Dein Leben ist eine Lüge. Deine Mutter war nie tot. Bis heute.
Jos Welt gerät ins Schwanken, als die Polizei in seinem Elternhaus auftaucht. Seine seit Langem tot geglaubte Mutter wurde auf bestialische Weise ermordet. Und sie ist nicht das einzige Opfer. Jos Leben zerbricht, denn plötzlich steht er im Fokus des Killers, der jeden mit in die Finsternis zieht, der Jo etwas bedeutet. Der neue Gänsehautthriller der Zweitplatzierten des NordWordAwards 2013

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ISBN: 978-9963-52-638-3

Seiten: 275

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Leonie Lastella

Leonie Lastella
Leonie Lastella wurde 1981 in Lübeck geboren und wuchs in Haselau nordwestlich von Hamburg, auf, wo sie noch heute zusammen mit ihren drei Söhnen im Haus ihrer Kindheit lebt. Nach ihrem gymnasialen Abschluss studierte sie einige Semester Erziehungswissenschaften und Biologie an der Universität Hamburg. Auslandsaufenthalte in den USA und Italien beeinflussten ihre Arbeit als Autorin ebenso wie ihre Tätigkeit in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Seit 2006 widmet sie sich neben ihrer Arbeit und den Kindern dem Schreiben. Ihr erstes Buch „Stille Seele“ erschien im Juni 2011 in der Edition Doppelpunkt, der Thriller „Allein“ im Oktober 2012 über Create Space. Es folgten der New Adult Liebesroman „In Licht und Dunkelheit“ im bookshouse Verlag, die Thriller „Wer Finsternis sät“ und „2x3 Meter Finsternis“, ebenfalls im bookshouse Verlag, und die Novelle „Tropfen auf der Haut“. Seit Dezember 2014 wird sie von der Agentur Thomas Schlück GmbH vertreten. „Brausepulverherz“ aus dem Fischer Verlag ist ihre neueste Veröffentlichung.

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Leseprobe

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Prolog

Das Böse wurde nicht geboren. Es wuchs heran. Es wurde geformt in einem Zimmer, in das nur wenig fahles Licht drang, in einem Haus voller Finsternis, im Körper eines unscheinbaren Jungen.
   Dunkle Haarsträhnen verbargen den Blick in leere Augen, in eine Seele, die die Dunkelheit aufsog.
   Jahre verbrachte Jael damit, sein Innerstes zu verbergen, sich anzupassen. Er zwang sich, zu verstehen, zwang sich, zu fühlen, bevor Vater die Finsternis in seinem Inneren stark genug machte. Das Böse begann, seine steifen Glieder zu recken. Es hatte viel zu lange still verharrt. Gestärkt durch Vaters Härte, stellte es jeden Versuch, zu empfinden, ab, kappte Jaels Verbindung zu einem normalen Leben. Bald löste sich die Erinnerung daran auf wie kalter Nebel unter den ersten Sonnenstrahlen des Tages.
   Jeder Schlag stärkte das Böse. Sein Flüstern begleitete Jaels Tage, sein Schreien die dunklen Nächte.
   Er selbst war leer, nicht unglücklich, nicht einsam, nicht traurig. Glück, Zufriedenheit und Freude waren ihm ebenso fremd wie ihre dunklen Geschwister.
   Das Böse sammelte jeden Fetzen Kälte in Jaels Innerem, labte sich daran, bereit zu jagen, sobald die Zeit kommen würde, die Bestimmung zu erfüllen.
   Selten schwieg es. Dann verdichtete sich die Stille in Jael und in diesem See aus Ruhe formten sich leise und klar abstrakte Erinnerungen an ein Leben, wie die anderen es führten. In diesen Momenten ließ er den Wunsch zu, verstehen zu wollen. So sehr erinnerte ihn ihre Mimik und Gestik, die Art, wie sie interagierten, an das fahle Gesicht seiner Mutter, an ihre Angst und ihre alles fressende Sucht nach Nähe und Liebe, bevor sie urplötzlich aus seinem Leben verschwunden war.
   Eines Nachts hatte sie die aufgesprungene Lippe an seine Stirn gedrückt, hatte den Koffer genommen und sich aus dem Haus geschlichen. Ihre Stimme an seiner Wange hatte geflattert wie ein Schmetterling im Todeskampf. »Ich komme wieder. Ich komme dich holen. Du musst keine Angst haben. Sobald ich kann, hole ich dich hier raus.« Sie hatte gelogen. Die Stimme an seinem Ohr war nur ein Flüstern gewesen. »Ich liebe dich, mein Schatz.«
   Sie sagte diese Worte oft und erwartete eine Reaktion.
   Er hatte genickt, sie angestarrt und versucht, zu verstehen. Irgendetwas war anders als sonst, es gelang ihm jedoch nicht, diese Andersartigkeit zu greifen.
   Es war nicht mehr als eine Ahnung, ein ungutes Ziehen in der Magengegend, das er nicht deuten konnte.
   Tage vergingen, in denen er gespenstig still dasaß und Ausschau hielt. Sie kam nie zurück. Irgendwann hörte Jael auf, zu warten. Die Dunkelheit sog den kalten Klumpen in seiner Brust auf, während ihm das Böse schwere, eisige Worte durchs Hirn trieb. Ohne sie würde es noch finsterer werden, Vaters Hand noch härter. Es hatte Jael stärker gemacht.
   Er würde seiner Mutter dafür danken, ihr den Frieden schenken, den sie verdiente. Er liebte sie. Liebe bedeutete Schmerz. Das hatte Jael früh gelernt. Er würde ihr seine Liebe schenken.
   Sein Schöpfer starb, seine Mutter würde ihm folgen. Jael würde töten, so wie es stets seine Bestimmung gewesen war.

Kapitel 1
Kontrollverlust

Der Wind wirbelte Jos Haare durcheinander und wehte ihm eine Brise frischer Küstenluft entgegen. Der Geruch nach Muscheln, Tang und nasser Erde lag in der Luft. Jo liebte diese Mischung, die nach Zuhause roch. Er lächelte und versuchte, seine halblangen Locken zu bändigen. Der Wind riss ihm die Strähnen aus der Hand und ließ sie vorwitzig um das Gesicht tanzen. Seufzend gab Jo auf, schulterte seinen Rucksack und stieg in den Bus.
   An der Abzweigung zu seinem Elternhaus, einem alten Gestüt, das seit Jahren als Pension betrieben wurde, ließ ihn der Busfahrer aussteigen. Es gab hier keine Haltestelle, aber der Fahrer kannte Jo und seine Familie und ersparte ihm dadurch einen halben Kilometer Weg.
   »Danke, Wolfgang.« Er hob die Hand zum Gruß und sprang auf den rissigen Asphalt der Straße.
   »Kein Problem, Jo.« Der Busfahrer schloss die Tür, die ein zischendes Geräusch von sich gab, und fuhr an.
   Das Zahlenschloss am Fahrrad öffnete sich mit einem leisen Klicken, als Jo die passende Kombination eingab. Er schob das Rad locker gegen die Hüfte gelehnt neben sich her und trommelte zu den Klängen von Stone Sours Say you’ll haunt me, die aus den Kopfhörern um seinen Hals dröhnten, auf den Lenker ein. Die Baumkronen der Linden am Straßenrand duckten die Köpfe stöhnend unter dem scharfen Westwind. Wolken hasteten über den Himmel und verdunkelten von Zeit zu Zeit die Sonne. Jo hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Seine Eltern hatten das unpassende Bedürfnis, ständig und ekelhaft aufdringlich am Leben ihrer Kinder teilzunehmen. Es war möglicherweise nicht fair, sie so zu sehen, aber das war Jo ziemlich schnuppe. Er rümpfte die Nase bei dem Gedanken, dass ihn viele seiner Freunde um die lockere und freundschaftliche Art seiner Eltern und um ihr ehrliches Interesse beneideten. Ihm ging das Ganze meistens gehörig auf die Nerven.
   Besonders jetzt, wo eine verhauene Klausur im Rucksack steckte und damit die letzte Möglichkeit vertan war, die einzige unterirdische Zensur seines Zeugnisses auszugleichen. Physik war schlimmer als eine apokalyptische Seuche. Wobei der Vergleich von Herrn Peters, seinem Lehrer, mit einem der vier apokalyptischen Reiter durchaus stimmig war. Jo seufzte und zuckte zusammen, als sein älterer Bruder Mats mit dem Fahrrad neben ihm hielt und ihn freundschaftlich anrempelte.
   »Na, was geht?«
   »Was soll schon gehen?« Zerknirscht schüttelte Jo den Kopf. »Physik ist scheiße gelaufen.«
   »Bei mir auch. Wir haben sie bisher nicht zurück, aber wenn du ein paar Tage wartest, wird sich Pa mit seiner Gardinenpredigt ganz auf mich konzentrieren. Du weißt schon: zweites Mal, alles besser machen, anstrengen und all das Zeugs.« Mats zog eine schiefe Grimasse. Er schien sich allerdings keine besonders großen Sorgen zu machen. Sekunden später erhellte ein typisches Lachen erneut sein Gesicht. »Wir treffen uns später am Wald. Tim will Wodka mitbringen. Sein Alter hat drei Kisten aus Polen angeschleppt. Da fällt es gar nicht auf, meint er. Ich habe gesagt, dass ich dich und deine Gitarre mitbringe.«
   »Seit wann bin ich dein Partymitbringsel?« Jos Stimmung befand sich auf dem Nullpunkt.
   »Emma kommt auch.« Siegessicher hielt Mats die Hand nach oben und wartete darauf, dass Jo einschlug.
   Stattdessen verdrehte er die Augen und schüttelte den Kopf.
   »Jetzt komm schon. Sie mag dich, du magst sie. Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt.« Enttäuscht ließ Mats die Hand sinken und pustete die dunkelbraunen, glatten Haare aus der Stirn. Kein Geld der Welt war in der Lage, sie in der gewünscht schrägen Position zu halten.
   »Es gibt kein Problem.«
   »Ihr schleicht umeinander herum wie zwei liebeskranke Suppenschildkröten und das, seitdem sie hierhergezogen ist. Wenn du mich fragst, ist das eine übelst lange Zeit, um eine klarzumachen.«
   Jo blieb stehen und sah Mats finster an. »Ich will niemanden klarmachen und ich schleiche auch nicht um sie rum.«
   Zweifelnd sah Mats ihn an. »Was immer du sagst.« Er kickte einen überreifen Apfel in den Straßengraben. »Was ist, Casanova? Kommst du jetzt, oder was? Mama ist aus der Klinik zurück. Sie hat gebacken.« Er verdrehte genießerisch die Augen und entlockte Jo mit seinem entgleisten Gesichtsausdruck ein Lachen.
   Sie bogen in einen sandigen Weg ein, der nach zwei seichten Kurven vor dem Hoftor endete. Langsam durchquerten sie die Einfahrt. Das Haus wirkte gemütlich und warm, so wie es sich mit den alten rotbraunen Klinkern gegen den Deich schmiegte. Das Reetdach war auf der Wetterseite mit dichtem Moos bedeckt, an der Giebelseite hatte ein anhänglicher und extrem unerwünschter Mader einzelne Halme aus dem Dach gezupft. Im Gegensatz zu den steinernen Torpfeilern, die dem Hof etwas Elitäres verliehen, wirkte der Rest angenehm unperfekt. Jo folgte dem Beispiel seines Bruders, schmiss das Rad achtlos auf den Rasen vor der massiven Haustür und lief hinter Mats her ins Innere des Gebäudes.

Vor der Baumzunge aus zerbrochenen und noch lebendigen Baumstämmen brannte ein Lagerfeuer. Einzelne Funken stoben, begleitet von einem lauten Knacken in den blassblauen Himmel. Eine Gruppe von etwa zehn Jugendlichen hatte sich, von der Straße durch Bäume versteckt, eingefunden und blödelte lautstark herum. Die Bässe von Taio Cruz’ Higher quetschten sich aus den Boxen eines mit Schlamm bespritzten Radios. In einiger Entfernung saß träge eine Kolonie Kormorane in den letzten Sonnenstrahlen des Abends und trocknete mit weit ausgespreizten Flügeln das Gefieder. Jo warf sein Rad neben die anderen, die achtlos im hüfthohen Gras lagen, und folgte seinem Bruder. Sie liefen am Rand eines großen Stoppelfelds entlang, dessen abgetrennte goldene Ähren warm das sterbende Licht brachen. Elias und Kai spielten mit einem altersschwach wirkenden Fußball, waren jedoch nicht allzu erfolgreich. Es sah aus, als hätten sie bereits einen Großteil der ersten Flasche Wodka vernichtet. Über ihren Köpfen stand ein Bussard am Himmel still, als hätte ihn jemand dorthin gemalt, bevor er sich mit atemberaubender Geschwindigkeit in die Tiefe fallen ließ, um Beute zu schlagen.
   Jo stolperte über mehrere umgestürzte Baumstümpfe bis zum Treffpunkt, der sich im hinteren Teil des Knicks befand. Auf dem Rücken tanzte ein nahezu leerer Billabong-Rucksack. In einem Anfall von brüderlichem Trotz hatte er die Gitarre neben dem Bett stehen lassen. Er hasste es, von Mats über seinen Kopf hinweg verplant zu werden. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder fühlte sich Jo im Zentrum der Aufmerksamkeit nicht besonders wohl. Wahrscheinlich würde es Mats auch ohne Gitarre gelingen, ihn in diese Situation zu bringen. Jo strich sich die Haare aus der Stirn. Er schwitzte. Mats hatte eine halbe Ewigkeit im Badezimmer zugebracht, weswegen sie wie immer zu spät losgefahren waren und die Strecke in Rekordgeschwindigkeit hinter sich gebracht hatten. Mats wollte nicht ankommen, wenn der ganze Spaß bereits vorbei war, womit sicherlich das Leeren der Wodkaflaschen gemeint war.
   Bevor Jo am Treffpunkt eingetrudelt war, der durch vier Eichenstämme, die wahllos verstreut am Boden lagen, gekennzeichnet war, hatte sich Mats bereits einen Becher Hochprozentiges und eine weibliche Begleitung organisiert. Anni war ebenfalls in ihrem Jahrgang und hoffnungslos in Mats verschossen, weswegen sie die Arme in einem verzweifelten Klammergriff um Mats Mitte schlang, als würde ihr das die Gewissheit geben, dass sie ihn nie wieder loslassen musste. Mats war kein Typ für Klammergriffe und ernsthafte Beziehungen, aber er schien ihre ungeteilte Aufmerksamkeit für den Moment zu genießen, was dem Mädchen ein seliges Lächeln aufs Gesicht zauberte.
   Jo wandte den Blick ab. Er war das genaue Gegenteil von Mats, obwohl er das niemals zugeben und sich damit lächerlich machen würde. Er war wie ein Gibbon, der sich auf seinen Gegenüber einschießt und monogam bis ans Ende seiner Tage bleibt. Ein sagenhafter Vergleich. Jo verdrehte die Augen und spürte, wie er rot anlief. Gibbons lösten Meinungsverschiedenheiten, indem sie Stress jeglicher Art einfach wegvögelten. Er warf einen sehnsüchtigen Blick zu Emma hinüber. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und lachte über irgendetwas, das ihre Freundin ihr zuflüsterte. Ihre braunen Haare kräuselten sich im Nacken zu feinen Löckchen. Das Abendlicht reflektierte den Goldstich darin.
   Stöhnend ließ sich Jo auf einen der Baumstämme neben dem Feuer fallen. Er ignorierte den Gedanken an den Geruch ihrer Haut, den er nicht aus dem Kopf bekam und der ihn gedanklich mehr zu einem Gibbon machte, als ihm lieb war. Auch wenn es ihn ärgerte, hatte Mats ausnahmsweise recht. Er schlich um Emma herum, seitdem sie hierhergezogen war. Sie lachten zusammen, sie suchte seine Nähe und die Gespräche mit ihm. Das hieß jedoch noch lange nicht, dass sie mehr im Sinn hatte als Freundschaft. Mit Sicherheit lag sie nicht nachts wach und dachte an ihn, stellte sich vor, wie es wäre, ihn zu berühren, ihn zu küssen. Stumm stocherte er mit einem toten Ast in der Glut herum und schüttelte den Gedanken an paarungswillige Primaten ab.
   »Hi.«
   Emmas plötzliches Auftauchen ließ Jo zusammenzucken. Er rutschte zur Seite und zeigte betont lässig auf den Platz neben sich.
   »Du siehst nachdenklich aus.«
   Als könnte sie Gedanken lesen. Jos Blut pulsierte vor Scham unter der Haut. »Kann schon sein.«
   »Und?« Sie lachte. »Woran denkst du?«
   Jos Gehirn war wie leer gefegt. Deshalb schwieg er und zog anstelle einer Antwort nur eine schiefe Grimasse.
   »Ich war mir nicht sicher, ob du heute dabei bist. Du warst in der Schule so anders – schlecht drauf irgendwie.«
   Die Wärme ihres Körpers verzögerte Jos Antwort um ein paar Sekunden. »Physik hat mich runtergezogen.«
   »Bei mir ist es auch nicht besonders gewesen. Machen deine Eltern Stress wegen der Note?«
   Jo zog die Beine an den Körper und umschlang die Knie mit den Armen. »Nein, eigentlich nicht.« Er ärgerte sich über sich selbst. Die Noten zählten bereits voll in die Abi-Endnote rein. Er wusste, dass es schwer bis unmöglich werden würde, diese verbockte Klausur auszugleichen. »Sie würden nie was sagen.« Das stimmte. Trotzdem nahm Jo ihnen für gewöhnlich wenigstens die Sorge seiner schulischen Entwicklung ab.
   »Sei froh.« Emma seufzte leise. »Mein Vater hat mir eine ewig lange Predigt gehalten.« Sie brach ab und starrte in das Feuer.
   Entweder wollte sie sich nicht an die Einzelheiten erinnern oder sie hatte Sorge, ihn damit zu langweilen. Jo hätte ihr ewig zuhören können. Es war nur fair, ihr nach dem Geständnis auch etwas von sich zu erzählen.
   Er schloss die Augen. »Meiner Mutter geht es nicht besonders derzeit.« Er hatte den Gedanken nicht aussprechen wollen. Etwas, das sich weniger nah an der schmerzhaften Wahrheit befand, wäre besser gewesen. Die Realität war echt erbärmlich.
   »Sie hat Krebs.« Emma hatte es nicht als Frage formuliert, eher eine Feststellung der inoffiziellen Tatsachen.
   Jo hätte gern gewusst, wie viel die Klatschmäuler im Dorf bereits wussten und wie viele Unwahrheiten kursierten. Seine Eltern versuchten, selbst innerhalb der Familie den Ernst der Lage zu verbergen. Für Außenstehende galt das erst recht. Man konnte jedoch nicht behaupten, dass sie besonders erfolgreich waren. Er nickte. »Es wäre gut, wenn sie sich nicht zusätzlich wegen meiner Physiknote den Kopf zerbrechen müssten.«
   »Mats scheint weniger Skrupel zu haben.«
   Jo nickte und schüttelte dann den Kopf. »Er geht nur anders damit um.«
   Mas Krankheit belastete Mats stärker als ihn oder ihre kleine Schwester Laura, obwohl er nicht den Anschein erweckte.
   Das Feuer brannte orangene Lichtpunkte in Jos Augen, die weitertanzten, als er sie schloss. Es ging um die Anzahl von Problemen, die sich gemeinsam mit dem Krebs zu einem untragbaren Gewicht summierten. Jo wollte kein Teil davon sein oder zumindest nicht das Gewicht, das den Kahn am Ende zum Sinken brachte. Er sah es bereits in jeder Bewegung seines Vaters, in seiner Stimme, in seinem Wesen. Er war kurz davor, unter der Last zusammenzubrechen. Ein lausiger Schauspieler war er schon immer gewesen, jetzt schien es, als hätte der Krebs ihm die letzte Kraft weggefressen, den Schein aufrechtzuerhalten.
   Emma legte die Hand auf Jos Unterarm und erzeugte ein angenehmes Kribbeln. »Wenn du darüber reden willst …« Sie atmete tief durch. »Oder, wenn ich Mats in den Hintern treten soll. Ein Wort genügt.« Ihr entfuhr ein leises, glucksendes Lachen.
   Es war einfacher, mit ihr zusammen zu sein, wenn er sie nicht ansah, deshalb behielt Jo die Augen geschlossen. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass es eine große Hilfe wäre, wenn sie neben ihm sitzen blieb, dass er sie küssen, sie berühren wollte. Stattdessen kniff er die Lippen zusammen und nickte.
   Es raschelte, als Emma vom Baumstamm zu Boden rutschte und den Kopf stumm an sein Bein lehnte. Ihre Wärme, die er durch den Stoff der Jeans spüren konnte, ließ alles andere in den Hintergrund treten. Vorsichtig ließ Jo den Arm sinken, nahm all seinen Mut zusammen und ergriff ihre Hand.

*

Sein Vater hatte die Dunkelheit in ihm stets als Schwäche gesehen.
   Jael biss sich auf die Unterlippe und schmeckte Blut. Nichts hieran fühlte sich schwach an. Pures Leben strömte durch seine Adern, verteilte sich bei jedem Atemzug im Körper, während sich seine Bestimmung erfüllte. Hierfür war er geboren worden.
   Seitdem er denken konnte, hatte sein Vater die vermeintliche Schwäche aus ihm herausgeprügelt, hatte versucht, den Keim des Bösen, der Andersartigkeit auszulöschen. Jael wusste, dass er sich fürchtete, dabei kannte sein Vater normalerweise keine Angst. Er setzte alles daran, die Quelle dieses Gefühls auszulöschen. Er hätte nicht gezögert, Jael auszulöschen.
   Jael aber hielt durch. Die Härte seines Vaters schenkte ihm Kraft, anstatt ihm etwas zu nehmen. Es hatte ihn stark gemacht. Stark genau hierfür.
   Er lächelte.
   »Schmerzen sind Schwäche und Sünde, die den Körper verlassen.« Sein Vater hatte damit recht gehabt.
   Kein Funken Schwäche befand sich mehr in Jael. Die Dunkelheit und er waren eins. Er war stark, voller Energie, sein Inneres schwarz wie die Nacht und bereit.
   Jael legte den Kopf schief und betrachtete den am Boden liegenden Körper. Der Atem seines Vaters ging unregelmäßig.
   Das Telefon stand wenige Schritte entfernt. Jael rührte sich nicht.
   Vaters Lippen nahmen einen ungesunden Blauton an, sein Gesicht färbte sich violett. Es sah aus, als würden die Adern an Hals und Schläfe jeden Moment bersten. Er bemühte sich, etwas zu sagen, aber nur ein undeutliches Flüstern glitt über seine Lippen. Im Gegensatz zu seinem sterbenden Körper hatte der Blick nichts von seiner Härte eingebüßt. Selbst im Angesicht seines Todes starrten Jael nur Wut und Verachtung entgegen.
   Es war falsch, zuzusehen. Die Gesellschaft erwartete, dass man als vollwertiges Mitglied einen Krankenwagen rief, Erste Hilfe leistete, dass man Mitgefühl empfand. Jael wusste das. Er hatte dieses Verhalten lange kopiert und er würde es wieder tun, aber nicht jetzt, nicht heute, nicht hier.
   Ein Röcheln schüttelte den Körper seines Vaters. Es fühlte sich gut an, ihn leiden zu sehen, auszukosten, wofür Jael geschaffen wurde.
   Seine Angst, die Kontrolle zu verlieren, wurde von einem warmen Gefühl in der Magengegend überlagert. Ein leichtes Summen, wie bei einer elektrischen Spannung, die angenehm durch den Körper kribbelte und ihn in die richtige Richtung dirigierte.
   Tief im Inneren säuselte eine fremde, kalte Stimme, dass ein Messer das Ganze beschleunigen würde. Lediglich einige Sekunden brauchte es, um Vaters Kehle aufzuschlitzen, das Messer in seine Eingeweide zu stoßen. Ein Stück kalter Stahl, das den ewigen Schlaf brachte.
   Jael blieb sitzen und schüttelte die Stimme ab. Er wusste, dass dieser Schritt den letzten Bruch zwischen ihm und der normalen Welt bedeuten würde, in die er zurückkehren musste, sobald die Bestimmung erfüllt war.
   Was tötete Vater? Das Herz, eine Embolie? Egal, was ihn umbrachte, es befreite Jael, wärmte ihn.
   Er zuckte zusammen. Gefühle irritierten ihn und diese waren mächtig.
   Die Entscheidung, Vater sterben zu lassen, war keine Genugtuung, kein billiges Rachegefühl. Es war ein Nachhausekommen. Verzweifelt versuchte er, sich gegen die Dunkelheit zu wehren, die die Lüge eines normalen jungen Mannes wegfraß. Die letzten Verbindungen zu seinem vermeintlich normalen Leben waren bis zum Zerbersten gespannt. Trotzdem erlaubte es sich Jael, den Moment in winzigen Dosen zu genießen. Minuten voller Erfüllung für ein Leben gespickt von Entbehrungen, als er in den Augen seines Vaters die Hoffnung sterben sah. Er schüttelte den Kopf. Mit einem Ruck riss er das Kabel des Telefons aus der Wand und wartete wortlos darauf, dass das Herz seines Widersachers und Schöpfers für immer stehen blieb.

*

Es hatte Jo Überwindung gekostet, zu Emmas Elternhaus zu gehen und zu klingeln. Er wusste nicht, wie er einschätzen sollte, was zwischen ihnen passierte.
   Emma öffnete die Tür und lehnte sich gegen den penibel sauberen Rahmen.
   »Hi.« Sehr einfallsreich. Er benahm sich wirklich wie eine liebeskranke Suppenschildkröte mit einem Gehirn maximal so groß wie eine Erbse.
   »Selbst hi.« Ihre Stimme klang warm. Sie bat ihn nicht hinein, schickte ihn allerdings auch nicht weg.
   Jo biss sich von innen auf die Wange und verlagerte das Gewicht aufs andere Bein. Er wusste nicht, was er tun sollte. Auf jeden Fall musste er etwas sagen. »Ich wollte mal sehen, wie es dir geht.«
   »Wie es mir geht?« Sie lachte.
   Es wirkte weniger spöttisch, als Jo befürchtet hatte. Er blinzelte sie an. »Vielleicht wollte ich dich auch einfach nur sehen.« Das Geständnis fühlte sich nach Selbstmord an.
   »Gute Antwort.« Sie sah ihn an und zwinkerte ihm vertraut zu.
   Vorsichtig strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und kam sich noch bescheuerter vor als zuvor. Als wäre das überhaupt möglich. Wie in einer Teenie-Kitsch-Romanze. Er senkte den Blick, wollte etwas sagen, um die Stille zu durchbrechen, die sich zwischen sie schob. Etwas Schlagfertiges, überragend Intelligentes. Selbst etwas Cooles wäre gut gewesen, aber sein Kopf war wie leer gefegt.
   Ihr Gesichtsausdruck wurde plötzlich ernst. Bevor sich Jo fragen konnte, was das bedeutete, schnappte sie sich sein T-Shirt und zog ihn hinter sich her in den Flur.
   Die Tür fiel hinter ihnen zu. Er spürte ihren Körper an seinem, ihre Lippen. Sie schmeckte nach Orangensaft und Pfefferminz, frisch, süß, eine perfekte Mischung. Sanft küsste er den Rand ihrer Lippen, die Wangen, den Hals, erneut die Lippen.
   Ihre Hände strichen währenddessen hungrig über seine Haut und entlockten ihm ein leises Stöhnen. »Du musst gehen!« Ihre Stimme sagte etwas anderes als ihr Körper. »Meine Eltern kommen jeden Augenblick. Mein Vater bringt uns um.« Sie löste sich aus seinen Armen, und obwohl sie ihre Finger mit seinen verknotete, deutete sie mit dem Blick in Richtung Haustür.
   »Ich sollte wirklich gehen.« Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Er wusste jetzt, dass sie zusammengehörten, dass er wiederkommen durfte. Sie würden zusammen sein. Widerwillig steckte er das Shirt zurück in die Hose und küsste sie erneut. Dabei zwang er seine Leidenschaft in die Knie, sodass seine Lippen sanft über ihre strichen. Ein liebevoller Abschiedskuss. »Wir sehen uns morgen. Ich hole dich vor der Schule ab?«
   Emma nickte. Jo zwang sich, sich loszureißen. Noch einmal sah er sie an, bevor er durch die Haustür verschwand.

*

Das Haus lag in einem Waldstück südlich von Hamburg. Das Gelände war hügelig, voll dichtem Waldbestand, spärlich besiedelt. Zwei Gebäude hoben sich am Ende eines lang gezogenen Sandwegs gegen den schwarzen Himmel ab. Zweihundert Meter hinter ihm führte der Fußweg auf eine asphaltierte Straße. Eine Sackgasse, die sich quer durch den Wald schlängelte und Ausgangspunkt für eine Vielzahl anderer Stichstraßen und Waldwege war. Wer in dieser Gegend wohnte, war entweder stinkreich oder der Bodensatz der Gesellschaft.
   Grundstücke, die mit viel Liebe und noch mehr finanziellen Mitteln zu friedvollen Rettungsinseln des Alltags hergerichtet worden waren, lagen in diesem Waldstück unmittelbar neben einfachen Sozialbauten. Getrennt durch hohe Baumstämme, die sich schwarz gegen den abendlichen Himmel erhoben und so eine deutliche Sichtgrenze schufen.
   Das Haus, das sich etwa dreißig Meter entfernt befand, gehörte einer Person der zweiten Kategorie Mensch. Es war eine beinahe baufällig wirkende Hütte und erinnerte Jael an einen schäbigen Pappkarton – die Ecken bereits abgeschrammt und vergilbt. Mülltüten stapelten sich ordentlich aufgereiht im hinteren Teil des Gartens. Der nussig modrige Geruch des Waldbodens mischte sich mit den Gerüchen verfaulenden Abfalls. Insekten schwirrten durch die Dämmerung und prallten gegen die Fensterscheiben, aus denen milchige Helligkeit sickerte. Ihre Gestalt hob sich unscharf gegen das Licht ab. Seine Mutter war älter geworden. Das blonde Haar fiel ihr in einem lockeren Zopf über die Schultern. Immer wieder strich sie sich Haarsträhnen mit dem feuchten Handrücken aus dem Gesicht, während sie Teller und Pfannen abwusch. Zwischen Schulter und Kopf hatte sie ein schnurloses Telefon geklemmt. Von Zeit zu Zeit drang ein gedämpftes Lachen durch die einfach verglasten Fensterscheiben der Küche. Jael hatte sie nie lachen gehört, als sie bei Vater gelebt hatte. Das leidende Gesicht von damals war verschwunden. Ihre Augen verrieten jedoch, dass es leere schwarze Punkte auf ihrer Seele gab. Erinnerungen, die in der Lage waren, sie von innen heraus zu zerstören.
   Jael hatte lange daran gearbeitet, die Menschen zu studieren, auswendig zu lernen, was gewisse Blicke, Bewegungen und Worte bedeuteten. Bei vertrauten Menschen gelang es ihm einigermaßen gut. Obwohl alle Gefühle, die jemals in ihrer Beziehung gesteckt hatten, in einer Einbahnstraße endeten, und sie ihn verlassen hatte, war seine Mutter ihm so vertraut wie sonst niemand. Er war sich sicher, sie hatte nicht vergessen, nur verdrängt.
   Jael zog die Kapuze tiefer in die Stirn und starrte zu ihr hinüber. Bald würde die Dunkelheit der Nacht ihn vollständig umhüllen. Es war eine Notwendigkeit, sie zu töten. Sie würde seine Liebe spüren. Er musste ihr Frieden schenken, um seinen zu finden. Sie sollte wissen, dass jeder Schritt lediglich Teil eines größeren Plans gewesen war. Keiner von ihnen hatte jemals eine Chance gehabt, dem Schicksal zu entfliehen. Sie waren stets Schachfiguren auf dem Spielfeld des Bösen gewesen. Waren es noch. Er allein konnte es beenden.
   Mit ihrem Tod würde das Böse zurück in den Winkel seines Ichs verschwinden, wo niemand es finden konnte, nicht mal Jael. Wie zum Beweis, dass es flach unter der Oberfläche wartete, rumorte es und rief Jael heisere Befehle zu.
   Er sog tief die Luft ein. Die Schuld seiner Mutter drang durch die dünnen Wände der Hütte, wehte als süßer, giftiger Nebel durch die Luft bis in sein Versteck, nährte das Böse und legte sich als bitterer Geschmack auf Jaels Zunge.
   Er musste sich beruhigen. Leise begann er, ein altes Kinderlied zu summen, während dunkle Wolkenfetzen über seinen Kopf hinwegjagten.
   Er würde die schwarzen Flecken auf ihrer Seele verschwinden lassen.
   Er nickte, obwohl er neben der Notwendigkeit deutlich die Vorfreude spürte, die als ein warmes Vibrieren durch seinen Körper schwappte. Einmal noch musste er es kontrollieren, stärker sein als die Dunkelheit. Er würde sie für sich arbeiten lassen – ein letztes Mal. Mit geschlossenen Augen horchte Jael auf die Stimme seines Vaters. Die Stimme des Mannes, der ihn im Leben, wie im Tod geformt, der die Dunkelheit genährt hatte.

»Jael, hör zu!« Seine Stimme war eine Spur härter geworden.
   Jael ertrug den schmerzhaft harten Griff am Kinn, mit dem Vater sein kindliches Gesicht zu sich drehte. Er wusste, dass er den Schmerz verdiente. Es war wichtig, aufmerksam zuzuhören, nur so konnte er lernen. Es gab viel zu lernen, mehr als für jeden anderen Jungen in seinem Alter. Er fühlte die schwachen Frequenzen menschlicher Interaktionen nicht, verstand nicht, was andere ihm durch Körpersprache und Emotionen sagen wollten. Es blieb ihm nur, auswendig zu lernen, abzuspeichern, was ihm sein Instinkt nicht mitteilte und sie zu kopieren, um Vater zu täuschen, die Welt zu täuschen und zu überleben.
   »Die Welt da draußen ist hart, also bin ich hart. Irgendwann wirst du hierfür dankbar sein.«
   Der Schmerz trieb Jael die Tränen in die Augen, aber es nutzte nichts, zu weinen. Es provozierte Vater lediglich, die Schwäche aus ihm zu vertreiben, also nickte er.
   »Wieso?«
   Ohne eine Regung im Gesicht starrte Jael auf den schlaffen Körper, der vor ihm auf dem Tisch lag. Das Fell des Tieres war stumpf und blutverschmiert.
   »Wieso hast du das getan?«
   Jaels Lippe sprang auf, als die Faust mit den Ringen daran in sein Gesicht krachte.
   »Wenn ich dich etwas frage, antwortest du!«
   Rotz und Blut vermischten sich auf Jaels Lippen zu einem salzigen Schleim, der Fäden zog.
   »Ich liebe dich.« Die Worte formten sich lautlos auf den Lippen seiner Mutter. Ihre Augen schwammen vor Tränen, während sie zusah, wie Vaters Faust Jaels Welt ins Wanken brachte. »Ich liebe dich.« Drei Worte, die ihren Mund verließen, während Jaels Haut aufplatzte. Ihre Liebe tat weh. Jael wünschte, sie würde damit aufhören.
   Ihre Stimme, ein leiser Singsang durch kahle Wände, würde später die Wunden kühlen, aber sie würde keine von Vaters Strafen ungeschehen machen. Ihr Mitleid nährte Jaels Schwäche, hinderte ihn, stark genug zu werden und die Bestimmung zu erfüllen.
   Er sah weg. Er musste dafür sorgen, dass sich Vater beruhigte. Dessen Muskeln zitterten, so sehr versuchte er, sich zu beherrschen. Er durfte nie erfahren, dass dies nicht Jaels erstes Tier gewesen war. Offensichtlich war dieses Verhalten unerwünscht. Es hatte Vater zornig gemacht.
   Es war Jael nie falsch vorgekommen. Das Töten stillte seit Langem seine Neugier. Es faszinierte ihn, wenn die Angst in den Augen der Tiere zu ewigem Frieden wurde. Die Stimme in seinem Kopf verstummte, wenn das Vibrieren in seinem Inneren das Töten begleitete.
   Jael sah Angst in den Augen seiner Eltern. Sie verstanden es nicht. »Ich wollte sehen, wie sie reagiert und …« Er brach ab. Er hörte sich schwach an. Vater hasste Schwäche. »Ich wollte wissen, was passiert!« Seine Worte brachten nicht den gewünschten Effekt. Er durchforstete abgespeicherte Gespräche, Filmsequenzen, Verhaltensmuster nach Brauchbarem. Ihm fiel nichts ein.
   »Lüg mich nicht an!«
   Die Schläge pressten die Luft aus Jaels Lungen. Er taumelte, hielt sich an der Tischkante fest und suchte fieberhaft nach dem passenden Satz, der dem Schmerz ein Ende bereiten würde.
   Seine Mutter starrte gegen die vertünchte weiße Wand und kaute an einem Finger herum. Blut lief seitlich am Nagel hinab. Jael wollte es berühren, den Geruch einatmen. Das Böse wollte mehr. Es wollte töten. Jael wollte das Vibrieren in seinem Inneren genießen, das ihm einen kurzen, isolierten Frieden schenkte. Es ließ das Böse verstummen und erhitzte die Kälte in seinem Inneren. Er schloss die Augen.
   Er wusste, Vater würde ihn totschlagen, wenn er all das aussprach. »Es tut mir leid!« Ja, das waren die richtigen Worte. Das Wohlergehen anderer Lebewesen durfte ihm nicht egal sein. Die Worte schmeckten abgestanden, aber sie erzielten die gewünschte Wirkung. Das Kinn seines Vaters zitterte. Er war noch wütend, aber er zögerte. Der folgende Schlag hatte an Intensität verloren. Ab jetzt würde es reichen, stillzuhalten. Es war bald vorbei.
   »Es tut dir leid?« Vater rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf. Er seufzte resigniert. »Du wirst lernen, dich richtig zu verhalten. Du wirst aufhören, es zu genießen, diese Andersartigkeit ablegen. Wenn nötig, werde ich sie auslöschen, dich auslöschen. So etwas wird sich nicht wiederholen!«
   Dann krachte Vaters Faust in seinen Magen.
   Jael taumelte und schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf. Ein Schwall heißen Blutes rann aus der Nase über sein Gesicht. Der Geschmack nach Eisen ließ für einen Moment Richtig und Falsch in seinem Schädel durcheinanderpoltern. Sein Kopf dröhnte wie ein tosendes Gewitter. Jeder Muskel in Jaels Körper spannte sich. Das Böse erkannte die perfekte Distanz von etwas über einen Meter, die ihn von Vater trennte. Eine gute Entfernung, um den Schwung des Aufstehens zu nutzen und ihn zu überwältigen. Es schmatzte zufrieden, als es Jael Bilder voller Blut und Gewalt zeigte. Brechende Knochen, Tod, Zufriedenheit. Das Vibrieren bewegte sich wie eine sanfte Welle in konzentrischen Kreisen durch seinen Körper.
   Es war falsch, zu früh. Jael würde sich verlieren, die Kontrolle abgeben. Er zwang das Böse zurück in sein Verlies. Das Vibrieren erstarb. Die Temperatur in seinem Körper fiel. Es wunderte ihn, dass sein Atem nicht kondensierte. Er senkte den Blick. Ein Zeichen von Demut, die er vermutlich anstelle der Leere im Inneren hätte empfinden sollen.
   Irgendwann ließ Vater von ihm ab, betrachtete Jaels zusammengekauerten Körper, bevor er sich brummend umdrehte und zur Treppe schlurfte. »Irgendetwas stimmt nicht mit deinem Bastard. Bete zu Gott, dass niemand jemals diese Andersartigkeit zu spüren bekommt. Man sollte ihn einsperren.« Er drehte sich nochmals zu Jael um, während er sich das Jackett über das verschwitzte weiße Hemd zog. »Vergiss das nie. Egal, was du glaubst, zu brauchen. Stark ist nur, wer es schafft, sich anzupassen, zu verbergen, was anders ist.« Dann schob er Jaels Mutter vor sich her in den grau verputzten Flur und drückte die Tür hinter sich zu.
   Der Schlüssel drehte sich mit einem scheinbar endgültigen Geräusch im Schloss. Jael wusste, was das bedeutete. Nahrungsentzug war eine von Vaters Erziehungsmethoden, genau wie Dunkelheit, Isolation und Kälte. Jael akzeptierte sie wie die Schläge. Es war notwendig. Nicht um das Böse zu vertreiben, sondern um es wachsen zu lassen.

Jael ließ das Bild zerplatzen. Er war verborgen geblieben, hatte ausgeharrt. Dies war seine Bestimmung, seine Zeit. Er war bereit. Ein harziger Geruch stieg vom Waldboden in seine Nase. Mutter hatte das Licht in der Küche gelöscht und war ins Wohnzimmer gegangen. Er richtete sich auf, hieß die Finsternis der Nacht willkommen und folgte ihr.

*

»Der Hof ist riesig.« Emma klang ehrlich beeindruckt.
   Hoffentlich dachte sie nicht, er hätte sie hierher gebracht, um zu protzen. »Wir bewohnen nur einen kleinen Teil des Hauses. Der Rest gehört zur Pension.« Das stimmte und dennoch war sich Jo der Größe des Wohntraktes durchaus bewusste, die ein normales Einfamilienhaus deutlich überschritt.
   »Es ist trotzdem riesig.« Mit einem unbeschwerten Lachen legte sie ihre Hand in seine.
   »Ich gebe zu, ab und an verlaufe ich mich.«
   »Sehr witzig.« Sie zupfte einige Rosenblätter ab und zerrieb sie zwischen den Fingern. Ein süßer, schwerer Geruch stieg auf. Emma sog ihn genießerisch ein.
   Am liebsten hätte er sie auf der Stelle geküsst, aber er hatte nicht vor, Mats oder seinen Eltern eine Liveshow zu liefern. Er sah ihr stumm zu und zog sie anschließend in Richtung der Stallgebäude, wo sie sich nicht auf dem Präsentierteller befinden würden.
   »Jo?« Sein Vater stand in der offenen Terrassentür und winkte ihn aufdringlich heran.
   Jo beglückwünschte sich innerlich, dass er daran gedacht hatte, dass man hier niemals unbeobachtet war. »Ist es okay, wenn wir zu ihm gehen? Aufgeben wird er erfahrungsgemäß eher nicht.« Ergeben zuckte Jo mit den Schultern und überlegte, wie er Emma seinem Vater vorstellen sollte. Wie sollte er bezeichnen, was zwischen ihnen war?
   Sie schien weniger Bedenken zu haben, offiziell Jos Eltern vorgestellt zu werden. »Klar. Ist kein Ding.« Sie gab ihm einen Kuss und scherte sich kein Stück darum, wer sie sah oder nicht.
   Jo lief rot an, als er das zweideutige Grinsen seines Vaters sah.
   »Du bist dann wohl Emma.« Jos Vater schüttelte ihr die Hand und zwinkerte ihm vertraulich zu.
   »Pa!« War klar, dass Mats gequatscht hatte. Von niemandem sonst konnte Pa ihren Namen wissen. Eigentlich hatte Jo penibel darauf geachtet, dass Mats nichts mitbekam. Dennoch hatte sein Bruder es geschafft, die Informationen in Rekordzeit zu verbreiten. Jo überlegte, wie er Mats am besten dafür umbringen konnte, als die schwache Stimme seiner Mutter aus dem Wohnzimmer zu hören war. Die letzte Chemotherapie hatte Janne bestürzend gebrechlich werden lassen. Eine Frau, die stets vor Kraft gestrotzt hatte. Jetzt lag sie unter einem Haufen bunt gemusterter Patchworkdecken auf dem Sofa. Es kam Jo vor, als würde allein das Gewicht der dicken Decken ihr das Atmen erschweren. »Was ist denn? Ich wollte Emma den Rest vom Hof zeigen.« Sanft schob er sie ein Stück von der halb geöffneten Terrassentür weg.
   »Jo, du musst heute das Misten übernehmen.«
   »Was?« Er stieß genervt die Luft aus und zeigte auf Emma. »Ich habe Besuch.«
   »Ich könnte dir helfen.«
   Ganz offensichtlich hatte Emma bisher nie einen kompletten Pferdestall ausgemistet, sonst würde sie mit Sicherheit nicht so begeistert aussehen. Jos Laune sank tiefer als der Gefrierpunkt. Er wusste, was jetzt kommen würde. Sein Vater hatte schon wieder diesen Jetzt-sei-doch-vernünftig-Blick drauf.
   »Wir hatten darüber gesprochen.« Er räusperte sich. »Wir müssen jetzt alle anpacken. Es ist für keinen von uns …«
   »Ach, das ist doch scheiße.« Allmählich fragte sich Jo, wieso er derjenige der Brüder war, der ständig seinen Pflichten nachkam und dafür mit noch mehr Scheißaufgaben malträtiert wurde.
   »Es wäre nett, wenn du einen anderen Ton haben könntest.« Vater sah ihn streng an.
   Wäre auch ein Skandal, wenn Jo Halken plötzlich aus der Schublade des perfekt funktionierenden Sohnes klettern würde und ein eigenes Leben hätte. »Es wäre nett, wenn du Mats auch mal was aufs Auge drücken würdest«, konterte Jo.
   »Dein Bruder lernt.«
   »Sicher, na klar.« Mit einem Augenverdrehen wandte sich Jo ab. Die Diskussion war müßig. Mats hatte sehr schnell gelernt, dass eine potenzielle Verbesserung seiner durchweg schlechten Noten die beste Ausrede war, um die lästigen Pflichten auf ihn abzuwälzen. Mats war so. In dieser Beziehung absolut egoistisch, auch wenn er es einem schwer machte, deswegen böse auf ihn zu sein.
   Er stieß eine überreife Birne den seichten Abhang des Gartens hinunter. Es hatte keinen Sinn, sich zu wehren. Resigniert stieß er die Luft aus, nickte und verließ brummend die Terrasse. »Also dann, Scheiße schaufeln.«
   Emma verabschiedete sich von seinem Vater und schloss zu Jo auf. Als sie sich auf einer Höhe befanden, stupste sie ihn an und grinste breit. »Das wird bestimmt lustig. Jetzt mach nicht so ein Gesicht.«
   Jo verzog das Gesicht zu einer zweifelnden Fratze, während sie den Schotterweg entlangliefen, der das Wohnhaus mit den Stallgebäuden verband. Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich eingelassen hatte. Die Sonne brannte vom Himmel und brachte einen schon beim puren Herumstehen ins Schwitzen. Jos T-Shirt klebte ihm bereits am Rücken, dabei hatten sie noch nicht einmal mit der Arbeit begonnen. Dank Mats lagen zehn dreckige Boxen vor ihnen. Der Schatten des flachen Stallgebäudes brachte keinerlei Abkühlung. Die Hitze hatte längst den Weg in das Halbdunkel des Gebäudes gefunden, wo sie sich staute und sie als dumpfe, staubgeladene Wolke empfing. Ein Frontlader, ein riesiges Ungetüm aus Blech und Stahl, nahm den Großteil der Tenne ein.
   Jo nahm Emmas Hand in seine, verflocht die Finger mit ihren und drückte sich an dem Fahrzeug vorbei auf die Stallgasse. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und den Mist Mist sein lassen, aber schon war der Moment vorbei.
   Emma machte sich los, schlenderte langsam an den Boxen entlang und sah sich neugierig in dem Stall um. Er folgte ihr, zog sie an sich heran und wartete, bis sie den Blick von den alten, schmiedeeisernen Gittern losriss, um sie zu küssen. Ein leises Stöhnen drang zusammen mit seinen Worten an ihren Küssen vorbei. »Jetzt weißt du, warum ich dagegen war, diesen verdammten Stall auszumisten.«
   Sie verbarg das Gesicht in seiner Halsbeuge und kicherte leise.
   »Ich finde das nicht witzig.« Er brummte unzufrieden, obwohl er so zufrieden war, wie man nur sein konnte.
   Mit einem kurzen Schmatzer löste sie sich von ihm und ließ damit den perfekten Moment zerplatzen, wie ein Traumgebilde, das nur in Jos Fantasie existiert hatte. Ein Kuss so schnell und kurz, wie er ihn, in feuchterer Form, von seiner kleinen Schwester kannte. So anders als die Küsse zuvor. Es war klar, dass er das Ende des spaßigen Teils bedeutete. »Du willst also wirklich Bauer auf Zeit sein?«
   Sie nickte.
   Er liebte es, wie sich ihre Nase dabei in winzige Fältchen legte. »Okay, aber sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
   Sie sah ihn unbeeindruckt an, bis er schulterzuckend zu den Mistforken hinüberging, die ordentlich aufgereiht an der rechten Stallseite neben der Futterkammer standen. »Das ist dein Arbeitsgerät. Das und Muskelkraft.«
   Sie sah ihn durchdringend an. »Glaubst du, dass deine Mutter den Krebs besiegen kann?«
   Abrupt drehte sich Jo um und starrte sie an. Sie sah traurig aus, verloren, wie sie am anderen Ende der Stallgasse stand und nachdenklich die Hände ineinander verknotete. In der stickigen Luft tanzten Staubkörner wie Krill in den endlosen Weiten des Meers.
   Er wollte die Antwort, die seit Wochen in seinem Kopf endlose Kreise zog, nicht aussprechen. Also nahm er eine der Mistgabeln, stapfte damit zu dem Anhänger, der auf der Stallgasse bereitstand, und öffnete die Seite. Das Metall krachte mit einem ohrenbetäubenden Lärm herunter. Das Geräusch war gut. Es zerbrach die erdrückende Stille, die eine Antwort von ihm verlangte. Mit geübten Griffen begann er, Mist auf die Ladefläche zu schaufeln.
   »Es tut mir leid. Ich habe sie eben gesehen und musste daran denken, wie es mir gehen würde, wenn meine Mutter so krank wäre. Wenn du darüber reden willst.«
   »Will ich nicht«, erwiderte Jo schroff. »Du musst dich nicht entschuldigen«, fügte er sanfter hinzu. »Es ist nett, dass du fragst, aber …« Er merkte, wie er das Nett überstrapazierend in die Länge zog. Er wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte. Nichts konnte erklären, wie sehr der Krebs ihre Familie verändert hatte, wie sehr Jo es hasste, ständig über etwas zu reden, was er weder in Worte fassen konnte, noch akzeptieren wollte.
   »Es muss schwer sein. Ich könnte es, denke ich, nicht ertragen, meine Mutter so leiden zu sehen und mich immer zurückzustellen. Ich brauche die Kraft und Stärke meiner Eltern. Ohne das …« Sie blinzelte und sah zu Boden.
   Ohne das fühlte man sich seltsam verloren und voller Angst. Die Ungewissheit fraß sie alle langsam auf. Er sprach es nicht aus, nickte nur und lud eine weitere Ladung Mist auf den Hänger. Dabei sah er auf den rissigen Betonboden und ärgerte sich über den Kloß im Hals. All die Nachbarn, Freunde und Verwandten, die regelmäßig vorbeikamen, um ihr Gewissen zu beruhigen, boten ihre Hilfe an, aber im Grunde waren sie lediglich daran interessiert, bei der Katastrophe in der ersten Reihe zu stehen und nichts zu verpassen. Ihr gespieltes Mitleid trieb Jo auf die Palme. Bei Emma fühlte es sich anders an. Sie fragte, weil sie wirklich interessiert war, nicht an der Katastrophe, sondern an Jo. Das berührte ihn gefährlich tief. Er musste dringend das Thema wechseln. »Bist du schon mal mit so etwas gefahren?« Er deutete auf den kleinen Trecker, der vor den Hänger gekoppelt war. »Das Einzige, was hieran wirklich Spaß macht.« Das Grinsen geriet schief.
   »Du darfst fahren? Du bist noch keine achtzehn.«
   »Nur auf dem Hof, aber ja. Einer der wenigen Vorteile, wenn sie unbedingt deine Hilfe wollen.« Er zwinkerte ihr zu.
   Sie schnappte sich eine Mistforke. »Machen wir den Hänger voll.« Sie stieß mit der Forke gegen seine, als würden sie anstoßen.

Die Fahrerkabine war mit drückend heißer Luft gefüllt, als Jo Emma auf den Schoß nahm und ihr zeigte, wie sie schalten und einschlagen musste, um die Länge des Anhängers zu beachten. Er genoss die Nähe zu ihr, den begeisterten Klang in ihrer Stimme und das Vibrieren ihres Körpers an seinem, als sie lachte.
   »Du fährst den Blumentopf um.« Jo griff in das Lenkrad und verhinderte um Haaresbreite eine Kollision mit einem ausgewachsenen Rosenübertopf aus massivem Granit.
   Sie lachte, küsste ihn und hörte überhaupt nicht mehr auf, zu gackern. Es fiel Jo schwer, sich auf das Fahren zu konzentrieren. Er bog ihren Kopf nach hinten und küsste sie, versank in diesem Kuss, in ihr. Er liebte sie. Es fühlte sich so einfach an wie atmen.

*

Es war, als hätte sich die Welt gegen ihn verschworen. Jael hatte den Plan akzeptiert, hatte mit dem Bösen gemeinsame Sache gemacht, anstatt es zu bekämpfen. Nur zur Erfüllung seiner Bestimmung hatte er diese explosive Allianz nutzen wollen. Er hatte alle Regeln befolgt. »Für das große Ganze.« Flüsternd krochen die Worte über seine Lippen.
   Er hatte seinen Vater sterben lassen. Es war befriedigend gewesen, vor allem aber unausweichlich. Er erschauderte bei dem Gedanken, wie viel Kraft das Böse dabei in sich aufgenommen hatte.
   Der Tod seiner Mutter war eine Notwendigkeit gewesen, die die Grenzen verschwimmen lassen hatte. Ihr Tod war Teil des Plans gewesen. Dass er ihn mitgerissen hatte wie eine meterhohe Flutwelle, keineswegs. Er hatte die Kontrolle verloren. Die Dunkelheit nahm Besitz von ihm, füllte ihn aus.
   Seine Hände pressten das Blut aus seinen Schläfen. Die Haut kribbelte unangenehm. Sein Sichtfeld flimmerte, aber die Stimme verstummte nicht. Das Flüstern in seinem Kopf, es gab sich nicht zufrieden, nicht einmal jetzt.
   Er hatte niemals den Hauch einer Chance gehabt. All die Jahre hatte das Böse gierig stillgehalten. Es hatte Vaters Worte berücksichtigt, es im Verborgenen getan. Die ganze Zeit hatte es auf diesen Moment gewartet und jetzt war es frei.
   Jael biss sich auf die Lippen. Blut trat unter seinen Nägeln aus, lief an der verletzlichen Haut der Schläfen hinab über die Wangen und tropfte auf den leblosen Körper, der vor ihm auf dem Boden lag. Er musste die Spuren beseitigen, den Stoff mit seinem Blut daran verschwinden lassen.
   Ein Specht zerfaserte in der Nähe die Rinde eines Baumes. Das regelmäßige Stakkato des Schnabels dröhnte in Jaels Ohren. Er hatte das Böse nicht aufhalten, ihren Tod nicht verhindern können.
   Die Frau lag bäuchlings auf dem Boden. Sie war hübsch. Wahrscheinlich hatte sie einen Mann zu Hause, Kinder, einen guten Job. Die Kleidung war bieder, der Schlüssel ihres Wagens zeigte das hellblau-weiße Symbol der Bayerischen Motorenwerke. Sie hätte niemals hier auftauchen dürfen. Das Böse war auf der Jagd gewesen. Das Schicksal hatte Jael herausgefordert. Er war zu geschwächt gewesen, zu berauscht, um es aufzuhalten.
   Jael hatte ständig hart dafür arbeiten müssen, sich am Ufer der Normalität festzuklammern. Jetzt hatte der Sog des Bösen ihn fortgespült. Ihm war klar, dass seine einzige Chance, nicht unterzugehen darin bestand, mit dem Strom zu schwimmen. Er gab auf und überließ der Dunkelheit den Weg.

*

Ein Klingeln an der Tür beendete die sowieso viel zu kurze Nacht. Stöhnend drehte sich Jo um und strampelte die lästige Bettdecke von den Beinen. Draußen war es stockfinster, sonst hätte er von seinem Zimmer aus den Deich sehen können sowie einen Teil der Elbe, die sich als graues Band an den Überschwemmungsflächen entlangschlängelte. Er schloss die Augen und streckte die müden Gliedmaßen. Emma! Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war irre, hier zu liegen und zu wissen, dass ihr Lachen, die raue Baumrinde an seinem Rücken, ihre Hand in seiner, die Wärme ihrer Haut, dass das alles kein Traum gewesen war.
   »Jo!« Mats ließ mit einem Krachen, das Tote geweckt hätte, die Tür auffliegen und verscheuchte Emma damit aus seinem Kopf.
   Einen ätzend lauten Bruder am frühen Morgen, wer tauschte den nicht gern gegen Erinnerungen an seine Freundin. Aber selbst Mats aufdringliches Wesen würde es nicht schaffen, ihm den Morgen zu versauen, nicht wenn er wusste, dass er Emma später sehen würde. Mit einem breiten Grinsen warf er ein Kissen nach dem Eindringling. »Schon mal was von Anklopfen gehört?«
   Mats zog die Augenbrauen in die Höhe. Seine Haare bildeten ein Chaos auf dem Kopf, das einem Vogelnest glich. Trotzdem bewegte er den Kopf in einer instinktiven, ruckartigen Bewegung, um sich den Pony aus der Stirn zu schleudern. »Hab ich dich etwa bei was Bestimmtem gestört?« Neugierig sah er sich um und öffnete feixend Jos Schranktür. »Emma scheint nicht da zu sein.«
   »Wirklich saukomisch.«
   Plötzlich schien sich Mats zu erinnern, warum er in das Zimmer geplatzt war. Mit einer verschwörerischen Miene ließ er sich neben Jo plumpsen. »Mama und Papa haben Besuch.«
   »Interessant! Dafür hätte ich nicht mal den Publikumsjoker gebraucht. Alter, es hat geklingelt, natürlich ist wer gekommen.« Jo rieb sich die Schläfen und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Mats sich ein anderes Opfer suchen würde. Er konnte nicht verstehen, wieso sein Bruder ein dermaßen penetranter Frühaufsteher war. Seine gute Laune zu den unmöglichsten Uhrzeiten wurde nicht einmal durch seinen Kater geschmälert, den er nach der Menge Alkohol am gestrigen Abend haben musste. Nachdem Jo und Emma die Arbeiten auf dem Hof erledigt hatten, war Mats aus der Versenkung seiner Bücher aufgetaucht, und sie hatten sich mit Freunden im Naturschutzgebiet getroffen.
   »Wo bist du denn gestern Abend hin? Bist verdammt früh abgehauen. Also, ihr, meinte ich. Was habt ihr zwei Turteltäubchen denn noch gemacht?«
   »Was willst du, Mats? Ich bin noch nicht mal richtig wach. Du nervst.«
   »Die Bullen stehen in unserem Wohnzimmer, und ich war gestern Abend ausnahmsweise ganz brav.« Er boxte Jo leicht in die Rippen. »Also, was hast du angestellt?« Es schien ihm zu gefallen, dass er ganz entgegen der Regel nicht die Ursache des Problems war.
   Verwirrt setzte sich Jo auf und presste die Handflächen gegen die Schläfen, um den einsetzenden Kopfschmerz zu vertreiben. Er nahm das Handy vom Nachtschrank und entriegelte die Codesperre. »Keine Ahnung, was die wollen.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist Samstag und gerade halb sieben. Unchristliche Zeit für einen Besuch.« Er warf das Handy auf die karierte Bettdecke, wo es in einer daunenweichen Mulde liegen blieb, während Jo es weiter anstarrte.
   »Wahrscheinlich hat Pa eins seiner Knöllchen nicht bezahlt. Mann, guck doch nicht, als hättest du ein Gespenst gesehen. Du glaubst doch nicht echt, dass die zu dir Streber wollen. Tust mir ja doch nicht den Gefallen, mal negativ aufzufallen.«
   Wie auf Kommando klopfte es an Jos Tür und ihr Vater schob seinen Körper umständlich durch die Tür. Sein Gesicht war blass und die Stimme, die sonst stets ein unterdrücktes Lachen in sich trug, zitterte unnatürlich. »Jo, könntest du mal eben runterkommen?«
   Die Leichtigkeit im Umgang mit seinem Bruder verflog. Eilig durchforstete Jo die Erinnerungen an den gestrigen Tag, fand jedoch nichts, was ihn in Schwierigkeiten gebracht hätte. »Klar, komme gleich«, murmelte er leicht verunsichert.
   Sein Vater nickte. Beim Hinausgehen wandte er sich an Mats. »Kümmere dich bitte um Laura, wenn sie wach wird. Seht euch einen Film an oder so. Es wäre schön, wenn wir ungestört wären.« Dann schloss er die Tür hinter sich.
   »Alter, das hört sich nach mehr als Ärger an.« Mats klang irritiert.
   Ein diffuses Gefühl von Panik kroch durch Jos Körper, während er sich wortlos anzog.

Sein Vater saß zusammengesunken auf einem der zwei großen Sofas, die im Wohnzimmer vor einem offenen Kamin standen. Ein Beamter in Zivil saß ihm gegenüber. Der Hintern des Polizisten berührte gerade eben die äußerste Kante des Polsters. Es sah lächerlich aus, als würde er jeden Moment hinunterrutschen. Sein Kollege stand vor der Fensterfront, die den Blick auf weite Weideflächen erlaubte. Weit hinten stieß das wogende Gras an den dunklen Rand des Waldes. Seitlich wurde es durch den Deich begrenzt, der das Grundstück an einer Seite abschloss. Das Lächeln des Beamten wirkte aufgesetzt. Es erinnerte Jo an das Zähnefletschen eines Hundes, bereit, Beute zu schlagen. Das waren definitiv keine Streifenbeamten. Sie trugen keine Uniformen. Der am Fenster war mit einem zerknüllten Hemd und einer Jeanshose bekleidet, die wahrscheinlich in den Achtzigern modern gewesen waren. Sein Kollege auf dem Sofa hingegen wirkte äußerst gepflegt und modisch. Dunkle Hose, brauner Pullover über einem ordentlich gestärkten Kragen. Selbst die Schuhe waren penibel sauber, was Jo erstaunte, weil der Typ irgendwie von seinem Auto bis zur Haustür gelangt sein musste.
   »Jo Halken?«
   Er nickte stumm und verschränkte nervös die Finger. Was zum Henker wollten diese Typen? Sein Mund fühlte sich staubtrocken an. Er musste sich räuspern, um ein einigermaßen kräftiges »Ja« hervorzuquetschen.
   »Mein Name ist Legler.« Er deutete zu dem schweigsamen Typ auf dem Sofa. »Das ist mein Kollege Sievers. Wir sind von der Kripo Hamburg.« Er hielt gelangweilt den Dienstausweis hoch und ließ ihn in der Hosentasche verschwinden, bevor Jo einen Blick darauf werfen konnte. »Wir hätten einige Fragen an Sie. Da Sie minderjährig sind, werden wir die Befragung unter Beteiligung Ihres Vaters durchführen. Wenn Sie es wünschen, haben Sie natürlich die Möglichkeit, auf der Anwesenheit eines Anwalts zu bestehen, oder die Aussage zu verweigern. In jedem Fall brauchen Sie keine Angaben zu machen, die Sie selbst belasten würden. Ich würde gern ein Tonband mitlaufen lassen. Das erspart Ihnen, nochmals auf der Dienststelle vorbeizukommen und alles zu Protokoll zu geben. Wir machen dann eine Abschrift von den Aufnahmen und Sie unterschreiben uns bitte dieses Formblatt.« Er legte einen Zettel vor Jos Nase. »Sie als gesetzlicher Vertreter müssen ebenfalls unterschreiben.« Ungeduldig wippte er mit einem Kugelschreiber vor Jos Nase auf und ab, bis Jo den Schreiber nahm und zittrig unterschrieb, ehe er den Stift an seinen Vater weitergab.
   »Ein Anwalt wird nicht nötig sein.« Pa sah nicht auf. Seine Hände kneteten den Jeansstoff oberhalb der Knie zu dicken Wulsten, aber seine Stimme klang wieder fester, geschäftsmäßig. »Mein Sohn wird Ihre Fragen beantworten und damit ist diese Sache dann hoffentlich beendet.«
   Pas Worte duldeten keinen Widerspruch. Er hatte Jos Kooperation nicht als Frage formuliert. Jo konnte sich nicht entsinnen, dass Pa irgendwann vorher schon einmal das Wort für ihn ergriffen hatte. Selbst als Kind hatte Jo über seinen Schatten springen und selbst für seine Bedürfnisse einstehen müssen – Georg Halkens Auffassung von Erziehung seiner Kinder zu selbstständigen Persönlichkeiten. Es beunruhigte Jo nicht in dem Maß, wie es das vielleicht sollte, vielmehr verwirrte es ihn. Er verstand nicht, was überhaupt ablief. Unschlüssig blieb er stehen. Er spürte die Maserung des Holzes unter den bloßen Füßen, während sich die Sekunden zu halben Ewigkeiten ausdehnten.
   Der Beamte machte sich eine Notiz und kritzelte mit kaum leserlichen Schwüngen seine Unterschrift neben die von Pa und Jo. »Also gut, fangen wir an.« Er gab seinem Kollegen einen Wink.
   »Wo waren Sie gestern zwischen zehn Uhr und Mitternacht?« Der Beamte auf dem Sofa rutschte ein wenig weiter nach vorn.
   Jo schloss innerlich eine Wette ab, wann Sievers mit dem Hintern auf dem Boden landen würde. Er spürte die Blicke des Beamten auf sich. Er sollte besser die Frage beantworten.
   Hilfe suchend sah er Pa an, aber der starrte auf den Boden vor sich und wirkte wie ein Haufen Elend und ein Berg voller Selbstvorwürfe. »Wieso wollen Sie das wissen?« Der Ärger in Jos Stimme wuchs aus Angst.
   »Setz dich!« Ohne um Erlaubnis zu bitten, war der Beamte am Fenster zum Du übergegangen.
   Jo hatte nie darauf bestanden, gesiezt zu werden. Im Gegenteil, er empfand das plötzliche Siezen der Lehrer mit Eintritt in die Oberstufe als total merkwürdig. Trotzdem fühlte es sich in diesem Moment falsch an, als würde der Beamte die Distanz unangenehm verringern.
   »Also noch einmal, wo warst du gestern zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht?«, fragte Sievers.
   »Ich …«
   »Jo!« Sein Vater fiel ihm ins Wort. »Antworte ihm einfach.« Die Resignation in Georgs Stimme klang so fremd, dass es Jo mehr als alles andere verunsicherte.
   »Ich war mit meinem Bruder und einigen anderen zusammen. Wir treffen uns immer am Rand vom Schutzgebiet. Hinten im Ackerland, auf Höhe der alten Wetter.« Ihm war kalt, obwohl er schwitzte. Irgendetwas stimmte ganz gewaltig nicht. Die Polizei würde niemals um halb sieben an einem Wochenendtag zwei Beamte zu einer Befragung schicken, weil ein paar Jugendliche in das Naturschutzgebiet eingedrungen waren. Trotzdem hoffte Jo inständig, dass es nur darum gehen möge. »Also genau genommen ist der Treffpunkt im Schutzgebiet. Geht es darum? Ich meine, ich weiß, dass es nicht erlaubt ist, aber …«
   Die Beamten warfen sich einen durchdringenden Blick zu, bevor der Mann auf dem Sofa eine Akte auf den Tisch legte und darauf klopfte. »Wir untersuchen ein Tötungsdelikt. Es geht nicht um irgendwelche Viecher. Ist ’ne ernste Angelegenheit. Es ist also wichtig, dass du die Wahrheit sagst. Verstehst du das?«
   Obwohl sich sein Kopf wie von selbst auf und ab bewegte, drehten sich die Gedanken in Jos Kopf in Lichtgeschwindigkeit. Sie zerplatzten, bevor er einen davon zu fassen bekam.
   »Kann jemand bestätigen, dass du in diesem Zeitraum auf der besagten Party warst?« Wieder dieser bohrende Blick.
   »Mein Bruder, diverse Freunde. Ich bin später mit einem Mädchen weggegangen. Emma Evers.« Jo biss sich auf die Zunge. Wenn sich die Beamten bei Emma erkundigten, konnte er sich in etwa vorstellen, was sie denken musste. Er stöhnte leise. »Wieso fragen Sie mich das? Wer ist gestorben?«
   »Getötet worden!« Der Beamte am Fenster sah in die Ferne und überließ seinem Kollegen das Sprechen, als würde die Antwort auf all seine Fragen irgendwo am milchig blauen Himmel stehen. »Wir werden deine Angaben überprüfen müssen. Dazu bräuchten wir die Namen, Adressen und wenn möglich die Telefonnummern von besagten Freunden und dem Mädchen.«
   Es fiel Jo schwer, zu erkennen, wer den Good und wer den Bad Cop spielte. Beide machten keinen sonderlich sympathischen Eindruck.
   »Emma Evers, sie wohnt im Haferweg 7. Wir sind nach zehn allein unterwegs gewesen, aber wieso …? Ich verstehe nicht …«
   »Wir untersuchen den Tod an deiner Mutter.« Ganz plötzlich drehte sich der Beamte am Fenster um und fixierte Jo aus wachen, tief stehenden Augen.
   Jedes einzelne Wort traf Jo mitten in die Magengrube, wie ein gezielter Schlag, quetschte die Luft aus seinen Lungen. Er hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. »Pa?«
   Sein Vater starrte auf einen imaginären Punkt am Boden. Er hob die Hand und presste sie sich vor den Mund, blieb jedoch stumm.
   Es musste eine plausible Erklärung für diese völlig absurde Aussage geben. »Meine Mutter … Janne, meine Stiefmutter, ist schwer krank. Sie liegt oben im Bett. Sie kann nicht tot sein.« Er verschluckte sich fast an den Worten und hustete verkrampft.
   »Liana Kolbe hat dich laut den Geburtsurkunden des Albertinen-Krankenhauses Hamburg am fünften April 1992 auf die Welt gebracht. Vater Georg Halken hat die Vaterschaft vor der Geburt anerkannt. Das ist soweit richtig, nicht wahr?« Der Mann auf dem Sofa blätterte in der Akte herum und nickte, als er die Bestätigung in den Unterlagen fand. Er wartete nicht auf eine Antwort von Jo oder dessen Vater.
   Jo sah die Ecke eines Fotos. Morastiger Waldboden, giftgrüner Farn und die Ecke einer blutverschmierten Jeanshose. Er schloss die Augen. Sein Puls raste. »Meine Mutter ist tot, seitdem ich ein Kind war.«
   »Liana Kolbe, deine Mutter, wurde gestern Abend, am vierundzwanzigsten April, gegen Mitternacht in Hittfeld bei Seevetal getötet.«
   Wieso verstand ihn der Kerl nicht? »Sie starb, als ich fünf war.« Jos Flüstern bekam einen hysterischen Unterton. Erinnerungsfetzen durchzuckten ihn: Sommer, eine Hängematte, die dunkle und warme Stimme einer Frau, die sang. Jo legte den Kopf leicht schief, als könnte er den Ton zu den Bildern so einfangen. Er spürte, wie ihm eine Hand zärtlich die Haare aus der Stirn strich. »Ich erinnere mich kaum noch an sie, aber eins weiß ich: Wenn sie bis gestern gelebt hätte, wüsste ich das. Sie hat mich geliebt.«
   »Wann hast du herausgefunden, dass sie nicht tot ist, dich einfach verlassen hat? Als wir deinem Vater von ihrem Tod berichtet haben, erzählte er uns, dass sie dich belogen haben und du nichts von ihr wusstest. Das stimmt allerdings nicht, habe ich recht?« Die Stimme des Beamten vorm Fenster schlug gegen die Scheibe der Terrassentür und wurde als kaltes Echo zurückgeworfen.
   Sie waren also Bad Cop und Real Bad Cop.
   »Das macht einen wütend, nicht wahr?« Aufreizend langsam schlenderte er vom Fenster zu Jo herüber.
   »Bitte, es reicht!« Der Protest seines Vaters war schwach. »Ich habe Ihnen gesagt, er weiß nichts.«
   »Pa, sag ihnen, dass sie starb, als ich ein Kind war. Sie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, kurz nach meinem fünften Geburtstag.« Mit einem verzweifelten Hoffen rutschte Jo näher an seinen Vater heran.
   Pa sank in sich zusammen, als wollte er in der Ritze des Sofas verschwinden. »Sie hat gelebt, Jo.« Mit zitternder Stimme wandte er sich an die Beamten. »Er wusste nicht, dass sie lebte. Das würde ich Ihnen eidesstattlich bezeugen.«
   Pa hatte ihn belogen. All die Jahre lang.
   »Es tut mir so leid.«
   Die Worte erreichten Jo nicht.
   Der Polizist trat ganz dicht an ihn heran und musterte ihn, wie ein verunglücktes Experiment. »Er wusste es nicht, Frank. Ich denke, wir verschwenden unsere Zeit.« Enttäuschung umspülte jedes seiner Worte. »Es wäre hilfreich, wenn Sie sich bereithalten. Nur für den Fall, dass wir weitere Fragen an Sie haben sollten.«
   »Wir gehen dann.« Sein Kollege löste den minimalen Kontakt mit dem Sofa und klemmte sich die Akte unter den Arm. »Wir werden deine Angaben natürlich überprüfen.« Es klang einstudiert. »Sollte sich herausstellen, dass etwas nicht zusammenpasst, kommen wir wieder.« Er tippte sich an die Stirn. »Wir finden allein hinaus!«

Die Minuten verstrichen. Leere fraß sich durch das Zimmer bis in Jos Eingeweide. »Du wusstest es?« Die Worte zerschnitten die Stille. Er wollte nicht weinen, deshalb blinzelte er trotzig.
   »Sie wollte es so. Zu deinem Schutz.«
   Das konnte alles nicht wahr sein. Die Wut lag als großer, schwerer Klumpen in seinem Magen. »Zu meinem Schutz? Schutz vor was? Das ist total lächerlich. Ihr habt mich angelogen. Ihr alle. Rede dich jetzt nicht mit so einer Scheiße raus!« Er verlor den Boden unter den Füßen. »Wer wusste davon?«
   Sein Vater sah ihm in die Augen. Jo wünschte, er hätte es nicht getan. Die Trauer und die Verzweiflung in seinen Augen waren so ehrlich, dass es die Wut zum Einstürzen brachte. »Wer wusste davon? Janne? Du?«
   Georg senkte den Blick und nickte.
   »Mats?«
   »Nein, er wusste nichts, Laura auch nicht. Deine Großeltern wissen es, sonst niemand.«
   »Sonst niemand.« Es hätte Jo nicht gewundert, wenn ein tosendes Geräusch das Zusammenbrechen seines Lebens begleitet hätte. »Ich denke, damit sind sie nicht meine Großeltern und ihr nicht meine Familie.« Wie betäubt stand er auf, wünschte sich, sein Vater würde ihm widersprechen. »Wahrscheinlich ist das alles nicht mal mein beschissenes Leben.« Es war ihm egal, dass er schrie.
   Mats kam die Treppe heruntergelaufen und sah bestürzt von Pa zu ihm und zurück. »Was zum Henker ist los? Laura kriegt Angst, weil ihr so herumschreit.«
   Jo beachtete ihn nicht. Er hielt sich an seiner Wut fest. Es war besser wütend zu sein, als traurig, das wusste er genau. Diese Lektion hatte er bereits mit fünf bitter gelernt. Die Traurigkeit hatte ihm einen Teil seiner Kindheit gestohlen, seines unbekümmerten Ichs. Er würde nicht nochmals um seine Mutter trauern. Um ein Haar hätte er Mats umgerannt, als er an ihm vorbei aus dem Haus lief und in der Morgendämmerung verschwand.

*

Das feuchte Gras kühlte Jaels überhitzte Haut. Sein Atem beruhigte sich von der körperlichen Anstrengung des Rennens. Distanziert betrachtete er das alltägliche Chaos im Haus seiner Mutter. Hierherzukommen, war dumm gewesen, unvorsichtig, absolut unzurechnungsfähig. Er grunzte. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, bei seinem Geisteszustand von Unzurechnungsfähigkeit zu sprechen.
   Dieses Haus gab ihm nichts, genauso wenig wie der Ort, an dem er sie getötet und die Leiche zurückgelassen hatte. Nichts gab ihm das Gefühl zurück, das ihn während ihres Todeskampfes gewärmt hatte. Er wollte es erneut spüren. Wie eine Sucht zerfraß der Wunsch danach jeden normalen Gedanken. Das Böse in ihm nutzte diese Schwäche, breitete sich aus, befiel jede Zelle und trieb ihn vorwärts, hinaus aus dem flachen Gebäude, über die Wiese, die das Haus umgab. Äste und Blätter schlugen ihm ins Gesicht, als er sich durch das Dickicht des angrenzenden Waldes schlug. Er vermisste die Wärme, die das Eis in ihm zum Schmelzen gebracht hatte und die Stimme zum Schweigen. Er wollte diesen Moment purer Perfektion zurück.
   Er seufzte und biss auf die Innenseite seiner Wange, bis der metallische Geschmack von Blut den Mund erfüllte. Kein Summen, keine Perfektion, nur blasse Erinnerungen. Nicht genug, um Frieden zu empfinden. Er musste die Kontrolle abgeben. Es würde so einfach sein, wie atmen. Die Dunkelheit lenkte ihn über Baumstämme, durch Haufen von Laub und toten Ästen, bis seine Füße den ausgetretenen Pfad erreichten, der sich quer durch den Wald schlängelte.
   Das Böse wusste genau, wo sie waren. Es hatte diesen Ort ausgewählt, vor Tagen schon. Es befand sich auf der Jagd. Jael jagte. Er schlenderte vorbei an schmalen Balancierhölzern, Reckstangen und Holzbänken. Er schwitzte, sein Herz raste und der Atem ging keuchend. Ein Trimm-dich-Pfad. Es war längst klar, worauf dies hinauslief. Die Kraft, die ihn vorwärtstrieb, war stark.
   »Der perfekte Tag für ein Work-out!« Jael wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er trug eine helle Jogginghose und einen Kapuzenpullover. Nichts an ihm wirkte verdächtig auf die junge Frau, die an einer der Bänke mit der Schwerkraft kämpfte. Er setzte sich neben sie und grinste sie schief an.
   »Machen Sie etwa schon schlapp?«
   Wie ihre Hand durch die Haare strich, der Blick, den sie verlegen senkte, um ihn dann erneut kokett anzulächeln.
   Jael erkannte dieses Verhalten. Es war das, was man in jedem zweitklassigen Liebesfilm zu sehen bekam. Sie machte es ihm einfach. »Ich bin bereits eine Weile unterwegs. Mein Haus liegt in der Nähe. Den Trimm-dich-Pfad empfinde ich persönlich als Mord, aber er ist stets mein Anlaufpunkt, bevor ich den Rückweg antrete. Allerdings spare ich mir meine Kräfte für den Rest der Strecke auf, anstatt so fleißig zu sein wie Sie.« Er hoffte, dass das Hochziehen seiner Augenbrauen als Anerkennung gedeutet werden würde, und unterstrich dies mit einer Handbewegung in ihre Richtung.
   »Sie sind ganz schön aus der Puste. Scheint nicht so nah zu sein, wie Sie sagen.«
   »Oder ich bin nicht halb so gut im Training, wie es aussieht.« Er streckte die Hand aus. »Mein Name ist Kris.«
   »Merle.« Sie kicherte und erwiderte den Druck seiner Hand.
   Ihr albernes Lachen tat Jael in den Ohren weh, aber sie hatte einen schönen Körper, straffes Fleisch, ein hübsches Gesicht. Obwohl seine Gedanken allein darum kreisten, wie das Blut über ihre perfekte Haut floss und das Licht in ihren Augen erlosch, war ihr Erscheinungsbild wichtig.
   Eine attraktive, selbstbewusste Frau würde laut Statistik viel eher glauben, dass ein Mann Interesse an ihr hatte, als ein Mauerblümchen. Der feste Glaube, unverwundbar zu sein, war ein Monopol der jungen, im Leben stehenden Menschen. Es würde Jael helfen. Blinzelnd tauchte er aus den Gedanken auf. »Es freut mich sehr, Merle.« Für einen Augenblick hielt er ihren Blick fest, bevor er ihn senkte und die Hand losließ. Es war anstrengend, den Schein aufrechtzuerhalten. Er fühlte sich wie ein talentfreier Schauspieler im gleißenden Scheinwerferlicht. »Ist es zu frech, wenn ich fragen würde, ob wir den Rest der Strecke zusammenlaufen?«
   »Auf jeden Fall ist es ziemlich direkt, würde ich sagen.« Sie legte den Kopf schief, als hätte sie Mühe, ihn einzuschätzen. Ihre Körperhaltung zeigte jedoch, dass sie interessiert war.
   »Ehrlich gesagt ist es weniger eine Anmache als Pragmatismus. Wenn ich auf dem Rückweg kollabiere, können Sie einen Krankenwagen rufen.« Die Dunkelheit hatte die Regie übernommen, spulte Sequenzen aus erlebten Szenen ab, kopierte das Flirtverhalten eines ganz normalen Mannes, während sich Jael zurückzog. Das Gespräch dauerte lange. Die Anstrengung beschleunigte seinen Puls, die Atmung. Merle würde bald bemerken, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
   »Du siehst echt fertig aus.«
   Er sah, wie sie mit sich haderte. Unentschlossen blickte sie den Weg entlang, der sie vermutlich zu ihrem Auto führen würde, bevor sie sich einen Ruck gab. »Ich kann nicht ernsthaft verantworten, dass du auf dem Weg nach Hause zusammenbrichst, während ich mir bereits eine heiße Dusche gönne!«
   Jeder Muskel in Jaels Körper spannte sich an. Er wollte das hier. Der Teil von ihm, der noch an den letzten Fäden anerzogener Wertevorstellungen festhielt, war längst ein Gefangener in einem dunklen Kerker. Also folgte er dem Bösen und Merle durch das Dickicht und hinein in die Finsternis.

Kapitel 2
Entwicklungen

Hannes mochte den miefigen Geruch des Polizeipräsidiums. Dabei war es ziemlich egal, in welchem Präsidium man sich befand. Es roch überall ähnlich, klischeehaft nach kaltem Kaffee, rauchenden Köpfen, zu wenig Schlaf und fehlender Körperhygiene.
   Es roch danach, Fragmente zusammenzufügen, nach harter Arbeit.
   Auch Polizeioberkommissar Legler, der vor ihm saß, wirkte übermüdet, und sein Hemd sah aus, als hätte es seit Ewigkeiten keine Waschmaschine mehr von innen gesehen.
   »Also, wie kann ich Ihnen helfen, Herr …? Er seufzte, fuhr sich über die Augen und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Uhr über der Tür, dann auf den Zettel vor seinem Bauch. »Herr Cort?« Sein Gesicht war ebenso zerknittert, wie Hemd und Hose.
   »Sie untersuchen einen Mord, der eventuell von demselben Täter begangen wurde wie ein Tötungsdelikt bei uns in Hamburg-Mitte.« Hannes nickte ihm aufmunternd zu und schob eine dünne Akte über den Tisch. »Eventuell könnte es sich sogar um denselben Tatort handeln, weil der Fundort unserer Leiche nicht mit dem Tatort übereinstimmt. Es wurden Humusrückstände unter den Fingernägeln und Laub in ihrem Haar gefunden, obwohl sie in einem Parkhaus gefunden wurde.«
   »Und Sie sind genau wer?« Die Stimme des Kommissars klang ungeduldig.
   »Ich bin Hannes Cort, Kriminalkommissar-Anwärter im dritten Jahr. Ich mache mein Praktikum im Kommissariat vierzehn und …«
   »Warum sollte der Täter ein Opfer liegen lassen, das andere aber bis nach Hamburg-Mitte bringen?« Er schüttelte noch immer den Kopf und einige Strähnen seines schütteren Haares fielen ihm in die Stirn.
   Das hatte sich Hannes ebenfalls gefragt und war auf eine ziemlich plausible Erklärung gekommen. »Bei Serientätern kommt es sehr häufig vor, dass die Opfer weit voneinander entfernt abgelegt oder getötet werden. So reduziert der Täter die Wahrscheinlichkeit, gefasst zu werden. Andere Zuständigkeitsbereiche. Es muss erst mal jemandem auffallen, dass Merkmale der Morde übereinstimmen.« Hannes nickte dem älteren Kommissar zu und hoffte, dass dieser ihm zustimmen würde.
   »Die Kollegen meinen also, es handelt sich bei dem Mörder in Seevetal eventuell um einen Mehrfachmörder und da schicken sie einen Praktikanten?« Leglers Augenbrauen wanderten satte drei Zentimeter höher und legten die Stirn des Kommissars in tiefe Furchen.
   »Ehrlich gesagt, denke ich nicht an einen Mehrfachmörder, sondern an einen Serientäter, der nach Ablauf der Abkühlungsphase erneut morden wird, aber genau genommen bin nur ich dieser Meinung. Mein Vorgesetzter sagte aber, ich dürfte Ihnen meine Eindrücke darlegen.«
   Mit einem Grunzen schob Kommissar Legler die Akte ungeöffnet zurück. »Ihr Vorgesetzter hat keine Lust, das Kindermädchen zu spielen, da schiebt er mir den Schwarzen Peter zu.« Seine Hand machte eine Bewegung, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen. »Wir haben zu viel um die Ohren, um uns so einen Mist anzuhören. Gehen Sie zurück und sagen Sie Ihrem Chef, wenn es ihm lästig ist, dem Praktikanten etwas beizubringen, soll er sich beim Polizeipräsidenten beschweren.«
   Hannes ließ nicht locker, obwohl ihm die abweisende Art seines Gegenübers das Blut in die Wangen trieb. »Ihr Opfer hatte ein auffälliges Symbol auf der Brust. Zumindest sagte mir Ihr Kollege Sievers, dass es ähnliche Schnittmuster wie auf unserer Leiche gibt.« Er öffnete die Akte und schob einen Stapel Fotos zu Legler hinüber. »Sehen Sie sich die Fotos wenigstens an. Unser Opfer wurde außerdem auf ähnliche Weise ermordet. Strangulationsmale, massive Abwehrspuren, der Tod erfolgte durch multiple Messerstiche in den Brustkorb. Bei uns befindet sich das Symbol auf dem linken Schlüsselbein.«
   Obwohl Legler weiterhin skeptisch schien, nahm er die Fotos in die Hand und setzte sich die Brille auf. Dann schüttelte er den Kopf. »Das ist doch Quatsch. Was Sie als Symbol deuten, ist ein zufälliger Schnitt des Täters. Das war ein typischer Overkill. Wenn man wie wahnsinnig auf jemanden einsticht, kommt es zwangsläufig zu solch zufälligen Schnitten. Wenn es sich hierbei tatsächlich um eine Signatur handeln würde, wäre das Symbol an derselben Körperstelle, hätte die gleiche Ausrichtung oder zumindest dieselbe Größe. Bei den beiden Opfern stimmt nichts davon überein. Ein Overkill legt eine persönliche Beziehung des Opfers zum Täter nah. Ich bin mir sicher, dass wir unseren Täter in null Komma nichts haben, sobald wir uns das Umfeld des Opfers genauer angesehen haben.«
   »Vielleicht muss er seine Handschrift noch finden, aber die Schnitte ergeben dasselbe Muster. Er stranguliert und ersticht seine Opfer. Dass beide Tötungsformen kombiniert werden, ist selten und kann kein Zufall sein. Ich bin mir sicher, dass es derselbe Täter ist. Wenn Sie mir erlauben würden, Ihr Opfer anzusehen, Ihre Akten vollständig einzusehen, würde das möglicherweise helfen, die Bedeutung hinter dem Symbol herauszufinden und meine These zu belegen.«
   »Es ist kein Symbol, Herrgott noch mal. Ich würde denken, dass man Ihnen beigebracht hat, die Zuständigkeiten zu klären, bevor Sie den weiten Weg auf sich nehmen wegen so einer völlig an den Haaren herbeigezogenen Theorie. Was sagten Sie? Drittes Jahr?« Er schüttelte belustigt den Kopf.
   Hannes wurde ungeduldig und biss sich auf die Unterlippe. Er hasste es, von oben herab behandelt zu werden, als wäre er minderbemittelt, nur weil sein Arsch noch nicht von dreißig Dienstjahren platt gesessen war. »Mir ist klar, dass es Zufall sein kann, aber das Muster der Morde ist identisch. Das Symbol, obwohl an anderer Stelle und bei Ihnen wesentlich kleiner, hat dasselbe Schnittmuster.« Er zeigte auf die Spuren an der Leiche und auf das Großformat des Symbols. »Er ist Rechtshänder, stark, vermutlich gut durchtrainiert. Die Zerstörung, die er an den Körpern der Opfer hinterlässt, ist ziemlich extrem, was auf einen Mann schließen lässt und er hinterlässt dieses Symbol.«
   »Vielleicht seine Initialen. Wenn Sie noch ein wenig warten, hinterlässt Ihr Serienmörder bei einem der nächsten Opfer ein Foto von sich und seine Adresse mit einem Geständnis in zweifacher Ausführung.« Ein wieherndes Lachen drang aus Leglers Mund. »Unser Opfer wog höchstens fünfzig Kilo. Er muss also nicht kräftig sein.« Legler klang genervt, schloss die Akte und warf Hannes einen strafenden Blick zu, als wäre dieser ein ungezogenes Kind. »Wie kommen Sie darauf, dass es einen Zusammenhang geben könnte? Viele Täter sind nicht besonders vorsichtig. Ich wette, dass es eine Vielzahl von Tötungen gibt, wo Sie irgendwelche Messerschnitte auf den Körpern finden, die mit viel Fantasie nach irgendwelchem Mist aussehen. Die Täter werden durch das Töten als höchst emotionalen Akt erregt, haben sich nicht mehr unter Kontrolle. Wie gesagt, es handelt sich um einen Overkill. Sex, Habgier, Hass. Es wird irgend so ein zwischenmenschlicher Scheiß sein. Wir sind bereits an einem möglichen Tatverdächtigen dran, der sich im sozialen Umfeld des Opfers bewegt, und verfolgen ein Dutzend weiterer Spuren. Wir machen unsere Arbeit.« Er sah Hannes drohend an, als müsste er sein Revier gegen eine unverbrauchte, jüngere Form seines Selbst abstecken. »Ihr Schulbankdrücker vermutet hinter jedem Fall gleich einen spektakulären Serienmord, aber ich verrate dir etwas, Cort.« Plump vertraulich war Legler zum Du übergegangen. »Das hier ist nicht Hollywood und Hannibal Lecter ist nichts weiter als eine mediale Erfindung.« Er klatschte laut in die Hände und erhob sich. »Alles Märchen. Konzentrier dich auf die Beweise, die wirklich da sind und auf deinen Fall, anstatt mir die Zeit zu stehlen. Entschuldige mich jetzt bitte. Ich muss meinen Kaffee in die Porzellanabteilung bringen. Du findest raus?« Er wartete keine Antwort ab und ließ Hannes allein zurück.
   Langsam zog Hannes die Bilder zu sich heran und nickte. »Ich sehe die Beweise und brauche dafür nicht mal eine Brille.« Er hatte leise und zu sich selbst gesprochen. Schon immer hatte Hannes ohne große Anstrengung das große Ganze gesehen. Es fiel ihm leicht, Puzzleteile zusammenzuführen, die anscheinend keinen Zusammenhang hatten. Bereits in der Schule war er überdurchschnittlich gut gewesen für jemanden, der nie lernte. Die Arbeit bei der Schutzpolizei war ihm leichtgefallen. Mehr als einmal war es seinen Kollegen zugutegekommen, dass Hannes eine brenzlige Situation richtig einschätzte, alle Hinweise präzise und schnell zusammensetzte und entsprechend reagierte. Nach drei Jahren hatte er auf Anraten seines Vorgesetzten das Studium begonnen und sich bewusst für den kriminalistischen Zweig entschieden. Es stimmte, das alles konnte purer Zufall sein, aber Hannes glaubte rein statistisch nicht an Zufälle. Zu den eingeritzten Symbolen kamen die exakt gleichen Winkel der Seilabdrücke und der Stichwunden, wenn man die Größe der Opfer in Bezug setzte. Das Fehlen einer sexuellen Komponente war ein weiterer Hinweis, der bei beiden Fällen übereinstimmte. Er erinnerte sich an einen Vortrag durch einen operativen Fallanalytiker im letzten Studienjahr. Es gab Täter, die nicht aus sexueller Begierde, Habgier, Wut oder anderen menschlichen Emotionen töteten, wie Legler annahm, sondern weil sie genau dafür taub waren. Sie fühlten nichts und berauschten sich an dem einzigen Gefühl, das ihnen nicht verwehrt blieb – das machtvolle Gefühl des Tötens.

*

Jael saß an dem antiken, schweren Schreibtisch seines Vaters. Seine Finger verharrten reglos über der Tastatur des Laptops. Obwohl der dunkle Teil in ihm es als reine Zeitverschwendung betrachtete, er musste arbeiten. Das Böse in seinem Inneren war stark und ausdauernd, aber es verdiente kein Geld. Hinzu kam, dass Jael die Normalität dieser Tätigkeit in der Regel gefiel. Worte, die das Böse einfingen und der Welt die dunkle Seite zeigten, die ihm so viel näher war als dem Durchschnittsmenschen. Heute aber wollten seine Gedanken nicht stillstehen. Er konnte sich nicht konzentrieren. Immerzu wanderten sie zu den toten Frauen. Zwei seiner drei Opfer waren bereits entdeckt worden. Es war eine Frage der Zeit, bis sie die dritte Leiche finden würden. Die Stelle im Wald lag geradezu beängstigend nah an der des bereits entdeckten Opfers. Innerlich beglückwünschte sich Jael dazu, dass er wenigstens das letzte Opfer in einen anderen Zuständigkeitsbereich der Behörden hatte schaffen können. Vermutlich würde ihm das den Hals retten. Auch wenn sie die Frau bereits gefunden hatten, dürfte es ihnen schwerfallen, den Zusammenhang zwischen den Opfern herzustellen. Jael hatte sich alle Mühe gegeben.
   Die Geräusche aus dem durch Büsche und Bäume abgeschirmten Nachbargarten waren aufdringlich, laut und nervenzehrend. Die quäkende Stimme der Nachbarin dröhnte durch das Grün zu ihm herüber. Er wünschte, er könnte ihr auf der Stelle den Hals umdrehen. Bilder von Blut, Gewalt und Tod zauberten ein Lächeln auf seine Lippen.
   »Denk an etwas Schönes, das vertreibt die dunklen Wolken.« Das hatte Mutter immer gesagt. Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass es keine dunklen Wolken in Jaels Kopf gab. Er selbst war die Dunkelheit.
   Die Finsternis in ihm würde erneut töten. Bis dahin würde Jael seinem alten Ich das Feld überlassen, verborgen bleiben.
   Einen kurzen Moment ließ er den Gedanken zu, wie es wäre, das Böse in einen tiefen, modrigen Keller zu sperren, bevor er den Gedanken verwarf. Es war zu stark, wurde immer stärker. Es war in jeder von Eis überzogenen Zelle seines Körpers. Es war Jael und Jael war das Böse.
   Er seufzte und schloss die Augen. Niemand würde ihn aufhalten. Er war ein Schatten, unsichtbar, nicht existent. Er hatte ein nettes, unscheinbares Gesicht, volles dunkles Haar, einen durchtrainierten Körper, der es ihm leicht machte, Frauen für sich zu begeistern, ohne einen allzu bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ging er unter Menschen, sprach er nicht sonderlich viel, wodurch er die Gefahr minimierte, unangenehm aufzufallen. Das Wetter, die Arbeit, belangloser Tratsch, das alles waren Themen, die sich sehr gut eigneten, um das Raunen des Raubtiers in seinem Kopf zu verbergen.
   Er war gut darin, in der Mittelmäßigkeit unterzutauchen. Dabei war er alles andere als das. Ein Monster, das die Reißzähne hinter einer unscheinbaren Fassade versteckte.
   Sanft begannen Jaels Finger, über die Tastatur zu tanzen, während er leise eine Melodie summte. Er summte seiner Mutter ein letztes Lied. Vielleicht hatte sie befreit, was Jael Zufriedenheit schenken würde. Vielleicht war seine Bestimmung nie nur der Tod seiner Eltern gewesen.

Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein bedeckt, schlupf unter die Deck. Morgen früh so Jael will, wirst du wieder geweckt …

*

Robert duckte sich unter dem Absperrband hindurch, steckte den Dienstausweis wieder ein und schlurfte, den Kaffeebecher an den Lippen, zum Fahrzeug der Spurensicherung hinüber.
   Wortlos reichte ihm ein geradezu beängstigend junger Kriminaltechniker einen Satz Überziehschuhe und nickte zu einem provisorisch errichteten weißen Zelt hinüber. »Den Rest der Meute finden Sie da drüben. Der diensthabende Kommissar erwartet Sie. Ist übel gelaunt.«
   »Danke für die Warnung.« Robert nickte ihm zu und betrachtete die Umgebung. Wenig Laub lag auf dem Waldboden. Die Bäume standen an dieser Stelle nicht besonders eng. Die Luft war frisch. Morgendlicher Nebel kroch um die bemoosten Stämme und zerschmolz, wo er auf die ersten Sonnenstrahlen des Tages traf. Er klappte den Kragen des Mantels hoch und betrat den Tatort.
   »Niemand kommt hier mit Frühstück in der Hand rein.« Der untersetzte Kommissar hockte gebückt über der Leiche einer Frau und blaffte, ohne hinzusehen, in Roberts Richtung.
   »Freut mich auch, Legler.«
   Der Beamte richtete sich auf und verzog das Gesicht. »Wer hat dich denn eingeladen, Obergar? Hab schon gehört, dass du unbedingt bei der Party mitmischen willst, frag mich nur warum?« Sein Blick durchbohrte Robert.
   »Erinnerst du dich an den Anwärter, den du neulich so nett abserviert hast?«
   Verdattert starrte Legler ihn an. »Was hat denn der Backfisch damit zu tun? Hat irgendetwas von einem Serienmörder gefaselt. Absolut grün hinter den Ohren, völlig unzusammenhängendes Zeugs, was er da vorgelegt hat.«
   »Das sieht der Polizeipräsident anscheinend anders. Ich fand seine Theorie interessant. Hab mich ein wenig dahintergeklemmt. Überaus interessant, sage ich dir.«
   »Das ist nicht mal dein Zuständigkeitsbereich, Obergar. Wie weit muss ich denn noch gehen, damit ich deine hässliche Visage nicht mehr sehen muss?«
   »Ich bin immer da, wo es hübsch und kuschelig ist. Das weißt du doch.« Er deutete auf den blut- und schlammverschmierten Körper der toten Frau. Dunkle Einstichstellen zerteilten den Brustkorb der Leiche. Ihr Hals wurde von einem blutigen Würgemal umgeben. Robert hielt nach dem Symbol Ausschau, konnte jedoch auf den ersten Blick nichts erkennen. »Du musst zugeben, dass der Kleine offenbar recht gehabt hat.« Das Blitzen einer Kamera ließ Robert die Augen zusammenkneifen. Die Verletzungen der Getöteten hoben sich durch das Licht stärker gegen das unnatürliche Weiß ihrer Haut ab. Blut färbte das blonde Haar dunkel. Schwarzblaue Flecken am ganzen Körper zeugten von dem Kampf, ihrem letzten Kampf.
   »Fängst du jetzt auch mit dieser Serienmörder-Theorie an?« Legler grunzte abfällig.
   »Wäre ich sonst hier? Zwei Frauenleichen innerhalb von einer Woche in einem Radius von nicht einmal einem Kilometer mit fast identischen Verletzungen. Eine weitere Leiche mit demselben Tötungsmuster wenige Kilometer entfernt. Du willst mir nicht sagen, dass du nicht siehst, worauf das hinausläuft.«
   »Ich sehe nur, dass du mit deinem stinkenden Gebräu meinen Tatort verunreinigst. Meinen Tatort! Ich kapiere nicht, wieso du überhaupt hier bist. Musst du nicht irgendeinem hohen Tier in den Arsch kriechen?«
   Robert reichte ihm einen Zettel. Sollte der alte Knatterpott doch selbst lesen.
   »Du übernimmst also die Leitung der Soko und willst diesen und meinen anderen Fall? Ihr glaubt ernsthaft an einen Serientäter?«
   Es hätte Robert nicht gewundert, wenn Rauch aus Leglers Mund gequollen wäre. »Es wäre nett, wenn du mir alles gibst, was du bis jetzt hast. In beiden Fällen. Ich brauche eine Auflistung aller bereits getätigten Schritte und natürlich sämtlichen Papierkram, Schriftverkehr und die Auflistung aller beschlagnahmten Sachen, aller Beweise und bereits geführten Vernehmungen.«
   Legler starrte ihn mit offenem Mund an. »Ich habe die halbe Nacht hier draußen verbracht. Wem musstest du hierfür einen blasen?«
   »Ich denke, es hat gereicht, keine ganz so beschränkte Sichtweise wie du an den Tag zu legen.«
   Legler zitterte vor Wut. Sie hatten eine gemeinsame Vergangenheit, an die sich keiner von ihnen gern erinnerte. Robert wollte nicht an den unglückseligen Fall der vier verschwundenen Mädchen denken, über deren Verbleib sich bis heute dichter Nebel rankte. Legler und er waren Freunde gewesen, Kollegen, die sich an dem Fall und ihren unterschiedlichen Ansätzen aufgerieben hatten. Heute waren nur noch Frustration und Hass übrig.
   »Das hier ist meine Leiche.«
   »Jetzt nicht mehr.« Robert deutete auf das Schriftstück in Leglers Hand. »Nicht mehr!«

*

Jo lief hinter dem Deich entlang der Binnenelbe. Der Sturm ließ die Blätter der Linden und Eschen sowie das Schilf ohrenbetäubend rauschen. Das Geräusch erinnerte an ein startendes Flugzeug. Die Gedanken, die Wut, all das war leiser, als das Tosen um ihn herum. Keuchend stemmte er sich gegen die Böen, die über das aufgewühlte schlammbraune Wasser fegten, bis er wenig später den halb verborgenen Trampelpfad sah. Wenn man nicht wusste, dass es einen Weg durch das Sukzessionsgebiet gab, hätte man den schmalen Pfad, halb verborgen von dichtem Pflanzenbewuchs, mit Sicherheit übersehen.
   Vorsichtig stieg Jo über den niedergedrückten Zaun mit dem gelben Verbotsschild, das halb im Schlamm versunken war. Als würden ein loser Stacheldraht und ein unscheinbares Schild die Menschen daran hindern, in dieses Gebiet vorzudringen. Bis jetzt wusste kaum jemand von dem Ort, der sich hinter der unwegsamen Natur verbarg, aber Jo war sich sicher, dass sich das ändern würde. Vermutlich früher als ihm lieb war. Eines Tages würde dieser Strandabschnitt der Elbe ebenfalls überlaufen sein mit schreienden Kindern, bölkenden Radios, Dutzenden Handtüchern voll mit sandigem Essen. All das würde der Geruch von Sonnenmilch auf langsam verbrennender Haut umgeben und das Kläffen vereinzelter Hunde. In einem Anflug von Trotz zog Jo den Stacheldraht hinter sich in die Nähe seiner ursprünglichen Höhe und bog das Schilfgras so, dass der Anfang des Weges nicht mehr zu sehen war, bevor er sich in Richtung Elbe wandte. Schilf und Brennnesseln schlugen ihm ins Gesicht und gegen die Arme. Zweige rissen die Haut auf, aber Jo lief unbeirrt weiter, bis sich das Dickicht urplötzlich öffnete. Ein feiner Sandstrand erstreckte sich in einem sanften Halbkreis vor ihm. Er hatte diese Bucht vor Jahren zusammen mit Mats entdeckt. Der Ort war perfekt für Abenteuer, die sie gemeinsam hier durchlebten, für Ausgelassenheit, die ersten Tränen verflossener Lieben und die Stille, die sich nur unter Brüdern gut anfühlte. Ein Ort, an dem es selbst jetzt so schien, als hätte sich die Welt nicht weitergedreht. Dabei war alles anders. Seufzend ging er bis ans Ufer und sah zu, wie die dunklen Wellen an seinen Stiefeln leckten. Finstere Wolken jagten über den Himmel, als müssten sie termingerecht irgendwo ihre nasse Last abwerfen. Jo setzte sich in den Sand und zog die Beine an den Körper. Der Sturm donnerte über ihn hinweg, aber in der Bucht war es wie im Auge des Hurrikans beinahe windstill, ruhig. Jo konnte seine Gedanken wieder hören. Deswegen war er hierhergekommen, um nachzudenken. Auch wenn er nicht wollte, er musste. Welchen Grund hatte seine Mutter gehabt, ihn nie wiedersehen zu wollen? Wieso war sie nie zurückgekehrt? Warum hatte sie nicht einen einzigen Brief geschrieben? Warum hatte ihn seine Familie belogen? Sein Magen zog sich zusammen. Er würde die Wahrheit niemals erfahren. Sie würden lügen. Und selbst wenn sie beginnen würden, die Wahrheit zu sagen, Jo würde nie wissen, was er glauben konnte und was nicht. Egal, wie sehr ihm seine Familie manchmal auf die Nerven ging, er hatte ihnen vertraut.
   Jetzt war seine Mutter tot, die Polizei tappte offenbar im Dunkeln, wenn sie sogar ihn verdächtigte. Während der Mörder seiner Mutter frei herumlief, war seine Familie unter der Last der Lügen kollabiert. Es war übel und vermutlich würde es noch übler werden. Jo schloss die Augen und schluckte die aufkommende Panik hinunter. Er musste sich darüber klar werden, wie es weitergehen sollte. Er brauchte Antworten und einen Plan.
   Außer Erinnerungsschnipseln war ihm nichts von seiner Mutter geblieben. Er wünschte, es würden Fotos von ihr existieren, schärfere Erinnerungen. Er wünschte, sie würde noch leben. Er hätte sie beschützen müssen. Aber wie sollte man den Tod von jemandem aufhalten, von dem man gedacht hatte, er wäre bereits gestorben?
   Seinen Eltern konnte er nicht mehr vertrauen, was sie als Informationsquelle ebenfalls unbrauchbar machte. Er musste versuchen, auf offiziellen Wegen wenigstens die Eckdaten seiner Mutter zu erfahren. Sie musste irgendwo gewohnt haben. Als ihr einziger lebender Verwandter würde alles, was sie jemals besessen hatte, ihm gehören. Natürlich erst nach Beendigung der Ermittlungen. Jo fragte sich, wie lange das dauern würde. Vielleicht war es möglich, nochmals mit den Polizisten zu sprechen, herauszufinden, wie sie gestorben war und vor allem, wie sie gelebt hatte. Eine Welle kalten Wassers überspülte Jos Schuh und drang unbarmherzig durch die Nähte des Leders. Das Wasser stieg bereits. Innerhalb kurzer Zeit würde es diesen Ort für Stunden unter sich begraben.
   Seufzend wich Jo zurück und stand auf. Widerstrebend kehrte er der Bucht den Rücken und lief den Weg zurück, den er gekommen war. Nichts würde je so sein wie zuvor.

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