DIE NATIONALE SICHERHEIT STEHT ÜBER ALLEM UND IN IHREM NAMEN IST ALLES ERLAUBT ... FREEDOM, das größte Geheimprojekt in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, ist abgeschlossen. Die Wissenschaftler, die daran gearbeitet haben, verlassen in einem Flugzeug die Militärbasis, auf der FREEDOM entwickelt wurde, doch die Maschine stürzt mitten in der Wüste ab. Nur Doktor Carol White, eine Informatikerin, und George Smith, die rechte Hand des Präsidenten, überleben und werden von Matt aus dem Wrack geborgen, der das Unglück zufällig beobachtet. Doch der machtbesessene Präsident ordnet an, dass alle Passagiere und Mitwisser zu sterben haben. Joe, der Kopf einer skrupellosen Söldnerbande, versucht sie zu finden. Eine gnadenlose Jagd auf Leben und Tod beginnt, aber auch der Präsident hat allen Grund, sich zu fürchten ...

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ISBN: 978-9925-33-106-2

Seiten: 333

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Mark Maria Kraft

Mark Maria Kraft
Mark Maria Kraft  wurde 1960 in Bayern geboren. Studium der Betriebs-Informationswissenschaft. Er bezeichnet sich als Kosmopolit und ist u. a. als freier Journalist und Schriftsteller tätig. Der Autor verbringt seit einigen Jahren einen Großteil seiner Zeit in Prag, wo er auch die meisten seiner Bücher schreibt. In seinen Erzählungen taucht er tief in das Seelenleben der Protagonisten ein und zeigt deren innere Abgründe auf. Mit seinem Thrillerdebüt „Infernum“ hat er mehr als nur einen Achtungserfolg erzielt, der bereits in zwei Sprachen vorliegt. Der Autor versteht es gekonnt, Realität und Fiktion zu fesselnden, nervenaufreibenden Geschichten zu verweben, die den Leser in ihren Bann ziehen. Willkommen in der Welt des Mark Maria Kraft.

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Prolog

Mit diesem Tag würde die Überlegenheit seiner Nation gegenüber allen anderen Staaten auf immer und ewig zementiert.
   Applaus brandete auf, nachdem Adam seine Rede beendet hatte. Die längste geheime Operation in der Geschichte des Landes war erfolgreich abgeschlossen. Die Zuhörer erhoben sich und stimmten die Nationalhymne an.
   Als Adam das Rednerpult verließ und zu der Rechneranlage hinüberging, deren Zentraleinheit den ganzen angrenzenden Raum ausfüllte, standen sie ihm Spalier. »Mr. President …«, murmelten einige und nickten ihm anerkennend zu.
   Feierlich blieb er vor einer Armatur in der Wand stehen und identifizierte sich durch mehrere Sicherheitscodes und Körperscans. Eine Platte, die aus einem nahezu unzerstörbaren Material gefertigt war, glitt lautlos zur Seite und gab den Hauptschalter frei. Auch wenn es technisch veraltet erschien, hatte Adam darauf bestanden, die Tradition zu wahren, und betrachtete ehrfürchtig den roten Knopf, der zum Vorschein gekommen war. Nun wurde auch er von patriotischen Gefühlen überwältigt und konnte seine Tränen nicht mehr unterdrücken, die von einer der Kameras in einer perfekten Nahaufnahme eingefangen wurden.
   Adam legte seinen Daumen auf den Knopf und räusperte sich. Dann blickte er in die Kamera und wandte sich ergriffen an das Volk. »Liebe Mitbürger, nicht ohne Stolz darf ich Ihnen verkünden, dass mit dem heutigen Tag eine neue Ära für unsere Nation angebrochen ist. Ich habe die große Ehre, FREEDOM, das leistungsfähigste Computersystem aller Zeiten, vor ihren Augen in Betrieb zu nehmen, das zu einem einzigen Zweck geschaffen wurde, der Wahrung der Freiheit.« Er machte eine Kunstpause, während der er sich mit einem Seidentuch die Tränen aus den Augenwinkeln tupfte, und schaltete lächelnd FREEDOM ein.
   Die Platte glitt in ihre Ausgangsposition zurück. Die Beleuchtung flackerte kurz, als das Superhirn den Betrieb aufnahm. Ein leises Summen erfüllte den unterirdischen Raum. Die Blinklichter der Kameras waren erloschen.
   »Meine Damen und Herren, ich möchte mich nochmals für die aufopferungsvolle Arbeit bedanken, die Sie und Ihre Mitarbeiter in den vergangenen Jahren geleistet haben. Erheben Sie nun mit mir das Glas, und lassen Sie uns gemeinsam in eine glorreiche Zukunft blicken.«
   Neuerlich brandete Jubel auf, und die Anwesenden prosteten ihm ehrfurchtsvoll zu.

Kapitel 1

Sein Smartphone vibrierte. Matt spürte ein leichtes Kribbeln im Kopf, doch im nächsten Moment war es vorbei. Adam Flynns Ansprache wurde angekündigt und würde in wenigen Minuten beginnen.
   Er schlenderte über die Straße zu der einzigen Bar der verschlafenen Ortschaft am Rande der Wüste, in der er vor Kurzem gestrandet war. Das Telefon vibrierte erneut und forderte ihn auf, noch weitere zehn Minuten zu joggen, weil er sein heutiges Pensum noch nicht erfüllt hatte.
   »Verdammtes Ding!« Er hatte die App doch gar nicht aktiviert.
   In der Bar bestellte er ein Bier, während auf dem Bildschirm das Fernsehprogramm für die Rede des Präsidenten unterbrochen wurde.

*

»Und, wie war ich?«
   »Großartig, Mr. President«, antwortete George Smith, seine rechte Hand. »Das Videomaterial wird bereits bearbeitet und in wenigen Minuten ausgestrahlt.«
   »Ich bin gespannt, ob das System funktioniert.«
   »Das wird es, Mr. President. Schließlich haben unsere besten Wissenschaftler daran gearbeitet, und die Testläufe waren alle erfolgreich.«
   »Steht das Flugzeug bereit?«
   »Ja, Mr. President. Die Herrschaften werden die Basis verlassen, sobald feststeht, dass keine weiteren Korrekturen an der Software erforderlich sind.«
   »Gut, dann werde ich mir noch meinen Auftritt ansehen.« Er hatte noch Zeit. Das Flugzeug würde etwa eine Stunde in der Luft sein, bevor es abstürzte. Falls es Überlebende gab, hatte er eine entsprechende Anweisung für Joe formuliert. Adam klopfte dem schlaksigen Farbigen auf die Schulter. »Sehr gute Arbeit. Was würde ich nur ohne Sie tun? Wenn das hier vorbei ist, haben Sie sich einen Bonus verdient.«

*

Matt verfolgte die Rede des Präsidenten, die über die Glotze flimmerte. Eigentlich war ihm das Geschwätz der Politiker egal, weil er diesem Gesindel eh nichts glaubte. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war seine Heimat schon lange nicht mehr. Es hatte sich zum Eldorado der Konzerne und krummer Machenschaften entwickelt, und die immer gleichen heuchlerischen Phrasen, die auf die Tränendrüsen drückten, hingen ihm zum Hals heraus.
   Seine Frau Sally war einem akuten Nierenversagen erlegen, nachdem sie unwissentlich über längere Zeit verunreinigtes Leitungswasser getrunken hatte, das eine der Folgen des Frackings war. Die verseuchte Zone lag angeblich einige Meilen von ihrer Farm entfernt, und darum hatte sie niemand gewarnt. Offiziell stellte Fracking kein Problem dar, und wer gegen die fragwürdigen Methoden der Konzerne aufbegehrte, wurde mundtot gemacht. Die nationalen Interessen waren denen in Washington weit wichtiger als die Schicksale einzelner Bürger, und mit der monotonen Leier von Terrorismusbekämpfung und Verminderung der Rohstoffabhängigkeit hatte man das Volk mittlerweile so eingelullt, dass keiner mehr hinhörte, wenn die Politiker etwas sagten.
   Auf dem Bildschirm faselte der Präsident von der Unantastbarkeit der individuellen Freiheit. Eigentlich wollte Matt bezahlen und die Bar verlassen, aber da war wieder dieses Kribbeln zu spüren, das jedoch sofort aufhörte, als er sich wieder der Rede des Präsidenten zuwandte.

Kapitel 2

»Fünfundachtzig Prozent. Einen so hohen Wert haben wir noch nie erreicht«, stellte Smith zufrieden fest. »Die restlichen Prozentpunkte lassen sich darauf zurückführen, dass noch nicht alle Bürger die geeigneten Geräte besitzen, sich im Ausland aufhalten, oder die Netzverbindung unterbrochen war. Die genaue Auswertung erhalten Sie in der nächsten Stunde.«
   »Danke, Smith. Sagen Sie dem Piloten Bescheid. Ich werde gleich aufs Rollfeld kommen, um mich von den Wissenschaftlern zu verabschieden.«

*

Matt hatte in seinem klapprigen Pick-up das Kaff hinter sich gelassen und fuhr in die Wüste hinaus, um die Fallen zu kontrollieren, die er ausgelegt hatte. Sein Unterarm schmerzte schon wieder. Die verdammte Operationsnarbe war immer noch nicht verheilt. Wenn er nur wüsste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Sallys Tod hatte ihn aus der Bahn geworfen, und da er sich in seiner blinden Wut mit dem Konzern angelegt hatte, dem er die Schuld an ihrer Erkrankung gab, hatte er über Nacht seinen Job verloren. Es wollte ihn keiner mehr anstellen, um Repressalien zu vermeiden. Schlussendlich war er gezwungen, die Farm zu verkaufen, doch er hatte so gut wie nichts mehr dafür bekommen. Urplötzlich wurden ihm geologische Gutachten vorgelegt, die sein Grundstück als verseucht auswiesen. Zähneknirschend hatte er die dreißigtausend Dollar akzeptiert und sich verbittert aus dem Staub gemacht.

*

Das Flugzeug war startbereit. Adam schüttelte am unteren Ende der Gangway jedem einzelnen der Wissenschaftler, die FREEDOM mit ihrem Können zum Leben erweckt hatten, die Hand.
   »Werden wir uns wiedersehen, Carol?«, flüsterte er Doktor White, einer gut aussehenden Wissenschaftlerin, zu.
   »Wenn Ihnen der Sinn nach mir steht, jederzeit, Mr. President. Meine Handynummer haben Sie ja.« Sie errötete und formte zum Abschied einen Kussmund, bevor sie über die Stufen der Gangway eilte.
   Wehmütig sah er ihr nach, während George Smith eifrig kleine Aufmerksamkeiten verteilte, um den Passagieren den Flug in den Tod zu versüßen.
   »Wann werden die neuen Wissenschaftler eintreffen?«, erkundigte sich Adam, als alle eingestiegen waren.
   »Übermorgen«, antwortete Smith geschäftig.
   »Auf Sie kann ich mich wirklich verlassen, Smith. Ach, ich habe etwas vergessen.« Er zog eine längliche Schmuckschachtel aus der Innentasche seines Sakkos, die ein teures Armband beinhaltete. »Bringen Sie das Präsent bitte noch schnell der Dame in der letzten Reihe. Sie wissen schon, wen ich meine.«
   Kaum war Smith im Flugzeug verschwunden, gab er dem Sicherheitsbeamten eine Anweisung, und dieser verriegelte die Tür. Die Maschine setzte sich umgehend in Bewegung.
   Smith presste sein Gesicht an eines der Bullaugen, und Adam las die unausgesprochene Frage »Hoppla, was nun?«, als das Flugzeug zur Startbahn rollte.
   Adam zuckte mit den Schultern und gab Smith ein beruhigendes Handzeichen, das signalisieren sollte: Kein Problem, Sie fliegen umgehend zurück. Smith wusste, dass für etliche der Wissenschaftler Weiterflüge in Los Angeles gebucht waren und ein Abbruch des Startvorgangs ein zeitliches Problem aufwerfen würde. Nur dass er sich darum nie wieder Sorgen machen müsste, wusste er nicht.
   Adam beobachtete die Maschine, bis sie vom Boden abgehoben hatte. Auf George Smith hatte er sich vermeintlich zwar vom ersten Tag an blindlings verlassen können, doch er war ein Farbiger, und darum hatte er ihm nie wirklich getraut. Dennoch würde es sein Nachfolger nicht leicht haben, in dessen Fußstapfen zu treten.
   Und mit Carol war es nun auch für immer vorbei. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals zwei ähnlich herbe Verluste an einem Tag erlitten zu haben.
   Adam stieß einen Seufzer aus und begab sich in einen der unterirdischen Kontrollräume. Auf dem Bildschirm eines Rechners verfolgte er die Flugroute der Maschine. Zunächst hatte er damit geliebäugelt, den Absturz durch einen Sprengsatz verursachen zu lassen, aber er war schnell wieder davon abgekommen. Er fand das zu theatralisch, und außerdem hätte er jemanden aus dem Hut zaubern müssen, der die Verantwortung für den Anschlag übernahm, doch Mitwisser konnte er nicht gebrauchen. Eine defekte Tankuhr, und dementsprechend wenig Kerosin an Bord, war unspektakulär und würde keine großartigen Fragen aufkommen lassen, zumal Smith als Verantwortlicher für den Flug eingetragen war und sich mit an Bord befand. Niemand würde unter diesen Umständen von einem Sabotageakt ausgehen, sondern von einem tragischen technischen Versagen.

*

Die Nacht senkte sich allmählich über das Land.
   Matt hatte den Pick-up an seinem Lieblingsplatz auf einem Hügel abgestellt, von dem aus er einen grandiosen Ausblick über die endlose Weite der Wüste hatte. Der Anblick der untergehenden Sonne bot ein erhabenes Naturschauspiel dar, wenn die mächtigen Sandsteinformationen, die sich vereinzelt in den Himmel erhoben, in den unterschiedlichsten Farben zu leuchten begannen, während der Glutball hinter dem Horizont versank. Das war einer jener wenigen Momente, in dem ihn das Gefühl von grenzenloser Freiheit übermannte, von dem die ganze Nation in nostalgischer Selbstverliebtheit immer noch zehrte, auch wenn die Realität eine andere war.
   Matt inhalierte den Rauch der Zigarette tief in seine Lungen und fühlte sich wie der Marlboro-Mann. Was würde er dafür geben, diese wenigen Minuten für ewig festhalten zu können.
   Ein Dröhnen, das sich rasend schnell zu einem ohrenbetäubenden Inferno steigerte, um abrupt zu verstummen, riss ihn aus seinen Gedanken. Er wollte aussteigen und nachsehen, was die Ursache war, da erschütterte ein Beben seinen Pick-up und ließ ihn heftig schaukeln.
   Der Rumpf eines Flugzeugs füllte den Sichtbereich der Frontscheibe aus. Das Fahrwerk fuhr aus, und eines der mannshohen Räder krachte gegen das Dach.
   Matt hatte die Arme schützend über den Kopf gelegt und zitterte wie Espenlaub.
   Die Maschine trudelte, dem Verlauf des Abhangs folgend, in die Ebene hinunter. Er beobachtete die blinkenden Positionslichter, die sich schnell von ihm entfernten. Dann sackten sie ab, und ein Feuerball erhellte die hereingebrochene Dunkelheit.
   »Fuck!« Ohne den Blick abzuwenden, ließ Matt den Motor an und bahnte sich einen Weg durch das karge Gestrüpp zu der Unglücksstelle.

*

Adam sah den Punkt auf dem Bildschirm verlöschen. Das war die Kehrseite seines Amtes, bei dem er zuweilen eine große Last zu tragen und auch Schuld auf sich zu nehmen hatte, doch das Wohlergehen der Nation stand über allem - und auch das seine. Wenn er ehrlich war, bereute er bereits, Smith mit in den Tod geschickt zu haben, aber die Wissenschaftler hatten alle zu sterben, um zu verhindern, dass sie ihr Wissen über FREEDOM preisgeben konnten. Wenigstens hatte sich durch den Flugzeugabsturz das Problem mit Carol in Luft aufgelöst, mit der er seit Langem eine Liaison hatte, wenn er auf der Militärbasis weilte. Und er war oft anwesend, weil die erfolgreiche Inbetriebnahme von FREEDOM noch während seiner Amtszeit stets oberste Priorität hatte.
   Als erster Mann im Staat konnte er sich keinen persönlichen Skandal erlauben. Negativschlagzeilen konnten seine Glaubwürdigkeit weitaus mehr erschüttern als alle politischen Fehlentscheidungen zusammen. Er hatte sich einen guten Grund ausdenken müssen, warum Smith mit an Bord der Maschine gewesen war. Still lächelte er in sich hinein. Diese puritanische Verlogenheit, die auf geradezu bigotte Weise zelebriert wurde, würde wohl für immer in diesem Land bestehen bleiben. Und sie würde seine Begründung stützen wie kein anderes Argument der Welt.
   Er beendete das Programm, auf dem er das Flugzeug verfolgt hatte. Nun galt es, abzuwarten, was man ihm über den Absturz berichtete. Bis dahin würde er die Zeit nutzen und die Dossiers der möglichen Nachfolger von George Smith durcharbeiten.

*

Matt hatte die Absturzstelle erreicht. Ein schmaler Felsen, der wie eine Nadel aus dem staubigen Untergrund herausragte, hatte eine Tragfläche des Flugzeugs abgerissen, das beim Aufprall in mehrere Teile zerbrochen war. Flammen loderten überall, menschliche Körper lagen zwischen den Wrackteilen herum.
   Mit zittrigen Knien stieg er aus und sah sich im Licht der Suchscheinwerfer um, die vom Dach des Pick-ups die Unglücksstelle erhellten. Die Piloten und Passagiere im vorderen und mittleren Teil waren ums Leben gekommen. Wo befand sich das Heck?
   Matt tastete nach seinem Mobilphone, um den Sheriff zu benachrichtigen, als er ein Stöhnen vernahm.
   Er drehte sich im Kreis, lauschte.
   Einige Meter entfernt schimmerte das Heckteil. Matt eilte zu seinem Wagen und richtete die Suchscheinwerfer neu aus.
   Das aufgerissene Wrackteil schälte sich aus der Dunkelheit. Zwischen wirrem Kabelgeflecht und verbogenem Metall näherte er sich der hintersten Sitzreihe.
   Wieder hörte er das Stöhnen. Ein Farbiger breitete schützend die Arme über dem Körper einer Frau aus. Matt löste die Gurte. Der Mann bewegte die Hand und schlug die Augen auf. Entschlossen packte Matt zu und führte ihn aus dem Wrack, dann kehrte er zu der Frau zurück, die gerade aus ihrer Ohnmacht erwachte.
   »Sind Sie von der Spezialeinheit?«, fragte sie mit angstgeweiteten Augen und sackte wieder in sich zusammen.
   Matt trug sie zu dem Mann und holte zwei Wasserflaschen aus der Kühlbox seines Wagens, die er ihnen reichte.
   »Halten Sie durch, ich rufe den Sheriff«, bemühte er sich, den beiden Mut zuzusprechen.
   Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein, bitte, wir müssen hier weg. Die Spezialeinheit wird bald hier sein«, presste er schwer atmend heraus.
   Matt wich einen Schritt zurück. »Was für eine Spezialeinheit? Ihre Begleiterin hat auch so etwas dahergefaselt. Sind Sie Attentäter?«
   »Nein, mein Name ist George Smith. Ich bin der persönliche Sekretär des Präsidenten.«
   Matt zweifelte, doch dann meinte er sich zu erinnern, das Gesicht des Mannes während der nachmittäglichen Rede von Adam Flynn kurz im Hintergrund gesehen zu haben.
   »Bringen Sie uns weg. Ich erkläre Ihnen alles später. Bitte, wir müssen uns beeilen!«
   Matt war ratlos. Egal, welche Entscheidung er treffen würde, sie brachte ihm nur Ärger ein. Es war eigentlich seine Pflicht, umgehend den Sheriff zu informieren und bis zu dessen Eintreffen an der Unglücksstelle zu bleiben, andererseits wollte er sich nicht mit einem hochrangigen Regierungsbeamten anlegen, der sicherlich gute Gründe für sein Anliegen hatte.
   Die Frau stand vermutlich unter Schock. »Warum hat er das getan?«, murmelte sie unentwegt vor sich hin.

Kapitel 3

Endlich kam der ersehnte Anruf auf der abhörsicheren Leitung herein. Adam wurde der Absturz der Maschine mitgeteilt.
   »Gibt es Überlebende?«, fragte er mit bedrückter Stimme.
   »Das wissen wir nicht, Mr. President. Unsere Leute sind noch auf dem Weg zu der Unglücksstelle. Die Opfer werden umgehend zur Obduktion nach Washington überführt.«
   »Ich werde morgen auch dort sein. Wurde der örtliche Sheriff informiert?«
   »Nein, Sir. Wir haben bisher alles so gemacht, wie Smith es angeordnet hat, falls mit dem Flug etwas Außergewöhnliches geschehen sollte. Oder möchten Sie, dass wir die örtlichen Stellen benachrichtigen, Mr. President?«
   »Smith wusste schon, was er tut.«
   »Er geht nicht ans Telefon.«
   Adam räusperte sich, und es sollte tief betroffen klingen. »Er war mit an Bord.«
   »O Gott!«
   »Wir sehen uns morgen. Vielen Dank, dass Sie mich so schnell benachrichtigt haben.« Er beendete das Gespräch und ging hinüber zu der kleinen Hausbar.
   Adam leerte einen doppelten Whiskey in einem Zug und betrachtete sich in dem Spiegel über den Getränkeflaschen. Der Anblick behagte ihm nicht. Er sah in ein hageres, faltiges Gesicht, dem das Amt sichtlich zugesetzt hatte. Das volle schwarze Haar war schütteren grauen Strähnen gewichen, und die Tränensäcke ließen sich schon lange nicht mehr kaschieren. Doch seine Augen versprühten noch immer jene unerbittliche Willenskraft, die ihn zum mächtigsten Mann der Welt gemacht hatte, und er war gewillt, alles dafür zu geben, dieses Amt so lange wie möglich innezuhalten. Ob das rechtfertigte, was er zuweilen tat, hatte er schon vor langer Zeit zu hinterfragen aufgehört.
   Er entstammte einer angesehenen Familie und war von klein auf gedrillt, seine Ziele rücksichtslos zu verfolgen. Wer diese innere Härte, auch sich selbst gegenüber, nicht besaß, würde im Leben unweigerlich scheitern.
   Das Handy klingelte.
   »Hallo John, was kann ich für dich tun?«
   »Ich habe gerade von dem Absturz erfahren und wollte dir nur sagen, dass es mir um das Team verdammt leidtut. Den Verlust werden wir wohl lange nicht verschmerzen.«
   »Danke für die Anteilnahme. Ich wurde auch eben verständigt. Die Regierung wird den Angehörigen eine großzügige Unterstützung zukommen lassen und die Wissenschaftler mit allen militärischen Ehren bestatten.«
   »Vergiss die Universitäten nicht. Wenn sie weiterhin ihre besten Leute freigeben sollen, muss die Regierung schon etwas springen lassen.«
   »Danke für den Hinweis, ich werde sehen, was sich machen lässt. Gute Nacht, John.« Diese widerliche Hyäne. Adam zündete sich eine Zigarre an. Der Senat war voll von Leuten wie John, die selbst aus einer Katastrophe noch ihren Profit herausschlagen wollten. Doch so funktionierte nun einmal das System, das trotz, oder gerade wegen seiner Skrupellosigkeit die Nation an die Weltspitze gebracht hatte, auch wenn die damit verbundenen Auswüchse längst abstruse Züge angenommen hatten. Er würde dem Wunsch des Bildungsministers entsprechen, da dieser über exzellente, parteiübergreifende Kontakte verfügte. Im Gegenzug hatte er ihm seine uneingeschränkte Unterstützung zuzusichern, die Vorlage der angestrebten Verfassungsänderung in beiden Kammern des Parlaments durchzubringen. Seit seinem Amtsantritt kämpfte er darum, die Begrenzung der präsidialen Amtszeit auf zwei Perioden abzuschaffen. Wenn ihm dieser Coup nicht gelänge, bevor die nächsten Wahlen anstanden, wären die Mühen der vergangenen Jahre reine Zeitverschwendung gewesen, denn nur so konnte er seine Gegner auf Dauer schwächen. Doch eine derartig tief greifende Verfassungsreform musste demokratisch legitimiert sein und durfte nicht den bitteren Beigeschmack eines windigen Tricks an sich haften haben, wie es seinerzeit Vladimir Putin in Russland der Welt vorexerzierte. Bei der Umsetzung dieses Vorhabens setzte er große Stücke auf FREEDOM, da ihm das System die Zustimmung der Öffentlichkeit durch deren heimliche Manipulation sichern sollte. Würde FREEDOM diese Aufgabe erfolgreich bewältigen, war die Zeit gekommen, mit einem nie dagewesenen Handstreich ganze Völker dem Willen seiner Nation zu unterwerfen, ohne dass sie etwas davon erahnten. Die jungen Wissenschaftler, die übermorgen auf der geheimen Militärbasis eintrafen, hatten den Auftrag, die benötigten Technologien zu vervollkommnen. Die anderen Großmächte unternahmen seit Langem enorme Anstrengungen, um den technologischen Vorsprung gegenüber seiner Nation zu verringern, und in vielen Bereichen schrumpfte er bereits unaufhaltsam. Lediglich auf dem Gebiet der digitalen Kontrolle hatte sich sein Heimatland einen weit größeren Vorsprung geschaffen, als sich selbst die am besten informierten Verschwörungstheoretiker vorzustellen vermochten. Diesen galt es geschickt zu nutzen, um den Rest der Welt zu infiltrieren, da das unausgesprochene Streben nach Weltherrschaft alle Großmächte einte. Das war mit einer der Gründe, warum er im Schulterschluss mit den Militärs und den Geheimdiensten vermehrt regional begrenzte Konflikte aufflammen ließ, die das Augenmerk der Weltöffentlichkeit von FREEDOM ablenkten. Zweifelsohne waren seine Vorgänger auf diesem beschwerlichen Weg ein gutes Stück vorangekommen, und auch die immer rasanter ansteigende Rechenleistung der Computer, gepaart mit dem beinahe ebenso schnell fortschreitenden Grad der Miniaturisierung eröffneten ungeahnte Möglichkeiten. Selbst die kühnsten Wissenschaftler hatten noch vor wenigen Jahren das mittlerweile Machbare ins Reich der Science-Fiction verbannt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte aufzuschlagen, und seine Nation war mit ihm als ihr Führer zur heimlichen Übernahme der Weltherrschaft bereit - ein großartiges Gefühl.
   FREEDOM hatte seinen Ursprung in den späten Achtzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts, als es einem seiner Vorgänger durch eine beispiellose Erhöhung der Militärausgaben, vorrangig zur Entwicklung neuartiger Technologien, gelungen war, den ideologischen Widersacher, die ehemalige Sowjetunion, beinahe in den finanziellen Ruin zu rüsten. Die Folge waren die Auflösung des Warschauer Pakts und der Zerfall des ehemaligen Riesenreichs gewesen, von dem sich der verbliebene Teil nur langsam erholte. Der Fall des Eisernen Vorhangs und das dadurch entstandene machtpolitische Vakuum hatten seine Vorgänger mit tatkräftiger Unterstützung des Pentagons geschickt genutzt, um als angebliche Bewahrer von Demokratie und Freiheit die nächsten weitreichenden Schritte einzuleiten, die die Überlegenheit in der Kontrolle des einzelnen Individuums begründeten. Das Schicksal hatte ihn dazu berufen, FREEDOM in Betrieb gehen zu lassen und das hoch ambitionierte Ziel seiner Vorgänger zu vollenden und in den kommenden Jahren zu verfeinern. Dass dabei Errungenschaften wie Freiheit und Demokratie auf der Strecke blieben, sogar bewusst beseitigt wurden, störte ihn nicht. Dieser Prozess hatte sich längst verselbstständigt und war nicht mehr umkehrbar. Im Gegenteil, das Idealbild der Selbstverantwortung des Individuums war ein lästiges Artefakt der predigitalen Epoche, und auch die konkurrierenden Großmächte waren alles andere als freiheitlich. Lediglich wenige europäische Länder versuchten, zumindest noch den Anschein funktionierender rechtsstaatlicher Grundordnungen zu wahren, und vorerst ließ er sie gewähren. Das fragile Gebilde, das sich europäische Union nannte, hatte man nach Jahren zäher Verhandlungen durch umfassende Abkommen ökonomisch in der Hand, und nachdem einige Konzerne die europäischen Länder mit Milliardenklagen überzogen hatten, war diesen die Lust auf weitere Gegenwehr vergangen. Diejenigen, die ahnten, was hinter allem wirklich stecken mochte, waren gefügig gemacht oder ausgeschaltet worden. Die Länder, bei denen es bisher nicht gelungen war, die eigenen Interessen in dem gewünschten Umfang durchzusetzen, waren wenige Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts und einige asiatische Länder, doch mit der Vervollkommnung von FREEDOM würden auch sie unbemerkt dem Willen seiner Nation anheimfallen. Er wollte sich nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Konzerne wie Google, Facebook oder Apple ihre Geburtsstunden nicht in seinem Land gehabt hätten, weil sie mit ihren Visionen erst den Weg für FREEDOM aufgezeigt hatten, der nun in aller Konsequenz durch ihn beschritten wurde. Natürlich waren hohe staatliche Zuwendungen im Wechselspiel mit Repressionen notwendig, bis den staatlichen Institutionen die Zugriffe auf deren Systeme gewährt wurden, die man in einer ersten Phase benötigte, jedoch für den eigentlichen Zweck von FREEDOM bedeutungslos waren. Dennoch weigerten sich einige Stellen beharrlich, die von den Konzernen erzwungenen Möglichkeiten aufzugeben, obwohl in einer kritischen Phase des Projekts einer seiner Vorgänger deren Aufdeckung geschickt lanciert hatte, um von der Existenz des Projekts FREEDOM abzulenken.
   Über Jahre hinweg waren dadurch immer neue Enthüllungen an die Öffentlichkeit gedrungen, die nicht nur die Medien, sondern ganze Regierungen beschäftigten. Doch die eigentlichen Opfer waren die wenigen Whistleblower, die ahnungslos zum Werkzeug der Intrige gemacht worden waren, und seither ihr Dasein in ständiger Furcht vor den Geheimdiensten oder im Gefängnis fristeten. Es war schon eine verdammt üble Nummer, die auf deren Kosten abgezogen wurde. Adam stieß einen dicken Rauchkringel aus. Der unentwegte Abgriff personenbezogener Informationen aus den sozialen Medien in Verbindung mit der permanenten Überwachung der digitalen Kommunikation ermöglichte zwar die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen, doch schnell hatte die Regierung erkannt, dass die Ziele von FREEDOM damit nicht erreichbar waren. Es wurde ein geheimes Projekt aufgesetzt, die Entscheidungsfindung des einzelnen Individuums mittels hochfrequenter Wellen, die in einem ersten Schritt von Smartphones abgegeben wurden, direkt zu steuern. Die neue Generation von Wissenschaftlern, die in wenigen Tagen auf der geheimen Militärbasis ihre Arbeit aufnehmen würde, hatte die Sender in den nächsten Jahren dahingehend weiterzuentwickeln, sie in die Produkte des täglichen Bedarfs zu implementieren. Sei es in Nahrungsmitteln, mit denen sie unbemerkt aufgenommen würden, oder in die Einarbeitung der Materialien für Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände. Damit würde der Traum der globalen Herrschaft verwirklicht werden können. Adam hatte eine genaue Vorstellung davon, wie alles zu geschehen hatte, doch die Vervollkommnung von FREEDOM würde länger dauern als die verbleibende Amtszeit. Die Verfassungsänderung war ein unumgänglicher Bestandteil seines Plans.

Kapitel 4

Matts Haus verbarg sich zwischen dichten Bäumen außerhalb der kleinen Ortschaft und war von der Straße aus nicht wahrzunehmen.
   Er beobachtete Smith, der an seinem Smartphone herumhantierte, während im Hintergrund der Fernseher lief. »Würden Sie mir erklären, was Sie da machen?«
   »Ich überprüfe, ob man das Gerät noch orten kann. Ich würde gern noch etwas länger leben.«
   »Nun spucken Sie schon aus, was Sie ausgefressen haben.«
   »Die Wahrheit würden Sie mir sowieso nicht glauben«, sagte Smith.
   Die Frau nickte und gönnte sich einen tiefen Schluck aus einer Whiskeyflasche. Es war unverkennbar, dass sie wild entschlossen war, sich zu besaufen. »Auf unseren Präsidenten, den größten Heuchler der Nation. In der Hölle soll er schmoren, der verdammte Hurensohn!«
   Matt verstand überhaupt nichts. Es grenzte an ein Wunder, dass diese beiden Personen den Absturz nahezu unverletzt überlebt hatten. Nur ein paar Prellungen und Schürfwunden hatten sie davongetragen, nichts, was der Situation Rechnung tragen würde. Aber vielleicht gab es noch mehr Überlebende? Er konzentrierte sich für einen Moment auf die Fernsehbilder, doch das Laufband nahm ihm jegliche Illusion. Keine Überlebenden, Überreste vieler Leichen bis zur Unkenntlichkeit verkohlt, Identifikation wird Monate dauern.
   »Alle Achtung«, sagte Matt, »Sie scheinen eine ganze Menge zu vertragen.«
   »Ehrensache für eine waschechte Texanerin.« Sie rülpste herzhaft. »Ihr verfickten Kerle wollt uns Frauen doch immer nur abfüllen, um uns danach flachzulegen. Aber nicht mit mir! Ich habe schon so manchen von euch unter den Tisch gesoffen. Prost!«
   Smith verdrehte die Augen, und Carol genehmigte sich einen weiteren ausgiebigen Schluck.
   »Ich seh’s dir doch an, Matt«, lallte sie. »Du würdest mir am liebsten auch gleich an die Wäsche gehen, wie unser hochverehrter Präsident. Stimmt’s, Smith?«
   »Schon gut, Carol. Wo ist dein Telefon?«
   »In meiner Handtasche in der Aufbewahrung über dem Sitz. Warum hast du die Tasche nicht mitgenommen?«, keifte sie Matt an.
   Schock! Nur damit konnte Matt das ungewöhnliche Auftreten der Frau rechtfertigen.
   Smith warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. »Hör auf, solchen Unsinn zu reden, Carol!«
   »Ha, dass ich nicht lache! Spiel dich ja nicht so auf. Du gehörst doch auch zu dieser Bande. In Wahrheit seid ihr skrupellose Mörder mit einem verlogenen Lächeln im Gesicht.«
   »Genug jetzt! Was soll Matt von uns denken?«, fuhr Smith sie an.
   »Komm schon, bring mich um, George, vielleicht kannst du damit ja deine Haut retten.«
   »Jetzt reiß dich zusammen!« Smith holte warnend mit der Hand aus.
   »Ja, zuschlagen, das könnt ihr, ihr harten Kerle.« Carol hielt ihm demonstrativ die Wange hin. »Wenn bei unserem hochverehrten Mr. President im Bett nur auch alles so hart gewesen wäre …« Schon hatte sie wieder die Flasche am Mund.
   Carols Beschimpfungen ergaben zwar keinen Sinn, doch irgendwie beunruhigte Matt das Auftreten der beiden. Er wollte ihretwegen keinen Ärger haben. Es war wohl das Vernünftigste, sie morgen gleich nach dem Frühstück zur Haltestelle für den Greyhound zu bringen, der bis Los Angeles fuhr. Dennoch konnte er sich ein belustigtes Grinsen nicht verkneifen, als er Carol zusah, wie sie weiterhin wütend vor sich hin brabbelte.
   Sie war vermutlich einige Jahre jünger als er und trug unter einem sportlichen, cremefarbenen Blazer eine leichte weiße Bluse. Ihre schlanken Beine wurden von einer hautengen Jeans zur Geltung gebracht, und die Füße zierten halbhohe Stiefeletten. Diese Frau mit ihren aufgeweckten blauen Augen und den offen getragenen, langen blonden Haaren schien das Herz auf dem rechten Fleck zu haben. Jedenfalls sagte sie das, was sie dachte, geradeheraus, und das imponierte ihm.
   Bisher waren in seiner Vorstellung Akademikerinnen, die einen Doktoren- oder Professorentitel innehatten, eher verkappte Männer, die sich aus Frust über ihr Aussehen ganz der Karriere widmeten, anstatt Wert auf eine funktionierende Beziehung oder die Gründung einer Familie zu legen.
   Als er darüber nachdachte, wie viele solcher Frauen er tatsächlich kannte, fiel ihm keine ein. Wie leicht man Vorurteilen erliegen konnte.
   Matt warf einen Blick zu Smith hinüber, der vor sich hin sinnierte. Der hochgewachsene, schlaksige Farbige trug einen piekfeinen, dezent gestreiften hellgrauen Anzug, der jedoch nicht mehr zu gebrauchen war. Das Glas seiner goldenen Armbanduhr hatte einen langen Sprung abbekommen, an der Smith mit seinen gepflegten Fingern fahrig herumhantierte. Für Matt wäre er auch als Barpianist eines Nobelhotels durchgegangen, wenn ihn nicht sein feinsinniges Gehabe als weltgewandte Persönlichkeit ausgewiesen hätte.
   »Warum starren Sie mich so neugierig an?«
   »Ähm, nur so.« Matt fühlte sich ertappt und errötete. »Warum sollte ich sie beide von der Unglücksstelle fortbringen? Ich will wissen, woran ich bin.«
   »Hm.« Smith schien der Gedanke nicht zu behagen, Matt in seine Angelegenheiten einzuweihen.
   »Okay, dann werden Sie beide in ein paar Stunden mit dem Greyhound weiterfahren.«
   »Wenn Sie es unbedingt möchten, tue ich Ihnen den Gefallen. Vielleicht ist es besser so, es ist ja auch in Ihrem Interesse.«
   Waren die beiden doch nicht die unschuldigen Opfer, die die Katastrophe wie durch Gottes Fügung so gut wie unbeschadet überlebt hatten?
   »Ja, schenk ihm reinen Wein ein, Smith«, sagte Carol erstaunlich klar, »damit er weiß, mit was für einem feinen Herrn er es zu tun hat.«
   »Sie können das gern für mich übernehmen, Doktor White, wenn Sie so erpicht darauf sind.«
   »Ach, leck mich!« Carol zischte verächtlich. »Ich möchte nicht wissen, was für üble Schweinereien Sie für Mr. President in den letzten Jahren durchgezogen haben.«
   »Und Sie haben die Beine für ihn schon breitgemacht, bevor er mit dem Flieger gelandet war. Die ganze Basis hat Sie dafür ausgelacht … Frau Doktor.« Smith erhob sich, um sich aus Matts Kühlschrank eine Dose Cola zu holen.
   »Sie sind gemein!« Carol warf ihm eine Tasse hinterher, die auf dem Couchtisch herumgestanden war.
   »Das reicht!« Matt baute sich breitbeinig auf. Er verstand überhaupt nichts mehr. Bisher war er davon ausgegangen, dass die beiden ein Paar waren, weil sie einen so vertrauten Umgang miteinander pflegten.
   Smith gesellte sich zu Matt und zwinkerte ihm zu. »Sie gefällt Ihnen, nicht wahr?«
   »Geht so.« Matt fühlte sich durchschaut. Smith schien ein verdammt aufmerksamer Beobachter zu sein.
   »Soweit ich weiß, ist es außer dem Präsidenten keinem auf der Basis gelungen, sie zu sich ins Bett zu locken.« Smith verzog die Mundwinkel zu einem breiten Grinsen. »Carol war ihm treuer als die eigene Ehefrau.«
   Matt rieb sich das Kinn.
   »O nein, Mann, es ist nicht so, wie Sie denken. Ich bin doch nicht irre. Seine Gattin könnte meine Mutter sein«, bemühte sich Smith, die Äußerung klarzustellen.
   »Sagen Sie mir endlich, warum ich nicht den Sheriff informieren sollte. Ich möchte ihretwegen keinen Är…«
   »Den haben Sie bereits, außer die Spezialeinheit hat eine neue Anweisung erhalten, was ich mir jedoch nicht vorstellen kann.«
   »Ich kann schon auf mich aufpassen.« Er wurde aus den beiden Fremden nicht schlau. Entweder wollten sie sich wichtigmachen, oder sie standen immer noch extrem unter Schock.
   George Smith’ Dienstausweis konnte eine Fälschung sein, und für die Behauptung der Frau, eine Wissenschaftlerin zu sein, fehlte ebenfalls jeglicher Beweis. Es konnte sich genauso gut um ein ordinäres Gaunerpärchen handeln, das sich auf der Flucht befand, und mit der ominösen Spezialeinheit konnte genauso gut das FBI gemeint sein, das ihnen auf den Fersen war.
   Das Fernsehprogramm wurde für eine Eilmeldung unterbrochen. »Der Pressesprecher des Weißen Hauses hat bekannt gegeben, dass zum Bedauern des Präsidenten und des gesamten Stabs einige der bedeutendsten Wissenschaftler des Landes an Bord der Unglücksmaschine gewesen sind«, zitierte der Nachrichtensprecher. »Derzeit warten wir auf eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz.« Es werde fieberhaft nach dem Flugzeug gesucht, und in Kürze solle eine offizielle Stellungnahme durch den Oberkommandierenden der Luftwaffe erfolgen, da es sich um eine Militärmaschine handele.
   Porträts der Wissenschaftler wurden eingeblendet und zu jedem ein kurzer Werdegang verlesen. Hinter den Kulissen schien man bereits mehr zu wissen, als der Fernsehsprecher mitteilte, denn die Huldigung wirkte wie ein erster Nachruf.
   Carol stierte in den Fernseher und begann zu weinen, als sie an die Reihe kam.
   »Nun wissen Sie, wer in dem Flugzeug war«, sagte Smith.
   »Warum hat man im Fernsehen nichts zu ihrer Person gesagt?«
   Smith starrte zu Boden. »Ich war nur zufällig an Bord«, presste er steif hervor.
   »Was heißt das?«, fuhr Carol ihn an.
   »Das wissen Sie genau«, gab er ebenso aufgebracht zurück. »Ich sollte Ihnen das Geschenk noch bringen.«
   »Wieso habe ich das Gefühl, dass Sie lügen oder etwas verheimlichen?« Carols Blick wirkte klarer, als es ihr Alkoholpegel erlauben dürfte.
   Smith schüttelte den Kopf. »Sie beide können sich keine Vorstellung davon machen, was es bedeutet, der Handlanger des Präsidenten zu sein.«
   »Und was genau soll das bedeuten?« Carol setzte sich auf dem Sofa auf, bereit, die Whiskeyflasche als nächstes Geschoss einzusetzen.
   »Ich habe eine Vermutung«, sagte Smith, »aber ich schwöre bei Gott, ich habe nichts von der verdammten Sache gewusst!«
   »Von welcher verdammten Sache?« Matt trat einen Schritt zurück, um für den Fall der Fälle aus der Schusslinie zu sein.
   »Der Absturz war offenbar geplant.«
   Die Bombe war geplatzt, und für einen Moment drückte die Stille im Raum so schwer auf der Brust, dass Matt keinen Atem bekam.
   »Du bist ein verdammter Mistkerl, der nichts weiter als tiefste Verachtung verdient hat!« Anstatt die Whiskeyflasche durch den Raum zu schleudern, genehmigte sich Carol einen weiteren Schluck und streckte Matt ihren Arm hin, dessen Handgelenk mit einem diamantenbesetzten Armband geschmückt war.
   »Wollten Sie aufgrund dieses Verdachts nicht an der Absturzstelle warten?«
   »Die näheren Zusammenhänge darf ich Ihnen nicht erläutern.«
   Matt schlug mit der Faust auf den Tisch. »Fangen Sie bloß nicht an zu schwafeln, sonst werfe ich Sie hochkant raus. Sie haben mir bereits mehr als einen Grund dafür geliefert! Entweder, Sie legen die Karten auf den Tisch, oder Sie können schauen, wie Sie allein weiterkommen!«
   »Ich nehme Sie nicht auf den Arm, Matt. Das Projekt, an dem Carol und ihre Kollegen gearbeitet haben, unterliegt höchster Geheimhaltung.«
   Carol signalisierte nickend ihre Zustimmung.
   »Es gibt eine geheime Einheit aus kampferprobten Söldnern, die, nennen wir es delikate Aufträge, für einen kleinen Kreis von Personen ausführt, da das menschliche Verhalten bei allen geheimen Projekten das am wenigsten einschätzbare Risiko darstellt. Ich habe den Verdacht, dass darum beschlossen wurde, die Wissenschaftler nach Erfüllung ihrer Aufgabe zu eliminieren, um auszuschließen, dass einer von ihnen sein Wissen preisgeben könnte. Das war vermutlich auch der Grund, warum mich der Präsident in letzter Sekunde noch mit an Bord geschickt hat.« Smith’ Adamsapfel hüpfte verdächtig auf und ab, als fiele ihm das Schlucken schwer.
   »Und das rechtfertigt, die halbe wissenschaftliche Elite des Landes auszulöschen?«, ereiferte sich Carol. »Uns wurde gesagt, wir würden nach Los Angeles gebracht, um von dort aus mit Linienmaschinen nach Hause zu fliegen. Die Tickets wurden uns übergeben.«
   Matt ließ Smith nicht aus den Augen, dem die Situation sichtlich unangenehm war. »Entweder Sie sagen jetzt die ganze Wahrheit, oder Sie verlassen umgehend mein Haus«, zischte er. Das wichtigtuerische Gehabe dieses dunkelhäutigen Schlacks ging ihm schon längst auf die Nerven.
   »Okay, Mann, entspannen Sie sich. Ich möchte mich unter vier Augen mit Ihnen unterhalten«, entgegnete Smith leise.
   Sie schwiegen für eine geraume Weile und starrten sich nur an.
   »Wenn ihr nichts mehr zu sagen habt, könnt ihr auch mit mir trinken«, murrte Carol und ließ sich in die Lehne zurückfallen. »Ich hasse es, mich allein zu besaufen.« Sie schloss die Augen, und eine Sekunde später sackte ihr Kopf zur Seite.
   »Ich bringe sie ins Schlafzimmer, und Sie brühen eine Kanne Kaffee auf. Das wird bestimmt für uns beide eine lange Nacht«, wies Matt Smith an.

*

George atmete tief durch. Ein paar Tage konnten sie sich vielleicht durchschlagen, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis die Spezialeinheit sie aufgreifen würde. Ohne Matt würde ihre Überlebenschance deutlich schneller sinken, auch wenn sie realistisch betrachtet sowieso verdammt niedrig war. Hier in dem einsamen Haus bestand vielleicht sogar die Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, selbst wenn die Spezialeinheit die Suche nach ihnen ausweitete, denn über allem stand die nationale Sicherheit, in deren Namen jeder rücksichtslos beiseitegeräumt wurde, der den Interessen der Regierenden im Weg stand.
   George hatte auf deren Wahrung einen Eid abgelegt, was ihn dazu verdammte, zu tun, was man ihm auftrug. Und obwohl er sich nie geweigert hätte, war er nun selbst ein Opfer dieser Leute geworden. Lange war er dem Trugschluss erlegen, mit jedem Schritt, den er auf der Karriereleiter erklommen hatte, ein wenig unantastbarer zu werden. Er erkannte erst jetzt seinen Irrtum, und selbst der Präsident war nicht davor gefeit, der Handlanger derjenigen zu sein, deren Interessen er insgeheim zu vertreten hatte. Wenn die Bürger eine Ahnung gehabt hätten, welchen Machenschaften sie schutzlos ausgeliefert waren, hätten sie vermutlich längst zu ihren Waffen gegriffen und das korrupte Gesindel zum Teufel gejagt. Mit FREEDOM sollte ihnen nun auch noch der letzte Rest an Entscheidungsfreiheit genommen werden, um den Weg in die Versklavung des Intellekts zu ebnen, unabhängig von Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit.
   Die allumfassende Kontrolle war die größte Verlockung für alle Herrschenden weltweit, und seine Nation stand kurz davor, diese in einem bisher ungekannten Ausmaß zu erlangen. Es liefen bereits Versuche, Leute, die unter dem Einfluss von FREEDOM standen, irrationale Dinge tun zu lassen, und die Ergebnisse waren äußerst vielversprechend.
   Vor wenigen Tagen erst hatte George einen Bericht darüber in die Hand bekommen, und sämtliche Probanden waren davon überzeugt gewesen, ihre Handlungen aus eigenem Willen getätigt zu haben. Das Streben nach Überlegenheit war ein ureigener Instinkt der menschlichen Rasse und hatte über Jahrtausende deren Überleben garantiert. Doch was sich nun anbahnte, ließ die in der Menschheitsgeschichte immer wieder über einige Zeiträume andauernde Unterwerfung der Massen als lächerlich erscheinen.
   George fröstelte, als er die möglichen Folgen für den einzelnen bedachte, der, wenn es die herrschende Klasse wollte, nicht mehr Herr seiner Entscheidungen sein würde. Eine demokratisch rechtsstaatliche Grundordnung, im Zusammenspiel mit einer humanistisch geprägten Wertvorstellung stellten in seinen Augen die einzigen probaten Mittel dar, ein menschenwürdiges Zusammenleben zu garantieren. Doch davon hatten sich die Führer seiner Nation unwiderruflich entfernt. Wie hatte er sich nur als deren Werkzeug missbrauchen lassen können? Er verstand sich selbst nicht mehr.
   George räusperte sich. »Okay, hören Sie mir gut zu, Matt. Das, was Sie jetzt von mir erfahren, werde ich nur einmal sagen. Ich werde mich auch nicht auf Diskussionen einlassen, selbst wenn Ihnen die Geschichte unglaubwürdig erscheint. Das ist der Deal. Danach können Sie entscheiden, ob Sie weiterhin das Risiko eingehen möchten, uns bei sich zu verstecken.«
   Matt willigte ein, und George begann den Geheimnisverrat. Je länger er sprach, desto mehr legte er seine Scheu ab. Schon viel zu lange hatte er den Unmut über das, was ihm sein Job abverlangte, in sich hineingefressen.

Kapitel 5

Der neue Tag war bereits angebrochen.
   In Smith’ Augen spiegelte sich der ganze Abscheu wider, den er vor seinen Taten empfand. »Das war’s, und jedes Wort entspricht der verdammten Wahrheit«, endete er.
   Matt wusste nicht, was er auf das Gehörte antworten sollte. Einerseits klang alles, was er erfahren hatte, plausibel, wenn man Smith’ Argumenten folgte, andererseits hatte er in den vergangenen Stunden auch noch den letzten Funken Illusion von einem Leben in einem freien Land, das er zumindest in seinen Grundzügen durch die Verfassung geschützt glaubte, verloren.
   Carol kam verkatert aus dem Schlafzimmer geschlichen. »Ich brauche eine Schmerztablette und schwarzen Kaffee«, jammerte sie und massierte sich die Schläfen. »Habt ihr durchgemacht?«
   Matt reichte ihr eine dampfende Tasse. »Ja, wir hatten einiges zu besprechen. Im Badezimmer liegen Handtücher, falls Sie sich frisch machen möchten, und im Spiegelschrank finden Sie Tabletten.«
   »Okay, vielen Dank. Wie geht es jetzt weiter?«
   »Smith hat Ihnen noch etwas zu sagen«, antwortete Matt. »Ich werde mir draußen die Beine vertreten.« Er sah Smith nachdenklich an. »Wenn Sie aufrichtig zu ihr sind, wird sie es vielleicht verstehen.«
   Matt trat vor das Haus. Die morgendliche Frische brachte ihn wieder in Schwung. Es dauerte eine Weile, bis er bereit war, Smith die Geschichten abzukaufen. Sie erschütterte seinen Glauben an die Respektierung der Gesetze durch die Mächtigen im Land bis ins Mark, doch es fügte sich alles logisch zusammen. Nun brauchte er sich nicht mehr zu fragen, warum er in seinem Leben keinen Fuß mehr auf den Boden brachte, nachdem er sich mit dem Konzern angelegt hatte, der für Sallys Tod verantwortlich war.
   Smith hatte ihm die Zusammenhänge offenbart. Mehr noch, Smith’ Enthüllungen hatten ihm vor Augen geführt, dass er mit seiner selbstlosen Tat, sie aus dem Flugzeugwrack zu bergen, Teil eines Komplotts geworden war, dessen persönliche Konsequenzen er nicht abzuschätzen vermochte.
   Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken, und der Unterarm begann wieder zu schmerzen. Dieser verdammte Arzt hatte bestimmt einen Fehler gemacht, als er ihm die Holzsplitter entfernte, die er sich aus Unachtsamkeit ins Fleisch getrieben hatte. Mehr als tausend Dollar hatte er ihm dafür abgenommen, doch weshalb er ihm ein briefmarkengroßes Stück Haut entfernt und wiedereingesetzt hatte, wollte ihm der Arzt nicht sagen. Eine wuchernde Narbe hatte sich drum herum gebildet, die die Schmerzen verursachte. Matt zog die Windjacke enger und ging hinter das Haus, um Holz zu hacken. Er hatte einen tief greifenden Entschluss zu fassen.

*

Carol standen Tränen in den Augen. »Verdammter Kerl! Schieb jetzt nur nicht die Verantwortung auf andere. Es ist mir egal, zu was dich Adam angestiftet hat. Ihr beide habt neunundzwanzig Menschenleben auf dem Gewissen!«
   George kauerte zusammengesunken am Tisch. »Ich finde keine Erklärung dafür, warum der Präsident auch mich in den Tod schicken wollte. Sagt dir das nicht genug?« Er hob den Kopf. »Er hat mich hereingelegt, auch ich bin ein Opfer! Wie konnte ich nur auf die List mit dem Armband hereinfallen? Wir werden beide die Suche nach uns nicht überleben, und Joe wird auch Matt töten, sollte er uns bei ihm finden. Zeugen und Mitwisser hat er noch nie am Leben gelassen.«
   »Du ekelst mich an, Smith. Ich werde nie wieder für euch arbeiten, das schwöre ich dir.«
   »Du hast mir nicht zugehört, Carol. Diese Frage stellt sich dir nicht mehr.«
   Grenzenlose Wut und pure Verzweiflung waren ihr ins Gesicht geschrieben. »Verdammt, ich will nicht sterben. Ich habe nichts Unrechtes getan!«
   »Damit hast du dich abzufinden. Aber die Zeit, bis sie uns aufgespürt haben, sollten wir sinnvoll nutzen.«
   »Ich werde mich bestimmt nicht in mein Schicksal ergeben, jetzt, wo ich endlich wieder tun und lassen kann, was ich will!«, schleuderte Carol ihm entgegen.
   »Du meinst wohl, jetzt, wo du dich in jedem Rattenloch verkriechen musst, damit dich deine Häscher nicht finden«, korrigierte George sie.
   Wutentbrannt sprang Carol auf und gab ihm eine schallende Ohrfeige. »Du hast uns alle auf dem Gewissen, du gemeiner Schuft!« Heulend rannte sie zur Tür hinaus.
   George blieb allein zurück. Nun, da auch er einer derjenigen war, die er bisher kaltschnäuzig mit einer knappen Anweisung auf einem Stück Papier ins Verderben gestürzt hatte, begann er zu begreifen, und auch, dass es dafür weder eine Rechtfertigung noch eine Wiedergutmachung gab. Zum Teufel mit der nationalen Sicherheit, in deren Namen man nahezu alles rechtfertigen konnte.

*

Die Nachricht, die Adam soeben erhalten hatte, verdarb ihm die Laune. Missmutig warf er die Serviette auf den Frühstücksteller und griff zum Telefon.
   »Guten Morgen, Mr. President, was kann ich für Sie tun?«
   »Lassen Sie meine Maschine bereitmachen, und schicken Sie umgehend Joe zu mir.«
   Neunundzwanzig Opfer, und zwei Passagiere waren noch nicht gefunden. Die Maschine war nicht wie erhofft aus großer Höhe abgestürzt. Harris, der Pilot, hatte sie irgendwie beinahe noch zu Boden gebracht. Die Wahl war auf ihn gefallen, weil er kurz vor der Pensionierung stand und weder Frau noch Kinder hatte. Der Mann war ein erfahrener Flieger gewesen. Zu erfahren, wie sich nun herausstellte.
   Es klopfte an der Tür. Joe trat ein und salutierte. »Guten Morgen, Sir.«
   »Stehen Sie nicht so steif herum, Joe. Setzen Sie sich zu mir.«
   »Danke, Sir.«
   »Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«
   »Gern, Sir.«
   »Können Sie mir schon Einzelheiten über den Absturz mitteilen?«
   »Jawohl, Sir. Harris hat kurz vor dem Unglück einen Notruf abgesetzt, die Triebwerke seien ausgefallen. Alles deutet auf ein technisches Versagen hin. Die genauen Umstände müssen jedoch noch untersucht werden. Es ist ihm gelungen, eine Notlandung einzuleiten. Wenn ihm dieser verdammte Felsen nicht im Weg gestanden hätte, hätten die Passagiere vielleicht überlebt.
   »Das heißt, alle sind tot?«
   Laut der Checkliste hätten sich dreißig Personen an Bord der Maschine befinden müssen. Plus Smith. Meine Männer haben jedoch nur neunundzwanzig Leichen gefunden.«
   Adam reichte Joe einen verschlossenen Briefumschlag. »Lesen Sie das.«
   Joe öffnete den Umschlag.
   »Über FREEDOM darf nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Die nationale Sicherheit wäre sonst in Gefahr. Sie wissen, was Sie zu tun haben.«
   »Ja, Sir. Smith hat eine entsprechende Andeutung gemacht«, antwortete Joe mehr zu sich selbst. »Aber dann war der Absturz vielleicht gar kein Unfall«, überlegte er weiter.
   »Das werden die entsprechenden Stellen untersuchen.« Adam klopfte Joe aufmunternd auf die Schulter. »Vergessen Sie nicht, die Anweisung betrifft ausnahmslos jeden, der an Bord war. Dafür werden Sie bezahlt«, unterband er Joes Gedankenspielereien. »Haben Sie die Gegend um das Wrack abgesucht?«
   »Wir sind noch dabei, Sir.«
   »Ich bin froh, dass Sie in meinen Diensten stehen, Joe. Eine ehrliche Haut ist mir allemal lieber als die verlogenen Heuchler, die alles besser zu wissen meinen.« Das Lob tat augenscheinlich seine Wirkung.
   »Danke, Sir.«
   »Ich kann mich doch darauf verlassen, dass Sie Ihre Sache gewissenhaft erledigen?«
   »Selbstverständlich, Sir.«
   »Sie kennen die Regeln.«
   »Ja, Sir.« Joe salutierte und verließ den Raum.
   Adam schlenderte zu der kleinen Hausbar und schenkte sich ein Glas Whiskey ein. Smith und Carol hatten zu sterben, falls sie sich nicht unter den Opfern befanden. Er hoffte inständig, dass sie den Absturz nicht überlebt hatten, ansonsten liefen dort draußen in der Wüste zwei tickende Zeitbomben herum.
   Adam leerte das Glas. Es wurde Zeit, nach Washington zu fliegen.

*

Zweige knackten. Matt wirbelte herum und entspannte sich wieder, als er Carol mit verweinten Augen auf sich zukommen sah.
   »Darf ich?«
   Er nickte ihr aufmunternd zu und reichte ihr die Axt. Mit geübten Schlägen spaltete sie die Scheite. Matt beobachtete sie fasziniert. »An Ihnen ist eine Farmerin verloren gegangen.«
   Ein knappes Lächeln huschte über Carlos Lippen. »Entschuldigen Sie, Matt. Wir hätten Sie niemals in die Sache hineinziehen dürfen.«
   »Könnten Sie sich etwas deutlicher ausdrücken?«
   »Sie wissen genau, was ich meine. Ihr Leben ist keinen Cent mehr wert, falls das stimmt, was Smith uns offenbart hat.«
   »Glauben Sie, man kann ihm trauen?«
   »Als er neben mir in der Maschine saß, ist er vor Angst schier gestorben. Er scheint tatsächlich eine Ahnung gehabt zu haben. Warum hätte er mir das vorspielen sollen?«
   »Und er hat nichts gesagt?«
   »Er hat andauernd auf die Uhr geschaut und wurde immer nervöser. Nachdem die Motoren ausgefallen waren, hat er sich über mich gebeugt und mir zugeflüstert, wir müssten uns vor Joe und seinen Leuten in Acht nehmen, falls wir heil am Boden ankämen. Dann hat es auch schon gekracht, und ich habe das Bewusstsein verloren.«
   Matt zog eine Augenbraue nach oben und warf Carol einen zweifelnden Blick zu.
   »Ich denke, Smith hat die Wahrheit gesagt, so widersprüchlich sie sich anhören mag. Die Maschine sollte uns nach Los Angeles bringen, um von dort aus mit Linienflügen weiterzureisen. Das Ticket ist in meiner Handtasche. Plötzlich sind beide Triebwerke ausgefallen. Man hatte nie die Absicht gehabt, das Flugzeug irgendwo ankommen zu lassen. Wieso sollte Smith keine Warnung im Flugzeug abgegeben haben, wenn er an dem Sabotageakt beteiligt war? Und nur eine Ahnung und ein entsprechendes Verhalten hätte ihn seine Karriere gekostet, hätte er doch falsch gelegen.«
   »Das bringt uns noch nicht zu der Antwort auf die Frage, warum alle an Bord sterben mussten«, wandte Matt ein. »Stimmt es, dass Sie eine Affäre mit dem Präsidenten hatten?« Smith hatte das als möglichen Grund aufgeführt, aber so recht daran glauben konnte Matt nicht. Dies war kein Anlass, gleich einen Massenmord zu begehen.
   Carol stemmte die Hände in die Hüften und kniff die Augen zusammen. »Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!«
   Matt lachte auf. »Nicht?«
   »Okay! Adam hat mir ständig Avancen gemacht, wenn er bei uns war, und es hat lange gedauert, bis ich mich auf ihn eingelassen habe. Oder halten Sie mich für ein Flittchen?«
   »Natürlich nicht.« Matt spürte, wie er errötete. »Entschuldigen Sie.«
   »Ich bin Ihnen nicht böse. Die vergangenen Stunden waren für uns alle nervenaufreibend. Ich wäre an ihrer Stelle ebenso skeptisch. Manchmal nimmt das Schicksal von einer Sekunde auf die andere einen Verlauf, den man nicht vorhersehen kann.«
   »Das brauchen Sie mir nicht zu sagen.«
   Carol schwang die Axt und spaltete noch einige Scheite.
   »Okay, dann macht also diese ominöse Spezialeinheit nun auf Sie beide Jagd.«
   »Und Sie sind auch in Gefahr, weil Sie uns geholfen haben. Das alles tut mir aufrichtig leid, Matt. Ich werde mit Smith von hier verschwinden, nur so können wir Ihnen vielleicht Unannehmlichkeiten ersparen.«
   »Aber Sie haben weder Geld noch Papiere, und weit würden Sie nicht kommen. Hier sind Sie im Moment sicher«, erwiderte Matt entschlossen. »Wenn ich schon eine Doktorin bei mir zu Gast habe, würde ich gern mehr über ihr Fachgebiet erfahren, aber nur, wenn Sie mir damit kein Staatsgeheimnis verraten.«
   Carol lächelte. »Ich bin Doktor der Informatik und habe über Cyberattacken promoviert. Das Thema hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen.«
   »Dann haben Sie das Sicherheitssystem für dieses FREEDOM entwickelt?«
   »Ja«, antwortete Carol. »Ich habe Verteidigungsstrategien für Angriffsszenarien erarbeitet, um es in der Sprache der Militärs auszudrücken. Und dabei ist etwas ganz Erstaunliches herausgekommen, aber ich erspare Ihnen die Details, sonst verrate ich doch noch Geheimnisse.«
   »Und wie sind Sie an den Job gekommen? Haben Sie sich beworben, oder wurden Sie von der Regierung dazu verpflichtet?«
   »Vor einigen Jahren ist mein Verlobter kurz vor unserer Hochzeit bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Bald danach bin ich von einem Mitarbeiter der Regierung angesprochen worden, und in meiner Trauer kam mir die Offerte gerade gelegen, um den Schicksalsschlag zu überwinden. Ich erhielt die Möglichkeit, mit meinen Vorbildern zusammenzuarbeiten. Anfangs war es großartig. Die meisten Wissenschaftler, die FREEDOM entwickelten, waren älter als ich und nannten mich ihr Küken. Bei ihnen fühlte ich mich geborgen. Ich dachte, wir würden ein digitales Superhirn erschaffen, um unsere Wirtschaft vor Cyberangriffen zu schützen, doch ich habe mich mit meiner Arbeit an jedem rechtschaffenen Menschen schuldig gemacht.«
   »Und warum haben Sie den Job nicht hingeschmissen?«
   »Als ich merkte, dass wir etwas ganz anderes zu entwickeln hatten, als ich annahm, habe ich mich an Adam gewandt, da ich vermutete, die Militärs würden die Regierung hintergehen. Er hat es meisterhaft verstanden, mir etwas vorzugaukeln und mich mundtot zu machen, beziehungsweise meine Zweifel zu zerstreuen.«
   Matt ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten. »Hm, ja, das kann ich verstehen.«
   »Finden Sie mich attraktiv?« Carol lachte befreit.
   Matt sah verlegen zur Seite. »Kommen Sie, Smith wartet sicher schon auf uns.«
   »Ich möchte noch ein bisschen Spazieren gehen. Begleiten Sie mich?«
   »Wenn Sie es wünschen, gern.«
   »Aber nur, wenn wir uns duzen, Förmlichkeiten sind mir ein Gräuel.«
   Matt lächelte, und sie hakte sich bei ihm unter. »Gibt es keine Frau in deinem Leben? Das Haus wirkt wie eine Junggesellenbude.«
   »Nicht mehr. Ich war glücklich verheiratet, aber ich möchte dich nicht mit meinen Problemen langweilen.«
   »Das tust du ganz sicher nicht. Die letzten Jahre habe ich in einem goldenen Käfig aus Stahlbeton und Stacheldraht verbracht.« Carol lachte verbittert. »Ich werde mich erst wieder an das normale Leben gewöhnen müssen, falls mir die Zeit dazu bleibt.«
   Matt legte einen Arm um ihre Schultern und drückte sie sanft an sich.

Kapitel 6

Adam unterhielt sich mit einem Pathologen vor einem weiß gefliesten Raum, den mehrere Bahnen Neonöhren hell erleuchteten. Leichengeruch wehte zu ihnen heraus. Auf Metalltischen lagen die Überreste menschlicher Körper. Adam gab sich alle Mühe, standhaft zu bleiben. Als Führer der Nation wollte er keine Schwäche zeigen, auch wenn er hin und wieder nach Luft rang. »Ist es Ihnen gelungen, die Absturzopfer zu identifizieren?
   Der Pathologe deutete in den Raum. »Die meisten, bis auf diejenigen, die Sie dort sehen, Sir.«
   »Waren Frau Doktor White und Smith unter ihnen?«
   »Nein, Sir, aber würden Sie es sich zutrauen, die Leichen anzusehen? Vielleicht können Sie die beiden an einem Detail erkennen.«
   »Wenn ich Ihnen damit behilflich sein kann. Hätten Sie einen Mundschutz für mich?«
   »Selbstverständlich, und vielen Dank.« Der Pathologe reichte ihm eine Papiermaske.
   An der Wand neben ihnen klingelte ein Telefon.
   »Ich muss das Gespräch annehmen, kann ich Sie kurz allein lassen, Mr. President?«
   »Kein Problem, ich komme schon zurecht.«
   Angewidert von sich selbst betrat Adam den Raum und betrachtete, was er zu verantworten hatte. Einige Leiber waren verstümmelt, andere fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Dennoch war er sich bald sicher, dass sich Smith und Carol nicht unter den Opfern befanden. Die Schuhe des verkohlten Körpers vor ihm waren weitgehend unversehrt. Hellbraune Oxfords mit roten Schnürsenkeln, das Markenzeichen von Professor Johnson, einem brillanten Theoretiker, zu dessen siebzigstem Geburtstag er vor einigen Wochen ein Essen veranstaltet hatte, weil er einer der geistigen Väter von FREEDOM gewesen war. Der Mann hätte für seine Arbeit den Nobelpreis verdient gehabt.
   Da FREEDOM jedoch ein streng geheimes Projekt war, durfte Johnson seine bahnbrechenden Erkenntnisse nicht veröffentlichen. Als Kompensation für den entgangenen Ruhm hatte sich Adam dafür stark gemacht, dem Professor einen hohen Geldbetrag anzuweisen. Er notierte den Namen auf einen Zettel und legte ihn neben den Leichnam. Dann eilte er zurück auf den Gang.
   Er benachrichtigte Joe und vereinbarte anschließend ein Treffen mit seinem Pressesprecher. Solange Smith und Carol nicht von der Spezialeinheit aufgegriffen worden waren, durfte er sich keinen Fehler erlauben.

*

Sie hatten einen grasbewachsenen Hügel erklommen, von dem man eine überwältigende Aussicht bis hinunter zur entfernt liegenden Interstate, die in die Wüste hinausführte, hatte. Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel, es versprach, ein heißer Tag zu werden.
   Matts Jacke war unter Carol ausgebreitet. Er lümmelte neben ihr, während er weiter über all das sprach, was ihn an diesen einsamen Ort verschlagen hatte.
   Er spürte, dass Carol ihm nicht aus Höflichkeit zuhörte, sondern ehrliches Interesse zeigte - das tat verdammt gut. Auch wenn ihre Leben in unterschiedlichen Bahnen verlaufen waren, fühlten sie sich beide als Entwurzelte, die nicht sagen konnten, welche Zukunft ihnen das Schicksal zugedacht hatte.
   Von der Interstate drangen Motorengeräusche zu ihnen herauf. Ein Konvoi aus Militärfahrzeugen folgte der Straße in Richtung der Absturzstelle.
   Carol drückte Matt zu Boden, bis der Motorenlärm verstummt war. Als er sich wieder aufrichten wollte, hielt Carol ihn fest. Matt verlor sich in ihren strahlend blauen Augen, während sie ihm zärtlich mit ihren schlanken Fingern durch das zerzauste Haar strich.

*

George schenkte sich mit zitternden Händen ein Glas Whiskey ein. Er hatte eine Scheißangst. Auf der Suche nach Matt und Carol war er in die Nähe der Straße geraten, die aus dem verschlafenen Kaff herausführte, um sich zwischen weitläufigen Hügeln zu verlieren, die den Rand der Wüste markierten. Das herannahende Geräusch mehrerer Fahrzeuge ließ ihn aufhorchen, und er hatte sich in einem Gebüsch versteckt.
   Wenige Meter entfernt war Joe in einem offenen Jeep vorbeigefahren.
   Ihm klopfte das Herz immer noch bis zum Hals. Von nun an tickte die Uhr um einiges schneller gegen sie. Sobald Carol mit Matt zurück war, mussten sie von hier verschwinden.

*

Carol lächelte Matt an. »Du hast schon lange keinen Sex mehr gehabt, stimmt’s?«
   Er blickte verlegen in den blauen Himmel. »Wieso, merkt man das?«
   »Ja, aber im positiven Sinn. Es war wunderschön«, flüsterte sie und küsste ihn.
   Verträumt streichelte er ihre Brüste. »Ehrlich gesagt habe ich seit Sallys Tod keine Frau mehr gehabt.«
   »Du bist ein aufrichtiger Mann, Matt. Das schätze ich an dir. Ich hoffe nur, du hältst mich jetzt nicht für eine Frau, der es egal ist, mit wem sie schläft.«
   »Ich urteile nicht, sondern genieße den Augenblick. Danke, dass du mich ins Leben zurückgeholt hast.«
   Sie versanken erneut in inniger Umarmung im weichen Gras.

*

»Haben Sie mit den Medienvertretern gesprochen?«
   »Selbstverständlich, Mr. President. Ich habe Ihr tiefstes Beileid an die Hinterbliebenen ausgedrückt und auf den bedeutungsschweren Verlust hingewiesen, den die Nation durch den Tod der Wissenschaftler erlitten hat. Im Übrigen habe ich auf die Mitteilung verwiesen, die Smith verfasst hat.«
   »Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?«
   »Ich denke nicht, Mr. President. Die Absturzstelle liegt einige Meilen von einer kleinen Ortschaft entfernt in einem weitgehend unbewohnten Gebiet. Es sind keine Hinweise aus der Bevölkerung bei den offiziellen Stellen eingegangen. Offenbar hat niemand den Absturz bemerkt.«
   »Ausgezeichnet. Überlassen Sie alles Weitere Joe, er weiß, was zu tun ist. Es gilt die höchste Geheimhaltungsstufe, bis alle Passagiere gefunden sind. Bereiten Sie meine Trauerrede bitte persönlich vor, und sprechen Sie mit niemandem über das Unglück.«
   »Sie können sich auf mich verlassen.« Der Pressesprecher eilte davon.
   Noch blieb Zeit, die beiden Vermissten zu finden, aber dennoch wuchs mit jeder Stunde die Gefahr, dass Smith und Carol irgendwo auftauchen könnten. Seine engsten Vertrauten konnten leicht zu seinen gefährlichsten Widersachern werden.

*

»Verdammt, wo wart ihr denn so lange?«
   »Reg dich ab, Smith. Matt hat mir die Gegend gezeigt.«
   »Joe ist hier.«
   »Der Typ von der Spezialeinheit?«, fragte Matt und verfolgte Carol mit sehnsüchtigem Blick, die im Badezimmer verschwand.
   »Ja, Joe, der Kommandant. Die Jagd ist eröffnet.«
   »Fangen Sie schon wieder an, den Teufel an die Wand zu malen? Hier sind Sie beide erst einmal sicher, dafür werde ich schon sorgen.«
   »Mit solchen Sprüchen können Sie niemanden beeindrucken, Matt. Er ist gekommen, um uns umzubringen, und ein harmloser Kerl wie Sie wird ihn ganz sicher nicht davon abhalten. Wir müssen hier weg.«
   »Euch«, verbesserte Matt.
   »Da irren Sie sich gewaltig. Warum ignorieren Sie ständig, was ich Ihnen sage? Denken Sie, ich bin der schwarze Mann, der Ihnen zum Spaß ein bisschen Angst einjagen möchte?«
   »Ach, Sie leiden doch an Paranoia«, wehrte Matt die Bemerkung schroff ab und sah zu Carol hinüber, die aus dem Badezimmer gekommen war. »Hey, sag doch auch mal was.«
   »Wenn sie uns erwischen, sind wir alle tot. Du solltest auf Smith hören.«
   »Und was schlagt ihr vor?«
   »Ich werde mit Carol versuchen, unterzutauchen, und Sie verhalten sich möglichst unauffällig, Matt. Aber seien Sie gewarnt, Joe versteht es, Leute auszufragen. Wenn er auf Sie aufmerksam wird und den Eindruck gewinnt, Sie würden ihn belügen, schweben Sie in Lebensgefahr. Aber wir haben ein Problem. Für unsere Flucht benötigen wir Bargeld.«
   »Na ja, ein paar Dollar könnte ich euch besorgen. Aber ist es nicht nur eine Frage von wenigen Tagen, bis dieser Joe euch aufgespürt hat?«
   »Vermutlich«, antwortete George und sah zum Fenster hinaus.
   »Dann ist es allemal besser, hierzubleiben. Mein Haus liegt gut versteckt zwischen den Bäumen, und von der Straße aus kann man es nicht sehen. Darauf habe ich geachtet, als ich es gemietet habe, weil ich meine Ruhe haben wollte.«
   »Das ist ausgeschlossen. Joe wird jeden umbringen, mit dem wir in Kontakt stehen. Er geht immer auf Nummer sicher. Wenn wir eine Chance haben, uns einen Vorsprung herauszuarbeiten, dann jetzt.«
   Matt schielte zu Carol hinüber, die ihm verstohlen zulächelte. »Okay, ich komme mit.«
   George stieß einen Fluch aus. »Verdammt, haben Sie mir nicht zugehört? Sie schweben bereits in Gefahr, aber wenn Sie mit uns gehen, sind Sie garantiert ein toter Mann!«
   »Ich habe Sie schon verstanden, Smith, aber mein Entschluss steht fest.«
   »Hören Sie auf, den Helden zu spielen, Matt. Das ist blutiger Ernst. Warum akzeptieren Sie das nicht?«
   »Meinen Sie, ich bin auf den Kopf gefallen?«, entgegnete Matt schroff. »Ich weiß, dass ich mich dadurch in Lebensgefahr begebe, aber ich werde Carol nicht allein lassen!«
   »Auch das noch«, stöhnte George.
   »Lass Matt in Ruhe«, mischte sich Carol ein.
   »Das war anscheinend ein sehr intensiver Spaziergang. Ich habe mich schon gewundert, woher die Grashalme in deinem Haar stammen.«
   Carol betastete ihre blonden Strähnen.
   George lachte. »War nur ein Scherz. Aber jetzt weiß ich wenigstens, dass zwischen euch was läuft.«
   »Du kannst für mich nicht dein Leben aufs Spiel setzen«, versuchte Carol, Matt zur Vernunft zu bringen.
   Matt ging nicht weiter auf ihren Einwand ein. »Wir fahren erst einmal zu einem Freund nach Las Vegas. Er ist ein Einzelgänger, der ständig irgendwelche Sprengsätze zusammenbastelt, die er in der Wüste hochgehen lässt. Er ist verschwiegen und wird uns nicht verraten.«
   »Aber …«
   »Das ist mein letztes Wort!«
   »Was arbeiten Sie eigentlich, Matt?«, fragte George, bevor die beiden zu streiten begannen.
   »Derzeit habe ich keinen Job. Ich stelle zum Zeitvertreib in der Wüste Fallen auf. Deshalb war ich auch dort draußen, als ihr vom Himmel gefallen seid. Früher habe ich für eine Firma gearbeitet, die auf die Rettungen digitaler Daten für Unternehmen spezialisiert war.«
   »Könnten Sie den Chip von meinem Smartphone auslesen, auf dem ich meine Kontakte gespeichert habe?«
   »Sind die nicht auf der SIM-Karte?«
   »Nein.«
   »Wenn ich das entsprechende Equipment hätte, wäre es kein Problem, falls der Chip nicht beschädigt ist.«
   »Hast du einen Computer?«, fragte Carol dazwischen.
   »Ja, einen alten Laptop. Seit ich entlassen wurde, habe ich mich für Computerkram nicht mehr sonderlich interessiert. Mein Smartphone ist das einzige elektronische Gerät, das ich mir in letzter Zeit gegönnt habe.«
   »Darf ich es mir ansehen?«, bat George.
   Matt reichte es ihm und kramte für Carol den Laptop aus einem Schrank.
   Carol begann zu lachen, als sie das Gerät sah. »Ach du lieber Himmel. Das Modell hatte ich vor Jahren auch einmal. Wo ist denn die Steckdose?«
   »An der Wand neben dem Sofa.«
   George gab Matt das Smartphone zurück. »Das Modell verfügt über das Update. Willkommen in den Fängen von FREEDOM, Matt. Hast du noch nichts Ungewöhnliches bemerkt?«
   Matt runzelte die Stirn. »Doch, gestern«, antwortete er schließlich. »Während der Ansprache des Präsidenten habe ich ein Kribbeln im Kopf gespürt, sobald ich mich nicht auf seine Rede konzentriert habe.«
   George nickte. »Dann hat FREEDOM auch bei dir funktioniert. Genau das war das Ziel, das wir gestern verfolgt haben. Die Konzentration der Zuseher aufrecht zu erhalten. Ich verrate euch jetzt mein Wissen über das Projekt. Und versuche ja nicht, dich in einen deiner Accounts einzuloggen, sonst steht Joe hier im Zimmer, kapiert?«, sagte er zu Carol, die mit Matts Laptop beschäftigt war.
   Murrend klappte sie den Deckel zu. »Reg dich ab, der Rechner hat keinen Internetzugang.«
   George atmete auf. »Okay, dann klär Matt doch bitte darüber auf, für was FREEDOM steht.«
   »Natürlich für die Wahrung der Freiheit. Was sollte der Name denn sonst bedeuten?«
   Er rang nach Luft. »Das kann doch nicht wahr sein. Verdammt, Carol. Du hast fast zehn Jahre an dem Projekt gearbeitet und weißt nicht, dass FREEDOM ein Kürzel ist? Ich fasse es nicht! Hat es dich nicht interessiert, was deine Kollegen entwickelt haben?« Er holte nochmals tief Luft. »FREEDOM steht für Free Domestication.«
   »Aber ich war lediglich mit der Firewall befasst, und die kann alles Mögliche schützen. Und außerdem habe ich auf meine Fragen nur ausweichende Antworten erhalten, auch von den Kollegen. Es hat immer geheißen, außer meiner Arbeit hat mich nichts anzugehen. Du kennst doch die Verträge«, verteidigte sich Carol gekränkt und funkelte ihn kampfeslustig an.
   George wollte keine nutzlose Diskussion vom Zaun brechen und winkte ab. »Schon gut, lassen wir das. In den vergangenen Jahren haben deine Kollegen ein System erschaffen, das elektronische Geräte wie Smartphones dazu benutzt, durch spezielle Wellenlängen die Gehirntätigkeit zu beeinflussen. Bei der gestrigen Ansprache des Präsidenten haben wir das System erstmals landesweit eingesetzt.
   »Die Regierung möchte die Leute also gefügig machen, ohne dass sie es merken?«, warf Matt ein.
   »Ja, aber nicht nur das. Zunächst geht es darum, die Menschen Entscheidungen im Sinne der Regierung treffen zu lassen.«
   »Krass«, entfuhr es Matt.
   »Das ist erst der Anfang, am Ende wird die dauerhafte Steuerung des Willens jedes Einzelnen stehen.«
   »Das klingt aber weit hergeholt«, meldete sich Carol zu Wort und warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Für so etwas hätte ich mich nie hergegeben.«
   Matt stimmte mit ihr überein. »Fantastereien kennen wir von unseren Regierungen seit Jahrzehnten, aber die allermeisten dieser hochtrabenden Projekte sind gescheitert.«
   »Diesmal nicht«, wandte George ein. »Das mit den Telefonen ist erst der Anfang. Die benötigten Technologien werden in den nächsten Jahren von einer Gruppe junger Wissenschaftler entwickelt, die morgen auf der Basis eintreffen, um FREEDOM zu perfektionieren. Auch sie wissen nicht, was sie entwickeln werden, genau, wie eure Gruppe am Anfang. Und jetzt werde ich dir noch etwas sagen! Als ich anfing, für den Präsidenten zu arbeiten, habe ich mir auch deine Akte durchgelesen. Es existieren zwar keine direkten Beweise, aber dein Verlobter ist nicht zufällig ums Leben gekommen. Das war zwar vor meiner Zeit, doch mehrere deiner Kollegen hatten einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften, bevor sie der Mitarbeit an dem Projekt zugestimmt haben.«
   Carol legte die Stirn in Falten. »Hm, da könnte etwas dran sein. Professor Johnson hat auf einer Feier einmal eine derartige Bemerkung fallen lassen. Damals habe ich mir darüber keine weiteren Gedanken gemacht, weil er ziemlich betrunken war und ich auch nicht an mein eigenes Schicksal erinnert werden wollte.«
   »Du behauptest, man hat unschuldige Leute umbringen lassen, um Wissenschaftler für die Mitarbeit an dem Projekt empfänglich zu machen?«, fragte Matt entsetzt.
   »Davon bin ich überzeugt. Ich weiß, was für Aufträge die Spezialeinheit durchzuführen hat. Aber Beweise wird man dafür nicht finden.«
   Carol wollte etwas erwidern, doch George schnitt ihr das Wort ab. »Gegenwärtig wird Versuchspersonen ein Chip implantiert, der die Wirkung der Wellen verstärkt. Der Chip funktioniert derzeit nur mit einem bestimmten Smartphonetyp, wie Matt ihn hat.«
   Matt rieb sich über den Arm. »Wie werden die Leute rekrutiert, die bereit sind, sich manipulieren zu lassen? Und wie wird sichergestellt, dass das Projekt geheim bleibt?«
   »Oder werden die auch alle umgebracht?«, ergänzte Carol Matts Frage.
   George lachte verbittert. »Die Versuchspersonen wissen natürlich nichts, und es kommt noch schlimmer. Die Wissenschaftler, die morgen auf der Basis eintreffen, haben den Auftrag, Geräte zu entwickeln, die über die Nahrung in den Körper gelangen, oder in die Fasern von Kleidungsstoffen eingewoben werden können, um nur einige Optionen zu nennen. Die Möglichkeiten werden schier grenzenlos sein, und niemand wird dem Einfluss von FREEDOM entrinnen. Die Geräte werden über Satellitensignale angesprochen, die die gesamte Erdoberfläche abdecken.«
   »Du spinnst ja. Das ist doch niemals durchführbar«, erwiderte Matt erbost, dem das Szenario, das George an die Wand malte, mehr als nur ein vages Unbehagen zu bereiten schien.
   Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Diese Art der Beeinflussung würde eine ungeheure Macht bedeuten. Wahrscheinlich würden sich damit eines Tages sogar geopolitische Prozesse steuern lassen, ohne einen Zusammenhang zu der Regierung seines Landes herstellen zu können. Dann würde sein Land die Rolle des Weltpolizisten unbemerkt gegen die des Weltherrschers eingetauscht haben. »Ich kann nur sagen, wohin die Reise geht«, erwiderte George. »Die neuen Technologien werden in wenigen Jahren einsatzbereit sein, und jeder wird eliminiert, der der Verwirklichung des Projekts im Wege steht.«
   »Ohne das Superhirn, das in der Basis aufgebaut wurde, läuft nichts, oder?«, wollte Carol wissen.
   »Richtig. Eine zweite Anlage ist meines Wissens nicht geplant, dafür sind die Ausmaße zu gigantisch.«
   »So ein Unsinn«, widersprach Carol. »Es handelt sich doch nur um ein paar Server, auch wenn sie einen eigenen Raum für sich einnehmen.«
   George lächelte in sich hinein. Sogar Leute, die auf ihrem Fachgebiet wahre Genies waren, ließen sich kinderleicht hinters Licht führen. »Dann ist ja auch diese Täuschung gelungen. Die Anlage hat eine Ausdehnung von über einer Quadratmeile. Ihr habt mit einer kleinen Entwicklungseinheit gearbeitet. Um jedoch alle Menschen manipulieren zu können, benötigt man unglaublich viele Zentraleinheiten, genau genommen für jeden Menschen eine, wollte man die Fähigkeiten von FREEDOM in seiner Gänze ausschöpfen.«
   »Aber so eine riesige Anlage würde doch auffallen«, warf Matt ein. »Allein schon der Energiebedarf müsste durch ein eigenes Kraftwerk gedeckt werden. Wo ist FREEDOM untergebracht?«
   George räusperte sich. »Das ist das Problem. Ich weiß nicht, wie man an FREEDOM herankommen kann. Carol hat im Lincoln County gearbeitet. Dort befindet sich die unterirdische Anlage.«
   »Geht es etwas genauer?«
   George zögerte. »Okay, sagt dir Groom Lake etwas?«
   »Area 51, deren Existenz lange geleugnet wurde.«
   »Ja, so lange, bis die Russen Satellitenaufnahmen von der Anlage veröffentlicht haben.«
   »Ich habe eine Reportage gesehen, in der das ganze Ausmaß an Vertuschung aufgezeigt wurde. Bis heute ist es der Regierung gelungen, zu verheimlichen, was dort geschieht«, sagte Matt. »Wir kommen doch niemals auch nur in die Nähe des Geländes.«
   »Jede nicht autorisierte Person wird bereits meilenweit vor der Area abgefangen. In weitem Umkreis der Basis sind getarnte Wärmebildkameras und Bewegungsmelder angebracht. In den Büschen stecken hochempfindliche Mikrofone, und das eigentliche Areal wird von Scharfschützen bewacht«, vervollständigte George Matts Vortrag.
   »Das wäre der Stoff für einen Hollywoodstreifen«, bemerkte Matt sarkastisch. »Drei aufrechte Bürger, im Kampf gegen die geheimste Militäranlage im Land, auf die eine Spezialeinheit Jagd macht. Obwohl, aufrichtig seid ihr beide auch nicht, sonst hättet ihr dabei nicht mitgemacht.«
   Für seine Bemerkung erntete er von Carol einen Hieb mit dem Ellenbogen.

*

Joe hatte mit seinem Jeep eine Anhöhe erklommen, von der aus sich die Wüste weithin überblicken ließ. Drunten in der Ebene ragte der Felsen empor, an dem das Flugzeug zerschellt war. Die Wrackteile wirkten beinahe wie für eine Filmkulisse drapiert, zwischen denen seine Männer nur als kleine Punkte zu erkennen waren. Der Präsident hatte ihn darüber informiert, dass Smith mit an Bord des Flugzeugs gewesen war und neben Doktor White als vermisst zu gelten hatte. Seine Männer hatten jedoch keine Überlebenden gefunden, obwohl es in weitem Umkreis nur wenige Stellen gab, die Schutz vor der sengenden Sonne oder der nächtlichen Kälte boten.
   Nachdenklich ließ er den Blick umherschweifen. Beinahe hätte er die Reifenspuren übersehen, die durch das Gestrüpp den Hügel hinabführten. War es denkbar, dass jemand den Absturz von dieser Stelle aus beobachtet hatte? Joe folgte mit seinem Jeep den Spuren bis zur Unglücksstelle. Verdammt, warum war das seinen Leuten nicht aufgefallen?
   Er folgte den Spuren weiter bis zu der Straße, auf der sie gekommen waren. Es bestand kein Zweifel. Das Fahrzeug, das hier draußen gewesen war, hatte den kürzesten Weg zur Straße genommen, die zu der kleinen Ortschaft führte, die sie am Morgen durchquert hatten. Joe rekelte sich in seinem Sitz und atmete tief durch. Er hatte die Witterung aufgenommen.

Kapitel 7

Joe wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die staubige Hauptstraße der kleinen Ortschaft lag in der flirrenden Mittagshitze vor ihm. In einiger Entfernung erkannte er die zerbeulte Beschriftung einer Bar. Dahinter zog ein Mann in einem karierten Hemd ein Bündel Scheine aus einem Geldautomaten und bestieg einen alten Pick-up. Joe hielt vor der Bar.

*

George behielt den Jeep im Auge, der hinter ihnen am Straßenrand zum Stehen kam.
   »Bitte ras nicht kopflos davon. Joe parkt hinter uns«, raunte er Matt zu und hoffte, dass dieser einen kühlen Kopf behielt.
   Matt fuhr los. Nach wenigen Metern entspannte er sich sichtlich. »Ich kenne eine Nebenstrecke nach Las Vegas, meinst du, wir sollten die nehmen, Smith?«
   »Bleib auf der Interstate. Joe kann nicht wissen, dass er uns direkt vor sich hatte. Wie lange werden wir brauchen?«
   »Ungefähr drei Stunden.«
   »Wir müssen uns Verkleidungen zulegen«, sagte George.
   »Was werden sie mit uns machen, wenn sie uns schnappen?«, fragte Carol unsicher.
   »Das kommt ganz auf die Situation an, aber sie werden uns in jedem Fall töten«, antwortete George. Wie dumm konnte die Wissenschaftlerin nur sein?
   »Ich brauche einen Schluck Wasser«, krächzte Matt.

*

Glaubte Joe dem Barkeeper, befand sich die nächste medizinische Versorgung eine gute Autostunde entfernt in einer Privatklinik.
   Der Barbesitzer sah ihn forschend an. »Haben Sie sich verletzt?«
   »Nein, ich habe Migräne und keine Tabletten mehr«, log Joe. »Schenken Sie mir bitte noch einen Whiskey ein.«
   »Zwei Straßen weiter ist ein Supermarkt, dort bekommen Sie welche.«
   »Vielen Dank für den Hinweis.«
   »Halten Sie hier in der Gegend eine militärische Übung ab?«, fragte der Barkeeper interessiert, um die Wahrscheinlichkeit eines willkommenen Geldsegens abschätzen zu können.
   »Ja, aber wir rücken schon bald wieder ab. Sie werden meine Leute leider nicht als Gäste willkommen heißen können.«
   Enttäuscht schob der Barkeeper ihm das gefüllte Glas über den Tresen. »Der geht aufs Haus, Sir.«
   »Vielen Dank.« Joe prostete ihm zu. »Ich habe in der Wüste Reifenspuren gesehen.«
   »Wo denn?«
   »Etwa zehn Meilen südlich der Straße.«
   »Die könnten von Matt stammen. Er stellt dort draußen Fallen auf.«
   »Ich verstehe, dieser Matt ist ein richtiger Naturbursche.«
   Der Barkeeper zuckte mit den Schultern, während er Gläser abtrocknete. »Keine Ahnung, ich kenne ihn kaum. Er ist erst vor Kurzem hierhergezogen. Wenn Sie mit ihm sprechen wollen, sollten Sie es auf dem langen flachen Hügel versuchen, der sich in der Nähe der Straße erhebt. Von dort hat man einen grandiosen Ausblick. Matt ist beinahe jeden Abend dort oben, um sich den Sonnenuntergang anzuschauen.«
   »Ich stelle auch Fallen auf und hätte mich gern mit ihm ausgetauscht, bevor ich zu meiner Einheit zurückkehren muss. Meinen Sie, ich könnte ihn auch zu Hause antreffen?«
   »Matt hat es nicht mit Fremden«, antwortete der Barkeeper abweisend und hängte das Handtuch auf.
   Joe schob eine Zwanzigdollarnote über den Tresen. Der Barkeeper räumte seelenruhig die Gläser ein. Joe seufzte und legte noch einen Geldschein auf den Tresen.
   »Okay, aber sagen Sie ihm nicht, dass Sie die Adresse von mir bekommen haben«, murmelte der Barkeeper und steckte die Scheine ein.
   »Sie können sich auf mich verlassen.«

Wenig später lenkte Joe den Jeep über einen mit Schlaglöchern übersäten Weg, der einem Rinnsal durch einen dichten Wald folgte und vor einem Holzhaus endete, von dessen Fassade die einstmals rotbraune Farbe größtenteils abgeblättert war. Er stellte den Motor ab und sah sich um. Auf dem weichen Boden waren Reifenspuren und Schuhabdrücke zu erkennen. Er nahm die Magnum aus dem Handschuhfach und entsicherte sie, während er aufmerksam die beiden Fenster beobachtete, die den Blick nach innen freigaben. Bis auf das gelegentliche Zwitschern eines Vogels herrschte Stille. Es schien niemand da zu sein. Mit gezogener Waffe ging er zur Haustür, die nur mit einem einfachen Schloss gesichert war. Ein geübter Schlag, und die Tür sprang auf.
   Joe drang in das Haus ein. In der Spüle standen drei Tassen, und der Rest Kaffee in der Kanne war lauwarm. Dieser Matt war nicht allein gewesen. Joe durchstreifte die Zimmer, aber es deutete nichts auf die Identität der Personen hin, die sich hier aufgehalten haben mussten.
   Bevor er das Haus verließ, öffnete er noch den Laptop, der auf dem Wohnzimmertisch herumstand und schlug wutentbrannt mit der Faust auf den Tisch. Den Bildschirmhintergrund zierte ein alter Pick-up, an dem der Mann in dem karierten Hemd lehnte, den er bei dem Bankautomat gesehen hatte.
   »Verdammt!« Falls Smith und Carol tatsächlich hier gewesen waren, hatte er sie vermutlich bereits vor seiner Nase gehabt.

*

Es hatte etwas Irreales, wenn man das Death Valley durchquerte. Die weitläufige Hochebene begrenzten zu beiden Seiten schroffe Berge, und der steinige Boden wurde von kargem Gestrüpp durchzogen. Die Klimaanlage von Matts Pick-up war mit der herrschenden Außentemperatur heillos überfordert. Ihnen klebte die Kleidung am Leib, und sie hatten das Gefühl, in einer Sauna zu sitzen, während draußen die unwirtliche Landschaft in der vor Hitze flirrenden Luft vorbeizog.
   Die Mineralwasserflaschen, die Matt mitgenommen hatte, waren längst aufgebraucht, und sie konnten nur hoffen, dass der Pick-up nicht stehen bleiben würde. In der brütenden Sonne waren es etwa fünfzig Grad, und wer gezwungen war, auszusteigen, lief Gefahr, innerhalb kürzester Zeit einen Kreislaufkollaps oder Hitzschlag zu erleiden.
   Endlich tauchten vor ihnen vereinzelte Gebäude auf, und die Landstraße verwandelte sich in einen mehrspurigen Highway, der nach Las Vegas hineinführte.
   »Wir werden bald da sein«, meinte Matt und krempelte die Hemdsärmel noch weiter hoch. »Diese verdammte Hitze hat mich echt fertiggemacht.«
   George betrachtete die rechteckige Wunde, die Matts Unterarm zierte. »Wie hast du dir denn die beigebracht?«
   »Mir wurden einige Holzsplitter herausoperiert.«
   »Und deswegen hat man dir ein Stück Haut eingesetzt?«
   »Man hat mir nicht sagen wollen, warum man das machen musste, und die Narbe juckt die ganze Zeit. Der Arzt hat gemeint, das sei normal und würde sich mit der Zeit legen.«
   »Okay, Matt. Wenn wir in der Stadt sind, müssen wir ein paar elektronische Geräte besorgen. Und es wäre sicherer, wenn du dein Telefon zerstören würdest.«
   »Spinnst du? Das ist fast neu«, protestierte Matt und sah ihn kopfschüttelnd an.
   »Ich möchte dich nicht beunruhigen, aber es könnte sein, dass du eine der Versuchspersonen bist, an denen die Wellenverstärker ausprobiert werden.«
   »Hör endlich auf mit deinen Schauermärchen, Smith. Jetzt behauptest du schon, man hätte mir ohne mein Einverständnis etwas in den Unterarm eingepflanzt«, entgegnete Matt aufgebracht.
   »Vielleicht irre ich mich ja, aber sobald Joe auf deinen Namen gestoßen ist, wird er die Erlaubnis zur Ortung deines Telefons einholen.«
   Matt warf einen betroffenen Blick auf seinen Arm. Vermutlich überlegte er, ob er eine Marionette war, die man herumzappeln ließ, bis jemand auf einen Knopf drückte und seinen Willen unterwarf. Damit läge er verdammt richtig.
   Carol legte von hinten sanft eine Hand auf seine Schulter. »Beruhige dich, Matt. Smith hat im Konjunktiv gesprochen. Aber wir sollten es überprüfen.«
   »Natürlich werden wir das«, erwiderte Matt beinahe beleidigt. »Mein Kumpel hat sicherlich alles, was wir dazu benötigen.«
   George starrte unterdessen sorgenvoll zum Fenster hinaus. »Verdammt, so funktioniert es nicht!«, brach es aus ihm heraus. »Die haben uns bestimmt schon am Arsch. Wahrscheinlich werden wir nirgendwo ankommen!«
   »Aber du hast doch einen Plan«, warf Carol ein.
   »Den habe ich auch, aber unter diesen Umständen wird uns der auch nicht weiterhelfen.«
   Matts Telefon summte, und auf dem Display erschien eine Nachricht. Erschrocken reichte er den Apparat an George weiter.
   »Habe ich es nicht gesagt? Joe ist verdammt schlau!«
   »Und ich hänge jetzt mit drin«, jammerte Matt.
   »Fängst du schon wieder damit an? Das tust du, seit du uns gefunden hast. Akzeptiere es endlich!«
   Carol beugte sich zwischen den Sitzen nach vorn. »Was ist denn los?«
   »Der Besitzer der Bar aus Matts Ortschaft hat seine Adresse an Joe weitergegeben. Solche Typen würden für ein paar lumpige Dollar auch noch ihre Großmutter verkaufen«, schnaubte George verächtlich.
   »Okay, ich werde mein Telefon gleich hier entsorgen.« Matt öffnete das Seitenfenster, um es nach draußen auf den Asphalt zu werfen.
   »Lass den Unsinn!«, fuhr George ihn an.
   »Aber du hast doch selbst gesagt, ich soll es zerstören. Wenn wir Glück haben, kommen wir noch rechtzeitig davon, bevor sie es geortet haben.«
   »Ich habe eine bessere Idee. Halte dort vorn an der Raststation.«
   »Aber mein Bekannter wartet auf uns«, widersprach Matt.
   »Wir werden versuchen, nach Los Angeles durchzukommen, und mit Glück gelingt es mir, Joe für eine Weile in die Irre zu locken. Für deinen Bekannten ist es besser, wenn wir ihn nicht auch noch mit hineinziehen. Ich kümmere mich um das Telefon, und ihr beide besorgt uns ein anderes Auto.«
   Als sie angehalten hatten, Schlüpfte George zwischen die parkenden Lastwagen.

*

Matt und Carol sahen sich nach einem geeigneten Wagen um.
   »Hier«, rief Carol, und Matt eilte zu ihr.
   Ein Toyota war unverschlossen. Matt beugte sich unter das Lenkrad und fummelte am Zündschloss herum, bis der Motor ansprang.
   Smith kam zu ihnen. »Okay, ich habe das Telefon verstaut. Lasst uns abhauen.«

Kapitel 8

Adam wollte den Empfang für die Neuankömmlinge so angenehm wie möglich gestalten, auch wenn das auf einer Militärbasis ein schwieriges Unterfangen war. Er überflog noch einmal die Dossiers, um jeden mit seinem Namen ansprechen zu können. Es war schon erstaunlich. Keiner der Wissenschaftler hatte das vierzigste Lebensjahr erreicht, und doch zählten sie in ihren Fachgebieten zu den klügsten Köpfen, die seine Nation hervorgebracht hatte. Was wohl geschähe, wenn eines Tages ein Mittdreißiger das Amt des Präsidenten bekleiden würde?
   Ihm grauste bei dem Gedanken. Sachverstand war das eine, aber die Lebenserfahrung, die für ein solches Amt seiner festen Überzeugung nach unerlässlich war, das andere, galt es doch, die Vormachtstellung seiner Nation zu behaupten. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war auch er nicht vor Fehleinschätzungen gefeit. Das internationale Ansehen seines Landes war an einem Tiefpunkt angelangt, und ohne den Einsatz von FREEDOM würde es nicht gelingen, den Rückfall in die weltpolitische Bedeutungslosigkeit auf lange Sicht abzuwenden. Auch die innenpolitische Lage konnte man nur als desaströs bezeichnen. Vielerorts flackerten bürgerkriegsähnliche Konflikte auf, da es der Nation nicht gelingen wollte, den Rassenhass zu überwinden. Dazu kam eine überalterte Infrastruktur, deren notdürftige Instandhaltung Milliarden verschlang. Zwar spiegelten die Zentren der Metropolen weltstädtisches Flair, doch auf dem Land schien die Zeit oftmals stehen geblieben zu sein. Manche Statistiken sprachen ganzen Regionen bereits den Status der Zweiten Welt mit einer Tendenz zur Dritten zu. Er empfand das als eine ungeheuerliche Schmach, doch konnte er sich der Realität nicht verschließen, wenn er diese Gebiete mit äquivalenten Regionen außerhalb der Staaten verglich. Und dann war da noch der ökonomische Druck auf sein Land, der unablässig wuchs, auch wenn zahlreiche Freihandels- und Geheimabkommen der heimischen Wirtschaft ein wenig Luft verschafften. Es war zum Haare raufen. Er hatte das Gefühl, die Jahrzehnte, in denen sich seine Nation anfangs der Aufgabe verschrieben hatte, voller Enthusiasmus andere Völker von Diktaturen zu befreien, um sie nach eigenem Vorbild in ein Leben in Freiheit zu führen, wären vergeblich gewesen. Und wenn er den Zustand seines Landes unvoreingenommen betrachtete, gab es nicht mehr viel, das als erstrebenswert zu erachten war. Wie hatte es nur so weit kommen können, dass sich die einst vorbildliche Demokratie zu ihrem eigenen Nachteil verändert hatte? Er kannte zwar die Antwort, doch wollte er sich nicht ernsthaft damit auseinandersetzen und war froh, dass ihn die quietschenden Reifen des landenden Flugzeugs in das Hier und Jetzt zurückholten. Adam ließ einen letzten Blick über die Namensliste der Neuankömmlinge schweifenden.

*

Beinahe hätte Joe in dem Haus die Kostenrechnung übersehen, die unter einer Zeitschrift hervorschaute. Umgehend setzte er sich mit der Privatklinik in Verbindung, in der dieser Matt kürzlich operiert worden war.
   Während der Fahrt führte er weitere Telefonate und erhielt eine Mitteilung, dass die Klinik an der Erprobung neuartiger elektronischer Implantate beteiligt war. Um was es sich handelte, wurde ihm verschwiegen, da das Projekt der höchsten Geheimhaltungsstufe unterliege.
   Eine junge Frau brachte ihn in Doktor Brooks Büro, der die Klinik leitete.

*

George hatte sie in Los Angeles zu einer Absteige gelotst, dessen Betreiber nur an Bargeld interessiert zu sein schien. Sie checkten unter falschen Namen ein und machten sich gleich auf den Weg, die Dinge zu besorgen, die Carol während der Fahrt auf einer Liste notiert hatte.
   Als sie wieder im Hotel waren, fuhr George mit einem Detektor mehrmals über Matts operierte Stelle. Jedes Mal begann das Gerät zu piepsen. »Verdammt, mir wäre es lieber gewesen, ich hätte mich geirrt.«
   »Und was bedeutete das jetzt für mich?«, fragte Matt unsicher.
   »Ich könnte wetten, dass es sich um einen Verstärker für die hochfrequenten Wellen aus deinem Handy handelt. Aber ob ich die ganze Wahrheit kenne, ist ungewiss.«
   Carol warf ihm einen besorgten Blick zu. »Denkst du, man kann ihn mit dem Implantat auch orten?«
   George zuckte mit den Schultern. »Um sicherzugehen, müssen wir es entfernen.«
   »Bist du verrückt? Du weißt doch gar nicht, wie tief die Elektronik in seinem Arm steckt!«
   »Wir benötigen Unterstützung. Ich muss noch einmal weg. Könntest du in der Zwischenzeit den Chip auslesen, damit ich wieder an meine Telefonkontakte rankomme, Matt?« George war schon auf dem Weg zur Tür.
   »Ja, das müsste ich hinkriegen.«

*

Carol sah zum Fenster hinaus. Seit ihrer frühesten Kindheit hatte sie sich wie ein richtiges Cowgirl gefühlt, das nichts mehr liebte, als die Tage auf dem Rücken der Pferde und die Nächte mit den Viehtreibern der Farm ihrer Eltern draußen in der Prärie am Lagerfeuer zu verbringen, auch wenn diese viel seltener waren, als dies die verklärende Romantik der Westernfilme gemeinhin suggerierte. Wenn sie darüber nachdachte, waren das die schönsten Momente in ihrem Leben gewesen, und sie hatte es schon oft bereut, sich nicht entschlossener dem Willen ihrer Eltern widersetzt zu haben, um auf der Farm in Texas zu bleiben. Stattdessen war es ihnen gelungen, sie an einer Eliteuniversität unterzubringen. Sogar in der Area 51 hatte sie sich weniger eingesperrt gefühlt als hier zwischen den großstädtischen Häuserkluften. Dort hatte sie wenigstens den Blick hinaus in die Wüste gehabt. Wenn sie am Leben bleiben sollte, würde sie sich an einen einsamen Ort zurückziehen. Es war schon eigenartig. Außergewöhnliche Ereignisse schärften den Blick für das Wesentliche.
   »Möchtest du nicht den Laptop konfigurieren?«, rief Matt ihr zu und wies auf das neu gekaufte Gerät, und erst jetzt bemerkte Carol, das Smith gegangen war.

*

Doktor Brooks war überaus abweisend. Selbst Joes Dienstausweis beeindruckte ihn nicht. Der Arzt beharrte darauf, ein offizielles Dokument vorgelegt zu bekommen, das Joe berechtigte, Auskünfte zu erhalten.
   Zähneknirschend verzog sich Joe in eine Ecke und telefonierte, während der Arzt zu einem Schränkchen schlenderte, in dem sich eine Bar verbarg. Er schenkte sich einen edlen Brandy ein und für Joe einen knappen Schluck eines billigen Whiskeys. Viel Zeit wollte er für ihn offensichtlich nicht erübrigen. Mit den Gläsern und einer Zigarre kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und machte es sich in seinem Ledersessel bequem.
   »Auf die Schnelle ist eine schriftliche Bestätigung nicht zu bekommen, aber der Präsident ist am Telefon. Würde Ihnen sein Wort genügen?« Joe lächelte triumphierend und setzte sich auf den Besucherstuhl.
   Doktor Brooks sah ihn belustigt an. »Guter Mann, die Nummer habe ich in meinem Leben auch schon abgezogen. Also nehmen Sie mich bitte nicht auf den Arm. Sie sollten wissen, dass ich die Familie des Präsidenten sehr gut kenne. Möchten Sie immer noch, dass ich mit ihm spreche?« Er musterte ihn herausfordernd.
   Joe reichte ihm ohne zu zögern das Telefon.

*

George ließ sich von einem Taxi zu einer Adresse in Beverly Hills bringen, das oft fälschlicherweise als Teil von Los Angeles angesehen wurde, weil die kleine Stadt vollständig von der Millionenmetropole umgeben war. Das Taxi quälte sich einen steilen Anstieg hinauf und hielt vor einem Grundstück, das zur Straße hin hinter einer hohen Steinmauer vor neugierigen Blicken verborgen lag.
   Das schwere Holztor, das die Mauer durchbrach, sah immer noch so aus, wie er es vor Jahren hinter sich gelassen hatte. Einen Moment zögerte George, bevor er an die Pforte neben dem Tor herantrat. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Mit zittrigen Fingern drückte er die Klingel.
   Nichts geschah, die Gegensprechanlage blieb stumm. Er zündete sich eine Zigarette an und läutete ein weiteres Mal. Plötzlich sprang die Verriegelung der schmalen Pforte auf. George inhalierte einen tiefen Zug und schnippte die Zigarette weg. Widerstrebend betrat er das Grundstück und tauchte in eine Vergangenheit ein, die er für immer hinter sich gelassen glaubte.

*

Doktor Brooks gab Joe das Telefon zurück, benetzte bedächtig die Lippen mit dem Brandy, zündete eine Zigarre an und ließ dicke Rauchkringel aufsteigen, während Joe ungeduldig darauf wartete, Informationen zu erhalten, die ihm möglicherweise weiterhalfen. Er hatte keinen Nerv für solche Spielchen. Doch den Doktor konnte er nicht einfach bedrohen, wie er es wohl mit jedem anderen getan hätte, der unnütz seine Zeit vergeudete. Ganz offensichtlich war er tatsächlich ein guter Bekannter des Präsidenten, wie er den Worten des Arztes entnommen hatte, als dieser das Telefonat führte.
   Zähneknirschend leerte er den Whiskey.
   Doktor Brooks schien seine Gedanken erraten zu haben und grinste ihn hinterhältig an.
   »Sagen sie schon etwas!«
   »Immer mit der Ruhe, junger Mann.« Doktor Brooks zog bedächtig an der Zigarre. »Zuerst genehmigen wir uns noch einen Schluck.« Er stand auf und ging gemächlich zu der kleinen Bar hinüber.
   Joe ballte seine Fäuste unter dem Tisch.

*

Sein Blick folgte dem gekiesten Weg, der den Abhang hinunter zum Eingang eines stattlichen Hauses führte. Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben. Unzählige Male war George als Junge diesen Weg hinaufgehastet, in der bangen Hoffnung, der unbarmherzigen Hand von Father John durch das Tor entfliehen zu können, und ebenso oft wurde seine Hoffnung enttäuscht. Für einen Moment machte sich Panik breit. Am liebsten wäre er umgekehrt, doch die Unterstützung, die er benötigte, konnte er nur hier erhalten.
   Hinter ihm fiel die Pforte ins Schloss. Unwillkürlich zuckte George zusammen und atmete tief durch. Der Kies knirschte leise unter den Sohlen, doch es hörte sich an wie Paukenschläge, die ihn mit jedem seiner Schritte in die Fänge des Mannes zurücktrieben, unter dessen gnadenloser Hand so viele unschuldige Kinderseelen gelitten hatten. Wäre es ihm eines Tages nicht gelungen, versteckt unter einem Berg schmutziger Wäsche diesem Ort des Schreckens zu entkommen, wüsste er nicht zu sagen, was aus ihm geworden wäre. Doch Father Johns Unbarmherzigkeit hatte ihn hart werden lassen, und nicht von ungefähr hatte er die Karriereleiter so weit erklommen.
   Je näher er dem Haus kam, desto lebendiger wurde die Erinnerung. Er begann sich wieder als der kleine Junge zu fühlen, der von dem Prediger brutal gezüchtigt wurde, wenn er gegen eine der unzähligen Regeln verstoßen hatte, die in dem Haus herrschten. Er war als Zehnjähriger hierhergekommen, nachdem seine Eltern gestorben waren. Der Prediger galt als strenger, gottesfürchtiger Mann, der weithin bekannt gewesen war und beträchtlichen Einfluss hatte. Außer ihm lebten in dem Haus noch mehrere andere Jungen. Mit eiserner Faust wurden sie von Father John darauf gedrillt, aus dem Konkurrenzkampf des Lebens als Sieger hervorzugehen, und so manches junge Herz war dabei zerbrochen. Entweder wurde dies als Schwäche abgetan und der Prediger schickte die bemitleidenswerten Kreaturen davon, oder, wenn sie, wie er, keine Angehörigen mehr hatten, trieb er sie bis in den Selbstmord, was er höchstens mit einer verächtlichen Bemerkung quittierte, wenn er sich genötigt sah, einen Kommentar abzugeben. George konnte die Prügel beinahe körperlich spüren, die er von diesem Mann empfangen hatte.
   Und nun stand er mit gesenktem Haupt vor dem Eingang wie ein reuiger Ausreißer, der gekommen war, um um Vergebung zu bitten, und wusste nicht, wie er dem Prediger gegenübertreten sollte. Er war wieder der hilflose Junge von damals, der am ganzen Körper zitterte, in Erwartung dessen, was Father John ihm antun würde.
   Es war wohl doch keine so gute Idee gewesen, an diesen Ort zurückzukehren. Doch nun war es zu spät, die Haustür schwang bedächtig auf.

*

Joe hatte die Unterredung mit Doktor Brooks hinter sich gebracht. Er zündete sich eine Zigarette an, um sich zu beruhigen. Dieser arrogante Arzt hatte ihn seine Überlegenheit spüren lassen, und beinahe wäre er ihm an den Hals gesprungen. Andererseits konnte er stolz auf sich sein, dem Drang nicht nachgegeben zu haben, diesem hochnäsigen Fatzke das Gesicht einzuschlagen.
   Matt war ein Chip in den Unterarm implantiert worden, doch den genauen Zweck hatte der Arzt ihm nicht sagen wollen. Joe telefonierte, um die Erlaubnis für den Zugriff auf Matts Telefonnummer einzuholen, die er von Doktor Brooks nach einigem Zögern erhalten hatte.
   »Tut mir leid, Sir, für diesen Anschluss benötige ich das Einverständnis der zuständigen Stelle«, antwortete dienstbeflissen eine weibliche Stimme. »Sind Sie in der Lage, diese zu besorgen?«
   Joe wusste für einen Augenblick nicht, was er darauf antworten sollte, denn bisher hatten seine Befugnisse immer ausgereicht, Telefondaten anstandslos ausgehändigt zu bekommen. »Okay, ich werde Ihnen die Autorisierung umgehend zukommen lassen. Und vergessen Sie nicht, mir den Freischaltcode zu senden, es ist sehr dringend.«
   »Selbstverständlich, Sir, ich habe es mir notiert. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«
   Joe verließ mit dem Jeep das Klinikgelände. Im Rückspiegel nahm er wahr, dass sich die Gardine im Fenster von Doktor Brooks Büro bewegte. »Du gottverdammtes Arschloch«, zischte er und zündete sich eine neue Zigarette an.
   Als er außer Sichtweite der Klinik war, hielt er an und wartete. Er rief den Präsidenten an, der alles Weitere zu Joes Autorisierung veranlassen würde. Es machte keinen Sinn, weiterzufahren, bevor er nicht das Telefon dieses Kerls geortet hatte.
   Endlich traf die Nachricht ein, und Joe konnte den Apparat mit einer Software auf seinem Laptop erfassen. Dieser Matt schien sich in der Nähe von Las Vegas herumzutreiben. Das machte Sinn. Las Vegas war die nächstgrößere Stadt, die Matt von der kleinen Ortschaft aus erreichen konnte, und dort bestand auch die Möglichkeit, sich mit dem Flugzeug abzusetzen oder für eine Weile unterzutauchen. Umgehend erteilte er telefonisch Befehle an seine Truppe und jagte mit weit überhöhter Geschwindigkeit zu dem Treffpunkt, wo ihn Clark mit dem Hubschrauber aufnehmen sollte.

*

Matt schnalzte wie ein übermütiger Junge mit der Zunge. »Geschafft!«
   Carol sah von dem Laptop auf. »Das wird aber auch Zeit, ich hatte schon befürchtet, du bekommst das nicht hin.«
   Er verzog beleidigt das Gesicht. »Ach, so ist das, du traust mir nichts zu. Dabei hast du doch auch noch einiges zu tun.«
   Sie lachte ihn verschmitzt an und kam zu ihm. »Ich bin schon seit einer ganzen Weile fertig. Los, mach schon. Ich brauche noch eine große Portion Liebe, bevor Smith zurück ist. Wer weiß, wann wir das nächste Mal ungestört sind.«
   »Sollten wir uns nicht lieber Gedanken darüber machen, wie es weitergeht?«
   »Das kann ich dir sagen. Joe wird uns so lange jagen, bis er uns gefunden hat, und ohne Smith gibt es für uns nichts zu beraten.«
   Er nahm sie in den Arm. »Okay, worauf warten wir dann noch?«
   »Ach, da fällt mir etwas ein«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Hast du eine Kopie von den Daten gemacht?«
   »Meinst du die von Smith?«
   »Ja.«
   »Nein, natürlich nicht.«
   Sie beugte sich nach vorn, holte die Smartcard aus dem Kartenleser, auf die Matt die Daten übertragen hatte, und hüpfte zu ihrem Laptop hinüber.
   »Was machst du da?«
   »Jetzt zieh nicht so ein mürrisches Gesicht, ich bin gleich wieder bei dir. Ich versuche nur, unsere Überlebenschance zu erhöhen. Wer weiß, ob Smith nicht auch Informationen darauf gespeichert hat, die uns helfen könnten, unsere Haut zu retten.«
   »Kein Wunder, dass du bei FREEDOM mitgemacht hast. Du hältst nichts von der Privatsphäre anderer.«
   »Nun komm wieder runter! Du wärst sicherlich nicht böse, etwas in die Hände zu bekommen, um vielleicht die Sache heil zu überstehen, oder irre ich mich?«
   Widerwillig stimmte Matt ihr zu und fragte sich, ob er nicht nur gedankenlos ihren weiblichen Reizen erlegen war. Smith und Carol waren nicht Teil seiner Welt, sondern einer, in der Begriffe wie Respekt und Vertrauen offenbar nur Floskeln waren.

*

George erkannte das ausgemergelte Gesicht eines alten Mannes vor sich, der in einem elektrischen Rollstuhl saß. Father John blickte ihn aus müden Augen an. »Hallo George, was verschafft mir die unverhoffte Ehre?«, murmelte er.
   George wusste nicht, was er antworten sollte.
   »Na, komm rein«, meinte der Prediger schließlich. »Grundlos bist du bestimmt nicht zu mir gekommen.« Er betätigte mit zwei Fingern der linken Hand einen Joystick, der an der Vorderseite der Armlehne angebracht war, und rollte ein Stück zurück.
   Erst jetzt bemerkte George, dass die rechte gelähmt war. Das war wohl die Strafe für die Grausamkeiten, die der Father seinen Schützlingen hatte angedeihen lassen, dachte er bitter und betrat zögernd das Haus.

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