Nach Jahren im Ausland kehrt Antonia Bader nach Deutschland zurück, um ihr Erbe anzutreten. Das malerische Landhaus am Tegernsee konfrontiert sie mit bunten Erinnerungen an ihre Jugend - aber auch mit Ungereimtheiten und Rätseln. Sie kommt den esoterischen und sexuell freizügigen Umtrieben einer kultischen Vereinigung auf die Spur, dessen Lenker offenbar niemand anderer als ihr verstorbener Ziehonkel war. Tatendurstig ergründet Antonia seine Geheimnisse. Doch was als Abenteuer beginnt, entwickelt im Umfeld des Kults ein gefährliches Eigenleben. Als Antonia eine grausige Entdeckung macht, muss sie um ihr Leben fürchten …

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ISBN: 978-9963-52-018-3

Seiten: 254

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Thomas Josef Neumeier

Thomas Josef Neumeier
Thomas Josef Neumeier lebt und arbeitet als Bürokaufmann und Schreiberling im malerischen Altmühltal im Herzen Bayerns.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Die Begegnung

»Wollen Sie mir sagen, dass er ermordet worden ist?«
   »In der Tat«, bestätigte der Notar mit verkniffener Miene. »Es war mir ein Anliegen,
   Ihnen dieses makabere Detail seines Ablebens von Angesicht zu Angesicht zu unterbreiten, daher habe ich es in meinem Brief nicht angeführt. Es tut mir leid, Frau Bader. Ich habe Ihren Onkel sehr geschätzt. Wir waren befreundet.«
   Antonia erhob sich aus dem weiß gemusterten Chintz-Sessel und trat an eins der beiden Fenster des überschaubaren Büroraumes. Es lag im obersten Stockwerk eines Mehrparteienhauses, das sich zwei Physiotherapeuten, ein Grundstücksmakler und der Notar Dr. Hans-Hermann Märzen teilten. »Wie ist es passiert?« Ihr Blick glitt über malerisch verschneite Dächer unter einer goldenen Sonne. Es war ihr erster Aufenthalt in dem schmucken bayerischen Voralpenstädtchen Bad Aibling.
   »Nun, Fred ist erdolcht worden. Mir liegt eine Stellungnahme der Polizei vor, die ich Ihnen selbstverständlich nicht vorenthalten möchte. Einen Augenblick, bitte.«
   Antonia wandte sich wieder dem Notar zu, als dieser einen Umschlag aus einem Schubfach seines Schreibtisches nahm.
   »Der Mörder sitzt mittlerweile in Stadelheim«, merkte er an, während er den Umschlag über die aufgeräumte Tischfläche vor Antonias leeren Sessel schob. »Er und Fred hatten einen Streit, der … nun ja, tragisch eskaliert ist.«
   Ohne Eile kehrte Antonia zum Tisch zurück, scheute sich aber, den Umschlag aufzunehmen. »Das Verbrechen ist demnach aufgeklärt?«
   Dr. Märzen nickte. »Aber ja, gewiss doch. Der Täter ist überführt worden und hat ein ausführliches Geständnis abgelegt. Kommen wir nun also zu Ihrem Erbe, Frau Bader. Fred Glasner hat Ihnen nicht weniger als all seine weltlichen Besitztümer vermacht.«

Kapitel 1

Die Gemeinden Gmund und Bad Wiessee am Tegernsee lagen unter einer dicken Schneedecke, die der seit Silvester anhaltenden Januarsonne standhaft trotzte. Die Straßen waren geräumt, die Verkehrsschilder leserlich, trotzdem fand sich Antonia nicht auf Anhieb zurecht. Beide Ortschaften waren seit ihrem letzten Besuch gewachsen. Da es die Verkehrslage erlaubte, schweiften ihre Blicke zu einem neu entstandenen Spielkasino, das man wenig fantasievoll Bayerische Spielbank Bad Wiessee betitelt hatte, wie ihr ein Schild mit geschwungenen Lettern verriet. Äußerlich machte es den Eindruck eines recht noblen Hauses. Antonia hielt nicht viel von solchen Etablissements. Das Freihaus Brenner mit seinen deftigen bayerischen Schmankerln am Westende lockte sie deutlich mehr. Ihr Ziel lag in dessen Nähe.
   Sie war das letzte Mal vor fast zehn Jahren in Bad Wiessee gewesen und hatte ihren letzten recht kurzen Aufenthalt noch sehr genau in Erinnerung. Ein paar Tage nach ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag hatte sie ein Zeitpensum von etwa einer halben Stunde erübrigt, um sich von Onkel Fred zu verabschieden. Eine persönliche Abschiedszeremonie hatte sie für angebracht erachtet, hatte sie doch eine ganze Weile unter seinem Dach gewohnt. Am Tag nach der Verabschiedung war sie Deutschland mit nicht viel mehr als ihrer Fotoausrüstung abtrünnig geworden.
   Die längste Zeit der vergangenen zehn Jahre hatte sie in Afrika zugebracht, die letzten drei in Australien. Dank Internet hatte sie den Kontakt mit ihrem Ziehonkel während all der Jahre aufrechterhalten können, doch hatten sie nicht öfter als ein- oder zweimal im Jahr kommuniziert. Für mehr hatte es keinen Anlass gegeben. Sie hatten einander nie nahe gestanden, obwohl er ihr einziger verbliebener Verwandter war. Sie hatte sich in den vergangenen Jahren oftmals vorgestellt, wie sie ihn eines Tages besuchen käme und ihm in seinem Kaminzimmer bei Malventee und englischem Gebäck eine eindrucksvolle Fotomappe präsentierte. Dabei wollte sie ihm ausführlich von ihren Abenteuern in der afrikanischen Savanne und ihren Tauchgängen mit den südpazifischen Haien erzählen. Dass es zu diesem Szenario niemals kommen würde, hatte ihr der Brief eines deutschen Notars veranschaulicht, der sie vor knapp einer Woche in Sydney erreicht hatte. Sie hatte ihrem Freund Duane die Sache erklärt und umgehend einen Flug nach München gebucht.
   Antonia war neugierig, inwieweit sich der Ortskern Bad Wiessees verändert hatte, doch für eine Besichtigung war später noch Zeit. Sie verließ die B 318 an der Abfahrt Auerstraße, der Verlängerung der Zufahrtsstraße, die am Freihaus Brenner vorbei zu Onkel Freds altem Herrenhaus führte. Als es in Sichtweite kam, verlangsamte Antonia und ließ den Anblick auf sich wirken. Selbst im Erwachsenenalter machte das Gebäude Eindruck auf sie. Wie die Burg eines Vogts stand es erhaben mit einem gepflogenen Abstand außerhalb der Ortschaft, und seine zahlreichen Fenster reflektierten die winterliche Mittagssonne. Es sah noch so aus, wie Antonia es sich ins Gedächtnis eingebrannt hatte. Kein Gartenzaun grenzte das Grundstück ein. Ein solcher würde die Kulisse zerstören, hatte Onkel Fred immer gesagt. Er hatte recht. Durch das Fehlen einer klar gezogenen Begrenzung, die geltende Besitzansprüche unmissverständlich gemacht hätte, ging das holzfarbene Doppelstockhaus harmonisch in seiner Umgebung auf. Weiß beflockte Büsche und Sträucher lagen ihm ringsum zu Füßen, zum Ort hin und etwas abgesenkt bedeckte ein weißer Schneeteppich die Äcker und Wiesen. An der entgegengesetzten Gebäudeseite streifte tiefes Gehölz das Glasner-Grundstück. Der Wall aus Bäumen überragte das Gebäude ein paar Meter.
   Mit dem Wald verband Antonia ebenfalls lebhafte Erinnerungen. Onkel Freds Waldhütte stand etwa einen Kilometer waldeinwärts. Sie hatte sich dort oft mit ihrem Freund Matthias zu einem sexuellen Stelldichein getroffen. Das hatte einen wunderbar romantischen Anstrich gehabt. Bis zu dem Tag, an dem Onkel Fred sie ertappt und aus der Hütte gejagt hatte. Fortan hatte er den Schlüssel vor ihr versteckt, und Antonia und Matthias mussten sich nach Alternativen umsehen.
   Antonia parkte ihren Mietwagen vor der bogenförmigen Eingangspforte und kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüsselbund, den ihr Dr. Märzen ausgehändigt hatte. Der Pfortenschlüssel war unverkennbar. Er war das auffälligste der sechs Exemplare, aus Messing gegossen, etwa zehn Zentimeter lang und mit einem mächtigen Bart versehen. Die anderen fünf Schlüssel waren kleiner und gewöhnlicher. Antonia wusste nicht, zu welchen Schlössern sie gehörten, aber sie würde es herausfinden. Einer passte unter an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Jagdhütte, ein weiterer zur Garage nebenan, wo laut Dr. Märzen Onkel Freds Sportwagen, ein Audi TTS, aufwartete. Sie hatte vor, den Wagen schnellstmöglich zu veräußern, um mit dem Erlös einen Teil der fälligen Erbschaftssteuer aufzubringen.
   Beim Eintritt in die mit dunklem Holz vertäfelte Eingangshalle schlug ihr eisige Kälte entgegen. Draußen vermochte die Sonne über die klirrenden Temperaturen des deutschen Winters hinwegzutäuschen, doch im Hausinneren konnte dem allenfalls eine funktionierende Heizung entgegenwirken. Antonia wollte umgehend in Erfahrung bringen, wie es um eine solche bestellt war. In ihren Knochen steckten noch die Temperaturen des australischen Sommers, entsprechend unbarmherzig empfand sie diesen frostigen Empfang.
   Das kalte Gewand stand dem Haus nicht gut, entfremdete es. In den drei Jahren, in denen sie hier zu Hause gewesen war, hatte sie kein einziges Mal frieren müssen. Onkel Fred hatte immer viel Wert auf eine warme Stube gelegt. Die zwanzig Zimmer verschlangen eine Menge Heizkosten, doch er hatte es sich leisten können. Antonia hatte nie genau erfahren, wie er zu seinem Wohlstand gekommen war, aber Onkel Fred betreute eine Menge wohlhabender Klienten.
   Jeder Atemhauch fabrizierte eine Dunstwolke. Antonia sah sich in der vertrauten, doch wegen der gegenwärtigen Umstände seltsam fremd wirkenden Empfangshalle um. Die in die Wandvertäfelungen eingearbeiteten Gemälde und Fresken waren noch dieselben, wie der leicht muffige Geruch alter Möbelstücke und die sicher nach wie vor knarrende breite Treppe, die zum ersten Stock emporführte. Wenigstens diese Eigenheiten hatte das Haus beibehalten, wo ihm die gastliche Wärme abhandengekommen war. Es wirkte abweisend und fremd.
   Bei nüchterner Betrachtung hatte Antonia natürlich damit rechnen müssen, ein derart wenig einladendes Gebäude vorzufinden. Onkel Freds Tod lag immerhin bereits sieben Monate zurück, und seither hatte sich vermutlich niemand mehr um das Haus gekümmert. Sie hatte bei der Vorstellung an die Rückkehr in dieses Gemäuer dennoch an geheizte Zimmer gedacht, an prasselndes Kaminfeuer und warmes Wasser.
   Ob zumindest letztere Annehmlichkeit gegeben war, wollte sie sogleich überprüfen und strebte die im Parterre gelegene Küche an. Sie drehte an der Spüle an beiden Hähnen, doch Wasser ließ auf sich warten. Die Leitungen waren vermutlich eingefroren.
   Antonia wurde schnell klar, dass an einen Einzug in dieses Gebäude wohl nicht so bald zu denken war. Zwar hatte die Polizei bei der Hausdurchsuchung im vergangenen Mai nicht so gewütet, wie sie befürchtet hatte, doch in keinem der drei Badezimmer war Wasser zu bekommen. Antonia hatte den Wasserregler im Keller noch nicht überprüft. Sie ging nicht davon aus, dass einer der Beamten vorausschauend genug gewesen war, das Wasser abzudrehen. Unter Umständen musste das gesamte Rohrleitungssystem erneuert werden. Für derart umfassende Renovierungsmaßnahmen hatte sie kein Geld. Ebenso wenig für eine Putzkraft, die dieses Schloss wieder auf Vordermann brächte.
   Von der fortgeschrittenen Vernachlässigung des Gebäudes zeugte außerdem eine allgegenwärtige Staubschicht. Onkel Fred hatte wechselnde Haushälterinnen beschäftigt, doch nach seinem Tod hatte diese Pflicht offensichtlich niemand fortgeführt.
   
   Onkel Fred hatte in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert. Fast alle Räume wiesen noch dasselbe Mobiliar auf. Selbst dieselben Vorhänge umrahmten die Fenster, lediglich ein paar Wandbehänge waren erneuert worden. Auf einer Büste über dem Türstock des Kaminzimmers saß stolz wie immer der ausgestopfte Rabe, der mit seinen schwarz schimmernden Augen erhaben und mahnend ins Zimmer stierte. Antonia hatte erst ein paar Jahre nach ihrem Auszug herausgefunden, dass hinter seiner Gegenwart eine literarische Bedeutung steckte und sie einmal mehr Onkel Freds makaberen Sinn für Humor widerspiegelte.
   Als sie den Keller besichtigte, erlebte sie zwei Überraschungen. Die erste im Heizungskeller, wo tatsächlich jemand den Wasserregler bedient hatte, was in Aussicht stellte, dass die Wasserleitungen in Ordnung waren. Antonia war dieser fraglichen Person sehr dankbar.
   Die zweite Überraschung erlebte sie am Zugang in jenen Raum, den Onkel Fred immer die Kapelle genannt hatte. Sie hatte bereits den Schlüsselbund in der Hand und wog ab, mit welchem sie es zuerst versuchen sollte, als sie bemerkte, dass die Tür nur angelehnt war. Das verwunderte sie, denn Onkel Fred hatte diese Tür ständig verschlossen gehalten. Immerhin führte sie in sein persönliches Allerheiligstes. Wahrscheinlich hatten die Polizisten sie offen gelassen.
   Antonia erkannte, dass das Schloss aufgebrochen worden war. Wie es aussah, hatte die Polizei mit einem Vorschlaghammer gewütet.
   Onkel Freds Kapelle bestand aus einer einzigen Räumlichkeit. Jeder der sieben Lichtschalter tauchte jeweils nur einen Teil des Saales ins Licht. Sie betätigte alle. Violette Vorhänge hier und da, Tische und Polstergarnituren in unterschiedlichen Formen sowie eine Anzahl von Stützsäulen und Rundbögen machten den Raum ziemlich unübersichtlich, doch Antonia wusste um seine Beschaffenheit. An einer Seite gab es drei oder vier Duschhähne und einen gefliesten Wasserablauf. Die anderen Bodenteile des Raumes bestanden aus Marmor. Sein Herzstück war eine Art Altar, allerdings keiner wie man ihn in Kirchen vorfinden würde. Es war ein mannsgroßer steinerner Quader ohne Verzierungen. Gegenwärtig fand er sich von purpurnem Saum überzogen. Antonia verband mit diesem Opfertisch ihr bizarrstes sexuelles Erlebnis. Sie und Matthias waren dabei nicht allein gewesen. Fünf in braune Mönchsroben gewandete Gestalten hatten sich um sie herum aufgereiht und in einer seltsamen Sprache sakral vor sich hingeredet, während sie und Matthias in ihrer Mitte ihr Liebesspiel zelebrierten.
   An der nächsten Wand fand sich ein großes, aufgemaltes Bildnis des Heiligen Franziskus. To honor Francis stand in verzierten Lettern darunter. Was ausgerechnet er in diesem Raum zu suchen hatte, war Antonia schon damals ein Rätsel gewesen, zumal Onkel Fred nie den Anschein erweckt hatte, dass ihm an der klerikalen Heiligkeit etwas lag. Doch Widersprüche hatten dem Exzentriker, der er zweifellos gewesen war, durchaus gut gestanden.

Kapitel 2

Antonia hielt an ihrem Vorhaben fest, fürs Erste in ein örtliches Hotel zu ziehen. In Bad Wiessee gab es eine Handvoll davon, dazu ein paar Pensionen. Im Sommer war es laut Webseite des Touristikbüros angeraten, rechtzeitig zu buchen, da die Suche vor Ort geringen Erfolg versprach. Im Winter sollte es diesbezüglich weniger Probleme geben, da die zahlreichen Skifahrer, die der Ort anlockte, überwiegend Tages- oder Wochenendgäste waren.
   Nachdem sie überall im Haus vorsichtig die Heizungen aufgedreht hatte, fuhr Antonia in ihrem Mietwagen Richtung Ortszentrum. Sie beschloss der Aussicht wegen, eines der beiden am See gelegenen Hotels zu frequentieren. Das größere und namhaftere war der Seegutshof, das andere die Seeperle.
   In Sachen günstigerer Lage hatte der Seegutshof das Rennen gemacht, da er nicht unmittelbar an weitere Bauten grenzte und somit einige Freiheiten zu weiteren baulichen Entfaltungen genoss. Das Hotel war schon zu Zeiten, als Antonia noch in Bad Wiessee gewohnt hatte, das bekannteste der Umgebung gewesen. Wenn man den Webseiten glauben durfte, hatte sich das noch gesteigert. Sowohl der Seegutshof als auch die Seeperle genossen mittlerweile den Terminus Wellness- und Thermenhotel. Antonias wählte die Seeperle, weil sie die Chefin des Seegutshofes als ziemlich eingebildet in Erinnerung hatte.

Nur eine Handvoll Autos beanspruchten den Parkplatz der Seeperle, als Antonia vorfuhr. Der Abend kündigte sich an, und in den Nadelhölzern, die die lange Vorderfront des Gebäudes zierten, leuchteten zahlreiche Lichter. Weitere Lichterketten fanden sich um die Parterrefenster.
   Sie strebte mit ihren zwei Koffern die Pforte an. An der Rezeption musste sie klingeln, bevor eine Hotelangestellte erschien. Es war eine dickliche Blondine, die ihr aus unerfindlichen Gründen bekannt vorkam.
   »Guten Tag«, grüßte sie. »Haben Sie reserviert, Frau …?«
   »Bader«, antwortete Antonia. »Antonia Bader, und nein, ich habe nicht reserviert. Haben Sie trotzdem ein Zimmer für mich?«
   Die Blonde musterte sie ein paar Herzschläge lang abschätzig. »Ja, gewiss. Darf es ein Einzel- oder ein Doppelzimmer sein?«
   Duane hatte in Aussicht gestellt, schnellstmöglich nachzureisen, doch wann er hier sein würde, stand noch in den Sternen. Darüber hinaus konnten sie, falls Wasser und Heizung wie erhofft funktionierten, ins Glasner-Haus ziehen.
   »Ein Einzelzimmer, wenn möglich mit Seeblick«, sagte sie, während sie die beiden Worte auf dem goldenen Brustschildchen der Frau las. Frau Fassbinder. Antonia fiel es im selben Augenblick wie Schuppen von den Augen, Coletta Fassbinder. Sie war zu Antonias Aufenthalt in Bad Wiessee eine Schönheit und das plakative Aushängeschild des örtlichen Trachtenvereins gewesen. Die Zeit war jedoch nicht allzu wohlwollend mit ihr umgesprungen, wie Antonia fand. Es waren nicht die mindestens achtzig Pfund Übergewicht, die ihr die Aura einer Gestrandeten verliehen, sondern der routiniert freundliche aber ebenso leere, desillusionierte Gesichtsausdruck. Es war der Ausdruck eines Menschen, der nicht mehr für seine Träume kämpfte, sondern sie längst aufgegeben hatte. Antonia hatte ein Auge für solche Dinge, und zumeist lag sie mit ihren Einschätzungen richtig. Coletta müsste etwa siebenunddreißig sein. Sie hätte genauso gut siebenundvierzig oder siebenundfünfzig sein können. Coletta spiegelte das von Duane benannte Phänomen wider. Mit zwanzig sehen alle Frauen gut aus. Die Kunst besteht darin, eine zu finden, die auch mit vierzig noch gut aussieht. Antonias Blick fiel auf ihr Spiegelbild, das die schwarz glänzende Marmoroberfläche des Rezeptionstisches zurückwarf. Sie war zufrieden mit dem, was sie sah. Blondiert hätte sie es in Afrika mancherorts ein wenig einfacher gehabt, doch sie hatte immer zu ihrem holzfarbenen Haar gestanden. Ihre kleinen Brüste hatte sie ebenfalls nie als Makel betrachtet. Ja, sie war zufrieden mit sich. Bis zu ihrem Vierzigsten hatte sie noch acht Jahre durchzuhalten.
   »Ein Einzelzimmer mit Seeblick, sehr gern«, bestätigte Coletta. »Über welchen Zeitraum?«
   »Drei Übernachtungen mit der Option auf Verlängerung, wenn möglich.«
   »Das ist selbstverständlich machbar. Vollpension, Halbpension oder nur Frühstück?«
   »Halbpension«, entschied Antonia, ohne lange zu überlegen.
   Coletta überreichte ihr eine Schlüsselkarte. »Zimmer 131, erster Stock. Frühstück gibt es jeden Morgen zwischen sieben und zehn Uhr, das Abendessen wird ab achtzehn Uhr gereicht. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in der Seeperle, Frau Bader.«
   Frau Bader hatte Coletta nur zögerlich hinzugefügt. In jüngeren Jahren hatten sich die beiden flüchtig gekannt. Coletta hatte die halbwüchsige Waise, die vor fünfzehn Jahren für die Bad Wiesseer überraschend bei Fred Glasner eingezogen war, augenscheinlich nicht vergessen. Da Antonia im Augenblick nicht durchsickern lassen wollte, dass sie Coletta ebenfalls wiedererkannt hatte, sagte sie einfach nur »Danke« und machte sich mit ihren Koffern zu einem nahen Fahrstuhl auf.
   Antonia fand das Hotel sehr geschmackvoll ausgestattet. Im ersten Stock visierte sie auf goldblauem Teppich die Nummer 131 an. Unaufdringliches Licht aus Wandlampen auf geschwungenem Messing geleitete sie.
   Ihr Zimmer konnte sich ebenfalls sehen lassen. Fast noch besser war der Balkon. Aufgrund der Temperaturen würde sie dort zwar nicht viel Zeit verbringen, doch er bot einen herrlichen Ausblick auf den See. Der Tegernsee war nicht zugefroren. Nur entlang der schneebedeckten Ufer hatte sich Eis gebildet. An der gegenüberliegenden Uferseite leuchteten die ersten Abendlichter von Tegernsee Stadt und St. Quirin.
   Nachdem sie ausgepackt hatte, wählte Antonia Duanes Handy an und teilte seiner Mailbox mit, dass sie im Hotel Seeperle zu finden wäre, sollte er in den nächsten Tagen eintreffen. Sie schloss ihre kurze Nachricht mit »I miss you« und ließ sich ein Bad ein. Im heißen Wasser wollte sie ihre neuerliche Lage überdenken. Sie hatte ein Haus geerbt und wusste nicht recht, was sie damit anfangen sollte. Eine Möglichkeit war, es zu verkaufen. Es war ein uralter Kasten, doch es fänden sich bestimmt Käufer dafür – Liebhaber des Außergewöhnlichen, Exzentriker wie auch Onkel Fred einer gewesen war. Die andere Option war, es zu behalten. Antonia hatte zwar noch nicht vor, sesshaft zu werden, doch die Vorstellung, ein Haus, ein Zuhause, zu haben, in das sie jederzeit heimkehren könnte, war überaus reizvoll. Obendrein barg das Gebäude, obgleich sie kaum drei Jahre darin gewohnt hatte, eine Menge Erinnerungswerte, die das gesamte Spektrum von angenehm bis kurios abdeckten. Noch war nichts entschieden, doch sie wusste schon jetzt, dass sie es im Verkaufsfall mit großem Bedauern aufgeben würde.

Fast alle Tische im rustikal möblierten Speisesalon des Hotels waren besetzt, als sie ihr Abendessen einnahm. Für Wintersportler hatte das Tegernseer Umland eine Menge zu bieten. Es gab zahlreiche Skipisten, Langlaufloipen und den einen oder anderen Rodelklub. Das war aus Antonias Perspektive nichts im Vergleich zu den sommerlichen Attraktionen, mit denen die Gastronomiebetriebe und das Touristikbüro warben. Sie erinnerte sich an das Wasserballturnier, das die Seeperle damals ausgerichtet hatte, an die traditionellen Seefeste, das Schifferstechen, die Kajakrennen, an die alljährlichen Jahrmärkte am Schlossplatz, an manchmal zwei Dutzend Gleitschirmflieger vor dem mächtigen Wallberg und überhaupt an viele Grill- und Lagerfeuerabende rund um den See. Für Wintersport konnte sie sich hingegen wenig begeistern.
   Antonia entschloss sich, den warmen Anorak aus ihrem Zimmer zu holen und einen Nachtspaziergang zu unternehmen. Als sie sich von ihrem Tisch erheben wollte, bemerkte sie eine Frau, die gemessenen Schrittes hoch erhobenen Hauptes auf sie zukam. Antonia verharrte, um abzuwarten, ob sie tatsächlich zu ihr wollte.
   »Guten Abend, Frau Bader«, sprach die Unbekannte und blieb vor Antonias Tisch stehen. »Haben Sie einen Moment Zeit für mich? Es wird nicht lange dauern.«
   »Darf ich erfahren, wer Sie sind?«
   »Verzeihung, natürlich, mein Name ist Sieglinde Kiermeyer.« Sie reichte Antonia die Hand. »Ich bin die Eigentümerin des Hotels.«
   Der Name war Antonia nicht unbekannt, doch an eine Begegnung mit dieser Frau konnte sie sich nicht erinnern. Ihr volles schwarzes Haar fiel ihr weit über die Schultern und umrandete hohe Wangen, aufgeweckte, dunkle Augen und einen spitzen Mund. Antonia schätzte sie auf Anfang vierzig, doch verglichen mit Coletta Fassbinder wirkte Sieglinde Kiermeyer trotz des Altersunterschieds bedeutend jünger und agiler. Sie war eine Frau, die ihren Träumen nicht nur nachjagte, sondern sie auch lebte.
   »Sehr erfreut, Antonia Bader.« Sie nahm die dargebotene Hand entgegen, ohne sich zu erheben.
   »Ist mir bekannt«, sagte Frau Kiermeyer mit einem Schmunzeln. »Darf ich mich setzen?«
   »Natürlich, bitte.«
   Sie zog einen Stuhl unterm Tisch hervor und nahm Platz. »Hat Ihnen das Essen geschmeckt?«
   »Sehr gut, danke«, antwortete Antonia, was nicht gelogen war. »Ich glaube, ich werde den Aufenthalt in Ihrem Haus sehr genießen.«
   »Das will ich hoffen«, sagte Frau Kiermeyer. »Sollte etwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit sein, geben Sie einfach im Rezeptionsbüro Bescheid. Man wird sich Ihres Problems umgehend annehmen.«
   »Ich werde daran denken.«
   »Nun, Frau Bader, wie ich höre, sind Sie Fred Glasners Alleinerbin.«
   »Würde mich interessieren, wo Sie das gehört haben.«
   Die Hotelchefin formte ein süffisantes Lächeln. »Ich fürchte, so etwas bleibt hier nicht lange geheim.«
   Antonia seufzte. »Kannten Sie meinen Onkel?«
   »Aber selbstverständlich. Fred war ein Unikat und jedem im Ort bekannt. Ich denke, ich kann sagen, dass ich mit ihm befreundet war.«
   »Waren Sie eine Klientin von ihm?«
   »Ich habe in manchen Angelegenheiten freundschaftlichen Rat bei ihm eingeholt, aber seine Klientin war ich nicht. Nichtsdestotrotz sahen wir uns regelmäßig. Fred hat häufig bei uns gegessen. Er war das, was man einen Genussmenschen nennt.«
   »O ja, zweifellos.«
   Sieglinde Kiermeyer musterte sie eingehend. »Ich kann mich natürlich an Sie erinnern, Frau Bader, als Sie damals bei ihm eingezogen sind. Sie waren ein hübsches Ding – und sind es noch, wenn ich das sagen darf.«
   »Danke. Ich kann mich an Sie leider nicht erinnern. Sind wir uns mal begegnet?«
   Die Hotelchefin kräuselte die Lippen. »Nun, ich glaube, wir standen uns nie von Angesicht zu Angesicht gegenüber«, sagte sie. »Wie dem auch sei, Frau Bader, worüber ich mich mit Ihnen unterhalten wollte, sind gewissermaßen Ihre Zukunftspläne.«
   »Meine Zukunftspläne?«
   »Ihr Erbe. Haben Sie sich schon entschieden, was Sie damit anzufangen gedenken?«
   Antonia kam ein Gedanke. »Möchten Sie das Haus etwa kaufen?«
   »Bewahre, nein. Mich würde nur interessieren, inwieweit Sie in die Fußstapfen Ihres Onkels treten werden.«
   »Ich verstehe nicht recht. Soll ich Anwältin werden?«
   Dieser Frage begegnete Sieglinde Kiermeyer mit einem weiteren Schmunzeln. »Standen Sie Ihrem Onkel denn nahe?«
   »Warum wollen Sie das wissen?«
   »Fred war mein Freund. Er hat in meiner Gegenwart jedoch nie von Ihnen gesprochen.«
   »Dazu bestand vermutlich kein Anlass.«
   »Nun, das trifft zweifelsohne zu. Dennoch waren Sie alles, was er an Familie hatte. Nicht wahr?«
   »Worauf wollen Sie hinaus, Frau Kiermeyer?«
   »Verzeihen Sie bitte, ich bin natürlich furchtbar vorschnell«, wich die Hotelchefin entschuldigend aus. »Sie hatten selbstverständlich nicht die nötige Zeit, um sich eingehend mit Ihrem Erbe zu befassen. Ziehen Sie es in Betracht, in Bad Wiessee sesshaft zu werden?«
   »Im Moment halte ich mir alle Optionen offen.« Antonia sah nicht die geringste Veranlassung, dieser Person ihre Zukunftspläne zu unterbreiten. Selbst wenn sie das Haus behalten würde, wäre sie sicher kein Dauergast in Bad Wiessee. Sie hatte weitaus nicht genug von der Welt gesehen und bereitete bereits ihre nächste Fotoreise vor. Das auserkorene Ziel war der Amazonas.
   »Nun, ich nehme an, Sie bekommen so manch wilde Geschichte über Ihren Onkel zu hören«, sagte Sieglinde Kiermeyer. »Nicht alle werden wahr sein, vermutlich nur die eine oder andere.«
   »Welche zum Beispiel?«
   »Ich will nicht wieder vorgreifen. Befassen Sie sich erst mal mit den Dingen, die Ihnen Ihr Onkel hinterlassen hat. Sie werden darin einige Antworten finden.«
   »Was denn für Antworten?«, entgegnete Antonia. »Ich habe bislang keinerlei Fragen.«
   »Das, meine Liebe, kann ich mir nun beim besten Willen nicht vorstellen. Fred war ein notorischer Geheimniskrämer. Er hat zahlreiche Mysterien um seine Person aufgebaut und genoss es, die Leute an der Nase herumzuführen. Es amüsierte ihn, sie immer genau die Dinge sehen zu lassen, die er für angebracht hielt. Keine Fragen zu diesem Mann zu haben, bedeutet allenfalls, dass Sie bereits hinter all seine Mysterien geschaut haben.«
   »Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Frau Kiermeyer. Ich weiß nichts von irgendwelchen Mysterien, die mein Onkel um sich aufgebaut hätte.«
   »Wie genau definiert sich Ihr verwandtschaftliches Verhältnis noch mal?«
   Das Gespräch begann sie zu nerven. »Meine leibliche Mutter hat mich nach meiner Geburt weggegeben«, gab sie dennoch eine wahrheitsgemäße Antwort. »Die Baders haben mich als Säugling adoptiert. Nach ihrem Unfalltod hätte ich in ein Heim müssen, da ich noch nicht mündig war. Glücklicherweise erklärte sich damals ein Cousin meiner Mutter bereit, mich bis zu meiner Volljährigkeit bei sich aufzunehmen. So kam ich zu Fred Glasner.«
   »Ah, das erklärt so manches.«
   »Was meinen Sie? Was erklärt das?«
   »Nun ja, Fred war ein Einzelkind. Das haben alle gewusst. Entsprechend verwundert war man, als damals eine vorgebliche Nichte bei ihm einzog.«
   »Wen meinen Sie mit alle und man? Wer war denn so verwundert?«
   »Die Leute, wer sonst? Ihnen muss doch aufgefallen sein, dass sie Ihnen eher reserviert begegneten.«
   »Durchaus, aber das habe ich darauf zurückgeführt, dass ich halt eine Zugezogene war.«
   »Nun, es war ein wenig mehr als das, Frau Bader.«
   »Wenn die Leute meinetwegen verwundert waren, warum haben sie Onkel Fred nicht einfach gefragt, was es mit mir auf sich hat?«
   »Weil er ohnehin nicht die Wahrheit gesagt hätte.« Sieglinde Kiermeyer schmunzelte noch einmal, dann erhob sie sich. »Ich will Sie nicht länger aufhalten und hoffe, Sie werden einen angenehmen Aufenthalt in Bad Wiessee haben. Falls Sie Fragen bezüglich Ihres Onkels haben oder Rat brauchen, zögern Sie nicht, mich zu konsultieren. Ich habe meine Angestellten instruiert, Sie jederzeit zu mir vorzulassen, sollten Sie nach mir verlangen. Fragen Sie einfach an der Rezeption nach meinem Aufenthaltsort.«
   »Das ist sehr freundlich.«
   »Ich tue es um Freds willen. Er fehlt mir. Zudem schließe ich nicht aus, dass Sie und ich gute Freundinnen werden.«
   Sie ging und Antonia blieb etwas konsterniert zurück. Diese Aufmerksamkeit seitens der Hotelchefin kam ihr sehr eigenartig vor. Doch es mochte sich freilich einfach nur so verhalten, dass sie Onkel Fred nahe gestanden hatte und freundlich sein wollte. Möglicherweise hatte sie ein Verhältnis mit ihm gehabt. Onkel Fred war zwar mindestens zwanzig Jahre älter als sie, aber auf jüngere Frauen hatte er schon immer eine Anziehung ausgeübt. Antonia erinnerte sich an mehr als eine Begegnung mit wildfremden Frauen, wenn sie früh morgens vor der Schule in eines der Badezimmer wollte und besetzt war. Ein paar von ihnen konnten nicht viel älter als sie damals gewesen sein.
   Antonia sah Sieglinde Kiermeyer nach, bis diese den Speisesaal verlassen hatte. Eine aufgeschlossene aber auch undurchsichtige Frau, wie sie fand. Zum Glück konnte man in einem Ort von der Größe Bad Wiessees nahezu überall irgendwelche Gerüchte oder Tratsch über die Großkopferten in der Gegend aufschnappen. Sie nahm sich vor, ihre Ohren nach Sieglinde Kiermeyer auszurichten.

Fünfzehn Minuten später blickte sie mit hochgekrempeltem Anorakkragen und einer Wollmütze auf dem Kopf auf den nächtlichen See hinaus. Hinter ihr lag der hell erleuchtete Wintergarten der Seeperle, der im Sommer vermutlich eine Freiluftterrasse war. Voraus, auf der gegenüberliegenden Uferseite, schienen die Lichter von Tegernsee Stadt. Entlang des Ufers fanden sich ebenfalls in regelmäßigen Abständen Lichtquellen. Die Gegend war zweifellos malerisch.
   Nachdem sie sich lange genug an dem Anblick geweidet hatte, ging Antonia ein paar Schritte. Die Schneedecke war zertreten und ließ einen Schotterweg darunter erahnen. Sie folgte ihm nicht lange. Je weiter sie sich vom Hotelgelände entfernte, desto spärlicher waren die Laternen gesät, daher machte sie bald wieder kehrt. Weitere Spaziergänger waren nicht in Sicht. Antonia konnte es verstehen. Auch sie zog es in die gemütliche Wärme ihres Hotels zurück. Am Gebäude angelangt, entdeckte sie noch eine Person, die den kalten Temperaturen die Stirn bot. Sie stand bei einer kleinen Ansammlung von Nadelhölzern außerhalb des Hotelgeländes, wo sie die Festbeleuchtung der Seeperle nicht erreichte.
   Den restlichen Abend brachte Antonia damit zu, sich mit ihrem Hotel vertraut zu machen. Eine für die Gäste ausliegende Broschüre half ihr dabei. Neben einer beachtlichen Wellness- und Thermenlandschaft verfügte die Seeperle über ein Internetcafé, eine Bibliothek und den gemütlichen Wintergarten, den sie bereits von außen begutachtet hatte. Sie wollte das Freizeitangebot auskosten, doch ganz gewiss nicht mehr an diesem Abend. Allmählich machte sich der Jetlag bemerkbar.
Am nächsten Morgen überprüfte Antonia ihr Handy, ob Duane sich gemeldet hatte, was sich als Fehlanzeige erwies. Anschließend frühstückte sie gemütlich, packte ein paar Semmeln ein und fuhr zu ihrem Erbgut hinaus. Das Außenthermometer ihres Mietwagens zeigte zwei Grad unter null an, doch wie tags zuvor, vermochte der ungetrübte Sonnenschein über diese ungastlichen Temperaturen hinwegzutäuschen. Es war ein winterlicher Bilderbuchmorgen, und die Fotografin in ihr hätte am liebsten eine Kehrtwende gemacht, um am See ein paar Fotos zu schießen. Antonia trotzte diesem Verlangen erfolgreich und fuhr zum Glasner-Grundstück, wobei sie es mittlerweile der Richtigkeit halber als das Bader-Grundstück bezeichnen müsste. Der Gedanke zauberte ihr ein Grinsen auf die Lippen.
   Im Haus war es bedeutend wärmer als am Vortag. Die Heizung funktionierte. Den Wasserleitungen wollte Antonia einen Tag Schonzeit geben, bevor sie sie flutete. Sollten auch die in Ordnung sein, war das Haus bewohnbar. Die Vorstellung, hier nach eigenem Gutdünken schalten und walten zu können, gefiel ihr. Zu Onkel Freds Zeiten gab es Zimmer oder bisweilen einen Hausflügel, den sie ohne nähere Angaben von Gründen nicht betreten durfte. Damit war es vorbei. Das Haus gehörte ihr, und sie beanspruchte auch all seine Geheimnisse für sich.
   Antonia überprüfte zunächst den Festnetzanschluss. Das Telefon funktionierte. Anschließend hielt sie Ausschau nach einem PC oder einem Notebook. Onkel Fred musste ein solches Gerät besessen haben, andernfalls hätten sie nicht all die Jahre kommunizieren können. Sie fand weder das eine noch das andere, woraus sie schloss, dass die Polizei es konfisziert hatte.
   Kurzerhand kramte sie ihren Minilaptop aus der Tasche. Sie rief in der Erwartung, Duane hätte ihr etwas hinterlassen, ihre E-Mails ab. Ihr Posteingang war leer. Duane war offenbar schwer mit seinen Tauchschülern beschäftigt.
   Die nachfolgende Erkundungstour durch das Gebäude bereitete Antonia deutlich mehr Vergnügen als das zaghafte Herantasten am Vortag. Der schale Duft des Unbekannten war verflogen. Über den allgegenwärtigen Staub hinweggesehen, fühlte sie sich wieder heimisch in Onkel Freds Haus und nahm nun ausgelassen die Gelegenheit wahr, sich überall umzusehen, wo er es ihr seinerzeit verboten hatte. Sie stöberte in seiner Bibliothek, begutachtete den Weinkeller – wobei sie wenig von Weinen verstand –, und inspizierte sein Arbeitszimmer im ersten Stock. Dort fand sich nichts von Interesse. Die Polizei hatte offenbar sämtliche Akten beschlagnahmt. Wenigstens den Fernseher im Kaminzimmer hatten sie dagelassen.
   Zuletzt nahm sie sich die Kapelle im Keller vor. Wenngleich gut getarnt, wusste Antonia, dass es entlang der Außenwände des großen Raumes eine ganze Menge Wandschränke gab. Onkel Fred hatte dort seinerzeit vor allem exotische Spirituosen, protziges Besteck mit opulenten Kelchen und Kerzenständern sowie eine achtbare Vielfalt an Kostümen aufbewahrt. Antonia fand in etwa dasselbe auch heute darin vor. Neu hinzugekommen war eine Auswahl an Masken. Ein paar zeigten teuflische Fratzen, andere dagegen eine geradezu beängstigende Ausdruckslosigkeit, so als hätten die benachbarten Dämonen ihnen jegliche Regung abgetötet.
   Die Dämonenfratzen grinsten und gierten überlegen, doch wahrhaft abgestoßen fühlte sich Antonia erst von der Entdeckung einer mittelalterlichen Schnabelmaske, wie sie einst die Pestärzte getragen hatten. Von einer unangenehmen Gänsehaut befallen, schloss sie das Panel und wollte es so bald nicht wieder öffnen. Sie wusste, dass Onkel Fred ein Faible für Theatralik und ausgefallene Partys gehabt hatte. Nach ihrem Auszug schien diese Neigung extravagantere Züge angenommen zu haben.
   Mit bedeutend mehr Wohlwollen beäugte Antonia die Auswahl an Spirituosen. Sie trank nicht oft, aber einen guten Weinbrand oder Whisky wusste sie durchaus zu schätzen. Neben solchen entdeckte sie Absinth in beachtlichen Mengen, was die Hörigkeit ihres Onkels nach dem Außergewöhnlichen einmal mehr unterstrich. Absinth, der bittersüße Nektar der Poeten und Dichter. Es sah Onkel Fred ähnlich, damit seine Aura gegenüber Gästen aufzufrisieren.
   Als sich Antonia dem Kostümfundus zuwenden wollte, vernahm sie die Türschelle. Jemand stand vor der Pforte. Im ersten Augenblick dachte sie an Duane, doch es war unwahrscheinlich, dass er so schnell und vor allem ohne sich vorher anzukündigen, auftauchen würde. Wer machte ihr dann seine Aufwartung? Einer ihrer alten Bekannten aus Jugendjahren, der vernommen hatte, dass sie wieder im Ort war? Sie hatte hier nicht viel Freunde gehabt. Erwartungsvoll stieg sie die Kellertreppe hoch und öffnete. Der gedrungene Mann auf der Schwelle war ihr jedoch vollkommen unbekannt.
   »Sie sind Frau Bader, nehme ich an.«
   Antonia zögerte kurz, dann nickte sie. Der Fremde hatte etwa ihre Größe. Die halb zurückgeschlagene Kapuze seines roten Anoraks offerierte buschiges braunes Haar. Antonia schätzte ihn auf etwa fünfzig.
   »Mein Name ist Volker Marganter. Haben Sie einen Augenblick Zeit für eine Unterredung?«
   »Worum geht es?«
   »Um ein Geschäft, das ich mit Ihrem Onkel nicht mehr abwickeln konnte.«
   »Sie sind Geschäftsmann? In welcher Branche?«
   »In erster Linie in Antiquitäten. Ich habe einen Laden im Ortszentrum. Würde mich freuen, wenn Sie mal vorbeischauen.«
   »Ich verstehe leider nichts von Antiquitäten.«
   »Ab und an habe ich für Ihren Onkel auch andere Dinge besorgt.«
   »Wollen Sie das näher ausführen?«
   »Das ist nicht so einfach erklärt.«
   »Herr Marganter, ich will nicht unhöflich erscheinen, aber was wollen Sie von mir?«
   »Ihr Onkel hat mich noch mit der Beschaffung eines bestimmten Objekts betraut. Leider konnte die Übergabe nicht mehr stattfinden.«
   »Weil er vorher ermordet wurde?«
   »So ist es.«
   »Folgere ich richtig, dass Sie besagtes Objekt nun an mich übergeben möchten?«
   »Wenn Sie bereit sind, die vereinbarte Summe zu bezahlen.«
   »Von welcher Summe sprechen wir?«
   »Zwanzigtausend.«
   Sie versuchte, sich ihren Schrecken nicht anmerken zu lassen. Onkel Freds Hausstand war durchweg antiquiert, doch dass er regelmäßige Geschäfte mit einem Antiquitätenhändler machte, bei denen es um solche Summen ging, kam ihr dennoch eigenartig vor. »Ich fürchte, ich habe für so etwas keine Verwendung.«
   »Wollen Sie es nicht mal ansehen?«
   »Haben Sie das Objekt denn dabei?«
   »Auf der Pritsche.« Marganter trat einen Schritt zur Seite.
   Antonia sah nun einen Kleinlaster mit einem Planenaufbau. Sie hatte keinesfalls vor, für etwas zwanzigtausend Scheine hinzublättern, war aber neugierig, was Marganter für Onkel Fred hatte besorgen sollen. Sie nahm ihren Anorak, trat nach draußen und schloss die Tür hinter sich.
   Marganter führte sie zu seinem Lastwagen und machte sich daran, die Plane aufzuzurren. Was darunter zum Vorschein kam, ließ ihr kurz den Atem stocken. Es war ein silberner Ring von etwa zweieinhalb Metern Durchmesser mit fünf ausgeglichenen Balken in seiner Mitte. Ein Pentagramm. »Was soll das sein?«, fragte sie trotzdem.
   »Nun, es ist der Gegenstand, an dem Ihrem Onkel gelegen war.«
   »Welche Verwendung hatte er dafür?«
   »Das weiß ich nicht. Ich horche meine Kunden nicht aus.«
   Sie wandte sich Marganter zu und schaute ihm ins verhärmte Antlitz. »Was für eine Art von Geschäftsbeziehung pflegten Sie mit meinem Onkel, Herr Marganter?«
   »Worauf wollen Sie hinaus?«
   »Gibt es eine schriftliche Kaufvereinbarung? Eine Bestellung? Und werde ich eine Rechnung erhalten, wenn ich Ihnen die zwanzigtausend ausbezahle?«
   »Nun …« Marganters Blick hielt dem ihren nicht stand. »Ihr Onkel und ich … wir haben das von Fall zu Fall je nach Angemessenheit gehandhabt.«
   »Ah, verstehe. Tut mir leid, dass Sie Umstände haben, Herr Marganter, aber ich habe für dieses Ding keine Verwendung.«
   »Sind Sie sicher?«
   »Warum sollte ich mir nicht sicher sein?«
   »Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung noch.«
   »Davon sollten Sie besser nicht ausgehen.«
   »Sie stellen mich vor ein Problem, Frau Bader.«
   »Das bedaure ich, aber dafür kann ich nichts. Sagen Sie, haben Sie meinem Onkel zufällig auch mal Porzellanmasken besorgt?«
   Marganters verhaltene Miene hellte sich ein wenig auf. »Gefallen Sie Ihnen?«, fragte er mit einem Anflug von Erwartung. »Falls Sie Bedarf an weiteren haben …«
   Sie wehrte ab. »Nicht mein Geschmack. Wofür hat Onkel Fred sie gebraucht?«
   »Sie gebraucht?« Der Antiquitätenhändler legte die Betonung auf gebraucht. »Nun, das sind Liebhaberstücke. Man erwirbt sie, um sie an die Wand zu hängen.«
   »Haben sie eine besondere Bedeutung?«
   »Ihre Bedeutungen gestalten sich individuell. Frau Bader, ich habe leider nicht endlos Zeit. Wenn Sie den Gegenstand nicht entgegennehmen wollen, verlangt es mich jetzt in meinen Laden zurück.«
   »Nur zu.« Antonia trat demonstrativ einen Schritt zurück. »Lassen Sie sich nicht aufhalten.«
   Marganter musterte sie erneut abschätzig, nickte, zurrte die Plane notdürftig fest und stapfte auf die Fahrertür seines Fahrzeugs zu. »Ich werde den Gegenstand fürs Erste bei mir einlagern«, merkte er ohne Blickkontakt an. »Sollte Ihr Interesse daran doch noch erwachen, suchen Sie mich auf.«
   »Ich werde daran denken, aber machen Sie sich besser keine Hoffnungen.«
   Marganter schloss die Fahrzeugtür hinter sich, startete den Dieselmotor und fuhr davon.
   Sie kehrte ins Haus zurück. Ein Pentagramm hatte unterschiedliche Bedeutungen. Die meisten waren von positiver Natur, doch letzten Endes kam es auf das Ermessen jedes Einzelnen an, wozu er es nutzen und was er darin sehen wollte. Für manche war es ein Symbol dunkler Mächte. Das brachte sie auf einen Gedanken, den sie schon früher gehegt hatte. Konnte es sein, dass Onkel Fred in seiner Kapelle schwarze Messen zelebriert hatte?
   Die Antwort auf diese Frage war im Grunde lächerlich simpel. Sie war so selbstverständlich einfach, dass es ihr einen kleinen Schauder über den Rücken jagte. Ja, natürlich konnte das sein. Bei nüchterner Betrachtung drängte sich diese Annahme regelrecht auf.

Die Begegnung mit Volker Marganter hatte Antonia mal wieder verdeutlicht, wie wenig sie ihren Ziehonkel gekannt hatte. Sie hatte fast drei Jahre unter seinem Dach gewohnt, doch kennengelernt hatten sie einander nicht. Sie war ihm für seine Gastfreundschaft dankbar, die ihr bis zu ihrer Volljährigkeit einen zweijährigen Aufenthalt in einem Heim erspart hatte, doch so etwas wie eine Vertrauensbasis hatten die beiden in all der Zeit nicht zustande bekommen. Sie hatte nie herausgefunden, was ihn dazu bewogen hatte, das Adoptivkind seiner Cousine aufzunehmen. Bezug nehmend auf das Gespräch mit Sieglinde Kiermeyer formte sich jedoch eine Ahnung, die so banal wie schlüssig war. Vielleicht war auch sie, Antonia, nur eine Art Showeffekt gewesen. Sieglinde Kiermeyer zufolge hatte Onkel Fred lange Zeit ein Geheimnis daraus gemacht, wer seine neue Untermieterin war. Seiner gewählten Aura der Undurchsichtigkeit hatte die plötzliche Anwesenheit einer angeblichen Nichte sicher einen zusätzlichen Schleier verpasst.

Sie schlüpfte nach einem provisorischen Mittagessen abermals in ihren Anorak. Der Wetterbericht hatte für die kommenden Tage neue Schneefälle gemeldet, daher wollte sie noch heute die Jagdhütte inspizieren. Unter der gleißenden Mittagssonne schritt sie auf den nahen Wald zu, wo ein schmaler Pfad seinen Anfang nahm.
   Sie war kaum in den Schatten der Bäume eingetaucht, als die Tagestemperatur um mindestens fünf Grad abzufallen schien. Antonia schlotterte mehr aus Reflex. Sie hatte den deutschen Winter nicht vermisst.
   Nach etwa zwanzig Minuten kam die Hütte in Sicht. Da außer den majestätischen Kiefern alles Gehölz kahl war, konnte Antonia sie schon von Weitem erspähen. Sie hatte sie damals nur in den warmen Monaten aufgesucht, dennoch beschert ihr das dunkle Holzgebäude mit dem weiß gezierten Schrägdach vertraute Gefühle. Nach einem anfänglichen Flattern im Bauch musste sie schmunzeln. Ihre Besuche hatten seinerzeit stets ein Abenteuer nach sich gezogen.
   Als sie die Vorderseite einsehen konnte, bemerkte Antonia die erste von drei Überraschungen. Im Schnee fanden sich Fußspuren. Sie verbanden die Eingangstür mit einem Forstweg, über den man die Hütte von einer anderen Waldseite aus bequem mit einem Fahrzeug erreichte. Die Spuren führten in beide Richtungen. Sie erkannte nicht, von wie vielen Personen sie stammten. Ihr Blick fiel zur Tür. Erwartete sie da drin jemand?
   Antonia holte den Schlüsselbund hervor. Das passende Gegenstück zum Türschloss war schnell gefunden, doch als sie den Schlüssel im Schloss drehte, gab es keinen Widerstand. Es war kaputt, die Tür unverschlossen. Antonia stieß sie mit einem leichten Schubs auf.
   Abgesehen vom Holzlager bestand die Hütte nur aus einem einzigen Raum. Als Antonia eintrat, erlebte sie die dritte Überraschung. In der Hütte war es nicht so kalt, wie es eigentlich hätte sein müssen. Der Grund dafür war offensichtlich. Vor den Schrankfragmenten, die eine Längsseite der Stube beanspruchten, stand eine mit Gas betriebene Heizkanone. Da sie fleißig Sauerstoff verbrannte, war die Luft entsprechend schlecht. Offenbar heizte hier jemand vor. Den Rest würde der alte Holzofen besorgen.
   Antonia sah sich um. Die Hütte war keineswegs klein, doch derzeit bestand ihr spärliches Mobiliar einzig aus einem maßgefertigten Holztisch und einer dazugehörigen Sitzbank. Früher hatte es hier eine ausziehbare und sehr bequeme Couch gegeben. An den Wänden hingen damals wie heute kleine, gerahmte Gemälde und ein paar, vermutlich nachgemachte, Schädelknochen von Gämsen. Die drei Fenster waren von roten Vorhängen flankiert. Alles in allem vermittelte die Hütte das erwartete Bild. Die Frage war nur, wer sie unerlaubt benutzte. Antonia nahm sich vor, einen Abstecher bei der Polizei zu machen und den Einbruch zur Anzeige zu bringen.
   Die Utensilien, die sich hinter den Schranktüren fanden, waren ähnliche wie früher, wenngleich sie zu dieser Jahreszeit nicht mit einer solchen Fülle gerechnet hätte. Nun ja, Onkel Fred war im Mai gestorben. Möglicherweise hatte er die Hütte zuvor noch für die Sommersaison bestückt. Antonia sichtete zwei Flaschen Propangas, eine Tüte Teelichter, zwei Rollen Müllsäcke, eine große Stablampe, Decken, alte Zeitungen, eine Mammutpackung Küchentücher, eine Schatulle voll Besteck, ein paar Tassen, ein paar Teller, einen Bunsenbrenner, Teebeutel, Schokolade, Kekse, zwei Flaschen hochprozentigem Rum und ein verstaubtes Radiogerät. Hinter die letzte Schranktür hatte jemand eine unbezogene Matratze gepfercht.
   Sie nahm eine der Kekspackungen heraus und suchte nach dem Abpackdatum. Interessanterweise war es auf den zehnten November datiert. Diese Kekse konnten folglich nicht von Onkel Fred gekauft worden sein. Wer immer die Heizkanone eingeschaltet hatte, offensichtlich richtete er sich häuslich ein.

Nachdem sie das verstaubte Holzlager überprüft hatte, verließ sie die Jagdhütte und machte sich auf den Rückweg. Am Waldrand trat sie in die gleißende Sonne und wähnte sie sich zunächst als Opfer einer optischen Täuschung. Zwischen den Sträuchern, die das Glasner-Grundstück zu den etwas tiefer gelegenen Äckern begrenzten, stand eine vermummte Gestalt. Die vermeintliche Halluzination wollte sich jedoch nicht auflösen. Sie strengte ihre Augen an und kam zu dem Schluss, dass die Erscheinung real war. Antonia zögerte einen Augenblick und marschierte weiter. Auch der Vermummte setzte sich in Bewegung. Er verschwand ohne Eile um die Garagenecke aus Antonias Sichtfeld. Als sie kurz darauf die Stelle erreichte, war niemand mehr zu sehen. Stiefelabdrücke im Schnee führten um das Haus auf den Wald zu. Antonia war es einerlei. Falls jemand etwas von ihr wollte, würde er früher oder später bei ihr klingeln.
   Beim Anblick des Garagentors dachte sie an den Audi. Wie würden die Leute im Ort wohl reagieren, wenn sieben Monate nach Fred Glasners Tod erneut sein Sportwagen durch die Gegend streifte? Der Gedanke amüsierte sie, doch für den Abstecher bei der Polizeiinspektion nahm sie ihren Mietwagen.

Die Polizeidienststelle von Bad Wiessee befand sich an der Münchner Straße. Antonia stellte ihren Wagen im hofeigenen Besucherparkplatz ab und betrat das Gebäude.
   »Guten Tag, ich möchte eine Anzeige erstatten.«
   Hinter einer Theke, die Besuchern den weiteren Zutritt verwehrte, fand sie zwei uniformierte Polizisten vor. Einer saß mit dem Rücken zu ihr und brütete über etwas, der andere, ein schlaksiger, aufgeweckt dreinblickender Kerl von höchstens dreißig Jahren hatte sich ihr zugewandt.
   »Selbstverständlich«, entgegnete der jüngere Beamte zuvorkommend und nahm ein Blatt Papier aus einem Schubfach. »Wenn Sie sich setzen möchten, kommen Sie bitte herum.«
   Antonias Blick fiel auf den anderen Mann, der sich just in dem Moment umdrehte. Sie erkannte ihn auf Anhieb.
   »Schön dich zu sehen, Siggi«, sagte sie.
   »Das kann ich nur zurückgeben, Antonia«, sprach der Angesprochene und lächelte vage. »Ich habe schon gehört, dass du wieder da bist.«
   »Tatsächlich? Von wem denn?«
   »Du solltest doch noch wissen, wie schnell hier Neuigkeiten die Runde machen.«
   »Ja, sollte ich wohl.«
   Siggi Günzmann. Er hatte ihr einst den Hof gemacht, aber Antonia hatte ihn abblitzen lassen. Nicht weil er keine Manieren gehabt oder schlecht ausgesehen hätte, er war ganz einfach nicht ihr Typ.
   Er musste heute um die vierzig sein. Seine Wangen waren deutlich voller geworden und auch um die Hüften hatte er etwas Speck angesetzt, aber er sah durchaus gut aus.
   »Was hast du denn für ein Problem?«, fragte er und trat an die Theke.
   »In Onkel Freds Waldhütte wurde eingebrochen.« Die beiden Beamten wechselten einen flüchtigen Blick.
   »Lass mich das ruhig machen«, sagte Günzmann zu seinem jüngeren Kollegen, woraufhin der mit den Schultern zuckte und sich zurückzog. Günzmann wandte sich wieder Antonia zu. »Was hältst du davon, wenn wir das bei einer Tasse Kaffee besprechen?« Nicht weit von hier ist ein hübsches Café. Ich lade dich ein.«
   Ein paar Minuten später saßen sie im Café Kraftwerk bei einem Cappuccino. Antonia glaubte sich zu erinnern, dass sich in dem überschaubaren Ambiente früher ein Puppengeschäft befunden hatte. Nur noch zwei weitere Tische waren besetzt.
   »Also? Wie ist es dir ergangen?«, eröffnete Günzmann den Dialog. Während des kurzen Fußmarsches hatten beide betulich geschwiegen.
   »Hervorragend würde ich sagen. Und dir?«
   »Nicht so besonders«, meinte Günzmann mit verkniffenem Blick und rührte eine Ladung Zucker in seinen Cappuccino. »Aber ich bin letzten Endes zufrieden damit, wie es gekommen ist.« Mehr wollte er dazu offenbar nicht verlauten. Antonia nippte an ihrer Tasse.
   »Du hast deinen Ziehonkel beerbt«, resümierte er nach einer Runde Grabesstille. »Bedeutet das, dass du dich bei uns niederlassen willst?«
   »Das weiß ich noch nicht«, antwortete Antonia, was ebenfalls der Wahrheit entsprach. »Falls ich das Haus behalte, werde ich dennoch nicht dauerhaft bleiben. Mein Beruf verlangt weite Reisen.«
   »Ach ja, du bist Fotografin, oder?«
   »Ihr seid hier ja wirklich erstaunlich gut informiert.«
   Günzmann lächelte und nippte an seinem Cappuccino. »Ich erinnere mich, dass du schon immer etwas mit Fotografie machen wolltest. Freut mich für dich, dass du deinen Traumberuf auslebst.«
   »Danke. Tust du das auch? Deinen Traumberuf ausleben?«
   »Im Grunde schon, wenngleich meine einstigen Erwartungen nicht erfüllt worden sind. Nun ja, das ist ganz normal im Berufsleben.«
   Sie nickte. »Warst du all die Jahre in Bad Wiessee?«
   »Ich habe neun Jahre in Ansbach gelebt und mich nach meiner Scheidung hierher versetzen lassen.«
   »Du warst verheiratet?«
   Er nickte.
   »Kenne ich die Glückliche?«
   »Keine von hier. Allzu glücklich war sie mit mir nicht, schätze ich.«
   »Tut mir leid.«
   »Schon gut.«
   »Habt ihr Kinder?«
   »Einen Sohn. Er ist fünf und lebt bei seiner Mutter.«
   »Wie oft siehst du ihn?«
   »Ein- oder zweimal im Monat.«
   »Das stelle ich mir sehr hart vor.«
   »Darf ich aus dieser Bemerkung schließen, dass du keine Kinder hast?«
   »Stimmt.«
   »Verheiratet?«
   »Nein, aber in einigermaßen festen Händen.«
   »Wer ist der Mistkerl?«
   Antonia entwich ein Schmunzeln. »Sein Name ist Duane Kean. Er ist Australier.«
   »Australier, aha. Und was macht er so?«
   »Er ist Tauchlehrer.«
   »Also so ein sonnengebräunter Typ mit Waschbrettbauch?«
   »Diese Beschreibung kommt tatsächlich recht gut hin.«
   »Hast du ihn dabei?«
   »Er trifft wahrscheinlich demnächst ein. Möchtest du ihn kennenlernen?«
   »Ich habe ehrlich gesagt kein großes Verlangen danach.«
   Dieses Mal unterdrückte Antonia ihr Schmunzeln.
   »Was ist nun eigentlich vorgefallen?«, führte Günzmann nach ein paar schweigsamen Momenten an. »Was kann die Polizei für dich tun?«
   »Es geht um Onkel Freds Jagdhütte. Ich komme gerade von dort. Das Schloss ist aufgebrochen und es sieht so aus, als würde sich dort regelmäßig jemand aufhalten. Die Hütte ist beheizt. Zahlreiche Vorräte und anderes Zeug wurden deponiert.«
   »Schau mal an.«
   »Habt ihr in der Umgebung irgendwelche Sorgen? Könnten sich dort nachts vielleicht Wilderer organisieren?«
   »Das kann ich mir nicht vorstellen.«
   »Und was kannst du dir vorstellen?«
   »Ich weiß nicht, wer die Hütte geheizt haben könnte, aber für das kaputte Schloss habe ich eine Erklärung. Weißt du, es gab ein bisschen Aufregung um die Hütte deines Onkels. Letzten Sommer, ein paar Wochen nach seinem Tod.«
   »Kläre mich auf.«
   »Weißt du von dem Geheimfach unter dem Fußabstreifer?«
   »Wie bitte? Ein Geheimfach?«
   Er nickte vage. »Ein paar Leute haben sich für den Inhalt interessiert. Dachten, da fänden sich interessante Unterlagen. Zwei Jugendliche waren ebenfalls daran beteiligt. Die hofften wahrscheinlich auf Drogen. Es gab ein paar Gerüchte, dein Onkel verfüge über welche. Na, wie auch immer. Damals wurde jedenfalls das Türschloss aufgebrochen. Da dein Onkel schon tot war, fühlte sich niemand für die Reparatur verpflichtet.«
   »Was war nun in diesem Geheimfach?«
   »Nichts.«
   »Weshalb dann die Aufregung?«
   »Nun ja, die Sache wurde halt ein bisschen aufgebauscht.«
   Günzmann lehnte sich zurück, als wäre damit alles Nötige gesagt.
   »Warst du dabei, als man Onkel Freds Leiche abtransportiert hat?«, fragte Antonia nach ein paar stummen Augenblicken.
   Er nickte zaghaft. »Ich habe zum Aufgebot gehört. Warum fragst du?«
   »Nur aus Neugier. Habt ihr damals auch die Hütte durchsucht?«
   »Ja, natürlich.«
   »Die Polizei hat das Hüttenschloss nicht aufgebrochen.«
   »Aber nein, wir haben elegantere Methoden, uns Zutritt zu verschaffen.«
   »Warum habt ihr diese Methoden nicht auch im Keller angewandt?«
   »Im Keller? Ich verstehe nicht, was du meinst.«
   »Na, die Tür zur Kapelle wurde aufgebrochen.«
   »Zur Kapelle?«
   »Das ist ein großer Raum im Keller, in dem …«
   »Ja, ich weiß schon, welchen Raum du meinst. Die Tür wurde aufgebrochen, sagst du?«
   »Ja. Solltest du das nicht wissen?«
   »Ich wüsste es, wenn wir das getan hätten. Das ist aber nicht der Fall. Ich war dabei, als ein Mann vom Erkennungsdienst an der Tür ans Werk gegangen ist. Wir haben sie nicht aufgebrochen.«
   Ein Frösteln überkam Antonia, das nichts mit den Temperaturen im Café zu tun hatte. »Aber das Schloss wurde brutal zertrümmert.«
   »Nicht von der Polizei.«
   »Wer könnte es dann getan haben?«
   »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Nachdem wir das Haus wieder freigegeben haben, gingen die Schlüssel an den Notar, dem dein Onkel die Nachlassverwaltung anvertraut hat. Ein Kerl von außerhalb. Nun ja, du musst ihn ja kennen.«
   »Warum sollte er die Kapelle aufbrechen, wenn er alle Schlüssel hatte?«
   »Ich habe nicht behauptet, dass er das getan hat. Ich will nur sagen, dass sich damit für uns die Sache erledigt hat.«
   »Was glaubst du dann?«
   »Vielleicht ein Einbrecher.«
   »Es gab aber keine Einbruchsstelle.«
   »Willst du die Beschädigung anzeigen?«
   Diese Frage brachte Antonia auf ihr ursprüngliches Anliegen zurück.
   »Würde das was bringen?«
   »Wohl eher nicht, wenn du nicht sagen kannst, ob etwas entwendet worden ist. Aber zumindest wäre es protokolliert.«
   »Und die Sache mit der Hütte?«
   »Nun, wenn sie jemand heizt, hat er vor, sich darin aufzuhalten. Ich vermute, es handelt sich um ein paar Jugendliche. Wahrscheinlich wollen sie heute Abend eine Party steigen lassen. Du könntest sie ordentlich erschrecken, wenn du auf sie wartest. Wenn du willst, komme ich mit. Ich habe Zeit.«
   Antonia wusste nicht genau, warum, aber diese Vorstellung war ihr nicht geheuer. Sie wollte mit Günzmann nicht für unbestimmte Zeit allein in der Hütte verweilen.
   »Soll ich die Anzeige aufnehmen?«, wollte er wissen.
   »Nein«, sagte sie nach kurzem Abwägen. »Nicht wegen ein paar Jugendlicher. Ich werde da mal nach dem Rechten sehen.«
   »Soll ich mitkommen?«
   »Das wird nicht nötig sein.«
   »Es macht mir wirklich nichts aus.«
   »Nein, schon gut. Danke, Siggi.«
   Wieder brach der Gesprächsfluss für eine Weile ab. Antonia spürte seinen Blick auf sich. Sie wiederum betrachtete den leeren Nachbartisch und verlor sich oberflächlich in Überlegungen.
   »Wer hat das Wasser im Haus abgedreht und die Leitungen entwässert?«, fragte sie und taxierte nun ihr Gegenüber. »Wart ihr das auch nicht?«
   »Nicht, dass ich wüsste. So etwas liegt nicht in unserer Zuständigkeit. Ich will aber nicht ausschließen, dass einer der Kollegen ein wenig übereifrig war. Wenn ich dir damit einen Gefallen tue, höre ich mich ein wenig um.«

Bevor sie wieder zum Glasner-Grundstück hinausfuhr, besorgte sich Antonia in einem Baumarkt eine leistungsfähige Taschenlampe. Wenn sie heute Abend zur Hütte marschierte, würde sie ihr gute Dienste leisten.
   Im Glasner-Haus besah sie sich noch einmal die einzige Zugangstür in die Kapelle. Nach sauberer Polizeiarbeit sah die Beschädigung in der Tat nicht aus. Doch wenn nicht die Polizei, wer hatte dann das Schloss zertrümmert? Was hatte es in der Kapelle zu holen gegeben? Antonia konnte nicht glauben, dass allzu viele Außenstehende von diesem Raum überhaupt gewusst haben. Der Einbrecher musste demzufolge jemand aus Onkel Freds Vertrautenkreis gewesen sein. Eine andere Möglichkeit war, dass jemand von der Polizei bei der Hausdurchsuchung etwas entdeckt hatte, das er für sich haben wollte und später noch einmal zurückgekommen war.
   Eine weitere offene Frage war das abgedrehte Wasser. Falls es keiner der Beamten war, hatte es wahrscheinlich in einem letzten Anfall von Pflichtschuldigkeit Onkel Freds zuletzt beschäftigte Haushälterin, eine gewisse Margarethe Leichtfuß, getan, bevor sie das Haus für immer verließ. Nun ja, diese Annahme ließe sich mit einem einfachen Anruf bestätigen beziehungsweise widerlegen. Antonia nahm sich vor, bei Gelegenheit in Erfahrung zu bringen, wo die Frau wohnte. Günzmann konnte ihr da sicher weiterhelfen.

Um Schlag achtzehn Uhr betrat Antonia den Speisesaal der Seeperle. Sie wäre gern noch bei Tageslicht zur Waldhütte hinausspaziert, doch dann wäre ihr das Abendessen entgangen, für das sie einen stolzen Aufpreis bezahlte. Hotelchefin Sieglinde Kiermeyer bekam sie auch an diesem Abend zu Gesicht. Sie saß bei einem vornehm gekleideten Pärchen an einem Tisch, der am Vorabend noch unbesetzt gewesen war. Antonia kamen die beiden nicht weiter bekannt vor. Vermutlich waren es neu angereiste Gäste.
   Als sie später in Anorak und dickgefütterten Stiefeln erneut durch den Wald stapfte, strahlte der Vollmond vom nachtschwarzen Himmel. Er leuchtete so hell, dass sich die neu erworbene Taschenlampe als unnötig erwies. Es war dennoch ein gutes Gefühl, sie dabeizuhaben. Mancherorts zogen bereits Wolken unter den Sternen auf, Vorboten der gemeldeten Schneefälle.
   In der Hütte brannte keinerlei Licht, das war schon aus der Ferne erkennbar. Sie zeichnete sich vor der Kulisse des mondhellen Waldes wie ein dunkler Klotz ab. Antonia hielt einen Moment inne und horchte hinaus. Es war vollkommen still. Keine Motorengeräusche, keinerlei Stimmen, keine Tiere.
   Sie nahm ihre schmatzenden Schritte wieder auf. Vor der Hütte schaute sie sich eingehend um. Es war niemand zu sehen. Sie öffnete die Tür und brachte erstmalig ihre Taschenlampe zum Einsatz. Der Raum war wie erwartet menschenleer. Es sah noch alles aus wie vor ein paar Stunden. Und es war warm. Die Heizkanone hatte ihre Pflicht erfüllt.
   Nachdem ausreichend Frischluft eingezogen war, schloss Antonia die Tür hinter sich und untersuchte den Fußabstreifer. Sie klemmte die Taschenlampe unter die Achsel, nahm Matte und Rost heraus und stellte fest, dass sich auch die Wanne anheben ließ. Darunter fand sie, wie Günzmann gesagt hatte, einen kleinen Stauraum. Er war leer. Ein wenig enttäuscht legte sie ihre Lampe beiseite und brachte Wanne, Rost und Matte wieder in Position. Dann nahm sie auf der Sitzbank Platz und wartete.
   Eine Stunde später saß sie noch immer an Ort und Stelle und spielte schon mit dem Gedanken, Kekse und eine der Rumflaschen aus dem Schrank zu holen, als sie draußen etwas hörte. Es war ein leises Brummen, das betulich an Substanz gewann. Antonia identifizierte das Geräusch als einen Wagenmotor. Nun also kamen sie endlich. Das Aufeinandertreffen stand bevor. Antonia trat ans nächste Fenster. Durch Büsche und Bäume hindurch erkannte sie das schwach leuchtende Scheinwerferpaar eines Fahrzeuges näherkommen. Es befuhr den Forstweg.
   Obgleich sie an keine Gefahr glaubte, rieselte Antonia ein Schauder über den Rücken. Sie vertraute auf Günzmanns Einschätzung, wonach es sich um harmlose Jugendliche handelte, doch blieb ein mulmiges Gefühl. Sie hatte überlegt, sich im Holzlager zu verstecken, sollten ihr die näher kommenden Gestalten nicht gefallen.
   Der Wagen blieb vor der Hütte stehen. Das Scheinwerferstandlicht erlosch, zwei Gestalten stiegen aus. Beide waren dick vermummt, was aufgrund der Kälte angeraten war. In Antonia löste der Anblick dennoch Unbehagen aus. Sie verharrte am Fenster. Die beiden marschierten zielstrebig auf die Eingangstür zu. Eine von ihnen trug einen Korb bei sich. Antonia vernahm Gekicher. Es klang tatsächlich nach Jugendlichen. Ihre Bedenken verflogen nach dieser Erkenntnis. Als sich die Tür öffnete, saß sie wieder auf der Sitzbank an der Stirnseite des Tisches und war bereit für ihren Auftritt. Sie gedachte, ihre Gäste in der Rolle einer rachsüchtigen Hausherrin zu empfangen, deren Heiligtümer man empfindlich geschändet hatte.
   »Keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat«, vernahm sie unbedenklich ausgesprochene Worte, die unzweifelhaft von einer jungen Frau stammten. »Wenn die ihn erwischt hätten, wäre er sicher hochkant rausgeflogen. Volldepp, der.«
   »Ja, das schaut ihm ähnlich«, kommentierte eine männliche Stimme.
   Die beiden Schemen streiften sorgfältig ihre Schuhe ab, bevor sie eintraten. Zwar waren sie widerrechtlich hier, doch wenigstens besaßen sie Anstand.
   Nachdem die Hüttentür geschlossen war, knipste Antonia ihre Taschenlampe an und richtete den Lichtkegel auf die Köpfe der beiden. Das Mädchen schrie auf und stolperte rückwärts, wobei etwas zu Bruch ging. Sie hatte den Korb fallen lassen. Ihr männlicher Begleiter wich ebenfalls zurück und stieß ein »Hey!« aus. Beide hielten sich schützend die behandschuhten Hände vor die Augen. Antonia erhob sich und tat einen Schritt näher.
   »Wer … wer sind Sie?«, rief der Junge nervös.
   Das Taschenlampenlicht zeigte ihr ein sommersprossiges Gesicht unter einer dicken Kapuze. »Wer sind Sie?«, wiederholte er diesmal schärfer.
   »Das will ich von euch wissen.« Antonia legte alle Bedrohlichkeit, die sie aufbringen konnte, in ihre Stimme.
   »Zurück!«, zischte der Junge, während er seine Freundin hinter sich schob. »Bleiben Sie bloß zurück!«
   »Du glaubst doch nicht, dass ich auf meinem eigenen Grund und Boden Befehle entgegennehme«, entgegnete Antonia kühl.
   Obwohl sie noch überaus schreckhaft wirkten, schienen die beiden zu kapieren.
   »Ihr … Grund und Boden?«
   »Ganz recht, mein Grund und Boden.«
   Für den Bruchteil einer Sekunde erschrak sich Antonia am Aufflammen eines Feuerzeugs, dann erhellte sich der gesamte Eingangsbereich und gab die beiden Neuankömmlinge in ihrer Gesamtheit preis. Das Mädchen hatte eine Ölfunzel entzündet.
   »Wer sind Sie?«, fragte der Junge mit zusammengekniffenen Augen.
   Antonia knipste ihre Taschenlampe aus. »Mein Name ist Antonia Bader. Diese Hütte ist zufällig mein Eigentum.«
   »Den Namen kenne ich«, zischte das Mädchen ihrem Freund zu. »Sie sind die Glasnererbin, stimmt’s?«
   Antonia nickte. »Und wer seid ihr?«
   Die Teenager wechselten einen Blick.
   »Also, ich heiße Torsten Danhauser. Das ist meine Freundin Monika. Monika Fichtl.«
   »Sehr erfreut«, kommentierte Monika mit einem unsicheren Grinsen.
   »Was habt ihr hier zu suchen und wie lange geht das schon?«
   Die beiden tauschten abermals einen Blick aus.
   »Schon eine ganze Weile«, antwortete schließlich Torsten schulterzuckend. »Entschuldigen Sie, wir haben nicht gewusst, dass jemand hier ist. So lange Zeit hat sich niemand um die Hütte gekümmert, da haben wir gedacht …«
   »Ich war verhindert«, unterbrach ihn Antonia. »Also, was wird hier gespielt? Ist das euer Liebesnest? Oder trefft ihr euch zum Kiffen?«
   »Wir haben Besseres zu tun, als zu kiffen«, gab erneut Torsten zur Antwort. »Ersteres ist wohl eher zutreffend.«
   »Es ist wunderbar romantisch hier«, fügte Monika hinzu.
   Antonia musterte die beiden und hatte Mühe, ihre hoffentlich böse Miene aufrechtzuerhalten. Für die beiden war die Hütte offenbar dasselbe wie seinerzeit für Matthias und sie. Allerdings wären Matthias und sie nie auf die Idee gekommen, im Winter herzukommen.
   »Na schön, dann setzt euch.« Sie winkte die beiden an den Tisch. »Ich habe ein paar Fragen an euch.«
   Torsten und Monika zögerten kurz, doch dann folgten sie der Einladung. Sie schlugen ihre Kapuzen zurück und öffneten die Anoraks. Monika hatte langes blondes Haar, Torstens war kurz und nur eine Spur dunkler.
   Antonias Blick fiel auf den Korb. »Was ist da drin?«
   »Eine Thermoskanne mit Tee, eine mit Glühwein und ein paar Dreikönigsstollen«, gab Monika zur Antwort. »Hoffentlich haben es die Kannen überstanden. Meine Mama bringt mich sonst um.«
   Antonia hob den Korb auf und stellte ihn auf den Tisch. Monika überprüfte den Inhalt.
   »Wie viel von dem Zeug in den Schränken gehört euch?« Antonia setzte sich.
   Monika sah kurz auf, senkte den Blick dann aber wieder auf die Thermoskanne, die sie inspizierte, als brächte sie die Antwort in Verlegenheit.
   »Nun ja, die Matratze war eines der ersten Dinge, die wir hergeschafft haben«, sprang Torsten in die Bresche. »Die meisten Decken sind ebenfalls von uns. Die Gasflaschen waren bereits da, aber die Heizkanone gehört meinen Eltern. Ein paar Packungen Gebäck dürften auch von uns sein.«
   »Wie lange geht das schon?«
   »Dass wir hierherkommen? Nun ja, seit ein paar Monaten.«
   »Geht das auch präziser?«
   »September, glaube ich … ja, September.«
   Monika nickte zustimmend. »Ihr benutzt die Hütte also für romantische Abende.«
   »Wir haben hier weder etwas beschädigt noch was geklaut«, stellte Monika klar.
   »Habe ich auch nicht behauptet. Trotzdem ist es Einbruch.«
   »Nein, ist es nicht!«, empörte sich Monika. »Die Tür war nie verschlossen. Zu keinem Zeitpunkt.«
   Antonia seufzte leise.
   »Hey, wir haben sie wirklich nicht aufgebrochen«, beteuerte auch Torsten.
   Sie konnten nicht wissen, dass sich Antonia dessen inzwischen bewusst war.
   »Nachdem wir von einer Freundin erfahren haben, dass die Hütte offen steht, haben wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt, uns hier ein wenig einzurichten. Fred Glasner war schon seit drei Monaten tot, und ein Erbe hatte sich noch nicht gemeldet. Keiner hat sich mehr für die Bude interessiert. Wir haben uns gedacht, es würde schon niemanden stören. Ich meine, wenn wir gewusst hätten, dass … nun …« Er brach ab.
   »Wenn ihr gewusst hättet, dass ich komme, hättet ihr eure Spuren beseitigt«, vervollständigte Antonia. »Wie es aussieht, verbreiten sich Neuigkeiten und Gerüchte nicht zwangsweise in alle Richtungen«, fügte sie mehr zu sich selbst hinzu.
   »Wollen Sie uns etwa anzeigen?«, fragte Monika mit einer Schüchternheit, die vermutlich genauso gespielt war wie Antonias Kaltblütigkeit.
   »Das hatte ich ursprünglich vor. Doch, wenn ihr mich nicht anlügt, werde ich davon absehen.«
   »Das ist … nett«, sagte Torsten. »Wir haben keinen Grund, zu lügen.«
   »Jeder hat Gründe, zu lügen. Aber sei’s drum. Du erwähntest vorhin eine Freundin. Gehen hier etwa noch andere Liebespärchen ein und aus?«
   »Nein, das wüssten wir, glaube ich«, beteuerte Torsten. »Ich glaube nicht, dass seit Sommer außer uns beiden jemand hier war. Uns ist jedenfalls nichts aufgefallen.«
   »Kanntet ihr meinen Onkel?«
   »Na ja, nicht persönlich. Gekannt hat ihn eigentlich jeder. Er war ja eine schillernde Persönlichkeit.«
   »Scheiße, die Glühweinkanne ist innen gebrochen«, merkte Monika ernüchtert an. »Aber die Teekanne scheint noch heil zu sein. Dürfen wir Sie einladen, Frau Bader?«

Kurz darauf saßen sie bei Tee und Stollen zusammen.
   »Wieso diese Hütte?«, fragte Antonia nach einer Weile. »Gerade im Winter muss es Dutzende Orte geben, die sich besser eignen, einen romantischen Abend zu verbringen.«
   »Überhaupt nicht! Das Schlichte und Spartanische hier gibt eine Menge Romantik her«, erklärte Monika. »Es hat etwas von Naturverbundenheit.«
   »Eine gasbetriebene Heizkanone hat mit Naturverbundenheit zu tun?«
   »Nein, die abgelegene Lage im Wald. Wir wollten das noch einmal auskosten, bevor neue Schneefälle den Waldweg wieder unbefahrbar machen.«
   »Man gelangt auch zu Fuß hierher.«
   »Ja, aber das ist zu mühsam, wenn tiefer Schnee liegt. Wir wollen uns ja nicht schon vorher verausgaben.« Sie knuffte ihren Torsten neben sich liebevoll, dem ein schelmisches Lächeln entwich.
   »Es ist natürlich auch die Aura an diesem Ort«, bemerkte er dann an Antonia gewandt. »Ich weiß ja nicht, wie gut Sie Ihren Onkel gekannt haben, aber wenn man manchen Geschichten Glauben schenken will, haben hier draußen manchmal recht wilde Partys stattgefunden.«
   Dass Onkel Fred wilde Partys gefeiert hatte, war Antonia nicht neu, aber hier draußen, das klang ziemlich abstrus.
   »Hier draußen? Hier gibt es nicht einmal Strom.«
   »War wohl nicht nötig. Na ja, vielleicht ist ja nichts dran.«
   »Wer erzählt denn solche Geschichten?«
   Torsten und Monika sahen sich an, als suchten beide das Einverständnis des anderen, sprechen zu dürfen.
   »Zwei Münchner Studentinnen haben letzten Sommer ein wenig damit geprahlt«, erklärte Torsten schließlich. »Angeblich hat Fred Glasner sie zu solchen Partys eingeladen. Es könnte natürlich Aufschneiderei gewesen sein, aber immerhin wussten die zwei von dem Geheimfach unter dem Fußabtreter.«
   »Gibt’s eigentlich auch jemanden, der nicht von diesem sogenannten Geheimfach weiß?«
   Torsten quittierte das mit einem Schmunzeln, sagte aber nichts.
   »Könnte ich diese Studentinnen mal sprechen?«
   »Die kommen wahrscheinlich erst im Sommer wieder. Da arbeiten sie im Seegutshof.«
   »Verstehe.«
   »Was dagegen, wenn wir du sagen?«, trug Torsten an.
   »Nein, das ist mir sogar lieber«, sagte Antonia und hoffte, damit nicht zu vertraulich geworden zu sein.
   Als Monika ihre Weste aufknöpfte, sah Antonia im Licht der Ölfunzel einen silbernen Anhänger an einer Kette um deren Hals schimmern. Es war die verkleinerte Version dessen, was auf Volker Marganters Pritschenwagen gelegen hatte.
   »Was ist das?«, fragte Antonia.
   »Oh, das? Das ist ein Pentagramm. So etwas hast du doch sicher schon einmal gesehen, oder?«
   »Was für eine Bedeutung hat es?«
   Monika nahm den Anhänger mit ihrer Handfläche auf und rückte näher zum Licht. »Die fünf Ecken symbolisieren die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Die oberste Spitze wiederum repräsentiert den Geist, der über den Elementen steht. In seiner Gesamtheit steht es für die spirituelle Einigkeit des Menschen mit den weltlichen Dingen, die ihn umgeben. Es war ein Geschenk meiner Oma. Sie war so eine Art Hexe, wenn du weißt, was ich meine.«
   Antonia nippte an ihrem Tee und dachte an das Pentagramm, das Onkel Fred dem Antiquitätenhändler in Auftrag gegeben hatte. Sie bezweifelte, dass er dieses Ding aus spirituellen Motiven erstehen wollte.
   »Was erzählt man sich denn noch alles über meinen Onkel?«, knüpfte sie an das vorangegangene Thema wieder an. »Gibt es noch andere Sachen neben den angeblichen Partys in seiner Jagdhütte?«
   »Du kanntest ihn nicht sonderlich gut, was?«, meinte Torsten.
   »Ich habe ihn seit meinem Auszug nicht mehr oft gesehen.«
   »Was interessiert dich denn speziell?«, fragte Monika.
   »Hatte er eine Affäre? Oder mehrere davon?«
   »Er war eine Art Dandy. Bei festlichen Anlässen hat er mit allen möglichen Damen getanzt. Er war ein Charmeur, wie er im Buche steht, hat meine Mama mal gesagt. Aber ob er eine richtige Affäre hatte, weiß ich nicht.«
   Torsten schüttelte den Kopf.
   »Was ist mit Sieglinde Kiermeyer? Sie scheint meinem Onkel nahegestanden zu haben.«
   »Kiermeyer? Die Chefin von der Seeperle? Wie kommst du denn ausgerechnet auf die?«
   Aus den Gesichtern der beiden las Antonia, dass diese Spekulation kein bestehendes Gerücht nährte. »Was ist mit Frau Kiermeyer? Was tratscht man über sie?«
   Torsten und Monika schienen im Antlitz des jeweils anderen nach einer angemessenen Antwort zu suchen.
   »Na ja, sie ist ein recht geachtetes Gemeindemitglied«, stellte Monika fest. »Irgendwelcher Tratsch will mir im Moment nicht einfallen.«
   »In welchen familiären Verhältnissen lebt sie?«
   »Sie ist verwitwet«, antwortete Torsten. »Ihr Mann ist schon seit vielen Jahren tot. Hatte einen Autounfall.«
   »Kinder?«
   »Zwei. Mädchen und Bub. Beide jünger als wir. Sie gehen noch aufs Gymnasium.«
   »Hat sie keinen Lebenspartner?«
   »Keine Ahnung. Ich weiß von keinem. Sie hat ihr Hotel, das reicht ihr offenbar.«
   Antonia hatte ihre Teetasse geleert und erhob sich. »Na schön, ihr beiden. Ich wollte wissen, wer hier ein- und ausgeht. Das weiß ich nun. Ich will euch eure letzte Nacht vor den Schneefällen nicht verderben, deshalb verlasse ich euch jetzt. Für die Zukunft wäre ich dankbar, wenn ihr mir vorher Bescheid geben würdet, wenn ihr wieder einen romantischen Abend in meiner Hütte plant. Vielleicht lasse ich das Schloss reparieren und überlasse euch einen Schlüssel.«
   »Was? Ernsthaft jetzt?«, fragte Torsten.
   »Sicher«, gab Antonia zurück. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Hütte etwas sehr Romantisches hat.«

Etwas später trat Antonia mit hochgeschlossenem Anorak und Wollmütze in die Nacht hinaus und entfernte sich rasch. Als sie sich noch einmal zur Hütte umdrehte, sah sie, wie die Vorhänge vor die Fenster gezogen wurden. Sie lächelte und strebte den Pfad an, der sie zum Glasner-Grundstück zurückbringen würde. Es hatte bereits zu schneien begonnen. Die für morgen prognostizierten Schneefälle kamen offenbar schon heute Nacht. Die Sicht war dennoch ausreichend, um auf die Taschenlampe verzichten zu können.
   Antonia hatte zwar Klarheit über die heimlichen Hüttenbesucher, doch die Rätsel um ihren verstorbenen Onkel hatten sich vermehrt. Sollte er in der Jagdhütte tatsächlich Partys oder gar Orgien gefeiert haben? Die Kapelle hätte sich dafür deutlich besser geeignet.
   Ein überaus seltsames Vermächtnis hatte ihr Onkel Fred da hinterlassen. Es beinhaltete ein Haus, ein teures Auto, eine alte Jagdhütte und etliche Geheimnisse. Ein persönlicher Brief war leider nicht dabei, und damit auch keine Wünsche, was aus seinen Besitztümern werden sollte. Antonia hatte diesbezüglich alle Freiheiten. Seltsamerweise beunruhigte sie das.

Der Waldrand konnte nicht mehr fern sein, als Wind aufkam. Auch das sprach dafür, dass der Schnee früher kam als angekündigt. Antonia senkte den Kopf, zog die Schultern an und hielt mit einer Hand den Anorakkragen vor ihrem Hals zusammen.
   Der Wind nahm zu und sang ein schrilles Lied, während er die kahlen Bäume umstrich. Doch dazwischen war noch etwas anderes. War es Einbildung oder wurde von dem Pfeifen auch eine Stimme mitgetragen?
   Antoniantoniantoniantoniantoniantoniantoniantonia …
   Antonia hielt inne. Sie war sich sicher, einer akustischen Täuschung zu unterliegen. Als sie ohne dem Geräusch ihrer Schritte noch einmal in den Wind horchte, vernahm sie nichts dergleichen. Sie ging weiter, nur um wenige Augenblicke später ein weiteres Mal stehen zu bleiben. Der Wind wirbelte die fallenden Schneeflocken durcheinander, doch die Sicht war klar genug, um die schemenhafte Silhouette zu bemerken, die ein Stück voraus auf dem Waldpfad aufwartete. Antonia hob die Taschenlampe und knipste sie an. Der Lichtkegel traf eine vermummte Gestalt. Das plötzliche Licht schien sie nicht weiter überrascht oder verunsichert zu haben. Sie blieb vollkommen reglos. Sie konnte unter der Kapuze kein Gesicht ausmachen. Als sie wieder Schritt aufnahm, setzte sich der Vermummte ebenfalls in Bewegung und schlug sich seitwärts in die Büsche.
   »Hey, warte«, rief Antonia und folgte seinen Bewegungen mit dem Lichtkegel. Die Gestalt entfernte sich unerwartet schnell und war schon nach wenigen Sekunden aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Sie durchforstete die Waldregion mit ihrer Lampe, verließ den Pfad jedoch nicht, da ihr das ganz und gar nicht ratsam erschien. Vielmehr schürte diese eigentümliche Sichtung ihr Verlangen, schnellstmöglich zu ihrem Wagen zu laufen und ins Hotel zurückzufahren.
   Was hatte das zu bedeuten? Wer war das und warum floh er vor ihr? Wären die Spuren im Schnee nicht gewesen, sie hätte womöglich an die Erscheinung von Onkel Freds Geist geglaubt. Die fremden Stiefelabdrücke neben ihren eigenen bewiesen, dass diese Person real war. Sie prägte sich das leicht schräge Rautenmuster ein. Am Tage wäre sie den Abdrücken wahrscheinlich nachgegangen, doch in der Dunkelheit, und kurz bevor die angekündigten Schneefälle einsetzten, wäre das ziemlich leichtsinnig.
   Sie beschleunigte ihren Schritt Richtung Glasner-Grundstück. Die Spuren verrieten ihr, dass der Vermummte von dort gekommen war. Sie ließ die Taschenlampe eingeschaltet und sah sich immer wieder um, während sie den Rest des Pfades bestritt. Als ob sein Auftritt nicht schon seltsam genug war, beschäftigte sie obendrein sein Äußeres. Sie hatte den Vermummten nur ein paar Augenblicke und zudem durch zahlreiche Schneeflocken gefiltert gesehen. Doch sie war sicher, seinen Aufzug identifiziert zu haben. Er hatte keinen Anorak mit Kapuze getragen, sondern eine Mönchsrobe.

Am Waldrand lag das dunkle Haus vor ihr, das nun ihres war. Beunruhigt nahm Antonia wahr, dass die Spuren des Fremden von dort kamen, genauer gesagt verliefen sie vollkommen parallel zu ihren, was nahe legte, dass der Vermummte sie verfolgt hatte. Tat er das noch immer? Ein kaltes Schaudern erfasste sie. Sie fuhr herum und sondierte mit der Lampe das nahe Gehölz. Niemand zu sehen.
   Nun galt es herauszufinden, woher die Spuren kamen. Einen Herzschlag lang erlag Antonia der schaurigen Vorstellung, der Vermummte wäre aus dem Haus gekommen. Doch das erwies sich als falsch. Antonias Spuren endeten dort, wo sie ihren Wagen abgestellt hatte, während die anderen zur einzigen Zufahrtsstraße führten – oder vielmehr von dort kamen. Antonia verlangte es, in ihren Wagen zu steigen und ins Hotel zurückzufahren, doch morgen hätten die Schneefälle die Fährte bereits verwischt, und sie wollte wissen, woher der Vermummte gekommen war.
   Leider verlor sich das Profil seiner Sohlen auf dem geräumten Asphalt. Sie wiederzufinden, erschien ihr wenig aussichtsreich. Sie machte kehrt und stapfte zu ihrem Auto. Jetzt erst bemerkte sie an der Heckseite des Wagens die tellergroßen Buchstaben im Schnee. Sie präsentierten ihren Vornamen.

Das erleichterte Gefühl, das sie wenig später in den belebten Mauern der Seeperle verspürte, verdeutlichte Antonia noch einmal, dass sie die Begegnung mit dem Vermummten ungeahnt aufgewühlt hatte. Die Beklemmung kehrte jäh zurück, als sie ihr Zimmer betrat und sich gewahr wurde, dass in ihrer Abwesenheit jemand hier gewesen war. Der Eindringling hatte sich große Mühe gegeben, nichts zu verändern, doch Antonias fotografischem Gedächtnis sprangen die kleinen Unstimmigkeiten förmlich ins Gesicht. Ihr grauer Bademantel hing nicht mehr parallel zur Garderobe, die Prinz-Adam-Weckuhr, ein Geschenk von Duane, auf dem Nachttischchen war um mindestens fünf Zentimeter nach links gerückt, und die beiden Reisekoffer an der Verlängerung des Wandschranks standen nicht mehr unmerklich versetzt zueinander, stattdessen bildeten ihre Seitenwände eine Linie. Da die Zimmermädchen ihren Aufgaben vormittags nachkamen, ließ das nur den Schluss zu, dass hier jemand eingedrungen war.
   Antonia öffnete den Schrank. Die Veränderungen waren marginal, aber zweifellos vorhanden. Auch hier hatte jemand gestöbert.
   Bevor sie den Vorfall melden wollte, nahm sie auf ihrem Bett Platz und atmete tief durch. Siggi Günzmann hatte vehement bestritten, dass die Polizei die Kapelle aufgebrochen hatte. Demzufolge musste sich auch im Glasner-Haus jemand widerrechtlich aufgehalten haben. Bestand da ein Zusammenhang zu dem Einbruch hier?
   Im nächsten Moment schoss Antonia durch den Kopf, dass der Einbrecher womöglich noch hier war. Sie fuhr hoch und schubste auf eine fremde Begegnung gefasst die Badezimmertür auf. Es war menschenleer. Ihre wenigen Toilettenartikel standen unverändert auf der Ablage über dem Waschbecken.
   »In meinem Zimmer wurde eingebrochen«, sprach sie wenige Augenblicke später in die Sprechmuschel ihres Zimmertelefons.
   Die Rezeptionistin am anderen Ende der Leitung reagierte ziemlich perplex, und Antonia gewann den Eindruck, dass die augenscheinlich noch sehr junge Frau ihr kein Wort glaubte. Sie hielt den Alarm wahrscheinlich für die Fantasie einer Betrunkenen. Mit ihrer vorsichtigen Frage, ob denn ein Fenster eingeschlagen worden wäre, wurde Antonia bewusst, dass sie das Naheliegendste nicht überprüft hatte. Ein kalter Luftzug wäre ihr zwar sicher nicht entgangen, doch vielleicht hatte jemand die Balkontür aufgebrochen und anschließend wieder eingesetzt. Sie wandte sich, ohne eine Erwiderung abzugeben, der Fensterfront des Zimmers zu, zog die weißen Vorhänge beiseite und besah das Glas. Die Balkontür war ordnungsgemäß verschlossen. »Nein, es wurde kein Fenster eingeschlagen«, gab sie zur Antwort. »Nichts ist beschädigt.«
   Ein paar stille Momente verstrichen, und Antonia stellte sich vor, wie die junge Frau am anderen Ende gerade einer Kollegin den Vogel zeigte und dabei auf das Telefon verwies.
   »Ich werde den Sicherheitsbeauftragten unseres Hauses informieren. Im Moment ist er nicht verfügbar, aber er wird sich morgen umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen. Sie sollten jetzt trotz aller Aufregung versuchen, zu schlafen. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Angelegenheit aufklären wird.«
   Nun war Antonia überzeugt, dass diese Frau sie für eine Spinnerin hielt. »Danke«, sagte sie nur und legte auf.
   Heute würde offenbar nichts mehr passieren. Eine neue Stufe des Unbehagens hatte von Antonia Besitz genommen. Es veranlasste sie, noch einen Blick unter ihr Bett zu werfen, bevor sie sich schlafen legte. Das vermeintlich sichere Terrain ihres Hotels hatte seine Sicherheit verloren.