2115
Ross Devlin studiert Geschichte in Oxford. Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen wünscht er sich ein ruhiges, normales Leben und hofft, es gemeinsam mit der Physikstudentin Alexandra Erickson führen zu können. Doch leider schafft er es nicht so recht, ihr nahezukommen. Zu Hilfe kommt ihm ausgerechnet der Tod seines Großvaters Prof. Dr. Ron Devlin. Ross’ Erbe ist eine seltsame Kapsel, die ihn mit seiner Angebeteten und zwei weiteren Kollegen zusammenbringt. Obwohl Ross von dem Erbe wenig versteht, setzt er alles daran, um seine Freundschaften zu vertiefen und seinen Großvater zu rehabilitieren, den alle für einen Spinner halten. Seinen Freunden und ihm gelingt die Umsetzung von Professor Devlins Lebenswerk. Das Unfassbare – der Sprung durch Raum und Zeit. Ross, Alexandra und Janet reisen als Erstes in die Bronzezeit. Nichts kann ihre Neugier stoppen, denn sie spüren einem der größten Geheimnisse der Menschheit nach – Wie viel historische Wahrheit steckt im Jesus von Nazareth der Bibel?

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ISBN: 978-9963-52-012-1

Seiten: 428

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Scott Jenkins

Scott Jenkins
Geboren 1974 in Leipzig, der traditionsreichen Stadt der Bücher. Er hat von seinen Eltern bereits in der Kindheit recht viele Bücher bekommen. Nach dem Abschluß 1991 drei Jahre Internat in Würzburg mit Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann. 1995 Bundeswehr in Hammelburg. Mitte der 1990er Jahre erste Inspirationen. Die Grundideen zu „Die zweite Menschheit“ entstehen. Veröffentlichung von Band I und Band II 2002 u. 2003 unter BoD. Weiterhin entstehen viele Werke - um diese Zeit bereits die „Chronisten“, „Verfluchte Gabe“, „Immortal - Das Blut des Franken“ und andere. Er interessiert sich für Geschichte und auch für andere Länder. Daher reist er auch sehr gern. Seit dem Frühjahr 2012 lebt er in der Nähe von Wien.

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Leseprobe

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Prolog
Der Traum eines Professors

Die Sonne strahlte an diesem Julitag 2076. Ihr Licht drang weit in das Labor hinein.
   Ron saß im Sessel vor dem Schreibtisch und starrte auf die Bildschirmfolie. Er las Zeitungen, die er wie jeden Morgen per Abonnement heruntergeladen hatte. Verbittert überflog er die Schlagzeilen.
   Erst vor eineinhalb Stunden hatte er seinen üblichen Kurs in theoretischer Materie und Grundlagenforschung an der Universität in Cambridge gegeben. Keiner der Studenten hatte negative Bemerkungen gemacht. Sie mochten und respektierten ihn. Doch erst zwei Tage zuvor hatte er einen der schwärzesten Tage seines Lebens erlebt. »Märchen eines alten Mannes«, »Verrückter Professor wird wahnsinnig« – O ja, sie waren nicht zimperlich mit ihm umgesprungen.
   Die Tür zu seinem Büro öffnete sich und Schritte kamen auf ihn zu.
   Seine Tochter trat zu seinem Sessel, warf einen Blick auf den Bildschirm und stöhnte auf. »Dad, warum tust du dir das an?«
   »Weil ich es mir antun muss, Natasha. Ich will mir jeden Namen merken. Von jedem meiner angeblichen Kollegen, der nicht genug Fantasie und Glauben hat, um mich zu verstehen.«
   Natasha schaltete den Bildschirm einfach auf Stand-by. Sie drehte den Sessel ein Stück zur Seite und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches.
   »Dad, hattest du nicht gesagt, das wäre nur eine Schnapsidee, ein Hirngespinst? Ich meine, du musst zugeben, dass Zeitreisen mehr als fragwürdig sind. Ich wäre nie darauf gekommen, du könntest das ernst meinen.«
   »Jetzt, meine Natasha, meine ich es ernst. Jetzt erst recht.«
   Unverständnis trat in das Gesicht seiner Tochter. »Dad, ich versuche ja, dich zu verstehen. Aber Zeitreisen? Wieso überlässt du das nicht dem Kino?«
   Ron lächelte. Seine Hand umschloss Natashas. »Weil ich inspiriert wurde. Letztes Jahr. Ich habe diese Sendung gesehen. Daher bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass es möglich ist. Felsenfest, Natasha. Felsenfest.« Seine Lippen zitterten und seine Nasenflügel bebten.
   »Und was willst du jetzt tun? Wie lange wirst du – für was immer du zu tun gedenkst oder wirst – brauchen?«
   Ron zog seine Hand von der ihren und fuhr sich nachdenklich übers Gesicht. »Ich muss meine wenigen Freunde, die ich noch habe, konsultieren. Und ich muss einen Plan erstellen. Es ist mir egal, wie lange es dauert, ich werde es schaffen. Ich werde das schaffen!« Entschlossenheit wühlte ihn auf.
   »Ich bewundere deinen Glauben, Dad. Ich werde dich aber nur mental unterstützen können. Du weißt, von deinem Kram verstehe ich nichts.«
   Er lächelte. »Ja, ich weiß. Bleib du bei deinen Sprachen, mein Schatz. Es gibt nicht viele Menschen, die mit fast fünfzehn Jahren vierzehn Sprachen fließend beherrschen. Wie viele sind es inzwischen?«
   Natasha schmunzelte. »Achtzehn.«
   »Nur vier weitere Sprachen in sechs Jahren? Du lässt nach.« Er grinste.
   Sie lachte und erhob sich.
   Sein Phone klingelte. Stana, seine Frau. Er liebte ihren Namen wie sie. Englisch mit kroatischem Einschlag. Stana gab ihm Kraft und Liebe. Er wollte sich ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen. Deswegen gehörte ihr das Wochenende. Da verwöhnte er sie. Und ihm gehörte die Woche. Wo er verwöhnt wurde. Sie war rundherum etwas Besonderes. Er meldete sich.
   »Ron, ich kaufe gerade ein. Möchtest du etwas Bestimmtes zum Mittagessen?«
   Wie er sie liebte. »Nein danke, Stana. Überrasche mich wie immer.« Ron schaltete das Phone ab.
   »Ich werde Mom abholen. Bis nachher. Hab dich lieb. Aber schmeiß endlich diese unselige Krawatte weg.« Natascha verabschiedete sich und küsste ihn auf die Stirn.
   »Ich liebe dich auch, Schatz.«
   Als sie weg war, trommelte er wieder mit den Fingern auf den Tisch. Sein Blick fiel auf den Bildschirm. Er aktivierte die Anzeige und klickte die Zeitungen weg. Das Kommunikationsinterface seines Computers teilte ihm mit, dass Gabriel Henderson, ein Kollege und ebenfalls Physiker, mit ihm sprechen wollte. Ron lächelte und aktivierte die Verbindung.
   Gabriel tippte zur Begrüßung mit der Hand an die Stirn. »Der Herr Professor Doktor Devlin. Wie fühlst du dich, Ron?«
   »Ich gebe zu, es ging mir schon besser. Aber das alles gibt mir die nötige Energie und den Willen, es tatsächlich durchzuziehen. Ich werde allen beweisen, dass ich richtig liege. Darauf kannst du dich verlassen.«
   Gabriel Henderson nickte. »Ich bewundere dich, Ron. Ich bin beim Thema Zeitreisen zwiegespalten, aber ich kenne dich seit fünfzehn Jahren. Also, wenn jemand das tatsächlich packt, dann du.«
   Ron zuckte die Schultern. »Vielleicht brauche ich für ein Ergebnis bis an mein Lebensende, aber ich werde nicht aufgeben.«
   Eine weitere Verbindung bat um Aktivierung. Es war David Logan, sein engster Freund und ebenfalls ein Kollege. Er aktivierte den Kanal und stellte beide Verbindungen nebeneinander.
   David und Gabriel begrüßten einander. Aus Höflichkeit sprach er trotzdem noch mit Gabriel weiter. »Erzähl mal, wie weit bist du mit deiner Kugel, Gabriel?«
   Ein Lächeln umspielte die Lippen seines Kollegen. »Kleine Schritte, Ron. Aber kleine Schritte sind besser als gar keine. Die Energiematrix ist so weit fertig. Ich arbeite weiterhin am Elementegatter. Bis ich diesen Teil stabil habe, können noch Jahre vergehen.« Auch Gabriel Henderson fuhr sich mit den Händen über sein Gesicht, deutlich hörbar atmete er aus.
   »Ich biete dir nach wie vor gern an, mich um einige Elemente zu kümmern, Gabriel.«
   Gabriels weiße Zähne blitzten. »Ich weiß dein Angebot zu schätzen, Ron. Wenn ich tatsächlich deine Hilfe brauche, komme ich auf dich zurück.«
   Gabriel schaltete die Verbindung auf Stand-by, sodass sie jederzeit reaktiviert werden konnte. Nun wandte sich Ron seinem engsten Freund zu. »David, entschuldige, dass ich dich habe warten lassen.«
   Davids Mund verzog sich zu einem Schmunzeln. »Wie fühlst du dich, Ron?«
   Ron lächelte. »Es hat keinen Weltuntergang gegeben. Es geht mir den Umständen entsprechend gut. Danke der Nachfrage. Wie geht es dir?«
   David ging nicht auf die Frage ein. »Da ich dich kenne, Ron, wie willst du vorgehen?«
   Ron atmete tief durch. »Das weiß ich noch nicht so ganz, zugegeben.«
   »Kann ich dir helfen?«
   Ron massierte nachdenklich sein Kinn. Sein Freund war Physiker in einem besonderen Gebiet – Kausalitäten. »Ich könnte mir vorstellen, David, dass bei dem, was ich benötige, unsere bisherigen Kenntnisse der Kausalitätstheorie nicht ausreichen werden. Vielleicht müssen wir sie erweitern.« Ron faltete seine Hände.
   »Ich glaube, ich ahne, worauf du hinauswillst. Ursache und Wirkung in der Dimension von Raum und Zeit.« David rieb grübelnd seine Stirnfalten, seine Augen weiteten sich. »Das können wir aber nur in reiner Theorie diskutieren. Ausprobieren können wir es nicht. Nicht, solange du keine praktische Anwendung oder Möglichkeit gefunden hast.«
   »Da hast du recht, David. Reden wir nachher weiter? Ich muss nachdenken.«
   »Natürlich, Ron. Wir sehen uns später. Ich schalte auf Stand-by.«
   »Ja, ich auch.« Der Bildschirm wurde schwarz. Ron atmete tief durch und schloss die Augen. Es gab für ihn kein Zurück mehr. Nie zuvor war er entschlossener.
   Er erhob sich und wechselte in ein anderes Raumquadrat. Seine Räumlichkeiten bestanden aus drei Quadraten. Neben seinem überfüllten Büro hatte er sich vor vielen Jahren ein Labor eingerichtet. Ron trat vor einen Spiegel, stützte beide Hände an die Wand und musterte sich darin.
   Wache, blaue Augen sahen ihn an. Sein dunkles, normalerweise locker nach hinten gekämmtes Haar, sah aus, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Erste Falten durchzogen sein Gesicht.
   Hast du eine Ahnung, was du dir da vorgenommen hast, du Narr? Sie haben dich ausgelacht. Dich einen Traumtänzer genannt. Einen Trottel. Einen verrückten, alten Professor.
   War er das? Verrückt? Alt? Natürlich. Verrückt auf jeden Fall. Wer käme sonst auf den Gedanken, Zeitreisen in die Tat umsetzen zu wollen? Nur er.
   Er zeigte auf sein Spiegelbild. »Ich werde es dir beweisen. Und weißt du warum? Weil ich recht habe! Ich weiß, dass ich recht habe. Und wenn ich es geschafft habe, lache ich allen ins Gesicht.«
   Ron stieß sich von der Wand ab und eilte zu einer digitalen Übersichtstafel. Die darauf befindlichen Notizen speicherte er ab und leerte die Ansicht.
   Er rieb sich das Kinn. So viele Themen, die berücksichtigt werden wollten, wo nur lag der Anfang?
   Mit zu einem Spalt verengten Augen sah er auf das leere Brett. David fiel ihm ein. Er nahm den Stift und berührte damit die Tafel. Sofort rechnete die Tafel das Geschriebene in digitale Informationen um.
   Kausalitäten, schrieb er, zeichnete einen Pfeil und schrieb dahinter Logik.
   Auf die andere Seite Raum und Zeit. Und Raumkrümmung – Gravitationsfelder. Der Weg aller Objekte und Himmelskörper im Universum. Man muss ihn verstehen, wenn es jemals Zeitreisen geben soll.
   Das war noch lange nicht alles. Der Begriff der Zeit nahm wenigstens fünfzig Prozent der Thematik ein. Was war Zeit? Eine Illusion. Nicht mehr als ein Eindruck. Das Universum gewährte allen Elementen, jeglicher Materie, die Fähigkeit, sich zu verändern, sich zu bewegen. Diese Fähigkeit erzeugte den Zeiteindruck. Die Erde drehte sich, sodass Sonne und Mond auf- und untergingen. Tag und Nacht. Hell und Dunkel. Sie bewegte sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne und diese wiederum auf einer weiteren um den Mittelpunkt der Milchstraße.
   Die Beobachtung von Sonne und Mond und die Existenz von Gezeiten und Jahreszeiten waren kosmische Uhren.
   Ron senkte den Blick. Völlig in Gedanken wandte er sich einem Planetenmodell zu. Ein altertümliches Stück. Er besaß es länger als jedes andere Stück im Raum. Auf Knopfdruck begannen die Planeten, sich zu bewegen. Auch das war ein Eindruck von Zeit. Selbst als einfaches Modell.
   Wie konnte man Bewegungen, universale Bewegungen, mathematisch beschreiben? Mathematik war nur eines seiner Nebengebiete. Er lehrte es nicht, verstand aber viel davon. Verstand er auch genug? Minutenlang betrachtete er die kreiselnden Bewegungen seines Modells. Schließlich ging er zurück zu seiner Tafel und schrieb einen weiteren Punkt auf: Zeitgeometrie.
   »Ron? Mittagessen ist fertig«, rief Stana von nebenan.
   Er sah auf die Uhr. Es war Punkt dreizehn Uhr, wie immer, wenn seine Frau ihn zum Essen rief.
   Später kehrte Ron in sein Labor zurück. Bis zum nächsten Kurs hatte er noch eine Stunde Zeit. Er durchquerte das Labor, öffnete die Tür des Abstellraums und betrat die kleine, angrenzende Kammer. Er zog eine weitere Tafel hervor, die man mit alten Stiften beschreiben konnte. Diese Tafel stellte er neben die digitale. Er wollte einige Gedanken erfassen, Gedanken, die nicht die seinen waren, die ihm aber vertraut zur Seite standen, wie alte Freunde, die man gern um sich hatte.
   Ron nahm sich einen dicken Stift. Was hatte Einstein einmal gesagt? Zeitreisen? Interessante Idee. Zumindest gibt es kein physikalisches Gesetz, das dagegen spricht, schrieb er.
   Er kehrte an die Digitaltafel zurück. Die Zusammenhänge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er fasste diese Aspekte unter Zeitkontinuität zusammen. Alle drei gehörten zusammen. Sie durften nicht getrennt werden und mussten unter dem Begriff der Relativität gesehen werden. Und die Kernrealität war jeder Mensch selbst. Er durchlebte die Gegenwart für drei Sekunden, eine Erkenntnis, die man inzwischen gewonnen hatte. Von da an wurde das Erlebte zur Vergangenheit und die Zukunft wurde zur Gegenwart. Es war ein Linieneffekt, den man erlebte.
   Er schrieb weiter, versah die Tafel mit Wörtern, Pfeilen und Formeln. Schließlich zog er einen weiteren Pfeil von dem Aspekt Kausalität zur Zeitkontinuität.
   Ron atmete tief durch. Sollte er die Theorie der Paralleluniversen, die mit der Zeitkontinuität verbunden waren, hinzufügen? Er tat es. Sie konnte ein Schlüsselelement sein. Erreichte man eine parallele Welt, war eine andere Zeitperiode nicht schwerer. Sie war gewissermaßen ebenfalls eine parallele Welt. Nur die Koeffizienten, also die Adressen, waren anders. Es sei denn, man sah parallele Welten als abstrakt und vergangene Zeitperioden als konkrete Variante einer parallelen Welt an.
   Weitere Worte füllten die Tafel.
   Ron presste nachdenklich die Lippen aufeinander. Er steckte den Stift in seine Halterung zurück und streifte im Labor umher. Vor einem Tisch hielt er an. Bis zu zehn Linsen waren hintereinander darauf aufgebaut und warteten, dass er Licht oder Laserstrahlen hindurchschickte. Er aktivierte den Versuchsaufbau.
   Ein grüner Laser wurde sichtbar, dessen Strahl mehrere der teils konkaven, teils konvexen Linsen durchlief. Ron testete damit das Lichtverhalten. Licht hatte Teilchen- und Wellencharakter. Die Wissenschaft der zweiten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts kam bei der Erforschung des Lichts nur mühsam voran.
   Er ging zu seinem PC. Leider lief dieser nur mit hundertzwanzig Gigahertz. Es gab bereits Experimente mit größeren Quantencomputern, aber Rechner dieser Größenordnung konnte er sich als Professor nicht leisten. Hundert- bis zweihunderttausend Pfund musste man für so einen Rechner aufbringen. Ron aktivierte die Experimentüberwachung und musterte die Daten. Er war sich nicht sicher, warum er gerade jetzt dieses Experiment wiederholte, wahrscheinlich um seine Gedanken zu ordnen.
   Ein Wecker lärmte. Er fuhr zusammen und sah auf die Uhr.
   »Verdammt!« Es war Zeit für seinen Nachmittagskurs. Er ließ das Experiment laufen.
   Nachdenklich kehrte er am späten Nachmittag in sein Labor zurück. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Zwei Studenten hatten die Vorfälle beim Kongress bedauert. Sie hatten ihm versichert, ihn zu unterstützen.
   Junge Menschen kannten Visionen, schenkten ihm unbedarft ihre Begeisterungsfähigkeit. Mit neuer Energie sah er sich die Ergebnisse seines Experimentes an. Er versuchte, sich auf die Daten zu konzentrieren, doch seine Gedanken waren woanders.
   Die Tür ging auf und Stana trat ein. Sie brachte Kaffee.
   Ron lächelte sie an, ein zarter Kuss, eine liebevolle Umarmung. So viele Jahre waren sie verheiratet. Eine Zeit, die sich in ihren glücklich glänzenden Augen widerspiegelte und sein Herz wärmte.
   »Du hast viele deiner Kollegen ganz schön aufgescheucht.«
   Er legte seinen Arm eng um sie und küsste sie auf die Schläfe. Ihr schwarzes Haar duftete nach wilden Rosenblüten.
   »Ich war von einer derartigen Reaktion überrascht. Aber erst jetzt stellt sich heraus, wer an Physik und Natur glaubt. Glauben, Stana. Archimedes fragte einst: ‚Könnte es möglich sein?‘ Dieser Mann besaß den Glauben. Nicht wenige meiner Kollegen haben ihn nicht. Sie lernen stur Dinge auswendig und leiern sie rauf und runter. Und wenn sie ein Problem sehen, das sich mit dem, was sie gelernt haben, nicht vereinbaren lässt, schieben sie es einfach zur Seite und behaupten, es sei unmöglich.«
   Sein Mund zuckte.
   Stana streichelte ihn zärtlich. »Ich denke, viele deiner Kollegen sehen Natur und Wissenschaft nur als Aufnahme und Weiterverarbeitung von Wissen. Ihnen fehlt der besondere Glaube.«
   »Sie werden nie nach den Sternen greifen. Und wer nicht nach den Sternen greift, wird nie erfahren, wie groß er wirklich sein kann. Kann ich wissen, dass ich erfolgreich sein werde? Nein. Aber ich glaube daran. Es ist eine Aufgabe für den Rest meines Lebens.«
   Stanas Hände wanderten auf seiner Brust entlang. »Oder du müsstest ewig leben.«
   Er betrachtete ihr Gesicht, das er so sehr liebte.
   Ron schüttelte den Kopf. »Nein. Ewiges Leben ist nicht in meinem Sinne. Diese Arbeit zu vollenden wäre sicherlich erstrebenswert. Keine Frage. Aber nicht zu diesem Preis. Was hätte ich davon, könnte ich zweihundert Jahre alt werden und müsste die zweite Hälfte ohne dich überdauern? Vielleicht würde ich es schaffen, aber ich würde aufhören zu leben. Mein Glaube ist mir wichtig, Stana. Aber zu glauben, ohne zu leben, das möchte ich nicht.«
   Ihre Lippen strafften sich, als sie lächelte. »Und mein Glaube bist du. Und Tasha.« Sie küsste ihn auf die Wange. »Wie lange arbeitest du noch?«
   »Bis ich müde werde, Liebes.«
   Ihre Lippen trafen sich zu einem Kuss.
   »Ich gehe mit Tasha zu einer gemütlichen Plauderrunde auf den Balkon«, sagte Stana.
   Ron lächelte. »Habt Spaß.«
   Er setzte sich. Genussvoll trank er den Kaffee mit viel Milch und Zucker. Er nahm sich eine weitere Tasse und betrachtete Einsteins Foto an der Wand neben den vielen Regalen.
   Glaubst du, ich schaffe das?, fragte er seinen berühmten Kollegen stumm.
   Wieder trieb es ihn zu seiner digitalen Tafel. Zur Zeitkontinuität schrieb er Zeitvarianz. Hier waren Theorien möglicher Zeitausdehnungen oder Zeitkompressionen zu finden. Die einfachste Zeitausdehnung gab es bei Einsteins Relativitätstheorie. Körper, die im All beschleunigt wurden, erfuhren eine Zeitausdehnung, Zeitdilatation genannt. Der Körper schrumpfte dabei und krümmte das Raum-Zeit-Gebilde um sich.
   Er hatte nunmehr zwei Aspekte: Zeitkontinuität und Zeitvarianz. Und einen dritten: Zeitgeometrie.
   Ron lächelte. Er konnte fühlen, wie ihn sein Wille vorwärtstrieb. Es fehlte noch so viel. Sollten Zeitreisen jemals praktisch werden, mussten Gesetze beachtet werden.
   Das berühmteste war die Großvater-Theorie. Er war noch kein Großvater, da Natasha mehr Zeit mit ihrem Studium verbrachte als mit möglichen Verehrern. In dieser Theorie kam zum ersten Mal eine mögliche Erweiterung der Kausalitäten zur Geltung. Sie besagte, dass man hypothetisch nicht zurückreisen konnte, um beispielsweise den Großvater zu töten oder gar sich selbst. Denn damit würde man nie geboren und könnte nicht zurückreisen. Und konnte man nicht zurückreisen, wurde man doch geboren und war wieder am Anfang dieses Gedankenspiels.
   Dies war die eine Regel. Ein Gesetz.
   Eine viel interessantere Beobachtung von Ursache und Wirkung war eine generelle Veränderung der Vergangenheit. Was passierte? Wie viel passierte? Was änderte sich?
   Hinderte man die Angeln und Sachsen im frühen Mittelalter daran, nach Britannien überzusiedeln, wie änderte sich damit die Geschichte dieser großen Insel?
   Ron lächelte. Derartige Gedankenspiele konnte man endlos fortführen. Er kehrte zu seinem Arbeitsplatz zurück und nahm sich ein dickes Buch mit leeren Seiten, zückte einen Kugelschreiber und begann zu schreiben. Worte fügten sich zu Sätzen, Sätze reihten sich zu Absätzen aneinander. Mathematische und physikalische Formeln kamen hinzu. Nach fünf Seiten legte er das Buch zufrieden neben sich.
   Sonnenstrahlen erhellten seinen Platz. Die Sonne hatte den westlichsten Punkt erreicht. Ron trank eine dritte Tasse Kaffee, öffnete ein Programm zur Formelberechnung und widmete sich dem ersten Konstrukt. Geometrische Unterschiede zwischen verschiedenen Sonnenumläufen. Jede Bahn der Erde um die Sonne wies kleinste Abweichungen auf. Und diese wollte er berechnen.
   Die Daten der Planetenumläufe bekam er problemlos aus dem Grid, einer Weiterentwicklung des Internets aus dem Jahr 2055. Ron erhob sich und ließ den Computer für sich arbeiten. Er ging zu seiner Tafel und fügte Schmetterlingseffekt hinzu. Er zeichnete einen weiteren Pfeil und schrieb Chaostheorie dahinter.
   Jemand öffnete die Tür zu seinem Labor. Natasha war zurück. »Wow!« Sie staunte. »Du bist weit.«
   Ron lächelte. Er schüttelte den Kopf. »Nein, Natasha. Ich ordne nur meine Gedanken. Ich bin noch am Anfang des Anfangs. Es liegt viel Arbeit vor mir. Sehr viel.«
   Sie lehnte sich gegen seinen Arm. »Nun, falls du je auf Zeitreisende treffen solltest, die eine uns nicht bekannte Sprache sprechen, bin ich für dich da.« Sie grinste.
   »Danke, Schatz.« Er schmunzelte. »Vielleicht bin ich auch nur ein Wegbereiter. Ich bereite den theoretischen Weg vor für jemanden, der für die praktische Umsetzung bessere Mittel hat als ich.«
   Natasha lächelte, küsste ihn auf die Wange und verließ das Labor.
   Ron schrieb den nächsten Punkt auf die Tafel: Quantenmechanik. Sollte je die praktische Umsetzung realisierbar werden, würde sich die Frage stellen, wie man ein beliebiges Objekt verschickte. Das konnte alles Mögliche sein, ein Buch, ein Tisch oder gar andere Größenordnungen wie Gebäude.
   Ein Punkt, der für ihn völlig außer Frage stand, war das Beamen. Hier irrten Visionen aus beliebten, alten Science-Fiction-Geschichten wie Star Trek. Körper konnten nicht Atom für Atom und Quark für Quark auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden. Bei einfacher Materie wie vielleicht bei einem Buch konnte das hypothetisch möglich sein, aber solche Beamvorgänge betrafen eben nur Materie und keine Lebewesen, auch nicht den menschlichen Geist oder gar seine Seele.
   Nein, potenzielle Körper mussten transportiert werden, so wie sie waren. Also kam nur ein Brücken- oder Raumtransport infrage.
   Ron fügte ein weiteres Wort hinzu: Raummanipulation. Er setzte ein Fragezeichen dahinter.
   Was war Raummanipulation? Eine Veränderung des Raumes. Ein Mensch machte einen einzigen Schritt und legte trotzdem einhundert Meter zurück. Konnte das mit einer wurmlochähnlichen Brücke funktionieren? Seine Gedanken warfen mathematische Formeln auf wie Blitze, die für Sekundenbruchteile weit entfernt am Himmel zuckten. Dazwischen bedrängten ihn immer neue Fragen.
   Ron vermutete, dass die Energie für einen solchen Transport gigantisch sein musste. Das Objekt musste erfasst und durch die mögliche Brücke hindurchgeleitet werden. Wie sollte diese Brücke aussehen, woher sollte die Energie kommen?
   Wurmlöcher gab es viele im All. Nur waren sie nicht so groß wie in den Science-Fiction-Geschichten, sondern eher von mikroskopischer Winzigkeit. Nur ein paar menschliche Zellen konnten hindurchpassen. Er musste sich etwas nie Erdachtes einfallen lassen, das dieses Problem löste.
   Konnte man vielleicht Tausende kleiner Wurmlöcher zu einem großen Wurmlochkonstrukt zusammenfassen? Oder es gelang ihm, ein kleines Wurmloch zu etablieren und dieses per Manipulation auszudehnen. Ron brachte den Gedanken an die Tafel. Der Stift quietschte leise.
   Gedankenverloren ging er zu seinem Arbeitsplatz zurück und setzte sich. Ein Mausklick reaktivierte seine Verbindung zu David Logan. »David? Bist du da? Hast du Zeit?«
   Sein Freund war sichtbar beschäftigt. »Einen Moment, Ron.«
   »Natürlich.« Ron lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. Schatten bedeckte sein Gesicht, doch bald würde grelles Sonnenlicht seine Sicht auf den Bildschirm erschweren. Er drückte einen Knopf an seiner Tastatur und kaum merklich drehten sich unzählige Nanopartikel im Fensterglas und überzogen es mit Schwärze.
   »So, Ron, was kann ich für dich tun?«
   »David, ich möchte deine Meinung wissen. Würden wir einen Menschen durch die Zeit schicken, wie groß wäre der Schmetterlingseffekt? Könnte er die jeweilige Umgebung nachteilig beeinflussen?«
   David faltete seine Hände und rieb sie gegeneinander. »Nein, Ron, das denke ich nicht. Auch wenn eine Grundbeeinflussung immer vorliegt – würde ein Mensch plötzlich irgendwo auftauchen, käme das nur einem kleinen Windstoß gleich. Selbst im ungünstigsten Fall würden die Auswirkungen nicht weiter reichen als dreißig oder vierzig Meter. Der Schmetterlingseffekt bliebe also harmlos.«
   »Das klingt gut. Zeitreisen wären an diesem Punkt somit nicht weiter gefährlich.«
   »Das denke ich«, sagte David. »Ron, ich mache mir Sorgen um dich. Du bist mein bester Freund. Du sollst wissen, egal was passiert, ich stehe an deiner Seite.«
   »Danke, David.« Ron lächelte. »Kann ich etwas für dich tun?«
   »Jetzt, wo du fragst, ja. Du hast mehr physikalisches und mathematisches Grundwissen als irgendjemand, den ich kenne. Ich schicke dir ein paar Unterlagen. Bitte sieh sie dir an und sage mir deine Meinung. Es hat Zeit bis nächste Woche.«
   »In Ordnung, David. Gern.«
   »Danke, Ron. Bis später.«
   »Bis später, David. Ich danke dir.« Er schaltete die Verbindung wieder auf Stand-by und legte seine neue Arbeit beiseite. David und er kannten sich seit zweiundzwanzig Jahren und waren beinahe genauso lange befreundet. Es war ihm eine Herzensangelegenheit, ihm zu helfen. Mit einem Klick öffnete er Davids Unterlagen. Ausführungen zum zweiten und dritten newtonschen Gesetz. Er überflog die Terme, Lemmas und Formeln. Mit seinem Stift tippte er Punkte auf dem Bildschirm an. Hin und wieder markierte er Bereiche und notierte Kommentare dazu.
   Abrupt hielt er inne. Gänsehaut überzog ihn. Langsam näherte er sich dem Bildschirm. Sein Mund klappte auf. Er ging den Bereich, den er in der vergangenen Minute geprüft hatte, noch einmal durch. Und ein drittes und viertes Mal.
   Er blinzelte, seine Augen waren feucht. »Mein Gott!«
   Sein Atem beschleunigte sich. Er erhob sich wie in Zeitlupe, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. Er eilte zu der digitalen Tafel und öffnete eine neue Seite.
   Ron riss den Stift hektisch aus seiner Verankerung. Sein Herz raste. Es waren nicht Davids Ausführungen zu den newtonschen Gesetzen, die ihn in Aufregung versetzten. Es war seine eigene Schlussfolgerung, die ihn auf einen unglaublichen Gedanken gebracht hatte.
   Seine Hand huschte über die Oberfläche der Tafel. Zu schnell. Einige der Formelbausteine, die er geschrieben hatte, konnte die Tafel nicht übersetzen und hinterließ Unsinn. Ungeduldig schrieb er die missglückten Teile nochmals. Die Seite füllte sich mit Term über Term, Lemma über Lemma.
   Schweißperlen verbanden sich auf seiner Stirn und rannen an den Schläfen und über die Augenbrauen hinab. Keuchend brach er ab und ging zum Fenster. Er brauchte frische Luft.
   Seine Gedanken ließen sich kaum fassen. Er versuchte, Ordnung hineinzubringen und lehnte den Kopf an den Fensterrahmen. Doch die Unruhe ließ nicht von ihm ab. Erneut überblickte er die Seite und korrigierte an zwei Stellen. Sein Puls beruhigte sich nur unwesentlich. Er minimierte die Seite und schrieb weiter.
   »Das«, sagte er leise, »ist der wahre Beginn.«
   Er arbeitete, bis er erschöpft innehielt. Er hatte die Zeit vergessen. Er wollte weitermachen, doch seine Gedanken wollten sich nicht mehr festhalten lassen, glitten ab, verschwammen. Müde schloss er die Augen. Er hielt sich an der Tafel fest. Der Tag hatte viel Energie gekostet.
   Mühsam öffnete er die Augen und schleppte sich zu seinem Platz. Ein Nickerchen würde ihm guttun. Nur zehn Minuten, vielleicht fünfzehn. Auch gern zwanzig.
   Ron setzte sich, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er lehnte seinen Kopf an. Nur ein paar Minuten.
   Jemand rüttelte an seinem Stuhl.
   »Aufwachen, alter Mann! Aufwachen!«
   Überrascht musterte er den Mann vor seinem Sessel. Er kannte ihn nicht. Wie war er hereingekommen?
   »Bist du endlich wach, alter Narr?«
   »Was wollen Sie?«
   Der Mann deutete auf Rons Tafel. »Glaubst du im Ernst, damit Zeitreisen zu ermöglichen?« Der Mann lachte. Ron stach der auffallende Mittelscheitel des Mannes ins Auge. »Damit willst du Zeitreisen ermöglichen?« Der Mann hielt sich den Bauch vor Lachen.
   Ron rieb sich die Augen. »Nun, nein. Noch nicht. Aber es ist ein erster Schritt. Was wollen Sie von mir?«
   Mittelscheitel lachte lauter. »Ich bin hier, um dich zur Vernunft zu bringen.«
   Ron stand auf. »Ich verstehe nicht …«
   »Irgendjemand muss dich aufhalten!«
   »Lass ihn in Ruhe«, sagte eine andere, tiefere Stimme. Ron traute seinen Augen nicht. Verwirrt sah er zu der Wand, an der die Portraits der Wissenschaftler hingen. Das volle, graue Haar, die spitze Nase, die Brille, niemand anders als Albert Einstein stand in seinem Labor.
   »Lass dich nicht beirren, Ron. Behalte deinen Glauben!« Albert klopfte auf seine Schulter.
   »Das gibt’s ja nicht!«, ereiferte sich Mittelscheitel, »du unterstützt ihn auch noch?«
   »Natürlich«, antwortete Albert, »er ist doch ein Kollege von mir.«
   »Das bin ich auch. Ich bin Physiker. Aber mit Vernunft!«
   »Was dir niemand verwehrt. Aber es ist sein Glaube.«
   »Welcher Glaube soll das sein?«, tauchte ein weiterer Mann hinter seinem Kritiker auf. Er hatte eine auffallende Föhnfrisur mit großer Locke, die ihm in die Stirn fiel.
   »Meiner«, sagte Ron laut.
   »Es ist Humbug. Unfug. Irrsinn. Wahnsinn. Ich bin mir sicher, es fällt mir noch ein weiteres Wort ein«, sagte Mittelscheitel.
   »Unmöglich«, sagte die Föhnfrisur.
   »Ha – danke«, sagte Mittelscheitel.
   »Nichts ist unmöglich.« Eine seltsame Gestalt tauchte hinter Albert auf. Einfaches Leinen bedeckte seinen Körper, lange Haare hingen ihm über die Brust. Er trug Ledersandalen. Mittelscheitel und Föhnfrisur musterten die Gestalt ausdruckslos.
   Albert verbeugte sich. »Archimedes. Seid gegrüßt. Aber wo waren wir stehen geblieben? Richtig, bei Humbug, Unfug, Irrsinn, Wahnsinn und unmöglich.«
   »Genau!«, rief Mittelscheitel.
   Albert machte einen Schritt auf den Kontrahenten zu. »Als Physiker solltest du wissen, dass Unbekanntes so lange weder Humbug, Unfug noch Irrsinn ist, bis es wissenschaftlich widerlegt wurde.«
   Mittelscheitel verschränkte seine Arme.
   Albert zeigte mit dem Finger auf ihn. »Bei Wahnsinn gebe ich dir recht. Ja, es hört sich wahnsinnig an. Und ja, es hört sich auch unmöglich an.«
   Föhnfrisur deutete eine Verneigung an.
   »Na und?«, meldete sich Archimedes, »das ist doch das Schöne. Ob etwas wahnsinnig oder unmöglich ist, kommt immer auf den Blickwinkel an.«
   Albert nickte. »Ich nenne es Relativität.«
   »Sehr interessant, Albert. Relativität.«
   Mittelscheitel schüttelte den Kopf immer heftiger. Es wirkte wie ein Tobsuchtsanfall. »Ich kann das nicht mit anhören!«
   Föhnfrisur erhob sich. »Ich bin vielleicht nicht ganz mit seinem Gebaren einverstanden«, sagte er und deutete zu Mittelscheitel, »aber auch ich höre lieber auf die Vernunft. Was passiert, wenn du tatsächlich Zeitreisen entdeckst, Ron? Deine Nachkommen gehen in die Vergangenheit und kommen dabei ums Leben? Würdest du das riskieren wollen? Oder schlimmer noch, wenn die Vergangenheit verändert wird, welche katastrophalen Folgen hätte das? Willst du das verantworten? Kannst du das verantworten, Ron?«
   Archimedes stöhnte auf, schüttelte den Kopf und erhob sich.
   Ron verfolgte mit offenem Mund die Diskussion. Er bekam kein Wort hinaus.
   »Siehst du immer alle unbekannten Dinge so negativ? Glaubst du, bevor ich mit mechanischen Winden feindliche Schiffe aus dem Meer gehoben habe, hätte irgendjemand auch nur im Entferntesten an diese Möglichkeit geglaubt?«
   »Du hast gewaltige Dinge geschaffen, Archimedes. Ja, fürwahr.«
   Archimedes ballte seine Fäuste. »Ja, weil es Freude bereitet hat. Ich war neugierig, mir hat Normal nie ausgereicht! Und, ich habe an das Unmögliche geglaubt!«
   Alberts Finger hüpfte durch die Luft. »Ja, das ist der andere Punkt. Der Glaube an das Unmögliche.«
   Ron nickte. »Das tue ich.«
   Albert klopfte ihm wieder auf die Schulter. Mittelscheitel hatte sich auf den Boden gesetzt und machte ein bockiges Gesicht.
   »Ich glaube lieber an die Vernunft«, maulte Föhnfrisur.
   Albert nickte. »Ja, guter Mann. Das darfst du und niemand nimmt es dir. Es geht um die Art des Glaubens.«
   »Und der Glaube kann Berge versetzen«, fügte Archimedes hinzu.
   »Ja, in der Tat«, stimmte Albert zu.
   »Aber was bringt es, an das Unmögliche zu glauben?« Föhnfrisur gab noch nicht auf.
   »Eine Chance«, antwortete Archimedes. »Es birgt die Chance, Gewaltiges zu vollbringen. Die Chance mag zwar keine Gewähr auf Erfolg bedeuten, aber die Möglichkeit besteht nur dann, wenn man die Chance nutzt.«
   »Und das habe ich vor«, sagte Ron.
   Föhnfrisur zuckte die Schultern. »Erfolg hatte ich auch.«
   »Ja, das zweifelt niemand an«, sagte Albert, »aber Erfolg ist nicht gleich Erfolg. Es ist das eine, wenn du eine schöne Formel entdeckst, aber es ist etwas anderes, wenn du es schaffst, auf einen Berg zu gehen, die Arme auszubreiten und davonzufliegen.« Albert wandte sich an Ron. »Du hast zwei Möglichkeiten, Ron. Du kannst auf diese beiden Herren hören und Vernunft zeigen. Der andere Weg wird härter, als du es dir vorstellst. Hart, steinig und entbehrungsreich. Du wirst Rückschläge erleiden, die Leute werden dich auslachen, vielleicht wirst du anfangen, an dir zu zweifeln. Aber wenn du alle Hindernisse überwunden hast, bist du an einen Punkt gelangt, den die Allerwenigsten jemals gesehen und erreicht haben. Dann greifst du nach den Sternen und pflückst sie dir. Und je länger, weiter und steiniger dein Weg war, umso mehr Sterne wirst du erreichen. Der Kreis der Leute, die das geschafft haben, ist nicht groß.«
   »Ich habe nicht vor, nach den Sternen zu greifen, sentimentaler Unfug«, schnappte Föhnfrisur mit einem Stirnrunzeln.
   »Deswegen«, erwiderte Archimedes, »wird sich auch niemand an dich erinnern.« Auch er wandte sich an Ron. »Du musst wissen, wie weit du blicken und ob du etwas bewegen willst. Willst du nur bis zu deiner Schwelle sehen, dann wähle den leichten Weg wie diese beiden Herren. Schaust du bis zum Horizont, wirst du vielleicht eines Tages einen großen Namen haben. Aber, wenn du über den Horizont hinaussehen willst, wirst du die Gewaltigen, die Giganten erblicken und zu ihnen gehören. Große Menschen können etwas bewegen und zu Giganten werden. Ron, willst du etwas bewegen?«
   »Und einen der Gewaltigen, einen dieser Giganten, hast du vor dir.« Albert deutete mit dem Daumen auf Archimedes.
   »Zwei, Albert.« Archimedes winkte ihm zu.
   Mittelscheitel verschwand. Föhnfrisur löste sich einfach auf. Albert zwinkerte ihm zu und verschwand. Archimedes winkte erneut und verschwand als Letzter.
   Ron erwachte und atmete tief ein. Sein Hemd klebte klitschnass auf seiner Brust. Er rieb mit dem Hemdsärmel über seine tränennassen Wangen und über die Stirn. Fühlte er mehr Falten? War er schon steinalt und hatte es nicht geschafft, seinen Traum in die Tat umzusetzen?
   Nein! Er seufzte auf. Die Uhr zeigte ihm, dass er nur eine Stunde geschlafen hatte. Ron beschloss, eine Dusche zu nehmen und ein neues Hemd anzuziehen. Das Dritte an diesem Tag.
   Anschließend wollte er etwas bewegen. Er wollte etwas Gewaltiges vollbringen. Mit zitternden Fingern schrieb er ein Zitat von Sir Isaac Newton zu seiner Sammlung wortgewaltiger Begleiter:
   »Wenn ich weiter als andere gesehen habe, dann nur deshalb, weil ich auf der Schulter von Giganten stand.«

Kapitel 1
Gegenwart. England, 2115

Ross’ Herz klopfte ihm bis in die Ohren. Er starrte gebannt auf die Etagenanzeige des Fahrstuhls, die sich schnell änderte. Nicht schnell genug für ihn. Die Türen des Fahrstuhls glitten auseinander. Er eilte den Flur entlang und klopfte an eine Tür am Ende. Sie öffnete sich und seine Mutter empfing ihn. Sie war sichtlich angespannt, ihre Augen glänzten feucht.
   Er trat ein. »Wie geht es ihm? Oder ist es schon zu spät?«
   Mom schüttelte den Kopf. »Nein, Ross, er ist noch da. Er ist wach.«
   Erleichtert umarmte er sie. Beide hielten sich stumm, bis er sich löste.
   »Komm!« Leise betraten sie das Schlafzimmer.
   »Ach, da bist du ja.« Die Stimme seines Großvaters war nur ein heiseres Flüstern.
   Entsetzt und traurig sah Ross die hagere Gestalt im Bett an. Nur wenig erinnerte an den rüstigen Pensionär und leidenschaftlichen Wissenschaftler, der Ron Devlin gewesen war. »Ist keine Krankenschwester bei ihm?«, flüsterte er seiner Mutter zu.
   »Nein, er wollte keine.«
   Großvater seufzte. »Jetzt zieht nicht solche Gesichter. Das ist nun mal der Lauf der Dinge.« Er winkte ihn zu sich. »Komm, mein Junge, setz dich zu mir. Ich bin froh, dass du da bist.«
   Ross drückte sanft die Hand seines Großvaters. Seinem mageren Gesicht war das Alter anzusehen. Kurzes weißes Haar bedeckte den Kopf. Die Haut war übersät mit Altersflecken und tiefen Falten. Nur seine Augen zeugten von einem lebendigen und ungebrochenen Geist.
   »Wie geht es dir, mein Junge?«
   »Ganz gut, Grandpa. Das Studium schreitet voran.«
   »Hast du ein Mädchen, mein Junge?«
   Ross schwieg. Was sollte er ihm erzählen? »Ja, irgendwie gibt es ein Mädchen, ich … na ja, wir verstehen uns ganz gut, wenn wir uns sehen.«
   Ron lächelte. »Für die Liebe ist es nie zu spät. Bei mir hat es gedauert. Ich war bereits vierzig bei der Geburt deiner Mutter.« Großvaters Stimme klang schwach.
   Ross wischte rasch eine Träne fort.
   »Mein lieber Junge, ich es gibt zwei Dinge, die du noch wissen sollst. Deine Mutter und du, ihr werdet, wenn ich nicht mehr da bin, jeweils zehntausend Pfund erhalten. Das ist das Letzte, was übrig ist. Und da ist noch etwas.« Er hustete, die Lunge rasselte verschleimt und er rang nach Luft. Rons Hand zeigte zittrig zu einem Regal an der Wand. »Siehst du diesen grauen Kasten dort?«
   »Klar.«
   »Nimm ihn an dich.«
   Ross kam dem Wunsch nach und drückte den Kasten an seine Brust. Das Gewicht erstaunte ihn. Es war dem Kasten nicht anzusehen, dass er derart schwer in der Hand lag. Ross setzte sich auf einen Stuhl neben das Bett und legte den Kasten auf seinen Schoß. »Was ist da drin?«
   Ron lächelte. »Ein paar Dinge.« Er strahlte, die dünnen, rissigen Lippen spannten sich und ein keuchendes Lachen entrang sich seinem Mund.
   »Streng dich nicht so sehr an, Grandpa.« Ross legte eine Hand auf Großvaters Arm, bis dieser ruhiger atmete. Neugierig musterte Ross den Kasten. Er suchte an allen Seiten und hob die Kiste sogar hoch. »Wie kriege ich ihn auf?«
   »Du hättest Physiker werden sollen.« Wieder hustete er, doch die Lunge rasselte diesmal nicht so schlimm.
   Ross entdeckte einen Zettel, der an der Unterseite angebracht war. Er nahm ihn an sich. »Physik?« Er schüttelte den Kopf. »Physik ist so kalt. Geschichte ist lebendig.«
   Ron lächelte wieder. »Das ist in Ordnung, mein Junge. Oben, an der Vorderseite des Kastens siehst du eine Oberfläche, die anders ist.«
   »Ja, ich sehe sie.« Er berührte die Stelle und plötzlich erschien ein Display. Er riss seine Augen auf. »Was ist das?«
   »Das ist dein Erbe, mein Junge. Vielleicht kannst du ja …« Großvater verstummte für einen Moment. Seine Augen huschten hin und her. »Ross, da ist noch etwas, da ist noch jemand …«
   Entsetzt sah Ross seinen Großvater an. Seine Stimme klang plötzlich deutlich schwächer.
   Rons Augen weiteten sich, er schloss sie wieder. »Steve …« Rons Hand erschlaffte.
   Ross’ Mund zuckte, ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle und Tränen rannen über seine Wangen. Er beugte sich vor und küsste ihn auf die Schläfe.

Kapitel 2
Universität Oxford. Wochen später

Der Himmel an diesem Frühsommertag war grau. Wie Bindfäden fiel der Regen vom Himmel. Der Kurs, in dem er saß, plätscherte genauso dahin. Geschichte interessierte ihn brennend, das bedeutete jedoch nicht, dass ihn jedes Jahrzehnt gleichermaßen faszinierte.
   Ein paar Momente sah er dem Baseballteam zu, das Wind und Wetter trotzte. Müde wandte er seine Aufmerksamkeit zurück auf das Geschehen im Saal. Professor Erickson sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an.
   Ross wusste, dass der Professor Unaufmerksamkeit nicht mochte. Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass sich Janet Silverman, eine Freundin, ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Er hatte sich ertappen lassen.
   »Nun, Mr. Devlin, ich muss feststellen, dass Sie ein Baseballspiel interessanter finden als meine Darstellungen zu Napoleon Bonaparte. Trotz Ihrer, zugegeben, guten Leistungen, beehren Sie uns jetzt bitte mit Ihrer Aufmerksamkeit und erklären uns, wie es zur Kaiserkrönung Napoleons kam und welche politischen Auswirkungen diese hatte.«
   Ross seufzte und lehnte sich zurück. Er wusste genau, der Professor würde ihm jede Kleinigkeit, die er nicht klar genug darstellte, sofort anlasten.
   Nur fünf Minuten später erschien ein kleines, unübersehbares Lächeln auf den Lippen des Professors.
   »Das war sehr gut, Mr. Devlin. Auch wenn ich nicht verstehe, warum gerade Napoleon bei Ihnen auf geringes Interesse stößt, so waren Ihre Ausführungen absolut fehlerlos. Gratuliere.«
   Über dem Saaleingang begann eine Lichtanlage zu blinken. Pause.
   Der Professor wandte sich an die Kursteilnehmer. »Bis übermorgen führen Sie bitte aus, welche Fehler Napoleons zur Niederlage bei der Völkerschlacht zu Leipzig geführt haben.«
   Ross notierte sich die Aufgabe, erhob sich und wollte gehen.
   »Hey, Ross, starke Leistung.« Janet Silverman grinste ihn an und streckte ihre Daumen nach oben.
   Ross lächelte zurück und zwinkerte ihr zu. Sein Magen knurrte. »Jetzt brauche ich erst mal was Deftiges.«
   »Ich auch«, erwiderte Janet und klopfte sich lachend ihren Bauch. Die Mensa befand sich ein paar Treppen tiefer im Erdgeschoss.
   Ross betrat die letzte Treppenstufe. Augenblicklich schoss ein Adrenalinschub durch seinen Körper. Sie war die Schönheit der Universität, wenn nicht sogar von Oxford oder ganz England, wenn es nach ihm ging. Alexandra Erickson, die Tochter seines Professors, betrat die Mensa.
   Alexandras lange, dunkle Haare, die je nach Lichteinfall rötlich schimmerten, glichen einer samtweichen Mähne, die ihr glatt über die Schultern fiel. Ihr Anblick hatte, egal, wie oft er ihr am Tag begegnete, eine atemberaubende Wirkung auf ihn.
   Sie stellte sich am Ende der Schlange vor der Essensausgabe an und wandte ihm den Rücken zu.
   Sein Herz begann zu rasen, das Blut schoss ihm in den Kopf.
   Janet hatte bemerkt, dass er stehen geblieben war. »Was ist?«
   Sie folgte seinem Blick zur Essensschlange und schmunzelte. Sie hatte Alexandra erkannt. Janet kicherte und deutete zur Mensa. »Nach dir.«
   Ross sah sie verlegen an und ging an den Tischen vorbei Richtung Essensausgabe. Sein Herz klopfte schneller, je mehr er sich ihr näherte. Seit Monaten hegte er Gefühle für sie. War er verliebt? Hatte er sich in diese Frau verguckt, deren Gesicht so lieblich war, wie das eines Engels in seiner Vorstellung? Für ihn stand fest, dass kein Künstler dieser Welt genug Fähigkeiten besaß, ihre Anmut und Schönheit zu beschreiben.
   Alexandra Erickson war 29 und damit gut ein Jahr älter als er und studierte Hochenergie- und Quantenphysik. Kein Fach ihres Studiengangs überschnitt sich mit dem seinen. Ross’ Verständnis für physikalische Forschung hielt sich in engen Grenzen.
   Er blieb mit einigem Abstand zu Alexandra stehen. Aus der Küchenecke drangen verschiedene Gerüche in seine Nase. Der Geruch von Paprikasoße, Meerrettich und anderen Dingen, die er nicht identifizieren konnte. Er hielt inne. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
   Plötzlich mischte sich beißender Gestank von Schweiß darunter. An der Uni gab es nur einen, der einen solchen Mief verbreitete. Gave Andrews. Er saß wie üblich allein. Niemand hielt es länger als ein paar Sekunden in seiner Nähe aus. Alle dezenten Hinweise der Studienkollegen auf das Geruchsproblem waren wirkungslos geblieben. Wochenlang trug er ein und dieselbe Kleidung. Gave schien das nicht zu stören.
   Ross eilte um die Tische und reihte sich hinter Alexandra ein. Ihre Haare auf Höhe seiner Nase erzeugten durch die Bewegung einen weitaus angenehmeren Duft, der ihn beinahe schwindelig werden ließ. Lavendel. Genussvoll sog er die Luft ein. Er rückte näher an sie heran, seine Nase berührte beinahe ihr Haar.
   Alexandra schien seine vorsichtige Annäherung bemerkt zu haben, während die Schlange langsam vorwärts kroch. Sie drehte sich um, erkannte ihn und lächelte. Ihre weißen Zähne zogen seinen Blick an. »Ah, der Charmeur vom Dienst.«
   »Hey Alex.« Sein Puls raste.
   »Hey Ross.«
   Seit er sie vor einem halben Jahr aus einer peinlichen Situation befreit hatte – jemand hatte ihr einen gekauten Kaugummi ins Haar geschnipst – unterhielten sie sich von Zeit zu Zeit freundlich. Ross genoss jedes noch so kurze Gespräch mit ihr. »Und, was machen die Photonen und Quanten?«
   »Sind wie immer sehr geheimnisvoll, Ross«, antwortete sie und nahm, da sie an der Reihe war, ein paar Kartoffeln aus dem Behälter. Dazu wählte sie Rosenkohl und jede Menge Salat. Ross bediente sich am Geschnetzelten und an den Bratkartoffeln.
   Er folgte Alexandra zu einem Display. Sie hielten beide ihre Studentenausweise, die sie um die Handgelenke trugen, an einen Scanner, um zu bezahlen.
   Ross’ Herzschlag beschleunigte sich weiter. Aßen sie zusammen? Konnte er das geschickt einfädeln? Ohne sein Zögern zu bemerken, hatte Alexandra sich einen Tisch gesucht und bedeutete ihm, sich zu ihr zu setzen. Er bemühte sich, nicht zu auffällig zu lächeln.
   »Darf ich?« Janet stand hinter ihnen.
   Alexandra nickte, und er schloss sich ihr nach kurzem Zögern an. »Natürlich.«
   »Du hast Erickson vorhin gut Paroli geboten. Das schafft nicht jeder.« Janet feixte.
   »Hat dich mein Vater hart rangenommen?« Alexandra schmunzelte.
   Ross zuckte die Schultern.
   »Napoleon ist nicht sein Fall.« Janet knuffte ihn freundschaftlich in die Seite.
   »Habt ihr noch eine Vorlesung heute?« Alexandra sah beide an.
   Janet nickte. »Ja, alte Sprachen.«
   Ross grinste. »Ihre Paradedisziplin. Und selbst?«
   Alexandras Augen, die ihn ungeheuer faszinierten, ruhten auf ihm. »Neue Relativitätstheorie.«
   Konzentriert sah er zu einem bestimmten Punkt an der Decke, von dort zurück zu Alexandra. »Davon habe ich gehört. Worum geht es dabei?« Er verzog verlegen die Mundwinkel.
   »Die neue Relativitätstheorie beschreibt genauer als die Allgemeine von Einstein den Zusammenhang zwischen Raum und Zeit. Sie ist die lang ersehnte Brücke zwischen der Allgemeinen und der Quantenmechanik.« Alexandra bewegte ihre Gabel in der Luft hin und her und zeichnete eine Brücke in die Luft. »Außerdem erklärt sie zum ersten Mal die wahrscheinliche Existenz von Paralleluniversen.«
   »Ach herrje«, Janet zog die Augenbrauen hoch, »Quantenmechanik? Paralleluniversen?«
   »Ja. Es geht dabei auch um die Entstehung und Kontinuität von Paralleluniversen.«
   »Und wer hat diese Theorie … diese neue Relativitätstheorie aufgestellt?«, fragte Ross.
   »Professor David Logan. Er ist vor zehn Jahren gestorben.«
   »Oh«, staunte Ross, »an den entsinne ich mich flüchtig. Er war ein guter Freund meines Großvaters.«
   Alexandra ließ die Gabel mit dem Rosenkohl sinken. »Ein Freund deines Großvaters?«
   »Ja. Er hat ihn einige Male erwähnt.« Ross freute sich über die neue Aufmerksamkeit.
   »Ist dein Großvater ähnlich berühmt?«, wollte Alexandra wissen. »Wie heißt er denn?«
   »Prof. Dr. Ron Devlin. Er war ein großer Theoretiker.« Ross glühte innerlich. Glücklicherweise errötete er in solchen Situationen selten.
   »War?«
   »Er starb letzten Monat. Er hat mir sogar etwas vererbt. Irgendeinen seltsamen Kasten, den man nur mit einem mysteriösen Schlüssel aufbekommt.«
   Janet und Alexandra zeigten sich betroffen.
   »Tut mir leid für dich.« Janet streichelte über seinen Oberarm.
   »Mir auch.« Alexandra ließ ihre Gabel sinken.
   »Schon gut.« Ross lächelte schief. »Ich komm gut klar. Themawechsel, okay?«
   »Na klar! Was hast du mit mysteriösem Schlüssel gemeint?«, fragte Janet.
   Ross zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht. Ich habe nur einen Auszug des Musters.« Er kramte in seiner Tasche und holte ein Stück Papier hervor.
   Neugierig besah sich Janet die Zeichnung. »Hm, ich weiß nicht. Sieht ziemlich kompliziert aus. Wie auch immer, ist nicht mein Gebiet.«
   »Darf ich auch?«, bat Alexandra.
   »Sicher«, sagte Ross.
   Janet reichte ihr den Zettel.
   »Das ist ein Quantenschlüssel.« Sichtlich begeistert vertiefte sich Alexandra in die Details der Zeichnung. »Eine Pentagal-Verschlüsselung mit Dreifach-Puffer.«
   »Eine Was-Verschlüsselung?« Janet vergaß, weiterzuessen.
   »Pentagal.« Alexandra atmete durch. Sie blickte Ross und Janet nachdenklich an. »Stellt euch die komplizierteste, aber auch sicherste Verschlüsselung vor, die es auf diesem Planeten gibt. Das Problem dabei ist, wenn du nicht alle Fragmente für die Entschlüsselung hast, ist sie nicht lösbar. Und damit hat dein Großvater seine Hinterlassenschaft für dich gesichert?«
   Ross nickte, doch er war sich sicher, dass man ihm sein Unverständnis ansah.
   »Egal, was in diesem Kasten ist«, erklärte Alexandra, »es muss extrem gefährlich oder wichtig sein.«
   Ross lehnte sich mit einem mulmigen Gefühl zurück. »Es muss mit seinen Forschungen zusammenhängen.« Er betrachtete missmutig den Zettel. »Hätte er mir nur mehr sagen können …«
   Neugier flackerte in Alexandras Augen. »Tut mir leid, dass ich so neugierig bin. Ich weiß, du wolltest nicht über deinen Großvater sprechen – was hat er erforscht?«
   Ross genoss jede Minute, die das Gespräch mit Alexandra verlängerte, an seinen Großvater dachte er dabei kaum. »Soweit ich weiß, waren es verschiedene Sachen. Das Einzige, das er erwähnte, war Zeit … Zeitdynamik glaube ich. Und ein paar sonstige Zeittheorien. Ich habe mir leider nicht alles gemerkt.«
   »Das klingt sehr interessant.«
   Ross’ Blick hing an Alexandras Lippen.
   Der ihre ruhte auf ihm. »Was würdest du davon halten, wenn du mit dem Kasten heute Abend zu mir ins Labor kommst? Dann schaue ich ihn mir an. Mit unserem Quantenrechner sollte die Entschlüsselung zu schaffen sein. Zwanzig Petaflops müssten reichen.«
   Sein Herzschlag galoppierte. Die Aussicht, weitere Stunden mit Alexandra zu verbringen, erfüllte ihn mit Vorfreude. Er lächelte. »Natürlich. Gern.«
   »Das würde mich auch interessieren«, sagte Janet, »darf ich mich anschließen?«
   Eine Pause folgte. Janets Bitte kam ihm fast störend vor.
   Alexandra starrte ihr Essen an. »Da musst du Ross fragen. Es ist sein Erbe. Aber von mir aus, kein Problem. Sechs Augen sehen mehr als vier.«
   »Ich denke, das geht in Ordnung«, sagte Ross höflich. Janet war seine Kollegin und eine Freundin. Daher entschied er sich, ihr die Bitte in dem Fall nicht abzuschlagen, auch wenn er gern mit Alexandra allein gewesen wäre.
   In seinem Kopf drehten sich die Gedanken herrlich verwirrend um das Treffen. Er lächelte abwesend vor sich hin. Alexandra und Janet redeten über belanglosere Dinge. Das war ein Date, sein erstes Date mit ihr. Nicht ganz so, wie er es sich vorgestellt hatte, aber ein guter Anfang. Nur zu gern überließ er sich dem kribbeligen Gefühl der Vorfreude.

Kapitel 3
Das Geheimnis der Kapsel

Alexandra nahm den grauen Kasten entgegen. »Eine Corun-Diamant-Legierung.« Sie drehte den Kasten fasziniert hin und her.
   Das Labor war ein aus mehreren Zimmern bestehender Komplex, der vielen Studenten gleichzeitiges Arbeiten ermöglichte. Ross hielt sich regelmäßig dort auf, da es eine zusätzliche Bibliothek gab, die er für sein Studium nutzte.
   Alexandra verband den Kasten mit dem Quanten-PC. Sie setzte sich und meldete sich im System an.
   Janet betrat das Labor. Wortlos trat sie hinzu und stellte sich hinter Alexandra. Diese rief mit knappen Worten und Gesten einzelne Programme auf.
   Das optische Kommunikationsinterface und die Recheneinheit, die wie eine Kugel aussah, die man an einer Stelle abgeflacht hatte, um sie aufstellen zu können, benötigte keine Eingabeeinheiten. Während Alexandra die Programme aufrief, erklärte sie begeistert die Funktion der QPCs.
   »Das sind Quantencomputer der dritten Generation. Die Uni ist sehr stolz darauf, sie zu haben. Das Innere besteht inzwischen aus einer Quantenmaschine, bei der Prozessor, Arbeits- und Zentralspeicher zu einer Wirkungseinheit verschmolzen sind. Ein QPC hat einen gigantischen Geschwindigkeitszuwachs: das Milliardenfache zu alten Rechnereinheiten. Die Steuerung der Programme erfolgt über Sprache, zusätzlich interpretiert der Rechner Handbewegungen in Rechenbefehle, die es erlauben, Details der Darstellung hervorzuheben, mehrere Seiten und Komponenten miteinander zu verknüpfen oder Programme zu öffnen und damit zu arbeiten.«
   Ross genoss jede Sekunde in Alexandras Nähe. Faszination für die Technik empfand er nicht, dafür umso mehr für Alexandras anmutige Bewegungen.
   »Also, was ist dein Geheimnis?« Alexandra kniete vor dem Kasten und betrachtete die Details aus der Nähe.
   Neugierig trat Ross näher und nahm ihren Duft erneut war. Beinahe hätte er die Augen geschlossen. Verdammt, er musste sich zusammenreißen, wollte er nicht wie ein kompletter Volltrottel wirken.
   »Brauchst du irgendwelche Informationen über meinen Großvater oder die Familiengeschichte?«
   Alexandra erhob sich und sah Ross prüfend an. »Unbedingt. Ansonsten sitzen wir hier die nächsten sechsunddreißigtausend Jahre und kommen nicht weiter. Wir brauchen alle Teilstücke, die dein Großvater gewählt hat.«
   Janet fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. »Sechsunddreißigtausend Jahre?«
   »Ganz recht«, antwortete Alexandra. Auffordernd sah sie zu Ross.
   »Mensch, das ist heftig«, entfuhr es Janet, die ihren Mund nicht zubekam.
   Ross lehnte sich an die Tischkante. Er genoss den offenen Blick Alexandras.
   »Sechsunddreißigtausend Jahre«, wiederholte Janet fassungslos.
   Ross beachtete Janet nicht. Es dauerte eine Weile, bis er aus seinem Gedächtnis Daten seiner Familie zusammengetragen hatte. Geburtstage, Geburtsnamen …
   »Okay. Sehen wir, ob uns das weiterhilft.« Alexandra atmete tief durch. Ihre Hand drehte sich halb im Uhrzeigersinn, glitt nach rechts und ihre Geste wirkte, als würde sie den Inhalt ihrer Hand in eine unsichtbare Box stecken. »Computer – versuche neue Auswertung!«
   Keine Sekunde später hatten sie ein Ergebnis. Ross’ Familiendaten passten. Aber …
   Alexandra musterte das Resultat. »Das hatte ich befürchtet. Es fehlt ein Fragment.« Sie sah Ross an, eine Wärmewelle erfasste ihn. »Tut mir leid, Ross. Wenn dir nicht mehr einfällt, können wir es im Moment nicht entschlüsseln.«
   Ihr Gesicht zeigte Bedauern, sie drückte sogar für einen Moment entschuldigend seine Hand, wodurch ihn neue Wärme durchflutete. »Ist schon okay. Du hast es versucht. Was machen wir jetzt?«
   Alexandra sah zum Display zurück. Ihre Augen wurden zu Schlitzen.
   »Gibt es nicht irgendwelche zusätzlichen Entschlüsse-lungsformen, die das umgehen können?«, fragte Janet.
   Alexandra wiegte ihren Kopf. »Die … gibt es. Es gibt die Zweifach-Decodierungssequenz, die auf dem früheren Shor-Algorithmus aufbaut. Damit lassen sich zum Beispiel Monogal-Codierungen entschlüsseln. Es gibt die Vierfach-Decodierungssequenz, mit deren Hilfe Di- und Trigal- Verschlüsselungen decodiert werden können. Aber das hier ist eine Pentagal-Verschlüsselung.« Sie musterte Ross. »Ross, hat dir dein Großvater noch irgendetwas gesagt, das uns weiterhelfen könnte?«
   Er atmete tief aus und ging in Gedanken die letzten Minuten mit seinem Großvater durch. Was hatte er gesagt?
   Pfeifend betrat ein junger Mann das Labor. Er blieb bei Alexandras Anblick wie vom Blitz getroffen stehen. Steve Donahue war fünfundzwanzig Jahre alt, wirkte aber jünger. Er lebte nur für seine Forschungen und Studien und zog sich fürchterlich an. Blau-weiß kariertes Hemd, dazu ein hellorangefarbener Pullover, nichts, was zueinanderpassen wollte. Und eine Hose mit Bügelfalten, die so messerscharf abstanden, dass man sie besser nicht anfasste. Das Einzige, was bei Steves Anblick noch fehlte, war eine Brille. Doch Brillen gehörten bis auf wenige Ausnahmen zur längst vergangenen Geschichte des medizinischen Fortschritts.
   Jeder an der Uni wusste, dass Steve vom ersten Tag an in Alexandra verliebt war und es lag lediglich an ihrer respektvollen Art, dass er daran nicht zerbrach. Die Hälfte aller Kurse teilte Steve mit Alexandra, war jedoch zwei Semester über ihr. Und er war extrem intelligent. An der Uni gab man ihm den Spitznamen Quantum Photonum.
   »Hmpf … hmgrdr …«, stammelte er.
   Alexandra lächelte höflich und auch Ross und Janet versuchten, nicht zu lachen.
   »Hallo.« Steve wirkte erleichtert, das Wort über die Lippen gebracht zu haben.
   »Hallo Steve«, erwiderte Alexandra und drehte verlegen den Kopf in Ross’ Richtung.
   Janet begrüßte ihn mit einem kurzen Nicken.
   Ross sah ihn verstört an. Sein Großvater hatte mit dem letzten Atemzug Steve gesagt. Er schüttelte den Kopf. Das musste ein Zufall sein.
   »Entschuldigt bitte, wenn ich so hereinplatze, ich muss an den QPC.«
   Ross beugte sich zu Alexandra und wiederholte das letzte Wort seines Großvaters.
   Alexandra sah ihn überrascht an. »Er hat Steve gesagt?«
   »Ja.«
   Steve trat zu ihrem Tisch und Ross entging nicht, dass er in Alexandras Nähe errötete. So nah an die Frau seiner Träume heranzukommen, das gelang ihm nicht oft. Ross konnte ihm das nicht verdenken. Die meisten jungen Männer an der Uni hegten romantische Gefühle für Alexandra.
   »Was machst du?«, fragte Alexandra Steve neugierig.
   »Ich habe ein Konzept ausgearbeitet, für das ich die Großstation brauche. Und was macht ihr so?«
   »Mein Großvater hat mir etwas vererbt«, sagte Ross, »den Kasten dort. Er ist mit einem Pentagalschlüssel versehen und einer Dreifach-Pufferung dazu. Das Dumme ist nur, uns fehlt ein Fragment.«
   Steve betrachtete den Kasten. »Ja, ich sehe es. Hm, Pentagal? Wieso hat dein Großvater eine derart komplizierte Verschlüsselung benutzt?«
   Ross zuckte die Schultern.
   »Wartet einen Moment«, bat Steve, dessen Kopf wegen der Nähe zu Alexandra immer noch knallrot war. »Es gibt in gewissen Kreisen Versuche mit Achtfach-Decodierungs-Sequenzen, die sogar Pentagal-Schlüssel unabhängig von der Pufferung knacken sollen.«
   Alexandra schüttelte den Kopf. »Achtfach-Sequenz? Ich kenne nicht einmal die Sechsfach-Sequenz.«
   »Darf ich?« Steve nahm das Muster, das Ross von seinem Großvater erhalten hatte. »Es sei denn …«
   »Es sei denn, was?«, fragten Ross und Alexandra wie aus einem Mund.
   Steve fuhr sich nachdenklich über sein Gesicht. »Vielleicht klappt das. Ich habe vor ein paar Monaten eine Arbeit zur Zweier-Quadrat-Signatur abgeschlossen. Ich habe bezüglich dieser Arbeit sogar mit Ross’ Großvater korrespondiert.«
   Mit offenem Mund sah Ross ihn an. Sein Großvater hatte tatsächlich Steve gemeint! »Du bist es doch!«
   »Was bin ich?«
   »Ich saß an seinem Sterbebett. Er sagte, dass da noch irgendetwas wäre. Und er sagte mit seinem letzten Atemzug deinen Namen.«
   Steve zog die Augenbrauen zusammen. »Ich kenne oder kannte ihn seit fünf Jahren. Er ist damals wegen einer meiner Arbeiten an mich herangetreten und hat mich beraten. Deswegen bin ich auch sehr traurig, dass er tot ist.«
   Alexandra steckte ihre Hände in die Hosentaschen. »Steve, was genau macht diese Zweier-Quadrat-Signatur? Soweit ich mich entsinne, werden damit Quanten-Zyklen von Verschlüsselungsformen analysiert.«
   »Das ist richtig. Folgendes: Ich versuche, mit meiner Arbeit zu dieser Signatur das Quantenspektrum zu analysieren. In wenigen Fällen ist es möglich, eine Simulation aufzubauen, aus der auch eine eigentliche Pentagal-Verschlüsselung eine Trigal-Verschlüsselung quantifiziert.«
   »Ich versteh kein Wort«, gestand Ross.
   Steve hantierte vor dem Display herum. »Ich lade meine Arbeit in den Kristall.« Daraufhin nahm er das Quantenmuster und übertrug es in das Display.
   Zehn Minuten bangen Wartens folgten.
   Steve lächelte. »Es funktioniert. Ich muss noch einen Kumpel anrufen. Mit dem, was er mir schickt, können wir eine Achtfach-Sequenz starten.«
   »Wow«, entfuhr es Alexandra.
   »Das hört sich sehr gut an, Steve, danke.« Ross verstand zwar nicht, was der junge Mann tat, aber Alexandras Bewunderung für die verwirrenden Vorgänge überzeugte ihn, dass Steve das Richtige tat.
   Steve zückte sein Holophone und sprach mit jemandem. Holophones gab es seit 2098 und ermöglichten holografische Kommunikation. Steve schaltete es ab und wandte sich an Ross.
   »Das mit deinem Großvater ist ein großer Verlust. Auch für mich. Er hat mir bei einigen meiner Arbeiten sehr geholfen. Aber viel aufregender sind seine Arbeiten. Sie sind … sensationell. Allein die Theorien zur Zeitdynamik und Zeitvarianz.«
   Ross war ein wenig eifersüchtig auf Steve.
   »Nur zu schade, dass ihn die Fachwelt nicht verstanden hat. Sie hat wohl Angst gehabt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Und das hat sie ihn spüren lassen«, sagte Steve.
   Dass viele Wissenschaftler und die Fachpresse über Jahrzehnte Professor Devlins Theorien zerrissen hatten, war für Ross kein Geheimnis. Sein Großvater hatte sich ihm gegenüber nie dazu geäußert, aber seine Familie war sich der Tatsache stets bewusst gewesen.
   Steves Holophone leuchtete auf. »Ah, es ist da.« Er lud sich Daten vom Holophone in den Kristall des QPCs und gab dem Display neue Anweisungen. »Computer – neue Simulation starten!«
   Zu Ross’ Überraschung sollte die restliche Decodierung nur noch eine Woche dauern.
   »Danke, Steve«, sagten Ross und Alexandra zeitgleich.
   Steve lächelte und Alexandra tätschelte für einen Moment seine Schulter.
   »Gern.« Steves Kopf nahm fast violette Töne an.
   In diesem Augenblick spürte Ross Alexandras Arm an seinem und eine heiße Welle durchflutete auch ihn.
   »Bist du so lieb und wirfst während deiner Arbeit einen Blick auf die Decodierung, dass sich niemand daran zu schaffen macht?« Alexandra fragte so hinreißend, dass Steve völlig perplex nickte.
   »Sicher. Gern.«
   »Danke, Steve.«
   »Sicher doch.«
   Diesmal wandte sie sich ab. Seine offensichtliche Zuneigung war ihr unangenehm. Ross beachtete Steve nicht mehr, ihr linker Arm berührte ganz zaghaft den seinen und dieses Gefühl lähmte sein Hirn. Am liebsten hätte er diesen Augenblick festgehalten, doch Alexandra redete weiter mit Steve über Dinge, die er nicht verstand. Janets breites Grinsen riss ihn aus seiner Starre. Er führte sich auf wie ein verliebter Teenager. Wo war nur sein Verstand geblieben?

Die Woche verging. Zu gern hätte Ross Alexandra um eine Verabredung gebeten. Das war ihm wichtiger als die Entschlüsselung seines Erbes. Doch es fehlte ihm der Mut. So verging die Zeit quälend langsam, bis der Samstag, an dem sie sich alle im Labor treffen wollten, endlich näher rückte. Enttäuscht musste Ross zur Kenntnis nehmen, dass er auch diesmal nicht mit Alexandra allein sein würde.
   »Wie lange noch?«, erkundigte sich Ross.
   »Eine halbe Stunde, wenn ich das richtig ablese«, antwortete Janet.
   »Hört mal, ich habe eine Theorie darüber, was in dem Kasten sein könnte.« Steve sah sie an und brannte darauf, seine Gedanken mitzuteilen.
   »Was für eine Theorie?« Alexandra musterte ihn.
   »Also, folgende Punkte …« Steve hielt symbolisch einen Daumen hoch. »Erstens: Ross’ Großvater hat mehrere bahnbrechende Theorien aufgestellt. Einige davon beschreiben genauer als jemals zuvor den Zusammenhang von Raum und Zeit. Zweitens: Ross, Corun-Diamant ist eine unzerstörbare Legierung, dazu verwendet er einen Schlüssel, um absolut sicher zu gehen, dass der Inhalt nicht in falsche Hände gelangt. Das Material muss derart heiß sein, dass es sich nur um seine streng geheimen Forschungsunterlagen und Aufzeichnungen handeln kann.«
   »Wow.« Ross setzte sich.
   Alexandra, die einen dunklen Rock trug, schlug ein Bein über das andere und musterte mit zusammengekniffenen Augen den Kasten. »Zugegeben, ich finde an deiner Theorie keinen Fehler.«
   Sie warteten weitere zwanzig Minuten, bis der QPC meldete, dass er fertig war.
   Aufgeregt nahm Alexandra das letzte Bruchstück und bediente den Quantenmechanismus. Völlig geräuschlos sprang der Kasten auf. Er enthielt mehrere kleine, dicke Bücher, die vollständig beschrieben waren und einen weiteren, noch kleineren Kasten, der mit einem zusätzlichen Quantenschlüssel versehen war.
   Steve wollte zugreifen, doch Alexandra packte seine Hand und schüttelte den Kopf. »Das gehört Ross.«
   »Natürlich.« Steve hob entschuldigend seine Hände.
   Ross nahm die Bücher heraus und drückte Alexandra den kleineren Kasten in die Hand.
   »Diesmal nur ein Trigal-Schlüssel. Einfache Pufferung«, sagte sie.
   »Warum sollte dein Großvater etwas doppelt verschlüsseln?«, überlegte Janet.
   »Es muss extrem heiß sein«, sagte Steve, »aber diesen Schlüssel zu knacken, dürfte nicht länger als eine halbe Stunde dauern.«
   »Jede Menge Formeln, Erläuterungen, Text und wieder Formeln.« Ross musterte den Inhalt der Bücher. »Das sagt mir alles nichts.« Ihm fiel eine Notiz auf, die zwischen den Büchern gelegen hatte. In der Handschrift seines Großvaters.
   Am 1. Juli 2110 entschied Tom Middlestone, der Inhaber der London Financial Times, in Andenken an seine verstorbene Frau Elora, mittels eines neuartigen Verfahrens dem Papier, auf dem die Zeitung gedruckt wird, das Element Nickel beizumischen, da Elora Middlestone dieses geliebt hatte. Somit sollte jede Ausgabe mit einer schwachen Nickelsignatur versehen sein. 1. November 2110, Professor Dr. Ron Devlin.
   Nachdenklich fuhr Ross sich über das Gesicht. Er erinnerte sich dunkel daran. Wieso sollte sein Großvater eine derartige Notiz hinterlassen? Er legte sie vorerst in den Kasten zurück und wandte sich den Büchern zu.
   »Darf ich?« Steve flehte ihn geradezu an. Ross reichte ihm ein Buch. Ein zweites drückte er Alexandra in die Hand. Steve setzte sich rechts auf die Couch, während Alexandra sich umblickte und auf die linke Seite setzte. Beide versenkten sich in die Aufzeichnungen. Janet surfte im Grid, und verschaffte sich Informationen über Ross’ Großvater.
   Ross musterte währenddessen fasziniert die dünne Box, deren Entschlüsselung gerade vonstattenging.
   Alexandra murmelte hin und wieder »kann nicht sein« oder »nicht möglich« vor sich hin.
   Steve fuhr plötzlich von der Couch hoch. »O mein Gott!« Seine Augen waren weit aufgerissen.
   »Was?«
   Steve schien kaum zu einer Regung fähig, er starrte gebannt auf das Buch in seinen Händen. Es dauerte ein paar Minuten, bis er wieder zu sich kam. »Er hat’s geschafft.« Steve ließ sich auf die Couch zurückfallen. »Er hat’s geschafft«, wiederholte er, hielt die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf.
   »Was hat er geschafft?«, erkundigte sich Alexandra.
   »Erinnert ihr euch, mit welchen Gegenargumenten fast alle Wissenschaftler die Möglichkeit von Zeitreisen verworfen haben oder hatten?«
   »Zeitreisen?«, riefen Janet und Ross wie aus einem Mund.
   »Ross, dein Großvater zerpflückt in diesen Unterlagen jedes einzelne Argument, das bisher die Möglichkeit von Zeitreisen als Humbug hinstellte.« Die Augen von Steve leuchteten. Er schien sich kaum zu beruhigen und atmete schwer.
   Nach Alexandras Gesichtsausdruck zu urteilen, stellte die Lektüre ihre bisherige Weltanschauung auf den Kopf. »Warte ab, bis du das hier liest. Hier wird in etwa beschrieben, wie unsere Zeitepochen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander existieren. Unglaublich.« Alexandra hob ihren Teil den anderen entgegen.
   »Und wie tun sie das?«, fragte Ross.
   Alexandra massierte nachdenklich ihre Stirn. »Dazu braucht man, fürchte ich, Wissen in Quantenmechanik. Ich meine, ich verstehe längst nicht alles von dem, was da steht«, erklärte sie. »Wenn ich das richtig deute, wird hier beschrieben, dass wir nur die Gegenwart wahrnehmen, Vergangenheit und Zukunft aber trotzdem existieren. Jedoch in einer Form oder an einem Ort, den wir mit unseren begrenzten Mitteln nicht wahrnehmen können. Er sagt, wenn die Zukunft nicht existieren würde, könnten wir sie nie erleben.«
   »Richtig«, pflichtete Steve ihr bei, »und unsere Gegenwart ist für die Vergangenheit die Zukunft. Jetzt weiß ich auch, denke ich, was in dem kleinen Kasten ist.« Seine Stimme klang rau. Steve hustete mehrfach, als habe er sich vor Aufregung verschluckt.
   Verwirrt sah Alexandra erst ihn an, dann den Kasten. Und zu Steve zurück. »Und was?«
   »Ja, was ist darin, Steve?« Ross beugte sich näher zu dem kleinen Kasten. Ihn verwirrten die Sätze, die zwischen Alexandra und Steve hin und her flogen.
   »Ich tippe auf ein Zeitzeugnis. Ich bin nur noch nicht ganz sicher, was es sein könnte.«
   Alexandras Augen weiteten sich. »Oh.« Ihr Mund stand offen. »Es muss zumindest sehr dünn sein«, überlegte sie, »so dünn sind eigentlich nur Tagesfolien.«
   Ross, der immer noch nichts verstand, sah hilflos zu Janet. »Wovon redet ihr?«
   Steve schüttelte den Kopf. »Nein, ich würde eine Tagesfolie ausschließen. Zumindest als Medium. Eine Zeitung wäre perfekt. Genau genommen werden weltweit nur noch drei Zeitungen gedruckt. Hier auf der Insel, in den USA und auf dem europäischen Festland.«
   »Ihr denkt, dass da eine Zeitung drin ist?«, fragte Janet.
   Ross kniff die Augen zusammen. »Warum sollte mein Großvater eine stinknormale Zeitung für uns so verschlüsselt aufbewahren?«
   Alexandra schmunzelte. »Ross, ich glaube, dass dein Großvater Zeuge eines mysteriösen Ereignisses war. Wie oder was genau das war, weiß ich noch nicht. Aber egal, wie oder was es war, es ist da drin.« Sie deutete auf sein Erbe.
   »Na, dann sind wir gespannt.« Janet ließ sich zwischen Steve und Alexandra auf die Couch fallen.
   »Wie lange noch?«, erkundigte sich Ross.
   Alexandra erhob sich, um das Display des dünnen Kastens genauer betrachten zu können. »Vier Minuten.«
   Während sie sich wieder setzte, erhob sich Steve, hielt seine zusammengefalteten Hände vor den Mund, seine Fingerspitzen berührten die Lippen.
   »Würdest du dich bitte wieder setzen?«, zischte Janet nach einer Minute.
   »Entschuldige bitte, Janet«, erwiderte er und blieb stehen, »seid ihr euch eigentlich bewusst, dass das, liegen wir mit unserer Vermutung richtig, die größte Entdeckung ist, die die Menschheit seit Jahrhunderten gemacht hat?«
   »Was heißt wir?«, fragte Ross. »Ihr beiden scheint die Einzigen zu sein, die etwas entdeckt haben. Ich habe immer noch keine Ahnung.«
   »Ich auch nicht.« Janet zuckte mit den Schultern. Ihr Gesicht spiegelte Hilflosigkeit wider.
   »Steve, wir wissen noch nicht, was da drin ist. Gesetzt den Fall, dass Ross’ Großvater tatsächlich Zeitzeuge eines seltsamen Ereignisses war, was machen wir mit den Beweisen?«
   Steve musterte Alexandra mit halb geschlossenen Augen.
   Ross erhob sich und blickte angestrengt auf den mysteriösen Gegenstand, der Teil seines Erbes war.
   »Wenn ich recht habe«, sagte Steve schließlich, »ist der Fall noch viel verrückter, als ich dachte.«
   »Du meinst, dort ist doch nichts von dem, was wir vermuten?«, hakte Alexandra nach.
   »Doch. Nein, warte, lasst es mich erklären.« Steves Augen leuchteten, sein Blick fixierte den Kasten. »Folgendermaßen: Das, was da drin ist, ist vermutlich ein Zeugnis dessen, was Ross’ Großvater jahrelang erforscht hat. Da er wusste, dass er viele Kritiker und Gegner hat, und das nicht nur bei Wissenschaftlern, brauchte er einen Weg, den Inhalt nur jenen zukommen zu lassen, für die er die Unterlagen bestimmt hat. Er hat etwas aus unserer Zukunft erhalten und es bis heute da drin aufbewahrt.«
   Ross’ Mund stand offen.
   »Du meinst aus seiner Zukunft?« Janet runzelte nachdenklich die Stirn.
   »Das dachte ich bis eben. Aber, wenn der Fall so verrückt ist, wie er sein könnte, dann käme es sogar aus unserer Zukunft.«
   Ross schüttelte den Kopf. »Ich dachte gerade, ich hätte es begriffen. Aber jetzt setzt mein Verstand doch aus.«
   »Du meinst«, überlegte Alexandra, »dass irgendjemand aus unserer Zukunft Ross’ Großvater etwas geschickt hat?«
   Steve grinste über beide Backen. »Nicht irgendjemand. Wir.« Er unterstrich seine Ausführungen, indem er auf jeden Einzelnen zeigte.
   »Bist du sicher?« Janet sah ihn ungläubig an.
   Alexandra schlug die Hand vor ihren Mund.
   Steve lächelte sie mit feuerrotem Kopf an. »Ich bin ziemlich sicher«, antwortete er.
   »Er hat recht«, sagte Alexandra, deren Stimme die Verblüffung anzuhören war, »nur wir haben die Unterlagen. Und wenn ich die Logik der erweiterten Kausalitätstheorie von Professor Logan anwende, werden wir in absehbarer Zukunft irgendetwas zusammenbauen, mit dessen Hilfe wir irgendein Objekt an Ross’ Großvater schicken werden. Dieser erhält es und hebt es für uns auf. Korrigiere. Natürlich für dich, Ross.«
   »Absolut richtig«, sagte Steve.
   Ross starrte die beiden fassungslos an.
   »Und wenn wir uns entschließen würden, nichts zu tun? In dem Fall dürften wir auch nichts erhalten«, überlegte Janet.
   »Das stimmt nicht«, widersprach ihr Steve, »erweiterte Kausalität, die Alexandra gerade ansprach. Unser Gehirn arbeitet dreidimensional. Wenn in dem Kasten wirklich das drin ist, was wir glauben, bedeutet das, dass wir etwas durch die Zeit geschickt haben. Und das wird auf alle Fälle geschehen. Da führt nichts dran vorbei. Das ist so sicher wie der Sonnenaufgang am Morgen.«
   »Warte mal«, bat Janet und hielt ihre Hände wie als Schutz vor sich. »Wenn wir uns fest entschließen würden, nichts zu tun, bist du da sicher, dass dieses Objekt, was immer es ist, trotzdem geschickt werden würde?«
   »Ja. Weil ich zum Beispiel verrückt genug wäre, es zu versuchen. Ich weiß zwar nicht, wie lange ich brauchen würde, aber ich würde es tun, wenn ich eine Anleitung hätte. Und ich vermute, dass der Professor diese Anleitung in den Büchern verfasst hat.«
   »An dem Punkt muss ich Steve zustimmen.« Alexandra verschränkte ihre Arme. »Wenn er sagt, er ist verrückt genug, was ich ihm glaube, dann muss ich sagen, dass ich neugierig genug wäre.«
   Steves Gesichtsfarbe wollte nicht mehr zum Normalzustand zurückkehren. Seine Wangen glühten und er grinste breit. An seinem Hals erkannte man die Vibration eines rasenden Pulsschlags.
   Ross senkte den Blick. »Da es mein Großvater ist, wäre ich auch dabei … wenn du recht hast mit einem derartigen Zeitzeugnis. Schon allein, um ihn in der Fachwelt zu rehabilitieren und seinen Gegnern mit Genuss in den Hintern zu treten.«
   Alexandra lächelte ihn an. Wieder wurde Ross von einer warmen Welle überwältigt.
   »Und ich … passe auf euch auf.« Janet grinste breit.
   Ross schmunzelte. »Dann kann ja nichts schiefgehen.«
   »Wollen wir weiter Rätselraten?« Alexandra strich über den Kasten.
   »Es dürfte eine Ausgabe der London Financial Times sein. Die Frage ist nur, von wann?« Steve starrte Alexandra an. Seine Augen glänzten vor Aufregung.
   »Hat das vielleicht irgendetwas mit dieser Notiz zu tun?« Ross gab Steve das Stück Papier.
   Neugierig las dieser. »Das ist gut möglich, Ross. Ich denke mal, wir werden es gleich wissen.«
   »Steve, woher willst du wissen, dass die Times da drin ist?« Janet sah ihn entgeistert an.
   »Aus dem einfachen Grund, weil ich diese Zeitung, die eines der drei letzten Modelle ist, die noch auf Papier gedruckt werden, verwenden würde. Und da wir sie zurückschicken, gehe ich davon aus, dass ich richtig liege.«
   Die letzten Sekunden zogen sich für Ross in die Länge. Sein Puls raste, was ausnahmsweise weniger an Alexandra lag, als an der Aufregung. Gebannt verfolgte er den Countdown bis zum Ende. Alexandra öffnete vorsichtig den Verschluss. Die Spannung ließ die anderen erstarren.
   Ein stark vergilbtes Zeitungspapier kam zum Vorschein. Ross löste sich und nahm das Papier vorsichtig heraus.
   Alexandras Holophone klingelte. Sie schrak auf und reagierte mit einem ungehaltenen Ton. Sichtlich unwillig aktivierte sie die Kommunikations-Funktion, wodurch das Gesicht ihres Vaters holografisch erschien. »Alexandra, Tante Emily hat gerade angerufen. Sie kommt morgen. Könntest du sie bitte vom Flightport abholen?«
   »Wie … was … ach so, abholen. Ja, mache ich. Wann kommt sie denn an?«
   »Morgen, um elf Uhr.«
   »Ich werde da sein.«
   »Gut, Alexandra. Danke, bis später.«
   »Bis später.« Sie faltete eilig ihr Holophone zusammen und steckte es in die Tasche. Neugierig begutachtete sie das dünne Papier, das an zwei Stellen stark zerknittert war. Die übergroßen Lettern des aus drei Wörtern bestehenden Titels waren unübersehbar. »Heiliger Strohsack, Steve. Du hattest recht!«
   Steves Gesicht hatte mittlerweile einen Farbton erreicht, der Ross langsam Sorgen machte.
   »Zwanzigster Oktober 2116. Es scheinen nur die ersten acht Seiten zu sein.« Alexandra hatte die Zeitung vorsichtig auf die Rückseite gedreht.
   Ross fing einen weiteren kleinen Zettel auf, den sie beinahe übersehen hätten. Ihm stockte der Atem. Es war identisch mit der Notiz aus dem Kasten. Nur genauso vergilbt wie die Zeitung. »Was zum …?«, entfuhr es ihm. Er nahm die erste Notiz in die eine und die vergilbte in die andere Hand.
   Alexandras Mund stand offen, seiner vermutlich auch. Die Zeitung war im Moment beinahe Nebensache.
   »Beide sind identisch«, sagte Alexandra, deren Stimme sich fast überschlug.
   Steve lachte auf. »Ich werd verrückt.«
   Ross hatte Mühe, seinen Mund wieder schließen. »Was ist? Klärst du uns auf?« Erwartungsvoll sah Ross ihn an.
   »Wie kann sich denn dein Großvater sicher gewesen sein, dass die Zeitung, die so plötzlich aufgetaucht ist, tatsächlich aus der Zukunft kommt?«, erklärte Steve. »Er hatte viele Gegner und es wäre nicht auszuschließen, dass sich einer Geld und Mühe gemacht und eine nahezu perfekte Fälschung kreiert hat. Und die Notiz ist von ihm selbst verfasst.«
   Alexandra nickte. Sie schien verstanden zu haben. »Stimmt. Er brauchte einen Beweis für die Echtheit. Und den haben wir ihm, wenn deine Theorie sich bestätigt, mitgeschickt. In der Zukunft.«
   Ross hob seine Hand. Steves und Alexandras Gedankensprünge gingen ihm etwas zu schnell. »Moment. Wenn ich euch richtig verstanden habe, wollt ihr damit sagen, dass wir diese Notiz, die mein Großvater am 1. November 2110 geschrieben hat, an ihn mit zurückschicken werden, damit er aufgrund dieser Information die Echtheit der Zeitung bestätigen kann? Ist das in etwa so richtig?«
   Janets Blick verriet, dass sie ähnliche Mühe mit den Geschehnissen hatte. Steve und Alexandra nickten jedoch.
   »Höchstwahrscheinlich«, antwortete Alexandra.
   »Nach der Lage der Fakten würde ich sagen, ja«, fügte Steve hinzu.
   »Wollen wir sichergehen?« Alexandra sah ihn fragend an. »Machen wir eine Altersbestimmung. Wir brauchen dafür aber die richtige Methode.«
   Sie diskutierten und einigten sich auf die Elemente-Chromatografie. Andere Methoden der Altersbestimmung wie beispielsweise die Radio-Kohlenstoff-Datierung waren zeitlich unbrauchbar, da es nur um dreißig Jahre ging. Die Elemente-Chromatografie hatte Ende des vergangenen Jahrhunderts die Gas-Chromatografie abgelöst.
   Steve war sofort einverstanden.
   Alexandra sah Ross an. »Hast du so etwas schon einmal gemacht?«
   »Natürlich.«
   Lächelnd bedeutete sie ihnen, ihr zu folgen. Sie durchquerten das gesamte Labor. Alexandra legte die Zeitung in einen Kasten, der ebenfalls an einen QPC angeschlossen war, und startete das Programm. Dank des modernen Equipments dauerte die Analyse nur zwei Minuten.
   Sie hatten die Bestätigung vor Augen. Die Zeitung war beinahe neunundzwanzig Jahre alt und enthielt einen hauchdünnen Anteil an Nickel. Diese Kombination bestätigte Steves Theorie.
   Ross wurde schwindelig. Er musste sich an Alexandra festhalten. Großvater war kein Spinner gewesen. Tränen schossen ihm in die Augen.
   »Kommt, gehen wir zurück.« Alexandra drückte seine Hand. Ihre Wangen waren gerötet und sie strich sich nervös durch die Haare. »Ich muss mich setzen«, sagte sie. »Zugegeben, ich habe bis vor wenigen Sekunden noch nicht wirklich daran geglaubt. Aber jetzt das. Das ist …«
   »… schwer zu glauben«, beendete Janet Alexandras Satz.
   »Ja.«
   »Das ist purer Wahnsinn. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber soll ich mich freuen, dass mein Großvater recht hatte, oder schreien, weil die Natur etwas derart Verrücktes zulässt?«
   Alexandra, die eine Armlänge von ihm entfernt saß, lächelte ihn an. Überraschend strich sie sanft mit ihrem Finger über seine Wange und versetzte ihm damit einen angenehmen Stich ins Herz.
   »Mensch Leute, das ist völlig meschugge.« Janet schüttelte heftig den Kopf. »Zeitreisen, oder hat einer von euch zufällig einen DeLorean?«
   Ross und Alexandra lachten.
   »DeLorean«, sagte Steve. »Schnee von gestern.«
   Ross nahm die vergilbte Zeitung in die Hand. Er zerbrach sich den Kopf, wie er damit umgehen sollte. Der eigene Großvater als Entdecker von Zeitreisen …
   Alexandra reichte ihm ein Glas Wasser. Er hatte nicht bemerkt, dass sie aufgestanden war.
   »Danke«, sagte er leise und nahm ein paar Schlucke, die ihm guttaten.
   »Schon okay.«
   Ihr Lächeln war angenehm. Ross versuchte, zurückzulächeln. Es misslang ihm. Er atmete tief durch. »Ich glaube, das wird eine schlaflose Nacht.«
   Alexandra hob die Augenbrauen. Er sah ihr in die Augen und sie erwiderte seinen Blick.
   »Dann hoffen wir mal, dass durch diese Entdeckung das Raum-Zeit-Gefüge des Universums nicht implodiert, wie Doc Brown sagen würde«, sagte Janet.
   Alexandra lachte Janet an.
   Steve setzte sich währenddessen an den QPC und rief ein Programm auf, wodurch er Ross’ Aufmerksamkeit auf sich zog.
   Alexandra folgte seinem Blick und erhob sich. Sie trat langsam neben Steve. »Was hast du vor?«
   »Ich will einen Weg finden, seine Theorie umzusetzen.«
   Alexandra beugte sich zu ihm und umfasste seine Hand.
   Steves Mund klappte auf.
   »Steve, langsam. Ganz langsam!«
   Er schien ihre Worte nicht zu hören, sondern starrte nur fassungslos zu ihrer Hand. Seine Augen glänzten feucht. »Warum? Was geht dir zu … schnell?«, stotterte Steve.
   »Dein Eifer.«
   »Aber wir wollen, wir müssen doch …«
   Ross erhob sich ebenfalls. »Steve, bitte. Ich schlage vor, wir schlafen erst einmal ein oder zwei Nächte darüber.«
   »Damit bin ich einverstanden. Gute Idee«, sagte Janet sofort.
   »Kann ich mir die Aufzeichnungen ausborgen, Ross?«, erkundigte sich Steve.
   Ross sah sich um. »Kopier sie dir, dann habe ich nichts dagegen.«
   Steve sprang auf und eilte zum Kopierer. Er brauchte nur wenige Minuten und stapelte die Kopien sorgfältig übereinander.
   Ross nahm die Originalbücher an sich und packte alles zurück in den großen Kasten. »Viel Spaß damit.«
   Steve grinste und drückte die Kopien an sich. »Werd ich schon haben.« Er ging hastig zum Ausgang, stolperte vor Aufregung und verließ das Labor.
   Alexandra griff nach ihrer Tasche und blieb vor Ross stehen. »Gehen wir ein Stück?«
   Er lächelte sie an. »Sehr gern.«
   Beide winkten Janet zu, die offenbar noch blieb.
   Ross folgte Alexandra aus dem Gebäude.
   »Ich«, begann sie. Unvermittelt blieb sie stehen. »Wollen wir heute Abend ausgehen?«
   Ross schluckte und starrte sie an. Hatte sie das tatsächlich gefragt? Es war, als hätte jemand einen brennenden Pfeil direkt in sein Herz geschossen. »Ja, ich würde mich freuen.«
   Sie lächelte und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich mich auch.«
   »Wohin wollen wir?«
   »Kennst du das CD?«
   »Das Cloud-Dancing? Ja. Kenne ich. Das schönste Restaurant der Stadt.«
   »Genau. Um zwanzig Uhr?«
   Ross nickte zustimmend.
   Sie blieb an ihrem Shuttle stehen. »Bis nachher.«
   »Bis nachher.« Er sah ihr nach, wie sie mit dem Shuttle abhob. Er ballte eine Faust und schrie lautlos seine Freude hinein.

Ross musterte sich im Spiegel seines Wohnflurs. Dunkles Hemd, dunkle Hose und ein roter Gürtelhalter. Man trug ihn auf der linken Seite vom unteren Rand der Brusttasche und befestigte ihn am Gürtel der Hose. Lächelnd betrachtete er eine Fotografie seines Großvaters, der, der Mode zum Trotz, stets altmodische Krawatten getragen hatte.
   Aufgeregt wartete er viel zu früh vor dem Cloud-Dancing.
   Endlich landete ein Shuttle-Taxi neben ihm. Ross musste zweimal hinsehen, bis er Alexandra erkannte.
   Sie lächelte, wie er sie nie zuvor hatte lächeln sehen. Ihr Anblick raubte ihm den Atem.
   Alexandra trug ein rostrotes Kleid und hatte ihre Haare hochgesteckt. »Hallo.«
   »Hallo«, erwiderte er, »du siehst … wow, absolut umwerfend aus.«
   Sie lächelte immer noch. »Danke sehr. Du siehst aber auch gut aus.«
   Zusammen betraten sie das Restaurant. Ross hatte das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Der Empfangschef lächelte sie an, als wolle er sie im Paradies begrüßen und hätte sie seit einer Ewigkeit erwartet. Seine Hand deutete zu ihrer Linken und eine warme Stimme bat sie, ihm zu folgen. Ross hatte zwar behauptet, das Cloud-Dancing zu kennen, jedoch hatte er das Restaurant bisher nur von außen gesehen. Die Wände umgaben sie in warmen bräunlich-gelben Farben. Er glaubte, einen Ton zu hören, unscheinbar, weich, zart, den er mehr mental als akustisch wahrnahm. Kleine Wasserspiele begleiteten sie auf ihrem Weg. Der Empfangschef geleitete sie bis zu ihrem Tisch, dabei ununterbrochen lächelnd. Ross versuchte sich als Gentleman und rückte Alexandra den Stuhl zurecht.
   Der Empfangschef zündete eine Kerze an.
   Ross staunte. Alles war perfekt aufeinander abgestimmt. Beinahe wie in einer fremden Welt. Er fühlte sich unglaublich wohl. Hier wollte man für immer bleiben.
   Ihr Tisch war so abgeschirmt, dass sie glaubten, allein zu sein. Dieses Gefühl half Ross, seine Nervosität abzulegen.
   Alexandra beugte sich zu ihm. »Ich glaube, wir sind beide aufgeregt.« Ihre Augen strahlten ihn an.
   Ein ausgeklügeltes Temperatursystem unter dem Tisch kühlte, ohne dass man fror.
   Er beugte sich zu ihr und reichte Alexandra stumm eine Hand. Ohne Zögern legte sie ihre Hand in seine. Der Zauber der Umgebung und Alexandra sorgten dafür, dass es für Ross nur noch diese eine kleine Welt an einem Restauranttisch gab. Großvater und das seltsame Erbe waren vergessen.
   Es wurde dunkler. Eine harmonische Melodie erklang. Erst leise und sanft, dann deutlicher.
   Ross erkannte das Wesen des Stückes. Er sah Alexandra fragend an, Worte waren nicht nötig. Sie erhoben sich und Alexandra schmiegte sich in seine Arme, während sie sich langsam zur Musik bewegten.
   Ihre sanften Gesichtszüge, ihre traumhaft schönen Augen und anmutigen Lippen, ihr zarter Duft nach Lavendel …
   Für nichts auf dieser Welt hätte er diesen Moment eintauschen mögen. Mit ihr zu tanzen, ihr so nah sein zu können. Unfassbares Glück war in sein Leben getreten.
   Ross nahm seinen Mut zusammen und zog sie näher an sich.
   Alexandra schlang ihre Arme um seinen Hals. Er wollte sie nie wieder loslassen. Ihre heiße Wange an der seinen und ihren warmen Körper an seiner Brust vergaß er die Zeit und alles um sich herum.
   Ein Gong riss ihn aus diesem tranceähnlichen Zustand. Alexandra löste sich sanft von ihm. Der Kellner servierte Wein. Der Abend verging viel zu schnell. Eine halbe Stunde vor Mitternacht verließen sie das Restaurant und nahmen sich ein Taxi.
   »Das war der schönste Abend meines Lebens«, sagte er leise und schloss sie in seine Arme.
   Sie lächelte. »Für mich auch.« Alexandra legte ihre Arme um ihn und er fühlte ihre Lippen fest und warm auf seiner Wange.
   Atemlos sah er ihr nach, bis sie das Haus betreten hatte.
   Sein Bett erwartete ihn und erfüllt vom süßen Gefühl der Verliebtheit schlief er ein.

Überrascht blinzelte Ross und fuhr sich mit den Händen über die Augen. Verwirrt sah er auf die Uhr. Bis zum Aufstehen blieb ihm noch eine Stunde.
   Ross ließ sich in die Kissen zurücksinken und lächelte. Die vergangene Nacht tauchte in seiner Erinnerung auf. Er war rettungslos in Alexandra verliebt. Verträumt rief er sich ihr Bild vor sein geistiges Auge und ließ seine Gedanken treiben, bis der Wecker klingelte.
   Nach Ende der letzten Vorlesung an diesem Freitag eilte Ross ins Labor. Janet wollte später nachkommen.
   Steve war bereits in die Aufzeichnungen vertieft.
   »Hey Steve.«
   »Hi Ross. Diese Unterlagen sind der absolute Wahnsinn. Ich habe bei einigen Stellen noch Mühe, aber andere verstehe ich gut.«
   »Welche denn?«
   Steve wollte antworten, aber sein Mund blieb offen, während er einen Punkt hinter Ross anstarrte.
   »Na, ihr beiden, habt ihr unseren Zeitformer schon fertig?« Alexandra ging an Ross vorbei und strich ihm, ohne dass Steve es anscheinend realisierte, mit dem Handrücken sanft über die Wange. Sie nahm sich einen freien Stuhl und setzte sich gegenüber von Ross.
   »Zeitformer?«, wiederholte Steve irritiert. Hatte er gehofft, dass sie sich neben ihn setzte?
   Ross hatte Mitleid mit Steve. Nach dem gestrigen Abend war er sich sicher, dass Alexandra nie romantische Gefühle für Steve empfinden würde.
   Steves Stirn lag in Falten und seine Finger zitterten leicht.
   »So haben einige Science-Fiction-Autoren ihre Zeitmaschine genannt«, sagte Alexandra.
   »Du meinst H. G. Wells?«, fragte Ross.
   Steve schüttelte den Kopf. »Nein, sein Buch heißt Die Zeitmaschine.«
   »Habe ich was verpasst?« Janet betrat strahlend das Labor. Die Anspannung wich aus ihren Gesichtern.
   »Steve wollte uns gerade mitteilen, wie weit er mit der Theorie ist.« Ross klopfte Steve freundschaftlich auf die Schulter.
   Janet nahm flüchtig zur Kenntnis, dass Alexandra nahe bei Ross saß. Sie holte sich einen Sessel und setzte sich. »Mensch Leute, ich habe die halbe Nacht kein Auge zugetan. Ich habe mich von einer Seite auf die andere gewälzt.« Janet rieb sich die Augen.
   »Hol dir einen Kaffee«, schlug Alexandra vor und deutete mit ihrem Kopf Richtung Cocktailbar.
   »Gute Idee. Noch wer?«
   Alle schüttelten den Kopf. Janet erhob sich und machte sich am Kaffeeautomaten zu schaffen.
   Ross wartete, bis Janet zurückkehrte. »Gut, da wir jetzt vollzählig sind, möchte ich euch bitten, hier und jetzt zu sagen, ob ihr verrückt genug und Willens seid, diesen Wahnsinn tatsächlich zu versuchen«, erklärte er.
   »Ich bin dabei«, rief Steve sofort.
   Ross lächelte. Er sah erwartungsvoll zu Alexandra.
   »Ich bin auch dabei.«
   Erfreut nickte er. Steve strahlte.
   Ross sah Janet an.
   »Wenn ihr wirklich glaubt, dass ich so verrückt bin, mich euch anzuschließen«, begann sie.
   Ross’ Augen weiteten sich.
   »… dann habt ihr recht«, schloss Janet.
   Ross schmunzelte erleichtert.
   »Steve, fang an!« Alexandra lächelte ihn an.
   »Es gibt, ich habe es durchgerechnet, insgesamt zehn Themengebiete, um die wir uns kümmern müssen, zwei davon habe ich mir bereits mehr oder weniger erschlossen.«
   »Und worum geht es dabei?« Janet rührte lautstark in ihrer Tasse.
   »Bei diesen beiden geht es um die Kontinuität des Universums zum einen und die Zeitarithmetik zum anderen.«
   »Steve, hier sind zwei Laien«, unterbrach ihn Janet, »erklär es bitte genauer.«
   »Ich glaube, Steve meint damit die beiden Thematiken Raum und Zeit. Grob vereinfacht gesagt«, kam Alexandra Steve zuvor.
   »Richtig. Es geht um Raum und Zeit. Denn der Ausdruck Zeitreisen wird zwar in der Fachwelt oft gebraucht, aber tatsächlich inkorrekt. Denn würden wir unsere Zeitung nur eine Sekunde zurückschicken, würde sie irgendwo in der Erdumlaufbahn wieder auftauchen.«
   »Wieso das denn?«, fragte Janet verblüfft. »Ich meine, in den Filmen sieht das immer so einfach aus. Diese Leute gehen durch irgendein Portal und kommen irgendwann in der Vergangenheit wieder heraus.«
   »Das sind eben nur Filme, Janet. Die wenigsten halten sich an wissenschaftliche Gegebenheiten oder Tatsachen.«
   Janet sah Steve fragend an. »Und warum landet, bei nur einer Sekunde, unsere Zeitung im Weltall?«
   »Raumkontinuität«, erklärte Steve. »Das Universum bewegt sich, ohne dass wir es merken. Das … nein, unser Universum funktioniert als eigenständige Instanz. Es besteht materiell aus Gasen und anderen Elementen. Aber das Wichtigste ist, die Galaxien, die es zu Millionen gibt, bewegen sich mit bahnbrechender Geschwindigkeit durchs All. Und da unser Sonnensystem ein Teil der Milchstraße ist, bewegt es sich ebenfalls. Allerdings wiederum relativ zum Universum. Und die Erde auch. Wenn ich das noch genauer erklären müsste, müsste ich euch die Krümmung des Raums genauer erklären.«
   »Wenn wir das zusammen weiterverfolgen wollen, sollten wir alle über die wichtigsten Sachen informiert sein«, sagte Alexandra.
   Steve presste die Lippen zusammen. Seine Augen irrten umher. »Vielleicht erkläre ich es so. Jegliche Materie im Raum erzeugt, aufgrund ihrer Masse, Gravitation. Und Gravitation ist eine von mehreren Kräften, unter der Körper beschleunigt werden können. Einsteins allgemeine Relativitätstheorie sagt aus, dass Körper unter Beschleunigung schrumpfen. Man kann dieses Schrumpfen aber nicht wirklich nachmessen, dennoch gibt es einen Unterschied zwischen der scheinbaren Größe eines Körpers und seiner physikalischen Größe. Und aufgrund dieses Unterschieds geschieht, vereinfacht gesagt, eine Veränderung des Raums. Einstein nannte es die Krümmung des Raums.
   Der nächste wichtige Punkt ist, dass Gravitation unendlich weit wirkt. Selbst die gravitative Wirkung der Erde oder der Sonne reicht theoretisch unendlich weit. Sie wird nur irgendwo durch die Gravitation anderer Sterne überlagert und verliert dort ihre Bedeutung. Weiterhin, die Wirkung der Gravitation und Raumkrümmung der Sonne in unserem Sonnensystem zwingt die Planeten auf die Bahnen, die sie verfolgen. Deswegen hat die Erde heute oder in diesem Moment die Position, die sie aufgrund der Gravitation der Sonne haben muss. Und auch vor dreißig Jahren hatte die Erde eine ganz bestimmte Position, die es zu errechnen gilt.
   Eigentlich müsste ich zusätzlich zumindest die Einstein-Hilbert-Gleichungen oder die vierdimensionale Raummethodik von Davids erläutern, aber davon werdet ihr, Ross und Janet, nichts verstehen. Diese Theoriengebilde werden später in unsere Berechnungen mit einfließen.«
   Janet nahm einen großen Schluck Kaffee. Ross’ Stirn lag in Falten, alles verstanden hatte er nicht.
   »Leute, wir waren bei unserer Zeitung, die bei einer Sekunde im Weltall auftaucht.« Janet trommelte ungeduldig mit ihren Fingernägeln gegen die Tasse.
   »Richtig. Aber um das zu erklären, müsst ihr in etwa wissen, wie unter anderem die Gravitation und die Bewegung von Materie im Raum ablaufen.«
   »Was wir jetzt einigermaßen wissen.« Janet verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
   »Das Nötigste, ja. Na schön. Unser Universum expandiert von Sekunde zu Sekunde, sogar während wir uns unterhalten. Die nächste Stufe sind große Galaxienhaufen, die sich vom Zentrum des Universums entfernen und das mit Geschwindigkeiten von teils über fünfhundert Kilometern je Sekunde. Diese Galaxienhaufen bewegen sich wiederum in sich. Und jede einzelne dieser Galaxien erzeugt eine gewaltige Gravitation. Wenn wir jetzt eine dieser Galaxien nehmen, zum Beispiel unsere, so rotiert diese um ihre eigene Achse. Und diese Achse ist, wie es der Zufall will, ein gewaltiges schwarzes Loch. Das größte in unserer Galaxis. Sonst könnten die anderen Milliarden Sterne sich nicht um sie bewegen.«
   »Okay okay, Steve«, unterbrach ihn Ross, »ich ahne, worauf du hinauswillst. Die Erde befindet sich in einem von mehreren Gravitationsfeldern, wobei das der Milchstraße am größten und das der Sonne am kleinsten ist.«
   »Richtig.« Steve freute sich. »Na gut, um zumindest das mit der Zeitung zu erklären, müssen wir noch Bewegung und Rotation der Erde hinzunehmen.«
   »Na schön«, sagte Janet, »wir haben also mehrere Gravitationsfelder, die Raumkrümmung und die Bewegung der Erde. Was hat das mit der Zeitreise zu tun?«
   »Nun, Janet, weil wir aufgrund der Gravitationsfelder die Flugbahn der Erde zurückberechnen müssen und das extrem genau. Das ist der eine Teil. Wir müssen sie berechnen auf wenige Mikrosekunden und ich bin nicht sicher, ob das reichen wird. Das ist unter anderem der astronomische Teil.«
   »Die Flugbahn der Erde zurückberechnen? Und das steht in den Forschungsunterlagen drin?« Janet sah Steve an, wie eine Lehrerin einen Schüler ansieht, der grundlegende Aspekte der Naturwissenschaften infrage zu stellen versucht. Und Steve sah sie für einen Moment an, als würde er nicht verstehen, was sie mit dieser Frage meinte.
   »Ja, teilweise«, sagte er schließlich.
   »Und was bringt uns das?«
   »Das ist einer der Hauptparameter, die wir benötigen. Der Parameter für den Raum«, antwortete ihr Alexandra.
   »Ja«, fügte Steve hinzu, »und das andere ist der Zeitkoeffizient, den wir brauchen.« Steve lehnte sich zurück. »Aber um den richtig und vollständig zu erklären, dazu fehlt mir noch das Verständnis für ein paar andere Teile der Forschungsunterlagen. Ich weiß lediglich, dass als Voraussetzung dafür die existenzielle Gleichsetzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gilt. Und die Existenz von Paralleluniversen. Wenn wir das alles so weit haben, können wir es praktisch umsetzen. Doch das wird schwieriger als alle anderen bahnbrechenden Entwicklungen vor uns.«
   »Wie können wir helfen?«, erkundigte sich Alexandra.
   Steves Augen leuchteten, so sehr schien er sich zu freuen, dass sie ihn danach fragte. »Deine Hilfe brauche ich bei der Zeitgeometrie, der Zeitvarianz und der Zeitdynamik.«
   Janet sah Ross mit einem Gesichtsausdruck an, der ihm sagte, dass sie kein Wort verstand.
   »Steve, es können Wochen vergehen, wenn nicht Monate, bis ich die Aufzeichnungen verstehe.« Alexandra legte die Stirn in Falten.
   »Das schaffen wir schon.« Steve legte seine Hand auf ihre, zog sie einen Moment später erschrocken zurück und versuchte, so unschuldig wie möglich auszusehen.
   Alexandra blickte verlegen und versuchte zu lächeln. »Na gut, Steve. Wenn du das sagst, schaffen wir das.«
   »Machen wir gleich morgen weiter?«
   »Tut mir leid, aber wir haben Besuch. Meine Tante ist für eine Woche bei uns. Ich habe sie heute Morgen abgeholt. Ich meine, ich werde sehen, ob ich Zeit finde, aber ich verspreche nichts.«
   »Ist schon in Ordnung. Ihr beiden?«
   »Ich weiß nicht, wie wir helfen können«, sagte Ross.
   Steve wedelte mit einer Seite der Unterlagen. »Kannst du mit der Handschrift deines Großvaters etwas anfangen?«
   »Ja. Ich meine, schon möglich. Wieso?«
   »Mehrere seiner Beschreibungen sind nur schwer zu entziffern. Vielleicht könntest du mir dabei helfen. Hier, nimm das.« Steve drückte Ross einen kleinen Stapel Papier in die Hand. »Kannst du das lesen?«
   Ross überflog die ersten Seiten. »Ja, ich kann es entziffern.«
   »Sehr gut.« Steve zeigte sich begeistert, während Janet wie ein kleines Häufchen Elend da saß.
   »Ich gehe davon aus«, sagte sie, »dass ich an dieser Stelle nicht viel beitragen kann.«
   »Janet«, widersprach ihr Alexandra, »du kannst davon ausgehen, dass wir dich auf jeden Fall brauchen werden. Vielleicht nicht jetzt, aber in Zukunft auf jeden Fall.«
   »Richtig, Janet«, sagte Ross, »und bis dahin schlage ich vor, dass wir beide, du hauptsächlich und ich nebenbei, uns in besonderem Maße um die Geschichte der letzten Jahrhunderte kümmern.«
   »Wieso? Willst du vielleicht Jesus besuchen?«
   Ross öffnete den Mund, um ihr zu antworten, aber die Silbe blieb ihm auf den Lippen hängen. Es war plötzlich mucksmäuschenstill. Die Luft um sie herum schien aufgeladen.
   »Leute, das sollte ein Scherz sein.« Janet winkte verlegen in die Runde.
   »In Ordnung«, unterbrach Steve das Schweigen, »der Abend ist jung, die Nacht lang, wollen wir anfangen? Wer weiß, vielleicht besuchen wir Jesus tatsächlich bald.« Er grinste Janet schelmisch an.
   Janet saß an einem Rechercheplatz und durchsuchte die Universitätsbibliothek. Anscheinend hatte eine Idee von ihr Besitz ergriffen, denn sie las hoch konzentriert Seite um Seite.
   Ross bestellte eine übergroße Pizza und versank in Großvaters Aufzeichnungen. Er fand das Tagebuch, stöberte darin herum und musste lachen.
   »Was ist?«, wollte Alexandra wissen.
   »Ich habe gerade einen Tagebucheintrag gefunden, in dem mein Großvater die Entdeckung der Zeitung, die wir ihm schicken werden, beschrieben hat. Er hat tatsächlich im ersten Moment an eine Fälschung seiner Kontrahenten geglaubt, aber die Notiz, die er sogar von einem Grafologen hat prüfen lassen, hat ihn eines Besseren belehrt.« Ross hielt das Tagebuch kerzengerade nach oben und sah Alexandra lächelnd an.
   »Er hat sogar einen Experten hinzugezogen? Interessant. Er wollte offenbar völlig sichergehen.«
   »Mein Großvater hat damals gedacht, dass ich derjenige wäre, der seine Aufzeichnungen umsetzt. Er dachte, ich würde diesen Quantenkram studieren. Jetzt verstehe ich sogar unsere letzte Unterhaltung, bevor er starb.«
   »Na, so ganz falsch ist das ja nicht, Ross. Wir machen es halt zu viert, nicht du allein.«
   Steve drückte ihm einen weiteren Papierstapel in die Hand. »Das brauchen wir als Nächstes, Ross.«
   Ross nahm den Stapel in die Hand und aktivierte erneut das Aufzeichnungsgerät, das seine Worte in verständliche Buchstaben auf den QPC schrieb. »Ich bin davon überzeugt, dass die Wechselwirkung der nicht-linearen Dynamik im zweiten Komplex der Natal’schen Formel in eindeutiger Relation zu den Eigenschaften der orthogonalen Polynome im sechsten Komplex steht. Ähnlich wie die berühmte ‚P vs. NP‘-Problematik des letzten Jahrhunderts …« Ross las, ohne Details oder Inhalte zu verstehen. Nachdem er eine Seite fertig hatte, atmete er tief durch. Zeitvarianz. Er war froh, dass er davon nichts verstehen musste.
   Der Pizzaservice brachte die gewünschte Lieferung, die Ross entgegennahm. Steve hatte sich bereits eine entschlüsselte Seite auf seine Bildschirmfolie geholt. Ross setzte sich wieder und übersetzte die nächste.
   »Steve«, Alexandras Stimme durchbrach seine Konzentration, »hier ist schon wieder die Natal’sche Formel.«
   »Ja, entwickelt von der Nobelpreisträgerin Professor Natalie Sinclair im Jahr 2071.«
   »Das weiß ich, Steve. Was ich nicht verstehe, ist, wie diese beiden Teile hier«, Alexandra zeigte mit ihrem Schreibstift auf zwei Punkte auf der Folie, »stabil bleiben können. Ich meine, eigentlich hat dieser dritte Parameter nichts mit den beiden ersten zu tun?«
   »Ich glaube, ich verstehe deine Verwirrung. Das ist mir in den ersten fünf Minuten, nachdem ich die Formel gesehen habe, ähnlich ergangen.«
   »Und was ist des Rätsels Lösung?«
   »Verstehe mich bitte nicht falsch, aber darauf musst du allein kommen. Ich werde versuchen, dir die richtige Richtung zu zeigen. Am besten, du schließt deine Augen. Gut so. Und jetzt überlege. Womit musst du anfangen? An welchem Punkt musst du ansetzen? Weißt du, es reicht nicht, sich mit der Formel allein zu befassen. Natalie Sinclair hat einmal gesagt, man müsse gewissermaßen hinter die Parameter sehen, um das Gesamtbild zu erkennen. Nur so wirst du die Bedeutung erkennen und verstehen.«
   Ross beobachtete sie amüsiert, nachdem er die zweite Seite durchgelesen hatte. Nach ein paar Minuten glitt Alexandras Unterkiefer herunter, ihre Augen öffneten sich.
   »Die Chaostheorie?«
   Steve nickte euphorisch.
   »Das ist unglaublich. Aber es passt.« Mit neuer Energie setzte sich Alexandra auf und ging weiter die Unterlagen durch.
   Ross steckte sich ein Stück Pizza in den Mund und schloss für einen Augenblick seine Augen. Er nickte ein und erwachte durch das Klappen einer Shuttle-Tür. Der Teil des Labors, in dem sie arbeiteten, lag direkt an der Straße. Ross rieb sich die Augen. Janet packte gerade ihre Sachen. Er erhob sich und blickte aus dem Fenster. Steves Shuttle hob soeben ab. Die Pizza war bereits alle.
   »Ich bin weg. Gute Nacht, Ross.« Sie nahm das Buch mit.
   »Nacht, Janet.«
   Auf dem Tisch sah er Alexandras Handtasche.
   »Habe ich was verpasst?«
   Sie schüttelte den Kopf, kam auf ihn zu und nahm seine Hände. »Wir sind allein …«, flüsterte sie.
   Er genoss den Druck ihrer Hände und erwiderte ihn. Ross zog Alexandra sanft auf die Couch.
   Sie lächelte ihn an. »Ich denke schon den ganzen Tag an unseren gestrigen Abend. Er war so wunderschön.«
   Eine Wärmewelle nach der anderen durchflutete ihn. »Das geht mir genauso. Und ich möchte jetzt gern etwas nachholen.«
   Ihr Gesicht war dicht vor dem seinen. Alexandra umfasste sanft seine Wangen und küsste ihn. Seine Lenden explodierten beinahe. So übermächtig war das Gefühl, endlich die Süße und Wärme ihrer Lippen zu schmecken. Er drückte ihren Körper fest an sich und wollte für den Rest seines Lebens ihre Lippen fühlen und schmecken.
   Nach einer gefühlten Ewigkeit ließen beide schwer atmend voneinander ab.
   »Pause oder weitermachen?«, hauchte sie.
   »Weitermachen. Eindeutig«, erwiderte er genauso leise.
   »Sehe ich genauso.«
   Erneut schlang er seine Arme um sie, hungrig nach ihren Lippen.

Die folgenden Tage verbrachte Ross mit Janet und Steve im Labor und beendete die Dechiffrierung der Forschungsunterlagen. Alexandra war bei ihrer Familie.
   Neugierig sah Ross Janet an, die ein Mittelalterbuch las. »Was hast du schon?«
   »Ich habe bislang ein paar Gefahrenaspekte zusammengestellt, die eine mögliche Expedition hervorrufen würde.«
   Ross sah sie verwundert an. »Eine Expedition? Wir wollen doch nur die Zeitung zurückschicken?«
   Sie hob ihre rechte Augenbraue an. »Ross, wenn wir schon einen Weg durch die Zeit finden, dann doch auch für uns oder? Überleg mal, zwei von uns sind angehende Quantenexperten, du kennst dich am besten in Geschichte aus und ich bin in alten Sprachen bewandert.«
   »Das stimmt schon, aber wer weiß, ob wir je eine solche Expedition hinbekommen werden. Ach was, wir werden, ist ja bewiesen.« Er grinste breit. »Zeig her! Biologische Gefahren, Lebensgefahren«, las er.
   »Sollten wir ins Mittelalter reisen«, erklärte Janet, »bringen wir uns selbst und die, zeitlich gesehen, einheimischen Menschen in Gefahr. Weil wir Viren und Bakterien mitbringen würden, gegen die die Menschen im Mittelalter absolut schutzlos wären. Und andersherum weiß ich nicht, ob wir beispielsweise gegen den sogenannten Schwarzen Tod resistent wären.«
   »Ja, richtig, die Pest. Das vierzehnte Jahrhundert gilt als das schlimmste.«
   Steve erhob sich und murmelte kaum hörbar »die Natur ruft«.
   »Si recte dicis, recte dicis«, sagte Janet. Ross verstand ohne Probleme: Wo du recht hast, hast du recht.
   »Wenn wir in die falsche Zeit geraten, zum Beispiel in den Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich im Spätmittelalter, könnten wir zwischen die Fronten geraten. Wir müssen uns etwas ausdenken, um diese Gefahr zumindest zu minimieren«, erklärte sie weiter.
   »Stimmt. Vielleicht können unsere Quantengenies dafür etwas zaubern.«
   »Du meinst deine neue Freundin?«
   Er sah sie überrascht an, blickte schnell zu Steves Platz, der in diesem Moment leer war. »Woher weißt du …?«
   Janet sah ihn spöttisch an. »So, wie ihr euch in den letzten Tagen angesehen habt, fällt das sogar einem Blinden auf.«
   Erneut sah er zu Steves Platz. War es ihm auch aufgefallen? Mittlerweile fühlte er sich ihm freundschaftlich verbunden und wollte ihn nicht verletzen.
   »Keine Sorge, für mich ist das okay, Ross.«
   »Wirklich?«
   »Ross, ich bin seit einem halben Jahr in einer Beziehung.«
   Ein kleiner Stich in seiner Magengegend machte sich breit. Absurderweise bedauerte er, dass Janet dadurch nicht mehr erreichbar war. Aber mehr verwunderte ihn, dass er es weder gewusst noch bemerkt hatte. »Verrätst du mir seinen Namen?«
   Janet grinste und ließ ihn ein paar Sekunden zappeln. »Jon Logan.«
   Ross strahlte sie an.
   »Siehst du, du freust dich für mich und ich«, sagte sie und prüfte, ob Steve schon wieder da war, »ich freue mich für dich und Alex. Ich mach Schluss für heute. Im Moment kann ich noch nicht viel tun.« Sie packte ihre Sachen, gab Ross einen Kuss auf die Wange und verließ das Labor. Das Klappern ihrer Schuhe und ihr fröhliches Pfeifen drangen vom Treppenhaus noch eine Weile zu Ross, bis entfernt eine Tür zuschlug und nur das Summen der technischen Geräte zurückblieb.
   Steve kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück.
   Ein Shuttle landete. Ross drehte sich um und erkannte Alexandra darin.
   »Alex kommt«, sagte Steve erfreut, der den Vorgang ebenfalls beobachtet hatte. »Ross …«
   »Ja?«
   »Wir sind doch Freunde, oder?«
   Er nickte und hatte plötzlich ein ungutes Gefühl. »Das hoffe ich.«
   »Glaubst du, dass Alex mir ein Date gewähren würde?«, platzte Steve heraus.
   Hitze stieg in Ross auf. »Da müsstest du sie schon selbst fragen.«
   Schritte näherten sich. Alexandra betrat das Labor. Sie begrüßte Steve, indem sie ihm die Schulter tätschelte. Sie drückte Ross’ Hand für einen Moment und zwinkerte ihm zu, ohne dass Steve es sehen konnte.
   Bis elf Uhr abends arbeiteten sie zu dritt, dann war auch für Steve Schluss. Er stieg in sein Shuttle und verschwand in der Abenddämmerung. Ross seufzte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
   »Ist es schlimm?«, fragte sie.
   »Nein, aber das kann es werden.«
   Sie hatte sich erhoben und küsste ihn. »Hier können wir nicht in Ruhe reden.«
   »Ich weiß.«
   »Lass uns zu mir fliegen.«
   »Gern.«
   Sie packten ihre Sachen und nahmen Alexandras Shuttle.
   Ross betrat ihre Wohnung. Ein wundervoller Duft empfing ihn. Alexandra zog ihre Schuhe aus und lief barfuß den Flur entlang.
   Ross tat es ihr gleich. Sie führte ihn in ihr Wohnzimmer und stellte Musik an. Alexandra hauchte ihm einen Kuss auf seinen Mund und verschwand. Er machte es sich in einem ihrer Sessel bequem. Sie kehrte mit einem Tablett und zwei Tassen Tee zurück. Ihre Blicke begegneten sich.
   Ross stellte die Tasse ab, zog sie auf seinen Schoß und küsste sie. Es war längst kein zaghafter Kuss mehr, sondern pure Leidenschaft.
   Sanft schob sie ihn ein Stück von sich. »Was tun wir, um Steve nicht zu verletzen?«
   Ross berichtete ihr von Steves Frage. Gequält schloss sie die Augen.
   »Vielleicht solltest du ihm mitteilen, dass du ihm deine Freundschaft anbietest.«
   »Viel mehr kann es nicht werden. Ich muss mir was ausdenken.« Sie seufzte.
   »Kann ich dir dabei helfen?« Er massierte ihren Nacken.
   Sie lächelte und überlegte. »Indem du weiter genauso zärtlich und liebevoll zu mir bist.«
   Er wollte sie erneut küssen, doch sie wich aus.
   »Weißt du, warum ich so verliebt in dich bin?« Sie sah ihn lächelnd an.
   »Lass mich raten: mein Gürtelhalter von unserem ersten Abend«, sagte er scherzhaft.
   Sie grinste. »Es sind deine Augen. Die faszinieren und verzaubern mich. Seit dem ersten Tag.« Alexandra küsste sanft sein linkes und sein rechtes Augenlid.
   Ross war überwältigt. Die Wärme, die Alexandra ihm schenkte, war kaum zu erfassen.
   Alexandra zauste sein Haar. Ross schloss die Augen und küsste sanft ihren Hals.

Sie waren auf dem Sessel eingeschlafen. Ross versuchte vorsichtig, sich zu bewegen. Alexandra erwachte und befreite sich aus seiner Umarmung. Sie hauchte einen Kuss auf seine Lippen und erhob sich. »Guten Morgen.« Sie lächelte, richtete sich verschlafen auf und verließ das Zimmer. Ross stand auf und streckte sich in aller Ruhe.
   Die Sonne war aufgegangen.
   »Ich muss nach Hause«, erklärte er, nachdem sie zurückgekehrt war.
   »Sehen wir uns nachher?« Sie umarmte und küsste ihn.
   »Natürlich. Das war eine wundervolle Nacht.« Er streichelte ihr Haar und verabschiedete sich.

Ross duschte ausgiebig. Sein Holophone meldete sich und das Klingeln unterbrach seinen Tagtraum. Es war Alexandra. Er grinste. »Ja, mein Herz?«
   »Kommst du vor der ersten Vorlesung bitte ins Labor? Steve und Janet haben uns etwas Wichtiges zu sagen.«
   Ross beeilte sich ins Labor zu kommen, sein Bauchgefühl verhieß ihm schlechte Nachrichten.
   »Was gibt es?«
   »Eine schlechte Nachricht«, antwortete Steve, »aber Janet meint, es gibt eine Lösung, die waghalsig sein könnte.«
   Ross blickte verständnislos von einem zum anderen. »Was ist die schlechte Nachricht?«
   Steve steckte seine Hände in die Hosentaschen. »Wir haben momentan zu wenig Geld, um die Zeitmaschine zu bauen.«
   Diese Antwort hatte Ross nicht erwartet, an Geld hatte er nicht gedacht. »Das ist in der Tat schlecht.« Er fühlte sich in seiner Naivität ertappt. »Aber wozu brauchen wir Geld, wie kommt ihr darauf?«
   »Wie gesagt, es gibt vielleicht eine Lösung«, warf Janet ein.
   »Und die wäre?«
   »Die Zeit«, erklärte Steve.
   »Ich verstehe nicht.«
   Janet legte die vergilbte Zeitung aus der Zukunft auf den Tisch. »Das hier ist dein Erbe. Auf der Rückseite wird über Investmentfonds und deren Entwicklungen berichtet.« Sie deutete auf die betreffenden Stellen. »Und hier«, fuhr sie fort und nahm Steve eine deutlich dickere Zeitung aus den Händen, »ist die gestrige Ausgabe der London Financial Times.«
   Ross ging ein Licht auf. »Ihr wollt in Investmentfonds investieren?«
   »Das wäre eine Lösung«, sagte Alexandra.
   »Wenn das funktioniert, ja. Wissen wir denn, wie viel Geld wir brauchen?«
   »Ich habe das Ganze in der vergangenen Nacht überschlagen und bin grob geschätzt auf fünfzehn Millionen Pfund gekommen.« Steve sah in die Runde. »Allerdings ist das eine sehr grobe Schätzung.«
   Betretene Gesichter blickten ihm entgegen.
   »Und woher nehmen wir das Geld für die Fonds? Hast du darüber auch nachgedacht?«, erkundigte sich Ross.
   »Ich glaube, das könnte ich auftreiben.«
   »Von welchem Betrag sprichst du?«, bohrte Alexandra nach.
   »Das weiß ich noch nicht. Es könnten bis zu vier Millionen sein, die wir investieren müssen. Ich habe zwei risikoorientierte Fonds ausgewählt. Ich muss nur noch ausrechnen, wie viel ich investieren muss.«
   Geschockt fuhr sich Ross mit den Händen über sein Gesicht. Vier Millionen! Diese Zahl musste er erst einmal verarbeiten. Janet und Alexandra schien es nicht anders zu ergehen.
   »Ich weiß, dass das viel klingt.« Steve versuchte, sie zu überzeugen.
   »Einen Augenblick Steve. Ich will dich wirklich nicht dazu verleiten, aufgrund der Forschungen meines Großvaters Millionen von Pfund in dieses Projekt zu investieren. Ich meine, wir wissen doch gar nicht, ob wir je unser Ziel erreichen.«
   »Ross hat recht. Steve, überleg dir das bitte genau. Sonst machst du Ross später Vorwürfe. Außerdem, mir fällt noch ein anderer Punkt ein. Denke an Hendersons Quanten-Paradoxon. Er sagt, dass es nicht möglich sei, mit Lottozahlen aus der Zukunft, Spiele in der Gegenwart zu gewinnen. Die Quanten-Korrelation sei zu hoch, um das zu gewährleisten.« Alexandra sah Steve ernst an.
   »Ihr scheint schon wieder zu vergessen, dass wir diese Zeitung geschickt haben. Irgendwann nächstes Jahr. Und deswegen werden wir die Zeitmaschine bauen. Und deshalb wird auch das mit dem Geld klappen. Und da du Hendersons Paradoxon erwähnst, ich bin sicher, dass es sich bei uns nur um eine Einzel-Korrelation handelt. Wäre es eine Massen-Korrelation, gäbe ich dir recht. Damit würde es nicht klappen.«
   Für einige Momente herrschte Stille. Ross atmete geräuschvoll aus. »Ich glaube, das ist verrückt genug, um zu funktionieren. Aber sag mal, wird deine Mutter nichts merken, wenn plötzlich ein paar Millionen Pfund fehlen?«
   Steve schmunzelte. »Ich kontrolliere unser Vermögen uneingeschränkt. Meine Mutter wird nichts merken.«
   »Ich hoffe sehr, du weißt, was du da tun willst«, sagte Alexandra. »Wann willst du das Finanzprojekt starten?« Alexandra hustete. Ross vermutete, dass der Gedanke an solche Summen, an die Verantwortung, die sie gerade im Begriff waren auf sich zu laden, nicht nur ihm das Atmen erschwerte.
   »Ich denke, nächste Woche. Machen wir jetzt weiter?« Steve lächelte breit, als wollte er so die aufkommende schlechte Stimmung vertreiben.
   »Spricht nichts dagegen, oder?«, fragte Janet.
   »Super«, rief Steve und wollte sich setzen, aber Alexandra hielt ihn auf.
   »Moment, Steve, wir beide spendieren Ross und Janet eine Runde Kaffee«, erklärte sie.
   »Ah, okay.«
   Während die zwei fort waren, musterte Ross nachdenklich ihre Projektarbeit. Auch auf ihm lastete die Verantwortung schwer. Sollten sie irgendwann so weit sein, ein Gerät, vielleicht eine Art Maschine, aufbauen zu müssen, wäre das Labor an der Uni viel zu verfänglich. Was hielte neugierige Studenten oder Professoren ab, Fragen zu stellen? Fragen, die sie nicht beantworten wollten. Sie mussten sich einen anderen Ort suchen, an dem niemand Fragen stellte.
   Ross fiel es wie Schuppen von den Augen. Er hatte einen großen Keller mit genügend Lichteinfall. Man musste nur in seinem Wohnungsflur eine Tür öffnen und gelangte über eine Treppe hinunter. Genau genommen bestand sein Keller aus zwei Räumen. Geräte, QPCs und sonstige Dinge konnten in dem größeren Raum problemlos Platz finden. Sie mussten ihn nur entsprechend herrichten.
   Alexandra kam mit Steve zurück, der zu Ross’ Überraschung gut gelaunt aussah. Beide hielten jeweils zwei Kaffeebecher in der Hand und verteilten sie. Steve drückte einen Janet in die Hand und Alexandra teilte mit Ross. Sie zwinkerte ihm zu und schien erleichtert.
   Ross trank gierig einige Schlucke. »Bevor ihr weitermacht, müssen wir noch einen anderen Punkt klären.« Ross teilte seine Gedanken mit und alle drei stimmten seinem Vorschlag sofort zu. Er gab Steve und Janet seine Adresse und den Zugangscode, einen Quantenschlüssel, zur Überwindung der Magnetsperre, für seine Wohnung.
   »Leute, wir brauchen Startkapital.« Janet blickte in die Runde. »Schön und gut, dass Steve anlegen will, aber für ein eigenes Labor brauchen wir Kohle.«
   Ross begriff. »Ich investiere das Geld, das ich von meinem Großvater geerbt habe. Es sind zehntausend. Damit können wir das Nötigste anschaffen.«
   »Und ich gebe einhunderttausend. Damit kommen wir fürs Erste hin«, sagte Steve.
   Ross schluckte schwer, das Projekt war kein Spiel mehr. Sie waren im Begriff, in der Welt der Wissenschaft einen Weg zu gehen, der leicht an einem Abgrund enden konnte. Einem Abgrund, in dem Spott und Verachtung verborgen sein konnten. Oder sie erreichten ein fruchtbares Tal mit Ruhm und Ehre …