Lenny Eggert freut sich auf ein gemütliches Wochenendfrühstück mit seiner Familie. Doch das Leitungswasser will nicht kochen. Sie wohnen in einem Neubaugebiet. Vielleicht ist das Wasser bei Bauarbeiten verunreinigt worden. Lenny bittet seinen Freund Joachim, eine Probe zu nehmen und im Labor seines Arbeitgebers zu untersuchen. Als Joachim am Ende des Tages wieder nach den Versuchstieren sieht, liegen sie apathisch in ihren Käfigen. Ist eine Substanz mit Absicht ins Leitungswasser gegeben worden, um den bevorstehenden G8 Gipfel zu sabotieren? Hinter dem Neubaugebiet befindet sich das edle Schlosshotel, in dem die Regierungschefs in Kürze einen Abend lang zu Gast sein werden. Lenny sorgt sich um seine Familie und forscht weiter nach. Kurze Zeit später ruft Joachim erneut an. Die zu Paaren eingesperrten Tiere haben sich gegenseitig zerfleischt. Übrig geblieben sind nur die jeweils Stärkeren. Ist die Substanz im Wasser dafür verantwortlich? Und wie werden die Menschen darauf reagieren?

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ISBN: 978-9963-52-451-8

Seiten: 317

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Martin S. Burkhardt

Martin S. Burkhardt
Martin S. Burkhardt, Jahrgang 1970, hat eine grundsolide kaufmännische Ausbildung absolviert, Pressearbeit für verschiedene Theater gemacht und als freier Redakteur gearbeitet. 2002 gründete er die Musicalzeitschrift „Blickpunkt Musical“. 2006/2007 war er unter den fünf Finalisten beim „rotfuchs Jugendbuch Schreibwettbewerb“. Seitdem gilt seine große Leidenschaft der Gänsehaut anderer - allerdings erwachsener - Leute und dem Verfassen unheimlich gruseliger Geschichten. Über sich selbst sagt er: "Ich liebe es, mich zu gruseln. Unheimliche Geschichten haben mich schon immer fasziniert. Außerdem bereitet es mir einen Heidenspaß, selbst gruselige Geschichten zu erzählen und zu schreiben."

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Sie setzte sich auf einen bequemen Stuhl, nahm einen großen Schluck Tee und seufzte. Wie sie die Felder vermisste. Der Ausblick von ihrer kleinen Terrasse war einmal so idyllisch gewesen. Kühe weideten auf den Wiesen und Vögel spielten zwischen den Ästen der wild gewachsenen Büsche. Vor zwei Jahren war es plötzlich vorbei gewesen mit dieser Herrlichkeit. Als die Bagger aufgetaucht waren, waren auch all die Tiere geflüchtet, die sie so gern mit dem Fernglas beobachtet hatte. Die ersten neuen Gebäude waren innerhalb von sechs Monaten erbaut und versperrten ihr zu allem Überfluss auch noch die freie Sicht zum entfernten Wald. Hinter ihr knarrte die Tür und Annemarie warf einen flüchtigen Blick zurück. Thorsten, ihr älterer Sohn, war endlich aufgetaucht. Er stand da, als hätte er gestern wieder einmal zu viel Bier getrunken.
   »Wo hast du denn den ganzen Vormittag gesteckt?«, fragte sie neugierig. Anstatt zu antworten, grunzte Thorsten nur lang gezogen. In seiner Hand blitzte ein länglicher Gegenstand auf, den er aber sofort hinter seinem Rücken versteckte, als sie genauer hinsehen wollte. Thorsten war schwierig geworden in jüngster Zeit. Ob es ihn störte, dass er arbeitslos war und mit Mitte zwanzig noch immer bei seiner Mutter wohnte? Annemarie drehte sich seufzend um und richtete den Blick wieder auf das neu entstandene Wohnviertel. Wie verärgert sie damals gewesen war, als all die Einzel- und Reihenhäuser vor ihrer Nase allmählich Formen angenommen hatten und schließlich die ersten Leute eingezogen waren. Ihr Klempner hatte sie in diesen schweren Wochen zu trösten versucht, indem er ihr von den Vorteilen erzählt hatte, die das Neubaugebiet mit sich bringen würde: eine größere, schön ausgebaute Straße, nette Geschäfte, Straßenbeleuchtung und eine komplett neue Kanalisation, auch für ihr Haus. »Sie sind praktisch das erste Haus, welches an die neue Leitung angeschlossen wird«, hatte er berichtet. »Das frische Wasser beispielsweise kommt zuerst zu Ihnen und geht dann erst hinüber ins Neubaugebiet.« Wie albern sie diese Argumentation damals gefunden hatte. Was hatte man davon, dass sein Haus das vorderste war, und als Allererstes mit Frischwasser beliefert wurde?
   Ein Schatten fiel ihr ins Gesicht und holte sie aus ihren Überlegungen. Thorsten stand direkt neben ihr. Seine Augen waren geschlossen und es sah aus, als wäre er eingeschlafen. Aber im Stehen? Doch er bewegte sich. Wie in Zeitlupe drehte Thorsten sich zu ihr hin und hob den Arm. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem blanken Gegenstand in seiner Hand, und endlich sah Annemarie, um was es sich handelte. Thorsten hielt ihr spitzes Tranchiermesser fest umgriffen.
   »Was willst du denn damit?«, fragte Annemarie scharf. Sie hasste es, wenn Thorsten ans Besteck ging. Statt zu antworten, tippelte ihr Sohn ein Stück vor, sodass sich die Klinge des Messers direkt vor ihrem Gesicht befand. Annemarie las kurz den Firmennamen an der Seite der Klinge, obwohl sie ihn sicherlich schon hundertmal gelesen hatte, und wollte etwas sagen, als ein brennender Schmerz ihren Körper durchzuckte. Im ersten Moment war sie sich sicher, einen Herzinfarkt erlitten zu haben. Woher sonst sollten diese ungeheuren Schmerzen plötzlich kommen? Annemarie schrie den Namen ihres Sohnes und versuchte, aufzustehen. Es ging nicht. Ihr linkes Bein schien auf eine unheimliche Weise mit dem Gartenstuhl aus Holz verwachsen zu sein. Sie konnte es überhaupt nicht anheben. Ihr Blick fiel auf den Holzgriff, der über ihrem Oberschenkel leicht hin- und herschwang. Ihr Gehirn brauchte eine Weile, um die Verbindung herzustellen. Die Klinge steckte komplett in ihrem Oberschenkel! Sie war sogar auf der anderen Seite wieder herausgetreten und tief in das Holz des Gartenstuhls eingedrungen. Annemarie begann zu schreien. Hatte Thorsten das gemacht? Vielleicht war der Tollpatsch ausgerutscht und hatte das Messer zu spät losgelassen. Ihr Kopf drehte sich, aber sie konnte ihren Sohn nirgends entdecken. Die Terrassentür stand offen. War er wieder ins Haus gegangen? Womöglich hatte der arme Kerl einen Schock erlitten. Annemarie wollte nach ihm rufen, doch eine neuerliche Schmerzattacke raubte ihr fast die Besinnung. Inzwischen hatte sich der helle Stoff ihrer Sommerhose auf der gesamten Länge ihres Beines dunkelrot verfärbt. Ihr wurde schwarz vor Augen. Der Blutverlust. Wo steckte Thorsten nur? Endlich erschien ihr Sohn an der Türschwelle. Und der gute Junge beeilte sich sogar, ging so zügig, dass er um ein Haar gestürzt wäre, als er die Terrasse erreichte.
   »Du musst einen Notarzt rufen«, sagte Annemarie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Thorsten steuerte weiter in ihre Richtung. Wahrscheinlich hatte der tapfere Kerl schon längst Hilfe geholt. Deswegen war er auch so schnell wieder ins Haus gestürmt. Sie bemerkte das Messer in seiner Hand. Das Fleischermesser, welches in der Schublade genau neben dem Tranchiermesser lag. Liegen sollte. »Was willst du damit?«, stöhnte sie heiser.
   Ohne zu antworten, beugte sich ihr Sohn vor. Seine Bewegungen wirkten seltsam abgehackt. Annemarie dachte an Science-Fiction Filme aus den Sechzigerjahren, in denen sich Roboter ähnlich mechanisch bewegten. Thorstens Augen waren halb geöffnet, dennoch schien er völlig abwesend zu sein. Ein weiteres Schmerzensfeuer unterbrach ihre Gedanken. Ihr kam es vor, als ob eine gewaltige Säge ihre Beine abgetrennt hätte. Aber ein Blick nach unten sagte ihr, dass sie ihre Gliedmaßen noch besaß. Nur steckte jetzt auch im rechten Oberschenkel ein Messer. Annemarie nahm all ihre Kraft zusammen und stieß einen gellenden Schrei aus. Ihr Sohn hatte den Verstand verloren und wollte sie töten.

*

Thorsten griff nach dem Fleischermesser. Mit einem Ruck zog er die Klinge aus der blutenden Wunde. Annemarie verdrehte die Augen und wurde ohnmächtig. Ihr Kopf fiel nach vorn auf die Brust. Thorsten starrte auf den Nacken seiner Mutter. Er lächelte und hielt das Messer direkt über ihren Halsansatz. Mit einer geschmeidigen, aber kraftvollen Bewegung fuhr die Klinge durch Haut und Knochen und trennte den Kopf vom Rumpf. Annemaries Körper sackte fast augenblicklich zusammen, während aus ihrer Halsschlagader eine Fontäne hellroten Blutes sprudelte. Ihr Schädel fiel auf die Granitplatten und rollte bis zu einem Beet mit verblühten Maiglöckchen. Thorsten griff in ihr Haar und hob den Schopf auf. Hinter ihm ertönte ein Knurren. Thorstens Schäferhund war offensichtlich aufgewacht und auf die Terrasse getrottet. Jetzt bellte er mit überschnappender Stimme sein Herrchen an. Thorstens Finger lösten sich vom Haar seiner Mutter, und der Kopf knallte ein weiteres Mal auf die Maiglöckchen. Thorsten schwenkte das Messer und kam langsam auf den Schäferhund zu. Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Der Kopf des Hundes sah viel schöner aus als der seiner Mutter.

1

Verschlafen schlug Lenny die Augen auf. Einen Moment lauschte er den Vögeln, die draußen vor dem Fenster den neuen Tag begrüßten. Aus dem Nachbarzimmer drangen Geräusche zu ihnen herüber. Es klang, als würden Elefanten durch den Raum springen. Sein Blick fiel auf den Radiowecker, er stöhnte. Es war kurz vor sechs, viel zu früh, um aus dem Bett geschmissen zu werden. Zumindest am Wochenende. Er zog sich die Decke über den Kopf. Vielleicht würden sie trotzdem noch eine Weile schlafen können. Aber seine Hoffnungen wurden bereits wenige Sekunden später zerschlagen. Die Schlafzimmertür wurde geöffnet und einen Augenblick später spürte er, wie sich die Matratze am Fußende senkte. Jemand krabbelte über seine Schienbeine.
   »Heute sind wir Katzen«, verkündete eine gut gelaunte, nicht mehr müde klingende Kinderstimme. Eine zweite Stimme miaute lauthals. Nina, die dicht an ihn gekuschelt lag, streckte sich. Kurz darauf gab sie ein lang gezogenes Seufzen von sich.
   »Guten Morgen, Schatz«, sagte sie und strich ihm über die Haare. Sie hob ihre Bettdecke an. Sofort krochen Justin und Emily in die warme Festung. Vielleicht hatten sie Glück und die Kinder würden noch eine Weile im Ehebett schlafen. Manchmal klappte das. Heute jedoch schien keiner dieser Tage zu sein. Während Justin an seiner Nase zupfte, miaute ihm Emily immer lauter und penetranter ins Ohr. Sie drückte ihre Hände in sein Gesicht und krabbelte auf seinen Bauch.
   »Papi, wir sind Katzen«, stellte sie dabei energisch fest. »Du musst uns streicheln oder Futter geben.«
   »Katzen schlafen um diese Zeit«, gab er knurrend zurück.
   Jemand knuffte ihn in die Seite.
   »Gar nicht«, sagte Justin laut. »Katzen schlafen nur mittags.«
   Nina erhob sich gähnend. »Na, dann kommt mal mit ins Bad, Ihr Katzen. Und lasst Papi noch einen Moment dösen.«
   Emily trommelte mit ihren kleinen Fingern auf Lennys Bauch. »Katzen mögen kein Wasser. Die waschen sich nicht.«
   »O doch.« Nina lachte und schlug die Bettdecke zurück. »Die sind bestimmt reinlicher als ihr Schmutzfinken. Und nun ab ins Badezimmer.«
   Während Justin laut miauend vom Bett sprang, schnappte sich Nina Emily, die daraufhin herzlich zu kichern anfing. Lenny schenkte seiner Frau ein kurzes Lächeln. »Danke.«
   »Wir wecken dich, wenn es Frühstück gibt.«

Obwohl sich kein Schlaf mehr einstellen wollte, war die zusätzliche halbe Stunde unter der flauschigen Bettdecke die reinste Wohltat. Lenny hing einem schönen Traum nach, während die Kinder im Bad laut prustend gewaschen wurden. Als die drei die Treppe hinunter in die Küche stiefelten, schwang er sich summend aus dem Bett. Sein Magen knurrte, während der Rasierer über seine Wangen hobelte. Er freute sich auf das gemeinsame Frühstück mit seiner Familie. Vor sieben Jahren wäre es ihm nicht mal im Traum eingefallen, die Rolle eines Familienvaters zu übernehmen. Eigentlich hatte Lenny sich selbst nie für besonders familientauglich gehalten. Als seine Schwester vor mehr als zehn Jahren den ersten Nachwuchs präsentiert hatte, hatte er noch nicht mal Lust gehabt, dieses zerbrechliche, schreiende Bündel in den Arm zu nehmen. Das war ihm alles viel zu suspekt gewesen. Kinder waren für die Gesellschaft wichtig, keine Frage. Es war ja auch gut, dass sich Leute diesen Problemen annahmen. Aber er doch nicht. Er würde stattdessen lieber etwas anderes, ebenfalls Wichtiges für die Gesellschaft tun. Ehrenamtliche Arbeiten oder so. Nur nichts, was mit Schreihälsen im weitesten Sinne zu tun hatte. Lenny schloss die Tür zum Badezimmer und ging die Treppe hinunter. Nina hatte vom ersten Augenblick überhaupt keine Zweifel aufkommen lassen, dass sie sich eine Familie wünschte. Am Anfang ihrer Beziehung hatte für ihn festgestanden, dass sie ihn irgendwann sowieso verlassen würde. Nämlich dann, wenn ihre innere Uhr angekündigt hätte, dass es allmählich Zeit für Kinder wäre. Nicht mal ansatzweise hatte Lenny in Erwägung gezogen, dass Nina vielleicht darauf spekuliert hatte, dass er der Vater ihres Nachwuchses sein würde. Er war ein Mann, kein Vater. Irgendwie hatte sich beides ausgeschlossen.
   Lächelnd betrat er die Küche. Was für pubertäre Gedanken. Als sie schwanger geworden war, hatten sie beinahe auf der Stelle geheiratet. Und spätestens zu dieser Zeit war in seinem Kopf irgendwas abgelaufen, was noch heute schwer zu erklären war. Plötzlich hatte er sich auf das Baby gefreut, ja er war geradezu heiß darauf gewesen und hatte es kaum erwarten können, das Zimmer einzurichten, Möbel und die ersten Kleidungsstücke zu kaufen. Anfangs war Lenny davon überzeugt gewesen, dass dieses euphorische Gefühl sehr bald wieder verschwinden würde, aber dem war nicht so. Es war geblieben, bis heute. Justin nickte ihm konzentriert zu. Der Junge balancierte vier Frühstücksteller auf seinen Händen und wankte hinüber zum Tisch, als würde er auf rohen Eiern laufen. Emily saß auf der Arbeitsplatte und sah stirnrunzelnd zu, wie Nina die dampfenden Ofenbrötchen aufschnitt.
   »Was hast du, Mami?«, fragte sie.
   »Die Brötchen sind sehr heiß.«
   »Warum?«
   »Weil sie aus dem Backofen kommen.«
   »Warum müssen die Brötchen in den Backofen, wenn du nicht magst, dass sie heiß werden?«
   »Sonst würden sie nicht schmecken.«
   Emily zog an einer ihrer Haarsträhnen, die ihr über die Stirn fielen, und blähte ihre Wangen auf. Das tat ihre Tochter immer, wenn sie mit einer Antwort der Erwachsenen nicht zufrieden war. Lenny schüttelte grinsend den Kopf. Er konnte sich kein Leben mehr ohne seine Kinder vorstellen.
   Während sich Justin und Emily auf ihre Plätze setzten und mit ihren Kindermessern im Takt auf den Tisch schlugen, fluchte Nina leise.
   »Was ist denn bloß mit diesem blöden Herd los.« Sie blickte in den Kochtopf, der auf dem rechten vorderen Ceranfeld stand. »Ich habe die Platte angestellt, als wir runter kamen. Aber das Wasser kocht immer noch nicht.« Lenny öffnete den Verschluss einer Orangensaftpackung und schaute auf das Bedienfeld des Herdes. Der Wahlhebel für das vordere Feld war bis zum Anschlag aufgedreht. »Ich habe nicht vergessen, sie anzustellen«, bemerkte Nina mit säuerlichem Ton und gab ihm einen Knuff auf den Oberarm. Lenny lachte.
   »Ich vergesse das schon hin und wieder. Zumindest drehe ich dann nicht voll auf. Wenn das Wahlrad auf drei oder vier steht, dauert es ewig.«
   »Ja, stimmt, du bringst da öfter mal was durcheinander.« Seine Hand strich über ihre Wange.
   »Schade, dass wir heute Morgen nicht mehr kuscheln konnten«, sagte er leise. Sie nickte.
   »Vielleicht geht die Horde heute wenigstens früh ins Bett. Dann könnten wir ein wenig … so Sachen machen.« Er nickte und gab ihr einen Klaps auf den Hintern.
   Justin warf sein Besteck auf den Teller. »Was ist denn mit den Eiern? Ich habe Hunger.«
   »Die Eier dauern noch«, sagte Lenny, während er und Nina sich ebenfalls an den Tisch setzten. »Wir fangen schon mal an.«
   Lenny hatte gerade die erste Hälfte seines Brötchens gegessen, als Emily die Hände vor der Brust verschränkte.
   »Ich will heiße Milch«, verkündete sie. Justin nickte eifrig.
   »Ich auch. Wenn es schon keine Eier gibt.«
   Nina stand auf. »Kein Problem.«
   Lenny schenkte sich Saft nach und erhob sich ebenfalls. Sowohl Nina als auch er tranken leidenschaftlich gern Saft. Zum Frühstück brauchten sie nichts anderes. Auf Tee oder Kaffee konnten sie mit Leichtigkeit verzichten. Den Kindern war der Orangensaft jedoch meistens eine Spur zu herb. Mehr als ein oder zwei Schlucke nahmen sie selten. Oft verlangten die beiden anschließend nach heißer Milch. Während Nina einen weiteren Topf aus dem Eckschrank fischte, holte Lenny die Milch aus dem Kühlschrank.
   »Das Wasser kocht ja immer noch nicht«, rief sie, als sie den Deckel des ersten Topfes anhob. »Da stimmt doch was nicht. Das Ceranfeld muss kaputt sein.«
   »Glaube ich nicht. Gestern hat es doch funktioniert.« Lenny schaute auf das flammende Rot, das ihm unter dem Kochtopf entgegenleuchtete, streckte die Arme aus und spürte sofort die stechende Wärme auf der Haut, als seine Hände in die Nähe der Ceranfläche kamen. »Mit dem Herd ist alles in Ordnung«, stellte er achselzuckend fest. »Vielleicht war der Topf nicht ganz sauber? Womöglich Rückstände von Geschirrspülmittel oder so?« Er beobachtete das Innere des Topfes, in dem das Wasser noch nicht einmal Bläschen bildete.
   »Der Topf war sauber«, sagte Nina unmissverständlich.
   Nickend konzentrierte sich Lenny wieder auf die Milch in dem zweiten Topf. Schon nach wenigen Minuten begann sie zu dampfen. Als sich die ersten Schaumkronen bildeten, schob er das Gefäß vom Herd. Nina hielt ihm Emilys Lieblingstasse hin. »Nun gieß schon ein.«
   »Nur einen Augenblick.« Er nahm den Wassertopf vom Herd und platzierte den Milchtopf auf das rechte Feld. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis die Milch erneut anfing, zu brodeln. »Mit der Herdplatte ist tatsächlich alles in Ordnung.« Er kippte die Milch in Emilys Lieblingstasse und in einen zweiten Becher für Justin. Während Nina zum Tisch ging, stellte Lenny den Wassertopf auf das Ceranfeld, auf dem eben die Milch erhitzt wurde. Wäre doch gelacht, wenn er dieses blöde Wasser nicht zum Kochen bringen würde.
   »Ich will mein Ei«, quengelte Emily laut.
   Nina stand auf. Ein gemütliches Frühstück sah irgendwie anders aus. »Ich hole Mineralwasser«, sagte sie und öffnete die Tür zum Keller. »Vielleicht stimmt etwas mit unserer Wasserleitung nicht.«
   Kurze Zeit später kam Nina mit zwei Plastikflaschen zurück. »Wir kochen die Eier jetzt in stillem Wasser.« Sie nahm einen dritten Topf, füllte das Wasser aus den Flaschen hinein und stellte den Topf wieder auf das rechte vordere Feld. Als sie nach dem zweiten Wassertopf greifen wollte, hielt Lenny ihre Hand fest.
   »Warte«, sagte er schnell. »Lass ihn auf der anderen Platte stehen. Ich will sehen, was passiert.«
   Sie zuckte mit den Achseln. »Wie du meinst.«
   Sie setzten sich zurück an den Tisch. Als Lenny seine zweite Brötchenhälfte gegessen hatte, brodelte das Mineralwasser. Nina legte die Eier hinein und fünf Minuten später waren sie endlich fertig. Während Emily mit dem Löffel fröhlich auf das Ei einschlug, schaute Lenny zum Herd. Warum kochte das Leitungswasser nicht? Sie wohnten in einem Neubaugebiet. Keines der Reihen- und Einzelhäuser in dieser Gegend war älter als zwei Jahre. Ob tatsächlich etwas mit den Wasserleitungen nicht stimmte? Er verwarf den Gedanken. Immerhin wohnten sie schon seit über einem Jahr in diesem Haus. Nie hatte das Wasser irgendwelche Probleme gemacht.
   Als er eine halbe Stunde später den letzten Schluck seines Saftes austrank, weiteten sich Ninas Augen. »Schau mal«, sagte sie, nickte Richtung Herd und fuhr sich mit den Händen langsam durch ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar.
   Lenny drehte sich um. Endlich hatte das Leitungswasser angefangen, zu kochen. Das Wasser blubberte im Topf, und eine breite Dampfwolke zog hinauf zur Dunstabzugshaube.
   Pfeifend holte Lenny seine Sporttasche aus dem Schlafzimmerschrank. Sonntags nach dem Frühstück ging es zum Volleyballspielen. Dieser Termin war unumstößlich. Gewisse Freiheiten musste man einfach beibehalten, auch wenn die Kinder immer ein wenig traurig schauten, wenn er seine Tasche packte. Sie hätten den Vormittag sicher auch gern mit ihrem Vater verbracht.
   Emily stand am Türrahmen und machte ein langes Gesicht. »Spielst du gar nicht mit uns?«
   Er gab ihr einen Stups auf die Nase und lachte. »Natürlich spiele ich nachher mit euch. Aber zuerst muss ich zum Training.«
   »Volleyball ist blöd.«
   Er schloss den Reißverschluss und schulterte die Tasche. »Zum Mittagessen bin ich doch schon wieder da.«

Es gab nur eine Straße, die aus dem Neubaugebiet herausführte. Als die Felder direkt vor dem Wald vor mehreren Jahren als Baugrundstücke ausgewiesen worden waren, war er einer der Ersten gewesen, der sich ein Grundstück reserviert hatte. Die Stadt Alsfeld hatte lange mit der Erschließung gewartet, dabei war die Lage kaum zu übertreffen. Das Gebiet lag zwar ein wenig abseits der Kleinstadt, dafür aber mitten in der Natur. Und neben den unzähligen Wohnhäusern, die hier gebaut worden waren, hatten die Planer auch die Infrastruktur nicht vergessen. So gab es einen Supermarkt, einen Drogeriediscounter und einen Bäcker in unmittelbarer Nachbarschaft. Er setzte den Blinker und fuhr auf die Hauptstraße. Die Schule, in der das Training stattfand, befand sich am anderen Ende von Alsfeld.
   Fünfzehn Minuten später bog er auf den Parkplatz vor der Turnhalle ab. Ein alter VW-Bus tuckerte vorbei, aus dem ihm zwei füllige Frauen zuwinkten. Obwohl sie eine Hobbygruppe waren, bei der jeder neue Volleyballfreund herzlich aufgenommen wurde, hätte Lenny sich gern etwas mehr Professionalität gewünscht. In letzter Zeit kamen vermehrt Leute zum Training, die Volleyball anscheinend als bequeme Möglichkeit ansahen, einige Pfunde zu verlieren. Wurde Zeit, dass mal wieder ein paar sportlichere Menschen den Weg in die Gruppe fanden. Sonst würde es für ihn hier bald zu langweilig werden. Die dicken Frauen sprangen aus dem Bus, als hätten sie vor, den gepflasterten Weg unter ihnen aufzusprengen.
   »Hallo Lenny«, flötete eine von ihnen. »Heute spielst du aber in unserer Gruppe, ja? Ich möchte auch mal gewinnen.«
   Lenny vollführte eine kreisende Bewegung mit der Hand. »Wir tauschen nach einem Spiel doch sowieso immer querbeet die Leute.«
   Sie gingen die Stufen hinunter und kamen in einen langen Flur, von dem verschiedene Türen abgingen.
   »Du kannst dich auch bei uns umziehen.« Die Frauen kicherten, als sie die Tür zur Damenumkleide aufstießen.
   Lenny lachte laut. Das hätte ihm gerade noch gefehlt. Hastig öffnete er die nächste Tür und trat ein. Joachim saß auf dem Holzbänkchen und grinste ihn schelmisch an.
   »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen«, stellte er fest.
   »Zwei Geister.«
   »Zwei sehr füllige Geister?«
   »Zwei verdammt füllige Geister.«
   Joachim fuhr sich über die Augenlider und nickte. »Wir werden sie vom Erdboden schmettern.«
   Lenny klopfte ihm auf die Schulter und setzte sich neben ihn. Joachim war in all den Jahren, in denen er in dieser Gruppe schon Volleyball spielte, zu einem echten Freund geworden. Obwohl zwölf Jahre älter, schmetterte Joachim beinahe noch besser als er. Und das sollte schon was heißen.
   Joachim stand auf und reckte sich. Man sah seinem schlaksigen Körper auf dem ersten Blick nicht an, wie viel Power in ihm steckte. Sie gingen in die Halle. Heute waren fast alle Leute zum Training gekommen. Sie konnten zwei komplette Mannschaften bilden. Die Aufteilung im ersten Match erwies sich als ungünstig. Die Gruppe um Joachim und Lenny war einfach zu stark. Dabei hielt sich Lenny schon zurück. Wenn ein Ball nicht gerade direkt auf ihn zuflog, überließ er die Annahme seinen Mitspielern. Seine Gedanken schweiften ab. Er dachte an das nicht kochen wollende Wasser. Merkwürdig war das schon gewesen.
   Als sie den Gegner zu null besiegt hatten, machten sie Pause. Joachim holte ein isotonisches Erfrischungsgetränk aus seiner Tasche und sah ihn fragend an. »Lenny, was ist mir dir? Ärger mit Nina oder den Kids?«
   »Wieso?«
   »Du wirkst ein wenig abwesend.«
   »Ich hatte Ärger mit meinem Kochtopf. Oder dem Herd. Oder aber dem Wasser.« Lenny grinste, als er in Joachims fragenden Gesichtsausdruck schaute, und erzählte von den Vorkommnissen während des Frühstücks. »Es dauerte länger als eine Dreiviertelstunde, bis das Wasser endlich zu kochen anfing. Da waren wir schon längst fertig.«
   Joachim trank einen großen Schluck. »Ich habe mal von einem Vorfall in Holland gelesen«, begann er. »Dort wurde ebenfalls ein Neubaugebiet aus dem Boden gestampft. Plötzlich wurden viele der Leute, die gerade frisch in ihre Heime gezogen waren, krank. Man rätselte einige Tage über die Ursachen, bis man bei Bauarbeiten eher zufällig auf den Grund des Phänomens stieß.« Joachim machte eine Pause und drehte den Deckel der Flasche zu.
   »Und? Spann mich nicht auf die Folter«, drängelte Lenny.
   »Nun, irgend so ein Rindvieh von Klempner hatte ein Verbindungsstück eines Abwasserrohres mit dem Trinkwasserkreislauf verbunden.«
   »So was geht?«
   »Theoretisch wohl ja. Ich glaube zwar, dass die Rohrleitungen für Trink- und Abwasser gänzlich unterschiedlich sind, aber möglich ist wahrscheinlich alles. Jedenfalls wurde das saubere Wasser kontinuierlich mit dem schmutzigen Wasser kontaminiert. Die Leute, die das Wasser dann direkt aus dem Hahn getrunken haben, wurden krank.« Jemand pfiff. »Lasst uns weitermachen.« Joachim stand auf und reckte sich. Noch bevor Lenny antworten konnte, hatte sich eine der dicken Frauen bei Joachim eingehakt und schleifte ihn auf die andere Feldseite.
   »Jetzt musst du aber für uns spielen«, sagte sie streng.
   Es wurden noch zwei weitere Spieler ausgetauscht. Das folgende Match gestaltete sich als wesentlich ausgeglichener. Das lag nicht zuletzt an Lenny. Er versuchte zwar, sich mehr ins Spiel einzubringen, war aber in vielen Situationen nicht auf der Höhe. Immer wieder musste er an das Wasser im Kochtopf denken. Was wäre, wenn in ihrer Wohnsiedlung auch etwas im Argen lag? Plötzlich hatte er Angst um seine Familie. Zum Glück tranken seine Kinder fast ausschließlich kohlensäurehaltiges Mineralwasser aus der Flasche. Sie mochten nichts, was nicht sprudelte. Selbst Kindertee verschmähten sie. Dennoch beruhigte ihn dieser Gedanke nicht wirklich.
   Als das zweite Spiel beendet war, hatte er es eilig, in die Umkleidekabine zu kommen. Joachim lief hinter ihm her. »Ich hoffe, ich bin nicht schuld, dass du noch nervöser als vorhin aussiehst?«, fragte er.
   Lenny atmete laut aus. »Und wenn bei uns das Wasser auch verschmutzt ist?«
   Joachim setzte sich auf die Bank und zog sein grünes Polohemd aus. »Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Die Sache in Holland war schon ziemlich verrückt. Außerdem dürfte das Wasser dort ganz normal gekocht haben, wenn man es erhitzte. Abkochen wäre in so einem Fall sogar gut gewesen, da es viele Bakterien abtötet.«
   Lenny warf seine Shorts lustlos in die Sporttasche. »Ich habe dennoch ein komisches Gefühl. Kannst du nicht mal kurz bei uns vorbeischauen? Du bist doch Chemiker. Vielleicht fällt dir etwas auf.«
   Joachim nahm sein Duschgel und nickte. »Wenn es dich beruhigt.« Er grinste. »Was macht Nina eigentlich zum Mittagessen?«
   Als Lenny auf den Parkplatz trat, lehnte Joachim an einem der Bäume, hielt sein Handy ans Ohr und lachte laut. »Meine Frau hat mir die Erlaubnis gegeben, heute auswärts zu speisen.«
   »Und deine Töchter?«
   Joachim schaute ihn einen Augenblick lang an, als hätte Lenny den Verstand verloren. »Warte mal ab, bis deine Kinder langsam flügge werden. Meine Erstgeborene weilt heute den ganzen Tag bei der Familie ihres neuen Lovers, und Melanie ist immer froh, wenn sie nicht beide Alten auf einmal ertragen muss.«
   Lenny lachte. »Es leben die Kinder.«
   »Das kannst du laut sagen.«
   Während der Fahrt rief Lenny zu Hause an und kündigte den Mitesser an. Nina freute sich auf Joachim. Sie mochte es, wenn Trubel im Haus herrschte. Lenny fuhr auf die Hauptstraße und sah in den Rückspiegel. Joachims alter Volvo befand sich hinter ihm. Er trat auf die Bremse, als der Wagen die Zufahrtsstraße des Neubaugebietes erreichte. Das halbe Gebiet war Tempo-30-Zone. Die andere Hälfte war als Spielstraße ausgewiesen. Behutsam fuhr er über einen steilen, gepflasterten Hügel auf der Fahrbahn und bog in seinen Carport ein. Er öffnete den Kofferraum und wartete auf Joachim, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte. Vor dem Zaun des Nachbarhauses stand Fred Iversen mit vor dem Bauch verschränkten Armen und diskutierte sichtlich aufgeregt mit einem Mann im dunkelblauen Overall. Fred schien sich über irgendetwas furchtbar aufzuregen. Auf seinem markanten Gesicht glänzte der Schweiß. Fred wirkte mit seinem massigen Körper, der tadellosen Glatze und den abstehenden Ohren ohnehin wie ein gefährlicher Preisboxer. Fehlte eigentlich nur noch die breitgeschlagene Nase. Seine Nase war im Gegensatz zum übrigen Gesicht geradezu filigran. Seine braunen Augen bohrten sich förmlich in das Gesicht seines Gegenübers. Fred war generell ein recht aufbrausender Typ. Der Mann im Overall ging einen Schritt zurück. Hinter Fred stand seine Frau Sabine. Normalerweise sah sie mit ihren pechschwarzen langen Haaren, der Stupsnase und ihren strahlend blauen Augen ziemlich verführerisch aus. Lenny hatte sich schon manches Mal dabei erwischt, wie er ihr etwas zu lange hinterherschaute, wenn sie sich zufällig trafen. Insbesondere, wenn Sabine ihr charmantes Lächeln aufsetzte. Jetzt jedoch lächelte sie nicht, sondern hörte der Diskussion mit zusammengekniffenem Mund zu und hatte ihre Hände zu Fäusten geballt. Es sah so aus, als würde Sabine den armen Mann gleich verdreschen wollen. Sie blickte auf und bemerkte Joachim und ihn. Sofort entspannten sich ihre Gesichtszüge. Sabine lächelte und schlenderte auf sie zu.
   »Wie war das Training?«, fragte sie und schob sich die ohnehin schon kurzen Ärmel ihres T-Shirts über die Schultern.
   »Gut wie immer«, gab Lenny zurück und versuchte, nicht so sehr auf ihre braun gebrannte, makellose Haut zu achten.
   »Ich würde gern mal mitkommen. Insbesondere das gemeinsame Duschen hinterher stelle ich mir cool vor.«
   Joachim grinste wie ein Honigkuchenpferd. Noch ehe Lenny etwas erwidern konnte, gesellte sich Fred zu ihnen. Er grüßte ihn und Joachim kurz und stieß ein gefährlich klingendes Knurren aus. »Dieser Mistkäfer von einem Studenten«, sagte er.
   »Was ist passiert?«, fragte Joachim.
   »Dieser Hamster stellt sich mit seinem Lieferwagen doch einfach vor unsere Nase, um ein olles Sofa auszuladen.«
   Lenny schaute auf den Bürgersteig, der am Haus der Iversens vorbeiführte. Der junge Mann startete eben den Motor und fuhr davon. »Na ja, das ist öffentlicher Parkraum«, sagte er langsam.
   Erneut knurrte Fred. »Mir doch egal. Der Scheißkerl soll da nicht stehen. Versperrt mir die Sicht aus dem Fenster.« Er drehte sich halb auf die Straße und stierte dem Transporter hinterher.
   »Wenn der Kerl da vorn wieder stehen bleibt, verpasse ich ihm eine Klatsche.«
   Lenny seufzte. »Na, wir müssen. Das Mittagessen wartet.« Er öffnete die Pforte zu seinem Grundstück und huschte hinein. Hinter ihm schloss Joachim die Pforte gewissenhaft.
   »Fred und Sabine sind besser als jedes Kino«, stellte er noch immer grinsend fest.
   Jetzt war es Lenny, der knurrte. »Aber müssen sie ausgerechnet direkt im Nachbarhaus wohnen?«
   »Seid Ihr schon mal aneinandergeraten?«
   »Nein. Bisher nicht. Die beiden sind im Grunde so, wie man sich Nachbarn wünscht. Sie hören keine laute Musik, feiern keine großen Partys und gehen früh ins Bett.«
   »Aber?«
   »Fred neigt zu Streitereien. Mit mir und Nina kommt er gut aus, aber mit vielen Nachbarn hat Fred es sich bereits verdorben. Dabei wohnen die beiden erst seit einem halben Jahr in diesem Haus.« Lenny öffnete das Seitenfach seiner Sporttasche und holte einen Schlüsselbund hervor. Als sie vor der Haustür standen, knisterte es hinter dem Zaun auf der anderen Grundstücksseite. Karl Friese kniete in einem Beet und zupfte winzig kleine Unkrautpflanzen aus der Erde.
   »Hallo Karl«, rief Lenny. »Bei dir hat Unkraut wirklich keine Chance.«
   Karl sah auf und entblößte ein strahlend weißes Gebiss dritter Zähne. »Nicht mal einen Tag«, gab er nickend zurück.

Als sie in den Flur traten, stellte Lenny seufzend seine Tasche ab. »Jetzt habe ich aber Hunger.«
   Nina steckte ihren Kopf aus der Küche. »Hi Joachim. Ihr kommt genau richtig.« Sie rief nach den Kindern und kurz darauf kamen Justin und Emily die Treppe herunter gerannt. Justin knuffte seinem Vater in den Bauch.
   »Habt Ihr sie fertiggemacht?«, fragte er laut.
   Lenny schüttelte den Kopf. »Wo hast du bloß diese Ausdrucksweise her?«
   »Ja, wir haben sie fertiggemacht«, sagte Joachim und grinste Lenny an. »Das ist doch noch gar nichts. Warte mal ab, mit was für Worten er in ein paar Jahren um sich schmeißt.«
   »Du hast es heute«, stellte Lenny fest und lachte. »Du willst mir wohl unbedingt Angst machen.«
   Joachim strich Emily über die Haare und ging Richtung Küche. »Apropos Angst. Wie war das mit dem Wasser?«
   »Ich zeige es dir.«
   Nina hatte das Wasser nicht weggeschüttet. Der Topf stand neben der Spüle. Joachim näherte sich dem Gefäß, als könnte es jeden Augenblick explodieren, beugte sich darüber und schnüffelte laut. Dann steckte er seinen Finger hinein und rührte damit in der Flüssigkeit umher, bevor er das Licht unter einem der Hängeschränke einschaltete und den Topf darunter hielt. »Es riecht nicht«, stellte er fest und stellte den Topf wieder ab. »Und klar sieht das Wasser auch aus. Auf alle Fälle sind da keine Fäkalienrückstände drin.«
   Nina atmete erschrocken ein. »Fäkalienrückstände?«, fragte sie besorgt. Lenny erzählte ihr die Geschichte aus Holland.
   »Ich möchte das Wasser dennoch vorsichtshalber untersuchen«, sagte Joachim. »Ich würde gern eine Probe mit ins Labor nehmen.«
   »Prima Idee«, stimmte Lenny zu. Es tat gut, dass sich Joachim so gewissenhaft um die Sache kümmerte. Wen sonst hätte er auf die Schnelle ansprechen können? Nina holte eine leere Plastik-Wasserflasche aus einem Korb hinter der Tür. Joachim stellte sie in das Spülbecken und kippte den Inhalt des Topfes hinein. Dann schloss er die Flasche sorgfältig.
   »Ich möchte auch gern noch eine Probe aus der Leitung mitnehmen«, sagte Joachim. Lenny griff nach einer zweiten Flasche, hielt sie unter den laufenden Wasserhahn und stellte sie neben die erste. »Habt ihr einen wasserfesten Stift?«, fragte Joachim.
   »Nein, aber kleine weiße Aufkleber«, antwortete Nina, öffnete eine Schublade und reichte ihm eine Folie.
   »Ich will nur markieren, wo das ungekochte Wasser drin ist«, erklärte Joachim, während er einen Aufkleber quer über eine der Flaschen klebte. »So«, brummte er sichtlich zufrieden. Dann fiel sein Blick auf den gedeckten Tisch und seine Miene verfinsterte sich. »Was gibt es eigentlich zum Mittagessen?«
   »Pizza.« Nina lachte. »Am Sonntag bestimmen die Kinder den Speiseplan. Meistens jedenfalls.«
   Joachim nickte zufrieden. »Gut. Also nichts, was irgendwie mit Wasser zubereitet werden müsste. Ich möchte euch raten, auch heute Abend von jeglichem Wassergebrauch abzusehen. Ebenso morgen früh. So lange, bis ich erste Ergebnisse vorliegen habe.«
   Lenny schnitt die Pizza in kindgerechte Stücke und ließ sich zufrieden auf seinen Stuhl fallen. Wie gut, dass Joachim unverzüglich seine Hilfe angeboten hatte. Jedenfalls fühlte er sich schon viel entspannter als noch heute Morgen. Emily sagte einen Gebetsspruch auf, den sie im Kindergarten gelernt hatte. Auch Justin kannte die Verse und fiel in das Gemurmel ein. Lenny schaute die beiden liebevoll an. Er nahm Ninas Hand und drückte sie fest. Alles war gut.

2

Joachim setzte sich in seinen alten Volvo und gähnte herzhaft. Heute Morgen ging es früher als sonst in die Firma. Er konnte sich noch immer nicht so recht vorstellen, warum das Wasser bei Lenny plötzlich so schwer kochen wollte. Wahrscheinlich war doch nur ein Wackelkontakt im Herd dafür verantwortlich. Immerhin hatte auch die Geschirrspülmaschine bei den Eggerts bereits nach wenigen Monaten ihren Dienst versagt. Der Motor oder die Pumpe oder was auch immer war durchgeschmort. Lenny hatte es ihm erzählt, aber so einen technischen Kram vermochte er sich nie lange zu merken. Bestimmt verhielt es sich mit dem Herd ähnlich. Vielleicht hatte der Küchenlieferant einfach minderwertige Ware eingekauft. Dennoch konnte er Lenny gut verstehen. Gerade wenn die Kinder noch klein waren, machte man sich schnell alle möglichen Sorgen. Und für ihn bedeutete es nicht allzu viel Aufwand, das Wasser einmal gründlich durchzuchecken.

Die Neonröhren gaben summende Geräusche von sich, als Joachim das Licht einschaltete. Wieder gähnte er. Die allwöchentliche Montagsbesprechung fand um zehn Uhr statt. Bis dahin blieben ihm noch drei Stunden. Zeit genug, um die Wasserproben ausgiebig zu untersuchen. Das alte Radio, das sein Vater ihm Mitte der Sechzigerjahre geschenkt hatte, quäkte mit einem blechern klingenden Sound durch den Laborraum. Aus einem halbhohen Schrank an der Wand holte Joachim mehrere Reagenzgläser, stellte sie in eine Halterung und öffnete die Flaschen. Das Wasser sah noch immer völlig normal aus. Es roch nicht und war so klar, wie Wasser eben sein musste. Nachdem er das Wasser zusammen mit verschiedenen Flüssigkeiten in die Reagenzgläser getröpfelt hatte, ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und betrachtete die Proben. In zwei Gläsern leuchtete ihm eine blaue Mischung entgegen. Zwei weitere Gläser waren trüb geworden. Brummend stand er auf. Blau bedeutete basisch. Der pH-Wert des Wassers war zu hoch. Und irgendwas war da noch, sonst wären die anderen Proben nicht trüb geworden. Ein Zusatzstoff vielleicht, der da nicht hingehörte. Zwecklos, darüber zu spekulieren. Die Mittel, die ihm in diesem Labor zur Verfügung standen, eigneten sich nicht für eine aussagekräftige Analyse. Außerdem war ihm noch immer nicht klar, wonach er eigentlich suchen sollte. Sein Labor war für umfangreiche Wassertests nicht ausgelegt. Ein Leitwert-Messgerät wäre nicht schlecht. Damit würden sich Rückschlüsse auf den Fremdstoffanteil im Trinkwasser ziehen lassen. Außerdem gab es Geräte, mit denen Schwebstoffe, Bakterien und Viren leichter erkannt werden konnten. Die Kollegen in den anderen Abteilungen verfügten über ein paar dieser Hilfsmittel, die er sich nun erst einmal mühsam zusammensuchen musste. Das würde einige Zeit dauern. Dabei hatte er versprochen, sich bereits am Vormittag mit ersten Ergebnissen zu melden. In Gedanken sah er Nina das Wasser aus Mineralwasserflaschen in Töpfe schütten, nur um kein Leitungswasser zu verwenden. Und wenn alles doch ganz harmlos war? Er war ihnen eine schnelle Antwort schuldig. Am wichtigsten war zunächst einmal herauszufinden, ob eine konkrete Gefahr für die Gesundheit vorliegen würde, wenn man das Wasser trinken würde. Und da hatte er schon eine Idee.
   Joachim verließ sein Labor und rannte fast über den breiten hellen Flur, an dessen Wänden moderne Kunstwerke hingen. Sie standen hier im Dienste eines Konzerns, der Düngemittel herstellte. Da gab es auch Versuchstiere. Im Erdgeschoss befanden sich unzählige Käfige mit Mäusen, Ratten, Hamstern, Hörnchen und Kaninchen. Als er vor vielen Jahren in dieser Einrichtung zu arbeiten begann, hatte er ein beklemmendes Gefühl deswegen gehabt. Aber mittlerweile hatten sich alle seine Vorurteile aufgelöst. Den Tieren ging es dort unten besser als in vielen privaten Haushalten. Sie hatten geräumige Käfige. Doch das Wichtigste war, dass sie nicht sinnlos verheizt wurden. Die meisten Düngerarten mussten umweltverträglich sein. Neue Stoffe wurden den Tieren in die Nahrung gemixt. Oft kam es nur zu allergischen Reaktionen bei ihnen, von denen sie sich schnell wieder erholten. Nur selten starben Tiere in Folge der Entwicklung eines neuen Wirkstoffes. Zwar stellte der Konzern auch Giftstoffe her, die gegen Ameisen, Pilze oder Schnecken verwendet wurden, aber damit hatte man zumindest in dieser Zweigstelle nichts zu tun. Und das war ihm auch ganz lieb. Er klopfte an eine schlichte weiße Tür. Hoffentlich war Ina schon da.
   Eine junge Frau mit blonden langen Haaren, die ihr bis zur Hüfte gingen, öffnete die Tür und schaute ihn skeptisch an. »Joachim. Meine Güte, bist du aus dem Bett gefallen? Oder hat dich deine Frau rausgeworfen?«
   »Guten Morgen Ina«, sagte er fröhlich.
   Sie winkte ihn hinein und zeigte auf eine röchelnde Kaffeemaschine. »Gerade aufgesetzt. Willst du?«
   »Gern.«
   »Also, was machst du schon hier? Seit ich dich kenne, warst du noch nie vor neun im Labor.« Obwohl die Maschine nicht fertig war, griff Ina nach der Kanne und schenkte zwei Becher voll. Es zischte, als mehrere Kaffeetropfen aus dem Filter auf die heiße Wärmeplatte fielen. Joachim nahm einen Schluck und verzog den Mund. Daran hätte er denken müssen. Ina war wegen ihres stets viel zu starken Kaffees in der ganzen Einrichtung berüchtigt. Niemand trank ihr Gebräu Marke Doppel-Herztod. Trotzdem nahm Joachim noch einen weiteren winzigen Schluck. Immerhin wollte er heute etwas von ihr.
   »Ich untersuche für einen Freund eine Wasserprobe und würde sie gern einigen Tieren zu trinken geben.«
   Ina sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Woher stammt das Wasser?«
   »Direkt aus einem Wasserhahn in einer Küche. Aber es kocht nur mühsam. Und nun ist die Familie beunruhigt.« Er zuckte mit den Achseln. »Deinen Kleinen wird nichts passieren. Ich vermute, dass es irgendwie verschmutzt ist. Wenn die Nager es nicht anrühren, weiß ich Bescheid.«
   Ina griff in die Brusttasche ihres Kittels und warf ihm eine Magnetkarte zu. »Nimm dir, was du brauchst. Aber wenn die Viecher Durchfall kriegen, machst du die Käfige sauber.«
   Joachim lachte und stellte seine Tasse zurück auf den Tisch. »Du bist ein Schatz.« Er drehte auf dem Absatz um und öffnete die Labortür. Was für ein erfolgreicher Verlauf. Ina, die Verantwortliche für alle Versuchstiere, hatte ihm praktisch einen Freifahrtschein ausgestellt, und der ungenießbare Kaffee hatte ihn auch nicht umgehauen.
   Am Ende des Flurs im Erdgeschoss gab es eine massive Eisentür. Joachim steckte die Magnetkarte in einen Schlitz, und das Schloss knackte vernehmlich. Der Raum dahinter war hell und freundlich. Fenster, die von der Decke bis zum Boden reichten, ließen die Morgensonne hinein. An der Wand brummte eine Klimaanlage. Oft war er nicht in diesem Raum. Es überraschte ihn immer wieder, wie gemütlich es hier aussah. Ganz anders, als in den vielen Labors, die ihm während seiner Ausbildungszeit begegnet waren. Meistens waren die Versuchstiere in den dunkelsten Kellerräumen untergebracht und fristeten dort ein trostloses Dasein unter Kunstlicht. Dagegen wirkte dieser sonnendurchflutete Raum geradezu paradiesisch. Sämtliche Käfige waren auf der gegenüberliegenden Seite der Fenster aufgestellt. In stabilen, zwei Meter hohen Stahlregalen, standen sie in vier Ebenen übereinander. Ganz unten tummelten sich die Kaninchen, darüber die Hamster, Streifen- und Eichhörnchen und wiederum darüber die Ratten. In den obersten Käfigen befanden sich die Mäuse.
   Es war erstaunlich ruhig. Immer wenn er hier war, verwunderte ihn die Stille. Kaum ein Tier raschelte oder quiekte. Das war schon irgendwie unheimlich. Joachim wandte den Blick von den Käfigen ab und schaute suchend in die Ecken. Dort standen der fahrbare Tisch und die kleinen Transportkäfige. Mit jeweils vier Exemplaren von allen Tieren wollte er arbeiten. Je zwei Tiere gleicher Gattung kamen in die Transportkäfige.
   Als er alle Tiere verfrachtet hatte, stutzte Joachim. Ob das nicht doch ein wenig übertrieben war? Reichten nicht auch eine Handvoll Nager? Nein, je mehr, desto besser. Viele Tiere besaßen ausgeprägte Geruchs- und Geschmackssinne. Sie würden merken, wenn etwas mit dem Wasser nicht stimmte.
   Aus einem Karton holte Joachim Dutzende kleiner Trinkflaschen und Keramiknäpfe. Dann schob er den Tisch vorsichtig zum Ausgang. Endlich drangen ein paar Geräusche an seine Ohren. Zwei der Mäuse piepsten leise. »Keine Angst. Euch passiert nichts. Da bin ich mir ziemlich sicher.« Lenny trug die Tiere aus einer Liste aus, die neben der Tür hing. Wenn man das vergaß, konnte Ina fuchsteufelswild werden. Etwas, was man ihr überhaupt nicht zutraute. Die Türen des Fahrstuhles standen offen. Die meisten Kollegen kamen nicht vor acht zur Arbeit. Das passte ihm ausgezeichnet. So musste er nicht erst lange auf den Lift warten. Außerdem ersparte es ihm langwierige Erklärungen, wozu er all die Tiere brauchte.
   Bevor sich der Fahrstuhl in Bewegung setzen konnte, sprang ein Mann in die Kabine. »Grad noch erwischt«, sagte er hechelnd und öffnete einen Knopf seines Mantels. »Guten Morgen Joachim.«
   »Hallo Franz.«
   »Du bist früh heute.«
   »Ja.«
   »Was hast du denn mit den ganzen Fellfreunden vor?«
   Joachim verzog den Mund. Zu früh gefreut. »Nur einen kleinen Test.«
   »Dafür sind das aber viele.«
   »Ach, geht.«
   »Na ja.« Es klingelte und die Türen öffneten sich.
   »Wir sehen uns nachher bei der Besprechung, Joachim.«
   »Ja, bis dann, Franz.«

Das gekochte Wasser konnte warten. Zunächst wollte Joachim sich auf das frische Leitungswasser konzentrieren. Die Näpfe und Trinkflaschen füllte er bis zu einer Markierung auf und stellte sie in die Käfige. Einige der Tiere trennte er voneinander und setzte sie in Einzelkäfige. Auf diese Weise würde besser zu beobachten sein, wie viel Wasser jedes Tier trank. »Jetzt heißt es abwarten«, sagte er laut in den Raum hinein und ließ sich schnaufend auf seinen Stuhl fallen. Seine Finger griffen zum Telefon und wählten Lennys Nummer. Nina hob ab. Sie freute sich offenbar, von ihm zu hören. »Leider wird es noch eine Weile dauern, bis ich Ergebnisse habe«, sagte Joachim.
   »Kein Problem. Ich habe genügend Mineralwasser im Haus«, antwortete Nina. »Wir werden das Leitungswasser nicht anrühren, bis du Entwarnung gegeben hast.«
   Er versprach, sich zu melden, sobald es Neuigkeiten geben würde, und vertiefte sich in die Unterlagen eines Mitarbeiters zu einem bestimmten Düngerstoff.
   Irgendwann wurde die Labortür geöffnet und ein hagerer Mann steckte den Kopf in den Raum. »Ich wollte dich zur Besprechung abholen.«
   »Ist es schon soweit?«, fragte er überrascht und schaute auf die Uhr.
   Der Kollege nickte ernst. »Ja. Und es stehen jede Menge Punkte auf dem Programm.«
   Joachim atmete laut aus und erhob sich. »Na prima. Dann werden wir ja wieder bis zum späten Nachmittag tagen.«
   »Mindestens«, erwiderte der Kollege.

3

Lenny lag auf dem Boden und starrte auf die Rückwand des Kühlgerätes. »Der Kompressor ist defekt«, stellte er fest.
   Der Restaurantbesitzer, ein Ire namens Caine, hopste wie eine aufgescheuchte Möwe hinter seinem Rücken umher. »Ne. Der kühlt nicht mehr.«
   Lenny seufzte. »Eben deswegen kühlt er nicht mehr.«
   »Wenn Sie das Ding nicht wieder heil kriegen, können wir heute nicht öffnen.«
   »Wir kriegen das Ding wieder heil. Keine Sorge.« Manchmal fragte Lenny sich, ob er diesen Beruf noch bis zu seiner Rente ausüben wollte. Doch was sollte er stattdessen machen? Er war nun einmal spezialisiert darauf, Großkühlschränke zu reparieren. Mit vierzig war es zu spät umzusatteln. Aber die ganze Hektik ging ihm mehr und mehr auf die Nerven. Solche Geräte standen nun mal meistens in Restaurants, Großküchen und Kantinen. Da war es grundsätzlich eine Katastrophe, wenn ein Defekt auftrat.
   Auch Caines Stimme schnappte nun fast über, als sich sein massiger Körper tänzelnd um den Kühlschrank bewegte. »Was für ein Unglück. Da liegt das ganze teure Lammfleisch drin. Wie schnell bekommen Sie einen neuen Kompressor?«
   »Vielleicht kann ich den Fehler reparieren.«
   »Und wenn nicht? Und wenn nicht?«
   Das Schlimmste war, dass er für seinen Job eigentlich Ruhe brauchte. Moderne Kühlgeräte besaßen mitunter eine komplizierte Technik. Es war schwer, sich zu konzentrieren, wenn dauernd jemand lamentierte. »Womöglich ist es nur ein Wackelkontakt.«
   Der Ire blieb abrupt stehen. »Ich habe an dem Ding nicht gewackelt«, rief er hektisch.
   O Mann. Nur nicht weiter hinhören. Lenny zog an einem kleinen Draht, und endlich gab der Kompressor ein Lebenszeichen von sich. Wahrscheinlich hatte sich nur die Verbindung gelöst. Er stand auf und ging zu seinem Werkzeugkasten. »Mit diesem neuen Draht, geht das Ding wieder heile«, sagte er beschwichtigend, als sein Blick das offensichtlich nervös zuckende Gesicht des Iren streifte. Sein Handy klingelte.
   Sofort wurde der Ire noch fahriger. »Sie können jetzt nicht weg. Hier ist ein Notfall«, sagte er gehetzt.
   Lenny lächelte ihm zu. »Ich will auch nicht weg. Keine Angst.« Er nahm sein Telefon und meldete sich.
   Joachim war dran, und seine Stimme klang nervös. »Hallo Lenny.«
   »Hallo Jo. Nina hat mich schon über deinen Anruf heute Morgen informiert. Wir bleiben bei Mineralwasser«, sagte er. Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Moment Ruhe.
   Joachim räusperte sich. »Ach so, ja. Aber das ist es nicht. Inzwischen ist allerhand passiert. Komm her, so schnell du kannst.« Bevor Lenny antworten konnte, hatte Joachim aufgelegt. Joachim klang fürchterlich. Was hatte ihn so erschreckt?
   Der Ire schaute ihn aufmerksam an. »Noch ein kaputtes Ding?« Lenny schüttelte den Kopf.
   »Nein, nein«, sagte er schnell, nahm den Draht wieder auf und kniete sich hinter den Kühlschrank. Wurde Zeit, dass er die Reparatur zum Abschluss brachte.

Das Restaurant verließ Lenny im Laufschritt. Warum war Joachim so kurz angebunden gewesen? Hatte er womöglich etwas im Wasser entdeckt, oder wollte er ihn nur nicht bei der Arbeit stören? Joachim wusste, dass Lenny mitunter schlecht telefonieren konnte, wenn es bei einem Kunden, im wahrsten Sinne des Wortes, heiß herging.
   Lenny fuhr los, stellte das Radio an und versuchte auf das laufende Programm zu achten. Dennoch verließ ihn die Unruhe nicht, im Gegenteil, sie wurde permanent stärker. Als sein Auto auf den Firmenparkplatz der Laboreinrichtung fuhr, hatte er das Gefühl, als würde etwas in seiner Brust vor Aufregung gleich platzen.
   Der Pförtner gab ihm eine leuchtend grüne Karte mit der Aufschrift Besucher, die an der Brusttasche seines schweren Arbeitshemdes angebracht werden musste. Der Weg zu Joachims Labor war ihm vertraut. Noch ehe er die Klinke zu fassen bekam, schwang die Tür auf.
   Joachim schaute ihn mit großen Augen an. »Komm«, sagte er heiser. Auf seiner Stirn zeigten sich unzählige, kleine Falten.
   »Was ist denn um Himmels willen passiert?«, fragte Lenny, während er in den Raum ging.
   Anstatt zu antworten, rannte Joachim an ihm vorbei. Auf vier aneinandergeschobenen Tischen an der Seitenwand standen unzählige Käfige. Joachim stellte sich vor sie und schüttelte den Kopf. »Schau.«
   Vorsichtig ging Lenny näher. Ihm war bekannt, dass hier im Labor hin und wieder Versuchstiere zum Einsatz kamen, und diese Vorstellung fand er grässlich. Da ihm die Freundschaft mit Joachim viel bedeutete, schnitt er das Thema nie an, wenn sie zusammen waren. Jeder hatte die eine oder andere Leiche im Keller, über die man nicht sprach. Joachim hatte sie im Labor. Lenny versuchte, diesen Gedanken beiseitezuschieben, während er sich neben Joachim stellte. Sein Blick fiel in die Käfige. Die Tiere sahen alle auch ziemlich friedlich aus. Sehr friedlich sogar. Die Kaninchen kuschelten an der Käfigwand miteinander. Die Mäuse lagen verstreut in ihren Gefängnissen herum. Zwei Eichhörnchen hatten sich einander gegenüber gelegt und die buschigen Schwänze um die kleinen, runden Körper geschlungen. In keinem der Käfige herrschte Trubel. Überall lagen die Tiere reglos auf dem Boden, als wären sie in eine geisterhafte Starre verfallen. Ihn überkam ein schrecklicher Verdacht. Er fasste Joachim an die Schulter. »Sie sind doch nicht etwa …«
   »Tot?«, fragte Joachim. Lenny konnte nicht sagen, wie froh er war, als Joachim energisch den Kopf schüttelte. »Nein, die Tiere sind nicht tot. Aber sie sind völlig apathisch«, sagte er langsam.
   »Apathisch?«
   »Ja. Sie wirken, als hätte man sie ruhiggestellt. Wie Raubkatzen, denen man einen Beruhigungspfeil durch das Fell gejagt hat.« Joachim ging auf einen der Käfige zu und öffnete den Deckel. Zwei putzige braun-schwarz gefleckte Hamster saßen neben einer kleinen Schüssel und sahen aus, als ob sie schlafen würden. Joachim strich ihnen behutsam über das Fell. Sie rührten sich nicht. Er fuhr mit seinem Finger sanft um die Schnurrhaare des einen Tieres. Das Gesicht zuckte. Wahrscheinlich kitzelte Joachims kleiner Finger. Der Hamster machte eine unglaublich schwerfällige Bewegung und rutschte eine Handbreit zur Seite. Dann verfiel der Fellknäuel wieder in seine Starre. »So verhalten sich sämtliche Tiere«, stellte Joachim fest, als er den Käfig wieder schloss. »Sie schlafen nicht wirklich. Sie sind … einfach außer Gefecht gesetzt. Eben ruhiggestellt.«
   Lenny schnaufte laut. »Das ist beängstigend.«
   Joachim drehte sich um und schaute ihm in die Augen. »Beängstigend ist, dass die kleinen Racker heute Morgen allesamt noch quicklebendig waren. Und dann haben sie von dem Wasser getrunken, das ich aus deinem Wasserhahn habe.« Er deutete auf einen Käfig, in dem zwei Ratten mit ausgestreckten Beinchen auf dem Rücken lagen. Sie sahen aus, als wären sie vergiftet worden. Wenn man ganz genau hinschaute, konnte man jedoch die unscheinbare Fellbewegung sehen, die einem verriet, dass die kleinen Herzen noch schlugen. Joachim zeigte auf eine Flasche. »Heute ist ein warmer Tag. Insbesondere mein Labor heizt sich schnell auf, weil es nach Süden geht. Die Tiere haben ordentlich getrunken.« Joachim tippte auf eine schwarze Markierung an der Flasche im Käfig der Ratten. Der Wasserstand lag gut und gern einen daumenbreit darunter.
   »Also hat das Wasser sie so apathisch gemacht?«, fragte Lenny.
   »Das ist die einzige Möglichkeit.«
   »Was ist in dem Wasser?« Joachim seufzte.
   »Mit den Mitteln, die ich hier zur Verfügung habe, kann ich keine aussagekräftige Analyse machen. Ich brauche andere Geräte, muss Kollegen hinzuziehen. Das kann dauern.« Er zeigte mit beiden Händen auf die Käfige. »Aber klar ist, dass das Wasser hochgradig verseucht ist. Natürlich würde sich bei Menschen nicht sofort eine derart starke Reaktion einstellen wie bei diesen Tieren. Unser Organismus ist ja um ein vielfaches größer und stärker.«
   Lenny ging zum Schreibtisch und ließ sich auf den klapprigen Bürostuhl fallen. »Nicht sehr beruhigend«, sagte er schwach. »Mein Wasser ist verseucht. Wie kann das sein? Was ist da schiefgelaufen?«
   Joachim setzte sich auf die Kante des Tisches. »Noch interessanter wäre, ob wirklich nur dein Wasser verseucht ist.« Er faltete seine Hände in den Schoß und schaute sie einen Moment lang an. »Das piekfeine Schlosshotel mitten im Wald ist von euch doch nicht so weit entfernt«, stellte er fest.
   »Stimmt. Man fährt etwa fünf Minuten auf der kleinen Waldstraße hinter unserem Neubaugebiet. Warum?«
   »In zwei Wochen gibt es dort verdammt hohen Besuch.«
   Lenny brauchte eine Weile, bis er verstand. »Natürlich. Das G-8-Treffen. Die Politiker tagen an der niedersächsischen Küste, aber für ein Abendessen kommen sie alle zusammen ins Schlosshotel.«
   »Dessen Wasser aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls verseucht ist.«
   Lenny schaute seinen Freund mit gerunzelter Stirn an. »Was willst du damit sagen?«
   Joachim stieß sich vom Schreibtisch ab und ging zurück zu den Käfigen. »Verstehst du denn nicht?«, rief er aufgebracht und betrachtete die leblos daliegenden Tiere. »Jemand vergiftet das Wasser in eurer Gegend. Und zwar das gesamte Wasser, vom Schlosshotel bis hin zu eurem Neubaugebiet.«
   Lenny hob abwehrend die Hände. »Moment, Moment«, sagte er verwirrt. »Du denkst, das ist Absicht?«
   »Natürlich. Ich glaube, da wird ein Mittel ins Trinkwasser gegeben, das die Regierungschefs ruhigstellen soll. Terroristen hätten dann leichtes Spiel.«
   »Ein Anschlag?«, fragte Lenny geschockt. Auf was für Ideen kam Joachim bloß.
   »Könnte doch sein. Vielleicht wird die Dosis in den nächsten Tagen kontinuierlich erhöht.«
   »Und dann? Man kann die Staatschefs der wichtigsten Industrienationen doch nicht so einfach aus dem Hotel schaffen. Selbst wenn sie bewusstlos sind. Außerdem wird es dort von Sicherheitsbeamten nur so wimmeln. Die werden kaum alle von dem Wasser trinken.«
   Joachim ging zurück zum Schreibtisch und griff nach einem Kugelschreiber. »Stimmt, was du sagst.« Er drückte sichtlich nervös auf den Knopf und ließ die Miene immer wieder erscheinen und verschwinden. »Aber ich finde, es hört sich dennoch sehr plausibel an. Wer weiß, was für ein teuflischer Plan irgendwo vielleicht gerade in diesem Augenblick geschmiedet wird.«
   Mit einem Gefühl, als hätte ihn gerade eine Dampflok überfahren, fuhr Lenny nach Hause. Joachims These war beängstigend, keine Frage. Noch beängstigender aber war die Tatsache, dass sein Leitungswasser wirklich vergiftet war. Nun gut, vielleicht auch das Leitungswasser seiner Nachbarn, ja, vielleicht sogar das Trinkwasser des gesamten Neubaugebietes und des Schlosshotels. Aber am meisten machte er sich im Augenblick um seine Familie Sorgen. Was interessierte ihn die Gesundheit des japanischen Ministerpräsidenten, wenn seine Tochter akut gefährdet war?
   Lenny rief zu Hause an, aber es ging niemand ans Telefon. Bestimmt war Nina mit den Kindern im Badezimmer. Wenn sie Justin und Emily bettfertig machte, duldete sie keine Störungen. Sie ging dann weder an die Tür noch an das Telefon. Hoffentlich hatte Nina es durchgehalten, den Kindern den ganzen Tag über kein Leitungswasser zu geben.
   Nervös klopfte Lenny auf das Lenkrad, während er einen langsamen Transporter überholte. Joachim hatte ihm versprochen, weiter zu forschen, und wollte sich gleich Morgen mit einem Kollegen austauschen, der unter anderem schon Düngerstoffe für Wasserpflanzen mitentwickelt hatte, die in Gartenteichen zum Einsatz kamen.
   Lenny fuhr in seinen Carport und schaltete den Motor aus. Das Radio verstummte, und die plötzliche Stille war unangenehm. Er hastete zum Hauseingang. Sein Schlüssel rutschte ihm zweimal ab, ehe er endlich ins Schloss traf. Als er seine Werkzeugtasche unter die Garderobe stellte, drang von oben bereits Gekicher zu ihm herunter.
   Lenny schlich die Treppe hinauf und öffnete mit einem Ruck die Badezimmertür. Als Erstes fiel sein Blick auf die zwei großen Plastikflaschen, die neben dem Waschbecken standen. Erleichtert atmete er durch. Dann bekam er einen Knuff in den Bauch.
   »Papi ist da«, rief Emily und boxte erneut in seinen Magen.
   Nina gab ihm einen Kuss und drückte ihre Händen auf seine Wangen. »Du siehst ziemlich durch den Wind aus«, stellte sie fest.
   »Ich war eben noch bei Joachim«, sagte er erschöpft.
   Sie presste ihren Zeigefinger auf seinen Mund und zischte. Nina wollte die Kinder offenbar nicht beunruhigen. Sie sprach in Gegenwart der Kleinen nicht über das Leitungswasser. Für Emily und Justin war es bisher noch ein riesiger Spaß, beim Kochen, Waschen und Zähneputzen Mineralwasser zu benutzen. Und dass sie heute Abend nicht duschen und Haarewaschen brauchten, war offensichtlich ebenfalls ganz in ihrem Sinne. »Erzähl es mir nachher«, flüsterte Nina und kniete sich vor Justin, um ihm die Knöpfe seines Schlafanzuges zu schließen.
   »Bringst du mich heute ins Bett?«, fragte Emily und klammerte sich an sein Bein.
   Lenny strich ihr über die Haare. »Ich bringe euch beide ins Bett«, antwortete er. »Mami fährt gleich zum Training. Und wir können es uns im großen Bett bequem machen.«
   »Au ja.« Emily rannte aus dem Badezimmer geradewegs ins Elternschlafzimmer und sprang auf die Matratze. Der Lattenrost gab einen keuchenden Laut von sich.
   »Darf ich mein Flugzeug mitnehmen?«, fragte Justin, als er ohne Hast in den Flur trat.
   »Klar doch.«
   Justin lächelte und stürmte in sein Zimmer. Sekunden später kam er mit einem halben Meter langen Spielzeugflugzeug wieder zurück und rannte ebenfalls ins Elternschlafzimmer.
   »Du untergräbst meine Autorität«, stellte Nina in vorwurfsvollem Ton fest. »Bei mir gibt es kein Spielzeug im Bett, zumindest nicht, wenn Schlafenszeit ist.«
   Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Heute würde ich den Würmern alles erlauben.«
   Sie warf sich ein T-Shirt über die Schulter und sah ihn an. »Hat Joachim etwas entdeckt?«
   Lenny nickte, als Emilys Stimme durch den Flur hallte. »Papi! Komm endlich!« Nina klopfte ihm auf die Schulter.
   »Wir reden, wenn ich vom Training zurück bin. Bis dahin schlafen die Monster.«
   Als Lenny seine Kinder sah, musste er grinsen. Emily hatte sich bereits unter die Decke gekuschelt. Nur ihr Kopf schaute oben heraus. Justin saß neben ihr auf der Decke. Vor ihm stand sein Flugzeug. »Wollen wir das Licht anlassen?«, fragte Lenny, obwohl er die Antwort darauf längst kannte.
   »Ja«, riefen Justin und Emily gleichzeitig.
   Während Lenny den rechten Arm um seine Tochter legte, klopfte seine linke Hand auf Justins Schulter.
   »Du kannst noch eine Weile mit dem Flugzeug spielen. Aber lege dich bitte hin.« Justin seufzte und krabbelte unter die Decke. Er nahm das Flugzeug und hielt es mit ausgestreckten Armen über seinem Kopf.
   Lenny fühlte sich ausgelaugt. Dabei war der Arbeitstag nicht anstrengender als sonst gewesen. Es gab schlimmere Kunden als den nervösen Iren. Er spürte die warmen Körper seine Kinder neben sich. Wie konnte es nur möglich sein, dass sich da etwas im Leitungswasser befand? Wurde das Trinkwasser nicht ständig geprüft und kontrolliert? Die Stadtwerke hätten sicherlich gemerkt, wenn das Wasser verunreinigt gewesen wäre. Das zumindest sprach gegen Joachims These, dass das ganze Neubaugebiet betroffen sein könnte. Aber besser machte es die Sache auch nicht. Was stimmte mit seinem Wasseranschluss nicht? Behutsam streichelte er Emily über die weiche Wange. Wie gut, dass sie zum Sonntagsfrühstück stets Eier aßen. Was wäre gewesen, wenn sie überhaupt nicht gemerkt hätten, dass sich das Wasser eigenartig verhielt? Ein Schauder überkam ihn. Daran wollte er lieber nicht denken. Justin stellte den Flieger neben das Bett und rollte sich ein. Seine kleinen Füße stemmten sich gegen seine Oberschenkel. Was war das für ein friedliches Gefühl, hier gemeinsam zu kuscheln. Seine Augenlider wurden schwer, und nur Minuten später schlief Lenny ein.
   Die Sonne schien durch die dunkelblauen Vorhänge, und Lenny lag allein im Bett. Stöhnend richtete er sich auf. Im Badezimmer herrschte schon wieder Krach.
   Eine Tür wurde aufgestoßen, und Emily kam um die Ecke gefegt. »Papi, du Schlafmütze«, sagte sie. Sie war bereits angezogen. Lenny stand auf und drückte seine Tochter fest an sich. Jemand umarmte ihn von hinten.
   »Als ich wiederkam, habt Ihr geschlafen wie die Murmeltiere«, sagte Nina. »Das sah vielleicht niedlich aus.«
   »Du hättest mich aufwecken sollen.«
   »Du hast den Schlaf nötig gehabt. Du hättest dich gestern mal im Spiegel ansehen sollen.« Sie nahm Emily an die Hand und rief nach Justin. »Ich bringe die Kinder schnell weg. Vielleicht haben wir anschließend noch Zeit, um zu reden.« Lenny nickte.
   »Bestimmt sogar. Ich werde mir heute freinehmen.«
   Sie schaute ihn überrascht an. »So schlimm?«
   »Ziemlich, ja.«
   Während er das Frühstück vorbereitete, wurde ihm bewusst, wie ungewohnt es war, kein Leitungswasser zu benutzen. Fast automatisch hielt er den Wasserkocher unter den Hahn, ehe ihm dämmerte, was er da gerade machen wollte. Stattdessen öffnete er eine Wasserflasche und schüttete die Hälfte in den Kocher.
   Als Nina die Haustür hinter sich schloss, winkte Lenny sie in die Küche. »Wir machen es uns erst mal gemütlich.«
   Sie gab ihm einen Kuss und setzte sich. »Spann mich jetzt bitte nicht länger auf die Folter. Was hat Joachim festgestellt?«
   Lenny schenkte den Tee ein und seufzte. »Mit unserem Wasser stimmt wirklich etwas nicht«, begann er zu erzählen, beschrieb ihr die reglos daliegenden Versuchstiere und gab seine Unterhaltung mit Joachim wieder.
   Nina hörte erschrocken zu. Hatte sie anfangs noch begonnen, sich Margarine auf ihr Brot zu schmieren, legte sie das Messer alsbald zur Seite und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Das ist schrecklich«, flüsterte sie aufgebracht, als sein Bericht zu Ende war. »Joachims Anschlagtheorie hört sich vollkommen stimmig an.«
   Lenny zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht. Jemand müsste doch was gemerkt haben, wenn wirklich das gesamte Wasser in der Umgebung …«
   Plötzlich sprang Nina auf. »Die Kinder«, rief sie sichtlich ängstlich. »Was ist, wenn das Wasser in der Schule oder im Kindergarten auch verseucht ist?«
   Lenny stand ebenfalls auf und griff nach ihren Händen. »Das kann ich mir nicht vorstellen«, gab er ruhig zurück. Emilys Kindergarten und Justins Schule befanden sich zwanzig Autominuten weit weg in einem anderen Stadtteil. »So weit reicht die Verunreinigung sicherlich nicht.«
   »Aber du bist dir nicht sicher.«
   »Nein. Wie soll ich mir denn sicher sein? Ich weiß doch selbst nicht, was ich von der ganzen Geschichte halten soll.«
   »Und jetzt?« Nina setzte sich wieder an den Tisch.
   »Wir müssen die Wasserwerke informieren. Die Polizei am besten auch.«
   »Ruf gleich nach dem Frühstück an, ja?«
   »Warum, glaubst du, will ich mir heute freinehmen? Ich möchte genauso schnell Licht in diese Angelegenheit bringen, wie du.«

4

Karl Friese zog sich seine alte abgewetzte Cordjacke über. Für die Gartenarbeit genau das richtige Kleidungsstück. Er öffnete die Haustür und sog die Morgenluft ein. Vielleicht würde mit der frischen Luft auch dieses merkwürdige Gefühl verschwinden, welches ihn seit dem Aufstehen begleitete. Auf eine ganz komische Weise fühlte er sich tranig. Nicht, als ob ihm etwas schwer im Magen liegen würde. Es war eher so, als wäre er überhaupt nicht richtig aufgewacht, als hätte man ihn mitten aus dem Schlaf gerissen und halb dösend irgendwohin geschickt. Karl atmete noch einmal tief durch und holte die Gartengeräte aus dem Schuppen. Sommer war eine grausame Jahreszeit. Bei diesen Temperaturen konnte man dem Unkraut beim Wachsen zusehen. Kaum war man mit einem Beet fertig, zeigten sich am anderen Ende schon wieder zarte Keime, die nur darauf aus waren, Unruhe in den Rabatten zu stiften. Er ließ sich auf seine Knie fallen und sortierte die Geräte neben sich auf den Rasen. Ganz außen lag das Messer, daneben eine kleine Harke und daneben der Unkrautstecher. Ein leichter Schwindel überkam ihn. Vielleicht hatte er gestern Abend einfach nur zu schwer gegessen? Womöglich lag es an der Mettwurst, die Sandra beim Discounter gekauft hatte. Er sah hinüber zum Nachbarhaus. Durch das Seitenfenster konnte er in das Wohnzimmer der Eggerts schauen. Lenny war noch nicht zur Arbeit gegangen. Sein Nachbar saß am Esstisch und presste den Telefonhörer ans Ohr.
   Karl schloss die Augen. Wurde Zeit, dass er sich um das biestige Unkraut kümmerte. Er stellte den leeren Eimer neben sich und griff nach dem Messer. Nichts eignete sich besser, um kleine unliebsame Pflanzen zu entfernen, als ein ganz gewöhnliches Frühstücksmesser. Plötzlich wurden seine Lider schwer. Einen Augenblick kam es ihm so vor, als würde er gleich hier auf der Stelle einschlafen. Oder erlitt er einen Schwächeanfall? In seinem Alter war so etwas jederzeit möglich. Ob ihn Sandra schnell genug finden würde, wenn er auf dem frisch gemachten Beet zusammenbrechen würde?
   Karl schüttelte sich. Was waren das bloß für grausame Gedanken? Bisher hatte es doch nie Probleme gegeben. In seinem Bekanntenkreis wimmelte es von fiesen und unberechenbaren Krankheiten, aber an ihm war der Kelch stets vorbeigegangen. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, als ob seine Lider mit Klebestreifen geschlossen gehalten würden. Es kostete ihn unglaublich viel Mühe, sie nicht sofort wieder zu schließen. Nach wenigen Sekunden war die Empfindung jedoch vorüber. Heute war ganz und gar nicht sein Tag. Karl griff neben sich. Weiche Erde drückte sich in seine Handflächen. Mit gerunzelter Stirn schaute er sich um. Er kniete nicht mehr dort, wo er eben noch gewesen war. Die Harke und der Stecher lagen etwa zehn Meter weit weg, am unteren Ende des Beetes auf dem Rasen. In seinem Dämmerzustand musste er einmal durch das Feld gekrabbelt sein. Unheimlich. Sein Blick fiel auf den Eimer, der knapp einen Meter von ihm entfernt in der Erde stand und bis oben hin voll mit kleinen Unkrautpflanzen war. Was wurde hier gespielt? Karl sprang auf und drehte sich um die eigene Achse. Das Beet vor ihm war sauber und frisch geharkt, kein einziges Unkraut war mehr im Boden zu entdecken. Nervös fuhr er sich über die Stirn und merkte, dass sein Gesicht schweißnass war. Es war nicht zu verstehen. Vorhin, als er aus dem Haus gekommen war, hatten sich im gesamten Beet unzählige Wucherpflänzchen gezeigt, die dort nicht hingehörten. Jetzt war sämtliches Unkraut gejätet. Wieder fiel sein Blick auf den gefüllten Eimer. Hatte er das getan? Für diese ganze Menge hätte man bestimmt mehr als eine Stunde gebraucht. Es war verdammt mühselig, jedes einzelne Pflänzchen mit Wurzel auszustechen. Aber es waren doch erst wenige Minuten vergangen, seit er das Haus verlassen hatte. Karl schaute hinüber zum Fenster der Eggerts. Lenny saß nicht mehr am Tisch, auch Nina war nirgends zu entdecken. Der Wagen seiner Nachbarn stand nicht mehr im Carport. Er bückte sich, nahm Eimer und Werkzeug auf, ging Richtung Haustür und stellte die Sachen vor der Tür ab. Auf einmal fühlte er sich wieder schlapp, ganz so, als wären seine alten Knochen mehrmals zu schnell in den Keller und zurück gelaufen.
   Karl zog seine Jacke aus und hörte Schritte im Flur. Sandra schaute ihn kopfschüttelnd an. »Du und dein Garten«, sagte sie mit vorwurfsvoller Stimme. »Du wolltest doch nur für eine halbe Stunde raus. Und nun warst du fast zwei Stunden weg«
   »Zwei Stunden?«, wiederholte Karl ungläubig mit weit geöffneten Augen. »Ist mir gar nicht so vorgekommen.«
   Sandra lächelte. »Weiß ich doch. Wenn du im Garten beschäftigt bist, vergisst du immer die Zeit. Komm jetzt, das Mittagessen wartet.«
   Er schlurfte ihr hinterher. Unglaublich. Er hatte einen totalen Filmriss. Ob er sich deswegen Sorgen machen musste?

*

Zunächst rief Lenny seinen Chef an, der wenig begeistert von seiner Krankmeldung war. Aber das war ihm im Moment völlig egal. Der zweite Anruf galt den Wasserwerken. Er musste eine kostenpflichtige Servicenummer wählen und landete in irgendeinem Callcenter. Die Dame dort war nicht sehr kompetent. Sie berichtete mit inbrünstiger Stimme von den Vorzügen der modernen Trinkwasseraufbereitung.
   »Sie werden es nicht wissen, aber wir haben eine der mordernsten Anlagen Deutschlands«, flötete sie.
   »Das kann ja sein. Trotzdem stimmt mit meinem Wasser etwas nicht.«
   »Was denn?«
   »Woher soll ich das wissen?«
   »Dann muss ich Sie an unser Beschwerdemanagement verweisen.«
   »Tun Sie das.«
   »Geben Sie mir bitte ihre Anschrift und Telefonnummer. Haben Sie ihre Kundennummer zur Hand?« Lenny gab die Daten durch und trommelte mit seinen Fingern nervös auf den Tisch. »Ein Kollege wird sich bei Ihnen melden.«
   »Wann? Es ist dringend.«
   »So schnell wie möglich.« Die Frau hauchte eine Verabschiedung durchs Telefon und legte auf.
   Nina schaute ihn aufmerksam an. »Und?«
   »Sie rufen zurück.«
   »Ruf trotzdem auch bei der Polizei an.«
   »Unbedingt.« Lenny blätterte im Anzeigenblättchen, fand die Rubrik ,Wichtige Telefonnummern‘ und wählte die Durchwahl der städtischen Polizeiwache. Der Hörer wurde abgenommen und Lenny erzählte von seinem Trinkwasser und den Proben, die Joachim den Tieren gegeben hatte.
   Der Mann machte mehrere undefinierbare Geräusche. »Wollen Sie diesen Joachim wegen Tierquälerei anzeigen?«
   Lenny atmete gequält durch. »Haben Sie nicht zugehört? Mein Trinkwasser ist verseucht. Und vielleicht auch noch das Trinkwasser anderer Häuser.«
   »Und was ist mit den Tieren?«
   »Die wirken apathisch, seit sie das Wasser getrunken haben. Es geht jetzt aber nicht um die Tiere, sondern um Menschen. Mit dem Trinkwasser stimmt etwas nicht. Es besteht eine akute Gefahr und ich möchte, dass Sie sich darum kümmern.«
   »Ich werde die Meldung weitergeben. Sie hören von uns.«
   Lenny schmiss das Telefon auf den Tisch und raufte sich die Haare. »Sie wollen sich darum kümmern«, erklärte er Nina, die ihn fragend anschaute.
   »Wann?«
   »Keine Ahnung.«
   Nina setzte sich ihm gegenüber und stützte ihren Kopf auf die Hände. »Lass uns die Presse anrufen«, schlug sie vor. »Etwas Druck kann in dieser Angelegenheit nicht schaden. Wasserwerke und Polizei arbeiten bestimmt schneller, wenn Morgen bereits ein Bericht über die Vorkommnisse erscheint.«
   Lenny nickte. Das hörte sich gut an. Er schaute ins Impressum der überregionalen Tageszeitung und wählte die Nummer der Redaktion. Nachdem er zweimal verbunden wurde, meldete sich ein gehetzt wirkender Mann. »Lokalredaktion.«
   Lenny kam gleich zur Sache und erzählte seine Story ein weiteres Mal. Diesmal erwähnte er auch Joachims Theorie. Ein möglicher Anschlag auf das G-8-Treffen musste für einen Reporter doch ein gefundenes Fressen sein. Allerdings hielt sich die Begeisterung des Redakteurs deutlich in Grenzen. Der Mann atmete offenbar genervt aus.
   »Was glauben Sie, mit was für einem Schrott wir seit Wochen konfrontiert werden«, sagte er anschließend gedehnt. »Hinz und Kunz machen sich Gedanken über diesen idiotischen G-8-Gipfel. Mit Ihrer habe ich heute schon drei Verschwörungstheorien gehört. Und es ist noch nicht mal halb zehn.«
   »Ich habe Beweise«, unterbrach Lenny den Redeschwall des Redakteurs.
   »Die haben alle Anrufer. Angeblich. Wissen Sie, wenn wir uns um jede Geschichte kümmern würden, hätten fünf unserer Leute den ganzen Tag zu tun. Und die Ergebnisse würden mehr als bescheiden sein.«
   »Bei mir nicht«, hakte Lenny ein. Es fiel ihm schwer, Ruhe zu bewahren.
   »Doch. Bestimmt auch bei Ihnen. Wissen Sie, seit die Regierungschefs damals in Heiligendamm tagten, sind die Bürger hochgradig sensibilisiert. Übersensibilisiert würde ich sagen. Hinter jeder verschlossenen Garagentür vermuten eifrige Leute eine Horde Terroristen, die mit radioaktiven Abfällen Streubomben bauen.«
   Lenny warf Nina einen frustrierten Blick zu. »Hören Sie …«, sagte er, wurde jedoch sofort wieder unterbrochen.
   »Nein, tut mir leid. Melden Sie sich nach dem Gipfel noch einmal bei mir. Dann kann ich vielleicht etwas für Sie tun.« Der Mann legte auf, ohne sich zu verabschieden.
   Lenny knallte den Hörer auf den Tisch. »Das kann alles nicht wahr sein«, rief er erbost.
   Nina ging um den Tisch und nahm ihn in die Arme. Es tat gut, ihre Berührung zu spüren. »Du hast es wenigstens versucht«, sagte sie sanft. »Wir warten jetzt einfach auf die Rückrufe der Wasserwerke und der Polizei. Und wenn wir bis heute Nachmittag nichts …«
   »Da«, unterbrach Lenny und zeigte auf das Anzeigenblättchen, das einmal in der Woche bei ihnen im Briefkasten lag. »Die berichten doch auch über Neuigkeiten. Zwischen ihrer ganzen Werbung.«
   »Einen Versuch ist es wert«, stimmte Nina zu. Sie ließ ihn los und blätterte die Seite des Impressums auf. Bereits nach dem ersten Klingeln meldete sich eine sympathisch wirkende, weibliche Stimme. Lenny holte tief Luft, berichtete zum vierten Mal über die Ereignisse der letzten beiden Tage und wartete gespannt darauf, wie sein Gegenüber diesmal reagieren würde. Lenny hatte sich schon mit einer knappen Ablehnung abgefunden, denn die Frau am Ende der Leitung gab keinen Ton von sich. »Hallo?«, fragte er skeptisch nach. Sie hatte doch hoffentlich nicht einfach während des Gesprächs aufgelegt?
   »Das ist unglaublich«, antwortete die Frau nach einer Pause kurzatmig.
   »Finde ich auch. Leider halten mich ihre Kollegen von der Tageszeitung für einen Spinner.«
   Sie lachte. »Gut für mich. Die Story hätte ich sonst wohl nicht bekommen.« Sie blätterte etwas um, vielleicht einen Kalender? »Können Sie mir die Tiere zeigen?«
   »Natürlich. Wann?«
   »So schnell wie möglich. Am besten jetzt gleich.«
   Lenny ballte seine Hände zu Fäusten. Endlich kam Bewegung in diese Angelegenheit. »Ich will nur eben mit meinem Freund Rücksprache halten. Die Tiere sind bei ihm im Labor. Ich rufe sofort wieder zurück.«
   Die Frau summte zustimmend. »Ich werde mich keinen Schritt vom Telefon wegbewegen. Falls aber doch, verlangen Sie einfach nach Bettina Matthiesen.«
   »Alles klar, Frau Matthiesen. Bis gleich.«

Lenny stand auf und streckte seine Arme in die Höhe. »Es hat geklappt«, rief er fröhlich. »Frau Matthiesen will die Tiere so schnell wie möglich sehen.« Nina klatschte in die Hände.
   »Gut. Auch wenn eine große Zeitung sicherlich mehr Wirkung erzielt hätte.«
   »Ach, Hauptsache jemand berichtet darüber.« Er wählte Joachims Nummer und erzählte ihm von der Reporterin.
   »Du kannst die Dame gern mit herbringen«, sagte Joachim. »Aber sie darf keine Aufnahmen machen, aus denen deutlich wird, wo sich die Tiere befinden. Ich habe zwar relativ freie Hand, solange ich meine Arbeit erledige, aber trotzdem würde ich Ärger bekommen, wenn entsprechende Fotos in Umlauf geraten.«
   »Das kriegen wir hin«, versprach Lenny. »Wann können wir dich besuchen?«
   »Jederzeit.«
   Mit Bettina Matthiesen verabredete sich Lenny für eine Stunde später vor dem Laborgebäude. Nina umarmte ihn an der Tür.
   »Ich bin gespannt, was du berichtest.« Er nickte.
   »Wenn sich Polizei oder Stadtwerke melden, gib mir bitte Bescheid.«
   »Ich schicke dir eine SMS.« Sie schloss die Tür und schenkte ihm ein Lächeln. Seine Frau machte sich wahrscheinlich noch mehr Sorgen als er. Nina hatte schon immer Angst davor gehabt, dass ihren Kindern etwas passieren würde, dass sie im Straßenverkehr verunglücken würden oder jemand sie entführen würde. Und jetzt brach das Unheil in Form von harmlos aussehendem Wasser über ihre Familie herein.
   Lenny stieg ins Auto und fuhr auf die Straße. Wie friedlich alles aussah. Zwei Kinder gingen lachend den Bürgersteig entlang und sein Nachbar zupfte mal wieder Unkraut. Normalerweise grüßte Karl stets. Aber diesmal schien der Gute so in seine Arbeit vertieft zu sein, dass er ihn überhaupt nicht bemerkte. Mit verzerrtem Gesicht stocherte Karl in der Muttererde herum. Ob das gesund war, jeden Tag so verbissen zu jäten?

Als Lenny auf den Firmenparkplatz fuhr, sah er bereits eine Frau neben dem Eingang stehen. Sie trug eine ärmellose, weiße Bluse und dazu einen schwarzen Rock. Er ging auf sie zu. »Frau Matthiesen?«
   Die Frau lächelte und streckte ihm die Hand entgegen. Ihr Händedruck war kräftig. Ihre dünnen blonden Haare fielen ihr vom Mittelscheitel auf beiden Seiten über die Ohren. Kleine Fältchen zogen sich um ihre wachen, braunen Augen. Sie war etwa in seinem Alter. »Schön Sie zu treffen, Herr Eggert«, sagte sie mit tiefer Stimme. »Wenn an Ihrer Geschichte nur halbwegs etwas dran ist, haben Sie meine Woche gerettet.«
   Lenny verzog den Mund.
   »Ich wünschte, an dieser Geschichte wäre nichts dran. Aber leider sieht es nicht so aus.« Gemeinsam gingen sie zum Pförtner, der misstrauisch aufblickte. »Wir sind mit Herrn Münzer verabredet«, sagte Lenny. Der Mann holte zwei Besucherausweise aus einem Ablagefach und seufzte.
   »Ich muss wohl mal ein ernstes Wort mit Herrn Münzer sprechen. So geht es nicht weiter.« Er reichte ihm und Bettina die Ausweise. »Münzer kann doch nicht jeden Tag Besuch empfangen. Das stört den Ablauf in dieser Einrichtung.«
   Lenny beugte sich zu ihm vor. »Wir wollen ihn überraschen. Herr Münzer hat bald Geburtstag«, flüsterte er.
   Als sich die Fahrstuhltür hinter ihnen schloss, grinste die Reporterin. »Sie sind ja richtig schlagfertig.«
   »Aber meistens nur, wenn ich nach Hause geh«, gab er zurück und schmunzelte.

Diesmal wartete Lenny nicht darauf, dass Joachim die Tür öffnete. Unmittelbar, nachdem er angeklopft hatte, traten sie ein. Joachim saß an seinem Schreibtisch und erhob sich schwerfällig.
   »Kommt rein«, sagte er, obwohl sie bereits mitten in seinem Labor standen. Nachdem Lenny die beiden miteinander bekannt gemacht hatte, gingen sie zu den Käfigen.
   »Die Tiere haben sich seit gestern Nachmittag nur wenig bewegt«, erklärte Joachim. »Aber immerhin scheint es ihnen heute Morgen schon etwas besser zu gehen.« Er zeigte auf einen Käfig, in dem zwei Kaninchen an den Gitterstäben entlangstaksten.
   »Die sehen schläfrig aus«, stellte Lenny fest.
   »Wie hypnotisiert«, pflichtete Bettina bei.
   »Ja. Sie verhalten sich auffällig. Das muss aber nichts bedeuten. Tiere, die aus einer Narkose erwachen, brauchen eine Weile, um wieder zu Kräften zu kommen.«
   Bettina schaute ihn mit großen Augen an. »Sie glauben, im Wasser ist etwas, das die Tiere in Narkose versetzt hat?«
   »Zumindest kann man es damit vergleichen.« Joachim zeigte auf einen anderen Käfig, in dem Mäuse noch immer reglos nebeneinanderlagen. »Bei denen hält die Wirkung weiterhin an.«
   Bettina ging nah an den Käfig heran und steckte den Zeigefinger durch die Stäbe. »Die sind ja auch viel kleiner als Kaninchen«, stellte sie fest, während sie vorsichtig über das Fell einer Maus strich. »Deren Körper brauchen wahrscheinlich länger, um den ominösen Stoff verarbeiten zu können.«
   Joachim nickte. »Das ist korrekt. Ich schätze, heute Nachmittag werden auch die letzten Nager langsam wieder aus ihrer Starre erwachen.«
   Bettina holte einen Notizblock aus ihrer Handtasche und schrieb etwas hinein.
   »Und wenn Menschen dieses Wasser trinken?«, fragte sie und musterte Joachim.
   »Wird erst einmal nichts passieren«, antwortete er. »Obwohl ich noch immer keine Ahnung habe, was das genau für ein Stoff im Wasser ist. Aber die Verunreinigung dürfte nur schwach sein. Zu schwach jedenfalls, um bei Menschen die gleichen Reaktionen wie bei diesen Nagern auszulösen.« Bettina brummte und kräuselte die Stirn. Joachim zeigte auf zwei Ratten, die sich wie in Zeitlupe bewegten. »Sehen Sie, wenn diese armen Geschöpfe eine Dosis abbekommen hätten, die stark genug wäre, um Menschen damit umzuhauen, hätte niemand überlebt.« Bettina nickte und schrieb in ihren Block.
   »Das leuchtet ein«, sagte sie kurz. »Aber sicher können Sie sich dennoch nicht sein.« Joachim hob die Schultern.
   »Das stimmt. Ich rede hier nur von Vermutungen. Wie gesagt, wir haben noch keinerlei Erkenntnisse.« Er drehte sich um und zeigte auf den Kaffeeautomaten. »Wer will Kaffee?«
   Lenny hob ablehnend die Hände. »Mir ist eher nach einem Schnaps zumute«, sagte er schaudernd.
   Bettina holte eine digitale Spiegelreflexkamera aus ihrer Tasche und stellte sich dicht vor einen Käfig. Kurz darauf leuchtete der Blitz auf. Lenny schaute auf Joachims verzerrten Mund und berührte ihn an der Schulter.
   »Keine Sorge. Sie weiß Bescheid. Sie will bloß ein paar Aufnahmen von den Tieren machen. Man wird nichts erkennen können, was auf dieses Labor hinweist.«
   Nachdem Bettina etliche Fotos von jedem Käfig gemacht hatte, drehte sie sich um und verstaute die Kamera wieder in ihrer Tasche. »Was passiert, wenn Menschen ununterbrochen dieses Wasser trinken würden?«, fragte sie.
   »Sie meinen kontinuierlich über einen längeren Zeitraum hinweg?«
   »Ja.«
   Joachim schnaufte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber gesund kann es auf jeden Fall nicht sein.«
   Bettina strich sich mehrere Strähnen zur Seite, die ihr über die Stirn gefallen waren, und seufzte. »Das ist eine unglaubliche Geschichte«, sagte sie. »Ich denke, ich könnte auch einen Schnaps vertragen.«
   Joachim nickte und öffnete die Labortür. »Mit Schnaps kann ich nicht dienen, aber unten in der Kantine gibt es alkoholfreies Bier. Den Alkohol denken wir uns einfach dazu.«

Während Lenny und Bettina ihre Gläser mit wenigen Schlucken zur Hälfte geleert hatten, nippte Joachim lediglich an seinem Bier. Man sah ihm an, dass er nur aus Geselligkeit mittrank. Bettina kramte in ihrer Handtasche, die sie neben sich auf die Sitzbank gestellt hatte, und holte ihr Handy hervor.
   »Bitte entschuldigen Sie mich«, sagte sie und klappte das Gerät auf. »Ich will keine Zeit verlieren.« Lenny und Joachim nickten und schauten zu, wie die Reporterin eine Nummer aus dem Adressverzeichnis suchte und wählte. »Herrn Arnold Sawatzki bitte. Es ist dringend«, sagte sie kurz angebunden. Während Bettina wartete, spielte sie nervös mit einer ihrer Haarsträhnen. »Hallo Herr Sawatzki. Matthiesen hier«, meldete sie sich eine Spur freundlicher. »Ich bin einer riesengroßen Schweinerei auf der Spur.«
   Lenny nickte Joachim zu. Arnold Sawatzki war der Bürgermeister von Alsfeld. Bettina fing gleich ganz oben an, Druck zu machen. Das war hervorragend. So würde sie viel mehr bewegen können, als er mit seinen zaghaften Anrufen bei der Polizei und den Wasserwerken.
   Lenny hörte zu, wie Bettina den Bürgermeister mit der Sachlage konfrontierte. Dabei blieb ihre Stimme stets ruhig und sachlich. Er selbst wäre wahrscheinlich schon längst ausgerastet. Allerdings war er ja auch als Einziger der Anwesenden direkt betroffen. Weder Joachim noch Bettina wohnten im Neubaugebiet. Bettina verlangte von Sawatzki eine sofortige Reaktion.
   »Ich werde mich wieder bei Ihnen melden, sobald ich zurück in meinem Büro bin«, sagte sie. »Bis dahin setzen Sie bitte alle Hebel in Bewegung.« Sichtlich zufrieden klappte Bettina ihr Handy zu, warf es in die Tasche, stürzte den Rest ihres Bieres runter und stand auf. »Es geht los«, sagte sie gut gelaunt. »Ich bin gespannt, was Sawatzki unternehmen wird.« Sie holte zwei Visitenkarten aus ihrer Tasche und legte sie vor Joachim und Lenny auf den Tisch. »Wir bleiben in Kontakt.« Sie schüttelte Joachim die Hand. Als sie sich auch von Lenny verabschieden wollte, hielt er ihre Hand mit beiden Händen fest.
   »Vielen Dank«, sagte er ernst. Sie legte ihre zweite Hand auf seine und strich mit ihrem Daumen über seinen Handrücken.
   »Ich habe zu danken. Wann bekommt man bei einem Käseblatt schon mal die Chance, über so etwas Spannendes zu berichten?« Sie zog ihre Hände zurück und verließ die Kantine fast im Laufschritt. Joachim schaute ihr hinterher und nippte wieder an seinem Bier.
   »Ein scharfer Feger«, stellte er fest.
   Lenny nickte. Ja, das war sie wirklich. Und was noch viel wichtiger war: Sie schien auch eine hervorragende Reporterin zu sein. Jedenfalls machte Bettina einen absolut professionellen Eindruck. »Ich möchte wissen, warum sie nicht bei einer großen Tageszeitung arbeitet«, sagte er nachdenklich. Joachim wiegte den Kopf hin und her, antwortete aber nicht. Dann zeigte er auf Lennys leeres Glas.
   »Noch ’n Bier?«
   »Gern.«

5

Arnold Sawatzki saß kreidebleich an seinem Schreibtisch. Das hätte nicht passieren dürfen. Ausgerechnet Bettina Matthiesen. Die Redakteure des Anzeigenblattes waren allesamt Dilettanten oder Anfänger, die sich ihre ersten Sporen in dem Geschäft verdienten. Mit denen hätte er leichtes Spiel gehabt. Aber die Matthiesen war ein harter Hund. Supersexy. Absolut gewissenhaft und völlig unbestechlich. Das war fast das Schlimmste. Sie hatte seine großzügigen Spenden bereits beim letzten Bürgermeisterwahlkampf ausgeschlagen, ohne mit den Wimpern zu zucken. Dabei war er bereit gewesen, ihr einen höheren vierstelligen Betrag zu zahlen, nur damit sie positiv über ihn berichtete.
   Sawatzki griff nach einem Leitzordner, der am Rand seines Schreibtisches stand, und schleuderte ihn mit Wucht durch das Zimmer. Er knallte gegen ein Regal auf der gegenüberliegenden Seite und fiel zu Boden. Dabei öffnete sich die Halterung und unzählige Zettel wehten über den dunkelgrünen Teppich. Sawatzki knurrte. Das durfte die Azubine alles wieder in Ordnung bringen. Er fuhr sich über das Gesicht. Sie hatten versprochen, dass niemand etwas merken würde. Niemand! Und jetzt rief bereits nach dem zweiten Tag des Experiments diese verfluchte Reporterin an. Sie besaß sogar Bilder von Tieren, die das Wasser getrunken hatten. Verdammt. Das konnte doch nicht wahr sein. Sawatzki versuchte, einen langen, ruhigen Atemzug zu machen, aber er konnte einfach nicht aufhören zu japsen. Das war schon die zweite Hiobsbotschaft innerhalb weniger Stunden gewesen. Heute Morgen hatte ihn sein Schulfreund von der örtlichen Polizeiwache informiert, dass jemand aus dem Neubaugebiet die Qualität des Wassers infrage stellte.
   Ob dieser Eggert und die Matthiesen irgendwie unter einer Decke steckten? Sie hatte bei ihrem Anruf keine Namen genannt, aber er war sich sicher, dass man davon ausgehen konnte. Wahrscheinlich hatte Eggert sie überhaupt erst auf die richtige Fährte gebracht. Als Sawatzki zum Telefonhörer griff, fiel ihm auf, wie stark seine Hände zitterten. Fast wäre ihm der Hörer aus der schweißnassen Hand gerutscht. Beinahe automatisch wählten seine Finger die Nummer, die er auswendig gelernt hatte. Als es in der Leitung knackte, wusste er, dass jemand abgenommen hatte. »Ich bin es«, sagte er so ruhig wie möglich. »Es gibt Probleme.«

*

Fred Iversen war spät dran. Irgendwie kam er heute nicht recht aus dem Bett. Obwohl seine Augen weit geöffnet waren, kam es ihm noch immer so vor, als würde er schlafen. Sehr eigentümlich. Fred kniff sich mit der linken Hand in den rechten Oberarm. Der Schmerz kam prompt. Nein, er schlief eindeutig nicht mehr. Mühsam hob er die Beine aus dem Bett. Was für ein Glück, dass er sein eigener Chef war. Niemand würde meckern, wenn er zu spät zur Arbeit kommen würde. Dann öffnete sein Gebrauchtwagenhandel eben etwas später. Wem das nicht passte, hatte selbst schuld.
   Die Zeit strich wie im Eiltempo an ihm vorbei. Mit einem Mal stand er unter der Dusche und kurz darauf fand er sich schon komplett angezogen wieder. Aber alles hatte seine Ordnung. Sein Gesicht war rasiert und duftete nach dem Eau de Cologne, das Sabine stets rasend wie ein geiles Frettchen machte. Vielleicht würde sie ihm schnell noch einen blasen, bevor er das Haus verließ?
   Er fand seine Frau im Flur. Sie fegte irgendwelche Krümel zusammen. »Hallo Horny«, brummte Fred, nahm ihre Hand und führte sie zu seinem Hosenschlitz.
   Sabine lächelte breit. »Ganz fest«, stellte sie fest, während sie an seinem Reisverschluss herumnestelte.
   Fred stöhnte, schloss die Augen und drehte sich leicht zur Seite. Plötzlich stießen seine Beine gegen einen Gegenstand. Etwas kratzte in seinem Gesicht. Überrascht blinzelte er und schaute auf die Blätter des ausladenden Busches neben seinem Carport. Wieso stand er im Garten? Erschrocken taumelte er einen Schritt zurück. Die Nachbarn mussten doch nicht mitbekommen, wenn Sabine sein bestes Stück in den Mund nahm. Aber Sabine war überhaupt nicht da. Und seine Hose war zu. Dennoch erkannte er einen kleinen Fleck, unmittelbar oberhalb des Reißverschlusses. Verwirrt betrachtete Fred die angelehnte Haustür. Hatte er Sabine irgendwie verärgert? Sie konnte schon ziemlich brutal werden, wenn ihr etwas nicht passte. Hatte sie ihn kurzerhand rausgeworfen? Er zuckte mit den Achseln und schloss seinen Wagen auf. Das war jetzt egal. Die Arbeit wartete. Heute Abend würde Sabine ihm sicherlich erzählen, was vorgefallen war. Vielleicht war er wieder mal zu früh gekommen? Aber war das ein Grund für einen Rausschmiss? Und wieso fehlte ihm jegliche Erinnerung daran?
   Fred setzte sich stöhnend hinter das Lenkrad und atmete laut durch. Es ging ihm noch immer nicht besser als vorhin beim Aufstehen. Als der Schlüssel im Zündschloss steckte, wurden seine Lider schwer. Er fuhr sich über die Wangen und schloss für einen Moment die Augen.

*

Sabine stand vor dem großen Spiegel im Flur und betrachtete sich zufrieden. Das enge bauchfreie T-Shirt mit den Flügelärmeln und dem grüngelben Muster sah ungemein aufregend an ihr aus. Sie liebte es, viel Haut zu zeigen. Sie liebte den Sommer. Auch heute würde es wieder warm werden. Noch war es draußen zwar kühl, aber schon am Mittag würde die Sonne stark genug scheinen, um aus dem Haus gehen zu können. Natürlich ohne Jacke. Jeder sollte sehen, wie gut ihr Körper in Schuss war. Vielleicht würde ihr Lenny über den Weg laufen. Manchmal kam er mittags nach Hause, wenn er gerade in der Gegend etwas reparierte. Bei Lenny konnte man sich wirklich wünschen, ein Kühlschrank zu sein. Sabine schmunzelte über den Gedanken. Aber was sollte sie machen, wenn es heute nicht so warm werden würde? Das Shirt wollte sie nicht ausziehen und auch nichts drüberziehen. Das Gefühl, wenn die trockene Sommerluft an ihrer Haut spielte, war einfach wunderbar. Am liebsten würde sie den ganzen Tag lang nackt herumlaufen. Sabine schnalzte mit der Zunge und grinste wieder in den Spiegel.
   Auf einmal war ihr merkwürdig schlapp zumute. Das Gefühl kam völlig überraschend. Es war, als hätte man sie mitten in der Nacht aufgeweckt, als hätten sich alle ihre Gedanken für einen Moment komplett abgemeldet. Sie hielt die Hände flach vors Gesicht und schloss die Augen.
   Plötzlich war ihr kalt. Ihre Hände fuhren über die Haut ihrer Arme. Sie hatte eine Gänsehaut. Verwirrt schaute Sabine zur Haustür, die einen Spalt offen stand. War es deswegen im Flur so kalt? Aber so schnell konnte der Raum doch nicht auskühlen. Fred war vor nicht einmal zehn Minuten gegangen. Ihre Schritte fühlten sich schwer und ungelenk an. Als sie die Tür schließen wollte, nahm sie vor dem Eingang eine Bewegung wahr und blickte unversehens in das picklige Gesicht des Postboten. Sie fand, er sah aus wie ein zu kurz geratener Teenager, der nie aus der Pubertät gekommen war. Älter als zwanzig Jahre konnte der Bursche unmöglich sein.
   »So früh diesmal?«, fragte sie verwundert.
   »Halb zwölf, wie immer«, sagte er verlegen. Sabine registrierte seinen Blick, der langsam von ihren Armen zu ihrem Ausschnitt wanderte. Sie wusste, dass er sie anbetete. Dennoch würde er niemals in seinem Leben die geringste Chance bekommen, auch nur einmal die Haut zu berühren, nach der er sich so sehr sehnte. Dieses Gefühl der Macht war einfach zu schön.
   Sie stutzte über seine Bemerkung. Wieso halb zwölf? Es dürfte gerade einmal kurz nach halb neun sein. Sabine öffnete die Haustür bis zum Anschlag. Sollte der picklige Jüngling ruhig ihren ganzen Körper betrachten. Ihr kurzer Rock würde ihm gewiss gefallen. Heute Abend würde er sich an ihren Anblick erinnern können, wenn er in seiner schmutzigen Wohnung auf dem ausgeleierten Bett lag und selbst Hand anlegte.
   »Halb zwölf?«, fragte sie stirnrunzelnd. Das konnte nicht sein. Bestimmt wollte der Kerl sich nur interessant machen. Er versuchte ja immer, einige Worte mit ihr zu wechseln. Womöglich ging ihm dabei auch schon was ab. Sie grinste und fühlte sich im nächsten Augenblick wieder schummrig. Es war eine ganz eigenartige Empfindung, zu vergleichen vielleicht mit langen Abenden vor dem Fernseher. Man spürte die Müdigkeit, die bedächtig und unaufhaltsam in den Körper kroch, konnte sich gleichzeitig jedoch nicht aufraffen, vom Sofa aufzustehen und ins Bett zu gehen. Ähnlich ging es ihr jetzt. Die Müdigkeit schien sie nur viel schneller zu überkommen. Ihre Lider wurden schwerer und sie blinzelte. Der Jüngling tat offensichtlich so, als ob er nichts mitbekommen würde. Er hatte eben die Briefe aus seiner Umhängetasche genommen und hielt ihr den Stapel entgegen. Bestimmt wollte er wie zufällig ihre Finger berühren, wenn sie danach langte.
   Sabine konnte nicht anders und schloss für einen Augenblick die Augen. Es war befreiend. Sie genoss den Luftzug auf ihrer Haut und spürte ihre Haare, die ihr ums Gesicht wehten. Dann war die Schläfrigkeit schlagartig vorbei. Lächelnd öffnete sie die Augen. Sie brauchte eine Weile um sich zu orientieren. Sie stand nicht mehr an der Haustür, sondern befand sich mitten auf der Wiese im Vorgarten. Und sie kniete. Unter ihr bewegte sich etwas. Jemand gab ein keuchendes Geräusch von sich. Der Briefträger lag auf dem Rücken im Gras und schaute mit weit aufgerissenen Augen in ihr Gesicht. Seine Lippe war aufgeplatzt und aus seiner Nase rann ein stetiger Blutstrom. Ihre rechte Hand hielt noch immer seinen Kopf fest und hatte sich tief in seine Haare gekrallt. Ihre Kniegelenke bohrten sich in seinen Brustkorb.
   »Warum haben Sie das getan?«, fragte er. Anscheinend bekam er nur noch schlecht Luft.
   Im ersten Moment waren ihre Muskeln starr vor Schreck. Was wurde hier gespielt? Sie ließ seine Haare los und schaute auf ihre Hände, die wehtaten. Sie sah die rot gesprenkelten Punkte auf ihrem Handrücken. Ihre Fingerkuppen waren rau und aufgeschlagen, die Handflächen rosarot und klebrig. Als ob sie jemanden verprügelt hatte. Sabine kannte das von früher. In der Schule hatte sie sich oft mit einem Mädchen aus einer anderen Klasse gestritten. Aus den kleinen Streitereien wurden mit der Zeit handfeste Schlägereien. Beide wären sie deswegen beinahe von der Realschule verwiesen worden, zumal keine von ihnen die wirklich Stärkere war und der Konflikt daher kontinuierlich fortgeführt wurde. Jedenfalls trug sie damals, als sie ihrer Rivalin mit Wucht mitten ins Gesicht geboxt hatte, die gleichen Schürfwunden an den Händen davon wie jetzt.
   Der Jüngling verschluckte sich an seinem Blut und fing tatsächlich an zu weinen. Was sollte das denn? Es gab noch lange keinen Grund zu weinen, nur weil er von einer Frau ordentlich ein paar verpasst bekommen hatte. Manche Männer bezahlten sogar für so eine Behandlung.
   Sabine kicherte und spürte das Jucken in ihren Händen. Am liebsten hätte sie noch einmal zugeschlagen. Diesmal würde sie es wenigstens mitbekommen und sich daran ergötzen können. Aber was waren das nur für komische Gedanken? Im Grunde genommen war sie eine ganz Friedliche. Sabine rammte die Kniegelenke noch einmal mit Kraft in den Unterleib des Jünglings und stand auf. Er keuchte und spuckte Blut. Aus dem unterdrückten Weinen wurde ein lautes Gejammer. Das war ja geradezu peinlich. Hoffentlich bekamen die Nachbarn nichts mit. Ihr Blick streifte das Haus der Eggerts. Lenny schien nicht daheim zu sein. Wenigstens etwas. Sabine bückte sich und hob die Posttasche auf, die neben dem Männchen auf dem Rasen lag. »Ich weiß nicht, was passiert ist, aber es ist wohl besser, wenn du jetzt verschwindest«, sagte sie ruhig und hielt ihm den gelben Beutel vors Gesicht. Der Briefträger erhob sich, als hätten ihn zehn Wespen gleichzeitig in den Hintern gestochen. Er grapschte nach der Tasche und lief gebeugt und schluchzend auf den Bürgersteig.
   Was für ein elendes Häufchen. Sabine schaute ihm ein paar Sekunden nach und drehte sich um. Das Interesse an dem Kerlchen verflog von einem Augenblick zum anderen. Sie ging zurück zur Haustür, die noch immer sperrangelweit offen stand. Die Briefe lagen fein säuberlich auf der Schwelle. Also musste sie die Post entgegengenommen und abgelegt haben. Ihr wurde wieder kalt. Der Sommer schien heute eine Pause zu machen. Sie rubbelte über ihre Arme und bemerkte kurz darauf zwei breite, hellrote Streifen, die sich über ihren rechten Oberarm zogen. Wahrscheinlich von den Handflächen abgefärbt. Ob es sich um das Blut der heulenden Memme handelte? Sabine lächelte und betrat das Haus. Sie kam sich wie eine Kriegerin vor, die im Blut ihrer Opfer badete. Obwohl badete natürlich schwer übertrieben war. Sie würde die Streifen nicht wegwischen. Fred würde die Markierung bestimmt gefallen, wenn er wusste, woher sie kam.
   Im Flur drückte sie die Handflächen gegen die Schläfen. Vollkommen wach fühlte sie sich immer noch nicht. Ihr Blick fiel auf die Wanduhr neben dem Garderobenschrank. Es war tatsächlich schon kurz nach zwölf. Wo um Himmels willen war der Vormittag geblieben? Und warum fehlte ihr die Erinnerung an große Teile der letzten Stunden?
   Langsame Schritte ertönten hinter ihr. Wollte sich der Jüngling etwa rächen? War er derart lebensmüde? Sabine schloss ihre Hände zu Fäusten und wirbelte herum. Fred stand vor ihr. »Ach du bist es«, sagte sie und lächelte matt. »Schon wieder da?«
   »Sehr witzig«, brummte er. »Ich habe noch etwas vergessen, das ich unbedingt mit in die Firma nehmen muss. Einen Vertrag. Der Kunde kommt heute Vormittag.«
   »Der Vormittag ist fast vorbei«, sagte sie und zeigte zur Uhr.
   »Unmöglich«, stammelte Fred und verglich die Zeit der Wanduhr mit der seiner Armbanduhr. »Einfach unmöglich«, stellte er noch einmal fest. »Ich bin doch eben erst zum Auto gegangen.«
   »Du bist nicht weggefahren?«
   »Nein.«
   »Dann hast du über drei Stunden im Auto gesessen«, sagte Sabine schwach.
   Fred wurde bleich und patschte mit der Hand auf seine Glatze. Eine Geste, die sie absolut widerwärtig fand. Allein schon das Geräusch, wenn die schwere Hand die dünne Haut über dem Schädelknochen streifte, war höchst eklig. Es klang, als würde man einen schmierigen Apfel tätscheln. Aber sie wollte nicht zu hart sein. Dieser Vormittag schien auch für ihn schwer verdaulich gewesen zu sein. Sie legte ihm die Hände auf die Schulter.
   »Siehst du das?«, fragte sie und nickte mit ihrem Kopf Richtung Oberarm. »Meine Kriegsbemalung.«
   »Sieht irgendwie geil aus.«
   »Und du wirst es noch geiler finden, wenn ich dir erzähle, wie ich sie bekommen habe.« Sabine zog Fred durch den Flur und gab der Haustür mit dem Fuß einen Tritt.

*

Obwohl es sich nur um alkoholfreies Bier handelte, drückte ihm der Magen. »Ich glaube, Bier am Vormittag werde ich nie wieder trinken. Auch nicht die Schlabberversion«, stellte Lenny fest. Joachim lachte.
   »Du brauchst nur eine ordentliche Grundlage«, antwortete er. »Gleich geben sie das Mittagessen aus. Du bist herzlich eingeladen.«
   Lenny hatte keine Einwände. Zu Hause würde er nur nervös im Wohnzimmer herumlaufen und auf irgendwelche Telefonanrufe warten. Da konnte er ebenso gut noch etwas Zeit mit seinem Freund verbringen. Außerdem würde sich Nina melden, wenn es Neuigkeiten geben würde. Joachim kam eine Viertelstunde später mit zwei dampfenden Tellern zurück. Es gab klebrige Spaghetti mit einer lieblos zusammengehauenen Hacksoße. Nicht gerade lecker. Und als Grundlage anscheinend auch nicht zu gebrauchen. Jedenfalls stand er nach der Mahlzeit mit einem noch schlechteren Gefühl im Bauch auf. Joachim brachte ihn bis zum Auto.
   »Ich forsche weiter. Wenn es etwas Neues gibt, melde ich mich sofort.«
   »Vielen Dank. Es ist schön, wenn man sich auf jemanden so verlassen kann.«
   »Ich werde dir dafür beim nächsten Training ein paar ordentliche Bälle um die Ohren hauen«, antwortete Joachim, winkte und schlenderte zurück zum Gebäude.
   Rechts vom Laborgebäude kreuzte eine schmale Straße den Weg, der in ein kleines Gewerbegebiet führte. Lenny hatte noch nie erlebt, dass von dort ein Auto gekommen war. Heute war das anders. Ein dunkelblauer VW Passat rollte im Schritttempo heran. Am Steuer saß ein Mann mit kahl rasiertem Kopf und Sonnenbrille. Sein Beifahrer sah fast identisch aus. Glatze und Sonnenbrille stimmten überein. Nur war der Kerl nicht so stämmig wie der Fahrer. Sie trugen unbequem aussehende und steif wirkende schwarze Anzüge. Lenny hielt an und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Men in Black für Arme«, murmelte er und gab dem Passat ein Zeichen. »Du hast Vorfahrt, Idiot.« Anstatt Gas zu geben, bremste der Passat ab. Lenny schüttelte den Kopf und beschleunigte. »Dann eben nicht.« Im Rückspiegel sah er, dass der Passat in seine Richtung abbog. Der Wagen wurde schneller. Auch Lenny trat aufs Gas. Er wollte Nina nicht so lange allein lassen. Ihm war noch immer nicht klar, was er von diesem ganzen Mist halten sollte. Ein weiterer Blick in den Rückspiegel sagte ihm, dass der Passat dicht hinter ihm fuhr. Wären sie auf der Autobahn gewesen, hätte man schon von gefährlichem Drängeln sprechen können. Lenny knurrte. »Erst fährt der wie Opa Doof und jetzt kann es ihm nicht fix genug gehen.« Zum Glück kamen sie bald auf die viel befahrene Hauptstraße.
   Lenny nutzte eine kleine Lücke, um sich in den Verkehr einzufädeln. Der dunkelblaue Passat war verschwunden. Hinter ihm fuhr nun ein silbergrauer Ford. Und dahinter irgendein Transporter. Er rief sich den Anruf von Bettina mit dem Bürgermeister ins Gedächtnis. Ob sie auf diese Weise weiterkamen? Sawatzki konnte es sich eigentlich nicht leisten, untätig abzuwarten. Nicht, wenn ihm die Presse im Rücken saß. Lenny wusste nicht viel über den Bürgermeister der Stadt. Er interessierte ihn auch nicht das kleinste bisschen. Aber dass sich Sawatzki gern im Glanze der Medien sonnte, war ihm bekannt.
   Einige Minuten später setzte er den Blinker und fuhr auf die Neubausiedlung zu. Er bremste, als zwei Schulkinder mit ihren Fahrrädern die Straße überqueren wollten. Sie hatten ihre quadratischen Ranzen geschultert und traten beherzt in die Pedalen, als sie merkten, dass sein Auto anhielt.
   Er lächelte. Bald würde Justin auch mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Der Junge wünschte sich schon seit langer Zeit einen neuen Drahtesel. Sein altes Gefährt war inzwischen viel zu klein. Damit würde Emily demnächst durch die Gegend brausen können. Zu Weihnachten wollten sie ihm endlich seinen Wunsch erfüllen. Langsam fuhr er wieder an. In dieser Gegend passte man auf die jungen Verkehrsteilnehmer auf. Eigentlich ganz schön spießig. Aber für Eltern kleiner Kinder genau die richtige Umgebung. Er grinste und blickte kurz in den Rückspiegel.
   Das war doch nicht möglich. Der dunkelblaue Passat war wieder da und fuhr hinter ihm. Verfolgten ihn die Typen etwa? Lenny gab mehr Gas, als in dieser Zone eigentlich üblich und erlaubt war, und bog in die nächste Seitenstraße ab. Über diesen kleinen Umweg würde er auch nach Hause kommen. Während der Wagen über einen Straßenhügel fuhr, spähte Lenny erneut in den Rückspiegel. Der Passat war nicht zu sehen. Also verfolgten die Glatzköpfe ihn nicht. War doch alles nur ein Zufall gewesen? Als sein Haus auf der linken Seite auftauchte, schnaufte er erleichtert aus. Noch bevor er unter den Carport gefahren war, öffnete sich die Haustür und Nina rannte ihm entgegen.
   »Justin ist noch nicht von der Schule zurückgekommen«, rief sie anstelle einer Begrüßung.
   »Was?« Erschrocken schaute Lenny auf seine Armbanduhr. Eigentlich hätte ihr Sohn bereits seit über einer halben Stunde zu Hause sein müssen. Nina rieb sichtlich nervös die Handflächen aneinander.
   »Ich habe schon mit Frau Steiner gesprochen. Sie sagt, dass Justin das Gebäude zusammen mit den anderen Kindern verlassen hat. So wie immer.«
   Lenny ging einen Schritt auf seine Frau zu und nahm ihre Hände in seine. »Mach dir keine Sorgen. Bestimmt ist er noch zu einem seiner Klassenkameraden gegangen.«
   Nina legte die Stirn in Falten. »Ich weiß nicht. Ich habe ihm streng verboten, nach der Schule zu seinen Freunden zu gehen. Die meisten von ihnen wohnen doch ebenfalls hier in der Gegend, und solange wir nicht wissen, woher das mit dem Wasser kommt …« Sie schluckte und schüttelte den Kopf. »Nein. Eigentlich gehorcht Justin, wenn ich ihn eindringlich bitte.«
   Hinter ihnen ertönte ein Motorengeräusch. Der Passat war wieder da und hielt wenige Meter von ihnen entfernt, direkt vor dem Grundstück der Iversens.
   »Das gibt es doch nicht«, sagte Lenny aufgebracht. »Entschuldige mich einen Augenblick.« Er ging auf den Passat zu. Diese Typen verfolgten ihn ganz offensichtlich doch. Zeit, sie zur Rede zu stellen. Ein zweiter Wagen rollte im Schritttempo aus der Gegenrichtung heran. Lenny blickte auf und spürte, wie die Spaghetti und das Bier nervös in seinem Magen umherwirbelten. Noch ein dunkelblauer Passat. Und wieder saßen zwei Men in Black auf den Vordersitzen. Die hinteren Seitenfenster und das Heckfenster waren schwarz gefärbt. Sein Blick wanderte zum Nummernschild. Der Wagen kam aus Kiel. Er schaute auf den zweiten Passat. Ebenfalls aus Kiel. Der Wagen beschleunigte einmal kurz und scherte hinter dem stehenden Passat ein. Fast synchron wurden die vier Türen der Fahrzeuge geöffnet.
   »Herr und Frau Eggert?«, rief einer der Männer, aber es klang nicht so, als ob er daran irgendwelche Zweifel hätte. Eine dicke purpurfarbene Narbe zog sich quer über seine Wange.
   »Ja«, sagte Lenny abwartend. Er spürte Ninas Hand an seinem Rücken. Sie war ihm gefolgt.
   »Wir haben da was für Sie«, sagte er Mann seltsam emotionslos und öffnete die hintere Tür des zweiten Autos.
   »Justin«, rief Nina. Die Hände des Mannes legten sich um Justins kleine Schulter und zogen ihn auf den Bürgersteig. Lenny ballte die Fäuste. Sein Sohn sah aus, als würde er unter Schock stehen. Sein Gesicht war bleich wie Kreide und sein Kopf war leicht nach vorn gebeugt. Seine weit geöffneten Augen schienen sich das Muster des Bürgersteigs einzuprägen. Nina rannte los und streckte die Arme aus. Bevor sie ihren Sohn erreichen konnte, traten zwei der Männer zwischen sie und Justin.
   »Was soll das?«, rief sie.
   »Nicht so schnell«, knurrte einer der Männer.
   Lenny brauchte einen Moment, um sich aus seiner Starre zu lösen. Er konnte einfach nicht glauben, was sich vor seinen Augen abspielte. Wieso hatten diese widerlichen Kojoten seinen Sohn im Auto? Er ging auf den Typen zu, der ihm am Nächsten stand, und schubste ihn mit aller Kraft nach hinten. Der Mann taumelte und stieß gegen den Kotflügel des ersten Wagens. Lenny wollte einen Schritt auf ihn zu machen, als seine Arme plötzlich zurückgerissen wurden und er einen festen Griff in seinem Nacken spürte.
   »Seien Sie vernünftig, Herr Eggert«, sagte eine fast schon gelangweilt klingende Stimme. Lenny wurde herumgewirbelt. Das Gesicht des stämmigen Glatzkopfes tauchte vor ihm auf. Seine Narbe glänzte im Sonnenlicht. »Ich werde Sie jetzt loslassen. Sollten Sie Widerstand leisten, schlage ich ihnen sämtliche Zähne aus.« Er grinste, als hätte er etwas ungemein Komisches gesagt.
   Lenny hob die Arme. »Okay, okay«, sagte er leise. Gegen vier durchtrainierte und höchstwahrscheinlich bestens im Nahkampf ausgebildete Gorillas gab es sowieso nichts zu holen für ihn. Er schaute in Ninas angsterfüllte Augen, die ständig zwischen ihm und Justin hin und her blickten. »Was wollen Sie?«, fragte er.
   »Sie warnen«, sagte der Mann mit der Narbe prompt, ging auf Justin zu und strich ihm über seine strohblonden Haare. »Wissen Sie, wenn ich so einen niedlichen Jungen hätte, würde ich mich nicht in Angelegenheiten einmischen, die mich nichts angehen.« Seine Mundwinkel bogen sich nach unten. »Stellen Sie sich vor, man würde ihn einfach entführen und an einen Kinderhändlerring verkaufen. Die brauchen immer Nachschub. Oder man verkauft ihn an eine okkulte Vereinigung. Dort würde man ihm dann den Bauch aufschlitzen und ihn langsam verbluten lassen, während man um ihn herum tanzt.«
   »Hören Sie auf«, schrie Nina. Sie zitterte, und Lenny konnte sehen, dass sich ihre Augen mit Tränen gefüllt hatten.
   Das Narbengesicht hob abwehrend die Hände. »Wahrscheinlich wird ihm ja auch nichts passieren«, sagte er kumpelhaft. »Sicher werden Sie, gleich, nachdem wir weg sind, die Reporterin zurückpfeifen und die ganze Sache einfach auf sich beruhen lassen.« Er schnalzte mit den Fingern, und die Männer gaben den Weg zwischen Nina und Justin frei. Mit drei schnellen Schritten war Nina bei ihm und schloss ihn in die Arme. Die Männer setzten sich ohne Hast in ihre Autos.
   »Ich hoffe in Ihrem Interesse, dass wir uns nicht noch mal wieder sehen«, sagte das Gesichtswrack, lächelte und startete den Motor seines Passats. Die Männer schnallten sich an, und die Autos fuhren in ordnungsgemäßer Schrittgeschwindigkeit hintereinander die Straße hinunter.
   Lenny ging zu Nina und Justin, strich seiner Frau über die Wange und kniete sich nieder.
   »Hey Partner. Alles klar mit dir?« Justin nickte kurz. »Hab keine Angst. Wir sind dir nicht böse. Es war nicht deine Schuld.« Wieder nickte sein Sohn. Justin hob den Kopf und schaute ihn an.
   »Es passierte alles so schnell«, erzählte er schluchzend. »Plötzlich war das Auto neben mir und sie haben mich hineingezogen. Nicht mal meine Freunde haben was mitbekommen. Und die gingen nur wenige Schritte vor mir.«
   Lenny gab ihm einen Kuss auf die Wange und stand auf. »Das waren echte Profis«, sagte er an Nina gewandt.
   »In was sind wir da reingeraten?«, fragte sie.
   »Ich weiß es nicht.«
   Justin hob den Kopf und sah seine Mutter an. »Ich habe Hunger.«
   Nina lächelte. »Lass uns ins Haus gehen. Dort wartet eine große Portion Spaghetti auf uns.«
   Lenny schaute sie mit weit geöffneten Augen an.
   »Was ist?«, fragte Nina leise.
   »Ach nichts. Spaghetti sind ganz wunderbar.« Lenny schloss die Haustür, während Nina Justin die Schuhe auszog. Er fühlte sich wie ein siedender Kochtopf, dessen Deckel man mit Steinen beschwert hatte. Der Druck, der auf ihm lastete, wurde langsam unerträglich. Diese Männer hatten offen mit der Entführung seines Sohnes gedroht. Das war unfassbar. Plötzlich hatte er das Gefühl, als ob sein Herz einen Augenblick lang aussetzen würde. Emily war noch im Kindergarten. Sie aß dort immer zu Mittag. Was wäre, wenn diese Typen auch ihre Tochter besucht hatten? Womöglich hatten die Glatzköpfe Emily schon längst gekidnappt, vielleicht während sie draußen auf dem Spielplatz tobte?
   »Ich mache mir Sorgen um Emily«, sagte er und griff nach dem Telefon. Ninas erschrockenes Gesicht zeigte ihm, dass sie noch nicht an diese Möglichkeit gedacht hatte.
   Bereits nach dem ersten Klingeln meldete sich die Leiterin der Einrichtung, die ihr Büro an der Eingangstür hatte. Lenny versuchte nicht sonderlich aufgeregt zu klingen, als er nach seiner Tochter fragte. Die Frau beruhigte ihn und sagte, dass die Gruppe gerade vom Spielen hereingekommen sei und sich nun fertig fürs Mittagessen machte. Auf seine drängende Bitte hin, verließ sie ihr Büro und schaute nach, ob mit Emily alles in Ordnung war. Kurze Zeit später wurde der Hörer wieder aufgenommen.
   »Emily sitzt schon am Tisch und kaspert mit ihrer Freundin Rebecca herum«, sagte sie beruhigend.
   »Danke, Frau Meisner. Ich hatte auf einmal … ein ganz ungutes Gefühl.« Lenny atmete tief durch und rief durch das Haus, dass alles in Ordnung sei. Nina seufzte. Justin stellte sich breitbeinig vor ihm auf. Allmählich bekam sein Gesicht wieder Farbe.
   »Darf ich noch fernsehen, bis das Essen fertig ist?«
   Lenny nickte und reichte seinem Sohn die Fernbedienung. Normalerweise durfte Justin erst nach seinen Hausaufgaben für eine begrenzte Zeit vor der Glotze sitzen. Aber was war an diesem Tag schon normal? Er holte die Karte hervor, die Bettina ihm in der Kantine gegeben hatte, und wählte ihre Handynummer. Sie meldete sich nuschlig, und ihr Ton klang leicht gereizt.
   »Sie sind es, Herr Eggert«, sagte sie dann um Längen freundlicher. »Ich habe mit dem Bürgermeister gerechnet.«
   »Sawatzki?«
   »Ja. Unser Häuptling hat sich noch nicht bei mir gemeldet. Seine Sekretärin sagt, er sei außer Haus. Sie wolle ihm ausrichten, dass ich auf seinen Rückruf warte.«
   »Wir hatten eben eine grauenvolle Erfahrung«, sagte Lenny und erzählte in allen Einzelheiten von dem Passat, der ihn schon kurz nach dem Laborgelände verfolgt hatte, dem zweiten Wagen mit seinem Sohn und der offen ausgesprochenen Drohung gegen seine Familie.«
   Bettina stöhnte ins Telefon, als hätte man sie in den Bauch geschlagen. »Das ist Wahnsinn.«
   »Was sollen wir machen?«
   »Außer mit Sawatzki habe ich noch mit niemandem über die Geschichte gesprochen«, sagte sie langsam. »Ich wollte seine Stellungnahme abwarten, ehe ich weitere Aktionen starte.« Sie machte eine Pause.
   »Sie meinen, der Bürgermeister hat etwas mit diesen Männern in den schlecht sitzenden Anzügen zu tun?«
   »Es fällt mir schwer, an einen Zufall zu glauben«, entgegnete Bettina. »Nur Sawatzki wusste von unseren Nachforschungen.«
   »Aber das Auto hing mir unmittelbar hinter dem Labor auf der Stoßstange. Woher sollte Sawatzki gewusst haben, wo ich mich aufhielt?«
   »Vielleicht habe ich zu viel verraten«, stellte sie fest. »Ich habe Sawatzki erzählt, dass wir das Wasser an einer Menge unterschiedlicher Tiere getestet haben. Er ist nicht blöd und kann eins und eins zusammenzählen. In der ganzen Stadt gibt es nur ein einziges Labor, das mit Versuchstieren arbeitet. Sawatzki kennt die Einrichtung. Er hat das Labor immer gegen kritische Bürgervereine und liberale Politiker verteidigt.«
   Lenny setzte sich neben seinen Sohn auf das Sofa und strich dem Jungen über die Haare. »Das wäre ja ein Ding. Aber warum soll Sawatzki ein Interesse daran haben, die Geschichte mit dem verseuchten Wasser zu vertuschen?«
   »Ich weiß es nicht«, sagte Bettina. »Aber ich werde es bald herausfinden.«
   »Was haben Sie vor?«
   »Ich werde mich sofort auf den Weg ins Rathaus machen. Wollen doch mal sehen, ob Sawatzki wirklich nicht zu sprechen ist.«
   Lenny dachte an die finsteren Visagen der Männer. »Seien Sie vorsichtig. Mit den Typen ist nicht zu spaßen.«
   »Keine Angst. Sawatzki kann mir nicht das Wasser reichen. Im Grunde seines Herzens hat er Angst vor mir.« Sie lachte in den Hörer und legte auf.
   Nina rief zum Essen. Lenny schaltete den Fernseher aus und kniete sich vor seinen Sohn.
   »Nach den Spaghetti kannst du weitergucken.«
   »Hm.«
   »Wie geht es dir?«
   Justin schaute ihm in die Augen und lächelte zaghaft. »Schon wieder besser.«
   Lenny schlang die Arme um den schmalen Körper des Jungen und hob ihn in die Höhe. »Ich trage dich an den Küchentisch.« Normalerweise protestierte Justin, wenn er einfach ohne Grund hochgehoben wurde. Heute jedoch schmiegte er sich noch eine Spur fester an seinen Vater. Lenny setzte ihn auf seinen Stuhl und gab ihm einen Kuss. Wieder überkam Lenny ein Gefühl, als würden seine Eingeweide jeden Moment explodieren. Er konnte für nichts garantieren, wenn die Typen noch einmal vor seinem Grundstück auftauchen würden.

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