Freuen Sie sich auch, wenn Sie einen Euro finden, der auf der Straße liegt? Die Freude ist deshalb umso größer, als einige Jahre in der Zukunft Tausende von Hubschraubern über allen großen europäischen Städten auftauchen und mehr als eine Milliarde 50-Euro-Noten vom Himmel herabregnen lassen. Und das ist erst der Anfang … Das unverhofft erhaltene Geld stellt die Welt aller Europäer auf den Kopf, und die ganze Welt rätselt: Wer steckt hinter der geheimnisvollen Organisation, die das möglich gemacht hat?

E-Book: 5,99 €

ePub: 978-9925-33-200-7
Kindle: 978-9925-33-201-4
pdf: 978-9925-33-199-4

Zeichen: 677.000

Printausgabe: 13,99 €

ISBN: 978-9925-33-198-7

Seiten: 424

Kaufen bei:  Amazon

Reiner Martin

Reiner Martin
Reiner Martin mit dem gleichen Jahrgang wie der Chevy 57 hat es nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Soziologie in Mainz an der Johannes-Gutenberg-Universität über Umwege nach Nauheim im Rhein-Main-Gebiet verschlagen. Dort lebt er mit seiner Familie und schreibt in jeder freien Minute an seinen Geschichten. ‚Als Autor bin ich Entertainer‘, ist sein Credo. ‚Meine Bücher müssen spannend sein … und witzig‘, ist der Anspruch an sein literarisches Oeuvre. Damit überzeugte er eine Jury von PM und Books on Demand, war 2008 mit ‚Gier‘ einer der 5 Preisträger zum Wettbewerb ‚Mein Traum‘. Über Fantasy hat es ihn in die Science-Fiction verschlagen. Die Ablehnung und die Faszination, die künstliche Intelligenz auslöst, sind sein Thema. „Besser künstliche Intelligenz als gar keine“, sagt dazu einer seiner Protagonisten.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Da (f)liegt was in der Luft

Manuel war sehr leise gewesen, aber er hatte für einen Moment vergessen, dass die vierte Treppenstufe außen knarrte.
   Donna Ines, seine Großmutter, die mit dem Buch in der Hand in ihrem Lieblingssessel eingeschlafen war, wachte von dem Geräusch auf.
   Als sie ihn erkannte, lächelte sie. »Hallo mein Junge, gehst du noch mal raus?«
   Manuel lächelte zurück und küsste seine Großmutter auf die Stirn. »Tut mir leid, Großmutter, dass ich dich geweckt habe.«
   »Schon gut, es wird eh Zeit für mich, ins Bett zu gehen. Warte …« Sie kramte in ihrer Schürze herum und holte einen zerknüllten Zehneuroschein hervor. »Hier, nimm.« Sie hielt ihm den Geldschein hin, aber er nahm ihn nicht.
   Diesmal nicht.
   »Das ist nett von dir, aber behalte das Geld. Ich brauche es heute Abend nicht.«
   »Was hast du vor?«
   »Wir gehen demonstrieren.«
   »Gut. Dann demonstrier für mich mit.«
   »Mach ich.«

*

Als ihr Enkel aus der Tür verschwunden war, seufzte Donna Ines. Eine Träne lief über ihre Wange. Manuel war arbeitslos wie jeder zweite Spanier in seinem Alter.
   Seit einem Jahr wohnte er bei ihr. Auch seine Eltern waren arbeitslos und hatten ihr Haus verloren, seit sie Zins und Tilgung nicht mehr bezahlen konnten. Jetzt wohnten sie in einer winzigen Mietwohnung mit Manuels zehnjähriger Schwester Linda.
   Manuel war ein guter Junge.
   »Wenn du immer fleißig lernst, wirst du bald einen guten Beruf haben.« Das hatten ihm seine Eltern immer gesagt, und er hatte sich daran gehalten. Er hatte einen hervorragenden Schulabschluss geschafft, aber kein Geld, um zu studieren.
   Dann halt eine andere Ausbildung.
   Aber niemand wollte ihn einstellen, obwohl er seine Ansprüche immer weiter herunterschraubte.
   Donna Ines war politisch nicht aktiv, nie gewesen. Sie verstand auch nichts von Wirtschaft. Aber sie verstand, dass irgendetwas gründlich schieflief in der Welt. Sie wusste nicht, was die ‚spanische Immobilienblase‘ war, aber sie verstand, dass diese der Ursprung der Probleme in ihrem Land war. Auf einen Schlag hatte ihr Land, das immer gut gewirtschaftet hatte, gigantische Staatsschulden. Spanien musste plötzlich mehr Steuern einnehmen, aber weniger ausgeben. Das ruinierte viele Firmen.
   Eine junge Frau oder einen jungen Mann einzustellen, wurde plötzlich zu einem unkalkulierbaren Risiko. Deshalb ließ man es. Donna Ines besaß jedoch genug Altersweisheit, um zu verstehen, warum plötzlich alles anders war.
   Gier.
   Früher musste man sich anstrengen, damit es einem besser ging. Dazu hatte man keine Lust mehr. Lieber kaufte man eine Wohnung, nur um sie wenig später mit großem Gewinn weiterzuverkaufen. Das war nicht richtig.
   Und deshalb war es auch schiefgegangen. Das war aber nicht das eigentliche Problem. Die Gesellschaft fiel auseinander. Überall auf der Welt. Es gab keine Solidarität mehr.
   Je reicher die Reichen wurden, umso weniger waren sie bereit, ihren Teil der Kosten an der Gemeinschaft zu übernehmen.
   Manuel hätte ihr sagen können, wo das Problem lag. Er hatte die Ausbildung und den Intellekt, um ihr erklären zu können, was schiefgelaufen war, aber sie fürchtete, ihr altes Hirn würde es eh nicht mehr richtig aufnehmen.

*

Manuel blieb einen Moment vor der geschlossenen Haustür stehen. Seit einem Jahr wohnte er bei seiner Großmutter in der Dachkammer ihres winzigen Hauses.
   Und nur das, und das Geld, das sie ihm zusteckte, hielt ihn davon ab, in der Gosse zu landen.
   Vielen in seinem Alter ging es wie ihm. Sie mussten sich von ihren Eltern und Großeltern aushalten lassen. Das war nicht recht. Und es machte zornig. Sehr zornig.
   Und deshalb würde er auch heute wieder auf die Straße gehen, um dagegen zu demonstrieren. Wie schon so oft.
   Er ging in den Keller, holte das Plakat heraus, das er schon so oft auf Demonstrationen hochgehalten hatte, und trat damit auf die Straße.
   Als er aus der kleinen Seitenstraße auf die Hauptstraße einbog, sah er seine Freunde fünfzig Meter vor sich. Er wollte ihnen hinterherrufen, als hinter ihm jemand seinen Namen rief.
   »Hey, Manuel.«
   Als er die Stimme hörte, trat ein Lächeln auf sein Gesicht. Er drehte sich um und sah seine Freundin Julia näherkommen. Sie war eine typische spanische Schönheit mit braunen Augen und langen, seidigen schwarzen Haaren. Seit zwei Jahren waren sie zusammen, und er war noch immer so verliebt wie am ersten Tag. Und umgekehrt war es auch so, da war er sich sicher.
   Sie umarmten sich und küssten sich leidenschaftlich.
   »Hohoho.« Auch diese Stimme kannte er. Jorge. »Soll ich eure Plakate halten, damit ihr besser knutschen könnt?«
   Julia und Manuel drehten sich um. Jorge und Julia begrüßten sich mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange. Jorge und er stießen die Knöchel ihrer rechten Fäuste aneinander.
   »Jo, was geht?«
   »Alles straight, Mann.« Anglizismen waren cool.
   Jorge war ein Freund. Er war bei jeder Demo dabei, war einer der aktivsten in ihrer Protestbewegung. Dabei hatte er am wenigsten Grund, an einer Demo teilzunehmen.
   Seine Eltern waren reich. Sie besaßen ein riesiges Weingut, das Jahr für Jahr hohe Gewinne abwarf. Ihr Haus, vor fünf Jahren von einem Stararchitekten gebaut, war so groß, dass man sich darin verlaufen konnte.
   Jorge interessierte das nicht. Er hatte sich geweigert, mit anderen reichen Kids auf ein Elite-Internat zu gehen. Er war auf die gleiche Schule gegangen, in die auch alle anderen Jugendlichen seines Alters in ihrer Stadt gegangen waren. Jetzt studierte er Philosophie an einer Uni in der Nähe. Seine ganze Freizeit aber verbrachte er mit seiner Clique in seiner Heimatstadt. Jorge war in Ordnung. Er hatte viel Geld, protzte aber nicht damit. Wenn einer seiner Kumpels etwas nicht zahlen konnte, übernahm er das so unauffällig wie möglich.
   Scherzend und schwatzend gingen sie die Hauptstraße hinunter und trafen bald auf den großen Pulk, der etwas langsamer unterwegs war.
   Die Jugendlichen, die zur Demonstration gingen, kannten sich untereinander. In San Miguel gingen fast die Hälfte zu den wöchentlichen Demonstrationen, also fast Tausend, und das seit Monaten.
   »Hallo Manuel. Hallo Julia.«
   »Hallo Raphael.«
   Raphael war der bildgewordene Protest. Zerschlitzte Jeans, ein beflecktes weißes T-Shirt, auf dem Fuck the Society stand, und auf dem kahl geschorenen Schädel einen knallroten Iro.
   Raphael lächelte Julia und Manuel an, bei Jorges Anblick verfinsterte sich sein Gesicht. Abfällig gingen seine Mundwinkel nach unten. »Warum habt ihr denn den angeschleppt? Der gehört doch zu denen, die wir bekämpfen.«
   Manuel seufzte. Dieses Gespräch hatte schon öfter stattgefunden. »Jorge gehört zu uns. Er kämpft genauso für unsere Rechte wie du.«
   »Pah.« Mehr hatte Raphael für diese Bemerkung nicht übrig. Er drehte sich zu anderen Freunden um. Das war auch besser so.
   Raphael dachte zu viel in Klassenkampfschablonen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würden sich die Leute das Geld, das sie brauchten, bei den Reichen holen. Er hatte dies schon öfter vorgeschlagen.
   Jorge anzugehen war ziemlich idiotisch von ihm. Raphaels Mutter war eine von den wenigen, die noch Arbeit hatten – im Haushalt von Jorges Eltern.
   Als Manuel, Julia, Jorge und Raphael mit den anderen vor dem Rathaus ankamen, war der Platz schon gut gefüllt. Die meisten waren Jugendliche, aber es waren alle Generationen vertreten. Es war laut. Parolen wurden durcheinandergeschrien, die aber nicht recht zu verstehen waren, da man sich nicht auf eine einigen konnte.
   Der Bürgermeister erwartete sie wie immer auf der Treppe vor dem Rathaus. Er stand vor einem Mikrofon, das auf einen Ständer montiert war. Neben ihm stand ein gut gekleideter Mann um die sechzig, hinter dem zwei Bodyguards standen.
   Zur Überraschung der Demonstranten stand vor den beiden Männern eine halbe Hundertschaft von Polizisten. Trotzdem war die Stimmung zwischen den Demonstranten auf der einen und den Politikern und der Polizei auf der anderen Seite noch nicht feindlich.
   Einige der Bewohner San Miguels hatten Verwandte unter den Polizisten, mit denen sie sich unterhielten.
   »Bürgermeister Molina, erzählen Sie uns, was Sie unternommen haben, um uns Arbeit zu verschaffen. Wie laufen die Verhandlungen mit der Landesregierung?« Maria Lopez Ortiz hatte es seit einigen Wochen übernommen, für die Demonstranten zu sprechen.
   Sie hatte drei Kinder um die zwanzig, von denen keines eine Arbeit hatte. Ihr Megafon krächzte, während sie hineinsprach.
   Der Bürgermeister seufzte vernehmlich.
   Während es in anderen Gemeinden bei den Demonstrationen zu Tumulten und Ausschreitungen gekommen war, war es in San Miguel bisher immer ruhig geblieben.
   Alvaro Molina hatte vor einem Jahr den damaligen Bürgermeister abgelöst, der als korrupt galt und dem die Probleme der Jugendlichen reichlich egal waren. Er konzentrierte sich mehr darauf, die Firmen zu fördern, die sowieso schon gut dastanden.
   Alvaro Molina war angetreten, es besser zu machen. Und er war einer von ihnen. Er bemühte sich nach Kräften, das wussten alle, und deshalb wurde er bei den Demonstrationen kaum persönlich angegriffen. Sehr erfolgreich war er dennoch nicht. Es war allerdings auch keine Zeit für einfache Siege gegen die Jugendarbeitslosigkeit.
   Alvaro Molina räusperte sich. »Wir haben einige Fortschritte gemacht. Ich kann euch heute sagen, dass wir ein neues Ausbildungszentrum einrichten werden. Schon in einem Monat. Wir werden eine Anzahl von euch dauerhaft anstellen können.«
   »Wie viele?«
   Wieder ein Räuspern. »Äh. Fünfzehn. Vielleicht sogar zwanzig.«
   Das war der bildliche Tropfen auf den heißen Stein.
   »Soll das ein Witz sein?«
   »Nein, wieso?«
   »Wir brauchen Hunderte neue Stellen, nicht fünfzehn oder zwanzig.«
   Jetzt waren erste Buhrufe zu hören.
   »Ich tue, was ich kann. Ich denke, es ist ein erster Schritt auf dem richtigen Weg.« Er holte tief Luft. »Es ist ein langer Weg zu einer nachhaltigen Verbesserung. Hier brauchen wir die Hilfe von jemandem mit mehr Einfluss. Deshalb steht heute Juan Ruiz Vicario neben mir, der Innenminister unserer Provinz. Er hat den weiten Weg zu uns auf sich genommen, um uns zu zeigen, dass wir der Regierung wichtig sind. Sie tut alles, um unsere Lage zu verbessern.«
   »Was tut die Regierung, um unsere Lage zu verbessern?«, stellte Maria Lopez Ortiz die richtige Frage.
   »Wie Sie alle wissen, ist der hohe Schuldenstand unseres Landes, den wir seit der 2007 und 2008 einsetzenden Wirtschaftskrise haben, unser Hauptproblem.« Der Innenminister machte eine Kunstpause.
   Es gab vereinzelte Buhrufe, aber der Lärm nahm zumindest nicht zu. Er erhielt die Gelegenheit, seine Sicht zu schildern.
   »Gern würden wir ein umfangreiches Ausgabenprogramm auflegen, um Hunderttausende von Arbeitsplätzen zu schaffen, aber daran hindert uns die Zentralregierung in Madrid.«
   Die Buhrufe nahmen zu. Die Stimmung für den Innenminister wurde spürbar feindlicher.
   »Wir können uns nur in dem Bereich bewegen, der uns durch die auf europäischer Ebene eingegangenen Verträge offenbleibt. Das lässt keine großen Ausgabenprogramme zu. Wir haben uns dazu verpflichtet, innerhalb von drei Jahren wieder das Maastricht-Kriterium einer maximalen Verschuldung von sechzig Prozent des Bruttosozialprodukts zu erfüllen. Wir müssen unsere Verträge erfüllen. Pacta sunt servanda.«
   Jetzt kippte die Stimmung endgültig.
   Der Innenminister war unfähig, die Sprache der meist jugendlichen Demonstranten zu sprechen.
   »Warum sind wir, nein, warum sind Sie diese Verträge überhaupt eingegangen?« Maria Lopez Ortiz wusste hingegen, wie man das machte. »Das sind Knebelverträge. Sie ruinieren uns. Sie ruinieren unser Volk. Wir verarmen. Die Hälfte unserer Kinder, unserer Enkel haben keine Arbeit. Wovon sollen sie leben?«
   Sie erhielt viel Applaus.
   »Wir haben eine gemeinsame Währung. Den Euro. Jeder von Ihnen hat Geld von dieser Währung in seinen Taschen.«
   »Ich nicht.«
   »Ich auch nicht.«
   »Wir alle haben zu wenig davon.«
   Erste Schweißtropfen traten auf die Stirn des Innenministers. Das lag nicht am Wetter an diesem kühlen Abend. Er war ein alter Profi. Er war auch nicht freiwillig hier. Er befand sich im Wahlkampf. »Das weiß ich. Das wissen wir. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um das zu ändern. Und wir kommen unserem Ziel näher. Die Verschuldung unseres Landes sinkt. Bald werden wir …«
   »Das hören wir uns schon seit Jahren an.« Maria Lopez Ortiz riss der Geduldsfaden. »Die Schulden unseres Landes sinken, aber bevor wir ihre komischen Kriterien einhalten, werden wir alle pleite sein. Wir sind am Ende unserer Kräfte. Es geht so nicht weiter …«
   Der Innenminister hob beschwichtigend die Hände. »Das wissen wir. Deshalb werden wir Arbeitsplätze schaffen. Mit den Fördermitteln der EU. Wir werden …« Weiter kam er nicht.
   Den ersten beiden Tomaten konnte er noch ausweichen, indem er sich duckte, aber dann traf ihn eine am Kopf und zwei weitere auf der Brust.
   Dann stellten sich seine Bodyguards vor ihn und wurden von den Wurfgegenständen getroffen.
   Faule Eier flogen, Pfirsiche, Zitronen, die Leute warfen alles, was sie gerade dabeihatten.
   Der Einsatzleiter der Polizei warf ihm einen fragenden Blick zu. Der Innenminister schüttelte den Kopf. Er zog sich mit dem Bürgermeister und seinen Leibwächtern ins Innere des Rathauses zurück.

*

Selbst von innen konnte Juan noch die immer lauter werdenden Buhrufe hören.
   Obst und Gemüse klatschten an die Glasscheiben am Eingang des Rathauses.
   »Es tut mir leid.« Der Bürgermeister wirkte zutiefst zerknirscht. Molina hatte ihn um Hilfe gebeten, und jetzt hatten sie gemeinsam ein Debakel erlebt.
   Juan hatte sich notdürftig die Reste der Tomaten von seinem Anzug gewischt. Er legte eine Hand auf die Schulter des Bürgermeisters. »Das muss es nicht. Es ist nicht Ihre Schuld.«
   »Die Zeiten sind schwer.«
   »Ja. Die Zeiten sind nicht so, wie sie sein sollten. Kriege ich ein Problem, wenn ich am Hintereingang in meine Limousine steige?«
   Molina musste nicht nachdenken. »Nein, das sind alles anständige Leute, die verzweifelt sind. Sie werden Sie nicht behelligen.«
   Warfen anständige Leute mit Tomaten? »Gut.« Juan versuchte ein Lächeln. Es geriet ihm nicht völlig. »Machen Sie sich keine Gedanken, mein Lieber. Wie ich schon sagte, es ist nicht Ihre Schuld …«
   Sie schüttelten sich die Hände.
   »Wir telefonieren.«
   »Ja.«

Juan öffnete die Tür im Fond der Limousine selbst, als der Leibwächter am Steuer des Fahrzeugs die Limousine in der Einfahrt vor seinem Haus parkte. Der zweite Leibwächter, der neben ihm im Fond des Mercedes gesessen hatte, fluchte laut.
   Eigentlich kannte Juan die Regeln. Zuerst stieg der Leibwächter aus und sicherte das Gebiet, das hieß, er suchte die Umgebung nach verdächtigen Personen und Gegenständen ab.
   Wenn er nichts Verdächtiges fand, gab er der Schutzperson ein Zeichen, dass sie aussteigen konnte.
   Die Bodyguards hatten sich in San Miguel schon bereit gemacht, ihn durch die Abwehrreihe der Bereitschaftspolizisten und durch eine Menge aufgebrachter Demonstranten sicher in sein Fahrzeug zurückzubringen. Sie hatten aber kein richtiges Problem bekommen. Die Demonstranten waren zwar aufgebracht gewesen und hatten altes Gemüse geworfen, aber zu weitergehender Gewalt war keiner bereit gewesen, im Gegensatz zu den Einsatzpolizisten.
   Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Tomaten flogen. Bei der Einsatzbesprechung vor der Fahrt hatte man die Wahrscheinlichkeit als gering eingeschätzt, dass es zu solch einem Ereignis kommen könnte. Die Bewohner von San Miguel galten als streitbar, aber friedlich.
   Bei der Rückfahrt danach war alles anders gewesen als sonst. Juan hatte nur schweigend im Auto gesessen. Das tat er sonst nur, wenn er Mails auf seinem Smartphone oder seinem Tablett bearbeitete. Ansonsten unterhielt er sich mit seinen Leibwächtern, alle sprachen über ihre Familien oder man machte Witze. Diesmal hatte er nur aus dem Fenster gestarrt. Auf Hotels, Privathäuser, Bürogebäude, mit deren Bau man vor der Krise begonnen hatte und die jetzt verrotteten. Wie ausgeweidete Skelette riesiger Dinosaurier ragten ihre Wände nach oben, wenn man es nicht einmal geschafft hatte, noch eine Decke darauf zu gießen.
   Juan hatte schon den Schlüssel zur Tür in der Hand, als der Leibwächter zu ihm aufgeschlossen hatte. Er vertraute blind darauf, dass sein Kollege das Gelände hinter ihm sicherte. Als Juan die Tür aufgeschlossen hatte, kam ihm seine Frau entgegen.
   Sie entdeckte sofort die Reste der Flecken auf seinem wie immer tadellos sitzenden Anzug. »O nein. So schlimm?«
   Er sagte nichts, aber sein Blick sprach Bände. Ohne ein Wort ging er an ihr vorbei in den großen Salon zum Barfach, nahm zwei Gläser heraus und goss sich einen doppelten achtzehn Jahre alten Glenmorangie ein. Er hielt das Glas hoch. »Willst du auch einen?«
   Maria seufzte. »Ja, ich glaube, jetzt brauche ich auch einen.«
   Er gab ihr das Glas, das er für sich eingeschenkt hatte und goss sich einen weiteren Whisky in das zweite Glas. Dann warf er sein Jackett auf die Couch, löste die Krawatte und warf sie hinterher.
   »Erzähl.«
   Juan erzählte.
   »Hm, sagtest du nicht, du gehst nach San Miguel, weil die Leute da am harmlosesten sind?«
   »Ja, das sagte ich.« Er nahm noch einen Schluck, ging zur Bar und goss sich einen dreistöckigen ein. »Wäre ich zum Beispiel nach Esposito gegangen, hätte ich eine Hundertschaft Polizisten und vier Leibwächter gebraucht, und sie hätten sicher nicht nur mit Tomaten nach mir geworfen.«
   »Aber du bist doch auf ihrer Seite. Konntest du ihnen das nicht deutlich machen?«
   Tatsächlich war er auf ihrer Seite. Zumindest glaubte er das. In seinen wilden Zwanzigern war er ein zorniger Linker gewesen. Wesentlich radikaler als die meisten Bewohner von San Miguel. Jetzt war er zwar immer noch in der sozialistischen Partei, aber nicht mehr radikal und zornig, eher resigniert. »Nein, das konnte ich nicht. Sie haben mich nicht ausreden lassen.«
   »Aber du warst doch immer so ein guter Redner.«
   So gut, dass sie sich vor dreißig Jahren unsterblich in den quirligen Weltverbesserer verliebt hatte. »Ich bin ein guter Redner, wenn ich hinter dem stehe, was ich vertreten soll. Heute hingegen …«
   »Was meinst du?«
   »Wir sind davon überzeugt, dass die Austeritätspolitik falsch ist. Bei so vielen Arbeitslosen und einem so niedrigen Wachstum, wie wir es haben, kann man die Ausgaben nicht immer weiter zurückfahren.«
   »Warum tut ihr es dann trotzdem?«
   Juan seufzte. Diese Art von Gesprächen hatte er schon häufig mit seiner Frau geführt. »Wir Vertreter der Südländer würden es gern anders machen. Wir würden gern mehr Ausgaben machen, aber die Nordländer, die ihre Haushalte im Griff haben, lassen das nicht zu.«
   »Warum nicht?«
   »Weil sie denken, dass ein Land, das eine zu hohe Verschuldung hat, irgendwann seine Schulden nicht mehr zurückbezahlen kann.«
   »Auch das ist richtig.«
   »Genau. Und deshalb ist es auch so schwer, dagegen zu argumentieren.«
   »Wir haben eine eigenständige Regierung. Warum können wir für unser Land nicht beschließen, was wir für richtig halten?«
   »Weil wir in einer Währungsunion sind. Weil es dort Regeln gibt, an die wir uns halten müssen. Regeln, die wir selbst mit festgelegt haben. Und an die wir uns auch lange Jahre gehalten haben.«

Bis zum Platzen der Immobilienblase war Spanien ein vorbildliches Mitglied des Euroklubs gewesen.
   Als die Immobilienblase 2007 weltweit platzte, stellte sich auch in Spanien heraus, dass der Wert von Wohnungen und Häusern nicht endlos steigen kann. Eine Immobilie kostete mehr als das Siebenfache des durchschnittlichen Jahreseinkommens, selbst in den USA nur das dreifache. Dann fiel der Wert der Immobilien ins Bodenlose und riss alle mit sich, die ihr Geld dort hineingesteckt hatten. Ein Jahr später setzte Richard S. Fuld Lehman Brothers in den Sand. Aus der Immobilienkrise wurde eine weltweite Banken- und Wirtschaftskrise. Seither gab es überall halb fertige Bauruinen, vor allem auch in Spanien.
   Ohne ein Wort kippte er den Rest des sündhaft teuren Whiskys hinunter und ging nach oben ins Schlafzimmer. Er war ordentlich betrunken und hoffte, dass ihm das zu einem anständigen Schlaf verhalf.

*

Aus dem Bett in seiner winzigen Dachkammer konnte Manuel durch die Dachluke geradewegs in den Himmel starren, oder – wenn er sich etwas seitlich drehte – weit über die Dächer der Stadt hinaus bis zum Horizont. Schon seitdem sich das Nachtschwarz langsam in ein trübes Grau verwandelt hatte, grübelte er über seine Zukunftschancen nach. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, aber kein Gedanke in Sicht, der ihn näher an einen Erfolg herantragen würde.
   Zuerst war der schnelle knallrote Hubschrauber kaum zu hören, der sich San Miguel näherte, aber je näher er kam, umso lauter wurden die Rotorgeräusche. Vor allem, weil er immer tiefer flog, je näher er kam.
   Als er die ersten Häuser erreichte, war er richtig laut. »Jihaaaaaaa!« Das Geschrei aus einem Lautsprechersystem dröhnte noch lauter über die Hausdächer. »Raus aus den Federn, meine Freunde! Jeder, der jetzt noch liegen bleibt, wird es bereuen.« Ein lautes, kehliges Lachen war zu hören. »Ich weiß schon, der frühe Vogel kann mich mal …« Wieder lachte der Pilot.
   Mit einem Satz war Miguel aus dem Bett. Er warf sich ein T-Shirt über und sprang in seine Jeans.
   »Aber heute kann der frühe Vogel einen echt dicken Wurm fangen. Ihr müsst nur die Taschen aufmachen, Leute. Na los! Es regnet Geld! Wo gibt es das sonst schon? Geld, Leute! Es regnet Geld!«
   Manuel sprintete die Treppe hinab. Sein Getrampel würde seine Großmutter wecken, doch durch den Krach am frühen Morgen würde sie vermutlich ohnehin schon senkrecht im Bett stehen. Er riss die Haustür auf und trat barfuß hinaus.
   Der Hubschrauber ‚stand‘ am Eingang des Ortes in geringer Höhe über der Hauptstraße, die nach San Miguel hineinführte. Er presste sich die Hände auf die Ohren.
   Alles, was nicht niet- und nagelfest war, flog durch die Gegend. Jedes Staubkorn auf der asphaltierten Straße wirbelte hoch. Zum Trocknen aufgehängte Kleidungsstücke rissen sich von den Wäscheleinen los und fegten zusammen mit leichtem Kinderspielzeug wie Frisbees durch die Luft.
   Nach und nach kam die gesamte Nachbarschaft aus ihren Häusern hervor. Neugierig blickten die Bewohner von San Miguel nach oben.
   Dieser Hubschrauberpilot war völlig irre. Noch nie war so etwas Verrücktes in ihrer Stadt passiert.
   Der Pilot fuhr eine Art Rüssel aus der Unterseite seines Hubschraubers heraus, aus dem Tausende von großen Papierschnipseln herausfielen und durch die Luft wirbelten. Es dauerte eine Weile, bis die ersten auf den Boden fielen.
   Schon als das Papier nur noch in wenigen Metern Höhe segelt, glaubte Manuel, seinen Augen nicht zu trauen. Dann fing er eines der ersten Blätter auf. Er hielt einen Fünfzigeuroschein in der Hand.
   Mehrere weitere Scheine segelten zu seinen Füßen herunter. Er sammelte sie auf. Bald hatte er ein Dutzend aufgesammelt. Es sah echt aus. Kein noch so teurer Kopierer konnte Sicherheitsfäden und Hologramme realistisch darstellen.
   Um ihn herum wuselten seine Mitbewohner über die Straße, über Wege und Gärten. Einige der Flinkeren kletterten in die Bäume, in deren Ästen sich eine Menge Geldscheine verfangen hatten. Der alte Luiz kämpfte sich hinter seinem Rollator durch die Menge und klaubte die Geldscheine, die er erreichen konnte, mit seinem mechanischen Greifer auf. Noch nie waren mehr Leute in San Miguel auf den Straßen gewesen. Die Nachricht von dem Geldregen hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Jeder, der sich noch irgendwie bewegen konnte, versuchte, etwas von den Geldscheinen zu ergattern.
   Manuel musste grinsen. Die ganze Szene war irgendwie surreal. Er griff in seine Hosentasche und zog sein Smartphone hervor. Er aktivierte die Videofunktion und nahm zuerst Luiz auf, dann die Menge um ihn herum, dann richtete er das Handy auf den Hubschrauber, der immer noch auf der Stelle in der Luft ‚stand‘.
   Mit dem Zoom holte er den Piloten so dicht heran, dass er sein Gesicht sehen konnte – oder besser gesagt, hätte sehen können, denn der Pilot trug eine Maske. Es war eine Guy Fawkes-Maske, allerdings etwas verändert, denn in der Mitte der Stirn glitzerte etwas metallisch.
   Wieder lachte der Pilot laut, was man wegen der Maske nicht sah, aber über die Außenlautsprecher hörte. »So ist es recht, meine Freunde, hängt euch mal so richtig rein, denn heute lohnt es sich echt mal. In dem Bach da unten schwimmen übrigens noch ein paar tausend Euro rum. Ich muss weiter, Leute, ich muss noch eure Mitbewohner in den anderen Stadtteilen beglücken. Die Fun Guerilla wünscht euch viel Spaß mit dem Zaster.« Damit zog er seine Maschine hoch und flog zur nächsten Hauptstraße weiter.
   Manuel hielt immer noch mit seinem Smartphone drauf. Wieder hörte er ein ‚Jihaaaa‘, diesmal allerdings wegen der Entfernung nur noch leise. Die Ansprache verstand er nicht mehr, aber er sah, wie Massen der braunen Scheine aus dem Rüssel flogen.
   Er rief Julia an. »Du wirst es nicht glauben!«, brüllte er atemlos, während er weiterfilmte und gleichzeitig seine Umgebung nach weiteren Geldscheinen absuchte. Hielte er nicht eine Faust voll davon in der Hand, würde er es nicht fassen.
   »Ist was passiert? Du klingst so komisch …«
   »Halt dich fest, Julia! Es regnet Geldscheine!«
   »Was? Du sp…«
   »Schnell! Weck deine Eltern und deine Geschwister. Rennt raus! Sammelt so viel ein, wie ihr könnt«, schrie er ins Telefon. »Es ist mein Ernst.«
   »D…d…da draußen ist ein Hubschrauber«, stotterte Julia.
   »Ja! Und er wirft massenhaft Geld ab! Los! Raus mit euch!«
   Das Letzte, was er aufnahm, waren vier Jungs und Mädels, die ihre Fahrräder bestiegen, um dem Helikopter zu folgen.
   Clever. Vielleicht sollte er das auch tun.
   Dann fiel ihm ein, was der Pilot von dem Bach gesagt hatte. Tatsächlich waren dort zahlreiche Scheine auf dem Wasser zu sehen, die sich an Ästen oder herausragenden Felsen festgehakt hatten. Nur das Paar, das in dem Haus neben Donna Inez lebte, suchte den Bach ab.
   Ansonsten standen überall kleine Gruppen herum, die sich aufgeregt miteinander unterhielten. Es wurde heftig gestikuliert, mit Füßen und Händen gesprochen.
   Die Stadt atmete Adrenalin.

*

Mateo hatte bereits mehr als ein Dutzend WhatsApp-Nachrichten von seinen Freunden bekommen, dass ein Hubschrauber über der Stadt Geld abwerfe, aber erst, als ihm jemand Fotos auf sein Smartphone schickte, war er wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett hochgefahren und rannte halb nackt aus dem Haus.
   Hèctor, der alte Jäger, der seit seiner Geburt hier am Ortsrand lebte, trat mit seiner Jagdflinte vor die Tür und sah nach oben, als Mateo aus dem Haus nebenan hinausstürmte.
   Der Anblick gefiel ihm nicht. Ungläubig schoss Mateos Blick zwischen dem alten Kauz und dem Hubschrauber in wenigen Metern Höhe hinterher. Herrschte Krieg?
   Dann erst nahm er die durch die Luft flatternden Geldscheine wahr. Mateo vergaß alles und stürzte los, um so viel wie möglich einzusammeln.
   »He, du da mit dem Gewehr: Du bist Hèctor, oder? Mach keine Dummheit. Ich bin weder ein feindlicher Außerirdischer vom Andromedanebel noch ein verrückter Dschihadist bei einer Terrorattacke. Ich bringe allen Geld, also nimm deine Flinte runter und sammle die Scheine ein.«
   Verdammt, dachte Mateo, woher kannte der Hèctors Namen?
   Dann spuckte der Rüssel erneut Tausende von braunen Euroscheinen aus.
   Aus den Augenwinkeln heraus bekam Mateo mit, wie Hèctor in sein Haus zurücktrat und einen Moment später ohne Gewehr, aber mit einer Plastiktüte zurückkam. Scheiße, die brauchte er auch. Mittlerweile beulte sich seine Shorts, die er zum Schlafen getragen hatte, schon weit aus. Das linke Hosenbein hielt er mit einer Hand am Oberschenkel zu und stopfte vom Bund aus weitere Geldscheine hinunter.
   »Na also, alter Junge.«
   Etwas klatschte neben Mateo auf den Boden. Erschreckt fuhr er herum, stolperte, und landete auf dem Hintern. Er hörte den Piloten lachen, dann drehte der Hubschrauber ab und flog davon.
   Mateo schob sich auf dem Hintern robbend zu dem Paket auf dem Boden hinüber und griff danach. Er hielt einen dicken Packen Fünfzigeuroscheine in der Hand, verschweißt in Plastikfolie. Vor Schreck ließ er das Päckchen zwischen seine Beine fallen.
   Es war wie ein Traum. Irgendwie auch surreal. Geld regnete nicht vom Himmel. Und doch hielt er einen dicken Packen Geld in der Faust, der vom Himmel gefallen war.
   Im wahren Leben gehörte auch er zu der unglücklichen Generation von Jugendlichen, die nach ihrem Schulabschluss keine Arbeit gefunden hatte. Er hing am Tropf von Eltern und Großeltern, eine Situation, die einen stolzen Spanier wie ihn ziemlich belasten konnte. Seit Jahren bettelte er bei ihnen jeden Abend um einen Fünfer oder einen Zehner, um mit den Kumpels in einer Kneipe abhängen zu können, wo er stundenlang an einem Bier nippen musste, weil er sich nicht mehr leisten konnte.
   Und jetzt hatte er in zehn Minuten mehr Geld eingesammelt, als er jemals auf einem Haufen gesehen hatte. Für den Moment war er reich. Nicht nur für den Moment. Für eine ganze Woche. Oder mehr.
   Ungläubig starrte er auf das folienverschweißte Paket. Da lag ein dicker Packen Euro-Scheine zwischen seinen Beinen, wohl um die tausend Stück. Mit diesem Geld wäre er unvorstellbar reich. So reich, dass er sich von dem Geld selbst ein neues Auto würde kaufen können. Ein Auto war der Gipfel des Luxus.
   Er streckte die Hände nach dem Paket aus, das ihm für lange Zeit ein traumhaftes Leben ermöglichen würde.
   Bevor er es greifen konnte, trat jemand mit dem Fuß darauf.
   »Verdammt, was soll das?« Er sah zu der Person auf, die den Fuß auf das Paket gesetzt hatte. Scheiße!
   Der Fuß gehörte Alvaro Molina, dem Ortsbürgermeister.
   Scheiß drauf.
   Der Einsatz war extrem hoch. Mateo war nicht bereit, seine Beute so leicht aufzugeben.
   »Was machst du da?«
   »Ich nehme mir das Geld, das ich als Erster gefunden habe.«
   »Das tun wir alle. Aber während die Scheine wie Herbstlaub von den Bäumen fallen und damit jedem gehören, wurde dieser Packen mit einer Botschaft abgeworfen.«
   »Botschaft? Ich sehe keine Botschaft. Der Packen gehört mir. Ich habe ihn zuerst gefunden.« Mateo schloss die Hände wie die Krallen eines Adlers um seine Beute. Er konnte die Beute nicht hochnehmen.
   Alvaro Molinas Fuß presste das Bündel unerbittlich auf den Asphalt. »Kannst du nicht lesen? Da steht: Dieses Geld gehört denen, die es nicht abholen können.«
   Mateo starrte ihn ungläubig an.
   »Darf ich mal?« Alvaro Molina wischte Mateos Hand beiseite und hob das Paket hoch.
   Erst jetzt sah Mateo, dass an der Oberseite ein Zettel klebte.
   »Hier steht: Dieses Geld ist für die Leute auf der Liste unten bestimmt. Sie sind physisch nicht in der Lage, wie ihr Geld von der Straße aufzusammeln. Gebt bitte jedem der Personen auf der Liste oder deren Eltern je tausend Euro. Alvaro Molina las die Namen. »Es sind die Namen von ganz alten Leuten, von Behinderten … und von ganz Jungen. Von Leuten, die nicht mehr gehen können und von solchen, die noch nicht gehen können. Die Namen von Greisen und Säuglingen. Ich übernehme das.«
   »Aber das Geld gehört mir. Ich habe es gefunden.« So einfach ließ sich Mateo seinen Traum nicht nehmen.
   »Es gehört nicht dir. Aber pass auf. Ich habe das hier gesammelt.« Er drückte Mateo ein Bündel Euronoten in die Hand.
   »Meins kannst du auch haben.« Gonzalo Suarez drückte ihm ebenfalls einen Packen Scheine in die Hand. Er war der Oppositionsführer in diesem Stadtteil und Alvaro Molinas schärfster Rivale in der Politik.
   »Ich passe auf, dass das Geld dort ankommt, wo es hingehört. Versprochen.«
   Die beiden Politiker sahen sich mit stechenden Blicken in die Augen. Sie hatten sich im Stadtparlament schon erbitterte Schlachten geliefert. Sie mochten sich nicht. Aber sie respektierten sich.
   »In Ordnung«, sagte Molina.
   »Ich möchte noch einen Zeugen dabeihaben, damit niemand sagt, wir zwei hätten uns das Geld unter den Nagel gerissen.«
   »Ich komme mit.« Mateo hatte sich aufgerappelt und die dazugewonnenen Scheine mit in seine Shorts gestopft.
   »Du?«
   Fast gleichzeitig hatten die beiden Politiker ihren erstaunten Ausruf getan.
   »Ja, ich«, sagte Mateo. »Ich will dabei sein, wenn ihr mein Geld verteilt.«
   »Wenn du willst«, sagte Suarez, »aber …«
   »Hat jemand von euch ein Taschentuch?«
   »Ja. Warum?«
   »Weil ich weinen muss.« Er zog ein todtrauriges Gesicht, aber er konnte die beiden Politiker nicht täuschen. Sie kannten ihn.
   Ein lautes Lachen platzte aus ihnen heraus.
   Mateo lachte auch.
   Suarez zerwühlte ihm kumpelhaft das Haar. Sein Sohn Nestor war Mateos bester Freund.
   Die beiden Männer warteten, bis Mateo angekleidet aus dem Haus zurückkam. Dann begannen sie zu dritt, das Geld zu verteilen, wie es auf dem Zettel stand.

*

Als Manuel den letzten Schein aus dem Bach gefischt hatte, zählte er seine Beute. Er hatte fünfundzwanzig Fünfzigeuroscheine gesammelt. 1.250 Euro! So viel Geld hatte er noch nie besessen.
   Manuel informierte kurz seine Großmutter und eilte anschließend zu seinen Eltern. Sie waren ebenso aus dem Häuschen. Zu dritt hatten sie ungefähr sechzig Scheine gesammelt. Seine kleine Schwester Linda war besonders erfolgreich gewesen, sie hatte die Hälfte der Scheine in der schmalen Gasse zwischen zwei Häusern eingesammelt.
   Nach kurzer Zeit standen sie alle in einer Gruppe von etwa dreißig Leuten, die lebhaft über das vom Himmel gefallene Geld diskutierten. Auch Julia war eingetroffen.
   »Was, wenn das Geld gar nicht echt ist?« Javier, ein weiterer Nachbar seiner Eltern, hob einen Schein hoch und hielt ihn gegen das Licht.
   Die meisten taten es ihm nach.
   Manuel grinste. Wie eine Herde Schafe. Oder Pawlovsche Hunde. Sein erster Gedanke, als er den ersten Schein in der Hand hielt, war auch gewesen, dass sie jemand mit Falschgeld verarschte, aber er hatte ihn sich angeschaut. Er kannte die Sicherheitsmerkmale der Euroscheine und hatte keinen Makel gefunden.
   »Hey, Antonio, du bist doch der Chef von der Bank da drüben, oder?«, fragte Iker Morales, dem die Kneipe an der Ecke gehörte.
   »Ja, warum?«
   »Ihr habt doch ein Gerät, mit dem ihr überprüfen könnt, ob Scheine echt sind, oder?«
   »Ja.«
   »Dann lass uns in die Bank gehen und das überprüfen.«
   »Die Bank öffnet aber erst in zwei Stunden.« Ein, wie Manuel fand, dämliches Grinsen trat auf Antonios Lippen.
   War der Kerl debil?
   »Na und, du hast doch sicher den Schlüssel dabei, oder? Dann machst du halt jetzt auf, und wir versichern uns alle, dass die Scheine echt sind.«
   »Wir machen in zwei Stunden auf, dann können wir nachsehen.«
   Was spielte der Kerl für ein seltsames Spiel? Der war nicht wirklich debil, sonst wäre er nicht der Chef der Bankfiliale geworden.
   »Wir sehen jetzt nach.« Morales klang sehr bestimmt.
   »Ich würde die Bank ja aufschließen und die Scheine kontrollieren, um euch einen Gefallen zu tun, aber dann müsstet ihr mir auch einen Gefallen tun.« Antonio Perez hob seine rechte Hand, in der sich nur wenige Geldscheine befanden. Er war als einer der Letzten aus dem Haus gekommen, daher seine relativ mickrige Ausbeute. »Ihr habt viel mehr Scheine als ich erbeutet. Wenn mir jeder einen Schein gibt, mache ich die Bank auf.«
   »Hast du keinen Kopierer da drin?«, fragte ein Witzbold, aber Perez beachtete ihn nicht.
   Zuerst murrten alle, aber dann gab Manuel ihm einen Schein, andere taten es ihm nach, aber bei Weitem nicht alle.
   Das war Perez zu wenig. Er starrte die Unwilligen an. Manuels Schwester Blanca, die ihren Packen Geld in der rechten Hand hielt, versuchte, hinter dem Rücken ihrer Eltern zu verschwinden.
   »He, du da, Kleine, gib mir fünf Scheine und ich mache die Bank auf.« In dem Moment wurde er von hinten angerempelt, sodass er einen schnellen Schritt nach vorn machen musste, um nicht umzufallen.
   Raphael, der ihn angerempelt hatte, zog ihn an der Schulter herum und baute sich vor ihm auf. »Du hast wohl überhaupt keinen Anstand, oder? Du bist dir nicht mal zu fein, einem kleinen Mädchen sein Geld wegzunehmen? Dabei bist du einer der wenigen, die gut verdienen - und das von unserem Geld.« Raphaels Stimme klang schneidend. »Wenn du Schmarotzer nicht sofort die Bank aufmachst und die Scheine kontrollierst, machen wir dich fertig.«
   »Willst du mir drohen?« So leicht gab Perez nicht auf. Er war es gewohnt, angegangen zu werden.
   Manuel staunte. Raphael hatte seine Schwester verteidigt. Er hatte gerade ein paar Punkte bei ihm gut gemacht. »Du hast die Wahl: Entweder machst du jetzt die Bank auf und überprüfst die Scheine, oder wir ziehen alle unser Geld bei deiner Bank ab und überweisen es auf eine andere Bank in der Stadt. Dann kannst du deinen Laden dichtmachen«, sagte Manuel, bevor Raphael Perez Schläge androhen konnte.
   Perez starrte ihn an, doch Manuel hielt seinem Blick stand. »Na gut.« Perez machte sich auf in Richtung Bank.
   Der Pulk folgte ihm.
   Im Schalterraum ging Perez zum nächsten Arbeitsplatz und schaltete das Gerät an, mit dem man Geldscheine überprüfen konnte. Er legte den ersten in das Gerät, das den Schein unter anderem mit Schwarzlicht überprüfte. Ein blaues Licht leuchtete auf. »Der ist schon mal in Ordnung.«
   »Jaaa!«
   Jubel brach aus, während Perez den nächsten Schein untersuchte.
   »Der ist auch in Ordnung.«
   Perez probierte noch acht weitere. Alle waren in Ordnung. Er zeigte auf Manuel. »Gib mir einen von deinen. Du kriegst ihn wieder«, sagte Perez, bevor Manuel protestieren konnte.
   Er händigte einen Schein aus.
   »Das Geld ist definitiv echt.« Perez gab den Schein zurück.
   Der Jubel war grenzenlos.
   Jetzt machte es sehr viel mehr Sinn, zu planen, was man sich für das Geschenk vom Himmel kaufen konnte.
   »Die Bank macht in zwei Stunden auf, dann können einige die Darlehen zurückzahlen, die seit langer Zeit offenstehen«, rief Perez, als der Lärm etwas abebbte.
   Die Bemerkung trübte schlagartig die Laune.
   »Meine Kneipe öffnet auch in zwei Stunden«, sagte Morales. »Bei mir kriegt ihr die gleichen Zinsen wie bei ihm.« Er grinste.
   Volltreffer. Zinsen gab es bei den Banken schon lange nicht mehr für Sparguthaben. Mit lautem Lachen verließen alle die Bank, als letzter Perez, der die Tür hinter sich abschloss.

*

Es wurde Zeit, zu verschwinden. Sein Job war abgeschlossen. Drei Kleinstädte und ein paar kleinere Orte hatte er mit einer Menge Geld versorgt.
   Ein Hubschrauber näherte sich von Westen. Als er näherkam, erkannte er das Logo des örtlichen Senders. Zum dritten Mal an diesem Tag zog er sich die Maske vom Gesicht und ließ sie durch die Öffnung im Boden fallen. Dann holte er den Rüssel, durch den er zig Millionen Euro geblasen hatte, wieder in das Innere des Hubschraubers. »Time to say goodbye«, sagte er zu sich selbst und zog die Maschine hoch.
   Der zweite Hubschrauber versuchte, ihm zu folgen.
   Er ließ es zu. Er hatte Lust, ein bisschen zu spielen. Er flog in gemächlichem Tempo zwei Kilometer geradeaus, bis er in gebirgiges Gelände kam. Als eine tiefe Schlucht seinen Weg kreuzte, ließ er sich nach rechts abfallen und fing die Maschine hundert Meter über dem Boden ab.
   Der zweite Hubschrauber folgte ihm.
   Er grinste. Drei Personen hatte er in dem anderen Hubschrauber gesehen. Neben dem Piloten saßen offenbar ein Reporter und ein Kameramann. Er stellte sich vor, wie der Kameramann alle Hände voll damit zu tun hatte, bei dem Sturzflug seine Kamera festzuhalten und nicht aus seinem Sitz zu fallen. Vielleicht wurde ihm auch einfach nur schlecht, und er musste kotzen.
   Er lachte laut. Auch in seinem Hubschrauber hatte schon der eine oder andere kotzen müssen. Vermutlich waren deshalb die Sitze immer abwaschbar. »Jihaaa.«
   Als eine weitere Talenge die Schlucht kreuzte, in der sich die beiden Hubschrauber befanden, flog er eine extrem enge Kurve. Der andere Hubschrauber folgte ihm noch immer.
   Einen Kilometer flog er auf die Hochebene hinaus. Ein blauer Helikopter kam schnell näher. Er musste nicht warten, bis er die Schrift auf der Seite lesen konnte, er wusste, dass dort Policia stand. Er hatte damit gerechnet.
   Er nahm eine weitere Guy-Falkes-Maske aus dem Fach neben seinem Sitz und setzte sie auf. Er war nicht daran interessiert, dass ihn jemand erkannte. Seine Auftraggeber noch viel weniger.
   »Hier spricht die Polizei. Landen Sie dort unten auf der freien Fläche. Wir möchten Ihre Papiere überprüfen.« Sie waren sehr gut zu hören.
   Er aber auch. »Hallo Jungs, das möchte ich aber nicht. Aber begleitet mich doch ein bisschen.« Damit bog er ab und zog jetzt zwei Hubschrauber hinter sich her.
   Er erhöhte die Geschwindigkeit. Der schnelle Polizeihubschrauber blieb an ihm dran, der Hubschrauber des Fernsehsenders konnte nicht mehr mithalten und fiel immer weiter zurück.
   »Das ist unsere letzte Aufforderung. Landen Sie ihr Fluggerät. Sofort.«
   Das war nicht nur dahergeredet. Die Polizisten in dem Hubschrauber hinter ihm konnten die Luftwaffe alarmieren. Ein Abfangjäger brauchte nicht lange, um ihn zu erreichen. Mach 2 war eine beeindruckende Geschwindigkeit.
   Es war Zeit, zu verschwinden. Aber mit Stil.
   Er zog seine Maschine in einem steilen Winkel nach oben, bis der Heckrotor senkrecht zum Boden zeigte.
   Gut, die Hälfte hatte er jetzt. Der geilste Moment war der, als er den steilsten Punkt erreicht hatte und die Erde unter sich sah, während der größte Teil des Helikopters über ihm war.
   Den Polizeihubschrauber sah er unter sich. Er bewegte sich nicht. Sie warteten auf ihn.
   Dann fiel er nach vorn ab und beendete das, was er selbst die Uhr nannte: eine komplette Drehung. Einen Looping mit einem Hubschrauber beherrschten nur wenige.
   Seine Auftraggeber hatten den besten Piloten gewollt – und den hatten sie bekommen. Dass er ein Maniac war, hatte er ihnen nicht verraten.
   Als sein 360°-Sweep zu Ende war, passierte er den Polizeihubschrauber ziemlich knapp. So knapp, dass sie den hochgereckten Mittelfinger seiner rechten Hand sehen mussten. Er hatte nichts gegen Polizisten, insbesondere nicht gegen die, die Piloten waren wie er, aber er wollte, dass sie ihm mit vollem Engagement folgten, und dafür sorgte der ausgestreckte Mittelfinger ganz sicher. »Jihaaaa.«
   Tatsächlich folgten sie ihm mit Höchstgeschwindigkeit. Das war allerdings zu wenig. Die hinter ihm flogen einen schnellen Mercedes, aber er flog einen Ferrari. Zum ersten Mal trieb er seinen Vogel zur Höchstgeschwindigkeit, und der Helikopter hinter ihm wurde schnell kleiner. Bald war er im Spiegel nicht mehr zu sehen.
   Er flog dicht über dem Boden, um ganz sicher aus jedem Radar zu verschwinden, und flog noch ein paar Kilometer weiter. Dann flog er in einem weiten Bogen zurück und landete seine Maschine in einem großen Hangar.
   Die Tore schlossen sich. Ihre Dämmung sorgte dafür, dass kein Flieger mit einem Wärmesucher seinen Hubschrauber finden würde. Zufrieden stieg er aus seinem Fluggerät aus und warf die Guy-Falkes-Maske auf den Boden. Er hatte seinen Job so gemacht, wie man es ihm aufgetragen hatte. Vor allem hatte er keine Spur hinterlassen.
   Drei Männer in roten Overalls begannen bereits, die dicke rote Folie von der metallenen Hülle des Hubschraubers abzuziehen. Sie würden eine Weile dafür brauchen. Danach war der Helikopter wieder so pechschwarz wie zuvor. Die drei würden ihn gründlich reinigen, sodass nicht mal mehr Dr. Hodgins irgendwelche Sporen oder Bakterien an der Außenhaut finden würde.
   Er grinste. Es wurde Zeit, das Geld auszugeben, dass er mit dem Job verdient hatte.

Kapitel 2
Statistik


   
   
   600.512 abgeworfene Fünfzigeuroscheine (Gesamtwert 30.025.600 Euro).
   davon eingesammelt: 567.412
   noch nicht gefunden: 18.734
   vom Winde verweht: 14.366
   Zielgruppe: 28.947 Einwohner in drei Städten und fünf kleinen Orten.
   Zusätzlich verfügbares Geld pro Kopf: 980 Euro und 9 Cent

Anekdote

Die dreijährige Alba Hernandez sammelt dreiundzwanzig der schönen bunten Blätter ein und polstert damit das Körbchen ihrer Katze Lucia aus.
   Die knabbert an einem der Scheine, gibt dies aber schnell wieder auf.
   Als Albas Mutter nach drei Tagen das Geld findet, weint Alba vor Schreck, als ihre Mutter einen lauten Schrei loslässt.
   Zum Trost bekommt sie ein Eis mit Schokolade und Himbeere sowie den Roller, den sie sich schon so lange gewünscht hat.

Vermummt saß er in der Mitte der großen Scheune, während alle anderen um ihn herumstanden. Er wartete, bis die letzte Person hereingekommen war. »Das war Nummer siebzehn. Ich denke, wir sind jetzt vollzählig.« Sein Blick wanderte über die Masken der Personen. Nicht nur die Partien um die Augen lagen verdeckt, sondern auch ein großer Teil der Wangen, sodass nur die Mundpartie frei blieb. Wer dort eine markante Narbe oder Ähnliches trug, hatte diese von einem Maskenbildner kaschieren lassen.
   Weite Mäntel mit Kapuzen machten seine Mitstreiter vollständig unkenntlich. Keine Geheimorganisation war jemals sorgfältiger darauf bedacht gewesen, ihre Mitglieder im Dunkeln zu lassen, und keine Geheimorganisation wurde von so mächtigen Institutionen verfolgt und gejagt wie die Mitglieder von Robin would ….
   Bisher vergeblich. Das lag zum einen daran, dass sich Robin would … paranoid verhielt. Das Grundprinzip der Organisation bestand darin, dass kein Mitglied irgendein anderes Mitglied kannte. Die Legende besagte – so man das sagen konnte bei einem Geheimbund, der zum ersten Mal vor drei Jahren in Erscheinung getreten war –, dass sich nur die Mitglieder des obersten Zirkels persönlich kannten, die wiederum niemand aus der nächsten Stufe kannte. Die Vermummung wurde extensiv betrieben, aber wirklich unsichtbar wurden die Mitglieder durch das, was ihre IT-Spezialisten leisteten. Und die waren die Besten der Besten … und ein Produkt von Industrie 4.0.
   Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung aller Industrieunternehmen hatte in den letzten Jahren weltweit Hunderttausende gut bezahlter Jobs vernichtet. Nachdem in den Jahrzehnten zuvor vor allem Jobs weniger qualifizierter Arbeitnehmer verschwunden waren, erwischte es jetzt auch die Etagen darüber. Banker, Manager, IT-Experten und andere vermeintlich qualifizierte Jobs verschwanden, jetzt sogar schon Jobs des Upper Management. Keine Bank brauchte mehr einen Analysten, der keine Chance gegen die neueste Generation der Rechner hatte, die über künstliche Intelligenz verfügten. Managemententscheidungen wurden zunehmend von Programmen getroffen, und Programme reparierten sich selbst, ohne dass ein Systemadministrator bei einem Problem eingreifen musste. Roboter warteten Roboter, Programme programmierten Programme.
   Die nur wenige Jahre zuvor von solch geistigen Größen wie Stephen Hawking ausgesprochenen Warnungen vor der künstlichen Intelligenz blieben ungehört.
   All das wäre noch zu kontrollieren gewesen, wenn nicht die Vermögen und Einkommen so ungerecht verteilt gewesen wären. Wegfallende Jobs wurden nicht umverteilt, sie wurden vernichtet. Anstatt nur noch fünfzehn Stunden pro Woche zu arbeiten, wie es der berühmte Ökonom John Meynard Keynes in den 1930er Jahren prophezeit hatte, wurden immer noch vierzig und mehr Stunden in der Woche geleistet.
   Die abhängig beschäftigte Klasse wurde zum Sklaven der vermögenden Minderheit, die hundert Prozent des Gewinns aus der steigenden Produktivität einkassierte und den Rest der Gesellschaft ohne Gnade und ohne Rücksicht ins Verderben stürzte. Die grenzenlose Gier der obersten Schicht führte zum Totalversagen des Kapitalismus.
   Jetzt zündete Industrie 4.0 seinen sozialen Sprengsatz mit der Wucht einer Wasserstoffbombe. Die, die noch vor Kurzem den umfassenden Wohlstand des 21. Jahrhunderts genossen hatten, waren nicht gewillt, diesen Verlust kampflos hinzunehmen … und sie waren bestens gerüstet für diesen Kampf. Sie wussten noch immer, wie man die Regler bediente, mit denen die Schalthebel der Macht justiert wurden.
   Für Organisationen wie Robin would … stellte es sich als Vorteil heraus, dass die herrschende Klasse neunundneunzig Prozent aller Arbeiten delegiert hatte.
   Die plötzlich aus den Kasten gekickten Neu-Parias hatten diese Arbeiten verrichtet und wussten daher, wie man sie sabotieren konnte. Ohne Gehalt wurde einem schlagartig der Platz an den Fleischtöpfen verwehrt. Allerdings sahen die wenigen, die jetzt noch dort standen, weder angsteinflößend noch übermächtig aus. Sie forderten einen regelrecht zur Gegenwehr heraus. Die geschasste Mittelklasse schlug zurück. Robin would … war einer ihrer stahlbewehrten Fehdehandschuhe, die permanent den Tiefschutz des Gegners durch rücksichtslos geführte Schläge und Tritte testete.
   Der Laptop, hinter dem er saß, mochte altertümlich wirken, er war aber nicht nur State of the Art, sondern ein echtes Front-End-Gerät.
   Die zwanzig Vogelfreien standen in einem fast perfekten Halbkreis um ihn herum. Er sah sie nacheinander fragend an. »Meine Damen, meine Herren, Sie kennen das Spiel. Ich brauche zwei Bestätigungen.« Als Commander war er dafür zuständig, potenzielle Undercoveragenten zu entlarven und kaltzustellen, aber es war die Aufgabe der versammelten Vogelfreien, einen falschen Commander zu enttarnen.
   Jedes Mitglied von Robin would … musste einen Ring tragen, der so unauffällig wie möglich aussah: ein silberner Ring ähnlich einem Ehering, jedoch schlichter. Das Innerste dieses Ringes enthielt das Beste, was zurzeit möglich war. Auf kleinstem Volumen waren unglaublich viele Informationen untergebracht, und ein Programm, das den gesamten Inhalt innerhalb einer Millisekunde unwiederbringlich löschen konnte, wenn ein Unbefugter versuchte, den Inhalt zu lesen.
   Alle Versammelten starrten auf ihre Ringe, zwei von ihnen traten vor und berührten eine Stelle auf der Rückseite ihres Rings. Zwei winzige Laserstrahlen traten aus den Ringen aus, die den Ring des anderen und seinen eigenen trafen.
   Nichts passierte. Der Ring war echt.
   »Gut, damit bin ich bestätigt. Mal sehen, wie es mit Ihnen aussieht.« Er gab einige Befehle in seinen Laptop ein, dann erschienen achtzehn grüne und zwei gelbe Lämpchen auf seinem Bildschirm. »Sieben und Fünfzehn, ihr seid draußen.« Fast unmerklich war er vom Sie auf Du übergegangen. Er blickte die beiden mit Zahlen identifizierten Personen nacheinander an. »Vielleicht seid ihr beide okay, vielleicht seid ihr auch Verräter, das kann ich nicht beurteilen, das könnt nur ihr selbst wissen. Wenn ihr in Ordnung seid, bleibt in unserer Organisation. Wenn nicht, rate ich euch, eure Ringe so schnell als möglich zu entsorgen. Wir brauchen keine vierundzwanzig Stunden, um rauszufinden, ob man euch trauen kann. Ist der Bescheid negativ, fliegt euch der Ring um die Ohren und ihr braucht eine Prothese oder einen Bestatter.« Er fixierte zwei andere Vogelfreie. »Zwei und Acht, ihr begleitet die beiden hinaus in das Areal Blau. Wenn unser Treffen beendet ist, können Sieben und Fünfzehn gehen, wohin immer sie wollen.«
   Nachdem die vier Personen die Scheune verlassen hatten, projizierte er mithilfe seines Laptops ein großes Hologramm in die Mitte der Halle.
   »Das ist das Objekt. Hochsicherheitsschutzzone für hundertfünfundzwanzig Mitglieder des obersten Prozents und dreihundertfünfundneunzig Bedienstete, davon zweihundertdrei Personen Wachpersonal. Durchschnittliche Responsetime für alarmierte Polizeieinheiten vier Minuten fünfundvierzig, hundertprozentige Kameraüberwachung, Laserfallen, Wärmemelder, Wärmesucher, Bewegungs- und Gewichtssensoren, Spürhunde und zwei MSKR 4.0 Multisensorkampfroboter, das ganze Programm also.«
   Vier stieß seinen Nebenmann Nummer fünf an. »Eine echte Herausforderung, was sagst du dazu?«
   »Es juckt mich in den Fingern. Ich hoffe, es dauert nicht zu lange, bis es losgeht.«
   Er bemerkte das Getuschel. »Ich schätze es nicht, wenn ich in meinen Ausführungen unterbrochen werde«, donnerte er. Er öffnete eine Grafik auf dem Laptop. »Sie gehören beide zu unserem IT-Team. Unser Objekt hat die Sicherheitsstufe zehn. Glauben Sie, dass es zu knacken ist?«
   »Für zwanzig Prozent der Programme war ich verantwortlich, bevor sie mich rausgeschmissen haben«, sagte der vorlaute Vierer. »Außerdem weiß ich, wie die anderen schreiben. Also ja, es ist machbar.«
   »Nummer fünf, was meinen sie?«
   »Ich schließe mich meinem Vorredner an.«
   Nummer fünf schien nichts davon zu halten, alle Trümpfe aus der Hand zu geben. Er war der Vorgesetzte von Nummer vier gewesen und hatte ihn vor drei Monaten rausgeworfen, was Vier nicht wusste. Er arbeitete noch immer für die Hochsicherheitszone, die jetzt als Objekt bezeichnet wurde, aber in Wirklichkeit ein Angriffsziel war. Er hasste die Leute, für die er arbeitete und hatte nur dort angeheuert, um sie zu hintergehen.

*

»Träume ich?« Manuels Vater starrte das Geld in seinen Händen an.
   »Nein.« Manuel, einen halben Kopf größer als sein Vater, umarmte ihn. »Es ist wahr! Wir vier haben ungefähr viertausend Euro eingesammelt.«
   Dario starrte noch immer auf das Geld. »Viertausend! Ich kann mir für tausend eine alte Kiste kaufen. Mit einem Auto kriege ich auch einen Job.«
   Seine Mutter umarmte seinen Vater. »Ja, du wirst wieder einen Job bekommen.«
   Ihn hatte es als einen der Ersten erwischt, als die Immobilienblase platzte. Er war Polier bei einem Bauunternehmer im Ort gewesen und litt sehr darunter, keine Arbeit zu haben.
   »Wer hat das Geld aus dem Hubschrauber geschmissen, Mama? Brauchte der es selbst nicht mehr?«, fragte Blanca.
   Seine Mutter lachte laut auf. Sie bückte sich zu seiner Schwester hinunter, wollte antworten, sagte aber nichts.
   Wie sollte sie auch? Keiner von ihnen verstand es ja selbst.
   »Wir wissen es nicht, Blanca. Es ist ein großes Rätsel«, sagte Manuel.
   »Aber es ist ein guter Mensch, oder?«
   Das hatte er sich auch schon gefragt. Eine Antwort hatte er allerdings nicht gefunden. Seine Welt war komplizierter als die einer Sechsjährigen. »Sicher. Sonst hätte er uns nicht so viel Geld geschenkt, nicht wahr?«
   »Ja.« Blanca strahlte. »Kann ich jetzt ein Fahrrad haben?«
   Jetzt strahlte auch ihre Mutter. »Klar, wir kaufen dir noch heute ein nagelneues Fahrrad.« Sie warf seinem Vater einen kurzen Blick zu, und der nickte nur und lachte.
   Er rieb sich die Hände. Dieser Tag war sein Tag, strahlte sein Blick aus. »Was machen wir? Gehen wir zu den anderen?« Er zeigte auf die Kneipe von Iker Morales, die mittlerweile brechend voll war.
   Seine Mutter lächelte. »Warum nicht? Lasst uns alle gehen.«
   Manuel wollte gerade mit seiner Familie auf die andere Straßenseite gehen, als Carlos Mendez seinen Vater anhielt.
   Er wohnte drei Häuser weiter und war ebenfalls arbeitslos. Vor der Weltwirtschaftskrise hatte er angefangen, ein Hotel am Strand zu bauen. Zu seinem Glück war es außen fertig, sodass es nicht verrotten konnte, aber er hatte kein Geld, um es fertigzustellen. »Kann ich dich einen Moment sprechen?«
   »Na klar.«
   »Willst du eine Limo, Blanca?« Seiner Mutter und Manuel war klar, dass das Gespräch länger als einen Moment dauern würde. Vor der Krise hatte sein Vater an dem Rohbau von Carlos‘ Hotel gearbeitet.
   »Nein, Mama, ich will ein Fahrrad.«
   »Gut, dann holen wir dir jetzt eins.« Sie nickte Manuel zu.
   Er nickte zurück und hielt schon das Smartphone in der Hand. Er wollte sich mit seiner Clique treffen, um über die Sensation zu sprechen und zu planen, was sie mit dem Geld machen würden, das vom Himmel gefallen war.
   In diesem Moment brach die lokale Presse über San Miguel herein. Fast gleichzeitig fuhren die Reporter und Fotografen der drei großen Tageszeitungen an Manuel vorbei und hielten in seiner Nähe an. Als Erstes scharten sie sich um Pedro Esteban, der vor seinem Haus stand und winkte. Vermutlich hatte er sie informiert.
   Zwei Reporter, einer männlich, einer weiblich und zwei Fotografen waren ausgestiegen, einer der Männer reichte Pedro einen Umschlag. Vermutlich enthielt er Geld, das Pedro vom Chef vom Dienst einer der Tageszeitungen erhalten hatte. Dann schwärmten die Reporter und Fotografen aus.
   Eine junge Frau trat auf Manuel zu, und er erzählte ihr, was er gesehen und gehört hatte.
   Die junge Frau nahm sich viel Zeit. Ihr Kollege machte Fotos. Dutzende. Seine Nikon klickte unentwegt. Schließlich kam sie zu einem Punkt, an den Manuel nicht mehr gedacht hatte. »Haben Sie Fotos oder eine Filmaufnahme von dem Hubschrauber gemacht, der das Geld abgeworfen hat, oder kennen Sie jemanden, der solche Aufnahmen gemacht hat? Wir zahlen auch für die Vermittlung von Informationsmaterial.«
   Manuel lächelte. Er hatte eine Filmaufnahme. Eine ziemlich gute. Er spürte, wie sein Körper Adrenalin ausschüttete. Seine Filmaufnahme war sicher sehr viel mehr wert als die tausend Euro, die er auf der Straße und am Bach gefunden hatte. »Ich habe eine Filmaufnahme.«
   »Kann ich die sehen?«
   »Klar.« Er startete das Video auf seinem Smartphone.
   Sie pfiff durch die Zähne. »Das ist gut. Ich möchte den Film kaufen. Was wollen sie dafür?«
   »Was bieten Sie?«
   »Zehntausend«, sagte sie wie aus der Pistole geschossen.
   Also war mehr drin. »Ich will zwanzigtausend.« Sein Herz hämmerte. Er versuchte, unbeteiligt und cool auszusehen.
   »Das ist ziemlich viel. Darüber kann ich nicht allein entscheiden. Bei diesem Preis werden Sie verstehen, dass ich versuchen muss, für weniger Geld einen Film der gleichen Qualität zu kaufen.«
   »Natürlich.« Manuel wurde unsicher. Hatte er einen Fehler gemacht?
   »Geben sie mir bitte ihre Telefonnummer.«
   »Natürlich.«
   Sie speicherte seine Nummer auf ihrem Handy, und schon war sie weg.
   Scheiße.
   Vielleicht auch nicht. Seine Aufnahme war gut. Wirklich gut.
   Manuel rief Jorge an.
   Als er ihm seine Geschichte erzählt hatte, lachte Jorge. »Vor fünf Minuten hat mich Ruben angerufen. Er hat einem Reporter der Noticiarios del Dia einen kurzen Film für Fünfzigtausend verkauft.«
   »Wow …« Ihm blieb der Mund offen stehen.
   »Das ist viel mehr, als Sie sonst bezahlen.« Jorges Stimme hatte einen vertraulichen Ton angenommen. »Es geht hier um nicht weniger als eine Weltsensation. Die Geschichte, die wir heute erlebt haben, ist so unglaublich, dass morgen die ganze Welt darüber sprechen wird. Schick mir doch deine Aufnahme mal rüber.«
   Als sich Jorge die Aufnahme angesehen hatte, pfiff auch er durch die Zähne.
   »Glückwunsch, Alter. Wenn du keinen Fehler machst, bist du noch heute ein – ich will nicht sagen, reicher – aber wohlhabender Mann.«
   »Was meinst du damit?«
   »Dein Film ist viel besser als Rubens Film. Viel schärfer. Nicht verwackelt. Länger. Mit einem perfekten Ton. Ein Juwel.«
   »Was soll ich verlangen?«
   »Zweihunderttausend.«
   »Bist du irre?«
   »Die wirst du nicht kriegen. Aber lass dich auf keinen Fall unter Hunderttausend runterhandeln.«
   »Und wenn sie nicht bereit sind, die zu zahlen?«
   »Dann bluffst du. Du sagst, du hast zwei weitere Angebote über hundertfünfzehn und hundertfünfundzwanzig.«
   »Wenn sie auf den Bluff nicht reinfallen und wegfahren?«
   »Vielleicht fahren sie weg, aber dann kommen sie ganz sicher wieder und zahlen.«
   »Warum bist du dir so sicher?«
   »Die haben schon die ganze Stadt abgeklappert. Es gibt wohl mehrere Aufnahmen, aber die taugen alle nichts. Rubens Aufnahme ist auch nicht gut, aber halt besser als die anderen. Und deine ist die mit Abstand beste.«
   »Danke, Jorge, du hast mir echt geholfen. Mach’s g…«
   »Stopp. Stopp. Warte noch ’nen Moment.«
   »Was ist?«
   »Du gibst ihnen den Film nicht, bevor sie dir das Geld überwiesen haben. Schließ einen Vertrag ab, notfalls mündlich. Du brauchst einen Zeugen. Die werden auch zu zweit sein. Wenn sie das Geld überwiesen haben, überweist du es sofort weiter auf das Konto deines Vaters. Erst, wenn es dort angekommen ist, gibst du ihnen den Film. Alles klar?«
   »Äh … ja.«
   »Danach feiern wir, Alter.«
   »Alles klar.«

Nach der lokalen Presse kam die überregionale Presse, und dann Reporter, Fotografen und Kameraleute aus aller Welt. Erstaunlicherweise brauchten sie dafür weniger als einen halben Tag. Es waren so viele von ihnen in San Miguel und den beiden anderen Orten unterwegs, die der Pilot von oben beglückt hatte, dass der Verkehr zum Erliegen kam. Überall standen ihre Fahrzeuge und die großen Übertragungswagen.
   Sie brauchten dringend Interviewpartner.
   Den Bewohnern von San Miguel war zum Feiern zumute, deshalb hatten sie sich in den Bodegas, Gasthäusern, Bars und Kneipen versammelt. Der konsumierte Alkohol lockerte die Zungen. Die geschickt eingesetzten Fotografen taten ein Übriges. Manuel zog umher und wartete auf die Gelegenheit zu seinem großen Deal.
   »Kommt mein Bild in die Zeitung?«
   »Na klar!«
   Gelogen, dachte Manuel und drückte sich grinsend an der kleinen Gruppe vorbei.
   »Was wollen Sie wissen?«
   Die Reporter waren nicht zu stoppen. Sie klingelten an Türen und verhinderten das sofortige Schließen mit dem obligaten rechten Fuß in der Schwelle und weiteren braunen Scheinen, die gern in die erbeuteten Sammlungen aufgenommen wurden.
   Die meisten Reporter schafften es, ihr Interview professionell und in kurzer Zeit durchzuführen, die anderen unterlagen dem Charme spanischer Gastfreundschaft. Bei Paella, Fischgerichten und einem guten Reserva wurden interkulturelle Freundschaften geschlossen. Nach den hochprozentigen Verbrüderungsszenen ergingen sich die Autoren in Lobpreisungen über die spanische Seele und darüber, dass die Spanier durchaus nicht so schwermütig waren wie allgemein erwartet.
   Insgesamt war es ein sehr harmonischer Tag. Eine vom Geldregen beglückte Bevölkerung traf auf eine Journaille, die froh war, ausnahmsweise über eine positive Geschichte berichten zu dürfen. Keine Selbstmordanschläge in Bagdad. Keine Ausschreitungen in einer von Rios Favelas. Ein unglaubliches Ereignis und einfach nur gute Laune in drei spanischen Städten.
   Manuel saß mit Julia und seinen Freunden schon seit zwei Stunden in einer Kneipe. Sie verfolgten parallel die Radiomeldungen, die aus einem Empfänger auf der überfüllten Theke plärrten. Der Wirt kam gar nicht nach, all die leeren Gläser so schnell zu spülen und wiederaufzufüllen. Gleichzeitig verfolgten sie die Fernsehbilder auf dem kleinen Apparat, der über dem Spiegel mit den Flaschenregalen hing. Auch die lebhaften Erzählungen der anderen Gäste drangen hin und wieder zu Manuel durch. Er hielt die ganze Zeit über sein Handy in den verkrampften Fingern, und auch Julia hatte es nicht geschafft, ihn davon anzubringen.
   Dann endlich klingelte es. Er griff nach seinem Glas Bier und trank einen großen Schluck.
   Prost.
   Seine Chance war gekommen.

Kapitel 3
Statistik

2.814 zusätzlich verkaufte Flugtickets
   7.814.210 zusätzliche Bonusmeilen
   3 zufällige Eheanbahnungen, davon zwei dauerhaft, eine geschieden nach 12 Jahren, 3 Monaten und 14 Tagen.
   13 benutzte Airsicknessbags (Kotztüten)
   3 verstauchte Füße beim Verlassen der Gangway.
   23 falsch beförderte Koffer, davon 4 endgültig verloren und später versteigert (Highlight: ein Original-Teelöffel aus dem Wrack der Titanic. Geschätzter Wert: 20.000 bis 30.000 britische Pfund.)
   1.118 zusätzlich verkaufte Bahntickets.
   997 zusätzlich verkaufte Mittagessen im Speisewagen.
   1 Lebensmittelvergiftung (wegen Allergieschock).
   147 Verspätungen, davon 29 über eine Stunde. Deswegen zurückgezahlter Ticketpreis EUR 314,52 und GBP 48,27.
   2 Ohnmachtsanfälle wegen Ausfällen der Klimaanlagen bei hohen Temperaturen (38,74° C.).

Anekdote

Der Reporter eines großen britischen Senders interviewt in San Miguel einen Landsmann. Nach wenigen Minuten stellt sich heraus, dass sein Interviewpartner sein Patenonkel ist, der sich in San Miguel zur Ruhe gesetzt hat.
   Drei Stunden später werden beide (2,15 und 2,45 Promille) nach dem Konsum von 1,245 Liter schottischen Whiskeys (hochwertig, zwölf Jahre im Fass gereift, 38 Prozent Alkohol) und lautstarkem Singen der englischen Nationalhymne wegen ruhestörenden Lärms angezeigt.
   Das alarmierte Polizeifahrzeug kann allerdings wegen der zugeparkten Straßen nicht zu ihnen durchdringen.
   Lautstarke Diskussionen mit denen, die die Anzeige erstellt haben.
   Weiterer Ausschank von 2,359 Litern schottischen Whiskeys (hochwertig, zwölf Jahre im Fass gereift, achtunddreißig Prozent Alkohol und sehr hochwertig, achtzehn Jahre im Fass gereift, dreiundvierzig Prozent Alkohol).
   Danach Verbrüderungsszenen mit denen, die die Anzeige erstellt haben.
   Ein versuchter Beischlaf wird wegen zu hohem, beiderseitigem Alkoholisierungsgrad abgebrochen.
   Am nächsten Nachmittag Gründung eines spanisch-britischen Freundschaftsvereins, endlich geglückter Beischlaf.
   Hohe Zufriedenheit auf beiden Seiten.
   So geht Völkerverständigung!

»Meine Güte! Unglaublich, nicht wahr?« Alfredo lächelte in die Kamera. Er hielt mit der Linken ein Bündel Fünfzigeuronoten und streckte sie über seinen Kopf. Dann warf er sie mit einer lässigen Bewegung in die ersten Reihen des Publikums.
   Der Saal tobte. Einige, die Scheine gefangen oder aufgelesen hatten, schrien auf. Gut. Sie hatten verstanden, was ihnen die Einheizer während der Generalprobe eingetrichtert hatten.
   Alfredo ging für eine Nahaufnahme näher an eine der Kameras heran. »Alles echt«, flüsterte er verschwörerisch. »Das ist das eigentlich Unglaubliche an dieser Aktion.« Er war einer der beliebtesten Fernsehmoderatoren Spaniens. Gewesen. Seit Jahren war sein Stern am Sinken – behaupteten seine Kritiker. Wenn man von den sinkenden Zuschauerzahlen ausging, hatten sie recht.
   Aber heute Abend war er obenauf.
   Eben waren die Bilder aus den drei Kleinstädten über den Bildschirm gelaufen. Bilder, in denen zig Millionen Euro vom Himmel flatterten. Die Luft war voll davon und erinnerte an die Szenen nach dem Endspiel der Champions League oder des Superbowls, wenn die Luft voll war von herunterfallenden Metallstreifen, die das Licht der großen Strahler zigtausendfach reflektierten.
   In diesen Städten waren allerdings keine wertlosen, hauchdünnen Metallstreifen vom Himmel gefallen, sondern sehr kostbare Kaufkraft. Sein Fernsehsender hatte einer überregionalen Tageszeitung das Recht, diesen Film im Fernsehen senden zu dürfen, für ein kleines Vermögen abgekauft. Sein Job war es, daraus ein richtiges Vermögen zu machen. Und dafür war er genau der richtige Mann.
   Er nahm von seiner Assistentin einen Gegenstand entgegen, der aussah wie ein Laubbläser oder –sauger. Mit dem Gerät trat er an den Bühnenrand und drückte auf den Abzug.
   Hunderte von Geldscheinen flogen aus dem Rüssel des Geldbläsers.
   Die Halle tobte.
   Geil. Die Scheine flogen über die gesamte Zuschauermenge hinweg. »Jaaaa!«, schrie er. Wenn er dabei ein bisschen wie ein Maniac rüberkam – wunderbar.
   Er wusste, dass er sich neu definieren musste … und heute war die beste Gelegenheit dazu. Er änderte seine Position, lief zur anderen Seite der Halle, drückte wieder auf den Abzug. Er hatte das zig Mal eingeübt. Es war wichtig, dass er dynamisch rüberkam. Er drückte so lange auf den Abzug, bis er alle zweitausend Scheine im Zuschauerraum verteilt hatte. Hunderttausend Euro.
   Der Intendant hatte ihn für verrückt erklärt, aber er hatte darauf bestanden und das Geld bekommen.
   Die Leute drehten durch, wenn sie in einer Wolke von Hunderten von Geldscheinen standen oder saßen.
   Er ließ die Kameraleute draufhalten. Er hatte sicher dynamisch gewirkt, aber jetzt war er außer Puste. Das musste niemand sehen.
   Sobald er seine Atmung wieder unter Kontrolle hatte, schaltete er das winzige Mikro wieder ein, das sich neben seinem Mund befand. »Wolken von echtem Geld!« Jetzt brauchte er eine lange Pause. Er strahlte in die Kameras. Dabei musste er sich nicht einmal verstellen, wie er es schon so oft getan hatte. Das war sein Abend. Er spürte es. »Geil, oder?« Wieder gönnte er sich eine lange Pause. Eine Pause, in der das Publikum jubelte wie schon lange nicht mehr.
   Noch immer versuchten etliche, die herumwirbelnden Scheine einzufangen. Die ideale Kulisse.
   »Wir alle fragen uns natürlich: Wer hat diese irre Aktion durchgeführt?« Auch diese Frage konnte er ein paar Sekunden sacken lassen, bevor er weitermachte. »Niemand hat sich zu dieser Tat bekannt, wie es so schön heißt.« Es wurde Zeit, ernster dreinzublicken. »Diese Floskel hören wir normalerweise, wenn sich mal wieder irgendwo ein irrer Terrorist in die Luft gesprengt und zig Unschuldige mit in den Tod gerissen hat. Wenn sich allerdings jemand zu dieser Tat bekannt hätte, hätten wir ihn liebend gern zum Kaffee eingeladen, nicht wahr?« Wieder tosender Applaus. »Oder in diese Sendung.« Alfredo machte wieder eine kleine Pause.
   Die Leute hingen an seinen Lippen. Gut so.
   Er seufzte vernehmlich. »Leider hat sich niemand zu dieser Aktion bekannt.«
   »Ooohhh!«
   Die bedauernde Reaktion des Publikums war eingeplant. Es war sogar eingeplant, dass jeder wusste, dass diese Reaktion vom Publikum erwartet wurde.
   »Trotzdem: Wir alle wollen wissen, wer es war. Also: Wer war es?«
   Überall reckten sich Arme nach oben.
   Früher hätten Mitarbeiter des Senders Mikrofone an meterlangen Teleskopen dem Zuschauer vor die Nase gehalten, auf die er gezeigt hätte, jetzt hatten sie eine neue Technik.
   Der fette Kerl in der dritten Reihe, der unter den knackigen Strahlern schwitzte wie ein Tier, war genau der Richtige. Niemand konnte ihm vorwerfen, er hätte eine hübsche Frau oder einen gut aussehenden Typen ausgesucht.
   Sein Laserpointer fand ihn, und auch die hochempfindlichen Richtmikrofone, die technisch der neueste Clou waren.
   Alfredo ging mit federnden Schritten zu ihm hin. Strahlte Dynamik aus. »Sie haben eine Ahnung, wer es gewesen sein könnte, mein Freund?«
   »Ja, klar.«
   »Und? Wer war es?«
   »Ich.«
   Die Halle tobte.
   Super. Alfredo grinste. Der Typ hatte funktioniert. Genau diese Antwort war als eine der Wahrscheinlichsten erwartet worden, denn Witzbolde gab es in einer großen Menge immer, und er hatte einen gleich als Ersten erwischt. Der Fette hatte vermutlich gedacht, dass er eine besonders originelle Antwort gefunden hatte. Er musste ihn in diesem Glauben lassen. Jetzt konnte er sein Programm abspulen.
   Alfredo lachte laut. Jetzt musste er so tun, als ob er die Antwort originell fand. Er applaudierte, hob dazu die Arme über den Kopf.
   Rhythmisches Klatschen im Publikum.
   »Super, mein Freund. Wo schlägst du als Nächstes zu?«
   »Heute Nacht zu Hause im Bett. Aber die Nummer meiner Freundin kriegst du nicht.«
   Wieder tobte die Halle. Den Leuten an den Bildschirmen wurde echt etwas geboten. Alfredo wandte sich per Mikro an seine Assistentin. »Marta, besorgst du meinem Freund hier bitte einen Fünferpack Präservative? Er kann sie brauchen.« Er hielt die Stimmung in der Halle am oberen Rand. »Du weißt schon, die mit dem Senderlogo drauf.«
   Mehrere Frauen im Publikum prusteten lautstark los. Die hatte er angestellt. Musste ja keiner wissen.
   »Und unserem Motto: Wir und Sie. Immer ein starkes Team.«
   »Alles klar, Alfredo. Welche Größe?«
   Alfredo sah den Fetten fragend an.
   »XL.«
   Er grinste in die Kamera. »Warum bin ich nicht überrascht?« Er drückte dem Fetten die Hand und wollte weitergehen, als ihn seine Assistentin unterbrach.
   »Stopp, Alfredo, ich brauche noch die Geschmacksnote.«
   »Ja, natürlich. Nun?«
   »Banane.«
   Ja klar. Jetzt musste der Fette selbst über seinen Witz lautstark lachen. Da sich etliche anschlossen, war es aber nicht übermäßig peinlich.
   Alfredo ließ ihn stehen. Er hatte gut funktioniert. Schon suchte er sein nächstes Opfer und fand es. Eine Frau um die vierzig, hübsch, hatte sich für den Abend schickgemacht, sah aber sonst noch einigermaßen durchschnittlich aus. Er musste zwei Reihen nach links, um zu ihr zu kommen. »Darf ich fragen, wie Sie heißen?«
   »Triana …«
   »Ein schöner Name. Passt zu einer schönen Frau wie Ihnen.« Er mochte es, wie sie schlagartig rot wurde. »Nun, Triana: Was denken Sie? Wer war es?«
   Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Der König.«
   Eine Royalistin. Gut. Er war auch Royalist. Das Königshaus hatte Stil. Es wusste, wie man repräsentierte. Genau wie er.
   Alfredo sammelt noch einige weitere Antworten ein, bis es Zeit wurde, ein Resümee zu ziehen. »Das waren ein paar wirklich gute Antworten.« Er wartete, bis das begeisterte Klatschen leiser wurde. »Wir können aber nicht umhin, festzustellen, dass niemand weiß, wer es war. Wir wissen allerdings, dass der Pilot ein echter Profi war. Er hat sich viel Mühe gegeben, um nicht erkannt zu werden.« Alfredo ging zurück zur Bühne. »Da wir nicht rausfinden können, wer es war, wollen wir wenigstens wissen, wie es war. Um das aus erster Hand zu erfahren, haben wir die Bürgermeister der drei Städte, in denen das Geld vom Himmel fiel, zu uns ins Studio eingeladen. Und«, er zwinkerte den Zuschauern verschwörerisch zu, »sie sind alle drei heute Abend hier.«
   Tosender Applaus bei den Zuschauern im Studio, die eine Menge Geld dafür bezahlt hatten, als Statisten bei dieser Sendung dabei zu sein, die außergewöhnlich war, so viel war jedem klar.
   »Begrüßen Sie mit mir Alvaro Molina, den Bürgermeister von San Miguel und seine Kollegen …«

*

Alvaro erhielt einen so stürmischen Applaus, als ob er gerade allein mit einer selbst gebastelten Raumkapsel auf dem Mond gelandet wäre. Sein erster Impuls war, sich tief zu verbeugen, aber dann fiel ihm die Würde seines Amtes ein, und er beließ es bei einem leichten Kopfnicken.
   »Senior Molina, was haben Sie gedacht, als Sie das Geld vom Himmel fallen sahen?«, fragte Alfredo Jimenez.
   »Na, dass ich träume. Was hätten Sie denn in meiner Lage gedacht?«
   Jimenez Lächeln strahlte etwas weniger. Er hatte mit ihnen die Fragen und Antworten durchgesprochen und ihnen mehrmals eingeschärft, dass sie seine Fragen keinesfalls mit Gegenfragen beantworten durften. Na ja, Molina war halt kein Profi vor der Kamera.
   Jimenez hingegen schon. Er klopfte Alvaro kumpelhaft auf die Schulter. »Na, ich hätte das Gleiche gedacht. Woran haben sie gemerkt, dass es doch kein Traum ist?«
   »Das habe ich gemerkt, als ich fast von einem Nachbarn umgerannt worden wäre, der unbedingt die zwei Scheine, die vor mir auf dem Boden lagen, vor mir erreichen wollte.« Er rieb sich demonstrativ die linke Schulter. »Seinen Rempler spüre ich jetzt noch.«
   Jimenez‘ Mitgefühl hielt sich in Grenzen. Er wandte sich an den nächsten Kandidaten. »Guillermo Spinoza, Sie sind Bürgermeister von Manantial. Ihr Dorf war das zweite Ziel des geheimnisvollen Piloten. Ging es Ihnen auch so wie Ihrem Kollegen? Sind Sie von dem Geldregen auch überrascht worden?«
   »Nein. Ich wurde von vier Telefonen gleichzeitig geweckt: meinem Diensttelefon, meinem Festnetztelefon …«
   »Oh, gibt es so was noch?« Alvaro Jimenez feixte in die Kameras.
   Dass er sich gern über seine Gäste lustig machte, war einer der Gründe, warum Alvaro ihn nicht besonders mochte.
   »… meinem Smartphone und dem meiner Frau. Alle berichteten uns die unglaubliche Geschichte, die in San Miguel passiert war, und dass der gleiche Hubschrauber jetzt Geld über unserer Stadt abwarf. Ich bin sofort vor die Tür, um mir das anzusehen.«
   »Im Schlafanzug?«
   »Nein, in vollem Ornat, mit der schweren Bürgermeisterkette um den Hals und dem Goldenen Buch der Stadt in der Hand.«
   Hoho, der ließ sich von seinen Scherzen nicht kleinkriegen und gab Kontra. Alvaro grinste.
   »Wie haben Sie es wahrgenommen, als all das Geld vom Himmel fiel?«
   »Na ja, es war schon etwas unwirklich. Andererseits hatten mir ja schon mehrere Leute von der Sensation berichtet. Es war wie im Karneval, wo die Kinder zu den Stellen rennen, an die die Umzugswagen die Bonbons hinwerfen, nur mit dem Unterschied …«
   »Ja, mit welchem Unterschied?«
   Spinoza schaute Jimenez irritiert an. Musste der ihn mitten im Satz unterbrechen?
   »… mit dem Unterschied, dass sich jetzt nicht nur die Kleinen über die Sachen hermachten, sondern auch die Großen. Im Prinzip wirklich alle. Die alte Josefina schlug einen Twen, der sich schneller als sie zu dem Schein zu ihren Füßen bücken konnte, mit ihrem Gehstock in die Flucht, und etliche Damen setzten ihre übergroßen Handtaschen ein, um gegen männliche Konkurrenten zu bestehen. Die Hektik um mich herum war unbeschreiblich, aber irgendwie auch wieder lustig, weil viele vor Freude laut jubelten.«
   »Ja, man kann sich das Ganze gut vorstellen, ganz sicher … aber was haben Sie gemacht, Senior Spinoza? Haben Sie nur zugeschaut oder haben Sie auch selbst mitgemacht?«
   »Ich bin ein Mann des Volkes. Selbstverständlich habe ich selbst auch mitgemacht … ich war allerdings nicht sehr erfolgreich, ich habe nur zwölf Scheine einsammeln können.«
   »Na ja, Sie waren ja auch behindert.«
   »Wie bitte?«
   »Na, Sie wissen schon, das schwere Ornat und dann noch das Goldene Buch der Stadt in der linken Hand.«
   Der Fernsehfritze ritt doof auf dem Scherz herum.
   »Äh, ja, genau.«
   »Was werden Sie mit dem Geld machen?«
   Guillermo Spinoza war als Bürgermeister ein Ehrenmann, da musste er das Geld eigentlich spenden. Als Politiker war er aber auch flexibel, sagte sich Alvaro.
   »Ich werde es natürlich für einen guten Zweck spenden.«
   Alvaro Jimenez wandte sich an den dritten Bürgermeister. »Izan Lorca, was macht man in Ihrer Stadt mit dem Geld, das vom Himmel fiel? Wird das Geld gespart, kauft man sich neue Reifen für die alte Kiste oder steigen wilde Parties oder …« Er zog ein verschwörerisches Gesicht. »Orgien?«
   Sex sells.
   »O Mann! Ich sage Ihnen, es ist unglaublich, was in unserer Stadt abgeht.« Lorca war ein erfahrener Bürgermeister, erfahren vor Presseleuten, aber unerfahren vor Fernsehkameras.
   Man hatte ihnen vor der Sendung gesagt, sie sollten locker sein, Hemmungen ablegen, aus sich rausgehen und Begeisterung zeigen. Irgendwie hatte sich Lorca nur das letzte gemerkt.
   »Sie fragen nach Orgien?«, sagte Lorca. »Was soll ich dazu sagen? Ich würde sagen, alles ist möglich. Unsere Stadt steht Kopf.« Er riss beide Arme ganz nach oben. Das letzte Mal hatte er das getan, als er das Amt gewonnen hatte, das er bekleidete.
   Und es war wie damals.
   Das Publikum im Sendesaal jubelte ihm zu.
   »Was heißt das: Unsere Stadt steht Kopf?«, fragte Jimenez.
   »Na, dass alle völlig aus dem Häuschen sind. Ungefähr tausend Euro mehr hat jeder Einwohner von Calvero del Bosque plötzlich in der Hand. Einige von uns hatten noch nie so viel Geld.«
   Jimenez verzog das Gesicht zu einem ernsten Ausdruck. »Die Zeiten sind nicht gut, oder?« Er warf einen Blick in das Publikum, das deutlich nachdenklich wurde. »Umso mehr haut es rein, wenn es auf einmal so viel Geld regnet.«
   Lorca sah Jimenez für einen Moment irritiert an, dann fiel ihm offensichtlich ein, was man ihnen vor der Sendung eingetrichtert hatte. Positiv sein. Locker sein. »Genau.« Er strahlte wieder. »Sie wollen wissen, was wir mit dem Geld machen? Wir geben es aus.« Er riss erneut die Arme nach oben.
   Applaus brauste auf.
   »Für was auch immer.« Lorca sah Jimenez an und imitierte dessen verschwörerisches Gesicht. Er kniff das linke Auge zusammen. »Wir geben es aus. Ja, wir geben es aus. Alles! Wir stecken es nicht mehr unter Matratzen oder in Blechdosen im Speiseschrank, denn wie alle anderen Mitbürger unseres Landes können wir es uns nicht mehr leisten, zu sparen. Wir hauen es raus. Wir kaufen uns was. Etwas, das wir uns schon lange nicht mehr leisten konnten. Tausend Euro reichen nur für einen kleinen Traum, und jeder in unserer Stadt erfüllt sich gerade einen kleinen Traum. Oder mehrere. Alle sind total happy. Alle, wirklich alle.«
   Einen Moment herrschte Schweigen, dann tobte die Halle.
   Jimenez lächelte.

*

Nachdem Alfredo die eigentlich auf eine Stunde angesetzte Sondersendung um eine halbe Stunde überzogen und damit angezeigt hatte, dass er immer noch der King war, ging er zufrieden in die Maske und ließ sich abschminken. Dort gab es eine direkte Verbindung zur Aufnahmeleitung.
   »Das war super, Alfredo.«
   Er lächelte zufrieden. Der Regisseur. Gut so. »Ich weiß. Wie waren die Einschaltquoten?«
   »Sensationell. Bei deiner letzten Sendung hatten wir etwas mehr als eine Million Zuschauer.«
   Das war nicht das, was er hören wollte, aber er würde sich jetzt nicht die Laune von diesem Kind verderben lassen. So nannte er für sich jeden Kollegen unter vierzig.
   »Aber diesmal waren es in der Spitze über vierzehn Millionen. Der Rekord für dieses Jahr. Die hätten nicht mal umgeschaltet, wenn wir Werbung für billige Särge gemacht hätten.«
   Das war das, was er hören wollte. »Du hast jetzt eine Verbindung zu denen ganz oben, oder?«
   »Ja, woher weißt du das?«
   Alfredo seufzte, aber so, dass es der Regisseur nicht mitbekam. Woher er das wusste? Weil er wusste, wie der Hase lief. Weil er ein alter Hase war. Und weil er wusste, dass der Intendant selbst unter Druck stand. Die Quoten gingen generell zurück, nicht nur die seiner Sendung. Jetzt hatte es diese sensationelle Geschichte gegeben, die man einfach ausnutzen musste. Und er hatte es getan. Er hatte für den Intendanten die Kohlen aus dem Feuer geholt. Und jetzt würde er sie ihm zurückgeben. Noch heiß. Glühend. Es wurde Zeit, seinen Triumph etwas auszukosten. »Gib mir mal den Intendanten.«
   »Okay.«
   Wenig später hatte er seinen obersten Boss an der Strippe. »Hallo Adam.« Es war schon eine kleine Unverschämtheit, den Intendanten mit seinem Vornamen anzureden. Aber heute konnte er sich das leisten.
   »Hallo … äh, Alfredo.«
   Na also, ging doch. »Zufrieden?«
   »Mehr als das.« An der aufgeregten Stimme erkannte er, dass der alte Sack tatsächlich noch fähig war, Empathie zu zeigen. »Natürlich haben alle diese Geschichte ausgenutzt, aber wir hatten die höchsten Einschaltquoten. Bei Weitem.«
   »Gut so. Dafür hast du ja mich. Wir haben morgen um vier einen Termin. Was möchtest du da besprechen? Wir können das auch gleich jetzt durchziehen, oder?«
   Der Termin war seit drei Wochen angesetzt. Angenehm konnte es nicht sein, was der Intendant mit ihm besprechen wollte. Wollte er seine Sendung wegen der zurückgehenden Einschaltquoten auf einen unattraktiven Sendeplatz verschieben? Oder noch schlimmer, ihn rausschmeißen? Das war jetzt Geschichte. Die Sendung heute war kein One-Off. Er hatte seine Sendung damit für die nächsten ein, zwei Jahre gepuscht.
   Vierzehn Millionen Menschen hatten ihn heute gesehen. Und sie hatten gesehen, was er konnte. Sie würden wieder bei ihm einschalten. Zwei, drei, vier Millionen Zuschauer. Die Sendung hatte ihm den Arsch gerettet. Aber nicht nur ihm!
   Der Intendant räusperte sich. Alfredos Frage war ihm unangenehm. Der spürte es und kostete es aus. »Du, das hat sich erledigt.«
   »Ich kann es also aus meinem Kalender streichen?«
   »Ja. Es war eh nicht so wichtig, und ich habe am Wochenende ein paar dringende neue Termine für morgen bekommen.«
   Konnte der gut lügen. Fast so gut wie er. »Prima, Adam. Dann sehen wir uns nächstes Wochenende. Bei mir.« Jetzt verwirrte er seinen Chef vollkommen.
   »Äh, bei dir? Ja, von mir aus. Aber warum?«
   »Um unseren gemeinsamen Erfolg zu begießen, Adam, was sonst?«
   »Ach so, ja, klar. Wir sehen uns.«
   Da die Maskenbildnerin längst mit ihm fertig war, konnte er sich zurücklehnen und seinen Triumph genießen. Er würde seine Frau mit der Organisation beauftragen. Sie würde sich nicht darüber beschweren. Diesmal nicht.
   Sie hatte ihn vor zwei Jahren geheiratet, weil er zur High Society gehörte. Er hatte sie geheiratet, weil sie ein Model und dreißig Jahre jünger war als er. Und weil sie einen aufregenden Körper besaß. Er liebte den Neid in den Blicken der anderen Männer, wenn sie an seiner Seite auftrat.
   In letzter Zeit zickte sie allerdings ein bisschen rum, wenn es um die ehelichen Pflichten ging. Hatte öfter Migräne, ein Treffen mit der besten Freundin oder sonst was.
   Zumindest betrog sie ihn nicht. So viel hatte der Privatdetektiv herausgefunden, den er auf sie angesetzt hatte. Oder sie war so geschickt, dass sie damit seinen Respekt verdiente. Wie auch immer.
   Heute Nacht würde sie keine Ausrede erfinden. Heute Nacht würde er Regie führen beim Sex. Nicht alles würde ihr dabei gefallen, aber das war ihm egal.

Kapitel 4
Statistik

47.812 Minuten Sondersendungen im öffentlichen und privaten Fernsehen über Helicopter-Money in drei spanischen Städten (europaweit).
   Dadurch von Fernsehsendern durch verbesserte Einschaltquoten zusätzlich generierte Werbeeinnahmen in Höhe von € 27.897.514,32.
   Darauf innerhalb von 12 Monaten von europäischen Ländern, Bundesländern und Gemeinden zusätzlich eingenommene Steuern in Höhe von € 7.947.412,58.
   13 europäische Regisseure planen eine Doku über Helicopter-Money.
   2 Dokus werden durchgeführt. Einspielergebnis € 2.745.493.
   Dabei verbreitete Lügen: 47
   Davon aufgedeckt: 13
   129.359 Minuten Sondersendungen im öffentlichen und privaten Fernsehen über Helicopter-Money in drei spanischen Städten (weltweit).
   Dadurch von Fernsehsendern durch verbesserte Einschaltquoten zusätzlich generierte Werbeeinnahmen in Höhe von $ 73.859.174,99.
   Darauf innerhalb von 12 Monaten weltweit zusätzlich eingenommene Steuern in Höhe von $ 17.947.412,58
   17 Regisseure planen eine Doku über ‚Helicopter-Money‘.
   3 Dokus werden durchgeführt. Einspielergebnis $ 5.645.819.
   Dabei verbreitete Lügen: 37
   Davon aufgedeckt: 15
   Bloggewitter im Internet.
   Mindmaster schafft es, die meisten Klicks auf seinen Blog zu ziehen.
   Nennt sich kurzfristig Spanischer Pilot.
   Erhält 8.543.214 Likes.

Anekdote

Die 58-jährige Bolivianerin Antonia Riviera sieht mit großem Interesse eine Sondersendung über Helicopter-Money.
   Sie, die in einem sozialen Brennpunkt der Hauptstadt von Venezuela lebt, spielt regelmäßig Lotto mit der Hoffnung, durch das Knacken des Jackpots ihrer prekären finanziellen Situation zu entkommen.
   Eine innere Stimme sagt ihr, dass dieses Ereignis auch sie reich machen werde. Sie schreibt sich die Zulassungsnummer des Hubschraubers auf, der das Geld abgeworfen hat.
   Ihr Sohn Miguel rät ihr, die Quersumme dieser Nummer als Superzahl im nationalen Lotto zu benutzen.
   Antonia Riviera gewinnt damit den Jackpot und nimmt 14.815.795.13 Euro ein.
   Sie finanziert ihrem Sohn Miguel ein Mathematikstudium an der Universität von Princeton.
   Miguel Riviera wird Professor der Mathematik und durch das unglaubliche Helicopter-Theorem in seiner Zunft ein berühmter und anerkannter Chaos-Theoretiker.
   Seine Lieblingszahl ist viereinhalb.

Manuel hatte die ganze Nacht gefeiert, aber er hatte sich den Wecker gestellt, um es nicht zu verpassen, wenn sein Vater das Haus verließ.
   Sein Vater war bester Laune. Er hatte zum ersten Mal seit zehn Monaten wieder seine Arbeitskleidung an.
   »Du arbeitest für Carlos?«
   »Ja. Er hat genug Geld, um das Erdgeschoß seines Hotels auszubauen. Ich helfe ihm dabei.«
   »Ist ziemlich komisch, wenn man in einem dreistöckigen Hotel wohnt, in dem nur das Erdgeschoss genutzt werden kann, oder?«
   »Schon, aber Carlos hofft, dass er trotzdem Gäste bekommt.«
   »Verstehe. Was dagegen, wenn ich mitkomme?«
   »Nein, komm ruhig mit.«

Carlos Mendes wartete bereits vor seinem unfertigen Hotel, das keinen einladenden Eindruck machte. Er stand neben einem verrosteten Lieferwagen, den er sich von einem Freund geliehen hatte. »Hallo Dario, schön, dass du pünktlich gekommen bist. Man hat das Gefühl, die ganze Stadt ist ausgerastet.« Er gab Dario die Hand und schüttelte auch Manuels Hand. »Hallo Manuel. Weshalb bist du hier? Nicht zum Arbeiten … dafür hast du die falsche Kleidung an.«
   »Ich bin hier, um mit euch über Geschäftliches zu reden.«
   »Wie bitte?« Er musterte Manuel, als hielte er ihn für einen Naseweis, der nicht für voll zu nehmen war.
   »Was habt ihr jetzt vor?«
   »Wir fahren zum Baumarkt, kaufen Duschen, Waschbecken, Tapeten, Teppiche, Gardinen und Farbe und machen das Erdgeschoß meines Hotels bewohnbar.«
   »Eine Heizung hast du auch?«
   »Die Leitungen sind verlegt, aber ich habe kein Geld für den Heizkessel.« Er seufzte, dann wischte er die Angelegenheit mit einer Handbewegung beiseite. »Wir leben in Spanien. Hier wird es nicht richtig kalt. Wenn ich genug Gäste und damit Einnahmen bekomme, kann ich die Heizung vor Einbruch des Winters finanzieren.«
   »Was ist mit dem ersten und zweiten Stock?«
   »Die stelle ich fertig, wenn ich mit dem Erdgeschoß genug Geld verdient habe.«
   »Was ist, wenn dir jemand Geld gibt, den ersten und zweiten Stock aus- und eine Heizung einzubauen?«
   »Wer sollte das sein?«
   Manuel grinste. »Ich.«
   »Das ist ein guter Witz.«
   Manuel wandte sich an seinen Vater. »Guck doch mal kurz auf deinen aktuellen Kontostand.«
   »Wieso?«
   »Frag nicht, tu es einfach.«
   Sein Vater ging mit seinem Smartphone auf die Homepage seiner Bank. Einen Moment später erbleichte er.
   Der Kontostand betrug 125.113,45 Euro.
   Manuel lächelte. Sein Vater musste sich an 113,45 Euro erinnern, und dass er damit über den Rest des Monats kommen musste. Jetzt standen dort 125.000 mehr.
   »Da muss ein Fehler vorliegen, woher sollte ich so viel Geld bekommen?«
   »Na, dann schau noch mal hin.«
   Er starrte ungläubig auf das Display seines Smartphones. »V… von dir? Wo hast du es her?«
   »Von der Zeitung.«
   »Wofür zahlt dir die Zeitung so viel Geld?«
   »Für eine Filmaufnahme. Diese hier.« Er gab seinem Vater sein Smartphone, der sich die Aufnahme ansah.
   Carlos Mendes sah ihnen über die Schultern. Als er den Film erkannte, machte er große Augen. »Das läuft permanent im Fernsehen«, sagte er leise. »Andauernd … und vermutlich überall auf der Welt.«
   Manuels Vater ging zu einer Bank in der Nähe und setzte sich. Carlos Mendes ließ sich daneben plumpsen.
   »O Mann.«
   Die beiden brauchten einige Sekunden, um zu realisieren, dass diese Geschichte real war.
   Ein Lächeln trat auf das Gesicht von Manuels Vater. »Wir können in eine größere Wohnung ziehen.«
   »Ja.« Manuel spürte, wie sich Wasser in seinen Augen sammelte. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sein Vater das vertraute Lächeln auf dem Gesicht. Seine Welt war wieder in Ordnung.
   »Wie viel Geld kannst du mir leihen?« Carlos Mendes sah ihm fragend ins Gesicht.
   »Ich werde dir nichts leihen.«
   »Was?«
   »Ich möchte dein Partner werden.«
   Carlos‘ Gesicht hellte sich auf.
   »Wie viel brauchst du, um das Hotel komplett auszubauen?«
   »Normalerweise würde es hunderttausend kosten, aber wenn dein Vater und ich die ganze Arbeit machen, werden wir mit vierzig hinkommen.«
   »Welchen Anteil an deinem Hotel bekomme ich, wenn ich dir fünfzigtausend zahle?«
   Carlos Mendes überlegte kurz. »Die Hälfte. Also fünfzig Prozent.«
   »In Ordnung. Schlag ein.«
   Sie besiegelten ihr Geschäft mit einem Handschlag.
   »Solltet ihr noch Hilfe brauchen: Ich habe zwei Freunde, die Arbeit suchen. Einer ist Installateur, der andere Elektriker.«
   »Okay, danke für das Angebot.«
   Wenig später fuhren sein Vater und Carlos Mendes zum Baumarkt. Manuel lächelte. Den beiden hatte er nicht nur den Tag, sondern gleich die Zukunft gerettet.
   Es dauerte bis zum Mittag, bis die beiden vom Baumarkt zurückkamen. Der Lieferwagen war voll mit großen Pappkartons, in denen sich Badewannen, Duschkabinen, Waschbecken und Tapeten befanden. In Folie verpackten Teppichboden und Gardinen hatten sie ebenfalls gekauft, dazu etwa zwanzig Farbeimer. Weiterhin Werkzeug wie Akkuschrauber, Tapetentisch, Schrauben, Nägel usw.
   Manuel erwartete sie bereits. »Hallo ihr beiden, wofür habt ihr so lange gebraucht?«
   Sein Vater klopfte ihm spielerisch auf den Hinterkopf, grinste aber dabei. »Hey, spricht man so mit seinem Ernährer?«
   »Ich bin müde und hungrig. Ich brauche was zu beißen und einen Kaffee. Ihr sicher auch. Gehen wir zu Morales? Ich geb einen aus.«
   Anderthalb Stunden später klopften sich alle drei auf die Bäuche. Manuel schloss die Augen und lehnte sich in dem Holzstuhl zurück. Er fühlte sich gut. Aber er war wirklich hundemüde.
   »Wieso bist du so müde, Sohn?«
   Oh, Sohn, nicht Manuel. Wenn er so ernst wurde, beschäftigte seinen Vater etwas, und Manuel wusste auch, was.
   »Schau auf dein Bankkonto, Vater.«
   Wenig später bekam Darios Vater große Augen. Zum zweiten Mal an diesem Tag.
   Der Kontostand betrug 108.113,45 Euro. Sein Vater hatte fünfzigtausend an Mendes überwiesen, also waren praktisch dreiunddreißig Riesen mehr auf dem Konto als vor drei Stunden.
   »Was ist passiert?«
   »Ich habe Interviews gegeben. Alle wollten mit dem sprechen, der die sensationellen Filmaufnahmen gemacht hat. Ich habe sieben Interviews gegeben und jedes Mal kassiert. Von Spaniern, Amerikanern, Briten und sogar Japanern.« Plötzlich tauchte in seinem Kopf ein Gedanke auf, der ihm vorher nicht eingefallen war. »Ich glaube, ich bin jetzt berühmt«, flüsterte er.
   »Wieso landet all das Geld auf meinem Konto? Wieso überweist du es mir?«
   »Jorge hat mir dazu geraten. Wenn ich das Geld, was ich bekomme, sofort an dich weiterüberweise, können sie es nicht mehr zurückholen.«
   »Wer sind sie?«
   »Na die, die mir Geld überweisen, weil ich mit ihnen einen Vertrag abgeschlossen habe.« Ihm fiel ein, dass er seiner Großmutter noch schonend beibringen musste, dass auch auf ihrem Konto fünfzigtausend landen würden, aber das hatte noch Zeit. Donna Ines schaute jeden Monat nur einmal auf ihr Konto, wenn die Rente überwiesen worden war.
   »Jorge hat dir dazu geraten?« Sein Vater lachte. »Der Kerl weiß, wie man Geschäfte macht. Kein Wunder bei den Eltern …« Er winkte den Wirt herbei. »Hey, bring uns drei Veterano.«
   Es dauerte nicht lange, bis der Brandy in drei Gläsern vor ihnen stand. Iker Morales wollte schon wieder gehen, aber Manuels Vater hielt ihn zurück. »Warte, den Brandy zahle ich. Den Rest zahlt mein Sohn.« Er holte einen zerknitterten Fünfeuroschein aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. »Stimmt so.«
   »Ne, stimmt nicht so.«
   »Was soll das heißen? Dein Veterano kostet einsfünfzig. Schon seit Jahren. Drei mal einsfünfzig sind vierfünfzig. Der Rest ist Trinkgeld.«
   »Dann wirf mal einen Blick auf die Speisekarte.« Morales nahm eine Speisekarte, öffnete sie auf der vorletzten Seite und zeigte auf einen Preis.
   »Was? Aber der hat doch immer …«
   »Ja, der hat nicht immer, aber bis gestern einsfünfzig gekostet. Jetzt kostet er aber einsfünfundsiebzig.«
   »Warum?«
   »Weil ganz plötzlich die Nachfrage gestiegen ist, während das Angebot gleich geblieben ist. Dann steigen die Preise.« Er grinste.
   Manuel grinste auch. Dieser Spruch war sicher nicht auf dem Mist des eher schlicht gestrickten Morales gewachsen. Aber seine Tochter arbeitete in einer Bank und studierte nebenbei BWL. Auch andere hatten einen guten Berater wie er mit Jorge. Er schob eine Eineuromünze auf den Tisch. »So passt es schon, oder?«
   »Klar.« Morales steckte das Geld ein und ging.
   Die Jungen verstanden es besser als die Alten. Die Zeiten hatten sich geändert, ausnahmsweise mal zum Besseren.

Kapitel 5
Statistik

Inflationsrate (Preissteigerung eines repräsentativen Warenkorbs) in San Miguel, Manantial und Calvero del Bosque: 10,8 % gegenüber dem Vormonat und 10,2 % gegenüber dem Vorjahresmonat.
   Überdurchschnittlich hohe Preissteigerungen ergaben sich vor allem bei ortstypischen Dienstleistungen wie Bewirtung im Restaurant, Zimmermieten in Hotels, Appartements und Ferienwohnungen.
   Rekordverdächtig bleiben die Preissteigerungen von 53,85 % für Friseurdienstleistungen bei Lucias Goldener Schnitt (Lucia Gonzales, 27, Miss Katalonien 2012 und 2014), 48,14 % für Valerias Nagelstudio (Valeria Gonzales, 23, Miss Katalonien 2013 und 2016, kleine Schwester von Lucia Gonzales) und 36,14 % für die Schuhe in Rodrigos feinstes Leder (Rodrigo Montalban, 31, nebenberuflich Model bei Calvin Klein).

Anekdote

Angel Pedroso, Besitzer eines kleinen Hotels in San Miguel kauft drei Tage nach dem Hubschrauberflug Fleisch und Wurst für sein Hotel bei Pedro Esteban und regt sich furchtbar über eine 13-prozentige Preissteigerung in dessen Metzgerei auf. Zähneknirschend zahlt er den Preis.
   Achtundsechzig Minuten später taucht Pedro Esteban bei ihm auf und legt mit ihm die Preise für Speisen und Getränke bei der Hochzeit seiner Tochter Ariadna und seines Schwiegersohns Javier Soldana fest (alle Preise + 13 % gegenüber Vortag). Die Hochzeit soll sieben Wochen später in Angels Hotel stattfinden.
   Pedro Esteban akzeptiert zähneknirschend den hohen Preis. Seine Tochter Ariadna, die ihn von frühester Kindheit an um den kleinen Finger wickeln konnte, hatte ihm eingeschärft, dass wegen der genialen Aussicht auf das Meer nur Pedrosos Hotel für ihre Hochzeit infrage kommt.
   Wenig später taucht Alba Pedroso bei ihrem Mann Angel auf, die sich Sorgen macht, weil er seit Minuten wie ein Irrer lacht. Er erklärt ihr, wie er es aufgrund Pedro Estebans unverschämter Preiserhöhung gerade noch geschafft hat, seine eigenen Preise zu erhöhen, bevor der bei ihm aufkreuzte.
   Nach einer schnellen überschlägigen Rechnung hat er damit mindestens zweitausend Euro mehr verdient. Sie beschließen, dass man dies mit einer Flasche Champagner begießen müsse. Nach deren Genuss kommen sie sich, nachdem sie sich in der Vergangenheit etwas auseinandergelebt hatten, körperlich näher und fallen im Weinkeller übereinander her (Was sie auch in den nächsten Jahren machen. Hooray!).
   Neun Monate später wird Ainara Pedroso geboren. 2048 heiratet sie Bruno Esteban, den Enkel von Valentina und Pedro Esteban. ‚Die Welt ist klein.‘
   2056 eröffnet sie zusammen mit ihrem Ehemann das erste Restaurant auf der Marskolonie – ‚Die Welt ist groß‘.

Manuel stieg von seinem Fahrrad, schloss es an dem Ständer vor dem Eingang fest und betrat Carlos Mendez‘ Hotel. Er winkte Lucia zu, der siebzehnjährigen Tochter des Hotelbesitzers, die hinter dem Tresen am Haupteingang saß.
   Er musste grinsen. Ihr Vater hatte sie in eine Art Pagenkostüm gesteckt. Zum Glück trug sie keine Kopfbedeckung, sonst hätte man sie für einen Liftboy halten können.
   Sie winkte mit einem strahlenden Lächeln zurück.
   Er hatte das mickrige Gehalt, das ihr Vater ihr zugedacht hatte, verdoppelt. Sie hatte es verdient. Sie war so ein süßes Ding, jeder Gast lag ihr zu Füßen.
   Manuel nahm die Treppe in den ersten Stock in Zweierschritten. Seine Laune war bestens. Zwei Wochen war es jetzt her, dass das Geld vom Himmel gefallen war. Die Presse und das Fernsehen waren längst abgezogen, aber jetzt kamen die Touristen.
   Wie sollte man sie nennen? Sensationstouristen? Das war vermutlich der passendste Ausdruck. Sie wollten sich selbst ein Bild machen von der ‚Stadt, in der es Geld regnete‘. Sie erwarteten irgendwie etwas Sensationelles. Und sie bekamen es.
   Die Ureinwohner erzählten gern von dem Morgen, an dem es passiert war. Sie sonnten sich darin, etwas Besonderes zu sein, einfach nur, weil sie Zeugen und Nutznießer dessen geworden waren, was in San Miguel passiert war.
   Die ganze Welt hatte über ihre Stadt berichtet. Tagelang. Das machte sie zu etwas Besonderem. Und es machte die Touristen, die dies aus erster Hand hörten, als Zeugen auch zu etwas Besonderem. Deshalb verstand man sich gut miteinander - bei einem guten spanischen Rotwein. Und deshalb hatte in San Miguel niemand etwas gegen Touristen. Sie brachten Geld mit, und die Bürger von San Miguel nahmen es.
   Kein Tourist wusste, dass ein Veterano bei Iker Morales vor drei Wochen noch einsfünfzig gekostet hatte. Deshalb pochte in Carloz Mendez‘ Hotel jetzt das Leben.
   Mendez und Manuels Vater hatten sich tierisch reingehängt und das Erdgeschoß innerhalb einer Woche fertiggestellt. Auch eine große Heizung war im Keller bereits eingebaut worden.
   Alle vier Doppelzimmer im Erdgeschoß waren belegt. Es waren so viele Touristen im Ort, dass sie nehmen mussten, was da war. Deshalb hatten sie auch die Zimmer in Mendez‘ Hotel genommen, obwohl in den beiden Geschossen darüber noch gearbeitet wurde.
   Mittlerweile arbeiteten sie zu viert im ersten und zweiten Stockwerk. Mendez hatte Manuels arbeitslose Freunde eingestellt, den Installateur und den Elektriker. Die beiden waren so happy, dass sie endlich wieder arbeiten konnten, dass sie ihre beste Leistung brachten.
   »Hey, wie geht’s?« Manuel genoss es, dass ihm alle vier ein strahlendes Lächeln zeigten. Vor allem deshalb, weil er der Grund für ihre gute Laune war. Das Schicksal hatte es in den letzten Wochen gut mit ihm gemeint, nachdem es ihn vorher jahrelang ignoriert hatte.
   Egal. Jetzt war er in der Gegenwart. Und die war absolut geil. »Super.«
   Carlos Mendez reichte ihm die Rechte, und Manuel schlug ein. »Wir kommen gut voran …«, er grinste, »Kompagnon.«
   Manuel umarmte ihn. »Hey. Ja. Kompagnon.« Er umarmte auch seinen Vater und nickte seinen Freunden zu.
   »Die Heizung läuft, der erste Stock ist in zwei Tagen fertig.« Ein breites Grinsen trat auf Carlos Mendez‘ Lippen. »Die zwölf Doppelzimmer sind alle schon vorbestellt.« Seine Begeisterung war nicht zu verbergen. Er ballte seine Fäuste und reckte sie nach oben. »Es läuft bestens.« Carlos bekreuzigte sich. »Dank sei der Jungfrau Maria.«
   Das war nicht Manuels Ding, aber er konnte damit leben. Schließlich lebte er in einem erzkatholischen Land.

*

Vier Tage später betrat ein Pärchen Alvaros Büro.
   Wegen ihres Äußeren hielt er sie für Bankmanager. Zum Glück war ihm an diesem Morgen kein häusliches Missgeschick passiert. Keine winzigen weißen Flecken von Zahnpasta auf Krawatte, Hemd oder Schuhen oder Ähnliches. Er stand zwar dazu, dass sich die Würde seines Amtes auch in seinem Äußeren widerspiegeln sollte, aber man musste ja nicht päpstlicher sein als der Papst.
   Den Mann, der zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt sein mochte und der neben einem arroganten Grinsen einen sündhaft teuren maßgeschneiderten Anzug und ebensolche italienischen Schuhe trug, begleitete eine hübsche, für seinen Geschmack etwas zu dünne Endzwanzigerin. Ihre brünetten Haare waren nur etwas länger als die ihres Begleiters, ihre Kleidung war schick und korrekt und im Gegensatz zu der des Mannes von der Stange. Der Rock endete untadelig zwei Fingerbreit unter dem Knie. Ein richtiges Paar waren die beiden jedenfalls nicht, aber das hatte er schon vor der Begegnung gewusst, weil man ihn in einer E-Mail um eine kurze Unterredung gebeten hatte.
   »Ich begrüße Sie, Senior Molina, und danke Ihnen dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns zu empfangen.« Der Mann reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Professor Reto Capeder, und das ist Frau Doktor Verena Fux.«
   Alvaro drückte auch der jungen Dame die Hand.
   »Wir gehören zum Lehrpersonal der Universität St. Gallen und möchten in Ihrer und den beiden Nachbarstädten einige soziologische Forschungen durchführen.«
   »Sie wollen den Einfluss des Geldregens auf unser Verhalten und unsere Wirtschaft untersuchen.«
   »Äh, ähm …« Professor Capeder sah ihn mit großen Augen an. »Ganz recht, das haben wir vor.«
   »Müssen Sie nicht fürchten, dass Sie durch Ihr Auftreten und Ihr Handeln bei uns das Ergebnis Ihrer Untersuchungen verfälschen?«
   »Äh, ja … natürlich.«
   Alvaro blieb unverändert freundlich, ein Seitenblick auf die grinsende Frau Dr. Fux zeigte ihm allerdings, dass auch sie sich über den perplexen Gesichtsausdruck ihres Chefs amüsierte.
   »Natürlich sehen wir zu, dass der Partizipationsgrad unseres Beobachterstatus möglichst gering bleibt. Wir sind bestrebt, so wenig Einfluss wie möglich auf unsere Testgrup… äh … Ihre Mitbürger zu nehmen.«
   »Wie ich sehe, sind Sie selbst kein Laie auf dem Gebiet der soziologischen Forschung, Senior Molina. Wo haben Sie denn Ihren akademischen Grad erworben?« Dr. Fux lächelte ihn an.
   Sie erinnerte ihn an seine Frau, und damit hatte sie bei ihm ein paar Punkte gut. »Universität Barcelona. Ich bin Jurist, habe aber auch Wirtschaftswissenschaften und Soziologie studiert.«
   »Sehr interessant, was haben sie denn …«
   Professor Capeder räusperte sich laut. »Das ist alles sicherlich sehr interessant, aber wir möchten Ihre Freundlichkeit und Ihre Zeit nicht übermäßig in Anspruch nehmen, Senior Molina. Eigentlich sind wir nur hier, um Sie darüber zu informieren, dass für einige Wochen oder auch einige Monate ein Dutzend unserer Doktoranden Forschungen und Interviews in Ihrer freundlichen Stadt durchführen werden.«
   »Da sind Sie bei uns herzlich willkommen.«
   »Dafür danke ich Ihnen. Leider mussten wir feststellen, dass es fast unmöglich ist, bei Ihnen Zimmer zu bekommen. Ich fürchte fast, dass ich meine Leute in Zelten unterbringen muss. Ihre Stadt ist derzeit wirklich sehr begehrt.«
   Alvaro lächelte. »O ja, das ist sie. Unsere Hotels sind komplett ausgebucht. Wir haben immer noch ein paar Leute von der Presse hier, viel mehr Touristen als sonst und dann auch noch Ihre Kollegen aus Paris, Stockholm und Frankfurt, die auch noch bei uns forschen.«
   »Kollegen?«, sagte der Professor. »Ah, ja. Natürlich. Eine günstige Gelegenheit, um sich über die Ergebnisse auszutauschen und über Crosschecks Fehlinterpretationen auszuschließen. Leider kann ich mich nicht persönlich damit befassen. Ich werde Frau Dr. Fux hier das Feld überlassen. Sie ist die Projektleiterin.«
   Alvaro drückte dem Professor die Hand. Der bereitete offensichtlich den Abflug vor. »Es war nett, Sie kennenzulernen.«
   »Äh, ja, … aber sagen Sie mal, guter Mann, haben Sie nicht doch einen guten Tipp für uns, wo meine Leute unterkommen könnten?«
   »Carlos Mendez betreibt ein Hotel in der Nähe. Er ist ausgebucht, aber er baut gerade den zweiten Stock seines Hotels aus. Wenn er fertig ist, hat er zwölf weitere Zimmer zur Verfügung. Das kann nur noch ein paar Tage dauern.«
   »Das ist ein guter Tipp. Frau Dr. Fux, lassen Sie sich doch bitte die Adresse dieses Hotels geben. Ich muss weg, mein Flieger wartet.« Schon war er weg.
   Frau Dr. Fux lächelte. Sie plauschte noch zwei Stunden lang mit Alvaro, und er hatte überhaupt nicht den Eindruck, als ob sie ihm die Zeit stahl. Im Gegenteil war er froh, dem tristen Alltagstrott für ein paar Stunden entkommen zu können.

*

Manuel wachte auf, als sich Julia neben ihm regte. Sein rechter Arm lag auf ihrem Bauch, seine Hand auf ihrer linken Brust. Er lächelte. Sie fühlte sich gut an. So schön weich und warm. Es erinnerte ihn daran, wo sie beide in der Nacht aufgehört hatten. Sein Lächeln wurde breiter. Er hätte Julias Brust gern gestreichelt, aber er wollte sie nicht aufwecken.
   Dann spürte er ihre Hand auf seiner Hand. Sie streichelte seine Finger.
   Er schlug die Augen auf.
   »Komm näher.«
   Manuel kroch unter ihre Bettdecke und ließ seine Zunge über ihre Haut gleiten. Er reizte ihren Nippel, bis er hart aus ihrer Brust ragte. Seine Hand schaffte auf ihrer linken Brust das Gleiche.
   »Hey, hey, du gehst aber ran am frühen Morgen. Mal gucken, ob bei dir überhaupt schon alles wach ist.«
   Sie musste seinen harten Schwanz auf ihrem Oberschenkel spüren, aber trotzdem nahm sie ihn in die Hand.
   O Mann. Er musste schleunigst ein bisschen Tempo rausnehmen, sonst war ihr kleines Liebesspiel schneller vorbei, als ihm lieb war.

Zwei Stunden später wachte er wieder auf, als Julia neben ihm aufstand.
   Sie ging zum Fenster und sah durch den Vorhang hinaus. Sie war splitterfasernackt, und Manuel genoss es, ihren aufregenden Körper zu betrachten.
   Seit einer Woche wohnte er in einer eigenen, kleinen Wohnung. Jetzt hatte er viel mehr von seiner Freundin, die schon halb bei ihm eingezogen war.
   »Ganz schön was los da draußen.«
   Manuel erinnerte sich, ein paar Plakate gesehen zu haben. »Raphael gibt mit seiner Band auf dem Festplatz ein Konzert.« Raphael hatte in den letzten Tagen massiv in den sozialen Medien geworben.
   »Macht der immer noch die gleiche Musik wie früher? Trash Metal?«
   Manuel lachte laut. Es würde zu seinem Auftreten passen. »Nein, sie spielen jetzt Gothic Rock. Ich hab ihm vor ein paar Tagen beim Proben zugesehen. Coole Mucke, richtig gut, und die haben die Songs sogar selbst geschrieben. Heute Abend werden die Senioren ihre Hörgeräte ausschalten müssen. Wenn Raphael die Saiten seiner Gitarre zittern lässt, wird es richtig laut werden.«
   »Gehen wir dahin?«
   »Klar gehen wir.«
   »Wie nennen die sich? Black …?«
   »Fast. Sie nennen sich Dark Ice.« Manuel stand auf und stellte sich neben Julia ans Fenster. Er sah nach draußen, während seine rechte Hand auf ihrer rechten Pobacke lag. »Sie haben sich richtig Mühe gegeben. Er hat sogar einen Zaun um den Platz bauen lassen, damit er Eintritt nehmen kann.«
   »Wie viel will er denn haben?«
   »Zehn Euro.«
   Julia pfiff durch die Lippen. »Ganz schön viel für ‚ne Band, die bis jetzt nur auf ein paar Klassenfeten gespielt hat.«
   »Es gibt eine Menge Geld in dieser Stadt, das auch noch locker sitzt. Früher hätte er zu dem Preis vor fünf Leuten spielen können.«
   »Mit wie vielen Besuchern rechnet er denn?«
   »Hundert bis zweihundert. Maximal dreihundert.«
   »Na, mit dreißig kann er fest rechnen, die Doktoranden werden bestimmt alle kommen.«
   »Die? Oh, ja.«
   Die Doktoranden aus den vier Universitäten gehörten mittlerweile zum Stadtbild von San Miguel. Sie waren überall. Machten Interviews, Fotos, notierten Zahlen, befragten Geschäftsleute und auch normale Bürger, so wie er einer war. War er wirklich noch ein normaler Bürger?
   Irgendwie war er als ‚Der, der das Video gedreht hat‘ eine kleine Berühmtheit in seiner Heimatstadt. Vermutlich hatte er deshalb schon acht Doktoranden ein Interview gegeben.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.