Halluzinogene Drogen in der Krypta eines Doms in Deutschland? Der Chemiker Dr. Rick Roth bekommt von einem Schulfreund ein Päckchen mit berauschenden Substanzen zugeschickt und kann zuerst nicht glauben, woher diese stammen sollen. Nach einem Selbstversuch sowie einem nächtlichen Ausflug zu einer rätselhaften Säule in der Domkrypta beschließt Rick jedoch, zusammen mit seinem Freund die Hintergründe zu untersuchen. Ihre Nachforschungen entwickeln sich zu einem gefährlichen Abenteuer, bei dem ein ehemaliger Kollege von Rick ums Leben kommt. Als eine mysteriöse Schönheit ihn um Hilfe bittet, steckt Rick bereits tief in einer Verschwörung, deren Ausmaß er nicht einmal erahnen kann …

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ISBN: 978-9963-53-308-4

Seiten: 400

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Adrian Canis

Adrian Canis
Adrian Canis hat in München Biologie studiert und arbeitet seither in der biomedizinischen Forschung und Entwicklung. Wenn er nicht gerade Fachartikel verfasst oder Projekte betreut, schreibt er am liebsten Thriller und Kurzgeschichten. Forschungsreisen und Expeditionen in teils entlegene Winkel der Welt sowie aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse inspirieren ihn zu Thrillern um Wissenschaft und Verschwörungen, die sich erschreckend nah an der Realität bewegen.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Mit einem Ruck zogen sich die Glieder der Eisenkette um Ricks Hals zu. Er versuchte, die Finger zwischen seine Haut und die Kette zu schieben, um sich wieder Luft zum Atmen zu verschaffen. Verzweifelt zappelte er hin und her, während ihm das Blut in den Kopf schoss. Alles um ihn herum verschwamm, und er baumelte mit seinen Beinen hin und her. Er hatte kaum Schmerzen, dafür empfand er umso mehr Hoffnungslosigkeit angesichts seiner Lage. Jeden Moment würde er ohnmächtig werden und kurz darauf wäre alles vorbei.
   Nichts geschah, und Rick hing weiter in der Luft.
   Warum starb er nicht?
   Sein Verstand schwankte zwischen Verzweiflung und Verwirrung, als plötzlich ein ekelerregender Geruch die Luft durchzog, und er heftige Schmerzen in seinen Beinen wahrnahm. Mit Entsetzen realisierte Rick, dass der Gestank von seinen Beinen herrührte. Er hing über einem Meer aus Flammen, und seine Beine hatten Feuer gefangen, weshalb es nach verbranntem Fleisch roch. Rick keuchte auf. Über seine Wangen liefen Tränen, aber bereits nach wenigen Sekunden vertrockneten sie durch die glühende Hitze unter ihm. Ein Lachen wie Donnergrollen ließ Rick erzittern. Vor seinem verschwommenem Blick tanzte eine verzerrte Fratze mit Hörnern in den Flammen und verhöhnte ihn.
   »Du kannst jammern, soviel du willst. Eine Ewigkeit voller Qualen wartet auf dich.«

Rick schlug seine Augen auf. Endlich. Er richtete seinen Blick an die Decke, noch orientierungslos und nicht ganz wach. Übelkeit und dumpfe Schmerzen, die seinen Kopf bis in jede Ecke ausfüllten, hatte er bereits unzählige Male am Morgen nach einer durchzechten Studentenparty erlebt, nur nicht annähernd so schlimm.
   Noch immer keuchte er. Er war schweißgebadet, und sein Brustkorb zuckte auf und ab, als wollte er sich mit aller Macht gegen einen unsichtbaren Feind stemmen.
   »Was für ein verdammter Albtraum.« Er sog tief Luft durch die Nasenlöcher ein und pustete sie erleichtert aus. Langsam normalisierte sich sein Herzschlag, und er wurde ruhiger.
   Die Worte hallten eigenartig. In Ricks vernebeltem Verstand dämmerte es, dass dies nicht die Akustik seiner Dachgeschosswohnung im New Yorker Stadtteil Queens war.
   »Egal, was für einen Albtraum du hattest«, tönte es aus einer dunklen Ecke des Zimmers, »er kann nicht so extrem gewesen sein wie die Lage, in der wir stecken.«
   Rick blickte in die Schwärze. Das war die Stimme seines Freundes Thomas.
   »Das ist schon Ironie des Schicksals. Man wacht endlich aus einem Albtraum auf, nur um festzustellen, dass die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist.«
   In Thomas’ Stimme schwang höhnische Verzweiflung mit.
   »Was? Was redest du da?« Rick war inzwischen hellwach. »Verdammt, was ist los, wo bin ich überhaupt?« Er wollte sich mit der rechten Hand durch sein schweißnasses Haar fahren, doch ein stechender Schmerz im Handgelenk hielt ihn davon ab. »Au, Scheiße, ich hänge fest.« Ein eisernes Band an seinem Unterarm grub sich tief in seine Haut, als er weiter daran zerrte.
   »Streng dich nicht an. Ich denke, dass sie dich genauso gut festgemacht haben wie mich, und obwohl ich eine Ewigkeit lang versucht habe, loszukommen, rührt sich nichts.« Thomas klang ruhig und erschöpft. »Wir sind angekettet, an den Beinen und an einem Arm. Immerhin haben sie uns damit eine Hand freigelassen, wahrscheinlich, damit wir uns an der Nase oder am Sack kratzen können. Die sind vielleicht doch keine Unmenschen.« Thomas brach in irres Gelächter aus.
   »Was redest du da? Was ist los? Und noch mal, wo sind wir?« Ricks Augen gewöhnten sich langsam an das Dämmerlicht. Etwa fünf Meter von ihm entfernt lag Thomas in einer sicherlich unbequemen Position auf einem stählernen Tisch. Er war mit Manschetten, an denen sich kurze Ketten befanden, am Tisch fixiert. Durch ein quadratisches Fenster in einer Tür fiel ein wenig Licht in den gekachelten Raum, der Rick im Zwielicht spontan an die Großküche einer Unimensa erinnerte.
   »Verdammter Mist!« Er blickte an sich hinunter und stellte fest, dass er sich in der gleichen aussichtslosen Situation befand. »Ich hätte wissen müssen, dass das schiefgeht, als du mich am Telefon überredet hast, mitzumachen. Das gibt immer riesigen Ärger. Jetzt hast du dich aber übertroffen. Herzlichen Dank, Kumpel. Das lässt sich eindeutig nicht mit einem Kasten Bier aus der Welt räumen.« Rick unterdrückte einen leichten Brechreiz. »O Mann, ich fühl mich hundeelend. Womit hab ich das nur verdient?« Er atmete tief durch, als ihm etwas einfiel. »Wo ist Lucy? Ist sie auch hier? Wir waren alle zusammen, soweit ich mich erinnere, oder? Wie lang sind wir schon hier drin?«
   »Lucy ist nicht da, und das ist auch besser so. Zu dem Thema muss ich dir noch was sagen, aber eins nach dem anderen. Ich würde sagen, wir sind seit ungefähr einem guten Tag in diesem Raum, und das, ohne dass sich irgendjemand gezeigt hätte. Geschweige denn, dass man uns was zu essen oder zu trinken gebracht hat. Aber ich bin froh, dass du wach bist. Hab schon befürchtet, dass du einen bleibenden Dachschaden davon getragen hast und bis an dein Lebensende nur noch sabberst.«
   »Bleibender Dachschaden?«
   »Du bist auf den Kopf gefallen, und das meine ich ausnahmsweise wörtlich.« Thomas machte eine Pause, wohl, um eine Reaktion auf sein – in dieser Situation unpassendes – Wortspiel abzuwarten, doch Rick antwortete nicht. »Du hast einen Tritt bekommen, der dich die Treppe runterbefördert hat«, fuhr er fort. »So circa zwanzig bis dreißig Steinstufen, nicht gerade ein Spaziergang.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist ein Wunder, dass du noch lebst. Hast danach aus einer Platzwunde geblutet wie ein kopfloses Huhn aus dem Hals.«
   Rick befühlte seinen Hinterkopf und betrachtete seine Finger. Das, was er intuitiv als schweißnasses Haar gedeutet hatte, war Blut. Das meiste war bereits festgetrocknet und hatte ihm offenbar ein Styling verpasst, das man nicht einmal durch extrastarkes Haargel bekommen hätte. Vermutlich hatte sich die Platzwunde durch seinen unruhigen Schlaf und das ständige Hin- und Herwälzen seines Kopfes nicht richtig schließen können und sorgte an mehreren Stellen für Nachschub an frischem Blut. In Ricks Nacken hatte sich auf dem Stahltisch bereits eine klebrige Pfütze gebildet.
   »Au, mein Schädel.« Ein dumpfes Brummen machte sich in seinem Kopf breit, während er fieberhaft versuchte, sich die Bilder seines Sturzes wieder ins Gedächtnis zu rufen. »Wer hat mich die Treppe runtergestoßen?«
   »Bis zu welchem Zeitpunkt kannst du dich denn erinnern?« Thomas drehte den Kopf zu ihm.
   »Weiß nicht, ich sehe eine Burg und viele Menschen vor mir. Und einen Fluss.« Er stockte und überlegte. »Lourdes! Wir sind nach Lourdes in Frankreich gefahren. Mit dem Auto, wir drei. Du, Lucy und ich. Ich glaube aber, das war es erst mal. An mehr erinnere ich mich nicht.«
   »Das ist gar nicht schlecht. Ich würde sagen, das war etwa vierundzwanzig Stunden vor deinem Salto Brachiale. Zu dem Zeitpunkt hast du wohl nicht geahnt, wer dich später ungeniert abschmieren lassen würde.« Thomas machte eine kurze Pause. »Das war Lucy. Und zwar mit Absicht.«
   Ricks Kinnlade wäre wohl nach unten geklappt, wenn er nicht bereits gelegen hätte. Er hatte Lucy bei ihrem Zusammentreffen vor einigen Tagen vollkommen falsch eingeschätzt. Rick konnte seine Fassungslosigkeit schwer verbergen. Bevor er etwas von sich geben konnte, fiel auf einmal mehr Licht durch das Glasfenster der Tür in den Raum. Er nutzte die zusätzliche Helligkeit, um sich umzusehen, soweit seine körperliche Position, sein pochender Schädel und der Schock es zuließen. Der Raum, den er anfänglich als Großküche eingestuft hatte, erschien jetzt in einem anderen Licht. »Das sieht aus wie ein Labor mit Käfigen«, flüsterte er. Thomas ließ seinen Kopf auf den Stahltisch zurücksinken, als wollte er nicht sehen, wer vermutlich gleich hereinkommen würde.
   Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet, und ein alter Mann in schwarzem Anzug trat ein. Kurz darauf wurde die Flügeltür von zwei riesenhaften Männern in weißen Kitteln weit aufgestoßen. Einer der beiden schaltete das Deckenlicht an, während sich der andere neben dem alten Mann postierte, wenige Meter von Rick und Thomas entfernt. Das grelle Licht der Neonröhren stach Rick in den Augen, und er blinzelte.
   Der Alte musterte Rick stumm und würdigte Thomas keines Blickes. »Wir haben auf unseren Kameras gesehen, dass Sie jetzt vielleicht bereit sind, uns bei unserer Suche zu unterstützen.« In der Stimme des alten Mannes schwang ein markanter französischer Akzent mit.
   Rick ärgerte sich über seine Naivität und Sorglosigkeit. Kameras? Natürlich. Wahrscheinlich sogar mit Wärmebildfunktion oder Restlichtverstärker. Mikrofone gab es sicherlich auch, und dann wussten sie, was er wusste. Andererseits war das nicht gerade viel.
   »Würden Sie das für uns tun? Uns bei der Suche nach der Lösung helfen, Herr Roth?«, wiederholte der Greis seine Bitte und lächelte, aber es war ein Lächeln, das keineswegs freundlich war. Es schien eher wie das Lächeln einer Spinne, wenn diese merkte, dass ihr eine Fliege ins Netz gegangen war.
   Der Alte sprach wohl nur im Plural von sich oder einer Gemeinschaft, der er angehören mochte. Abgesehen davon hatte Rick keine Ahnung, was er sagen sollte. Sollte er nach dem Namen des Mannes fragen? Oder behaupten, er wisse nicht, worum es ginge? Was nebenbei der Wahrheit am nächsten kam.
   Er warf einen hilflosen Blick zu Thomas, der eigenartigerweise völlig ruhig und mit geschlossenen Augen dalag und entspannt ein- und ausatmete. »Ich weiß nicht.« Es schien endlos lange zu dauern, bis er bei nicht angekommen war. Obwohl Rick dem alten Mann ansah, dass das nicht war, was er hören wollte, wiederholte er es.
   »Wie enttäuschend. Sie wurden uns aufs Wärmste für diese Aufgabe empfohlen, Herr Roth, aber unsere Erwartungen haben Sie bisher nicht erfüllt. Dann können wir Ihnen natürlich nicht den Gefallen tun, Sie als bevorzugten Gast zu behandeln, aber seien Sie beruhigt, auch für diesen Fall haben wir vorgesorgt.« Der Alte wandte sich Thomas zu. »Wir werden auf andere Weise zu mehr Erkenntnissen gelangen.«
   Thomas öffnete die Augen, ohne dem Greis den Kopf zuzuwenden, sagte aber nichts. Rick sah sich die Szene unbewegt an.
   Nach einem Moment, der Rick wie eine Ewigkeit vorkam, wandte sich der Alte von ihnen ab und ging auf seine Begleiter zu.
   Im Augenblick sah es nicht gut für sie aus. Meistens, wenn die Bösen in einem Kinofilm so eine Geheimniskrämerei gegenüber ihren hilflosen Opfern betrieben, passierte etwas, das man nur mit einem Dampfstrahler und einer Menge Scheuermittel beseitigen konnte. Ein Gedanke, der sich nicht leicht ausblenden ließ. Während Thomas noch immer regungslos dalag, machte sich Panik in Rick breit. Es hatte etwas gedauert, bis er nach seinem Erwachen die Situation voll und ganz in sich aufgenommen hatte, aber inzwischen gab es bezüglich ihrer Lage ein eindeutiges, rationales Fazit seiner linken Gehirnhälfte: ausweglos.
   »Lasst ihnen ein paar Minuten, falls sie ihre Meinung noch ändern. Wenn nicht, gebt ihnen etwas zu trinken.«
   Rick war überrascht und zugleich erleichtert über diese Anweisung, und sein seit der Ankunft des Alten verkrampfter Oberkörper lockerte sich etwas.
   »Stellt sicher, dass die beiden komplett austrinken. Die letzten Minuten in ihrem Leben wollen wir ihnen schließlich so angenehm wie möglich machen. Ihr wisst, was danach zu tun ist.« Mit diesen Worten ging der Alte langsam und ohne sich umzudrehen hinaus.

Kapitel 1
New York City, USA, 1. März 2010 – einige Wochen zuvor

»Hey Chef, ich hab die Ergebnisse. Müssten inzwischen in deinem E-Mail-Postfach sein.«
   Ben, Ricks Doktorand, hielt sich mit einem Arm am Türrahmen des Glaskastenbüros fest, das Rick sein berufliches Zuhause nannte. Wie Aquarien in einer Zoohandlung reihten sich im Bürotrakt des Instituts an der New York University fünf dieser Glaskästen aneinander, darin saß je ein Leiter einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe mit seinem Schreibtisch. Durch die deckenhohen Regale, in denen sich Berge von Zeitschriften, ausgedruckten Manuskripten und Aktenordnern befanden, ergab sich ein Sichtschutz zwischen den Glaskästen. Ein unscheinbares Schild an der offen stehenden Glastür zu Ricks Abteil wies ihn als Rick Roth, Ph.D., Leiter der Bioanalytik aus. Der Platzmangel war auch an den privaten Unis zu einem immer größeren Problem geworden. Eigentlich war es weniger ein absoluter Mangel an Platz und mehr ein Gerangel zwischen den Instituten und Arbeitsgruppen um den Anteil an verfügbaren Räumen, der ihnen ihrer Meinung nach zustand. Das zwang in den weniger einflussreichen Fachbereichen und Instituten die Gruppenleiter dazu, sich in ihrem Raumbedarf einzuschränken, um zusätzliche Laborflächen zu schaffen. Daran hatte sich Rick gewöhnt, aber dass sein Bürokasten der erste in der Reihe war, nervte ihn seit Langem gehörig. Er hatte es als eine Art Privileg gedeutet, als ihm Stanley Fisher, der Institutsleiter, der sich kurz vor seiner Pensionierung nicht mehr um viel scherte, das erste Büro angeboten hatte. Schon am Ende des ersten Arbeitstages wurde Rick klar, dass er ihn reingelegt hatte. Am ersten Büro kamen alle vorbei, die zu den anderen Büros wollten. Jeder – Gruppenleiter, Doktoranden, wissenschaftliche oder technische Assistenten, Vertreter und Besucher – sah beim Vorbeigehen zu ihm ins Büro herein. Auch bei geschlossener Glastür gab es keinerlei Privatsphäre für Rick. Nachdem ihm das Bekleben der Glastür mit Pin-up-Bildern offiziell verboten wurde, hatte er aus Frustration über die schlechte Lage seines Büros eine Art krampfhaften Exhibitionismus entwickelt, um wenigstens die neugierigen Blicke zu quittieren. Er setzte sich meist breitbeinig in Richtung Tür auf seinen Stuhl und fing an, Grimassen zu schneiden, sobald er Schritte aus der Richtung der Eingangstür zum Bürotrakt hörte. Das konnte zwar eine recht anstrengende Angewohnheit sein, aber es verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung. Rick hatte erwartet, durch sein Verhalten gegenüber den Studenten, Doktoranden und Kollegen an Autorität einzubüßen. Er hatte das sogar in Kauf genommen, aber es war überraschend einfach, sein absurdes Verhalten durch fachliche Kompetenz auszugleichen.
   Ben hatte ihn gerade in solch einem entgleisten Moment erwischt. Rick war dabei, sich zwei Bleistifte in die Nasenlöcher zu stecken, doch Ben ließ sich davon längst nicht mehr aus der Ruhe bringen. Die vergangenen zwei Jahre hatte er die eigenartigsten Verhaltensweisen bei Rick beobachten müssen, und darunter war die Bleistiftnummer wirklich nicht die witzigste.
   Rick zog die Bleistifte aus der Nase, rollte das feuchte Ende auf einem Manuskript einer konkurrierenden Arbeitsgruppe ab und versuchte sich dabei nicht anmerken zu lassen, dass er enttäuscht war, Ben nicht mehr aus der Fassung bringen zu können. Immerhin gab es Grund zur Freude über die zuverlässige Ausführung der Analyse durch seinen besten Doktoranden. »Okay, super! Danke, ich sehe mir das gleich an. Was ist dein erster Eindruck?« Rick wusste, dass die Analyse, die Ben für ihn durchführen sollte, anspruchsvoll war, aber es interessierte ihn, ob er zu einem eindeutigen Ergebnis kommen konnte.
   »Wenn du mich fragst, ist in dem Beutel eine Mischung aus einer pflanzlichen, halluzinogenen Droge und vielleicht neun oder zehn künstlich hergestellten Substanzen. Ach ja, und natürlich enthält sie jede Menge Mineralien als Verunreinigung.« Ben klang selbstbewusst.
   »Mineralien?«, fragte Rick.
   »Ja, Mineralien. Man könnte auch Dreck dazu sagen. Ich habe die gelösten Substanzen in den Kühlschrank neben dem Chromatographen gestellt, wenn du sie noch begutachten willst. Ich muss jetzt nämlich los. Wir sehen uns morgen.« Ben verschwand den Gang des Bürotraktes hinunter und ließ Rick mit dem vorläufigen Fazit und den detaillierten Ergebnissen, die in seinem Postfach warteten, zurück. »Danke und Ciao«, rief er Ben hinterher. Es war bereits nach acht Uhr abends, aber Rick musste sich die Ergebnisse ansehen, bevor er nach Hause gehen konnte. Erst recht nach der vagen und leicht widersprüchlichen Aussage von Ben.
   Rick öffnete den Anhang von Bens E-Mail und sah sich die Analyseergebnisse einige Minuten lang an. Mit wenigen Klicks glich er Bens Resultate mit der ChemSpider Internet-Datenbank ab, in der Millionen von chemischen Substanzen mit ihren Eigenschaften vermerkt waren. Rick rieb sich die Schläfen.
   Das konnte nicht wahr sein. Das durfte nicht wahr sein.
   Er öffnete eine Schublade seines Schreibtisches. Darin befanden sich etwa zwanzig leere Red Bull-Dosen, die ein Beleg für seinen exzessiven Konsum an koffeinhaltigen Getränken waren. Unter all den Dosen kramte Rick einen altmodisch aussehenden Schlüssel hervor und ging kopfschüttelnd aus seinem Glaskasten hinaus, hinüber in den Labortrakt des Instituts für Organische Chemie. Im Vorbeigehen warf er sich seinen Laborkittel über, etwas, das er äußerst ungern und selten tat, weil man darunter unglaublich schwitzte. Im Labor angekommen, steuerte er zielstrebig auf die Abstellkammer zu. Im Inneren der Kammer befand sich ein in die Wand eingelassener Tresor, den er öffnete. Nachdem er sich kurz einen Überblick verschafft hatte, griff er sich eine Reihe von kleinen Fläschchen und schloss den Tresor. Diese Referenz-Substanzen würden ihm Klarheit bringen. Sie wurden streng unter Verschluss gehalten, weil sie allesamt starke Gifte, schwere Betäubungsmittel oder psychoaktive Drogen waren.
   Vor mehr als zwanzig Jahren, lange bevor Rick sein Studium der Chemie begonnen hatte, waren diese Substanzen offen in den Chemikalienschränken des Instituts aufbewahrt worden. Damals kam es zu einem organisierten Selbstmord zweier Doktoranden. Sie besorgten sich aus dem Schrank eine Überdosis Betäubungsmittel und legten sich in der Handbibliothek des Instituts an einem kühlen Herbstabend gemeinsam zur ewigen Ruhe. Der Nachtwächter fand sie am darauffolgenden Morgen. Zuvor war versucht worden, den zwei einst hoffnungsvollen Nachwuchsforschern einen wissenschaftlichen Betrug anzuhängen, mit dem sie kaum etwas zu tun hatten. Die Situation war aussichtslos, denn von der Universitätsleitung abwärts waren alle gegen sie. Man hatte sie als Opfer auserkoren, und als solche wollten sie enden. Um Selbstmorde zumindest zu erschweren, ermöglichte die New York University seit dieser Zeit nur noch den Gruppen- und Institutsleitern den Zugang zum Vorrat dieser Substanzen. Abgesehen davon, dass es in den USA inzwischen strengere Auflagen für den Umgang mit diesen Substanzen in wissenschaftlichen Einrichtungen gab.
   Rick löste die pulverisierten Referenz-Substanzen in kleinen Fläschchen in etwas Flüssigkeit auf und spritzte sie der Reihe nach in den Chromatographen ein. Die Wartezeit, die jetzt folgte, war ihm die Sache wert. Er musste wissen, um was es sich bei dem Gemisch aus dem Beutel handelte.
   Von seinem Schulfreund Thomas hatte Rick vor knapp zwei Wochen ein Päckchen aus Deutschland bekommen, mit der Bitte, den Inhalt des Plastiktütchens zu analysieren. Das Päckchen kam in Ricks privater Wohnung in Queens an, und er hatte sich zuerst gewundert, dass keinerlei Absender ersichtlich war. Außerdem lag nur ein Notizzettel in der Handschrift von Thomas dabei, auf dem »Viel Spaß damit« geschrieben stand.
   Ein Anruf bei Thomas am nächsten Tag klärte zwar, dass er der Absender war und was er wollte, aber woher das Pulver stammte, wollte er Rick erst nach dem Ergebnis seiner Analysen mitteilen.
   Die Referenz-Substanzen waren inzwischen erfolgreich durch die Analyse gelaufen. Rick spritzte die gelösten Substanzen aus dem Beutel ein und wartete ab. Dabei lehnte er mit einem Arm am Gerät, als ihm ein beißender und leicht süßlicher Geruch in die Nase stieg. Er rollte mit den Augen, sah kurz an sich hinunter, lüftete eine Seite seines Laborkittels und wusste, woher der Geruch kam.
   Die vergangene Woche war anstrengend gewesen.
   Nach und nach baute sich der Verlauf einer Analysekurve auf dem Monitor auf. Nach kurzer Zeit, noch bevor die Analyse abgeschlossen war, sah sich Rick in seinem anfänglichen Verdacht bestätigt.
   »Thomas, du alter Idiot. In was bist du da reingeraten?« Rick schlug seinen Kopf ein paar Mal an die Wand neben dem Analysegerät und blickte auf die Uhr. Es war bereits nach zehn Uhr abends. Zeit, nach Hause zu gehen. Morgen war auch noch ein Tag. Rick plante, morgen vor allen anderen Mitarbeitern im Institut einzutreffen. Das war perfekt, um Thomas in Deutschland anzurufen. Zwischen New York und München lagen sechs Stunden Zeitunterschied. Fünf Uhr morgens sollte eine gute Zeit sein. Doktoranden waren nie vor neun oder zehn Uhr im Labor, und selbst die technischen Assistenten erschienen erst gegen sieben oder acht. Genug Zeit, um viele Fragen zu stellen.

Als Rick um kurz nach fünf Uhr am nächsten Morgen eintraf, war das Institut menschenleer und ruhig. Gelegentlich ertönte aus einem anderen Bereich des Gebäudes das Piepsen eines Gerätes, und die Kühl- und Gefrierschränke surrten auf den Fluren leise vor sich hin. Rick druckte die Ergebnisse der vergangenen Nacht aus und löschte die Daten auf dem Rechner, der das Messgerät steuerte. Er klickte sich durch die Verzeichnisse auf der Festplatte, bis er einen Ordner mit dem Namen Ben Kubisiak fand. Er löschte die Analysedaten, die sein Doktorand am gestrigen Nachmittag produziert hatte, und ging mit den Ausdrucken zu seinem Glaskasten im Bürotrakt.
   Rick ließ sich auf seinen Sessel fallen, holte einmal tief Luft und wählte Thomas’ Handynummer. Schon nach dem zweiten Klingeln meldet er sich erfreut. »Hey Rick, wie gehts dir, alter Aushilfsamerikaner?« Thomas benutzte diesen Ausdruck gelegentlich, um Rick zu ärgern und ihn daran zu erinnern, dass er nur einen befristeten Dreijahresvertrag als Gruppenleiter an der New York University hatte.
   »Oh, mir gehts gut, alter Kumpel, aber bei dir bin ich mir da nicht so sicher!« Er macht eine kurze Pause. »Du dumme Sau!« Rick brüllte, so laut er konnte. Nachdem er Luft geholt hatte, deckte er Thomas mit einer weiteren Ladung an Schimpfwörtern ein. Einige davon in Deutsch, aber viele besonders deftige in englischer Sprache. Das meiste hatte er sich aus den im amerikanischen Fernsehen veröffentlichten Telefonaten von Mel Gibson mit seinen verschiedenen Freundinnen und Bekannten abgeschaut.
   »Bist du eigentlich noch ganz dicht?«, fuhr Rick etwas entspannter fort, als er sich beruhigt hatte. »Schickst mir eine Ladung Drogen aus Deutschland in meine Privatwohnung, mit einem Zettel, auf dem steht Viel Spaß damit. Hast du sie noch alle? Es ist ein Wunder, dass das Zeug durch den US-Zoll und an den Drogenhunden vorbeigekommen ist. Du hättest uns ins Gefängnis bringen können. Dich nach Stadelheim und mich nach Sing Sing oder Rikers Island. Wobei du noch das bessere Los gehabt hättest, weil es dir nicht sieben Tage die Woche dreihundert Pfund schwere Crackdealer von hinten besorgt hätten. Du musst dir echt was einfallen lassen, um das zu erklären!«
   »Hey, alter Freund, kein Stress. Es ist gut gegangen, oder? Es tut mir leid, dass ich das riskiert habe. Ich hatte keine andere Wahl«, versuchte Thomas, ihn zu beschwichtigen. »Es war ja nur eine kleine Menge, und außerdem wusste ich nicht einmal, dass es wirklich drogenartige Substanzen sind. Das hatte ich bisher nur geahnt. Jetzt hab ich aber die Bestätigung und damit nachträglich eine gute Rechtfertigung, es nicht an die große Glocke zu hängen, sondern nur meinen alten Schulfreund einzuweihen.«
   »Woher hast du das Zeug?« Ricks Ton war immer noch fordernd.
   »Also das ist etwas kompliziert. Den Inhalt des Tütchens hab ich aus der Krypta im Dom von Freising, wo ich das Pulver aus einer Vertiefung im Steinboden unterhalb einer Säule herausgekratzt habe. Reicht dir das? Okay, soweit meine Infos. Und jetzt will ich wissen, welche Substanzen du in meinen Proben bestimmen konntest.«
   Rick konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass es Thomas amüsierte, ihm einen Bären aufzubinden. »Warte mal. Du willst mir nicht allen Ernstes erzählen, dass du die Substanzen in einer Kirche abgegriffen hast? Sorry, das glaub ich dir nicht. Da könntest du genauso gut behaupten, du würdest Maschinenpistolen im Kindergarten kaufen. Woher stammt das Zeug wirklich? Du dealst doch nicht damit, oder?«
   »Es ist genau so, wie ich es dir gesagt habe. Es stammt aus einer Kirche, und zwar aus dem Dom in Freising bei München. Das ist ja das Verrückte an der Sache. Ich hätte zuvor auch nicht gedacht, was in Deutschlands Gotteshäusern los ist.« Thomas klang glaubwürdig, aber auch hilflos. »Aber bitte, was genau hab ich da überhaupt gefunden, Rickylein?«
   »Ich bin nicht dein Rickylein, du Arschgesicht! Ich weiß immer noch nicht, ob ich dir das mit der Kirche wirklich glauben soll, aber das ist auch egal. Du bist an übles Zeug gekommen, so viel ist sicher. Ein Hauptbestandteil ist etwas, was der Fachmann als Ergotamin bezeichnet. Ergotamin kommt in der Natur in einigen Pflanzen und Pilzen vor. Besonders viel ist im sogenannten Mutterkorn-Pilz vorhanden, der manchmal auf Getreide wächst, wenn man es nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt.«
   »Okay, also eine natürliche Substanz? Auch gut. Die hat aber eigentlich nichts in einer Krypta zu suchen, oder?« Thomas war offenbar enttäuscht darüber, dass es nur ein Inhaltsstoff aus einem Pilz war.
   »Ja richtig, Ergotamin hätte in diesen Mengen absolut nichts in einer Krypta verloren. Wenn du es wirklich dort gefunden hast.« Rick gab sich keine Mühe, seine Skepsis zu verbergen. »Allerdings könnte man es folgendermaßen erklären: Eine solche Menge an Ergotamin könnte dann entstehen, wenn in der Krypta einmal größere Mengen Roggenmehl gelagert worden wären, die aus von Mutterkorn-Pilz verseuchtem Getreide gewonnen wurden.« Als Wissenschaftler versuchte Rick, eine plausible Erklärung für Thomas’ unglaubliche Entdeckung zu finden. »Das Phänomen kennt man seit dem Mittelalter. Wenn aus derart verseuchtem Mehl Brot gebacken wurde, kam es teilweise zu unheimlichen Wahnvorstellungen ganzer Dorfgemeinschaften. Ergotamin löst nämlich schon in ziemlich geringen Mengen halluzinatorische Zustände beim Menschen aus, die Stunden oder Tage anhalten können. Neben dem Ergotamin waren in dem Beutel noch eine Reihe weitere Substanzen. Soweit ich das bisher sagen kann, ist darunter Lysergsäurediethylamid, allseits bekannt und berüchtigt als LSD. Was nicht verwunderlich ist, denn LSD und Ergotamin sind nahe verwandte Substanzen. Aus Ergotamin kann man über einige Zwischenschritte künstlich LSD herstellen. Das LSD ist aber nur in kleinen Mengen vorhanden, das meiste sind andere Verbindungen, die von LSD aus weiterentwickelt und verändert wurden. Wenn du dir vor deinem geistigen Auge das LSD-Molekül vorstellen willst, wäre das eine Reihe aus vier unterschiedlich geformten Molekülringen mit einer verzweigten Molekülkette daran. Die anderen chemischen Verbindungen aus diesem Beutel beinhalten teilweise acht Ringe, mehrere Molekülketten an unterschiedlichen Stellen der Ringe oder eine Kombination aus allem.« Rick stellte die chemischen Hintergründe so allgemein verständlich dar, wie er konnte. Für Wissenschaftler wie ihn war es mitunter schwer einzuschätzen, welche naturwissenschaftlichen Kenntnisse man voraussetzen konnte, und was zu weit ging. Thomas’ BWL-Studium war ihm auf jeden Fall keine Hilfe.
   »Den genauen Aufbau und die Struktur der chemischen Verbindung kann ich zwar in der Kürze der Zeit nicht hundertprozentig sicher aufklären, aber so, wie ich das sehe, ist keine dieser Verbindungen bisher in den chemischen Datenbanken aufgeführt. Nur Ergotamin und das LSD sind seit Langem bekannt und ziemlich berüchtigt.«
   »Könnte man sagen, dass sich jemand seinen persönlichen LSD-Cocktail gebastelt hat?« Thomas klang selbst über die schlechte Mobilfunkverbindung aufgeregt.
   »Ich kann nicht sagen, mit welcher Absicht die Verbindungen hergestellt wurden. Es könnte theoretisch auch sein, dass sie sich im Laufe der Zeit durch Zerfalls- und Umlagerungsprozesse von allein aus dem LSD gebildet haben, aber das halte ich in dem Fall für unwahrscheinlich. Für mich sieht es aus, als wäre der Inhalt des Tütchens künstlich hergestellt worden, und zwar von jemandem, der wirklich wusste, was er tut.«
   »Volltreffer, mein Freund! Da sind wir was Großem auf der Spur«, stieß Thomas hervor.
   »Falsch, mein Freund. Du bist da vielleicht etwas auf der Spur. Etwas, dass dir eine große Karriere vor Gericht bescheren wird. Halt mich da bitte raus. Es reicht schon, was ich bisher getan habe. Ich hoffe, das findet niemand heraus, sonst holen mich hier ein paar nette Beamte vom amerikanischen Heimatschutz ab, und dann verschwinde ich in dem dunklen Loch, in das man ausländische Terrorverdächtige wirft. Willst du das?« Rick war noch beunruhigter, als er es sich vor Thomas anmerken ließ. Er war darauf angewiesen, dass Ben entweder nicht gemerkt hatte, was er untersuchen sollte, oder dicht hielt.
   »Nein, will ich natürlich nicht, alter Kumpel.« Thomas versuchte offenbar eine andere Strategie. »Du hast jetzt schon einiges gut bei mir, und ich danke dir, dass du das für mich getan hast. Ich dachte, du würdest gern an der Sache dranbleiben. Du bist doch ein Forscher durch und durch, und neugierig von Berufs wegen. Mein erster Gedanke war, du könntest vielleicht eine Publikation darüber schreiben, wenn wir herausgefunden haben, wie die Substanzen wirken, und ob man sie vielleicht als Medikament nutzen könnte. Damit wäre wahrscheinlich neben dem ganzen Ruhm sogar noch ein wenig Geld zu verdienen.«
   Thomas hatte Ricks wunden Punkt getroffen. Das Geld als Forscher an einer Uni war immer knapp, und es war heutzutage unglaublich schwer, etwas wirklich Neues zu veröffentlichen, seit Millionen von Asiaten in allen Bereichen der Forschung mitmischten. Publikationen waren nun einmal die Voraussetzung für jeden jungen Forscher, um seine zukünftigen Karrierechancen zu erhöhen.
   »Schon klar. Danke. Da hast du natürlich recht. Vielleicht ist das alles doch nicht so ernst. Die Proben sind inzwischen ja im Institut, und wir haben eine offizielle Erlaubnis, mit allen möglichen gefährlichen und zulassungspflichtigen Stoffen umzugehen. Jetzt, wo wir so weit sind, sollten wir vielleicht noch etwas weitermachen. Ich werde in Ruhe überlegen, ob einzelne Verbindungen dabei sein könnten, die man therapeutisch nutzen kann. Das wäre schon toll, wenn man sich zuerst ein Patent sichern und dann eine Veröffentlichung darüber schreiben könnte.«
   Etwas von Thomas’ verrückter Begeisterung war gerade auf ihn übergesprungen. Dass Thomas das immer wieder schaffte, lag daran, dass Rick und Thomas seit beinahe dreißig Jahren befreundet waren.
   »Kann man denn vorhersagen, wie diese Verbindungen beim Menschen wirken?«, fragte Thomas.
   »Für Ergotamin und das LSD gibt es Daten und Studien ohne Ende. Ergotamin hat eine halluzinogene Wirkung, kann aber auch bei der Geburtshilfe eingesetzt werden, weil es auf die Gebärmutter wirkt. Außerdem wirkt es gegen schwere Migräneanfälle. Nimmt man aber zu große Mengen, womöglich noch regelmäßig, zu sich, passiert noch etwas anderes. Man entwickelt das sogenannte St. Antonius-Feuer, bei dem einem die Gliedmaßen absterben und man aufgrund von Kreislaufversagen sogar den Löffel abgeben kann. Das hängt damit zusammen, dass durch das Ergotamin die Durchblutung stark eingeschränkt wird. Das Phänomen kennt man schon seit Hunderten von Jahren. Der heilige Antonius war der Schutzpatron für die an diesem Phänomen leidenden Vergifteten.
   Rick machte eine kurze Pause, um Thomas Zeit zu geben, das Gehörte zu verarbeiten und Zwischenfragen zu stellen.
   Thomas schien die Information zu Ergotamin so weit zu genügen. »Okay, das habe ich verstanden. LSD ist sogar mir bekannt. Da geht man auf einen ordentlichen Trip, oder?«
   »Genau. Die lang anhaltenden halluzinogenen Wirkungen von LSD sind gut untersucht, auch wenn ich persönlich keine Erfahrungen damit habe. Die Droge hat aber noch andere Seiten. LSD wurde schon 1938 von einem Chemiker namens Hofmann hergestellt, weil er nach einem neuen Kreislaufmittel suchte. In Tierversuchen hatte es jedoch nicht die erwünschte Wirkung. Die Tiere wurden einfach nur ziemlich unruhig während der Tests. Man führte aus Enttäuschung keine weiteren Experimente mehr durch. Erst etwa fünf Jahre später erinnerte sich Albert Hofmann daran, dass er bei der Herstellung von LSD leichte Halluzinationen gehabt hatte. Er hatte aus Versehen beim Arbeiten etwas LSD auf die Haut bekommen, und hatte später den Einfall, dass hierdurch die Halluzinationen hervorgerufen worden sein könnten. Er startete noch einmal einen gezielten Selbstversuch, nahm etwa ein Viertel Milligramm ein und schwang sich auf sein Fahrrad, um nach Hause zu fahren. Damals wusste er natürlich nicht, dass er eine zehnfache Überdosis genommen hatte. Nichts war bekannt, dass in so winziger Menge halluzinogene Wirkungen hatte. Er begab sich auf den extremsten Psychotrip, den man sich vorstellen kann. Dieser Tag, im Frühling des Jahres 1943, wird seitdem von LSD-Anhängern als »Fahrradtag« gefeiert, weil an diesem Tag die halluzinogenen Wirkungen von LSD entdeckt wurden. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren haben Ärzte und Wissenschaftler viel mit LSD experimentiert. Es wurde unter anderem zur Alkoholentwöhnung eingesetzt und für tiefenpsychologische Behandlungen und Experimente. Routinemäßig wurde es als Medikament verordnet, bis es 1971 in Deutschland verboten wurde.«
   Rick war während seines langen Monologs immer tiefer in seinen Schreibtischstuhl gesackt. Er nahm einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse, die seit gestern Abend auf seinem Schreibtisch stand. Der eiskalte, bittere Geschmack half ihm, trotz des frühen Morgens wieder aufrecht in seinem Stuhl zu sitzen.
   »Dass LSD mal als Medikament verordnet wurde, wusste ich nicht. Wie ist das mit der Abhängigkeit?«, meldete sich Thomas zurück.
   »Man wird nicht körperlich abhängig. Das ist auch der Grund, warum es heute als Rauschmittel für Drogenringe keine Rolle spielt. LSD führt nicht schnell genug zu treuen Kunden. Es macht zwar psychisch abhängig, aber viele LSD-Konsumenten reduzieren freiwillig mit der Zeit ihren Konsum oder stellen ihn ein. LSD ist keinesfalls harmlos, es muss sich aber in der Gefährlichkeit im Vergleich zu Kokain oder Heroin trotzdem geschlagen geben.«
   »Was ist mit den anderen künstlich hergestellten Substanzen aus meinem Beutel? Wie wirken die?«
   Rick rieb sich die Schläfe. »Keine Ahnung. Die könnten völlig harm- und wirkungslos sein. Oder extrem potent. Das kann man ohne Experimente nicht vorhersagen.«
   »Dann mach doch Experimente. Schnapp dir ein paar von euren Versuchsmäusen und beobachte, ob sie ausflippen oder genauso unruhig werden wie damals die Mäuse des Chemikers in den Vierzigerjahren.«
   »Das geht nicht so einfach. Jede Maus, die in den Tierställen an der Uni gehalten wird, ist beantragt worden und bereits für andere Experimente eingeplant. Ich müsste jede Menge Formulare ausfüllen, und es würde Monate dauern, die Genehmigung für Tierexperimente in einem neuen Projekt zu bekommen. Und jeder wüsste genau Bescheid, was wir da treiben.«
   »Gibt es keinen anderen Weg? Kannst du dieselbe Maus nicht für zwei Experimente benutzen?«
   Rick zögerte etwas mit der Beantwortung der Frage. »Tierexperimente zu machen, heißt in aller Regel nicht, den Mäusen den Bauch zu kraulen und zu protokollieren, ob und wie sie sich dabei vor Lachen anpinkeln. Die Mäuse enden nach den Versuchen normalerweise auf dem Rücken liegend auf der Laborbank, während ihnen die Organe für weitere Untersuchungen entnommen werden.«
   Thomas schluckte. »So was machst du?«
   »Nein, nicht ich. Die Drecksarbeit überlass ich natürlich den Doktoranden.« Rick lachte gehässig. »Aber ich fühle mich auch nicht wohl dabei. Ich versuche es nur dann so weit kommen zu lassen, wenn ich denke, dass es absolut keine Alternative gibt. Die meisten Experimente machen wir mit kultivierten, menschlichen Zellen und nicht mit Tieren.«
   »Keine Mäuse bedeutet also, dass wir nie herausbekommen werden, wie die Sachen wirken?«, fragte Thomas. Er klang enttäuscht.
   »Ich glaube, ich habe eine Idee. Ich verrate sie dir aber besser nicht, damit du nicht den Glauben an die korrekten Abläufe im Wissenschaftssystem verlierst.«
   »Okay Rick, ich verlasse mich ohnehin auf deine Kreativität. Du tust, was richtig ist. Ich danke dir noch mal, dass du dich wieder mal auf eine meiner verrückten Ideen einlässt. Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir. Jetzt muss ich aber gleich zu einem Termin mit einem Kunden. Hören wir uns wieder, wenn du neue Ergebnisse hast?«
   »Ja, tun wir. Ich muss die Neuigkeiten von heute erst verdauen und in einem ruhigen Moment überlegen, wie wir das weiter angehen. Eines würde mich aber noch interessieren: Wie bist du dazu gekommen, in einer Domkrypta den Dreck aus den Ritzen des Steinbodens herauszukratzen? Das ist doch nicht etwa eines deiner vielen kranken Hobbys?«
   »Das erzähle ich dir besser persönlich, wenn wir uns treffen. Nur so viel: Es war eine Menge Starkbier aus Weihenstephan im Spiel.«
   Nachdem Thomas aufgelegt hatte, atmete Rick tief durch. Was hatte er sich nur aufgeladen, zusammen mit Thomas dieser verrückten Sache nachzugehen?
   Wenigstens hatte Rick einen Plan für die Tierversuche. Er würde eine der Tierpflegerinnen, die für die Mäusezucht an der Uni zuständig war, fragen, ob es zufällig eine Überversorgung mit Nachwuchsmäusen gab. Mäuse hatten die Angewohnheit, sich zu vermehren wie die Karnickel, zumindest wenn man sie ließ. Mit dem hauseigenen Nachwuchs war der Bedarf der Institute an Versuchsmäusen meist mehr als gedeckt. Nach den Richtlinien musste jede überzählige Maus umgebracht werden. Ricks Idee war, mit viel Charme der Tierpflegerin ein oder zwei Dutzend Mäuse abzuschwatzen, bevor diese entsorgt wurden. Er würde die Nager auf einen Trip mit dem Pulver aus Thomas’ Beutel schicken und beobachten, was passierte. Für ihn würde es genügen zu untersuchen, wie sich die Mäuse verhielten, ob sich ihr Herzschlag erhöhte oder sich sonst etwas Auffälliges zeigte. Besonders war er daran interessiert, ob alle Mäuse die Verabreichung überhaupt überleben würden. Aufschneiden und opfern musste er sie nicht unbedingt.
   Er könnte die Mäuse nach einer oder zwei Wochen Beobachtungsdauer in einem besonders unkooperativen Nachbarinstitut freilassen. Diese spaßfreien Typen vom Institut für Toxikologie könnten mal wieder Nagerbesuch vertragen.
   Rick verließ seinen Glaskasten und ging in die Richtung des zentralen Tierstall-Gebäudes. Vielleicht waren dort schon die ersten Tierpflegerinnen zum Dienst erschienen.

*

Mark steckte aus dem fünften Glaskasten in der Reihe seinen Kopf hervor. Er hatte gewartet, bis Rick den Gang verlassen hatte, und atmete nun wieder etwas lauter. Die vergangenen zwanzig Minuten hatte er sich leise verhalten und zugehört.
   »Mein lieber Rick, was betreibst du denn wieder für Geheimprojekte?«, flüsterte Mark. Er kratzte sich am Kopf und fuhr sich durch seine fettigen Haare. Sein Erwachen an diesem Morgen war ungewöhnlich gewesen. Er musste bei der Korrektur einer Doktorarbeit an seinem Schreibtisch im Glaskasten eingeschlafen sein. Mark hatte geträumt, dass ihn Linda, eine seiner Doktorandinnen, auf eindeutige Weise verwöhnt hatte, wohl um bei der Bewertung ihrer Arbeit auf Nummer sicher zu gehen. Das war ein kurzer, aber schöner Traum gewesen, bis ihn der unsympathische Kollege aus Deutschland mit seinem Gebrüll aus dem Schlaf gerissen hatte. Was für ein Arschloch.
   Mark stammte aus Großbritannien und verstand einige Worte Deutsch, das er in der Schule gelernt hatte. Die Bedeutung dessen, was Rick mit jemandem am Telefon besprochen hatte, war Mark nicht vollständig klar, aber er hatte genug verstanden, damit sein Interesse geweckt war. Es ging um LSD, um Analyseergebnisse und um Rikers Island, was ihm alles Begriffe waren.
   Auf Ricks Schreibtisch lagen bestimmt eine Menge interessante Unterlagen. Mark ging den Gang hinunter zum ersten Glaskasten. Die Tür stand offen, und in Ricks Büro herrschte wie immer Chaos. Mark ließ seinen Blick über die Papierstapel wandern, und er blieb gebannt an einem Ausdruck hängen.

Kapitel 2
New York City, USA, 14. März 2010

Rick stand im Halbdunkel seiner Wohnung vor dem Kühlschrank und setzte schwungvoll den Kanister mit Orangensaft an. Zu schwungvoll. Die Hälfte seines Schluckes spritzte an seinem Mund vorbei und tropfte auf seinen freien Oberkörper. Der Orangensaft bahnte sich seinen Weg über Ricks spärlich behaarten Bauch zum Bund seiner Shorts.
   Erfrischend, aber was für eine Sauerei.
   In der vergangenen Woche war viel passiert, und Rick konnte nicht schlafen. Das lag vielleicht an der sogar für ihn großen Menge an Energydrinks. Er hatte viele Überstunden geschoben, um ein paar Versuche mit Labormäusen anstellen zu können. Die Mäuse hatten ihn tatsächlich nur einen Kinobesuch mit der technischen Assistentin aus den Tierställen gekostet. Die Ergebnisse ließen ihm aber selbst jetzt keine Ruhe. Rick hatte insgesamt zwölf Labormäuse mit unterschiedlichen Konzentrationen aus dem Plastiktütchen von Thomas versorgt. Zwei weitere hatten nichts bekommen. Er hatte die Tiere sicherheitshalber in seine Wohnung mitgenommen und sie einige Tage beobachtet, bevor er sie in die Tierställe der New York University zurückbrachte. Obwohl er auf einiges gefasst gewesen war, überraschte ihn der tatsächliche Ausgang des Experiments. Rick hatte von Christine, der Tierpflegerin, einen Schwung Black Six-Mäuse bekommen. Diese Mauslinie war in den Zwanzigerjahren gezüchtet worden, um Krebsentstehung und -behandlungen beim Menschen erforschen zu können. Die Maus mit dem schwarzbraunen Fell war unzähligen Generationen von Wissenschaftlern und Doktoranden gut bekannt. Besonders die Aggressivität und der Charakter der Tiere: leicht reizbar und bissig. Unter den Forschern und Assistenten waren sie daher gefürchtet. Eine Black Six biss sich locker durch einen Latexhandschuh bis auf den Fingerknochen durch, besonders wenn es ihr an den Kragen ging.
   Nachdem Rick den Tieren eine Dosis des Pulvers aus dem Beutel in ihr Trinkwasser gegeben hatte, zeigten sie sich bereits nach kurzer Zeit völlig verändert. Sie waren friedlich, saßen ruhig in der Ecke, kuschelten sich übereinander und ließen sich ohne Probleme auf die Hand nehmen. Untereinander kam es ebenfalls zu keinem ersichtlichen Gerangel oder gar Kämpfen, was für die Black Six ein untypisches Verhalten war. Normalerweise riss ein dominantes Weibchen den unterlegenen Weibchen Haarbüschel aus, um die Hackordnung zu zementieren, und männliche Black Six kämpften ohnehin andauernd miteinander um die Vorherrschaft im Käfig.
   All das war wie weggeblasen, nachdem die Mäuse die Substanzen zu sich genommen hatten. Die Verhaltensänderung dauerte über einen Tag an. Körperliche Veränderungen konnte Rick keine feststellen, allenfalls eine leichte Absenkung des Pulses um ein paar Schläge pro Minute. Keines der Tiere hatte durch die Substanz, nach inzwischen beinahe zwei Wochen, akut Schaden genommen.
   Rick nahm einen großen Schluck Orangensaft und dachte über die Bedeutung der bisherigen Ergebnisse nach. Die Substanzen könnten einzeln oder als Gemisch einen Durchbruch darstellen, was verträgliche Beruhigungsmittel betraf. Das wäre ein Riesenmarkt in dieser gestressten und überarbeiteten Gesellschaft.
   Eigentlich müsste er Langzeitstudien durchführen, um potenzielle Schäden an den inneren Organen zu entdecken. Alternativ könnte er an Kulturen mit menschlichen Zellen prüfen, ob die Substanzen schädlich waren, aber dafür war keine Zeit. Seine Neugier, was in den Tieren vorgegangen war, war zu groß, und außerdem ließ er sich dieses Mal den Ruhm der Entdeckung nicht wieder von irgendwelchen Koreanern oder Chinesen wegschnappen. Die arbeiteten sicher in einem der Tausenden und Abertausenden Labore in Asien an etwas Ähnlichem.
   Rick hatte seine Entscheidung getroffen. Alle weiteren Überlegungen dienten nur der Rechtfertigung vor ihm selbst.
   Er sah aus seinem Dachfenster in den Nachthimmel. »Hofmann, du altes Schlitzohr. Bald stehen wir fast auf einer Augenhöhe miteinander.«
   Was vor siebzig Jahren funktioniert hatte, musste auch heute noch machbar sein.
   Ricks Plan war einfach. Er hatte die Menge an Substanzgemisch, das die Mäuse bekommen hatten, auf sein Körpergewicht von etwa neunzig Kilo umgerechnet. Diese Menge müsste reichen, um ihm eine private Erfahrung zu sichern, eine wie sie auch die Black Six bereits gemacht hatten. Danach war noch einiges an Pulver übrig, das er für andere Studien nutzen konnte.
   Das war Forschergeist pur.
   Er würde alles auf Video festhalten, zumindest die ersten vier Stunden.
   Das Notfallhandy lag bereit. Ein Tastendruck, und die Ambulanz war da, falls er kollabieren sollte. Außerdem hatte er genug Zeit, um sich nach dem Selbstversuch zu erholen. Es war Freitag, womit er das Wochenende hatte, um wieder fit zu werden.
   Rick stimmte sich gerade zu, als ihm etwas einfiel. Wochenende? Falls er medizinische Hilfe brauchte, würde er in irgendeiner Notaufnahme von der zweiten Garde an völlig überarbeiteten und unerfahrenen Ärzten behandelt werden.
   Rick zuckte mit den Schultern. Egal. No risk, no fun!
   Er legte sich auf sein Bett und schaltete den Camcorder auf seinem Nachttisch ein. Neben dem Camcorder stand der volle Plastikbecher. Rick nahm ihn, prostete sich und der Kamera zu und leerte den Becher in einem Zug. Er ließ seinen Kopf zufrieden auf das Kissen sinken und zwang sich, ruhig zu atmen, während er abwartete.

Kapitel 3
Lourdes, Südfrankreich, 11. Februar 1858

Bernadette hustete. Der Asthmaanfall strengte sie an. Sie war blass, müde und ausgelaugt. Erst vor Kurzem hatte sie aus einem besseren Klima in die schäbige Behausung ihrer Eltern zurückkehren müssen. Lourdes war ihr Geburtsort, und hier sollte sie sich auf den Empfang der ersten heiligen Kommunion vorbereiten. In dem kleinen Örtchen in den französischen Pyrenäen war sie vor vierzehn Jahren an einem kalten Wintertag in der alten Mühle zur Welt gekommen. Bereits seit ihrer Geburt lebte sie mit ihrer Familie unter ärmlichsten Bedingungen, aber in den vergangenen Jahren hatte sich die Situation der Familie weiter verschlechtert. Das feuchte Loch, das früher als Gefängniszelle in Lourdes gedient hatte, war zum Zuhause für Bernadette und ihre Eltern geworden, nachdem der Vater die alte Mühle nicht mehr wirtschaftlich führen konnte. Bernadette war körperlich unterentwickelt und chronisch krank, solange sie denken konnte, aber sie beklagte sich nicht, sondern führte ein frommes und genügsames Leben.
   An diesem Wintertag brachen Bernadette, ihre Schwester Marie und eine Freundin auf, um Holz am Fluss zu sammeln. Sie gingen an einem Kanal entlang, der von den Mühlen des Städtchens Lourdes kommend aus der Stadt hinausfloss, um in den Fluss Gave zu münden. An einem Felsen durchwateten sie das seichte Wasser, um angeschwemmtes Holz aufzulesen. Bernadette hatte zuvor einige Asthmaanfälle gehabt und fühlte sich bereits den ganzen Vormittag nicht wohl. Auf einmal wurde sie von zwei Windstößen getroffen.
   Als Bernadette nach oben sah, entdeckte sie über einer Grotte am Fuße des Felsens eine schöne Dame in weißem Gewand und Schleier. Zu den Füßen der Gestalt befanden sich zwei goldgelbe Rosen, und in der Hand hielt sie einen Rosenkranz. Die Frauengestalt sprach nicht, sondern blickte Bernadette nur mit freundlichem Gesicht an. Sie wunderte sich, dass dort oben über der Grotte eine Frau stehen konnte, aber diese blieb, wo sie war. Bernadette sank auf die Knie und betete. Sie bedeutete ihrer Schwester und ihrer Freundin, es ihr gleich zu tun und vor der wunderschönen Frauengestalt zu beten. Die beiden erklärten, dass sie keine Dame erkennen konnten, und sahen keinen Sinn darin, vor dem Felsen auf die Knie zu fallen. Sie liefen weiter. Für Bernadette jedoch war diese Erscheinung so wunderbar, dass sie beschloss, in den nächsten Tagen zur Grotte zurückzukehren.

Kapitel 4
Flug LH 401 von New York City nach München, 23. März 2010

Rick sah aus dem Fenster auf den immer kleiner werdenden John F. Kennedy-Flughafen hinunter, als sich die Lufthansa-Maschine zur Reiseflughöhe aufschwang.
   Er hatte bereits seit Längerem eine Dienstreise nach Deutschland geplant, um eine große Messe für Laborgeräte zu besuchen. Die Analytica fand alle zwei Jahre in München statt, und jede Firma, die Rang und Namen in den Biowissenschaften hatte, stellte Geräte aus. Rick hatte den Auftrag, für das Institut eine neue Aufreinigungseinheit für Proteine zu finden. Dafür war die Ausstellung auf der Analytica ideal, und zudem gab es vielleicht einen Messerabatt. Den Aufenthalt in München auf Institutskosten wollte Rick um eine weitere Woche Urlaub verlängern, um einige Freunde und alte Bekannte zu besuchen.
   Thomas hatte sich bereit erklärt, ihn vom Flughafen abzuholen, und sie würden sich auch nach dem ersten Messetag noch mindestens einmal treffen können.
   Rick ließ sich in den Sitz zurücksinken. Abstand von New York zu gewinnen, war genau das, was er brauchte. Er hatte die Ergebnisse und Erfahrungen der vergangenen Wochen noch nicht verarbeitet. Als er einen Teil von Thomas’ Pulver eingenommen hatte, war er auf einiges gefasst gewesen, aber was dann geschah, gab ihm zu denken. Rick versuchte, sich zu entspannen, aber die Erinnerung an den Selbstversuch drängte sich immer wieder in sein Bewusstsein. Er spürte beinahe alles genauso wie am Tag des Experiments und fand sich in Gedanken in seiner New Yorker Wohnung wieder. Am Anfang hatte sein Herz etwas schneller geschlagen, aber als die erste Aufregung verflogen war, wurde ihm warm. Wärmer, als ihn je irgendetwas gewärmt hatte. Es war eine tiefe, durchdringende Wärme. Um einen Kommentar über seine Empfindung aufzunehmen, drehte Rick seinen Kopf in Richtung Camcorder. Er traute seinen Augen kaum, als eine Gestalt hinter dem Camcorder auftauchte, die für Rick wie Jesus aussah. Die Wärme schien einerseits aus seinem Inneren zu kommen, aber sie ging andererseits von der Jesus-Gestalt aus. Rick konnte die Augen nicht von der Gestalt abwenden. Er fühlte sich leicht, und je länger er dalag, desto mehr hatte er das Gefühl, zu schweben.
   Rick war dieser Moment wie eine Ewigkeit vorgekommen, obwohl alles nur etwa fünfzehn Minuten dauerte, wie ihm die Video-Aufzeichnung später zeigte. Besonders viel war während seines Selbstversuches augenscheinlich nicht passiert. Die Erscheinung sprach wiederholt ein paar Worte zu ihm, bei denen es immer darum ging, dass Rick keine Angst haben solle und die Zeit des Zweifelns vorüber sei. Rick war am nächsten Mittag mit einem leichten Brummschädel, aber auch mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl aufgewacht. Als er sich das Video ansah, war weder von einem Jesus noch von sonst irgendjemandem eine Spur zu sehen. Alles andere hätte Rick ernsthaft beunruhigt. Angesichts einer Halluzination, Vision oder wie immer man das nennen mochte, war zu erwarten, dass niemand außer Rick diese sehen konnte. Dennoch war er etwas schockiert, da in der Aufzeichnung zu sehen war, wie er über mehr als zehn Minuten ununterbrochen »Ja, ich glaube an dich« ausrief. Er war immer leiser geworden, bis er in sanften Schlummer gefallen war.
   Als das Flugzeug in leichte Turbulenzen geriet, pendelte Ricks Kopf unsanft auf seiner Kopfstütze hin und her, was ihn aus seinen Gedanken riss. Das Erlebnis aus seinem Jesus-Trip, wie er den Selbstversuch ironisch getauft hatte, hatte ihm Anlass gegeben, ein paar weitere Analysen und Veränderungen an dem Gemisch aus dem Beutel vorzunehmen. Rick war aufgefallen, dass die meisten der Substanzen nicht in Wasser löslich waren, und er hatte sich gefragt, ob man ihre Wirkung steigern könnte, wenn man sie besser löslich machte. Er hatte ein paar Ansätze gemacht, das Substanzgemisch chemisch zu verändern, um die Löslichkeit in Wasser zu erhöhen, und erstaunlicherweise hatte er Erfolg gehabt. Rick redete sich ein, dass er das Glück des Tüchtigen gehabt hatte, aber wahrscheinlich war es vergleichbar damit, dass die dümmsten Bauern die größten Kartoffeln bekamen. Modifikations- und Synthesechemie waren nicht gerade Ricks Spezialgebiete, und er war früher in anderen Projekten häufig daran gescheitert. Zumindest dieses Mal hatte er jedoch Glück gehabt. Seinen Berechnungen zufolge könnte sich die Wirksamkeit der Substanzen mindestens um den Faktor Tausend erhöht haben, ohne Einfluss auf die Wirkungsweise. Das wäre ein unglaublicher Erfolg.
   Eine Sache gab ihm allerdings zu denken. Als er die Verbesserungen an den Substanzen abgeschlossen hatte, wollte er sie unbedingt noch einmal im Selbstversuch testen. Natürlich mit einer Dosis, die tausendmal kleiner war. Zuvor sollten aber die Black Six Mäuse noch einmal herhalten, nur sicherheitshalber. Als er zu seinen geheimen Versuchsmäusen in die Ställe ging, war deren Käfig bereits leer. Eine Aushilfstierpflegerin sagte ihm, dass alle Tiere bereits entsorgt worden seien, weil sie offenbar nicht mehr gebraucht werden. Rick entschied sich darauf kurzerhand für einen Selbstversuch ohne vorhergehende Tierversuche.
   Er konnte sich nicht recht erklären, warum er so arglos gewesen war. Einerseits wohl, weil ihm die tausendfach geringere Dosis als zu niedrig erschien, um ernsthafte Schäden zu hinterlassen, und andererseits – und das gestand er sich nur ungern ein – weil er sich nach dem Glücksgefühl seines ersten Selbstversuchs sehnte. Er hatte keine akuten gesundheitlichen Probleme bei sich feststellen können, was ihm auch ein Routine Check-up beim Betriebsarzt der Fakultät bestätigt hatte.
   Der zweite Selbstversuch verlief ähnlich wie der erste. Er nahm erneut eine engelhafte Gestalt wahr und sprach zu ihr, und nach einer halben Stunde sank er in einen traumlosen Schlaf. Er konnte seine Veränderungen an dem Substanzgemisch als vollen Erfolg bezeichnen.
   Zwei Tage nach seinem Versuch erfuhr er von der eigentlich zuständigen Tierpflegerin, dass seine Versuchsmäuse entsorgt worden waren, aber erst, nachdem sie sie tot im Käfig aufgefunden hatte. Eine genauere Untersuchung hatte sie nicht veranlasst, weil sie gefürchtet hatte, dass Ricks unangemeldete Tierversuche auffliegen könnten. Ebenso wie ihre Gefälligkeit für ihn.
   Rick sah das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Schließlich ging es ihm immer noch gut, und vielleicht gab es ja eine Erklärung für das Ableben seiner Mäuse, die nichts mit seinem Versuch zu tun hatte.

Kapitel 5
Freising bei München, Deutschland, 24. März 2010

Die süddeutsche Sonne brannte für einen Märztag ungewöhnlich stark auf Rick und Thomas herunter. Vor ein paar Tagen hatte eine Warmfront den Winter endgültig vertrieben, und inzwischen war es beinahe heiß um die Mittagszeit.
   »O Mann, nachdem wir uns das Ding angesehen haben, essen wir aber ein riesiges Eis unten in der Stadt, okay? Bei dem Wetter haben die Eisdielen bestimmt offen.« Rick schwitzte und war genervt. Erst vor zwei Stunden war er aus dem Flugzeug gestolpert und nach einem holprigen, achtstündigen Flug alles andere als ausgeruht. Thomas hatte sich extra einen Tag freigenommen und darauf bestanden, Rick vom Flughafen abzuholen, um gemeinsam zum Freisinger Dom zu fahren. Er wollte ihm beweisen, dass er dort an das mysteriöse Pulver in dem Tütchen gekommen war.
   »Klar, danach bekommst du so viele Eiskugeln, wie du willst. Du benimmst dich wirklich wie ein kleines Kind.« Thomas schüttelte den Kopf.
   »Für dich bitte wenigstens Dr. Kind«, setzte Rick mit einem Grinsen nach. Obwohl er seinen Titel praktisch nie benutzte, fand er es manchmal witzig, seine alten Kumpels zur rechten Zeit auf den kleinen Unterschied hinzuweisen.
   »Das würde dir passen.« Thomas rannte weiter über das Kopfsteinpflaster den Freisinger Domberg hinauf. »Das Pflaster des Weges ist in gutem Zustand und ziemlich neu, zumindest etwa achthundert Jahre jünger als der Dom.«
   Thomas klang wie ein Touristenführer. Musste einem immer reindrücken, dass er alle möglichen Informationen auswendig gelernt hatte.
   Rick achtete nur halb auf das, was Thomas von sich gab, bis sie am Marmorportal des Doms angekommen waren.
   Als Thomas die schwere hölzerne Flügeltür aufstieß, empfing Rick eine angenehme Kühle. Der Kontrast zwischen frühlingshafter Wärme draußen und der feucht-kühlen Luft im Domgemäuer wurde durch den typischen Kirchengeruch verstärkt.
   Rick fröstelte, als der Schweiß auf seiner Haut ihn abkühlte, während Thomas zielsicher über den abgewetzten, weiß-roten Steinboden zu den Stufen lief, die laut des Schildes daneben in die Krypta hinabführten.
   Unten angekommen blickte sich Rick um. Die Krypta hatte zwei Zugänge und nur wenige Stufen führten zu ihr hinunter. Neben Rick und Thomas war noch eine Handvoll weiterer Besucher des Doms hier unten. Wohl keine Gläubigen, sondern eher Touristen. Thomas ging durch die mit Säulen ausgestattete Krypta bis fast an deren Kopfende.
   »Hier war es.« Thomas deutete auf einen Bereich am Boden, der ziemlich genau im Zentrum der Krypta lag. »Hier habe ich das erste Zeug rausgekratzt«, flüsterte Thomas. Vermutlich wollte er die anderen Touristen nicht allzu sehr auf sie aufmerksam machen. Diese schienen sich aber nicht um sie zu kümmern, sondern bestaunten und studierten die Säulen und Seitenwände der Krypta.
   Rick starrte auf die Bodenplatten am Fuß einer besonders aufwändig verzierten Säule. »Wo genau war das? Ich sehe nur Steinplatten.«
   »Genau das ist der Punkt. Als ich vor etwa sechs Wochen hier war, fanden Renovierungsarbeiten am Fußboden statt, bei denen die Platten teilweise entfernt worden waren. Im Erdreich darunter befanden sich Mauerreste und weitere Bodenplatten, vermutlich von einer früheren sakralen Anlage.« Thomas machte mit der Hand eine kreisförmige Bewegung und deutete damit auf einen Bereich am Boden. »Zwischen den alten Mauerresten befand sich eine Menge weißes Pulver, und das ist das Zeug, das du von mir in dem Beutel bekommen hast.«
   »Und du bist während der Renovierungsarbeiten im Dom hier reinspaziert, hast dich als Bauarbeiter verkleidet und Pulver abgefüllt, ohne zu wissen, warum? Alles klar. Du kannst von Glück sagen, dass hier noch andere Leute sind, sonst würde ich dir jetzt und hier für diese Lügengeschichte die Nase lang ziehen.« Rick winkte ab und ging Richtung Ausgang der Krypta.
   Thomas zog ihn am Ärmel zurück an die Stelle, wo sie vorher gestanden hatten. »Lass mich die ganze Geschichte erzählen.« Er beobachtete kurz die anderen Besucher in der Krypta, die weiterhin kamen und gingen, ohne sie besonders zu beachten, und schob Rick in eine etwas ruhigere Ecke. »Das alles fing zur Fastenzeit an. Es war ein paar Tage nach Aschermittwoch, zu Beginn der Starkbierzeit. Du weißt doch, da bin ich immer dabei. Drei, manchmal vier, Maß Starkbier sind an guten Tagen für mich kein Problem.«
   Rick lachte. »Ja, ich kann mich durchaus erinnern, dass du in der Starkbierzeit immer zur Hochform aufläufst. Ich kann mich auch erinnern, dass du dich bei der Gelegenheit vor ein paar Jahren mal nackt ausgezogen hast und auf der Parkbank vor eurem Haus eingepennt bist.«
   »An dieses Erlebnis wollte ich eigentlich nicht gern erinnert werden.« Thomas lachte gequält. »Tatsächlich war der Grund für meine Entdeckung im Dom ein ähnlicher.«
   »Jetzt wird es doch noch interessant.«
   Thomas wandte den Blick von Rick ab. »Also, auf dem Heimweg von einer Veranstaltung, bei der viel Starkbier im Spiel war, bin ich vom Weihenstephaner Berg Richtung Freisinger Bahnhof gelaufen. Ist zwar eigentlich nicht weit, aber ich war so rabenstramm, dass ich den Weg im Dunkeln nicht gefunden habe und stattdessen über die Straße und auf den Domberg gelaufen bin. Während des ganzen Weges hatte ich ständig eine volle Blase und habe an jeden Baum gepisst, der herumstand. Bestimmt sieben oder acht Mal.«
   Rick unterbrach ihn. »Stopp, Thomas. Erzähl nicht weiter. Du solltest das unbedingt aufschreiben, dir die Rechte an der Geschichte sichern und daraus eine Dokusoap machen lassen.«
   »Idiot. Ich vertraue dir meine schlimmsten Ausrutscher an, und du machst dich lustig? Schöner Freund.«
   »Sei nicht so empfindlich. Also, wie ging es weiter?«
   »Irgendwann fing mein Darm an zu rumoren. Ich war zwar voll wie ein Bürstenbinder, aber in die Hose kacken wollte ich mir nicht mal in diesem Zustand, und das Fehlen von Klopapier war mir ebenso bewusst.«
   Rick schlug die Hände vors Gesicht.
   Thomas nickte bestätigend. »Also suchte ich Schutz in einem Gebäude. Das Einzige, das am Domberg offenstand, war der Dom selbst, an dem gerade Baugerüste für dessen Renovierung befestigt waren. Irgendwie war ich davon überzeugt, dass es im Dom eine Toilette für die Bauarbeiter geben musste. Ich irrte darin herum und landete in der Krypta.«
   »Du hast doch nicht etwa einen großen Stinker in der Krypta abgesetzt? Dafür kommst du in die Hölle«, sagte Rick und lachte laut.
   Thomas schüttelte den Kopf. »Nein, so weit kam es nicht. Ich bin dort drin offensichtlich ohnmächtig geworden und auf den Boden geknallt. Aufgewacht bin ich erst am Sonntag wieder, also fast zwei Tage nach dem Starkbierfest.«
   »Und dann?«
   »Es gab zwei wichtige Dinge, die mir am Sonntag bewusst wurden«, antwortete Thomas. »Nummer eins war die Tatsache, dass sich eine volle Blase und ein voller Darm auch entleeren können, wenn man bewusstlos ist.«
   Rick musste würgen.
   »Nummer zwei war die Erkenntnis, dass ich in der Krypta zum ersten Mal von leibhaftigen Engeln geträumt hatte. Das war mir zuvor noch nie passiert, egal, wie voll ich war! Zuerst dachte ich an einen Zufall, wegen des ganzen heiligen Drumherums im Dom, aber als ich langsam wieder zu mir kam, hab ich gemerkt, dass ich mit meinem Gesicht in eigenartigem weißen Staub oder Pulver lag. Ich habe ein bisschen was auf der Zungenspitze probiert und zack, einen Moment später habe ich die Engel wieder gesehen. Da war mir klar, was meinen Traum ausgelöst hat.«
   Ricks Mund stand weit offen. »Und dann hast du was von dem Zeug eingepackt?«, fragte er.
   »Ja, aber erst, nachdem ich mich um die Sauerei in meiner Hose gekümmert hatte. Kein Spaß, sag ich dir, und das bei meinem Kater.«
   Rick drehte sich von Thomas weg. »Mann, das waren viel mehr Informationen, als ich mir gewünscht hatte.«
   »Du wolltest alles wissen. Jetzt weißt du alles.«
   »Das ist schon ein schräges Ding, das du da abgezogen hast, aber ich kenne dich lange genug, um dir das abzunehmen. Aber sag mal, das muss doch bei dir Zuhause einen Riesenärger gegeben haben. Rita ist doch sicher vor Sorge durchgedreht, oder?«
   Thomas seufzte. »Das kannst du laut sagen. Sie hat mich Freitagnacht sturzbesoffen zurückerwartet, und nicht erst am Sonntagnachmittag. Sie hat sich einerseits Sorgen gemacht und mir meine Mailbox komplett mit Nachrichten gefüllt, aber eigentlich hat sie wohl vermutet, dass ich das Wochenende mit einer Eroberung vom Starkbierfest verbracht habe.« Thomas senkte den Blick. »Ich hätte nie gedacht, dass eine nach Fäkalien riechende Hose einmal meine Ehe retten würde. Rita hat mir sofort abgenommen, dass ich nicht bei einer anderen Frau war.«
   Rick verkniff sich, so gut es ging, ein Lachen, um die anderen Besucher nicht zu irritieren. Als er sich wieder gefasst hatte, fing er an, weitere Fragen zu stellen. »Bleibt aber immer noch das Rätsel, woher das seltsame Pulver kommt. Ist es erst durch die Bauarbeiten oder danach dorthin gelangt, oder wurde es durch die Renovierung nur freigelegt? Hast du schon eine Erklärung dafür?«
   »Die hab ich, mein Freund.« Thomas sah sich vorsichtig um, vermutlich wollte er sichergehen, dass ihnen niemand zuhörte. »Ich glaube, dass es kein Zufall war, dass ich das Zeug genau hier gefunden habe. Sieh dir an, an welcher Stelle der Krypta wir uns befinden.« Thomas machte eine bedeutungsschwere Geste mit dem Kopf in Richtung einer der Säulen. »Da steht sie. Sie ist die einzige ihrer Art in Deutschland«, sagte Thomas und versuchte, seiner Stimme etwas Theatralisches zu verleihen.
   »Was meinst du?« Rick zuckte mit den Achseln.
   »Banause.« Thomas deutete auf die Säule, die sich direkt neben ihm und Rick befand. »Na was wohl? Diese Bestiensäule hier.«
   »Bestiensäule? Aha«, sagte Rick unbeeindruckt und ließ seinen Blick an der Säule auf und ab gleiten, da er nicht wusste, worauf er sich konzentrieren sollte. Er sah krokodilartige Ungeheuer, die mit Menschen kämpften. Einer der Menschen war schon halb von einem Ungeheuer verschlungen worden, sodass man nur noch den Oberkörper aus dem Maul ragen sah. Das Bein eines anderen verschwand ebenso gerade im Schlund einer zweiten Bestie. Vieles erkannte Rick im dämmrigen Licht der Krypta aber nur schlecht.
   »Bevor du dir dein schlaues Chemiker-Gehirn zermarterst, erkläre ich dir, was du vor dir hast«, beendete Thomas die Stille. »Eine Bestiensäule ist eine romanische Darstellung kämpfender Menschen und Tiere an einem Säulenschaft. Das Motiv ist so plastisch gearbeitet, dass die eigentliche Säulenform nicht mehr zu erkennen ist. Das war seit jeher eine kostbare Kunstform, da es einem Bildhauer alles abverlangt. Zumindest im Mittelalter.«
   Rick wurde ungeduldig. »Das ist ja ganz nett, aber was hat das mit dem Pulver zu tun, das du hier gefunden hast?«
   »Noch einen Moment.« Thomas patschte mit der Hand auf die Säule. »Diese hier entstand ungefähr im Jahr 1160, etwa zum Entstehungszeitpunkt der Krypta. Die Krypta, in der wir stehen, war wohl der erste Teil, der beim Wiederaufbau des Doms fertiggestellt wurde, ungefähr im selben Jahr. Die Darstellungen auf dieser Säule zeigen fast alle den Kampf von Rittern mit Drachen oder anderen Ungeheuern.« Nervös umrundete er die Säule. »Was du von der Seite, auf der du stehst, nicht sehen kannst, ist die hübsche Frau!«
   »Frau? Wo?«, fragte Rick neugierig und ging ein Stück um die Säule herum. »Ah, hier. Frau, ja. Hübsch, eindeutig nein.«
   Thomas ignorierte den flapsigen Kommentar. »Die Frau blickt nach Osten. Genau entlang der Ausrichtung des Kirchenschiffs.«
   »Hm«, murmelte Rick. Er wollte wieder an die Sonne und endlich sein Eis essen. Das hier führte zu nichts. Vier Kugeln mindestens. Auf jeden Fall Stracciatella und Zitrone, über den Rest wollte er nachdenken, wenn er die ganze Auswahl sah. »Können wir gehen?«
   »Warte noch einen Moment. Das Beste kommt nämlich erst noch«, triumphierte Thomas.
   »Oh, es wird noch besser?«
   »Spar dir deine dummen Kommentare. Man nimmt gemeinhin an, dass die Kirche mit dieser Art von Kunst in den schweren Zeiten des Mittelalters Stärke demonstrieren wollte, und Hoffnung natürlich auch. Dabei stehen die Bestien für das Böse an sich und die Männer auf der Säule kämpfen auf dieser Welt verzweifelt dagegen an. Die Frau verkörpert die Kirche, die mit ihrem Heilsversprechen Hoffnung in der Not bietet, beziehungsweise spätestens im Jenseits. Die Hoffnung liegt in Jerusalem, im Osten, genau in der Richtung, in die die Frau blickt.«
   »Klingt einleuchtend. Die weiteren hoch spannenden Details könntest du mir auch auf unserem Weg nach unten erzählen«, erwiderte Rick.
   Campari-Eis wäre keine schlechte Wahl.
   Thomas machte keine Anstalten zu gehen. »Das ist alles, was man über die Bestiensäulen weiß, oder besser gesagt, vermutet. Die wirklichen Hintergründe, warum sie aufgestellt wurden, kennt niemand. Man weiß auch nicht, warum sie so selten sind. Dieses Exemplar hier ist das Einzige in Deutschland, wahrscheinlich sogar im ganzen deutschsprachigen Raum. Es gibt eine Reihe weiterer in Italien und Frankreich, aber man kann sie an zwei Händen abzählen. In Europa gibt es Tausende erhaltene, mittelalterliche, sakrale Bauwerke, aber nur eine Handvoll solcher Säulen.«
   »Okay, ist wohl schnell aus der Mode gekommen, menschenfressende Ungeheuer in Säulen zu meißeln. Das wollte vielleicht niemand mehr sehen, oder es war zu aufwendig und zu teuer, so etwas herzustellen«, warf Rick ein, während ein gewisses Maß an Interesse für das Thema in ihm aufkeimte.
   »Das stimmt allerdings«, gab ihm Thomas recht. »Es erforderte eine hohe Kunstfertigkeit, so etwas herzustellen. Nicht viele Leute konnten das, aber das war mit dem Bau von Kathedralen, Domen und so weiter nicht anders. Davon gibt es jedoch viele mehr. Es gibt noch einen anderen Grund, denke ich, warum es eine kleine Zahl an Säulen gibt und warum sie an bestimmten Orten aufgestellt wurden, die miteinander in Verbindung stehen.«
   Thomas sah ihn an. »Ich glaube, dass die Bestiensäulen nicht wirklich den Kampf der Kirche gegen das abstrakte Böse darstellen sollen. Ich glaube, dass hier etwas Konkretes gemeint sein könnte.«
   Rick sah auf den Boden vor der Säule. »Du meinst nicht etwa, dass die Säulen die Lage von etwas markieren?«
   »Und ob. Ich wusste, dass dein Forscherhirn zu demselben Schluss kommen würde«, freute sich Thomas.
   Rick nickte, blieb aber skeptisch. »In welchem Zusammenhang könnte das Drogenpulver mit den Darstellungen auf der Säule stehen? Wie du gesagt hast, hast du Engel gesehen und keine Drachen, Ritter oder Frauen.« Rick hatte Thomas bisher nicht von seinen ähnlichen Erfahrungen mit den Substanzen erzählt, wollte das aber später noch tun. Immerhin passte sein Jesus-Trip deutlich mehr zu Thomas Erfahrungen mit Engelsvisionen, als zu den Darstellungen auf der Säule.
   »Du hast recht, das ist ein Problem. Darüber kann man nur spekulieren.« Thomas schien einen Moment nachzudenken. »Was wäre, wenn man mit den Bestien Ungläubigkeit symbolisieren wollte, und, im Kontrast dazu, mit der Frau religiöse Visionen oder Erfahrungen?«, äußerte Thomas seine Vermutung.
   Rick nickte nachdenklich. »Ja, das wäre schon möglich, aber es ist ziemlich spekulativ.«
   »Das stimmt, aber ohne mutige Spekulationen kommen wir nicht weiter.«
   »Tatsächlich muss ich dir noch von einer Erfahrung berichten, die ich kürzlich gemacht habe, und die gut zu deiner Spekulation passt. Davon kann ich dir hier aber nicht erzählen. Außerdem muss ich wieder ans Sonnenlicht.« Rick steuerte auf den Ausgang der Krypta zu. Thomas folgte ihm.
   Zusammen gingen sie durch das Hauptschiff des Doms und durch das große Portal nach draußen.
   Als Rick und Thomas forsch um die Ecke aus dem Innenhof des Domplatzes bogen, rannte Thomas beinahe eine alte Frau in schmuddligen, abgerissenen Kleidern um.
   »Ups, ’tschuldigung. Tut mir leid«, sagte Thomas irritiert.
   Sie hielt ihm ihre Hand entgegen und lächelte ihn mit ihrem faltigen, sonnengebräunten Gesicht an. Sie hatte milchige Augen und trug eine Binde an ihrem Arm, die sie als Blinde auswies.
   »Könntest du das mal bitte erledigen?«, fragt Thomas und sah sich Hilfe suchend nach Rick um. »Ich hab gerade nichts da.«
   »Wie? Du hast kein Geld dabei? Ich dachte, du wolltest mich auf eine Riesenportion Eis einladen?«
   »Ich hab gesagt, du bekommst ein Eis. Dass ich es bezahle, habe ich nie behauptet«, erwiderte Thomas.
   Rick war seit seiner Ankunft in München noch nicht an einem Geldautomaten gewesen, alles, was er hatte, waren US-Dollar. Er zog ein zusammengeknülltes Häufchen von Ein-Dollar-Noten aus seiner Hosentasche. Sein Notfallpaket, das er in New York ständig bei sich hatte, für den Fall, dass er jemandem Trinkgeld geben musste oder ihm ein Penner zu aufdringlich wurde.
   Rick faltete einige Scheine auf und drückte sie der Frau in die Hand. »Das ist amerikanisches Geld, aber die Bank tauscht das gern in Euro um.« Er sprach laut, als wäre die Frau taub statt blind, und er lächelte sie an, wobei er sich einen Moment später bewusst wurde, dass sie sein Gesicht ohnehin nicht sehen konnte.
   Das alte Weib quittierte es mit einem unverständlichen Murmeln und einem Blick, den Rick als Dank interpretierte.
   Sie liefen den Weg hinunter in die Altstadt Freisings, und Rick holte sich auf dem Weg zur Eisdiele einige Euro an einem Geldautomaten. Thomas hatte keine Anstalten gemacht, sich am Automaten mit Geld zu versorgen.
   In der Eisdiele angekommen, suchte sich Rick alle Eissorten aus, an die er während der vergangenen Stunde gedacht hatte. Auch Thomas bekam auf Ricks Kosten zwei Kugeln.
   »Das macht vier Euro neunzig.« Die hübsche, südländisch aussehende Dame streckte Rick die Hand über die Theke hin.
   »Hier bitte, stimmt so.«
   Rick überlegte und stutzte dann.
   »Thomas, hast du dir eigentlich vorhin die Alte auf dem Domberg genauer angesehen?«
   »Nicht besonders. Sie sah ziemlich vergammelt aus, aber ihr Gesicht hat mich an jemanden erinnert. Ah, jetzt weiß ich es. Sie sah ein wenig so aus wie das Bildnis, das Albrecht Dürer von seiner Mutter gemalt hat. Nicht besonders vorteilhaft auf jeden Fall. Auch diese Hakennase und so, da hätte der Dürer mal besser seine künstlerische Freiheit spielen lassen. Nur ein echter Rabensohn malt so seine Mutter«, philosophierte Thomas.
   »Das meine ich nicht. Nicht das Gesicht. Hast du ihre Hände gesehen?« Rick sah Thomas fragend an.
   »Ich weiß, was du meinst.« Thomas schien kurz zu überlegen. »Die waren irgendwie glatt, elegant und hell, passten nicht zu ihrem Gesicht.«
   »Allerdings. Ihre Hände hätten einer jungen Frau gehören können. Ehrlich gesagt hat sie auch so gerochen. Eben nicht alt, wenn du weißt, was ich sagen will.« Rick leckte an seinem Eis. »Wie auch immer. Nach dem Eis bringst du mich bitte ins Hotel, sonst bin ich morgen nicht fit genug, um den ganzen Tag an Messeständen Prospekte einzusammeln und freundliche Unterhaltungen zu führen. Wenn du willst, kannst du mich morgen gegen siebzehn Uhr am Ausgang der Messe abholen und wir gehen gemeinsam was essen. Ich erzähle dir auch, was in New York in den vergangenen Wochen passiert ist und was ich über dein geheimnisvolles Pulver herausgefunden habe.«
   »Super, ich bin schon gespannt. Vielleicht denkst du bis dahin ja ein wenig darüber nach, was ich dir heute im Dom erzählt habe.«
   »Ja, vielleicht«, sagte Rick. Er war sich sicher, dass er nach dem Duschen sofort einschlafen würde, ohne auch nur ansatzweise über Bestiensäulen oder Thomas’ Verschwörungstheorien gegrübelt zu haben.

Kapitel 6
Lourdes, Südfrankreich, 15. Februar 1858

Auch in den folgenden Tagen kehrte Bernadette zu dem Felsen zurück und sah oft die Gestalt der schönen Dame wieder. Bisher hatte sie nicht zu Bernadette gesprochen, aber vier Tage nach der ersten Erscheinung bat die schöne Dame Bernadette, aus der Quelle am Felsen zu trinken und sich darin zu waschen. Bernadette sah keine Quelle, kratzte aber an dem Felsen, bis dort zuerst wenig, dann etwas mehr Wasser hervorsprang, bis sich am Fels schließlich eine richtige Quelle entwickelte.
   Die Quelle konnten Bernadettes Familie, ihre Freunde und die anderen Dorfbewohner sehen, aber die geheimnisvolle Dame, von der Bernadette erzählte, weiterhin nicht.
   Als Bernadette zum dritten Mal die Frauengestalt sah, bat diese sie um genau fünfzehn weitere Treffen an dieser Stelle. »Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, sondern in der anderen«, sprach sie zu ihr.
   Natürlich folgte Bernadette in den darauffolgenden Wochen dieser Bitte, und jedes Mal erschien ihr die Gestalt. Bernadette betete und sprach zu ihr. Oft berichtete sie ihrer Familie und auch ihrem Lehrer und dem Dorfpfarrer von den Treffen.
   Immer häufiger kamen Menschen von nah und fern, um Bernadette zu sehen. Niemand der Zuschauer konnte jedoch sehen, was Bernadette sah. Daher mochte ihr kaum jemand so recht glauben. Die meisten hielten sie für verrückt.
   Am skeptischsten war der Pfarrer Peyramale, der Bernadette beauftragte, die Frauengestalt nach ihrem Namen zu fragen. Bernadette tat wie ihr geheißen und kehrte mit der Antwort der Dame zurück, die sie nach dem sechzehnten Treffen erhalten hatte. Ohne zu wissen, was es bedeutete, erzählte Bernadette dem Dorfpfarrer, was die schöne Dame ihr zur Antwort gegeben hatte.
   »Sie sagte, sie sei die unbefleckte Empfängnis. Das waren ihre Worte«, berichtete Bernadette in Okzitanisch, dem Dialekt, den sie sowie fast die gesamte weniger gebildete Landbevölkerung in der Region sprach.
   Pfarrer Peyramale war zutiefst verwundert und beinahe erschüttert. Erst vier Jahre zuvor hatte Papst Pius IX. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet. Bernadette war ungebildet, hatte einen großen Teil ihrer bisherigen Kindheit als Hirtin verbracht. Sie hatte noch nicht einmal die Erstkommunion erhalten.
   Peyramale erzählte Bernadette, dass sie diesen Ausdruck eigentlich nicht kennen dürfe und dass dies für ihn der Beweis sei, dass sie die Frauengestalt nicht erfunden habe. Pyramale verteidigte sie von nun an aus tiefster Überzeugung heraus.
   Nach ihrer letzten Vision am 16. Juli 1858 führte Bernadette wieder ein normales Leben. Sie sprach freiwillig nie mehr über ihre ungewöhnlichen Erlebnisse, nur wenn sie von Kirchenvertretern dazu befragt wurde. 1862 wurden ihre Visionen der Mutter Gottes nach vierjähriger strenger Prüfung durch eine bischöfliche Untersuchungskommission offiziell bestätigt. Der Bischof von Tarbes verbreitete die Kunde darüber unter den Gläubigen, und Bernadette trat auf dessen Wunsch 1866 in das Kloster der Kranken- und Schulschwestern von Saint-Gildard in Nevers-sur-Loire, weit weg von Lourdes in Zentralfrankreich, ein.
   Im Kloster führte sie ein bescheidenes Leben, ohne jemals wieder Visionen zu haben.

Kapitel 7
Messe München, Deutschland, 25. März 2010

Vor Rick schwebte die jesusgleiche Gestalt etwa einen Meter über dem Boden. Das strahlend weiße Gewand verströmte Wärme und Liebe. Rick ging eine paar Schritte auf die Gestalt mit langen dunkelblonden Haaren zu. Der weiße Umhang wehte nach vorn und strich Rick über die Wange. Er spürte den Hauch einer Berührung, zarter als Seide. Die Gestalt schwebte etwas nach unten. »Fürchte dich nicht. Fürchte dich nicht.«
   »Das tue ich nicht«, sagte Rick fest.
   »Das ist ein Fehler!« Das Gesicht des Engels verwandelte sich plötzlich in eine verzerrte Fratze, und der Umhang schien plötzlich aus undurchdringlichen Rauchschwaden zu bestehen.
   Rick erstarrte und fühlte sich wie von einem Sturm gebeutelt. Die Gestalt starrte ihn mit hohlem Gesichtsausdruck an und griff fest nach ihm. Rick schnappte wie ein Ertrinkender nach Luft, unfähig, sich zu bewegen oder etwas zu sagen.
   Die Luft, die Rick einsog, roch faulig und nach Knoblauch.
   »Hallo? Hallo? Herr Dr. Roth? Wenn sie mir Ihre Visitenkarte geben, bekommen Sie innerhalb einer Woche ein schriftliches Angebot zugeschickt, das bereits einen Messerabatt beinhaltet.«
   Rick schlug die Augen auf. Der Außendienstmitarbeiter von Takimadzu, einem der führenden Anbieter von wissenschaftlichen Analysegeräten, stand vor ihm und reichte ihm die Hand zum Abschied. Rick roch erneut den Knoblauch im Atem des Takimadzu-Mitarbeiters, als dieser noch einmal freundlich nach Ricks Adresse verlangte.
   »Natürlich, natürlich«, stammelte Rick. »Tut mir leid. Hier bitte.« Er reichte ihm eine seiner Visitenkarten von der New York University.
   »Dann bis bald. Sie hören von uns, wenn Sie zurück in New York sind«, sagte der Takimadzu-Mitarbeiter freundlich, wenn auch etwas unsicher. Rick verließ den Messestand und lief torkelnd zum Ausgang der Messehalle.
   Was war das denn gewesen? Das musste ein Traum gewesen sein, aber am helllichten Tag.
   Rick rieb sich die Augen und hielt nach einem Platz zum Ausruhen Ausschau.
   Er fand ihn an einem kleinen Café-Tisch am Rande der Messehalle, wo er seinen Körper auf einem Stuhl niedersacken ließ. Nach einer kurzen Pause bestellte Rick ein Weizenbier.
   Er hatte keine Ahnung, ob Alkohol das Richtige für ihn war, aber schlimmer konnte es ja nicht kommen. Das war der übelste Jetlag, den er je gehabt hatte.
   Rick atmete tief durch, während er sich das Glas mit dem Weizenbier an die Wange hielt, um sich zu erfrischen. Sein Kopf dröhnte, aber ihn durchflutete auch eine gewisse Erleichterung, dass der halluzinative Tagtraum von vorhin vorbei war.
   Rick sah eine Weile dem bunten Treiben an den Messeständen zu. Der Schreck saß ihm immer noch in den Knochen, und er fühlte sich unglaublich müde. Rick stützte seine Ellenbogen auf die Knie und legte den Kopf in seine Hände, um etwas zu entspannen.
   »Ist der Stuhl noch frei?« Ein paar Beine in grauen Hosen traten neben den zweiten Stuhl an Ricks Café-Tisch.
   Nein, da sitzt Harvey, der unsichtbare Hase, drauf, du Depp!
   »Ja, natürlich. Kein Problem«, antwortete Rick höflich, wenn auch leicht genervt, und lächelte wohlwollend, während er den Kopf hob.
   Sein Lächeln währte nur den Bruchteil einer Sekunde. Wer ihn nach einem Sitzplatz gefragt hatte, war niemand anderes als sein Kollege Mark, den Rick eigentlich in weiter Ferne an der New York University wähnte.
   »Was machst du denn hier in München?« Rick konnte seine Überraschung nicht verbergen. »Ich dachte, du würdest die Stellung im Institut halten, bis ich von der Messe und meinem Kurzurlaub in Deutschland zurück bin.«
   Mark ließ sich auf den Stuhl fallen und zupfte betont vornehm an seinen grauen Anzugshosen. Mit einem süffisanten Grinsen beäugte er Ricks Jeans und das vergilbte T-Shirt mit dem Aufdruck Instant Human – Just add Coffee.
   »Unser Chef hat dir wohl nicht recht zugetraut, dass du dich allein um den Kauf eines neuen Geräts für über eine viertel Million Dollar kümmerst«, seufzte Mark. »Ich wollte zuerst nicht hierher fahren, aber Stanley hat mich regelrecht gezwungen und gesagt, ich solle dich bei der Entscheidung unterstützen. Hat er dir das nicht gesagt?«
   Rick versuchte, gefasst zu wirken. »Nein, hat er nicht. Das wäre ja auch das erste Mal, dass er mich über irgendetwas informiert.«
   Ricks Verhältnis zu ihrem Chef, Stanley Fisher, war bedeutend schlechter als das von Mark. Rick bekam wichtige Informationen immer zu spät oder viel zu knapp vor Ablauf von wichtigen Ultimaten. Außerdem waren Rick weniger Institutsmittel zugeteilt als Mark, von der beschissenen Lage seines Büros einmal abgesehen. Warum das Verhältnis etwas gespannt war, wusste Rick nicht. Vielleicht hatte er sich einmal zu oft über Fishers Toupet lustig gemacht, das er, wenn es wieder einmal verrutscht war, gelegentlich als totes Frettchen bezeichnete. Möglicherweise lag es aber auch daran, dass Rick aus Deutschland kam und den amerikanischen Lebensstil nur widerwillig annahm.
   Zu Mark hatte Rick ebenfalls ein eher reserviertes Verhältnis. Es war klar, dass Mark auf den Posten von Fisher spekulierte und darauf wartete, dass dieser in zwei oder drei Jahren pensioniert werden würde. Mark tat alles, um sich anzubiedern und sich den Weg zu ebnen. Für Ricks Geschmack war Mark deutlich zu zielstrebig, er tat ausschließlich, was seiner Karriere zuträglich war, und hielt nicht viel von Kooperationen mit den anderen Arbeitsgruppenleitern. Zudem war er Engländer und aß fetttriefenden Toast zum Frühstück. In Ricks Welt definitiv ein Grund, jemandem zu misstrauen. Als Freund hätte Rick Mark nicht bezeichnet, aber auf eine gewisse Weise respektierte er ihn fachlich.
   Mark unterbrach Ricks Gedanken. »Dass ich mich von Fisher habe breitschlagen lassen, wieder einmal zu euch Krauts nach Deutschland zu kommen, liegt auch daran, dass nächste Woche mein Bruder Geburtstag hat. Auf die Weise kann ich ihn auf einem kleinen Umweg über London besuchen, bevor ich wieder nach New York fliege. Erst das Business, dann das Vergnügen. Aber wem sage ich das?« Mark zwinkerte Rick zu.
   »Was kann ich dafür, dass die Analytica in der Stadt abgehalten wird, in der ich geboren wurde? Und dass alle wichtigen Messen in den USA frühestens wieder im Herbst stattfinden?«, rechtfertigte sich Rick. »Wenn du schon da bist, schlage ich vor, wir teilen uns am besten auf, und jeder besucht einen Teil der Herstellerstände. Wir wären in der Hälfte der Zeit fertig«, meinte Rick versöhnlich.
   »Nein, ich denke, wir bearbeiten die Leute an jedem Messestand gemeinsam. So holen wir vielleicht noch mehr Informationen heraus und handeln einen besseren Preis aus. Wenn wir von einem Stand weg sind, stimmen wir uns kurz ab, bevor wir zum nächsten gehen. Was hältst du davon?«
   Rick sah verwundert zu Mark. »Du schlägst mir Teamwork vor? Wie komme ich denn zu der Ehre? Aber gut, wenn du meinst. Das klingt sinnvoll.«
   »Trink in Ruhe dein Bier aus, und dann geht es an die Arbeit«, sagte Mark und nickte zufrieden.

Rick taten die Füße weh. Nachdem er stundenlang mit Mark von einem Stand zum nächsten gelaufen war und tonnenweise Prospekte, Gratiskugelschreiber und Tassen in seine Umhängetasche gesteckt hatte, war er völlig erschöpft. Er und Mark beschlossen, für heute genug gearbeitet zu haben und am Hauptausgang des Messegeländes auf Thomas zu warten. Rick war nicht begeistert davon, dass Mark ihm und Thomas beim Essen Gesellschaft leisten wollte, da sie noch einiges zu besprechen hatten, aber wie er Mark kannte, würde der sich ohnehin gegen neun Uhr abends ins Hotel aufmachen.
   Thomas’ roter Toyota tauchte auf. »Hunger«, rief Rick knapp und sprang auf den Beifahrersitz.
   »Dachte ich mir schon. Ich hab was in Freising für neunzehn Uhr reserviert.«
   Mark stieg hinten ein und stellte sich Thomas knapp auf Englisch als Ricks Kollege vor.
   Thomas warf Rick einen ärgerlichen Blick zu. Rick verstand den Blick. »Denk da nix, der verzupft sie eh oiwei fria ins Bett, da deppade Inslaff«, nuschelte er in Thomas’ Richtung, wohl wissend, dass Marks Deutschkenntnisse bestimmt nicht gut genug waren, um zu verstehen, was er gerade auf Bayerisch zu Thomas gesagt hatte.
   Thomas grinste versöhnlich und bog vom Messegelände in Richtung Autobahn ab.
   Wenig später saßen Rick, Thomas und Mark in einem kleinen Restaurant am Rande des Weihenstephaner Berges und studierten die Karte. Nachdem sie bestellt hatten, vertieften sie sich in eine Small Talk-geladene Unterhaltung über die Arbeitsverhältnisse an der New York University, den Unterschied zwischen dem Krankenversicherungssystem in den USA und in Deutschland und einigen Themen zum Sport und zur Tagespolitik. Nach dem Essen bestellte sich Rick wie immer einen Espresso, und Mark ließ sich ein Taxi zu seinem Hotel rufen. Der Engländer verabschiedete sich von Rick und Thomas und ließ sie allein.
   »Da siehst du es. Kaum halb neun, und er verzieht sich schon ins Bett. Hab ich dir doch gesagt.« Rick zwinkerte Thomas zu.
   »Wurde auch Zeit.« Thomas schien äußerst ungeduldig. »Schließlich bist du nicht ewig in Deutschland, und wir müssen die Zeit nutzen.«
   »Du hast recht.« Rick zupfte an seinem Bierdeckel. »Jetzt ist wohl die Reihe an mir, dich auf den neuesten Stand zu bringen, nachdem du gestern ausgiebig den Fremdenführer gespielt hast.«
   Rick erzählte Thomas alles, was sich an neuen Informationen in den vergangenen Wochen ergeben hatte. Thomas hörte aufmerksam zu und stellte gelegentlich Zwischenfragen. Besonders, als Rick ihm erzählte, dass er einige Veränderungen an den Substanzen hatte vornehmen können, um ihre Wirkung und Wasserlöslichkeit zu verbessern, schien Thomas extrem interessiert.
   »Willkommen im Klub. Dann haben wir beide eine pseudo-spirituelle Erfahrung gemacht«, resümierte Thomas.
   »Scheint so, der eine mehr, der andere weniger freiwillig.«
   »Was machen wir jetzt als Nächstes in der Sache?«, durchbrach Thomas einen kurzen Moment der Stille.
   »Keine Ahnung. Es gäbe ein paar Möglichkeiten.«
   »Ich glaube, wir sollten in der Dom-Krypta noch an ein paar anderen Stellen Proben nehmen«, sagte Thomas, bevor Rick einen Vorschlag machen konnte. »Vielleicht erleben wir noch einige Überraschungen. Auch wenn ich das Pulver unter den Bodenplatten gefunden habe, heißt das nicht, dass es nicht von heute stammen könnte, oder?«
   »Stimmt, es könnte ein Versteck gewesen sein, das erst vor Kurzem dort angelegt worden ist. In einem Dom würde niemand so leicht Drogen vermuten«, warf Rick ein.
   »Vielleicht gibt es weitere Verstecke dort, nicht nur an der einen Stelle vor der Säule. Ich glaube, es lohnt sich, wenn wir heute Abend noch einmal hinfahren, um das näher zu untersuchen. Ohne die störenden Touristen, die dort tagsüber sind.« Thomas ballte die Faust zusammen, als wollte er imaginäre Touristen in den Boden rammen.
   »Sicher, sicher. Nachts in den Dom von Freising einbrechen.« Rick tat, als wollte er etwas aus seiner Jackentasche holen. »Lass mich das kurz auf meiner Liste von Dingen abhaken, die man getan haben muss, bevor man stirbt.«
   »Ich weiß, dass das blöd klingt, aber wie sollen wir sonst weitere Proben aus der Krypta holen, ohne dass uns die Leute ein Loch in den Bauch fragen oder sogar die Polizei rufen?«
   »Aha, in eine Kirche einzubrechen ist also die Lösung, um keinen Ärger mit der Polizei zu bekommen. Gute Idee. Die halten uns noch für Opferstock-Aufbrecher. Hast du dir mal das Portal angeschaut? Das ist nachts sicher verriegelt, und ich für meinen Teil bin etwas aus der Übung, was das Aufstemmen von dicken Eichenportalen angeht.«
   Thomas lehnte sich genüsslich zurück, als hätte er auf diesen Einwand gewartet. »Das Beste ist, wir müssen nicht einbrechen. Seit den Renovierungsarbeiten der vergangenen Jahre hat eine der Seitentüren einen leichten Knacks und schließt nicht mehr richtig. Die ist sozusagen kaputt-renoviert worden.«
   »Du hast ausprobiert, ob alle Türen richtig schließen?« Rick zog absichtlich die rechte Augenbraue nach oben.
   »Durch Zufall herausgefunden. Damals ging es zumindest noch. Also, was meinst du?«
   Rick dachte kurz nach und wog das Risiko ab. »Also wir gehen rein, kratzen ein paar Proben ab und gehen wieder? Das wäre alles? Das ist eigentlich nicht richtig illegal, glaube ich. Einem gläubigen Katholiken sollte man nicht den Zugang zu einer Kirche verwehren, und Fugendreck vermisst niemand.«
   »Genau, und kinderleicht ist es dazu. Wir legen uns ja nicht mit der Russenmafia an. Das Schlimmste, was uns begegnen könnte, wäre ein pädophiler Priester, und aus dem gefährdeten Alter sind wir raus.« Thomas grinste Rick an.
   »Na gut. Ich bestelle mir noch einen zweiten Espresso, damit ich genug Koffein in meinem Blut habe, und dann fahren wir kurz am Dom vorbei. Nur, damit du endlich Ruhe gibst.«

Kapitel 8
Tarbes, Südfrankreich, Februar 1862

Frederic trat an den Bischof heran. »Hochwürdigste Exzellenz, die offizielle Anerkennung der Echtheit der Visionen des Hirtenmädchens Bernadette eröffnet der katholischen Kirche in Frankreich wunderbare Möglichkeiten. Wir können nun an Ort und Stelle in der kleinen, unbedeutenden Stadt Lourdes ein Heiligtum schaffen.«
   Der Bischof nickte. »Ja, mein lieber Frederic, dies wird von uns und vom Heiligen Vater in Rom bereits in Erwägung gezogen. Die Unbefleckte Empfängnis, die dem Mädchen Bernadette erschienen ist, forderte die Errichtung einer Kapelle auf dem Fels, und nichts liegt uns mehr am Herzen, als dieser Forderung nachzukommen. Wir werden dies ebenso verwirklichen, wie wir den Gläubigen, die an diesen Ort pilgern, Zugang zu der wundersamen Quelle gewähren werden, um zu baden und zu trinken. Genauso, wie es die Erscheinung dem Mädchen Bernadette geheißen hat. Noch in diesem Jahr beginnt der Bau einer Krypta auf dem Fels, und in weniger als fünf Jahren werde ich dieses Haus Gottes weihen und dort die Heilige Messe lesen. Ist dies vollendet, wird der Bau einer Basilika auf der Krypta folgen.«
   Frederic lächelte den Bischof an. »Dessen bin ich mir sicher, Eure Exzellenz. Ihr wisst aber so gut wie ich um die, wie soll ich sagen, etwas merkwürdigeren Empfehlungen, die die Jungfrau Bernadette gab. Wie sollen diese in die Liturgien einfließen?«
   »In die Liturgien einfließen? Ihr seid verrückt, Frederic! Wir werden die Pilger sicher kein Gras fressen lassen wie die niedrigsten Schafe auf der Weide.« Der Bischof lief rot an.
   »Gewiss Exzellenz, gewiss«, beschwichtigte Frederic. »Wir benötigen jedoch einen Plan, um dies aus der Erinnerung der Bevölkerung im Ort zu tilgen. Vor vier Jahren sahen mehr als dreihundert Menschen, wie sich Bernadette bei einer der Visionen Grasbüschel in den Mund stopfte, um ihre Sünden zu büßen. Des Weiteren beschmierte sie sich mit Schlamm. Beides, wie sie sagte, auf Bitte der Jungfrau Maria.«
   »Nun, nicht nur die Wege des Herrn, sondern auch die der Jungfrau Maria sind uns unergründlich. Ich bin überzeugt, die Zeit wird diese Erinnerung tilgen, schneller, als Ihr glaubt.«
   Frederic verbeugte sich. »Ihr habt sicher recht, Exzellenz. Wenn ich jedoch einen Vorschlag machen dürfte, Exzellenz?«
   »Aber bitte, nur zu.«
   »Setzt euch dafür ein, dass das Areal weiträumig in den Besitz der Kirche kommt und darin bleibt. Diese Visionen eines unschuldigen Mädchens könnten eines Tages für Hunderttausende Menschen aus der ganzen Welt zum Ziel für Prozessionen werden. Insbesondere, nachdem immer mehr Nachrichten, von der Kirche bestätigte wie unbestätigte, über Wunderheilungen durch das Wasser der Quelle bekannt werden. Wenn sich der kleine Ort Lourdes zu einer Stätte der Pilger entwickelt, bedarf es Raum, und unsere geliebte katholische Kirche darf nicht zulassen, in Abhängigkeit von privaten Landbesitzern zu geraten.«
   »Ich verstehe, was ihr meint«, stimmte der Bischof von Tarbes zu. »Keine Angst, wir werden der katholischen Kirche die Spenden und Einnahmen in Lourdes sichern, und wir werden keinem Gläubigen, der Heilung und Hoffnung in Lourdes sucht, den Zugang verwehren.«
   Frederic strahlte. »Ausgezeichnet, hochwürdigste Exzellenz. Lourdes wird in Eurer Amtszeit aufblühen und hell erstrahlen und darüber hinaus die nächsten Jahrhunderte.«

Kapitel 9
Freising, Deutschland, 25. März 2010 – 22:30 Uhr

Thomas parkte seinen Toyota in der Freisinger Altstadt, und Rick und er liefen im Schein des abnehmenden Mondes zum Domberg.
   »Also, pass auf Rick.« Thomas ging schnellen Schrittes voran. »Das Hauptportal zum Dom ist wahrscheinlich abgeschlossen. Es ist ja schon nach zweiundzwanzig Uhr, und inzwischen gibt es keine Bauarbeiter mehr, die vergessen haben könnten, es zu schließen.« Er machte eine kurze Pause, um wieder zu Atem zu kommen. »Die Tür zum Kreuzgang sollten wir aber ohne Probleme öffnen können. Der Kreuzgang wurde erst im 18. Jahrhundert fertiggestellt, also über fünfhundert Jahre nach dem eigentlichen Mariendom. Von ihm aus kommen wir in ein Seitenschiff des Doms und von dort in die Krypta.«
   »Na ja, sieht wie ein Plan aus«, bestätigte Rick.
   Sie waren inzwischen am Domplatz des Domberges angekommen, der vom Mond spärlich ausgeleuchtet war. Die Dombibliothek auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes erschien ihnen nur als wuchtiger dunkler Schatten, aber das Denkmal zu Ehren des Bischofs Otto von Freising stand gut sichtbar in der Mitte des Platzes.
   »Okay, lass uns lieber dicht an der Gebäudemauer bleiben, während wir uns in Richtung Kreuzgang schleichen«, flüsterte Thomas.
   Rick folgte ihm.
   Dafür, dass es eigentlich kein Einbruch sein sollte, fühlte es sich ziemlich wie einer an.
   Als sie an der Tür zum Kreuzgang angekommen waren, hielt Thomas inne. »Rick, ich werde jetzt die Tür leicht nach oben ziehen, während du mit deinem Taschenmesser den Riegel dort wegdrückst. Kannst du sehen, was ich meine?« Er deutete auf eine Stelle am Schloss der Tür.
   »Wieso Riegel wegdrücken? Du hast gesagt, die Tür steht offen.« Rick versuchte, zu flüstern.
   »Nein, ich sagte, dass die Tür nicht richtig schließe, und das stimmt. Um sie zu öffnen, müssen wir aber noch etwas nachhelfen.«
   »Verdammter Lügner. Du weißt genau, dass ich nie mitgekommen wäre, wenn du mir das so gesagt hättest.«
   »Natürlich weiß ich das. Jetzt stell dich nicht so an. Wir gehen da rein, holen eine kleine Probe und sind gleich wieder weg. Du willst doch nicht umsonst hier raufgelaufen sein, oder?«
   »O Mann, warum tue ich das alles nur?«, seufzte Rick.
   Zusammen hebelten sie die Tür problemlos auf, sodass sie aufschwang. Sie waren dabei zwar nicht gerade leise, aber in den Fenstern, die dem Domplatz zugewandt waren, brannte nirgendwo mehr Licht. Wenn er Thomas’ Worten glauben konnte, befanden sich dort auch keine Schlafräume.
   Im Kreuzgang war es zu dunkel, um sich sicher ohne Lichtquelle bewegen zu können, daher schaltete Thomas die kleine LED an seinem Schlüsselanhänger ein, als er voranging. Im schwachen bläulichen Schein erkannte Rick die steinernen Grabmäler an den Wänden des Kreuzganges, aber er konzentrierte sich hauptsächlich darauf, dicht hinter Thomas herzulaufen. Thomas bewegte sich im Dom, als wäre es sein zweites Zuhause, und wenige Momente später befanden sie sich bereits an einem der beiden Abgänge in die Krypta. Fahles Mondlicht fiel durch die Fenster in den Dom, gerade genug, um ohne Taschenlampe sehen zu können. Rick hielt Thomas am Ärmel fest und deutete zur Krypta, als dieser die ersten Stufen hinabsteigen wollte. Licht drang aus der Krypta nach oben.
   »Angsthase.« Thomas grinste. »Das sind sicher die Kerzen am Sarg des Nonnosus, die tagsüber von Bittstellern und Gläubigen angezündet worden sind. Kein Grund zur Panik, hier ist niemand.« Sie gingen die Stufen hinab, und die Krypta war tatsächlich menschenleer. Am steinernen Sarg des Nonnosus flackerten mehrere Kerzen.
   Rick atmete kurz durch. »Okay, jetzt lass uns schnell zur Säule gehen und ein bisschen Fugendreck in die Plastiktüten packen.« Er zog einige Tütchen aus seiner Gesäßtasche und faltete sie geräuschvoll auf.
   »Sei still!« Thomas packte Rick fest an der Schulter und deutete mit der anderen Hand neben den Sarg des Nonnosus. Rick verstand im ersten Moment nicht, was Thomas meinte, aber nach einer weiteren Sekunde stellten sich schlagartig seine Nackenhaare auf und er drehte sich panisch einmal um die eigene Achse.
   Eine der Kerzen, die links neben dem Sarg standen, war offenbar gerade eben erst angezündet worden. Man konnte sogar noch die konisch zulaufende Form der Kerzenspitze erkennen. Wer immer sie angezündet hatte, musste noch vor ein oder zwei Minuten in der Krypta gewesen sein. Und er war womöglich immer noch im Dom.
   Ricks Herzschlag hatte sich mindestens verdoppelt. Er versuchte, beide Aufgänge der Krypta zum Dom im Auge zu behalten. »Was tun wir jetzt? Abhauen?«
   »Unsinn«, flüsterte Thomas so leise wie möglich. »Wenn wir jetzt oben wie die aufgescheuchten Hühner herumlaufen, werden wir sicher eher entdeckt, als wenn wir eine Weile hier abwarten. Sei einfach still und bleib cool.«
   Sie standen eine Weile bewegungslos im flackernden Kerzenschein vor dem steinernen Sarg. Nach einigen Minuten, Rick schätze, es waren etwa fünf, schnappte sich Thomas die Tüten aus Ricks Hand und ging zum anderen Ende der Krypta hinüber. Er streckte wortlos die Hand nach Ricks Taschenmesser aus und begann gleich darauf, hastig an verschiedenen Stellen Proben aus den Fugen zu nehmen. Er hatte bereits drei Tütchen mit Material versehen, als sich sein Blick erneut zum Sarg des Nonnosus richtete. Er kroch hinüber zum Steinsarg, der an einer Seite mit der Wand der Krypta verbunden war und etwa hüfthoch in den Raum hineinragte. An seinem anderen Ende ruhte er aber nur auf einer schmalen Säule, sodass zwischen Wand und Säule Platz blieb, um darunter hindurchzukriechen.
   Rick las die Informationstafel, die vom flackernden Kerzenlicht ausgeleuchtet war. »Der Legende nach werden die von ihren Leiden geheilt, die unter dem Sarg hindurchkriechen.«
   »Oder sie glauben zumindest, dass sie von göttlicher Macht geheilt werden«, spekulierte Thomas.
   Nachdem Thomas auch unter dem Durchschlupf eine Probe genommen hatte, richtete er sich auf und zeigte Richtung eines Ausgangs.
   Rick nickte. »Das musst du mir nicht zweimal sagen.« Sie waren immerhin seit einer guten Viertelstunde hier, und er war erleichtert, endlich wegzukommen.
   Sie schlichen auf demselben Weg durch den Dom, auf dem sie gekommen waren, und hasteten im Schein des LED-Lämpchens durch den Kreuzgang zurück zum Ausgang. Rick drehte sich fortwährend um, um zu sehen, ob sie jemand verfolgte, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Einmal glaubte er, schnelle Schritte hinter ihnen zu hören, aber einen Moment später war alles still. Als sie an der Tür angekommen waren, blieb Thomas abrupt stehen. Sie hatten die Tür offen gelassen und leicht angelehnt, nachdem sie sie aufgestemmt hatten.
   »Was ist?« Rick schob Thomas weiter und tippelte unruhig von einem Bein aufs andere.
   »Nichts. Äh, alles okay. Alles normal«, stotterte Thomas.
   »Was ist los?« Rick spähte vorbei an Thomas auf die Tür. Im Lichtkegel von Thomas’ Taschenlampe erkannte er einen kleinen Zettel, der am Schloss hing. »Verdammt, der war doch noch nicht da, als wir rein sind, oder?« Rick drehte sich erneut ruckartig herum, um zu sehen, ob ihnen jemand gefolgt war. Im Dunkeln plötzlich und unvorbereitet von hinten angefasst zu werden, hatte schon immer zu Ricks schlimmsten Ängsten gehört.
   »Nein, war er nicht.« Thomas nahm den Zettel und hielt ihn unter die LED. Rick spähte über Thomas’ Schulter.
   Auf dem Zettel stand nur ein Satz.

Seit dem Entzünden der Kerze sind zwanzig Minuten vergangen. Ich sehe euch!

Thomas und Rick schauten sich an und liefen wie auf Kommando los. Die Tür ließen sie unbeachtet offen hinter sich. Erst am Auto machten sie halt, völlig außer Atem und durchgeschwitzt. In der näheren Umgebung war niemand zu sehen, dennoch sprangen sie sofort wortlos ins Auto. Thomas steuerte den Wagen aus der Freisinger Altstadt und machte nach kurzer Fahrt bei einer Tankstelle halt. Die hell erleuchtete Anlange verströmte eine Aura der Sicherheit. Thomas tankte den Wagen voll, und sie genehmigten sich zwei kalte Getränke aus dem Kühlregal, bevor sie sich weiter auf den Weg zu Ricks Hotel machten.
   Sie hatten bis jetzt kaum ein Wort gesprochen, aber zumindest Rick hatte sich inzwischen einigermaßen von dem Schrecken erholt. Er war immer noch völlig aufgekratzt. »War das eine irre Aktion«, schnaufte er.
   »Was willst du denn? Ist doch alles gut gegangen, und wir waren sogar erfolgreich.«
   »Das war es, und ein kleines Abenteuer war es auch. Eines von der Sorte, die man seinen Enkeln erzählen kann, um ihnen zu beweisen, dass ihr Opa auch mal cool war. Jetzt brauche ich aber eine Mütze voll Schlaf, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich mit dem ganzen Adrenalin im Blut überhaupt so schnell einschlafen werde. Du solltest endlich heim zu Rita und dem Kleinen. Wie gehts den beiden eigentlich?«
   Thomas schien von Ricks Frage überrascht. »Ach, Rita ist mit Julian ein paar Tage zu ihrer Mutter nach Berlin gefahren. Ich bin also gerade Strohwitwer, aber den beiden geht es natürlich gut. Julian wird dir immer ähnlicher. Wenn ich es nicht besser wüsste, er könnte glatt von dir sein.« Thomas stieß Rick mit dem Ellenbogen in die Seite.
   Rick zuckte gespielt zusammen. »Ich bin unschuldig. In welcher Hinsicht ist er mir überhaupt ähnlich? Sind es meine stahlblauen Augen oder ist es mein markantes Brad Pitt-Lächeln?«
   »Nö, aber er besabbert sich beim Essen ständig, putzt sich nie die Nase und seine Pupse stinken außerirdisch.« Thomas brach in Gelächter aus.
   »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass dein Lachen wie das einer Ziege klingt, nur nicht so intelligent?«, revanchierte sich Rick. »Gute Nacht«, sagte er knapp und schwang sich aus Thomas’ Auto, aber nicht, ohne vorher auf dem Beifahrersitz ordentlich einen fahren zu lassen. Er schlug die Autotür zu und beobachtete amüsiert, wie Thomas beim Wegfahren sein Seitenfester hastig hinunterkurbelte.

Kapitel 10
Messe München, Deutschland, 26. März 2010

Rick hatte den zweiten Tag auf der Analytica damit verbracht, sich über allgemeine Trends bei wissenschaftlichen Geräten zu informieren. Mark war wieder da gewesen, aber sie waren heute unabhängig voneinander von Stand zu Stand gezogen und hatten sich die Geräte demonstrieren lassen. Gegen fünfzehn Uhr trafen sich Rick und Mark wie vereinbart am Messeausgang, wo sich Mark zu seinem Flug nach London verabschiedete, während Rick auf Thomas wartete. Er ließ nicht lange auf sich warten, und Rick stieg zu ihm in den Wagen.
   »War dein Tag erfolgreich? Alles klar?«, erkundigte sich Thomas nach Ricks Befinden, ließ ihm aber keine Zeit zu antworten. »Kannst du die Proben, die wir gestern Nacht mitgenommen haben, analysieren und herausfinden, ob es das gleiche Zeug ist wie beim ersten Mal? Oder ob es doch nur geweihter Fugenmörtel ist?«
   »Ich muss dafür an meinen Koffer im Hotel. Da habe ich meinen Flüssigchromatographen mit gekoppeltem Massenspektrometer drin. Es dauert maximal fünfzehn Minuten, und wir haben das Ergebnis!« Rick machte eine lässige Handbewegung.
   »Echt wahr? Das ist ja cool!«
   »Nein, du Depp. Du glaubst auch alles.« Rick lachte kopfschüttelnd. »Was denkst du denn, was ich alles dabeihabe, wenn ich mit dem Flugzeug aus den USA komme? Für das Gerät bräuchte man einen kleinen Container. Keine Chance, dass ich die Proben schnell mal unterwegs ohne mein Labor untersuche. Im Handgepäck nach New York mitnehmen werde ich unsere Beute von gestern Nacht garantiert nicht, wenn ich zurückfliege. Wenn die mich bei der Einreise kontrollieren, ist Schluss mit lustig. Danach mach ich wahrscheinlich staatlich finanzierten Dauerurlaub auf Kuba und statt Surfen gibts Waterboarding gratis dazu.«
   »Ah, okay, ich hab mich schon etwas gewundert, dass das so einfach gehen soll.« Thomas machte einen enttäuschten Eindruck.
   »Es gibt vielleicht doch etwas, was wir tun könnten.« Rick rieb sich seinen Viertagebart. »Hier in der Nähe in Garching ist das Labor, in dem ich vor meiner Stelle in den USA gearbeitet habe. Die haben alles, was wir für die Analyse bräuchten, und Simon, einer der Doktoranden von damals, schuldet mir noch einen Gefallen.«
   »Nach Garching ist es nicht einmal eine halbe Stunde mit dem Auto«, merkte Thomas an.
   »Genau. Spätestens morgen wüssten wir, mit was wir es zu tun haben.« Rick gefiel sein Einfall, auch weil er damit einen Grund hätte, sein altes Labor zu besuchen, und die eine oder andere schnucklige Assistentin von damals wiederzusehen.
   »Willst du vorher dort anrufen?« Thomas hielt Rick sein Handy hin.
   »Nein, die Nummer hab ich ohnehin nicht dabei. Das ist kein Problem. Wir schlagen dort auf, und wenn Simon nicht da ist, fragen wir einfach jemanden, ob wir uns an das LC-MS setzen können.«
   »Ich nehme an, mit LC-MS meinst du das Gerät, das du nicht im Handgepäck dabeihast?«
   »Allerdings. Die Technische Universität, die TU München, hat sich am Lehrstuhl für Organische Chemie vor zwei Jahren eines der besten davon geleistet. Das nutzen wir jetzt aus.«
   Während der Fahrt zu den Forschungsinstituten in Garching überlegte Rick, was er Simon und den anderen im Labor erzählen würde. Er wollte ihnen nicht sagen, um welche Art Probe es sich handelte. Zumindest nicht sofort.
   Nach einer knappen halben Stunde tauchte das Atomei, der frühere Forschungsreaktor der TU München auf. Er war zwar inzwischen außer Betrieb und durch einen Reaktor neuerer Bauart ersetzt worden, aber als Denkmal hatte man das Gebäude bestehen lassen.
   Thomas parkte neben dem Institutskomplex der Chemie, und sie betraten das Gebäude durch einen der Seiteneingänge.
   »Vierte Ebene«, sagte Rick knapp zu Thomas, als sie den Aufzug betraten.
   Es war alles noch wie früher. Rick dachte an die Zeit zurück, die er hier verbracht hatte. Es waren hauptsächlich schöne Erinnerungen, auch wenn die Gebäude ein Ausbund an Hässlichkeit und Trostlosigkeit waren.
   Wenn eines Tages die Welt unterginge, wäre es durchaus wahrscheinlich, dass sie in Garching damit anfing.
   Rick wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich mit einem Knirschen die Stahltüren des Aufzuges öffneten und sie der Geruch von Lösungsmitteln im Labortrakt empfing.
   Er sah durch eines der Glasfenster in der Tür in das Labor, in dem Simon während der Doktorarbeit seinen Laborplatz gehabt hatte. Wie früher huschte Simon hektisch von einer Stelle an der Laborbank zur anderen und fuchtelte mit den Pipetten herum. Als Rick die Tür aufzog, fuhr Simon erschrocken herum, um einen Moment später mit einem grellen Lachen auf Rick zuzulaufen.
   »Hey! Pass auf, damit du mir nicht die Glaspipette ins Herz rammst.« Rick lachte, wich aber etwas zurück, als ihn Simon umarmen wollte, ohne irgendeines der Geräte, die er in Händen hielt, loszulassen.
   »Was machst du denn hier? Ich dachte, du bist ein paar Tausend Kilometer weit weg. Wen hast du da mitgebracht?« Simon war sichtlich überrascht und erfreut.
   »Ich hab mir gedacht, ich besuche euch mal wieder. Die paar Stunden im Flugzeug sitze ich doch auf einer Arschbacke ab. Hast du etwas Zeit auf einen Espresso in der Cafeteria mit mir und meinem alten Schulfreund Thomas?« Rick deutete mit dem Daumen auf Thomas.
   »Klar, ich mach die Sachen schnell fertig, und in zwei Minuten können wir los.«
   Rick genoss die entspannte und vertraute Atmosphäre, während er Simon zuhörte, der von seinen aktuellen Forschungsergebnissen und anderen Neuigkeiten am Institut erzählte.
   Nachdem genug Belanglosigkeiten und Nettigkeiten ausgetauscht worden waren, leitete Rick das Gespräch auf die Proben in seinem Rucksack. Er erzählte nicht alles, nur genug, um Simon neugierig auf ein paar schwierig zu analysierende Substanzen zu machen. Simon hörte aufmerksam zu, nickte gelegentlich und wartete ab, bis Rick fertig war.
   »Klar kann ich mir das anschauen, aber erst später heute Abend. Im Moment sind alle Geräte ausgelastet, und wenn der Chef rauskriegt, dass ich wichtige Proben des Instituts liegen lasse, um dir einen Gefallen zu tun, dann findet man mich demnächst portionsweise im Minus-achtzig-Grad-Gefrierschrank. Als abschreckendes Beispiel für Insubordination.« Simon lachte, aber man sah ihm an, dass er den Institutsleiter, der von Ricks Weggang in die USA überhaupt nicht begeistert gewesen war, keinesfalls provozieren wollte.
   »Sicher. Toll, dass es überhaupt klappt. Ruf mich an oder schreib mir eine E-Mail, sobald du ein Ergebnis hast.« Rick gab Simon seine amerikanische Visitenkarte, auf der er zuvor zusätzlich die Nummer seines deutschen Handys notiert hatte.
   »Pass gut auf die Proben auf, sie sind unvorstellbar wertvoll.« Rick überreichte Simon die vier Tütchen.
   »Klar doch. Ich werde sie mit meinem Leben verteidigen. Sonst könnte ich sie ja später nicht mehr auf eBay versteigern.« Simon zwinkerte Rick zu, und sie lachten laut.
   Thomas beobachtete die Szene und schüttelte den Kopf.
   Rick klopfte Simon auf die Schulter. »Bis morgen. Mach nicht die ganze Nacht durch, auch Wissenschaftler sollten ein Privatleben haben.«
   »Du bist das beste Beispiel dafür, dass dem nicht so ist.«

»Können wir ihm trauen?« Thomas sah Rick fragend an, als sie auf dem Parkplatz angekommen waren.
   »Hundertprozentig. Simon ist ein guter Kerl, und er hasst seinen Chef, und damit meinen Ex-Chef, genauso wie ich. Der hält dicht.«
   Thomas steuerte das Auto auf der Landstraße in Richtung Ricks Hotel, und egal, wie oft sie es versuchten, sie fanden kein anderes Gesprächsthema als die geheimnisvollen Substanzen, die sie Simon zur Analyse überlassen hatten.
   »Wie kann man solche Substanzen in sich aufnehmen?«, fragte Thomas mit hochgezogenen Augenbrauen.
   »Da gibt es viele Möglichkeiten. Man könnte sie zum Beispiel als Staub einatmen oder sie mit der Nahrung oder Getränken zu sich nehmen. Ich habe das Pulver den Mäusen ins Trinkwasser gegeben, und ich hab es auch mit einem Schluck Wasser eingenommen. Es wäre sicher ebenso möglich, es als Spritze in den Muskel oder als Infusion in eine Vene zu verabreichen. Wahrscheinlich bräuchte man dafür sogar wesentlich geringere Mengen, um dieselbe Wirkung zu erreichen. Dann sollte allerdings besser kein Fugenmörtel mit dabei sein.«
   Thomas verzog das Gesicht. »Das stelle ich mir schmerzhaft vor.«
   Rick nickte. »Außerdem sollte es gut funktionieren, wenn man es mit etwas Flüssigkeit zerstäubt und einatmet, etwa wie bei einem Spray gegen Asthma. Die feinen Kapillaren in der Lunge sorgen für eine gute Aufnahme ins Blut und eine schnelle Wirkung. Sogar ein Zäpfchen, das du dir hinten reinschiebst wie früher ein Fieberzäpfchen, wäre denkbar. Das ist aber wohl weniger alltagstauglich.«
   »Verstehe. Man kann das Zeug also auf viele verschiedene Arten in einen menschlichen Körper bekommen, und es wirkt immer. Kann man es auch, sagen wir mal, rauchen oder verräuchern?«
   »Warum nicht? So ähnlich wie man in der Kirche Weihrauch benutzt? Ja, das ist eine gute Idee.« Rick gewann den Eindruck, dass Thomas in diesen Dingen nicht so einfältig war, wie er zuvor angenommen hatte.
   »Verräuchern ist grundsätzlich immer möglich, wenn die Substanzen einigermaßen hitzebeständig sind. Für diese Substanzen habe ich das nicht getestet, aber ich vermute, dass ein bedeutender Teil der Verbindungen das Erhitzen übersteht und sie immer noch wirksam wären, wenn ein Mensch sie im Rauch einatmet. Das beste Beispiel für eine Droge, die man so zu sich nimmt, ist das Nikotin. In der Zigarette wird es im Tabak so weit erhitzt, dass man es sich mit dem Qualm und dem Teer und so weiter in die Lungen ziehen kann. Dort wird das Nikotin ins Blut aufgenommen und fängt an zu wirken.« Rick machte eine Pause und kratzte sich am unrasierten Kinn. »Allerdings ist die Menge Nikotin, die man mit dem Rauch von ein paar Zigaretten aufnimmt, relativ gering. Zumindest verglichen mit der Menge, die man aufnähme, wenn man die Zigaretten kauen und hinunterschlucken würde. Das würde schon bei einer ziemlich geringen Menge für einen Erwachsenen stark giftig oder sogar tödlich sein. Für ein Kleinkind ist schon die Tabakmenge in ein bis zwei Zigaretten, oder weniger, tödlich. Würde man das Nikotin aus vier bis fünf Zigaretten, das sind etwa sechzig Milligramm, als gereinigte Substanz in eine Spritze packen und sich in die Vene injizieren, würde es keine Minute dauern und man wäre tot.«
   Thomas’ fragender Blick spornte Rick an, mehr zu erklären.
   »Jetzt sind wir bei einem anderen interessanten Punkt angekommen. Die Art der Aufnahme kann die Art und Dauer der Wirkung stark beeinflussen. Besonders ein Gemisch aus verschiedenen Substanzen kann im Körper eine andere Wirkung entfalten, je nachdem, ob man es entweder direkt ins Blut injiziert, raucht oder mit der Nahrung aufnimmt.«
   »Warum das denn?«
   »Die einzelnen Verbindungen können unterschiedliche Teilwirkungen haben, oder aber verschieden gut auf die eine oder andere Art aufgenommen werden. Man hat also eigentlich dasselbe Gemisch, erreicht aber im Körper unterschiedliche Mischungen davon, je nach Art der Verabreichung oder Aufnahme.«
   Thomas Blick blieb trotz Ricks Erklärung fragend.
   »Ich versuche das mal mit einem Beispiel zu verdeutlichen. Nehmen wir an, du sitzt vor einer vollen Schüssel Cornflakes mit Milch. Die isst du normalerweise mit dem Löffel. Mit dem bekommst du eine perfekte Mischung aus Milch und Cornflakes in den Mund, und das schmeckt, wie es schmecken muss. Nimmst du stattdessen eine Gabel, wirst du zwangsläufig praktisch nur Cornflakes in den Mund bekommen. Höchstens noch ein paar Tropfen Milch, mit denen sich die Cornflakes vollgesogen haben. Das ist eher eine pampige Angelegenheit und hat mit einem Frühstücksmüsli nicht mehr viel zu tun. Verstehst du, was ich meine? Zweimal dieselbe Mischung, Milch und Cornflakes, aber die Art der Aufnahme entscheidet darüber, was in deinem Körper landet. Mit einem Gemisch an Drogen wäre das ähnlich, und ohne umfangreiche Studien lässt sich vorher nicht genau sagen, welche Substanzen auf welche Weise am besten aufgenommen werden.«
   »Kann man das auch nicht vorhersagen, wenn man die einzelnen Bestandteile des Gemisches kennt?«
   »Ein wenig schon. Die Art der chemischen Verbindung lässt einige Rückschlüsse zu, aber nur grob. Ohne Versuche, entweder mit Versuchstieren oder besser noch in klinischen Studien an Menschen, kommt man nicht weit.«
   »Ganz schön spannend, aber auch kompliziert. Du kennst dich ziemlich gut damit aus, Rick, das muss ich dir lassen.«
   »Hab ja nicht umsonst kein Privatleben.« Rick rollte mit den Augen.
   Wenige Minuten später hielt Thomas vor Ricks Hotel. »Wir sehen uns morgen Nachmittag, wieder gegen siebzehn Uhr. Ich hol dich ab.«
   Thomas fuhr davon, und Rick freute sich auf sein Bett im Hotel. Morgen erwartete ihn ein ziemlich entspannter dritter Messetag, und dann begann endlich sein verdienter Erholungsurlaub in Deutschland.

Kapitel 11
Garching, Deutschland, 27. März 2010

Es war kurz nach sieben Uhr, und Rick nahm sein Handy vom Nachttisch, um den Wecker abzuschalten. Er benutzte die Alarmfunktion meist als Reisewecker, da er je nach Stimmung seinen ganz persönlichen Klingelton zum Wecken einstellen konnte. Heute Morgen ließ er sich zu den Klängen von Schnappi, dem kleinen Krokodil wecken, was ein sicheres Zeichen bei Rick war, dass er sich in einer heiteren Grundstimmung befand.
   Er hatte gestern Nacht um ein Uhr dreißig noch eine SMS von Simon bekommen und öffnete die Nachricht.

Habe Probleme mit deinen Proben und dem LC-MS. Brauche noch einen Tag länger. Grüße, Simon

Rick sah auf sein Handy, schüttelte den Kopf und machte sich für den Besuch auf der Analytica fertig.

Nachdem er am Rande der Messe noch einige Vorträge zu Fachthemen besucht hatte, beschloss Rick, seinen Messebesuch am dritten Tag um vierzehn Uhr zu beenden. Die Vorträge hatten ihn nicht vom Hocker gerissen, und nach zwei Tagen hatte man in der Regel auf der Ausstellung bereits alles gesehen. Der dritte Tag war daher meist ziemlich langweilig. Er nahm sich kurzerhand ein Taxi und ließ sich nach Garching bringen.
   Mal sehen, ob er Simon ein wenig bei der Analyse der Proben unter die Arme greifen konnte.
   Unterwegs schrieb Rick in einer SMS an Thomas, dass dieser um siebzehn Uhr nicht zur Messestadt zu kommen brauche, sondern ihn heute direkt in Garching treffen solle.
   Als Rick im Labortrakt des Instituts für Organische Chemie eintraf, war es eigenartig still. Er konnte in den Laboren niemanden entdecken, was angesichts des frühen Nachmittages äußerst ungewöhnlich war. Rick wusste, dass sein früherer Chef ein strenges Regiment führte, und wenn dieser bemerkte, dass sich jemand vor siebzehn Uhr aus dem Staub gemacht hatte, hatte er die Angewohnheit, diesen Mitarbeiter mit Telefonaten zu bombardieren. Irritiert ging Rick zu den Räumen, in denen die Analysegeräte standen. Als er dort angekommen war, traute er seinen Augen kaum. Auf der verschlossenen Tür klebte ein großer weißer Zettel mit der Aufschrift Betreten verboten!, und direkt oberhalb der Türklinke war ein Papierstreifen angebracht, der den Türstock mit der Tür verband. Amtliches Siegel, las Rick und weiter einige Sätze, die zum Ausdruck brachten, dass es verboten war, das Siegel zu brechen.
   Was war denn hier los? Wo waren alle seine Exkollegen?
   Rick lief in Richtung des Sekretariats, und obwohl er keine Lust hatte, seinem früheren Chef zu begegnen, war das wohl der einzige Weg, um herauszufinden, was los war. Er klopfte an die Tür zum Vorzimmer der Institutsleitung, aber nichts geschah. Von drinnen ertönte kein Herein bitte, wie sonst üblich. Nach einer kurzen Pause klopfte er erneut und drückte die Klinke hinunter, um festzustellen, dass das Sekretariat abgeschlossen war.
   Rick hämmerte leicht mit seinem Kopf an die verschlossene Tür, in der Hoffnung, dass alles klarer werden würde. Plötzlich wurde er von einer eiskalten Hand an seinem Nacken aus den Gedanken gerissen. Er riss den Kopf herum und blickte in die rot geweinten Augen einer technischen Assistentin des Instituts.
   »Helga, schön, dich zu sehen. Was ist denn los mit dir?«
   Helga fiel ihm um den Hals. »Rick, es ist was Furchtbares passiert«, schluchzte sie. »Simon ist tot.«
   Rick schob sie völlig geschockt ein Stück weg. »Was? Um Gottes willen, was ist passiert?«
   Helga brauchte einen Moment, um sich so weit zu beruhigen, dass sie verständliche Sätze sprechen konnte. »Es war ein Unfall. Vermutet zumindest die Polizei.«
   »Unfall? Mit dem Auto?« Rick konnte es immer noch nicht fassen, dass Simon tot sein sollte.
   »Nein, hier im Institut. Gestern Nacht.« Helga machte eine Pause, um sich die Nase zu putzen. Die Sache nahm sie offensichtlich mit, und sie brauchte einige Zeit, um weitererzählen zu können. »Simon wollte scheinbar das LC-MS-Gerät reparieren und hat dabei einen elektrischen Schlag bekommen.«
   »Und das hat ihn umgebracht? So dumm war Simon doch nicht, dass er einfach am Gerät herumgebastelt hätte, ohne den Stecker zu ziehen! Außerdem gibt es doch Sicherungen, die hätten rausfliegen müssen.« Rick wollte es einfach nicht wahrhaben, dass Simon mit seinen gerade mal dreißig Jahren bei der Arbeit umgekommen war.
   Helga nickte. »Von uns kann es auch niemand verstehen. Die Putzfrau fand ihn gegen acht Uhr morgens leblos vor dem Gerät. Sie hat den Notarzt gerufen, obwohl sie kaum deutsch spricht. Die Sanitäter von der Werksfeuerwehr kamen sofort, und der Notarzt gleich darauf, aber der konnte nur noch Simons Tod feststellen.« Helga heulte wieder los und beruhigte sich erst ein wenig, als Rick sie in den Arm nahm.
   »Kurz darauf trudelten so langsam alle vom Institut ein, und dann kam auch schon die Polizei. Der Notarzt hat den Beamten gesagt, dass man die Ursache von Simons Tod wohl am Gerät vermuten müsse. Für ihn war klar, dass es ein Herzstillstand war, und er vermutete einen Elektroschock als Ursache, auch weil noch Kabel aus dem Netzteil des Gerätes hingen.«
   Rick wurde schwindlig. Er hatte Simon in den Tod getrieben. Simon hatte bestimmt wie ein Besessener an Ricks Analyse gearbeitet und wollte sie in der Nacht unbedingt fertigbekommen. Unfassbar, er hatte seinen Freund und ehemaligen Doktoranden auf dem Gewissen.
   »Was denkst du, Rick? Ihr habt euch immer gut verstanden, du und Simon, oder? Selbst nachdem du schon lange in New York warst, hat Simon immer gesagt, dass du sein Vorbild bist.« Helga streichelte Rick voll Mitgefühl über den Rücken.
   Rick wurde schlecht. »Können wir uns irgendwo hinsetzen?«
   Helga sperrte mit ihrem Schlüssel die Tür zum Vorzimmer auf und sie setzten sich an den Kaffeetisch, an dem Besucher sonst warten mussten, bis sie ins Büro des Chefs gerufen wurden.
   »Außer mir sind alle nach Hause gegangen, nachdem die Polizei weg war. Professor Barder hat mich angewiesen, bis um siebzehn Uhr die Stellung zu halten, für den Fall, dass jemand vorbeikommt, der von dem Vorfall nichts mitbekommen hat.«
   Rick vergrub sein Gesicht in den Händen und versuchte sich zu beruhigen.
   »Die Polizei hat den Raum, in dem das Gerät steht, versiegelt«, redete Helga leise weiter. »Und zwar so lange, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind. Sie sagen, es deute alles auf einen Unfall hin. Simon wollte das Netzteil des Geräts reparieren und könnte geglaubt haben, dass er die Hauptsicherung herausgenommen hat, aber es war wohl nur eine Teilsicherung für ein anderes Gerät. Ein Sachverständiger soll aber noch prüfen, ob mit dem Gerät sonst alles gestimmt hat.«
   Rick nickte stumm.
   »Er war ein guter Kerl und hatte eine große Zukunft vor sich.« Helga fing wieder an zu weinen.
   »Ja, nur die Besten sterben jung«, sagte Rick, worauf sie gemeinsam schluchzten.
   Nachdem sie sich beruhigt hatten, tauschten Rick und Helga eine Weile alte Geschichten und Anekdoten von der Zeit aus, in der sie alle drei am Institut gearbeitet und sich dabei so manchen Spaß geleistet hatten. Bei all der Trauer war das wenigstens ein kleiner Trost.
   Rick hatte fast vergessen, warum er nach Garching gekommen war, und wurde erst daran erinnert, als er auf dem Flur eine vertraute Stimme und Schritte hörte.
   »Oh, das muss Thomas sein, ein alter Freund von mir. Ich wollte mich hier mit ihm treffen.« Er lächelte Helga kurz zu und ging nach draußen.
   Als Thomas ihn auf dem Flur entdeckte, lief er erleichtert auf ihn zu. »Rick, wo warst du denn? Hier herrscht ja eine Totenstille.«
   »Das kann man so sagen.« Rick nahm Thomas zur Seite und erzählte ihm, was passiert war.
   Thomas war ebenso schockiert über den Tod von Simon wie Rick, aber natürlich weit weniger berührt, da er ihn nicht wirklich gekannt hatte.
   »Das bedeutet, dass wir sowohl die Analyseergebnisse als auch unsere Proben von neulich Nacht abschreiben können?«, fragte Thomas nach einer Weile.
   »Ja«, erwiderte Rick. »Der Tod von Simon und die Versiegelung des Raumes bringen diese Unannehmlichkeit mit sich, und ehrlich gesagt, ist das jetzt auch völlig unwichtig.« Rick drehte sich von Thomas weg.
   »Ich verstehe ja deine Trauer, aber wir sprechen hier von Simons letzter Analyse. Das Letzte, was er in seinem Leben getan hat. Es wäre doch in seinem Sinne, dass wir noch etwas daraus machen. Es würde sein Andenken ehren, und letztlich könntest du ihm den Artikel, den du darüber schreiben wirst, widmen.« Thomas sah ihn an. »Er würde sich darüber freuen, denke ich.«
   Rick senkte den Kopf. »Ja, das würde er. Sehr sogar.« Er schwieg eine Weile. »Wir wissen aber nicht, wie weit er war. Ich habe gestern eine SMS von ihm bekommen, dass er noch mehr Zeit braucht, aber vielleicht hat er einen Teil der Analysen abgeschlossen.«
   »An diesen Teil würden wir jetzt nicht mehr einfach drankommen, oder?«
   »Doch. Wahrscheinlich schon. Komm mit.«
   Rick ging voran, und auf dem Weg zum Chef-Vorzimmer des Instituts begegneten sie Helga, die nach Hause gehen wollte.
   »Helga, könntest du uns bitte an einen Instituts-Rechner lassen, bevor du heimgehst? Das wäre sehr lieb. Ich würde mir gern ein paar Daten von Simon ansehen, wenn ich ohnehin schon hier bin.«
   Helga nickte. »Wie du willst. In meinem Labor kannst du an den Rechner. Die Benutzerdaten und Passwörter haben sich nicht geändert, seit du weg bist, die kennst du also. Braucht ihr mich dabei? Wenn nicht, würde ich gern heimgehen und mich ausruhen.«
   Rick nahm Helga kurz in den Arm. »Geh nur. Ich rufe dich die nächsten Tage an.«
   »Okay, wenn ihr geht, schließt die Tür einfach hinter euch.« Helga winkte traurig, als sie das Labor verließ.
   »Und jetzt?« Thomas sah Rick fragend an.
   »Jetzt gehen wir auf das Netzlaufwerk und sehen uns an, ob Simon einzelne Ergebnisse dort abgelegt hat. Er hat eigentlich immer alle Ergebnisse sofort auf dem Netzlaufwerk gespeichert, damit er an sie drankommen konnte, auch wenn der Rechner, der am LC-MS hängt, ausgeschaltet ist.«
   Thomas blickte Rick über die Schulter, als er die Ordner auf dem Netzlaufwerk des Instituts durchsuchte. Nicht überall hatte er Zugang, weil einzelne Ordner mit privaten Passwörtern geschützt waren, aber für die meisten Ordner und Dateien genügte das Arbeitsgruppenpasswort, das seit Jahren unverändert war.
   »Gleich hab ichs.«
   »Jetzt verstehe ich, warum man seine Passwörter und Zugangsdaten regelmäßig ändern sollte.«
   »Ja, aber es hätte trotzdem nicht geklappt, wenn mir Helga nicht vertraut hätte. Ich werde sie nicht enttäuschen und Simons Arbeit in einer Veröffentlichung würdigen.« Rick schluckte. »Hier ist es: Ein Ordner, der den Namen Daten für RRo trägt. Damit bin ich gemeint.« Rick öffnete den Ordner. »Okay, es sind vier Dateien drin. Moment mal, wie viele Tütchen haben wir Simon gegeben?«
   »Vier, soweit ich weiß«, sagte Thomas.
   »Genau. Das würde bedeuten, dass Simon alle Analysen abgeschlossen hat. Obwohl er mir geschrieben hat, dass er es nicht hinbekommen hat. Eigenartig.«
   »Und was ist rausgekommen?«, fragte Thomas ungeduldig.
   »Kann ich noch nicht sagen. Das sind nur Rohdaten, die ich an meinem Laptop auswerten muss. Das heißt, ich muss sie kopieren und mitnehmen. Dafür brauchen wir aber …«
   Thomas hielt ihm einen USB-Speicherstick hin.
   »… genau das«, sagte Rick und steckte den Stick an den Rechner an.
   Während die Dateien kopiert wurden, sah Rick etwas, das ihn stutzig machte.
   »Es wird noch seltsamer. Die erste Datei wurde um null Uhr zehn und die letzte um ein Uhr fünf auf das Netzlaufwerk verschoben. Die SMS von Simon habe ich aber erst um etwa ein Uhr dreißig bekommen. Vielleicht hat er nachträglich die Qualität der Daten als zu schlecht beurteilt, um sie mir zu zeigen, aber das werde ich bei einer Auswertung an meinem Rechner ja sehen.« Rick zog den USB-Stick ab und fuhr den Rechner hinunter. »Lass uns gehen, Thomas. Ich würde gern noch irgendwo einen Schluck auf Simon trinken. Würde mich freuen, wenn du mitkommst.«
   »Klar, das sind wir ihm schuldig«, sagte Thomas und steckte den USB-Stick wieder in die Tasche.

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