Die 16-jährige Antonia wird Zeugin des Mordes an dem Belgier Mathis Vosen. Ihre heile Welt zerbricht in dem Moment, als sie in das Gesicht des Mörders blickt. Die Sorge um ihre Familie lässt sie schweigen. Immer tiefer rutscht sie in einen Sumpf aus Angst und Verzweiflung. Erst auf Sylt, im Haus ihrer Großeltern, fühlt sie sich wieder sicher, doch die Angst holt sie ein, als zwei Männer in das Haus eindringen und sie überwältigen. In letzter Sekunde kann sie sich befreien und dem Tod entrinnen. Sie steigt in den erstbesten Zug und taucht unter. Kommissar Friedrich Hansen ermittelt fieberhaft. Wird es ihm gelingen, Antonia rechtzeitig zu finden? Ihre Spur führt nach Berlin. Antonia ahnt nicht, dass sie in das Visier einer Medikamentenlobby geraten ist. Killer sind ihr dicht auf der Spur, um sie als Zeugin auszuschalten und sich das zurückzuholen, was ihnen gehört …

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ISBN: 978-9963-52-555-3

Seiten: 124

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Gabriele Datenet

Gabriele Datenet
Seit frühester Kindheit gehören das Schreiben und Lesen zu Gabriele Datenets großen Leidenschaften. In ihren Geschichten spiegelt sich das tiefe Gefühl und die Freude wider, die sie beim Schreiben empfindet. Zahlreiche Kurzgeschichten der Autorin sind bereits in Anthologien verschiedener Genres veröffentlicht worden, unter anderem auch Krimis und Kinder- und Jugendgeschichten. Beim Schreibwettbewerb des P&B-Verlages gewann sie 2009 mit ihrer Gänsegeschichte „Humpelinchen“ den ersten Preis. Mit ihrer Obdachlosen-Kurzgeschichte „Marthe“ belegte sie den zweiten Platz des Literatur-Wettbewerbs 2010 des Hauses St. Martin am Autoberg in Hattersheim. Mit ihrer Anti-Gewalt-Geschichte „Familie im Schatten“ eroberte sie 2011 den ersten Platz des Schreibwettbewerbs der Jugendbuch-Anthologie „Voll in die Fresse“ des Rollfinke-Verlags. Im November 2013 eroberte sie mit „Atlanta“ den 2. Platz des Literaturpreises Salzhausen. 2014 erschien ihr Thriller „Im Sumpf der Angst“ im bookshouse-Verlag. Durch die vielen positiven Rückmeldungen des Buches ist die Autorin erneut in die Seelen ihrer Protagonisten geschlüpft und lässt das Hamburger Ermittlerteam in ihrem neuen Thriller „Brandmal“ weiterermitteln.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Sie rannte keuchend durch die Dunkelheit. Als Dornenbüsche ihre Haut aufritzten, spürte sie keinen Schmerz. Nur ihren Herzschlag, der unerbittlich in ihr schlug wie der Hammer auf einem Amboss und die Todesangst, die sie wie ein fester Umhang umgab, den man nicht abschütteln konnte. Sie stolperte über einen Ast und stürzte zu Boden. Nein, bitte nicht. Zweige knackten. Mit geschlossenen Augen hielt sie die Luft an. Lieber Gott, bitte steh mir bei. Hämisches Lachen hallte durch die Nacht.
   »Du entkommst mir nicht. Niemals wirst du mir entkommen. Ich kriege dich, Antonia Bentani.«
   Als ein spitzer Schrei die Stille durchbrach, erhob sich ein verschreckter Falke von seinem Ast und flog lautlos davon …

Antonia schlug schreiend um sich, versuchte, sich aus den Armen zu befreien, die sie fest umklammerten. Tränen rannen ihr unaufhörlich über die Wangen. »Nein, lass mich. Geh weg.«
   »Pscht … Toni, es ist alles gut. Du hast nur schlecht geträumt.«
   Sie roch den zarten Duft ihrer Mutter, fühlte ihr weiches Haar auf den Wangen und spürte das tröstliche Wiegen.
   »Mama …« Antonia öffnete die Augen.
   »Alles ist gut, meine Süße«, flüsterte Mutter und reichte ihr eine heiße Milch mit Honig. »Hier, trink das. Das wird dir gut tun.«
   »Danke, Mama.« Antonia nahm den Becher. Das Getränk bändigte die eisige Kälte und die Furcht, die ständig wie eine schwelende Glut vor sich hinglimmte, bereit, sich in ein loderndes Inferno zu verwandeln. Im Schein der Nachttischlampe sah sie den besorgten Blick ihrer Mutter. Die immer wiederkehrenden Albträume schienen auch ihr Angst zu machen.
   In Antonia breitete sich das schlechte Gewissen aus, denn noch niemals zuvor stand ein Geheimnis zwischen ihnen. Sie wusste, dass ihre Mutter sie nie zum Reden drängen würde, auch wenn sie sich noch so sehr sorgte. Geduldig ließ sie ihr stets Zeit, Erlebnisse zu verarbeiten, bis sie bereit war, darüber zu sprechen.
   Antonia schluckte. Sie kam sich plötzlich gemein vor. Wie gern hätte sie Mutter jetzt alles erzählt, ihr das Herz ausgeschüttet, doch die Angst lähmte sie, verschloss ihre Lippen, ließ sie schweigen. Niemand durfte davon je erfahren. Niemand. Sie konnte nicht zulassen, dass die Menschen, die sie liebte, womöglich in Gefahr gerieten.
   »Toni, geht es dir wieder besser?«
   Antonia rieb sich die Augen und nickte.
   »Dann schlaf noch ein bisschen, mein Schatz«, sagte ihre Mutter, lächelte und deckte sie zu.
   Doch Antonia war viel zu aufgewühlt. Sie sah durch das Fenster in den dunklen, mit Sternen übersäten Himmel. Ob es dort oben wohl Welten gab, in denen weder Gewalt noch Kälte existierten, in denen alles fair zuging und niemand dem anderen das Leben zur Hölle machte? Sie unterdrückte die aufkommende Panik, als vor ihrem geistigen Auge erneut Bilder brutaler Gewalt aufstiegen, Bilder des Todes, die unbarmherziger nicht sein konnten. Antonia versuchte, sich auf das Ticken des Weckers zu konzentrieren, der neben ihr auf dem Nachtschrank stand, und auf den Himmel, an dem im Mondschein einige Wolkenfetzen vorbeizogen. Verzweifelt krallte sie sich in ihr Kopfkissen, unterdrückte die aufkommenden Tränen und atmete tief durch. Sie musste das alles vergessen. Niemand konnte ihr etwas antun. Der Mann kannte sie nicht. Sie brauchte keine Angst mehr zu haben. Es würde alles gut werden. Morgen war ein neuer Tag. Die Sommerferien begannen und sie würde Spaß mit ihren Freunden haben, mit Marie und ihren Eltern. Sie könnten ins Kino oder in die Disko gehen und zum Friseur sollte sie auch einmal wieder. Wenn sie ihre langen Haare abschneiden und färben ließ, würde der Mann sie sowieso nicht mehr erkennen können.
   Antonia seufzte und schloss die Augen. Vielleicht wäre es gut, die Ferien bei Oma und Opa an der See zu verbringen. Sie wäre erst einmal aus der Gefahrenzone heraus und vermutlich würde sogar Gras über die Sache wachsen.
   Kurz bevor Antonia nach langem Grübeln endlich in den Schlaf sank, zeigte sich der erste helle Streifen am Horizont. Auf der Straße begann das morgendliche, geschäftige Treiben. Ein Tag wie jeder andere, nur dass die Sommerferien das Leben im Ort ein wenig gemächlicher machten.

1

Susanne blickte nervös hoch, als sich die Tür öffnete und eine junge Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm hereinkam. Sie war genervt von all dem hier. Von der vielen Arbeit, den Überstunden und ihrem Chef. Jeden Abend kam sie später nach Hause. Dazu hatte sie keine Lust mehr. Nicht mehr lange, dann würde sie diesen Job hinschmeißen und sich etwas anderes suchen.
   »Bitte, ich zu Dr. Freisinger«, sagte die Frau in gebrochenem Deutsch.
   Susanne sah auf die Wanduhr und tippte, ohne einen Blick auf die junge Frau zu werfen, etwas in den Computer ein. Gleich würde sie Feierabend machen, ob noch Patienten kämen oder nicht. Die konnten sie alle mal. Das war ja hier das reinste Arbeitslager.
   »Bitte, ich zu Dr. Freisinger«, wiederholte die Frau.
   »Haben Sie einen Termin?«, fragte Susanne.
   Die Frau schwieg.
   »Wir haben jetzt keine Sprechstunde mehr«, sagte Susanne. »Kommen Sie morgen wieder.« Sie blickte auf den Bildschirm. »Morgen um elf Uhr dreißig hätte ich noch einen Termin.« Sie sah die Frau, die offensichtlich osteuropäischer Herkunft war, ungeduldig an. »Sagen Sie mir bitte Ihren Namen. Welches Anliegen haben Sie? Ich möchte für heute langsam Feierabend machen.«
   »Galina Sorokin. Ich aber heute noch zu Dr. Freisinger«, antwortete die Frau weinerlich und drückte das Kind an sich, das mit fiebrigem Gesicht in ihren Armen lag. »Bitte.«
   »Hören Sie, gehen Sie jetzt nach Hause und kommen Sie morgen wieder. Unsere Praxis ist für heute geschlossen.«
   »Aber mein Sohn sehr krank.«
   »Dann fahren Sie mit Ihrem Sohn ins Krankenhaus. Hier ist jedenfalls Schluss. Aus. Finito. Basta.« Susanne wusste, dass sie überreagierte, dass sie ihren Frust auf die Frau abwälzte, aber ihr war es egal. Sie hatte keine Lust mehr, hier noch länger als nötig zu sitzen. Sie hatte keine Lust mehr auf Patienten, die nach Praxisschluss noch eintrudelten. Es gab Notfallpraxen, wo die hingehen konnten.
   Susanne stand auf und stellte den Computer ab. Ihr Mann wartete, ihre Kinder warteten und sie hatte Hunger. Sie wollte endlich nach Hause.
   »Frau Dombrowski.« Dr. Freisinger stand plötzlich in der Tür und sah sie verärgert an. »Was zum Teufel ist hier los? Ich möchte nicht, dass in solch einem Ton mit meinen Patienten gesprochen wird, ist das klar?”
   Susanne zuckte zusammen. »Schon gut«, murmelte sie.
   Dr. Freisinger entschuldigte sich bei der jungen Frau und führte sie in das Sprechzimmer. »Gehen Sie nach Hause«, rief er Susanne zu. »Wir sprechen uns morgen.«
   Susanne sah ihrem Chef nach. Sie ärgerte sich darüber, dass manche Situationen sie so aus der Haut fahren ließen. Das war jetzt ziemlich blöd gelaufen. Sie sah schon die Generalpredigt vor sich. Der Doktor würde sicher mit hochrotem Kopf auf sie einreden und sie daran erinnern, dass sie bei ihm gutes Geld für ihre Arbeit als Sprechstundenhilfe verdiente. Sie arbeitete noch nicht lange in dieser Praxis, doch wusste sie bereits von einer Kollegin, dass er oft aggressiv reagierte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Am liebsten hätte sie sofort das Handtuch geworfen, doch sie brauchte den Lohn.
   Sie griff nach ihrer Handtasche und ging in Richtung Ausgang. Das Wimmern des Kleinkindes ließ sie innehalten. Sie blieb an der Tür des Behandlungszimmers stehen und horchte. Leider konnte sie kein einziges Wort verstehen, ihr Bauchgefühl sagte ihr aber deutlich, dass etwas nicht stimmte. Mit einem beklemmenden Gefühl verließ Susanne die Praxis an der Elbchaussee. Bevor sie in die Straße zu ihrer Bushaltestelle einbog, blickte sie zu der im 19. Jahrhundert erbauten Villa zurück. Hinter dem Fenster von Freisingers Büro wurde gerade die Jalousie heruntergelassen, obwohl es noch nicht dunkel war. Das Gefühl verstärkte sich augenblicklich, dass in dieser internistischen Arztpraxis etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Diesen Gedanken hatte sie schon häufiger gehabt.
   Durch ihren Körper rieselte ein Kribbeln. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie nahm sich vor, zukünftig besonders wachsam die Augen aufzuhalten, ihrem Chef mehr auf die Finger zu gucken und ihre Kollegin zu befragen. Gewiss würde sie herausfinden, was hier nicht stimmte.

*

In der Diskothek an der Willi-Brandt-Straße drängten sich Jugendliche. Das Aufblitzen des Stroboskops verzerrte den Blick auf die Tanzenden und ließ sie als zuckende, bizarre Gestalten erscheinen. Ben steuerte auf den Tresen zu, setzte sich auf einen Barhocker und bestellte ein Bier. Am liebsten wäre er nicht hergekommen, doch er musste unbedingt mit Keule sprechen. Keule kam immer am Freitagabend hierher. Der volle Laden versprach ihm gute Geschäfte und neue Kontakte.
   Ben sah sich genervt um.
   Heute konnte er die dröhnende Musik und das laute Gebrabbel der vielen Menschen noch weniger ertragen als sonst. Dazu kam, dass Zacke und er heute kläglich versagt hatten. Keule würde ausflippen, sobald er das hörte. Der Gedanke daran bedrückte Ben und ließ Wut in ihm hochsteigen, die er kaum noch unter Kontrolle halten konnte. Er presste die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte er alles kurz und klein geschlagen.
   Als Keule endlich auf der Bildfläche erschien, war es bereits weit nach Mitternacht. Sein Lächeln gefror zu einer starren Maske, als er Ben erblickte.
   »Was willst du denn hier?«, sagte er verärgert und setzte sich neben Ben an die Theke. »Wir hatten abgemacht, dass du dich hier erst mal nicht mehr sehen lassen sollst.«
   »Ich weiß. Ein Notfall ist eingetreten, Keule.«
   »Was ist passiert?«
   »Es gibt eine Zeugin.«
   Keules Gesicht lief rot an. »Das heißt?«
   »Wir wurden beobachtet, als wir … Sie hat …«
   Keule sog scharf Luft ein. »Ich hoffe, ihr habt das Problem aus der Welt geschafft.«
   »Sie ist uns entwischt. Wir haben schon überall nach ihr gesucht.«
   »Sag mal, wie blöde seid ihr eigentlich? Ihr seid doch Profis, verdammt!« In Keules Augen funkelte Zorn. »Findet sie, Ben! Sie ist eine Gefahr für uns alle.«
   »Keule, sie wird schon nichts sagen. Sie ist ein Mädchen, vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre alt. Die hat viel zu viel Schiss, irgendwas auszuplaudern.«
   Keule packte ihn wütend am Kragen. »Es ist mir scheißegal, wie alt diese Göre ist, Ben. Findet dieses Mädchen und sorgt dafür, dass sie schweigt, sonst werdet ihr mich verdammt noch mal kennenlernen!« Er stieß Ben abrupt von sich und ging.
   Ben starrte ihm nach. Schweißtropfen rannen seinen Rücken hinunter. »Scheiße.« Er stampfte mit dem Fuß auf. Was hatte er denn erwartet? Dass Keule Verständnis dafür haben würde?
   Ben trank sein Bier in einem Zug aus, zahlte und verließ eilig das Lokal. Er rannte die Straße hinunter, um sich abzureagieren. Vorbei an Kneipen und Restaurants, vorbei an Geschäften mit edlen Auslagen und vorbei an Häusern, die völlig im Dunkeln lagen. Ben kam erst wieder zum Stehen, als er außer Atem war. Er ließ sich auf der Bank einer Bushaltestelle nieder und rang nach Luft. Die plötzliche Stille und die kühle Nachtluft waren für ihn wie eine tröstende Umarmung. Er mochte diese Nächte, die so ruhig waren, dass man nur die eigenen Schritte hören konnte. Nächte, mit einem Windhauch, der einer zarten Berührung glich. Nächte, deren Himmel so klar war, dass man nur die Hand auszustrecken brauchte, um einen der zahlreichen Sterne zu erreichen. Er seufzte. Keule hatte recht. Sie mussten dieses Mädchen finden, sonst war es bald endgültig aus mit den nächtlichen Spaziergängen unter freiem Himmel und all dem Luxus, den Keule ihm ermöglichte.
   Er sah zum Sternenzelt hinauf. Der Mond erschien ihm heute Nacht wie ein Hirte, der all seine Schäfchen um sich herum versammelt hatte wie eine Familie.
   Familie … Ben schluckte. Keule und die anderen waren für ihn wie eine Familie. Er hatte keine andere und konnte es nicht riskieren, diese zu verlieren. Was blieb ihm dann noch?

2

Antonias Herz machte einen Satz, als ihr Blick auf die Schlagzeile der Tageszeitung fiel. Mit zitternden Händen las sie den Bericht und betrachtete das danebenstehende Foto des freundlich lächelnden Mannes. Die Beklommenheit, die sich in ihr ausbreitete, ließ sich nicht vertreiben. Der unbekannte Mann, der vor zwei Wochen im Stadtpark einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, konnte identifiziert werden. Es handelte sich um einen jungen Belgier. Vor Antonias geistigem Auge schob sich das Gesicht dieses Mannes. Dunkle Augen voller Panik, der Mund zum Schrei geöffnet, als das Messer in der Hand des Mörders aufblitzte, der auf ihn einstach.
   Antonia schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Die beiden Männer hatten kein Erbarmen mit ihm gehabt. Es war eine Hinrichtung gewesen.
   Sie stand vom Frühstückstisch auf und lief in der Küche hin und her, als könnte sie dadurch den schrecklichen Erinnerungen entfliehen. Dieser Belgier. Er kam ihr bekannt vor. Sie war sich sicher, ihn schon einmal gesehen zu haben. Wahrscheinlich war das in der Stadt gewesen. Wieso konnte sie sich nicht erinnern?
   Antonia blieb stehen, sah durch die Gardine nach draußen und dachte nach. Plötzlich fiel es ihr wieder ein. Dieser Mann hatte sie einen Tag vor dem grausamen Verbrechen auf der Straße angerempelt. Er hatte gehetzt und irgendwie nervös ausgesehen. Ohne Entschuldigung war er einfach weitergerannt. Sie hatte ihm noch verwundert nachgeblickt.
   Antonia presste die Lippen aufeinander. Vielleicht waren die Mörder da schon hinter ihm her gewesen. Warum? Sie schlang zitternd ihre Finger umeinander. Das viele Blut, der aufgerissene Mund … Längst verdrängte Bilder stiegen in ihr hoch, liefen ab wie ein Film, den man nicht stoppen konnte. Antonia atmete tief durch, versuchte, sich zu beruhigen. Sie begann, den Tisch abzudecken, ohne etwas von den Lebensmitteln angerührt zu haben, die ihre Eltern ihr noch liebevoll hingestellt hatten, bevor diese zur Arbeit aufgebrochen waren. »Wir wünschen dir einen schönen Tag, Süße«, stand auf einem Kärtchen neben ihrem Teller. Antonia nahm es, hielt es einen Augenblick fest und drückte es liebevoll an die Wange. »Ach, Mama, Papa«, sagte sie leise. »Was soll ich bloß tun? Gehe ich zur Polizei, bringe ich euch in Gefahr.« Verzweifelt lief sie von einer Ecke des Raums zur anderen. Die Männer hatten sie gesehen. Sie hatten grob nach ihr gegriffen, sie festgehalten und ihr wehgetan. Nur mit letzter Kraft hatte sie sich befreien können. Fast hätte auch sie ihr Leben verloren …
   Antonia blieb stehen und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Sie würden es wieder versuchen. Was war, wenn die Mörder schon herausbekommen hatten, wer sie war und wo sie wohnte? Vielleicht lauerten sie schon vor der Haustür, bereit zuzuschlagen.
   Das Grausen, das plötzlich in ihr hochkroch, glich einem Schmerz, der sich in jede Zelle bohrte und den Körper lähmte. O nein, bitte nicht. Tränen rannen ihr über die Wangen, tropften auf ihren Pullover. Mutlos glitten ihre Hände über die bunte Textiltapete. Fröhliche Gesichter blickten sie aus hölzernen Bilderrahmen an, aus einer Welt, die bis vor Kurzem noch heil gewesen war. Diese Welt gab es nicht mehr. Sie war in dem Moment zerbrochen, als sie in das Gesicht des Mörders geblickt hatte, in seine hasserfüllten wasserblauen Augen. Innerlich zersplittert, als sich seine Worte wie eine Tätowierung in ihr Herz verewigt hatten: »Du entkommst uns nicht. Wir werden dich kriegen. Dich und deine Familie. Ein Wort und du bist tot.«
   Antonia war gerannt wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Die Schritte der Männer auf dem Asphalt waren von den Häuserwänden widergehallt, als sie durch die kleinen Gassen geflüchtet war. Sie hatte sich hinter einem Müllcontainer versteckt und war erst wieder aus ihrem Schlupfwinkel herausgekrochen, als die Dämmerung hereingebrochen und alles ruhig war. Ihren Eltern hatte sie erzählt, bei einer Freundin gewesen zu sein. Antonia schämte sich dieser Lüge, doch ihr blieb keine Wahl.

*

Eine Maus lief durchs Zimmer und verschwand unter einem Schrank. Ben sah ihr nach. Sein Blick blieb gedankenverloren an der Kante der alten Kommode hängen. Ein bisschen fühlte er sich auch wie eine Maus. Klein und unscheinbar, ungeliebt und immer auf der Hut. Ein Stöhnen entwich seiner Kehle. Was war bloß aus ihm geworden, aus seinem Leben? Schmerzhaft zog sich sein Herz zusammen, als er an seine kleine Schwester dachte. Wie ein Engel hatte Lena mit ihrer blonden Lockenpracht ausgesehen. Ein kleiner Wirbelwind war sie gewesen, der das Lachen liebte und jeden in seinen Bann zog. So unbedarft und fröhlich. Ben stand auf, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und blickte aus dem Fenster in die Dunkelheit. »Scheiß Leben«, murmelte er und sah seinen betrunkenen Vater wieder vor sich, der brutal auf die Mutter eindrosch.
   Überall war Blut gewesen. Lena hatte vor Panik geschrien und versucht, ihren Vater von der am Boden liegenden Mutter wegzuziehen. Die Faust des Vaters hatte sie dann so hart an der Schläfe getroffen, dass sie die steinerne Treppe zum Keller hinuntergestürzt war. Sie war sofort tot gewesen …
   Ben konnte mit alldem nicht umgehen. Die Bilder seiner vor der Kellertür liegenden Schwester hatten sich unbarmherzig in sein Hirn gebrannt. Ihre verdrehten Glieder, die blutende Platzwunde am Kopf, die kleinen Füße, die er immer durchs Haus tapsen gehört hatte. Der Schrei seiner Mutter und ihr fassungsloser Blick. Dieser ausdruckslos kalte Gesichtsausdruck seines Vaters, der nicht einmal auf Lenas Beerdigung Gefühle gezeigt hatte, der die Mutter weiterhin brutal geprügelt hatte, bis diese ihre Sachen gepackt und abgehauen war, ohne ihren Sohn mitzunehmen. Ben hatte sich furchtbar allein gefühlt. Aus Angst vor den Schlägen seines Vaters hatte er sich zurückgezogen, sich nicht getraut, ihm unter die Augen zu treten. Sie hatten nebeneinander hergelebt. Es war, als hätte er überhaupt keinen Sohn gezeugt. So hatte sich der Hass auf seinen Vater unermüdlich in seine Seele gegraben, bis Ben nicht mehr anders konnte, als diesem eines Nachts aufzulauern und mit einem Küchenmesser auf ihn einzustechen. Vater hatte sich an die Brust gefasst und ihn mit einem ungläubigen Ausdruck in den Augen angesehen. Dann war er zusammengebrochen und lag leblos in einem Rinnsal aus Blut. Ben hatte nichts bei diesem Anblick empfunden. Keine Trauer, keine Befriedigung, keinen Schmerz. Er hatte einfach nur dagestanden, als hätte er damit gar nichts zu tun gehabt.
   Der Tod hatte nicht nur seinen Vater und seine kleine Schwester aus dem Leben gerissen, sondern auch fast jegliches Mitgefühl aus seinem Herzen. Zwölf war er damals gewesen, ein Jugendlicher ohne Ziel und Zuversicht, ein Kind ohne Familie. In dieser ausweglos erscheinenden Situation war er Keule direkt in die Arme gelaufen.
   Ben trank sein Bier wieder in einem Zug aus. Verdammte Scheiße. So ein verfluchtes Leben. Er war zu einem Mörder geworden, zu einem Handlanger des Teufels. Jetzt war da auch noch dieses Mädchen. Warum musste ausgerechnet sie ihm in die Quere kommen? Sie machte sein Leben noch kaputter, als es ohnehin schon war. Wenn die sang, würde er den Rest seines Lebens im Knast verbringen. Er musste tun, was Keule von ihm verlangte, sonst war er vielleicht schon bald ein toter Mann. Ben schleuderte die leere Plastikflasche in die Ecke des Zimmers und verließ die Wohnung, um frische Luft zu schnappen. Keule hatte recht, er musste dieses Mädchen finden. Sie war eine Gefahr für alle.

*

Eine Stunde früher als sonst und mit gemischten Gefühlen, schloss Susanne die Tür zu den Praxisräumen auf. Sie hängte ihre Jacke an die Garderobe und fuhr den Computer hoch. Die halbe Nacht hatte sie wachgelegen. Immer wieder waren ihre Gedanken zu dieser Patientin und Dr. Freisinger gewandert. Irgendetwas war hier faul und sie würde herausfinden, was es war. Was hatte es mit dieser Patientin auf sich? Sie musste unbedingt wissen, wer sie war und warum sie ausgerechnet noch nach Feierabend zu Dr. Freisinger wollte. Vergangene Nacht war ihr in den Sinn gekommen, dass sie öfter schon Leute mit ihren Kindern vor der Praxis gesehen hatte. Sie hatten vor dem Haus gestanden und ihr nachgeblickt, bis sie ins Auto gestiegen und davongefahren war. Das konnten keine Zufälle gewesen sein. Ihre Kollegin Birgit hatte schon mal Mütter erwähnt, die abends noch aufgetaucht waren, und letzte Woche, kurz vor Praxisschluss, sollen Leute hereingekommen sein, die dringend mit Dr. Freisinger sprechen wollten. Komische, unheimliche Leute sollen das gewesen sein. Der Chef hatte Birgit daraufhin nach Hause geschickt und ihr einen schönen Feierabend gewünscht.
   Mit Unbehagen im Nacken ging Susanne die Patientendaten durch. Wieso gab es hier keine Galina Sorokin? Hatte die Frau nicht gesagt, dass sie so hieß? Sie durchforstete die Dateien der anderen Patienten. Wer war Mikel Dunluck? Zugriff verweigert. »Mist.« Nervös sah sie auf die Uhr. Sie musste sich beeilen. Was hatte es mit dem Ordner »Afrika« auf sich? Zugriff verweigert. Das Adrenalin in ihrem Körper machte sich bemerkbar. Klar war hier etwas faul. Eindeutig. Susanne stand auf und lief zu Dr. Freisingers Büro hinüber. Sie horchte nach Geräuschen, bevor sie die Tür leise öffnete und hineinging. Der große antike Schreibtisch war aufgeräumt und glänzte staubfrei im morgendlichen Sonnenlicht. Der edle Montblanc Füller, mit dem Dr. Freisinger immer unterschrieb, lag in der hölzernen Stiftablage neben dem Foto einer braunhäutigen Frau. Fachzeitschriften lagen am rechten Schreibtischrand sorgfältig aufeinandergestapelt. Ästhetische Dermatologie, Forum der Psychoanalyse, Angewandte Schmerztherapie. Die Wandregale waren vollgestopft mit medizinischen Fachbüchern. Management im Gesundheitswesen, Simulation in der Medizin, Medizinrecht. Dekorationsstücke mit afrikanischem Einschlag standen neben seiner Kakteensammlung auf der Fensterbank. Zwei aus Holz geschnitzte Giraffen, ein Aschenbecher aus Elfenbein mit merkwürdig aussehenden Ornamenten. An der Wand hing ein gerahmter Druck von Nolde, eine Südseelandschaft. Susanne registrierte jede Kleinigkeit in diesem Zimmer. Sie zog an den Schubladen. Abgeschlossen. Schade. Da, auf dem schwarzen, schweren Ledersessel in der Ecke lag sein Laptop. Den nahm er eigentlich immer mit nach Hause, wenn er ging. Warum nicht gestern? In Susanne kribbelte alles. Wenn sie jetzt nicht guckte, was drauf war, würde die Gelegenheit womöglich nie wiederkommen. Sie nahm den Computer an sich, stellte ihn auf den kleinen Glastisch und klappte den Deckel auf. Sie musste es wissen. Jetzt. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Wenn mit Dr. Freisinger wirklich etwas nicht stimmte, konnte sie die Lösung nur hier finden. Sie stellte das Notebook an. Aufgeregt starrte Susanne auf den Bildschirm. Schneller. Passwort eingeben. Mist. Das hätte sie sich auch denken können. Sie probierte mehrere Wörter aus. Nichts. Ihre Gedanken überschlugen sich. Passwort, Passwort … Verdammt noch mal, welches Passwort konnte dieser Mann genommen haben? Susanne blickte sich noch einmal im Zimmer um. Der Aston Martin auf dem Bord, das Modellauto von 007. War Dr. Freisinger nicht auch ein James Bond-Fan? Schnell tippte sie die Buchstaben in den Computer. Aston Martin. Zugriff verweigert. James Bond. Zugriff verweigert. Sie überlegte krampfhaft, während sie ihren Blick im Zimmer herumschweifen ließ. Erst, als die hölzernen Giraffen am Fenster und das Foto der dunkelhäutigen Frau ihre Aufmerksamkeit erweckten, kam sie auf die Idee, die beiden Hobbys zu verbinden. Sie gab Afrika007 in den Rechner ein. Der Bildschirm öffnete sich und mehrere Dateien kamen zum Vorschein. »Bingo«, flüsterte sie erfreut. »Jetzt bist du fällig.« Erschrocken fuhr Susanne herum, als sie plötzlich hinter sich die Tür knarren hörte.
   »Frau Dombrowski, was machen Sie hier in meinem Büro und was haben Sie an meinem Laptop zu suchen?« Dr. Freisinger stand in der Tür und blickte sie an. Sein Gesicht war rot angelaufen, die Lippen zuckten unruhig in den Mundwinkeln und die Hände waren zu Fäusten geballt.
   Susanne sah ihn an und sprang auf. »Ich wollte bloß …«
   »Was wollten Sie bloß?« Er kam näher. »Hier herumschnüffeln?«
   »Tut mir leid, ich …«
   »Sie waren neugierig, arbeitseifrig oder was?«
   Susanne nickte. »Ich wollte doch nur meine Arbeit machen«, antwortete sie. »Die Patientenakte von der Frau, die gestern Abend noch da war, habe ich gesucht.«
   »Auf meinem Laptop?«
   »Ja, ich dachte, da könnte ich die finden.«
   Er sah auf den Bildschirm. Die Dateien lagen ausgebreitet auf dem Hintergrundbild des Desktops, das die Wellen eines Meeres zeigte.
   »Und da knacken Sie einfach so mein Passwort? Finden Sie das nicht etwas zu eifrig?«
   »Es tut mir leid«, sagte die Arzthelferin leise und ging langsam auf die Tür zu. »Ich weiß auch nicht, was über mich kam. Bitte entschuldigen Sie, es wird nicht wieder vorkommen.«
   Susanne schrie auf, als Dr. Freisinger plötzlich nach ihren Arm griff und sie zu sich heranzog. »Sie packen jetzt sofort Ihre Sachen und verschwinden von hier«, sagte er. »Niemand schnüffelt hier in meinen Sachen herum, auch meine Arzthelferin nicht. Und lassen Sie den Schlüssel da. Ich will Sie hier nie mehr wiedersehen, verstanden?«
   »Sie tun mir weh«, sagte Susanne. »Lassen Sie mich los.«
   Er zog sie dichter zu sich heran. »Ich werde Ihnen noch viel mehr wehtun, wenn Sie es wagen sollten, etwas über diese Praxis auszuplaudern«, sagte er drohend.
   »Nein, das werde ich auch nicht, ich schwöre es.«
   Er stieß sie so unsanft von sich, dass sie fast gestürzt wäre.
   Sie nahm ihre Tasche, riss ihre Jacke vom Haken und floh aus der Arztpraxis.

3


Der Zug setzte sich in Bewegung. Antonia sah aus dem Fenster und winkte ihren Eltern ein letztes Mal zu. Sie presste ihre Lippen aufeinander, um nicht loszuheulen. Ihre Eltern sahen auf dem Bahnsteig zwischen all den vielen Reisenden verloren aus, irgendwie verhärmt. Sie lächelten ihr zu, doch Antonia sah die Melancholie in ihren Augen, sah, wie sie Arm in Arm die Rolltreppe zum Bahnhofsplatz hinauffuhren, wo Kaufleute in kleinen Geschäften ihre Waren anpriesen und Gastronomen Speisen und Getränke verkauften. Wehmut zog durch Antonias Gemüt, eine Leere, die sie so nicht kannte. Am liebsten hätte sie die Notbremse gezogen und wäre ihren Eltern hinterhergelaufen. Sicherlich lag es einfach nur daran, dass sie heute zum ersten Mal ohne ihre Eltern verreiste, ganz allein. Antonia verdrängte die Traurigkeit und zog ein Buch aus der Tasche, in dem sie die vergangenen Tage schon gelesen hatte. »Amerika liegt im Osten«. Sie blickte auf den bunten Einband. Amerika … Dieser Kontinent war so weit weg, dagegen lag Sylt quasi um die Ecke. Antonia nahm sich vor, ihre Eltern zu benachrichtigen, sobald sie bei den Großeltern eintraf. Erst in fünfeinhalb Wochen würde sie nach Hamburg zurückfahren.
   Du entkommst uns nicht. Gedanken flammten plötzlich in ihr auf wie ein zündendes Streichholz. Drohende Worte umkreisten sie erbarmungslos. Ein Wort und du bist tot. Bilder von Tod und Verderben drängten sich ihr auf, Bilder von Blutlachen und aufgerissenen Augen.
   Antonia versuchte, sich gegen die heranrollende Furcht aufzulehnen, sie beiseitezuschieben und wegzusperren. Sie schlug ihr Buch auf und begann, zu lesen. Nie wieder wollte sie an diese Sache denken. Das gehörte der Vergangenheit an.
   Mit jedem Kilometer, den der Zug zurücklegte, ging es Antonia besser. Die schwere Last, die auf ihr gelegen hatte, fiel von ihren Schultern, ähnlich einer Mauer, die plötzlich zu bröckeln begann und in sich zusammenfiel. Antonia konnte endlich wieder durchatmen und Freude empfinden, die sie so lange nicht gespürt hatte. Es war, als würde sie der Angst vor dem furchtbaren Erlebnis, vor den Verbrechern, die ihr gedroht hatten, davonfahren. Sie klappte das Buch zu, legte ihre Stirn an die kühle Fensterscheibe und sah hinaus. Eine sich ständig wechselnde Landschaft zog an ihr vorüber. Wie die Karusselllampe, die sie als Kind auf ihrem Nachtschrank stehen hatte und an Wiesen und Bächen vorbeikrabbelnde Käfer suggerierte. Antonia musste über den Vergleich lächeln. Marie hatte damals die gleiche Lampe gehabt. Der Gedanke an ihre beste Freundin bedrückte sie, weil sie dieses schreckliche Ereignis vor ihr verbergen musste, ihr nichts davon erzählen durfte. Marie hatte sie enttäuscht angesehen, als sie ihr mitgeteilt hatte, dass sie die ganzen Ferien bei ihren Großeltern auf dem Land verbringen würde. Sie konnte nicht verstehen, wie man freiwillig seine Ferien in einem Fünfhundert-Seelen-Dorf an der Nordsee verbringen konnte, wo doch in der Stadt das Leben tobte und sie sich schon jede Menge Pläne für gemeinsame Aktivitäten ausgedacht hatten. Antonia erklärte ihr daraufhin, dass sich ihre Großeltern darauf freuten, endlich einmal wieder ihr einziges Enkelkind bei sich zu haben. Marie schmollte deswegen zwar noch eine ganze Weile, akzeptierte es aber schließlich doch. Gestern Abend hatten sie dann noch lange miteinander telefoniert. Marie hatte ihr einen schönen Urlaub gewünscht und sie wissen lassen, dass sie darüber nachdenken würde, sie bei ihren Großeltern zu besuchen. Wie früher, als sie noch Kinder waren. Antonia grinste. Sie beide zusammen an der See, als unschlagbares Hamburger Team Petersen und Bentani, das wäre schön. Eigentlich war es überhaupt schön, sich einmal wieder von Oma und Opa verwöhnen zu lassen. Lange war sie nicht mehr dort gewesen, dabei hatte sie sich bei ihnen stets geborgen gefühlt. Eine unbändige Freude flammte in ihr auf. Es war gut und richtig, dass sie dort hinfuhr. Alles würde gut werden. Bis zum Ende der Ferien würde die Polizei diese Gangster längst geschnappt haben. Sie würden dann hinter Gittern sitzen und konnten ihr keine Angst mehr einjagen. Ja, genauso würde es sein. Antonia legte ihre Füße auf die gegenüberliegende Sitzbank und warf einen Blick auf das Zifferblatt ihrer Armbanduhr. In vier Stunden würden ihre Großeltern sie vom Bahnhof abholen. Dann war sie in Sicherheit.

*

Anna fuhr mit Luigi vom Bahnhof direkt zu ihrem erst vor wenigen Wochen neu eröffneten Restaurant. Im vergangenen Jahr hatte sie mit Luigi das prachtvolle Haus im Herzen der Innenstadt gekauft und von Grund auf restauriert. Anna fragte sich, ob es richtig gewesen war, Antonia allein zu den Großeltern reisen zu lassen. Vielleicht hätte sie ihre Tochter doch lieber zuhause lassen sollen, denn eindeutig bedrückte sie etwas, über das sie momentan nicht sprechen mochte. Das sonst fröhliche Mädchen war in sich gekehrt und ging kaum noch aus dem Haus. Was war geschehen, dass sie fast jede Nacht von Albträumen geplagt wurde? Warum war sie plötzlich derart unzugänglich und ließ niemanden an sich heran? Sie hatten doch sonst über alles reden können. Anna kam sich vor wie eine Rabenmutter. Am liebsten hätte sie Antonia sofort zurückgeholt. Luigi versuchte sie, zu trösten. »Lass ihr Zeit. Sie weiß, dass wir sie lieben und immer für sie da sind«, sagte er. »Mach dir keine Sorgen, bei deinen Eltern ist sie bestens aufgehoben.«
   Anna nickte. Luigi hatte recht. Die Luftveränderung würde Antonia gut tun. Sie liebte ihre Großeltern und wusste, dass diese in der Not für sie da waren.
   Luigi schrieb neue Speisekarten mit den Spezialitäten des Tages, erledigte Telefonate und traf Vorbereitungen in der Küche. Anna machte sich daran, Tische einzudecken und mit frischen Blumen zu dekorieren. Die Arbeit lenkte sie von den Sorgen ab. Als die ersten Gäste im Restaurant erschienen, um zu speisen oder um sich bei einem Glas Wein vom stressigen Alltag zu erholen, rückten die traurigen Gedanken in den Hintergrund.
   Ihre als exzellent bezeichnete Küche hatte sich schnell in der ganzen Stadt herumgesprochen. Auch heute füllte sich das Restaurant wieder bis auf den letzten Platz. Viele Gäste suchten an diesem lauen Sommerabend den hübschen Innenhof auf, der mit rankendem Efeu, Hopfen und Geißblatt, mit wildem Wein und bunten Blumen bewachsen war. Modernes gemütliches Mobiliar, Lichterketten, die in der Dunkelheit wie Sterne funkelten, und gläserne Windlichter schufen ein kleines verträumtes Paradies, auf das Luigi und sie besonders stolz waren.
   Die Atmosphäre im Restaurant war heute heiter und ausgelassen. Ein Jubilar feierte mit Freunden seinen fünfzigsten Geburtstag und steckte alle mit seiner Fröhlichkeit an. Liebespaare, die Händchen haltend miteinander flirteten, Familien, die mit ihren heranwachsenden Kindern ein gemeinsames Abendessen einnahmen. Es war ein harmonisches Miteinander, ein buntes Treiben, als könnte es auf der Welt nichts Böses geben.
   Annas Blick fiel auf den Mann, der seit Tagen immer denselben Tisch belegte. Er saß unauffällig zwischen einer Palme und einem Rosenstock vor seiner Weinschorle und beobachtete mit wachsamen Augen das Geschehen. Anna vermochte nicht zu sagen, warum, doch dieser Mann war ihr unheimlich. Möglicherweise waren es seine kalten Blicke, die sich an sie hefteten, bei allem, was sie tat. Oder die arrogante Art, mit der er sich hier positionierte. Am liebsten hätte sie ihn gebeten, sofort zu gehen und nie wieder herzukommen. Luigi empfand offenbar nicht so. »Womöglich ist er nur ein einsamer Mensch, der es nicht gewöhnt ist, auszugehen.« Doch Annas Gefühl vermittelte ihr ganz deutlich, dass mit diesem Typen etwas nicht stimmte. Während einsame Menschen Unsicherheit ausstrahlten, vielleicht auch Zurückhaltung und Traurigkeit, lagen in seinen Augen Hass und Boshaftigkeit. Anna spürte sogar seine Gewaltbereitschaft und die verursachte ihr ein schlechtes Gefühl. Sie nahm sich vor, diesen Mann zukünftig nicht mehr in ihr Lokal zu lassen. Sie wollte ihn hier nie wieder sehen.

*

Susanne lief durch die Straßen. Sie sah nur noch verschwommen, wischte sich immer wieder über die feuchten Augen, doch sie verschmierte die Wimperntusche nur noch mehr, die sich vermutlich wie dunkle Bäche auf ihren Wangen abzeichnete. Susanne war mit ihren Nerven am Ende. Sie war wütend auf sich selbst, auf das, was sie sich einmal wieder geleistet hatte. Warum nur witterte sie in allem und jedem nur Böses? Warum konnte sie sich nie zurückhalten? Wieder einmal hatte sie es übertrieben. Wie eine Möchtegerndetektivin hatte sie in den Räumen ihres Chefs herumgeschnüffelt, sich Zugang zu seiner Privatsphäre verschafft, die sie absolut nichts anging. Sie musste kichern. Miss Marple in Hamburg auf Spurensuche. Welch eine Leistung. Susanne ging an ihrer Bushaltestelle vorbei, von der sie sonst immer die Fahrt nach Hause antrat. Heute hatte sie keine Lust auf voll besetzte Busse, auf riechende und verdrießlich dreinblickende Menschen. Sie hatte keine Lust auf das Gebrabbel der Leute, nicht auf das Geschaukel des Busses und auch nicht auf die sonore Stimme vom Band, die die einzelnen Haltestellen der Linie ansagte. Um zur Ruhe zu kommen, brauchte sie jetzt dringend Luft und Bewegung. Nach Hause wollte sie jetzt auch nicht gehen. Ihre Mutter, die oben im Haus wohnte, achtete während ihrer Abwesenheit auf die Kinder und würde Fragen stellen, warum sie jetzt schon käme. Ihre beiden Töchter würden sie sofort bestürmen, damit sie mit ihnen spielte. Dafür hatte sie jetzt wirklich keinen Kopf. Sie musste erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte. Nachdem sie ihren Mann im Büro angerufen und ihr Herz bei ihm ausgeschüttet hatte, rannte sie kreuz und quer durch die Straßen, bis sie schließlich den kleinen Park oberhalb des Elbufers erreichte. Sie setzte sich schweißgebadet auf eine Bank und blickte auf den Strom, der in seinem Bett ruhig und gemächlich dahinfloss. Die vertrauten Geräusche, die von der Werft und dem Containerterminal herüberschallten und die vorbeifahrenden Schiffe beruhigten ihr Gemüt und klärten ihren Blick für das Wesentliche. Susanne kam nicht davon ab, dass Dr. Freisinger Dreck am Stecken hatte. Sein Handeln, sein Benehmen und die Art, wie er sich gab, festigte dieses Gefühl immer mehr, es brannte sich ein und ließ ihr Kopfkino aufflimmern. Sie wollte zur Polizei gehen und von ihrem Erlebnis erzählen, von ihrem Gefühl, dass bei diesem Arzt etwas faul war, doch würde man ihr glauben? Sie hatte keinen Beweis dafür. Vermutlich würde Dr. Freisinger Anzeige gegen sie erstatten, und dann würde Aussage gegen Aussage stehen. Susanne sah einem Falken nach, der hoch über den Bäumen kreiste. Frei wie ein Vogel. Das war sie jetzt auch. Sie sollte vielleicht einfach alles auf sich beruhen lassen. Womöglich stach sie mit ihrer ausgeprägten Neugier und ihrem Gerechtigkeitswahn in ein Wespennest und handelte sich damit mächtigen Ärger ein. Sie schüttelte seufzend den Kopf. Scheiß auf Dr. Freisinger. Sollte er doch machen, was er wollte. Eigentlich sollte sie sich freuen, da endlich weg zu sein, von einem Chef, der seine Angestellten ständig schikanierte. Sie musste lächeln. Der Falke verschwand hinter einem Baum. Ein neuer Tag, ein neues Leben. Gute Arzthelferinnen werden immer gebraucht. Gleich morgen würde sie mit dem Schreiben der Bewerbungen beginnen.
   Es dämmerte bereits, als Susanne sich auf den Weg nach Hause machte. Sie lief die Stufen zum Elbufer hinab, bestieg eine der Hafenfähren und nahm dann von den Landungsbrücken aus die U-Bahn.
   Fast zu Hause angekommen hörte sie Schritte hinter sich. Warum ihr bei diesem Klang plötzlich eine Gänsehaut über den Rücken lief, vermochte sie nicht zu sagen, doch sie spürte deutlich die Gefahr, die von diesem Geräusch ausging. Jemand verfolgte sie. Eindeutig. Susanne lief schneller. Gleich war sie zu Hause. Das Geräusch schwerer Stiefel ließ sich nicht abhängen, es kam näher und näher und hallte unheimlich von den Häuserwänden wider. Wer war das? Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Der Schweiß brach ihr aus und das Entsetzen begann sie zu lähmen. Warum schrie sie jetzt nicht und brachte ihn damit aus der Fassung? Sie umklammerte den Griff ihrer Tasche. Der Eingang war schon in Sichtweite. Gleich hatte sie es geschafft.
   Sie hielt inne. Die plötzliche Stille verunsicherte sie noch mehr. Das Klopfen der Absätze auf dem Asphalt war verschwunden. Susanne drehte sich um. Niemand war zu sehen. Die Straße lag ruhig im Schein der Laternen. Sie atmete auf. Wahrscheinlich hatte nur jemand denselben Weg gehabt und war jetzt in eines der Häuser verschwunden. Sie war heute überaus empfindlich. Kein Wunder, bei einem solchen Tag. Vor der Haustür blieb sie stehen, um den Schlüssel aus der Tasche herauszuholen. Sie zuckte zusammen. Da waren sie wieder, die Schritte. Ganz dicht hinter ihr.
   Plötzlich packte sie jemand und riss sie zu Boden. Sie schrie auf. Die Hände eines Mannes legten sich um ihren Hals und drückten zu. Verzweifelt strampelte sie mit den Beinen, versuchte, sich zu befreien, ihm die Finger in die Augen zu stechen. Ihre Fingernägel bohrten sich in seine Wangenhaut und hinterließen blutige Streifen. Sie trat mit den Füßen nach ihm, traf ihn direkt zwischen den Beinen. Vor Schmerz schrie er auf und ließ von ihr ab. Susanne krabbelte von ihm weg und stand auf. Sie rang nach Luft. Wütend schleuderte sie ihm die Tasche an den Kopf und schrie um Hilfe. Sie rannte zur Haustür hinüber und fuhr wahllos mit den Fingern über sämtliche Klingelknöpfe. Doch er packte sie erneut und bedrohte sie mit einem Messer. Ihr Körper erstarrte, aber ihr Herz pochte, als würde es jeden Moment aus der Brust springen.
   »Es ist kein Platz für Schnüffler auf dieser Welt, du Schlampe«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr. »Hörst du? Deine letzte Stunde hat geschlagen. So was wie dich braucht die Welt nicht.«
   »Was wollen Sie von mir? Bitte. Bitte lassen Sie mich gehen.«
   Sein heiseres Lachen erklang dicht an ihrem Ohr. Nicht nur die Panik, sondern auch der Geruch von Alkohol und Zigarettenrauch ließ Susanne würgen. Sie hörte eine Haustür klappen, gefolgt von dem Schall herbeieilender Sohlen auf dem Asphalt.
   »He, was tun Sie da? Lassen Sie sofort die Frau los.«
   Susanne schrie auf, als sie einen unfassbaren Schmerz in ihrer rechten Schulter verspürte. Sie merkte, wie ihre Knie weich wurden und nachgaben. Lichtpunkte tanzten vor ihren Augen, wie ein Schwarm Glühwürmchen, die vor einer Hecke miteinander spielten. So fühlte es sich also an, wenn man stirbt. Eine undurchdringliche Schwärze deckte sie zu.

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