Wer will die Entwicklung eines schadstoffarmen Motors verhindern, für den der Geologe Dr. Braun in den Urwäldern Madagaskars nach Flockengrafit sucht? Warum wird das schöne Straßenmädchen Nirina auf ihn angesetzt? Wer steht hinter den Attentaten? Welche Rolle spielen die Geheimdienste von DDR, BRD, Madagaskar und Israel? Schürt der SSD Technologiefeindlichkeit und übersteigerte Umweltangst? Peter Braun muss sich mit Problemen der Rohstofferschließung in der Dritten Welt auseinandersetzen, aber auch mit radikalem Ökologismus und Terrorismus. Dabei gerät er in die Machtkämpfe des Inselstaates. Im Deutschland vor und nach der Wende sowie in Madagaskar mit seiner pulsierenden Hauptstadt Antananarivo und seinen Urwäldern spielen sich die dramatischen Geschehnisse ab. Der Ausblick auf die Gegenwart ist nicht zu übersehen.

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ISBN: 978-9963-727-78-0

Seiten: 332

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Helmut Fuchs

Helmut Fuchs kennt als erfahrener Lagerstättengeologe fast alle Länder der Erde, insbesondere Afrika, Südamerika, Australien und die Arktis Kanadas. Während seines Berufslebens lebte er zeitweise in Indien und Brasilien. Dabei hat er nicht nur die unterschiedlichsten Kulturen, Mentalitäten und Denkweisen sowie die komplexe Vielfalt der Geologie, sondern auch die unterschiedlichsten Vorstellungen zur Entwicklung von Großprojekten kennengelernt. Selbst Naturfreund und heute Winzer, musste er sich oft abwegiger Argumente und militanter Anfeindungen von Ökologisten, aber auch fachfremder Ökologen erwehren, sich mit Industriellen, Regierungen und ideologisierten Politikern herumschlagen und sich bei militärischen Auseinandersetzungen in der Dritten Welt behaupten. Er arbeitete in verschiedenen deutschen Rohstoffgesellschaften, hat zahlreiche hauptsächlich in Englisch geschriebene wissenschaftlich-technische Beiträge und Berichte in Fachzeitschriften und Fachbüchern veröffentlicht. Betreibt heute ein naturbewusst bewirtschaftetes Weingut. Mit dem Ziel, auch ein größeres Publikum an der Faszination eines Geologenlebens teilnehmen zu lassen, hat er zusammen mit seinem Coautor Rolf Kamradek Die German Angst in Form eines Thrillers thematisiert und einen kleinen Teil seiner weltweit gesammelten wissenschaftlichen, technischen und umweltrelevanten Erlebnisse romanhaft erzählt.

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Rolf Kamradek

Rolf Kamradek, promovierter Arzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin und Naturheilverfahren, hat erkannt: „Die Menschen sind komisch“. Der in Schleswig Lebende hatte reichlich Gelegenheit, sie zu beobachten. Geboren im Sudetenland, aufgewachsen in Bayern und Schwaben, als Student in Kiel und Marburg, als Mediziner im Allgäu, in Schleswig-Holstein, im Schwarzwald und im Saarland sowie auf zahlreichen Reisen. In seinen Erzählungen legt er das Skurrile in ihnen bloß und begleitet liebenswerte Neurotiker mit Sympathie. Ganz anders in „Die German Angst“. In dem Thriller setzt er sich, zusammen mit seinem Coautor Helmut Fuchs, mit berechtigten und irrationalen Ängsten der Menschen auseinander. Bei seiner siebenjährigen Tätigkeit an einer Naturheilklinik lernte er sie ebenso kennen wie übersteigerte Hoffnungen in die Heilkräfte der Natur sowie deren Instrumentalisierung. • Mitbegründer der überregionalen Autorengruppe CoLibri • 1960 Scheffelpreis Veröffentlichungen: Die Sau im Kirschbaum und andere schwäbische Lausbubengeschichten 1996, 149 Seiten, Theiss-Verlag, Stuttgart, ISBN 3-8062-1200-7 Spätzleduft und Nordseeluft, Neue schwäbische Lausbubengeschichten zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder. Mit drei Zeichnungen von Otto Benoni, 2005, 132 Seiten, Husum Verlag, Husum, ISBN 3-89876-206-8. Pharisäer – unterwegs in komischen Welten. Reiseerzählungen um skurrile Typen. Juni 2012, 179 Seiten, Mohland Verlag, ISBN 978-3-86675-176-7 Erzählungen in Anthologien: Fundstücke - Jubiläumsausgabe Nordbuch 2007: Juana, eine Erzählung aus Bolivien ISBN 978-3-8334-8276-0 Fundstücke – Gesichter der Natur, Nordbuch 2008: Das tote Reh oder Grausamkeit, eine Lausbubengeschichte ISBN 8-783-8370-0681-0 Leben in der Stadt, Anthologie zum „Literaturpreis des Bezirks Schwaben 2008: Von einem der auszog das Schaffen zu lernen. Schwäbisches Schaffen ist nicht einfach Arbeiten Wißner Verlag Augsburg, ISBN 978-3-89639-676-1. Wenn die Biiken brennen: Die Knocheninsel, fantastische Erzählung 2009, Verlag 71, ISBN 978-3-928905-76-3 Fundstücke – Mauern und Grenzen Nordbuch 2009, Das Selbstportrait. Ein skurriler Alter erzählt deutsch-dänische Grenzlandgeschichte, ISBN 0 783 839 12 4352 CoLibretto – lest doch was ihr wollt, Anthologie der Autorengruppe CoLibri: Die Annonce und Der Pümpel Zwei Erzählungen um einen liebenswerten Neurotiker. Mosaik aus Miniaturen, Lebenssplitter in Einzelschicksalen seit 19452009. ISBN 9 783839 127773 Weihnachtsgeschichten für Erwachsene III, Mohland Verlag, 2009: Der Weihnachtsbaum oder Kavaliere und Der Sixshooter oder die Verunsicherung, ISBN 978-3-86673-103-3 Zeitschrift "Schleswig Kultur": (Meist satirische oder humorvolle) Lyrik, regelmäßig  in den beiden jährlichen Ausgaben 1 und 2:  2006, 07, 08, 09, 10, 11, 12 Als Herausgeber: Geschichten aus dem alten Prag von Hans Kamradek mit 45 Illustrationen von Otto Benoni,  Freiburger Echo Verlag 2000, ISBN 3-86028-718-4 Der Idiot von Landskron, deutsch-böhmische Kleinstadtgeschichten von Josef Benoni, neu bearbeitet von Rolf Kamradek, BOD 2001, ISBN 3-8311-2393-4 CoLibretto, Lest doch was ihr wollt, Anthologie der Autorengruppe CoLibri, BOD 2009, ISBN 9 783839 127773

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Leseprobe

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Prolog
Die Abteilung X – Die Strategie der Angst

Der Mistkerl war also zum BND übergelaufen. Ausgerechnet der Genosse, dem er am meisten vertraut hatte, ein echter Rossendorfer aus der Kaderschmiede des Zentralinstitutes für Kernforschung. Bei den Verhören hatte dieser Verräter die Strategie der Abteilung X zur psychologischen Zersetzung der BRD ausgeplaudert.

»Wir kombinierten echte Sachverhalte mit Fehlinformationen über angebliche Lücken im Sicherheitssystem der Kernkraftwerke der BRD und lancierten von uns provozierte oder wirkliche Unfälle bei radioaktiven Materialtransporten in die Medien. So sollte die öffentliche Meinung im Westen gegen die Kernenergie mobilisiert werden. Es war auch daran gedacht, systematisch radioaktive Stoffe in die Umgebung von Kernkraftwerken der BRD zu platzieren.«

Sogar Unterlagen legte der Mistkerl den westdeutschen Kapitalisten vor. Unterlagen, die den Schaden genau bezifferten, welcher der Atomwirtschaft der BRD durch Aktionen der Umweltschutzbewegungen bereits entstanden war. Das alles konnte man ganz offen in der Welt vom 22. Oktober 1986 nachlesen.
   Der politische Stratege saß zusammengesunken an seinem abgewetzten Tisch. Konnte er dennoch weitermachen? Die Menschen in der BRD nahmen die Eröffnungen doch gar nicht wahr, wollten sie nicht wahrnehmen. Viel zu groß waren bereits ihre Atomängste und die Kernkraftgegner nahmen weiter zu.
   Die Strategie war gut, seine Strategie, sein Manifest. Er hatte es weiterentwickelt, in jahrelanger Arbeit. Er war sich des Risikos bewusst. Aber diese Angst vor der Kernkraft musste man einfach weiter nutzen, um dem Sozialismus zum Sieg zu verhelfen. Es gab noch viel mehr Ängste in der BRD, die man schüren konnte. Nicht nur die vor der Kernenergie. Die Sorge um die Umwelt, das Unbehagen über eine alles beherrschende Technologie, die Versklavung durch die Industrie …
   Sie hatten Karl weiter grünes Licht gegeben, vorausgesetzt, eine Zusammenarbeit mit dem SSD wurde niemals erkennbar.
   Er hob das Dokument, mit dem er die Führung überzeugt hatte. Fast liebevoll hielt er es vor die Augen. Der Text war codiert, aber er konnte ihn fließend lesen, las ihn zum hundertsten Mal.

»Der unersättliche Monopolkapitalismus in der BRD hat einen hohen Technologiestandard der Industrie geschaffen. Mit der Produktion von unnützen Konsumgütern vermehrt er den Profit, indem er bei den Werktätigen durch Reklame und Propaganda Kaufzwänge und den Wunsch nach überflüssigem Privateigentum erzeugt. Diese Ausbeutung der Arbeiterklasse wird, gemäß den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Marxismus-Leninismus, zum Klassenkampf und zu einer dialektischen Ablösung des alten Systems der Klassengesellschaft führen.
   Dennoch gibt es, wie unsere Analysen zeigen, in der BRD keine reale Basis für den Klassenkampf alten Stils. Nur noch in der Dritten Welt ist er das legitime und wirkungsvolle Kampfmittel zur Überwindung von Kolonialismus und Neoimperialismus.
   Zur Destabilisierung der BRD müssen wir deshalb, immer gestützt auf die grundlegenden Erkenntnisse von Marx, Engels und Mao Tse-tung, neue intelligente Wege gehen, um die Monopole an ihrer stärksten und zugleich empfindlichsten Stelle zu treffen, an Industrie und Technologie.
   Hierzu kann die allgemeine Technologiefeindlichkeit, die speziell in der BRD um sich greift, genutzt werden. Der Glaube an die selbstkritische Funktion des Verstandes scheint, insbesondere bei der jüngeren Generation, erschüttert. Technisches, wissenschaftliches und wirtschaftliches Wissen hat ein negatives Image bekommen, Wissenschaftler werden als Fachidioten abgestempelt. Gleichzeitig zeigt sich seit den sechziger Jahren eine wachsende Kluft zwischen den Älteren und Jüngeren, wie sie sonst nirgendwo in Europa erkennbar ist.
   Ursache ist das faschistische Erbe Hitler-Deutschlands, das sich, anders als in der DDR, unter dem kapitalistischen System der BRD weiterentwickeln konnte. Gegen diese Hinterlassenschaft ihrer Eltern, die sich nur an materialistischen Werten und dem Wachstum des Sozialproduktes orientieren, führten die Studenten der sogenannten Achtundsechziger-Generation einen, wie sie sagten, revolutionären Kampf.
   Doch die Führung unserer Partei hat sofort erkannt, dass es sich dabei nur um eine spätkapitalistisch anarchistische Strömung studentischer Bourgeoisie handelt. Ihr vermeintlicher Kampf führte zu einer Opposition gegen alle Werte, Erfahrungen und Denkweisen der Älteren. Autorität wurde infrage gestellt, Fleiß, Ordnung und Arbeitsfreude als Sekundärtugenden abgetan, Lernen, Schule, Ausbildung und Leistung abgelehnt, damit in letzter Konsequenz auch jede wissenschaftliche Erkenntnis. Während die Werktätigen, voll Stolz auf Aufbauleistungen und technische Errungenschaften, optimistisch in die Zukunft blickten, breiteten sich bei der jungen Generation Technikfeindlichkeit, Pessimismus und Zukunftsangst aus. Das ist weltweit gesehen einmalig. Für dieses Phänomen wurde im westlichen Ausland der Begriff »German Angst« geprägt.
   Angst breitet sich aus, wo Wissen, Vernunft und eine klare marxistisch-leninistische Wissenschaftlichkeit unter Führung der Diktatur des Proletariats fehlen. Angst reduziert die kritische Urteilskraft, schafft sich Feindbilder und Schuldige, pauschalisiert und macht schwach.
   Selbst bei konservativen Werktätigen der mittleren Jahrgänge, denen auch Achtundsechziger mittlerweile angehören, haben die Entwertung des Verstandes bei gleichzeitiger Aufwertung von Emotionen und Halbwissen zu einer weitgehenden Verunsicherung geführt. Insbesondere die zunehmende Zerstörung der Umwelt durch die kapitalistische Industrie macht ihnen Angst. Aufgrund basisdemokratischer Vorstellungen erheben sie den Anspruch, in jeder Fachdiskussion mitreden zu können.
   Basierend auf den Begriffen Technologiefeindlichkeit und Umweltzerstörung haben wir eine neue Strategie zur Destabilisierung der BRD entwickelt. Wenn es gelingt, Feindbilder zu schaffen sowie Technologiefeindlichkeit und Ängste zu schüren, dann treffen wir das Kapital. Wenn wir berechtigte und unberechtigte Ängste der Umweltschützer verstärken, werden wir technologische und industrielle Vorhaben der kapitalistischen BRD erschweren, verzögern oder verhindern, und wenn sie schon existieren, so weit wie möglich schädigen oder gar zerstören.
   Das Projekt unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe. Eine Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst darf in keinem Fall erkennbar sein. Um ein von Berlin unabhängiges Arbeiten zu ermöglichen, wurde in Dresden mit finanzieller Unterstützung der Kommerziellen Koordination die Abteilung X der HVA gegründet. Sie hat eigenständig zu operieren und liegt in der Verantwortung eines Führungsoffiziers der HVA mit dem Decknamen Karl.
   Die anzuwendenden Methoden zusammengefasst:
   Vorhandene Strukturen in der BRD werden genutzt und durch Angehörige von K-Gruppen, KBW, Rosa Hilfe unterwandert. Diese Agitatoren sind von der Abteilung X zu schulen. Meist werden aber geeignete Personen, insbesondere Alt-Achtundsechziger, in führende Positionen gebracht, wo sie unbewusst für uns arbeiten. Unsere Ziele sind Ämter, auf längere Sicht Ministerien, Industrie- und Forschungsgremien, Umwelt- und Bürgerinitiativen, Schulen, Presse und politische Parteien, namentlich der Ökologische Bund Deutschlands, der ÖBD.
   Besondere Aufmerksamkeit gilt den ökologischen Bewegungen. In vielen wird ein politisch motivierter Ökologismus vertreten, den wir uns zunutze machen. Über Presse und Vorträge werden wir vorhandene Umweltängste durch Desinformation, Selektion von Nachrichten und Hochstilisieren, etwa von AKW-Störfällen oder Verallgemeinerung von Leukämiefällen, weiterschüren. Gefahren wie Klimaänderung, Waldsterben, Verunreinigung von Grundwasser und Nahrungsketten, sowie die Müllverwertung werden thematisiert, insbesondere der Bau von Industrieanlagen und Verkehrswegen als umweltgefährdend entlarvt und durch daraus resultierende Proteste gestoppt, verzögert und wirtschaftlich unrentabel gemacht. Durch Förderung alternativer Energieanlagen können Subventionen von wichtigen Wirtschaftsprojekten abgezogen werden.
   Als Angstobjekte mit Bedrohung der Gesundheit eignen sich besonders Kernenergie, Großchemie und Gentechnologie.
   Der mit Abstand wichtigste Industriezweig der BRD, die Autoindustrie, ist als größter Umweltverschmutzer bloßzustellen und zu bekämpfen. Sie nimmt eine Schlüsselposition ein. Mit ihr steht und fällt die Wirtschaftskraft der BRD.
   Über Soziologen und Lehrer können Forderungen nach Abschaffung von Noten und Sitzenbleiben durchgesetzt werden. Die schon verbreitete Null-Bock-Mentalität kann als Selbstverwirklichung propagiert werden. Technologische Studiengänge werden negativ dargestellt.
   Militante Aktionen, wie gewaltsame Demos, das Provozieren von Störunfällen in AKWs oder Anschläge auf Industrieprojekte, übernimmt die westdeutsche BAF, die sich aus Resten bzw. Anhängern der zerschlagenen RAF rekrutiert, in eigener Verantwortung.
   Wir müssen aber auch Kirchen, Gewerkschaften und andere kleinbürgerliche Gremien der BRD friedlich unterwandern und uns deren bourgeoise, dekadente und antagonistische Denkweise aus Treue zur gerechten Sache des Sozialismus und den Idealen der Arbeiterklasse zunutze machen. Dabei werden wir bewusst den agitatorischen Stil der DDR-Sprechweise vermeiden um Bourgeoisie, Werktätige und Intellektuelle in der BRD nicht zu verschrecken.
   Unser allumfassendes Motto muss lauten: Angst erzeugen und Macht für unsere Ziele erlangen.«


Kapitel 1
Der Auftrag – wofür Grafit?

Die braunen Fluten strömten durch den Käfig, reichten ihm bis zum Hals und leckten sein Gesicht, dessen Haut die afrikanische Sonne bereits in Fetzen schälte. Er umkrampfte die Gitterstäbe, hielt sich an ihnen fest und schrie, schrie wütend in das Wasser des Flusses, als etwas Hartes und doch Weiches seinen Bauch berührte. Er ließ die Stäbe fahren, fiel durch den Druck der Strömung rückwärts, sein Mund geriet unter Wasser, aber er packte die Ratte mit beiden Händen, presste sie zusammen, spürte, wie sie sich mit ihren Beinen wehrte, seine Brust zerkratzte, doch er hob sie auftauchend zu seinem Mund und verbiss sich in ihrem Fell. Mit den Zähnen riss er es von ihrem Körper, zerrte gierig das Fleisch von den kleinen Knochen und schlang es hinunter.

Normalerweise ärgerte sich Peter, wenn ihn das Telefon um diese späte Zeit aufschreckte, aber diesmal war er geradezu dankbar. Nur noch selten verfolgte ihn Angola mit hässlichen Träumen. Er erhob sich aus dem Sessel, in dem er kurz eingenickt war, ging zu dem massiven Schreibtisch vor dem Fenster und nahm den Hörer ab. »Braun.«
   »Guten Abend, Herr Dr. Braun. Ich habe schon früher versucht, Sie anzurufen, konnte Sie aber leider nicht erreichen.«
   »Darf ich wissen, wer da spricht?«
   »Mein Name ist Strasseck, Staatssekretär Strasseck vom Ministerium für Forschung und Technologie. Ich möchte Sie in einer etwas delikaten Angelegenheit sprechen.«
   »Gern. Können Sie mich morgen früh im Büro anrufen?«
   »Wie gesagt, es handelt sich um eine etwas ungewöhnliche Sache. Das ist auch der Grund, warum ich Sie am Abend anrufe und privat sprechen möchte.«
   »Um was geht es denn?« Peter setzte sich vor seinen mit Papieren überladenen Schreibtisch. Ich muss hier endlich mal wieder aufräumen, ging es ihm durch den Kopf.
   »Unsere Recherche hat ergeben, dass Sie zu den wenigen erfahrenen Rohstoffexperten unserer Republik zählen«, hörte er den Gesprächspartner sagen.
   »Ihre Einschätzung ehrt mich.« Er lächelte.
   »Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass Sie nicht nur ein exzellenter Fachmann sind, sondern auch eine Persönlichkeit, die in schwierigen Lagen loyal und verschwiegen ist.«
   »In schwierigen Lagen?« Sein Lächeln verschwand. »Woher kennen Sie mich?«
   »Wir haben bei geologischen Fachgremien Erkundigungen über Sie eingeholt. Wir suchen jemanden aus Ihrer Branche, der eine streng vertrauliche Recherche für das BMFT anfertigen soll.«
   »Und das soll ich sein? Was macht Sie so sicher, dass Sie mir vertrauen können?«
   »Wir kennen Ihre afrikanische Vergangenheit.«
   »Meine afrikanische Vergangenheit? Was wissen Sie …?« Er war überrascht. Ärger stieg in ihm auf. Was ging das Ministerium seine Vergangenheit in Angola an? Über zehn Jahre waren seither vergangen. Er glaubte, die Brutalität der kommunistischen Machtergreifung inzwischen einigermaßen verdrängt zu haben. »Wer hat Ihnen diese Informationen gegeben?« Er schrie fast in das Telefon.
   »Herr Dr. Braun, das spielt doch jetzt keine Rolle«, versuchte der Beamte zu besänftigen. »Die uns zugänglichen Unterlagen bestätigen, dass Sie sich politisch immer loyal verhalten haben – trotz allem, was Sie dort durchgemacht haben. Sie sind der richtige Mann für uns.«
   »Sie scheinen ja über einen guten Nachrichtendienst zu verfügen. Nun gut. Ich kann Vertrauliches vertraulich behandeln. Um was geht es konkret?« Er meinte, ein Aufatmen der Erleichterung am anderen Ende der Leitung zu hören.
   »Für die Entwicklung einer neuen Technologie benötigt ein deutsches Industrieunternehmen eine bestimmte Qualität eines mineralischen Rohstoffes. Die Gesellschaft hat keine Erfahrung auf dem Gebiet. Da dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekt von unserem Haus unterstützt wird, wurden wir gebeten, einen Fachmann dafür vorzuschlagen.«
   »Das ist doch ein ganz normaler Vorgang. Warum diese Geheimnistuerei?«
   »Nun, es handelt sich um eine revolutionäre Entwicklung in der Industrie. Sie ist noch nicht durch Patente geschützt. Hinter dem Projekt stehen enorme wirtschaftliche Interessen. Deshalb wünschen wir diese hohe Geheimhaltungsstufe. Sie wissen ja – Industriespionage.«
   »Gut, da gibt es auf meiner Seite keine Probleme. Aber bevor ich mir Gedanken mache, sollten Sie mir genau erklären, um was es im Einzelnen geht.« Er angelte sich einen Schreibblock für seine Notizen.
   »Für diese neue Technologie wird eine bestimmte Art von Grafit benötigt.«
   »Grafit?« Das kann doch nicht so schwierig sein. Wo liegt das Problem?«
   »Es muss eine ganz bestimmte Art von natürlichem, kristallinem Grafit sein, der in Form kleiner, dünner Blättchen vorkommt.«
   »Sie meinen Flockengrafit?«
   »Ja, Herr Dr. Braun. Ich bin kein Fachmann. Aber ich erinnere mich. So bezeichnete unser Interessent das Material.«
   »Jetzt begreife ich. Flockengrafit – und von dem gibt es nach heutigem Wissen nicht allzu viel.«
   »Genau hier liegen die Schwierigkeiten. Deshalb wünscht man eine Studie, die zeigt, wie sie an größere Mengen dieses Rohstoffs herankommen. Und ich frage Sie konkret, sind Sie bereit, ein solches Gutachten zu erstellen?«
   Er dachte einen Moment nach. »Grundsätzlich ja.« Das Thema begann ihn zu interessieren. »Bis wann würden Sie es brauchen?«
   »Möglichst bald. Wir möchten verständlicherweise schnell wissen, ob es noch unerwartete Schwierigkeiten oder gar K.-o.-Kriterien für das Projekt gibt.«
   Er überlegte. Normalerweise bräuchte er eine Woche. Aber um die gewünschte Geheimhaltung zu wahren, würde er nur abends daran arbeiten können. »Ich benötige mindestens vierzehn Tage, vielleicht sogar etwas länger.«
   »Dann sind Sie bereit, den Auftrag zu übernehmen?«
   »Ja. Aber ich brauche genauere Spezifikationen hinsichtlich des gewünschten Grafitkonzentrates, zum Beispiel den Kohlenstoffgehalt, das Mischungsverhältnis, die Flockengröße, die maximal erlaubten Verunreinigungen und vor allem die jährlich benötigten Mengen.«
   »Ist das alles schon jetzt notwendig?«
   »Je genauer die Daten, desto präziser meine Aussagen.«
   »Ich werde versuchen, sie Ihnen morgen Abend durchzugeben.«
   »In Ordnung.«
   »Zum Schluss noch eine Bitte. Uns wäre es am liebsten, wenn Sie uns das fertige Gutachten in Bonn überreichen könnten. Ich werde versuchen, die Übergabe mit einem Gespräch aller Beteiligten zu verbinden. Sie würden die Ergebnisse vorstellen, und wir wären in der Lage, erste Entscheidungen zu fällen.«
   »Ich denke, das lässt sich einrichten, Herr Strasseck.«
   »Vielen Dank für Ihre Kooperationsbereitschaft. Und nochmals, bitte vergessen Sie nicht, all das ist höchst vertraulich.«
   »Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Auf Wiedersehen.«

Peter, den seine Freunde nach den Anfangsbuchstaben seines Namens Peter Braun oft Pebe nannten, mixte sich einen Cocktail und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. Er stopfte seine Pfeife, entzündete den Tabak und wartete, bis dieser gleichmäßig brannte. Er nahm einen Schluck und lehnte sich bequem zurück. Was hatte dieser Anruf zu bedeuten? Er hatte schon häufig solche Aufgaben erledigt. Sie waren nichts Ungewöhnliches, eher Routine. Seine Bibliothek war gut sortiert, und er stand in ständigem Gedankenaustausch mit Fachkollegen. Die meisten Erzlagerstätten kannte er nicht nur aus der Literatur, er hatte sie auch gesehen. Doch noch nie war er privat zur Erstellung einer solchen Studie aufgefordert worden. Was steckte hinter dieser Sache, wenn sogar ein Ministerium eingeschaltet worden war? Etwa ein militärisches Geheimprojekt? Nicht mit ihm. Angola genügte ihm. Er hatte in der Provinz Lunda, an der Grenze zu Zaire, nach Diamanten gesucht – nur ein Explorationsprojekt. Aber als die Sozialisten die Macht übernahmen, war er zwischen die politischen Fronten geraten. Er musste damals unter Zwang für die FNLA arbeiten, wurde von den Guerilleros der MPLA gefangen genommen und zusammen mit Rosalita Nunes zum Tode verurteilt.
   Nur er hatte den sozialistischen Gulag überlebt. Nein, nochmals würde er sich nicht auf solche Abenteuer einlassen. Die Grafitstudie wollte er mit der gewohnten Sorgfalt erstellen, doch bei seinem Besuch in Bonn würde er seine weitere Mitarbeit davon abhängig machen, ob es sich bei dem Projekt um ein ziviles oder um ein militärisches Vorhaben handelte.
   Er trat auf die weitläufige Dachterrasse. Der Sprühregen hatte nachgelassen. Die Lichter auf der anderen Seite des Rheins waren kaum zu erkennen. Er atmete in tiefen Zügen die feuchtkalte Luft, die ihm aber keine Erleichterung brachte.

*

Auch Strasseck hatte den Telefonhörer aufgelegt. Er ging aus seinem Arbeitszimmer ins Bad und zog sich leise aus. Ohne Licht zu machen, schlich er ins Schlafzimmer. Er wollte seine Frau nicht wecken, aber sie war wach und schaltete das Licht an.
   »Kannst Du nicht einmal ins Bett kommen, ohne vorher mit allen möglichen Leuten zu telefonieren?«, klagte sie.
   »Tut mir leid. Aber es war wirklich wichtig.«
   »Klar – wichtiger als ich – wie immer.«
   »Nun sei doch nicht gleich eingeschnappt.« Er setzte sich zu ihr aufs Bett. »Der Wissenschaftler, den wir für ein neues Projekt brauchen, ist nur nach Feierabend erreichbar. Sei doch froh, dass ich einen guten Job habe.«
   »Feiner Job. Immer geht es um neue Technologien, die uns alle nur krank machen und die Umwelt zerstören.«
   O Gott. Wenn Emma das Wort Umwelt in den Mund nahm, war sie nicht mehr zu bremsen. Richtig fanatisch konnte sie dann sein.
   »Unsinn«, sagte er. »Wir zerstören keine Umwelt. Ganz im Gegenteil. Und damit du beruhigt bist, ein deutscher Automobilkonzern entwickelt einen vollkommen neuen Motor. Der ist nicht aus Metall, sondern aus Keramik. Die Verbrennungsprozesse können bei viel höheren Temperaturen ablaufen. Dabei verbrennt das Benzin-Luftgemisch so vollständig, dass kaum schädliche Emissionen stattfinden. Aber …«, er tippte ihr auf die Nasenspitze, »… das alles ist streng geheim. Die böse Konkurrenz darf davon nichts erfahren. Bist du nun zufrieden?«
   Sie atmete erleichtert auf. »Wenn das so ist … Komm zu mir, Thomas. Halt mich fest. Du weißt ja, ich habe Angst. Immer diese Angst vor der Zukunft.«

Kapitel 2
Im Ministerium – das Projekt

Peter starrte auf die vom feinen Regen benetzte Fensterscheibe des IC 615 von Düsseldorf nach Bonn. Die vorbeihuschende graue Landschaft war kaum erkennbar.
   Er war neugierig und freute sich auf die neue Aufgabe. Seit er nicht mehr im Ausland nach Rohstoffen suchte, sondern der monotonen Arbeit in seinem Düsseldorfer Büro nachging, war er unzufrieden. Mit der Ernennung des neuen Vorstandes im letzten Jahr hatte sich das Interesse der Rohstoffgesellschaft verschoben. Die Firmenstrategie unter Herrn Dr. Waltmann war diffus geworden. Ein klares Konzept fehlte.

Erst gestern war ihnen von einer kanadischen Gesellschaft ein Anteil an einem bedeutsamen Magnesitvorkommen im Westen Kanadas angeboten worden.
   Ein interessantes Projekt, das die Erschließung eines neuen Marktes versprach. Die Daten der Lagerstätte, wie Durchschnittsgehalte und Reserven, waren hervorragend, Aufbereitungsprobleme schien es nicht zu geben. Die Infrastruktur war für kanadische Verhältnisse akzeptabel, und die wirtschaftlichen Kenndaten entsprachen den gewünschten. Nur der Preis für die Beteiligung war deutlich überzogen. Ihm wäre es bestimmt gelungen, bei nochmaliger Durchsicht der Unterlagen, Argumente für eine Reduzierung zu finden. Die Produktionskosten hätten sich durch eine Modernisierung des Abbaus sicherlich noch weiter senken lassen, was eine höhere Rendite versprochen hätte.
   Australische und kanadische Bergbaugesellschaften verdienten längst gutes Geld mit Rohstoffen für Produkte, die große Wachstumschancen versprachen. Er wies seit Langem darauf hin. Doch all das schien die neuen Geschäftsführer der Gesellschaft kaum zu interessieren. »Das Risiko ist zu groß, die Märkte sind zu kompliziert«, war die stereotype Antwort Waltmanns. »Die Zukunft liegt im Umweltschutz. Recyceln und Entgiften, dahin geht der Trend. Wie macht man aus Altpapier Neupapier, aus Schrott Metall? Da gibt es Subventionen. Blei, Zink, Kupfer, Uran, das rechnet sich nicht.«
   »Bei solchen Rohstoffprojekten liegen die Gewinne in ganz anderen Größenordnungen«, hatte er eingewandt.
   Größe zeigte Waltmann aber nur durch seine hohen Absätze. »Im Ausland investieren? Das Know-how haben wir nicht. Das Wechselkursrisiko.«

Er zuckte mit den Schultern und vertiefte sich in seine Unterlagen mit den, noch nicht sehr aussagekräftigen, Daten über die weltweit verstreuten Grafitbergwerke, die er recherchiert hatte und im Ministerium vortragen wollte. Dennoch bemerkte er einen unscheinbaren Herrn im beigefarbenen Mantel, der ihm nur auffiel, da er ab Köln auf dem Gang vor seinem Abteil stand, obwohl genügend Sitzplätze vorhanden waren.
   Der Mann schien ihn zu betrachten, wandte sich aber schnell ab, als er ihn anblickte.

*

Nach einer kurzen Taxifahrt betrat Braun das Hochhaus und fragte nach Staatssekretär Strasseck. Ein Pförtner in Uniform nannte ihm dessen Vorzimmer im zehnten Stock.
   Die Sekretärin des Beamten wartete bereits auf ihn.
   Knapp eine Viertelstunde später trat ein großer, schlanker Herr aus dem Chefzimmer und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Peter fielen der perfekt sitzende dunkle Anzug und die im Farbton passende Krawatte auf. Der Mann strahlte Eleganz und Selbstsicherheit aus.
   »Herr Dr. Braun entschuldigen Sie bitte. Ich habe Sie warten lassen, aber wir mussten noch einige interne Fragen klären. Wir haben ja bereits telefoniert, mein Name ist Strasseck. Ich hoffe, mein Kurier hat Ihnen die erwünschten Informationen zugestellt. Bitte kommen Sie. Die anderen Herren warten schon. Darf ich Ihnen Herrn Dr. Mahlhausen, Vorstandsmitglied von DAF, der Deutschen Auto Fabrik in München, vorstellen?«
   Peter schüttelte dem älteren, freundlich lächelnden Herrn die Hand. Dieser machte trotz seiner leitenden Position in einem der führenden Automobilkonzerne Deutschlands eher einen altväterlichen Eindruck, der aber sicherlich nicht der tatsächlichen Erfahrung und Überzeugungskraft dieses Mannes widersprach. Sein Führungsstil hatte DAF zu einem der erfolgreichsten Automobilproduzenten der Welt gemacht. Neben Mahlhausen stand ein Mann, der als Einziger keinen Anzug, sondern einen grauen Arbeitskittel trug. Er wurde ihm als Ingenieur Dr. Jansen, ebenfalls von DAF, vorgestellt und Peter hatte den Eindruck, dass er sich lieber im Entwicklungslabor und zwischen Motorprüfständen aufhielt.
   »Meine Herren setzen Sie sich bitte«, begann der Staatssekretär. »Herr Dr. Braun, ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Auf die Vertraulichkeit dieser Angelegenheit habe ich ja wiederholt hingewiesen. Sie muss bis zu einem Zeitpunkt, der sich aus der Entwicklung des Projektes ergibt, eingehalten werden. Es ist sicher ungewöhnlich, einen Außenstehenden wie Sie zu einer derartigen Geheimhaltung zu verpflichten. Da wir jedoch weder im Ministerium noch bei DAF einen für unsere Zwecke geeigneten Fachmann haben, blieb uns nichts anderes übrig, als uns an einen Außenstehenden zu wenden.«
   »Und was ist der Grund für diese hohe Sicherheitsstufe?«, wunderte sich Braun.
   »Konkurrenzgründe«, erklärte der Staatssekretär. »Sind Sie grundsätzlich bereit, mit uns zusammenzuarbeiten?«
   »Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich doch wissen, um was es sich handelt.«
   Eine kurze, fast peinliche Pause folgte.
   »Gut. Wir wollen Sie heute über die wichtigsten technischen Hintergründe des Projektes informieren. Sollten Sie danach grundsätzliche Bedenken gegen eine Zusammenarbeit haben, müssten wir darauf bestehen, dass Sie das heutige Gespräch aus Ihrem Gedächtnis streichen.«
   »Das kann ich Ihnen versprechen.«
   »Gut. Herr Dr. Mahlhausen, bitte stellen Sie unseren neuen Motor vor.«
   Der alte Mann blickte einen Moment zur Decke, bevor er mit seinen Ausführungen begann. »Als bedeutendes Automobilunternehmen haben wir uns seit Jahren das Ziel gesetzt, unsere Autos immer leichter, sparsamer und umweltfreundlicher zu bauen. Trotz eines enormen Forschungs- und Entwicklungsaufwandes war jedoch schon seit längerer Zeit abzusehen, dass mit der heute bekannten Motorengeneration die Grenzen des technisch Möglichen erreicht sind.« Aus seinen Worten war Sorge herauszuhören.
   »Die in den letzten Jahren erreichten Verbesserungen, vor allem seit der Einführung des Katalysators, sind doch schon beachtlich«, wunderte sich Peter. »Gerade die neuesten Modelle von DAF beweisen das.«
   »Das stimmt natürlich. Nur, das Hauptproblem bleibt. Bei unseren Motoren hat sich der Schadstoffausstoß zwar verringert, unser eigentliches Ziel aber, Verbrennungsmotoren mit praktisch schadstofffreien Abgasen herzustellen, haben wir lange nicht erreicht. Es treten noch immer viel zu hohe Kohlendioxid- und Stickoxid-Emissionen mit all den vermuteten Folgen für die Erdatmosphäre und den Treibhauseffekt auf. Wir müssen deshalb nach neuen Wegen suchen. Seit Jahren arbeiten wir an vollkommen neuen Motorvarianten. Dabei legen wir das Schwergewicht auf die Nutzung neuer Materialien. Wir haben unser hochgestecktes Ziel endlich erreicht.« Mahlhausen machte eine Pause und deutete auf eine Zeichnung, die vor ihm lag. »Wenn es uns gelingt, den Motor zur Serienreife zu bringen, revolutionieren wir den Kraftfahrzeugmarkt und sind, was fast noch wichtiger ist, im Umweltschutz einen ganz konkreten Schritt weiter.«
   »Das sind ja einmal gute Nachrichten.« Peter freute sich trotz einer gewissen Skepsis.
   Strasseck nickte. »Genau das fordert auch unsere Umweltpolitik. Deshalb unterstützt das Ministerium die Anstrengungen von DAF.«
   »Was ist nun das Neue an diesem revolutionären Motor?«, wollte er wissen.
   »Herr Dr. Jansen, der verantwortliche Ingenieur für das Projekt, wird es Ihnen erläutern.«
   »Ein moderner Verbrennungsmotor kann nur ein Drittel der im Kraftstoff steckenden Energie in nutzbare Kraft umsetzen«, begann der Ingenieur.
   »Nicht mehr?«, warf Braun überrascht ein.
   »Nein, leider nicht. Ein Drittel der vorhandenen Energie verlässt das Kraftfahrzeug über die Auspuffanlage. Ein weiteres Drittel geht in die Erwärmung des Kühlwassers und in die normale Wärmeabgabe. Sie können sich vorstellen, solche Zahlen können für uns nicht befriedigend sein.«
   »Und der neue Motor?«
   »Keramikwerkstoffe verschiedenster Zusammensetzung sind viel hitzebeständiger und wesentlich härter als Metalle. Schon seit Langem werden sie zum Beispiel in der Raumfahrt eingesetzt.«
   »Und warum nicht in der Autoindustrie?«
   »Hochleistungskeramik ist viel thermostabiler als die meisten Metalle, hat aber beträchtliche Nachteile. Sie ist spröde und daher viel schwieriger zu verarbeiten als Metalle und deren Legierungen. Was wir brauchen, ist ein Material, das sich einerseits wie Metall bearbeiten lässt, andererseits aber über die hohe Hitzebeständigkeit von Keramik verfügt. Nach unzähligen Versuchen ist es uns unter Verwendung von Grafit, Metallstäuben und synthetischen Hochtemperaturharzen gelungen, einen solchen Werkstoff herzustellen.«
   »Ich beginne zu verstehen«, sagte Braun, der bei seinen Literaturstudien über ähnliche Versuche der Amerikaner gelesen hatte. »Bei den gewünschten hohen Temperaturen können die üblichen Schmierstoffe nicht mehr eingesetzt werden?«
   »Richtig. Wir mussten das Keramikmaterial formbar machen. Aus Gründen, die wir noch nicht vollständig verstehen, erfüllt nur ein speziell von DAF entwickelter Hochleistungskeramikwerkstoff mit Flockengrafit diese Anforderungen, wobei die Mischbarkeit von Keramik und Grafit anfangs ebenfalls eine kaum zu überwindende Herausforderung darstellte.«
   »Liegt es an der Kristallinität des Flockengrafits, also der Art des Kristallaufbaus?«
   »Das ist möglich. Unsere Materialwissenschaftler haben gewisse Vermutungen, den eigentlichen Grund können sie noch nicht nennen. Bei all den vielen Versuchen hat sich ein Faktum leider immer wieder bestätigt. Nur grobflockiger Grafit – die Blättchen müssen mehrere Millimeter groß sein – genügen den hohen Anforderungen.« Jansen machte eine Pause.
   »Ich verstehe, dass sie bei einem Projekt dieser Reichweite Industriespionage fürchten«, meinte Peter nachdenklich. »Aber warum diese Geheimnistuerei um ein geologisches Gutachten, und wozu brauchen Sie es überhaupt. Jeder kann Flockengrafit auf dem Weltmarkt kaufen. Warum wendet sich DAF nicht an eine Gesellschaft, die im Grafithandel tätig ist. Sie kennt den Markt, die Anbieter, die Verbraucher.«
   »Der in der westlichen Welt produzierte Grafit enthält nur wechselnde und meist nur sehr geringe Anteile großer Flocken«, erklärte Jansen. »Der von uns benötigte wird nur in relativ geringen Mengen angeboten. Wir brauchen ihn in große Mengen und …«
   »… und«, fiel Mahlhausen ein, »die jahrelangen Entwicklungsarbeiten hinsichtlich dieses Keramik-Grafit-Motors, in die wir viel Arbeit und Geld investiert haben, sind nun so gut wie abgeschlossen. Wir planen, ihn jetzt in Serie zu fertigen. Aber, bevor wir eine solche Entscheidung treffen – die Investitionen liegen bei einer halben Milliarde – muss sichergestellt sein, dass uns über mehrere Jahre hinweg die notwendigen Mengen dieser Grafitqualität zur Verfügung stehen. Tatsächlich haben wir die Entwicklung in völliger Unkenntnis über die aktuelle Verfügbarkeit von Flockengrafit vorangetrieben. Wir haben nicht einmal einen Hinweis, ob es die von uns benötigten Mengen überhaupt gibt.«
   War das ein Vorwurf des Vorstandes an die Entwicklungsabteilung, die ein Milliardenprojekt in Angriff genommen hatte, ohne sich darum zu kümmern ob genügend Rohstoffe für seine Verwirklichung verfügbar waren?
   »Hier muss ich Herrn Dr. Jansen in Schutz nehmen«, unterbrach der Staatssekretär. »Als wir von dieser Flockengrafit-Problematik erfuhren, haben wir angewiesen, dass DAF keinen direkten Kontakt mit Grafithändlern aufnehmen dürfe. Tatsächlich ist der Markt hierfür derart klein und für Kenner derart transparent, dass die ausländische Konkurrenz sehr schnell die wahren Gründe für eine plötzliche Nachfrage in solchen Mengen herausgefunden hätte.«
   Machte sich der Politiker Strasseck mehr Gedanken über die Vertraulichkeit als der Unternehmer Mahlhausen? Der vor allem musste doch die Industriespionage fürchten und zuerst an einer strikten Geheimhaltung interessiert sein.
   »Das mag ja alles so sein«, meinte der alte Herr. »Am Ende bleibt die Frage, ob es genügend Flockengrafit gibt. Damit steht und fällt das ganze Projekt.« Er wandte sich an Peter. »Deshalb wurde vorgeschlagen, Sie mit der Sache zu betrauen. Herr Braun gibt es eine realistische Chance, Grafit dieser Qualität in ausreichender Menge zu beschaffen? Was ergab Ihre erste Studie?«
   »Ich muss leider Ihre Sorgen bestätigen«, antwortete Peter. »Flockengrafit tritt in den produzierten Grafitkonzentraten normalerweise nur in geringen Mengen auf. Die gewünschte Qualität, besonders was die Kristallinität und den Reinheitsgrad des Produktes angeht, wird fast ausschließlich in madagassischen Gruben produziert. Dort allerdings können fünfzig Prozent der Produktion die geforderte Güte haben.«
   »Ausgerechnet in Madagaskar?« Peter sah Mahlhausen den Schrecken an. »Eine Volksrepublik, in der seit Jahren die Kommunisten an der Macht sind? Gibt es denn kein anderes Land?«
   »Nun, ja. China und Brasilien. Aber an die madagassische Güte kommen deren Produkte nicht heran.«
   »Und die USA? Oder Australien?«
   »Dort gibt es wohl Grafitlagerstätten. Aber der Grafit tritt im Erz lediglich als fein verteiltes Pulver auf, und das scheint nach Ihren Aussagen für DAF nicht infrage zu kommen.«
   »Und wie kommen wir an den madagassischen Grafit?«, wollte Jansen wissen, den die kommunistische Abschottung am wenigsten zu stören schien.
   Peter lächelte. »Politisch kann ich keine Empfehlung geben. Außerdem werden die madagassischen Lagerstätten schon seit über hundert Jahren abgebaut. Die meisten sind inzwischen ausgeerzt.«
   »Also keine Chance?«
   »Nun, nach all dem, was ich in den letzten drei Wochen gelesen habe, scheint es in Madagaskar durchaus gute Chancen auf die Entdeckung neuer Lagerstätten zu geben, wie Satellitenaufnahmen zeigen. Allerdings existieren sie nur in jungfräulichen Dschungelgebieten. Bisher wurde das Grafitvorkommen nur in leichter zugänglichen Gebieten untersucht und abgebaut. Um Genaueres zu sagen müsste ich mich intensiver mit der Auswertung der Satellitenaufnahmen beschäftigen.«
   »Vielen Dank, Herr Dr. Braun.« Der Staatssekretär atmete auf. »Ich bin nun doch etwas erleichtert. Wir sind zwar bisher davon ausgegangen, unsere Rohstoffquelle in einem weniger exotischen Land zu finden, aber das Wichtigste ist, dass es überhaupt eine gibt. Auch mit Madagassen werden wir verhandeln können.«
   »Hoffentlich«, seufzte Mahlhausen.
   »Für uns ist noch etwas anderes wichtig«, ergriff Strasseck das Wort. »Die Beschaffung des Grafitkonzentrates darf nicht direkt von DAF durchgeführt werden. Würde DAF Grafit in dieser Größenordnung einkaufen, wäre die Konkurrenz hellwach. Deshalb müssen wir eine Gesellschaft finden, die den Rohstoff für uns einkauft …«
   »Herr Staatssekretär, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche«, wandte Peter ein. »Es reicht doch nicht, jemanden zu finden, der den Grafit in Madagaskar einkauft und an DAF weiterreicht. Unser Problem ist, ganz abgesehen von den politischen Schwierigkeiten, ein ganz anderes. Zuerst muss die Lagerstätte gefunden werden. Dazu müsste man erstens explorieren, wenn das erfolgreich ist, zweitens, investieren und, drittens, ein Bergwerk errichten, wofür, viertens, eine Gesellschaft interessiert werden muss. Das ist kein bloßes Handelsgeschäft, das ist ein industrielles Investitionsprojekt.«
   »Sie haben recht«, stellte der Staatssekretär zögernd fest. »Ich bin kein Industrieller und muss mich diesbezüglich erst beraten lassen. Wir nahmen an, die Beschaffung des Rohstoffes würde sich einfacher gestalten lassen. Wir werden in diese Richtung weiterdenken. Das alles macht die Sache wesentlich komplizierter und kostenintensiver.«
   Mahlhausen nickte und lächelte. »Das Bundesministerium für Forschung und Technologie hat jedenfalls eine finanzielle Unterstützung zugesichert.«
   »Mit diesem Anreiz müssen wir ein Unternehmen gewinnen, das vorläufig den eigentlichen Grund für die Grafitsuche nicht erfahren darf«, ergänzte Strasseck.
   »Und wie stellen Sie sich das vor?« Peter war über die etwas naive Vorgehensweise überrascht. »Glauben Sie, Sie finden in Deutschland eine Gesellschaft, die aufgrund von Fördermaßnahmen, die nur einen geringen Teil der Kosten abdecken dürften, bereit ist, nach einem Rohstoff zu suchen, ohne genau zu wissen, wozu er gebraucht wird und wie sich die Nachfrage in den nächsten Jahren entwickelt?«
   »Genau deshalb haben wir Sie angesprochen. Sie arbeiten doch in der Rohstoffgesellschaft, die ihrem Geschäftszweck nach für ein solches Projekt infrage kommen könnte.«
   Peter starrte den Beamten entgeistert an. Mein Gott, ausgerechnet seinen Arbeitgeber wollten sie heranziehen? Wenn diese Herren den Zustand der Firma kennen würden … und Waltmann, diesen Hasenfuß. »Da werden wir uns aber schon etwas sehr Gutes einfallen lassen müssen«, meinte er. »Mein Arbeitgeber soll größere Geldmittel für eine Unternehmung bewegen, deren wahren Grund er nicht kennt? Da dürfte die Aussage eines Geologen, irgendwo auf der Welt gäbe es im Dschungel Anzeichen für unentdeckte Lagerstätten, kaum ausreichen.«
   »Ich bin sicher, wir werden einen Weg finden«, meinte der Staatssekretär und wandte sich Mahlhausen zu.
   »Wäre es denkbar, dass DAF im Hintergrund bleibt, aber die Fördermaßnahmen unseres Ministeriums für das zu gewinnende Unternehmen großzügig aufstockt?«
   Mahlhausen lächelte wieder. »Wir werden darüber nachdenken«
   »Das wäre also geklärt«, folgerte Strassek. »Es ist jedoch sicherzustellen, und ich wiederhole es nochmals, die gesamte Angelegenheit muss streng vertraulich bleiben. Unser gesamter Schriftverkehr wird per Kurier befördert. Den Kurier werde ich Ihnen noch nennen. Es darf keine Pannen geben. Die Korrespondenz geht nur an mich persönlich, an Herrn Dr. Mahlhausen oder an Sie, Herr Braun. Zwischen Ihnen und DAF darf kein direkter Kontakt bestehen. Ich bin für beide Seiten die Anlaufstelle. Wir treffen uns innerhalb der nächsten drei Wochen hier, um die angesprochenen Themen zu vertiefen. Bis zum Ende des Monats muss ein Gesamtkonzept vorliegen.«

Peter ließ ein Taxi rufen. Am Bahnhof stellte er fest, dass der nächste Zug nach Düsseldorf erst in fünfundvierzig Minuten ging. Nach kurzem Zögern betrat er das Bahnhofsbistro, bestellte ein Bier und beobachtete gedankenverloren die vorbeihastenden Menschen. An einem Stehtisch stand der Mann im beigefarbenen Mantel.

Kapitel 3
Der Ökovortrag

Hinter der Bühne im großen Saal des Gewerkschaftshauses hingen zwei handgefärbte fleckig grüne Tücher, auf die wohl absichtlich ungelenk je eine Sonnenblume gepinselt war. Sie leuchtete über Kindern, die im Müll spielten.
   Emma Strasseck hatte einen grauen Schal mit grünen Fransen um ihre Schultern geschlungen, der das Kleid fast verdeckte. Vor einer Viertelstunde hatte sie dem Auditorium Sabine Bäumler vorgestellt, kurz die Bedeutung der Rednerin für die deutsche ökologische Bewegung geschildert und anschließend der Politikerin das Wort übergeben. Gespannt lauschten die Gäste dem Vortrag.
   »… und wo sollen einmal unsere Kinder leben? Unter uns, die Böden, das Grundwasser, sie sind jetzt schon verseucht, vom radioaktiven Abfall unter unseren Füßen ganz zu schweigen. Und über uns? Da schreit das Ozonloch zum Himmel, das Ozonloch durch das uns Krebs erzeugende Sonnenstrahlen verbrennen – wenn nicht gerade saurer Regen herabrieselt und unsere Wälder sterben lässt. Sollen unsere Kinder Dioxin vergiftetes Fleisch zu Genkartoffeln essen, oder Fische aus dem Toten Meer? So können wir unsere Ost- und Nordsee getrost nennen.«
   Die Zuhörer lachten gezwungen.
   »Auto- und Industrieabgase werden sie einatmen müssen. Was, wenn sich Tschernobyl wiederholt? Sollen sie in Bunkern leben? Wer garantiert, dass ausgerechnet wir verschont bleiben sollten? Unsere Großindustrie etwa?«
   Das Auditorium schaute betroffen auf die Frau, die heute ein führendes Mitglied des ÖBD war, des Ökologischen Bundes Deutschland. Seit seiner Gründung in den frühen achtziger Jahren hatte Sabine Bäumler, gegen die Empfehlungen der Programmkommission der Partei, die sich ursprünglich auf reine Umweltthemen konzentriert hatte, ein zunehmend stark sozialistisch gefärbtes Programm durchgesetzt.
   »Die treibende Kraft dieser Naturvernichtung ist eine industriell-kapitalistische Gesellschaft.« Hatte die Ökologin ihre Stimme bisher leidenschaftlich und mit spöttischem Humor eingesetzt, so war sie jetzt sachlich, leise und eindringlich warnend. »Als Folge eines ungehemmten Wohlstandswachstums betrachten diese Herrschaften unsere Erde als Abfallhalde. Allein der Kohlendioxid-Gehalt der Luft wird in den nächsten Jahren um die Hälfte zunehmen. Dadurch ist ein Temperaturanstieg von drei bis neun Grad Celsius zu erwarten. Und die Folge? Klimazonen werden sich verschieben. Überschwemmungen, Dürren, Tornados, Orkane und Hurrikane werden auch in unseren Breiten auftreten, kurz, die Klimakatastrophe wird nicht mehr abzuwenden sein. Das Kapital treibt diesen Prozess des Konsumterrors …«
   Sabine Bäumler machte eine abrupte Pause, trank sichtlich erschöpft einen Schluck Wasser und lächelte. »Und wem nutzt das alles?«, fuhr sie fort, ohne zu versuchen, den abgebrochenen Satz zu Ende zu führen. »Ihnen? Mir? Unseren Kindern?« Bei dem Wort Kinder wurde sie wieder leidenschaftlich. »Nein, unseren Kindern nutzt dieser morbide Wohlstand nichts. Allein die Großindustrie, die Banken sind die Nutznießer. Sie leben davon, und zwar recht gut.«
   Wieder machte sie eine Pause und ließ die Worte wirken. »Aber hier, bei unseren Kindern, da liegen die Grenzen. Hier machen wir nicht mehr mit! Wir werden dafür sorgen, dass alle ökologiefeindlichen und alle gefährlichen Großtechnologien ein Ende finden. Die Genforschung, die chemische Pharmaindustrie, die Atomforschung, sie alle sollen uns und unsere Kinder nicht mehr bedrohen, auch nicht die exzessive Automobilproduktion. Das ist eine eindeutige Forderung unserer Politik …«
   »Aber ohne Auto – wie soll das gehen?«, rief ein Zuhörer.
   »Gerade das Auto trägt mit seinen hohen Kohlendioxid- Kohlenmonoxid- und Stickoxidemissionen am meisten zur Klimakatastrophe bei. Es ist der Umweltzerstörer Nummer eins. Wir fordern ja kein totales Autoverbot, aber sehr wohl eine drastische Reduzierung der Autoproduktion durch ein Verbot von Pkws, die mehr als vier Liter Kraftstoff pro hundert Kilometer verbrauchen, ein Verbot von Fahrzeugen ohne Dreiwegekatalysator, ein Tempolimit von hundert Kilometern in der Stunde auf den Autobahnen, Benzinpreise von fünf DM pro Liter.«
   Emma Strasseck schrieb sich die Daten auf. Was hatte ihr Thomas neulich erzählt? Sie blickte in das Auditorium. Auch wenn der Saal nicht ganz gefüllt war, so schien es doch, dass der ÖBD die Partei war, die die besten Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft hatte. Bei der Verbreitung dieser Themen wollte sie politisch mitarbeiten. »… nicht nur der ökologische Zusammenbruch beängstigt den mündigen Bürger«, vernahm sie die Vortragende, »auch die sozialen Ungerechtigkeiten fordern gesellschaftliche Veränderungen. Deshalb wollen wir den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft, die Demokratisierung aller Lebensbereiche, und nicht zuletzt die Feminisierung unserer Gesellschaft. Ich danke euch.«
   Sabine Bäumler trat hinter dem Rednerpult hervor und ging zum Präsidiumstisch zurück.
   Das Publikum applaudierte begeistert.

Die Zuhörer hatten sich verlaufen, das kleine Präsidium des Ortsverbandes der Partei saß noch am Tisch.
   Stefan Langer näherte sich Emma Strasseck. »Emma«, raunte er, »Sabine Bäumler soll in den Achtundsechzigern zu einer radikalen marxistischen Gruppe gehört haben. Angeblich hat sie sogar einen Anschlag auf das Amerikahaus verübt und saß in Untersuchungshaft.«
   »Ach was – Jugendsünden. Wenn wir jeden Jugendstreich auf die Goldwaage legten … Entscheidend ist doch, wofür sie sich heute einsetzt. Und das macht sie großartig.«
   »Vielen Dank, Sabine«, unterbrach Fritz Hager das Getuschel. »Wir brauchen mehr solcher Vorträge, damit wir die Menschen überzeugen. Könntest du auch Kontakte mit Parteifreunden aus Niedersachsen herstellen? Wir planen weitere Sitzblockaden.« Er war aktiver AKW-Gegner.
   »Natürlich. Die Verhinderungsstrategie zeigt zusehends Wirkung. Wir müssen sie bis an die Grenzen des legal Möglichen praktizieren. Jeder verlorene Tag für die Atomindustrie ist ein teurer Tag. Und das addiert sich mit der Zeit. Tschernobyl ist überall. Das muss der mündige Bürger endlich begreifen. Aber dazu müssen wir ihn weiter aufklären.« Sabine Bäumler begann, die taktischen Vorstellungen der Partei zu erklären.
   Als sie geendet hatte, wandte sich Emma Strasseck an die Politikerin. »Sabine, darf ich dich unter vier Augen sprechen?«
   »Natürlich.«
   »Beim Aufzählen der größten Umweltgefahren hast du auch das Auto genannt.«
   »Mit Recht. Die Mordwaffe Auto ist so schnell wie möglich zu ächten. Leider liebt unser Konsumproletariat diesen Luftverschmutzer. Wir müssen die Menschen überzeugen und dazu bringen, auf ihr heiliges Blech zu verzichten. Nur so können wir die Monopole wirklich treffen.«
   »Das Problem dürfte sich bald von selbst lösen.«
   »Und wie? Hast du etwa neue Ideen, wie wir dieses heilige Wirtschaftsgut noch besser in Misskredit bringen können?«
   »Das brauchen wir nicht. Ich weiß definitiv, dass das Auto als Umweltverschmutzer bald kein Thema mehr sein wird und …«
   »Quatsch. Warum denn nicht? Das Auto ist eines unserer schwierigsten, aber auch eines der wirksamsten Feindbilder, viel besser als alle AKWs zusammen. In unserem Kampf gegen das bestehende kapitalistische Wirtschaftssystem der Monopole …«
   »Aber unsere Partei steht doch hinter der Sozialen Marktwirtschaft«, fiel ihr Langer ins Wort. »Wir wollen sie ökologisieren, aber doch nicht unsere Industrie und unseren Wohlstand ruinieren. Ohne Auto würde alles zusammenbrechen. Wollen wir das?«
   »Das ist nicht das, was ich sagen will«, schwächte Sabine Bäumler ab. »Ich meine, wir haben natürlich nichts gegen Kraftfahrzeuge an sich. Aber da wir gegen umweltschädigenden Schadstoffausstoß sind, müssen wir sie bekämpfen.«
   »Nehmen wir mal an, es gäbe schadstofffreie Automotoren«, sagte nun wieder Emma und lehnte sich vor. »Wie wäre dann deine Antwort?«
   »Emma, entschuldige, das ist doch eine recht hypothetische Frage. Autos mit Elektromotoren werden auch in Zukunft nur eine Alibifunktion haben. Gott sei Dank. Es wäre ja schlimm, wenn es wirklich gelingen würde, Elektroautos in Großserie zu bauen.«
   Emma Strasseck war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, als dass sie den Sinn des letzten Satzes wirklich wahrgenommen hätte. »Aber, wenn es wirklich eine neue Technologie gäbe, die …«
   »Das wäre eine Katastrophe, denn …« Sofort korrigierte sich die Politikerin. »… denn dann müssten wir ja unser gesamtes Parteiprogramm ändern. Das wäre vielleicht ein Aufwand. Aber woher willst du so etwas wissen?«
   »Mein Mann arbeitet im Ministerium für Forschung und Technologie«, flüsterte Emma. »Er hat mir erzählt, eigentlich darf er nicht darüber sprechen, dass seine Behörde zurzeit ein Entwicklungsprogramm unterstützt, das zum Ziel hat, vollkommen schadstofffreie Automotoren zu bauen. Er meinte, dass man dieses Ziel erreichen kann.«
   »Ist das wirklich so, Emma? Bist du dir da ganz sicher?«
   »Natürlich, mein Mann ist schließlich Staatssekretär.« Stolz schwang in Emmas Stimme. »Das ist ein echter Sieg für den ÖBD. Hätten wir nicht das Auto als größten Umweltverschmutzer angeprangert, hätte sich niemand bemüht, diesen Motor zu entwickeln. Das Feindbild Auto jedenfalls könnt ihr im Parteiprogramm streichen.«
   »Großartig.«

Kapitel 4
Rohstoffe oder Karton?

Wie nur sollte Peter Braun die Geschäftsführung seiner Firma überzeugen, in das Grafitprojekt einzusteigen? »In einem Entwicklungsland investieren?«, hörte er Waltmann schon keifen. »Keine Garantien. Dafür Wechselkursrisiken. Und erst das unsichere Rechtsgefüge!«
   Zur Unterstützung hatte er Manfred Junger, einen erfolgreichen und anerkannten Fachmann im Grafitgeschäft eingeladen. »In Hochtechnologiebereichen gibt es eine kräftige Nachfrage für qualitativ reinen Naturgrafit«, eröffnete dieser seine Ausführungen. »Unsere Marktstudie hat das gezeigt …«
   »Marktstudien. Davon gibt es viele …«, unterbrach ihn Waltmann.
   »Unsere Untersuchungen sind sorgfältig, Herr Waltmann. Sie decken sich mit Aussagen deutscher und ausländischer Verbraucher. Ich handle seit Jahren erfolgreich mit Grafit und kenne mich aus in diesem Metier. Seit über einem Jahr kann ich die steigende Nachfrage nicht mehr befriedigen.«
   »Ja, ja, ein momentaner Engpass. Das kennen wir doch. Lieferengpässe, die schnell wieder verschwinden. Ich kenne das Geschäft.« Der Vorstandschef stellte sich auf die Zehenspitzen. »Bei der Feuerfestindustrie nimmt der Bedarf schon wieder ab.«
   »Aber nur für die Schmelztiegelherstellung. Für hochhitzebeständige Folien und Dichtungen, für die Nuklearindustrie, die Flugzeugindustrie sowie für Windkraftanlagen, für Bremsenzusätze und feuerfeste Schaumstoffe wird Grafit immer wichtiger.«
   »Die Chinesen produzieren Grafit in großen Mengen.« Dr. Ehrlich, Bergassessor a. D., hob seine über den Bauch gefalteten Hände kurz an. Seine Stimme klang gemütlich und überzeugend. Der ganze Mann strahlte Erfahrung und Solidität aus. »Die können ihre Produktion doch jederzeit verdoppeln und außerdem viel billiger liefern. Dann stehen wir da mit unserem teuren Grafit. Nein, nein. Also, wenn Sie mich fragen, das Risiko ist einfach zu groß.«
   »Die Hauptmenge des Chinagrafits ist in vielen Bereichen nicht brauchbar«, mischte sich Braun in das Gespräch. »Der madagassische ist reiner, grobflockiger und wegen seiner Kristallstruktur günstiger. Wenn es mir gelingen sollte, dort eine Lagerstätte zu entdecken, dann brauchen wir die chinesische Konkurrenz nicht zu fürchten.«
   »Warum sollte die Qualität einer noch nicht entdeckten Lagerstätte besser sein als die der Chinesen, Herr Braun?« Waltmann zuckte nervös mit den Augen.
   »Aus geologischen und klimatischen Gründen. Die Natur hat den madagassischen Grafit bevorzugt.«
   »Geologische und klimatische Gründe. Ist das alles? Sind das Spekulationen oder haben Sie Beweise, Herr Braun? Sollen wir unsere wirtschaftlichen Entscheidungen auf Spekulationen aufbauen? Marktstudien! Wenn ich das schon höre. Entschuldigen Sie, Herr Braun. Aber Sie als Geologe können wirtschaftliche Risiken doch gar nicht einschätzen. Das ist unsere Aufgabe. Woher wissen wir überhaupt, ob Sie dort neue Lagerstätten finden werden? Das ist doch nur halb fundiertes wissenschaftliches Gerede. Wir sind kein Forschungsinstitut. Wir müssen Geld verdienen und dürfen unser hart verdientes Kapital nicht verschleudern. Sie bieten Spekulationen. Wir brauchen Tatsachen. Tatsachen, mit denen wir strategisch planen können.«
   »Unsere geologischen Erkenntnisse beruhen auch auf Tatsachen und – ich werde Ihnen zeigen, was Tatsachen sind.«
   Waltmann erhob sich. Seine Augen befanden sich jetzt auf gleicher Höhe mit Peters Augen, der saß. »Ich werde Ihnen diese Strategie an einem geplanten Umweltprojekt einmal erläutern.« Es war, als spräche er zu einem Kind. »Ich glaube, Sie haben unser Papier-Recycling-Projekt noch gar nicht verstanden. Also, wir werden aus Altpapier ein Ausgangsmaterial für die Kartonherstellung produzieren … Nun lassen Sie mich doch ausreden. Ich weiß, was Sie einwenden wollen. Sie denken, so ein Verfahren rechnet sich doch nicht. Die hierfür benötigten neuen Technologien sind zu teuer. Die Herstellungskosten sind höher, als wenn wir das billige Holz verwenden würden, das in unseren Wäldern verrottet. Stimmt alles. Aber jetzt passen Sie mal auf, warum wir dennoch investieren. Wegen des Umweltgedankens. Der Umweltgedanke ist eine Tatsache. Dieser Tatsache können sich heute weder Behörden noch Politiker verschließen. Auch wir tun es nicht. Mit Umweltargumenten setzten wir gerade neue Richtlinienverordnungen zugunsten des Recyclings durch. Und was bedeutet das? Um den Richtlinien genüge zu tun, wird der Politik gar nichts anderes übrig bleiben, als unser Verfahren zu subventionieren.« Waltmann machte ein pfiffiges Gesicht und sah sich Beifall heischend um.
   »Dabei spielt es keine Rolle, dass die neue Technologie bei Weitem mehr Energie benötigt als eine herkömmliche Kartonherstellung«, mischte sich Hauser in das Gespräch. Nur Waltmann schien seinen Sarkasmus nicht zu hören. »Es macht uns auch nichts aus«, fuhr der Sprecher der Geschäftsführung fort, »dass der benötigte Maschinenpark viel aufwendiger wird und die Gesamtbilanz letztlich negativ ist. Aber das alles geschieht ja im Namen des Umweltschutzes. Übrigens sind Subventionen nicht auch im Grafitprojekt vorgesehen?«
   Einen Augenblick herrschte Stille.
   »Auch wenn unsere neue Geschäftsleitung sich, als eine unter vielen, auf einem derzeit gängigen Markt, ein neues Zukunftsfeld erschließen möchte«, sagte Braun, »will ich doch daran erinnern, dass die Rohstoffgesellschaft in den letzten Jahren ziemlich ohne Konkurrenz ihr Geld mit Lagerstättenerwerb und Rohstoffhandel verdient hat. Eine Geschäftssparte, die nach Meinung aller Fachleute eine große Zukunft hat. Deutschland sollte dabei bleiben. Es wäre meines Erachtens leichtfertig, dieses Standbein jetzt völlig zu vernachlässigen. Rohstoffe werden mit Sicherheit immer benötigt werden. Nutzen Sie auch hier die Subventionen und unterstützen Sie wenigstens die Suche nach neuen Grafitlagerstätten. Für oder gegen einen Abbau können Sie sich im Erfolgsfall immer noch entscheiden. Zum Erfolg haben uns nicht nur hartes Kalkulieren, sondern auch Visionen geführt.«
   »Ha«, rief Waltmann. »Wir sollen Spekulationen …«
   »Wir werden heute kaum einen Konsens erreichen«, unterbrach ihn Hauser. »Wir sollten aber Herrn Braun in Madagaskar die Grundvoraussetzungen überprüfen lassen. Dann können wir uns endgültig entscheiden. Bis dahin, meine Herren, bitte ich Sie, die Diskussion sachlich zu führen. Vielen Dank für Ihren Beitrag, Herr Junger.«
   Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stand der Sprecher der Geschäftsführung auf und verließ das Besprechungszimmer. Peter merkte, wie verärgert er war.

Kapitel 5
Schüsse am Rhein-Main-Flughafen

Er beobachtete die Rolltreppe, die in die Abflughalle A des Frankfurter Flughafens führte. Ein Schwarzer, der wie ein Angehöriger der amerikanischen Streitkräfte aussah, stieg aus, ein Mann, wie man ihn überall auf Flughäfen antraf. Scheinbar gelangweilt musterte er die Fluggäste auf der Rolltreppe. Er war mit dem Zug aus Düsseldorf gekommen und hatte ein Ticket über Paris nach Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, in der Tasche. Ganz bewusst hatte er einen Platz im letzten Wagen gesucht, um schnell die Abflughalle zu erreichen. Vor Braun. Er durfte ihn nicht aus den Augen verlieren.
   Bisher schien der Geologe nichts von der Überwachung bemerkt zu haben. Der Schwarze konzentrierte sich auf die vorbeihastenden Menschenmassen. Endlich sah er die Zielperson die Treppe heraufsteigen und zu einem nahe gelegenen Kiosk gehen. Plötzlich spannte er sich an. Seine jahrelange Erfahrung ließ ihn einen jungen Mann wahrnehmen, der ungewöhnlich nervös zu sein schien, und dessen ganze Aufmerksamkeit auf die anstehenden Leute vor dem Kiosk gerichtet war. Dort, wo Braun stand. Jetzt ging der junge Mann auf den Geologen zu.
   Auch er setzte sich in Bewegung. Er versuchte, ihm den Weg abzuschneiden. Keine zehn Meter trennten ihn noch von dem Mann, da zog dieser eine kleine Pistole aus dem Anorak und richtete sie auf Braun.
   Noch bevor der Kerl abdrücken konnte, schoss er. Seine Hand blieb dabei in der Jackentasche. Ein Ruck ging durch den Attentäter, nur leicht schrie er auf und stürzte. Seine Waffe schepperte über den Boden.
   Ein zweiter Mann in einem beigefarbenen Mantel zwängte sich durch die erstarrten Menschen und rannte auf Braun zu. Auch er hielt eine Pistole in der Hand. Der Schwarze drückte ein zweites Mal ab. Blut färbte den hellen Mantel, während der Mann langsam zu Boden sackte.
   Er blieb ruhig. Für ihn zählte nur sein Auftrag. Zielbewusst bewegte er sich in Richtung Treppe, um möglichst schnell zu verschwinden.

*

Peter hatte die Schüsse nahe an seinem Ohr vernommen. Noch bevor er sich umdrehen konnte, hörte er auch den Schrei neben sich. Dann brach das Chaos aus. Schreie durchdrangen die Halle, Menschen, rannten an ihm vorbei, einige ziellos, andere versuchten, die Ausgänge zu erreichen, drängten sich hinter den Kiosk oder warfen sich auf den Boden.
   Nur nicht von der Panik anstecken lassen, redete er sich ein. Was war geschehen? Ein Anschlag der PLO, der IRA? Er konnte seinen Blick kaum von dem verzerrten Gesicht des Toten abwenden, wurde aber durch einen Stoß in den Rücken weitergeschoben. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er losfliegen musste, und das in zwanzig Minuten. Er durfte nicht länger hierbleiben, nicht den Flug nach Paris verpassen. Die Sache hier ging ihn nichts an. Er musste verschwinden, bevor der Bundesgrenzschutz erschien. Lange genug hatte er unter politischen Fanatikern gelitten. Aber das war vorbei. Er wollte nichts mehr damit zu tun haben.

Kapitel 6
Die Verschwörer – Umweltangst als Waffe

»Du bist die Erste. Die anderen beiden werden wohl auch gleich hier sein«, sagte Sabine Bäumler.
   Rebekka Häberle folgte der Genossin ins Zimmer. Überrascht sah sie sich um. Bücherregale reichten auf beiden Seiten des Raumes bis zur hohen Stuckdecke, ein kleiner Sekretär füllte die Nische neben dem Fenster und von einem offenen Kamin ging wohlige Wärme aus. Um ihn gruppierten sich mehrere Ledersessel. Mein Gott, war das alles großbürgerlich. Das erinnerte sie an ihre spießig-schwäbischen Eltern, die eine spießig-schwäbische Tochter erziehen wollten, eine gebildete, musisch angehauchte, korrekte Untertanin der kapitalistischen BRD. Sie hasste ihren Vater, der als Pfarrer heuchelte, ihre Mutter, die ihre hypochondrischen Ängste auf sie übertragen hatte und sie hasste noch immer ihre Lehrer, die ihre politische Begabung ignoriert und sie mit Physik gequält hatten. Sie hasste die Menschen, die sich zu Sklaven der heiligen Industrie erniedrigten, die sie zu Konsum und Oberflächlichkeit verführten. Und, weil sie Äußerlichkeiten hasste, hasste sie auch ihre eigene Schönheit, ihre grünlichen Augen, die ihrem Gesicht einen eigenen Reiz gaben, den sie wohl wahrnahm, wenn sie in den Spiegel schaute.
   Sie betrachtete die Bücherwand. »Da muss ich erst mal den Geist des Hauses prüfen.« Sie grinste und nahm ein Buch aus dem obersten Regal. Es war von Rabindranath Tagore, dem Nobelpreisträger und großen sozialen Bahnbrecher Indiens.
   Es klingelte. Sabine Bäumler ließ Raphael von Kahler herein und bot ihm die Wange zur Begrüßung.
   Rebekka wandte sich ab und stellte das Buch zurück. Raphael umarmte sie von hinten und sie trat ihm auf den Fuß.
   »Wie begrüßt du einen alten Kampfgenossen?«, schimpfte er. »Du trittst ja um dich wie ein Bulle in Brockdorf.«
   »Hast du den auch von hinten umfasst?«
   Rebekka, die schon in der RAF aktiv gewesen war, hatte sich nach dem Freitod von Ulrike Meinhof, den sie als Mord ansah, in den Nahen Osten abgesetzt und war später nach Südfrankreich gegangen, wo sie ihre taktische Ausbildung im revolutionären Guerillakampf bei der ETA verfeinert hatte. Sie war dort der noch jungen Maria Eugenia Munagorri begegnet, die heute eine führende Rolle in ihrer Organisation innehatte. Nach Deutschland zurückgekehrt, hatte sie schnell die ideologische und taktische Leitung der zerschlagenen linken Terrorgruppe übernommen und sie unter dem Namen BAF in einen militärischen Arm der Ökobewegung umfunktioniert. Sie verfolgte die Idee, den bewaffneten Kampf nicht mehr gegen die staatlichen Instanzen des faschistischen Vierten Reiches, wie sie die BRD nannte, zu richten, sondern gegen Schlüsselfiguren des industriellen Komplexes, gegen Schreibtischtäter in der Industrie, die im Interesse von Macht und Profit das Elend von Millionen Menschen und die Zerstörung der Natur zu verantworten hatten. Die Umwelt- und vor allem die Anti-Atom-Bewegung kamen ihrer Denkweise entgegen und bei ihren Anhängern hoffte sie auch, Rückhalt für ihr radikales Vorgehen zu finden. Die Anti-Terror-Gesetz-Debatte war ihr zu Hilfe gekommen. Durch die Verschärfung des Datenschutzes und nach der Abschaffung der Rasterfahndung hatte sich das Umfeld für die BAF beträchtlich verbessert. Bei dem genauen Studium der Terroristenprozesse hatte sie von den minutiös dargestellten Fahndungsmethoden erfahren, was für sie ein Lehrstück für Kriminalistik gewesen war. Auf dieser neuen Erfahrung aufbauend, wurden kleine, voneinander vollkommen unabhängig arbeitende, revolutionäre Zellen geschaffen, die autonom operierten und nur sehr locker von der BAF geführt werden durften. Von der Existenz der BAF hatten die Parteimitglieder der ÖBD natürlich keine Ahnung, und auch ihre heutigen Gesprächspartner, die sie von zahlreichen Demonstrationen her kannte, erahnten allenfalls ihre Funktion in dieser Organisation.
   Die Frauen ließen sich in die Sessel gleiten. Von Kahler hielt jetzt Abstand und schob den Schreibtischstuhl zum Tisch. Sie alle waren gespannt. Heute sollten sie erstmals den geheimnisvollen Karl aus der DDR treffen, der seit einiger Zeit versuchte, die verschiedenen revolutionären Bewegungen der BRD zu koordinieren und diese zum Teil bereits nutzte, wie etwa Rebekkas militante BAF für Gewaltakte. Er suchte radikale Politiker wie die Bäumler, um in demokratischen Parteien Fuß zu fassen oder schleuste von seiner streng geheimen Abteilung X geschulte Aktivisten, wie von Kahler, in einflussreiche Stellen.
   Raphael von Kahler hatte zur linken Szene Göttingens gehört. Obwohl ehemals Mitglied im Bund Deutscher Kommunisten und Aktivist bei militanten Aktionen wie Brockdorf oder Startbahn West hatte die Abteilung X ihn in den ÖBD einschleusen können, in der er als einer ihrer Sprecher fungierte. Seit Kurzem war er sogar in eine leitende Stellung bei der Ökoinitiative Wissenschaft und Technik in Marburg aufgerückt. Wären seine ehemaligen engen Kontakte zur DDR bekannt geworden, hätte das für die parlamentarischen Ambitionen des ÖBD katastrophale Folgen gehabt.
   Sie warteten also neugierig auf den geheimnisvollen Mann, den noch keiner der Anwesenden zu Gesicht bekommen hatte.
   »Nun, hast du deinen besorgten Bürgerinnen wieder ordentlich Angst gemacht?«, wandte sich von Kahler grinsend an Sabine.
   »Berechtigte Angst.«
   »Nun ja.«
   »Was heißt, nun ja?«, ereiferte sie sich. »CO2-Ausstoß, Luft- und Meeresverschmutzung, die Erderwärmung, der Anstieg der Meeresspiegel, die Klimakatastrophe …« Sie war dabei, ihren Vortrag auch hier zu wiederholen.
   Von Kahler grinste immer noch. »Komisch, dass im Rheingau des neunten Jahrhunderts die Trauben schon im Sommer verdorrten. Damals blühten manchmal bereits im Januar die Bäume. Oft gab es sogar zwei Kirsch- und Weinernten. Und das ganz ohne Autoverkehr.«
   »Willst du die Klimakatastrophe etwa abstreiten?«
   »Klimaschwankungen hat es schon immer gegeben und wird es auch weiterhin geben. Bis heute kann kein ernsthafter Wissenschaftler zwischen natürlichen und von Menschen verursachten Ursachen unterscheiden.«
   »Das sagst du als Mitarbeiter der Ökoinitiative Wissenschaft und Technik? Es ist doch eindeutig gesichert, dass die Kohlendioxidemissionen …«
   »Klar. Dein Kohlendioxid beeinflusst das Klima. So wie Wasserdampf und andere Gase auch. Aber wie sehr? Zu fünf, zwanzig oder auch vierzig Prozent? Wer will das voraussagen? Wie lange beobachtet man schon das Klima?«
   »Wir müssen von den wenigen Daten ausgehen, die uns zur Verfügung stehen.«
   »Nun, die Geologen überblicken zumindest Jahrtausende. Es gab immer phasenweise Veränderungen der Temperatur, und Eisbohrungen in der Arktis zeigten, dass sie zwar mit einer naturgemäßen CO2-Vermehrung einhergingen, dass sie aber in Abkühlungsphasen auf ebenso natürlichem Weg wieder verschwanden.«
   »Aber nun bringen die Schadstoffemissionen das Fass zum Überlaufen. Die Natur ist überfordert.«
   »Das ist eine Behauptung, für die die Beweise fehlen.«
   »Aber die Temperaturen steigen an, das Wetter schlägt Kapriolen. Was sind denn dann nach deiner Meinung die Ursachen?«
   »Zuerst mal, meine eigene Meinung interessiert niemanden. Wir haben uns schlaugemacht, damit wir wissen, womit wir die Leute verrückt machen, der Bevölkerung Angst einjagen können. Das ist unsere Taktik. Und nun zu den Klimaschwankungen. Dafür gibt es viele Ursachen. Etwa natürliche Gründe, wie geringe, aber kontinuierliche Verschiebungen der Erdachse, Kontinentalbewegungen, Sonnenaktivitäten. Sonnenflecken und der Sonnenwind steuern lang- wie kurzfristige Klimaschwankungen. Es gibt natürlich auch von Menschen verursachte Auslöser. Zum Beispiel die Folgen von Industrialisierung und Verkehr, aber auch die seit Jahrzehnten rasante Ausweitung der Rinderherden in Südamerika und Australien oder die gewaltige Vergrößerung von Reisanbauflächen in Asien, wobei große, zusätzliche Mengen Methan in die Atmosphäre freigesetzt werden. Methan beeinflusst die Atmosphäre um ein Mehrfaches als das viel gescholtene CO2.«
   »Aber die derzeitige Erderwärmung kannst du nicht abstreiten.«
   »Ja, eine zum großen Teil natürliche Episode. Wissenschaftler gehen sogar von einer Kälteperiode in den nächsten ein- bis dreitausend Jahren aus, unabhängig davon, wie viel Kohlendioxid die Menschheit in die Atmosphäre verpufft.«
   »Ja, die Wissenschaftler …«
   »Seht ihr, denen wird nicht mehr geglaubt. Tue ich ja auch nicht immer. Und genau damit können wir punkten, können wir Panik und Angst verbreiten, ohne jemals den Beweis für die Thesen der Katastrophenapostel erbringen zu müssen. So können wir das Automobil und den Straßenbau verdammen, die Verteuerung des Benzins fordern, die Energiewirtschaft und die Kernkraft verteufeln …«
   »Hältst du etwa die Radioaktivität auch für natürlich?«, unterbrach ihn nun Rebekka, deren Lieblingsthema er angesprochen hatte. »Ist die Atomindustrie etwa natürlich? Und das Plutonium, das sie erzeugt? Willst du das schlimmste, vom Menschen je geschaffene Gift, verniedlichen?«
   »Nun, vor eineinhalb Milliarden Jahren entstand Plutonium auch in der Natur. Die Kernreaktionen liefen in Wasser führenden Sandsteinen ab, in natürlichen Reaktoren sozusagen. Und sie produzierten Atommüll, tonnenweise Plutonium und …«
   »Vor eineinhalb Milliarden Jahren. Da gab es keine Menschen, die verstrahlt werden konnten. Die Menschen haben keine eineinhalb Milliarden Jahre Zeit, bis sich die Strahlung abgebaut hat. Die sterben heute.«
   »An Alkohol und an zu fettem Essen gehen jeden Tag mehr Deutsche drauf als jemals durch deutsche Reaktoren abkratzen werden«, erwiderte von Kahler und grinste. »Aber ich habe nichts dagegen, wenn ihr an diese Gefahren glaubt. Denn Kernenergie ist der optimale Angstmacher. Uran, Atom, Atombombe, Strahlung, Leukämie. Da ergeben sich die Assoziationen von selbst. Mit Strahlenangst kann man die Bürgermassen in die Hysterie treiben. Tschernobyl war ein Glücksfall für uns. Das müssen wir nutzen.«
   »Du bist zynisch.« Sabine war erregt.
   »Ach was. Der Reaktor in Tschernobyl war ein wassergekühlter, grafitmoderierter Druckwasserreaktor, der primär nicht zur Energieerzeugung betrieben wurde, sondern zur Herstellung von Plutonium. So ein veraltetes Ding ist tatsächlich gefährlich, was man schon seit der Havarie von Calder Hall in Wales weiß. In der BRD dagegen gibt es nur Leichtwasserreaktoren, ausschließlich zur Energiegewinnung. Das Prinzip ist vollkommen anders. Du vergleichst ja auch nicht einen Verbrennungs- mit einem Elektromotor, nur weil beide mit dem Wort Motor enden. Oder?«
   »Lass den Quatsch!«
   »Langfristig gibt es jedenfalls keine Alternative zur sauberen Kernenergie«, fuhr von Kahler unbeirrt fort. »Gerade euer Umweltschutz würde einen Ausstieg verbieten. Aber für uns ist diese Tatsache irrelevant. Denn unser einziges Motiv für den Kampf gegen die Atommafia ist die Schädigung der Wirtschaftsmacht der BRD – und nicht, weil die deutschen AKWs unsicher sind. Kapiert?«
   »Und das Restrisiko? Willst du das auch abstreiten?« Rebekka hatte sich erhoben.
   »Ja, ja, das Restrisiko. Plötzlich tut sich die Erde auf und …«
   »Bei uns wohl nicht. Aber ein totaler Stromausfall, der das Kühlsystem lahmlegt, ein Flugzeugabsturz, ein Terrorakt …«
   »Keine schlechte Idee, so ein Terrorakt. Wäre die BAF dazu in der Lage?« Von Kahler schmunzelte.
   »Idiot. Denkst du, wir wollen uns selbst verstrahlen?«
   Von Kahler lachte laut. »Nun ja, einen Super-GAU zu inszenieren, das würde ich selbst euch nicht zutrauen. Aber so ein kleiner Störfall, den man aufbauschen könnte, läge der vielleicht drin?«
   Rebekka kämpfte mit ihrer Erregung und setzte sich wieder. »Zurzeit nicht«, sagte sie betont nüchtern. »Die Action Directe hat in Frankreich so einen Sabotageakt versucht, ist aber zum Glück gescheitert.«
   »Zum Glück?«
   »Es ist zu gefährlich. Du glaubst doch nicht, dass ich mich auch nur in die Nähe eines Atommeilers begeben würde?«
   »Tja, die Angst vor Strahlen – und vor dem Restrisiko.« Von Kahler lachte wieder. »Von mir aus könnt ihr den Atomausstieg gern wegen eines geringen Restrisikos erzwingen. Hauptsache, das Ergebnis ist in unserem Sinne.«
   Das Telefon läutete. Sabine nahm ab, straffte sich und gab den Hörer an Rebekka.
   Sie horchte. »Wieso zwei Tote?«, entfuhr es ihr. »Wir hatten doch nur einen Mann.« Sie kaute noch auf den Lippen, nachdem sie aufgelegt hatte.
   Die anderen sahen sie gespannt an.
   »Das war unser geheimnisvoller Karl. Er kommt doch nicht. Ist verhindert.« Was sie soeben erfahren hatte, konnte sie den anderen nicht sagen. Sie wussten nichts von dem geplanten Attentat auf den Geologen. Es war gescheitert. Erstaunlich, dass Karl das noch vor ihr wusste. Ließ er die Aktivitäten der BAF überwachen? Er hatte sehr verärgert geklungen und gefordert, das Grafitprojekt unter allen Umständen zu verhindern. Ein umweltfreundliches Auto würde ihnen die beste Waffe gegen die mächtigste Industrie der BRD aus der Hand schlagen, hatte er gemeint.

Kapitel 7
Der Agent aus Israel

Das Gebäude des internationalen Flughafens Ivato in der Nähe von Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, war im traditionellen Stil des Inselstaates gebaut. Drei hohe Giebeldächer gaben dem Bau ein massiges, aber doch dörfliches Aussehen. Die meisten Passagiere betraten es achtlos. Sie waren mit ihren Gedanken wohl bereits bei ihren Familien oder Geschäften.
   Peter Braun reihte sich in eine der Warteschlangen ein. In der Gruppe neben ihm überragte ein großer, kräftiger Schwarzer die Menge. Er hatte kurz geschnittenes Haar und sah wie ein amerikanischer GI aus. Als sich ihre Blicke trafen, wandte sich der Mann betont gleichgültig zum Fenster. Hatte er ihn beobachtet? Er war sicherlich kein Madagasse, das konnte Peter sehen. Der Kerl war viel größer, hatte auch keine asiatischen Züge, wie viele der Einheimischen um ihn herum. Er verhielt sich auch sonst anders, schien ruhiger und selbstbewusster als er es von Afrikanern gewohnt war. Wahrscheinlich war er Amerikaner, eventuell auch ein farbiger Brite.
   Er hatte Zeit für solche Betrachtungen, denn er wartete bereits über eine halbe Stunde, und es war nicht abzusehen, wann er endlich an die Reihe kam. Seine Blicke kehrten immer wieder zu dem Schwarzen zurück. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Mann, der gerade auf die Uhr blickte, nicht in diese Umgebung passte. Er hielt, wie Peter jetzt erkennen konnte, einen britischen Pass. Also doch ein Engländer.

Endlich war er an der Reihe. Ein Polizist führte ihn zu einer Bretterwand, die in Bauchhöhe einen Schlitz aufwies. Eine braune Hand nahm seine Devisendeklaration und seinen Pass in Empfang. Nach fünf Minuten kam das Dokument wieder zum Vorschein. Niemand hielt ihn mehr auf. Er ging die Treppe in die von Menschen wimmelnde Halle hinab. Sein Koffer lag neben dem einzigen Förderband am Boden. Nach einer gründlichen Gepäckkontrolle trat er auf die Straße.

Mehrere Männer, die eben noch an alten und zerbeulten Mietwagen gelehnt hatten, sprangen auf ihn zu, schrien wild gestikulierend »Taxi, Taxi.« Einer ergriff einfach sein Gepäck und schleppte es an den fluchenden und schimpfenden Kollegen vorbei zu seinem ramponierten Fahrzeug.
   Peter ließ es lächelnd geschehen, zwängte sich in den klapprigen Renault und ließ den Fahrer wissen, dass er zum Hotel de France wollte. Er blickte zurück und sah, wie sein schwarzer Reisegefährte dem Besitzer eines zerbeulten Simcas Anweisungen gab.

*

Christopher van der Boren hatte den Geologen beobachtet. Er nahm sich vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Er war dem Deutschen offensichtlich aufgefallen.
   »Bleib hinter dem Renault, der gerade mit dem Vazaha losgefahren ist«, sagte er zu dem Fahrer des Simcas.
   »Wenn mein Auto das schafft … kann es ja versuchen.«
   »Los! Versuch es! Bekommst auch ein gutes Trinkgeld.«
   Der Renault fuhr langsam vor ihnen her. Es war noch früh am Morgen. Sie kamen durch einen kleinen Ort mit den typischen doppelstöckigen Häusern, Balkonen und Giebeldächern. Alles sah sehr ärmlich aus, keine neuen Gebäude, keine frischen Farben. Auf beiden Seiten der engen Straße drängten sich die Menschen. Nur mit Mühe kamen sie in dem dichten Verkehr voran. Bevor die große Hitze kam, mussten die Leute ihre Arbeit erledigt haben. Die morgendliche Geschäftigkeit, die für Afrika so typisch ist, erinnerte ihn an seine Jugend in Schuckmannsburg in Namibia, ein kleines Grenzdorf am Sambesi im östlichen Ende des Caprivizipfels.
   Sein Vater, Dirk van der Boren, ein südafrikanischer Militär jüdischer Abstammung, hatte es gewagt, Tiluto, eine schwarze Schönheit von der anderen Seite des Sambesi, zu lieben. Gemischtrassige Ehen waren damals verboten. Seine Eltern hatten viele Demütigungen zu ertragen, bevor sie schließlich mit ihrem einzigen Kind nach Israel auswanderten. Dort kam er in den Genuss einer guten Erziehung. Um sich trotz seines Mischlingsstatus eine berufliche Karriere zu ermöglichen, ließ er sich nach einer harten militärischen Ausbildung einer Elitetruppe der israelischen Armee zuteilen. Dort erkannte man schnell seine analytische Intelligenz und Sprachbegabung, aber auch seine Härte und Kaltblütigkeit bei schwierigen Einsätzen. Nach weiteren vier Jahren theoretischer Ausbildung wurde er für die Erledigung von Spezialaufgaben abgestellt.
   Ein Stoß schreckte Christopher aus seinen Gedanken auf. Die bisher recht gute Straße wurde mit zunehmender Nähe zur Stadt schlechter. Der Fahrer war hauptsächlich damit beschäftigt, den zahlreichen Schlaglöchern auszuweichen. Dem Fahrer vor ihnen ging es genauso und somit bestand keinerlei Gefahr, den deutschen Geologen aus den Augen zu verlieren.
   »Hier liegt das Hilton, das beste Hotel in Tana«, sagte der Fahrer. »Der Vazaha scheint aber nicht dort abzusteigen. Sie biegen nach links ab, in die Lalana Ranaivo Jules.«
   »Folge ihnen weiter. Wird die Straße nicht besser?«
   »Wieso? Die ist doch gut. Letztes Jahr, da hätten Sie sie sehen sollen. Ich glaube, der Vazaha will ins Hotel de France.«
   Menschen, Pferdefuhrwerke und Rikschas drängten sich vor ihnen, dass sie nur im Schritttempo vorwärtskamen. Dazu musste der Fahrer unter ständigem Hupen die Menschen leicht anfahren und zur Seite schieben.
   »Gibt es ein anderes Hotel in der Nähe des de France?«, fragte van der Boren.
   »Das Hotel Terminus an der unteren Ecke der Araben ny Fahaleovantena, direkt am Bahnhof, nur zweihundert Meter entfernt.«
   »Gut, fahre mich dahin.«
   Der Renault, in dem der Deutsche saß, hielt tatsächlich vor dem Hotel de France.
   Christopher beobachtete ihn, wie er in dem Hoteleingang neben dem Straßencafé verschwand, und ließ sich zum Hotel Terminus bringen.

Die schmale, mit einem durchgetretenen Teppich bedeckte Treppe brachte ihn in den ersten Stock. Als er die Tür zu seinem Zimmer mit dem verbogenen Schlüssel öffnete, schlug ihm die drückende Schwüle eines nur selten gelüfteten Raumes entgegen. Abgestandener Zigarettenrauch hing in der Luft. Durch sein schäbiges Mobiliar wirkte der Raum bedrückend.
   Van der Boren war müde. Die Aktion am Rhein-Main-Flughafen, das Warten bei der Zwischenlandung in Paris und der lange Flug nach Madagaskar waren anstrengend gewesen. Nach einigem Suchen fand er in dem fensterlosen Badezimmer einen Schalter, aus dem die Drähte ohne Isolierung heraushingen. Vorsichtig schaltete er das Licht an, ging zum Waschbecken und drehte das Wasser auf. Er wusch sich das Gesicht.
   Das ehemals weiße Porzellan war vom jahrelangen Tropfen des Hahns braun gefärbt. Von nebenan hörte er das Rauschen der Toilettenspülung. Er zog sich aus, hängte seine verschwitzten Kleider an einen aus der Wand ragenden rostigen Nagel, duschte und legte sich auf das wacklige Bett.
   Er war todmüde, aber viel zu aufgewühlt, um einschlafen zu können. Die Ereignisse am Frankfurter Flughafen drängten sich immer wieder in seine Gedanken. Er hatte blitzschnell handeln müssen. Jahrelang hatte er trainiert, um auf solch unvorhersehbare Fälle vorbereitet zu sein. In Bruchteilen von Sekunden musste er Fakten akzeptieren, ihre Auswirkungen analysieren und die notwendigen Konsequenzen emotionslos umsetzen. Nur so konnte er die vorgegebenen Ziele erreichen und – überleben.
   Nicht im Entferntesten hatte er geahnt, was da auf ihn zukommen würde. Man hatte ihm diesen Beobachtungsjob angeboten, damit er Abstand zu seinem letzten Einsatz gewinnen konnte. Den hatte er in Angola aufseiten der Unita von Sawimbi als israelischer Beobachter durchgeführt. Gegner der Unita war die Umkhonto we Sizwe, der militärische Arm der südafrikanischen Widerstandsbewegung ANC in Sambia gewesen. Er hatte Schlimmes erlebt und erfolgreich überstanden.
   Um ihn auf seinen jetzigen Auftrag vorzubereiten, war er in eine der Kommandozentralen der Armee in der Nähe von Tel Aviv berufen worden. Das war ein unauffälliges Gebäude in einem streng bewachten Sperrgebiet. Hier galt die höchste Sicherheitsstufe. Als Korporal hatte er bisher nicht zu der auserlesenen Gruppe derer gehört, die das innerste Heiligtum eines Geheimdienstzentrums betreten durften. Immer hatte man ihn in dezentrale Außenbüros des Geheimdienstes oder der Armee gerufen, um ihn dort über Spionageeinsätze oder sonstige Aufträge zu informieren.
   Der Kommandant der Zentrale Schlomo Yisai hatte ihn mit einem kräftigen Handschlag begrüßt. »Korporal van der Boren, nett, Sie zu sehen. Das letzte Mal, als wir uns getroffen haben, kamen Sie gerade von einem Einsatz aus Mosambik zurück. Das ist genau zwei Jahre her. Stimmt´s?«
   »Korrekt.«
   »Darf ich Ihnen den Staatssekretär vom Ministerium für Verteidigung, Herrn Riskin vorstellen?«
   Erst jetzt hatte er den in Zivil gekleideten Mann bemerkt, der ihn überrascht angeblickt hatte, ihm dann aber, ohne aufzustehen oder ihm die Hand zu geben, nur flüchtig zunickte. Die Ablehnung des Staatssekretärs hatte er fast körperlich gespürt. Ganz offensichtlich schien der Politiker überrascht, dass für einen derart wichtigen Auftrag ein »Neger« eingesetzt wurde. Nun, van der Boren kannte solche Vorurteile. Für das Militär aber zählte Gott sei Dank nur Qualität.
   »Sie sind mir von unserem Sicherheitsdienst als absolut vertrauenswürdig genannt und deshalb für diesen Auftrag ausgewählt worden.« Die Worte des Staatssekretärs klangen missbilligend. »Sind Sie auch zur höchsten Geheimhaltung imstande?«
   Christopher ließ seine aufsteigende Wut nicht erkennen. »Selbstverständlich. Darf ich wissen, um was es geht?«
   »Ja. Aber wie gesagt, strengste Geheimhaltungsstufe. Unsere Ingenieure entwickeln zurzeit einen Mini-Atom-Reaktor auf Basis Kugelhaufen, der, wenn alles plangerecht abläuft, für die Hochtemperaturerzeugung eingesetzt werden kann.«
   »Nicht für militärische Zwecke?«
   »Kein Kommentar.«
   »Verstanden, Sir.«
   »Wir gehen davon aus, spätestens in einem Jahr den Prototyp einer Anlage am Laufen zu haben. Allerdings nur, wenn es uns gelingt, einen bestimmten Rohstoff zu beschaffen, über den unser Land nicht verfügt.«
   »Um was für einen Rohstoff handelt es sich?«
   »Um Grafit. Und zwar eine ganz bestimmte Art von Grafit, die für eine spezielle Technologie unverzichtbar ist. Wir brauchen dieses Material so schnell wie möglich.«
   »Kann man das nicht unauffällig auf dem Weltmarkt kaufen? Niemand könnte herausfinden, wofür wir das Material benötigen.«
   Schlomo Yishai schaltete sich ein. »Die Qualität des angebotenen Materials entspricht nicht unseren Anforderungen.«
   »Sie sehen unser Problem.« Der Staatssekretär seufzte. »Die technischen Schwierigkeiten haben wir gelöst, verfügen aber nicht über die notwendigen Mengen an Flockengrafit. Kleinere Lots könnten wir auf dem sehr transparenten Weltmarkt kaufen, nicht jedoch größere Mengen. Die Stabsabteilung Auslandsinformation bekam deshalb, natürlich ohne Angabe von Gründen, den Auftrag, die derzeitige Grafitproduktionssituation weltweit zu prüfen. General Yishai wird Sie über das Ergebnis unterrichten.«
   Der General wandte sich an van der Boren. »Unsere Recherchen ergaben, dass die Produzentenländer ihre Vorkommen dieses qualitativ hochwertigen Rohstoffes weitgehend abgebaut haben. Zumindest reichen sie kurzfristig nicht für die von uns benötigten Mengen. Aber wir hatten Glück. Wir fanden heraus, dass der deutsche Automobilhersteller DAF unter strenger Geheimhaltung einen Keramik-Grafit-Motor entwickelt, für den die gleiche Grafitqualität benötigt wird. Wenn der Motor in Produktion geht, benötigt DAF große Mengen dieses Stoffes.
   »Die Deutschen wissen, wie sie an den Stoff kommen?«, fragte van der Boren.
   »Vor einer Woche erhielten wir die Nachricht aus Bonn«, fuhr der Staatssekretär fort. »Das westdeutsche Ministerium für Forschung und Technologie hat in Absprache mit DAF einen Lagerstättenspezialisten ausgewählt, der sich mit dem Problem der Rohstoffbeschaffung auseinandersetzen soll.«
   »Das heißt, DAF will neue Lagerstätten finden und entwickeln?«
   »Richtig. Deshalb der Geologe.«
   »Und diese Lagerstätten will Israel, sobald sie gefunden sind, vertraglich an sich bringen und abbauen?«
   »Natürlich nicht«, wehrte der Politiker ab. »Israel wird von der Welt streng beobachtet. Ein derartiges Unternehmen würde sofort den allseits geäußerten Verdacht auf eine atomare Aufrüstung unseres Landes verstärken. Die Folgen wären nicht auszudenken.«
   »Was ist meine Aufgabe?«
   »Ihre Aufgabe wird sein«, sagte der General, »diesen Spezialisten zu beobachten, die notwendigen Informationen geheimdienstlich zu sammeln und herauszufinden, worin das Ergebnis seiner Expertise bestehen wird. Dann können wir entscheiden, ob es Sinn macht, uns dranzuhängen, oder ob wir nach neuen Lösungen suchen müssen.«
   »Uns schwebt vor«, ergänzte der Staatssekretär, »immer vorausgesetzt, der Geologe hat Erfolg, die Deutschen das Bergwerk betreiben zu lassen und dann, natürlich streng geheim, DAF einen Teil der Produktion abzukaufen.«
   »Aber macht sich Israel dann nicht von einer ausländischen Bergwerksgesellschaft abhängig?«
   »Für den Anfang wird sich dies nicht vermeiden lassen. Aber das Risiko lässt sich minimieren. Die Deutschen werden nicht wissen, wofür wir das Material brauchen.« Der General grinste. »Wir werden ebenfalls einen Keramik-Grafit-Motor entwickeln. Zuerst nur zur Tarnung. Vielleicht wird ja tatsächlich ein wirtschaftliches Projekt daraus. In jedem Fall gibt uns der umweltfreundliche Motor die Möglichkeit, mit den Deutschen auf diesem Gebiet zusammenzuarbeiten. Die sind natürlich sehr zurückhaltend, was ihr neues Projekt angeht. Aber da werden sich Wege finden lassen. Dann kann genügend Grafit nach Israel geliefert werden. Davon können wir die notwendigen Mengen leicht abzweigen. Ich bin sicher«, fuhr der General mit einem Seitenblick auf den Staatssekretär fort »Korporal van der Boren wird diesen Auftrag wie immer hervorragend erledigen. Er ist einer unserer fähigsten Agenten.«
   Der Politiker hatte die Augen geschlossen. Wollte er den »Neger« nicht ansehen, hatte sich Christopher gefragt und in sich hineingegrinst.

Nun lag er auf dem schäbigen Bett im Zimmer seines Hotels in Antananarivo und schüttelte den Kopf. Wie weit hatte sich die Realität bereits vom ursprünglichen Plan entfernt. Wer hätte damals ahnen können, dass die simplen Beobachtungen eines Wissenschaftlers ein Attentat mit zwei Toten mit sich bringen und auf einer Insel im Indischen Ozean enden würde? Enden? Seine langjährige Erfahrung als Agent ließ ihn ahnen, dass dies erst der Beginn war.

Kapitel 8
Die Regierungsvertreter in Antananarivo –
ein Mädchen gegen Bezahlung

Peter sah durch das Hotelfenster auf das farbenprächtige morgendliche Treiben. Zwischen den alten, meist französischen Autos, die wild hupend vorbeifuhren, liefen die Einheimischen kreuz und quer über die Straße. Sie erinnerten ihn an Afrika und Südamerika. Diese Menschen waren nicht träge oder faul, wie viele Touristen glaubten. Er wusste, dass sie lebendig und aktiv waren, zu ihrer Arbeit eilten, um ihre Familien durchzubringen, zum Markt, wo sie um die besten Angebote kämpften oder sie strebten zur Schule, stets begierig, Neues zu lernen. Das war nicht anders als in Europa, nur das Bild schien einer anderen Welt zu entstammen.
   Peter schloss das Fenster. Er stieg die knarrende Treppe zur Rezeption hinunter, an der eine ältere Dame stand, sicherlich eine Französin, der das Hotel wohl gehörte. Sie erklärte ihm umständlich den Weg zum Ministerium. Als sie merkte, dass dies nicht zum Ziel führen würde, rief sie einen kleinen Jungen von der Straße und bat ihn, dem Fremden, den Weg zu zeigen.
   Vor dem Präsidentenpalast schlug der kleine Führer einen respektvollen Bogen um die Militärwachen, eilte weiter durch ein Gässchen bis zur Ravelomoria Straße. Dort hob sich das Ministerium durch sein hohes Giebeldach von den angrenzenden Häusern ab. Der Junge zeigte mit dem Finger auf den Eingang, nahm mit einem strahlenden Lächeln das Trinkgeld und war im Nu verschwunden.
   Er trat in das Gebäude. Reger Publikumsverkehr schien auf Bürgernähe hinzudeuten. Mit einiger Mühe fand er das Sekretariat des Ministers. Von dort geleitete ihn eine Sekretärin in das noch leere Verhandlungszimmer.
   Er musterte den durch seine Wandschnitzereien fremd anmutenden Raum. Es war schwül. Eine Klimaanlage oder einen Ventilator gab es nicht. Deshalb setzte er sich an das kleine Fenster, von dem er einen wunderbaren Blick auf den in der Ferne flimmernden Königspalast hatte.
   Der Sitzungstermin mit den Regierungsvertretern war festgelegt. Tags zuvor hatte er telefonisch dem Ministerium für Industrie, Bergbau und Energie seine Ankunft mitgeteilt und sich dabei auf sein Telefax bezogen, in dem der Termin vorgeschlagen worden war. Trotz seiner ursprünglichen Skepsis schien sein Programm gut anzulaufen.
   Fünf Herren unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster Hautfarbe traten ein. Jeder schien einer anderen Rasse anzugehören. Sie kamen nacheinander auf ihn zu und schüttelten ihm freundlich die Hand.
   »Benjamin Ratsifandrihamanana, Vertreter des Revolutionsrates«, stellte sich ein tiefschwarzer großer Mann mit ernstem, rundem Gesicht vor. Er war wohl ein typischer Cotier von der Ostküste. Die Pupillen seiner dunklen wässrigen Augen entsprachen der Farbe seiner Haut. »Bonjour Monsieur, bienvenue en Madagaskar. Ich hoffe, wir lernen uns schnell kennen, um dann zügig zu klären, ob eine Zusammenarbeit für uns von Interesse ist.« Er trug einen hellen, kurzärmeligen Tropenanzug mit Maokragen, korrekt nach dem sozialistischen Vorbild der Volksrepublik China.
   Henri Rakotozafimanheri, der Präfekt aus dem Distrikt Toamasina, wo die bedeutendsten Grafitlagerstätten Madagaskars lagen, folgte dem Vertreter des Revolutionsrates. Er machte auf Peter eher den Eindruck eines Händlers aus der Provinz. Er war hellhäutig und hatte die Gesichtszüge eines Europäers.
   Ein Mann im schwarzen Anzug und mit dezent gestreifter Krawatte war Rechtsanwalt Albert Rakoto-Ratsimanga. Seine asiatischen Gesichtszüge, das lange schwarze Haar und seine kleine Statur ließen in ihm den typischen Hochländer vermuten. Vermutlich hatte er in Paris studiert und war ein routinierter Verhandlungspartner.
   Ein untersetzter Herr trat nun auf ihn zu. Er war der Staatssekretär des Ministeriums für Industrie, Bergbau und Energie. »Es freut mich, Sie im Namen des Ministers begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Aristide Ramandraivononona«, stellte er sich vor.
   Zuletzt begrüßte ihn ein kleiner, drahtiger Mann, der an einen portugiesischen Landarbeiter aus dem Nordosten Brasiliens erinnerte. Er trug über einer einfachen Hose ein offenes Kakihemd. Er mochte etwa in seinem Alter, vielleicht etwas jünger sein.
   »Und ich bin Jose Ramanankirahina, Geologe von Beruf. Ich soll die Regierung fachkundig beraten«, sagte er. »Nennen Sie mich einfach Jose. Ihr Europäer könnt euch ja unsere madagassischen Nachnamen doch nicht merken.«
   »Vielen Dank, Monsieur Jose. Das dürfte mir die Verhandlungen sicher sehr erleichtern«, erwiderte Peter lächelnd. Rama – Rako – Ratsifazi, er hatte verzweifelt versucht, sich auch nur einen der Namen zu merken und beschlossen, nur die Vornamen und Funktionen der Herren in seinem Hirn zu speichern. Aber wie sollte er sie ansprechen?
   »Lieber Herr Dr. Braun«, eröffnete Benjamin, der tiefschwarze Vertreter des Revolutionsrates, die Gesprächsrunde. »Ich begrüße Sie nochmals recht herzlich im Namen der Volksrepublik Madagaskar. Nach den uns überreichten Unterlagen zeigen Sie Interesse an madagassischem Grafit. Vielleicht schildern Sie uns, worum es sich dabei im Einzelnen handelt.«
   Peter bedankte sich für die prompte Bereitschaft zu dem Treffen und die gute Planung und überreichte den Männern eine Broschüre seiner Rohstofffirma.
   »Wie Sie der Broschüre entnehmen können, suchen und entwickeln wir weltweit neue Rohstoffquellen«, erläuterte er. »Nach unserer Einschätzung dürften künftig gerade die madagassischen Grafitlagerstätten für ganz spezielle Technologien hochinteressant werden. Deshalb möchten wir uns schon heute entsprechende Lagerstätten sichern.«
   »Zurzeit gibt es bei uns vier Gesellschaften, die Flockengrafit unterschiedlichster Qualität produzieren«, sagte Aristide Ramandraivononona, der Staatssekretär. Sie sind in festen Händen. Wo sehen Sie da eine Chance für Ihre Firma?«
   Braun verteilte Kopien seiner vorbereiteten Tabellen. »Vor einigen Jahren produzierte Madagaskar ungefähr zwanzigtausend Tonnen Grafitkonzentrat bester Qualität«, sagte er. »Heute sind es weniger als zehntausend. Und sie sind nur von mittlerer Qualität. Grafitproduzenten anderer Länder, hauptsächlich solcher in China und Brasilien, haben Ihren Markt übernommen.«
   »Wir wissen das. Aber wir sind nicht bereit, unsere Bodenschätze zu den Dumpingpreisen der Chinesen zu verschleudern. Sie gehören dem Volk. In seinem Interesse können wir das nicht verantworten«, erwiderte Benjamin.
   »Hinzu kommt noch ein anderes Problem«, sagte der Staatssekretär. »Unsere Erzreserven sind bald erschöpft. Erschwerend ist, dass als Folge extremer Devisenknappheit unsere Grafitgesellschaften an einem großen Mangel an Ersatzteilen leiden. Schon aus rein technischen Gründen können wir die gewünschten Konzentratqualitäten nicht liefern.«
   »Dies ist uns bekannt«, meinte Peter.
   »Und nun wollen Sie die Produktion aus den erschöpften Lagerstätten noch steigern«, sagte der Vertreter des Revolutionsrates ironisch. »Also, was haben Sie für Vorschläge?«
   »Unsere Recherchen haben gezeigt, dass der geologische Aufbau der Gebiete westlich der heutigen Produktionsbetriebe kaum bekannt ist, sich aber nicht wesentlich von denen im Osten unterscheiden dürfte. Allerdings ist die Infrastruktur weiter westlich sehr viel schlechter. Das stimmt doch, oder?«
   »Sie haben recht. Das Gebiet ist schroff und unzugänglich.« Der Präfekt des Grafitgebietes Toamasina, Henri Rakotozafimanheri äußerte sich zum ersten Mal. »Fahren sie fort.« Er klang sachlich und kurz.
   »Meine Überlegungen basieren auf der Hypothese, dass es weitere Lagerstätten in den unzugänglichen Gebirgsregionen gibt.«
   »Und wie kommen Sie zu dieser gewagten Annahme?«, unterbrach ihn Aristide.
   »Ich habe die Satellitenbilder dieses Gebietes eingehend analysiert. Die Bilder wurden elektronisch aufgelöst und dabei in verschiedene Spektralbereiche zerlegt. Bei der Interpretation der Abzüge hat sich gezeigt, dass sich die geologischen Strukturen weiter nach Südwesten fortsetzen.«
   »Kann man das so genau erkennen?«, fragte Aristide ungläubig.
   »Bei der Infrarotbild-Darstellung benutzt man eine indirekte Methode. Da grafitreicher Boden weniger fruchtbar ist als normaler, ist die Vegetation dort spärlicher. Das lässt sich an den divergierenden Farbtönen erkennen.« Peter nahm zwei Farbfotografien aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch.
   Seine Gesprächspartner beugten sich interessiert über die Bilder.
   »Hier, das sind die bereits bekannten Grafitlagerstätten.« Mit einem Bleistift deutete er auf die verschiedenen Farbschattierungen, die deutlich zu erkennen waren. »Das sind die heute fast ausgeerzten Grafitgruben. Sehen Sie den blau-rosa Streifen, der von der einen Grube zur nächsten führt?«
   »Ja, ganz deutlich.« Die Stimmen der Madagassen klangen plötzlich erregt.
   »Dies ist der Verlauf des Erzbandes«, erklärte er. »Dort ist die Vegetation nur schwach geschädigt.«
   »Das bedeutet«, sagte der Staatssekretär, »dass zwischen den beiden Gruben noch Grafiterz liegt.«
   »Das stimmt. Aber wahrscheinlich ist die Kohlenstoffkonzentration des Erzes nicht hoch genug, um einen wirtschaftlichen Abbau zu rechtfertigen.«
   »Okay, das habe ich verstanden. Machen Sie weiter.«
   »Verfolgt man diesen dünnen, aber gut sichtbaren rosa Streifen nach Südwesten in das unberührte, gebirgige Dschungelgebiet, wo keinerlei Rodungen zu sehen sind, also auch kaum Menschen leben dürften …«
   »Herr Dr. Braun«, unterbrach ihn der schwarze Benjamin, »wollen Sie damit andeuten, dass in dem Distrikt von Toamasina weitere, heute noch nicht bekannte Flockengrafitvorkommen auftreten könnten?«
   »Ja, alles spricht dafür. Welche Qualitäten und Mengen von Grafiterzen tatsächlich vorhanden sind, muss allerdings vorerst noch offen bleiben. Nur eine Geländebefahrung kann hier weitere Informationen liefern.«
   »Vielen Dank, Herr Dr. Braun. Das sind ja hochinteressante Neuigkeiten«, sagte der Staatssekretär und wandte sich seinen Landsleuten zu. Sie redeten erregt durcheinander, vor allem Jose, Peters madagassischer Geologenkollege, der sich während der Verhandlung still verhalten hatte, führte das Wort, von dem Peter, da es in der Landessprache geführt wurde, nichts verstand.
   »Und wie stellen Sie sich das weitere Vorgehen vor?«, wandte sich schließlich der Staatssekretär an Braun. »Wäre Ihre Firma bereit, die risikoreiche und teure Exploration zu finanzieren?«
   »Wir sind bereit, das Risiko auf uns zu nehmen, wenn drei Grundbedingungen erfüllt sind. Erstens muss es zwischen meiner Firma in Deutschland und der madagassischen Regierung von Anfang an eine rechtliche Absicherung für die Zusammenarbeit geben; dazu muss zweitens eine deutsch-madagassische Produktionsgesellschaft gegründet werden.
   »Und wer sind die Gesellschafter?«
   »Meine Firma und Ihre Regierung«
   »Gut. Und die dritte Forderung?«, unterbrach Benjamin Ratsifandrihamanana ungeduldig.
   »Die alleinige Vermarktung des Grafitkonzentrates durch die deutsche Muttergesellschaft. Grund dafür ist …«
   »Was soll der Blödsinn?«, rief Benjamin und sprang auf. »Ich dachte, wir reden über eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Und was schlagen Sie vor? Ausbeutung! Ausbeutung unserer Rohstoffe und deren Export zu möglichst niedrigen Preisen. Und dann wollen Sie sie weiterverkaufen – vor oder nach der Veredelung – mit einem gewaltigen Preisaufschlag. Und uns bleibt nichts. Neokolonialismus ist das! Neokolonialismus in Reinkultur. So, wie ich es erwartet habe. Dr. Braun, das ist eine Beleidigung!« Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn des kräftigen Mannes. Er nahm ein sorgfältig gefaltetes, blütenweißes Taschentuch aus der Seitentasche seines Maokittels und wischte sich das Gesicht ab. Er atmete heftig. Seine Verärgerung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
   Peter musste ihnen entgegenkommen. »Sie haben recht«, sagte er. »Normalerweise wird in einer Produktionsgemeinschaft das Produkt gemeinsam verkauft. Das birgt aber auch eine große Gefahr in sich.«
   »Welche?«
   »Das Risiko.«
   Auch Aristide, der Staatssekretär, war aufgestanden und erregt auf und ab gegangen, hatte sich aber jetzt wieder unter Kontrolle. »Wie stellen Sie sich denn die Vermarktung vor, Herr Dr. Braun?«
   »Sie werden gleich sehen, unser Angebot ist viel großzügiger, als Sie es sich nach den bisherigen Ausführungen vorstellen können.«
   »Und wie lautet Ihr großzügiger Vorschlag?«
   »Meine Firma übernimmt die gesamte Produktion und, wie ich schon sagte, auch die Vermarktung. Exklusive. Sie zahlt dafür den jeweiligen Weltmarktpreis an unsere gemeinsame deutsch-madagassische Gesellschaft. Und, da wir an einer langfristigen Versorgung mit hochqualitativem Grafitkonzentrat aus Madagaskar interessiert sind, sind wir bereit, die Übernahme der gesamten Produktion für zehn Jahre zu garantieren.«
   »Zu welchem Preis?«
   »Drei bis vier Prozent über dem Weltmarktpreis. Dabei ist Ihnen sicherlich bewusst, dass Abnahmegarantien über so lange Zeiträume äußerst ungewöhnlich sind – und eine Zahlungsgarantie über dem Weltmarktpreis ebenfalls.«
   »Warum bieten Sie das an?«
   »Weil wir das Material unbedingt brauchen. Ich glaube, das Angebot kommt Ihren Vorstellungen entgegen. Da stimmen Sie mir doch zu?«
   »Ja. Solche Garantien sind allerdings ungewöhnlich. Aber wir sind ein sozialistisches Land«, ergriff Benjamin erneut das Wort. »Bei uns geht die Macht vom Volke aus. Jegliche kapitalistisch-imperialistische Beeinflussung müssen wir daher ablehnen. Voraussetzung für eine eventuelle Zusammenarbeit ist die Respektierung unserer Gesetze und vor allem die Berücksichtigung der Richtlinien, die in der Charta der Revolution, unserem Roten Buch, niedergeschrieben sind.« Benjamin blickte Peter mit starrem, fast drohendem Blick an. »Nur unter Berücksichtigung dieser Maxime sind eine eventuelle Produktion durch ausländische Firmen und ein Export des Grafits nach Übersee möglich.«
   »Verstanden.«
   Die anderen Regierungsvertreter blickten auf den Rechtsanwalt.
   Albert Rakato-Ratismanas asiatische Gesichtszüge zeigten keine Bewegung. »Wenn unsere Gesetze respektiert werden«, meinte er, »und der politische Wille für eine solche Kooperation vorhanden ist, dann steht aus juristischer Sicht einer Realisierung des Projektes nichts im Wege.«
   Benjamin fuhr hoch. »Demnach stellt sich also die Frage, ob der politische Wille überhaupt vorhanden ist«, rief er, »und ob ein derartiges Projekt auf rein privatwirtschaftlicher, also kapitalistischer Basis bei uns erwünscht ist. Eine solche schwerwiegende Entscheidung muss dem Revolutionsrat vorbehalten sein.«
   Einige Madagassen begannen, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, sie öffneten ihre Jacken und lockerten ihre Krawatten. Auch sie schienen die Hitze zu spüren. Nur der Jurist trug noch sein elegantes Jackett geschlossen.
   Benjamin Ratsifandrihamanana zwang sich offensichtlich zur Freundlichkeit, ging auf Braun zu, streckte ihm die Hand entgegen und verabschiedete sich. »Ich werde noch an diesem Wochenende meine Kollegen im Revolutionsrat über Ihre Vorstellungen unterrichten und klären, ob dort ein Konsens erreicht werden kann. Sie hören von mir.« Er winkte den anderen Herren kurz zu und verschwand.

*

Das Hotel Terminus lag nur einige Hundert Meter vom Hotel de France entfernt, in dem Braun abgestiegen war. Van der Boren fühlte sich frisch und erholt. Morgens hatte er kurz gefrühstückt, einen flüchtigen Blick in die Tageszeitung geworfen und gegen acht Uhr sein Hotel verlassen. Er schlenderte unter den Arkaden entlang und beobachtete das Treiben des Zoma Marktes, der bis zu seinem Hotel reichte. Die Straßenhändler boten lärmend und wild gestikulierend billige chinesische und nordkoreanische Waren an.
   Er behielt den Eingang des Hotels de France unauffällig im Auge und wartete auf das Erscheinen seiner Zielperson. Da ihn der Deutsche auf dem Flughafen mehrere Male aufmerksam betrachtet hatte, wollte er ein direktes Zusammentreffen vermeiden. Als der Geologe endlich erschien, folgte er ihm bis zum Ministerium. Er blieb eine Weile in Gedanken versunken vor dem Gebäude stehen. Es konnte Stunden dauern, bis Braun herauskommen würde. Es war sinnlos, länger hier zu warten. Er sollte die Zeit lieber nutzen und sich mit der Stadt vertraut machen. Wer weiß, in welch kritische Situationen er noch geraten konnte. Da war es wichtig, seine Umgebung zu kennen.
   Er musste den Deutschen von morgens bis abends überwachen. Das war nicht besonders schwierig, aber kritisch war die Ermittlung der Gefahren, die ihm drohten. Dieser Anschlag auf dem Frankfurter Flughafen … Wer waren die Attentäter? Würden sie wieder zuschlagen? Höchstwahrscheinlich. Und Braun schien von der Bedrohung nichts zu ahnen, verhielt sich sorglos.
   Dieses Projekt, an dem der Mann arbeitete, wer war noch daran interessiert? Die politischen Kräfte im Land etwa? Wie standen sie zu Geschäftsbeziehungen mit Kapitalisten? In einer Zeit, da ein sozialistischer Bruderstaat nach dem anderen abbröckelte, war auch hier mit sehr unterschiedlichen Meinungen zu rechnen. Und der madagassische Geheimdienst? Wie war der aufgebaut? Wie aktiv war er noch, oder wie aktiv war er gerade jetzt? Und China?, Nordkorea? China war selbst Grafitproduzent. Beide Staaten hatten den Sozialismus in Madagaskar weitgehend aufgebaut. Wie weit beeinflussten sie die Politik des Landes? Würden sie einer Richtungsänderung einfach zusehen?
   Er musste den Deutschen ständig überwachen und gleichzeitig Hintergrundinformationen sammeln. Aber er war allein. Das ging nicht. Vielleicht konnte er gegen Bezahlung jemand anheuern. Nicht ungefährlich in einem Land mit gut funktionierendem Geheimdienst. Und wen sollte er kaufen? Vielleicht ein Mädchen. Gegen Barzahlung. Ein Mädchen, dem er einen fadenscheinigen Grund für die Beobachtung nennen musste. Er zögerte bei diesem Gedanken, doch ihm fiel nichts Besseres ein.
   Er kehrte in sein Hotel zurück, bestellte einen Kaffee und bat den Kellner, den Besitzer zu ihm zu schicken. Kurz darauf trat ein älterer, unrasierter Mann an seinen Tisch, offensichtlich einer jener Franzosen, die sich vor Jahren entschlossen hatten, trotz der Revolution im Land zu bleiben. Christopher forderte ihn auf, sich zu ihm an den Tisch zu setzen. »Sie wissen, ich bin seit gestern hier im Hotel. Ich mache Urlaub.«
   »Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns.«
   »O ja, alles in Ordnung. Leider kenne ich mich in Antananarivo nicht aus.« Er zögerte. »Ich dachte … nun, ich dachte, vielleicht kennen Sie ein Mädchen, das mir in den nächsten Tagen Gesellschaft leisten und die Stadt zeigen kann?«
   »Na ja, dacht ich’s mir doch.« Der Franzose sah ihn mit einem schmierigen Grinsen an. »Solche Frauen gibt es in meinem Hotel nicht.«
   »Aber Monsieur, Sie verstehen mich falsch.« Er beugte sich näher zu dem Mann, der nach Schweiß und billigem Rotwein roch. »Ich möchte jemanden treffen, der mir die Stadt zeigt – nur die Stadt zeigt. Ich werde auch bezahlen, gut bezahlen. Auch Ihnen gegenüber werde ich mich erkenntlich zeigen.«
   Das Grinsen des Wirts wurde breiter. Er roch seinen nach verfaulten Zähnen riechenden Atem. »Ah, wenn das so ist – ich verstehe schon … Ja, ich glaube, ich kenne eine. Ich werde sie fragen. Sie wird Ihnen sicher gefallen.«