Als die Concorde über dem Atlantik in Richtung London düst, ahnt Werbefilmprofi Peter Mondale bereits, warum Hollywoodproduzent Sam de Luca ausgerechnet ihn zur Fertigstellung eines bereits begonnenen Actionfilms überreden will. Immerhin geht es um einen ziemlich verrückten und bisher streng geheimen Sturm der Mauer durch die Berliner und die U.S.-Berlin-Brigade. Angeblich sind der ursprüngliche Regisseur Paul Aster und sein Drehbuch verschwunden. Doch Mondale kennt Aster und bleibt misstrauisch. Schließlich ist ihnen beiden als Spezialisten für Psychologische Kampfführung schon einmal ein riskanter Plan in Berlin misslungen. Peter Mondale nimmt den Job an, doch kaum am gefährlichsten Platz im Kalten Krieg gelandet, kocht die brodelnde politische Realität über. Bald weiß niemand mehr, was Film oder Wirklichkeit ist - bis zum Pfingstsonntag 1987, dem Tag, an dem die Mauer brach.
Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis des Science Fiction Club Deutschland e.V. als bester utopischer Roman des Jahres 1985 - vier Jahre vor dem echten Mauerfall.

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ISBN: 978-9963-52-537-9

Seiten: 295

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Thomas R. P. Mielke

Thomas R. P. Mielke
Thomas R.P. Mielke, 1940 als Sohn eines Brasilienpastors in Detmold geboren, lebt in Berlin. Nach der Ausbildung zum Fluglotsen arbeitete er drei Jahrzehnte als Kreativdirektor in internationalen Werbeagenturen und als „direttore creativo“ in der Produktplanung von Ferrero in Italien (z. B. für die Ü-Eier). Neben Krimis und mehrfach preisgekrönter Science-Fiction und Krimis schrieb er historische Bestseller wie GILGAMESCH , INANNA, COLONIA, KARL MARTELL, JAKOB DER REICHE oder KARL DER GROSSE. Einige Titel erreichen sechsstellige Auflagen und wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter auch Spanisch, Russisch, Polnisch, Türkisch und Arabisch. Aktuell ist die Prosaübertragung (zusammen mit Astrid Ann Jabusch) von Ariosts Mittelalter-Bestseller vom ORLANDO FURIOSO, dem vor Eifersucht rasend werdenen Roland. Hierfür gab es den „Deutschen Fantasy-Preis 2016“. 2017 erschien die Kompress-Version der Avignon-Trilogie über die Päpste der Avignon und DAS ERBE DER TEMPELRITTER.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Vorspann
Ost-Berlin

»Checkpoint Charlie«, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz des schwarzen Volvos. Er deutete mit dem Daumen nach rechts. »Noch könnten
   wir zurück, einfach an den Vopos vorbei in unseren Teil von Berlin, ohne Kontrolle und ohne Risiko.«
   Der bullige Fahrer neben ihm lachte trocken. Für einen Moment nahm er den Fuß vom Gas.
   »Was ist los, Captain? Nervös? Oder willst du aussteigen?«
   Sein ernster, konzentriert wirkender Komplize auf dem Beifahrersitz presste für einen Moment die Lippen zusammen. Dann atmete er tief durch und schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein, Major. Wir fahren weiter!« Es klang wie ein Befehl.
   Die beiden Männer waren Offiziere der amerikanischen Schutzmacht. Normalerweise arbeiteten sie in der richtigen Rollenverteilung zusammen: Captain Peter Mondale als Spezialist für Sonderaufgaben in der Berlin-Brigade und Major Paul Aster als Chef der Abteilung für Psychologische Kampfführung. An diesem Oktoberabend des Jahres 1981 war alles anders. Sie kannten sich seit ihrem ersten gemeinsamen Einsatz in der längst aufgelösten DESCO, aber zum ersten Mal fügte sich Aster den Anweisungen des Jüngeren. Trotzdem ließ er deutlich erkennen, welche Entscheidungen er von Mondale erwartete.
   »Na los, du blockierst die Kreuzung!«, knurrte der Captain.
   Aster grinste verhalten. »Siehst du hier irgendwelchen Verkehr?«, fragte er sarkastisch und gab wieder Gas. Die Abzweigung Friedrichstraße mit dem bereits am frühen Abend hell beleuchteten Grenzübergang blieb hinter ihnen zurück.
   Peter Mondale griff wortlos nach einem Päckchen Zigaretten in der Ablage unter dem Handschuhfach. Er steckte sich eine Viceroy an und fragte sich zum x-ten Mal, ob ihr Plan überhaupt durchführbar war.
   Sie hatten einen Toten im Kofferraum. Einen amerikanischen Offizier, der am gleichen Vormittag durch einen dummen Zufall eine Kugel in den Kopf bekommen hatte. Irgendein leichtsinniger GI hatte drüben in Wannsee, auf dem Schießstand Rose Range, sein M-16-Gewehr nicht vorschriftsmäßig gesichert.
   Der Tod des Schießoffiziers wäre ein tragischer Unfall geblieben, wenn nicht … ja, wenn nicht Major Aster und Captain Mondale davon erfahren hätten.
   Sie suchten bereits seit Monaten nach einer Möglichkeit, die Annäherungsversuche zwischen den beiden deutschen Staaten auf geschickte Art und mit ihren Mitteln zu bremsen.
   Inzwischen fragten sich nicht nur das Pentagon und das Weiße Haus, sondern auch viele amerikanische Bürger, was eigentlich mit den verdammten Germans los war. Die meisten schienen vergessen zu haben, dass in Bonn und Berlin noch immer die Botschafter der vier Siegermächte die oberste Gewalt über Deutschland als Ganzes ausübten. Viele von ihnen begriffen nicht, dass sie ohne den militärischen Schutz Amerikas Peanuts waren – großmäulige und bornierte Besserwisser genau wie ihr Bundeskanzler.
   Peter Mondale drückte die Zigarette aus. Sein Ärger nahm noch zu, als er daran dachte, dass Männer wie er und Paul Aster stets nur die Dreckarbeit machen mussten. Unterbinden Sie das!, befahl irgendjemand in Washington, und dann wurde erwartet, dass sie sich etwas einfallen ließen.
   Der Volvo rollte langsam über die viel zu breit angelegte Straße. Die Wohnblöcke an beiden Seiten wirkten neu und auf beklemmende Weise unbewohnt. Major Aster sah mehrmals in den Rückspiegel, dann bog er nach rechts ab. »Okay – hier ist die Jerusalemer Straße.«
   Captain Mondale blickte auf seine Armbanduhr. »Achtzehn Uhr dreißig. Da vorn ist das Hochhaus.«
   Aster nickte und fuhr an einem Maschendrahtzaun vorbei. Der Wagen holperte in einen kleinen Hof, in dem drei Trabants und ein Volkswagen mit Ost-Berliner Kennzeichen standen. Nirgends war irgendeine Bewegung zu erkennen. Die Häuser wirkten wie ausgestorben. Nur im dritten Stock eines weiter entfernt liegenden Wohnblocks sah eine alte Frau aus dem Fenster.
   Das Vorfeld des Sperrsystems zwischen Ost und West unterschied sich an dieser Stelle von keinem anderen Hinterhof. Dennoch machten sich die beiden Amerikaner nichts vor. Sie wussten, wie tödlich die paar Dutzend Meter zwischen dem Hof und dem rostbraunen Springer-Hochhaus auf der anderen Seite sein konnten.
   Major Aster schaltete den Motor aus und ließ das Seitenfenster auf seiner Seite herunter. Ein Schwall kalter Oktoberluft drang ins Innere des Volvos. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Häuser entlang der Todeszone in rotes, gefroren wirkendes Gegenlicht.
   »Niemand zu sehen«, meinte Major Aster nach einer Weile.
   »Ich hoffe nur, dass deine Drähte in die Verwaltungen funktionieren«, meinte Peter Mondale skeptisch. »Irgendwie traue ich den Deutschen nicht mehr.«
   Aster lachte kurz. »Bei Benthin bin ich mir sicher. Der Mann ist korrekt. Leitender Polizeidirektor. Er hat mir persönlich garantiert, dass kein West-Berliner Polizist vorzeitig Alarm gibt.«
   »Und der General hier im Innenministerium?«
   »Bassarak«, sagte Aster nachdenklich. Er strich sich durch sein ungewöhnlich blondes Haar. Sein Gesicht sah im Abendlicht wie aus Wachs geschnitten aus. »General Bassarak ist unser Risikofaktor. Der Mann ist schwer einschätzbar. Er hat nie so für uns gearbeitet, dass wir ihn festnageln konnten, ein Preuße mit Verstand wie sein Schwager Ernst Benthin im Westen. Aber er muss vorsichtig sein.«
   »Wer muss das nicht in diesem … diesem total schwachsinnigen Hauptstadt-Verschnitt!«
   »Gratuliere«, sagte Paul Aster und grinste. »Du hast die erste Stufe des Berlin-Kollers erreicht. Ich hatte meinen nach sechs Monaten, aber du schaffst es in drei, wenn du dich noch länger über diese verdammten Deutschen ärgerst!«
   »Okay, okay! Ich habe verstanden.«
   »Irgendwelche Befehle, Captain?«
   »Ja, Major, es geht los!« Er beugte sich nach vorn und blickte durch die Windschutzscheibe schräg nach oben. Das Verlagshochhaus drüben war kaum beleuchtet. Nur oben, wo die Kasino-Räume sein mussten, schimmerte ein Lichtstreifen in Richtung Osten.
   Die beiden Offiziere verließen den Wagen. In ihren korrekten aber schlecht sitzenden Anzügen sahen sie fast wie ostdeutsche Ministerialbeamte aus.
   Mondale ging bis zu einer Holztür in der Hofmauer. Sie gehörte noch nicht zu den Sperranlagen. Er nahm eine Gelenkzange aus der Innentasche seines Zweireihers und trennte mit einem kurzen Klicken das simple Vorhängeschloss. Eine Weile beobachtete er durch einen schmalen Spalt das leer und aufgeräumt wirkende Geländestück mit den verschiedenen Sperranlagen.
   Er wusste, dass innerhalb von Berlin keine Schießautomaten an den Grenzzäunen montiert waren. Wenn die amerikanischen Pläne stimmten, dann hatten die Grenztruppen in diesem Gelände keine Minen vergraben. Trotzdem blieben noch mehr Unsicherheitsfaktoren, als ihnen lieb sein konnte.
   Er beobachtete ein paar Hasen im gelb gewordenen Gras. Sie hoppelten arglos über den glatt geharkten Todesstreifen, schnupperten unter dem Hundelaufdraht und blieben auf dem asphaltierten Kolonnenweg unmittelbar vor der eigentlichen Mauer sitzen.
   Zielscheiben, dachte Peter Mondale, ausgezeichnete Zielscheiben vor der makellos weiß gekalkten Mauer. Er stellte sich vor, wie rot das Blut eines Flüchtlings auf dieser weißen Mauer aussehen musste.
   Im gleichen Moment spürte er den Atem von Aster im Nacken.
   »Alles okay!«
   Mondale nickte und beugte sich etwas zur Seite. Ungefähr siebzig Meter entfernt stand wie ein abgesägter Fabrikschornstein ein Wachturm mit einer Beobachtungskanzel an der Spitze. Hinter den Glasscheiben war niemand zu sehen.
   »Ich glaube, es klappt«, sagte er mit einer Spur von Verwunderung in seiner Summe. »Wozu so ein preußischer General bei den Kommunisten doch gut ist.«
   Er richtete sich auf und drehte sich zu Aster um. Für einen Augenblick sahen sie sich abschätzend an. Das Gesicht des stämmigen Majors wirkte bewusst beherrscht. »Good luck für uns!«, sagte er leise.
   Major Aster grinste und hob den rechten Daumen. Sie blickten gleichzeitig zum Wagen und gingen los. Wie ein seit Langem auf diesen Augenblick trainiertes Team öffneten sie den Kofferraum, holten den toten Leutnant in voller Uniform heraus. Zusätzlich griffen sie sich eine russische Kalaschnikow und eine Steckleiter.
   Bis zur Holztür waren es nur ein paar Schritte. Ohne zu zögern, marschierten sie hindurch in das Niemandsland an der Mauer.
   Die erste Etappe ging an den Panzersperren aus gekreuzt verschweißten Stahlträgern vorbei. Bis auf ihre Atemzüge und das ferne Rauschen des Verkehrs von der West-Berliner Seite war nichts zu hören. Dann kam die Grasfläche. Der Boden war weich und schwammig. Sie durften nicht daran denken, dass hier in den fünfundzwanzig Jahren seit dem Bau der Mauer doch irgendwann einmal ein paar Mienen vergraben worden sein konnten …
   Der Todesstreifen. Ihre Schuhe hinterließen tiefe Spuren im geharkten Sand, Spuren, die Kopfzerbrechen bereiten sollten.
   Der Kolonnenweg. Dann wieder ein Sandstück.
   Die Mauer.
   Major Aster schulterte den Toten. Captain Mondale steckte die leichte Aluminiumleiter zusammen. »Fertig?«
   Aster schnaufte kurz. Er kletterte mit dem Toten die Leiter hoch. Gleichzeitig lud Mondale die Kalaschnikow durch. Obwohl sie die ganze Sache kein einziges Mal geübt hatten, klappte bereits der erste Versuch.
   Aster wälzte sich über die Drainageröhre an der Oberkante der Mauer. Den Toten ließ er mit hängenden Armen auf der Mauerkrone liegen. Es sah aus wie in Dutzenden von Westernfilmen.
   Mondale hörte den Aufprall von Aster auf der anderen Seite. Er trat ein paar Schritte zurück, zog den Abzug der Kalaschnikow durch und schoss. Zwei, drei Projektile trafen den Toten genau dort in den Kopf, wo die verunglückte GI-Kugel herausoperiert worden war.
   Er ließ die Kalaschnikow fallen, rannte zur Steckleiter, sprang hoch und spürte im gleichen Moment einen Schlag im Rücken. Für einen langen, ungläubigen Augenblick hing er in halber Höhe der Leiter vor der weißen Mauer. Zielscheibe, jetzt bin ich die Zielscheibe. Erst dann registrierte er die entfernten Schüsse und ihre Echos zwischen den verschiedenen Mauern.
   Die Leiter drehte sich um ihre Achse. Er sah Blut an der sauberen, weiß gekalkten Mauer … sein Blut.
   Es war, als würde er selbst dabei zusehen, wie er sich allein durch die Kraft seiner Arme Sprosse um Sprosse höherzog. Er erreichte die runde Oberkante der Mauer. Die Leiter rutschte. Er fand mit seinen Fingern nirgendwo an der verdammten Drainageröhre einen Halt. Aber er wollte nicht in den Osten, nicht ins Niemandsland zurückfallen.
   Plötzlich spürte er den Schmerz im Rücken. Er griff in den Uniformstoff der Leiche und zog sich an ihr ein paar lächerlich mühsame Zentimeter höher. »Du … oder … ich!«, keuchte er. Der Tote rutschte an ihm vorbei. Gleichzeitig bekam er das entscheidende Übergewicht. Er fiel.
   Die Mauer auf westlicher Seite war schmutzig und mit wildfarbigen Graffiti verschmiert.
   Verdammte Germans!, wollte er schreien, aber da schlug er bereits auf den Boden. Mit Sprühfarbe gezeichnete Fratzen grinsten ihn von der Mauer an.
   Sein Kopf kippte zur Seite. Die Fratzen bewegten sich, wurden Gestalten und menschenähnliche Gesichter. Aber sie kamen nicht näher. Warum, zum Teufel, kamen diese verdammten Berliner nicht näher? West-Berliner … Männer und Frauen auf der richtigen Seite der Mauer, auf seiner Seite.
   Paul Asters Gesicht. Er stand vier, fünf Meter entfernt, sah ihn und drehte sich plötzlich um. Polizisten … also doch Polizisten!
   Einer wollte zu ihm. Die anderen hielten ihn fest.
   »Der Mann verblutet doch! Wir müssen ihm helfen.«
   »Nein! Er liegt auf Ostgebiet.«
   »Auf unserer Seite der Mauer.«
   »Ostgebiet!«
   »Ostgebiet«, flüsterte Peter Mondale mühsam. Er wollte verstehen, aber es gelang ihm nicht mehr. Die Schmerzen brachen an so vielen Stellen seines Körpers gleichzeitig aus, dass er nicht mehr die Kraft hatte, sich gegen das Schwarze in seinem Kopf zu wehren.

West-Berlin

Der Jeep brauchte vier Minuten vom Checkpoint Charlie bis zu der Stelle, an der Peter Mondale lag. Vier weitere Minuten vergingen, ehe zwei MP-Soldaten wagten, die nur durch Hinweisschilder angedeutete Demarkationslinie einige Meter vor der Mauer zu überschreiten.
   Sie taten es unter den Mündungen der Maschinenpistolen über dem Rand der Mauer. Unablässig näherten sich auf der anderen Seite neue Fahrzeuge, doch niemand auf der West-Berliner Seite konnte sehen, was drüben vorging.
   Die beiden jungen Militärpolizisten mit ihren Schießschnüren und Armbinden wurden im Westen durch immer mehr eilig herbeigelaufene Zuschauer angefeuert. Die meisten kamen aus dem Springer-Verlagshaus und der Druckerei davor.
   Ein langhaariger, mit Kameras und Filmtaschen behängter Pressefotograf knipste den Ort des Zwischenfalls von allen Seiten. Er war der Einzige, der sich nicht darum kümmerte, ob er auf West- oder Ost-Berliner Gebiet stand. Aber auch er berührte den angeschossenen und von der Mauer abgestürzten Mann nicht ein einziges Mal.
   »Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt«, sagte ein kleiner grauhaariger Mann zu einem betreten herumstehenden West-Berliner Polizisten, der ständig den Kopf schüttelte. Er sprach, ohne abzusetzen, wie ein Reporter in sein Handfunkgerät.
   Von der Kochstraße her näherte sich ein amerikanischer Krankenwagen mit einer schwächlich jaulenden Sirene. Die rennenden Träger mit ihrer Trage hatten die Zuschauergruppe noch nicht erreicht, als plötzlich die MPi-Mündungen am oberen Rand der Mauer verschwanden.
   »Los, jetzt!«, riefen die Zuschauer. Der alte Arzt hatte es doch noch bis zu dem Schwerverletzten geschafft. Er hätte es auch unter den Mündungen der Maschinenpistolen getan. Einer der Journalisten hielt ihm die Tasche. »Schlimm?«
   »Er hat einen Schuss im Rücken … direkt an der Wirbelsäule.«
   Er wartete, bis die amerikanischen Krankenträger und ihr Arzt herangekommen waren.
   »Dann war es vielleicht gut, dass ihn keiner bewegt hat«, meinte der hagere, steinalt wirkende Zeitungsmann nachdenklich.
   »Typisch Journalist! Und morgen steht dann in euren Revolverblättern Irrsinn der Grenzziehung rettet Flüchtling das Leben.«
   »Schon möglich, aber nur, wenn er bis Redaktionsschluss nicht tot ist.«

Grenzgänger

Peter Mondale überlebte. Die Schlagzeile erschien trotzdem nicht. Aus nie an die Öffentlichkeit gelangten Gründen wurde der Schwerverletzte nicht in ein West-Berliner Krankenhaus, sondern ins amerikanische Militär-Hospital im Stadtteil Zehlendorf gebracht. Am nächsten Tag berichteten mehrere Zeitungen über den Zwischenfall an der Mauer. Wer aber die Meldungen miteinander verglich, konnte feststellen, dass sie bis auf die Erwähnung von Schüssen keine Gemeinsamkeiten hatten. Auch in den Tagen danach blieb unklar, ob es überhaupt einen Flüchtling gegeben hatte.
   Einige Journalisten verfolgten die Spur des Schwerverletzten bis ins amerikanische Militär-Hospital, recherchierten bei den alliierten Verbindungsoffizieren im Rathaus Schöneberg und versuchten, ihre Kontakte zum U.S.-Headquarter in der Clayallee auszunutzen. Doch dann schlief die ganze Angelegenheit langsam ein. Nur der Pressefotograf ärgerte sich, dass er die Fotos ohne Namen abheften musste.
   Der Fall blieb undurchsichtig, aber er war schließlich nicht der einzige in diesen Jahren.
   Ende Januar 1982 wurde Captain Peter Mondale über Frankfurt nach New York ausgeflogen. Die Kugel saß so dicht am Rückenmark, das sie nicht entfernt werden konnte. Sechs Monate später war Mondale aber so weit genesen, dass er nicht nur aus der medizinischen Betreuung, sondern auch aus dem aktiven Dienst entlassen werden konnte. Offiziell tauchte nirgendwo ein Bericht über tote oder angeschossene amerikanische Offiziere an der Mauer auf. Es gab keine Belobigungen und keine Disziplinarverfahren.
   Aus einem Nebensatz bei seiner Verabschiedung in Washington entnahm Mondale, dass auch Paul Aster nicht mehr in Berlin war. Er selbst hatte fast achtzehn Jahre in Uniform hinter sich. Er war inzwischen fünfunddreißig und stand vor der Aufgabe, noch einmal von vorn anzufangen. Mit dem Geld aus seiner Abfindung besuchte er einige Kurse in Harvard und bekam einen Job bei Dreamworld Productions in Hollywood. Ein paar Jahre später ging er nach Chicago und übernahm die Filmabteilung der Werbeagentur Salomon Wise & Sons.
   Die Kugel im Rücken erinnerte ihn gelegentlich an die Mauer. Es war keine angenehme Erinnerung. Auf die Deutschen war er nicht sehr gut zu sprechen – erst recht nicht auf Berlin.

Location
Sonnabend, 30. Mai 1987 – über dem Atlantik

Die Concorde näherte sich mit doppelter Schallgeschwindigkeit dem Alten Kontinent. Die Passagiere an Bord merkten kaum etwas davon. Peter Mondale hatte sich den Eintritt in den Überschallbereich wesentlich dramatischer vorgestellt. Inzwischen wurde der Lunch angekündigt.
   Als Chef der Filmabteilung der Werbeagentur Salomon Wise & Sons in Chicago mochte er halb edle und zumindest teure Massenverpflegung nicht besonders. Zu oft schon erduldet. Ansonsten hatte er einen erstklassigen Job, der ihm Spaß machte und sein Konto fast automatisch auffüllte. Er kam mit großartigen Filmleuten aus der ganzen Welt zusammen und arbeitete mit den schönsten und teuersten Modellen dieser Erde. Für einen Dreißigsekundenspot konnte er einen Aufwand treiben, bei dem selbst George Lucas und Steven Spielberg neidisch geworden wären.
   Peter Mondale-Werbefilme für Kaugummi, Zigaretten und Cola erhielten überall Preise und Goldmedaillen. Es war ein anderes Leben als in Uniform, und er fühlte sich wohl dabei. Auch wenn er manchmal seufzte, wenn er hin und wieder andere Drehbücher in seinem Safe streichelte. Sie stammten aus seiner Zeit in Hollywood – geschrieben für Liza Minelli, Peter Fonda, Coppola.
   Er atmete tief durch, lehnte sich leise lächelnd zurück, strich sich durch sein braunes, weich gescheiteltes Haar und sah nach draußen. Der Atlantik lag wie das Filmmodell einer fernen Planetenoberfläche tief unter der Concorde.
   Die Stewardessen verteilten die Vorspeisen.
   Er wählte ein Canapee mit Leberpastete und etwas Kaviar aus der Fülle des Angebots. Als Hauptgang bestellte er bereits zerlegten Lobster thermidor. Die aufgetakelte Blondine neben ihm hatte die Konversation eingestellt, seit ihr aufgegangen war, dass er mehr Interesse an einer der Stewardessen zeigte.
   Er genoss die letzte Stunde des Fluges und nahm sich vor, die Begegnung mit seinem alten Peiniger und Förderer aus der Zeit in Hollywood gelassen anzugehen.
   Sam de Luca, die alte Schildkröte, erwartete ihn in London. Die graue Eminenz des Hollywoodgeschäfts hatte mehrmals versucht, ihn zurückzuholen. De Luca hatte nie besonders wertvolle Filme produziert, aber es hieß, dass er inzwischen über mehrere TV-Stationen, Modellagenturen und über einen eigenen Nachrichten-Satelliten verfügte.
   Was Peter jedoch nie vergessen konnte, war die Tatsache, dass de Luca auch zu den Gründern von DESCO gehörte. Das längst aufgelöste Desert Specialist Command war in der Endphase des Vietnamkrieges die strategische Propaganda-Zentrale der Vereinigten Staaten gewesen. Obwohl DESCO sein Spielmaterial und seine Informationen von der CIA, vom Pentagon und von der National Security Agency erhielt, unterstand es einem Unterausschuss des amerikanischen Kongresses. Zum Schluss hatten fast tausend streng isolierte Spezialisten am Image der Vereinigten Staaten und zugleich an weltweiten Desinformations-Kampagnen gearbeitet. Das Desaster in Vietnam und das Trauma nach Amerikas einzigem verlorenen Krieg hatten sie nicht verhindern können.
   Damals hatte Peter in den Atombunkern unter der kalifornischen Mojave-Wüste nicht nur Sam de Luca, sondern auch Paul Aster und Leutnant Evelyn Morris kennengelernt. Die rotblonde Journalistin für investigative Aufgaben war einer der Gründe gewesen, warum er später nie ernsthaft an eine Heirat gedacht hatte.
   »Noch einen Drink, Sir?«, fragte die Stewardess, die sich von Anfang an besonders um ihn gekümmert hatte. Sie war die einzige Frau an Bord der Concorde, die ihm ausnehmend gut gefiel.
   Er zeigte auf sein Champagnerglas und nahm noch einen Schluck Veuve Cliquot. Sie lächelte ihm zu, während er überlegte, ob er die Verabredung mit Sam de Luca nicht gleich nach der Ankunft in London absagen sollte. Andererseits reizte es ihn, nach all den Goldenen Palmen für seine Fernsehspots wieder einmal bei einem Spielfilm mitzumachen.
   Salomon Wise jun. hatte ihm freie Hand gelassen. Mehr noch – er hatte ausdrücklich gewünscht, dass sein Peter Mondale als Drehbuchautor und wenn irgend möglich auch noch als Regisseur in den neuen de Luca-Film einstieg.
   Die Concorde ging in einen langen, stetigen Sinkflug über, und erst jetzt wurde ihm bewusst, wie lange er nicht mehr in Europa gewesen war. War es wirklich schon fünf Jahre her, seit er mit einem Korsett Berlin verlassen hatte?
   Er trank den verbliebenen Schluck Veuve Cliquot aus. Hoffentlich hatte de Luca vor, in den Pinewood-Studios oder in Cinecittà zu drehen. Er konnte es kaum erwarten, mehr über das Projekt zu hören.

London, Carlton Tower, 16.30 Uhr

Mondale fühlte den schmalen, gelben Schnellhefter unter seinen Fingern, starrte auf den verschnörkelten Schriftzug Dreamworld Productions Ltd. und schüttelte immer wieder den Kopf. Sein erster Zorn war einer kalten Ernüchterung gewichen.
   »Warum, Sam?«, fragte er verständnislos. »Warum können Sie einfach nicht begreifen, dass ich mit diesen Dingen nichts mehr zu tun haben will? Einen Film über Berlin … ausgerechnet mit mir!«
   Sie saßen in der Bar des Hotels Carlton Tower, und ständig liefen irgendwelche Wimbledonspieler mit ihren Betreuern hin und her.
   »Sie sind sofort gekommen, Peter.« Sam de Luca hatte sich kaum verändert. Seine runden Schildkrötenaugen in einem viel zu kleinen Kopf wirkten wie schwarze, feucht glänzende Knöpfe.
   »Mein Gott, ich bin gekommen, weil Sie mir einen Thriller angeboten haben. Das reizt natürlich nach all den sauberen, wunderbar langweiligen TV-Commercials.«
   »Sie hätten Serien produzieren können … wie damals, als Sie in Hollywood bei mir anfingen.«
   »Was? Noch ein Dallas-Aufguss? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«
   »War es auch nicht. Ich denke, dass Sie inzwischen mehr können als den Mist zu Ende zu bringen, den andere ausgebrütet haben.«
   Mondale hob kaum merklich die Brauen. Er kannte Sam de Luca lange genug. Die alte Schildkröte machte keine zufälligen Bemerkungen. »War das etwa eine Anspielung?«
   »Auf diese Panne damals in Berlin? Aber Peter, was halten Sie von mir? Ich möchte, dass Sie einen Film für mich machen. Einen knallharten, genau in die Landschaft passenden Actionfilm.«
   »Wenn ich Sie recht verstehe, möglichst mit Silvester Stallone und dann in Richtung Rambo IV.«
   »Ich habe Rambo nicht produziert.«
   »Nein, aber genau darauf läuft doch die ganze Sache hinaus.« Er schlug mehrmals mit der flachen Hand auf den Schnellhefter. »Sie wollen einen Actionfilm in Berlin drehen, aber nicht wie Billy Wilder mit seiner Satire Eins, zwei drei vor fünfundzwanzig Jahren. Auch keinen von diesen billigen Spionagethrillern. Härter … realistischer … mit echten Fakten, stimmt’s?«
   »Ja.« De Luca grinste plötzlich. Er sah sehr komisch aus, als sein kleiner, verhutzelter Kopf wie bei einer Schildkröte auf dem Hals hin und her hüpfte. Sam hatte ein fast kindliches Vergnügen daran, wenn andere endlich begriffen, was er wollte.
   »Na schön!«, sagte Peter bestimmt. »Dann hören Sie mir jetzt mal genau zu, Sam. Ich war in Berlin, und ich kann diese Stadt nicht leiden. Ich kann überhaupt keine Deutschen mehr leiden, seit ich mit einer kommunistischen Kugel im Rücken herumlaufen muss … und ich weiß, dass es für Ihren Film nur drei Möglichkeiten gibt.«
   »Ich höre.« De Luca beugte sich sanft und mit einem harmlos wirkenden Gesichtsausdruck zu ihm.
   »Möglichkeit A: ein brillant recherchiertes politisches Planspiel. Dafür brauchen Sie ein Dutzend Experten und zwei Jahre Zeit.«
   »Uninteressant.« De Luca griff nach ein paar Nüssen in einer Glasschale auf dem Bartresen und biss kleine Stückchen ab.
   »Möglichkeit B wäre ein Politthriller, französischer Machart, meinetwegen mit Yves Montand. Dazu ein billiger Nachbau aller Locations in Cinecittà. Wenn Ihr Etat hoch genug ist, können Sie auch in die Pinewood-Studios gehen, die haben genügend James Bond-Erfahrung. Und wenn Sie sehr viel Geld investieren wollen, empfehle ich Ihnen die unendlichen Experimente bei der Bavaria in München! Die bauen Ihnen notfalls die Mauer komplett nach. Alt-Berlin steht da noch straßenweise rum.«
   »Und Möglichkeit C?«
   Peter winkte dem Barkeeper. Er zeigte auf sein Bierglas.
   »Mist, Sam«, sagte er dann. »Eine billige Klamotte mit je einem Altstar aus den wichtigsten Ländern, in denen der Film Kasse machen soll. Dazu ein paar Drogen-Teenies, die für harte Pornos noch nicht ausgenippt genug sind. Alles in allem viel Straßenkrawall, jede Menge Archivmaterial und Regie am Schneidetisch.«
   De Luca schloss für einen Moment die Augen. Er stopfte sich die restlichen Nüsse aus seiner Hand in den Mund und kaute. »Sie haben Ihre Lehrzeit bei DESCO nicht vergessen. Deshalb frage ich Sie, ob Sie sich einen Film vorstellen könnten, der alle drei Möglichkeiten einschließt.«
   »In Berlin?«
   De Luca nickte.
   »Mit welchem Finale?«
   »Nun … sagen wir mal, mit einer Wiedervereinigung der Deutschen.«
   »Mehr nicht?« Peter lachte. »Und wie sollte so ein Filmchen heißen?«
   »Der Tag, an dem die Mauer brach.«
   Er starrte die Schildkröte verblüfft an. »Das ist aber ein bisschen hoch gegriffen, mein Alter. Klingt mehr nach Science-Fiction à la Spielberg.«
   »Ihr Flugzeug nach Berlin geht in zweieinhalb Stunden. So lange haben Sie Zeit, sich die Sache zu überlegen. Das Team ist seit drei Wochen drüben.« De Luca grinste zufrieden.
   »Moment mal! Wollen Sie etwa sagen, dass Sie bereits begonnen haben? Mit diesen paar Seiten, die nicht einmal ein richtiges Treatment sind?«
   »Es gibt ein Drehbuch«, sagte de Luca sanft, »leider ist es genauso verschwunden, wie der Mann, der es für mich geschrieben hatte … Sie müssten daher ziemlich von vorn anfangen …
   »Wer? Wer hat so ein Drehbuch verbrochen?«
   De Luca spitzte die Lippen. Er wartete, bis ein paar Tennisspieler vorbeigegangen waren.
   »Ich dachte, es würde Sie interessieren, für einen früheren Kollegen einzuspringen, obwohl …«
   »Was?«
   »Nun ja, ich kann mir vorstellen, dass Sie nicht besonders gut auf Paul Aster zu sprechen sind. Aber er ist nun mal ein genialer Regisseur und Drahtzieher.«
   Es kam selten vor, dass Peter die Fassung verlor, aber in diesem Moment war er drauf und dran, der hinterhältigen Schildkröte an die Kehle zu springen. So glatt war er bisher nur ein einziges Mal reingelegt worden – von Major Paul Aster!
   Sam de Luca wusste, dass er nicht mehr zurück konnte, ohne sein Gesicht als ehrgeiziger Nachwuchsregisseur zu verlieren.
   Jetzt, nachdem er erst einmal in Europa war, musste Mondale auch zeigen, was er konnte.

Berlin, 20.15 Uhr (Sommerzeit)

Während Peter Mondale in London mit einem Taxi zum Flughafen Heathrow fuhr, gingen in Berlin bereits die Lichter an. Am Kurfürstendamm spiegelten sich helle Schaufenster und bunte Leuchtreklamen in großen Wasserlachen auf dem Asphalt. Soeben war eine Gewitterfront von Nordwesten her über die Stadt gezogen.
   Die Läden in der City waren trotz der späten Stunde noch geöffnet. Sie nutzten die Ausnahmegenehmigung während der Monate, in denen die Stadt ihren 750. Geburtstag feierte.
   Am renovierten Kranzler-Eck räumten junge Polizeischüler in olivgrünen Overalls Absperrgitter auf einen Lastwagen. Ein nasses, mit großen Löchern gespicktes Spruchband lag auf einem Stapel aufgeweichter Pappschilder mit den neuesten Protest-Parolen.
   Im umgebauten Café Kranzler wurden schon längst keine Sahnetorten mehr serviert. Nachdem sich das Hotel Kempinski und eine Schweizer Lebensmittelkette nicht über die Vermarktung des alten Namens einigen konnten, hatten Amerikaner die Geschäftsführung übernommen. Seitdem waren Kranzler-Burger die großen Renner.
   Überall standen Passanten und Touristen in Ladeneingängen und auf den Treppen, die von den breiten Bürgersteigen zur U-Bahn hinabführten. Vor einem Jeansladen diskutierten papageienbunte Punker mit einem mutigen Touristengrüppchen, das auf der Suche nach seinem Reisebus in die Auflösung der Demonstration geraten war.
   Dazwischen wagten sich Skinheads bis an die Posten der Freiwilligen Polizei-Reserve.
   Als die ersten Autos wieder über die geräumte Kreuzung fahren konnten, spritzten die Wassermassen meterweit zur Seite. Sofort ging ein wütender Protest durch die Reihen der Zuschauer. Am Café Kranzler verließ der Polizeilastwagen mit Sperrgittern seine Parklücke.
   »Und dann zieh’n wir mit Musik in die Bundesrepublik«, grölte ein blau-weiß gekleideter Hertha-Frosch. Er hatte nichts mit der abgebrochenen Demo zu tun, sondern kam mit einer Plastiktüte voller Bierdosen und einer neuen Langspielplatte aus der Tür eines Laden im Ku‘damm-Eck. Hinter ihm lief eine Schallplattenverkäuferin, die ihm sein Wechselgeld bringen wollte.
   »He, du kriegst noch Geld!«, rief sie dem Betrunkenen nach. Der Hertha-Frosch machte eine abwehrende Handbewegung. Er drehte sich nicht einmal mehr nach ihr um.
   »Dann eben nicht!« Das schwarzhaarige Mädchen zuckte die Schultern und blieb auf dem Bürgersteig neben ein paar Passanten stehen.
   Andrea Lepsius jobbte als Plattenverkäuferin, seit sie die Lust an ihrem Studium an der Hochschule der Künste sehr plötzlich verloren hatte und ebenso plötzlich eine eigene Wohnung bezahlen musste. Grund für diesen Sinneswandel war ein gewisser Dr. Michael Wolgast. Sie hatte sich in Mischa, den besten Barpianisten Berlins, verliebt. Der aber hatte sich plötzlich für ihre Schwester Karin interessiert. Andrea war sofort aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und wild entschlossen, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie wollte weder ihrer Schwester noch Mischa jemals wieder in die Augen sehen.
   Doch genau das musste sie jetzt. Ihr Mischa stand auf der anderen Straßenseite in der ersten Reihe des Protestzuges. Er war einer der Anführer der gescheiterten Demonstration gegen den Rückzug der Franzosen und Engländer aus Berlin gewesen. Die Kreuzberger Szene hatte dagegen protestieren wollen, dass West-Berlin unter amerikanische Kontrolle geriet. Vergeblich!
   Andrea wollte auf dem Absatz kehrtmachen. Aber dann widmete sie ihrem Ex-Freund doch einen langen Blick. Er ist doch nur bei Karin gelandet, weil er ihr diesen blödsinnigen Filmauftrag verschafft hat, dachte sie verärgert. Wie sollte Karin, die in Modefragen nur ihre elegante Boutique kannte, die Kostümberatung für einen amerikanischen Superfilm bewältigen?
   Sie wollte sich gerade wieder umdrehen und in den Laden zurückgehen, als es nahe der Gedächtniskirche laut wurde. Die Ampeln waren noch immer ausgeschaltet.
   Im gleichen Augenblick sah sie, wie ein dunkelblauer Mercedes auf die Kreuzung zufuhr. Er war viel zu schnell. Um ein Haar wäre er in eine Gruppe alternativer Theaterspieler gerast. Die bunt geschminkten jungen Frauen und Männer schrien auf und stürzten im letzten Augenblick zur Seite. Und dann entdeckte einer der Skinheads das gelbe Nummernschild.
   »Scheiß Amis!«, schrie er den Fahrer an. Der Mercedes rauschte in eine Wasserlache.
   Plötzlich sah Andrea Lepsius noch einen Mann, den sie kannte. Er stand mit dem Rücken an der Mauer neben dem Jeansladen auf der anderen Straßenseite. Sie sah, dass er beide Hände wie ein Boxer hob und auf den Mercedes zielte.
   Sie sah keine Waffe in den Händen von Paul Aster. Trotzdem wurde die rechte hintere Seitenscheibe des Mercedes schlagartig weiß und zerbröselte. Der Wagen schleuderte. Mit einem Aufschrei wichen die Passanten auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig zur Seite.
   Andrea verlor Paul Aster aus den Augen. Sie konnte nicht einmal sagen, in welche Richtung er verschwunden war.
   Und dann schlidderte der Mercedes in den Treppenabgang zum U-Bahnhof Kurfürstendamm.

Im Luftkorridor, 21.00 Uhr (GMT)

»Noch einen Drink, Sir?«
   Peter Mondale schüttelte den Kopf. Anders als Leute, die sich nach ein bis zwei Stunden unbequem fühlten, hielt er Großraumjets für eine Art Zeitkapseln mit Barservice. Für ihn hatten moderne Passagierflugzeuge noch immer etwas Beruhigendes und gleichzeitig Erotisches. Hier rief ihn niemand an, hier wollte man nichts weiter, als es ihm bequem machen. Nirgendwo sonst kam er dem Traum von Freiheit und von der einsamen Insel näher als in einem noch so engen Flugzeugsitz.
   Das Land unter ihm war bereits dunkel. Das Flugzeug flog so tief, dass er die Straßenlampen in den kleinen, langsam vorbeiziehenden Dörfern unter sich erkennen konnte. Er fragte sich, ob die Sowjets noch immer mit ihren MiGs durch die Luftkorridore jaulten. Soweit er sich erinnern konnte, war 1983 zum letzten Mal eine westliche Maschine im Luftkorridor beschossen worden.
   »Darf ich mich zu Ihnen setzen? Wir landen in wenigen Minuten.«
   Erst jetzt erkannte er die Stimme der Stewardess. Es war die gleiche, die ihm bereits in der Concorde angenehm aufgefallen war. Diesmal trug sie keine der albernen Schürzen, die sich die Vorstände von Fluggesellschaften entwerfen ließen, wenn ihnen zum Thema Service nichts mehr einfiel.
   »Alles frei«, sagte er und deutete lächelnd neben sich. Sie schob eine Reisetasche unter den Vordersitz.
   »Normalerweise machen wir keine Anschlussflüge«, sagte sie, »aber ich bin aus Berlin, deshalb lasse ich mich gern als Check-Stewardess für einen Heimatflug einteilen … und heute fliegen wir sowieso halb leer.«
   Er sah sie von der Seite her an.
   »Mir war gar nicht aufgefallen, dass eine Kommissarin an Bord ist«, sagte er wie zur Entschuldigung.
   Sie schüttelte ihr langes, blondes Haar in den Nacken und lachte. »Ihr Amerikaner habt manchmal schon seltsame Vorstellungen von uns Deutschen«, meinte sie mit einem leichten Vorwurf in der Stimme. »Ich möchte nur wissen, wer diese ganzen Vorurteile in die Welt setzt. Oder sprechen Sie etwa aus eigener Erfahrung?«
   »Nein, das nicht. Ich war zwar mal einige Monate in Berlin, aber genau genommen sind Sie die erste Deutsche, mit der ich länger als eine Minute rede.«
   »Ihr Deutsch ist perfekt. Das soll kein Kompliment sein. Woher haben sie es?«
   Er zögerte einen Augenblick. »Elternhaus«, sagte er dann. »Lange her. Außerdem war ich vor ein paar Jahren bei der U.S.-Berlin-Brigade.«
   »Noch schlimmer. Sie seufzte amüsiert. »Kontakt zu den Besiegten nur auf der offiziellen Schiene und wenn’s hochkommt beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest. Wenn ihr Helden dann in die Staaten zurückgeht, wird aus jedem Deutschen ein Nazi oder mindestens ein Kommunist.«
   »Ziemlich unfair.«
   »Korrigieren Sie mich, Mister …«
   »Mondale, Peter Mondale.«
   »Ich heiße Renate Wagner, dreißig Jahre alt, unverheiratet, keine Kinder.«
   Für einen Augenblick war er verblüfft, dann grinste er. »Vierzig, ebenfalls unverheiratet und, soweit mir bekannt ist, auch keine Kinder.«
   »Da wir gleich landen, könnten Sie mir wenigstens noch schnell sagen, was Sie nach Berlin treibt – wenn es schon nicht die Sehnsucht nach der Stadt und Ihrer Vorfahren ist.«
   »Ich soll einen Film in Berlin drehen.«
   »O Shit, ein Kreativer! Und ich hatte Sie für einen seriösen Managertyp gehalten. Dort unten ist übrigens der Kurfürstendamm …, sehen Sie … die Lichter.«
   Sie beugte sich schräg zu ihm und zeigte zum Fenster. Ihr Parfüm konnte L‘Air du Temps von Nina Ricci sein. Es passte zu ihr. »Und jetzt fliegen wir einen Bogen über Ost-Berlin … da, die Mauer … das Rote Rathaus … und jetzt haarscharf am Ost-Berliner Fernsehturm vorbei. Die in der Kugel oben tasten jeden von uns elektronisch ab.«
   Die Lichter der geteilten Stadt ließen kaum erkennen, was zum Osten oder Westen gehörte. Erst als ihn Renate Wagner darauf aufmerksam machte, erkannte Peter den etwas heller beleuchteten Todesstreifen zwischen den Wohnblocks und Straßenzügen.
   »Erinnerungen?«, fragte sie, als sie merkte, dass er plötzlich abwesend wirkte. Er presste die Lippen zusammen, sah sie an und antwortete nicht. »Doch eine Kommissarin!«, sagte er schließlich.
   »Ich würde Sie gern wiedersehen.« Sie öffnete ihre Handtasche und gab ihm ihre Karte. »Wo werden Sie wohnen?«
   »Im Schweizerhof«.
   »Ich dachte, Amerikaner bevorzugen genormte Hotelketten.«
   »Das gehört eben auch zu Ihren Vorurteilen. Außerdem klingt Schweizerhof so schön neutral.«
   »Sie müssen seltsame Dinge in Berlin erlebt haben«, sagte sie kopfschüttelnd. »Das Hotel Schweizerhof ist übrigens am Zoo. Also nicht gleich zum Colt greifen, wenn nachts mal sibirische Wölfe heulen.«
   Er wollte antworten, aber sie lachte nur und stand schnell auf. Er hatte kaum bemerkt, wie die Maschine gelandet war.
   »Vergessen Sie nicht, Ihre Uhr umzustellen«, rief sie ihm vom Gang her zu. »Vielleicht melde ich mich mal bei Ihnen, okay?«
   Er grinste und nickte etwas verwirrt, obwohl er nicht vorgehabt hatte, sich schon in den ersten Minuten in Berlin mit einer Deutschen zu verabreden. Doch sechs Jahre waren eine lange Zeit. Und diesmal stand keine U.S.-Berlin-Brigade hinter ihm. Vielleicht konnte eine neue Berlin-Connection sogar nützlich sein.

Matterhornstraße, 23.00 Uhr

Dem deutschen Fahrer des amerikanischen Dienstwagens war nichts passiert. Trotzdem hatte ihn der Notarztwagen gleich mitgenommen. Leutnant Colonel Arthur Jackson starb noch während der rasenden Fahrt zum fast fünf Meilen entfernten U.S. Army Hospital in der Steglitzer Fabeckstraße.
   Zweieinhalb Stunden später saß Fahrer Oskar Wuttke noch immer in der Verhörvilla der National Security Agency in der vornehmen Matterhornstraße. Das weiße Haus mit seinen Türmchen und Erkern, den bleiverglasten Fenstern und Wappen in Einlegescheiben hatte nichts mit den bekannteren amerikanischen Geheimdiensten zu tun. Bereits vor dem Krieg war es von Dienststellen mit erfundenen Firmennamen benutzt worden, später war eine der vielen westlichen Propagandaorganisationen in der noch nicht durch Mauern geteilten Stadt in die Villa eingezogen. Zehn Jahre später, nachdem Nacht für Nacht Wetterballons mit Flugblättern zwischen den alten Bäumen aufgestiegen waren, hatte zuerst der CIC und dann die NSA das Gebäude übernommen.
   Für Oskar Wuttke blieb nicht verborgen, wo er sich befand. Er hatte einen höllischen Respekt vor amerikanischen Dreibuchstabeninstitutionen, von denen die NSA die mächtigste und bisher geheimste war. Er steckte sich eine Zigarette an, zerknüllte die leere Schachtel und warf sie in einen Müllsack an der Kellermauer.
   Erschöpft tippte er zum wiederholten Mal auf die Starttaste eines U-matic-Videorecorders. Und wieder lief der immer gleiche Film ab. Er war von einer Dachkamera auf dem Gebäude der Victoria-Versicherung hinter dem Café Kranzler aufgenommen und zeigte, wie er sich mit seinem Dienstwagen der Kreuzung Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße näherte. Das klobige Abspielgerät mit der Kassette war an ein Videomischpult gekoppelt. Der Bildschirm über mehreren Dutzend Knöpfen, Zahlenreihen und Schaltern zeigte längst nicht mehr das, was wirklich geschehen war. Stattdessen wurden immer neue Vergrößerungen, Ausschnitte und kreisförmige Einblendungen sichtbar.
   »Okay, Oskar, achten Sie auf Ihr Gesicht … jetzt!«
   Der Film stoppte. Oben auf dem Bildschirm erkannte er die linke Seite seines Gesichtes. Es stimmte, er musste tatsächlich unmittelbar vor dem Schuss durch die hintere Seitenscheibe nach rechts Richtung Jeansladen gesehen haben. Und dann erkannte er auch die beiden Presseoffiziere im Fond. Major Evelyn Morris schien ihrem Vorgesetzten etwas auf der Straße zeigen zu wollen. Gleich darauf zuckte sie zurück. Den Bruchteil einer Sekunde später auch ihr Vorgesetzter.
   »Das da!«, erklang die Stimme aus den Wandlautsprechern. »Erinnern Sie sich, Oskar!«
   »Es hat keinen Zweck!«, rief er seinem unsichtbaren Quälgeist zu. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich nach rechts gesehen habe, bevor es geknallt hat.«
   »Okay, Schluss für heute! Wir haben die genaue Sekunde. Morgen spielen wir die Aufnahmen der Polizei ab. Vielleicht ist da ja etwas dabei.«
   Einige der Lampen und Skalen auf dem Mischpult verloschen. Wuttke drückte seine Zigarette aus. Zum ersten Mal seit vielen Jahren zitterten seine Finger. Neben dem Pult öffnete sich eine schalldichte Doppeltür. Ein hochgeschossener Mann um die Dreißig mit einer glänzenden Stirnglatze, schwarzen Jeans und einem knallbunt mit Palmen bedruckten Hawaiihemd kam in den Raum. Er schüttelte bedauernd den Kopf.
   »Tut mir leid, Major Longhurst«, Wuttke strich sich seine schütteren, schweißverklebten Haare im Nacken zusammen, »ich habe mir alles immer wieder angesehen, aber da ist einfach ein Loch in meiner Erinnerung … einfach nichts, verstehen Sie?«
   Major Herb Longhurst nickte. Er hob eine leere Colaflasche hoch und ließ den Rest von zwei, drei Tropfen auf seine trockenen Lippen rinnen. Dann ging er zum Mischpult, beugte sich vor und blendete ein Standbild aus dem Speicher ein. »Sehen Sie, nach unseren Berechnungen haben Sie auf diese Stelle gesehen.«
   Wuttke erkannte nur das verwischte Bild mit einem Touristen, der sich gerade bückte. Dahinter stand ein etwa dreißig Jahre alter Mann mit lockigen, schwarzen Haaren.
   »Was wir suchen, muss genau zwischen diesem Bayern im Vordergrund und dem Schwarzhaarigen gewesen sein«, Longhurst. tippte auf den Bildschirm, »wir haben sogar ein Geräusch aufgenommen, das wir nicht auswerten können.«
   »Hab ich auch gehört«, sagte Oskar müde, »klang anders als ein Schuss auf Glas.«
   »Wie bitte?«
   »Na ja, eher schwächer und trotzdem wie eine metallische Kugel.«
   »Sagen Sie das noch einmal!«
   »Metallische Kugel?«
   Der Amerikaner lachte plötzlich. Es klang erleichtert. »Mann! Mann! Mann!«, stieß er immer wieder hervor.
   Oskar ließ die Schultern hängen.
   »Hab ich was Falsches gesagt – und wann kann ich endlich nach Hause?«
   »Ich lasse Ihnen ein Taxi rufen.«, Longhurst wollte nach dem Telefonhörer greifen. Im gleichen Augenblick klingelte es. Der Experte der National Security Agency zuckte kaum merklich zusammen, dann nahm er ab. »Ja?«
   Er blieb fast eine Minute mit dem Hörer am Ohr stehen.
   »Danke, Herr Benthin«, sagte er schließlich, »wir wussten bereits, dass heute Nacht Krawalle geplant sind.«
   Er warf einen Seitenblick auf Oskar. »Nein«, sagte er dann gedehnt, »über die Art des Geschosses ist noch nichts bekannt. Es muss sehr langsam gewesen sein. Vielleicht eine Art Roulettekugel. Major Evelyn Morris wurde am Hals erwischt, ehe das eigenartige Geschoss ihren Vorgesetzten traf. Sie wurde inzwischen in unser eigenes Hospital verlegt.«
   Er legte den Hörer auf und blickte Wuttke nachdenklich an. »Eins verstehe ich nicht. Wieso hat der deutsche Notarzt nicht angeordnet, Jackson und Morris in ein näheres deutsches Krankenhaus zu fahren?«
   Wuttke schloss die Augen. »Weil ich gesagt habe, dass die beiden amerikanische Offiziere waren. Für mich gibt es klare Vorschriften.«
   Longhurst schüttelte eine Zigarette halb aus seiner Packung und bot sie ihm an.
   Oskar nahm sie. »Danke.« Er wartete, bis ihm der Major Feuer gegeben hatte.
   »Ich … ich hatte einen Schock.«
   Longhurst kam dicht an Wuttkes Gesicht. »Nein, Wuttke!«, flüsterte er, »Sie hatten Angst! Angst vor uns und unseren eigenen Vorschriften! Und das nach all den Jahren, die Sie für uns arbeiten?«
   »Ich bin doch nicht schuld.« Oskar stöhnte. Doch dann nickte er langsam. In seinen Augen flackerte es. Er schluckte trocken und zitterte am ganzen Körper.

Out Pub, 23.30 Uhr

Die Kneipe befand sich an einer unbelebten Straße südlich des Anhalter-Güterbahnhofs. Seit Kriegsende passierte kaum noch etwas auf dem riesigen Reichsbahngelände mit seinen rostenden Schienensträngen, langsam zerfallenden Stellwerken und wild wucherndem Unterholz. Ein Stück Niemandsland mitten in West-Berlin. Hier konnten Öko-Freaks Pflanzen zwischen den Gleisen entdecken, die es sonst in Westeuropa nicht gab. Und doch war die Gegend rund um das verlassene Gelände nicht tot!
   Im Café Kaputt auf der Kreuzberger Seite der Monumentenbrücke kündigten pausenlos Aktionskomitees Widerstand gegen Imperialisten in aller Welt an, und im Out Pub war nach zehn Uhr abends kaum noch ein Stehplatz zu bekommen.
   Die Räume der Kneipe wirkten wie ein bis zur Decke vollgestopfter Trödelladen. Jugendstilposter, Kutscherlampen und Hunderte von verstaubten Schätzen aus irgendwelchen Entrümpelungen ließen kaum noch etwas von der schwarzbraunen Tapete frei. Der Out Pub war ein Geheimtipp unter den vielen ähnlich verwahrlost wirkenden Kneipen in West-Berlin.
   Der Wirt trug jahraus, jahrein einen ledernen Hut mit breitem Rand, eine ausgefranste Cowboyweste und ein Halstuch von undefinierbarer Farbe. Er zapfte ein Bier nach dem anderen, bediente in zwei Räumen gleichzeitig und brachte zwischendurch auch noch Gulaschsuppen und Pellkartoffeln mit Quark aus einer kleinen Küche.
   Er sah nicht einmal auf, als sich ein etwa dreißig Jahre alter, hochgewachsener Mann mit welligem Haar und einem offen getragenen Kamelhaarmantel nach vom drängte. »Eh, Karl!«, rief er durch den Kneipenlärm. »Hast du zwei Kilo da?«
   Nichts deutete darauf hin, ob der Wirt die Frage überhaupt wahrgenommen hatte. Er strich Schaum von einem Dutzend Biergläser. »Nur grauen«, sagte er, als er bei dem Mann vorbeiging. »Die Polen liefern zu schlecht.«
   »Wie viel?«
   »Fünfhundert die Dose.«
   »Okay, Kaviar muss sein! Gib mir zwei Eimer mit.«
   »Hach, herrlich … graue Eier!«, kicherte ein dürrer Transvestit. Er hatte sanfte Augen mit langen Wimpern. Sein lackschwarzes Haar war in der Mitte gescheitelt. »Und gleich so viele!«, fügte er mit einem theatralischen Seufzer hinzu.
   Der Wirt schob ihn zur Seite. Er ging durch eine Schwingtür in einen hellen, sauber gekachelten Raum, in dem Küchenmaschinen aus Chromstahl und mehrere Mikrowellenherde standen. Hier war die andere Seele des Wirtes zu Hause. Und nur sehr wenige Stammgäste des Out Pub wussten, dass Karl Pilarcyk, der Schmuddelcowboy und Millionär, der Kaviarhändler und Freund von altem Trödel, noch eine ganze Reihe weiterer Interessen hatte. Er kam mit einer Plastiktüte aus seiner Küche zurück, als eine Gruppe neuer Gäste ins überfüllte Out Pub drängte.
   »Jetzt hat’s doch tatsächlich einen Ami erwischt … mitten auf dem Ku’damm.«
   »Ami ist nicht schlimm«, sagte der Transvestit und seufzte. »Tamilen sind viel zärtlicher.«
   Der Wirt reichte den Kaviar in der Plastiktüte an den Mann im Kamelhaarmantel. Er sah sich kurz nach allen Seiten um. »Die Püster sind in der unteren Büchse … aber pass bloß auf, Lutz! Kann sein, dass die Bullen heute Nacht verrückt spielen«, sagte er, ohne die Lippen zu bewegen.
   »Wegen des Attentats? Damit haben wir nichts zu tun.«
   »Der Mann ist tot … und er war Amerikaner! Das allein zählt im Augenblick.«
   »Und wisst ihr, wen sie da umgelegt haben?«, rief einer der Neuankömmlinge. »Es soll der Presseoffizier der Amis gewesen sein!«
   Der Mann im Kamelhaarmantel wurde plötzlich blass. »Scheiße.«
   »Tja, Lutz«, sagte Pilarcyk trocken. Er ging hinter den Tresen und schenkte neue Biere ein. »Jetzt kannst du deinen Film vergessen. Oder glaubst du ernsthaft, dass die Amis nach diesem Zwischenfall noch bereit sind, für dich Komparserie zu spielen?«
   »Das wird sich herausstellen«, sagte der Mann im Kamelhaarmantel unwirsch. »Ich habe einen glasklaren Vertrag mit Hollywood. Für die Genehmigungen und für die Schauspieler ist Sam de Luca verantwortlich. Meine Cinemondial stellt nur die Technik und die deutschen Mitarbeiter.«
   »An deiner Stelle würde ich lieber gleich mit Major Longhurst sprechen«, meinte der Wirt und schleppte ein Tablett mit gefüllten Biergläsern in den Lärm.
   Der Mann im Kamelhaarmantel starrte schweigend vor sich hin. Dann griff er nach der Tragetüte mit ihrem kiloschweren Inhalt und drängte sich bis in den schwarz gestrichenen Gang zu den Toiletten.
   Er erreichte das alte Münztelefon an der Wand. Jemand hatte zwischen all die alten und neuen Plakatdekorationen mit weißer Kreide ein Zitat an die Wand geschrieben. Hiermit schaffe ich das Asylrecht wegen Missbrauchs ab. Tiberius Nero Caesar (42 v. Chr. - 37 n. Chr.). Darunter stand wie mit einem Nagel in die Wand gekratzt: Alle Schweine von der Arminius-Front zum Schlachten! Ein Türke, geboren in Berlin.
   Der Mann im Kamelhaarmantel leckte sich über seine trocken gewordenen Lippen. Es gab Augenblicke, in denen er daran zweifelte, ob es sich noch lohnte, in Berlin zu leben und zu arbeiten. Irgendwie wurde ihm die Stadt langsam zu riskant.
   Er merkte, dass seine Finger zitterten, als er eine Nummer wählte, die nicht im Telefonbuch stand. Er drückte zwei Groschen in die altmodische Mechanik und wartete ungeduldig.
   »Gesellschaft für Lizenz-Transfer, guten Morgen«, sagte eine angenehme Frauenstimme.
   Der Mann sah auf seine Armbanduhr. Es war bereits nach Mitternacht. »Steinberg, Cinemondial Filmproduktion. Kann ich Herb noch erreichen?«
   »Mr. Longhurst ist in einer Besprechung.«
   Beinahe hätte er, kann ich mir denken, gesagt, aber dann bremste er sich gerade noch. »Ich brauche ihn nur kurz. Er muss entscheiden, ob wir eine bestimmte Filmszene heute Nacht drehen sollen oder nicht.«
   »Moment, ich verbinde.« Sie ging mit keinem Wort auf die späte Stunde des Anrufs ein.
   Dort, wo sie und Herb Longhurst tätig waren, gab es noch nie einen Achtstundentag. Rund um die Uhr geöffnet, wie Berlin überall prahlte.

Sonntag, 31. Mai 1987, Hotel Schweizerhof

Da war er also. Das Hotelzimmer wirkte kleiner als alles, was er in den vergangenen Jahren bewohnt hatte. Bis auf das Säuseln der Klimaanlage und das Rauschen gelegentlich vorbeifahrender Autos war kaum etwas zu hören.
   Peter Mondale hatte geduscht, eine Büchse Bier aus der Minibar genommen und sich nur mit einem weißen Badetuch bekleidet auf das breite Bett gelegt. Bereits nach wenigen Minuten stand er wieder auf und warf die leere Dose in den Papierkorb. Aus dem kleineren seiner beiden Koffer nahm er einen Stadtplan von Berlin, den ihm Sam de Luca zusammen mit anderen Unterlagen übergeben hatte. Für einen winzigen Moment zögerte er, dann lachte er grimmig.
   Der Plan bestand aus einem Stapel einzelner Papierblätter. In der linken Hälfte jeder Seite war ein schwarzer, zehn Zentimeter breiter Streifen aufgedruckt, der den Rahmen für jeweils vier Luftaufnahmen untereinander bildete. Das war das Besondere an diesem Plan. Er zeigte keine schematischen Straßendarstellungen, sondern Fotos im Maßstab 1:1000.
   Rechts neben den Bildern waren in sechs Farben winzige Textblöcke mit detaillierten Beschreibungen jedes Bildes gedruckt. Peter sah sofort, dass in vielen Fotos eine bestimmte Struktur, beinahe identisch wiederkehrte. Ein hohler Schmerz zuckte durch seinen Rücken. Dieses verdammte Menetekel! Er hasste The Wall, den die Deutschen im kommunistischen Teil Deutschlands antifaschistischen Schutzwall nannten, die anderen aber gleich Schandmauer.
   Die 165,7 Kilometer lange Konstruktion aus Hohlblocksteinen, Betonplatten, Drainagerohren in dreieinhalb Meter Höhe samt Vorfeld aus Gräben, Zäunen, Kolonnenwegen, aus Stacheldraht, Panzersperren, Wachtürmen und Bunkerkuppeln sollte die eigentliche Hauptrolle in de Lucas Film spielen. Die Mauer – das war nicht einfach eine Betonsperre, sondern ein tief gestaffeltes Verteidigungssystem, das von Ost nach West immer raffinierter wurde und schließlich dort aufhörte, wo die graue Wand noch auf Ostterrain den letzten Abschluss bildete. Auf der westlichen Seite reichten manchmal private Schrebergärten bis in das Niemandsland davor.
   Kinder warfen ihre Bälle gegen den Rand ihrer Welt, an manchen Stellen hatte Farbe aus westlichen Discountläden das kommunistische Grau zumindest ansehnlicher gemacht, und überall verkündeten Graffiti aus Sprühdosen Überzeugungen, Weltanschauungen oder lustvollen Nonsens.
   Peter wunderte sich, wie genau de Lucas Hollywood-Laden die in einem Film sichtbaren Einzelheiten recherchiert hatte. Einiges war anders, als er es in Erinnerung hatte, aber die meisten Fakten in der schwarzen Arbeitskladde schienen zu stimmen. Er fragte sich, warum er noch nie von einem Film gehört hatte, der das Ende der DDR und die letzten Tage dieser Mauer zum Thema hatte. Es musste doch Pläne geben, zumindest in Washington, im Pentagon, bei der CIA oder der NSA.
   Eroberungen und die Überwindung von Bollwerken waren uralte Themen Hollywoods. Die meisten Western lebten von Angriff und Verteidigung. Kein Regisseur der alten Schule, der nicht genüsslich mit der Zunge schnalzte, wenn es um Mauern von Jericho, historische Burgeroberungen oder die Invasion der Amerikaner an irgendwelchen Küsten ging.
   »Geh nirgends rein, ohne zu planen, wie du da wieder rauskommst«, murmelte er wie auswendig gelernt. Kein Clausewitz, aber das oberste Gesetz für jeden Angriff und jede gute Filmstory. Nur die Zerstörung dieses beklemmenden Monstrums mitten durch Berlin schien mehr als fünfundzwanzig Jahre lang ein Tabu gewesen zu sein. Oder doch nicht, aber die ganze Zeit streng geheim? Selbst wenn es so war, was hatte Paul Aster mit all dem Mist zu tun?
   Peter packte seine Unterlagen wieder in den Koffer und öffnete die Minibar. Er kannte die innere Anspannung am Abend vor einem Drehbeginn. Normalerweise ging er in solchen Augenblicken noch einmal alle Punkte durch, die schiefgehen konnten. Er hatte sich in den vergangenen Jahren angewöhnt, Stichworte aufzuschreiben und hinter jedem zwei Lösungsmöglichkeiten anzugeben. Eine für den Fall, dass der Kameramann besoffen, die Hauptdarstellerin verliebt oder der Himmel wolkenverhangen war. Die andere für das fast immer unwahrscheinliche Ereignis, dass er es nur mit Profis zu tun hatte.
   Diesmal konnte er überhaupt nichts planen. Verrückt! Wie kann man sich auf einen derartigen Schwachsinn einlassen?
   Was eigentlich ging ihn de Lucas Film an? Und was, zum Teufel, konnte er nach mehr als fünf Jahren von Paul Aster noch wollen? Rache, Genugtuung? Wofür eigentlich? Dafür, dass der ihn verraten, belogen und so gut wie tot an der Mauer liegen gelassen hatte?
   Er stellte die Bierbüchse in die Minibar zurück. Kurz entschlossen ließ er das Badetuch fallen und zog sich an. Gleichzeitig spürte er wieder diese beinahe erotische Energie in sich, die ihn immer dann durchströmte, wenn er an einem neuen, fremden Drehort ankam.
   Noch war Berlin nichts als eine dunkle, böse Erinnerung für ihn. Eine fremde, abweisende und bedrohliche Stadt mit einem Haufen Menschen, mit denen er nichts zu tun haben wollte. Mit Russen und ehemaligen Nazis, bornierten Krauts und dummen Schwätzern.
   Aber nun war Berlin seine Kulisse. Er hatte sich entschlossen, de Lucas Film zu machen, weil die Schildkröte ihm garantiert hatte, dass es wirklich sein Film werden sollte, und nicht nur das Finale von Paul Asters Vorarbeiten.
   Natürlich hatte er noch einen zweiten Grund für seine Entscheidung. Er war kein Killer, aber wenn er durch den Film an Paul herankommen konnte, würde er ihm sehr deutlich klarmachen, was es bedeutete, neben der Mauer zwischen Ost und West auf den eigenen Tod zu warten, während alle anderen hinter der unsichtbaren Demarkationslinie nur dastanden und gafften. Nein, er war nie ein Killer-Typ gewesen, aber die DESCO hatte ihn gelehrt, wie man Feinde vernichten konnte, ohne sie zu berühren.
   Was hatte Paul Aster seit der misslungenen Provokation an der Mauer eigentlich gemacht? Den toten Schießoffizier aus der Rose Range in Wannsee hatte das Ministerium des Innern in Ost-Berlin einfach verschwinden lassen. Und er als tatsächlich angeschossener amerikanischer Offizier war zeitgleich und ebenso heimlich in die Staaten zurückgebracht worden.

Wittenbergplatz, 2.10 Uhr

Schneller als er gedacht hatte, geriet Peter Mondale in eine filmreife Szene. Während seiner DESCO-Zeit hatte er Hunderte von Filmen von uniformierten und zivilen Kameramännern zu sehen bekommen. Was dort gedreht und auf den Schneidetischen noch manipuliert worden war, hatte fast immer echter als jede Realität ausgesehen. Trotzdem waren alles nur Kopien gewesen – Beschreibungen bereits vergangener Wirklichkeiten, aber nicht die Wirklichkeit selbst im Augenblick ihres unsicheren und unkalkulierbaren Entstehens.
   Er stand im Eingang eines kleinen Reisebüros zwischen dem Wittenbergplatz und dem dreieckigen Glasturm des Dorland-Hauses. Von seinem Platz aus konnte er den massiv wirkenden Häuserblock des berühmten KaDeWe sehen. Es war ein eigenartiges Gefühl, denn plötzlich erinnerte er sich, dass seine Eltern ab und zu das Kaufhaus des Westens erwähnt hatten. Er war noch keine zehn Jahre alt gewesen, als sein Vater und seine Mutter, die beide an der Yale University lehrten, bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Und erst bei seiner Entlassung vom Waisenhaus in die Army hatte er erfahren, dass seine Eltern vor dem Krieg in Berlin gelebt hatten. Ihr Name war Mandell gewesen …
   Inzwischen brandete wieder eine Art gespenstisch wirkender Krieg über die breiten Straßenhälften. Im Zucken rotierender Blaulichter auf Dutzenden von Polizeifahrzeugen rannten immer wieder kleine Gruppen von Menschen kreuz und quer über die leeren Plätze. Sobald eine der Gruppen auftauchte, lösten sich aus den Häuserschatten Männer mit Helmen, Uniformen und durchsichtigen Schutzschilden.
   Bündel von Lichtfingern suchten wie Volksausgaben von früheren Flakscheinwerfern ihre Ziele. Sie trafen sich an brennenden, umgestürzten Autos, strichen durch Qualmwolken und hoppelten als weiße Lichtquallen über entfernte Fassadenverzierungen.
   Der Offizier in Peter Mondale analysierte die Techniken von Ausfall, Angriff und Gegenattacke. Der Drehbuchautor in ihm merkte sich Lichtführungen und mögliche Kameraeinstellungen. Beide Teile seiner Persönlichkeit waren fasziniert von der Automatik, mit der alles ablief. Wie bei einem Krieg unter Ameisen.
   Er starrte auf die mehrere Hundert Meter große Bühne, auf der ein Schauspiel wie in einer Mischung aus Götterdämmerung und Pink Floyd ablief.
   Lautsprecher, die er nicht sehen konnte, warfen in unregelmäßigen Abständen Wortgruppen in die Nacht. Sie verhallten auf den leeren Plätzen. Dann, unerwartet, eine junge, blechern klingende Megafonstimme. Gleich darauf explodierende Flaschen unmittelbar vor einer Wagenburg aus dunkelblauen, an den Fenstern vergitterten Transportfahrzeugen der Bereitschaftspolizei.
   Es gab auch weiß-grüne Fahrzeuge. Sie waren an anderen, strategisch wichtigen Stellen platziert. Peter versuchte, das System des beklemmend wirkenden Schattenkampfes zu verstehen. Schräg vor ihm gingen beherzte Polizisten mit Feuerlöschern gegen brennende Benzinlachen neben ihren Fahrzeugen vor. Gleichzeitig prasselte aus einer bisher ruhigen Ecke ein Schwarm leuchtender Glühwürmchen gegen die Mauern des tempelartigen Gebäudes, in dem sich die Eingänge zur U-Bahn-Station befanden. Es sah so aus, als würden alle Seiten irgendein Ablenkungsmanöver versuchen.
   Peter registrierte alles, was er sah. Vielleicht war es das, was die Wirklichkeit so anders machte. Niemand wusste, was geschehen würde. Selbst die Beteiligten in der Nähe ihrer blau zuckenden Signalzeichen schienen darauf zu warten.
   Weitere Polizeieinheiten rückten näher. Ein zwanzig Mann starker Trupp rannte über den Wittenbergplatz in Richtung KaDeWe. Aus der Tauentzienstraße näherte sich ein Löschzug der Feuerwehr mit roten Wagen und Blaulicht, aber ohne eingeschaltete Sirenen.
   Peter lief geduckt ein paar Schritte nach vorn. Er näherte sich einer Gruppe von älteren Männern. Sie sahen aus, als wären sie eben erst aus einem Nachtclub gekommen. Weiter vorn dehnte die Polizei die Absperrung immer weiter aus. Ein Wasserwerfer kam wie ein Tankungetüm aus dem Ersten Weltkrieg aus einer Nebenstraße. Aus der gesenkten Mündung der Wasserkanone plätscherte ein dünnes Rinnsal wie aus einem zerplatzten Gartenschlauch auf die Straße.
   Peter versuchte, etwas von der Unterhaltung der Männer vor ihm zu verstehen. Sie redeten französisch, eine Sprache, die er nicht verstand. Dafür schienen zwei junge Leute daneben mehr zu wissen.
   »Entschuldigen Sie«, sagte Peter, »wissen Sie, worauf die Leute hier warten?«
   »Auf das Gleiche wie Sie!«
   »Ich bin nicht von hier.«
   »Amerikaner?«
   Peter zögerte, bevor er nickte.
   »Dann bestellen Sie Ihrem Präsidenten, dass er hier endlich durchgreifen lassen soll. Die Bullen haben doch alle die Hosen voll.«
   Peter schüttelte unwillkürlich den Kopf. Einen Film mit solchen Irren? Er war noch keine fünf Stunden am vorgesehenen Drehort. Trotzdem kam ihm der Plan schon fast so irreal vor wie ein Unterwasserfilm auf dem Mond.
   »Wenn die nicht bald aufräumen, stürmt die Arminius-Front noch das KaDeWe«, schimpfte der Jüngere der beiden.
   »Wer ist die Arminius-Front?«
   »Na, unsere neue Bürgerwehr … die anständigen Berliner.«
   »So eine Art Ku-Klux-Klan«, erklärte der andere. »Schutz gegen Überfremdung, Linke und Entspannungsheinis.«
   »Okay … genug jetzt!«, unterbrach der Ältere. Sie ließen ihn am Straßenrand zurück.
   Er sah auf seine Armbanduhr. Bereits 3.15 Uhr. Nachdenklich ging er die paar Hundert Meter durch leere Straßen zu seinem Hotel zurück. Von einer Arminius-Front hatte nichts in de Lucas schwarzer Kladde gestanden.

Off-Ku‘damm, 0.15 Uhr

»Wenn das keinen Ärger gibt, will ich die längste Zeit Pianeur gewesen sein«, verkündete Dr. Michael Wolgast mit einer Stimme, die nach preußischem Kasernenhof klingen sollte. Er hob eine Whisky-Flasche und nahm einen Mundvoll. »Presseoffizier angeschossen«, sagte er nach einem nicht gelungenen Schluck, »Vorgesetzter pflichtgemäß vorab verreckt, zack, zack! Berlin tut gut, Mister President … wieder mal exzellente Frontstadtstimmung! Er lachte heiser und versoffen.
   »Mensch Mischa! Kannst du nicht endlich mit deinen dummen Witzen aufhören!«, schimpfte Karin Lepsius. »Du bist wieder voll bis zum Stehkragen!«
   »Anerkenne voll … verbitte mir Stehkragen«, gröhlte Wolgast. Er stand mit einer halb geleerten Flasche Cutty Sark in der Hand vor der Sitzecke des riesigen, kaum möblierten Raumes. Es war das sogenannte Berliner Zimmer einer Altbauwohnung im zweiten Stock eines Häuserblocks in der Mommsenstraße. In diesem Teil von Charlottenburg hatte sich kaum etwas verändert. Hier hatten die Wohnungen zur baumbestandenen Straße hin noch alte Balkone und Gardinen hinter den Fenstern.
   Karin bewohnte nach dem Auszug ihrer Schwester allein die sechs Zimmer, von denen schon der Eckraum gut vierzig Quadratmeter groß war. Signierte Siebdrucke unter Glas hingen an langen Drähten an den weißen Wänden. Die Stuckdecke war von den Schwestern eigenhändig restauriert worden. Sie hatten auch den alten Parkettfußboden blank geschliffen und neu versiegelt. Vor den Fenstern standen zwei große, feinblättrige Zimmerpalmen. An der Wand daneben befand sich ein Regal aus würfelförmig zusammengesteckten Glasplatten mit Schalen, einigen Silberdosen, Kunstmappen und einer Mini-Stereoanlage. Die Platten dazu lagen auf dem Boden.
   Wolgast wankte über den wertvollen Chinateppich.
   Karin warf ihrer halb versöhnten Schwester einen resignierenden Blick zu, doch Andrea befasste sich intensiv mit einem weiteren Gast.
   Er war ungefähr achtundzwanzig, blond, und hatte einen teuren Flanellanzug an. »Man soll auf Kaviar eben keinen schottischen Landwein trinken«, sagte er abfällig.
   In diesem Moment hörte die Musik auf. Obwohl er leise gesprochen hatte, hatte Mischa die Bemerkung mitbekommen. Noch immer die Whisky-Flasche in der Hand drehte er sich um. Seine dunklen Haare waren zerwühlt. Sie hingen ihm wie bei einem Mittelscheitel rechts und links über die Schläfen.
   »Scheiß-Kaviar!«, er rülpste, »ich hasse dekadente Fischeier. Besonders, wenn sie von dir stammen, Steinberg.«
   »Hör auf, Mischa!«, rief Karin.
   »Lass ihn doch«, wehrte Lutz Steinberg ab. Er hing mit Andrea in den weichen Polstern und lachte. »Wahnsinn!«, sagte er dann gepresst, »alles Wahnsinn hier.« Er setzte die Flasche an die Lippen, trank wie ein Verdurstender und wischte sich mit dem Handrücken die Lippen ab. Diesmal bekam er einen Schluckauf. Er versuchte vergeblich, ihn zu unterdrücken.
   »Soll ich euch mal was sagen … hick? Ich packe meine Klamotten und verschwinde hier. Fahrradverleih in … hick … Südfrankreich. Das ist das einzig Wahre.
   »Warum nicht gleich Kängurus in Australien züchten?«
   Mischa verzog das Gesicht. »Weil es davon schon genug gibt.«
   Er kam nicht weiter. Anstelle einer Türklingel zwitscherte in den vorderen Räumen eine Vogelimitation.
   Karin fand das Ding fürchterlich, aber Andrea bestand darauf, dass sie mit dem geerbten halben Wohnrecht auch die Zwitscherklingel ab und zu einschalten durfte, zum Beispiel bei Partys.
   Karin stand auf. »Stell doch bitte die Flasche weg«, sagte sie zu Mischa, »muss ja nicht jeder sehen, wie abgefüllt du schon wieder bist.«
   »Ha! Da kennt mich jeder aber schlecht. Das machen nur diese verdammten dekadenten Fischeier.«
   Er protestierte noch eine Weile, während Karin durch das Speisezimmer in den Korridor ging. Sie hatte alle Lichter angelassen.
   »Hi Rolli, hi Pastore, hi Siegfried«, rief sie, als sie die Gruppe vor der Tür erkannte. »Wo habt ihr euch denn so lang rumgetrieben?«
   Drei Endzwanziger und zwei Frauen in ihrem Alter betraten den Korridor. Küsschen hier, Küsschen da, Umarmungen und trotzdem eine merkwürdige nüchterne Stimmung bei den neu Angekommenen.
   »Was ist los?« Karin strich sich eine weiche Haarsträhne aus der Stirn und rückte die Kamee an ihrer Bluse wieder gerade.
   »Erst mal was zu trinken«, sagte Rolf-Arno Zoller, ein stämmiger Naturbursche mit Rauschebart. Er trug einen bis zu den Waden reichenden kaftanartigen Mantel mit bunten Stickereien, der über der dicht behaarten Brust halb offen stand. Ohne sich um die anderen zu kümmern, marschierte er mit kurzen, entschlossenen Schritten zum Kühlschrank in der mit alten Kacheln verzierten Küche. »Mein Gott, hab ich einen Durst!«, sagte er und stöhnte, was ihn aber nicht davon abhielt, die durchsichtige Küchenfolie von einer Silberplatte mit Häppchen abzuheben.
   »Wisst ihr eigentlich, wie spät es ist?«, fragte Lutz Steinberg, als die anderen das Berliner Zimmer betraten.
   »Halb eins, warum?«, fragte ein schlanker, leidend und müde wirkender Priestertyp. Er sah nicht nur so aus wie ein engagierter Jesuit, sondern hieß auch noch Pastore Gamba. Von Beruf war er Aufnahmeleiter beim FIAS, dem aus dem RIAS hervorgegangenen Fernsehen im amerikanischen Sektor von West-Berlin. Ursprünglich war er bei SAT 1 gewesen.
   »Reg dich nicht auf, Großer!«, meinte der Dritte der Männer. Er hatte ein breites, rosiges Gesicht, trug eine Brille mit Goldrand und ebenfalls einen grauen Flanellanzug zu einem weißen Rollkragenpulli.
   Obwohl sie alle bis auf den Doktor nicht schlecht in ihren Jobs verdienten, galt Siegfried Delling als einer der attraktivsten Junggesellen der Off-Ku’damm-Schickeria. Noch vor wenigen Jahren war er Vertreter für amerikanische Elektronikbauteile gewesen; zuerst Transistoren, dann integrierte Schaltkreise und Ähnliches. Eines Tages hatte er die Lieferantenadressen und die Kundenkartei seines Arbeitgebers fotokopiert. Es fügte sich, dass der Senat von Berlin zur gleichen Zeit nach einem Nachfolger für eine marode Familienfirma gesucht hatte, in der fast drei Generationen feinmechanische und optische Präzisionsgeräte hergestellt worden waren.
   Die drohende Pleite und der Verlust von hundertzwanzig Arbeitsplätzen standen auf der einen Seite. Auf der anderen ein dynamischer Hamburger, der gern Jungunternehmer werden wollte.
   Kurzum, Tricky Siggi hatte seine Firma in Berlin bekommen. Wozu sonst gab es schließlich das Berlin-Förderungs-Gesetz.
   Der Bärtige kam kauend aus der Küche. »Ausgezeichnete Gummibrötchen.«
   »Typisch Rolli«, sagte Andrea und lachte. »Zuerst das Fressen und dann die Moral.«
   »Spar dir deinen Brecht für die linken Professoren!«
   »Ich bin an der HdK und nicht an der FU.«
   »Meinetwegen«, sagte Rolf-Arno Zoller. Er ging durch den großen Raum zur Stereoanlage und legte eine neue Platte auf. Im Augenblick war die Berliner Gruppe NOTOPFER in. Sie hatten die alten Kabaretttexte der Insulaner ausgegraben und verrockt.
   »Ihr habt immer noch nicht gesagt, warum ihr erst jetzt kommt«, sagte Lutz Steinberg. »Ich habe jede Menge Kaviar organisiert und dann lasst ihr uns einfach hängen.«
   »Habt ihr die Abendschau nicht gesehen?«, fragte Zoller ironisch.
   »Hör bloß auf!«, protestierte Karin.
   »Nein, jetzt mal ernsthaft! Wisst ihr wirklich nicht, was draußen los ist?«
   Steinberg und Mischa Wolgast blickten gleichzeitig zu Andrea.
   Ihre großen Augen flackerten. Sie sah Hilfe suchend zu ihrer Schwester, doch Karin senkte den Kopf.
   »Das wird die Nacht der Nächte!«, behauptete Rolli Zoller ahnungsvoll. Die beiden jungen Frauen, die mit ihm gekommen waren, hatten sich im hinteren Bad der Wohnung frisch gemacht. Sie gesellten sich wieder zu den anderen.
   »Seid ihr immer noch dabei?«, fragte die Kleinere und Apartere der beiden. Sie hatte eine sehr helle Haut, schwarze Augen und ebenso schwarze Haare. Auf den ersten Blick hätte sie als Spanierin oder Süditalienerin gelten können. Nur wenige wussten, dass die Chefredakteurin der türkischen Zeitung Rixdorf Postasi bis zu ihrem zwölften Jahr Analphabetin gewesen war. Özay Steinberg hatte erst in Berlin lesen und schreiben gelernt.
   Obwohl sie seit zwei Jahren von Lutz Steinberg geschieden war, begegneten sie sich notgedrungen immer wieder. Die Stadt war zu eng, um einander auszuweichen, wenn man in den gleichen Kreisen verkehren musste.
   »Komm, Jelena«, sagte Özay. Sie nahm ihre Begleiterin am Arm.
   Karin rutschte zur Seite und machte ihnen Platz.
   »Jelena kommt aus Polen«, sagte Özay. Lutz hatte die rassige, aber schüchterne Polin aufgrund einer kurzen Fernsehausstrahlung für seinen Film engagiert. Sie gehörte zur Gruppe, die das fünfzigste LOT-Flugzeug nach Berlin-Tempelhof entführt hatte.
   »Wir hätten uns deine Mäuse sparen können«, sagte Toller unvermittelt. »Die ganze Innenstadt kocht. Überall fliegen Steine und Mollies. Diesmal ohne Anheizer.«
   »Warum bist du denn nicht dabei?«, fragte Steinberg verärgert.
   »Wir haben drei freie Kamerateams unterwegs. Die drehen alles, was sie kriegen können … auf eigenes Risiko.«
   »Schrecklich!«, sagte Karin. Diesmal sah sie ihre Schwester an. »Mir ist schlecht.«
   Andrea löste sich von Lutz Steinberg. Sie sah plötzlich sehr blass aus.
   »Einmal musste das ja kommen«, meinte Delling. Er hatte ziemlich viel in den Film investiert. »Hoffentlich spielen jetzt die Alliierten nicht verrückt«, er schüttelte den Kopf. »wisst ihr eigentlich, dass es in dieser Stadt immer noch die Todesstrafe gibt? Und eine Guillotine im Gefängnis Moabit? Ich sage nur Kellerraum null/dreizehn.« Er lachte leise vor sich hin.
   »Das gute Stück ist prima eingefettet. Bei Mord an einem Ami-Offizier könnte es jederzeit wieder zack, Kopf ab, heißen!«
   »Ist das … wahr?«, fragte Karin erschrocken.
   »Und ob das wahr ist! Wenn es um die Interessen der ehemaligen Besatzungsmächte geht, ist Berlin deren Territorium und nicht unseres«, stellte Delling fest.
   »Aber wir sind doch Deutsche … mit einer eigenen Verfassung und … und Gesetzen.«
   »Und immer noch mit einem behelfsmäßigen Personalausweis.«
   »Auf die Sieger!«, lallte Mischa Wolgast. »Jetzt will ich doch noch Kaviar … hick! Und wenn‘s der Letzte ist.«
   Er ließ die Nadel des Plattenspielers auf eine alte Sammlerplatte fallen. Kratzend dröhnte eine vor dreißig Jahren berühmt gewesene Kabarett-Nummer aus den Lautsprechern. Der Insulaner verliert die Ruhe nicht.
   »Na bitte«, sagte Siegfried Meyer-Delling sarkastisch.

Berlin, Sonntagmorgen

Als die dicken Sonntagszeitungen überall in Berlin aus den Briefkästen und von den Treppenstufen geholt wurden, hatte für die meisten Zeitungsredakteure längst ihr freier Tag begonnen. Wer in der Nacht zum Sonntag kein Radio eingeschaltet hatte, wusste nichts von den Ereignissen der vergangenen Nacht.
   Selbst einige der für die Sicherheit der Stadt Verantwortlichen richteten sich auf einen gemütlichen Sonntag ein. Nur in der unmittelbaren Umgebung des Soldatensenders AFN im Süden der Stadt lief seit den frühen Morgenstunden ein Sonderprogramm. Anders als üblich war Starmoderator Rick DeLisle schon vor dem Frühstück on air.
   Die Amerikaner hatten eine absolute Nachrichtensperre verhängt. Trotzdem wollten Journalisten im Springer-Hochhaus von eingeweihten Kreisen gehört haben, dass die Bannmeilenverordnung um alle alliierten Einrichtungen und Gebäude in Kraft gesetzt werden sollte. Damit wären nicht nur wichtige Straßenzüge, sondern halbe Stadtteile paralysiert worden. Tatsächlich ließ sich General Eric Loveday, der Oberbefehlshaber von West-Berlin erst in einem Telefonat mit dem neuen Regierenden Bürgermeister umstimmen. Er handelte damit gegen eine verbindliche Anweisung des amerikanischen Botschafters in Bonn.
   Das aber erfuhr nicht einmal Hermann Vesting. Nach dem Rückzug der englischen und französischen Truppen aus Berlin im Winter 1986/87 war die Rechtslage noch komplizierter geworden als in den vierzig Jahren davor. Denn nach wie vor beanspruchten alle vier Siegermächte ihren Teil von Berlin, auch wenn der jeweilige amerikanische Stadtkommandant kommissarisch für die zurückversetzten englischen und französischen Generäle sprechen durfte.
   Der Tod des amerikanischen Stabsoffiziers war automatisch zu einem dreifachen Angriff auf die westlichen Schutzmächte Berlins geworden. Und das erschwerte jedes logische Vorgehen.

Bernauer Straße, 9.30 Uhr

Peter Mondale ging an rostigen Eisenbahnwaggons und Holzbaracken mit den Kontoren von Kartoffelgroßhändlern vorbei. Die gottverdammte Mauer ließ ihn urplötzlich die Kugel im Rücken wieder spüren. Es roch nach Asphalt, Bratkartoffeln mit Speck und nach Orangen. Die warmen Tage im Mai hatten überall frisches Gras und Birkenblätter an dünnen Zweigen in den Fugen der Betonwand sprießen lassen. Sie brauchten nur wenig Erde. Zwischen den braunen Eisenschienen und den Steinen des alten Kopfsteinpflasters wuchs ebenfalls wildes Grün.
   Hinter einer verwilderten Buschgruppe aus Flieder und Holunder wurde eine weitere Baracke sichtbar. Auf der steinernen Veranda standen sechs Tische mit weiß gestrichenen Klappstühlen. An drei Tischen saßen jeweils vier Männer mit Strickjacken und Pullovern. Einer von ihnen hatte eine grüne Uniformjacke an. Seine Schirmmütze lag auf dem Tisch neben einer Flasche Cola und einer dünnen Zeitung mit großen Schlagzeilen.
   Peter trat über zwei Stufen auf die Veranda, deren Einfriedung durch fachwerkartig angeordnete Eisenbahnschwellen aus Holz gebildet wurde. Er nahm sich einen zusammengeklappten Stuhl. Ein junges Mädchen mit einem weißen Pulli und einem kurzen Lederrock kam aus dem Innenraum der kleinen Kneipe.
   »Bringen Sie mir auch ein Bier, bitte!«
   »Was dazu?«
   Peter sah sie verständnislos an.
   »Na, ob Sie was zum Runterspülen wollen.«
   Peter schüttelte den Kopf. Er lehnte sich zurück und sah über die Köpfe der Männer hinweg. Im Sonnenlicht wirkte die Mauer hinter den Bürobaracken der Kartoffelhandlungen harmlos, fast schon beruhigend. Auf einem schrägen Erdwall, der zu einem Sportstadion auf der anderen Seite gehören musste, hockten zwei olivbraun gekleidete Soldaten unter einem Wachturm. Dort, wo die doppelte Mauer die Straße unterbrach, stand ein Gerüst aus Stahlrohren in touristenfreundlichen Farben mit einer Aussichtsplattform nach drüben.
   Das Gerüst wirkte auf Peter viel obszöner als die Mauer und der Wachturm auf der anderen Seite. In seiner Scheinheiligkeit kam es ihm wie die Tribüne einer politischen Peepshow vor. Für ein paar Augenblicke konnte hier jeder Besucher West-Berlins Ernst und Entrüstung zeigen, ehe die Stadtrundfahrt mit Kneipenbummel weiterging.
   Die Männer am Nebentisch bestellten noch eine Runde Bier mit Korn. Keiner von ihnen schien sich daran zu stören, dass nur einen Steinwurf entfernt Soldaten mit scharf geladenen Maschinenpistolen und Ferngläsern die ganze Zeit herübersahen.
   Sonntag in Deutschland, dachte Peter, mitten in Berlin.
   Davon würde wohl nichts auftauchen in dem Film, den er hier machen sollte.
   Er trank einen Schluck Bier. Es schmeckte bitterer als im Hotel. Ganz in der Nähe mussten die U-Bahnhöfe sein, die in Paul Asters Film eine wichtige Rolle spielten. Einige entscheidende Passagen in seinem Treatment fehlten. Doch nach den Anschlusstexten vermutete Peter, dass es um U-Bahn-Strecken ging, die teilweise durch den Osten und teilweise durch den Westen führten. An einigen Stellen sollten die Züge mit Fahrgästen aus den Westsektoren wie Geisterbahnen ohne Halt durch leere, abgesperrte Bahnhöfe unter dem Ostteil der Stadt rasen.
   Paul hatte die Übergangsstellen als Black Holes – schwarze Löcher markiert. Ähnliche Übergangsschleusen gab es angeblich auch für die über der Erde fahrende S-Bahn. Hier hießen diese Punkte Smuggle Holes – Schmuggellöcher. Die dritte Kategorie von durchlässigen Stellen in den Verteidigungsanlagen der kommunistischen Deutschen waren bei Paul Dirty Holes – schmutzige Löcher. Darunter fielen unterirdische Kanalsysteme, in denen die Abwässer West-Berlins in den Osten strömten, verschüttete und vergessene Bunkersysteme und geheime Fluchtwege der früheren Naziprominenz.
   Peter überlegte, dass es möglich sein müsste, alle Spielszenen in West-Berlin zu drehen. Trotzdem waren Aufnahmen von der anderen Seite aus vorgesehen. Er hatte keine Ahnung, wie Paul sich diesen Teil der Arbeiten vorgestellt hatte. Immerhin waren Hunderte von Statisten erforderlich, die an echten Schauplätzen die Vorbereitungsphase für das Einsickern der Kommunisten nach West-Berlin spielen sollten.
   Schließlich sollte es nicht um eine neue Blockade der Westsektoren gehen, sondern um eine möglichst echte Invasion mit verzweifelten Kampfszenen rund um schwarze Löcher, Schmuggellöcher und schmutzige Löcher.
   Der Film sollte den heldenhaften Kampf der knapp 6600 US-Soldaten um den Brückenkopf der Freiheit dramatisieren. Einen Kampf auf verlorenem Posten mit allem, was zu einem Actionthriller gehörte.
   Peter trank sein Bier aus. Es wurde Zeit für die erste Besprechung mit der Berliner Co-Produktion. Im gleichen Augenblick fiel sein Blick auf die Zeitung neben der Schirmmütze des Polizisten auf dem Tisch.
   Die riesigen Buchstaben des Aufmachers waren nur halb zu erkennen. Direkt darunter neben dem Foto eines brennenden Polizeifahrzeugs erkannte er plötzlich das Gesicht einer Frau. Es war kein Schnappschuss, sondern ein Archivbild im Halbprofil.
   Er starrte auf die Zeitung. Genauso hatte Evelyn Morris damals in der Mojave-Wüste ausgesehen!
   »Das zweite Opfer des brutalen Attentats am Kranzler-Eck«, las er.

Casting
Ost-Berlin, West-Berlin

Der erste schon am Vormittag strahlend schöne Sommersonntag trieb die Berliner in Ost und West gleichermaßen aus Mietskasernen, Hinterhöfen und genormten Wohnblockzellen in die grünen Randbezirke und an die vielen über Berlin verteilten Seen.
   Picknickstühle, Kissen, Decken wurden aus Kellern und aus Schränken geholt. Die Ost-Berliner konnten sogar mit Straßenbahnen und extra zum Jubiläum angeschafften ungarischen Gelenkbussen an den Müggelsee in der DDR kutschiert werden. In West-Berlin endeten die Ausflugstouren spätestens nach dreißig Kilometern an der Mauer.
   Nur die Schrebergärtner und die Villenbesitzer in den feineren Bezirken von Dahlem und Zehlendorf ärgerten sich über den Strom der Ausflügler. Sie zogen sich in ihre Gärten zurück. In den Laubenkolonien wurde gegrillt und kastenweise Bier bereitgestellt, während die Villenbewohner versuchten, sich so gut wie eben möglich vor neugierigen Blicken zu verstecken.
   Selbst die Türken in Kreuzberg wagten sich mit der ganzen Familie aus ihrem Getto. Sie nahmen ihre herausgeputzten Kinder und sogar ihre kopftuchbedeckten Frauen mit.
   Vor einem heruntergekommenen, vierstöckigen Haus in Moabit holte Oskar Wuttke seinen alten, liebevoll gepflegten Mercedes 280 S von einem planierten Trümmergrundstück. Er fuhr dreißig Meter bis zu einer geschlossenen freien Tankstelle, stieg aus und füllte Wasser nach.
   Seine Frau und sein achtjähriger Enkel Stephan unterhielten sich mit einem KOB, wie die Streifenpolizisten in Berlin jetzt hießen. Er war gerade von seinem Revier an der Bernauer Straße zurückgekommen. Im Hochparterre blinzelte Oma Grögern hinter halb zugezogenen Gardinen auf die Straße. Ihr gehörte das Mietshaus. Diesmal brauchte sie nicht in den großen Hohlspiegel vor ihrem Fenster zu sehen, um festzustellen, was auf der Straße geschah.
   Normalerweise registrierte sie jedes Fahrzeug, das zum Fruchthof, zum Fleischmarkt und in die Fabriken auf der anderen Straßenseite fuhr. Jetzt wirkte die Straße beinahe ausgestorben. Sie wartete, bis auch die Familie Wuttke ihr Auto bestiegen hatte, dann schloss sie die Gardinen und schlurfte zu ihrem Fernsehapparat im Wohnzimmer. Sie schaltete das erste Programm des Ostfernsehens ein.
   An Sonntagen wie diesen wurde vielen Berlinern bewusst, dass sie von Mauern umgeben waren. Während der Woche hatte jeder mit sich selbst zu tun, doch jetzt, vor überfüllten Parkplätzen an den Ausflugsrestaurants und im entnervenden Dauerstau auf der Havelchaussee war alles anders. Niemand konnte ausweichen.
   Die Frauen nörgelten und die Männer fluchten immer heftiger. Sie beneideten die Glücklichen, die bereits am Freitagabend über die schnurgerade AVUS und die Kontrollstelle Dreilinden in den Westen entflohen waren. Unter günstigen Bedingungen konnte man in zwei Stunden durch die DDR in Helmstedt sein, zwei Kontrollverzögerungen durch die penible Transitabfertigung der östlichen Grenzschutztruppen bereits eingerechnet.
   Aber nicht jeder West-Berliner besaß ein Wochenendhaus in Westdeutschland. Einige nutzten die Möglichkeit, mit einem Tagesvisum Potsdam, den Spreewald oder die einsamen brandenburgischen Seen zu erreichen. Für die meisten Berliner lohnte sich auch diese Vergünstigung nicht mehr, seit pro Kopf und Tag mehr Ostgeld eingetauscht werden musste, als ein komplettes Mittagessen samt einem zollfreien Einkauf im Intershop kostete.
   Nein, eigentlich gab es nichts Besonderes an diesem schönen Sonntag. In den Gartenrestaurants keuchten Kellner mit schwarzen Hosen, schwarzen Westen und staubigen Schuhen über knirschende Grobsplitwege. Auf riesigen Tabletts wuchteten sie komplette Menüs, Kaffeekännchen, Tassenstapel und Kuchenberge zu den im Freien aufgestellten Tischen. Dabei war nichts elegant oder geruhsam.
   Immer neue Schübe von herandrängenden Gästen warteten darauf, dass irgendwo ein Tisch frei wurde.
   Hier war Mutter Natur längst zu einem Stoßgeschäft verkommen.

Rathaus Schöneberg, 10.00 Uhr

Der Raum 1111 im ersten Stock des Rathauses war über zwei Treppen von der Innenhalle aus zu erreichen. Er lag am Ende einer Galerie, die an drei Seiten des hohen Gewölbes entlangführte.
   Der Regierende Bürgermeister hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Zusammen mit dem Chef der Senatskanzlei, dem Senatssprecher, dem Polizeipräsidenten und dem Senator für Inneres hatte er eine Konferenz nach der anderen absolviert. Er war bei den Amerikanern gewesen, hatte sich in verschiedenen Lagezentralen informiert und war erst vor einer halben Stunde wieder im Rathaus Schöneberg eingetroffen.
   Inzwischen war Hermann Vesting an einem Punkt angekommen, an dem ihm Müdigkeit und Hektik nichts mehr ausmachten.
   Der knapp sechzigjährige, stiernackige Bauernsohn war noch nicht lange in Berlin. Als ehemaliger Gewerkschafter, Landrat in Ostwestfalen und Arbeitsdirektor eines Pudding-Konzerns war Vesting an lange Nachtsitzungen gewöhnt. Trotzdem hatte er sich in Berlin von Anfang an unbehaglich gefühlt.
   Er vermisste die Stille und die ländliche Behäbigkeit seines Hofes im Kalletal. Dort, wo erst Lichtleitungen verlegt worden waren, als in West-Berlin die letzten Straßenbahnen aus dem Verkehr gezogen wurden, im stets ein wenig germanisch gebliebenen Weserbogen, dort war Politik schon immer ein Geschäft mit Handschlag und ein paar Korn danach gewesen.
   Vesting wusste sehr wohl, dass er nur eine Art politische Spielkarte war. Die stramm rechte Einstellung in London, Paris und Washington hatte schon vor dem erneuten Rechtsruck in Bonn einen Ausgleich gefordert. Und gegen einen uralten Sozialdemokraten, dessen Vorfahren noch jeden Winter als Saisonarbeiter zu den Ziegeleien in Holland gewandert waren, hatten auch Ost-Berlin und Moskau nichts einzuwenden.
   Der Doppelposten am kleinen Sitzungssaal 1111 überprüfte jeden einzelnen Teilnehmer der kurzfristig angesetzten Besprechung.
   Auch Hermann Vesting musste im Vorraum durch eine elektronische Schleuse gehen.
   Die Mitglieder der Projektgruppe Reflex warteten bereits. Sie saßen in schwarzen Ledersesseln an einem großen, rechteckigen Tisch, dessen hochglanzpolierte Platte noch aus den fünfziger Jahren stammte.
   »Morgen allerseits«, sagte Vesting. Die Antworten gerieten sehr unterschiedlich. Einige sagen »Guten Morgen, Herr Regierender«, andere meinten vertraulich »Morgen, Herr Vesting«, obwohl sie ihm noch nie die Hand geschüttelt hatten.
   Vesting nahm an der Stirnseite vor dem Fenster Platz. Sein persönlicher Referent und der Chef der Senatskanzlei setzten sich rechts und links neben ihn. Die übrigen Senatsbeamten verteilten sich auf Stühle in der zweiten Reihe.
   »Fangen wir an!«, sagte Vesting. Er nickte Prinz Reuß zu.
   »Meine Damen und Herren«, sagte der CdS zu den acht Mitgliedern der Projektgruppe, »ich darf Ihnen zunächst danken, dass Sie sich an einem Sonntagvormittag hier eingefunden haben. Ziehen Sie daraus bitte keine Rückschlüsse auf den künftigen Regierungsstil, aber besondere Vorkommnisse geben Veranlassung …«
   Vesting räusperte sich und lockerte seine Krawatte. Sein persönlicher Referent schob ihm ein Blatt Papier zu. Auf ihm waren die Namen, Berufe und einige kurze Angaben über die Mitglieder der Projektgruppe Reflex verzeichnet. Auf der linken Seite saßen Jo Petersen, Annegret Richter, Lonny Werner und Irene von Börries. Der fünfundsechzigjährige Petersen war ein in der ganzen Stadt geachteter Journalist, der früher einmal für die CIA und für die Deutsche Presseagentur gearbeitet hatte. Inzwischen besuchte er nur noch stundenweise sein Büro im Springer-Haus an der Mauer.
   Annegret Richter hatte vor drei Jahren mit einer Arbeit über die eingeschränkten Rechte deutscher Zivilangestellter bei den Alliierten promoviert. Sie arbeitete in der Abteilung IV beim Senator für Inneres.
   Lonny Werner war das Gegenteil der ernsten, zurückhaltend wirkenden Juristin. Obwohl die vollschlanke Blondine nicht einmal fünfzig Jahre alt war, trug sie schon lange den Spitznamen UFA-Mutter. Als Filmbeauftragte des Berliner Senats hatte sie dafür zu sorgen, dass die alte Filmstadt wieder zu Ruhm und Aufträgen kam.
   Ihre Nachbarin machte einen eher unscheinbaren Eindruck. Sie war klein, hager und trug ihr kurzes, graues Haar wie eine Ordensschwester in der Mitte gescheitelt. Nur wenige Eingeweihte wussten, dass Professor Dr. Irene von Börries nicht nur eine ausgezeichnete Köchin, sondern auch eine äußerst fantasiebegabte Praktikerin war, wenn es um das Erfinden denkbarer Szenarios für die Zukunft Berlins ging.
   Auf der anderen Seite des Tisches saßen vier Männer, die sich noch mehr als die Damen der Runde voneinander unterschieden.
   Gerhard Bitomski, ein Zweieinhalb-Zentner-Mann mit einem auffallend bleichen Gesicht, war früher einmal Präsident der Industrie- und Handelskammer gewesen. Inzwischen beriet er Unternehmen, die sich für Abschreibungsmodelle interessierten.
   Neben ihm saß ein kräftiger, intelligent aussehender Mittdreißiger. Er trug einen dunkelblauen Anzug mit Weste, ein grasgrünes Hemd und eine rosa Krawatte. Als Diplom-Psychologe war Arwed Malek gelegentlich Berater der Berliner Polizei gewesen. Zu seinen Spezialgebieten gehörten Massenpsychologie und Panikforschung.
   Das siebte Mitglied der Projektgruppe Reflex spielte unablässig mit kleinen Zuckerstücken, auf deren Einwicklern die Behauptung Berlin tut gut, gedruckt war. Dr. Bernhard Tönsmeier war knapp vierzig Jahre alt. Er wohnte nicht in Berlin. Alle im Raum wussten, dass er es war, der die unregelmäßigen Zusammenkünfte der Gruppe von Bonn aus für das Kanzleramt überwachte.
   Am unteren Ende des Konferenztisches dämmerte ein junger Mann mit lockigen Haaren und halb geschlossenen Augen vor sich hin. Professor von Börries schnupperte mehrmals in seine Richtung. Vesting fiel auf, dass sie jedes Mal mit ihrer Kaffeetasse lärmte, wenn Dr. Michael Wolgast den Kopf nach vorn sinken ließ.
   »Es ist ja Wahnsinn!«, sagte er plötzlich und sah ruckartig auf.
   Der Chef der Senatskanzlei beendete irritiert seine Ausführungen. »Wie meinen?«
   »Ich sagte, dass alles Wahnsinn ist.« Mischa unterdrückte mühsam ein Gähnen. »Jetzt können die Alliierten doch nur noch das alte Besatzungsrecht wieder aus der Mottenkiste holen.«
   Professor von Börries warf Dr. Wolgast einen warnenden Blick zu.
   »Ich weiß nicht, ob Ihnen allen der Ernst der Lage verständlich geworden ist«, sagte der Senatssprecher aus der zweiten Sitzreihe säuerlich. Er meldete sich immer dann zu Wort, wenn weder der Regierende noch der Chef der Senatskanzlei etwas sagten.
   »Ist er«, bestätigte Mischa. »Viertausend Vorschriften, die alles verbieten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Wenn die Amis wollten, könnten sie auf der Stelle neunundneunzig Prozent aller Berliner und Berlin-Besucher wegen Missachtung alliierter Vorschriften verhaften und einsperren.« Er lachte plötzlich. »Vielleicht haben sie deshalb zugelassen, dass die Ossis eine Mauer um uns gebaut haben … wäre doch denkbar, oder?«
   »Sie sind verrückt!«, sagte der Senatssprecher.
   »Das reicht, meine Herren!«, unterbrach der Regierende Bürgermeister. »Spielt jemand von Ihnen zufällig Skat?«
   »Endlich ein neuer Regierungsstil«, kicherte Mischa. »Wenn das die Alternative Liste wüsste …«
   Professor von Börries trat ihm unter dem Tisch gegen die Beine.
   »Ich habe den Vergleich gewählt«, fuhr Vestig unbeeindruckt fort, »weil ich durch Sie, meine Damen und Herren, erfahren möchte, wer für die neuen Unruhen die Karten gemischt hat. Nicht, wer gegeben oder ausgespielt hat, das untersuchen bereits die Alliierten, der Verfassungsschutz und unsere Polizei. Was ich von Ihnen will, ist etwas anderes … ich möchte, dass Sie nachdenken, ja, nach-denken, verstehen Sie? Wer könnte ein Interesse daran haben, dass wieder Steine fliegen, dass Amerikaner erschossen werden und das Vertrauen der Schutzmächte in dieser Stadt erschüttert wird.«
   »Die Russen natürlich!«, sagte Bitomski sofort.
   »Glaube ich nicht«, meinte Dr. Tönsmeier kopfschüttelnd. »Im Kanzleramt liegen eindeutige Berichte vor, dass sogar der Kreml über die Situation in Berlin besorgt ist.«
   »Trifft das auch auf Pankow zu?«, fragte Dr. Richter, »oder auf die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland? Vergessen wir nicht, was im Frühjahr 1985 passiert ist. Damals haben hohe sowjetische Militärs in der DDR eindeutig versucht, die Gesprächsvorbereitungen zwischen Ost und West durch aufsehenerregende Störaktionen zu torpedieren.«
   »Es gibt überall mächtige Einflussgruppen, die nicht mit der offiziellen Regierungspolitik ihres Landes einverstanden sind. Und manchmal steckt auch noch mehr dahinter, denken Sie nur an den Greenpeace-Zwischenfall im August fünfundachtzig. Damals hat der französische Geheimdienst durch die Sabotageaktion an der Rainbow Warrior den Grundstein für den Abzug der Franzosen aus Berlin gelegt. Die Soldaten werden inzwischen dringender im Pazifik gebraucht als hier.«
   »Ost-Berlin hat kein Interesse an einer Zuspitzung der Lage«, sagte Jo Petersen, »ich erinnere mich an einen Zwischenfall aus dem Jahr 1981, als zwei amerikanische Offiziere versuchten, einen toten Kameraden in voller Uniform so auf der Mauer zu platzieren, dass er wie ein Opfer des Ostens aussehen musste.«
   »Davon habe ich nie etwas gehört«, sagte der Regierende.
   »Er fiel auf die Ostseite der Mauer zurück«, sagte der alte Journalist. »Damit war die Sache erledigt. Ein Toter auf der Ostseite der Mauer ist besser als ein Verletzter westlich der Mauer. Das ist eine der ältesten und brutalsten Mauerregeln des Ostens.«
   »Und was sollte das Ganze?«, fragte Dr. Tönsmeier.
   »Keine Ahnung! Vermutlich sollten mit dieser Aktion die Westdeutschen motiviert werden, wieder enger an die Amerikaner heranzurücken. Ein Propaganda-Coup sozusagen, mit dem auch die Stimmen in den Staaten zum Schweigen gebracht worden wären, die für einen Abzug der Amerikaner aus Deutschland und Europa eintraten.«
   »Aber die Sache ist doch missglückt, wie Sie sagten«, meinte Dr. Tönsmeier.
   »Nicht ganz«, antwortete Jo Petersen. »Es gab ein Opfer, das wahrscheinlich nicht eingeplant war. Der Offizier wurde klammheimlich in die Staaten zurückgebracht. Aber ich habe gesehen, wie er auf unserer Seite der Mauer fast verblutet wäre. Und keiner wagte, ihm zu helfen, weil er auf einem Streifen Gras lag, das noch zu Ost-Berlin gehört.«
   »Na schön«, meinte der Chef der Senatskanzlei. »Dieser Fall liegt schon so lang zurück, dass er für uns heute uninteressant ist. Viel wichtiger erscheint mir die Frage, wer die neuen, unerwarteten Krawalle steuert.«
   »Der Osten nicht«, beharrte Petersen auf seiner Meinung. »In einer Woche ist Pfingsten, meine Damen und Herren. Dann kommen mindestens eine Million Delegierte aus der DDR nach Ost-Berlin. Die haben drüben nämlich auch eine 750-Jahr-Feier. Schon deshalb werden sie alles vermeiden, was die Weltmeinung gegen Ost-Berlin als einzig legitimes und historisches Berlin aufbringen könnte.«
   »Moment mal!«, warf Mischa ein. »Wenn wir hier zur Chaoten-City werden, dann profitieren die doch auch davon mit ihrem teuer renovierten und ordentlichen alten Stadtkern.«
   »Und was ist, wenn die westlichen Alliierten in Zugzwang geraten?«, fragte Professor von Börries leise, »wenn sie aus Sicherheitsgründen darauf pochen, dass überhaupt nichts mehr in Berlin stattfindet, keine Feiern, weder hier noch drüben.«
   »Das Recht dazu hätten sie«, versicherte der CdS eifrig. »Und sie wissen mehr als wir.«
   »Deshalb erschießt man doch nicht die eigenen Presseoffiziere«, sagte Hermann Vesting unwillig. »Ich bin ja nicht gegen Denkmodelle, aber ich möchte doch darum bitten, dass wir realistisch bleiben! Was ist zum Beispiel mit dieser Arminius-Front? Oder mit den Filmleuten, die überall auftauchen, wo Krawall in der Luft liegt?«
   »Die Filmproduktion ist harmlos«, verkündete Lonny Werner. »Eine der üblichen Geschichten mit viel Action und wenig Hintergrund.«
   »Immerhin so viel, dass sie Gelder aus der Filmförderung des Senats bekommen haben«, kommentierte Petersen anzüglich.
   »Ich nehme an, Sie werden diese und andere Möglichkeiten gedanklich durchspielen«, sagte der Regierende Bürgermeister. Er wandte sich an Dr. Tönsmeier. »Auf jeden Fall wäre mir lieb, wenn Sie in Bonn berichten, dass wir am Ball bleiben.«
   »Und die Amerikaner? Was passiert an den Kontrollstellen?«
   »Ich habe das Versprechen des Stadtkommandanten, dass Berlin vorläufig nicht abgeriegelt wird. Als Gegenleistung müssen wir unsererseits alles tun, um weitere Unruhen zu vermeiden.«
   »Prost Pulverfass«, seufzte Mischa Wolgast.

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