Rubia war einst ein ganz gewöhnliches Mädchen. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie entführt und für drei Monate zu fremden Menschen in einen komplett finsteren Keller gesperrt wurde. Heute, zwei Jahre nach ihrer Befreiung, ist ihr Leben ein anderes. Aber die Dämonen ihrer Vergangenheit ruhen nicht. Sie warten nur auf den richtigen Augenblick. Und als Rubias beste Freundin Selbstmord begeht, erwacht eine Wahrheit, die vielleicht besser für immer in Vergessenheit geblieben wäre.

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Alexander Mahling

Alexander Mahling
Alexander Mahling, geboren im April 1989 als Sohn einer Ärztin und eines Künstlers im sächsischen Bautzen, hatte in seiner Kindheit sicher nicht im Sinn, je ein Buch zu schreiben. Trotz dessen, dass er dem Volksstamm der Sorben angehört, wollte in ihm kein kulturstiftendes Talent heranwachsen. Doch wie sich der deutsche Staat in jenem schicksalhaften Jahr 1989 änderte, bewies auch Mahling seine Wandelbarkeit. Es war die Kunstbegabung des Vaters, die in ihm als Erstes zum Vorschein kam und den Grundstein für seine zukünftigen kreativen Leistungen legte. Schon in seiner Jugend faszinierten ihn die Fotografie und die Gestaltung. So war es abzusehen, dass Mahling den Beruf des Mediengestalters ergriff, den er bis heute in einem Verlag in Hannover ausübt. Die folgenden Jahre weckten in ihm den Wunsch, selbst ein Buch zu verfassen und zu veröffentlichen. Von der Profession der Mutter von klein auf begeistert und inspiriert, ist es nicht verwunderlich, dass sein erstes Werk von den mörderischen Ereignissen in einer Psychiatrie erzählt. Doch nicht nur literarisch kommt Mahlings morbide Seite zum Tragen, auch in seinen Fotografien findet sich dieses Element wieder. Alexander Mahling lebt mit seiner Frau Mirijam zusammen, die ihn auch in schwierigen Zeiten zu kreativen Höchstleistungen beflügelt.

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Kapitel 1
Gestern war ein langer Tag

Ein heftiger Regen zog über das Gebäude. Rubia erwachte aus einem traumlosen Schlaf. »Agnes?«, flüsterte sie über das Prasseln hinweg. »Bist du schon wach?« Sie drehte sich träge auf die andere Seite und öffnete die Augen. Eine kahle Matratze, ein leeres Bett, keine Agnes.
   Rubia schoss auf und rieb sich das Gesicht. Es war ihr unmöglich zu erklären, was los war oder ob sie wieder etwas angestellt hatte. Für einen Moment dachte Rubia sogar, sie wäre in ein anderes Zimmer verlegt worden.
   Sie sah sich um. Der abgeplatzte Lack an der Tür, die Flecken an der Wand neben ihrem Bett, ihr ungenutzter Schrank. Eindeutig ihr Zimmer.
   Schwerfällig erhob sie sich aus ihrem Bett und trottete in Richtung Zimmertür. Vorsichtig trat sie hinaus, als könnte ein Monster, vom Regen geschickt, hinter der nächsten Ecke lauern. Doch im Aufenthaltsraum hantierte nur Frau Knieriem, eine der Stationsschwestern, die Stella einen Kaugummi aus ihren blonden Haaren schnitt. Auf dem Boden kringelten sich zahlreiche Strähnen. Wahnsinn, all die schönen Haare. Die Knieriem schnitt viel mehr ab, als sie musste.
   »Morgen!«, rief Rubia, doch nur Matthias erwiderte den Gruß aufgeputscht.
   Wie viel Kaffee mochte der schon intus haben? Davon bekommen die ihn nie runter.
   Ein Poltern drang aus dem Schwesternzimmer. Na, doch ein Monster? Aus der Tür trat, welch Wunder, kein Ungeheuer, dafür Rubias Lieblingsmensch. Gezwungenermaßen. Es gab hier nicht so viele Menschen zum Mögen. Außer Agnes jedenfalls.
   Schwester Jennifer, die treuste Seele und Pflegerin der Station drei, eilte mit einem Becher, in dem eine kleine, runde Tablette hin- und herschaukelte, auf Rubia zu und überreichte sie ihr mit zitternden Händen.
   Könnte sie genauso gut gebrauchen wie Rubia.
   »Runter damit, oder Frau Knieriem gibt’s dir intravenös.«
   Warum glaubten immer alle, jeder müsste sie motivieren, um den Scheiß zu schlucken? »Prost!« Rubia schüttete die Tablette in ihre Hand, die mit Abschürfungen übersät war, hob sie zum Mund und ließ die Chemie hineingleiten. Ohne Wasser Tabletten schlucken war keine Freude, doch es war ihr egal.
   »Bin ich wieder durchgedreht?«, fragte sie leise, während sich die Tablette ihre Speiseröhre hinabquälte.
   »Ja, aber keiner ist zu Schaden gekommen.« Jennifers Blick ruhte sorgenvoll auf Rubias Händen. »Außer du selbst. Doktor Friedmann möchte dich sehen, sobald du fertig bist.«
   Rubia nickte und ging Richtung Duschen. Im Halbdunkel des kleinen Flures, der die Duschen der Damen von denen der Herren trennte, hockte Meerrettich-Face in einer finsteren Ecke.
   »Moin Rettich, alter Stubenhocker.« Rubia wartete keine Erwiderung ab und drückte die Klinke zum Bad.
   Die kleinen Freuden waren es, die keiner mehr zu schätzen wusste. Sie duschte ausgiebig.
   Die Wassertropfen der warmen und feuchten Luft sammelten sich auf den nahen Spiegeln. Rubia betrachtete ihr Äußeres. Es war wie immer. Außer vielleicht, dass ihre Sommersprossen durch die Sonne des Sommers stärker schattiert waren.
   Als sie fertig war und wieder in den Aufenthaltsraum trat, war das haarige Schauspiel beendet. Jemand hatte für sie Frühstück aufgehoben.
   Wie nett.
   Nach wenigen Minuten war das üppige Mal, bestehend aus zwei Scheiben Toast mit Marmelade und einem inzwischen kohlensäurebefreitem Becher Mineralwasser, in den Tiefen ihres Magens verschwunden.
   Deliziös. Grüßt die Tablette von mir. Es gab wohl doch einen Grund, warum sie hier war.
   Rubia räumte ihr Geschirr ab.
   Mal schauen, ob der Doc Zeit hatte. Rubia öffnete die schwergängige Tür der Stationsschleuse, trat hindurch und ließ sie zurück ins Schloss fallen. Ein Klicken verriet, dass die zweite Tür, die zum Treppenhaus führte, nun entriegelt war. Sie eilte die Granitstufen hinauf, wo ihr zwei weitere Pfleger, die sie kaum kannte, begegneten. Weiter zum zweiten Stock. Station fünf ließ sie kurzerhand links liegen, wandte sich nach rechts und blickte den lichtdurchfluteten Gang hinunter, der zu Doktor Friedmanns Büro führte. Auf halbem Weg zum Büro drangen zischende Stimmen vom Ende des Ganges an ihre Ohren, und Rubia entschied, dass der Doktor noch etwas warten konnte. Sie huschte an seinem Büro vorbei und näherte sich auf leisen Sohlen dem Stimmengewirr.
   »Was wolltest du im Keller?«, stieß eine zornige Stimme hervor, die Rubia nicht identifizieren konnte.
   »Gar nichts, ehrlich, ich schwöre«, jammerte die andere, ihr durchaus bekannte Stimme.
   Rubia trat noch einen Schritt nach vorn, doch in diesem Moment vernahm sie das untrügliche Quietschen einer Tür, die sie schon oft durchqueren musste.
   »Haben Sie sich verirrt, Fräulein Poiss?«, dröhnte der sonore Klang von Doktor Friedmanns Stimme durch den Gang.
   Mist! »Nein, ich habe n…nur«, stotterte Rubia, »ich dachte, ich …«
   Du Rindvieh von einer Geistesgestörten!
   »Nun, wir sollten uns unterhalten, nicht?«, stellte Doktor Friedmann fragend fest, als Rubia schon auf halben Weg zurück zum Büro war. »Deine Haare, Rubia!« Er deutete mit einem Finger schnippisch in Richtung ihrer Mähne. »Habe ich mir doch gleich gedacht, dass du das bist. Setz dich.« Er wies auf einen der freien Sessel vor seinem Schreibtisch. »Gestern war ein langer Tag.«
   Rubia setzte sich auf den ihr zugewiesenen Platz und sah sich im Büro um, wie immer, wenn sie eintrat. Rechts von der Tür stand das bequemste Sofa, das sie sich vorstellen konnte. Daneben die lange Schrankwand, in deren Mitte ein Glaseinsatz, der die Sicht auf eine große Sammlung Flaschen voll Hochprozentigem freigab. Doch dort veränderte sich nie etwas.
   Hinter dem massiven Schreibtisch und dem sündhaft teuren Bürostuhl befanden sich drei große Fenster, von denen das mittlere in aller Regel weit geöffnet war. Doch nicht heute. Es regnete noch. Die rechte Wand wurde einzig von säuberlich beschrifteten Karteischränken eingenommen, über denen ein Ölgemälde einer schönen Landschaft thronte, über das Rubia nichts zu sagen wusste. Links von der Tür hing eine Bleistiftzeichnung eines Hahnes, dem Rubia beim Hinausgehen immer einen verstohlenen Blick zuwarf, der dem Gockel bedeuten soll, dass alles Gesagte ja wohl unter ihnen bliebe.
   Doktor Friedmann, der gemeinsam mit Doktor Barenberg die Klinik leitete, setzte sich ihr gegenüber an seinen Schreibtisch, rückte Bleistift und Tastatur gerade und strich sich geistesabwesend durch die grauen Haare. Buschige Augenbrauen säumten seine braunen Augen, die schon oft analysierend auf Rubia ruhten. Nun musterten sie Rubias mit Sommersprossen übersätes Gesicht. Die sonnengegerbte Haut ließ die Falten, die um seine Lippen harte Schatten schlugen, noch tiefer erscheinen. Dreitagebart, selten.
   Auf dem Schreibtisch erblickte Rubia eine Spritze. »Für mich oder für Sie?«, fragte sie spöttisch. Obgleich sie die Antwort kannte, versuchte sie, ihr kleines Fehlverhalten mit Humor wettzumachen.
   »Für dich zu deiner und meiner Sicherheit.« Seine Blicke fixierten sie, wie sie es immer taten. »Weißt du noch, was gestern geschehen ist?«
   »Nein, gar nichts. Nur dieser Zorn, alles wurde hell, mein Nacken spannte sich an, ein unerträgliches Pfeifen auf beiden Ohren, Hitze, und dann war ich weg. Wie immer.« Rubia blickte auf ihre zerschundenen Hände und vergrub sie ineinander, als ob es ihre Schuld mindern würde, wenn sie weniger Wunden sähe. Der stechende Schmerz unter den Pflastern und Verbänden war ihr eine Wohltat, in Anbetracht ihrer Taten.
   »Ich versuche, dir das jetzt so schonend wie möglich beizubringen. Möchtest du dich lieber hinlegen?«
   Rubia ließ sich auf das bequeme Sofa fallen. Es verstand sie, dieses wolkenweiche Ding.
   »Wie du vielleicht mitbekommen hast, wurden Agnes’ Habseligkeiten aus eurem Zimmer gebracht. Ihre Eltern waren heute Morgen hier, um die Sachen abzuholen. Rubia, bitte versuch, dich zu entspannen.«
   Wie sollte sie sich entspannen? Ihre Gedanken rasten, und ihr Blick sprang von Doktor Friedmann zur Spritze und zurück. Was sollte das heißen? Ihre Eltern? Sachen geholt? Sie atmete tief durch und bemerkte kaum, wie kalt die Luft war.
   »Agnes hat sich gestern auf dem Gelände das Leben genommen.«
   Wut kochte hoch, wie immer, wenn sie die Kontrolle verlor. Erst das Ziehen im Nacken, dann das Pfeifen auf den Ohren. Alles wurde hell. Sie ballte die Fäuste, wobei ihre kaum verheilten Wunden wieder aufrissen. Hitze, unerträgliche Hitze. Als würde jemand alles in ihr zum Brodeln bringen. Es ging schon wieder los.
   Nein, Ruby, lass den Scheiß, beruhige dich, komm schon!
   Einatmen, vier, drei, zwei, eins, ausatmen, vier, drei, zwei, eins.
   Schön weiter so.
   Nicht die Musik, schalte jetzt nicht auf Musik …
   »Rubia, du machst das sehr gut. Entspann dich, du schaffst das!«
   Was glaubst du, was ich hier mache, Sherlock?
   Nach wenigen Sekunden war der Spuk vorbei, sie befand sich wieder im Hier und Jetzt und wickelte ihre Hände in ein Taschentuch, das Doktor Friedmann ihr behände zusteckte. Außerdem empfand sie es als Erleichterung, zu sehen, dass die Spritze noch immer unberührt auf dem Schreibtisch lag.
   Als ob er gewusst hätte, dass sie es schaffte.
   »Du bist heute von deinen Therapiestunden freigestellt. Versuch, etwas Zeit für dich zu finden. Schwester Jennifer hat den Tag für dich freigeräumt. Morgen geht es ganz normal weiter.« Die Worte verhallten im Nebel des Zorns, der sich noch immer wabernd durch die Windungen in ihrem Schädel schlang. Wie ein Roboter, langsam und mechanisch, erhob sie sich und wankte Richtung Tür. Eines wusste sie: Normal war ab jetzt nichts mehr. »Danke, Doc.« Sie drückte die Klinke und verließ das Büro, ohne sich noch einmal umzudrehen.
   Quietschend fiel die Tür ins Schloss. Zwei Dinge hatten sich verändert. Erstens, die Sonne strahlte, was Rubia auf merkwürdige Weise glücklich machte. Zweitens, die beiden Stimmen waren verklungen.
   Rubia beschloss, dass es keinen weiteren Nutzen hätte, nachzusehen und schlenderte Richtung Treppenhaus zurück.
   Obwohl …
   Nach wenigen Metern legte sie eine Wende ein, duckte sich unter dem Fenster der Bürotür des Doktors vorbei und schlich um die Ecke. Schweifend suchte sie den Rest des Ganges ab, der an einer großen Flügeltür endete, doch erkannte erst im letzten Moment das vor ihr auf dem Boden liegende Armband.
   Komisch. Dich kenne ich doch.
   Rasch hob sie es auf, was sich als Fehler darstellte. Nicht das Aufheben an sich, sondern die Geschwindigkeit. Ihr schwindelte, und sie suchte tastend an der Wand nach Halt.
   Ich knall hier gleich hin, ey.
   Reiß dich zusammen, Mädchen.
   Scheiß Chemie. Scheiß Agnes.
   Nein, nicht scheiß Agnes.
   Aber warum lässt sie mich hier allein? Was habe ich ihr getan?
   Einen Moment später schob sie die Gewitterwolken der bösen Gedanken beiseite und ließ sie in einem alten Areal ihres Verstandes abregnen und abblitzen, das ohnehin unbenutzt war. Zumindest stellte es sich Rubia so vor, was ihr Trost spendete.
   Im Licht des letzten Fensters besah sie sich das Armband genauer. Eines dieser typischen Holzarmbänder, die sich Pärchen auf Weihnachtsmärkten einander schenkten. An einem größeren schwarzen Holzglied erkannte sie die Initialen SK.
   Na, da lag sie doch richtig. Aber wer war der andere? Nun, vorerst war es ihres.
   Sie ließ das Schmuckstück in die Hosentasche gleiten, setzte sich wieder in Bewegung, nun aber in Richtung ihrer Station, dachte im letzten Moment daran, sich unter dem Sichtfenster hindurchzuducken, und trabte klackernd die Stufen des Treppenhauses hinunter.
   Rubia stieß die Tür zur Station auf, wo schon jemand auf sie wartete.
   O nein, nicht die. Isabell, du Stück! Lass mich in Ruhe!
   »Wo warst du?«, fragte Isabell mit einer Stimme, die Rubia immer an den Klang von Fingernägeln auf Schultafeln erinnerte.
   »Erst mit Kim-Jong-un Langstreckenraketen bauen, und danach habe ich dir alle Jungs auf Station fünf ausgespannt«, entgegnete Rubia in einem Ton, als würde sie von einem Einkaufsbummel berichten.
   »Sehr witzig, ha, ha.« Isabells Blick fiel auf Rubias Hände, in denen sie noch immer das Taschentuch hielt. »Oder hast du schon wieder jemanden zu Klump geschlagen?«
   »Erwischt!«, entgegnete Rubia genervt, »und die ersten beiden Regeln verbieten mir, mit dir darüber zu reden.«
   »Schluss jetzt, ihr zwei!«, sagte Frau Waltraut Knieriem, und noch bevor sie eine Warnung aussprechen konnte, eilte Schwester Jennifer herbei.
   »Komm Ruby, hilf mir beim Tischdecken. Das Mittagessen kommt gleich.«
   »Jetzt schon?«
   »Was glaubst du, wann du aufgestanden bist, junge Frau?«, fragte Waltraut.
   Geh in Rente, olle Gewitterhexe!
   »Ach, essen geht immer.« Jennifer schob Rubia zur Kommode und zog aus der oberen Schublade kleine ziegelfarbene Platzsets.
   Rubia verteilte weiße Plastikbecher.
   Die Tür wurde aufgestoßen, und Torben, der eigentlich auf Station fünf arbeitete, schob den Wagen mit den Mahlzeiten hinein. Wortlos drehte er sich um und verließ die Station wieder, wobei er die Türen der Schleuse so laut wie möglich zufallen ließ.
   Der war ja gut drauf. Rubia bemerkte im letzten Moment, wie Isabell ihm mit schmachtenden Augen hinterherschaute.
   Jeder. Einfach jeder. Keine Ausnahme. Was würde sie eigentlich machen, wenn sie mal einen hätte?
   »Was hat der denn?«, fragte Rubia.
   »Er muss den Wagen schieben. Du weißt doch, wir haben Personalmangel. Keiner will hier arbeiten«, sagte Schwester Jennifer resigniert.
   Alle hassen uns.
   Das Mittagessen war von ähnlicher Qualität wie das Frühstück, doch Rubia störte sich nicht daran und schlang es wie immer hinunter.
   Scheiß Chemie. Na ja, verfressen war sie schon immer.
   Im Anschluss an das Festessen setzte sie sich zu Stella auf das Sofa in der Ecke. Sie ließ den Blick durch den Raum gleiten. Der lange Tisch, an dem sie gerade noch gegessen hatte, stand verwaist in der Mitte des Raumes, umringt von einer Handvoll mehr oder minder bequemer Stühle. Dahinter das kleine Schwesternzimmer mit großer Scheibe, um klare Sicht auf das Geschehen im Aufenthaltsraum zu gewähren. Außerdem befand sich dort der Schrank für die Medikamente, das Stationstelefon und ein Computer mit Internetzugang. Rechts davon lagen die sechs Schlafzimmer der auf der Station befindlichen Patienten an einem schmaleren Gang. Viele waren es momentan aber nicht.
   Rubia überlegte, eine CD in die Stereoanlage einzulegen, dachte dann an den letzten Zwischenfall, den es wegen ihrer Musik gegeben hatte und entschied sich dagegen. Sie drehte sich um, und ihr Blick fiel auf die lange Fensterwand, die die Sicht auf den weitläufigen Park freigab.
   Da unten musste es passiert sein.
   Ehe sie den bösen Gedanken anheimfallen konnte, riss sie Stellas neustes Bild wieder in die Wirklichkeit. Wobei Wirklichkeit nicht das passende Wort war, um das Kunstwerk zu beschreiben.
   »Nett.« Rubia deutete auf das Bild, das sich noch immer in Stellas Händen befand, und setzte sich näher zum Blondschopf.
   »Magst du es?« Stellas glockenhelle Stimme überschlug sich beinahe.
   »Ja, es ist wirklich schön.«
   Bitte frag mich nicht, ob ich es haben will!
   »Willst du es haben?«
   Bockmist! »Äh …« Rubia rang nach den richtigen Worten. »Schon. Aber ich glaube, Frau Knieriem fände es nicht so toll, wenn ich mir ein Bild über das Bett hänge, auf dem sich ein Berg aus nackten Menschen gegenseitig Gliedmaßen mit stumpfen Messern absägen.« Sie legte ein gequältes Lächeln mit einer großen Portion Hoffnung auf ihr Gesicht.
   »Okay, vielleicht kann ich es Meerrettich-Face andrehen. Der nimmt so gut wie jedes meiner Bilder, die ich nicht selbst aufbewahren möchte.« Fröhlich sprang die kleine Dreizehnjährige auf und trottete in Richtung der links vom Ausgang gelegenen Duschen.
   »Was hat sie dieses Mal gemalt?« Jennifer ließ sich neben Rubia nieder.
   »Das Übliche. Tod, Verderben, die Hölle eben. Aber sie ist inzwischen echt gut. Sieht verdammt realistisch aus, so mit den Schatten und den unterschiedlichen Bluttönen«, erwiderte Rubia so beiläufig, wie andere über das Wetter redeten.
   Jetzt fragte sie bestimmt gleich, ob sie rausgehen wollten.
   »Wollen wir raus in den Park?«
   Nein. »Na klar!« Rubia setzte sich ruckartig in Bewegung. Sie hasste dieses Beruhigungsmittel. Den ganzen Tag lief sie wie ein Hund auf zwei Beinen.

Über die Treppe gelangten sie in das Erdgeschoss, von wo aus laute Stimmen zu ihnen drangen.
   »Bitte erklären Sie mir«, Doktor Friedmann rang sichtlich um Fassung, »wie es sein kann, dass eine junge Patientin dieses Hauses ungesehen an Ihnen vorbeikommt und auch noch die Möglichkeit hat, diese Tür, die nur durch einen Druck auf Ihren Summer«, er zeigte auf die Schaltanlage am Pult des Sicherheitsmannes, der kleiner und kleiner wurde, »geöffnet werden kann, unbeaufsichtigt in den Park gelangt? Können Sie mir das erklären, Phillip?«
   Der nun auf die Größe einer handelsüblichen Kartoffel zusammengeschrumpfte Phillip musste vermutlich allen Mut zusammennehmen, um sich eine Antwort abzuringen. Was, um ehrlich zu sein, wirklich nicht ganz einfach war.
   »Also, der Summer war gestern –nun ja«, er schrumpfte auf die Größe eines Radieschens, »kaputt. Der Techniker konnte ihn erst heute Morgen reparieren.«
   »Das erklärt aber noch nicht, wie sie an Ihnen vorbeigekommen ist.«
   Rubia müsste eine Lupe nehmen, um Phillip noch entdecken zu können.
   »War pinkeln.« Ein gequältes Lächeln huschte über sein Gesicht.
   Schnell weg.
   Noch ehe Doktor Friedmann seine Stimme erheben konnte, huschten Rubia und Jennifer durch die große Eichentür, die aus nicht ersichtlichen Gründen sperrangelweit offen stand, wahrscheinlich auch nicht gerade zur Freude des Doktors.
   Sie traten hinaus in die weitläufige, umzäunte Parkanlage. Auch eine große Zelle war ein Gefängnis. Die Grünanlage hinter den Stufen der steinernen Terrasse wurde im Normalfalle gut genutzt. Nur heute nicht.
   Auf der gegenüberliegenden Seite des Parks stand genau das gleiche Gebäude noch einmal. Nur, dass da keine Jugendlichen und Kinder behandelt wurden, sondern Erwachsene.
   Die geschwungenen Wege führten zu allen wichtigen Orten. Gleich rechts der ausgetretenen Stufen befand sich ein Spielplatz, der stets von einigen Kindern der Einrichtung genutzt wurde. Weiter im Inneren des Parks befanden sich die Erholungswiese, die Bushaltestelle an der Mauer mit kurzer, asphaltierter Straße, und ein hölzerner Pavillon, doch dort saß meistens nur Gregor. Ihn hörte man in aller Regel als Erstes, wenn man das Gelände betrat.
   Na Gregor, wann passiert es?
   »Es passiert jetzt!«, hallte Gregors Stimme durch die regenkalte Luft.
   Ah, jetzt also.
   »Ich frage mich immer, was wohl jetzt passieren mag. Und wann dieses Jetzt ist«, murmelte Jennifer, als sie Rubia Richtung Pavillon blicken sah.
   »Hat er es gesehen?«
   »Muss er wohl, wenn er es immer wieder sagt.« Jennifer hob die Augenbrauen und sah Rubia fragend an.
   Rubia musste sich ein Grinsen verkneifen. »Nein, das meine ich nicht. Ich meine, hat er gesehen, wie Agnes …«, ihr stockte der Atem, »wie sie … also …«
   »Wahrscheinlich schon. Die Polizei wird wohl versuchen, mit ihm zu reden, aber wenn du mich fragst, wird das eine sehr einseitige Unterhaltung.«
   »Polizei?«
   »Sie müssen ermitteln, ob wir die falschen Medikamente gegeben haben oder ob doch etwas anderes als eine Psychose zum Selbstmord geführt hat.« Jennifer war das Thema sichtlich unangenehm. Sie strich sich ungeschickt eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht und starrte zu Boden, als ob es da etwas Interessantes zu finden gäbe.
   Psychose? Sie musste die Erinnerung an gestern unbedingt wiedererlangen. Nur wie?
   Die Stelle, an der sich Agnes die Lebensgeister ausgehaucht hatte, war gut zu erkennen. Ein Absperrband der Polizei, das zwischen drei Bäumen im Dreieck gespannt war, sollte jeden daran hindern, die Fundstelle zu betreten. Das mochte für Menschen gelten, die rationale Entscheidungen treffen konnten, doch hier war dieses Band so nutzlos wie ein Smartphone ohne Bildschirm. Kurzerhand und gegen den Protest von Schwester Jennifer schlüpfte Rubia unter der Absperrung hindurch und ging auf die Stelle zu, wo Agnes gefunden worden war.
   Rubias Nacken verkrampfte sich, doch sie zwang sich, die Selbstbeherrschung nicht zu verlieren. Nicht jetzt. Nicht hier.
   Sie konnte gut erkennen, wo Agnes gelegen hatte. Der Regen hatte nicht alles Blut fortgewaschen, weswegen die Positionen der Arme noch gut zu erkennen waren.
   »Sie hätte das niemals getan, wenn es nicht einen Grund dafür gegeben hätte«, sagte Rubia, nachdem sie wieder zu Jennifer gestoßen war.
   »Wie kommst du darauf?«
   »Ich habe zwei Jahre lang mein Zimmer mit ihr geteilt, war fast immer in denselben Therapieeinheiten, im selben Unterricht, wir waren selten mehr als zwei Stunden getrennt. Als ich hierhergekommen bin, war sie die Einzige, die für mich da war. Ich hätte es gemerkt.« Rubia schossen Tränen in die Augen.
   Jennifer legte einen Arm um sie und drückte sie an sich. »Alle denken immer, man hätte es sehen müssen, es ahnen können. Wir sind keine Superhelden, Rubia. Solche Dinge passieren. Ganz besonders an einem solchen Ort.« Sie schweifte mit der freien Hand über das Gelände. Eine Geste, die alles miteinschloss, vielleicht auch die Welt da draußen. »Besonders hier passieren solche Unglücke, und wir können nicht immer zur Stelle sein, um sie zu verhindern. Leben beginnt und Leben endet. Für das Dazwischen sind wir alle selbst verantwortlich, wenn man noch dazu in der Lage ist, Verantwortung zu tragen. Du und ich, wir können das. Agnes konnte es nicht, leider.« Nach ihren letzten Worten ließ sie Rubia los, und sie schlenderten langsam in Richtung der großen Eichentür, hinein in das Haus, das gestern noch um eine Seele reicher gewesen war.
   Rubia fühlte sich nach zwei Jahren das erste Mal wieder einsam. Einsam und allein.
   Ich werde rausbekommen, was dir zugestoßen ist, Agnes. Auch, wenn alle gegen mich sein sollten oder ich diese Einrichtung verlassen muss, ich werde es herausfinden! Verlass dich drauf!
   Aber die Polizei?
   Pft! Die haben auch Wochen gebraucht, um mich zu finden. Denen traue ich nicht. Nicht mehr.

Es waren die seltsamsten Träume, die Rubia seit ihrer Einlieferung hatte. Ein Haus im Nebel, sie war allein. Ein Keller voller Kreaturen. Angst und Hunger. Dunkelheit und Kälte. Ein furchtbar vertrautes Grauen. Doch der Morgen brachte ihr das Glück des Erwachenden, und sie verdrängte die Träume, wie sie es mit allen Dingen tat, die ihr den Tag verderben könnten.
   Leider konnte sie nicht alles verdrängen.
   Beispielsweise das Scharren vor ihrer Tür, oder das polternde Öffnen eben jener durch Frau Knieriem. Auch ihre blanke Erscheinung war nicht mental zu entsorgen. Leider. Und das Mädchen bei ihr, das schon gar nicht.
   »Hier ist dein Bett, Minerva.« Waltraut trat einen Schritt zur Seite und ließ ein zierliches Mädchen herein.
   Könnte ich mir bitte noch etwas anziehen? Und wer ist das überhaupt?
   Minerva strich sich ihre schulterlangen Haare, die schwärzer waren als flüssige Nacht, aus dem Gesicht hinter die Ohren. Eine lange Pause entstand.
   »Deine Zimmergenossin heißt Rubia.« Waltraut deutete auf Rubia, die verzweifelt versuchte, die Decke bis zum Kinn hochzuziehen.
   Warum musste sie nur immer nackt schlafen? Hätte sie nur etwas an, dann könnte sie versuchen, beide wegzuscheuchen. Husch, husch, schwarzes Mäuschen und Gewitterhexe! Husch!
   »Hallo«, grüßte Minerva.
   Rubia blieb stumm.
   »Jetzt hab dich nicht so, Rubia, begrüß unser neustes Stationsmitglied«, versuchte Frau Knieriem, sie zu ermuntern, doch immer, wenn sie das tat, also jemanden ermuntern, fühlte sich Rubia an ein Krokodil erinnert, das sie darauf einladen würde, ein kühles und erfrischendes Bad zu nehmen. Mit Waltraut, dem Krokodil, höchstpersönlich.
   Niemals, Krokodoc! Mich frisst du nicht!
   »Das ist ein Scherz, oder?«, fragte Rubia vorsichtig. »Da sind noch leere Zimmer und …«
   »Und die Anordnung lautet«, fiel ihr Kroko-Waltraut ins Wort, »dass nach Möglichkeit niemand allein schläft. Keine Diskussion!«
   Aussichtslos.
   Minerva hievte ihren Koffer, der ihr dreifaches Gewicht zu haben schien, auf das Bett und ließ sich auf dem selbigen nieder. Dem Bett, nicht dem Koffer.
   Waltraut ging wieder ihren Tätigkeiten nach, beispielsweise den Teufel beschwören, und Rubia sondierte die Situation.
   Echt jetzt? Nach all dem? Nach Agnes?
   Sie hatte nicht gedacht, dass Doktor Friedmann das im Sinne hatte, als er meinte, alles würde normal weitergehen. Aber ‚Normal‘ war hier so dehnbar wie Kaugummi. Und am Ende trat man hinein und …
   »Wie lange bist du schon hier?«, fragte Minerva vorsichtig und musterte Rubia, die sich aus ihren Gedanken gerissen fühlte.
   Uh, Small Talk.
   »Zwei Jahre«, entgegnete Rubia mürrisch. »Kannst du bitte kurz wegschauen, ich bin nackt und würde mir gern etwas überziehen. Tausend Dank.«
   Kurze Zeit später verließen sie das Zimmer und traten in den Aufenthaltsraum, wo Jennifer schon die Medikamente verteilte.
   Another day, another pill.
   »Das ist Schwester Jennifer.« Rubia deutete in Jennifers Richtung. »Sie ist mir hier die Allerliebste.« Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie die Tabletten entgegennahm.
   Runter damit.
   »Ich dachte immer, man soll Tabletten nicht trocken schlucken?«, fragte Minerva unwissend.
   »Soll man auch nicht. Mich hindert aber auch niemand dran, oder? Jedenfalls, da hinten auf dem Sofa sitzt Stella. Sie ist unser Küken. Sei vorsichtig mit ihr. Sie schreit, wenn Fremde sie ansprechen. Und sie schreit und schreit, ach, und manchmal brüllt sie dabei. Während sie schreit. Habe ich dir schon gesagt, dass sie schreit, wenn du einfach mit ihr sprichst?«
   »Ist angekommen«, entgegnete Minerva.
   »Der dürre Typ da am Tisch ist Matthias. Er hat versucht, Kaffee mit Energydrinks zu kochen. Sie kriegen ihn nicht vom Koffein weg. Also versuchen sie, ihn ganz langsam zu entwöhnen. Frag besser nicht, was passiert, wenn es keinen Kaffee mehr im Haus gibt.«
   Sie lachten, doch das Lachen erstarb jäh, als sie die Stationstür scheppern hörten.
   »Die, die den Frühstückswagen gerade durch die Schleuse zu schieben versucht, ist Isabell.« Rubia lehnte sich näher zu Minerva. »Sie holt nur den Wagen, um draußen mit ein paar süßen Jungs zu reden. Das macht sie mit allen. Wirklich allen. Zu jeder Zeit. Selbst den Doktor macht sie bei ihren Sitzungen an, sagt man. Aber keiner weiß, was sie machen will, wenn sie mal einen Kerl an der Angel hat.« Rubia mimte die Ahnungslose. »Die beiden Jungs, die da aus den Duschen kommen, sind Paul und Jakob. Jakob sieht kaum noch etwas, aber Paul hilft ihm oft. Eigentlich müssten die Schwestern sich um ihn kümmern, aber so klappt es auch. Paul hat Wahnvorstellungen und neigt zu Clusterkopfschmerzen. Er glaubt, ein Astronaut zu sein, und wenn du ihn fragst, würde er dir sagen, dass er nächste Woche Dienstag zur ISS hochfliegt. Immer Dienstag. Immer die ISS. Unterhaltungen mit Jakob könnten noch langweiliger werden, denn er wiederholt einfach nur, was du zuletzt gesagt hast. Manchmal merkt er sich Sachen aber auch länger und er erzählt dir, was du ihm vor drei Tagen oder drei Wochen oder drei Monaten gesagt hast. Wort für Wort. Manchmal ganz witzig. Eigentlich saumäßig schräg. Nur der Doktor scheint normal mit ihm reden zu können. Jetzt fehlt nur noch Meerrettich-Face.«
   »Was-Face?«
   »Meerrettich.« Rubia stieß die Tür zu den Duschen auf und deutete in die Finsternis, wo sich eine in der Ecke hockende Gestalt abzeichnete.
   »Lass das Licht am besten aus, wenn du hier im Gang bist. Er würde sonst nur rauslaufen und sich panisch die nächste dunkle Stelle suchen. Du kannst gern mit ihm reden, aber ob er antwortet, ist fraglich.«
   Minerva ging in die Dunkelheit hinein und unterhielt sich flüsternd mit der Gestalt. Grinsend kam sie zurück. »Er hat doch einen Namen!«
   »Ja? Welchen?«, entgegnete Rubia mit hämischem Unterton.
   »Er heißt Kevin«, verkündete Minerva stolz.
   Sie machten kehrt und traten zurück in den hell erleuchteten Aufenthaltsraum, in dem Isabell mit den Schwestern Waltraut und Jennifer bereits den Tisch gedeckt hatte.
   »Mir hat er gesagt, er heißt Michael.«
   Minervas Lächeln verschwand, und die Frage stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben.
   »Der Doktor nennt ihn Steffen. Aber ob das stimmt, wissen wir nicht.« Rubia zwinkerte Minerva zu. »Hier ist halt alles ein wenig anders.«
   Das Frühstück war, wie jedes Mal, ein kulinarisches Desaster. Doch nicht für Rubia, die gieriger denn je wie ein Mähdrescher über ihren Teller pflügte. Es gelang ihr sogar, Minerva dazu zu überreden, ihre letzte Scheibe Toast herzugeben, was allerdings zu Rubias Leidwesen von Waltraut rigoros unterbunden wurde.
   Die erste Stationstür schepperte, Fußgetrappel und Stimmengewirr waren zu vernehmen, als Doktor Friedmann, gefolgt von zwei Fremden, die zweite Tür der Schleuse passierte. Die drei Männer sahen sich um.
   »Rubia, setz dich bitte kurz auf das Sofa.« Mit einem Schlenker seiner Hand deutete der Doktor auf das Möbelstück, das in aller Regel von Stella in Beschlag genommen wurde, doch gerade frei war.
   Der Doktor und der ältere Mann ließen sich am Tisch nieder, während sich der jüngere, vom Älteren beobachtet, zu Rubia begab. Just in diesem Moment, wie er auf sie zuging, erkannte sie ihn. Er war damals schon dabei gewesen. Damals, als sie sie und die anderen aus dem Loch gezogen hatten.
   »Hallo Rubia. Ich bin Kornelius. Erinnerst du dich an mich?« Der Kommissar setzte sich auf die andere Ecke des Sofas und drehte seinen Oberkörper zu ihr.
   »Ja. Sie waren damals dabei. Sie haben die Tür aufgemacht und mit der Taschenlampe reingeleuchtet.«
   »Genau, das war ich.« Sein Lächeln schmeichelte seinen Gesichtszügen, die, wie Rubia meinte, um einiges an Härte gewonnen hatten. Er trug seine braunen Haare kürzer. Die Augen wirkten eingefallener als damals, doch der Blick, so voller Hoffnung, voller Energie, hatte sich nicht verändert. »Wie du dir sicher denken kannst, sind wir wegen Agnes hier.« Er nickte in Richtung seines Partners.
   Nun, sie glaubte nicht, dass sie wegen des guten Essens hier waren, oder? »Was wollen Sie wissen?«, fragte Rubia und sah zu Minerva, die verschüchtert vor dem Schwesternzimmer stand und versuchte, die Situation einzuordnen.
   Rubia stutzte. Minerva murmelte unverständliche Worte. Wie ein Zauberer, der einen Dämon zu beschwören versucht.
   »Alles, was du uns sagen kannst. Wie war sie, was hat sie so alles getan? Hatte sie Feinde?«
   »Feinde?« Rubia wühlte in den Erinnerungen von zwei langen Jahren herum wie ein Zauberer, der neben der Dämonenbeschwörung auch Alchemie betrieb. »Nein, nicht direkt. Sie war früher mit Steve zusammen. Der lebt auf Station fünf, direkt über uns.« Rubia deutete nach oben. »Aber das ist seit ein, zwei Monaten vorbei.«
   »Zwei Monate, ja?« Der Kriminaloberinspektor notierte sich jedes Wort.
   »Ja, so ungefähr.« Rubia versank in Gedanken. »An den Tag, als es passierte, also vorgestern«, sie rang mit ihren Worten, »kann ich mich nicht richtig erinnern. Irgendjemand wird es mir wohl gesagt haben, aber ich weiß nicht mehr, wer das war. Dann bin ich ausgerastet.« Bei den letzten Worten strich sie sich wie automatisch über ihre wunden Hände.
   »Das deckt sich mit unseren Informationen. Wie war sie? Welchen Eindruck machte sie auf dich?«
   Rubias Gedanken kreisten, schwankten, beleuchteten ihre Erinnerungen aus jedem erdenklichen Licht. Da bemerkte sie es. Vielleicht wusste sie es schon die ganze Zeit, sicher war sie sich nicht, aber Agnes war anders, sie hatte sich wirklich verändert. »Ich dachte immer, dass sie nur so drauf war, weil das mit Steve zu Ende ging. Keine Ahnung, ich war so mit mir selbst und meinen Problemen beschäftigt, dass ich das nicht mitbekommen habe.« Zornesröte stieg ihr ins Gesicht. Warum hatte sie es nicht bemerkt? Oder warum wollte sie es nicht bemerken?
   »Aber?« Kornelius fixierte sie mit diesem Blick, den er damals schon draufhatte. Rubia dachte immer, das wäre der Blick, der jeden Verbrecher in einen reuigen Sünder verwandelte, der ein Geständnis mit einem Augenaufschlag entlockte. So jung, so naiv.
   »Vor einem Monat oder so, da wurde sie anders. Sie verhielt sich anders. Lachte weniger.« Rubia fielen warme Tränen in den Schoß. »Ich habe immer nur von mir geredet und nicht ein einziges Wort von ihr gehört. So fühlt es sich jetzt zumindest an …«
   Tief durchatmen.
   »Gab es Tage, an denen sie besonders schlecht drauf war?«
   »Ich weiß nicht.« Was wollte er hören, verdammt? Jeden Mittwoch ging’s ihr schlechter, aber donnerstags gab’s Schokopudding, und die Welt war wieder in Ordnung?
   »Das ist nicht schlimm. Bekam sie häufig Besuch von ihren Eltern?«
   Noch so ein Thema, das Rubia nicht leiden konnte. »Mehr als ich.« Die Antwort schien ihn nicht zu befriedigen, doch meinte Rubia, auch eine Spur Mitleid in seinen Zügen zu erkennen. »Vielleicht zwei Mal im Monat?«
   »Ich danke dir, Rubia. Es kann sein, dass wir hier noch öfter aufschlagen müssen, und es kann auch sein, dass wir dir noch ein paar Fragen stellen. Ist das okay für dich?«
   »Ja, na klar.«
   Er nickte ihr noch einmal zu und erhob sich. »Sag mal, wie oft kommen dich deine Eltern besuchen, wenn ich dich fragen darf?«
   Nein, darfst du nicht. Glaubst du, ich wüsste nicht, wie es ist, wenn die eigenen Eltern einen im Stich lassen?
   »Oft genug, danke. Ich muss zum Unterricht«, sagte Rubia eine Spur zu laut.
   Doktor Friedmann bemerkte das und drehte sich zu Rubia.
   War sie im Zoo oder was? Sie erhob sich mit etwas zu viel Schwung aus dem Sofa, das prompt wieder von Stella und ihren Malutensilien eingenommen wurde, besonders den roten Stiften, die sie in allen möglichen Schattierungen besaß.
   Hastig betrat Rubia ihr Zimmer, warf einen mürrischen Blick auf Minervas Koffer, angelte sich ihre rote Umhängetasche, die auch mal bessere Tage gesehen hatte, und düste mit Minerva im Schlepptau aus der Station.

Der Vormittag verging, und Rubias Laune war im Keller. Dem wenigen Unterricht konnte sie kaum folgen, und selten gelang es ihr, sich aus ihren Gedanken loszureißen. Immer wieder ging sie die letzten Wochen durch, immer wieder versuchte sie, sich an jede Kleinigkeit zu erinnern. Sie hatte schon Probleme, sich daran zu erinnern, was vor zwei Jahren alles passiert ist, doch sie war enttäuscht, festzustellen, dass es nicht viel leichter war, sich an die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zu erinnern. Sie war so mit sich selbst beschäftigt, wie jetzt auch, da sie versuchte, sich zu erinnern. Je länger sie es versuchte, desto kälter wurde es. Wie damals in dem Keller, im Loch, wie sie es nannte.
   Wie sah der Mann aus, der sie in dieses Loch geworfen hatte? Sie wusste es nicht mehr. Wie viele Leute waren da unten gewesen? Fünf? Sechs? Der Gestank stieg ihr in die Nase. Fäkalien, Erbrochenes, Verwesung.
   »Hey Ruby. Ruby!«
   Die Realität schaltete das Licht ein, und Rubia stand wieder mittendrin.
   »Ruby? Was ist los mit dir?«
   Und da waren sie wieder, die Haare, die wie flüssige Finsternis im Lichte der Realität umherwehten.
   »Wie? Was soll sein?« Erst jetzt bemerkte Rubia, dass die Stunde vorüber war und alle den Weg nach draußen anstrebten. Eilig räumte sie ihre Sachen in die Tasche und verließ den Raum. »Was hast du eigentlich vorhin vor dich hingemurmelt, als der Polizist mit mir gesprochen hat?«, fragte sie Minerva.
   »Ach, nichts. Ich habe solche Phasen, weißt du? Immer, wenn ich in Stress verfalle, sage ich einfach, was ich denke. Ich kann das nicht kontrollieren, und am Anfang wollte ich es auch gar nicht glauben, bis mir …«
   »Stress?«, unterbrach sie Rubia, was Minerva missfiel.
   Ah, du kannst also auch grimmig gucken.
   »Na ja, es ist mein erster Tag, und schon redet die Polizei mit meiner Mitbewohnerin.«
   »Stimmt, wenn man es so sieht.« Rubia atmete tief durch und brachte Minerva auf den neusten Stand, als sie auf dem Weg hinunter zur Station drei waren.
   Auch nach dem Mittagessen war Minervas Wissensdurst noch nicht gestillt, und Rubia redete sich all ihre Sorgen von der Seele. Dass sie es hätte sehen müssen, dass sie etwas hätte unternehmen müssen. All die Vorwürfe, all die Gedanken, die wie Gewitter in ihr aufzogen und ihren Verstand unter Wasser setzten. Doch eins erzählte sie ihr nicht: Dass Agnes’ Tod ein Unfall war, denn daran glaubte sie nicht. Und sie wusste auch schon, wo sie anfangen wollte. In einem kleinen, hölzernen Pavillon, nicht weit von der Stelle, wo Agnes in ewige Finsternis gefallen war.

Kapitel 2
Ein unschlagbares Argument

»Guten Morgen«, tönte Doktor Friedmanns kräftige Stimme nach dem Frühstück durch Station drei. »Bitte nehmt euch jeder einen Stuhl und bildet einen Kreis.«
   Und jeden Donnerstag grüßt die Gruppensitzung.
   »Selbst Meerrettich-Face kommt aus seinem Schattenmeer gestiegen und setzt sich zu uns«, flüsterte Rubia verstohlen Minerva zu.
   Als das Ziehen und Rücken der Stühle beendet war und alle auf ihren Plätzen saßen, blickte Doktor Friedmann lächelnd in die Runde, sondierte jeden Patienten genau und hob abermals seine Stimme. »Gut, gut. Wie ihr bereits mitbekommen habt, ist Minerva«, er deutete mit einem Nicken in Minervas Richtung, »neu auf der Station und in dieser Einrichtung. Ich möchte, dass ihr sie so integriert, wie ihr das bei jedem gemacht habt. Seid nett und hilfsbereit.«
   »Nett und hilfsbereit«, wiederholte Jakob und grinste fröhlich in die Runde.
   »Und an dich, Rubia«, er wandte sich zu ihr, »bitte versuch, ihr zu helfen, wenn sie auf Schwierigkeiten stößt, so, wie Agnes dir damals geholfen hat.«
   »Ja, na klar«, entgegnete Rubia, allerdings nicht ganz bei der Sache.
   »Schön. Und da wir schon beim Thema sind: Sprecht mit uns darüber, wenn ihr merkt, dass euch die Sache mit Agnes mehr belastet, als ihr dachtet. Ich kenne solche Vorfälle, und die Polizei wird noch klären, wie es genau dazu kam. Wir möchten nicht, dass ihr auf eigene Faust Ermittlungen anstellt.« Bei seinen letzten Worten fixierte er Rubia fest mit seinem Blick.
   Isabell, die bis jetzt der Runde nur schweigend beigewohnt hatte, blickte auf und sah abwechselnd zum Doktor und zu Rubia. »Agnes geschah es recht!«
   Rubia wusste nicht, wie sie reagieren sollte, und Doktor Friedmann war schneller.
   »Wie kommst du zu so einer Meinung, Isabell?«, fragte er gelassen.
   Unruhig auf ihren Platz hin und her rutschend folgte Rubia dem Gespräch.
   »Sie hat mir die Jungs abschwätzig gemacht!«
   »Isabell …«
   »Nein, es stimmt! Sie war immer vor mir auf Station fünf. Sie hat alle gegen mich aufgehetzt, sodass mich keiner mehr mochte. Doch das ist jetzt vorbei!« Zorn funkelte in ihren Augen, und sie spie die Worte wie giftige Galle hinaus. »Hinter meinem Rücken hat sie mit allen rumgemacht und sogar mit einigen hier im Haus geschlafen!«
   »Isabell, das Thema sparen wir uns für unsere Einzelsitzungen, bitte …«, sagte Doktor Friedmann, doch Rubia fiel ihm ins Wort.
   »Hat sie nicht!« Der gleiche Zorn stieg in ihr auf, doch sie versuchte, ihn so gut wie möglich zu unterdrücken. »Das mit Steve war vorbei, und sie war alles andere als bereit, etwas Neues anzufangen. Das Letzte, was ihr in den Sinn kam, war eine neue Beziehung. Ihr ging es schlecht, und …«
   »Lügen! Ich habe es genau gesehen! Habe genau gesehen, wie sie mit ihm gesprochen hat und wie sie verschwunden sind!« Wie Rubia versuchte nun Isabell, ihre Wut zu verstecken, aber sie bemerkte zu spät, dass ihre Zunge schneller war als ihr Geist und dass sie etwas ausgesprochen hatte, was sie eigentlich für sich behalten wollte.
   Die Verblüffung war es, die Rubia die Wut vergessen ließ. Sie sagte nichts und dachte an das hölzerne Armband, das sie vor zwei Tagen auf dem Gang gefunden hatte. Sie hatte es in ihrem Nachtschränkchen verstaut und bis jetzt keinen Gedanken mehr daran verschwendet. Nun allerdings stellte sich die Situation anders dar. Was wusste Isabell? Wen meinte sie wohl?
   Erst jetzt bemerkte Rubia, dass Minerva wieder in ihr Mantra gefallen war. Die Worte waren undeutlich, doch in der plötzlich entstandenen Stille gut zu vernehmen. »Ich stehe am Meer, doch das Meer steht still. Ich blicke hinaus, und der Himmel schaut zurück.« Sie starrte zu Boden, die Gruppe starrte zu ihr.
   »Nicht unterbrechen«, flüsterte Doktor Friedmann an die anderen gewandt.
   Minerva bemerkte das nicht. »Der Sand umschließt mich wie ein eisernes Gefängnis, wie Tentakel, die nach mir greifen. Die Sonne geht unter, und ich bin allein. Ich werde Schatten, denn das Licht schwindet.« Minerva atmete tief ein und hielt die Luft an, als wäre sie kurz davor, in Wasser getaucht zu werden. Sie hob den Kopf und schaute in die Runde. Ein paar Sekunden vergingen, bis sie begriff, dass es gerade wieder geschehen war, denn die Blicke, die auf ihr ruhten, sprachen Bände. »Tut mir leid, das passiert manchmal«, entschuldigte sie sich beschämt.
   Der Doktor war im Begriff, etwas zu erwidern, doch Rubia kam ihm zuvor. »Das muss dir nicht leidtun.«
   »Muss dir nicht leidtun«, wiederholte Jakob, und ein sanftes Lächeln glitt für einen Moment über Minervas Gesicht, sanft wie die Berührung des Ozeans an einem warmen Sommertag.
   Die restliche Sitzung war so interessant wie die Nachmittagsunterhaltung des Privatfernsehens. Lediglich Isabells ungewollte Bemerkung geisterte Rubia durch den Kopf wie das Pochen eines schmerzenden Zahns.
   Der Vormittag verging nach der Gruppensitzung nur schleppend, und so war es nicht verwunderlich, dass sich Rubia und Minerva den knappen Platz auf dem Ecksofa teilten, der von Stella und ihren Kunstutensilien nicht eingenommen wurde.
   »Was denkst du?«, fragte Rubia vorsichtig. »Ich meine über Agnes. Du bist objektiver als ich.«
   Minerva runzelte die Stirn, schaltete ihren MP3-Player aus und nahm die Stöpsel aus den Ohren. »Ich weiß nicht recht. Es gibt viele Dinge, die aufgearbeitet werden müssen. Isabell scheint etwas zu wissen, was sie wahrscheinlich nicht einmal dem Doktor erzählen möchte. Du wirst kaum eine Chance haben, es aus ihr herauszubekommen.« Minerva bemerkte das Unbehagen, das sich in Rubia breitmachte. »Und dein Vorhaben, Gregor zu fragen, ob er etwas gesehen hat, wird auch nicht leicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Doktor Friedmann dem Personal gesagt hat, es soll ein Auge auf dich haben.« Sie wischte sich die Haare aus dem Gesicht nach hinten und ließ sie langsam, eine Strähne nach der anderen, wieder zurückfallen. »Ich glaube, das wird ein Undercover-Einsatz.«
   Noch bevor ihr Gesicht vollständig hinter den nachtschwarzen Haaren verschwand, erhaschte Rubia ihr verschwörerisches Grinsen.
   Ich und undercover. Das kann ja heiter werden.
   Zu spät bemerkte sie, dass sie nicht allein die Unterhaltung geführt hatten. Auch, wenn sie sich sicher war, dass Waltraut nichts verstanden hatte, was sie besprochen hatten, der Blick, mit dem sie sie aus dem Schwesternzimmer durch die große Scheibe bedachte, sagte nichts anderes aus als: »Wenn ihr hier Polizei spielen wollt, seid ihr bei mir an der falschen Adresse!«
   Alte Schachtel. Die würde noch Probleme machen.
   »Müsst ihr nicht zur Naturtherapie?«, mischte sich Stella ein, und ein Blick auf die Uhr verriet, dass die kleine Höllenmalerin recht hatte.
   »Ja, Blätter fühlen. Eins mit der Natur sein. Dem Wind lauschen.« Rubia verdrehte die Augen und warf Minerva einen vielsagenden Blick zu. »Das wird spannend.«
   Minerva verstaute den Player in ihrer schwarzen Tasche, und sie trabten aus der Station.

Blätter raschelten in den Bäumen, in denen die Spatzen und Amseln von einem Ast zum nächsten flatterten. Die Hitze des Tages war noch nicht angekommen, und so war es nicht verwunderlich, dass Torben Kümmerhaus, der eigentlich auf Station fünf arbeitete und die Naturtherapie leitete, sie alle kurzerhand auf die Wiese führte.
   »Fühlt die Blätter in euren Händen. Fühlt die Natur, die darin ruht. Fahrt mit euren Fingern über die Adern des Blattes und lauscht dem Wind, den Bäumen und den Vögeln.«
   Er hat Vögeln gesagt, ha, ha. Nein, im Ernst: Ist das überhaupt richtige Therapie, die er hier macht?
   Rubias freches Grinsen blieb Minerva nicht verborgen. Torben auch nicht, doch der war zu sehr damit beschäftigt, Jakob daran zu hindern, das Blatt aufzuessen.
   »Es passiert jetzt!«, hallte es über das Gelände, vom Wind getragen, in den Baumkronen gefangen.
   »Ich muss nach der Stunde mit Gregor reden«, sagte Rubia im Flüsterton.
   »Das wird nicht so leicht, wenn alle ein Auge auf dich werfen.«
   »Aber ich muss es versuchen. Tu einfach so, als wäre nichts und geh mit den anderen vor. Ich setze mich ab, rede fix mit Gregor und versuche, zurück zu sein, wenn ihr durch das Portal geht. Der Typ«, sie deutete auf Torben, »wird das ohnehin nicht bemerken.«
   »Ich weiß nicht recht. Vielleicht kann ich dir ja irgendwie ein wenig Zeit verschaffen.«
   Rubia blickte voller Unglauben und Verwunderung in Minervas Augen, als müsste sie eine Lüge suchen. Was ging mit der denn bitte ab?
   »Was denn? Ich bin bis jetzt von Einrichtung zu Einrichtung gesprungen. Mir macht das nichts aus.«
   Das Ende der Stunde nahte, und Torben verkündete, es mögen doch jetzt bitte alle ihre Blätter liegen lassen, sich erheben und langsam in Richtung des Gebäudes bewegen. Rubia kam nur der Hälfte dieser Aufforderungen nach und setzte sich bald von der Gruppe ab. Sie steuerte auf den Pavillon zu, ohne sich noch einmal umzudrehen.
   Der weiße Holzbau hatte schon bessere Tage gesehen. Vom Wetter geschunden stand er auf dem Gelände wie ein altes Karussell, das nur noch von den Geistern der Vergangenheit befahren wurde. Der Lack war abgeplatzt, die Bretter gaben dem Wind nach und ächzten unter jeder Belastung. Gregor ließ sich nicht davon stören.
   Rubia setzte sich behutsam zu ihm. Er schien nichts dagegen zu haben und wippte weiter wie ein Pendel vor und zurück.
   »Gregor?« Ein leichtes Summen verriet, dass er ansprechbar war. Verstohlen blickte sie sich um, doch niemand schien ihre Anwesenheit bemerkt zu haben. »Hast du gesehen, was mit dem Mädchen passiert ist, das hier vor ein paar Tagen vorbeigekommen ist?«, fragte Rubia vorsichtig.
   »Es passiert jetzt«, flüsterte Gregor und blickte kurz auf, nur für einen Moment in Rubias hoffnungsvolles Gesicht.
   »Gregor, bitte. Es ist wichtig.« Rubia versuchte, ihre Stimme und vor allem ihre aufsteigende Ungeduld, die oft aus Frust erwuchs, zu kontrollieren. Komm schon …
   »Sie hatte Feuer in den Armen«, sagte Gregor mit hoher Stimme.
   »Feuer?«
   »Sie strich sich über die Arme.« Bei diesen Worten ergriff er Rubias Hand und imitierte Agnes’ letzte Bewegungen. »Und dann kam das Feuer aus ihr heraus.« Er ließ sie wieder los.
   »Hast du noch mehr gesehen, war jemand bei ihr?«
   »Nein, nur sie und das Feuer, das Feuer und sie, ganz allein. Als das Feuer in das Gras floss«, er wischte mit der flachen Hand durch die Luft, »schlief sie ein. Sie schlief, ja.« Er blickte ihr voller Begeisterung in die Augen.
   »Gregor, hat noch jemand außer dir das Feuer gesehen?«, fragte Rubia. Sie hatte alle Mühe, sich im Zaum zu halten. Er war eben so, er konnte nicht anders.
   »Es passiert jetzt!«, stieß er mit der vollen Kraft seiner Lungen hinaus.
   Rubia zuckte zusammen.
   Gregor wippte weiter vor und zurück. »Ja, der Mann im Fenster hat es gesehen, er hat es gesehen, hat das Feuer gesehen, den süßen Schlaf und das Feuer ohne Rauch.« Er deutete mit seiner linken, zu einer Pranke deformierten Hand hoch auf ein Fenster des Gebäudes, in dem die älteren Patienten untergebracht waren.
   Ach der. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen? »Danke Gregor.« Sie erhob sich und lächelte ihm zu.
   Er lächelte auch, doch nicht zu ihr. Es war eher ein Gruß an die geistige Nacht, die wieder von ihm Besitz ergriff, die ihn umschlang und ihn wie einen alten Freund zu sich nahm.
   Flinken Fußes eilte Rubia zurück zu den anderen, schon fest im Glauben, sie würde jämmerlichen Ärger dafür bekommen, sich von der Gruppe entfernt zu haben, doch dann bemerkte sie, dass sie nicht sonderlich weit gekommen waren. Paul hatte einen schweren Anfall seiner Clusterkopfschmerzen erlitten.
   Anlauf, krach! Während er seinen Kopf immer wieder mit voller Wucht gegen einen Baum rammte, versuchte Torben, den Jungen davon abzuhalten und gleichzeitig den Rest der Truppe unter Kontrolle zu halten.
   Anlauf, krach! Knackender Knochen auf berstendem Holz.
   Ein Raunen ging durch die Menge der schaulustigen Jugendlichen.
   In dem ganzen Tumult war Rubias Abwesenheit nicht aufgefallen. Schwester Jennifer rannte die steinernen Stufen herab, um die Gruppe in das Haus zu führen, die alle noch dem blutigen Schauspiel beiwohnten. Rubia starrte auf die roten Flecken am Baum, von denen Stella ganz fasziniert gewesen wäre, doch sah sie nur das Feuer, und in ihrem Kopf begannen die Gedanken zu kreisen wie in einem klappernden Kettenkarussell. Sie dachte an Agnes, an die Rasierklinge, die sie vermutlich benutzt hatte. Rubia erinnerte sich, dass Agnes ihr im Stillen anvertraut hatte, eine solche Klinge für den ‚Notfall‘ in ihrem Schrank aufzubewahren. Das war allerdings lange her, und ihr Zustand hatte sich stark gebessert, sodass Rubia angenommen hatte, diese Klinge würde es nicht mehr geben. Sie war so naiv.
   Jennifer, die die Teilnehmer der Kunsttherapie von den anderen trennte, schickte den Rest der Truppe wieder auf ihre Stationen.
   Rubia, Minerva und ein paar Heranwachsende aus den anderen Stationen folgten Jennifer die Treppe hinauf, wo Stella zu ihnen stieß. Sie verbrachte die meiste Zeit im Gebäude, weil die Reizüberflutung, die die Natur mit sich brachte, zu viel für sie wäre. Doch in der Kunsttherapie war sie die Beste. Neidvolle Blicke zog sie mit ihren Werken aus Ton auf sich. Die Themen waren bei ihr immer dieselben, doch ihre Darstellung des neunten Kreises der Hölle nach Dante, der Eishölle, hatte vergangenen Monat den Vogel abgeschossen. Nicht nur Rubia war der Meinung, dass Stella, sollte sie je hier rauskommen, mit ihrem Talent eine ganze Menge Asche verdienen könnte.
   »Ich würd’s kaufen«, flüsterte Rubia Minerva mit Blick auf deren Skulptur zu, während sie weiter ihren eigenen unförmigen Klumpen knetete.
   »Was wird das, wenn’s fertig ist?«, fragte Minerva mit mitleidvollem Blick auf Rubias Brocken.
   Guck nicht so da hin. Ich kann das halt nicht.
   »Der Asteroid, der die Dinosaurier ausgelöscht hat!«, verkündete Rubia stolz. Guck bitte weg.
   »Ah, okay. Warum ist mir das nicht gleich aufgefallen?«
   Sie lachten, doch Rubias Lachen klang gepresst.
   Guck jetzt endlich weg! Bitte!
   Minerva wandte sich wieder ihrem Werk zu, einer Frau in fötaler Position.
   Danke!
   Immer wieder drehte Jennifer ihre Runden um die Gruppenteilnehmer, um hin und wieder ein erhellendes Gespräch zu fuhren. Sie zitterte, als sie bei Rubia und Minerva ankam. Es entstand ein ähnliches Gespräch, in dem Rubia die ganze Zeit dachte, sie solle doch bitte wegschauen und nicht wieder, wie in den letzten Stunden, voller Ermutigung Motivation schaffen wollen, wo keine war.
   Minervas Fötusfrau schien gut anzukommen. Auch mit Minerva führte Schwester Jennifer ein Gespräch darüber. Vor allem, weil sich beide noch nicht sonderlich kannten und sie etwas brauchte, um eine Basis zu schaffen. Als Jennifer ihre Runde beendet hatte, setzte sie sich zurück an ihren Schreibtisch.
   »Was hat sie?«, fragte Minerva im Flüsterton und vermied es, den alles auslöschenden Asteroiden anzusehen.
   »Wen meinst du?«
   »Schwester Jennifer. Sie nimmt Tabletten. Hab es gerade gesehen.« Minerva deutete in ihre Richtung, während sie weiter ihr Kunstwerk formte.
   »Ich kann dir nur sagen, was man so munkelt«, erwiderte Rubia.
   »Und was munkelt man so?«
   »Ihre Ehe geht den Bach runter, sie ist abhängig von Schmerzmitteln. Doktor Friedmann weiß das und toleriert es. Ich bin sogar der Meinung«, Rubia sah sich kurz um, ob jemand zuhören könnte, »dass die olle Knieriem die Medikamentenlisten manipuliert, damit das nicht auffällt.«
   Minerva riss die Augen auf. »Und das funktioniert?«
   »Na ja, intern wird das wohl alles klargehen, aber wenn das nach außen dringt, weiß ich nicht, ob sie nicht in Schwierigkeiten geraten könnte.«
   Jennifer war inzwischen damit beschäftigt, Jakob daran zu hindern, den Ton zu vertilgen. Hatte der heute weniger gegessen als sonst? Außerdem sah er doch überhaupt nichts. Na ja, sie würde schon wissen, was sie da machte.

Die Therapiestunde verging, der Asteroid hatte die Dinosaurier ausgelöscht, was weniger gut ankam als die fötale Frau, und Rubia, deren Laune im Keller war, dümpelte gelangweilt auf dem Sofa neben Stella, die ihre höllischen Fantasien weiter zu Papier brachte.
   »Sag mal«, begann Stella, als sie sich einen etwas dunkleren Rotstift angelte, »was heckt ihr beide da eigentlich aus?«
   Rubia, verblüfft von Stellas Neugierde, brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. »Wie meinst du das?«
   Stella zeichnete das Blut realistischer. »Ihr flüstert, wenn ihr in der Nähe anderer seid. Außerdem habe ich gesehen, wie du nach der Stunde mit Torben nicht mit den anderen zurückgegangen bist. Du warst bei Gregor, richtig?«
   Kleines Schlitzohr. Noch bevor Rubia antworten konnte, setzte sich Minerva zu ihnen, was Stella genug Zeit verschaffte, ihr Anliegen zu erklären.
   »Ich will mitmachen!«
   Erstaunt sahen sich Minerva und Rubia an, während sich Stella einen etwas helleren Rotton zwischen die Finger klemmte.
   »Sie hat es mitbekommen«, sagte Rubia, als sich über Minervas Kopf ein großes Fragezeichen abzuzeichnen schien.
   »Ich kann ohnehin nicht viel mit Fremden reden und etwas ausplaudern. Ihr wisst ja, ich dreh dann durch.« Bei den letzten Worten sackte Stella ein wenig zusammen. »Ich kann von hier aus alles im Blick behalten. Außerdem bekomme ich die meisten Gespräche zwischen Schwester Jennifer und Schwester Waltraut mit. Ich kann quasi euer Insider sein.«
   »Ein unschlagbares Argument«, sagte Rubia, und Minerva, die von der Idee auch angetan war, stimmte zu.
   Eine Pause und noch realistischer wirkendes Blut entstand, bevor Minerva das Thema wieder aufnahm.
   »Was hat Gregor dir eigentlich gesagt?«
   Anstatt zu antworten, zeigte Rubia hinaus auf ein Fenster am gegenüberliegenden Gebäude. Es war allerdings zu weit weg, um es mit bloßem Auge zu erkennen.
   »Was meinst du?«, fragten Stella und Minerva unisono.
   Stella begriff es als Erste, ließ alles stehen und liegen und ging in ihr Zimmer, das sie sich mit Isabell teilte.
   Minerva und Rubia sahen sich fragend an, als der Blondschopf mit einem Feldstecher in der Hand zurück zum Sofa eilte. Sie kniete sich auf das Möbelstück, stützte ihre Ellenbogen auf der Lehne ab und stellte mittels des Rädchens mit flinken Fingern das Gerät auf die richtige Schärfe ein.
   Rubia, die dieses Treiben sehr auffällig fand, sah sich permanent um, ob nicht gleich eine der Stationsschwestern hereinkam und sie zur Rede stellte. Außerdem, woher hatte sie dieses Ding? Und was hatte sie noch alles in ihrem Zimmer gebunkert?
   »Ah, du meinst Edgar.« Sie übergab das Fernglas an Minerva, die ihrerseits den grimmigen Mann im Morgenmantel am Fenster entdeckte.
   Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung trat just in einem Moment höchster Unaufmerksamkeit Jennifer zu ihnen, die unbemerkt von ihnen die Station betreten hatte.
   »Was macht ihr hier?«, fragte sie, und als es ihr dämmerte, musterte sie sie streng. »Rubia, hast du nicht gehört, was Doktor Friedmann gesagt hat? Keine Ermittlungen!«
   »Wir ermitteln nicht«, erwiderte Minerva hastig. »Stella wollte uns die Krähen zeigen, die abends immer über das Gelände kreisen.«
   »Krähen?« Der Unglaube, der in Jennifers Stimme lag, war beinahe zu greifen.
   »Ja, ich mag Krähen«, sagte Stella. »Sie passen irgendwie zu mir. Außerdem schaue ich mir ihr Flugverhalten an, um sie besser zeichnen zu können.«
   Ein unschlagbares Argument. Rubia zog hoffnungsvoll die Augenbrauen hoch und lächelte. Das wäre ihr nie eingefallen.
   Schwester Jennifer, die offenbar einsah, dass sie falsch lag, lachte und ging wieder ihren Tätigkeiten nach, zum Beispiel furchtbar leichtgläubig zu sein. Rubia fasste neuen Mut, den Fall ›Agnes‹ zu dritt aufzuklären.

Der nächste Morgen brach an und mit ihm die Durchführung des Plans. Rubia musste in das andere Gebäude gelangen, um mit Edgar zu reden und herauszufinden, was er gesehen hatte. Leicht umzusetzen. Sie tat die Zweifel, die Stella und Minerva einwarfen, mit einer Handbewegung ab. »Kommt schon, denkt mal positiv.«
   Stella, die einen Kopf kleiner als Minerva und Rubia war, spähte im Erdgeschoss jeden Winkel aus. »Niemand in Sicht«, flüsterte sie.
   Schwarz-wie-die-Nacht-Schopf und Rotlocke, wie sie ihre Undercover-Pseudonyme benannt hatten, betraten den Vorraum mit dem Eichenportal, in dem Phillip, der wieder zu normaler Größe gelangt war, hinter seinem Pult saß und sie aufmerksam musterte.
   »Sorry, aber ich kann euch ohne Begleitung nicht rauslassen«, sagte er. »Fragt doch, ob einer der Pfleger Zeit für euch hat.«
   »Und Sie können keine Ausnahme machen? Wir sind auch zu zweit und passen aufeinander auf«, sagte Rubia.
   »Tut mir leid. Ich kann nicht noch einmal Ärger riskieren. Die Sache mit Agnes wird mir noch eine ganze Weile nachhängen, und ich brauche diesen Job hier, bitte versteht das.«
   Den Bruchteil einer Sekunde später drang ein markerschütternder Schrei durch das ganze Haus, doch die Quelle war so nah, dass Phillip sich genötigt sah, zu handeln.
   »Geht auf eure Station oder wartet hier, aber raus könnt ihr allein nicht.« Er stürzte hinaus in Richtung des Treppenhauses, als ein weiterer, nicht weniger grausamer Schrei durch die Flure hallte.
   »Jetzt, schnell«, flüsterte Minerva aufgeregt.
   Beherzt sprang Rubia hinter das Pult und versuchte sich vor Augen zu führen, welchen der vielen Knöpfe Phillip immer betätigte, wenn sie nach draußen gelangen wollten.
   Verdammt, ich dachte, der legt immer nur den Schalter zum Öffnen um. Wie wäre es mit dem hier?
   Rubia betätigte auf gut Glück einen Schalter, doch dieser löste nicht das Summen zum Öffnen der Tür aus, sondern verriegelte sie. Mist!
   Sie drückte den Knopf erneut, und die Tür entriegelte sich. Jetzt war sie aber noch nicht auf.
   Ihnen rannte die Zeit davon. Jeden Moment konnte Phillip zurück sein, und der Ärger, den ihr Vorgehen nach sich ziehen würde, wäre gigantisch.
   Der kalte Schweiß brach Rubia aus allen Poren, und Minervas Drängen, sie möge endlich den richtigen Knopf drücken, erleichterte die Situation nicht im Geringsten. Da merkte sie es auch schon. Das Ziehen im Nacken und das Pfeifen auf den Ohren. Ein weiterer, sich durch die Eingeweide des Gebäudes schälender Schrei ertönte, doch Rubia vernahm ihn nur dumpf.
   Einatmen, vier, drei, zwei, eins, ausatmen, vier, drei, zwei, eins. Du bist es!
   Grobmotorisch drückte sie auf einen der Knöpfe, und die Tür summte. Hören konnte Rubia dies nicht, aber sie sah es an Minervas Reaktion. Das Glück, das sie hatten, lockerte den Griff, den Rubias Wut um sie legte.
   »Los, ab mit dir«, rief Minerva, als sie die schwere Eichentür aufhielt, durch die Rubia hinaus ins Freie stürzte.
   Jetzt nichts anmerken lassen. Gehe ruhig und bestimmt hinüber.
   Der Baum, an dem noch immer Pauls Blut klebte, übte eine unnatürliche Faszination auf sie aus. Dasselbe Feuer, das Gregor gesehen hatte, schien auch Rubia wahrzunehmen. Und in diesem Feuer ein fürchterliches Gesicht, zur Fratze verstümmelt.
   Rubia drängte diese Gedanken beiseite, wie sie es immer tat.
   Sie durchquerte die Parkanlage, ließ den Pavillon hinter sich, auch die Bushaltestelle passierte sie ungesehen. Das lief doch wie geschmiert. Doch auch der Zorn, der noch immer dafür sorgte, dass ihre komplette Muskulatur zum Reißen gespannt war, ging mit ihr hinüber. Es fühlte sich beinahe so an, als wäre dieses Gefühl das Einzige, was sie antrieb. Wie ein schlechter Freund, der mit falschem Lächeln die richtigen Worte zu ihr sprach, bewegte sie sich mechanisch auf das Portal zu.
   Mit kräftigem Druck stieß sie die Eichentür auf, die wohl hier keinen Schutz von außen bedurfte.
   Das zweite Gebäude war genau wie das ihrige aufgebaut. Das gleiche Licht, die gleiche Einrichtung, das gleiche, dröge Personal.
   »Morgen«, grüßte der Wachmann, ohne von seinem Smartphone aufzusehen.
   Rubia erschrak, doch das bekam Phillips Pendant genauso wenig mit. Sie nuschelte Unverständliches und ging in Richtung Treppenhaus davon. Die ersten Stufen nahm sie wie im Flug, bevor jemand hinter ihr mit lauter Stimme zu sprechen begann.
   »Was tust du hier?«
   Rubia drehte sich um und erkannte eine der Schwestern, die sie gelegentlich auf dem Gelände gesehen hatte.
   »Nichts, ich muss mit Edgar reden«, erwiderte Rubia und nahm die nächste Stufe.
   »Du hast hier nichts zu suchen!« Die Frau kam auf Rubia zu, wollte sie einholen.
   Rubia übersprang zwei Stufen auf einmal. Getrieben vom selben Gefühl, das sie schon im Park gespürt und bis hierhin mitgenommen hatte wie einen schlechten Freund.
   »Hey, bleib stehen!« Im ersten Stock holte die Pflegerin Rubia ein und bekam sie zu greifen.
   Zu spät. Das Pfeifen wurde lauter und lauter, alles wurde hell, das Blut in ihren Adern brannte wie Feuer. Nur noch dumpf vernahm Rubia die Rufe, die die Schwester in Richtung ihrer Kollegen sendete, dann begann die Musik in ihrem Kopf zu spielen.
   Eine Stimme sang Worte, die sie nicht verstand. Irgendwo quoll eine Melodie aus ihrem Bewusstsein, so fein und dann wieder so laut, Rubia fühlte beinahe ihren Schädelknochen platzen.
   Sie riss sich von der Schwester los, schrie auf, wie es Stella bei ihrem Ablenkungsmanöver tat, und vernahm leise das Näherkommen der Schritte. Vieler Schritte. Mehr als eine Person. Wie geblendet verfiel sie in einen Urzustand des Menschen: blankes Überleben. Mit den Armen schlug sie in jede erdenkliche Richtung aus. Das warme Blut an ihren Händen nahm sie kaum wahr, das Brechen von Knochen genauso wenig. Sie konnte nicht sagen, ob es ihre waren oder die eines Pflegers. Aus dem Licht heraus langten mehrere Hände nach ihr, die sie, orientierungslos geworden, abzuschütteln versuchte. Dämonenhaftes Brüllen spannte ihre Stimmbänder bis zum Reißen, doch im Kopf, da spielte nur Musik.
   »Rubia, beruhig dich!« Sie konnte den Klang der aufgeregten Stimme nicht einordnen, kannte sie aber. Alles wurde von diesem verdammten Pfeifen überlagert.
   Schlag. Tritt. Musik. Lass mich raus! Raus aus dem Loch! Raus aus dieser Hölle!
   Wie aus weiter Ferne vernahm sie die Worte der Pfleger, die sie versuchten, im Zaum zu halten. Als ob jemand aus dem Tal hinauf zum Berg rief. Und der Berg antwortete mit einer Lawine aus Fausthieben, Bissen und Tritten. Es hatte alles keinen Sinn. Sie kam hier nie wieder raus.

Der Morgen dämmerte leise. Tief sog Rubia die abgestandene Luft ihres Zimmers ein. Nur mühsam konnte sie die Augen öffnen. Ein milchiger Film überzog ihre Augäpfel wie spätherbstlicher Nebel die abgeernteten Felder. »Agnes?«, fragte Rubia ermattet.
   »Nein, Minerva.«
   »Ach, Scheiße. Sorry.« Rubia versuchte, sich auf die Seite zu drehen, doch es gelang ihr aus unerfindlichen Gründen nicht.
   »Macht nichts. Du fluchst zu viel, dafür kommst du in die Hölle.«
   Guter Deal, wenn sie sich Stellas Bilder anschaute.
   »Was ist passiert?«, fragte Rubia. Ihr Verstand kroch langsam aus den hintersten Ecken ihres Gehirns hervor.
   »Die lange oder die kurze Version?«
   »Die kurze, bitte.« Rubias zweiter Versuch, sich zu drehen, misslang ebenfalls. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Hände mit Fixierbändern am Bett befestigt waren. Sie wusste, dass jedes Ziehen und Rütteln nichts brachte, und gab den Versuch schon auf, bevor sie ihn startete.
   »Na ja, Stella und ich sind zur Station zurück und haben noch gesehen, wie du in das andere Haus reingegangen bist. Torben muss es auch gesehen haben, denn er war der Erste, der hinüberlief. Was danach passierte, wissen wir nur aus Erzählungen.« Die Niedergeschlagenheit, die in ihren Worten lag, hätte eine ganze Nation trauern lassen können.
   »Die Schwester hat mich erwischt«, erinnerte sich Rubia. »Doch was danach passiert ist: keine Ahnung.«
   »Du hast sie auch erwischt. Und drei andere Pfleger. Du selbst hast mal wieder nur Schrammen.«
   Rubia meinte, dass im letzten Satz nicht nur ein Lachen, sondern auch eine leichte Spur Anerkennung mitschwang. Sie ächzte. »Was habe ich angerichtet?«
   »Der Schwester hast du ein blaues Auge verpasst, dem ersten Pfleger hast du zwei Finger gebrochen, der zweite hat eine Schulterprellung, und Torben«, sie machte eine Kunstpause, »hast du die Nase ein paar Zentimeter nach links verschoben. Wird wohl so bleiben. Hat geblutet wie ein Schwein.«
   »Scheiße. Was sagt Doktor Friedmann?«
   »Er hat dich rausgeboxt, wo du dich reingeritten hast. Hat ein gutes Wort eingelegt und sich bei allen entschuldigt. Hat sogar die Schuld auf sich genommen, obwohl dir eigentlich keiner so richtig böse war. Allerdings«, Minerva deutete mit einer Handbewegung vielsagend auf Rubia, »sieht ›undercover‹ irgendwie anders aus.«
   Es dauerte einen Moment, bis Rubia in schallendes Gelächter ausbrach, und auch Minerva stimmte nach kurzer Zeit mit ein.
   »Du bist jetzt schon eine Legende hier im Haus«, stammelte Minerva, als sie einen Augenblick zum Luftholen nutzte.
   »Echt jetzt?«
   »Ja, die Jungs oben fahren voll auf dich ab. Zumindest der überwiegende Teil. Andere haben Angst vor dir. Den Kleinen im Erdgeschoss wurde eingeschärft, dass sie dich besser nicht ansprechen sollten. Zumindest in den nächsten Tagen.«
   »Isabell wird so angepisst sein.«
   »Wird? Ist sie schon. Aber keine Sorge, sie hat mehr Angst vor dir als vor einem Berglöwen.« Minervas Lächeln verbreiterte sich, Rubias löste sich in Luft auf. »Was ist los?«
   Sie kniff die Augen zusammen. »Die Leute sollen keine Angst vor mir haben.«
   Noch bevor Minerva etwas Aufmunterndes sagen konnte, wurde die Tür geöffnet. Rubia sah zunächst nur das blonde Haar hereinwehen, danach lugte Jennifers restlicher Kopf herein und dieser drehte sich mausartig von einem Bett zum anderen. »Ach, ihr seid ja wach. Habe ich doch richtig gehört.«
   »Ja«, murmelte Rubia.
   Jennifer schaltete das Licht ein und ging auf Rubia zu. »Komm, ich löse dir die Fesseln. Waren zu deiner und unserer Sicherheit.«
   Ein Gefühl der Freiheit umfing Rubia, und sie dankte Jennifer herzlich.
   »Ist noch früh, aber ihr könnt ruhig rauskommen.«
   »Ich geh duschen«, nuschelte Rubia und schleifte ihren vom Sedativ gehemmten Körper ungelenk in Richtung der Nasszellen.
   Wasser, Quell des Lebens.

Minerva und Stella, die ebenfalls schon auf war, tummelten sich auf ihrem liebsten aller Lieblingsplätze im ganzen Haus: dem Sofa. Da heute Samstag war und an Samstagen in etwa so viel zu tun war wie an Sonntagen, dümpelte die Lust an jeder noch so kleinen Aktivität auf dem Nullpunkt herum.
   »Hey, die Leute auf deinen Bildern sind ja gar nicht mehr nackt. Na ja, zumindest nicht alle«, bemerkte Minerva, das neuste von Stellas Werken musternd.
   »Das stimmt«, bestätigte Stella, »ich habe den Schwierigkeitsgrad erhöht.« Erst auf dem zweiten Blick erkannte Minerva, was die sich gegenseitig quälenden Gestalten am Leib trugen.
   »Mensch Stella, das sind ja die Kittel, die die Pfleger hier tragen!«, stieß sie voll Verwunderung hervor.
   »Ja, als ich gestern all die blutenden Leute gesehen habe, die ihre weißen Sachen voll roter Suppe hatten, inspirierte es mich.« Der freudige Unterton ließ vermuten, was in diesem kleinen Köpfchen alles vorgehen musste. »Es war beinahe erleuchtend. Und das alles nur dank Rubia und ihres rabiaten, doch nutzlosen Vorgehens.« Rollten ihr tatsächlich Tränen des Glücks die Wangen hinunter?
   »Habe ich meinen Namen gehört?«, rief Rubia um die Ecke, bevor sie hölzern um selbige bog. Sie ließ sich zu den anderen auf das Sofa fallen. »Um was gehts?« Neugierig beugte sie sich über Stellas Zeichnung, um zu visualisieren, was sie gehört hatte.
   »Willst du noch etwas Inspirierendes sehen, Stella?« Rubia grinste hämisch.
   »Unbedingt!« Begeistert sprang die Kleine auf.
   Rubia drehte Stella den Rücken zu und schob ihr T-Shirt etwas nach oben. Zum Vorschein kam der schönste und vor allem größte Bluterguss, den Stella vermutlich je gesehen hatte.
   »Blau, rot, braun, lila«, zählte sie auf. »Ich brauche neue Farben. Schade, dass ich kein Foto davon machen kann.«
   »Aber ich kann«, sagte Minerva, zog ihren MP3-Player aus der Tasche und schoss ein unscharfes Foto von Rubias Rücken. »Cool. Dein halber Rücken sieht aus wie Kotze.«
   Waltraut Knieriem, das Urkrokodil unter den fleischfressenden Stationsschwestern, hatte ein waches Auge auf das Trio, was die Planung für das weitere Vorgehen um Expedition Edgar, wie sie ihr Unterfangen betitelten, um einiges erschwerte. Wie ein Geier, der zusah, wie seine Beute endlich das Zeitliche segnete, starrte Krokowaltraut mit offenem Maul auf die Sofaecke. Der Trick: Minerva und Rubia flankierten Stella, die ihren Zeichenblock so positionierte, dass Kroko-Geier-Waltraut so wenig wie möglich zu Gesicht bekam. Keine Dauerlösung, aber für den Anfang nicht schlecht.
   »Ich habe nachgedacht«, begann Stella die Stabsbesprechung. »Da der letzte Plan völlig in die Hose gegangen ist, habe ich eine Alternative entwickelt.«
   Jetzt kam’s. Rubia war sich ziemlich sicher, dass Minerva das Gleiche durch den Kopf ging.
   »Also, die einfachste Möglichkeit wäre doch, wenn nicht wir in das andere Gebäude gingen, sondern jemand anderes.«
   Verwunderte Blicke.
   »Lasst mich zu Ende reden.«
   Blicke.
   »Da das aber nicht so einfach ist und wir nicht einfach Körper tauschen können – leider – kam ich auf die Idee, dass wir unser Äußeres an die Situation anpassen könnten.« Während sie sprach, zeichnete sie wie üblich an einer Skizze.
   Es dauerte eine Weile, bis Rubia begriff, dass es dieses Mal kein blutiger Fleischberg wurde, sondern etwas ganz anders.
   »Ich dachte mir, wenn wir hinunter in den Keller gehen, sagen wir mal, dort, wo der Hausmeister seinen Kram aufbewahrt, dann finden wir sicher eine seiner Kluften. Ich wäre zu klein, sie zu tragen, euch könnte man das aber noch durchaus abnehmen.« Sie ließ den Blick hoffnungsvoll von Minerva zu Rubia schweifen, während sie zeichnend ihren Plan ergänzte. »Nun ist es so: Als ich gestern Phillip abgelenkt habe, ist ihm ein Schlüssel aus der Tasche gefallen. Fies, wie ich bin, habe ich den eingesackt«, sie deutete auf ihre Hosentasche, »aber er passt leider nicht in jedes Schloss. Büroräume haben Extraschlüssel, aber mit dem hier gelangen wir in jeden Raum, den der Hausmeister oder das Wachpersonal betreten können muss.«
   Du goldiges, überaus goldiges Wesen.
   »Sag mal«, fragte Rubia, »wann hast du das mit dem Schlüssel ausprobiert?«
   »Ach, ich bin so früh wach, das stört keinen, wenn ich im Haus morgens herumgeistere«, bekam sie als Antwort serviert.
   »Jetzt müssen wir nur noch an Waltraut vorbei«, flüsterte Minerva.
   Stella ließ die Skizze ihres heroischen Hausmeisters, der Minervas Gesicht trug, geschlossen auf dem Sofa liegen.
   »Lasst das mal meine Sorge sein. Bleibt hier, aber haltet euch bereit.« Rubia erhob sich und ließ Minerva und Stella in Habachtstellung auf dem Sofa zurück.
   Rubia bog um die Ecke, wühlte durch ihr feuchtes Haar und schaltete skrupellos das Licht im Flur vor den Duschräumen ein. Ein kurzes, doch lautes Quieken schallte durch die Station, und Rubia nutzte die Verwirrung, um durch die vordere Schleusentür zu schleichen. Den Bruchteil einer Sekunde später rannte Meerrettich-Face hinaus in den Aufenthaltsraum, ängstlich wie ein Mops nach einer dunklen Ecke suchend. Alle Blicke wanderten zu ihm. Zu allem Überfluss stieß er in seiner Panik an den CD-Spieler, in dem noch immer Rubias Lieblingsalbum eingelegt war, und schaltete ihn versehentlich ein. Nicht alle, besonders Paul nicht, hörten gern schnellen und lauten Metal, in dem auch noch neunzig Prozent der Zeit geschrien wurde. Um genau zu sein, waren es lediglich Rubia und Minerva, die diese Art von Musik genossen.

*

Wie in Zeitlupe erhoben sich Minerva und Stella vom Sofa, während Schwester Waltraut krokodilartig mit offenem Mund aus ihrem Kabuff trat, um sich nach der Quelle des Lärms umzusehen. Als wäre das nicht genug, rauschte Meerrettich-Face in den am Tisch sitzenden Jakob hinein, der einen Schmerzensschrei ausstieß, der Stella hätte neidisch werden lassen, wenn sie Zeit gehabt hätte, genauer darauf zu achten. In dem Chaos, das darin gipfelte, dass Paul wieder einen Anfall Clusterkopfschmerzen erlitt und seinen Kopf mehrfach auf die Tischplatte schleuderte, fiel es niemandem auf, dass drei der üblichen Verdächtigen die Biege gemacht hatten.

*

Das Chaos, das sie angerichtet hatte, sorgte für genügend Ablenkung, um in die Kelleretage zu gelangen. Ein Gefühl der Beklommenheit breitete sich in Rubia aus, als sie die letzte Stufe hinab in die kalten Flure nahm. Während Stella und Minerva zielstrebig die erste Tür ansteuerten, war es die Angst, die Rubia davon abhielt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie war schon einige Längen hinter ihnen zurückgefallen, als Stella den Schlüssel in das Schloss bugsierte und die Tür aufstieß. Heizungsraum, Fehlanzeige. Konnten sie sich bitte beeilen?
   »Stimmt etwas nicht?«, fragte Minerva, als sie Rubias Gesicht im fahlen Schein der Kellerbeleuchtung sah.
   »Ich mag keine Keller.«
   Stella, die nichts von dieser Unterhaltung mitbekommen hatte, weil sie viel zu fröhlich dabei war, den Keller auszuloten, versuchte ihr Glück an der nächsten Tür.
   Abstellraum. Mehrere Minuten vergingen, und unzählige Türen wurden geöffnet und wieder geschlossen, bis sie die eine Tür erreichten, hinter der sie ihr größtes Glück vermuteten. So war es auch nicht verwunderlich, Stellas verschwörerisches Kichern zu vernehmen, als sie endlich den Raum erreichten, der ihr Ziel darstellte. Die Kleine war völlig Banane, ganz eindeutig.
   »Geht ohne mich rein. Ich halte Wache«, stammelte Rubia vor sich hin.
   Minerva nickte und suchte mit Stella den Raum ab.
   Rubia kam es wie Stunden vor, in Wirklichkeit mussten es Minuten gewesen sein, die Minerva brauchte, den muffigen Hausmeisteranzug überzuziehen. Der authentische Geruch klebte daran wie Kaugummi an Schuhsohlen.
   Die Angst verflog, als Rubia ihre Zimmergenossin im neuen Gewand in Augenschein nahm und feststellte, dass, solange sie nichts sagen müsste, es nicht weiter auffallen würde. Lediglich Edgar könnte Probleme damit haben. Aber es war die einzige Möglichkeit, weitere Informationen über die letzten Minuten in Agnes’ Leben zu bekommen.
   »Da ist noch ein Schrank, der nicht aufgeht«, bemerkte Minerva. »Hätte zu gern gewusst, was da drin ist.«
   »Egal.« Stella zog das Wort in die Länge wie einen Haargummi.
   Es war erstaunlich ruhig, als sie die Treppe ins Erdgeschoss nahmen. Niemand auf den Gängen und keiner, der Probleme machte. Die Klinik hatte ein nicht zu leugnendes Personalproblem. Zu wenige wollen diesen Beruf noch ausüben, und ein großer Teil derer, die sich für ihn entschieden hatten, spürten die körperlichen Zeichen allzu deutlich. Vor der Tür zum Vorraum, in dem Phillip damit beschäftigt war, auf seinem Handy herumzudrücken, verabschiedeten sie sich voneinander, ohne zu vergessen, Minerva viel Glück und Erfolg zu wünschen.
   Stella und Rubia begaben sich wieder auf Station drei. Ihre Abwesenheit war nicht aufgefallen, denn niemand sagte etwas, als sie zum Rest der Gruppe stießen. Schon bald saßen sie wieder auf den weichen Polstern des Sofas.
   Während Stella weiter an ihren Zeichnungen arbeitete, beobachtete Rubia, wie Minerva das gegenüberliegende Haus betrat, in dem sie noch vor weniger als vierundzwanzig Stunden das blanke Chaos angerichtet hatte. »Der Vogel ist gelandet«, flüsterte sie.
   »Trouble im Paradies«, bemerkte Stella, und als sich Rubia umdrehte, stand Waltraut vor ihnen, die Lippen geschürzt, Hände in den Hüften, zu Fäusten geballt.
   »Na, heckst du wieder einen Plan aus?«, fragte sie spöttisch.
   Hoffen wir, dass ich für das Schauspiel einen Oscar bekomme.
   »Nein, ich«, sie legte eine emotionale Pause ein, in der sie zu Boden schaute, während Stella es nicht einmal für nötig hielt, sich von ihrem Blatt Papier zu lösen, »ich denke an gestern und wie viel Leid ich angerichtet habe.« Rubia drehte sich nach diesen Worten kurz um, um Waltraut das Gefühl von echter Reue zu zeigen und um sich zu vergewissern, dass Minerva nicht aufgeflogen war, soweit das überhaupt ging.
   Verwundert von Rubias augenscheinlicher Ehrlichkeit, lockerte die Schwester, die als Urgestein der Einrichtung galt, ihr Auftreten. »Was wolltest du drüben überhaupt?« In ihrer Stimme schwang ein Hauch mehr Wärme mit. Sie deutete ein Nicken in Richtung des Gebäudes an, in dem Minerva gerade in geheimer Mission unterwegs war.
   »Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Es war mehr ein Gefühl. Oder besser, ein Albtraum.« And the winner is … » Und dann wurde alles schwarz. Erst ab heute Morgen setzte mein Bewusstsein wieder ein.« Eine Träne floss stumm Rubias Wange hinunter, und sie konnte in Waltraut einen großen klumpen Eis vom Klimawandel in ihrem Herzen schmelzen sehen. »Ich habe ihnen einfach nur wehgetan«, sprach sie in hoher, gebrochener Stimmlage weiter und vergoss noch ein paar warme Tränen mehr.
   Rubia Poiss! Ich danke all meinen Fans!
   Gerührt von der Reue und Trauer in Rubias Erzählung, schniefte das Krokodil kräftig und verzog sich wieder in ihr Zimmerlein.
   Eine halbe Stunde verging, ehe Minerva, noch immer in der Kluft des Hausmeisters, zurückkehrte. Als sie allerdings auf Station drei eintraf, war von dem Anzug nichts mehr zu sehen. Lediglich ein Geruch von Keller und eine Spur von Schweiß hingen an ihr. Anstatt Stella und Rubia über den Erfolg oder Misserfolg der Expedition Edgar zu informieren, stieg sie direkt unter die Dusche. Sie duftete nach Sommer und roten Beeren, als sie wieder zur Sofagang stieß.
   »Wie lief’s?«, wollte Stella wissen. »Hat es geklappt?«
   »Das werdet ihr nicht glauben«, sagte Minerva mit einem Anflug von überschwänglicher Begeisterung. »Ich gehe also da rüber. Dieser Trottel vom Wachdienst schaut nicht einmal auf. Ich also hoch zu Edgar, und da war keine Menschenseele. Alles ausgestorben, außer er. Das Erste, was er mich fragte, war, ob ich vom BND, Interpol oder der CIA bin. Er wollte meinen Ausweis sehen, doch er sprach einfach weiter. Irgendwas von Reptiloiden und wie wir aus der hohlen Erde an die Oberfläche verbannt worden sind.« Sie legte eine Pause ein, damit Stella und Rubia genug Zeit hatten, sich genauso zu wundern, wie sie es vor wenigen Minuten getan hatte. »Jedenfalls, während er von seinen Verschwörungstheorien schwafelte, die mit jedem Wort wirrer wurden, habe ich die Taschen des Anzugs durchsucht, und siehe da, ein Mitarbeiterausweis. Ich hielt ihm den vor die Nase. Der Mann ist die ersten drei Meter so gut wie blind, aber alles, was weiter weg ist, sieht er gestochen scharf. Jedenfalls glaubte er mir. Ich fragte ihn also, was er gesehen hatte. Jetzt kommt’s. Ja, er hat Agnes gesehen und dass Gregor ihren Selbstmord auch mitbekommen hat. Und da war noch eine Person. Sie stand an der Tür hier unten bei uns. Er kannte ihren Namen nicht, doch wusste er dank seiner Aufklärungsarbeit, dass es das Mädchen gewesen sei, das sich ›an die hiesige männliche Bevölkerung‹ heranschmisse.« Sie sah verschwörerisch zwischen Stella und Rubia hin und her.
   »Isabell«, flüsterte Rubia. Sie sah sich um, konnte sie allerdings nicht finden.
   »Sie wird mit irgendwelchen Jungs abhängen«, mutmaßte Stella.
   »Hatte sie nicht erst bei der letzten Gruppensitzung gesagt, es geschehe Agnes ganz recht, denn sie spanne ihr die Kerle aus?«, fragte Rubia, doch die Antwort darauf kannte sie schon.
   »Was machen wir jetzt?«
   Stella angelte sich einen ihrer unzähligen Rotstifte und sprach wie eine englische Lady. »Abwarten und Tee trinken.«
   Was für ein unschlagbares Argument.

Kapitel 3
Lügen haben schwere Beine

Einige finstere Tage zogen ins Land, in denen sich der Sommer hinter Regen, Hagel und Gewitter versteckte, ehe sie wieder frischen Wind in die Segel bekamen. Rubia war unterwegs zu ihrer wöchentlichen Sitzung mit Doktor Friedmann. Gerade, als sie den Flur zum Büro des Doktors betrat, wurde dessen Tür mit Schwung geöffnet. Hinaus traten Kriminalkommissar Kornelius Korner und sein bulliger Kollege, den Rubia nur vom Sehen kannte. Während besagter Kollege an ihr vorbeistampfte und die Scheiben der Fensterreihe zum Klirren brachte, hielt Kornelius inne.
   »Wie geht es dir? Hab gehört, dass du ein wenig Ärger hattest in letzter Zeit.« Er setzte dieses charmante Lächeln auf, mit dem er sich wohl schon durch sein halbes Leben mogelte.
   Du hast dich doch in den Job reingegrinst, oder?
   »Ach, ganz gut«, antwortete sie auf seine erste Frage. »Ja, die Geschichte ist doof gelaufen. Der Doktor meinte, es sei eine Stressreaktion gewesen. Bis die Sache mit Agnes geklärt ist, soll ich Ruhe bewahren und mich so wenig wie möglich aufregen. Haben Sie schon etwas herausgefunden?« Sie fragte vorsichtig und aus reiner Neugier heraus.
   »Wir haben die Ergebnisse aus der Blutuntersuchen, aber die darf ich dir leider nicht mitteilen. Ich hoffe, du verstehst das. Sei dir aber sicher«, er legte eine Hand väterlich auf ihre Schulter, »dass wir den Fall bald gelöst haben.«
   Ein Fall? Also doch kein Selbstmord? Rubia ließ sich ihre Verwunderung über die Wortwahl des Kommissars nicht anmerken, entschuldigte sich, sie habe schließlich noch einen Termin und wünschte Kornelius viel Erfolg bei seinen Ermittlungen.
   Rubia klopfte an die Tür des Doktors und wartete seine Aufforderung ab, einzutreten. Das Erste, was sie erblickte, war ein Schreiben in der Hand des Doktors, das er in eine der oberen Schreibtischschubladen verschwinden ließ. Das musste ihm die Polizei gegeben haben. Was da wohl alles stand?
   »Rubia, bitte setz dich.« Er deutete auf Rubias liebstes Möbelstück.
   Sie machte es sich auf dem Sofa bequem.
   »Wie geht es dir? Hattest du wieder das Gefühl, dass dir die Kontrolle entgleitet wie vor einer Woche, als du in das andere Gebäude hinübergegangen bist?«
   »Gut geht es mir. Und nein, hatte ich nicht. Minerva und die kleine Stella achten auf mich. Sie helfen mir, so gut es geht, mit der Situation fertigzuwerden.«
   Der Doktor lächelte und notierte sich ein paar Worte.
   »Darf ich Sie etwas fragen?« Rubia sprach vorsichtig und fixierte Doktor Friedmann mit den Augen.
   »Nur zu.«
   »Hat die Polizei schon etwas herausgefunden?«
   »Das, liebe Rubia, kann ich dir leider nicht sagen.« Er löste für einen Moment den Blick von ihr und ließ ihn zur Schublade wandern, in der er den Polizeibericht, so vermutete Rubia, verwahrte. Mistkerl!
   Rubia beobachtete die Vögel durch das offene Fenster hinter dem Doktor, die am Himmel ihre Bahnen zogen. Diese Art von Freiheit hätte sie auch gern, doch wusste sie, dass sie erst dann wirklich frei sein würde, wenn sie lernte, ihre Wut unter Kontrolle zu halten. Seit zwei Jahren war sie nun hier, und bis auf ein paar Atemübungen hatte sie nichts gefunden, was wirklich half.
   »Deine Gedanken gleiten ab«, bemerkte der Doktor.
   »Was?«
   »Ich habe dich gefragt, ob du den Polizisten erkannt hast, aber du hast nur aus dem Fenster gesehen.« Er sprach ganz normal. Es war keine Anschuldigung aus seinem Ton herauszuhören.
   »O ja, natürlich. Wie könnte ich ihn vergessen? Sein Gesicht war das Erste, das ich nach all der Dunkelheit gesehen habe. Das brennt sich ein.«
   »Sind in der Zwischenzeit mehr Erinnerungen zurückgekehrt?« Der Doktor setzte sich in einen Sessel ihr gegenüber.
   Da machten sie jetzt also weiter. Rubia wühlte in ihren Erinnerungen. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass eine Tür in ihrem Gehirn stand, für die sie nicht den richtigen Schlüssel hatte. Sicher, ein paar Sachen wusste sie noch, aber ein großer Teil der Erinnerungen fehlte. Doktor Friedmann, von dem Rubia sicher war, er könnte Gedanken lesen, bat sie, einfach von vorn anzufangen.
   Rubia atmete tief durch. »Es war mein Geburtstag. Dreizehn. Ich wurde endlich dreizehn. Ich habe mir diese Spielekonsole gewünscht, von der alle in der Schule gesprochen haben, doch meine Eltern hatten nicht das Geld dafür. Ich wusste es damals nicht besser, wurde wütend. Ich hatte ihr Geschenk in der Hand. Irgendein Buch. Keine Ahnung, was es war. Noch vor dem Abendessen bin ich abgehauen. Als ich draußen war, habe ich schnell die Orientierung verloren. Es war Februar, saumäßig kalt und dazu auch noch nebelig. Mit der Zeit wurden die Straßen immer leerer, bald war niemand mehr unterwegs. Außer ich. Und er.« Rubia blickte weiter aus dem Fenster und schloss die Augen. »Da war dieser Mann. Er war etwas dicker, aber nicht sehr. Lange Haare, freundliches Lächeln. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Er fragte mich, was ich draußen in der Kälte so ganz allein machen würde, und ich sagte ihm, dass ich weggelaufen sei. Er bot mir an, mit zu ihm zu kommen. Ich könne sein Telefon benutzen, sagte er. Also sagte ich zu. Weit war es nicht. Ein kleineres Einfamilienhaus in so einer typischen Gegend am Rand der Stadt. Da war ein Wäldchen ganz in der Nähe. Ich fragte mich, ob er da ganz allein lebte. Als wir drin waren, gingen wir in den Keller. Ich wunderte mich, doch er versicherte mir, sein Telefon sei im Keller. Ich war so naiv.« Sie öffnete wieder die Augen. Der Doktor nickte ihr ermunternd zu. »Er öffnete die Tür mit einem Schlüssel. Warum war sie überhaupt verschlossen? Ich habe mir noch immer nichts dabei gedacht. Dann stieß er mich hinein, knallte die Tür hinter mir wieder zu und«, sie stockte, ihre Augen füllten sich mit Tränen, »alles war dunkel. Es stank fürchterlich faulig, nach Scheiße und Pisse. Da waren Leute, die mit mir sprachen. Ich war mir sicher, dass das ein Missverständnis sein sollte, doch die alte Frau erklärte mir alles. Die war am längsten da. Ich konnte nicht aufhören zu weinen.« Rubia wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und rang um Fassung.
   »Kannst du dich erinnern, wer alles da war?«, fragte er mit weicher Stimme.
   Rubia überlegte. »Die alte Frau und ein alter Mann. Sie waren beide bestimmt schon um die siebzig. Dann war da noch ein junger Mann, etwa dreißig und zwei weitere Frauen im gleichen Alter.«
   »An was kannst du dich noch erinnern?«
   Rubia sammelte ihre Gedanken. »Er öffnete jeden Tag die Luke unten an der Tür, um uns Essen zu geben. Manchmal eine Scheibe altes Brot, mal ein paar Hühnerknochen. Und jeden Tag stellte er uns einen Becher Wasser hinein. Manchmal zwei. Gerade genug, dass wir überlebten. Aber in der Dunkelheit war nichts zu erkennen. Wir tasteten uns immer vorsichtig vor, aber manchmal, da stießen wir das Wasser um oder der Teller war einfach leer.« Da war wieder dieses Gefühl in ihrem Kopf, wie das Ticken einer Bombe, nur viel, viel leiser. Ihre Nackenmuskulatur spannte sich an, und auch das erbarmungslose Pfeifen drang wieder an ihre Ohren, als ob eine Granate neben ihr explodiert wäre.
   Der Doktor bemerkte es und machte eine beschwichtigende Geste. Rubia bewunderte diesen Mann, denn er gab ihr die Kraft, damit fertig zu werden.
   »Weißt du noch, wie lange du da unten warst?«
   »Zwei oder drei Monate etwa.« Sie war noch immer angespannt, behielt aber die Nerven.
   »Und weißt du noch, was in dieser Zeit passiert ist?«
   »Leider nicht. Ich denke fast jeden Tag daran, aber mein Gehirn hat ganze Arbeit geleistet, es zu verdrängen.« Sie entspannten sich. »Dann waren da der Polizist und seine Taschenlampe. Ich erkannte plötzlich den Keller. Die alten Leute lagen auf dem Boden, blutverschmiert. Die Frau war kaum zu erkennen, denn das Gesicht war …« Sie stockte, konnte den Satz nicht zu Ende bringen. »Der junge Mann und die zwei Frauen saßen in der einen Ecke, ich in der anderen. Frische Luft, ich konnte sie riechen. Dann kam eine Polizistin auf mich zu und sagte mir, dass alles vorbei sei. Sie führte mich hinaus. Es muss Mittag gewesen sein, und es war warm. Die Bäume wurden grün. Sogar Blumen konnte ich erkennen. Die Sonne tat so gut und der Wind. Als die drei anderen auch draußen waren, tuschelten sie viel und deuteten auf mich, als die Polizei mit ihnen sprach. Den Rest kennen Sie.«
   Willkommen zu meinem ganz persönlichen Seelen-Striptease.
   Erleichtert und erschöpft verließ Rubia nach der Sitzung Doktor Friedmanns Büro und begab sich wieder auf ihre Station. Stella und Minerva bemerkten, dass es hart für sie gewesen sein musste, und fragten gar nicht erst. Das tat kaum einer der Patienten hier. Schlimme Tage gab es nun einmal, jeder hatte hin und wieder einen. Rubia betrachtete ihre Freundinnen und überlegte, wie es sein musste, deren Probleme zu haben. Wie es wohl wäre, den ganzen Tag die Hölle, die man im Kopf trug, auf Papier zu bringen. Oder wie mochte es sein, so tief in einer Depression zu stecken, dass das Gehirn auf Funkfeuer schaltete, wenn es emotional zu schlimm wurde. Oft hatte sie Minerva reden hören im Schlaf. Immer war sie gefangen und wurde von etwas sehr Großem und Unausweichlichem bedroht. Und Stella? Was mochte in ihr vorgehen, wenn sie solche Dinge zeichnete? Sie sprachen nicht darüber, aber manchmal dachte Rubia daran, sich ihnen anzuvertrauen. Doch nicht heute. Heute brachte sie die beiden auf den neusten Stand und erzählte von den Kommissaren und Doktor Friedmanns Unterlagen.
   Als Rubia ihren Bericht beendet hatte, war es Stella, die das Wort ergriff und vorschlug, in das Büro einzubrechen. Der Schlüssel, den sie noch immer hatten, passte allerdings nicht in dieses Schloss. Ein anderer Plan musste her. Rubia hatte sogar überlegt, einfach Schwester Jennifer zu fragen, ob sie helfen könne, doch verwarf diesen Gedanken so schnell, wie er kam.
   Es galt nun, zwei Ziele zu verfolgen. Zum einen wäre da Isabell. Sie konnten sie nicht einfach fragen, was sie mit Agnes zu besprechen gehabt hatte, denn sie traute weder Rubia noch ihren Mitstreiterinnen. Zum Zweiten war da der Zettel, den Doktor Friedmann im Büro verwahrte, doch solange sie keine Möglichkeit sahen, wie sie diese Probleme lösen sollten, beschlossen sie, sich fürs Erste bedeckt zu halten.
   Rubia dachte, sie hätte den Kommissar heute zum letzten Mal gesehen, doch als dieser mit seinem Kollegen die Station betrat, wurde sie eines Besseren belehrt. Der bulligere von beiden, der, dessen Namen Rubia nicht kannte, ging in das Schwesternzimmer und gestikulierte Waltraut aus Selbigem hinaus. Er schloss die Tür hinter ihr und sprach mit Schwester Jennifer, die im Zimmer zurückblieb.
   Kornelius hingegen kam auf Rubia und die Sofagang zu und zog einen Stuhl vom Tisch heran, um sich ihnen gegenüberzusetzen. Er platzierte sich geschickt und versperrte Rubia die Sicht auf das Treiben seines Kollegen. Was wollte der hier?
   Die Einzige, die das Auftreten des Polizisten zu stören schien, war Stella. Mit flinken Fingern griff sie nach all ihren Utensilien und stapelte sie in ihren Armen. Wie ein überladener Esel wankte sie in Richtung ihres Zimmers, das sie sich mit Isabell teilte.
   »Hab ich irgendetwas falsch gemacht?«, fragte Kornelius offen heraus und sah dem Blondschopf skeptisch hinterher.
   »Nein, haben Sie nicht. Hätten Sie sie angesprochen, sie hätte nicht mehr aufgehört zu schreien.« Rubia bemerkte, dass er diese Antwort für wenig befriedigend hielt. »Sie ist bei allen Fremden so. Machen Sie sich nichts draus.«
   Kornelius drehte sich wieder zu Rubia und Minerva herum. »Rubia, ich bin noch einmal hier, um mit dir über Agnes zu sprechen.«
   Sie nickte, doch bemerkte sie auch Minervas Blick, der auf ihr ruhte.
   »Ist dir noch etwas eingefallen, was du beim ersten Mal vergessen hast, mir zu sagen?«, fragte der Kommissar, ohne sie aus den Augen zu lassen.
   »Nein, eigentlich nicht.«
   »Eigentlich?«
   »Na ja, Isabell hat in der Gruppensitzung gesagt, es geschehe Agnes recht, dass sie tot sei.« Rubia war sich nicht sicher, ob sie diese Information hätte weitergeben sollen, doch hoffte sie, mit der Entscheidung richtig gelegen zu haben.
   Der Polizist runzelte die Stirn. »Wie meinte sie das?«
   »Das wissen wir selbst nicht genau. Sie sagte ständig, Agnes hätte ihr die Jungs ausgespannt.«
   »Und? Ist da etwas dran?«, fragte Kornelius lächelnd, doch Rubia empfand genau dieses Lächeln als unglaublich nervig.
   Glücklicherweise verhinderte das Medikament, das sie jeden Morgen von Schwester Jennifer bekam, dass sie schon bei solchen Kleinigkeiten aus der Haut fuhr. »Nein, natürlich nicht«, antwortete sie eine Spur zu energisch. Sie bemerkte das und fügte erklärend hinzu, dass dieses Verhalten Isabells Krankheit geschuldet sei. Deswegen war sie schließlich hier. Sie konnte einfach nicht anders.
   »Und weißt du, ob Agnes auch immer ihre Medikamente richtig eingenommen hatte?«, fragte der Polizist.
   Wieso jetzt plötzlich die Medikamente? Hatte er nicht zugehört, was sie gesagt hatte?
   »Es war nur ein einziges Medikament. Genau das gleiche, das ich auch nehme. Citalopram«, antwortete Rubia wahrheitsgemäß.
   Minerva saß schweigend daneben.
   Da war er wieder, der Notizblock, den der Polizist zu nutzen pflegte, wenn er derlei Informationen bekam.
   Ach, das schreibst du dir auf, aber Isabell nicht?
   Rubia rutschte unruhig auf dem Polster hin und her und versuchte, an Kornelius vorbei in das Schwesternzimmer zu schielen. Jennifer sah unruhig aus, doch wer wäre das nicht, wenn so ein Tier von einem Mann vor einem stünde.
   »Und hat sie das regelmäßig genommen?«
   Rubia lag eine schnippische Antwort auf der Zunge, die sie allerdings verwarf, in Anbetracht dessen, wer vor ihr saß.
   »Ja, natürlich. Wir würden morgens gar nicht am Schwesternzimmer vorbeikommen, wenn wir sie nicht nehmen würden.« Rubia fixierte Kornelius, weil sie nicht so recht wusste, worauf all diese Fragen abzielten.
   »Wer gibt euch das Medikament?«
   Rubia deutete auf Schwester Jennifer, die noch immer mit dem anderen Kommissar sprach.
   Kornelius machte sich noch eine Notiz und steckte den Block im Anschluss wieder in die Tasche. »Mal eine ganz andere Sache, Rubia.«
   Sie nickte.
   »Du hast gelogen.«
   Der kalte Schweiß brach auf Rubias Rücken und Stirn aus. Sie starrte den Polizisten ungläubig an.
   »Deine Eltern kommen nicht so oft, wie sie eigentlich sollten.«
   »Was?«, stammelte Rubia, doch sie brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass ihr Gegenüber nur scherzte.
   Du Mistkerl. Musst du mir so einen Schrecken einjagen?
   »Ich habe den Doktor vorhin gefragt, und er sagte, sie seien überfällig.«
   Rubia war das Thema unangenehm, und sie versuchte, sich um eine Antwort zu drücken. Es wurde auch nicht besser, als sie bemerkte, dass Minerva sie mitleidig ansah.
   »Du sagtest, sie würden dich oft genug besuchen, doch die Dame unten am Empfang sagte mir, sie kämen höchsten alle sechs Monate und dann auch nur sehr kurz vorbei«, sagte Kornelius gelassen.
   Rubia wollte sich am liebsten in Luft auflösen oder sich so klein falten, dass sie unter das Sofapolster rutschen könnte.
   Und sie ward nie mehr gesehen …
   »Wenn du möchtest, kann ich dich öfter besuchen«, schlug Kornelius vor und setzte sein perfektes Zahnarztlächeln auf. »Nicht beruflich, sondern einfach so. Wenn du möchtest, kann ich auch gern mal mit deinen Eltern reden.«
   Dieser Gedanke machte Rubia Angst. »Nein! Also, ja. Also.« Sie vergrub das Gesicht in den Händen und atmete tief durch. »Nein, bitte reden Sie nicht mit ihnen und ja, Sie können mich gern besuchen kommen.« Sie lächelte den Polizisten an.
   Kornelius bemerkte, dass sein Kollege hinter ihm das Gespräch mit Jennifer beendet hatte, und erhob sich rasch. Er dankte Rubia für das Gespräch und versprach, sie bald besuchen zu kommen. Kornelius drehte sich um, stellte den Stuhl zurück an seinen Platz und verließ die Station mit seinem Riesen im Schlepptau.
   Waltraut ging zurück ins Schwesternzimmer und schloss die Tür hinter sich. Jennifer schien mit den Nerven am Ende zu sein, denn wenn Rubia nichts mit den Augen hatte, konnte sie diese auch nicht betrügen, als sie sah, wie Jennifer gleich zwei Tabletten hintereinander schluckte. Es dauerte eine Weile, bis sich die Tür zum Zimmer wieder öffnete und Jennifer hinaustrat. Sie ließ sich nichts anmerken, als sie sich neben Paul setzte und sich mit ihm über sein Kunstwerk aus Knete unterhielt, doch Rubia erkannte an ihren geröteten Augen, dass sie geweint haben musste.
   Rubias Gedanken indes drehten sich im Kreis. Die vielen Fragen über Jennifer und das Ignorieren des Motivs von Isabell mochten nicht recht in das Bild passen, das sie von der Situation gewonnen hatte. Ein passendes Bild hingegen war alles, was Stella wollte, als sie ihre Stifte, Papier und sich selbst auf das Sofa flankte.
   Es vergingen einige Minuten, ehe Minerva die Frage in den Raum warf, woher sich Rubia und der Kommissar kannten. Auch Stella horchte auf, denn sie zeichnete etwas weniger konzentriert.
   »Wollt ihr das wirklich hören?«, fragte Rubia unsicher.
   Die beiden nickten nur.
   Und so erzählte Rubia zum ersten Mal ihre Geschichte jemandem in ihrem Alter. Es war merkwürdig, denn sie stellten keine Fragen. Rubia erzählte frei, was dazu geführt hatte, dass sie den Polizisten kennenlernte und was sie am Ende in diese Klinik verschlug. Sie erzählte von dem Mann, der sie in den Keller gesperrt hatte, sie erzählte vom Essen und den alten Leuten, die am Ende tot waren. Und sie erzählte von der Taschenlampe, die die Finsternis durchschnitt. Von Kornelius’ Taschenlampe.
   Es war ein regnerischer Dienstag, als Minerva, Stella und Rubia im Kunstraum saßen und frei arbeiten durften. Rubia, die keine Lust hatte, groß nachzudenken, strebte eine bessere Plastik als letztes Mal an. Dieses Mal sollte es kein Asteroid werden, doch was es genau werden sollte, wusste sie auch nicht. Minervas Darstellung eines Vollmonds über rauer See mit Klippe hingegen nahm rasend schnell Gestalt an, doch was Stella zeichnete, war nicht ersichtlich, denn ihre Leinwand stand mit dem Rücken zu Rubia. Sie war sich ziemlich sicher, dass es wieder sehr blutig werden würde. Da sie die Leinwand horizontal gestellt hatte, dachte Rubia an einen roten Fluss in einem Bett aus Leichen, in denen Arme und Beine trieben.
   Gedankenverloren rollte Rubia den Ton in ihren Händen zu einer Wurst. »Mir ist noch immer nichts eingefallen«, flüsterte sie Minerva zu.
   »Was meinst du?«, flüsterte die Angesprochene zurück.
   »Na, wie wir in das Büro reinkommen.«
   »Ach so. Mir auch nicht«, erwiderte Minerva und fügte ihrem Aquarell mit geschickt geführtem Pinsel weitere Details hinzu.
   Rubia versuchte, nicht auf die Fingerfertigkeit ihrer Freundin zu achten.
   Die Stunde verstrich, und Rubias Kunstwerk, das noch immer einer Wurst ähnelte, erntete mehr und mehr mitleidige Blicke. Ganz im Gegenteil Minerva, deren Bild auf so breite Zustimmung stieß, dass Schwester Jennifer ihr erlaubte, es sich über das Bett zu hängen. Wie sollte es anders sein, war es jedoch erneut Stellas Werk, das von allen am meisten Begeisterung erfuhr. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Rubia bemerkte, dass bald alle Kursteilnehmer hinter jenem Bild versammelt standen und abwechselnd auf die Leinwand und die beiden Mädchen schauten.
   »Hey, Mine«, Rubia stupste Minerva an, die nur ein Brummen von sich gab. »Die gucken alle.«
   »Wer guckt wohin?«, fragte Minerva abwesend.
   »Na ja, alle. Auf uns.« Bei diesen Worten sah Minerva auf und wurde ebenfalls Zeuge dieses sonderbaren Schauspiels.
   Sie schickten sich gerade an, aufzustehen, da gebot ihnen Schwester Jennifer Einhalt mit der Bemerkung, sie müssten nur noch ganz kurz sitzen bleiben. Sie kamen der Bitte unbehaglich nach.
   »Stella zeichnet doch nicht uns im Höllenfeuer, oder?«, fragte Rubia sorgenvoll.
   »Nein, dann würden sie nicht alle lächeln, sondern angewidert gucken.«
   »Stimmt.«
   »So, ihr könnt es euch jetzt anschauen«, sagte Jennifer und winkte sie heran.
   »Das ist wunderschön«, entfuhr es Rubia nur Momente, nachdem sie das Bild erblickte. Zu sehen war das Zimmer, genau, wie es war. Die Anzahl der Tische war korrekt, auch die Schränke waren die gleichen. Durch eine Fensterreihe, die der Wirklichkeit entsprach, fiel weiches Licht, und der Betrachter konnte den frischen Wind beinahe spüren, der durch das offene Fenster hereinwehte. Doch in dem Raum befanden sich lediglich zwei Personen, eine mit rotem Haar, die andere mit schwarzem. Eindeutig mussten das Rubia und Minerva sein. Selbst Minervas Mondscheinbild war perfekt zu erkennen. Leider auch Rubias Wurst.
   »Wenn du nichts dagegen hast, Stella, würde ich das Bild gern ins Foyer hängen lassen,« sagte Schwester Jennifer, und Stella lächelte.
   »Oh, das wäre schön.«
   »Natürlich sind alle Bilder und Werke gleichermaßen schön«, fügte Jennifer noch hinzu, und die Stunde endete genauso schnell, wie sie begonnen hatte.

Kornelius Korner betrat einige Tage später regennass das Gebäude. Rubia wartete schon im Vorraum, wo außer der Dame am Empfang lediglich drei runde, metallene Tische mit unbequemen Stühlen und eine Maschine für Süßigkeiten standen. Wer mochte, konnte sich daneben einen Becher Kaffee für einen Euro ziehen. Kornelius kam mit zwei Bechern an den Tisch und setzte sich zu Rubia, nachdem er die Becher abgestellt hatte.
   Rubia starrte in die braunschwarze, dampfende Flüssigkeit, die sie noch nie getrunken hatte. Sie wollte nur höflich sein, als sie sein Angebot angenommen hatte.
   Bitte schmeck nicht scheußlich.
   Sie nahm einen vorsichtigen Schluck. Erst die Wärme, dann die Bitterkeit, dann die Röstaromen. Sie nahm noch einen Schluck. Daran konnte sie sich auf jeden Fall gewöhnen.
   »Den ersten Kaffee habe ich getrunken, da haben wir nach dir gesucht«, sagte er.
   »Trinken Sie nicht schon ewig Kaffee?«, fragte Rubia ungläubig.
   Kornelius lachte. »Wie kommst du denn darauf?«
   »Na, wenn man Erwachsene sieht, trinken alle immer Kaffee. Und sie trinken ihn so voller Genuss, dass es auf mich immer den Eindruck machte, sie müssen den schon ewig trinken.«
   »Siehst du, das passiert uns Polizisten auch manchmal«, entgegnete er lächelnd. »Man schießt sich zu sehr auf eine Theorie ein und vergisst, dass es da noch andere geben muss.«
   »Stimmt«, pflichtete sie ihm bei.
   Eine Pause entstand.
   »Ist es schlimm für dich, wenn dich deine Eltern so selten besuchen?«
   »Nein, ich habe mich daran gewöhnt«, antwortete Rubia und nippte erneut an ihrem Kaffee. »Am Anfang haben sie mich jeden Monat besucht. Bald wurde meine Mutter schwanger. Dann haben sie mich seltener besucht. Zuletzt vor einem halben Jahr. Ich habe meinen kleinen Bruder erst einmal gesehen. Er heißt Michael.« Sie stockte und sah den kleinen Blasen auf dem Kaffee beim Wandern zu.
   »Findest du es schlimm, einen kleinen Bruder zu haben?«
   »Nein, gar nicht. Ich freue mich für sie.« Gequält brachte sie die letzten Worte heraus. »Es ist nicht so, als würde ich es ihnen nicht gönnen. Schauen Sie mich an. Wer würde mich schon als Tochter haben wollen?« Sie hielt die Tränen zurück, die ihr schon die Sicht vernebelten, doch keine sollte am heutigen Tage fließen.
   »Tut mir leid, dass ich das Thema noch einmal angesprochen habe.«
   »Schon gut, Sie können nichts dafür. Wissen Sie, was mich am meisten an der Situation stört?«, fragte Rubia, doch sie wartete keine Antwort ab. »Meine Eltern sind nicht umgezogen. Es gibt nur ein Kinderzimmer, und das war meins. War. Jetzt lebt er darin. Was, wenn ich zurückkomme? Schlafe ich dann auf der Couch? Sind alle meine Sachen weg? Oder im Keller?« Sie nahm einen kräftigen Schluck. Zu kräftig, denn der Kaffee verbrannte ihre Zunge.
   »Der Regen hat aufgehört. Lassen Sie uns eine Runde über das Gelände drehen.«
   Sie durchquerten das große Eichenportal und betraten die Parkanlage, der man den letzten Regenschauer noch deutlich ansah. Auf den Schotterwegen hatten sich Pfützen gebildet, in denen die Spatzen tobten, und die Bäume gaben ihr Regenwasser nur mithilfe des Windes her. Ein Schrei tönte über das Gelände, während Kornelius und Rubia die steinernen Stufen hinabstiegen.
   »Es passiert jetzt!«
   Kornelius sah sich um.
   »Normal«, winkte Rubia ab, und auch die Kinder, die wieder den Spielplatz heimsuchten, störten sich daran nicht.
   »Wer war das?«, fragte Kornelius.
   Rubia deutete in Richtung des weißen Pavillons. »Das ist Gregor. Er sitzt immer da hinten. Wir wissen nicht, was mit ihm ist, aber man kann mit ihm reden.«
   »Woher weißt du das?«
   Mist!
   »Ich habe mit ihm gesprochen, weil ich wissen wollte, ob er etwas gesehen hat. Wegen Agnes.«
   »Ach, du stellst eigene Ermittlungen an?« Kornelius lachte. »Und, was hast du herausgefunden?«
   »Nichts. Er verwechselte Agnes’ Blut mit Feuer. Er sagte nur, dass das Feuer aus ihr herausgeflossen ist. Mehr nicht.« Das war nicht die ganze Wahrheit, und Rubia wusste das sehr wohl, doch wollte sie ihm nicht erklären müssen, dass ihr Auftritt im anderen Gebäude blanke Absicht war.
   Sie spazierten weiter die schmalen Wege entlang, der Himmel war noch immer grau verhangen, doch gelegentlich blitzte ein kleiner blauer Streifen hindurch.
   »Sie wissen so viel über mich, aber ich so wenig über Sie«, begann Rubia und es verlangte ihr viel Mut ab, jemand Fremdes nach seinem Leben zu fragen.
   »Was möchtest du denn wissen?«
   »Na ja, wie leben Sie? Haben Sie Kinder? Wie heißt ihr bulliger Partner?« Die Fragen sprudelten wie Wasser aus einer unerschöpflichen Quelle.
   »Nun, ich lebe mit meiner Frau allein in einem Haus am Stadtrand. Wir haben keine Kinder, doch arbeiten wir daran, und mein Partner heißt Patrick Zwiebelholm.« Als er Rubia schnauben hörte, fügte er hinzu, dass sie ihn bitte niemals damit aufziehen sollte.
   Das würde Rubia nie im Leben in den Sinn kommen, denn hatte sie kein großes Verlangen, von einem Riesen zerquetscht zu werden. Stella hätte wahrscheinlich ihre Freude an dem Anblick.
   Als sie die Runde beendet hatten, kehrten sie in die Eingangshalle zurück, wo sich Rubia für den Besuch und den Kaffee bedankte. Sie wusste nicht recht, was sie davon halten sollte, doch war ihr irgendein Besuch lieber als gar keiner. Sie fragte sich jedoch, warum er das alles tat.
   Als sie sich anschickte, auf ihre Station zurückzukehren, erkannte sie es. Es war glasklar. Da war die Lösung, der Jackpot, die Antwort. Sie eilte die Stufen hinauf in den ersten Stock und stieß die erste Schleusentür auf, huschte hindurch und schob sie kräftig wieder zu. Im Anschluss öffnete sie die zweite Tür. Dies blieb nicht von jedem unbemerkt. Am Tisch saß Isabell, die kurz von ihrer Unterhaltung mit Paul abgelenkt wurde, sich sodann aber noch mehr Mühe gab, ihn um die Finger zu wickeln. Sie spielte mit ihren Haaren, der Augenaufschlag war einfach perfekt, ein Blick, der verheißungsvoller nicht hätte sein können. Doch nicht bei Paul. Der hatte Clusterkopfschmerzen und vermutlich große Mühe, sich davon abzuhalten, einen Stift ins Auge zu rammen. Rubia ermahnte sich, nicht zu offensichtlich hinzusehen, als sie sich neben Stella und Minerva fallen ließ.
   »Leute, ich habe die Antwort«, verkündete sie.
   »Hatte schon jemand anderes. Es ist 42«, entgegnete Minerva.
   »Also ich –was?« Rubia geriet ins Straucheln. »Ich seile mich ab.«
   »Wie? Was? Und Wo? Hä?«, fragte Stella und ließ die Stifte sinken, die sie in den Händen hielt.
   »Als ich Stellas Bild vom Foyer sah, kam mir die Idee. Der Kunstraum liegt genau über Doktor Friedmanns Büro. Den Schlüssel haben wir ja noch, also nehmen wir einfach unsere Bettlaken und knoten sie zusammen. Dann seile ich mich um die Mittagszeit ab, wenn er nicht im Büro ist.«
   Nachdem sich Stella und Minerva den Plan angehört hatten, starrten sie sich fragend an. Rubia war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob ihre Idee wirklich so großartig war. Es klang gefährlicher als zunächst gedacht.
   »Das Fenster ist aber nur bei gutem Wetter offen. Wir müssen das vorbereiten. Vielleicht können wir dazu einen der Abstellräume nutzen, wo eh keiner hinschaut«, warf Minerva ein.
   »Dann nicht unsere Laken, sondern welche aus der Wäscherei«, sagte Stella, und ihr Vorschlag traf auf breite Zustimmung.
   »Die müsst ihr dann aber holen, ich kann da keinen Fuß mehr reinsetzen.« Rubia war dieses Eingeständnis peinlich, doch sie traf bei ihren Freundinnen auf Verständnis.

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