Die vierzehnjährige Carolyn hat strenge Eltern und kaum Freunde. Als sie durch Zufall den Literaturwissenschaftler Dr. Wagenblass kennenlernt, scheint sie einen Seelengefährten gefunden zu haben. Endlich gibt es jemanden, der ihr zuhört und mit dem sie über die Bücher sprechen kann, die sie liebt. Doch dann wird eine junge Frau vergiftet. Neben der Toten liegt eine Seite aus Alice im Wunderland – jenem Buch, das Dr. Wagenblass zum Mittelpunkt seiner Forschung gemacht hat. Ein weiterer Mord geschieht. Auch bei der zweiten Leiche entdeckt die Polizei ein Alice-Zitat. Als Carolyn eines Morgens vor der Haustür einen dritten Ausschnitt aus dem berühmten Kinderbuch findet, begreift sie viel zu spät, dass Lektüre tödlich sein kann.

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ISBN: 978-9963-52-385-6

Seiten: 299

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Gundel Limberg

Gundel Limberg schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr. Angeregt durch zahlreiche Kriminalromane, unter anderem von Sayers, Christie und Carr, waren ihre ersten Romane Krimis. Danach wechselte sie zu Science Fiction und Fantasy, um schließlich, jenseits des 40. Geburtstags, wieder zum Kriminalroman zurückzukehren. Inzwischen schreibt sie auch Thriller, die eher psychologisch angelegt sind, statt in Gewalt zu schwelgen. Die Autorin veröffentlich unter zwei Pseudonymen erfolgreich im Bereich Fantastik. Neben dem Schreiben gehört Lesen immer noch zu ihren Hauptbeschäftigungen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Er hatte genug. Sie wollte und wollte nicht sterben. Warum bloß? Er hatte genau berechnet, wie viel von der intensiv-blauen Flüssigkeit er in ihren Cocktail schütten musste. Und nun hatte er hier diese ganze Sauerei, das krampfhafte Erbrechen. Und die Zuckungen. Natürlich hatte er gewusst, dass es zu Krämpfen kommen würde, aber sie zuckte wie ein krankes Tier. Er hatte wirklich keine Lust, sich dieses abstoßende Schauspiel noch länger mit anzusehen. Das Erbrechen war schon Problem genug. Er würde sehr gründlich vorgehen müssen, damit nicht irgendwelche verwertbaren Genspuren im Haus zurückblieben. Warum waren Leute immer so egoistisch und machten anderen unnötig Mühe? Wieder krampfte sie sich zusammen und röchelte. Stammelte etwas von Arzt und Krankenhaus. Aber für sie würde es kein Krankenhaus geben. Nur den Leichenbeschauer. Wenn sie irgendwann endlich tot war. Nein, er musste irgendetwas tun! Dieses widerwärtige Lallen und der Geruch nach Alkohol und saurem Erbrechen – das hielt doch kein Mensch aus!
   Vielleicht der Schal. Ja, das war eine Möglichkeit. Er nahm ihn von der Sesselkante. Ein billiges, schrill pinkfarbenes Ding. Und das zu ihren roten Haaren. Na ja, sie war jung. Er ließ das Gewebe durch die Finger gleiten. Ja, das würde es tun. Er musste es nur um ihren Hals legen und zuziehen. Diese Sauerei hier musste ein Ende haben!



Kapitel 1
Buntstifte

Er lag neben seinem Fahrrad auf dem feuchten Asphalt.
   Das Licht der einzigen Straßenlaterne ließ das Blut auf seiner Wange glänzen. Auf den zweiten Blick bemerkte Carolyn die Steinchen, die in der Wunde klebten. Sie ging neben dem Mann in die Hocke.
   Kein Geruch nach Alkohol. Weder nach frischem noch ausgeschwitztem vom Vortag. Weswegen war er auf ebener Fahrbahn vom Rad gestürzt?
   Sie fasste in seine Manteltasche, in der Hoffnung, ein Handy zu finden. Nichts. Nur ein Schlüsselbund.
   Sie hatte kein Handy, weil ihre Eltern meinten, eine Vierzehnjährige brauche so etwas nicht.
   Carolyn sah zu den einzigen drei Häusern im Bechtwald. Alle drei lagen im Dunkeln. Sie berührte den Verletzten an der Schulter und erschrak, als er die Augen öffnete.
   Anscheinend war er in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Rund um das linke Auge war die Haut dunkel verfärbt. Kränklich rote Äderchen zeichneten sich im Weiß ab.
   »Haben Sie kein Handy?«
   Er blinzelte benommen und deutete zum Haus. »Im Schlafzimmer«, murmelte er.
   Jetzt bemerkte sie seine geschwollene Unterlippe. Sie stand auf, öffnete das Tor, schob das erstaunlich schwere Rad hindurch und lehnte es von innen gegen den schmiedeeisernen Zaun.
   Sich aufrichtend saß er sekundenlang benommen da, bevor er den Arm akzeptierte, den sie ihm bot, und sich bemühte, auf die Beine zu kommen. Er war erschreckend groß und daher so schwer, dass sie ihn nicht halten konnte. Er taumelte und fiel gegen den Zaun.
   Carolyn sah sich nach Hilfe um, aber der Bechtwald war eine kaum genutzte Straße, die talwärts bis zu einer Bahnunterführung für Fußgänger verlief und nach Einbruch der Dunkelheit eher gemieden wurde. Sie ging ungern hier entlang und hatte ihre Französisch-Nachhilfelehrerin oft dafür verwünscht, dass sie im alten Aussiedlerhof an der Autobahn wohnte, der anders nicht zu erreichen war.
   Ein zweites Mal half sie dem Verletzten auf die Füße. Er schleppte sich an ihrem Arm durch das Tor. Die Lebensbäume dufteten in der abendlichen Kühle und beschatteten den gewundenen Plattenweg stark, sodass sich Carolyn vorantasten musste. Dann passierten sie einen Bewegungsmelder, denn schlagartig blendete grelles Licht auf.
   Eine Haustür mit Glaseinsatz. Davor ein längst verschimmelter Halloweenkürbis und Reste von etwas, das sich nicht mehr identifizieren ließ.
   Während er sich schwer auf ihre Schulter stützte, suchte er in den Taschen nach dem Schlüssel.
   »Er ist rechts«, sagte Carolyn.
   Er zog den Bund heraus, stocherte nach dem Schloss und schaffte es, aufzuschließen. Dann sank er am Türrahmen abwärts und der Schüssel klapperte auf den Steinboden.
   »Wo ist Ihr Handy? Im Schlafzimmer?«
   Er antwortete nicht. Sein zerzaustes, schulterlanges Haar hing ihm ins Gesicht, sodass sie nicht sehen konnte, ob er die Augen offen hatte. Also schob sie sich an ihm vorbei. »Hallo?«
   Nichts.
   Ein dunkles Zimmer vor ihr und neben ihr eine frei schwebende Holztreppe. Carolyn kannte solche Häuser. Küche, Toilette und Wohnzimmer waren unten, die Schlafzimmer oben.
   Sie fand den Lichtschalter und ging die Treppe hinauf, die bei jedem Schritt bebte und dunkle Töne hervorbrachte wie ein Xylofon. Überall auf Hüfthöhe war die Tapete farbenfroh mit winzigen Bildern bemalt.
   »Hallo«, rief Carolyn erneut.
   Niemand antwortete.
   Oben drückte sie den nächsten Lichtschalter. Das Zimmer neben der Treppe war vollkommen leer. Daneben lag das Schlafzimmer.
   Das Bettzeug wirkte schmuddlig. Darauf standen drei große Holzkästen mit Buntstiften, Faber Castell, wie sie mit stillem Neid erkannte. Es gab alle denkbaren Schattierungen, vom zartesten Gelb bis hin zu sechs Grauabstufungen. Als Carolyn sich umsah, entdeckte sie überall Dosenspitzer, als wäre das Zimmer ein überdimensioniertes Suchspiel. Rote, grüne, gelbe, rosafarbene, türkisblaue … einer lag am Boden, einer neben dem zerknautschten Kopfkissen. Einer stand auf der Schrankkante.
   Ein Handy entdeckte sie nicht.
   Sie ging zum Nachttisch, obwohl es ihr widerstrebte, in den Sachen fremder Leute herumzukramen. Obenauf lag »Der kleine Hobbit« aufgeschlagen bei Seite neununddreißig. An der Tapete leuchtete in starken Orangetönen ein Drache, unverkennbar Smaug, der auf den Schätzen der Zwerge lag. Daneben ein Berg und winzige Gestalten auf Pferden, alles ein wenig unscharf durch die Unebenheit der Raufaser.
   Fasziniert verfolgte Carolyn die Zeichnungen bis zur Seitenwand des Wandschranks. Dort saßen in hohen Bäumen haarige Spinnen.
   Sie lächelte. Zögernd kehrte sie zur Nachttischschublade zurück, zog sie auf und betrachtete das Sammelsurium aus Tablettenschachteln, Nasenspray, Taschentüchern und anderem Kram. Antidepressiva, Neuroleptika, Schlafmittel.
   Gute Gründe, vom Rad zu fallen.
   Allerdings hatte er sich das blaue Auge bestimmt nicht bei einem Sturz zugezogen.
   Komisch, das Ganze.
   Und nirgendwo ein Handy.
   Dann hörte sie die Xylofontöne der Treppe.
   Er kam nach oben.
   Schnell verließ sie das Schlafzimmer. »Ich kann kein Handy finden. Sind Sie sicher, dass Sie es nicht woanders hingelegt haben?«
   Er war noch größer, als sie gedacht hatte. Mit dem langen dunklen Mantel, den herabhängenden Haaren und der Schürfwunde sah er alles andere als vertrauenerweckend aus.
   »Wozu brauchst du eigentlich eins?« Seine Stimme wirkte unsicher und verwaschen.
   »Um einen Krankenwagen zu rufen.«
   Er blinzelte, als müsste er seine Gedanken klar bekommen. »Krankenwagen? Ich brauche keinen Krankenwagen.«
   »Sie sind nicht in einer Verfassung, in der Sie das beurteilen könnten.«
   Er lächelte schwach. »Und du kannst das?«
   »Mein Vater ist Arzt.«
   Er stützte sich am Türrahmen ab und musterte sie von oben bis unten. »Ärzte sind Vampire. Oder vielmehr schlimmer als Vampire. Sie saugen dir die Seele aus den Gedärmen. Ich mag sie nicht.«
   »Aus den Gedärmen?«, fragte Carolyn, trotz einer gewissen Vorsicht amüsiert. »Sie nehmen wohl all das Zeug aus Ihrer Nachttischschublade.«
   »Natürlich. Jedenfalls, wenn ich es nicht vergesse. Und gerade jetzt wäre mir eher nach einer Flasche Bacardi. Ob ich wohl eine habe?«
   »Sie sollten lieber die Steinchen aus Ihrer Wunde entfernen lassen.«
   »Arzttochter, oje.«
   »Haben Sie eine Hausapotheke?«
   »Oh, bitte, wenn du die Samariterin spielen musst. Ich habe eine im Bad. Jedenfalls war sie mal da.«
   Sie fand das Bad und das Schränkchen mit dem roten Kreuz auf geripptem Glas. In den Fächern stapelten sich Tablettenschachteln. Eine schockierende Ausstattung. Mit einem Zehntel davon hätte man Selbstmord begehen können. Ein Fieberthermometer, ein Zahnarztspiegel und eine Packung Pflaster. Keine Kompressen, nichts, um eine Wunde zu säubern.
   Sie nahm die Pflaster und drehte sich zu ihm um.
   Er lehnte im Türrahmen und schien im Stehen einnicken zu wollen.
   »Haben Sie wirklich eine Flasche Bacardi? Damit könnten wir die Schürfwunde reinigen.«
   »Wir könnten ihn auch trinken.«
   »Keine gute Idee bei dem, was Sie wahrscheinlich schon an Medikamenten intus haben. Wo könnte die Flasche sein?«
   »Hm. In der Küche?«
   Er tappte hinter ihr her nach unten.
   Nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte, stand sie mehrere Sekunden lang da und starrte ungläubig auf das Labyrinth aus gebrauchtem Geschirr, den Haufen ungewaschener Wäsche und den leeren Pizzakartons. Sie bahnte sich einen Weg zum Kühlschrank, öffnete ihn, riss die Augen auf und schlug die Tür zu.
   »Sorry.« Er betrachtete das Chaos, als sähe er es zum ersten Mal.
   Das Wohnzimmer wirkte weit weniger schlimm. Fast, als hätte er sich alle Mühe gegeben, es in einem Zustand zu erhalten, der es ermöglichte, jemanden hereinzulassen.
   Die Hausbar war gut ausgestattet und anscheinend kaum benutzt. Verschiedene Pegel in den Flaschen sprachen nicht für jemanden, der hier oft Trost suchte. Die Flasche Bacardi war noch original verschlossen. Saubere Gläser standen in einem eigenen Fach.
   Carolyn ging eine Küchenrolle suchen. Sie fand sie in einer Edelstahlhalterung über der Spüle, warf die ersten beiden Stücke weg, nahm die restliche Rolle heraus und kehrte damit ins Wohnzimmer zurück.
   Er stand vor der Hausbar, hatte sich ein Glas vollgeschenkt und trank bedächtig, nicht wie jemand, der es oft tut.
   »Mit wem haben Sie sich eigentlich geprügelt?«
   »Ich habe mich nicht geprügelt.«
   »Nun, wer hat dann also Sie verprügelt?«
   »Niemand. Ich bin vom Rad gefallen. In der gottverdammten Unterführung. Die Lampe dort ist kaputt.«
   »Ihr Rad hat das aber erstaunlich gut überstanden.«
   Er sah sie an. Er hatte graue Augen. Intelligente Augen. »Du bist also in der Pubertät. Eine ganz schlimme Zeit. Man wird leicht altklug. Und dabei macht man oft dumme Fehler.«
   »Das würde ich vorsichtshalber nicht bestreiten.«
   »Wenn ich dir einen Rat geben darf: Zeig nie, dass du nicht auf den Kopf gefallen bist.«
   »Meine Eltern haben da eher entgegengesetzte Erwartungen.«
   »Kann ich mir vorstellen. Dein Vater ist also Arzt. Und die Frau Mama?«
   »Sie bildet Krankenschwestern aus.«
   »Aha. Und du? Du besuchst das Gymnasium, nehme ich an?«
   Carolyn nickte.
   »Hast wohl Französisch-Nachhilfe bei der alten Hexe Chevillard?«
   »Ja. Sie kennen sie?«
   »Leider. Samt ihren räudigen Kötern.« Er sah in den offenen Barschrank. »Kann ich dir etwas anbieten? Etwas Leichtes? Einen Cherry-Brandy?«
   »Danke. Ich trinke keinen Alkohol. Niemals.«
   Er schien den Nachdruck hinter ihren Worten zu überdenken. »Ah, weshalb nicht?«
   »Alkohol macht aus Menschen … Karikaturen. Karika-turen, die nicht lustig sind.«
   Zum ersten Mal lächelte er. »Der Herr Papa hat von Berufs wegen sicher sehr viel Druck zu verarbeiten.«
   »Weshalb erwähnen Sie das in diesem Zusammen-hang?«, fragte sie abwehrend.
   »Analyse.« Er trank das Glas leer. »Mein Beruf. Oder war es mal. Du solltest jetzt heimgehen. Deine Eltern wissen sicher, wann du bei Frau Chevillard fertig bist.«
   »Wenn Sie meinen, dass Sie allein zurechtkommen …«
   Sicher schien das nicht. Er wirkte klarer und weniger in Gefahr umzusinken, aber im Licht der Wohnzimmerlampe sah man viel deutlicher, dass er in eine Auseinandersetzung verwickelt gewesen sein musste. Sein dunkelblaues Hemd hatte Knöpfe eingebüßt. Seitlich am Hals zeichneten sich Finger ab, als wäre er gewürgt worden. Seine Kleider waren zu verdreckt für einen einfachen Sturz. Eher sahen sie aus, als hätte er sich recht gründlich auf einem feuchten, schlammigen Untergrund gewälzt.
   »Werde bloß kein Engel der Armen und Beschützer der Bedürftigen. Ich kann die Wunde selbst desinfizieren, von innen wie von außen.«
   »Na, schön. Dann möchte ich Sie nicht länger stören.« Der fehlende Dank kränkte sie. Dabei war das genau der Satz, den ihr Vater wie ein Mantra zu wiederholen pflegte, wenn er nach Hause kam: »Erwarte niemals Dank für deine Bemühungen!«
   Ein Satz, den sie hasste.
   Sie war überrascht, als er sie an der Wohnzimmertür einholte. So dicht neben ihr wirkte er geradezu unanständig groß.
   »Tut mir übrigens leid. Kann ich dir als kleine Anerkennung für deine Mühen ein Buch mitgeben?« Er roch nach Dreck und Blut und nach dem Bacardi, den er getrunken hatte.
   Sie wollte ablehnen, aber er hatte sie am Arm gepackt und zog sie mit sich, die Treppe abwärts und in den Keller. Ein Lichtschalter klickte. »Hier: irgendeins.«
   Carolyn war mit Büchern vertraut. Allein über medizinische Themen besaß ihr Vater mehr als vierhundert Bände und daneben sicher das Dreifache an Belletristik. Aber das hier war etwas ganz anderes. Ein Irrgarten aus Stahlregalen bis oben hin vollgepackt. Bis an die Decke. Fasziniert betrat sie dieses Labyrinth.
   Er folgte ihr und zog im Vorübergehen Bücher zwischen anderen heraus und schob sie ebenso schnell zurück. »Bram Stokers Dracula. Nein? Wie wäre es mit Poe? Nicht gut? Nun, vielleicht White – T.H. White, ein Autor mit Humor, der sich zu Tode trank – ach ja, du magst keinen Alkohol. Suchen wir uns einen nüchternen Schriftsteller. Walser. Nun, vielleicht zu nüchtern.« Er schob sie vorwärts. »Mark Twain. Jack London – sehr instruktiv, was die Natur des Menschen angeht.« Er wies auf die Regale zur Rechten. »Oder Kriminalromane. Christie, Sayers, Francis. Vielleicht lieber die raffinierten: Ruth Rendell, Highsmith? Die Klassiker?« Er zeigte zur anderen Seite. »Oder Liebe? Nabokov. Shakespeare … Du siehst, es ist alles ungeordnet. Ich gruppiere es ständig nach meinen Bedürfnissen um. Was also darf es sein? Brauchst du mehr Zeit? Ich weiß nicht, wie viel Zeit du hast.« Seine Stimme klang fiebrig.
   Eingeschüchtert zog Carolyn das nächstbeste Buch heraus.
   Er beugte sich über sie. »Die Gehilfin des Bienenzüchters. Du hast einen bemerkenswerten Griff getan. Das Buch hat eine Protagonistin in deinem Alter.«
   »Worum geht es?«
   »Ein junges Mädchen trifft Sherlock Holmes, der sich längst zurückgezogen hat, um Bienen zu züchten. Und natürlich …«
   »… passiert ein Mord?«
   Er nickte. »Ich bin gespannt, wie es dir gefällt.«
   »Danke.« Carolyn beeilte sich, aus der Kellerbibliothek nach oben zu kommen. Sie hatte keine Angst vor diesem Mann, aber er war … bizarr. Außerdem ging man nicht mit Fremden in den Keller, ohne dass jemand wusste, wo man war.
   Die Einsicht kam spät.
   Er machte jedoch keine Anstalten, sie aufzuhalten, ging mit ihr nach oben, bedankte sich nochmals, stand in der offenen Tür und sah ihr nach.

»Wo warst du?«
   Carolyn sah ihren Vater an. »Bei Frau Chevillard. Danach habe ich einem Mann geholfen, der vor seinem Haus gestürzt war. Er hat sich die Wange und die Hände aufgeschürft. Und die Stirn aufgeschlagen. Da er vom Sturz benommen war, musste ich ihn bis zur Haustür bringen und wollte den Krankenwagen holen.«
   »Aber das wollen sie ja meist nicht.« Ihr Vater setzte zu einer heftigen Klage über die Unvernunft der Menschen an. Er saß mit einer Flasche Rotwein vor dem Fernseher, ohne den zuckenden Bildern mehr als einen flüchtigen Blick zu gönnen. Stattdessen erzählte er von einem seiner Patienten, der nicht verstehen wollte, dass man nach einer OP nicht rauchen durfte. Dass es dadurch Narben gab, die dann dem unglückseligen Chirurgen angelastet wurden, nur, weil manche Leute ihre Süchte nicht im Griff hatten. Carolyn hätte gern gegessen, aber sie wusste, dass er wütend werden würde, wenn sie ging, bevor er fertig war. Also hörte sie die Geschichte zu Ende an, ehe sie eine Portion Wokgemüse in die Mikrowelle schob.
   Wie immer aß sie im Stehen, wusch ihr Geschirr von Hand ab und ging nach oben in ihr Zimmer.
   Sie hatte keinen eigenen Fernseher, weil ihre Eltern das für pädagogisch wenig wünschenswert hielten. Genauso wie Kontakte über Facebook und ähnliche Geschmacklosigkeiten. Deswegen hatte ihr PC keinen Internetanschluss. Carolyn hatte sich allerdings inzwischen mit einem Prepaidstick ausgestattet, der es ihr erlaubte, unbemerkt mithilfe ihres Taschengeldes zu surfen.
   Die Verbindung war nicht besonders zuverlässig, aber diesmal kam sie schon nach drei Minuten auf Facebook. Hauptsächlich deswegen hatte sie sich den Internetzugang besorgt: Wer nicht auf Facebook war und zeitnah auf Posts reagieren konnte, hatte in der Klasse einen schweren Stand.
   Sie fand unter den neusten Nachrichten Geburtstags-grüße für ihre Klassenkameradin Angelina und beeilte sich, ihr ebenfalls Glückwünsche zu schicken.
   Dann las sie Leos Eintrag: Er war schon wieder da! Mann, ich ekle mich so! Die sollen endlich was tun!
   Schnell tippte Carolyn: Wo? Wieder am Weg zum Friedhof?
   Die Antwort kam sofort. Ja. Als der da rumgemacht hat, bin ich gerannt.
   Du wolltest doch nicht allein gehen.
   Leo: Ich dachte, der ist weg, drei Tage war der nicht da und jetzt will ich da nicht mehr langgehen.
   Carolyn empfahl ihr, am kommenden Mittwoch mit Beatrice heimzulaufen und wechselte zu Bubble shooter.
   Sie erreichte jedoch nicht ihren üblichen Highscore. Der Weg am Friedhof entlang war schon immer unangenehm gewesen und jetzt trieb sich dieser Mann da herum. Seit zwei Monaten versuchte die Polizei, ihn zu stellen. Doch alles, worauf sie sich stützen konnten, war ein unscharfes, verwackeltes Handyfoto, das eine geistesgegenwärtige Friedhofsbesucherin gemacht hatte. Inzwischen hing es überall aus, zusammen mit einem Fahndungsaufruf. Carolyns Vater hatte es in der Zeitung betrachtet und gesagt: »Eine Frechheit, so etwas zu veröffentlichen. Aber da sieht man mal wieder, was von unseren sogenannten Sicherheitskräften zu erwarten ist: Untätigkeit, Desinteresse und umfassende Inkompetenz.«
   Carolyn hatte ihn gefragt, ob es unter diesen Umständen nicht gefährlich sei, zur Nachhilfe zu gehen, durch die Unterführung und an den Feldern entlang …
   Ihr Vater hatte die Lesebrille nach unten geschoben und sie über die Gläser hinweg angesehen. »Die junge Dame meint also, sie habe endlich einen Grund gefunden, die verhasste Französisch-Nachhilfe loszuwerden? Non, Mademoiselle! Du bringst deine Note in Französisch auf Drei und dann kannst du die Chevillard schassen, aber keine Sekunde früher.«
   »Und der Exhibitionist?«
   »Ein harmloser Spinner. Zeigt sein bestes Teil und fertig. So jemanden ernst zu nehmen, bringt ihm erst das Vergnügen, das er sucht. Ignorieren oder lachen, und schon fällt er in sich zusammen. Das ist alles. Ich erwarte von dir ein bisschen Mumm! Außerdem ist meine Tochter nicht angemalt und aufgetakelt wie manche anderen und erregt daher auch nicht das Interesse solcher Männer. Wenn du weitere Ausreden suchst, um nicht zu Frau Chevillard gehen zu müssen, bekommen wir Ärger miteinander. Ein weiteres Zeugnis mit einer Vier werde ich nicht akzeptieren.«
   Carolyn war nichts anderes übrig geblieben, als zu nicken.
   Angenehmer war ihr der Weg seitdem nicht geworden. Fahrrad fahren durfte sie nicht, das fand ihre Mutter zu gefährlich.
   Carolyn verschoss drei Bälle hintereinander und loggte sich entnervt aus. Sie legte sich aufs Bett und nahm das Buch, das ihr der Mann aus dem Bechtwald gegeben hatte.
   Die Gehilfin des Bienenzüchters.
   Gegen zwei Uhr nachts löschte sie das Licht.

*

Am Freitagnachmittag lief Carolyn bis zum Bechtwald und blieb einige Minuten verunsichert vor dem Tor stehen. Als sich die Küchengardine bewegte, ging sie zur Haustür und klingelte.
   Er öffnete sofort. Sein blaues Auge war ein wenig abgeblasst. Er hatte sich rasiert. In grauer Flanellhose und laubgrünem Hemd sah er … intellektueller aus.
   Sie hielt ihm das Buch entgegen. »Ich wollte es Ihnen zurückbringen. Haben Sie auch den zweiten Band?«
   Er grinste. »Angefixt, was? Ja, da möchte man schon wissen, wie es weitergeht. Komm herein!«
   Diesmal fiel ihr der Geruch nach Müll auf. Im Wohnzimmer stand die Terrassentür offen und machte das Atmen angenehmer.
   »Ich räume gerade auf. Ich war krank und da habe ich alles ein bisschen vernachlässigt.«
   Carolyn nickte und betrachtete den Garten. Eine Wildnis mit Teich. »Waren Sie lange krank?«
   »Hm, ja, einige Monate.«
   Sie drehte sich zu ihm um. »Depressionen?«
   Er lachte. »Die Arzttochter. Ja, Depressionen unter anderem. Ein ziemlicher Dämon.«
   »Waren Sie in der Klinik?«
   »Nett, dass du es so diskret bezeichnest. Eine Psychia-trie. Eine Hölle in Weiß mit Linoleumboden und unbegrenztem Zugang zu Drogen.«
   »Sie haben zu viel davon im Haus.«
   Er zuckte die Achseln. »Mag sein. Man sammelt halt so einiges an. Was macht deine Nachhilfe?«
   Sie akzeptierte den Themenwechsel, weil es ihr im Nachhinein ungezogen vorkam, ihn direkt auf eine psychische Erkrankung angesprochen zu haben. »Frau Chevillard gibt sich viel Mühe mit mir.«
   »Du magst sie nicht.«
   »Natürlich nicht.«
   »Hilft es denn was?«
   Carolyn schüttelte den Kopf.
   Er ging mit ihr in den Garten hinaus und zeigte ihr seine Goldfische, die unter einem Netz ihre Kreise zogen. »Sonst fängt der Reiher sie nach und nach weg.«
   Nachdem sie ein paar Futtertabletten aufs Wasser gestreut hatten, gingen sie in den Keller.
   Er stellte den ersten Band an seinen Platz und gab ihr den zweiten. »Ich sehe dich also voraussichtlich am Sonntag. Jedenfalls, falls dich nichts vom Lesen abhält. Wenn es dir nichts ausmacht, bitte nicht vor halb zwei. Die Tabletten sorgen dafür, dass ich lange schlafe und dann komme ich nur langsam in die Gänge.«
   »Ich muss ohnehin zum Mittagessen zu Hause zu sein. Wir essen gegen eins. Deswegen kann ich nicht vor halb drei hier sein. Wäre das in Ordnung?«
   »Ich freue mich jederzeit über deinen Besuch«, erwiderte er förmlich und brachte sie zur Tür.

*

Am Abend fragte sie Leo via Facebook, ob sie etwas Neues von dem Exhibitionisten gehört hätte.
   Statt Leo antwortete Nico, ein Schüler aus der zwölften Klasse. Über den macht euch keine Sorgen mehr.
   Carolyn: Wieso nicht?
   Nico: Lol Den haben wir mal richtig geklatscht. Ist nur abgehauen, das feige Schwein.
   Carolyn: Verprügelt?
   Nico: Hätten den totgekloppt, wär der nicht über Gleise. Dann kam der Zug und wir konnten nicht hinterher. Und dann war er weg. Aber ich wette, der hat seine Lektion gelernt!
   Carolyn: Wann war das?
   Nico: Nachdem Leo ihn gesehen hatte. Sie hatte Steffen eine sms geschickt und wir haben uns den gekauft. War ganz easy. Der hängt seine Klunker nirgendwo mehr raus!
   Carolyn: Wie sah er aus?
   Nico: Mädchen! Wollen immer wissen, wie einer aussieht. Wie halt so einer aussieht. Langer schwarzer Mantel, Dreitagebart irgend so was.
   Carolyn: Habt ihr das der Polizei gesagt?
   Nico: Wüsste nicht wieso – die haben ihn ja rummachen lassen. Wetten, die würden uns noch was anhängen. So ein Wichser darf alles. Der kommt dann mit seiner Kindheit und sie lassen ihn laufen.
   Carolyn: Na, wir werden sehen, ob er wieder auftaucht.
   Nico: Der nicht!
   Carolyn starrte auf den Bildschirm. Bunte Werbung rechts, kleine Profilfotos links. In der Mitte Text, den sie nicht aufnahm.
   Nico hatte mit seinen Freunden den Exhibitionisten abgefangen und verprügelt. Am selben Abend hatte sie ihren neuen Bekannten aufgelesen, der nicht zugeben wollte, dass man ihn verprügelt hatte. Der aber ganz sicher nicht mit dem Rad gestürzt war.
   Den man vor Kurzem aus der Psychiatrie entlassen hatte.
   Carolyn wechselte zu Google Maps und zoomte sich den Ausschnitt rund um die Unterführung heran. Grob betrachtet konnte man vom Friedhof quer über die Bahngleise, die angrenzende Wiese und zu den Feldern, wo Frau Chevillard wohnte, eine gerade Linie ziehen.
   Angenommen, er war wirklich dort, wo Leo ihn gesehen hatte, verprügelt worden, hatte fliehen können und ein durchfahrender Zug hatte die Angreifer aufgehalten … Mit seinen Verletzungen hatte er es nicht mehr ins Haus geschafft und war kurz vor der Gartenpforte zusammengebrochen.
   Das passte allzu gut. Nur hatte Nico nichts von einem Rad gesagt.
   Carolyn machte den PC aus und nahm das Buch, das er ihr gegeben hatte.
   Auf dem ersten Innenblatt klebte ein Exlibris, ein blumenförmiger grüner Aufkleber mit der Aufschrift: Dr. Oliver Wagenblass.
   Das stand ebenfalls an der Klingel von Nummer drei: Wagenblass.
   Er hatte einen Doktortitel. Konnte sich ein Mann, der promoviert hatte, in der Nähe eines Friedhofs verstecken, um, wie Nico es ausgedrückt hatte, seine Klunker raushängen zu lassen?
   Andererseits hatte er selbst zugegeben, in der Psychiatrie gewesen zu sein.
   Carolyn stopfte sich das Kissen in den Rücken und begann zu lesen. Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln waren der Realität in einer Hinsicht klar überlegen: Sie blieben zwischen diesen Buchdeckeln, und wenn man genug von ihnen hatte, konnte man sie zuschlagen.

Kapitel 2
Mord

Am Sonntag überlegte Carolyn lange, ob sie die Verabredung einhalten sollte. Zu guter Letzt siegte ihre strenge Erziehung. Man lieh sich nicht etwas und gab es dann nicht zurück.
   »Wohin willst du an einem Sonntagmittag?«, fragte ihre Mutter, während die Augen über den Text einer E-Mail wanderten.
   »Ich gehe zu Dr. Wagenblass. Neulich habe ich ihm geholfen, als er vor seiner Tür gestürzt war und er hat mir ein Buch geliehen. Das bringe ich ihm wieder.«
   »Ach, der alte Mann.« Vater lag auf der Couch und sah sich zu einer guten Flasche Rotwein vom Kaiserstuhl Tennis an. »Ist bestimmt schon ein wenig tüttelig.«
   »Nun, das nicht.«
   Ihre Mutter tippte die Antwort auf die E-Mail und reagierte mit einem mechanischen »Bis später, Schatz«, als Carolyn den Flurschrank öffnete, um den Mantel vom Bügel zu nehmen.
   Immerhin würden sie sich vielleicht an den Namen erinnern, falls ihr etwas zustieß und sie nicht nach Hause kam.
   Vielleicht. Eigentlich hörte keiner von beiden zu.

An diesem Tag roch das Haus nur noch wenig muffig. Der kräftige Duft von frisch gebrühtem Kaffee überlagerte jeden anderen Geruch fast völlig. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand Kuchen zwischen aufeinandergestapeltem Kaffeegeschirr, daneben eine Tüte Vollmilch, eine Packung Zucker und ein offensichtlich neuer Karton mit sechs Kaffeelöffeln.
   »Setz dich doch«, sagte Dr. Wagenblass. »Ich habe Kaffee gemacht und Kuchen geholt. Mohnstreusel und Kirschstreusel. Einen davon magst du bestimmt.«
   »Ich wollte nur das Buch zurückbringen.«
   »Du willst mich doch nicht allein sitzen lassen«, sagte er mit einem Augenzwinkern, das eher nervös als fröhlich wirkte. »Ich möchte außerdem hören, wie es dir gefallen hat.«
   Carolyn setzte sich. »Ich weiß nicht.«
   Er schenkte ihr Kaffee ein und schraubte die Milch-packung für sie auf. »Aha, du weißt nicht. Das drückt Unzufriedenheit aus. Was hat dir missfallen?«
   »Sie ist letztlich so unemanzipiert. Anfangs ist sie abenteuerlustig und mutig und am Ende, na ja, wird sie ganz brav seine Frau.«
   Er nickte. »Das ist mir auch aufgefallen. Was sagst du zum Aufbau?«
   »Meinen Sie, ob der Krimi schlüssig ist? Hm, ich fand es im zweiten Teil zu melodramatisch. Ich meine: Verschwörungen, Mordkomplotte, das ist doch albern. In Wirklichkeit passiert so was nicht, jedenfalls nicht so. Irgendwie nehme ich es der Autorin nicht ab.«
   Er lachte und bugsierte ungefragt ein Stück Mohnkuchen auf einen Teller, stellte ihn vor ihr ab, packte die Löffel aus und legte einen davon auf ihren Unterteller. »Es fehlt dir noch an Fachtermini, aber ansonsten ist die Analyse rund. Ja, der zweite Band enttäuscht ein wenig.«
   Carolyn hatte eigentlich sofort wieder gehen wollen, jetzt fand sie Gefallen am Mohnkuchen und daran, jemandem ihre Gedanken mitzuteilen. »Es war so spannend. Und dann ist man frustriert, weil das Ende nicht passt.«
   »Ein klassischer, handwerklicher Fehler. Gerade das Ende muss befriedigen.« Er zählte ein Dutzend Romane auf, die denselben Makel aufzuweisen hatten.
   »Sie lieben Bücher.«
   »Ja. Aber nicht per se. Gute Bücher. Und ich möchte verstehen, was ein Buch zu einem guten Buch macht.«
   »Um selbst eins zu schreiben?«
   Er schien verblüfft. »Nein. Keineswegs. Der Lohn der Erkenntnis liegt in ihr selbst. Etwas verstehen. Durchdringen. Es in seinen Teilen und als Ganzes begreifen und diese Teile zueinander in Beziehung setzen.«
   »Also wie Sherlock Holmes?«
   Erneut wirkte er überrascht. »Ja, letztlich schon. Ein Detektiv der Literatur. Jedes Wort, jeden Satz, jedes Komma in seiner Funktion an jeder beliebigen Stelle zu verstehen, das Werk auf dem Hintergrund der Biografie des Autors einordnen zu können, es im Kontext anderer Werke anderer Autoren derselben Zeit und anderer Zeiten zu betrachten … das ist Literaturwissenschaft.«
   »Das ist Ihr Beruf?«
   Er nickte und wirkte beinahe unheimlich. Entrückt. Wie ein mittelalterlicher Fanatiker.
   »Mit Leuten haben Sie wenig zu tun, nicht wahr?«
   »Doch, doch. Ich habe meine Studenten. Hunderte letztlich. Sprechstunden. Man nimmt Prüfungen ab.« Er sank ein wenig in sich zusammen. »Natürlich nicht in den vergangenen Monaten.«
   »Und jetzt? Sind Sie wieder gesund?«
   Er machte eine unschlüssige Handbewegung. »Viel-leicht. Ich habe eine Studentin zur Prüfung angenommen. Ein Master. Ich konnte sie nicht zurückweisen. Sie schreibt über Lewis Carroll. Eigentlich weiß ich nicht, ob ich dem gewachsen bin. Sie hatte meine Vorlesung über Carroll gehört und war so enthusiastisch, wollte schon damals ihren Abschluss über Alice hinter den Spiegeln machen.« Er sah ins Leere. »Ich musste sie annehmen.« Wie jemand, der unvermittelt zu sich kommt, sah er sie an, schob ihr ein Stück Kirschstreusel auf den Teller und überhörte ihren Protest. Stattdessen schenkte er Kaffee nach. »Erzähl mir von dir! Rettest du öfter irgendwelche Leute oder hast du noch andere Hobbys?«
   Carolyn fühlte sich ertappt. »Ich lese.«
   Jetzt grinste er. »Das habe ich bemerkt. Und wenn wir Kaffee getrunken haben, suchen wir dir eine neue Lektüre. Eine, deren Ende dich nicht enttäuschen wird.«

Eine halbe Stunde später ging Carolyn mit Ecos »Der Name der Rose« nach Hause. Sie ärgerte sich. Sie war viel zu lange geblieben, hatte sich beschwatzen lassen und es ihrerseits nicht geschafft, ihn auszuhorchen.
   Er war ein komischer Kauz. Nett. Aber was besagte das schon?
   Vielen Mördern wurde ein äußerst nettes Wesen nachgesagt. Da ließ sich genauso leicht ein netter Exhibitionist denken.
   Carolyn wünschte sich jemanden, mit dem sie über solche Probleme reden konnte, aber in ihrem Leben gab es niemanden. Oberflächliche Schulfreunde. Ihre Eltern waren mit sich beschäftigt. Mutter mit ihrer Karriere, Vater ebenfalls und zunehmend mit erlesenen Weinen und Spirituosen. Sie hatte niemanden.
   Auf einmal deprimierte sie das.
   In der darauf folgenden Nacht kreiste ein Hubschrauber über dem Tal.
   In den Frühnachrichten im Radio war von einer jungen Frau die Rede, die jemanden besuchen wollte, jedoch nicht angekommen war. Almira Beiling war vierundzwanzig, eins achtundsechzig groß und hatte karottenrot gefärbte, kurze Haare. Sie trug dunkle Jeans, einen schwarzen Pullover und hatte eine Patchworktasche mit vielen Stickern bei sich. Zeugen hatten sie am Bahnhof gesehen. Hinweise würde jede Polizeidienststelle entgegen nehmen.
   »Kennt man«, sagte Carolyns Vater. »Lassen sich im Auto mitnehmen und wundern sich dann. Lass es dir eine Lehre sein, Caro!«
   »Sie haben nichts von einem Auto gesagt.«
   »Du weißt, was ich meine. Die jungen Dinger sind vertrauensselig und dann ist es zu spät.«
   Carolyn wusch den Teller ab und verbarg ihren Blick. Sie war ebenfalls viel zu vertrauensselig gewesen. Und würde es erneut sein, wenn sie Dr. Wagenblass besuchte, um ihm das Buch von Eco wiederzubringen.
   Carolyn war bereits auf Seite zweihundertachtunddreißig. Spätestens am Wochenende würde sie das Buch zu Ende gelesen haben. Es kostete viel Zeit, die lateinischen Zitate im Anhang nachzuschlagen. Aber es war spannend. An manchen Stellen verwirrend und philosophisch, aber trotzdem irgendwie berauschend. Am Sonntag würde sich also erneut die Frage stellen, ob man so frech sein konnte, ein geliehenes Buch nicht zurückzubringen. Der Briefkastenschlitz war zu schmal, um den dicken Band hindurchzuzwängen.
   Außerdem wäre das feige.
   Was Dr. Wagenblass ansonsten in seiner Freizeit unternahm – er hatte bestimmt keine karottenhaarige Vierundzwanzigjährige umgebracht. Oder doch?
   Möglicherweise tauchte die Frau wieder auf.

Sie tauchte auf. Buchstäblich.
   Man fand sie am Ufer des alten Fischteichs im Schilf, nicht weit von der Autobahn und rund achthundert Meter von dem Häuschen entfernt, in dem Frau Chevillard wohnte. Die Polizei ging von einem Gewaltverbrechen aus.
   Das waren die Informationen, die am Samstag von den Medien verbreitet wurden.
   Und Carolyn hatte das Buch ausgelesen.

Kapitel 3
Bechtwald

Da sie am Montag eine Französischarbeit schreiben würde, hatte ihr Vater einen Zusatztermin bei Frau Chevillard vereinbart.
   Sinnlos. Bisher hatten zusätzliche Stunden zu keiner Verbesserung ihrer Noten geführt. Die Doppelstunde fraß die Zeit, die sie für die Rückgabe des Buches eingeplant hatte. Als sie endlich aus dem Tor des schäbigen alten Aussiedlerhofes kam, regnete es. Früher als sonst setzte die Dunkelheit ein.
   Stoisch stapfte Carolyn den unbeleuchteten Feldweg entlang, doch als sie in die Nähe der Unterführung kam, wurde ihr zunehmend mulmig. Schließlich war die Lampe kaputt. Der asphaltierte Weg fiel zum Tal hin ab, verlief mehrere Meter zwischen Brombeergebüsch und mündete in diesen schwarzen Höllenschlund, in dem es nach Feuchtigkeit und Urin roch.
   Wie schwierig es war, die Richtung zu halten, wenn es keine visuellen Anhaltspunkte gab! Eben hatte sie noch das rote Bahnsignal auf dem Damm gesehen, jetzt gab es nichts mehr. Keinen Schimmer, kein Aufblinken – gar nichts.
   Sie trat in eine Pfütze und kaltes Wasser rann in ihre Schuhe. Es gab platschende Geräusche, als sie weiterging, dann stieß sie gegen klammes Mauerwerk. Sie hatte prompt die Richtung verloren und war gegen die linke Tunnelwand gelaufen. Oder hatte sie sich inzwischen unwissentlich um sich selbst gedreht und es war die rechte? Dann würde sie auf den Feldern herauskommen.
   Sie erschrak, als die Wand unter ihren Fingern zu beben begann. Ein Dröhnen setzte ein, das ihr nicht weniger Angst machte, bis sie nach dem ersten panischen Augenblick begriff, dass ein Güterzug über die Unterführung hinwegbrauste.
   Mitten in diesem infernalischen Lärm blendete grell ein Licht auf.
   Assoziationen purzelten durch Carolyns Gedanken: sich verengende Tunnel, Lichter, Tod. Gleichzeitig war sie wie gelähmt. Das Licht blendete, sie konnte nichts erkennen. Etwas glitt mit einem sirrenden Geräusch durch das Wasser der Pfützen wie eine Schlange. Ein gigantischer Schatten sprang zur gerundeten Tunneldecke hinauf und beugte sich über sie.
   Dann bekam alles seine gewohnte Form und das Licht blendete nicht mehr. Dr. Wagenblass stoppte sein Fahrrad neben ihr. »Dachte ich’s mir doch. Die Chevillard macht immer neunzig Minuten und überzieht durchschnittlich um zehn. Eine Art der Zuverlässigkeit. Ich habe dich zehn vor drei an meinem Haus vorbeihasten sehen. Folglich musstest du zwischen 16:40 Uhr und 16:50 Uhr hier durchkommen.«
   »Gut kalkuliert.« Carolyns Finger zitterten.
   Er stieg ab, drehte das Rad und deutete Richtung Tunnelausgang. »Falls du es hier nicht besonders gemütlich findest, sollten wir sehen, dass wir Land gewinnen, wie man so sagt.«
   Sie lief neben ihm her, fühlte sich halb getröstet und gerettet, halb in weit größerer Gefahr als noch vor wenigen Minuten. Warum? Er war zu nett. Zu aufmerksam.
   »Unheimlich, dieser Tunnel«, sagte er, während er das Fahrrad schob. »Das Tal ist ohnehin verwunschen. Deswegen heißt die Straße Bechtwald. Die Bechten oder Perchten sind die alemannischen Geister. Sie sind nicht regelrecht böse, aber auch keinesfalls gut. Und der Bechtwald wurde so genannt, weil die Bewohner unseres kleinen Städtchens Anlass hatten, Bedrohliches darin zu vermuten. Es ist stets ein wenig düster, selbst am Tag und die Feuchtigkeit hält sich bis in die heißesten Sommertage hinein. Früher hat man sogar Lichtlein tanzen sehen, hat mir die Bäckersfrau erzählt. Gestohlene Kinder wurden von den Perchten hierher verschleppt und es soll noch im neunzehnten Jahrhundert Wölfe gegeben haben.«
   »Sie verstehen es, Leute aufzuheitern.«
   Er schien überrascht. »Ich wollte nicht, dass es dich gruselt. Wissen sollte vielmehr Sicherheit verleihen. Angst macht nur, was man nicht kennt.«
   »Ist ein Messer weniger Angst einflößend, wenn man weiß, dass es ein Messer ist, woraus es gemacht ist und was man damit machen kann?«
   Er lachte. »Hört es sich dumm an, wenn ich sage: Doch, es ist weniger Furcht einflößend, wenn ich all das weiß?«
   »Ein Messer bleibt ein Messer.« Carolyn war froh, dass sie die einzige funktionierende Straßenlampe des Bechtwalds passierten.
   Kurz darauf klinkte er die Pforte auf und hievte das Rad an seinen Platz. »Komm mit! Ich will dir etwas zeigen.«
   Ganz dumm. Bloß weil es im Haus hell war, bedeutete das nicht, dass es dort ungefährlich war. Weshalb hatte er sie im Tunnel abgepasst? Aus Fürsorglichkeit, oder um sie zu erschrecken? Oder wollte er sie in Sicherheit wiegen?
   Sie folgte ihm trotzdem. Drinnen würde es zumindest trocken sein. Wasser rann von den Haarspitzen in ihren Kragen und sie hätte gern einen Fön gehabt.
   Er streckte mit großer Geste die Hand Richtung Küche aus. Die Wäscheberge waren fort. Das Geschirr ebenfalls. Es roch nach Tannenaroma.
   »Wow«, sagte sie, da er offensichtlich ein Lob erwartete.
   Stolz präsentierte er eine neue Kaffeemaschine – einen Vollautomaten – einen Edelstahltoaster und einen unberührt glänzenden Wasserkocher. »Alles neu macht der Mai, auch wenn’s November ist.«
   Passte es zur Psyche eines Mörders, Stolz auf eine neue Küchenausstattung zu empfinden? Oder hatte der Wunsch nach Reinigung unerfreuliche Ursachen? Sie holte das Buch aus der Umhängetasche.
   »Hat dich das Ende diesmal enttäuscht?«
   »Nein. Ein wenig traurig gemacht, vielleicht.«
   »Ist das alles? Keine Begeisterung?«
   Es platzte aus ihr heraus, ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Spontan, ohne Vorbereitung, ohne Sicherheiten. »Ich möchte Schriftstellerin werden.« Weshalb begriff sie es erst jetzt? Carolyn befürchtete, dass er sie auslachen würde.
   »Nicht Detektivin? Sondern Täterin?« Er lächelte.
   »So würde ich es nicht beschreiben.«
   »Nirgends werden so viele Morde begangen wie zwischen Buchseiten.«
   Nahm das Gespräch zufällig diese Wendung? »Diesmal ist der Mord echt.« Wagte sie sich zu weit vor?
   »Echt? Welcher Mord? Wovon redest du?«
   »Haben Sie nicht davon gehört? Eine Frau wurde in der Nähe ermordet.«
   Er runzelte die Stirn und sah zum Küchenfenster. »Ist deshalb der Hubschrauber über dem Tal gekreist?«
   »Ja, sie haben die Frau gesucht.«
   »Haben sie sie gefunden?«
   Carolyn nickte.
   »Setz dich!«
   Sie zögerte.
   »Setz dich und erzähl mir alles, was du darüber weißt!« Er öffnete einen Küchenschrank und holte eine Packung Dickmanns heraus. »Hier!«
   Dieser Versuchung widerstand sie nicht lange, fand es jedoch pietätlos, mit schokoladenklebrigen Fingern von Mord zu erzählen. Also stand sie auf und wusch sich die Hände. Das Handtuch war neu und hatte noch die Originalfaltung.
   Als sie vom Fischteich und der treibenden Leiche erzählte, spürte sie seine Anspannung wie etwas Solides, das man greifen kann. Wie gewundene Seile, die durch die Luft tanzten.
   Zu viel Fantasie.
   Man klärte Morde nicht mit Fantasie.
   Oder doch?
   »Muss furchtbar ausgesehen haben mit ihren Haaren.« Vor sich sah sie ein unscharfes Bild eines Körpers, der im Wasser dümpelt.
   »Was war mit den Haaren?«
   »Na ja, die Farbe. Im Radio haben sie gesagt karottenrot. Und das bei einer Leiche, die im Wasser verwest, das muss …«
   Er starrte sie an. Sie hatte bisher nie gesehen, dass jemandem tatsächlich die Farbe aus dem Gesicht weichen kann.
   Er krampfte die Hände um die Stuhllehne vor sich. »Was meinst du mit karottenrot?«
   »So haben sie es genannt – kurze karottenrote Haare.«
   Er drehte sich um, ging zum Waschbecken, nahm den Wasserfilter vom Kaffeeautomaten und ließ ihn bis an die Markierung volllaufen. Die Berührung von Programmiertasten rief hohe Pieptöne hervor.
   Sie dachte, er hätte den Schock überwunden, doch als er zwei Tassen aus dem Schrank nahm, suchte er mit der freien Hand vergeblich nach Halt und blinzelte angestrengt. Die Tasse zerschellte am Boden.
   Carolyn stand auf. »Dr. Wagenblass!«
   Er fröstelte und starrte die Scherben an. »Wieso karottenrot?«
   Carolyn stand auf, holte eine Tasse aus dem Schrank und drückte die Taste Espresso. Sie gab einen Löffel Zucker und Milch dazu, damit die Flüssigkeit sofort auf Trinktemperatur kam, und gab sie ihm. »Austrinken!«
   »Die Arzttochter«, murmelte er, gehorchte aber und schüttelte sich, als die Tasse leer war. »Das war zu viel Zucker.«
   »Er hilft gegen Schock.«
   »Ich habe keinen Schock.«
   »Dann meinetwegen gegen Kreislaufversagen.« Sie sah zu ihm auf. Erneut überraschte es sie, wie groß er neben ihr war.
   Seine Augen wirkten trüb. »Was haben sie sonst gesagt? Über diese Frau, meine ich.«
   »Nicht viel. Sie war vierundzwanzig Jahre alt, hieß Beiling – Almina oder Almira Beiling – ich erinnere mich nicht genau – und wollte hier jemanden besuchen.«
   »Die Tante.« Er setzte sich. »Sie wollte ihre Tante besuchen.«
   »Woher wissen Sie das?«, fragte Carolyn. Ihre Hände wurden jäh klamm.
   »Ganz einfach. Weil sie mir das gesagt hatte. Sie würde bei ihrer Tante übernachten und dann am nächsten Tag zu mir kommen. Ich dachte, sie hat es sich anders überlegt. So sind sie eben heutzutage. Rufen nicht einmal an.«
   Carolyn schob die Scherben mit der Schuhkante zur Seite, nahm sich ebenfalls eine Tasse und machte sich einen Espresso mit Milch und Zucker. Sie setzte sich zu ihm und nahm unaufgefordert einen zweiten Dickmann. »Sie meinen also, sie war die Studentin, von der Sie mir erzählt haben? Der Master über Lewis Carroll?«
   »Exakt. Die Haarfarbe ist echt. Ihr Vater war Ire. Jeder fragt sie das.«
   »Sie hatte ihren Besuch angekündigt?«
   »Natürlich. Meine Studenten können nicht kommen und gehen wie die Bienen zum Bienenstock. Ich bin kein gesunder Mann. Sie hatte mich angerufen.« Er sah ins Leere und runzelte die Stirn. »Jetzt wundert mich nur, weshalb die Polizei noch nicht hier war.« Unvermittelt ließ er den Kopf in die Hände sinken. »Sie werden mein Haus durchsuchen.«
   »Das ist sicher nicht angenehm.«
   »Angenehm?« Er fuhr vom Stuhl hoch. Carolyn wäre beinahe zurückgezuckt. »Als ob es darum ginge.« Mit ausgestrecktem Arm wies er zur Treppe. »Sie entdecken die Bilder überall – sieht das vielleicht gesund aus? Mein Gott, es könnte ihnen gar nichts Besseres passieren. Und die ganzen Sachen!«
   »Was für Sachen?«, fragte Carolyn betont ruhig.
   »Na ja, die Wäsche, das Geschirr – alles in der Mülltonne. Sie werden denken, ich hätte irgendwas verschwinden lassen müssen.«
   »Sie haben es weggeworfen? Nicht gespült und gewaschen?«
   »Nein«, sagte er kleinlaut und ließ sich auf den Stuhl sinken. »Ich bin nicht der häusliche Typ und ich kann es mir leisten. Jedenfalls dachte ich das bis eben. Da war es noch eine Geldfrage. Und jetzt?«
   Anscheinend hatte ihn die Nachricht vom Tod der jungen Frau wirklich unvorbereitet getroffen. Oder konnte man diese Verzweiflung spielen?
   Erneut schob er den Stuhl zurück. »Du bist zu lange fort. Deine Eltern werden sich Sorgen machen. Das sollten sie zumindest. Gib mir das Buch! Wir suchen ein neues aus und dann gehst du heim.«
   Wieder dieses Fiebrige.
   »Am besten rufen Sie bei der Polizei an. Es sieht doch komisch aus, wenn Sie nicht nachfragen, weshalb Frau Beiling nicht bei Ihnen ankam.«
   »Ja. Aber jetzt solltest du gehen.« Er zerrte sie förmlich in den Keller und griff nach dem erstbesten Buch in Reichweite. »Hier!« Er sah nicht mal auf den Einband. »Und jetzt ab nach Hause, ehe deine Eltern Suchtrupps alarmieren.«
   Draußen, im Licht der Straßenlaterne, las sie den Buchtitel. »Lolita« von Vladimir Nabokov.

Kapitel 4
Stress

Am nächsten Vormittag versuchte Carolyn, mit Nico zu reden, aber die Oberstufenschüler hatten ihren eigenen Pausenhof und sie konnte ihn nicht auf sich aufmerksam machen. Also fragte sie Leo.
   »Wie er ausgesehen hat? Keine Ahnung«, sagte Leo. »Ich will mich nicht erinnern, okay? So ein Arsch!« Sie ließ Carolyn stehen.
   Der restliche Tag verlief ähnlich frustrierend. Carolyn konnte niemanden finden, der Lust hatte, sich über den Mord zu unterhalten. Nico tauchte später auch nicht auf Facebook auf, genauso wenig wie Leo.
   Carolyn versuchte ihr Glück mit Google und rief alles auf, was sie zum Tod von Almira Beiling finden konnte. Die großen Tageszeitungen hatten den Mordfall weitgehend ignoriert, aber die lokalen Blätter beschäftigten sich eingehend mit jedem Gerücht, jedem kleinen Hinweis und quetschten die Polizeiberichte bis aufs Letzte aus.
   Die Studentin war mit dem Zug um 18:27 Uhr gekommen. Zwei Zeugen hatten ausgesagt, sie am Bahnhof gesehen zu haben. Danach hatte sie kein Taxi genommen und war in keinem Bus aufgefallen. Ihre Spur verlor sich, als wäre sie in das Kaninchenloch hinuntergefallen und durch eine parallele Welt gewandert, bis man ihre Leiche am Seeufer gefunden hatte.
   Carolyn hatte im Radio gehört, Almira sei erwürgt worden, jetzt las sie zum ersten Mal von Gift. In einem Artikel stand, dass das Gift vermutlich einem süßen alkoholischen Getränk beigemischt worden war. Ein Enteisungsmittel. Mörder griffen angeblich nicht selten dazu, weil es frei verkäuflich und unverdächtig war. Jeder, der ein Auto besaß, konnte es im Haus haben.
   Dr. Wagenblass besaß kein Auto. War das entlastend?
   Carolyn seufzte. Weshalb sollte ein Mörder sein Opfer vergiften und erwürgen? Um sicherzugehen? Warum erwürgte er es nicht gleich? Hatte das Gift nicht gewirkt?
   In der Tageszeitung stand, die Dosis habe ausgereicht, um den Tod herbeizuführen. Womöglich nicht schnell genug?
   Alle Zeitungen, die über die polizeilichen Untersuchun-gen berichteten, erwähnten zum Abschluss, dass es sich vermutlich nicht um ein Sexualverbrechen handele. Welche anderen Gründe gab es, junge Frauen zu ermorden?
   Eifersucht.
   Hass.
   Wahnsinn.
   Über psychisch kranke Mörder wollte Carolyn im Augenblick nicht nachdenken, deshalb wandte sie sich »Lolita« zu.
   Sie las noch keine zwanzig Minuten, als unten die Haustür ins Schloss fiel. Sie brauchte keinen weiteren Hinweis – sie erkannte es am Geräusch der vibrierenden Glasscheibe. Ihr Vater war betrunken. Im nächsten Moment brüllte er nach ihr.
   Sie musste in die Küche kommen, in der Mikrowelle zwei Eier für ihn kochen und seiner ärgerlichen Zusammen-fassung dieses beschissenen Tages zuhören, der von dummdreisten Pharmareferenten, zickigen OP-Schwestern und einer Frau mit zu viel Fettgewebe verdüstert worden war.
   »Fett«, sagte er anklagend. »Diese Weiber wissen gar nicht, was sie ihrer Gesundheit antun. Gelbes, schmieriges Fett auf Latex, bah!« Er salzte die Eier mit kräftigem Schütteln der Jodsalzdose. »Wenn sie aus unserer Klinik hinausspazieren, sehen sie jünger aus. Aber innen drin, am Gewebe, da siehst du ihr wahres Alter.« Er zählte minutiös auf, wie sich der Verfall im lebenden Körper manifestierte. »Wandelnde Leichen«, sagte er und bekam Schluckauf. »Zombies mit Siliconeinlage. Aufgeblähte Botoxkadaver. Müssten nur gesünder leben. Und seriöser.« Er teilte die Eier sauber in Viertel. »Disziplin! Das ist der Schlüssel. Zu allem. Geh und lerne deine Französisch-Vokabeln, statt hier herumzustehen!«
   In ihrem Zimmer nahm Carolyn das Französisch-Lehrbuch in die Hand, nur um es nach oberflächlichem Durchblättern wegzupacken und sich erneut »Lolita« vorzunehmen. Nabokov beeindruckte sie mit seiner Sprache. Und die Lüsternheit des Protagonisten machte sie … nervös.
   Die Stirn berührte irgendwann Papier und sie begriff, dass sie über die Lektüre eingeschlafen war. Der PC lief noch, es war fast vier Uhr nachts.
   Wie in Trance kroch sie in das Bett.

Unterricht war ihr selten so müßig erschienen. Sie wollte »Lolita« auslesen. Wissen, wie weit es einen Mann treiben konnte, der seine Leidenschaften nicht in den Griff bekam.
   Meine lüsternen Affenaugen.
   Das Tier im Menschen.
   Im Mann.
   Stattdessen musste sie sich über den Indikativ belehren lassen und anschließend über die Ausbreitung von Schallwellen, was immerhin interessant gewesen wäre, hätte sie es vermocht, die Zahlen richtig in die dazugehörigen Formeln einzusetzen.
   Im Sportunterricht hatte sie das Gefühl, zu viel Busen zu haben. Alles störte sie. Das Haar, das ihr in die Stirn fiel, die Sportschuhe, der ganze Körper.
   So verunsichert wäre sie Nico beinahe aus dem Weg gegangen, aber er hob grüßend die Hand. Er war eins achtzig groß, hatte einen Bartschatten, coole Klamotten und das entsprechende, lässige Auftreten.
   »Na, kleines Mädchen«, sagte er gönnerhaft.
   Mit einem Mal fand Carolyn diese Anrede nicht als Herabsetzung, sondern als Anmache. Schlüpfrig. Unangenehm und prickelnd in einem. »Na, wieder einen verprügelt?«
   Nico grinste. »Nee. Leider nicht. Mann, den hättest du rennen sehen sollen. So sind diese Typen – wenn sie genügend Abstand haben, zeigen sie ihr Gebommel, aber die haben nichts drauf. Nichts!« Er klopfte sich auf den Oberarm. »Wenn einer mit Muskeln kommt, ist es vorbei. Deswegen wagen sie sich nur an Weiber. Früher kamen sie in ein hübsches Öfchen und die Gesellschaft war sie los.«
   »Was?«
   »Öfen«, sagte Nico genüsslich. »Damals. Du weißt schon. Da hat man solche Typen nicht rumlaufen lassen, damit sie die Freundin von einem belästigen. Oder man hat sie kastriert. Zack, zack! Aber heute will man es ja nicht anders. Sie sitzen zwei Monate in der Psychiatrie und hüpfen danach munter draußen rum.« Er öffnete und schloss demonstrativ die Faust. »Mir fällt da Besseres ein.«
   Ein anderer Junge aus der Elften schloss sich ihnen auf dem Weg zum Bus an. Carolyn kannte seinen Namen nicht. Sie wusste nur, dass seine Eltern irgendetwas mit Grafikdesign zu tun hatten. Er schien überrascht, Nico in Begleitung einer Achtklässlerin zu sehen und gab sich gelangweilt, bis er begriff, dass sie sich über den Exhibitionisten unterhielten. »Das war geil. Dem habe ich eine reingekloppt in seine dumme Fresse, dem Wichser!«
   »Was war er für ein Mann? Groß? Breitschultrig?«
   Nicos Freund lachte. »Keine Spur. Groß? Weiß nicht, aber breitschultrig? Nee, wirklich nicht. Lange, fettige Haare wie Snape. Hatte auch so einen langen, dunklen Mantel an.«
   »Wie alt ist er? Was meinst du?«
   »Keine Ahnung. War ja stockdunkel.«
   »Woher wisst ihr, dass es überhaupt der Exhibitionist war und nicht irgendein harmloser Spaziergänger?«
   »Leo hat Steffen die SMS geschickt. Wir waren oben am Kiosk und sind die Treppe runter, da kam er grad aus den Büschen.«
   »Vielleicht wollte er nur … na ja, pinkeln.«
   Nico lachte. »Der wollte was anderes. Als er uns gesehen hat, ist er ab, hat ihm aber nicht geholfen. Ich jogge nicht umsonst jeden Morgen. Wir haben ihn uns gegriffen. Er wusste gleich, was abgeht. Keinen Ton hat er von sich gegeben. Als er den Zug gehört hat, hat er sich aufgerappelt und ist auf und davon wie ein Karnickel. Der Güterzug war zu schnell, sonst wären wir ihm nach, aber als der Zug endlich vorbei war, war er weg.«
   »Dumm gelaufen«, ergänzte Nicos Freund. »Besonders, weil er jetzt die Frau umgebracht hat. Wäre er uns an dem Abend nicht entwischt, hätte er keine mehr angerührt.«
   »Woher willst du wissen, dass er die Frau umgebracht hat?«, fragte Carolyn.
   Beide lachten. »Sehr witzig. Wer sonst? Wie viele Triebis laufen hier wohl rum? Wollen wir wetten, dass er eine Liste von Vorstrafen hat, so lang wie ein Weihnachtswunschzettel? Und die Bullen schauen weg.«
   »Es heißt, dass es kein Sexualmord war. Außerdem soll es Gift gewesen sein.«
   Nico warf ihr von oben herab einen nicht gerade schmeichelhaften Blick zu. »Und du weißt das, ja? Zufällig war sie nicht von hier. Sie kannte hier niemanden außer irgendeiner alten Oma. Weshalb würde sie also einer umbringen wollen? Genau! Ich sage dir, wie das lief. Sie hat irgendwo was getrunken, der Typ hat ihr K.-o.-Tropfen verabreicht und sie abgeschleppt. Das lief dann nicht so, wie er sich das gedacht hatte. Klar, schließlich können diese Brüder ja gar nicht, sonst müssten sie ihr bestes Teil nicht rumzeigen und könnten was Besseres damit anfangen.«
   Nicos Freund kicherte. »Genau.«
   »Hätte sie dann nicht jemand gesehen? Schließlich hatte sie karottenrote Haare. Wenn sie in einer Bar gewesen wären, würde sich doch jemand erinnern.«
   Nico zuckte die Achseln. »Schon mal was von Mützen gehört?«
   Als der Bus kam, ging er mit seinem Freund nach vorn zu einigen älteren Mädchen und kümmerte sich nicht mehr um Carolyn.
   Sie ließ sich auf einen Sitz sinken und starrte aus dem Fenster, ohne etwas wahrzunehmen.
   So viele Fragen.
   Hatte Nico mit seinen Freunden Dr. Wagenblass verprügelt? Wenn ja, war Wagenblass der Exhibitionist und hieß das dann automatisch, dass er seine Master-Studentin ermordet hatte?
   Eine Mütze. Mit einer Mütze hätte Almira jemanden treffen können, ohne dass man sich an sie erinnerte.
   Beinahe wäre Carolyn nicht rechtzeitig ausgestiegen. Zu Hause stellte sie fest, dass kein Zitronenjoghurt da war. Das würde ihr Vater nicht akzeptieren. Zitronenjoghurt musste immer im Haus sein. Also zurück, Eier, Hackfleisch und Auberginen holen, dazu sechs Packungen Zitronenjoghurt.
   Den Alkohol würde er sich selbst mitbringen.
   Es war Dienstag. Das bedeutete, dass ihre Mutter erst am kommenden Nachmittag aus Düsseldorf zurückkommen würde. Sie gab an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Unterricht für Heilpraktikeranwärter und es lohnte sich nicht, die weite Strecke zurückzufahren. Deswegen mochte Carolyn Dienstagabende nicht besonders. Ihr Vater blieb meist lange aus, war dann betrunkener als sonst, wenn er heimkam, erwartete aber, sein Essen warm und nicht zu verkocht vorzufinden.
   Desinteressiert warf sie nochmals einen Blick auf die Vokabeln, bereitete das Essen vor und las anschließend in »Lolita«.
   Ihr Vater kam, als sie noch zwanzig Seiten vor sich hatte. Er wirkte in sich gekehrt, verschwand für eine Weile im Bad und brachte eine Flasche Grappa mit in die Küche. »Was macht das Essen?«
   »Ist fertig.«
   Wie sie befürchtet hatte, erlaubte er ihr nicht, nach oben zu gehen.
   »Die Füllung ist ziemlich trocken.« Er nahm sich Tomatensoße nach und schenkte den ersten Grappa ein. »Hat deine Mutter angerufen? Sie hat versprochen, die Lampe am Eingang reparieren zu lassen.«
   »Sie hat nicht angerufen.«
   »Dann rufst du sie nachher an und fragst, weshalb die Lampe noch nicht repariert ist!«
   Carolyn nickte.
   »Wann schreibt ihr Französisch?«
   »Am Freitag.«
   »Ich erwarte diesmal bessere Leistungen. Weißt du, wie lange wir dir schon Geld hinterherwerfen? Zwei Jahre! Und das alles nur, weil du faul und bequem bist.«
   »Ich übe.«
   Ihr Vater warf ihr einen gereizten Blick zu. »Meine Tochter ist nicht dumm. Schließlich ist sie meine Tochter. Die Tochter eines erfolgreichen Mannes, der sein Studium summa cum laude abgeschlossen hat. Deine Mutter hatte ebenso niemals schlechte Noten in Französisch. Und was bedeutet das? Dass du faul und undiszipliniert bist!«
   Carolyn richtete ihren Blick auf den Teller.
   Er entkorkte erneut die Flasche. Es gluckste leise, als der Grappa ins Glas lief. Dann schob er den Teller weg. »Das nächste Mal kaufst du anständiges Fleisch ein und jetzt räum hier auf! Es sieht scheußlich aus.«
   Unter seinen Blicken aufzuräumen, war doppelt unangenehm. Warum mussten Dienstagabende immer so enden? Warum konnte sie nicht in ihr Zimmer und das Buch auslesen?
   Wieder gab es das quietschende Geräusch des Korkens. »Hol dein Französischbuch!«
   Das war nun wirklich übel. Ganz übel.
   Als sie mit dem Buch in die Küche zurückkehrte, wünschte sie, nichts gegessen zu haben. Sie bekam Sodbrennen.
   Es folgte, was sie erwartet hatte. Ihr Vater fragte sie Vokabeln ab, die noch nicht gelernt werden mussten. Als sie widersprach, begann er zu brüllen. »Das genau ist deine Faulheit. Man ist den Lektionen immer voraus! Stattdessen hechelst du hinterher. Weißt du, wie satt ich es habe, einen Faulpelz großzuziehen? Deine Mutter arbeitet sechzig Stunden die Woche und ich achtzig. Weißt du, was aus jenen wird, die nicht begreifen, was Anstrengungsbereitschaft ist? Sie vegetieren in miesen kleinen Jobs dahin. Möchtest du das, Carolyn? Hamburger umdrehen? Proleten gehen nach Hause, wenn ihre Arbeitszeit um ist. Menschen wie deine Mutter und ich, wir fangen erst richtig an, wenn die anderen nach Hause gehen. Deshalb haben wir es zu etwas gebracht. Du dagegen entwickelst dich zusehends zu einem Schmarotzer.«
   Carolyn starrte auf den Boden.
   Das Dienstagabendthema.

Am Morgen überhörte sie den Wecker. Sie erschien zur dritten Stunde in der Schule, ausgestattet mit einer gefälschten Entschuldigung. Bis zwei Uhr nachts hatte sie unter seinen immer trüberen Augen Vokabeln auswendig gelernt, bis sich das alles in ihrem Kopf zu einem Mahlstrom entwickelt und jedes bisschen Lernvermögen mit sich gerissen hatte. Dann endlich hatte er sie ins Bett gehen lassen.
   In Wirtschaft und Gesellschaft schlief sie beinahe ein und gab unzusammenhängende Antworten. Ihre Lehrerin trug unter mündliche Mitarbeit ein Minus ein.
   Vor dem Sportunterricht passte sie ihre Sportlehrerin ab, gab vor, unerträgliche Periodenschmerzen zu haben und schaffte es, nach Hause geschickt zu werden. Aber sie hatte nicht die geringste Lust, wirklich heimzugehen.
   Auf einer Parkbank las sie Nabokov zu Ende und lief anschließend zu Fuß durch die Altstadt bis in den Bechtwald.
   Die Lebensbäume dufteten im Regen besonders kräftig.
   Carolyn drückte die Klingel. Laut schrillte sie durchs Haus.
   Ihr fiel auf, dass die Haustür angelehnt war. Sie drückte sie auf. »Dr. Wagenblass?«

Kapitel 5
Bunt in Bunt

Er kniete auf der Treppe. Buntstifte und Spitzer lagen auf den Stufen.
   »Dr. Wagenblass?«
   Kurz zuckte sein Blick zu ihr, dann wandte er sich dem lebhaft flackernden Feuer zu, das aus einem kleinen, liebevoll ausgeführten Ofen schlug. »Orange, eine ganz besondere Farbe. Die Farbe der Kreativität. Und der Freude.« Die sehnige Hand hielt den Stift wie eine Waffe. In kleinen Bewegungen fuhr die Spitze über die Raufasertapete. Sein Gesicht war tränennass.
   Sie ging zu ihm. »Was ist denn?«
   Erneut ein schneller Seitenblick. »Ich weiß es nicht. Vielleicht bräuchte ich Rot. Aber dann wirkt es wahrscheinlich zu melodramatisch, nicht wahr?«
   Sie bückte sich und nahm einen roten Stift auf. »Versuchen Sie’s!«
   »Versuchen ist nicht gut.« Aber er nahm den Stift, tastete um sich, fasste einen blauen Spitzer, betrachtete ihn und ließ ihn fallen. »Wo ist der rote?«
   Carolyn griff an ihm vorbei und nahm den roten Spitzer von einer Stufe über ihm.
   Er spitzte mit geschlossenen Augen, betastete dann die Spitze und setzte sie schließlich senkrecht auf. In winzigen Strichen begann er, das Innere der Flamme zu röten. Jäh wandte er sich ihr zu. »Die Polizei war hier.«
   »Oh.«
   Die scharfe Spitze zog auf seinem Handrücken ein rotes P. »Sie waren sehr höflich. Ein Kommissar Jansen.«
   »Und weiter?«
   »Nichts weiter.« Er nahm einen grünen Spitzer und spitzte den grünen Stift, mit dem er das Gras rings um den Ofen anlegte. Als er damit fertig war, stand er auf. Sein Schatten wuchs mit ihm und schien sich oben an der Decke den Kopf zu stoßen. »Willst du essen?«
   »Wenn ich Ihnen keine Umstände mache …«
   »Nicht im Geringsten.«
   Auf dem Küchenboden klebte Blut. Es war die Tischkante hinabgelaufen und hatte zusammen mit Wasser eine rosige Pfütze rund um die vanillegelbe Keramikspüle gebildet.
   »Sorry. Ist nicht mein Tag.« Er nahm ein Küchenhand-tuch, wischte alles grob ab und warf das karierte Ding in den Mülleimer. »Was darf’s sein? Ich habe Frühlingsgemüse gekauft. Und Germknödel. Und was ist das? Zanderfilet – ich dachte, ich hätte Lachs, aber gut. Machen wir Zander auf Gemüse und danach die beiden Germknödel?«
   Da er wenig Geschick im Umgang mit Lebensmitteln zu haben schien, überließ er ihr schließlich das Kochen und deckte inzwischen den Tisch mit einer funkelnagelneuen weißen Tischdecke, silbernem Kerzenleuchter, dem neuen Besteck und Geschirr und Kristallgläsern. »Kein Alkohol. Ich hab es mir gemerkt.« Er hielt eine Flasche mit Bionade hoch.
   »Danke.« Carolyn würgte an Tränen. Schnell wischte sie sich mit dem Handrücken die Augen, dann forderte die piepende Mikrowelle ihre Aufmerksamkeit. Sie stellte die Auflaufform auf den Tisch.
   Wagenblass zündete die Kerze an. »Herzlichen Glückwunsch zum Nichtgeburtstag!«
   »Was?«
   »Lewis Carroll.«
   »Ach, so. Humpty Dumpty sagt das, nicht wahr?«
   Er nickte und bat sie, als Erste zu nehmen.
   Später machte er Kaffee zu den Germknödeln. »Kennst du das? Du rollst den Stein den Hang hinauf und hinauf, und lange, bevor du oben bist, reißt dich die Schwerkraft mit ihm hinab und du liegst wie zerschmettert im Abgrund, nur um dich aufzurappeln und diesen verdammten Stein zu packen und wieder bergan zu schieben …«
   Carolyn nickte. »Bis zum Ende aller Zeiten.« Sie musste über das Pathos der ganzen Sache lachen.
   Er lachte mit ihr. »Man braucht keinen Alkohol, wie du siehst. Ich bin auch so vollkommen verrückt.«
   »Möglicherweise liegt das an Ihren Medikamenten. Sie wirken nicht, als wären Sie richtig eingestellt.«
   »Eingestellt. Ein hübsches Bild, so als ließe sich jemand einstellen wie ein Radioapparat. Wir würden den Knopf drehen, bis die Linie auf gesund zeigt und alles wäre gut.«
   »Das meine ich nicht. Aber ich bin sicher, dass irgendetwas mit der Dosierung nicht stimmt – oder es zu unerwünschten Wechselwirkungen kommt.«
   »Die Arzttochter.« Er seufzte. »Die Medikamente sind von der Klinik so verschrieben.«
   »Mein Vater würde sagen, das sollte misstrauisch machen. Was war das vorhin mit dem Blut?«
   »Das Blut? Oh, ich habe mich verletzt.«
   Sie musterte ihn.
   »An einer Stelle, die ich gewiss nicht herzeigen werde.«
   »Wieso? Sind Sie das nicht gewöhnt?« Das rutschte ihr heraus. Ihr Schreck über die Frage spiegelte sich in seinem Blick.
   Sekundenlang starrten sie einander an.
   Schließlich setzte er mit bebender Hand die volle Espressotasse auf die Untertasse und schaffte es, beides ohne Unfall vor ihr abzustellen. Es schien ewig zu dauern, bis die Maschine das zweite Tässchen füllte. Dann saß er ihr gegenüber und schob ihr höflich die Milch zu. »Pubertät. Eine wirklich gefährliche Zeit. Ich erwähnte das schon.«
   Sie sah ihn an. »Also ist es wahr.«
   »Was ist schon Wahrheit?« Er klang müde.
   Carolyn wurde wütend. »Wahrheit ist, dass Sie der Mann sind, der immerzu am Friedhof gesehen wurde. Dass Sie an dem Abend genau von da kamen und nicht in der Unterführung vom Rad gefallen sind.«
   Er süßte seinen Espresso und verteilte den Zucker dabei rings um seine Tasse. »Kind«, sagte er, immer noch mit dieser müden, resignierten Stimme. »Wie klug ist denn so was?«
   »Gar nicht, aber ich habe genug davon, klug sein zu müssen.«
   »Das merkt man.« Er trank schweigend und langsam seine Tasse leer.
   Carolyns Wut ebbte ab. Es blieb ein trotziges Einver-ständnis mit allem, was nun kommen würde. War es nicht gleichgültig? Es war besser, sie wurde umgebracht, als irgendeine karottenhaarige Studentin, der bestimmt jemand nachtrauerte. Gleichzeitig rauschte ihr vor Aufregung das Blut in den Ohren. Komisch, die Angst kam mit Verspätung. Der Überlebenswille ebenso. Sie stand auf. Die Stuhlbeine erzeugten ein hässliches, quietschendes Geräusch beim Zurückschieben. »Ich habe das Buch zurückgebracht.«
   »Ja, natürlich.« Er stand ebenfalls auf.
   Hinter ihm die Kellertreppe hinunter zu gehen, erschien bei Weitem wahnsinniger, jetzt, da die Katze aus dem Sack war. Wieso kam ihr diese Formulierung in den Sinn?
   Er schaltete das Licht an, nahm das Buch aus ihrer Hand, sah auf das Cover und runzelte die Stirn. »Nabokov. Das war mir nicht aufgefallen. Vielleicht sollten wir diesmal …« Er sah an den Regalen hinauf. »… etwas anderes wählen.« Er streckte den Arm aus und erreichte mühelos das oberste Brett.
   Das Buch, das er herabholte, war in leblos graues Leinen gebunden und wirkte insgesamt unansehnlich. »Die Caine war ihr Schicksal« Carolyn sah auf. »Das klingt …«
   Er lächelte. »Nach Kitsch? Ich versichere dir, es ist alles andere als das. Und nun spute dich! Irgendwer wartet auf dich.«
   Dann stand sie draußen, sah über den regennassen Vorgarten mit den düstergrünen Lebensbäumen und ihr zitterten die Hände. Nie wieder würde sie einen Fuß über diese Schwelle setzen.
   Jedenfalls nicht so bald.
   Der Wind und der Regen waren kalt. Sie wünschte sich in ihr warmes Bett. Aber ihre Mutter würde bald kommen, den Haushalt durcheinanderwirbeln und nicht dulden, dass ihre Tochter sich im Bett verkroch, wenn es so viel zu tun gab.

So war es auch. Ihre Mutter kam zwanzig Minuten nach ihr, gab ihr einen Kuss auf die Wange, fragte, ohne auf eine Antwort zu warten, wie der gestrige Tag gewesen sei, machte sich einen Möhrenshake und begann mit dem Staubsaugen. »Eine Nacht außer Haus, und die ganze Woche wird furchtbar kurz. Holst du mir bitte einen neuen Staubbeutel und ein frisches Staubsaugerdeo? Dann könntest du den Spinat waschen. Ich habe unterwegs frischen bekommen – aus ökologischem Landbau. Er ist furchtbar sandig. Aber dafür nicht voller Nitrite.«
   Carolyn wusch Spinat, schälte Kartoffeln und schob das Biohuhn in den Ofen, brachte den Müll weg und erledigte all die anderen Aufgaben, die ihrer Mutter eine nach der anderen einfielen. Mittwoch war stets Putztag. Dafür wartete ein friedlicher Abend, denn ihre Eltern würden bei einem Glas Wein beisammensitzen, Mutter würde von den Kursen erzählen, er von seinen Patienten und sie würden vollkommen glücklich sein. Bei dieser Zweisamkeit störte Carolyn nur und das bedeutete, dass sie sofort nach dem Abendessen auf ihr Zimmer gehen konnte und sich niemand mehr um sie kümmern würde.

Zwei Stunden später loggte sie sich auf Facebook ein. Kurz darauf entdeckte sie einen Post von Nico und klickte kommentieren an. Am liebsten hätte sie geschrieben: Ich weiß, wer es ist!
   Sie zog die Finger zurück und starrte auf das erwartungsvoll geöffnete Schreibfeld.
   Pubertät. Er hatte gesagt, dass sie zu schnell mit ihrem Wissen herausplatzte. Was würde passieren, wenn sie in die Öffentlichkeit hinausposaunte, dass Dr. Oliver Wagenblass, wohnhaft Bechtwald drei, der gesuchte Exhibitionist war?
   Sie würde wegen übler Nachrede belangt werden. Ihr Vater würde ihr verbieten, seinen Ruf durch solche Albernheiten zu schädigen und seinen guten Namen damit am Ende womöglich in die Boulevardpresse zu zerren. Nico und seine Freunde würden zum Kreuzzug gegen Dr. Wagenblass aufrufen, ihm erst die Scheiben und dann vielleicht den Schädel einschlagen.
   Sie klickte auf ihre Profilseite. Ihr Bild sah ihr entgegen. Mit Pferdeschwanz und Kapuzenjacke, mit Augen, deren Farbe unbestimmbar war, mit einem gezwungenen Lächeln und einem irgendwie leeren Blick. Sie hasste dieses Foto.
   Es gab nicht viele Fotos von ihr, weil ihre Eltern von diesem ständigen Dokumentieren des eigenen Lebens nichts hielten. Sie ging auf Foto hinzufügen und fotografierte sich mit der eingebauten Webcam.
   Grauenhaft.
   Sie löschte das Profilbild und setzte das Bild einer Sonnenblume an die Stelle, fand es jedoch unpassend freundlich, ja anwidernd optimistisch. Am liebsten hätte sie ein schwarzes Viereck gehabt. Ohne Merkmale.
   Wie es wohl war, ermordet zu werden?
   Das fragte sie sich nun schon seit mehreren Stunden.

Kapitel 6
Vermisst

Die Zeit troff zäh und klebrig wie Honig.
   Weitere Dienstagabende brachten quälende Vorträge über Französisch, Anstrengungsbereitschaft und die Pflicht derer, die es besser hatten als andere. Schon aus Respekt vor jenen, die nicht dieselben Chancen hatten, mussten sie stets tadellose Leistungen erbringen.
   Die Arbeit in Französisch kam mit einer Drei bis Vier zurück und das half, den dritten Dienstagabend dieser Reihe zu entschärfen, doch stand bereits die nächste an.
   Carolyn besuchte deshalb weiterhin fleißig Frau Chevillard in ihrem Aussiedlerhof an der Autobahn. »Die Caine war ihr Schicksal« steckte hingegen noch im Ranzen. Carolyn hatte Dr. Wagenblass nicht mehr gesehen, nicht mal die Küchengardine hatte sich bewegt.
   Jedes Mal war sie erleichtert, wenn sie den Bechtwald passiert hatte. Jedes Mal war sie enttäuscht.
   Sie hatte sich eine Schachtel Buntstifte gekauft und kritzelte abends in einer Kladde Bilder von Feuer, Mädchen mit karottenroten Haaren und Totenschädeln. Blumen wollten ihr nicht gleichermaßen gelingen.
   Vierzehn Tage vor Weihnachten bestellte Frau Blanken-burg, die Klassenlehrerin, ihre Eltern ein, vorgeblich um sie über das Praktikum im folgenden Frühjahr zu informieren. Tatsächlich aber, um zu fragen, ob es Carolyn gut ginge, ob es einen Todesfall in der Familie gegeben habe, oder was sonst Ursache ihrer Geistesabwesenheit und zunehmenden Zurückgezogenheit sein mochte. Diese wohlwollende Nachfrage führte zu einem ernsten Gespräch am Abendessentisch.
   »Ich weiß, dass die Pubertät eine schwierige Zeit für junge Mädchen ist, mein Schatz, aber das ist höchstens eine Begründung und keine Entschuldigung«, sagte ihre Mutter. »Geht es um einen Jungen?«
   »Jungen?«, fragte ihr Vater. »Mein Gott, Katarina, unsere Tochter ist vierzehn. Was kann das schon anderes sein als eine alberne Schwärmerei! Ich habe dich neulich vor der Schule mit Lars gesehen, dem Sohn von Kilian Marks. Ist es der?«
   Carolyn lief rot an. Lars war einer der Freunde, mit denen Nico Dr. Wagenblass verprügelt hatte. Sie hatte zwei- oder dreimal im Bus mit ihm geredet.
   Jetzt bissen sich ihre Eltern an diesem Thema fest. »Der Junge hat nicht mal ordentlich gewaschene Haare. Und eins sage ich dir: Marks ist nahe am Bankrott. Und er hat drei Kinder. Da liegt keine Zukunft für dich.«
   »Ich habe nur mit ihm gesprochen.«
   Ihre Mutter betrachtete sie abschätzend, musterte die Frisur und die offene Sweatjacke, unter der Carolyn ein verblasstes T-Shirt trug. »So nimmt dich ohnehin kein Junge. Am Wochenende fahren wir irgendwohin und kaufen dir ein paar anständige Sachen.«
   »Hoffentlich nicht als Belohnung für ihre sogenannten schulischen Leistungen. Ich sage es dir ganz deutlich, Carolyn – wenn du neue Kleidungsstücke möchtest, wirst du sie dir verdienen müssen. Deine mündliche Mitarbeit wird sich unverzüglich verbessern! Deinen romantischen Anwandlungen kannst du in deiner Freizeit nachgehen, aber in der Schule wirst du dich ganz flott zusammenreißen!«
   Carolyn sagte nichts. Wozu auch?

*

Am Samstag hatte sie einen mäßig schönen Tag mit ihrer Mutter. Sie bekam ein veilchenfarbenes Top, eine modische Strickjacke, zwei Hosen und ein paar Schuhe. Zu Hause verlangte ihr Vater jedoch sofort, dass sie die Schuhe umtauschte, nur Schnürschuhe säßen ordentlich am Fuß und seine Tochter würde sich nicht wegen modischen Unsinns die Füße brechen.
   Ihre Mutter streifte das Thema Verhütung, was Carolyn vor lauter Ärger rot anlaufen ließ, und kündigte an, einen Verein zu suchen, damit sie keine weitere Gelegenheit haben würde, sich in ein Schneckenhaus zurückzuziehen. »Der Mensch ist ein soziales Wesen, mein Herz. Du musst unter Gleichaltrige. Ich habe nichts dagegen, dass du dich mit deinen Büchern in deinem Zimmer vergräbst, aber damit ist es nicht getan. Im Beruf wirst du nicht zurechtkommen, wenn du nicht gelernt hast, ungezwungen mit anderen umzugehen. Vielleicht wäre Badminton eine Option.«
   Carolyn deutete ein Nicken an. Aber Badminton war definitiv kein Sport für sie. Dafür hatte sie zu viel Oberweite. Sie wünschte ihre weiblichen Formen zum Teufel.
   In der Praxis ihres Vaters ließen sich Frauen alle Tage die Brüste verkleinern, aber ihr würde er das nicht erlauben. Allzu oft hatte er sich zu Hause bei seinem »Gläschen« Wein über »Weiber« lustig gemacht, die sich die Brüste wegschneiden ließen. »Warte mal, bis die Brustkrebs haben. Dann ist das Geheul groß, wenn das Zeug runter muss. Die einen wollen einen Obstkorb voller Melonen, die anderen hätten am liebsten Walnüsse. Mein Gott, ich lebe davon – aber ich sage dir: Das Geschnippel nutzt dir nicht das Geringste, wenn du dich selbst nicht leiden kannst. Merk dir das!«
   Carolyn betrachtete sich im Spiegel. Sie würde sich einen festeren BH besorgen müssen. Und den Pferdeschwanz konnte sie überhaupt nicht mehr ertragen.
   Eigentlich konnte sie gar nichts mehr ertragen.

*

Am Sonntagabend fragte Beatrice auf Facebook, ob sie zufällig Anneli gesehen habe.
   Carolyn hatte nicht viel Kontakt zu Anneli, die in die Parallelklasse ging und mit einem Andy aus der zehnten Klasse zusammen war. Sie verneinte und begann ein neues Spiel – Castleville – bei dem sie einen hübschen Avatar wählen konnte.
   Kurz vor 22:30 Uhr sah sie einen Post von Beatrice:

Weiß einer, wo Anneli ist? Bitte HELFT! Anneli ist nach Sport nicht heimgekommen. Wenn ihr sie gesehen habt, ruft Annelis Eltern an!!!

Eine halbe Stunde später teilte Beatrice einen Link von Andy:

Anneli, wo bist du? Es tut mir leid! Geh bitte heim, deine Eltern machen sich Sorgen und ich auch, hab dich lieb!

Also hatten sie sich gestritten.
   Es dauerte bis kurz vor Mitternacht, dann kam ein Post nach dem anderen. Klassenkameraden, Freunde, die Tante, die Sportlehrerin.

Am nächsten Morgen sammelten sich alle am Schultor und es gab heftige Debatten. Andy schubste einen anderen Zehntklässler herum, der anscheinend obszöne Andeutungen gemacht hatte, denn beide wurden für den Rest des Tages suspendiert. Unterricht war kaum möglich, Mädchen weinten, niemand interessierte sich im Mindesten für englische oder französische Grammatik. Gegen zehn Uhr kam die Polizei. Zwei Beamte gingen von Klasse zu Klasse, fragten nach Annelis Gewohnheiten, Freunden, Hobbys und ihrem Verhalten am Vortag.
   Die sonst regelmäßig besuchte Theater-AG löste sich mangels Teilnehmern in der sechsten Stunde auf, sodass Carolyn unerwartet zwei Stunden früher Schulschluss hatte.
   Unschlüssig stand sie minutenlang im eisigen Wind an der Haltestelle, dann sprang sie schnell in den Bus zum Friedhof, als sich die Türen schon schlossen.
   Die wenigen Fahrgäste, die später mit ihr ausgestiegen, strebten irgendwelchen Zielen zu. Bald war sie allein auf dem geteerten Weg, der an einem Wäldchen vorbei bis zur Neustadt führte. Links ging es durch ein schmiedeeisernes Tor in den Friedhof, rechts zweigte der Weg Richtung Tal ab und verlief ein gutes Stück durch den Wald, vorbei an einem Fitnessparcours und zwei Schaukeln. Selbst bei Tag wirkte der schmale Pfad alles andere als anheimelnd. Ein Graben trennte den Weg vom Wald, das Gelände stieg dahinter an, Gestrüpp und Brombeerverhaue bildeten tausenderlei Verstecke.
   Weiter oben lagen Findlinge verstreut, groß genug um sich dahinter zu verbergen. Auf der Mitte der Strecke schien ein Stück wie aus dem Wald herausgefräst, dort stand ein Transformatorenhäuschen, besprüht mit Graffiti und umgeben von Kies. Gegenüber rostete ein Fahrradskelett vor sich hin. Die Reifen waren längst verschwunden, die Felgen standen ab.
   Zehn Meter weiter informierte eine Plakatwand darüber, wie wichtig es war, den Wald zu schützen. Sie bot gleichzeitig eine gute Möglichkeit, jemandem aufzulauern, denn sie reichte fast bis zum Boden. Darunter wuchs Gras.
   Carolyn umrundete die Plakatwand. Waldboden. Schwer zu sagen, ob hier jemand gestanden hatte. Sie sah auf ihre Fußabdrücke – unscharfe Vertiefungen, in denen sich das Profil der Sohlen nicht abzeichnete. Kurz bevor der Weg in die Walter-von-Leiske-Straße einmündete, entdeckte Carolyn ein weiteres Fahrrad. Es war achtlos in den Graben hinter der Bushaltestelle geworfen worden, verdeckt von hohem Gras.
   Es gehörte Dr. Wagenblass. Ein gut gepflegtes Herrenfahrrad mit dunkelgrüner Lackierung, vorschriftsmäßiger Beleuchtung und Reflektoren, einer dunkelgrünen Satteltasche und einer Klingel im Retrolook.
   Carolyn wuchtete es aus dem Graben, klemmte ihren Ranzen hinter dem Sattel fest und schwang das Bein über die Stange. Sie musste im Stehen fahren, weil der Sattel viel zu hoch eingestellt war.
   Vierzehn Minuten später schob sie es durchs Gartentor der Nummer drei, lehnte es an den gewohnten Platz und klingelte an der Haustür.
   Natürlich machte er nicht auf.
   Er war irgendwo am Friedhof und würde Augen machen, wenn sein Rad weg war.

Am Abend erschien eine Suchmeldung für Anneli auf Facebook. Jede Nachrichtensendung im Radio bat um Mithilfe und erneut knatterten Hubschrauber über dem Tal.
   Eine Staffel Hunde wurde eingesetzt. Polizisten liefen in breit gezogenen Reihen über die Felder.
   Anneli wurde nicht gefunden.
   Auch nicht ihre Schultasche oder irgendein Gegenstand, den man ihr hätte zuordnen können.
   Carolyns Vater kam spät. Er entkorkte eine Flasche Cabernet, nahm ein besonderes Glas aus dem Schrank, das es angeblich erlaubte, das Aroma viel differenzierter wahrzunehmen, und beklagte sich in aller Ausführlichkeit über die Straßensperren und Umleitungen. »Alles wegen des toten Mädchens – wie war der Name?«
   »Almira Beiling.«
   »Nein, nicht die. Anneliese oder dergleichen.«
   »Anneli ist verschwunden. Ob sie tot ist, weiß man nicht.«
   Ihr Vater schnalzte. »Was sonst könnte sie sein?«
   Carolyn seufzte. Sie glaubte selbst nicht, dass Anneli noch am Leben war. »Ihr Freund und die Familie haben noch Hoffnung.«
   »Schöne Hoffnung.« Er schaltete den Fernseher ein. »Deine Mutter kommt heute später. Ich esse nichts mehr. Ich bin bei einer Imbissbude vorbeigekommen und habe eine Currywurst gegessen – aus reiner Sentimentalität. Wie in meiner Studentenzeit. Jetzt habe ich Sodbrennen. Das ganze Fast Food hat der Teufel gesehen. Und du gehörst ins Bett. Ab, junge Dame!«
   Carolyn konnte nicht schlafen. Unten sprach ihr Vater mit jemandem. Dabei war doch niemand gekommen. Sie schlich barfuß die Treppe hinunter. Natürlich. Er telefonierte. Sie kehrte ins Zimmer zurück, aber seine wütende Stimme hielt sie über eine Stunde wach.

Am nächsten Tag wurde in der Schule wieder Konzentration erwartet. Das Thema Anneli rückte aus dem Fokus, denn eine besonders harte Grammatikarbeit stand an.
   Auf dem Heimweg zeigte sich Leo ungewohnt anhänglich und hakte sich bei Carolyn unter. »Ich habe Angst. Ganz sicher bin ich die Nächste.«
   »Was für ein Schwachsinn. Warum solltest du das sein?«
   »Weil ich ihn gesehen habe.«
   »Würdest du ihn wiedererkennen, wenn du ihn irgendwo triffst?«
   Leo nickte heftig. Zu heftig. »Natürlich würde ich dieses Schwein erkennen. Er ist so … gruslig!«
   »Was hat er für eine Frisur?«
   Leo hob die Schultern. »Weiß nicht. Dunkel irgendwie. Und so ein dunkler Mantel. Ganz lang, fast bis zum Boden. Und drunter … gar nichts.«
   Carolyn sah sie von der Seite an. »Bist du dir da sicher?«
   »Klar. Die reißen ihren Mantel auf und drunter haben sie nichts an. Das weiß jeder.«
   Carolyn verkniff sich den Kommentar, der ihr auf der Zunge lag. »Warum gehst du eigentlich nicht mit Nico heim? Dann wärst du hundert Prozent sicher.«
   Leo blinzelte und im nächsten Augenblick begann ihr, violett und schwarz das Augen-Make-up über die Wangen zu rinnen.
   Carolyn drückte Leos Arm fester, um sie zu trösten. Fragen musste sie nichts. Leo würde kaum lange mit ihren Gefühlen hinter dem Berg halten.
   Es dauerte ungefähr dreißig Sekunden.
   »Es ist so … unfair.«
   Carolyn nickte tröstend.
   »Es ist so gemein! Ich hab doch nichts gemacht.«
   »Gemacht?«
   »Ich hab Andy nur eine SMS zum Geburtstag geschickt. Das war echt alles.«
   »Aha!«
   »Du glaubst mir nicht. Es ist aber wahr. Nur die SMS. Und jetzt ist Nico stinksauer.«
   »Was hast du Andy denn geschrieben?«
   Das wollte Leo dann doch lieber nicht sagen. Carolyn seufzte. Leo mochte es, umschwärmt zu sein. »Und jetzt?«
   Leo schniefte, entzog Carolyn den Arm und schnäuzte sich in ein zerknäultes Papiertaschentuch. »Er hat Schlampe zu mir gesagt. Schlampe! Das sagt er nur einmal! Er braucht gar nicht mehr angekrochen zu kommen.« Sie heulte auf, presste das Papiertaschentuch gegen die Nase und ruinierte die Kappen der weißen Sportschuhe, indem sie der Hauswand Tritte verpasste.
   Carolyn fasste sie am Arm und zog sie weiter, um sie nach Hause zu bringen.
   Leo schüttelte sie an der Kreuzung ab. »Meine Eltern dürfen das nicht mitkriegen.«
   Carolyn gab sich Mühe, mitfühlend zu wirken, obwohl sie Leos Verhalten ebenso peinlich wie theatralisch fand. »Hör mal, du weißt doch bestimmt, was Anneli gemacht hat, bevor sie verschwunden ist.«
   »Gemacht? Sie hatte den gleichen Stress mit Andy. Er hat behauptet, sie würde mit Steffen rummachen. Stimmt sogar. Die beiden haben auf der Treppe geknutscht – wo es vom Kiosk runter ins Tal geht. Das haben wir alle gesehen. Sie hatte die Schnauze voll von Andy, weil er sich schon lang keine Mühe mehr gibt. Kommandiert sie nur rum. Sie haben sich regelrecht angeschrien. Er hat rumgebrüllt, dass sie ihn verarscht. Und dann ist sie ab und nicht nach Hause gekommen.«
   »Wo kann sie hingegangen sein? Zu wem wäre sie gegangen?«
   »Weiß ich nicht. Sie wollte Steffen anrufen, damit er ihr hilft und Andy ein bisschen aufmischt. Damit er’s mal kapiert.«
   »Und? Hat sie ihn erreicht?«
   »Woher soll ich das wissen? Sie konnte ja nichts mehr erzählen.« Leo schniefte nochmals. »Und genauso wird es mir gehen. Du wirst sehen!«
   Carolyn lächelte. »Vielleicht irrst du dich und ich bin die Nächste.«
   Leo musterte sie verblüfft. »Du? Wieso? Wer würde dich umbringen?«
   Das hieß ganz klar, dass Carolyn für einen Lustmörder nicht attraktiv genug war. »Wir werden es sehen. Ich gehe jetzt einkaufen. Heute Abend muss ich Cordon bleu auf den Tisch bringen. Das macht viel Arbeit.«

Diese dämliche, dumme, vollkommen bescheuerte Kuh!
   Als Zeugin vollkommen unbrauchbar. Unmöglich, dass der Mann am Friedhof nichts unter dem Mantel angehabt hatte. Das hätten Nico und Jason garantiert als Erstes erzählt. So schnell hätte er sich nicht anziehen können. Leo hatte womöglich schemenhaft jemanden am Wegrand gesehen und sich den Rest ausgedacht. Vielleicht war Dr. Wagenblass umsonst vermöbelt worden. Möglicherweise hatte er tatsächlich nichts gemacht.
   Aber weshalb hatte er so schuldbewusst reagiert?
   Er war ein psychisch kranker Mann.
   Nein, dumm anzunehmen, dass er aus reinem Pech unter die Räder gekommen war. Warum wollte sie, dass er sich als unschuldig herausstellte? Weil er nett war? Weil sie das Buch zurückbringen wollte?
   Carolyn kaufte die Zutaten für das Cordon bleu und ließ sich vom Metzger versichern, dass das Fleisch zart war. Zu Hause las sie vorsichtshalber im Kochbuch nach, wie lange und auf welcher Stufe man es braten musste, und kochte den Blumenkohl vor.
   Sie konsultierte die Küchenuhr, holte das Buch aus dem Ranzen und brach zum Bechtwald auf.

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