Der junge Jurist Hendrik Römer hat sich auf den Job bei der Umweltschutzorganisation gefreut, doch er zweifelt immer stärker an den guten Absichten. Schützt die „Offensive Natur“ gar nicht bedrohte Fledermäuse, sondern dient sie zur Tarnung zwielichtiger Tätigkeiten? Je tiefer er gräbt, desto sicherer ist er. Die alte, längst aufgelöst geglaubte Naziorganisation ODESSA steht kurz vor der Vollendung ihres großen Ziels: der Errichtung des Vierten Reiches mitten im modernen Deutschland. Plötzlich verschwindet Hendriks Freundin Liliane spurlos und die Ereignisse überschlagen sich. Er findet sich in einem Albtraum aus Spionage, Bedrohung und Mord wieder und die Zeit spielt gegen ihn.

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ISBN: 978-9963-52-145-6

Seiten: 270

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Kristina Herzog

Kristina Herzog
© Robert Recker
Pünktlich zum Sommeranfang 1972 wurde Kristina Herzog in Berlin geboren. Nach dem Abitur und einem freiwilligen Sozialen Jahr im Krankenhaus ließ sie ihrer Neugier freien Lauf: Sie studierte Geschichte, Biologie, Jura und Mediation in Berlin und Heidelberg. Sie schreibt Krimis und Kindergeschichten und hat diverse Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Ihre Kurzgeschichte „Weit draußen“ wurde für den NordMordAward 2011 des Deich-Verlages nominiert, „Schlaf Lubo“ für den Kurzgeschichtenpreis des Candela-Verlages. Ihr Krimi „Abschiedskonzert“ um das Ermittlerduo Rosenberg und Neubauer erschien 2015. Mit ihrer Familie lebt sie im grünen Norden Berlins und ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern“ und im Syndikat. Foto: (c) Robert Recker

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel

Hendrik hasste diese betroffenheitstriefenden Vorführungen menschlichen Leidens. Ein Leiden, das ein Mensch, der den Krieg aus Nachrichten und Geschichtsbüchern kannte, nicht vollständig erfassen konnte. Er fühlte sich durch die unwirklichen Bilder und Berichte berührt. Trotzdem hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er nicht wusste, ob das in Anbetracht der Qualen, die diese Menschen erdulden mussten, wirklich ausreichte.
   Er blinzelte, sodass das Foto fast vor seinen Augen verschwamm. In dem grellen Licht lagen Hunderte von Leichen auf einem riesigen Haufen. Verrenkte Glieder, offene Münder, gequälte Gesichter. Mehrere SS-Männer standen mit triumphierenden Gesichtern daneben. Einer hatte den Fuß auf den Kopf einer nackten Frau gestellt und reckte die Hand zum Hitlergruß. Die SSler wirkten zufrieden – wie nach einer gelungenen Jagd. Auf Hendriks Armen breitete sich Gänsehaut aus.
   Er hasste diese beklemmenden Bilder, und doch konnte er nicht aufhören, solche Ausstellungen zu besuchen. Es war, als würde er dadurch für etwas büßen, das passiert war, als er noch nicht gelebt hatte. Andere hatten das Glück, sich darauf berufen zu können. Er würde immer die Last des Wissens mit sich herumtragen. Das Wissen um die Gräueltaten, die von seiner Familie begangen wurden. Ach, was hieß Familie? Einer hatte sie begangen, einer allein, aber dafür umso radikaler, fanatischer und furchterregender. Hendrik fand sein Foto regelmäßig bei solchen Ausstellungen. Er wollte ihn finden. Immer wieder. Ein Panoptikum des Schreckens und der Aufarbeitung.
   Die Schauräume von Täter und ihre Opfer waren ruhig. Eine anstrengende Stille. Nur ab und an ein Absatzklappern oder ein Sohlenquietschen. Man verständigte sich mit Blicken. Vielsagend zumeist. Nach dreißig, vierzig Bildern drückte Liliane ihm mit der Handfläche auf die Schulter, während ihre dunklen Augen ihn eindringlich fixierten.
   »Da«, flüsterte sie tonlos und deutete mit dem Kopf auf das Bild eines Mannes: gut aussehend, arisch, zufrieden mit sich und der Welt. Da war er – selbstbewusst und grausam: Karl Linkersdorf, SS-Obersturmbannführer und verantwortlich für die Umsiedlung der Ostgebietsbevölkerung. Einer, der in der Welt der Nazis mehr als ein Zuhause gefunden hatte.
   Hendrik atmete schwer. Er hatte ihn entdeckt.
   Wieder einmal.
   Einerseits jubilierte er innerlich, andererseits spürte er den wohlbekannten Ekel, der ihn schon lange begleitete. Obwohl er diesen Mann nie kennengelernt hatte, war dessen Einfluss auf sein Leben immens.
   Hendrik starrte ihm auf dem kleinen schwarz-weißen Bild in die Augen, ohne zu blinzeln. Er griff nach Lilianes Hand und drückte sie. Ein paar Locken fielen ihm in die Stirn. Achtlos strich er sie zur Seite, während er die Lippen zusammenpresste.
   Er hatte ihn gefunden. Schon wieder!
   Liliane streichelte ihm sanft über die Wange und schmiegte sich an ihn. Ein paar Sekunden standen sie so, dann drehte sich Hendrik abrupt um. »Genug«, knurrte er.
   Als er den Ausgang erreichte, hatte ihn Liliane fast eingeholt. »Hendrik! Warte doch mal, bitte. Hey!« Ihre Stimme durchschnitt die Stille.
   »Ich muss hier raus!«
   »Hendrik, das ist unser letzter gemeinsamer Abend. Verdammt! Du wolltest unbedingt hierher, nicht ich! Ich wusste schon, warum!«
   Sie hatte recht. »Ich habe gedacht, ich kriege es inzwischen besser hin. Tut mir leid.« Er machte einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm.
   Die Leute im Raum starrten sie an. Mit so einem Schauspiel hatten sie sicher nicht gerechnet, als sie ihre Eintrittskarten gekauft hatten.
   »Wollen wir noch essen gehen?«, raunte er ihr ins Ohr und drückte sie an sich. Er spürte ihr Nicken an seiner Brust. »Komm«, sagte er und zog sie aus der Tür.
   Warme Luft schlug ihnen entgegen. Die Dämmerung hüllte die Bäume in raschelnde Schatten. Sie liefen Hand in Hand die menschenleere Straße hinunter in Richtung U-Bahnhof Kochstraße.
   »Wann musst du morgen los?«, brach Liliane als Erste das Schweigen.
   »So um sieben. Dann habe ich noch ein bisschen Puffer.«
   »Aber alles eingepackt hast du, oder?«
   »Mmh«, sagte er unbestimmt.
   Es entsprach nicht völlig der Wahrheit, aber immerhin hatte er schon die Reisetasche hingestellt und seine Jurakommentare und die wichtigsten Gesetzbücher bereitgelegt. Den Rest würde er nachher schnell machen. Er wollte jetzt nicht daran denken. Der Gedanke an eine Trennung von Liliane schmerzte zu sehr. Allerdings fiel ihm auch nichts anderes ein, worüber sie hätten reden können. Alles, woran er denken konnte, war sein neuer Job, den er morgen früh achtzig Kilometer von hier antreten würde. Er hatte noch nie außerhalb der Stadt gelebt. Während seines gesamten Studiums war er in Berlin geblieben. Und jetzt …
   »Ich liebe diese lauen Sommerabende«, sagte Hendrik so fröhlich wie möglich.
   Liliane schmiegte sich an ihn. »Siehst du in der Schorfheide eigentlich die gleichen Sterne wie ich hier?«, fragte sie ein paar Schritte später.
   »Wenn du die in Berlin überhaupt sehen kannst – bei den vielen Lichtern.«
   Sie lachten gemeinsam. Mit einem Mal zuckte Hendrik zusammen. Irgendetwas hatte ihn alarmiert. War es ein Geräusch, ein Schatten? Blitzschnell wandte er sich um und musterte misstrauisch die Straße. Nichts zu sehen, was der Grund für seine Unruhe hätte sein können.
   »Ist irgendwas?« Liliane sah ihn fragend an und folgte seinem Blick.
   »Nein … es … ich dachte … Nein, ich habe mich wohl geirrt. Irgendwie kommt es mir seit Tagen so vor, als würde ich verfolgt.«
   Sie lachte auf. »Keine James-Bond-Filme mehr für dich, klar? Hört sich nach einer Überdosis an. Wer sollte dich denn bitte verfolgen?« Liliane taxierte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und einem spöttischen Lächeln um die Mundwinkel an.
   Jetzt musste auch Hendrik grinsen. »Ja, ich weiß. Ich habe nur so ein komisches Gefühl in den vergangenen Tagen. Also worauf hast du Appetit?«, fragte er, als sie Arm in Arm weiterliefen.
   Aber das komische Gefühl blieb.

Die Fahrt ging zügig voran. Bis auf einen kleinen Stau an einer Baustelle und einer Gruppe von Beerensammlern mit großen Senfeimern am Straßenrand gab es nichts Bemerkenswertes. Hendrik brauchte eine gute Stunde. Natürlich war er später losgekommen als geplant. Wesentlich später. Die Packerei hatte doch länger gedauert als angenommen. Und jetzt verfranzte er sich auch noch heillos. Er war schon das dritte Mal durch Altenhof gefahren, ohne die Straße Eichheide zu finden. Das konnte doch nicht sein! Ein Navi wäre natürlich hilfreich gewesen, aber das war erst mit dem nächsten Auto drin, das er kaufen würde, wenn er ein oder zwei Jahre gut verdiente. Wenn wenigstens jemand auf der Straße gewesen wäre, den er hätte fragen können. Und dass sein Handy in der Gegend keinen Empfang hatte, machte die Sache auch nicht leichter. Abrupt bremste Hendrik. Er würde jetzt aussteigen, an dem kleinen Haus dort klingeln und fragen. Vor fünfundzwanzig Minuten hätte er da sein sollen. Und das am ersten Arbeitstag.
   Eine Gardine bewegte sich leicht, als Hendrik das Gartentor öffnete und zu der Holztür schritt, von der die grüne Farbe abblätterte. Die Klingel dröhnte durch das Gebäude. Ein Hund schlug an, verstummte aber sofort wieder. Niemand öffnete.
   Verdammt, er hatte doch nur eine Frage. Was sollte denn das Theater? Hendrik hielt den Finger auf die Klingel gedrückt. Der Hund bellte wie verrückt, aber die Tür blieb verschlossen. »Hören Sie, ich will doch nur den Weg zur Straße Eichheide wissen. Jetzt machen Sie doch auf.« Er hatte die Klingel inzwischen losgelassen, hämmerte aber auf die Tür ein. Der Druck der vergangenen Tage entlud sich.
   Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Ein kleines Mädchen stand dort und hielt einen großen schwarzen Hund am Halsband fest, dem offensichtlich daran gelegen war, dem Störenfried an den Hals zu springen.
   Augenblicklich schämte sich Hendrik. »Oh … das tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Ruhig, Großer, ist ja alles in Ordnung. Er ist ein bisschen aufgeregt, oder?« Herrje, die Töle war riesig. Was, wenn es die Kleine nicht schaffte, ihn zu bändigen? Seine Reißzähne wirkten gigantisch. Instinktiv trat Hendrik einen Schritt zurück. Das Mädchen rührte sich nicht. Es starrte ihn aus schnittlauchglatten Haaren, die ihm über die dunklen Augen hingen, wortlos an.
   »Kannst du mir sagen, wie ich zur Eichheide komme? Es ist dringend.«
   Das Mädchen riss die Augen auf. Es sah aus wie ein verschrecktes Kaninchen, kurz bevor es sich zur Flucht entschließt. Wie in Zeitlupe schüttelte sie den Kopf und fixierte ununterbrochen sein Gesicht.
   »Soll das heißen, du kennst die Straße nicht oder du kannst es mir nicht sagen?«
   Sie starrte ihn bewegungslos an, antwortete aber nicht.
   »Bitte, Kleine! Ich hätte da schon vor einer halben Stunde sein müssen und ich kann die dämliche Straße einfach nicht finden.«
   Sie blinzelte. Dann schluckte sie und flüsterte so leise, dass sich Hendrik vorbeugen musste, um sie zu verstehen. »Keiner darf dort hin, seit … Es ist verboten.«
   »Seit was? Was ist dort passiert?«
   »Wir haben dort gespielt, bei dem alten Bunker. Schon immer, aber seit die da sind … Sie haben uns weggejagt und gesagt, wenn wir wiederkommen, dann …« Unvermittelt brach sie in Tränen aus.
   Hendrik begann zu schwitzen. Mit Tränen hatte er seine Probleme. Schon immer. »Ist gut … Schon gut, Kleine. Ich wollte dir keine Angst machen.« Hektisch kramte er in seiner Hosentasche, aber er fand nichts, was er ihr zur Ablenkung hätte anbieten können. In der Brusttasche seines Hemdes wurde er fündig. »Möchtest du einen Kaugummi?« Das Kind nickte unter Tränen. Es wischte sich über die rot geheulten Augen und blinzelte ihn dankbar an. Dabei ließ es den Hund los, der sofort einen Satz nach vorn machte. Erschreckt sprang Hendrik zur Seite, aber der Hund hatte seine vorherigen Tötungsabsichten offensichtlich fallen lassen, rannte in den Garten und kam mit einem Stock wieder, den er schwanzwedelnd vor Hendrik niederlegte.
   Ihm lief der Schweiß inzwischen den Rücken hinunter. Er ließ den Hund nicht aus den Augen, als er das Mädchen erneut ansprach. »Geht es wieder?« Aus den Augenwinkeln sah er, dass das Kind nickte, während es mit den Zähnen den klebrigen Kaugummi aus dem bröckeligen Papier pulte. »Dann sag mir doch bitte, wie ich dort hinkomme. Ich passe auch gut auf, versprochen.«

Als Hendrik sein Auto startete, versuchte er, die Erlebnisse einzuordnen. Die Kleine hatte Angst und nicht zu knapp. Wieso waren die Kinder dort fortgejagt worden? Wegen der Fledermäuse? Klar, sie waren empfindlich gegenüber Störungen, aber was konnten ein paar spielende Kinder schon anrichten? Da vorn musste der Waldweg sein, der, laut Auskunft des Mädchens, die Eichheide war. Ein Schild war nirgends zu sehen. Kein Hinweis auf den Straßennamen oder auf die Offensive Natur, die dort ihren Sitz haben sollte.
   Seltsam. War es üblich, dass Umweltschutzorganisationen nicht auf sich aufmerksam machten? Mit einem Schild, das dem ortsunkundigen Besucher den Weg wies, hätte er schon gerechnet. Vielleicht gab es keine Besucher? Aber die Offensive Natur musste sich doch nicht verstecken. Ihre Erfolge auf dem Gebiet des Schutzes der einheimischen Tierwelt waren durchaus anerkannt. Man konnte fast den Eindruck bekommen, dass sie nicht gefunden werden wollte. Aber das war ja Quatsch! Was hatte die Kleine gesagt? Es gab einen alten Bunker?
   Hendrik erreichte einen Zaun. Er war rostig und an einigen Stellen niedergetreten. Einen Meter hinter dem Zaun ragte eine Mauer in die Höhe. Sie war intakt. Hendrik schätzte sie auf mindestens hundertfünfzig Zentimeter. Vielleicht auch mehr. Wie kam man denn hier hinein? Hendriks Golf holperte den unebenen Waldweg entlang. Die Stoßdämpfer quietschten. Mit einem Mal sackte der vordere Teil des Autos ab. Er schrak zusammen. Hoffentlich war alles heil. Wie sollte er in dieser Einöde ohne Fahrzeug auskommen?
   Es war nur eine Absenkung des Waldwegs, und es gelang ihm, den Golf sanft aus dem Loch zu lenken, ohne seinen Auspuff zu verlieren. Langsam fuhr er den Weg hinab. Auch wenn er zu spät war, er würde nicht sein Auto riskieren, um die Zeit wieder hereinzuholen. Hendrik musterte den Wall. Da sprang direkt vor seinem Auto etwas über die Straße. Hendrik zuckte zusammen, drückte instinktiv die Bremse durch und der Wagen kam quietschend zum Stehen. Schwer atmend sah Hendrik in die Richtung, in der das Etwas verschwunden war. Sein Blick erhaschte einen Schatten. Ein Reh. Wo war es auf einmal hergekommen? War die Mauer doch durchlässig oder hatte es auf dem Weg geruht und war durch seine Ankunft aufgescheucht worden? Sehr viel los schien hier jedenfalls nicht zu sein. Zögernd fuhr Hendrik wieder an. Wer wusste schon, welche Überraschungen ihn hier in der Wildnis noch erwarteten?
   Ein paar Minuten später sah er ein Tor. Die dunkelgrüne Farbe war an vielen Stellen abgeblättert und gab den Blick auf dicken Rost frei. Endlich. Inzwischen war es fast zwölf Uhr. Um elf hätte er da sein sollen. Echt Klasse für den ersten Arbeitstag. Und es war heiß. Die Sonne stand hoch am Himmel, und ihm rann der Schweiß die Stirn hinunter. Sein hellblaues Hemd klebte ihm am Rücken. Langsam fuhr er zu dem abgenutzt aussehenden Schlagbaum und kurbelte das Fenster hinunter. »Äh, hallo, ist da jemand?« Er lauschte.
   Nichts außer einem Flugzeug in der Ferne.
   »Hallo! Könnte mir mal jemand helfen?«, rief Hendrik und stellte den Motor aus.
   Das Zwitschern von Vögeln tönte aus den umliegenden Baumkronen. Hendrik stieg aus. Das Zuschlagen der Wagentür erschien ihm unnatürlich laut in der Stille des Waldes. Er trat an den Schlagbaum. Vielleicht konnte man ihn öffnen. Er versuchte, ihn anzuheben, aber nichts rührte sich. Kunststück! Das dicke Schloss, das an dem Schlagbaum befestigt war, glitzerte in der Sonne. Es war mit Sicherheit neueren Datums als das Drumherum.
   Hendrik rüttelte daran, aber es hielt bombenfest.
   Wie zum Geier sollte er hineinkommen? Er konnte doch sein Auto nicht mitten im Wald stehen lassen und sich zu Fuß auf die weitere Suche machen. Zumal hinter dem Schlagbaum Reifenspuren zu sehen waren. Es musste doch eine Möglichkeit geben, das Ding zu öffnen. Hendrik versuchte, das Schloss aufzudrücken. Als das nicht gelang, zerrte er mit aller Kraft an dem Schlagbaum, bis die Adern an seinem Hals anschwollen. Vielleicht war er hier doch falsch? Aber die Kleine hatte den Weg sehr genau beschrieben, nachdem sie es geschafft hatte, den alten Kaugummi aus dem Papier zu lösen und noch mit Tränen in den Augen hingebungsvoll gekaut hatte.
   Wütend trat Hendrik gegen den Schlagbaum. »So ein gequirlter Mist.«
   »Was wird ’n das?«
   Eine Stimme hinter ihm ließ Hendrik zusammenfahren. Er wirbelte herum. Vor ihm stand ein Mann – nicht sehr groß, vielleicht knapp einen Meter siebzig mit leuchtend blauen Augen – und musterte ihn mit zusammengezogenen Brauen. Ein Zahnstocher wippte in seinem Mundwinkel.
   »Oh! Ich … äh, mein Name ist Hendrik Römer. Ich soll heute hier anfangen.«
   Der Mann starrte ihn an. Langsam begann er auf dem Zahnstocher herumzukauen.
   »Ich habe einen Termin mit Herrn Schratt. Könnten Sie mich vielleicht hineinlassen?«
   Der Zahnstocher bewegte sich hin und her. Der Mann betrachtete ihn unverhohlen von oben bis unten. »Hendrik Römer«, murmelte er. »Für die Offensive? Warum fahren Sie denn dann nicht rein?«
   »Das habe ich ja versucht, aber der Schlagbaum rührt sich nicht! Hören Sie, ich sollte schon vor einer Stunde da sein und ich würde wirklich gern jetzt da reinfahren und mich melden.«
   Der Kerl verdrehte die Augen, bevor er – mit betont langsamen Bewegungen – an der linken Seite des Schlagbaums ein Türchen öffnete und einen Schlüssel herausholte. Mit einem schnellen Dreh sprang das Schloss auf und der Schlagbaum lockerte sich. »Dann sollten Sie lieber nicht hier stehen und rumquatschen, sondern einen Zahn zulegen. Den Chef lässt man nicht warten.«
   Hendrik presste die Lippen zusammen, als er dem Mann einen kurzen Blick zuwarf, bevor er in seinen Golf stieg und die Einfahrt passierte.

Der Weg führte durch eine magische Landschaft. Sie erinnerte Hendrik an das Auenland der Hobbits – verwunschen und still. Riesige Bäume, malerisch bewachsen mit Efeu und anderen Rankpflanzen, hübsche Lichtungen, deren Gräser in der Sonne leuchteten und moosüberwachsene knorrige Bäume, die offenbar schon vor einiger Zeit umgefallen waren. Wunderschön. Richtig idyllisch. Hier gefiel es Lili mit Sicherheit auch, wenn sie ihn besuchen kam. Sie konnten hier Hand in Hand spazieren gehen.
   Unvermittelt tauchte ein riesiges Gebäude vor Hendrik auf, das nicht in die märchenhafte Landschaft zu passen schien. Vier Stockwerke Plattenbau, der seine beste Zeit schon lange – sehr lange – hinter sich gelassen hatte. An einigen Stellen hatten sich die ehemals weißen Platten gelöst und lagen auf dem Waldboden, inzwischen mit allerlei Gräsern und Moosen bewachsen. Viele Fenster hatten keine Scheiben mehr, sodass die verschlissenen Gardinen im Wind flatterten. Ganz oben, im vierten Stock, waren die Fenster zugemauert.
   Das Haus an sich machte einen vergessenen und verlassenen Eindruck. Aber schräg davor stand ein gutes Dutzend Autos, die frisch poliert in der Sonne glänzten. Hendrik stellte seinen mit Roststellen übersäten Golf neben einem schwarzen Hummer ab. Um Gottes willen. Hier sollte er arbeiten, und schlimmer noch, wohnen? Wenn Hendrik an die repräsentativen Sitze anderer Stiftungen mitten in Berlin dachte und dann das hier sah, lief es ihm trotz der Hitze kalt den Rücken hinunter. Warum hatte die Offensive Natur nicht genug Kapital, um ihren Hauptsitz herzurichten, konnte ihm aber ein beachtliches Einstiegsgehalt zahlen? Nun gut, bisher stützte sich seine Einschätzung nur auf den äußeren Eindruck. Er wollte nicht voreingenommen an die Sache herangehen, auch wenn es ihm zugegebenermaßen im Moment ein wenig schwer fiel. Zögernd ging Hendrik in Richtung Tür. Seinen ganzen Krempel ließ er im Wagen. Den konnte er auch noch später holen.
   Es war auf jeden Fall voreilig gewesen, den Job anzunehmen, ohne wenigstens einmal vorher hier gewesen zu sein. Er hätte hinfahren und sich alles ansehen sollen, um eine fundierte Entscheidung zu treffen, die alle Gesichtspunkte berücksichtigte. Jetzt war es zu spät. Der Vertrag lief zunächst über ein Jahr ohne Probezeit. Hendrik war fest entschlossen, durchzuhalten. Es würde auf dem Lebenslauf sonst blöd aussehen. Vielleicht war es auch nicht so schlimm, wie es ihm gerade erschien …

*

Hans saß im Verborgenen. Im vierten Stock seines Gebäudes hinter den zugemauerten Fenstern ging es geschäftig zu. In den vollgestopften Büros, die an den in gleißendes Licht getauchten Flur angrenzten, saßen eine Reihe von Männern und gingen ihrer Arbeit des Beobachtens und Sammelns von Informationen nach. Der Flur lag versteckt hinter einer dicken Betonwand, welche die Etage vom Treppenhaus absperrte. In die Wand war eine Metalltür eingelassen, neben der sich eine Klingel befand. Darüber war eine Kamera angebracht.
   Hans beobachtete den Mann mit dickem Hals und rundem Bauch vor sich. Dieser strich sich den Schweiß von der Stirn und drückte auf die vor ihm stehende Computertastatur. Das Bild des sich langsam auf den Hauseingang zu bewegenden Hendrik wurde auf einem der Monitore schärfer.
   »Da haben wir ihn, Chef. Wie er leibt und lebt.«
   »Hm, eine Stunde zu spät. Ist alles vorbereitet?«, fragte Hans.
   »Büro und Zimmer sind verkabelt. Alles wie immer. Sobald er im Haus ist, kümmern wir uns um sein Auto.«
   Er nickte. »An der Freundin sind wir dran?«
   »Alles geht seinen Gang.«
   »Wie steht sie zu der ganzen Sache?«
   »Hat ein bisschen gejammert, ist aber nichts Ernstes. Gestern Abend hat er uns bemerkt, aber sie hat ihn glücklicherweise abgelenkt.«
   »Sex?«
   »Fast täglich. Junge Leute. Sehr verliebt. Könnte bei längerem Fernhalten ein Problem werden.«
   Hans hustete, dann räusperte er sich. »Kompliment für die Aktion heute Nacht. Saubere Arbeit, die uns ein gutes Stück vorangebracht hat.« Er warf einen letzten Blick auf den Monitor und wendete dann seinen Rollstuhl. »Lassen Sie ihn noch kurz schmoren und beobachten Sie seine Reaktionen. Wir wollen sichergehen, dass er optimal reagiert. Wenn Sie genug Material haben, schicken Sie Sophie los.«
   »Geht klar, Chef.«

*

Die massive Eingangstür aus Stahl stand einen guten Spaltbreit offen. Niemand war zu sehen. Das schien hier Programm zu sein.
   »Hallo, jemand zu Hause?« Hendriks Stimme schallte den langen Gang hinunter. Er lauschte. Weit entfernt hörte er Stimmen, aber niemand schien in der Nähe zu sein. Wusste hier niemand von seinem Kommen? Dann hätte er sich wegen der Verspätung ja nicht verrückt machen brauchen. Er hatte schon damit gerechnet, dass er erwartet würde. Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass es inzwischen schon 11:45 Uhr war. Nun gut, vielleicht wäre er vor einer Stunde erwartet worden, als er eigentlich hätte da sein sollen.
   »Hallo?« Seine Stimme wurde lauter.
   Eine Tür quietschte. Er hielt das Ohr an den Türspalt und lauschte angespannt, aber es war nichts mehr zu hören.
   Genug war genug. Hendrik riss die Tür auf und trat schwungvoll ein. Sofort taumelte er zurück. Er war gegen jemanden gestoßen. Sie hatte hinter der Tür gestanden und starrte ihn aus grünen Augen erschreckt an. Sie war ungefähr so alt wie Liliane. Hendriks Kopf wurde heiß. Heute taumelte er ja förmlich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen.
   »Oh, entschuldige bitte. Ich dachte, man hätte mich nicht gehört. Ich stehe hier schon eine Weile.«
   »Und du bist?« Sie hatte eine angenehme Stimme. Sanft und warm.
   »Hendrik Römer. Herr Schratt erwartet mich. Oder hat mich erwartet. Ich hatte Probleme, den Weg zu finden.«
   Sie kicherte leise. »Da bist du nicht der Einzige.« Das Lächeln ließ ihr Gesicht leuchten. »Mein Großvater war schon ganz nervös, weil du nicht kommst. Komm mit. Ich bringe dich zu ihm. Soll ich dir beim Tragen helfen?«
   »Ich hol alles nachher.« Seine Gedanken waren wie aus Watte, alle Geräusche gedämpft und auch riechen konnte er kaum etwas. Das kannte er schon. Immer wenn er aufgeregt war, verließ ihn ein Teil seiner Sinne. In seiner mündlichen Prüfung zum ersten Staatsexamen hatte er peinlicherweise mehrmals nachfragen müssen, bevor er die Fragen im Zivilrecht verstand. Professor Wenger war aber auch ein Nuschler vor dem Herrn!

Die glatten hellbraunen Haare federten ihr beim Gehen auf die Schultern. Lilianes Haare kamen ihm viel voller vor.
   Das Mädchen warf ihm einen Blick zu. »Hattest du denn sonst eine gute Fahrt? Bis auf den Ärger mit dem Weg?«
   »Ja, danke. Ist im Grunde ein Katzensprung von Berlin.« Er beeilte sich, mit ihr auf gleiche Höhe zu kommen. Sie hatte einen flotten Schritt.
   »Da war ich noch nie – in Berlin.« Ein sehnsuchtsvoller Klang hatte sich in ihre Stimme geschlichen.
   »Oh. Wie kommt´s?«, fragte Hendrik. Hier in der Schorfheide steppte ja nun wirklich nicht der Bär, und in ihrem Alter auf dem Land zu versauern … Nun gut!
   »Hat sich noch nicht ergeben. Großvater ist immer sehr beschäftigt und allein will er mich nicht fahren lassen.«
   »Na ja, wenn ich wieder hinfahre, kannst du gern mitkommen«, entfuhr es ihm.
   Ihr Lächeln war süß. Mit blitzenden Augen und Grübchen.
   »Schaun wir mal. Bist du nervös?«
   »Merkt man das?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Ich dachte, ein Neubeginn ist eine aufregende Sache, oder nicht? Geht mir jedenfalls immer so. Aber sei unbesorgt, Großvater ist wirklich nett.« Wieder lächelte sie. »Ach Gott, ich habe mich ja gar nicht vorgestellt, oder? Ich bin Sophie. Sophie Schratt. Hier ist dein Büro. Ich werde gleich Bescheid sagen, dass du jetzt da bist.«
   Schon hatte sie sich umgedreht und eilte den Gang hinab, den gleichen Weg zurück, den sie eben gekommen waren. Sie hatte auf die Tür ganz am Ende des Ganges gedeutet.
   Hendrik ließ unschlüssig seinen Blick schweifen. In dem langen Gang reihte sich eine dunkelbraune Holztür an die andere. An den Wänden hing eine groß geblümte Tapete, die an einigen Stellen in Fetzen abgerissen war. Da, wo sie noch hing, wellte sie sich bereits.
   Niemand war zu sehen.
   Langsam drückte Hendrik die Klinke zu dem Zimmer herunter, auf das Sophie mit den meergrünen Augen und dem Grübchenlächeln gezeigt hatte. Ein abgestandener Geruch schlug ihm entgegen. Hier hatte offenbar schon länger niemand mehr gearbeitet.
   Hendrik schloss die Tür und ging direkt zum Fenster. Eine Dosis Frischluft würde der ganzen Sache sicherlich guttun. Hendrik schob die gelbstichige grobe Gardine beiseite und fasste nach dem Griff. Ein kurzer Ruck, und er hatte den Fensterknauf in der Hand.
   »Na das fängt ja gut an.« Er kniff die Lippen zusammen, legte den Griff auf das Fensterbrett und schob seine Brille hoch. In dem Moment vernahm er ein Quietschen. Hastig blickte er sich um. Die Tür stand jetzt weit offen. Ein alter Mann im Rollstuhl saß mitten im Raum und musterte ihn unverhohlen. Er war mindestens achtzig. Die Haut war faltig und grau. Der Mann wirkte gebrechlich, krank, aber mit ihm war eine unglaubliche Energiewelle in den Raum gekommen.
   »Herr Römer. Ich freue mich, dass Sie hier sind.« Seine Stimme klang rau. »Mein Name ist Schratt, Hans Schratt. Meine Enkelin Sophie haben Sie ja bereits kennengelernt, nicht wahr?« Er deutete mit der rechten Hand in Richtung Flur, wo Sophie grinsend stand und sich offensichtlich bemühte, alles mitzubekommen. Seine Linke ruhte bewegungslos in seinem Schoß.
   »Freut mich, Herr Schratt. Ich möchte mich für mein Zuspätkommen entschuldigen. Es war schwierig …«
   Schratt unterbrach ihn mit einem Wedeln seiner Hand.
   »Schon gut, jetzt sind Sie ja da.« Er lächelte, doch seine blauen Augen wirkten kalt wie eisige Bergseen. »Man wird Ihnen die Offensive Natur und die Begebenheiten später vorstellen. Sophie zeigt Ihnen jetzt Ihr Zimmer. Nach dem Essen beginnt die Einweisung. Verlaufen Sie sich nicht, das Haus ist groß.« Er lachte heiser.
   Hendrik nickte – unsicher, wie er Schratts Worte deuten sollte. Schließlich erschien ihm der Grundriss des Gebäudes recht einfach gehalten und somit zum Verlaufen ungeeignet.
   »Wenn Sie noch Fragen haben, Herr Römer, nur zu. Seien Sie versichert, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, damit Sie sich hier wohlfühlen. Ach, eines noch: Die Kellerräume und der vierte Stock sind tabu.« Er hob seine rechte Hand zu einem Gruß, als Sophie auf sein Nicken hin den Rollstuhl wendete und ihn in den Flur rollte.
   Irritiert blickte Hendrik ihm hinterher. Ihm kam hier vieles anders vor, als er es sich vorgestellt hatte.

*

Im vierten Stock nahm Markus in seinem Büro voller Überwachungsmonitore die Kopfhörer ab.
   Er strich sich über die Wange, auf der die noch frische Narbe brannte. Dann drehte er sich zu dem Drucker um, aus dem gerade die Mitschrift des Gespräches zwischen Schratt und Hendrik ratterte. Er lochte den Stapel und heftete ihn in den bereitliegenden dunkelbraunen Ordner. Dann veränderte er per Mausklick die Ausrichtung der Kamera und machte sich daran, jede Bewegung Hendriks zu verfolgen, während er sich langsam eine Zigarette anzündete und den Rauch ohne eine Miene zu verziehen genussvoll einsog.

*

Das Zimmer, in dem Hendrik wohnen sollte, war schmal. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank, mehr nicht. Die Tapete war die gleiche wie im Flur, und ihr Zustand war nicht viel besser. Hendrik schluckte. Es erschien ihm unvorstellbar, dass sich Liliane bei einem Besuch hier wohlfühlen würde. Es gefiel ja noch nicht einmal ihm selbst. Wenn er an ihre gemütliche Wohnung in Berlin dachte … Aber das Zimmer war zweckmäßig, das musste genügen. Er spürte Sophies fragenden Blick.
   O nein, hoffentlich fragte sie ihn nicht, ob es ihm zusagte. Sich so gut verstellen, dass er Freude über diese Unterkunft glaubhaft hätte heucheln können, gelänge ihm nicht. »Wann ist denn Essenszeit?«, bemühte er sich, sie abzulenken.
   »Bald. Von 12:15 Uhr bis 12:45 Uhr. Du solltest allerdings nicht später kommen, denn die Küche wird pünktlich geschlossen. Dann gibt es erst wieder um 18 Uhr etwas.« Sie strahlte. Offenbar hielt sie die rigiden Tischzeiten hier für völlig normal.
   »Und der Speisesaal ist die Treppe runter und dann links. Okay, dann weiß ich ja alles, was ich gerade brauche.«
   Sie nickte eifrig, machte aber keine Anstalten, ihn zu verlassen.
   Es war inzwischen schon nach zwölf Uhr. Eigentlich wollte er kurz Liliane anrufen und ihr berichten, aber natürlich nicht vor den Ohren von Sophie.
   »Wir sehen uns dann beim Essen«, sagte er und riss die Tür demonstrativ auf. Im gleichen Moment gab es einen lauten Knacks und Hendrik hielt die Klinke in der Hand. Ging hier alles kaputt? So eine marode Bude hatte er noch nicht erlebt.
   Sophie klang bestürzt. »Ach, das tut mir leid. Ich werde gleich Bescheid sagen, dass das repariert werden muss. Willst du gleich mitkommen oder …?«
   »Ich komme in ein paar Minuten hinterher.«
   »In Ordnung.« Damit war sie weg.
   Hendrik versuchte, die Tür anzulehnen, aber das Haus schien nicht ganz gerade zu stehen, sodass sich die Tür nicht schließen ließ. Wenn er sich nicht gegen sie lehnte, schwang sie sofort wieder auf. So wollte er Liliane nicht anrufen. Das Gespräch musste also bis später warten.
   Seufzend zog er den Tagesanzeiger heraus, der in seinem hellblauen, etwas angeschmuddelten Rucksack steckte, und machte sich auf den Weg nach unten. Es war noch eine Viertelstunde Zeit bis zum Mittagessen. Er würde versuchen, Liliane von seinem Büro aus anzurufen. Genau, das war eine gute Idee. Schnellen Schrittes schlug Hendrik den Weg dorthin ein.

Die Tür war angelehnt. Seltsam, er hätte schwören können, sie vorhin geschlossen zu haben, aber vielleicht irrte er sich auch. Vorsichtig lugte Hendrik hinein. Die zwei angeschrammten Schreibtische, die vor dem Fenster zusammengeschoben standen, wirkten noch genauso verlassen wie vorhin. Aber hatte einer der Drehstühle nicht eben noch dahinten neben dem wackligen Regal gestanden? Hm.
   Hendrik betrat den Raum und sah sich um. Die schmutzig gelbe Farbe blätterte von den Wänden. Auf der Fensterbank lag der Griff. Er sollte irgendwem Bescheid sagen. Vielleicht fragte er nachher einfach Sophie.
   Die Luft war immer noch muffig. Aber das Fenster ließ sich ohne Griff nicht öffnen. Er würde lieber nach dem Essen telefonieren. Zögernd zog er den Drehstuhl wieder vor den rechten Schreibtisch und setzte sich. Er faltete die Zeitung auseinander. Die Schlagzeile hieß Staatsminister des Auswärtigen Amtes brutal hingerichtet. Ein kaltes Kribbeln kroch über Hendriks Arm. Er strich sich über die aufgestellten Härchen und richtete sich im Stuhl auf, während er den Artikel weiterlas. Isabella Schneider und Thomas Winterlauf, die beiden Staatsminister des Auswärtigen Amtes in Berlin, wurden in der vergangenen Nacht auf brutale Weise in ihren Privatwohnungen getötet. »Man kann von einem regelrechten Dahinmetzeln der Opfer sprechen. Die Tatorte sind absolut verwüstet, richtige Schlachtfelder. So etwas haben die Kollegen schon lange nicht mehr gesehen«, sagte Polizeisprecher Heiner Winkler gegenüber dem Tagesanzeiger. Ein Zusammenhang der beiden offenbar zeitgleich, gegen Mitternacht, ausgeführten Taten kann nicht ausgeschlossen werden. Außenminister Vogler zeigte sich schockiert über die Morde. Er verlangte eine umgehende lückenlose Aufklärung dieser unsäglichen Verbrechen an zwei integren und absolut zuverlässigen Mitarbeitern für Deutschland. Er steht jetzt vor der Aufgabe, schnellstmöglich neue Staatsminister zu finden, die die überwiegend politische Arbeit der Getöteten übernehmen können.
   Hendrik starrte aus dem verschmierten Fenster nach draußen. Die zwei ranghöchsten Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes wurden ermordet. Das war doch kein Zufall. Auf einmal fühlte er sich einsam. Die grünen Blätter des Baumes vor seinem Bürofenster hingen müde in der Sommerhitze herab.
   Er hatte Mühe, die immer wieder aufkommenden Zweifel zu verdrängen, die ihn immer wieder fragten, ob es klug gewesen war, alle Zelte in Berlin abzubrechen und hier in die Pampa zu ziehen, wo er niemanden kannte.
   Die Tür knarrte. Er fuhr erschreckt auf. Der Drehstuhl kippte laut polternd um. Sophies meergrüne Augen strahlten ihn an. »Ich wollte dich zum Mittagessen abholen. Ist alles okay mit dir?«
   Hendrik nickte »Klar.« Er hatte einen Kloß im Hals, weshalb er sich räusperte. »Alles in Ordnung. Ich brauche eine Sekunde …« Mit schnellem Griff hatte Hendrik den Stuhl wieder aufgestellt und die Zeitung in einer Ecke des Schreibtisches zusammengelegt. Zu Hause war er nicht so ordentlich. Davon konnte Liliane ein Lied singen, aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass er sich eine solche Schwäche hier nicht erlauben konnte.
   »Gut, wir können«, sagte er.

Der Speisesaal war voll. Viele Stimmen erfüllten summend den Raum. Es roch leicht angebrannt und war brüllend heiß. An der Essensausgabe, einem langen Tresen aus dunklem Furnier, stand ein Koch mit reinweißer Kochjacke und braunem kurz geschnittenem Schnauzbart und löffelte routiniert das Essen auf die Teller. Als sich Hendrik und Sophie in die Schlange stellten, waren gut zehn Männer vor ihnen, aber es ging zügig voran. Schon war er an der Reihe und der Koch klatschte Hähnchen, Reis und Blumenkohl auf einen Teller, garnierte alles mit einer dicken braunen Soße und hielt ihm den Teller hin, ohne hochzusehen. Das Ganze hatte nicht mehr als zehn Sekunden gedauert.
   Hendrik steuerte auf den einzigen freien Tisch in der Mitte des Raumes zu. Der von dem Teller aufsteigende Geruch war unangenehm. Er hasste Blumenkohl. Das blässliche Gemüse mit dem muffigen Kohlgeruch war ihm seit jeher ein Dorn im Auge. Seine Oma hatte oft Blumenkohl gekocht. Er war billig. Sie hatte sogar versucht, welchen im Garten anzubauen, aber die Schnecken waren schneller und hatten den Kohl dankenswerterweise bereits so stark durchlöchert, dass er nicht mehr genießbar war, als Hendrik und seine Schwestern ihn ernten sollten. Sie sagten Oma nicht, dass sie jede Schnecke, die sie gefunden hatten, gezielt auf den Blumenkohl gesetzt hatten, aber Hendrik glaubte sowieso, dass sie es wusste. Oma wusste immer alles. Sie war es, die sich um sie gekümmert hatte, wenn Mama arbeiten musste. Und Mama musste oft arbeiten. Vater war mit dem Unterhalt nicht sehr großzügig, obwohl er gut verdiente. Immerhin war es regionales Essen. Gut fürs Klima, keine unnötig langen Transportwege. Aber zu so einer Jahreszeit gab es doch wahrhaftig angenehmere und frischere Gemüsesorten.
   »Und wie gefällt es dir hier?«
   Sophie riss ihn aus seinen Gedanken. Ihre Augen erinnerten ihn an Meereswellen, die an einen hellen Strand schwappten.
   »Ich bin schon gespannt, alles kennenzulernen. Kommt es mir eigentlich nur so vor oder bist du das einzige weibliche Wesen hier?« Der Kohl erfüllte seine schlimmsten Erwartungen. Er schob ihn unauffällig beiseite.
   »Es gibt noch ein paar andere. Ich liebe die vielen Bäume hier, du nicht auch?« Sie strahlte ihn an.
   »Die sind super.« Ihre kindliche Freude ließ Hendrik lächeln. »Und du wohnst auch hier?«
   »Seit ein paar Monaten. Meine Kindheit habe ich in Südamerika verbracht.« Sophie schien keine Probleme mit dem Kohl zu haben. Ihr Teller war schon fast leer. Ein ganz schönes Tempo für jemanden, der so zierlich war wie sie.
   »Schmeckt´s dir nicht?« Forschend sah Sophie auf Hendriks Teller, auf dem das Gemüse einen stinkenden farblosen Berg bildete.
   »Doch, doch.«
   Da betraten einige Männer den Raum. Sie liefen langsam, ihrem hohen Alter entsprechend. Die Gespräche verstummten und vier junge Kerle in Sportkleidung, die um einen großen, runden Tisch gesessen hatten, erhoben sich sofort und räumten den Platz. Keiner der Alten schien sich darum zu kümmern, dass sich die vier neue Plätze suchen mussten. Als sich die Alten alle gesetzt hatten, nickte einer von ihnen – ein großer, hagerer Mann – dem Koch zu. Der schien auf das Signal gewartet zu haben und wandte sich hektisch dem Essen zu. Binnen Augenblicken standen dampfende Schüsseln auf dem Tisch der Männer, die sich die ganze Zeit leise unterhielten. Hendrik warf immer wieder einen Blick zu ihnen. Die Männer waren im besten Rentenalter. Vielleicht arbeiteten sie ehrenamtlich für die Offensive? Anders konnte er sich ihre Anwesenheit hier nicht erklären.
   Gerade als sich Hendrik entschlossen hatte, Sophie nach den Männern zu fragen, öffnete sich die Tür zum Speisesaal erneut. Eine kleine, füllige Frau mit langer Nase und dicker Brille, den Arm voller Papiere, schoss herein. Sie verhar­rte einen kurzen Augenblick und musterte die Anwesenden, dann steuerte sie auf Sophies und Hendriks Tisch zu.
   »Ach, darf ich vorstellen? Hendrik Römer, Doris Budick, die Leiterin der Offensive«, sagte Sophie.
   Doris Budick musterte Hendrik unverhohlen. In ihrer freien Hand hielt sie eine Zigarette, von der die Asche jeden Moment abzufallen drohte. Schließlich zog sie eine Augenbraue hoch und nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. Offenbar gab es hier kein Rauchverbot, schoss es Hendrik durch den Kopf.
   »Na, dann wollen wir mal«, sprach Frau Budick ihn an. »Sind Sie hier fertig?« Sie warf einen Blick auf Hendriks Teller und nickte resolut mit dem Kopf in Richtung Tür.
   Hendrik nippte gerade an seiner Apfelsaftschorle, verschluckte sich und musste husten. Doris Budick warf ihm einen prüfenden Blick zu, drehte sich um und marschierte los. Noch immer hüstelnd sprang Hendrik auf, um ihr zu folgen. Eilig griff er nach seinem Teller. Er hatte vorhin beobachtet, wie die Männer das Geschirr vor dem Verlassen des Speisesaals auf ein bereitstehendes Tablett gestellt hatten, aber jetzt war es weg. Was sollte er denn jetzt mit dem Teller machen?
   Doris Budick war schon fast zur Tür heraus, während Hendrik noch unschlüssig mit dem dreckigen Teller und seinem Glas dastand und vor sich hin hustete. Kurz entschlossen warf Hendrik Sophie einen entschuldigenden Blick zu, als er Teller und Glas wieder abstellte und hinauseilte. Vor ihm hatten sich die alten Männer erhoben. Sie drängten ebenfalls zur Tür heraus. Doris Budick konnte er jetzt nicht mehr sehen. Hoffentlich hatte sie bemerkt, dass er nicht direkt hinter ihr lief, und war nicht über alle Berge. Es dauerte seine Zeit, bevor die Alten die Tür passiert hatten, aber es gab keine Möglichkeit, an ihnen vorbei zu schlüpfen. Endlich waren sie alle draußen und auch Hendrik hatte die Vorhalle erreicht. Die Männer bogen um die Ecke und stiegen dann eine breite Steintreppe hinab. Sie führte zu einer großen Stahltür, die aussah wie der Eingang zu einem U-Boot. Das musste der Keller sein. Offenbar war er nicht für jeden hier tabu.
   Doris Budick war verschwunden. Aber furchtbar weit konnte sie ja noch nicht sein. Er blickte sich um, aber sie war nirgends zu sehen. Ihm wurde heiß. Hoffentlich fand er sie bald. Hendrik drückte die schwere Eingangstür auf. Das helle Sonnenlicht stach ihm in die Augen. Er blinzelte und sah Doris Budick, die neben einem Baum stand und sich eine neue Zigarette ansteckte.
   »Was wissen Sie über Fledermäuse?«, fuhr sie ihn streng an.
   Der Rauch ihrer Zigarette umwaberte Hendrik. Er bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen, spürte jedoch ein Kratzen im Hals. Super. Wo er es gerade erst geschafft hatte, seinen Hustenreiz in den Griff zu bekommen.
   »Es ist eine der in Mitteleuropa am stärksten bedrohten Säugetierarten.« Hendrik fühlte sich, als wäre er gerade an die Tafel gerufen worden, um die nicht gemachten Hausaufgaben zu präsentieren. Aber so leicht ließ er sich nicht bange machen.
   Doris Budick zog die Augenbrauen in die Höhe, während sie einen tiefen Zug nahm. »Korrekt. Und wir sorgen dafür, dass es sie weiter gibt. Auf diesem Gelände lebt eine große Anzahl von ihnen und wir kümmern uns um die verschie­denen Quartiere und darum, dass sie nicht gestört werden.« Während sie um das Haus liefen, wies sie mit dem Ellenbogen auf ein am Haus angebrachtes Schild. »Fledermäuse. Absolute Ruhe. Betreten verboten.« Das war aber auch die einzige Spur der fliegenden Tierchen.
   »Wo halten sich die Fledermäuse denn im Moment auf?«
   »Na da. Sehen Sie nicht das Loch in der Wand? Es wurde extra ein Zugang zum Haus geschaffen, damit die Tiere jederzeit ein und aus fliegen können«, gab sie ein wenig patzig zurück.
   »Zugang« erschien Hendrik jedoch übertrieben. Was man erblickte, war ein gezacktes Loch in der Wand. Wahrscheinlich eine Öffnung zum Dachboden. Sah nicht sonderlich liebevoll gestaltet aus.
   Die Zigarette war aufgeraucht. Sie ließ sie achtlos zu Boden fallen und zertrat den Stummel. »Die Tiere sind sehr empfindlich. Vor allem während des Winter­schlafs. Wenn sie dabei gestört werden, kann das tödlich sein. Deshalb sind wir dabei, hier ein Totalreservat durchzusetzen.« Sie sah ihn durchdringend an. »Das ist dann ab jetzt Ihre Aufgabe.«
   Hendrik stutzte. »Aber das heißt doch, dass das Gebiet nicht betreten werden darf. Die Offensive kann in dem Fall also auch nicht hier bleiben.«
   Mit gerunzelten Brauen blickte sie zu ihm auf. »Muss ja nicht. Aber jetzt ist es sehr günstig, gerade hier zu sein. So, ich muss weiter. Hier, ich habe Ihnen einige Unterlagen zusammengestellt. Lesen Sie.« Und schwupp hatte sie sich umgedreht und eilte mit wehenden Haaren und neuer Kippe in der Hand davon. Hendrik stand da und sah ihr nachdenklich hinterher.
   Auf halbem Wege blieb sie noch einmal stehen und sah ihn an. »Wenn Sie die Tiere sehen wollen: Kurz nach Sonnenuntergang ist hier der Teufel los.«



2. Kapitel

Cornelius’ Arme brannten wie Feuer. Er zwang sich zu zwei weiteren Liegestützen, bis sein Körper schlappmachte. Bereits vor einer Weile hatte er aufgehört, zu zählen. Cornelius wusste, was jetzt kam, was jetzt kommen musste. Trotzdem schaffte er es einfach nicht mehr, seinen Körper weiter zu zwingen. Er lag mit dem Gesicht zur Seite im Dreck und atmete schwer. Plötzlich spürte er, wie jemand seinen Kopf packte und in die sandige Erde drückte.
   »Was habe ich dir gesagt? Was? Dass du hier herumliegen und es dir gut gehen lassen sollst? Bestimmt nicht! Los auf, Kamerad. Weiter geht’s. Du fängst noch einmal bei zwanzig an und machst die fünfzig voll und wenn das bis zum Morgengrauen dauert. Los jetzt!«
   Cornelius stemmte sich hoch und ließ den Körper wieder herabsinken. Er wusste, dass er es schaffen musste. Irgendwie. Er sah die glänzenden Stiefelspitzen seines Ausbilders vor seiner Nase, wenn er hochkam. Günter Nawinski war ein kalter Fisch, der die Mitglieder des Camps quälte, bis nichts mehr in ihnen war. Obwohl Cornelius die härteste Zeit seines Lebens hatte, vergoss er viel weniger Tränen als früher. Vielleicht war sein Tränenreservoir erschöpft und er wurde jetzt endlich der harte Kerl, der er insgeheim schon immer sein wollte. Täglich zeigte ihm sein erschöpfter Körper, dass er über seine Grenzen ging, täglich musste er in der medizinischen Abteilung eine blutende Wunde, aufgerissene Blasen oder verknackste Knöchel verarzten lassen. Und trotzdem war er glücklich wie noch nie. Auch wenn er gewisse Zweifel nicht abschütteln konnte. Aber jeden Tag wurde er etwas besser. Dafür war er Nawinski sogar dankbar, auch wenn es immer wieder Momente gab, wo Cornelius diesen Sadisten aus tiefstem Herzen hasste und ihm Pest, Cholera und Rattenbisse gleichzeitig an den Hals wünschte.
   Cornelius schmeckte Blut, schluckte es herunter und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sich die anderen Campteilnehmer neben ihm quälten. Sogar der extrem muskulöse Thorsten schien langsam an seine Grenzen zu kommen. Das pickelige Gesicht von Urs war verzerrt. Und von Jörgs glatt rasiertem Schädel tropfte der Schweiß. Es war heiß. Man bekam so schon kaum Luft und dann auch noch diese irrsinnige Anstrengung. Ein kurzer Blick zu seinem Ausbilder zeigte Cornelius, dass der gar nicht daran dachte, die Übung zu beenden und allen eine kleine Pause zuzubilligen. Das grimmig verzerrte Gesicht sprach eine deutliche Sprache.

Immer war Cornelius der Unsportlichste in seiner Klasse gewesen. Der, der immer zuletzt in die Mannschaft gewählt wurde. Aber damals hätte er sich auch nie­mals vor­­stel­len können, eine Stunde Waldlauf, dann dreißig Klimmzüge, zwei Stunden Schießübungen und im Anschluss noch fünfzig Liegestütze zu absolvieren.
   Cornelius hatte festgestellt, dass es einen Trick gab. Er musste einfach seinen Verstand abschalten. Nur Tun, kein Denken. Dann klappte es. Und wenn es zu schlimm wurde, stellte er sich krampfhaft die erfrischende Dusche am Ende des Tages vor. Thorsten war fertig. Er hatte sich zitternd aufgesetzt und stand jetzt barfuß schwer atmend direkt vor Cornelius’ Gesicht. Während er versuchte, das unkontrollierte Zucken seiner überanstrengten Muskeln zu ignorieren und seinen Körper zu weiteren Liegestützen zu drängen, starrte er auf das Tattoo an Thorstens linkem Fußknöchel. Ein Dolch. Fast jeder hier hatte dieses Motiv an der gleichen Stelle tätowiert. Cornelius nicht und das machte ihm zu schaffen. Man bekam es direkt nach seiner Geburt. Nur dann war es wertvoll. Selbst wenn er es sich jetzt nachträglich hätte stechen lassen, wäre es nicht das Gleiche gewesen.
   Seine Bewegungen waren wieder langsamer geworden. Sofort hatte er Nawinskis Fuß im Nacken und hörte sein Raunen. »Los jetzt, Greyer. Oder ich mach dich fertig.«
   Cornelius biss die Zähne zusammen und straffte noch einmal seinen Körper. 47 – 48 – 49 – 50. Geschafft! Endlich! Er ließ sich in den Staub fallen und schnappte nach Luft. Als er den Kopf hob, sah er Nawinskis zufriedenes Lächeln.
   »Aufstellung, Männer.« Nawinski stand stramm und straff da und fixierte nacheinander jeden mit seinen grauen Augen. Cornelius hasste diese Musterung. Jedes Mal fühlte er sich dabei nackt und abgewertet.
   »Zur Erinnerung, Männer: Bedingungsloser Gehorsam, darauf kommt es an. Wir – nur wir – besitzen die richtige Weltsicht und vertreten sie. Leidenschaftlich. Jeder Befehl muss blindlings ausgeführt werden, selbst wenn er die größten Opfer fordert. Ist das klar, Männer?«
   Cornelius bemühte sich um aufrechte Haltung, auch wenn er seine Schultern, Arme und Beine nicht mehr spürte. Aber er wusste, was jedem blühte, von dem Nawinski den Eindruck hatte, dass es ihm an Begeisterung mangelte. Und diese Woche sollte Nawinski zufrieden mit ihm sein.
   »Selbstverständlich, Sir«, dröhnte es aus dreißig Männerkehlen. Nawinski liebte es, sich mit »Sir« anreden zu lassen. Genauso wie in amerikanischen Filmen über Militärakademien. Jetzt blitzten seine grauen Augen. »Unsere Ehre heißt Treue!«
   Alle brüllten einstimmig zurück. »Unsere Ehre heißt Treue.«
   Endlich war es vorbei. Für heute. Sie rafften ihre Sachen zusammen und wankten zu den Duschen.

Hendrik saß in seinem noch immer muffigen Büro und blätterte die Mappe durch, die ihm Doris Budick in die Hand gedrückt hatte. Viel war es nicht, was er dort fand. Die Informationen über Fledermäuse waren der Wikipedia-Eintrag, den er schon in der Vorbereitung auf den Job gelesen hatte. Auch die NABU-Erklärungen und die Hinweise zur Klassifizierung kannte er schon. Ein bisschen dünn für eine Naturschutzorganisation, die sich dem Schutz der Fledermäuse verschrieben hatte. Allerdings befand sich die Organisation noch im Aufbau. Zu diesem Zweck war Hendrik schließlich eingestellt worden, hatte ihm Schratt bei seinem telefonischen Bewerbungsgespräch gesagt. Hendrik erinnerte sich an seine Verwunderung darüber, dass er bereit gewesen war, nach einem dreieinhalbminütigen Gespräch eine so gut dotierte Stelle zu vergeben. Er hatte auch nichts weiter über ihn wissen wollen, sondern fragte ihn lediglich nach dem Befinden seiner Familie und den zu erwartenden Abschlussnoten. Sicher, er hatte vieles schon durch die Bewerbungsunterlagen erfahren, aber mutig erschien es ihm nach wie vor. Hendrik hatte ihn infolgedessen heute das erste Mal zu Gesicht bekommen. Und irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, den alten Mann schon irgendwo gesehen zu haben. Wenn er nur wüsste, wo. Die ganzen Stunden seit ihrem Kennenlernen musste Hendrik darüber nachdenken, aber er kam einfach nicht darauf.
   Jetzt hatte er die Mappe durchgelesen. Stellte sich die Frage, was er nun tun sollte. Ob er sich noch ein wenig umsah? Blieb das Problem, dass Schratt ein späteres Gespräch angekündigt hatte und Hendrik sich entsprechend zur Verfügung halten sollte. Tja, dann musste er sich eben anders beschäftigen. Die Sonnenstrahlen fielen durch die Jalousien auf den Schreibtisch. Hendrik fuhr mit dem Finger die Linien entlang. Von rechts nach links, von links nach rechts. Herrje, war das langweilig. Ob er Liliane anrufen sollte? Er hatte schon das Handy gezückt, als ihm einfiel, dass Liliane ja gerade im Friseursalon stand und nicht telefonieren konnte. Heute Abend würde er mit ihr sprechen. Er fühlte das dringende Bedürfnis, die Eindrücke, die er hier gesammelt hatte, mit jemandem zu teilen. Sie fehlte ihm, seine Kleine. Zumal ihn sein schlechtes Gewissen plagte. Nicht wegen seines neuen Jobs, sondern wegen Annette. Klar, es war die Institutsfeier an der Uni gewesen und es gab niemanden, der nüchtern war, aber eine Entschuldigung war es trotzdem nicht. Tatsache war, dass er am nächsten Morgen nackt in Annettes Bett aufgewacht war und sich widerlich gefühlt hatte. Er hatte es Liliane sofort gebeichtet. Sie hatten hart daran gearbeitet, ihre Beziehung zu retten. Und Hendrik versagte es sich seitdem streng, andere Frauen anzusehen, um keine gefährliche Situation heraufzubeschwören. Trotzdem schien Sophie sehr nett …
   Aber es führte zu nichts, hier zu sitzen und sentimental zu werden. Die Zeitung lag immer noch in der Ecke des Schreibtisches. War schon eine üble Geschichte mit den Staatsministern. Er war gespannt, wann die Täter gefasst wurden. Hm, was gab es noch? Geplante Steuererhöhungen, Steuerentlastungen für Ärzte, Unruhen in Nordafrika und im Nahen Osten, Schatzsucher vor dem Durchbruch. Das hörte sich doch interessant an.
   Ist die jahrzehntelange Suche nach dem größten Schatz der Deutschen zu Ende? David Flessenkamp und sein Team von der FU Berlin stehen vor dem Durchbruch. Sie haben eine heiße Spur des legendären Bernsteinzimmers gefunden. Indizien sprechen dafür, dass das Bernsteinzimmer in einer verschütteten Höhle in Sachsen lagert, wo es möglicherweise von den Nazis vor den Kriegswirren in Sicherheit gebracht wurde. Flessenkamp sagte über die privat finanzierte Suche: »Wir fühlen uns wie einst Howard Carter, als er auf der Spur von Tutenchamun war. Wir gehen fest davon aus, dass wir das Bernsteinzimmer nach siebenjähriger Suche in den nächsten Wochen der Bevölkerung präsentieren können.« Das Ergebnis bleibt spannend. Wird Flessenkamp eines der größten Rätsel der Neuzeit lösen? Und sollte er das Bernsteinzimmer finden, in welchem Zustand wird es nach über siebzig Jahren in der Versenkung sein?
   Interessante Frage, wohl wahr. Es hatte sich immer noch nichts getan. Wie lange er noch hier sitzen sollte? Warten war ja gar nicht sein Fall. Was dachten die sich eigentlich? Er war hierher gekommen, um zu arbeiten und nicht, um dumm rumzusitzen. Er könnte ja versuchen, den Fenstergriff zu reparieren. Hendrik ging zum Fensterbrett, auf dem er den Griff hinter den vergilbten Gardinen möglichst unauffällig platziert hatte. Genau hier hatte er ihn hingelegt, um …
   Nanu, wo war er denn hin? Hendrik tastete das Fensterbrett ab. Nichts. Das konnte doch nicht sein. Vielleicht war der Griff runtergefallen? Bis auf ein paar Staubflusen war der Boden leer. Hendrik zog die Gardine weg, um alles genau absuchen zu können. Verblüfft stutzte er. Da war der Griff. Da wo er hingehörte, als wäre gar nichts passiert. Aber er täuschte sich doch nicht. Es war doch gerade zwei Stunden her, dass er das Fenster hatte öffnen wollen und den Griff …
   »Herr Römer.« Hendrik drehte sich um. Im Türrahmen stand eine kleine, kugelrunde Frau mit einer dicken Brille auf der winzigen, knolligen Nase.
   »Ja! Ich meine, ja, bitte?«
   »Mein Name ist Anger. Ich bin hier die Sekretärin.«
   Ach, das war doch mal eine Mitteilung. Was sollte er jetzt sagen? Hendrik entschied sich für ein angedeutetes Lächeln. Als Frau Anger nichts weiter sagte, entschloss er sich, noch ein »Mmh. Freut mich.« hinterher zu schieben.
   Auf einmal lächelte sie ihn breit an. »Mich auch, Herr Römer, mich auch. Wir haben ja schon auf Sie gewartet. Aber ich muss sagen, dass Sie den Fotos schon recht ähnlich sehen. Ist die neu?« Sie deutete mit einem Nicken auf Hendriks dünne silberne Nickelbrille.
   Überrascht sah Hendrik sie an. »Ich habe sie vergangene Woche bekommen.«
   Mit mütterlichem Lächeln musterte sie ihn. »Kurz- oder weitsichtig?«
   »Kurz.« Unsicher schob Hendrik seine Brille hoch. Das Interesse von Frau Anger an seinem persönlichen Wohlergehen irritierte ihn einerseits, andererseits gefiel ihm die fürsorgliche Wärme, die sie ausstrahlte.
   »Wissen Sie, ich bin weitsichtig. Lästig, kann ich Ihnen sagen, wirklich lästig. Haben Sie hier alles, was Sie brauchen? Sonst sagen Sie einfach Bescheid. Brauchen Sie noch Hilfe beim Einrichten? Ich bin nicht unbegabt, wissen Sie?«
   Hendrik lächelte sie unsicher an. Irgendwie konnte er ihre Rolle hier nicht richtig einordnen. Taten Sekretärinnen für gewöhnlich so etwas wie Frau Anger? Oder war das hier ein speziell gelagerter Fall?
   »Ach, Herr Römer, jetzt hätte ich es fast vergessen. Ich soll Sie doch zu Herrn Schratt bringen. Herrje, jetzt wartet der arme Mann und ich bin schuld. Warten Sie, ich komme mit und werde ihm alles erklären. Moment mal, Sie haben da einen Fussel auf dem Hemd. So, das haben wir. Hier geht es lang. Kommen Sie, kommen Sie.«
   Das Geplapper ging weiter. Sie liefen den hell erleuchteten Gang hinunter, stiegen in den zweiten Stock hinauf – Frau Anger keuchte wie ein heiß gelaufener Motor – und liefen bis ans Ende des Ganges. Dort klopfte die Sekretärin kurz an die Tür und schob Hendrik hinein. »Gehen Sie nur, sagen Sie ihm, es war meine Schuld. Er wird das schon verstehen.« Sie lächelte ihn breit an und schloss die Tür.
   Hendrik stand in einem Zimmer, das sich enorm von seinen Räumlichkeiten unterschied. Die Decke war dunkel getäfelt. Schwere antike Möbel zierten die Wände, an denen farbenfrohe Bilder hingen. Ein Ohrensessel stand in einer Ecke vor dem Fenster, an dem zahlreiche Grünpflanzen standen. Es wirkte fast wie im Urwald. In dem Sessel saß Hans Schratt – schlafend. Hendrik räusperte sich lautstark, aber der alte Mann regte sich nicht, nur sein vernehmbares Schnarchen erfüllte den Raum. Selbst ein vorgetäuschter Hustenanfall vermochte es nicht, ihn zu wecken. Hendrik scheute davor zurück, Schratt zu berühren. Stattdessen wanderte sein Blick durch das Zimmer. Eigentlich gemütlich, auch wenn die Möbel nicht Hendriks Geschmack waren. Er war immer noch nicht darauf gekommen, an wen ihn der alte Mann erinnerte.
   Die großformatigen Bilder waren wirklich ansehnlich. Wer sie wohl gemalt hatte? Sie trugen alle die Signatur S.. Dahinten in der Schrankwand schien ein Fotoalbum zu stehen. Er sah kurz auf Schratt, der sich noch immer nicht regte, dann ging er mit zwei schnellen Schritten zu der Schrankwand und nahm das alte Fotoalbum heraus. Das war bestimmt Sophie. Hübsch sah ihre Mutter aus. Und dort. Das war der echte Dschungel. Was für eine Farbenpracht. Das Bild auf der nächsten Seite ließ Hendrik erstarren. Verdammt, damit hatte er nicht gerechnet, aber es war eindeutig. Kein Zweifel.
   Ein gewaltiger Hustenanfall ließ ihn herumfahren. Schratt bäumte sich auf und röchelte. Schnell legte Hendrik das Fotoalbum an seinen Platz zurück und schritt zu dem alten Mann. »Herr Schratt? Kann ich etwas für Sie tun? Vielleicht einen Schluck zu trinken?« Der alte Mann winkte ab. Er hatte inzwischen eine ungesunde dunkelrote Gesichtsfarbe. Jetzt deutete er auf etwas. Was meinte er nur? Hendrik blickte sich suchend um, um zu entdecken, worum es ging.
   »Taschentücher? Brauchen Sie ein Taschentuch?«
   Der Husten ließ nicht nach. Himmel, nicht dass Schratt erstickte. Vielleicht konnte er ihn aufsetzen, damit er besser Luft bekam.
   Plötzlich wurde es besser. Der Husten ebbte ab, während Schratt mit geschlossenen Augen erschöpft in seinen Sessel zurücksank. In seinen Händen knüllte er das Taschentuch, das er sich vor den Mund gehalten hatte. Es war blutverschmiert.
   Seine Stimme war leise, mehr ein Flüstern. »Sie haben die Unterlagen erhalten? Frau Budick hat Sie eingeführt?«
   Hendrik nickte. Meine Güte, der Mann war zäh. Machte einfach weiter, als wäre nichts geschehen.
   »Wir wollen den absoluten Schutz für unsere Fledermäuse, indem wir ihnen hier ein Totalreservat erschaffen. Eine schwierige, aber umso dringendere Sache, da gerade ein Golfhotel in unserer unmittelbaren Umgebung geplant ist. Völlig unvorstellbar für die empfindlichen Tiere.« Keuchend sog Schratt die Luft ein.
   Hoffentlich bekam er nicht noch einen Anfall. Hendrik starrte den alten Mann an, als dieser schwer atmend weiter sprach. »Die Fotos für den Antrag finden Sie auf dem Laptop, der Ihnen gerade ins Büro gestellt wird. Suchen Sie aus, was Sie für passend halten. Wenn Sie Fragen haben, werden Ihnen Frau Anger oder Frau Budick sicher gern zur Seite stehen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, ich brauche ein wenig Ruhe …« Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.
   Während sich Hendrik abwandte, konnte er es nicht lassen, noch einen schnellen Blick auf das Fotoalbum zu werfen, das ihn vorhin erschüttert hatte. In der geöffneten Tür blieb er stehen und betrachtete Schratt. Unglaublich, wie ein Foto die Einstellung zu einem Menschen verändern konnte.

*

Die Luft in dem engen Raum war stickig. Es war für Hans eine enorme Kraftanstrengung gewesen, sich in den Rollstuhl zu hieven und den Gang hinunter zu rollen. Doch die Arbeit wartete nicht. Bis auf das Flimmern mehrerer Monitore war das Zimmer dunkel. Kein Fenster, kein Licht. Es roch nach Schweiß. Eine Kammer, von der kaum jemand wusste, versteckt irgendwo in den riesigen Kellergewölben des großen Hauses, gesichert durch Nummernschloss und weitere Finessen.
   Es war Haaschs Reich. Hier regierte er über die zahlreichen Computer, die automatisch die Bewegungen der Zielperson aufzeichnete. Die Mustererkennung war auf dem neusten Stand. Nur die NSA, der mächtigste Geheimdienst der Welt, war ebenso fortschrittlich ausgestattet. Kabel führten säuberlich in armdicken Strängen von der Decke herab zu den Computern und ins dunkle Nichts. Hans lehnte sich in seinem Rollstuhl zurück. Haasch strich sich über die stoppelige Wangenpartie und nickte einem jungen Mann mit akkurat geschnittenem, glattem Haar zu.
   Dieser räusperte sich. »Alle Bewegungen der Zielperson sind aufgezeichnet. Unser Team hat ihn seit drei Monaten rund um die Uhr beschattet. Vorher ja nur temporär.«
    Hans nickte. Das entsprach dem Auftrag. Der Klammergriff um seine Lunge hatte sich nicht vollständig gelöst. Er musste nachher daran denken, sein Spray zu nehmen. »Was halten Sie von ihm, Haasch?«
   Der sah kurz auf. »Wird sich zeigen«, nuschelte er.
   »Ein ordentlicher junger Mann«, begann Hans wieder. »Klug und gut in dem, was er tut. Er hat ein ausgezeichnetes Examen und ist wohl ziemlich sportbegeistert. Lassen wir ihn. Das stört uns nicht.« Ein plötzlicher heftiger Hustenanfall unterbrach seine Rede. Ihm stieg die Röte ins Gesicht. Schön war es nicht, aber was sollte man machen? Seine Stimme war nur noch ein flüsterndes Krächzen.
   »Behalten Sie ihn im Auge, Haasch. Unauffällig. Ich will nicht, dass er etwas mitbekommt. Kontrollieren Sie seine Sachen, checken Sie sein Umfeld. Das ganze Programm.«
   Haaschs Schweinsäuglein zuckten kurz, während er nickte. »Geht klar, Boss.«
   Trotz seiner körperlichen Abgeschlagenheit fühlte sich Hans erfrischt, als er den Raum verließ und seinen blitzenden Rollstuhl durch das Kellergewölbe lenkte.

Die Debatte war in vollem Gange, als er dazustieß.
   »Die Leute müssen dazu gebracht werden, Abweichler, Juden, Ausländer und den ganzen anderen Abschaum zu denunzieren, damit wir schonungslos zuschlagen können. Angst ist das Stichwort.« Während des Sprechens hatte der alte Mann ausladend gestikuliert und sank nun in den grünen Lehnsessel zurück.
   Hans nickte den Anwesenden knapp zu und suchte sich einen Platz nahe der Tür. Die grelle Helligkeit einer Neonröhre erfüllte den fenster­losen Raum. Die Luft war dumpf und abgestanden. »Das ist wohl jedem hier klar. Heute kümmern wir uns um die Frage der Massenmobili­sierung. Joachim.«
   Der Angesprochene fuhr auf. Rote Flecken breiteten sich auf Hals und Gesicht aus. »Das stimmt. Also …«
   Hans schätzte Joachim von der alten Riege besonders. Er war ein unglaubliches Organisationstalent und besaß ein außerordentliches Gedächtnis. Allerdings nervte es Hans zunehmend, dass Joachim, sobald er redete, anlief wie eine überreife Tomate. Aber das lag sicherlich daran, dass man einfach zu viel Zeit miteinander verbrachte. Doch das ließ sich in der weit fortgeschrittenen Phase der Planung, in der sie sich inzwischen befanden, nun einmal nicht ändern. Seltsam, wenn man Joachim ansah, konnte man sich kaum vorstellen, mit welch unerbittlicher Härte er seine Ziele verfolgte.
   Neben ihm saß Siegfried. Ebenfalls ein altgedienter Kamerad mit unschätzbarer Erfahrung. Aufgrund seiner Leibesfülle stand ihm ständig ein Schweißfilm im Gesicht, der sich über der Oberlippe zu einem Tropfen sammelte und den er sich immer wieder wegwischte. Es war aber auch heiß hier drinnen. Wenn man wenigstens ein Fenster öffnen könnte, aber das war natürlich nicht möglich. Nur so war die notwendige Geheimhaltung gewährleistet.
   »Große Fortschritte: Die Jugendorganisationen haben einen enormen Zulauf. Die Neurekrutierung auf den Schulhöfen, in den Arbeitsämtern, den Universitäten, Einkaufszentren und Restaurants läuft hervorragend. Man kann deutlich feststellen, dass die fundierte Ausbildung der Anwerber …«
   Ein im Zimmer herumsummender Marienkäfer lenkte Schratts Blick von dem Sprechenden ab. Er konnte es nicht leiden, wenn diese überflüssigen Viecher in seiner Nähe waren.
   »… und nicht nur, um Überzeugungsarbeit zu leisten, sondern ebenfalls gleich die abgemilderten Rassenansprüche zu überprüfen.«
   Da, jetzt hatte er sich direkt vor ihm auf dem Tisch niedergelassen. Der Alte hob leicht die rechte Hand und ließ sie auf das Tier niedersausen. Er spürte, wie der Chitinpanzer zerbrach und ein entspanntes Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus.
   Alle Anwesenden hoben erschreckt die Köpfe. Joachim fing sich als Erster und fuhr in seinen Ausführungen fort. »… ODESSA hat in diesem Bereich wertvolle Arbeit geleistet. Die Mobilisierung ist nahezu abgeschlossen. Nur die Endkundgebung bedarf in diesem Komplex noch der Ausformung.«
   Siegfried zog ein kariertes Stofftaschentuch aus der Hosentasche und tupfte sich die Schweißtropfen von der Lippe und der hohen Stirn, die erst am Hinterkopf von einem schmalen Streifen verbliebenen weißen Haares begrenzt wurde. Meine Güte, wie alt er geworden war. Wenn Hans daran zurückdachte, wie sie sich damals kennengelernt hatten … Schon damals war ihm die rhetorische Begabung und Eloquenz Siegfrieds aufgefallen. Ein Gewinn für ihr Team. Auch er hatte eine eindrucksvolle Karriere hinter sich. Rücksichtnahme war ihm fremd.
   »Ich erwarte perfekte Abstimmung mit ODESSA in der Frage.« Hans atmete tief aus. »Ansonsten lasse ich dir da völlig freie Hand, Joachim. Such dir, wen du als Helfer brauchst. Sonst noch Fragen?« Sein Blick schweifte über die Anwesenden. Der Brigadeführer war nicht da. Sie erwarteten ihn heute Abend, spätestens morgen. Ein Lächeln zuckte über Schratts Gesicht, als er daran dachte, wie er auf die folgende Ankündigung reagieren würde. Hans wusste, dass sich der Brigadeführer große Hoffnungen auf den vakanten Posten machte. Er hob die Hand langsam von dem platt gedrückten Käfer. »Keine? Gut, dann das Wichtigste: Der neue Führer ist angekommen. Wir haben den idealen Kandidaten gefunden. Und noch eins: Der Countdown hat begonnen. Die Planung ist nahezu perfekt. Beim nächsten Treffen stehen die Details zu den Attentaten auf der Tagesordnung. Unsere Ehre heißt Treue!«
   Sofort kam die vielstimmige Antwort. »Unsere Ehre heißt Treue!«

*

Mit sinnend in den Nacken gelegtem Kopf saß Lazarus an seinem PC in der Redaktion des Tagesanzeigers und wartete auf eine Eingebung. Seine braunen Haare waren zu einem unordentlichen Zopf gebunden und seine grauen Augen fixierten einen Punkt in der Ferne. Heute war ein zäher Tag. Er zog sich hin wie ein zu lang gekochtes Stück Rindfleisch im Bohneneintopf seiner Mutter. Der Leitartikel gestern, den er über die Ermordung der beiden Staatsminister hatte schreiben dürfen, war nicht zu toppen. Dummerweise gab es jetzt einen Nachrichtenstopp, sodass er auch nicht viel über die bisherigen Ermittlungsergebnisse bringen konnte. Das nervte ihn. Wenn das mit der Nachrichtensperre so weiter ging, würde sein Chefredakteur Purring mit Sicherheit zustimmen, dass Lazarus mit ein paar Leuten den Hintergründen auf die Spur ging.
   Gedankenverloren griff er nach dem Teller mit seinem Lieblingsessen, der neben seinem Laptop stand. Das zarte Zusammenspiel von Marmorkuchen mit einem guten Klecks Fleischsalat kitzelte alle Geschmacksknospen. Und Lazarus schwor darauf, dass es die Kreativität anregte. Auch diesmal verfehlte es seine Wirkung nicht. Kaum hatte er den Teller abgestellt, wusste er auch schon die Überschrift für seinen heutigen Artikel: Bernsteinzimmer-Spur kalt – aufgebrochener Stollen leer.
   Und schon flogen seine Finger über die Tastatur.

Nachdenklich starrte Hendrik aus dem Fenster seines Büros. Vor ihm lagen Abhandlungen über die verschiedenen Fledermausarten in Europa. Er war hierher gekommen, weil er die Natur liebte. Er wollte etwas bewirken in dieser Welt, was Nutzen hatte. Er wollte Fußspuren hinterlassen. Die Offensive Natur schien da ideal. Sie hatte sich dem Schutz der regionalen Tierwelt verschrieben, was Hendrik überaus wichtig fand. In der Gegend hatten sich unzählige Fledermäuse eingenistet, deren Bestand jedoch durch die Zerstörung ihrer Lebensräume zunehmend gefährdet war. Allein in Deutschland waren siebzehn Arten laut Roter Liste bedroht. Insektenvernichtung, Sanierung von Altbauten, Zerstörung von Totholzbeständen und nicht zuletzt Windkraftanlagen führten dazu, dass es immer weniger Fledermäuse gab. Es war ein wundervolles Gefühl, dass er seine juristischen Fertigkeiten hier mit seiner Liebe zur Natur verbinden und einen wirklich wichtigen Beitrag zum Erhalt des ökologischen Gleichgewichts leisten konnte. Ein Totalreservat zu erschaffen, war eine große Aufgabe, aber Hendrik scheute nicht davor zurück. Herausforderungen bewirkten ein Kribbeln in ihm, als ob er kurz vor einem Fallschirmsprung stünde.
   Hendrik wollte sich wieder seinen Büchern zuwenden, da sah er ein Stück entfernt, im Wald, mehrere Männer im zügigen Dauerlauf joggen. Alle hatten die gleichen Trainingsanzüge an und kurz geschorene Köpfe. Sie sprangen über umgestürzte Bäume, ohne im Tempo nachzulassen. Nicht schlecht. Die schienen ziemlich fit zu sein. Wenn er es schaffte, wollte Hendrik auch vor dem Abendessen noch eine Runde joggen. Sport hatte er in der vergangenen Zeit schmählich vernachlässigt.
   Einer der Läufer kam ihm seltsam vertraut vor. Wenn der Mann keine Glatze gehabt hätte und nicht so sportlich gewesen wäre, hätte Hendrik schwören können, dass es sein alter Freund und Kommilitone Cornelius war, der dort wie ein Rassegaul über die Hindernisse setzte. Allerdings hätte das nicht dem Cornelius entsprochen, den er kannte, denn der war eher etwas behäbig und seine schwarz glänzenden Haare erinnerten an Krähengefieder. Auch wenn Cornelius es nie zugegeben hätte, war sich Hendrik sicher, dass er seine Haarpracht, die immer ein kleines bisschen zu lang in sein Gesicht hing, liebte. Inzwischen hatten sie sich bestimmt zwei Jahre nicht mehr gesehen. Als Cornelius an der Uni ins Straucheln kam und einen Schein nach dem anderen nicht schaffte, machte sich Hendrik Sorgen, aber Cornelius fing sich wieder und schrieb die besten Noten. Plötzlich aber, von einem Tag auf den anderen, war er weg. Er kam einfach nicht mehr zur Uni, reagierte nicht auf Anrufe, ließ sich von der Haushälterin seines Vaters verleugnen und brach sämtliche Kontakte ab. Hendrik war damals verletzt gewesen, schließlich waren sie seit Jahren die engsten Freunde und dann zog sich Cornelius ohne Erklärung ganz plötzlich zurück. Das schmerzte. Nach einer Weile lernte er, damit umzugehen, dass sein Freund nicht mehr da war. Er hatte mit seinem Studium zu tun, zog mit Liliane zusammen und jobbte nebenbei. Aber er hätte sich gefreut, zu hören, dass es Cornelius gut ging und mit ihm zu reden. Wenn er sich hier eingelebt hatte, würde er ihn anrufen.
   Er versenkte sich wieder in die Bücher und strich die wichtigsten Stellen mit einem lilafarbenen Textmarker an.

*

Philip lief im Zimmer auf und ab. Ein gewisses Maß an Unruhe konnte er einfach nicht ablegen, wenn ein Anruf vom Wolf angekündigt war. Seltsam. Dabei lief es für ihn derzeit so gut, dass er sich manchmal schon zusammennehmen musste, um nicht alle in seiner guten Laune zu umarmen und zu küssen. In solchen Momenten konnte ihm auch der tägliche Stress seines Berufes nichts anhaben. Weder die häufigen Interviews, die Fernsehauftritte noch die unzähligen Reisen. Jetzt war er voll und ganz bei dem bevorstehenden Gespräch mit dem Wolf. Das war seine Stärke. Sich absolut auf das Anstehende einzulassen. In der Wartezeit konnte er sich aber noch eine Tasse Tee bereiten.
   Die Teezubereitung entspannte und beruhigte ihn ungemein. In solchen Momenten war er ganz bei sich. Er lehnte gewöhnlichen Tee in Beuteln ab. Zunächst spülte er die Teekanne mit heißem Wasser aus. Dann nahm er den Darjeeling First Flush und maß die dunklen Krümel genau ab. Der Geruch allein war schon wunderbar. Grünen und weißen Tee und andere Modetees lehnte er ab. Tee musste dunkel sein.
   Was war denn das? Ein Fleck auf seiner hellen Krawatte? Nein, zum Glück ein Fussel, der sich problemlos wegschnipsen ließ.
   Er mochte den Wolf. Nie zeigte er Schwäche – trotz seines Alters. Allerdings war er dem Wolf noch nie begegnet. Philip kannte nur seine ölige, aber stets zackige Stimme vom Telefon. Der Tee musste exakt vier Minuten ziehen, bevor er ihn herausnehmen konnte. Er empfand es als Ehre, dass er als einer der wenigen das Privileg genoss, den Obergruppenführer bei seinem Spitznamen Wolf nennen zu dürfen. So, jetzt noch ein guter Schuss Sahne, allerdings nicht zu viel, schließlich musste er auf sein Gewicht achten, und einen Teelöffel braunen Zucker, dann war das Werk vollbracht.
   Genau in diesem Moment klingelte das Telefon. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, würde er denken, dass der Wolf ihn beobachtet hatte, um den richtigen Moment abzupassen. Ach, was für ein Unsinn. Wobei – ausgeschlossen war es nicht.
   »Haben Sie die heutige Presse studiert?« Der Wolf. Hörte sich seine Stimme heute etwas müde an?
   »Selbstverständlich. Mein Herz ging vor allem bei dem Satz auf: Wie eine Krake hat ODESSA ihre Tentakel bis tief in das deutsche Justizsystem, die rechtsextreme Neonaziszene, in internationale Geheimdienste, internationale Finanzkreise, über die ganze Welt verbreitet.«
   »Ja, gut und vor allem so zutreffend!«
   »Ein brillantes Zitat.«
   »Wie sieht es mit dem Verkauf aus?«
   »Alles in die Wege geleitet. Der Interessent hat ernsthafte Absichten. Wir sind dabei, alles zu überprüfen. Die nächsten Treffen stehen an.« Philip strich sich über das glatt rasierte Kinn.
   »Gut. Und dann kümmern Sie sich um das Voranschreiten der Operation Phönix, Brigadeführer. Sehen Sie den Leuten auf die Finger. Ein wenig Druck und so weiter. Ich erwarte Meldung von Ihnen.«
   Ein Klicken war zu hören. Der Wolf hatte aufgelegt. Ein zufriedenes Lächeln kräuselte sich auf Philips Lippen. Bald schon würde er als der mächtigste Mann der Welt dastehen. Der Größte von allen. Der neue Führer des Deutschen Reiches.

*

»… sodass bei dem Anschlag auf die Dönerbude am Alexanderplatz in Mitte ein Mensch starb und vier schwer verletzt wurden. Einer von ihnen schwebt immer noch in Lebensgefahr. Die Polizei schließt einen rechtsterroristischen Hintergrund der Tat nicht aus.« Kopfschüttelnd las Lazarus den Artikel seiner Kollegin Martina Glander. Das konnte doch kein Zufall sein, dass jetzt ein Anschlag nach dem anderen folgte. Auch hier wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Jetzt reichte es ihm. Schwungvoll schob er seinen Drehstuhl beiseite und machte sich auf den Weg zu Purring.
   Der Tisch seiner Sekretärin war verwaist. Die temperamentvolle rothaarige Fanny hatte heute ein paar Stunden freigenommen, um ihren riesigen Hund Berni impfen zu lassen. Andere machten so etwas in ihrer Freizeit, aber Madame bekam eine Extrawurst. Kam häufiger vor, seitdem Fanny und Purring vergangenes Jahr eine heiße Affäre von drei Wochen hatten, wie man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte. Nun gut, ging ihn ja nichts an. Lazarus klopfte an den Rahmen der offen stehenden Tür.
   Purring hing wie immer am Telefon. Er warf ihm einen kurzen Blick zu, winkte ihm, einzutreten und ließ sich ansonsten nicht in seinem Gespräch stören. »… genauso machen wir das. Klasse. Ja, ich bin dabei.«
   Das Gespräch schien den Erwartungen des Chefs entgegenzukommen. Nicht ungünstig für Lazarus’ Anliegen.
   »Nein, nein, nein, nein, nein! Das kommt nicht infrage. Ich habe doch eben gesagt … Das muss ich mir nicht anhören. Sie können mich mal kreuzweise, verstanden?« Purring schleuderte sein Handy quer über den Tisch, sodass es Lazarus in den Schoß plumpste. Mit spitzen Fingern nahm er es und legte es auf den Schreibtisch.
   »Dieser hirnverbrannte Idiot. Manchmal mag man gar nicht glauben, was für Schwachköpfe frei herumlaufen dürfen. Mannomann.« Er schnaufte. »Und was wollen Sie, Schöneberger?«
   »Das kommt jetzt vielleicht ein bisschen ungelegen, aber ich würde gern mögliche Zusammenhänge zwischen dem Dönerbudenanschlag und dem Mord an den Staatsministern untersuchen. Ich habe gedacht, wenn Sie mir vielleicht zwei oder drei Leute zur Seite stellen, haben wir schon morgen oder übermorgen knackige neue Schlagzeilen an der Hand.«
   Die dicke Ader auf Purrings Stirn pochte.
   »Ich bin mir fast sicher, dass unsere Täter in der rechtsextremistischen Szene zu Hause sind. Sollte nicht allzu schwer sein, den einen oder anderen Zeugen zu finden.«
   Purring sagte immer noch nichts.
   Irritiert versuchte Lazarus, erneut nachzulegen. »Ich könnte schwören …«
   »Nein!«
   »Wie bitte? Ich wollte sagen …«
   »Nein, habe ich gesagt und dabei bleibt es. Sie bleiben schön an der Bernsteinsache dran und alles andere wird sich finden.« Purring griff schon wieder nach seinem Handy, aber so leicht ließ sich Lazarus nicht abwimmeln.
   »Hören Sie, Chef, wenn Sie mir einen Tag Zeit geben könnten …«
   »Ich habe mich klar ausgedrückt, Schöneberger. Und jetzt an die Arbeit!« Damit drehte sich Purring zur Wand und tippte eine Nummer ein.

*

Siegfried tupfte sich die Schweißtropfen von den Lippen.
   Das dauerte heute wieder. Endlich ging die schwere Tür auf und Schratt, auf den alle gewartet hatten, fuhr im Rollstuhl in den grell beleuch­teten Raum, der voller Karten, großen, eng beschriebenen Zetteln und Fotos hing. Ihr Planungshauptquartier, wenn man so wollte.
   Schnell schob Siegfried den Halsbonbon, den er vor zwei Minuten in den Mund genommen hatte, mit der Zunge beiseite, bevor er das Wort ergriff. »Heute wollen wir die Erklärung der Machtübernahme inklusive Vorstellung des neuen Führers und Darstellung der Infiltrie­rung näher beleuchten. Aber zunächst hat Gerd von den neusten Entwicklungen noch Meldung zu machen.« Er nickte dem Mann, der eine Kaffeetasse hielt und darin rührte, auffordernd zu. Gerd war ein enger Vertrauter vom Wolf. Der hatte auch festgelegt, dass Gerd mit im Team war. Eine gute Entscheidung, wie sich herausgestellt hatte, denn Gerd war ein brillanter Analyst. Was hatte Gerd gerade gesagt? Siegfried musste sich besser konzentrieren, schließlich leitete er heute die Sitzung.
   »… die zunehmende Arbeitslosigkeit und die daraus resultierende Perspektivlosigkeit spielt uns mehr als alles andere in die Hände. Die Leute wollen wieder Halt, Lenkung, wollen jemanden, der ihnen sagt: Wir machen es so, und dann geht es euch wieder gut. Und genau diese Lücke füllen wir aus und haben einen derart enormen Zulauf, dass die Zahlen die kühnsten Erwartungen massiv übertreffen.« Während seiner kurzen Rede hatte Gerd den Kaffeelöffel weggelegt, um eine Hand zum Gestiku­lieren freizuhaben. Offensichtlich war seine Rede jetzt beendet, denn der Löffel befand sich schon wieder rührend zwischen seinen Fingern.
   Siegfried ergriff das Wort. »Das sind doch erfreuliche Nachrichten. Und um die guten Nachrichten nicht abreißen zu lassen, kann ich mitteilen, dass es Joachim gelungen ist, für den Tag der Machtübernahme das Berliner Olympiastadion zu bekommen. Es war nicht leicht, weil die vorherige Veranstaltung nur mit Ausspielung aller Kontakte gekippt werden konnte, aber da sieht man wieder, wie gut es ist, überall Sympathisanten sitzen zu haben. Offiziell läuft das Ganze selbstverständlich unter einem anderen Namen, um niemanden aufzuschrecken, den das nichts angeht. Aus Spaß an der Freude haben wir es Tag des deutschen Aufbruchs genannt.«
   Jetzt regte sich Schratt. »Machen wir weiter. Wesentlich sind die Inhalte, die wir an diesem Abend in allen Reden und Kanälen verknüpfen müssen. Wirtschaftskrise, Fremdenfeindlichkeit, Hetze gegen Hartz IV, Mehr­wert­steuererhöhung, steigende Gesundheitskosten, wachsende Terrorgefahr. Halt alles, was die Leute stört. Damit sind wir auf der sicheren Seite.«
   »Genau!« Joachim redete sich in Begeisterung. »Der permanente Wahlkampf, die Aufpeitschung der Mas­sen, das beliebte Intrigenspiel in der Politik und Ausschal­tung aller Kräfte, welche die Republik beschützen sollen.«
   »Der Führer muss die großen Ängste ansprechen. Arbeitslo­sig­keit, Verarmung, Fremde, Frust über die wirt­schaft­liche Lage, Insolvenzen, Globalisierung, Unterlegenheitsgefühl gegenüber an­deren Völkern. Am besten auch noch die Moslems erwäh­nen.« Siegfried kam ins Schwärmen. »Aber natürlich muss er auch die Perspektive durch uns aufzeigen. Neue Ziele, Abschaffung der Arbeitslosigkeit, Vollbeschäftigung, sozialer Aufstieg für alle, bessere Fürsorge und so weiter und so fort.«
   »Inwieweit ist für die Schulung des Führers gesorgt?«
   »Selbstverständlich optimal«, fuhr Hans auf. »Allerdings muss alles behutsam erfolgen. Wir wollen ihn mit der neuen Verantwortung nicht überrennen.«
   »Der Führer muss auch die Blutgruppen-Tätowierung bekommen. Damit man klar erkennen kann, dass er zu uns gehört.«
   »Was soll denn das? Meinst du, dass jeder erst einmal seine Achselhöhle beschnüffelt, bevor er ihn anerkennt? Nein, nein, das hat Zeit. Wer kümmert sich um die Neuanlage der Konzentrationslager? Wie soll der neue Name sein? Wie weit sind wir?« Schratt wurde von einem heftigen Hustenanfall unterbrochen.
   Siegfried seufzte. Sah aus, als würde das heute noch eine lange Sitzung werden. Danach würde er ein paar Kaninchen abknallen gehen. Liefen ja genug von den Dingern auf dem Gelände herum und es war so wunderbar entspannend.

*

Hans hatte den Weg in den Geheimraum im Kellergewölbe erneut auf sich genommen. Während der Film lief, saßen alle nahezu bewegungslos in dem stickigen Raum. Um sie herum standen mehrere Monitore und zahlreiche Computer. Jeder von ihnen zeichnete automatisch die Bewegungen der jeweiligen Zielperson auf.
   Er lehnte sich in seinem Rollstuhl zurück, während Haasch einem der Überwacher zunickte.
   Dieser hüstelte kurz. »Sein Vater ist mit einem Flittchen durchgebrannt und ließ die Familie allein zurück. Seitdem schleppt der Mann haufenweise junge Mädels an und gibt sich als Sugardaddy, während die Familie mit dem Geld zu knapsen hat. Verhärtete Fronten. Beide Juristen. Römer will seinen Vater unbedingt übertrumpfen. Trotzdem ist die Gerechtigkeit ein großes Thema für ihn. Er ist hervorragender Kendo-Kämpfer, überaus zielorientiert, aber ein schlechter Verlierer. Das engste Verhältnis hat er zu seiner jungen Freundin, mit der er auch in Berlin zusammenwohnt. Sind beide bei Greenpeace engagiert.«
   »Wie ist ihr Name, was macht sie?«
   »Liliane Hildebrand, Friseurausbildung im Salon Köpfchen, will Maskenbildnerin werden.«
   »Na, das ist doch was, danke Guido.« Hans war zufrieden. »Und wie läuft es an der Überwachungsfront in Bezug auf unseren jungen Freund?«
   »Sachen sind durchsucht. Alles fotografisch erfasst. Handy ist verwanzt. Klaus, bist du schon dazu gekommen, ihn ein wenig aus der Reserve zu locken?« Haasch fixierte nun den bisher unruhig mit einem Stückchen Papier herumspielenden Mann mit den sandfarbenen Haaren.
   »Hatte leider noch keine Gelegenheit, aber ich bleibe am Ball. Spätestens morgen verpasse ich ihm ein paar.« Klaus’ Augen funkelten in Vorfreude. »Sachte. Du hältst dich zurück, ist das klar? Der Mann wird noch gebraucht«, sagte Hans.
   Klaus nickte unverbindlich, während er wieder begann mit dem Papierfetzen herumzuspielen.
   »Alles klar. Ich informiere ODESSA und ihr behaltet unseren Kandidaten im Auge. Gute Idee mit dem Kampf, Haasch. Weiter so. Und besorgt mir die Adres­se von der Kleinen.«
   Ein knappes Nicken aller bestätigte Hans, dass er es mit Profis zu tun hatte.

*


Lazarus’ Frustration über die Absage Purrings hatte nicht allzu lang angehalten. Zwar war er immer noch erstaunt über die harsche Gegenwehr seines Chefs, aber dann würde er eben auf eigene Faust recherchieren. Seit er mit dreizehn Jahren den Film »Die Unbestechlichen« mit Dustin Hoffman und Robert Redford gesehen hatte, war ihm klar, dass auch er nur als investigativer Journalist leben konnte. Ein Coup wie der Watergate-Skandal war ihm leider noch nicht untergekommen, aber irgendwann würde auch seine große Stunde schlagen. Vielleicht ja jetzt schon? Lazarus spürte deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen den Morden an den Staatsministern und dem Dönerbudenanschlag gab, auch wenn er noch keine Beweise hatte. Allerdings war er bei seiner Suche auf eine interessante Tatsache gestoßen. Es gab Hinweise darauf, dass ODESSA, eine alte Naziorganisation, die seit Jahrzehnten als zerschlagen galt, wieder aktiv war. ODESSA war die Abkürzung für Organisation ehemaliger SS-Angehöriger und die zentrale Fluchtorganisation der Nazis. Tausende von Nazis fanden damals in Lateinamerika sichere Fluchtländer. Über die Rattenlinien, die Fluchtrouten führender Vertreter des NS-Regimes, flohen sie unter aktiver Beteiligung hochrangiger Vertreter der katholischen Kirche über Italien nach Südamerika. Interessanterweise endete die Arbeit von ODESSA nicht nach Abschluss der Umsiedelung, wie bisher angenommen wurde, sondern sie florierte offenbar in den Weiten Argentiniens, Chiles und anderer Länder munter weiter. Die Nazischergen lebten dort froh und unbehelligt in größeren Kolonien. Peu à peu sickerten sie nach vielen Jahren mit gefälschten Papieren wieder im neuen Deutschland ein, ohne dass es jemandem auffiel. Sie hatten immense Goldvorräte mitgenommen und fähige Fälscher an der Hand. Es waren die netten alten Leutchen von nebenan, die sich aber einmal jährlich zu konspirativen Treffen in Schweden oder Dänemark versammelten. Dort standen in den verregneten Herbstmonaten die Ferienhaussiedlungen leer und die Eigentümer freuten sich über einen Haufen solventer Mieter.
   Erstaunlich an der ganzen Sache war, dass es zahlreiche Zeugenaussagen gab, aber die Öffentlichkeit völlig ahnungslos war. Hätte Lazarus nicht seine Quellen, hätte auch er nichts davon gewusst. Zumindest die Regierung schien zu wissen, dass die Seilschaft immer noch existierte. Allerdings stieß Lazarus auf eine Wand des Schweigens, wenn er genauer nachfragte. Keiner seiner Kontaktleute, keine Polizeidienststelle, keine Behörde wollte seine Erkenntnisse kommentieren. »Das entzieht sich unserer Kenntnis.« und »Wie kommen Sie denn darauf? Davon haben wir noch nie etwas gehört.« waren die Standardantworten.
   Lazarus starrte auf den Computermonitor, auf dem inzwischen der Bildschirmschoner aktiv war. Die virtuellen Fischlein schwammen munter in ihrem Aquarium herum.
   »Ich fresse einen Besen, wenn ODESSA bei den Anschlägen nicht die Hände im Spiel hat«, murmelte Lazarus. Er überlegte kurz, ob er mit seinen Rechercheergebnissen noch einmal zu Purring gehen und ihn bitten sollte, jetzt eine eingehendere Untersuchung anzuleiern, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. Auch wenn er mit der Zeitung im Hintergrund ganz andere Resultate erzielen konnte, glaubte er nicht daran, dass Purring zustimmen würde.