vorschein, das der Einstieg zu einem alten Fluchttunnel war.
   »Es ist so weit«, flüsterte Zhao. »Du musst nun deine Aufgabe erfüllen. Allein.«
   Wuang schüttelte den Kopf. »Kommt mir mit, Herr. Sie werden uns nicht finden.«
   »Doch, das werden sie. Wenn wir in dem Tunnel sind, können wir die Kommode nicht wieder darüberschieben. Sie werden unseren Fluchtweg finden, uns zu Tode hetzen und wie Tiere auf einer Treibjagd abschlachten.« Zhao warf seinen Sack in das Loch im Boden, dann drückte er Wuangs Hände fest und befahl ihm, hineinzusteigen. Wuang tat es widerwillig und sah Zhao noch einmal in die Augen, während er die Kommode wieder über das Loch schob.
   Als er den Fluchttunnel vollständig kaschiert hatte, lief Zhao zwei Räume weiter. Die Geräusche von beiden Seiten kamen näher. Sie waren höchstens noch ein oder zwei Räume entfernt, bis sie ihn eingekesselt hatten.
   Zhao hob einen Krug vom Boden in die Höhe und ließ ihn krachend fallen. Der Krug zerbrach, und eine ölige Flüssigkeit schwappte über Zhaos Füße und den gesamten Boden.
   »Zhao, ihr seid festgenommen!«, rief der Hauptmann der Wache, als er in die Tür trat. »Ihr seid des Hochverrats angeklagt.«
   Zhao schnaubte verächtlich. »Ach, bin ich das? Warum?«
   »Ihr habt Euch mit dunklen Mächten gegen den Kaiser und das Reich verbündet. Beweise sind die zahlreichen, von Euch signierten Dokumente, die wir bereits gestern hier fanden. Eure Anwesenheit bei Nacht in diesen Gewölben und Euer Verhalten belegen Eure Schuld.«
   Nachdem der Hauptmann gesprochen hatte, schien er auf etwas zu warten. Er stand mit gezogenem Schwert in der Tür, hinter ihm drängte sich inzwischen eine Handvoll Wachen.
   Zhao wurde klar, auf was sie gewartet hatten, als der Kaiser persönlich um die Ecke bog und sich neben dem Hauptmann aufbaute.
   Der Yongle-Kaiser hielt einen Moment inne, und obwohl die Wachen erwarteten, dass er Zhao gleich wütend anbrüllen würde, passierte nichts dergleichen.
   Der Hauptmann deutete mit dem Schwert auf Zhao. »Wir wollten ihn gerade abführen, damit morgen über ihn gerichtet werden kann.«
   Yongle schnaubte verächtlich. »Gerichtet? Das habe ich bereits. Welches Gericht sollte gerechter sein, als mein göttliches Urteil hier und jetzt?«, sagte der Kaiser ruhig. »Zhao, ich enthebe dich aller Deiner Ämter. Deine Zeit als oberster kaiserlicher Berater und Chef der Geheimpolizei ist vorbei. Ich verurteile Dich zum Tode durch das Schwert.« Yongle wandte sich zu Dushang. »Hauptmann, vollstreckt das Urteil. Sofort!«
   Dushang und die Wachen waren sichtlich irritiert. »Mein Kaiser, mir scheint, das ist ein sehr mildes Urteil für jemanden, der unseren göttlichen Kaiser und das Reich verraten hat. Angemessener wäre es, ihm alle Gliedmaßen zu brechen und ihn dann öffentlich zu vierteilen. Natürlich erst, nachdem er den Tod seiner Freunde mit ansehen musste«, schlug Dushang vor.
   »Zweifelt nicht an meinem Urteil«, herrschte ihn der Kaiser an. »Schlagt ihm sofort den Kopf von den Schultern. Seine Vergehen sind von solcher Schwere, dass er es verdient, dass seine Existenz völlig ausgelöscht wird. Das Volk oder der Hofstaat werden ihn nie wieder zu Gesicht bekommen. Erst recht nicht bei einer öffentlichen Hinrichtung.«
   In dem Moment, als der Hauptmann das Schwert hob und auf Zhao zustürzen wollte, um den Befehl des Kaisers auszuführen, riss Zhao einen brennenden Holzspan aus der Wand. »Ihr versteht nichts. Eine Herde Esel weiß mehr als ihr. Und dumm werdet ihr auch sterben.« Zhao warf den brennenden Span auf den Boden. Sofort fingen seine Gewänder und das Lampenöl Feuer. Auch die Beine des Hauptmanns, der direkt im Öl stand, brannten sogleich lichterloh. Der Kaiser hatte Glück. Da der Boden unter ihm noch trocken war, konnte er sich mit einem Sprung nach hinten aus der Gefahrenzone retten. Er wurde sofort von den Wachen nach draußen gebracht, während sich drinnen in kürzester Zeit eine Feuerhölle entwickelte, in der die Todesschreie von Zhao und dem Hauptmann langsam verstummten.

*

Vor den qualmenden Katakomben angekommen, atmete der Yongle-Kaiser auf. Die Schreie aus den unterirdischen Gewölben waren inzwischen verstummt, nur noch die Rufe der Wachen, die der Koordination der Löschaktion galten, waren zu hören.
   Während weitere herannahende Wachen versuchten, mit Wassereimern das Feuer zu löschen, starrte Yongle in den Nachthimmel. Er beobachtete den Qualm, der wie bleicher Nebel die nahen Gebäude umfing. »Lasst es noch etwas brennen!«, befahl er. »Verhindert nur das Übergreifen des Feuers auf den neuen Teil des Palastes.«
   Die Wachen taten, wie ihnen befohlen, und blieben stehen. Der Kaiser sah zu, wie der goldgelbe Schein aus den Katakomben einen Teil der Nacht erhellte und versank in Gedanken.
   Das Feuer würde alles reinigen. Dennoch war es umso wichtiger und richtiger, die Hauptstadt des Reiches in den Norden zu verlegen. Dort würde die großartigste Herrscherstadt aller Zeiten entstehen. Er würde sie begründen, und niemand sollte je mehr über das sprechen, was hier passiert war. Niemals. Nicht in hundert, nicht in tausend Jahren.

Kapitel 8
Shanghai
16. August, 7:45 Uhr

Schlaftrunken stolperte Rick im Halbdunkel des Hotelzimmers ins Bad. Er sah auf die Uhr.
   Er hatte verdammt noch mal verschlafen. Was für ein Mist! Schneider brachte ihn um, wenn er nicht in zehn Minuten unten war. Keine Zeit mehr, zu duschen oder für andere Eitelkeiten.
   Dass er den Wecker überhört hatte, war kein Wunder. Nachdem Rick bis drei Uhr morgens die Einsatzmappe durchgearbeitet hatte, hatte er eine extrem unruhige Nacht verbracht. Einerseits machte ihm der Jetlag mit acht Stunden Zeitunterschied zu schaffen, andererseits war er nach der Lektüre viel zu aufgekratzt, um zu schlafen.
   Er dachte an die kommenden Tage und Wochen, und an Lucy, und was sie im fernen Schottland wohl gerade machte. Erst gegen 5:30 Uhr war er eingeschlafen und nur zufällig durch das Klopfen des Zimmermädchens an der Tür um kurz vor acht aufgewacht. Eigentlich unhöflich früh, aber es hatte ihm wahrscheinlich den Hals gerettet.
   Hastig zog er dieselben Kleidungsstücke an, die er vor wenigen Stunden ausgezogen und neben das Bett geworfen hatte. Gleichzeitig versuchte er, mit Mundspülung den faden Geschmack in seinem Rachen zu beseitigen. Das chinesische Mundwasser begann seine Zunge zu lähmen, und er spuckte es reflexartig in den Mülleimer im Wohnzimmer.
   Während er hektisch seinen Laptop, die Einsatzmappe und anderen Kram in seinen Rucksack warf, lief vor seinem geistigen Auge ein Film mit den Informationen ab, die er gestern Nacht erhalten hatte.
   Die Dokumente warfen noch einmal ein ganz anderes Licht auf den Fall als die Kurzversion, die er von Allen Zhang bekommen hatte. Es waren so viele Details und vorläufige Untersuchungsergebnisse, dass er inzwischen bezweifelte, ob sich tatsächlich eine plausible wissenschaftliche Erklärung finden würde. Eine rationale Erklärung, warum sich bisher über dreihundert Menschen in etwas verwandelt hatten, was es nicht geben konnte. Kreaturen, die mehr tot als lebendig zu sein schienen und um vieles älter aussahen, als die Personen eigentlich nach ihrem Geburtsdatum waren. Man fand die Körper meist am frühen Morgen in Gebäuden oder auf offener Straße, oft praktisch ohne Puls, aber dennoch nicht tot. Die Körper ausgemergelt und leichenblass, die Haut meist mit Geschwüren übersäht und die Augen stumpf, sodass Rick vermutete, eine anstrengende Krankheit hatte die Menschen so ausgezehrt. Meist starben die Personen nach einem letzten Aufbäumen auf den Isolierstationen, auf die man sie gebracht hatte. Dann endgültig. In manchen Fällen waren sie sicherheitshalber zuvor bereits geköpft oder gepfählt worden. Ängstliche Zeitgenossen hatten ihnen zumeist ein langes Messer oder einen Pflock ins Herz gerammt. Wenn man die Körper danach nicht kühlte, fingen sie an, mit einer außergewöhnlichen Geruchsentwicklung zu verwesen. Alles hatte vor etwas mehr als einem Jahr in Shanghai begonnen, aber inzwischen gab es ebenfalls Fälle in Nanjing und vereinzelt in Peking. Die Behörden hatten bisher alles getan, um die Sache so gut es ging von der breiten Öffentlichkeit fernzuhalten, aber bei inzwischen über dreihundert betroffenen Familien war dies zu einer sehr aufwendigen und teuren Aufgabe geworden. Darüber hinaus verunsicherten Einsatzkräfte in Schutzanzügen mit ABC-Masken in den Krisenherden die nicht erkrankten Menschen, die sich kaum mehr auf die Straßen trauten.
   Obwohl Rick die Brisanz der Angelegenheit schon bei dem Gespräch mit Mr. Zhang begriffen hatte, war er immer davon ausgegangen, dass er schnell die Ursache identifizieren können würde. Umweltverschmutzung beispielsweise, dafür war China bekannt. Es gab genug exotische Gifte in Luft und Wasser. Oder vielleicht auch ein radioaktiver Unfall, was er zwar nicht hoffte, aber teilweise eine gute Erklärung gewesen wäre. Strahlung beschleunigte Alterungsprozesse immens. Und den Tod natürlich auch.
   Niemals waren Angehörige oder Freunde der Opfer betroffen, womit er eine ansteckende Seuche vorerst ausschloss. Dennoch verhielt sich das Phänomen wie eine Epidemie. Von Woche zu Woche zählte man mehr Fälle, und es schien sich vorerst im Osten Chinas auszubreiten. Das war überaus beunruhigend, denn wer wusste schon, ob es an den Grenzen Chinas haltmachen würde? Eine Epidemie war heutzutage schnell mit dem Flugzeug in ein anderes Land getragen. Diese Tatsache war der Grund, neben der exorbitanten Bezahlung, die ihm Zhang versprochen hatte, dass Rick seine Hilfe zugesagt hatte.
   Entweder, er würde den Chinesen mal so richtig zeigen, warum sie auf dem wissenschaftlichen Holzweg waren, oder er wäre an vorderster Front, wenn ein neues medizinisches Phänomen beschrieben wurde, und dann letztlich die Welt gerettet würde. Im Idealfall beides zusammen.
   Mit diesen Gedanken sprang er zu seiner Hoteltür hinaus und in den Fahrstuhl.
   Der Aufzug fuhr zügig auf die Ebene null. Als sich die Türen öffneten, war es Punkt 08:00 Uhr. Schneider und der Rest der Gruppe warteten bereits im Foyer.
   »Guten Morgen«, empfing ihn Schneider. »Dann sind wir komplett. Ich liebe es, wenn mein Team pünktlich ist.«
   Rick lächelte erleichtert.
   Schneider bedeutete allen, ihm zu folgen und ging nach draußen. Sie steuerten auf einen Minibus in einer Parkbucht vor dem Hotel zu. Rick war immer noch etwas orientierungs- und kraftlos und trottete der Gruppe hinterher.
   »Komm schon, Rick, Wanderdünen und Gletscher bewegen sich schneller als du«, rief Schneider, während er sich auf den Fahrersitz des Minibusses schwang. »Macht euch auf der Fahrt gegenseitig bekannt. Es gibt zwei Thermoskannen. Eine mit Kaffee und eine mit Tee. Die Fahrt zur Zentrale dauert etwas mehr als eine Stunde. Einige von euch sehen aus, als könnten sie Kaffee gebrauchen.«
   Rick ließ sich in der zweiten Reihe des Busses nieder und betrachtete sich im Rückspiegel. Seine Augen waren tiefrot, und seine Haare sahen aus, als hätten sie letzte Nacht eine Drogenparty gefeiert.
   »Viktor Chudaiev.« Der Russe mit dem angegrauten Leninbart setzte sich neben Rick und reichte ihm mit einem offenen Lächeln die Hand.
   »Sehr erfreut«, sagte Rick, und noch während sich der Bus in Bewegung setzte, fingen alle an, sich einander vorzustellen.
   Melinda Harris gab in kurzen Worten ihren Lebenslauf wieder, gefolgt von Wilhelm von Luhe und Viktor Chudaiev. Zum Schluss stellte sich Rick vor, ließ aber bewusst sein kürzlich bestandenes Abenteuer in Lourdes aus, sondern füllte diese Lücke mit einem wissenschaftlichen Austauschprogramm zwischen den USA und Frankreich. Ohnehin war sein Lebenslauf am kürzesten, denn er war mit Mitte dreißig der jüngste in der Gruppe.
   Chudaiev und von Luhe waren sicher um die sechzig, und Harris ging wahrscheinlich auf die fünfzig zu, wobei sie den Eindruck machte, als sollte man ihr das besser nicht unter die Nase reiben. Rick fühlte sich wie ein Küken in der Runde, nahm sich aber vor, zu beweisen, dass er sich den Platz im Team verdient hatte.
   Die Fahrt verging schnell, und nachdem jeder einen guten Eindruck davon hatte, was die anderen taten und wussten, fingen die ersten Spekulationen darüber an, wie ihr Einsatz in China verlaufen würde.
   Obwohl Schneider wie ein Besessener durch den Stadtteil Pudong raste, schien er der Konversation aufmerksam zu folgen und klinkte sich plötzlich ein. »Ihr solltet unbedingt noch wissen, dass ihr nicht das einzige Team seid, das an dem Fall arbeitet. Ich kläre euch jetzt mal darüber auf, wie es läuft. Offiziell arbeiten knapp zwei Dutzend chinesische Wissenschaftler an dem Fall, und ihr unterstützt sie nur. Ihr werdet nicht viel mit den Chinesen zu tun haben, außer zu Beginn. Wenn ihr erfolgreich seid, werden die Chinesen den Ruhm dafür ernten, und zwar nur sie. Euch gibt es offiziell nicht, oder höchstens als Berater und Statisten. Die Kollegen aus China bekommen bei einem Erfolg, egal, ob er ihnen selbst oder euch zuzuschreiben ist, lukrative Positionen in staatlichen Instituten. Anschließend fahrt ihr wieder dahin zurück, wo man euch vermisst, oder auch nicht. Euer Geld bekommt ihr natürlich, und das sollte euch mehr als ausreichend entschädigen.«
   Ein Raunen ging durch den Bus, als Schneider fertig war. Insgeheim hatten wohl alle vermutet, dass sie keine offizielle Ehrung bei einem Erfolg erhalten würden, aber dass noch ein weit größeres Team gleichzeitig daran arbeitete, war eine Überraschung.
   »Wir scheuen keinen Wettbewerb. Er belebt das Geschäft«, brach Chudaiev das Schweigen mit seinem leichten, nicht unangenehmen russischen Akzent und sah zuversichtlich in die Gesichter seiner Kollegen.
   Rick und die anderen nickten, wenngleich es wenig überzeugt wirkte.
   Schneider bog in eine Seitenstraße ein und fuhr in die Tiefgarage eines unauffälligen Bürogebäudes. Lediglich die bewachte Schranke sowie die zwei Gitter, die sie passierten, ließen vermuten, dass es in diesem Gebäude nicht nur Büros gab.
   »Kein Name auf dem Gebäude zu lesen. Keine Firma, keine Behörde. Für wen arbeiten wir eigentlich?«, fragte Harris in die Runde, während Schneider in das hinterste Eck der Tiefgarage fuhr.
   »Für wen ihr arbeitet, erfahrt ihr gleich. Dass man dem Gebäude von außen nicht ansieht, was es beherbergt, ist beabsichtigt. Es soll niemand auf die Idee kommen, dass hier etwas Interessantes vor sich geht.« Schneider trat vor eine Stahltür, neben der eine Kamera montiert war. Er hielt sein Gesicht vor die Kamera, und nach etwa drei Sekunden sprang die Tür auf. »Iris-Erkennung«, kommentierte er, ohne sich umzudrehen.
   Sie gelangten durch einen Korridor an eine Art Rezeption, hinter der zwei ausdruckslos dreinschauende Chinesinnen saßen.
   »Willkommen Herr …«, setzte eine der beiden an, aber Schneider unterbrach sie.
   »Schneider. Ich freue mich auch, sie wiederzusehen, Miss Wong.«
   Frau Wong nickte. »Willkommen, Herr Schneider. Ich bin froh, dass sie wieder hier sind.«
   Sie bekamen Ausweise in die Hand gedrückt, die bereits vorbereitet auf dem Rezeptionstisch lagen. Rick sah sich den Ausweis an, auf dem ein Foto von ihm zu sehen war, das dem in seinem Personalausweis zum Verwechseln ähnlich war.
   Schneider grinste. »Es ist das Foto aus euren Personalausweisen, falls ihr die Frage auf den Lippen hattet. Vielleicht hat Allen Zhang bereits erwähnt, dass die Behörden in diesem Fall international sehr gut zusammenarbeiten.«
   »Hat er«, sagte Rick nachdenklich und sah sich das Siegel und den Schriftzug auf dem Ausweis an. »State Administration of Cultural Heritage?«, fragte er. »Im Ernst? Wir arbeiten für das Amt für Kulturerbe? Sind wir für das Restaurieren der Chinesischen Mauer eingeteilt? Steine schleppen und so?«
   »Oder um Tonfiguren in Museen vom Staub zu befreien?«, setzte Chudaiev nach und zwinkerte Rick zu.
   Schneider sah sie böse an. »Was habt ihr denn gedacht? Das wir auf das Gebäude schreiben: Geheime Einheit zur Bekämpfung von Untoten in China?«, erwiderte er trocken. »Was ich euch sagen kann, ist, dass diese Einheit vor etwa einem Jahr unter Beteiligung von drei Ministerien aufgebaut wurde, innerhalb kürzester Zeit. Sowohl das MSS – Ministerium für Staatssicherheit, das MPS – Ministerium für öffentliche Sicherheit als auch das MOE – Ministerium für Bildung und Wissenschaft –, stellten die Besten ihrer Mitarbeiter ab. Allein, um das besagte Problem zu lösen. Unter welcher Führung die Einheit arbeitet, weiß aus Sicherheitsgründen praktisch niemand. Allen Zhang sitzt zumindest ziemlich weit oben. Er ist mein Kontakt für die meisten Angelegenheiten.« Schneiders Antwort stellte Rick und die anderen halbwegs zufrieden.
   Wong öffnete eine Tür neben der Rezeption und geleitete sie durch zwei weitere lange, enge Korridore. Sie passierten zwei Schleusen, die ebenfalls beide durch Iris-Erkennung gesichert waren. Rick bemerkte, dass diese Türen durch Wong geöffnet wurden und nicht durch Schneider.
   Sie kamen an den ersten Labors vorbei. Der Korridor hatte sich auf einige Meter verbreitert, und links und rechts befanden sich durchgängige Glasfronten, hinter denen in hell erleuchteten, modernen Laboratorien Chinesen in weißen Kitteln standen. Rick zählte um die zwanzig Wissenschaftler und Technische Assistenten.
   »Arbeiten sie alle für dasselbe Projekt wie wir?«, fragte er Schneider.
   »Alle in diesem Gebäude sind Teil des Projekts. Hier wird nur an der Lösung des Problems geforscht«, bestätigte Schneider.
   Nachdem sie durch eine weitere Schleuse getreten waren, kamen sie in einen Operationssaal. Ihnen wurden Laborkittel und Einmalhandschuhe gereicht, die sie alle bereitwillig anzogen. Der Raum war hell erleuchtet, und um einen stählernen Tisch hatte sich eine Handvoll chinesischer Wissenschaftler versammelt und begutachtete den Körper darauf.
   Der Körper des Mannes war nackt und bleich. Seine schütteren weiß-grauen Haare fielen auf den Stahltisch. Er lag vollkommen regungslos da. Rick vermutete, dass er tatsächlich tot war, hauptsächlich, weil ein langes Messer aus der Brust des Mannes ragte. Die chinesischen Wissenschaftler begannen, den Leichnam von Kopf bis Fuß zu inspizieren.
   »Also, wenn die gerade nach der Todesursache suchen, dann brauchen die chinesischen Kollegen unsere Hilfe dringender, als ich dachte«, flüsterte Rick Melinda Harris zu.
   Harris kicherte, und auch Chudaiev konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
   »Treten sie gern näher«, ermunterte sie einer der chinesischen Kollegen in gutem Englisch und winkte.
   Sie traten an den Tisch, während die asiatischen Wissenschaftler ihnen den Weg frei machten.
   »Mein Name ist Dr. Chao Tsiang. Ich bin der Leiter der Untersuchungen hier in Shanghai. Das sind meine Team-Mitglieder. Es sind alles hervorragend ausgebildete Ärzte und Biologen, einige haben Stationen in den USA, England und anderen westlichen Ländern hinter sich.« Er verneigte sich vor seinen Kollegen. »Wie sie bestimmt schon wissen, haben wir seit gestern Nacht einen neuen Fall, den wir heute untersuchen wollen. Wir führen eine schnelle, erste Leichenschau durch, um festzustellen, ob wir neue Erkenntnisse bekommen, die wir bei anderen Fällen bisher nicht gewinnen konnten.«
   Rick und die anderen nickten anerkennend.
   »Warum entfernen Sie nicht das Messer aus seiner Brust, das dürfte doch etwas hinderlich sein bei der Untersuchung, oder?«, fragte Melinda Harris.
   Dr. Tsiang sah sie irritiert an. »Sie haben doch die Berichte gelesen, oder? Wir dürfen das Messer erst entfernen, wenn der Kopf abgetrennt wurde. Andernfalls können wir nicht sicher sein, dass sich der Körper noch bewegt. Er könnte uns verletzen. Oder auch Sie.«
   »Sie glauben doch nicht etwa diese Märchen? Sie sind alle Wissenschaftler«, erwiderte Harris.
   »Hätten wir es hier mit uns bekannten wissenschaftlichen Phänomenen zu tun, wäre alles viel einfacher. Und sie wären vermutlich nicht hier. Außerdem haben Sie doch bestimmt schon von sogenannten Scheintoten gehört, oder?«
   Rick lachte leise. »Das wäre der erste mir bekannte Fall von scheintot mit Messer im Herz.«
   Tsiang sah ihn abfällig an. »Sie werden es in vielfacher Hinsicht zum ersten Mal mit Phänomenen oder Beobachtungen zu tun bekommen, während sie hier sind. Was nicht nur aufgrund Ihrer offensichtlich noch geringen Erfahrung der Fall sein dürfte.«
   Schneider klopfte Rick auf die Schulter. »Sieht aus, als hättest du einen neuen Freund gefunden. Gut gemacht, im Teambuilding bist du echt ganz groß«, raunte er Rick ins Ohr.

Kapitel 9
Außerhalb Nanjings
3. Oktober 1407 – früher Morgen

Wuang stolperte durch den Fluchttunnel und zog die beiden Säcke mit Utensilien und Dokumenten hinter sich her, die ihm Zhao eingepackt hatte. Als er um eine Ecke an einer besonders engen Stelle bog, rutschte einiges aus dem zweiten Sack, und Wuang sammelte es hastig wieder ein. Nach einer knappen Viertelstunde stieg er erschöpft aus einem Loch. Er konnte gerade noch den schwachen orange-roten Schein des Feuers im alten Palast von Nanjing sehen. Der Fluchttunnel hatte ihn etwa sechshundert Meter vom Palast entfernt und außerhalb der verbotenen Stadt in eine Hecke aus Dornenbüschen geführt. Er rannte weiter, bis er einen Platz zum Verstecken in einer Baumgruppe gefunden hatte. Wahrscheinlich suchte niemand nach ihm, aber es war gefährlich, sich nachts in dieser Gegend zu bewegen.
   Ob Zhao tot war? Er befürchtete es, sein Herr hatte wohl geahnt, dass es so kommen würde.
   Wuang sah sich verängstigt um. Er trug immer noch beide Säcke auf dem Rücken. Spätestens morgen musste er sich andere Kleidung besorgen und eine weniger auffällige Weise überlegen, die Gegenstände zu transportieren, am besten einen alten, schäbig aussehenden Rucksack. Sonst würde er zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und womöglich noch ausgeraubt.
   Die Reise in den Süden, die er vor sich hatte, mochte Monate dauern. Selbst, wenn er einen Teil seines Weges auf einem Boot zurücklegen konnte, wie es ihm Zhao geraten hatte, war es ein anstrengender und gefährlicher Weg.
   Wuang zitterte, teils vor Kälte und zum Teil, weil er sich vor dem fürchtete, was ihn in den folgenden Wochen erwartete. Und danach.
   Er legte sich in die Astgabel eines großen Baums mit dichtem Blätterwerk und schloss die Augen. Obwohl er befürchtet hatte, dass er heute Nacht kein Auge schließen würde, schlief er innerhalb von Minuten ein. Er träume davon, das Gebirge im Südwesten zu erreichen, so, wie es ihm Zhao aufgetragen hatte.

Kapitel 10
Shanghai
16. August, 11:00 Uhr

Rick und die anderen westlichen Wissenschaftler sahen ihren chinesischen Kollegen bei der Untersuchung des Körpers aufmerksam zu.
   Rick stand etwas abseits, aber soweit er das beurteilen konnte, sahen die Organe, die die Ärzte entnahmen, normal aus. Natürlich mit Ausnahme des Herzens, dem das Messer, das man dem Untoten in die Brust gerammt hatte, nicht gut bekommen war.
   Mit einem Mal stieg ihm ein blümeranter Duft in die Nase, und er bemerkte, dass sich Melinda Harris an ihn herangeschlichen hatte. Er nickte ihr zu, wandte sich aber gleich wieder der Obduktion zu. Schneider beobachtete sie, und er hatte keine Lust, schon wieder negativ aufzufallen.
   »Was ich nicht verstehe, ist, warum die Chinesen scheinbar Angst vor dem Leichnam haben«, flüsterte Melinda Harris. »Selbst, wenn er nur scheintot wäre, was ich bezweifle, dann könnte er ihnen doch nichts tun. Er trägt keine Waffen, der hat nicht einmal Fangzähne wie Dracula, nur leicht spitze Eckzähne. Blutsaugen kann der oder das damit sicher nicht.«
   »Hast du den Bericht nicht gelesen?«
   Melinda Harris seufzte. »Nur überflogen. Ich musste letzte Woche drei Publikationen und einen Fördermittelantrag fertig machen, bevor ich hierhergeflogen bin.«
   Rick lächelte. »Du bist ja mutig. Wenn Schneider das rauskriegt, lässt er dich den Bericht auswendig lernen, und dich um den Block laufen, während du den Text singst. Nackt, versteht sich.« Rick drehte sich unauffällig zu Melinda.
   »Verrätst du mich?«, hauchte sie ihm ins Ohr.
   Rick wurde rot. »Nein. Natürlich nicht.«
   »Danke. Und was steht nun in dem Bericht?«
   »Na ja, die Chinesen sind der Meinung, dass das, was da auf dem Tisch liegt, ein Jiangshi ist. Das wird üblicherweise als chinesischer Vampir bezeichnet, aber es hat eigentlich nicht viel mit den westlichen Vampiren gemeinsam. Die wichtigste Übereinstimmung ist, dass sowohl Jiangshi als auch die Vampire aus den abendländischen Erzählungen und Filmen ihren Opfern die Lebenskraft entziehen. Graf Dracula und Co machen das, indem sie Blut saugen. Jiangshi entziehen den Lebenden das Qi oder Chi, die Lebensenergie. Wie sie das machen, ist unklar. Oder besser gesagt, es ist eben ein Mythos.«
   »Und weiter?« Melinda Harris rückte noch etwas näher, damit er leiser sprechen konnte.
   »Abgesehen davon sind Jiangshi eher Untote, so eine Art Zombies. Auch wenn nicht bekannt ist, dass sie Menschenfleisch oder irgendeine andere Art von Fleisch zu sich nehmen, sind sie trotzdem nicht ungefährlich. Selbst, wenn man nicht an diesen Unsinn mit dem Qi-Entzug glaubt. Sieh dir zum Beispiel die Fingernägel an. Die Körper, die man bisher gefunden hat, hatten alle ein bis zwei Zentimeter lange Fingernägel. In dem Bericht stand, dass Jiangshi in zwei Fällen die Arteria carotis communis eines Opfers angebohrt hatten.«
   »Was?«, stieß Melinda Harris hervor.
   »Du hast richtig gehört, ein Jiangshi hatte einfach mit seinem Finger die Halsschlagader eines Opfers angestochen. Ziemlich krass, oder?«
   »Allerdings. War sicher eine Sauerei.«
   Rick nickte. »Das scheint aber nicht typisch zu sein. Begegnungen von Lebenden mit den Jiangshi waren in den letzten Wochen eher dadurch geprägt, dass die Menschen in Panik geflohen sind. Mit allen Konsequenzen: aus dem 16. Stock gesprungen, vor die U-Bahn gelaufen, die Treppe hinuntergefallen und …«
   Noch bevor Rick den Satz beenden konnte, rempelte ihn jemand von der Seite an. Es war Schneider, der ihm und Harris einen bösen Blick zuwarf. »Hier wird nicht geschwatzt! Da vorn spielt die Musik.«
   »Ja, klar«, sagte Rick und richtete seinen Blick geradeaus.
   Dr. Tsiang trat einen Schritt von dem obduzierten Körper zurück und schob seine Schutzbrille nach oben. »Wir haben die Untersuchung abgeschlossen. Als vorläufiges Fazit kann ich sagen, dass sich dieser Fall nicht von den anderen unterscheidet, die wir in den letzten Wochen untersucht haben. Deren Ergebnisse befinden sich alle in der Mappe, die ihnen zur Verfügung steht.« Tsiang nickte Schneider zu, und dieser ergriff das Wort.
   »Sehr gut. Dann können wir planmäßig weitermachen.« Schneider winkte Wong herbei, die etwas abseits an der Tür des Labors stand. »Miss Wong zeigt euch jetzt eure Zimmer.«
   »Wie meinst du das?«, fragte Rick und sah in die ratlos dreinschauenden Gesichter seiner Kollegen. »Wir haben doch schon Zimmer im Hotel.«
   »Ihr wohnt ab heute nicht mehr im Hotel, sondern in diesem Gebäude. Es gibt einen Wohntrakt in den Etagen vier und fünf.«
   Viktor Chudaiev nickte. »Sehr gute Idee. Wir können Tag und Nacht arbeiten, wenn wir wollen.«
   Schneider lächelte. »Das freut mich. Fleißige Helferlein haben eure Sachen bereits gepackt und auf eure Zimmer gebracht.«
   Melinda Harris’ Gesicht wurde rot. »Es war nicht abgemacht, dass jemand in meinen Sachen herumwühlt«, murmelte sie.
   Schneider sah Harris für einen Moment an, dann drehte er sich zu den anderen. »Das ist vielleicht nicht die feine Art, aber es ist effizient. Die Zeit drängt, da bleibt keine Zeit für Schamgefühle oder so etwas. Mit der Vereinbarung, die man mit euch geschlossen hat, ist das alles sehr wohl abgedeckt. Solltet ihr vielleicht noch mal genau durchlesen.«
   Miss Wong wedelte mit einer Reihe Keycards und verteilte sie. Anschließend folgten sie der jungen Chinesin durch das Gebäude.
   »Machen Sie es sich in Ihren Zimmern gemütlich. Sie können sich eine halbe Stunde ausruhen, danach erwartet Sie Herr Schneider im Besprechungsraum auf der Ebene minus eins.« Wong brachte zuerst Harris und von Luhe zu ihren Zimmern in der vierten Etage und danach Rick und Chudaiev in die fünfte Etage.
   Nachdem er die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, sah er sich in seinem neuen Domizil um. Die Einrichtung unterschied sich kaum von der im Hotel, und sein Gepäck war bereits vollständig im Zimmer.
   Rick sah aus dem Fenster auf die Betonschluchten Shanghais und schauderte. Auf was hatte er sich nur eingelassen? Er könnte jetzt bei Lucy in Schottland sein und seiner Liebsten mit einem Glas Whisky in der Hand beim Schafe scheren zusehen. Oder noch besser, mit ihr zusammen ein Glas Whisky trinken und sich an den offenen Kamin setzen. Stattdessen jagte er in China irgendwelchen Untoten hinterher. Er hatte Zombiefilme noch nie gemocht. Bei dem Gedanken an den letzten, den er gesehen hatte, bekam er eine Gänsehaut. Das war vor langer Zeit irgendein Film mit Will Smith gewesen. Den Titel hatte er vergessen, nicht aber die Bilder. Die Vorstellung, dass nach Einbruch der Dämmerung die Stadt den Untoten gehören könnte, verstörte ihn. Konnte das hier auch passieren? Würde er bald am Fenster stehend hoffen, dass das Gebäude gut genug gesichert war, während unten Horden von stöhnenden Zombies durch die Straßen taumelten?
   Nein, denn das gab es in Wirklichkeit nicht. Da war er sich ganz sicher. Zumindest weitgehend. Einigermaßen.
   Lucy würde ihn auslachen, wenn sie merkte, dass er an seiner wissenschaftlichen Urteilskraft bei diesem Thema zweifelte. Normalerweise würde er danach demonstrativ schmollen, aber im Moment vermisste er einfach nur ihr zärtliches Lachen, und es wäre ihm völlig egal, wenn sie ihn aufzog.
   Rick holte sein Handy hervor und schrieb eine SMS an Lucy. Seit seiner Ankunft in Shanghai hatte er noch keine Zeit gehabt, sich bei ihr zu melden. Er musste jetzt dringend ein Lebenszeichen von sich geben, weil sie sich sonst Sorgen machte. Lucy würde die SMS nur verzögert empfangen, da sie auf dem Bauernhof in Schottland keinen Mobilfunkempfang hatte. Aber Lucy fuhr beinahe jeden Tag in den nächsten Ort, um fehlende Ausrüstung für ihren Schafhof zu besorgen, und auf halber Strecke in den nächsten Ort würde die Nachricht sie erreichen.
   Rick seufzte. Er legte sich aufs Bett und schloss für ein paar Minuten die Augen. Vor ihm tauchte Lucys Gesicht auf, und sofort durchströmte ihn ein warmes, wohliges Gefühl. Er genoss es so lange wie möglich und machte sich dann auf den Weg in den Besprechungsraum.

Kapitel 11
Provinz Anhui
24. Oktober 1407

Die Ausläufer des Huangshan Gebirges zeichneten sich am Horizont ab, und Wuang konnte sich endlich entspannen. Die Fahrt auf dem Jangtsekiang von Nanjing hierher hatte mehrere Wochen gedauert, und einige Male waren er und die anderen Bootspassagiere fast umgekommen. Erst vor wenigen Tagen war ein Felsbrocken von einem der Überhänge auf das Boot gestürzt, hatte aber glücklicherweise nur einen Teil des Aufbaus heruntergerissen und kein Leck geschlagen. Noch gefährlicher waren die Stromschnellen eine Woche zuvor gewesen, gegen die die Dschunke bei schwachem Wind nicht ansegeln konnte. Alle mussten mit Stangen mithelfen, das Boot stromaufwärts zu manövrieren. Viele Reisende waren dort früher in den Fluten ertrunken, nachdem ihr Boot einen Felsen gerammt hatte und in den Stromschnellen untergegangen war.
   Wuang hatte all das überstanden und mit Mut und Verstand auch mehr als einmal geholfen, eine Katastrophe zu verhindern. Dabei hatte er nie seine kostbare Fracht aus den Augen verloren. Er hoffte inständig, sich dadurch der großen Verantwortung, die ihm Zhao aufgebürdet hatte, als würdig zu erweisen.
   Das Boot fuhr langsam die letzten Meter bis zur Anlegestelle, und Wuang freute sich, dass er von nun an für einige Zeit wieder festen Boden unter den Füßen haben würde. Auch, wenn sein Weg durch den dichten Wald des Huangshan Gebirges noch weit und gefährlich war.
   Er sprang auf den Steg und beschloss, für die Nacht in diesem Fischerdorf zu bleiben. Er war sich inzwischen sicher, dass ihn niemand aus Nanjing verfolgt haben konnte. Wesentlich mehr Sorgen bereitete ihm, wie er sein Ziel finden sollte. Er hatte von Zhao nur eine ungefähre Ortsangabe erhalten. Wie sollte er einen geheimen Ort finden, wenn er keine Ortskenntnisse hatte? Er wusste nicht einmal, warum er diesen Ort finden musste. Vielleicht würden die Dokumente in seinem Gepäck dabei helfen? Zhao hatte ihm jedoch verboten, auch nur einen Blick darauf zu werfen, und daran hielt sich Wuang.

Kapitel 12
Shanghai
Ü16. August, 12:30 Uhr

Als Rick in den Besprechungsraum kam, saßen seine Kollegen bereits um den Tisch. Schneider und Miss Wong standen am Kopfende. Dr. Tsiang und drei chinesische Wissenschaftler saßen als stumme Beobachter auf Stühlen an der hinteren Wand des Raums.
   »Nun sind wir fast komplett«, sagte Schneider.
   Rick drehte sich um. »Wer fehlt denn noch?«
   »Allen Zhang will es sich nicht nehmen lassen, euch persönlich zu begrüßen. Solange wir auf ihn warten, wollte ich euch noch mit ein paar Regeln bekannt machen. Regel Nummer eins: Alles hört auf mein Kommando. Falls ich nicht da bin, hat Dr. Tsiang das Sagen oder seine Stellvertreterin Frau Sue Wong.« Schneider deutete überflüssigerweise neben sich.
   Sue Wong verneigte sich und sah in die Runde.
   »Regel zwei: kein Alkohol und keine Drogen. Mit euren elektronischen Zugangskarten bekommt ihr überall im Gebäude Snacks und Getränke an diversen Automaten. Kostenlos. In der Kantine auf Ebene null könnt ihr zwischen 8:00 und 19:00 Uhr essen und trinken, so viel ihr wollt. Regel Nummer drei: keine Geheimnisse. Ihr müsst alle Forschungsergebnisse offenlegen. Geheimprojekte und zurückgehaltene Daten dulde ich nicht.«
   »Das ist selbstverständlich«, erwiderte Chudaiev. »Ist das dann alles?«
   »Umso besser, wenn es selbstverständlich ist. Eine Information habe ich noch. Ihr könnt E-Mails schreiben und im Internet surfen und recherchieren, so viel ihr wollt. Ob eure Kommunikation überprüft wird, hängt davon ab, wie viel freie Kapazitäten die Kontrollstelle hat und ob eine automatische Schlagwortsuche Alarm gibt. Zugriffe auf Internetseiten oder Server außerhalb Chinas können langsam sein. Chinesische Suchmaschinen wie Baidu funktionieren hier deutlich besser als Google und Co, wenn diese nicht ganz ausfallen. Wenn ihr Übersetzer braucht, wendet euch an Sue.«
   Melinda Harris begann zu würgen und hustete. Sie hielt sich die Hand vor den Mund.
   »Was ist los, Melinda?«, fragte Schneider. »Du siehst nicht gut aus!«
   »Mir geht es beschissen«, bestätigte Harris. »Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben.« Sie stand auf und würgte.
   »Ist vielleicht nur die lange Anreise gewesen«, spekulierte Chudaiev.
   »Ich muss kurz auf die Toilette. Und mich dann ausruhen. Es tut mir leid«, sagte Harris leise.
   Schneider nickte. »Kein Problem! Ruh dich aus, du musst die nächsten Tage fit sein. Wir zählen auf dich.«
   »Entschuldigt mich bitte bei Allen Zhang, ich hatte mich darauf gefreut, ihn wiederzusehen. Ich werde später bei ihm vorbeischauen.« Melinda verließ gebückt den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.
   »Puh«, sagte Rick. »Ich hoffe, Melinda erholt sich schnell. Wir brauchen sie.«
   Alle schwiegen. Rick vermutete, dass die anderen dasselbe dachten. Was, wenn das die ersten Anzeichen einer Verwandlung waren? Was, wenn Melinda Harris das erste westliche Opfer sein sollte? Aber konnte das so schnell passieren? Vielleicht war sie im Hotel mit irgendetwas in Kontakt gekommen.
   »Es ist hoffentlich nichts Ernstes«, brach Chudaiev die Stille.
   Allen Zhang betrat leise den Raum und schloss die Tür hinter sich. Er postierte sich neben Schneider und wirkte dadurch noch kleiner, als er war. Dennoch strahlte er in seinem schlichten Anzug Autorität aus.
   Nachdem Schneider Allen Zhang über den Zustand von Harris informiert hatte, setzten er und Sue Wong sich und überließen Zhang das Feld.
   »Willkommen. Ich habe vor einigen Monaten jeden Einzelnen von Ihnen persönlich aufgesucht, um ihn für diese Aufgabe zu gewinnen. Sie wurden zuvor ebenfalls von mir ausgewählt, nachdem Dr. Tsiang mir Vorschläge für die Besetzung des Teams unterbreitet hatte. Es freut mich sehr, Sie alle in Shanghai begrüßen zu dürfen. Richten Sie bitte auch Dr. Harris meine Grüße aus.« Zhang sah einen nach dem anderen freundlich an.
   »Ich kann Ihnen versichern, dass wir alle sehr dankbar für Ihre Hilfe sind«, fuhr Zhang fort. »Meine Aufgabe ist es, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die sie bei Ihrer Arbeit stören könnten, und dafür zu sorgen, dass Sie alles haben, was Sie brauchen. Ich werde mich im Hintergrund halten und nur gelegentlich im Haus sein, stehe aber in ständigem Kontakt zu Herrn Schneider. Viel Erfolg!«
   »Haben Sie vielleicht noch ein paar neue Informationen?«, fragte Rick.
   »Leider nicht. Sie wissen bereits alles, was wir wissen. Es gibt aber noch etwas, womit wir Ihnen helfen wollen, Ihre Aufgabe zu verinnerlichen. Dr. von Luhe hat sich bereit erklärt, eine Einführung in das Thema Vampire und Untote zu geben.«
   Rick raufte sich die Haare, sagte aber nichts.
   »Bitte, Herr von Luhe. Sie haben das Wort.« Allen Zhang setzte sich und gab den Platz für von Luhe frei.
   »Versetzen wir uns mehrere hundert Jahre zurück. Es sind dunkle Zeiten. Ohne elektrisches Licht oder Gaslampen. Mit höchstens rudimentären Möglichkeiten, über Entfernungen zu kommunizieren. Reisen ist mit großen Anstrengungen und Gefahren verbunden, die nur wenige, und dann meist nicht freiwillig, auf sich nehmen. Um von einer Siedlung in die nächste zu gelangen, muss man finstere Wälder und Sümpfe durchqueren, in denen Wölfe heulen und Bären umherstreifen. Beinahe alles oder jeder, der einem begegnet, will nichts Gutes von einem. Egal, ob in Asien oder Europa, Seuchen und Krankheiten plagen die Menschen. Allen voran die Pest. In diesen Zeiten entsteht der Nährboden für die unterschiedlichsten Vampirglauben in unzähligen Ländern. Ebenso der Urgedanke, dass Wiedergänger oder Untote existieren müssen. Und da sie existieren, kehren sie zurück, um die Lebenden zu terrorisieren und zu vernichten und mit sich zurück ins Dunkel zu reißen.« Von Luhe sah zur Rick herüber. »Du bist Katholik, oder?«
   »Hm, ja, ich hatte aber bis vor Kurzem nicht wahnsinnig viel mit der katholischen Kirche zu tun«, gab Rick zu.
   »Vielleicht interessiert es dich aber, dass selbst in katholischen Klöstern der Glaube an Gott nicht immer stark genug war, den Aberglauben zu bekämpfen. In einigen Klöstern wurden im Mittelalter und noch lange danach manche Tote mit dem Gesicht nach unten bestattet, oder es wurden große Findlinge auf ihre Särge gelegt oder Steine in den Mund der Toten gegeben. Alles Riten, um Wiedergänger von einer Rückkehr aus dem Grab abzuhalten.«
   »Die gute alte Zeit«, murmelte Chudaiev und zwinkerte Rick zu.
   »… in der kaum jemand lesen und schreiben konnte, aber man durch Folter alles zu hören bekam, was man wollte«, ergänzte Rick.
   Von Luhe sah in die Runde und wartete, bis es wieder still wurde. »Betrachten wir einen konkreten Fall in einem Dorf im Süden des heutigen Rumäniens. In einer kalten Winternacht trinkt sich ein Mann mit seinen Kumpanen in einem kleinen Gasthof in einem Dorf in der Walachei Mut an. Seine Tochter ist seit Wochen schwer krank und hat ihrem Vater berichtet, dass ihr toter Onkel sie jede Nacht heimsucht, um sich an ihr zu laben. Für den Vater und seine Kameraden ist der Fall klar. Der Onkel wurde zu einem Wiedergänger, einem Untoten, der eliminiert werden muss. Wie man dafür vorgeht, wissen sie alle. Seit Generationen wird das Wissen um die Untoten und ihre Bekämpfung vom Vater an den Sohn weitergegeben. Die Männer begeben sich also nachts auf den Friedhof und heben das Grab des Wiedergängers aus. Als sie den Sarg öffnen, finden sie frischen blutigen Schaum um seinen Mund. Kurzerhand schlitzen sie den Brustkorb mit einer Handsense auf und brechen ihm mit einer Mistgabel die Rippen. Sie reißen ihm das Herz heraus und verbrennen es mit glühenden Kohlen und zerreiben es zu Asche. Wenig später gesundet die Tochter des Mannes und berichtet nie wieder von Heimsuchungen.«
   Rick beobachtete die Schweißperlen auf von Luhes Stirn, dem seine eigene grausige Erzählung zuzusetzen schien. »Die Leute früher waren ganz schön verrückt, oder? Liegt alles an mangelnder Bildung und Aberglauben.«
   Wilhelm von Luhe sah ihn an. »Die Geschichte hat sich 2004 zugetragen. Die Männer, die das Ritual durchgeführt hatten, wurden im Dorf dafür bejubelt. Eine Strafe von sechs Monaten Gefängnis, die die Tochter des vermeintlichen Untoten bei einem Gericht erstritt, wurde nie vollstreckt. Denn was seit Jahrhunderten Brauch ist, kann kein Unrecht sein.«
   Ricks Kinnlade klappte nach unten.
   »Nicht wahr, oder?«, sagte Chudaiev leise.
   »Und ob«, antwortete von Luhe. »Und es ist nicht die einzige reale Geschichte dieser Art aus den letzten Jahrzehnten.« Er holte Luft. »Angesichts der historischen und medizinischen Realität finde ich es absolut unverständlich, dass es seit einigen Jahren eine regelrechte Verklärung des Vampirismus gibt. Die Sehnsucht nach Halb- oder Untoten macht vor Hollywoodfilmen und Romanen nicht halt. Millionen von Leserinnen sehnen sich nach der sinnlich-erotischen Berührung und dem romantischen Biss eines Unsterblichen.« Von Luhe schüttelte den Kopf. »Nennen Sie mich konservativ, aber für mich hat es nichts Romantisches, von einem nächtlichen Einbrecher, dessen Atem nach geronnenem Blut und Fäulnis riecht, vergewaltigt und ausgeblutet zu werden.«
   Rick verzog das Gesicht. »In den Romanen liest sich das aber auch irgendwie anders.«
   »Stimmt, klingt nicht gerade nach einem Bestseller, wenn Wilhelm das vorliest.« Chudaiev nickte Rick schmunzelnd zu.
   Wilhelm von Luhe fuhr mit der Präsentation fort. »Die Chronisten unterscheiden heute über dreißig verschiedene Arten von Vampiren und Untoten aus ebenso vielen verschiedenen Ländern. Jeder Teil der Erde hat praktisch seine eigene Tradition an Vampirglauben, manche Legenden haben sich über weite Distanzen hin beeinflusst. Gerade in den ländlichen Gegenden aller Kontinente herrscht noch immer viel Aberglaube und Unsicherheit, was dieses Thema angeht.« Von Luhe sah der Reihe nach Rick, Viktor und Schneider an. »Die Mediziner und Wissenschaftler der westlichen Welt glauben, die Ursachen und Hintergründe für den Vampirglauben ausfindig gemacht zu haben. Krankheiten wie Porphyrie, eine Form von Blutarmut, Tollwut oder andere Infektionskrankheiten und Epidemien wurden als mögliche Inspirationen für den Vampirglauben ausfindig gemacht. Insbesondere Tuberkulose und Pest besitzen Krankheitsverläufe und Eigenschaften, die in Teilen Vampirismus zugeschrieben werden. Ebenso befeuerten Scheintote, die mit den Mitteln der früheren Medizin nicht als solche erkannt werden konnten, den Vampirglauben. Genauso, wie das Unverständnis darüber, unter welchen Bedingungen sich menschliche Körper nach dem Tod zersetzen.«
   »Korrekt, darüber weiß man in der Medizin noch nicht sehr lange Bescheid«, bestätigte Rick.
   »Dazu kommt eine große Zahl an sogenannten psychodynamischen Effekten«, fuhr von Luhe fort. »Menschen fürchten sich vor der Nacht und davor, dass ihnen Menschen, die sie früher schlecht behandelt haben, nach dem Tod noch schaden könnten. Ob als Geist oder leibhaftiger Körper. Der Glauben an monströse Wesen der Nacht wurde aber auch durch sehr reale Vorfälle genährt. Menschen, die ihren Tötungswahn mit bizarren Ritualen auslebten, das Blut ihrer Opfer tranken und sie grausam entstellten, gaben nicht nur abergläubischen Menschen Anlass dazu, wirklich an Kreaturen der Nacht zu glauben.«
   Rick seufzte. »Stimmt, darüber habe ich mal gelesen. In der Presse wurde der Serienkiller Richard Trenton Chase als Vampir bezeichnet, weil er Blut trank.«
   »Genau«, sagte von Luhe. »Man kann immer Aspekte finden, die den eigenen Aberglauben bestätigen, wenn man nur lange genug sucht und andere Fakten ignoriert.«
   »Das klingt fast so, als ob du nicht an Vampire glaubst. Und das, wo du doch eine Beratungsstelle für Parapsychologie leitest.« Rick lachte.
   »Dass ich versuche, Menschen zu helfen, die ein Problem mit den verborgenen Welten des Geistes und der Geister haben, bedeutet nicht, dass ich nicht kritisch hinterfrage, was ich glaube oder tue.«
   »Alles klar«, erwiderte Rick.
   »Ich habe eine Zusammenfassung geschrieben, die ihr euch durchlesen solltet. Je mehr wir in den Glauben und Aberglauben eintauchen, desto eher sehen wir Muster in der Realität, die uns bei der Lösung des Rätsels helfen können. Es gibt selten etwas, was in der Vergangenheit noch nie da gewesen ist. Irgendwo auf der Welt.« Von Luhe stand auf und überreichte jedem einen Stapel Blätter. »Ein Exemplar reserviere ich für Melinda.«
   Rick blätterte beeindruckt durch das Manuskript. »Da steckt sicher viel Arbeit drin. Danke.«
   »Gern. Besonders der Teil zu den chinesischen Vampiren ist entscheidend. Es sind Kreaturen, die Lebensenergie saugen, sogenannte Jiangshi. Sie werden seit Jahrhunderten in der chinesischen Literatur erwähnt, haben aber wenig mit den klassischen Vampiren der europäischen Literatur gemeinsam. Die Jiangshi zeigen sich eher zombieartig, was an ihren steifen und unkoordinierten Bewegungen und dem stumpfen Blick liegt. Dass sie dennoch eher mit Vampiren verglichen werden als mit Zombies, liegt daran, dass sie ihren Opfern die Lebensenergie entziehen, beinahe so, wie ein Vampir seinem Opfer das Blut. Es gibt einige Theorien, wie sich der Volksglaube an Jiangshi in China entwickelt hat. Leichenschändung, Unterlassen einer würdevollen Bestattung oder schwarze Magie werden herangezogen, um die Entstehung eines Jiangshi auszulösen. Ebenso wie Fälle, bei denen sich der Jiangshi an einem früheren Peiniger rächen will, der ihn noch zu Lebzeiten schlecht behandelt hat. Daraus hat die Unterhaltungsindustrie in Asien ein stereotypes Bild eines hüpfenden Zombies gemacht, hinter dem in Wahrheit aber mehr steckt. Früher mussten in China Verstorbene häufig von weit entfernten Provinzen nach Hause transportiert werden. Eine Möglichkeit war, sie zu verbrennen und nur die Asche zu transportieren. Aber das wollten viele aus religiösen Gründen nicht, oder konnten es sich nicht leisten. Man trug den Leichnam daher häufig aufrecht in sein Heimatdorf. Nämlich an zwei Bambusstangen gebunden, während sich vor und hinter dem Toten jeweils ein Träger die Bambusstangen über die Schultern legte. So federte der steife Tote zwischen den beiden Trägern an den flexiblen Bambusstäben auf und ab, was von Weitem sicher mehr als unheimlich wirkte. Besonders, weil diese Transporte häufig nachts stattfanden.«
   »Abgefahren«, sagte Rick.
   »Noch ein paar Worte zum Schluss. Da wir nicht wissen, um was genau es sich bei dem aktuellen Phänomen handelt, schlage ich vor, dass wir die Personen, die diese Verwandlung zeigen, bis auf Weiteres in unserer Kommunikation Jiangshi nennen. Es ist zwar ein kulturell geprägter Begriff, voll von Aberglauben und Fiktion, aber er trifft wohl noch eher zu als Vampir, Zombie oder Untoter.« Damit schloss von Luhe seinen Vortrag und setzte sich wieder.
   »Vielen Dank, Herr Dr. von Luhe, für die Einstimmung in das Thema«, ergänzte Allen Zhang. »Wenn Ihre Kollegen keine Fragen mehr haben, sollten Sie alle an die Arbeit gehen. Ich muss Sie jetzt wieder verlassen, wichtige Angelegenheiten außerhalb Shanghais erfordern meine Aufmerksamkeit.« Zhang schüttelte allen die Hand und verließ den Raum.
   Chudaiev zuckte die Schultern. »Okay, wie fangen wir an?«
   »Na, jeder arbeitet auf seinem Spezialgebiet und versucht, bis morgen so viele Ergebnisse wie möglich zu bekommen«, antwortete Rick. »Mein Fokus wird auf jeder Art von ungewöhnlichen Substanzen in oder am Körper liegen. Egal, ob es sich um künstlich erzeugte Substanzen handelt oder um Verbindungen aus der Natur.«
   Viktor Chudaiev nickte. »Ich untersuche Gewebe und Körperflüssigkeiten auf Krankheitserreger. Ich sehe mir auch an, wo die Untoten in Nanjing und Shanghai aufgetaucht sind. Das wird Hinweise geben, wo der Ursprung dieser Geschehnisse liegen könnte.«
   Melinda Harris betrat den Raum und setzte sich.
   »Besser?«, fragte Schneider.
   »Deutlich«, bestätigte Harris. »War vielleicht doch nur der Flugzeugfraß. Ich musste mich vorhin übergeben, aber nachdem alles raus war, wurde es schnell besser.« Melinda nahm ihr Manuskript von Wilhelm von Luhe entgegen und blätterte darin.
   »Exzellent. Wir sind gerade dabei, festzulegen, wie wir beginnen«, stellte Schneider fest.
   »Ah, gut«, sagte Harris. »Ich untersuche die Körper bis ins kleinste Detail. Ich finde alles, was mit dem Typen nicht stimmt, oder besser – gestimmt hat«, versicherte sie.
   Wilhelm von Luhe hatte sich inzwischen wieder an den Tisch gesetzt. »Ich werde zuerst mit einigen Beamten sprechen, die Kontakt zu Jiangshi hatten. Und mich dann näher mit dem lokalen Aberglauben um die Untoten befassen. Danach unterstütze ich Viktor bei seinen Arbeiten zum Ursprung der Epidemie.«
   »Noch wissen wir nicht, ob es eine Epidemie ist«, korrigierte Harris.
   Von Luhe nickte. »Hoffen wir, dass es keine ist!«
   »Das alles dient natürlich nur der Bestätigung Ihrer bisherigen Ergebnisse«, kommentierte Rick und sah zu den chinesischen Forschern.
   »Wir verstehen schon, dass Sie uns für Wissenschaftler zweiter Wahl halten«, antwortete Dr. Tsiang. »Es war übrigens nicht meine Entscheidung, Sie hierher zu holen. Ich persönlich finde es nicht zeitgemäß, dass sich eine aufblühende Nation voller junger Talente wie unsere Volksrepublik von einem Land helfen lässt, das sich im Niedergang befindet, die Finanzwirtschaft der Welt in den Ruin treibt und wissenschaftlich bald keine Rolle mehr spielen wird.« Tsiang sah in Richtung von Melinda Harris.
   Harris lief rot an und holte Luft, um etwas zu erwidern, aber Schneider räusperte sich laut und warf ihr einen eindeutigen Blick zu. Harris verstand den Wink und blies die Luft langsam und kontrolliert aus. Lediglich Rick, der direkt neben ihr stand, konnte sie etwas murmeln hören. Wenn er sich nicht irrte, klang es wie: Mein texanischer Bruder würde dir deinen winzigen Sack wegschießen.
   Doch Tsiang war noch nicht fertig. »Und warum sollten wir die Hilfe einer Nation benötigen, deren politische Führer nicht akzeptieren können, dass der einstige kleine kommunistische Bruder inzwischen zum großen Bruder geworden ist? Und die noch dazu versucht, kollektiv ihre Komplexe in Wodka zu ertränken? Und Deutschland ist ohnehin unbedeutend, zumindest, seit wir das Know-How, Autos zu bauen, auch selbst haben.«
   Rick wartete gespannt auf eine Reaktion von Chudaiev, aber sie blieb aus. Regungslos stand der Russe da und fixierte Tsiang. Rick hütete sich ebenfalls, ein Wort zu sagen, denn Schneider hatte sie alle immer noch fest im Blick.
   Bevor irgendjemand weitere Kommentare machen konnte, schritt Schneider ein. »Dann haben wir das also geklärt. Da wir alle Profis sind, werden wir uns von persönlichen Vorurteilen oder Meinungen nicht abhalten lassen, unsere Aufgaben zu erfüllen.« Er sah in die Runde. »Dann machen wir uns an die Arbeit. Wir haben ein Land, einen Kontinent und vielleicht eine Welt zu retten.«
   Rick fuhr ein Schauder über den Rücken. Er hatte beinahe vergessen, wie ernst die Bedrohung möglicherweise war.

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