Ein harmloser Halt an einer Autobahnraststätte ist der Anfang einer nervenaufreibenden Odyssee: Daniel und Bastian geraten in Streit mit einem gesuchten Mordverdächtigen. Als sie ihn überwältigen und der Polizei übergeben, glauben sie, das Kapitel wäre abgeschlossen. Doch dann sind die Behörden gezwungen, den Mann wieder freizulassen. Ein dramatisches Katz-und-Maus-Spiel beginnt ...

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ISBN: 978-9963-53-267-4

Seiten: 257

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Sören Prescher

Sören Prescher
Sören Prescher wurde am 9. August 1978 in Bautzen geboren, ist verheiratet und wohnt mit seiner Familie in Nürnberg. Neben seiner Arbeit für ein internationales Wirtschaftsunternehmen schreibt er für das Nürnberger Musik- und Kulturmagazin RCN. Seit 1995 verfasst er Geschichten und Gedichte. In den vergangenen Jahren erschienen verschiedene Romane von ihm, unter anderem das Steampunk-Abenteuer „Der Flug der Archimedes“ (Fabylon Verlag), der zweiteilige Mystery-Thriller „Marty“ (Rouven Finn Verlag) sowie mehrere Krimis zusammen mit Silke Porath im Gmeiner Verlag, unter anderem „Klosterkeller“. „Raststopp“ ist sein erster Thriller für den bookshouse-Verlag.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Hast du dich schon mal gefragt, warum es so viel gute Musik gibt, im Radio aber trotzdem bloß Scheiße läuft?« Bastian tippte auf den Sendersuchlauf des Autoradios, fand aber nichts, was ihn zufriedenstellte.
   Daniel setzte zum Überholen an. Die Fahrt nach Berlin war ihm deutlich kürzer vorgekommen als die Rückfahrt, was vermutlich daran lag, dass Basti die meiste Zeit auf seinem Notebook herumgeklickt hatte, um die Präsentation für das Seminar über Fortschritte im Bereich Sensorentechnik fertigzubekommen. Daniel hatte sich gedanklich damit beschäftigt, wie er diese neuen Erkenntnisse später im Außendienst an die Kunden weitergeben könnte. »Was erwartest du denn? Dass die Sender ihr Programm exakt nach deinen Wünschen umstellen?«
   »Natürlich nicht. Aber schau: Inzwischen ist Mitte Oktober, und dieses Jahr sind schon so viele tolle Alben erschienen. Stereophonics, Nick Cave, die Eels und sogar Tom Petty, um nur einige zu nennen. Im Radio läuft rein gar nichts davon. Stattdessen nur derselbe Einheitsbrei aus zahnlosen Popnummern und sogenannten Klassikern, die du tausendfach gehört hast. Wenn ich bloß den Anfang von Highway to hell oder Heat of the moment höre, juckt es mir von hinten am Zäpfchen.«
   »Vielleicht passen die anderen Sachen einfach nicht ins Programm.«
   Basti schüttelte seinen Lockenkopf. »Das ist weder Geknüppel noch Geschrei, sondern alles recht bodenständig, falls du das meinst. Die Programmchefs wollen bloß nicht aus der Reihe tanzen. Ich erwarte ja gar nicht, dass alles gespielt wird, aber ein bisschen über den Tellerrand gucken wäre echt nicht schlecht.«
   Daniel schmunzelte. »Du erinnerst mich stark an meinen Kumpel Frank. Er ist Musikjournalist in Nürnberg. Mit dem solltest du über so was fachsimpeln. Mir ist das relativ egal. Wenn mir ein Lied nicht gefällt, schalte ich einfach weiter. Oder lege eine CD ein.« Er wechselte auf die mittlere Spur zurück und sah auf das Navi. Dreieinhalb Stunden waren sie schon unterwegs, gut zwei hatten sie noch vor sich. Das hieß Ankunft am frühen Abend, was durchaus vertretbar war für eine Fahrt quer durch die Republik. Außerdem wartete daheim Sabine. Wenn er früh genug eintraf, könnten sie es noch zum Griechen schaffen. Bei dem Gedanken an kross gebratene Souflaki lief ihm das Wasser im Mund zusammen.
   Basti war inzwischen dem Ratschlag gefolgt und hatte eine Selig-CD aus dem Handschuhfach gekramt. Damit konnte Daniel leben.
   Basti nickte im Takt der Musik. »Da vorn kommt ein Rastplatz. Ich muss mal dringend pinkeln.«
   »Kein Problem.« Daniel wechselte auf die rechte Fahrspur. Gleich darauf bogen sie auf den Parkplatz ein. Ein Toilettenhäuschen, drei steinerne Sitzgelegenheiten und ein Rasenstreifen, den man lieber nicht betrat. Auch jetzt ließ ein älteres Paar darauf seinen Pudel Gassi gehen.
   Daniel vertrat sich die Füße. Der milde Herbstwind ließ auf einen angenehmen Abend hoffen. Das hieß, sofern sich das Wetter in Baden-Württemberg an dieselben Spielregeln hielt. Er freute sich auf Sabine. Die vergangenen Wochen waren stressig gewesen, sodass ein bisschen gemeinsame Zeit längst überfällig war. Vor seinem geistigen Auge sah er einen Besuch in ihrem Lieblingsrestaurant. Am selben Ecktisch, an dem sie ihr erstes Date gehabt hatten. Dazu eine einzelne brennende Kerze. Das war beinahe zu kitschig. Quasi die perfekte Gelegenheit für einen Antrag. Überfällig war auch das. Aber bloß, weil sie die magische Grenze von Mitte dreißig vor geraumer Zeit erreicht hatten und seit mehreren Jahren glücklich zusammenlebten, bedeutete es nicht, dermaßen in die Vollen zu gehen. Nicht, dass er an seiner oder ihrer Liebe zweifelte. Bloß die Institution Ehe kam ihm nicht mehr zeitgemäß vor.
   Daniel zog sein Smartphone aus der Hosentasche, um Sabine eine WhatsApp-Nachricht zu schicken.
   »Hey Mann, hör auf damit!« Bastis Stimme schallte über den Parkplatz.
   Daniel riss den Blick hoch. Neben seinem Kollegen torkelte ein breitschultriger Kerl mit schütterem Haar und einer Nase so kantig, als wäre sie irgendwo herausgebrochen worden. Er stieß Basti in die Seite, schubste ihn und grölte Unverständliches.
   Daniel hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und beschleunigte seine Schritte. »Hey! Aufhören!« Genauso gut hätte er mit dem Rentnerpudel sprechen können.
   Bastian versuchte sich zu befreien, erreichte aber bloß, dass der andere seinen Griff verstärkte. Sie wirkten wie das Gegenteil eines hemmungslosen Liebespaars.
   Der Breitschultrige holte aus, und Bastian drückte sich im letzten Moment zur Seite, was sein Gegner offenbar erwartet hatte. Der nächste Schlag ging in Richtung von Bastis Gesicht. Instinktiv riss dieser die Arme hoch, verhinderte den Treffer gegen die Unterlippe aber nicht. Verzweifelt probierte er, dem Schläger das Knie in den Unterleib zu rammen, doch auch das schien er erwartet zu haben.
   In diesem Moment erreichte Daniel sie. Ursprünglich wollte er die beiden mit Worten beruhigen. Jetzt stürzte er sich auf Kantengesicht und riss ihn mit sich zu Boden. »Nun mal langsam, Freundchen.« Er stieß ihm die Faust tief in die Nieren.
   Der Fremde stöhnte auf und versuchte, ihn mit hektischen Bewegungen abzuschütteln. Keine Chance. Daniel krallte sich fest und verpasste ihm einen zweiten Schwinger. Leider nicht auf die andere Niere, sondern in die Rippen. Trotzdem sicher kein Anlass für Jubelschreie.
   Bastian krabbelte rückwärts aus der Gefahrenzone, stürzte sich aber sofort wieder auf den Schläger. Eine ausgewichene Faust und zwei Nackenschläge später hatten sie den Brutalo unter Kontrolle.
   »Hey, Mann, was hast du denn für ’n Problem?«, fuhr Bastian den Typen am Boden an. Nebenbei betastete er seine blutende Lippe. Vermutlich würde sie bald auf Fahrradschlauchdicke anschwellen.
   »Du bist mein Problem! Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst?« Der Schläger fauchte wie eine Katze, der jemand auf den Schwanz getreten war. Gleichzeitig versuchte er, sich aufzubäumen. Daniel kam sich vor wie beim Rodeo-Reiten, behielt aber die Kontrolle.
   »Das war doch bloß ein kleiner Rempler. Dafür hab ich mich entschuldigt.«
   »Das macht es nicht besser. Deinetwegen habe ich mir mitten auf die Schuhe gepisst. Die waren sackteuer.«
   »Nur wegen ein paar Tropfen bekommt ihr euch in die Haare?«, fuhr Daniel dazwischen. »Das trocknet doch wieder.« Er funkelte den Mann am Boden auffordernd an. Einige Sekunden lang schnaufte dieser, dann schien er einzusehen, dass er überreagiert hatte.
   »Tut mir leid, Leute. Mir sind einfach die Nerven durchgegangen.« Auf einmal wirkte er wie der nette Typ von nebenan. War das hier eine Vorstellung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde? »Komm, ich geb euch ein Bier aus, und wir vergessen die Sache. Von mir aus auch ’nen ganzen Kasten.«
   Daniel ließ ihn aufstehen, behielt seinen Arm aber auf den Rücken gedreht. Nach wie vor traute er dem Frieden nicht. Außerdem grübelte er wieder, woher er das Gesicht des Fremden kannte.
   »Ich bin doch bloß auf der Durchreise«, fuhr der Mann fort und drehte sich zu Basti. »Hey, Kumpel, du klingst so fränkisch. Seid ihr aus Nürnberg oder Erlangen? Meine Mutter wohnt dort in die Nähe. Sagt euch die Stadt Zirndorf was? Sie liegt dort im Krankenhaus.«
   »Ich habe Freunde in Nürnberg«, sagte Daniel. »Soweit ich weiß, gibt es in Zirndorf kein Krankenhaus.
   »Nein, sie wohnt in Zirndorf. Im Krankenhaus liegt sie in Nürnberg. Ich bin auf dem Weg zu ihr.«
   Das passte zwar eher, minderte aber nicht Daniels Bedenken. Von Sekunde zu Sekunde bekam er ein unangenehmeres Gefühl, was den Fremden in ihrer Mitte betraf. Getroffen hatte er ihn vorher sicherlich noch nicht. Aber wieso kam er ihm dann bekannt vor? Er musterte noch einmal das kantige Antlitz des Mannes. Spitze Nase, dünne Lippen, tief liegende, dunkle Augen. Dazu Blumenkohlohren und Dreitagebart. Ein Promi war das sicher nicht. Vielleicht ein alternder Sportler?
   In diesem Moment bahnte sich die Erinnerung ihren Weg. Daniel zuckte zusammen und wäre am liebsten zurückgewichen. Der Unbekannte war tatsächlich eine Berühmtheit, allerdings nicht im positiven Sinne. Erst gestern hatte er sein Foto gesehen. Auf einem Fahndungsplakat, als sie nach Seminarende einen Hamburger Kollegen zum Bahnhof gebracht hatten. Er hatte den Aufruf direkt vor Augen: Die Polizei bittet um Mithilfe. Wer hat diesen Mann gesehen? Darunter ein Schwarz-Weiß-Bild des Brutalos. Weswegen er gesucht wurde, wusste Daniel nicht mehr, aber gewiss war es nicht wegen harmloser Toilettenprügeleien. War es nicht um irgendwelche Gewaltverbrechen gegangen?
   Daniels Herzschlag explodierte. Was sollten sie tun? Gehenlassen konnten sie ihn keinesfalls. Aber was sonst? Hierbleiben und die Behörden informieren, funktionierte nicht, da er keine Ahnung hatte, auf welchem Rastplatz sie sich überhaupt befanden. Ein Schild mit dem Namen des Parkplatzes gab es nicht. Er wusste bloß, dass es auf der A9 und nicht mehr weit bis Bayreuth war. Was nun? Die anderen Parkenden fragen? Das dauerte zu lang und Kantengesicht könnte sich rausreden. Genauso gut konnten sie den Gesuchten direkt zur Polizei bringen. Überwältigt hatten sie ihn ja bereits.
   Daniel rief Bastian eine stumme Warnung zu, doch dessen Blick war ausschließlich auf den Schläger gerichtet. Er ahnte offensichtlich nicht mal, in welchen Schlamassel sie geraten waren. Kantengesicht schien sich ebenfalls in Sicherheit zu wiegen.
   Weil ihm nichts anderes einfiel, schob er den Gesuchten langsam, aber bestimmend, in Richtung ihres Audis.
   Bastian warf ihm einen irritierten Blick zu.
   Jetzt, da sie keine Chance auf unbemerkte Kommunikation mehr besaßen. Daniel überlegte, ihm irgendein Codewort zuzurufen, aber auf die Schnelle fiel ihm nichts Sinnvolles ein. Er sah an sich hinab. Mit seinem Gürtel könnte er den Typen fesseln, aber um den ablegen zu können, benötigte er zwei weitere Hände. Bastian trug ausgerechnet jetzt natürlich keinen, aber gestern Abend, bei seiner Bluejeans und dem fürchterlichen gelben T-Shirt, war einer dabei gewesen.
   »Okay, Kumpel, jetzt lass mich bitte los. Du kugelst mir sonst die Schulter aus«, sagte der Schläger.
   Erst jetzt merkte Daniel, dass er den Druck auf seinen Arm verstärkt hatte. »Ich befürchte, das kann ich nicht. Basti, hol den Gürtel aus deiner Reisetasche.«
   »Ey, was soll der Scheiß?« Dr. Jekyll verwandelte sich wieder in Mr. Hyde. »Lass mich sofort los, sonst setzts was!«
   Basti warf ihm einen Blick zu, als hätte Daniel ihn nach dem fünften Buchstaben des griechischen Alphabets gefragt.
   »Hol den Gürtel. Ich erklär dir alles später.«
   Sein Kollege zögerte eine Sekunde, dann tat er, wie ihm geheißen.
   Hakennase versuchte, sich zur Seite fallen zu lassen. Die plötzliche Gewichtsverlagerung brachte Daniel ins Stolpern, doch schnell hatte er seinen festen Stand wiedererlangt. Der Schläger warf sich vor und zurück. Daniel ließ ihm aber keine Chance, sich zu befreien.
   Endlich kehrte Basti mit dem Gürtel zurück. Ein dunkelbraunes Lederding, das seine besten Zeiten lange hinter sich hatte. Daniel drückte den Schläger gegen die Beifahrertür und riss dessen Arm hinunter. Zu zweit pressten sie ihn gegen den Wagen. Daniel stemmte sich mit Schultern und Armen gegen den Rücken des Mannes und vollbrachte irgendwie das Kunststück, ein Hohlkreuz zu formen, damit Bastian dem Brutalo den Gürtel über den Handgelenken festziehen konnte. Sekunden wurden zur Ewigkeit. Alle drei schnauften sie schwer und unnachgiebig.
   Dann war es vollbracht. Der Gürtel saß fest und hielt auch Daniels kritischem Blick stand. Ein Grund mehr für den Brutalo, sich weiter aufzuregen. Kaum bot sich ihm eine Gelegenheit, versuchte er, sie mit dem angewinkelten Knie zu erwischen. Nur im letzten Moment gelang es Daniel, auszuweichen.
   Zwei bullige Brummifahrer näherten sich und setzten ihn somit zusätzlich unter Druck. Ihren Gesichtern zufolge kamen sie ihnen nicht zu Hilfe.
   »Das ist ein gesuchter Verbrecher«, brachte er keuchend hervor. »Wir müssen ihn zur Polizei bringen.«
   Bastian starrte ihn ausdruckslos an. Hatte er die Worte nicht gehört oder verstand er sie nicht?
   Dafür reagierte Kantengesicht. »Das ist ein Irrtum. Ich habe niemandem was getan.« Dazu setzte er einen Blick auf, der jeder Schwiegermutter das Herz erweichte.
   »Am besten klären wir das vor Ort«, sagte Daniel und blickte zu den Brummifahrern. Sie waren vielleicht noch fünfzig Meter entfernt, kamen aber schnell näher. Als er sich keinen anderen Rat mehr wusste, riss er die hintere Tür auf und stieß den Mann auf die Rückbank.
   »Hilfe«, schrie Kantengesicht.
   Um ihm keine Möglichkeit zur Flucht zu geben, sprang Daniel ebenfalls auf den Rücksitz und riss den Brutalo an den Schultern voran nach oben. Bevor der Gefesselte es begriff, saß er auf seinen Händen. Daniel presste ihn mit seinem Unterarm kraftvoll in den Sitz.
   Es war ebenso unbequem wie anstrengend. Wie er so eine Fahrt über zig Kilometer überstehen sollte, war ihm ein Rätsel. Trotzdem sah er keine andere Möglichkeit.
   »Keine! Bewegung!«, keuchte Daniel.
   Basti erwachte endlich aus seiner Starre. Er schlug die hintere Tür zu und eilte zur Fahrerseite.
   Mit quietschenden Reifen schossen sie aus der Parklücke und ließen die verdutzt dreinblickenden Lastwagenfahrer hinter sich zurück. Daniel atmete auf.

Die Fahrt konnte bisher nicht länger als fünfzehn Minuten dauern, aber Daniel kam sie vor wie zwei Stunden. Sein linker Arm zeigte erste Anzeichen eines Krampfes. Ein Grund zum Sinken lassen war es aber ebenso wenig wie Brutalos säuerlicher Atem, den er ihm permanent ins Gesicht stieß.
   Zweimal war er auf dem Sitz herumgerutscht, aber Daniel hatte ihm keine Möglichkeit zum Befreien gegeben. Schließlich schien er die Ausweglosigkeit akzeptiert zu haben und starrte abwesend aus dem Seitenfenster. Trotzdem achtete Daniel weiterhin auf jede Bewegung.
   »In dreihundert Metern die Autobahn bitte verlassen«, verkündete die Frauenstimme aus dem Navigationsgerät. Es klang wie ein Lieblingslied an einem echt miserablen Tag.
   Basti nickte und wechselte auf die rechte Spur. »Wir sind gleich da. Nur noch wenige Minuten.«
   Häuser und Autos rauschten an ihnen vorbei. Daniel konnte es kaum erwarten. Nur mit Mühe hielt er seinen Blick auf Kantengesicht gerichtet. Vor allem, als sie vom Wittelsbacher Ring in die Ludwig-Thoma-Straße abbogen und laut Navi das Zielgebiet erreichten.
   Gleich darauf sah Daniel ein Straßenschild, das auf das vor ihnen liegende Polizeipräsidium wies. Sie hatten es tatsächlich ohne Zwischenfälle geschafft. Er atmete auf, ermahnte sich aber sofort, auf der Hut zu bleiben. Noch war Kantengesicht nicht den Behörden übergeben.
   Basti parkte unweit des rotschwarzen Gebäudeflügels und eilte zur hinteren Tür, kaum dass er den Motor abgestellt hatte. Er half dem Gefesselten beim Aussteigen, drückte ihn aber sogleich wieder gegen den Wagen. Daniel eilte ihm von der anderen Seite zu Hilfe. Genau im richtigen Moment. Der Gefesselte wollte Basti zur Seite stoßen, doch Daniel brachte ihn mit einem Knietritt gegen den Oberschenkel wieder auf Kurs.
   Kantengesicht jaulte auf. »Ihr Mistkerle. Ich hab doch nichts getan. Das ist alles ein riesiges Missverständnis.«
   Daniel hörte nicht einmal hin. Er wollte nur noch, dass diese verrückte Geschichte vorüber war. Mit jedem weiteren Schritt in Richtung Haupteingang fühlte er größere Erleichterung. Drinnen erblickte er drei Männer in beigefarbener Uniform und schritt auf sie zu. »Der Mann hat uns auf einem Rastplatz angegriffen. Ich glaube, er wird gesucht.«
   Die Beamten musterten zuerst Kantengesicht und anschließend sie. Sie wirkten irritiert. Einen Moment lang befürchtete Daniel, sie könnten sie für verrückt erklären.
   »Aber – das ist doch nicht möglich«, sagte einer der Polizisten auf einmal. Er war um die vierzig, besaß eine fliehende Stirn und hatte bestimmt fünf Kilogramm zu viel auf den Rippen. Sein Gesicht verlor binnen eines Atemzugs sämtliche Farbe. »Kollegen, das ist Martin Grauberger.«
   Der Genannte sah ihn an, als hätte er ihm die Wurst vom Brot geklaut. Die anderen zwei Beamten hingegen wurden plötzlich hektisch. »Du hast recht«, sagte der eine und griff nach seinem Funkgerät. Der andere lief zu Daniel und übernahm den Gefesselten. Beim Anblick der Gürtelfessel nickte er anerkennend. »Gute Arbeit.«
   Weitere Polizisten erschienen. Drei führten Kantengesicht ab, die anderen brachten Daniel und Bastian in ein Büro mit zwei Doppelschreibtischen. Auf jedem der Tische stapelten sich unzählige Akten. An der Pinnwand dahinter hingen mehrere Steckbriefe. Der von Kantengesicht war ebenfalls darunter, hing aber zu weit entfernt, um Details zu erkennen.
   »Setzten Sie sich«, bat ein hagerer Beamter mit spitzer Nase und tiefdunklen Augen.
   »Ich weiß überhaupt nicht, was los ist.« Bastian stöhnte, sagte aber nicht Nein, als ihm der Uniformierte ein Glas Wasser anbot.
   »Den Mann, den Sie hierhergebracht haben, suchen wir schon länger. Er steht im Verdacht, mehrere Frauen entführt und ermordet zu haben.«
   »Ach du Scheiße«, sagte Basti.
   Daniel nickte. Besser hätte er es auch nicht auf den Punkt bringen können. Sein Mund wurde trocken. Entführt und ermordet.
   Der Polizist legte die Stirn in Falten. »Warum haben Sie nicht einfach die Polizei gerufen? Ihn zu überwältigen und hierherzubringen, war gefährlich. Mit Grauberger ist nicht zu spaßen. Der Mann ist leicht reizbar und hat bei einer Kneipenschlägerei ein halbes Dutzend Leute ins Krankenhaus gebracht.«
   Daniel sank auf dem Stuhl zurück. Sein Körper fühlte sich auf einmal tausend Kilogramm schwer an. Er wagte es nicht, sich auszumalen, was alles hätte passieren können.
   »Nichtsdestotrotz sind wir Ihnen natürlich sehr dankbar. Jetzt brauchen wir allerdings noch Ihre Aussagen. Fangen wir mit den Daten an.«
   »Bastian Wilfert.«
   »Daniel Lehmann. Wohnen beide in Ludwigsburg. Wir waren auf einem Seminar in Berlin und sind bloß auf der Durchreise.«

Kapitel 2

Zwei Stunden später verließen sie das Präsidium, und Daniel atmete auf. Sie hatten viel erzählt, noch länger gewartet, und wenig, bis gar nichts über Grauberger erfahren. Das Wenige hatte jedoch genügt, um Daniel mehrmals ein nervöses Zucken im Unterbauch zu bescheren. Entsprechend froh war er, als sie Bayreuth und damit den ganzen Trubel endlich hinter sich ließen.
   Die Lust aufs Reden war ihm – und zum Glück auch seinem Kollegen – fürs Erste gründlich vergangen.
   Erst, als sie hinter Aurach auf der A6 in den stockenden Feierabendverkehr gerieten, erwachte Basti aus seiner Schweigsamkeit. »Na großartig, erst ’ne Schlägerei mit einem Schwerverbrecher und als Dankeschön für stundenlanges Labern auf der Polizeistation landen wir im Stau. Die Sonne geht schon unter, und wahrscheinlich fängt es demnächst an, zu regnen. Herrlich. Warum noch mal sind wir überhaupt dorthin gefahren?«
   »Weil es das einzig Richtige war«, sagte Daniel möglichst bestimmt, zweifelte jedoch ebenfalls. War es tatsächlich die richtige Entscheidung gewesen? Ohne diesen Raststopp wären sie vermutlich längst zu Hause, und Grauberger wäre vielleicht von den Brummifahrern aufgegriffen worden.
   Vielleicht aber auch nicht.
   Nein, eine solche Ungewissheit mochte Daniel nicht. Ihre Entscheidung war die richtige gewesen. Sie hatten einen gesuchten Kriminellen gefasst, der ohne ihr Eingreifen möglicherweise weitere Personen verletzt oder getötet hätte. Mit einer solchen Schuld hätte Daniel nicht leben wollen. Er bereute seine Entscheidung nicht und würde jederzeit wieder so handeln. Ein kleiner Stau und eine möglicherweise angesäuerte Freundin waren dagegen ein ziemlich geringer Preis. Zumal er ohnehin nicht glaubte, dass Sabine wegen der Verspätung einen Aufstand machen würde. Immerhin hatte er sich nicht absichtlich verspätet. Außerdem zählten derlei Reaktionen nicht zu ihrem Naturell.
   Er behielt recht. Als er kurz nach halb zehn daheim eintraf, reagierte sie nur einen Moment lang verstimmt. Kaum hatte er angefangen, ihr von dem Erlebnis am Rastplatz zu berichten, klebte sie förmlich an seinen Lippen und riss besorgt ihre hellblauen Kulleraugen auf.
   »Meine Güte, was dabei alles hätte passieren können.«
   »Ist es ja nicht. Und wäre es auch nicht.« Beruhigend strich er ihr über die Oberarme. »Ich hatte die ganze Zeit über alles unter Kontrolle. Außerdem waren wir ja zu zweit. Der Kerl hingegen allein.«
   »Trotzdem. Nicht auszudenken, wenn –«
   Alle weiteren Worte wurden von Daniels innigem Kuss verschluckt. Er wollte nicht, dass Sabine beunruhigt war. Nicht wegen einer Sache, die längst erledigt war.
   Der Duft ihres blumigen Parfüms stieg ihm in die Nase. Sicher hatte sie es extra für diesen Abend aufgelegt. Ebenso wie ihre dunkelblaue Lieblingsbluse und die schwarze Stoffhose. Umso mehr bedauerte er es, dass aus dem gemeinsamen Abendessen im griechischen Restaurant sicher nichts mehr wurde.
   Einige Sekunden lang betrachtete er ihre langen blonden Haare und wollte ihr sagen, wie schön sie aussah. Doch ihre Augen waren feucht geworden, und er vergaß das Kompliment. »Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Es ist alles gut.«
   Hastig wischte sie sich die Tränen weg. »Nein, das sind nur die Hormone.«
   Die Erklärung irritierte ihn einen Atemzug lang. Offenbar war Sabine wieder prämenstruell und damit besonders empfindsam. Allein ihr trauriger Anblick weckte sofort sämtliche Beschützerinstinkte.
   »Wie lief euer Abschlussseminar?«, fragte Sabine.
   »So weit gut. Der neue Dozent war locker drauf. Das hat einiges aufgewertet. Trotzdem hätte ich nicht unbedingt drei Tage lang eine Weiterbildung gebraucht. Was hast du heute Schönes gemacht?«
   »Ach, nichts weiter. Ich war nach der Arbeit kurz in der Drogerie und danach im Buchladen, um mir den neusten Robert-Krauss-Roman zu besorgen, der recht gut sein soll. Liegt ja beides quasi auf dem Heimweg.«
   Er nickte. Schön, dass sich Bine zu beschäftigen wusste. Bastis Freundin hingegen hatte während der Rückfahrt zig Nachrichten geschickt, wo sie denn stecken und was sie gerade machen würden.
   Ein leichtes Hungergefühl ließ ihn zum Vorratsregal in der Küche trotten.
   Bine beobachtete ihn vom Wohnzimmersofa aus und schmunzelte. »Bringst du mir bitte die Pralinen aus dem Kühlschrank mit? Irgendwie habe ich da gerade Heißhunger drauf.«
   »Kein Problem.« Er stellte die gerade erspähten Würstchen und das Brot neben sich und öffnete den Kühlschrank. Die Pralinenschachtel lag im oberen Fach auf Augenhöhe. Als er danach greifen wollte, fiel ihm auf, dass die Packung bereits geöffnet war. Schokolade schien sie ebenfalls keine mehr zu enthalten.
   Irritiert öffnete er die Schachtel und erblickte einen weißen Plastikstab mit einer roten Schleife darum. Im ersten Moment hielt er es für einen Kugelschreiber, ähnlich den Werbegeschenken, die er im Büro liegen hatte, aber bei genauerer Betrachtung sah der Gegenstand eher wie ein Thermometer aus. Allerdings zeigte es statt einer Temperatur lediglich zwei dünne blaue Streifen an.
   Endlich fiel der Groschen.
   Sein Herzschlag explodierte und seine Knie begannen zu zittern. Einen Moment lang war er so überwältigt, dass er sich an der Kühlschranktür festhalten musste. Nein, das konnte nicht sein. Ein immer breiter werdendes Grinsen drängte sich in sein Gesicht.
   Wir bekommen ein Kind.
   Ich werde Vater.
   Ein Baby.
   Wir.
   Bald.
   Oder hatte er die Fakten falsch gedeutet? Das in der Pralinenschachtel war ein Schwangerschaftstest. Und zwei blaue Streifen in der Anzeige bedeuteten ein positives Ergebnis, oder?
   Daniel war kein Fachmann auf diesem Gebiet. Szenarien wie dieses kannte er bisher bloß vom Erzählen ihrer Freunde und aus dem Fernsehen. Aber was sonst sollte das längliche Plastikding zu bedeuten haben? Dass Bine demnächst eine Tupperparty geben würde? Sicher nicht.
   Er schloss die Verpackung und den Kühlschrank, griff sich Wurst und Brot, obwohl er plötzlich keinen Hunger mehr hatte, und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Mit möglichst unbeteiligter Miene reichte er ihr die Schachtel und setzte sich neben Bine aufs Sofa.
   Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er sie, tat aber, als würde er sich ausschließlich auf sein Abendessen konzentrieren.
   »Danke«, sagte sie zögernd. »Möchtest du auch Schokolade?«
   Er schüttelte den Kopf. »Erst mal nicht. Ich möchte mir nicht mal ausmalen, wie das zusammen mit dem Würstchen schmecken würde.«
   Sein Grinsen schien ihr endgültig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sabine starrte ihn an und fragte sich vermutlich gerade, wie begriffsstutzig ein Mensch sein konnte. Er hingegen sah auf einmal ihre Andeutungen über die Hormone und den Abstecher zur Drogerie mit anderen Augen. Warum zum Geier hatte er Idiot nicht sofort richtig geschaltet oder wenigstens nachgehakt?
   Noch immer betrachtete sie ihn fassungslos. Ihre Zähne zogen nervös an der Unterlippe. Als sie gleich darauf in rascher Folge mehrmals hintereinander blinzelte, hielt er es nicht mehr aus.
   Er ließ Brötchen und Wurst auf den Beistelltisch sinken. Zwei Sekunden lang blickte er sie ausdruckslos an, dann begann er, zu lächeln. Wahrscheinlich nicht nur mit dem Mund, sondern ebenso mit den Augen und dem gesamten Gesicht.
   »Keine Panik, ich habs gesehen. Ganz blind bin ich nicht.«
   Sabine fing ebenfalls an, zu lächeln. Gleichzeitig quollen Tränen in ihre Augen. »Und?«
   Statt einer Antwort küsste er sie lang und innig.
   »Ich kann es kaum glauben.«
   »Ich auch nicht.«
   »Freust du dich?«
   »Natürlich. Du nicht?«
   »Doch. Bin nur noch so überwältigt. Ich hab es ja erst heute Nachmittag erfahren. Da hatte ich einen Termin beim Frauenarzt, der es mir bestätigt hat. Er hat mir auch gleich Folsäuretabletten verschrieben, die ich ab sofort nehmen muss. Dazu vorsichtshalber noch was gegen die morgendliche Übelkeit.«
   Letzteres war ihm bisher nicht aufgefallen, aber was sagte das schon? Freudig griff er nach ihren Händen. Sie waren eiskalt. »Wer weiß davon?«
   »Bisher nur der Arzt. Und Julia. Irgendwem musste ich es erzählen. Ich hatte das Gefühl, ansonsten verrückt zu werden.«
   Ein Gefühl, das er gut nachvollziehen konnte. Ihn hielt es kaum auf dem Sofa. Er wollte aufspringen, jubeln, tanzen. »In welcher Woche bist du?«
   »Erst in der siebten. Es ist alles noch ganz frisch. Lass es uns deshalb noch nicht an die große Glocke hängen. Höchstens unseren Eltern erzählen oder so. Die heiße Phase ist erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche vorüber. Davor sieht man nach außen hin sowieso nicht viel.«
   Der vorübergehende Maulkorb verschaffte seiner Freude kurzzeitig einen Dämpfer. In Gedanken hatte er sich schon seine besten Freunde Frank und Michael anrufen gesehen. Die beiden kannte er seit der gemeinsamen Kindheit in Berrow. Ihnen noch fünf Wochen nichts erzählen zu dürfen, war zwar nicht schön, aber zumindest nachvollziehbar. Außerdem war aufgeschoben nicht aufgehoben.
   Ein Blick in Bines Augen holte seine Aufregung zurück. Für den Moment waren jedwede Freunde unwichtig. Nur eine einzige Sache zählte. Nie hätte er gedacht, dass ihn eine Neuigkeit derartig aufwühlen und freuen könnte. Er konnte es noch immer kaum fassen.

Kapitel 3

Die nächsten Tage verbrachte er in einer Art Rausch. Am liebsten wäre er sofort mit Bine losgezogen, um das erste Babyzubehör zu kaufen. Nur schwer konnte er sich bremsen und bloß das ständige Auf-sich-einreden, dass es für derlei Dinge noch entschieden zu früh war, brachte ihn davon ab.
   Wenn er in Ludwigsburg mit dem Auto oder zu Fuß unterwegs war, ertappte er sich häufig dabei, sich nach Schwangeren und Eltern mit Kinderwagen umzusehen. Er war verblüfft, wie viele es von ihnen gab. Die ganze Stadt schien voll davon zu sein. Und in weniger als einem Jahr würden Sabine und er ebenfalls zu diesem erlauchten Kreis zählen. Eine schöne Vorstellung.
   Er war gerade mit dem Audi unterwegs nach Stuttgart, um sich mit einem möglichen neuen Kunden namens Haitle zu treffen, als er im Radio den Namen Grauberger hörte. Die Dudelkiste hatte er bewusst leiser gestellt, weil mal wieder nur belangloser Weichspüler-Pop lief. Bastian hätte sich vermutlich nach wenigen Minuten lautstark darüber beschwert.
   Im ersten Moment glaubte er, sich verhört zu haben. Trotzdem drehte er die Lautstärke höher, um mehr zu erfahren. An Grauberger und die Ereignisse in Bayreuth hatte er seit Tagen keinen Gedanken mehr verschwendet. Wozu auch? Basti und er hatten den Burschen bei der Polizei abgeliefert und die Sache war erledigt. Oder etwa nicht?
   »… wurde der Verdächtige aus der Untersuchungshaft entlassen«, erklang es aus dem Radio.
   Daniel nahm den Fuß vom Gaspedal. Das musste ein Irrtum sein. Doch die Nachrichtensprecherin redete weiter davon, dass die Behörden den erst vor Kurzem festgenommenen Martin Grauberger aus Mangel an Beweisen hatten freilassen müssen.
   Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Während im Radio die nächste Nachrichtenmeldung folgte, war Daniel froh, an einer roten Ampel halten zu müssen. Langsam atmete er tief durch und krallte die Hände ums Lenkrad.
   Er schüttelte den Kopf. Wie konnte das sein? Wenn ein Verbrecher per Fahndungsaufruf gesucht wurde, sollte doch die Beweislage erdrückend genug sein, dass derjenige nicht so leicht wieder freigelassen wurde.
   Vor seinen Augen wiederholten sich die Szenen auf dem Rastplatz und im Polizeipräsidium. Die Beamten hatten so entschlossen und überzeugt gewirkt. Wie konnten sie sich alle dermaßen getäuscht haben? Oder war Grauberger tatsächlich unschuldig und alles bloß ein Missverständnis, so wie er es mehrmals betont hatte? Wie ein Unschuldslamm hatte der grobschlächtige Typ allerdings nicht gewirkt.
   Ein mehrfaches aufgebrachtes Hupen riss ihn aus der Konzentration. Die Ampel hatte offenbar längst auf Grün geschaltet, und die Straße vor ihm war leer. Sofort trat Daniel das Gaspedal durch und ließ die Kreuzung im selben Moment hinter sich, in dem die Ampel von Grün auf Gelb zurückwechselte. Der Schreck ließ sich nicht so leicht abschütteln. Bei der nächsten Gelegenheit bog er in eine freie Parkbucht am Straßenrand ein und wählte Bastis Büronummer. »Hast du es schon gehört?«
   »Nee, was denn?«
   »Grauberger ist wieder frei. Aus Mangel an Beweisen.«
   »Scheiße.« Einige Sekunden Schweigen. »Was bedeutet das für uns?«
   »Keine Ahnung. Vermutlich gar nichts.«
   Trotzdem klammerten sich in diesem Moment eisige Finger um sein Herz. Was, wenn der Dreckskerl nicht unschuldig war und auf die Idee kam, sich für die Festnahme an ihnen – oder noch schlimmer – an Bine und Bastis Freundin Conny zu rächen? War Grauberger nicht sowieso verdächtigt worden, mehrere Frauen überfallen zu haben?
   Daniel keuchte vor Schreck. Die bloße Vorstellung, der Mistsack könnte sich Bine nähern, verschaffte ihm eine Gänsehaut. Nein, dazu würde er es nicht kommen lassen. Aber war es nicht verrückt, anzunehmen, Grauberger könnte zu ihnen kommen? Weder wusste er, wie sie hießen noch wo genau sie wohnten.
   Hastig sah er sich in seinem Firmenwagen um und überlegte, ob etwas dem Ganoven einen Aufschluss auf ihre Herkunft gegeben haben könnte. Es gab nichts. Der Fahrerbereich war blitzblank, nicht einmal Bonbonpapierchen lagen im Aschenbecher. Genauso gut hätte es ein Leihauto sein können.
   Er wollte gerade aufatmen, als ihm noch etwas einfiel: das Nummernschild. Das hatte Grauberger mit Sicherheit gesehen und könnte ihm gegebenenfalls etwas verraten haben. Doch selbst, wenn er sich die Mühe machte und über dunkle Kanäle den Halter herausfand, dürfte es kein Problem darstellen. Der Audi war auf Daniels Brötchengeber zugelassen und niemand im Büro würde Bastis und seinen Namen auf bloße Nachfrage hin an einen Wildfremden herausgeben.
   So gesehen war nach wie vor alles im grünen Bereich. Dennoch blieb ein fader Nachgeschmack auf seiner Zunge. Als hätte er zum Mittag ein Schnittlauchbrötchen gegessen, das ihn bei jedem Aufstoßen an die Mahlzeit erinnern wollte.
   Erst während seines Termins mit Haitle in Stuttgart kam er auf andere Gedanken, was aber nichts daran änderte, dass sein Gegenüber ziemlich reserviert reagierte und an einer zukünftigen Zusammenarbeit nicht sonderlich interessiert zu sein schien. Dabei sprachen die Fakten, dass die Sensorentechnik von Daniels Firma die qualitativ hochwertigste auf dem Markt war, eigentlich für sich. Daniel setzte sein bestes Verkäuferlächeln auf und ließ in seine Produktpräsentation bewusst viele kleine Scherze einfließen. Ohne Erfolg. Die Chancen, einem Tauben ein Hörbuch zu verkaufen, dürften höher liegen, als mit diesem Burschen ins Geschäft zu kommen. Dennoch verabschiedete sich Haitle mit einem schmalen Lächeln und dem Versprechen, sich in Kürze zu melden. Was vermutlich nie passieren würde.
   Am Abend kochte Sabine das Thema Grauberger noch einmal kurz auf. Auch sie hatte mitbekommen, dass der Verdächtige keine gesiebte Luft mehr atmete, wirkte deswegen aber nicht sonderlich besorgt. Das beruhigte Daniel, und er beschloss, die Angelegenheit endgültig aus dem Gedächtnis zu verbannen.

Kapitel 4

Am Wochenende wagten sie einen ersten Bummel durch die Möbelhäuser, was sich als ähnlich kräftezehrend wie eine Shoppingtour herausstellte. Ganz gleich, wie hoch Daniels Motivation anfangs war, ab dem dritten Geschäft mit Babyausstattung ließ seine Begeisterung kontinuierlich nach.
   Ironischerweise fanden sie im Laufe des Nachmittags zwar eine Wickelkommode und einen passenden Kleiderschrank, verließen das Geschäft aber dennoch lediglich mit einigen Blumentöpfen, Kerzen und metallenen Aufbewahrungsboxen mit Blütenverzierungen. Zwar alles nicht sonderlich schwerer, dafür aber extrem platzaufwendiger Kleinkram, der nicht nur den Kofferraum, sondern auch die halbe Rückbank einnahm.
   Zurück in der Wohnung bestand Daniel darauf, dass Sabine nichts davon trug, was ihm sogleich einen grimmigen Blick einbrachte.
   »Ich bin schwanger, aber nicht krank. Solange es keine Zementsäcke sind, kann ich so ziemlich alles tragen.«
   »Trotzdem. Muss ja nicht sein. Ich übernehm das gern für dich.«
   »Ach, dann mach doch. Ich hoffe nur, du erwartest nicht, dass ich die nächsten acht Monate untätig auf dem Sofa sitze und dich alles erledigen lasse. Das kannst du dir nämlich auf jeden Fall abschminken. Manche erledigen noch bis kurz vor der Geburt richtig schwere Arbeit.«
   »Manche rauchen und trinken auch während der Schwangerschaft«, erwiderte er, fand aber nach kurzem Zögern, dass er etwas hinzufügen sollte. »Ich werde schon aufpassen, dass ich dich nicht wie ein rohes Ei behandle. Ein bisschen Vorsicht schadet trotzdem nicht.« Sabine schaltete im Treppenhaus das Licht an. Lag sie mit ihrer Befürchtung richtig? Bei genauerer Betrachtung hatte er in den vergangenen Tagen tatsächlich versucht, ihr möglichst viele Arbeiten abzunehmen. Zumindest alles, was sie irgendwie körperlich anstrengen könnte. Die Absicht war klar: Absolut nichts sollte der werdenden Mutter und dem Baby schaden. Schoss er damit übers Ziel hinaus? Gut möglich. Früher jedenfalls hatte er sich nicht wie eine solche Glucke verhalten. War das ebenfalls eine der prophezeiten Veränderungen oder nur ein natürlicher Verlauf – dass er alles tat, um seine Lieben zu schützen? Er erinnerte sich noch gut daran, wie er Witze über einen Kollegen gerissen hatte, der es in einer ähnlichen Situation mit seiner Vorsorge deutlich übertrieben hatte. Mutierte er nun ebenfalls zu so jemandem? »Ganz so schlimm wird es nie werden«, murmelte er und ermahnte sich trotzdem dazu, es zukünftig nicht zu übertreiben. Nebenbei hievte er die klobigen Keramiktöpfe aus dem Kofferraum. So oder so, diese Dinger wären für Sabine auf jeden Fall zu schwer gewesen.
   Als er in der Wohnung ankam, hantierte sie in der Küche. Er biss sich auf die Zunge, ihr nicht wieder anzubieten, sich auszuruhen.
   Die Aufbewahrungsboxen auf der Rückbank bestanden aus dünnen Aluminiumstangen und waren deutlich leichter. Er stapelte sie im matten Gelblicht der Deckenbeleuchtung übereinander. Zwischen Sitz und Lehne blitzte etwas auf. Zuerst hielt er es für Abfall, aber beim Darüberstreichen fühlte es sich viel zu hart und unförmig an.
   Es entpuppte sich als beigefarbene Plastikkarte. Statt dem Namen des Karteninhabers war lediglich eine zehnstellige Nummer eingraviert. Darüber prangte der breite Schriftzug StoreHome – Wir kümmern uns um Ihre Sachen. Unten folgte die Anschrift der Niederlassung in Karlsruhe.
   Ein Lagerdepot?
   Wie kam deren Karte in sein Auto? Von Bine und ihm stammte sie definitiv nicht. Vielleicht von Basti, der sie während des Ausflugs nach Berlin verloren hatte? Dass ihre Hauptstadt-Kollegen ein Lagerdepot in Baden-Württemberg besaßen, war jedenfalls wenig wahrscheinlich.
   Es kommt noch eine weitere Person infrage. Obwohl sich sofort sämtliche Nackenhaare aufstellten, verdrängte er den Gedanken. Nein, die Karte stammte sicher von Basti. Es konnte gar nicht anders sein.

Auf dem Weg zur Wohnung siegte die Neugierde und er wählte Bastis Nummer vom Handy aus. Nach dem dritten Klingeln ging der Kollege an den Apparat, sprach aber mit seltsam gedämpfter Stimme.
   »Alles klar bei dir?«, fragte Daniel.
   »Ja, ich sitz nur gerade am Computer und will nicht, dass Conny es mitbekommt. Sonst denkt sie, dass ich mich wieder nach irgendwelchen Aktienkursen erkundige. Was völliger Quatsch ist. Für so was hätte ich ’ne App.«
   Daniel schmunzelte. Er wusste noch, wie Basti vor einigen Monaten begonnen hatte, sich für Börsenkurse zu interessieren, um nebenbei ein wenig Geld zu machen. Seine Begeisterung hatte nach den ersten Fehlkäufen zwar einen gehörigen Dämpfer bekommen, aber anscheinend hatte er die Hoffnung auf einen schnellen Gewinn noch nicht aufgegeben. Auf jeden Fall konnte Daniel gut nachvollziehen, weshalb Constanze von der Sache wenig begeistert war. Wahrscheinlich wusste sie nur zu gut, wie viel Geld ihr Freund mit seinen Spekulationen bisher in den Sand gesetzt hatte.
   »Pass nur auf, dass du es mit der Zockerei nicht übertreibst und irgendwann blank oder mit haufenweise Schulden dastehst.«
   »Wird nicht passieren. Die wichtigste Aktienregel habe ich von Anfang an berücksichtigt: Investiere nie mehr Geld, als du im Extremfall bereit wärst, zu verlieren. Ein paar Hundert Euro im Klo runterzuspülen würde zwar wehtun, mich aber definitiv nicht umbringen. Haus und Hof würde ich dafür jedenfalls nicht verpfänden. Das heißt, wenn ich so was wie Haus und Hof besäße. Aber der Aktienkurs braucht nur einmal kräftig durch die Decke zu schießen, dann sieht es vielleicht ganz anders aus.«
   »Ich drück dir die Daumen. Weswegen ich anrufe: Du vermisst nicht zufällig eine Kundenkarte von StoreHome in Karlsruhe?«
   »Nein, ich weiß nicht mal, was das sein soll. Klingt wie ein Großmarkt.«
   »Ich glaube, das ist eine Firma, die Stauraum vermietet. Lagerboxen und –räume, wenn du deinen Krempel in der Wohnung nicht mehr unterbekommst oder für einige Zeit ins Ausland gehst.«
   »Achso – mhm – Ist trotzdem nix von mir. Ich war ewig nicht mehr in Karlsruhe. Wie kommst du überhaupt darauf?«
   »Ich hab eine Plastikkarte zwischen den Sitzen in meinem Auto gefunden. Lang kann sie dort noch nicht gesteckt haben, da ich den Wagen vor unserem Seminar gründlich sauber gemacht habe. In Berlin haben wir zwar auch den einen oder anderen mitgenommen, aber die stammen alle aus dem Osten und Norden. Unwahrscheinlich, dass die in Karlsruhe was zwischengelagert haben.«
   »Aber wer sonst – O scheiße.« Basti stöhnte in den Telefonhörer. »Da bleibt nur noch einer übrig.«
   Daniel grunzte verächtlich. »Grauberger.« Das Aussprechen des Namens fühlte sich an wie ein böser Fluch. Vielleicht war es das sogar.
   »Das müssen wir der Polizei melden.«
   »Wegen einer Karte, von der wir nicht mal mit Bestimmtheit wissen, dass sie tatsächlich von ihm stammt? Damit könnten wir uns ziemlich lächerlich machen. Ich hab schon überlegt, in Karlsruhe anzurufen, aber am Wochenende ist deren Büro bestimmt nicht besetzt. Außerdem bezweifle ich, dass sie die Kundendaten einfach so rausrücken. Wenn wir was herausfinden wollen, müssen wir vorbeifahren. Am besten gleich am Montag.«
   »Wieso wir, und was meinst du mit herausfinden? Ich habe keinen Bock, mich da in irgendwas reinziehen zu lassen. In den vergangenen Tagen habe ich im Internet nämlich ein bisschen über unseren neuen Freund recherchiert. Warte kurz –« Daniel hörte ihn mit der Maus herumklicken. »So, hier ist es: Grauberger wurde vorgeworfen, seit Jahresbeginn mehrere Frauen entführt und ermordet zu haben. Zuerst bei uns in Baden-Württemberg, später auch in anderen Bundesländern. Zunächst tappte die Polizei im Dunkeln und hielt die Morde für separate Verbrechen. Schließlich beschäftigte sich aber eine spezielle Abteilung damit, eine OFA, was immer das ist, und stellte Zusammenhänge her. Dadurch wurden sie auf weitere Verbrechen, über das ganze Bundesgebiet verstreut, aufmerksam. Selbst in Holland soll es einen Fall geben, der zu dem Muster passt.«
   Bestürzt schüttelte Daniel den Kopf, wagte aber nicht, seinen Freund zu unterbrechen. Er hatte das Gefühl, dass er gleich noch viel mehr erfahren und dass ihm nichts davon gefallen würde.
   »Es gibt da einen ausführlichen Artikel auf einer Hobby-Kriminologen-Homepage. Laut denen war es für die Ermittler anfangs schwierig, ein Muster zu erkennen, da ein Großteil der Verbrechen vom Tathergang her recht unterschiedlich war. Eine Gemeinsamkeit war allerdings, dass der Täter ziemlich brutal vorging, als würde ihn eine immense Wut antreiben. Die Fachleute von dieser OFA haben ein Profil erstellt und viele Punkte davon treffen auf Grauberger zu. Aufmerksam wurden die Beamten auf ihn, nachdem an einem der Tatorte eine Spur gefunden wurde, die auf ihn hinwies. Was genau das war, darüber hüllt sich die Polizei ins Schweigen. Auf jeden Fall konzentrierte man die Ermittlungen danach auf ihn und fand weitere Beweise. Woraufhin er erst mal abtauchte. Mehrere Wochen hörte keiner von ihm, bis er uns über den Weg lief. Was die sogenannten Beweise betrifft: Offenbar besitzt Grauberger Alibis für mehrere der Morddaten – und die hat sein Anwalt den Bullen mächtig um die Ohren gehauen. Scheint eine ziemlich peinliche Schlappe gewesen zu sein.«
   »Das heißt, er ist unschuldig?«
   »Scheint so. Vielleicht sind seine Alibis aber auch gekauft. Oder er arbeitet mit einem weiteren Schlachter zusammen, sodass er nur einen Teil der Morde allein begangen hat. Keine Ahnung. Wie auch immer, mit unserer hitzköpfigen Rastplatzbekanntschaft ist nicht gut Kirschen essen. Der Typ war schon wegen eines kleinen Remplers sofort auf hundertachtzig. Mann, möglicherweise haben wir uns da einen Serienkiller ins Auto gepackt. Verstehst du? Ein Serienkiller! Und über den willst du Nachforschungen anstellen? Also, wenn das nicht nach einer guten Idee klingt –«
   »Das sind keine Nachforschungen. Ich will nur sichergehen, bevor wir uns zum Vollhorst machen. Manchmal gibt es für alles eine simple Erklärung. Wer weiß, wie die Karte sonst dorthin gekommen ist. Vielleicht stehen in dem Lagerraum ein paar alte Möbelstücke oder zwei Kisten mit Bravos und Lustigen Taschenbüchern. Einen Haufen Leichen werden wir dort sicherlich nicht finden. Und selbst wenn, informieren wir die Polente und alles wird gut.«
   »Ich höre da ständig ein Wir. Aber ich will damit eigentlich nichts zu tun haben. Für die Aufklärung der Morde wurde extra eine Sonderkommission eingerichtet. Und die hat ihren Sitz – pass auf, jetzt kommts – in Stuttgart. Ist das nicht der Hit? Wir reisen quasi quer durch Deutschland, treffen in Nordbayern auf einen Schwerverbrecher und wo führt uns das alles hin? Bis fast direkt vor unsere Haustür. Beim Recherchieren fiel mir sogar wieder ein, dass ich Anfang des Jahres einiges über die Mord- und Vermisstenfälle gelesen und gehört hatte. Kam nicht sogar im Fernsehen was darüber? Wie auch immer, du – oder von mir aus auch wir – könnten bequem am Montag bei der SOKO vorbeifahren und die Karte abgeben.«
   »Es sagt ja keiner, dass wir das nicht machen, aber bevor die ein Spezialkommando nach Karlsruhe schicken und dort einen Raum voller Unrat finden, will ich lieber selbst einen Blick darauf werfen. Sobald es aber auch nur den Hauch eines Verdachts gibt, dass es was mit Grauberger zu tun hat, geht es mit Vollgas zur Kripo. Also, bist du mit dabei oder soll ich das allein durchziehen? Es sind auch gerademal achtzig Kilometer bis Karlsruhe. Das wäre ruckzuck erledigt.«
   Einige Sekunden herrschte Schweigen.
   »Okay, bin dabei. Es gefällt mir zwar nicht, aber wir haben die ganze Sache bisher gemeinsam durchgezogen, dann bringen wir sie auch gemeinsam zu Ende. Technisch gesehen habe ich den Schlamassel ja überhaupt erst ins Rollen gebracht.«
   »Da hast du recht«, sagte Daniel. Er war froh, dass sie die Angelegenheit zusammen angehen wollten. Notfalls hätte er es zwar auch allein durchgezogen, aber einen Zeugen – für was auch immer – dabei zu haben, schadete nie.

Kapitel 5

Beim Aussteigen schlug ihm auf dem Parkplatz eine sonderbare Mischung aus Wind und Nieselregen ins Gesicht. Was zwar nicht Fisch und nicht Fleisch war, aber trotzdem hervorragend zu Daniels Stimmung passte. Den ganzen Morgen über war er unschlüssig, was er von der aktuellen Situation halten sollte. Er hoffte zwar inständig, dass sie in der Lagerhalle bloß jede Menge unwichtigen Trödel fanden, auf der anderen Seite fragte er sich allerdings, wie er in einem solchen Fall überhaupt erst an die Kundenkarte gekommen sein konnte. Als einzige Möglichkeit war ihm gestern noch eingefallen, dass jemand das kleine Plastikding im Möbelhaus aus Versehen oder aus Jux unter eine der Alu-Boxen geklemmt hatte. Undurchlässig genug wäre der Boden zumindest. Doch wäre ihm das nicht an der Kasse oder spätestens beim Verstauen auf der Rückbank aufgefallen? Zufrieden war Daniel mit dieser Version jedenfalls nicht.
   Die Karlsruher Niederlassung von StoreHome war ein kantiges Gebäude nahe vom Mendelssohnplatz, mit breitem Parkplatz im Hinterhof. Das Check-in Center lag nur einen Steinwurf entfernt.
   »Irgendwie hatte ich mir unter den Stauräumen schäbige Baracken im Industriegebiet vorgestellt«, gestand Basti und ließ die Tür geräuschvoll ins Schloss fallen. »Aber Auslagerungen scheinen mittlerweile etwas ziemlich Populäres zu sein.«
   »Ist doch gut, dass es am Rande der Innenstadt liegt. Oder wärst du lieber in eine abgelegene Ecke vom Rheinhafen gefahren?«
   »Nein danke. Am liebsten wäre ich überhaupt nicht hier. Ich hab das halbe Wochenende über diese Sache gegrübelt und mich heute Nacht ständig unruhig umhergewälzt. Mann, stell dir bloß vor, wenn Grauberger jetzt hier auftauchen würde. Wir wären echt am Arsch.«
   »Warum von allen Orten dieser Welt sollte er ausgerechnet heute hierher kommen? Worüber du dir alles Gedanken machst!« Demonstrativ schüttelte Daniel den Kopf. Wobei er, wenn er ehrlich war, gestern ebenfalls unfreiwillig etliche Male an die Plastikkarte und ihren möglichen Besitzer gedacht hatte. Irgendwie hatte sich das verfluchte kleine Ding ständig in seinen Kopf gemogelt, selbst als Sabine und er am Nachmittag spaßeshalber damit begonnen hatten, sich erste mögliche Kindernamen zu überlegen. »Auf jeden Fall nicht Martin«, hatte er ohne zu zögern gesagt.
   Was bei Sabine auf Anhieb gut angekommen war. »Ich will aber auch keinen René, Finn oder Torben.«
   »Wie wärs mit Hartmut oder Detlev?«
   »Am besten als Doppelname?«
   Sie hatten gelacht und damit die blöde Plastikkarte wieder aus seinem Kopf gescheucht. Beim Abendessen allerdings genügte eine beiläufige Bemerkung von Sabine, und ein gewisser Mordverdächtiger war trotz körperlicher Abwesenheit wieder höchst präsent.
   Basti schnalzte mit der Zunge. »Ich habe übrigens gestern noch mal nach Grauberger und einer möglichen Verbindung zu Karlsruhe gegoogelt. Zumindest offiziell ist nichts darüber bekannt. Einen Vermisstenfall nach seinem Schema gibt es jedenfalls nicht.«
   »Vielleicht will er ja Klage beim Bundesverfassungsgericht einreichen, wegen seiner unrechtmäßigen Verhaftung.«
   »Ja, vor allem das.«
   Lachend gingen sie die fensterlose Gasse zur Vorderseite entlang und betraten das Gebäude. Im Foyer wurden sie mit aufgeheizter Heizungsluft und dem leichten Duft von Lavendel empfangen. Besonders Ersteres war eine willkommene Abwechslung zu dem ungemütlichen Wetter draußen.
   An den Wänden hingen mehrere Werbeplakate mit Preisen und Erklärungen dafür, weshalb man sich unbedingt für einen Lagerplatz bei StoreHome entscheiden sollte. Erstaunt war Daniel über die Kosten, die von der Größe des benötigten Stauraums abhingen. Kleine Fächer konnte man schon ab zwanzig Euro pro Monat mieten. Er hätte mit deutlich mehr gerechnet.
   Hinter einem thekenähnlichen Computerpult erwartete sie ein junger Typ von vielleicht zweiundzwanzig Jahren. Er besaß einen dunklen Teint, trug Bluejeans, einen Pullunder und darunter ein weißes Hemd. Bei ihrer Ankunft stand er sofort auf und entblößte ein forderndes Lächeln, zu dem nur geborene Verkäufertypen fähig waren. »Guten Tag, möchten Sie bei uns einen Lagerplatz mieten?«
   »Nicht ganz. Mein Cousin hat mich gebeten, etwas aus seinem Schließfach zu holen.«
   Als Beweis streckte Daniel ihm die Plastikkarte entgegen. Neben ihm versuchte Basti, den Blick des Verkäufers zu imitieren. Ob bewusst oder unbewusst, Daniel konnte sich nur schwer ein Grinsen verkneifen.
   »Kein Problem. Auf welchen Namen läuft denn das Konto?«
   »Äh – Grauberger.«
   Der junge Typ hackte auf der Tastatur herum und runzelte die Stirn. »Nein, unter dem Namen haben wir nichts. Darf ich die Karte bitte mal sehen?«
   Daniel reichte sie ihm, und er begann, abermals auf der Tastatur herumzuhämmern. Ein Wunder, dass die einzelnen Tasten dabei nicht heraussprangen.
   »Das Konto läuft auf den Namen Gabi Wiechmann.«
   Den Namen hatte Daniel noch nie gehört. »Ach, ja.« Er nickte. »Das ist der Name seiner Freundin.«
   »Kein Problem. Den persönlichen PIN-Code haben Sie?«
   Daniel spürte, wie sein Mund trocken wurde. »Natürlich.«
   »Gut. Kommen Sie bitte mit.«
   Er führte sie links am Schreibtisch vorbei durch eine Glastür. Dahinter lag ein langer, in pistaziengrüner Farbe gestrichener Flur mit haufenweise identisch aussehenden Türen auf beiden Gangseiten, die sich lediglich durch die Zahl auf dem Türschild unterschieden. Neben jeder davon befand sich ein kleiner grauer Kasten mit kleinem Display und Ziffernfeld. Daniel war überzeugt davon, dass sie vor einem davon anhalten würden, doch der Verkäufertyp schlenderte unbeeindruckt weiter zum Flurende. Sie bogen zu einem Raum mit unzähligen Schließfächern ab. Keines wirkte größer als ein Schuhkarton, aber alle vier Wandseiten waren voll davon. Lediglich in der Raummitte war Platz für einen länglichen Tisch gelassen worden.
   »Fühlen Sie sich wie zu Hause.« Mit seinem Grinsen verabschiedete er sich.
   Ja, ja, du mich auch. Er verglich die Nummer auf der Karte mit denen auf den Plastikschildchen. Da hier ebenfalls alles fortlaufend nummeriert war, dauerte es nur einen Moment, bis er fündig wurde.
   Neugierig zog er die Plastikkarte durch den Leseschlitz der grauen Box daneben. Sofort erwachte das dazugehörige Display aus seinem Ruhemodus.
   »Tja, und nun?« Basti stemmte die Hände in die Hüften.
   »Gute Frage. Wie lautet Graubergers Geburtsdatum?«
   »Woher soll ich das denn wissen?«
   Du hast doch recherchiert. Er griff nach dem Smartphone in seiner Hosentasche, ließ es aber schnell wieder sinken. Hier drinnen lag der Empfang bei null.
   »Also den genauen Tag kenne ich definitiv nicht«, sagte Basti. »Aber ich glaube, das Jahr war 1973.«
   Daniel gab die Kombination ein, aber nichts passierte. Was sich mit seiner Erwartung deckte. Alles andere wäre zu einfach gewesen. Vorsichtshalber probierte er mehrere sich wiederholende Ziffernkombinationen, doch auch dies änderte nichts.
   Seine Verzweiflung stieg mit jedem weiteren Versuch. In seiner Not gab er sogar das Datum ein, an dem sie Grauberger getroffen hatte. Selbstverständlich ebenfalls ohne Erfolg.
   »Das war wohl ein Satz mit X.«
   »Warte mal.« Basti schien über etwas nachzugrübeln. Er schnipste mit den Fingern. »Jetzt weiß ich wieder, woher ich den Namen Gabi Wiechmann kenne. Das hat mich vorhin die ganze Zeit gestört. So hieß das erste Opfer der Mordserie.«
   »O Scheiße.« Daniels Magen zog sich zusammen.
   Basti nickte. »Genügt das nicht als Beweis dafür, dass Grauberger die Karte gehört?«
   »Schon, aber wenn wir einmal hier sind – Wiechmanns Geburtsdatum hast du dir nicht zufällig gemerkt?«
   »Warum, bitte schön, hätte ich das tun sollen?«
   »Wann genau wurde sie ermordet?«
   »Im Januar.« Er blähte die Wangen auf. »Ich glaube, es war der siebzehnte. Aber nagele mich nicht darauf fest.«
   Er gab die Zahlen ein. Ein leises Klicken ertönte und der Schließfachdeckel sprang einige Millimeter nach vorn.
   »Na also.« Neugierig streckte Daniel den Arm danach aus, aber Basti hielt ihn zurück.
   »Und was, wenn darin irgendwelche Beweise liegen? Wenn du sie berührst, sind deine Fingerabdrücke drauf.«
   Gutes Argument, aber so kurz vor der Ziellinie wollte Daniel nicht aufgeben. Kurz entschlossen griff er nach einem Papiertaschentuch aus seiner Jackentasche und öffnete damit das Schließfach.
   Weder explodierte danach etwas noch stürzte der Raum ein. Drinnen lag lediglich ein dünner Stapel Din-A4-Blätter. Aber sie genügten, dass er vor Anspannung den Atem anhielt. Neben ihm begann Basti zu stöhnen.
   Als Daniel die Dokumente vorsichtig herauszog, schwoll das Stöhnen seines Kollegen an. Was ihn ebenfalls nervöser machte. Jedenfalls einen Moment lang. Doch keines der Blätter zeigte grausige Leichenfotos oder enthielt ein von Grauberger unterschriebenes Geständnis. Im Gegenteil, das Meiste waren lediglich persönliche Unterlagen. Versicherungsbelege, amtliche Bestätigungen wie die vom Einwohnermeldeamt über seinen offiziellen Wohnsitz im hessischen Dreieich und Kontoauszüge. Der letzte war auf August datiert. Viel hatte Grauberger nicht auf der hohen Kante liegen. Nach zahlreichen Buchungen hin und her befanden sich keine sechshundert Euro mehr auf dem Konto. Den großen Reibach konnte man als Serienmörder offenbar nicht machen.
   Er blätterte weiter und fand einige Computerausdrucke über verschiedene Personen, inklusive Namen- und Adressdetails, dazu eine Handvoll Fotos. Eine Auflistung all seiner Opfer. Daniels Herzschlag erhöhte sich. Doch obwohl vorwiegend Frauen aufgeführt waren, ging es auf den Seiten auch um mehrere eindeutig männliche Personen. So viel zu der Theorie. Ganz unten im Stapel fand sich eine Landkarte von Deutschland mit zahlreichen markierten Orten. Hatte das irgendwas mit den Verbrechen zu tun?
   Er hielt die Karte in Bastis Richtung, der sich aber nicht mal die Mühe machte, darauf zu schauen. »Ich will das gar nicht wissen. Das geht uns nichts an. Wir sollten alles der Polizei übergeben. Es ist deren Job, zu überprüfen, was davon relevant sein könnte. Am besten beeilen wir uns. Wer weiß, vielleicht retten wir damit sogar jemandem das Leben – oder liefern endlich schlüssige Beweise, sodass der Mistkerl ins Kittchen einfahren kann.«
   Die Argumente waren so triftig, dass Daniel zustimmend nickte. Es brachte nichts, wenn sie sich in diese Unterlagen vertieften. Weder wussten sie irgendwas Genaueres über Graubergers Leben, noch kannten sie konkrete Details und Zusammenhänge der Vermissten- und Mordfälle.
   »Du hast recht«, sagte er und drückte die Tür des leeren Schließfachs ins Schloss zurück. Auch diesmal achtete er penibel darauf, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.

Zurück auf dem hellgrünen Flur klemmte sich Daniel die Dokumente unter den Arm. War er zufrieden mit dem Ergebnis ihres Ausflugs? Wenigstens hatten sie aufklären können, woher die Plastikkarte aus dem Auto stammte.
   »Weißt du, was ich mich gerade frage?« Er schaute zu Basti, der noch immer wenig erfreut aussah. »Hat Grauberger die Karte während der Fahrt in meinem Auto zufällig verloren oder absichtlich dort versteckt?«
   Basti kniff die Augen zusammen. »Wieso zum Geier hätte er sie absichtlich verstecken sollen? Glaubst du, er wollte, dass wir sie finden? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Was sollten wir denn damit? Und woher hätte er wissen können, dass wir die Karte nicht direkt der Polizei übergeben?«
   Im Foyer herrschte inzwischen deutlich mehr Andrang als vorhin. Zwei von der Natur begünstigte junge Frauen standen am Computerterminal, hinter ihnen wartete ein älterer Mann darauf, an der Reihe zu sein. Der Verkäufertyp nickte ihnen kurz zu und widmete sich wieder seiner attraktiven Kundschaft. Man musste eben Prioritäten setzen.
   Draußen war der Nieselregen inzwischen verstummt, hob aber ebenfalls nicht Bastis Stimmung. Die ganze Zeit über schaute er drein, als hätte er eine Murmel verschluckt. Dabei hatte sich doch im Vergleich zu ihrer Ankunft fast nichts geändert. Nur ein bisschen klarer sahen sie inzwischen. Auf dem Weg zum Parkplatz überlegte Daniel, wie er ihn aufmuntern könnte, aber die eben aufgespürten Unterlagen wogen zu schwer in seinen Händen. Noch immer spürte er eine untrügliche Neugierde, was die Dokumente enthalten könnten. Insbesondere die Namensliste und die Landkarte hätte er sich gern genauer angesehen. Vielleicht sollten sie kurz im Büro vorbeifahren und sich eine Kopie der Seiten machen. Aber wenn Basti das sehen würde, würde er vermutlich vollends am Rad drehen.
   Daniel wollte gerade nach dem Autoschlüssel greifen, als hinter ihm Reifen quietschten. Irritiert blickte er über die Schulter. Ein schwarzer BMW bog aus der schmalen Gasse in den Hinterhof ein.
   Nein, stopp, der Wagen passierte die Gasse gar nicht komplett. Am Übergang zum Parkplatz blieb er stehen. Was sollte das? Sie blockierten die ganze Einfahrt. Im selben Moment registrierte er, dass das Auto keine Nummernschilder trug und ahnte, dass das wohl kein Zufall war.
   Er versuchte, die Fahrzeuginsassen zu mustern, aber die Scheiben des BMWs waren getönt, was es in einem lichtarmen Hinterhof schon an einem sonnigen Tag schwierig gemacht hätte. Aber heute war es diesig und die Scheiben somit nahezu undurchlässig.
   Was aber kein Problem war.
   Bei laufendem Motor öffneten sich nur eine Sekunde darauf nahezu synchron die Wagentüren, und vier vermummte Gestalten in einheitlicher dunkler Kleidung stürmten auf sie zu.
   Scheiße.
   Daniel zuckte zusammen. Sein erster Impuls war, zum Audi zu eilen, reinzuspringen und die Türen zu verriegeln. Aber welchen Sinn hätte das gehabt? Sie hätten durch die blockierte Einfahrt ohnehin nicht wegfahren können. Auch sonst barg der Dienstwagen nur bedingt Schutz.
   Die Ausweglosigkeit ihrer Situation ließ ihn zögern und wie angewurzelt stehen bleiben. Neben ihm hatte Basti offenbar ebenfalls bemerkt, dass vier maskierte Typen auf sie zustürmten. Er stöhnte wieder, seine Augen weiteten sich vor Angst. Unbeholfen taumelte er rückwärts, seine Füße schienen mit Blei beschwert zu sein.
   Alles in Daniel plädierte darauf, ebenfalls zurückzuweichen. In den behandschuhten Fingern von zwei Maskierten entdeckte er Pistolen. Natürlich ebenfalls in Schwarz, als hätte es sie zur Banditenausstattung dazugegeben.
   Die Männer richteten die Waffen auf sie. Daniel kam sich vor wie in einem schlechten Film. Einen Augenblick lang war er überzeugt davon, dass sie abdrücken würden, und riss instinktiv die Arme vor seinen Oberkörper. Neben ihm hob Basti die Hände, wohl, um sich zu ergeben.
   Einige Sekunden verstrichen, doch keine schmerzvollen Kugeln bohrten sich in ihre Körper. Stattdessen blieben die zwei Pistolenträger mit auf sie gerichteten Knarren stehen, während ihre Partner auf Basti und Daniel zustürmten.
   Sie wollen uns zusammenschlagen. Oder betäuben und entführen. Szenarien wie diese kannte er nur zu gut aus den Krimis und Thrillern, die er gern las. Daniel wich weiter zurück. Basti hingegen rührte sich keinen Millimeter. Der Vermummte erreichte ihn, holte aber nicht mit der Faust aus, sondern begann, Jacke und Hosenbeine abzuklopfen. Wonach suchte er? Nach Waffen oder anderen versteckten Gegenständen?
   Sein Angreifer erreichte ihn, schnappte nach den Unterlagen aus dem Schließfach und lieferte ihm somit die Antwort auf seine Frage. Wie im Reflex hielt er die Dokumente so fest wie möglich.
   Die bewaffneten Hintermänner kamen ein bisschen näher auf sie zu. Die Pistolenläufe wirkten sogleich noch bedrohlicher und erstickten jeglichen Widerstand im Keim.
   Trotzdem gab Daniel nicht auf und krallte seine Finger um das unterste Dokumentenblatt. Er hörte das Knittern von Papier, dicht gefolgt von einem leisen Reißen, als ihm der Vermummte die Unterlagen aus der Hand zog. Hastig schloss er die Hand darum.
   Noch in der gleichen Bewegung begann der Mann, Daniels Jacke abzutasten und verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube.
   Schmerzen explodierten in Daniels Unterbauch, und einen Herzschlag lang war er versucht, es seinem Gegenüber mit gleicher Münze heimzuzahlen. Die auf ihn zielende Pistole belehrte ihn aber schnell eines Besseren.
   Die vier Maskierten schienen gefunden zu haben, wonach sie suchten, und eilten zu dem BMW zurück. Daniel versuchte sich möglichst viele Details einzuprägen, aber alles ging furchtbar schnell. Außerdem hielten die zwei Hintermänner noch immer die Waffen in ihre Richtung.
   Kaum hatten die vier Männer die Autotüren zugeschlagen, setzte der Wagen wieder zurück. Der Motor heulte auf, Reifen quietschten.
   »Scheiße, was war das denn?«, rief Basti.
   Als wenn das nicht offensichtlich war.
   Daniel ersparte sich die Antwort und betrachtete den nicht ganz zehn Zentimeter langen Papierfetzen in seiner Hand. Es war ein Stück der Deutschlandkarte. Idealerweise ein Teil mit mehreren markierten Orten in Süddeutschland.
   Erst jetzt fiel ihm auf, dass seine Beine zitterten und sein Herz raste. Er schaute zu Basti, der kalkweiß war und noch immer an derselben Stelle wie vorhin stand.
   »Schätze, jetzt haben wir einen Grund mehr, zur Kripo zu fahren«, sagte Daniel und ging zum Audi.

Kapitel 6

Während der Fahrt schüttelte Basti den Kopf. Immer und immer wieder. Daniel wusste jedoch, dass er es dabei nicht belassen würde. Innerlich zählte er die Sekunden, bis die Worte aus seinem Kollegen nur so heraussprudeln würden.
   Besonders weit kam er nicht.
   »Mann, was für eine gottverdammte Scheiße! Die haben mit Knarren auf uns gezielt! Es hätte nicht viel gefehlt, und die hätten uns abgeknallt. Und weshalb? Weil wir uns in Angelegenheiten eingemischt haben, die uns nix angehen. Aber du wolltest unbedingt Kommissar spielen.«
   »Bleib mal ruhig.«
   »Ich soll ruhig bleiben?« Er schnappte nach Luft. »Ich weiß zwar nicht, wie es dir geht, aber ich bin bisher noch nie mit einer Schusswaffe bedroht worden.«
   »Bei mir gehört das auch nicht zum Alltag, aber bringt es was, wenn wir deswegen am Rad drehen? Diese vier Typen waren Profis und wussten genau, was sie taten. Die wollten nichts anderes als die Unterlagen. Abgedrückt hätten die sicher nicht.«
   »Ach, ich vergaß, dass du Fachmann für so was bist. Warum fahren wir überhaupt zur Polizei und übernehmen den Fall nicht einfach selbst? Können wir doch neben unserer Arbeit machen!«
   Basti schüttelte erneut seinen inzwischen hochroten Kopf. Unter anderen Umständen wäre das sicher witzig gewesen. Mehrere spitze Bemerkungen kamen Daniel in den Sinn, aber er verkniff sie sich und sah zu, dass er den Audi auf die A8 und zum Autobahnkreuz Leonberg lenkte. Dort wechselten sie auf die A81 und fuhren in Stuttgart in Richtung Pragsattel.
   Als sie die Hahnemannstraße erreichten und auf den etwas höher gelegenen ehemaligen Krankenhausbau zusteuerten, schien sich Basti wieder beruhigt zu haben. Dennoch wusste Daniel, dass nicht viel fehlte, damit sein Kollege erneut zu blubbern anfing. Er war überrascht, wie ruhig er selbst bei der ganzen Sache blieb. Der Überfall in Karlsruhe war jedoch so rasend schnell abgelaufen, dass er keine Zeit gehabt hatte, die Situation richtig zu begreifen. Keine zwei Minuten hatte alles gedauert. Noch etwas wurde ihm erst jetzt bewusst: Die Männer hatten während der Tat kein einziges Wort gesprochen. Eine Identifizierung war so gut wie unmöglich, was er in mehrfacher Hinsicht bedauerte. Gern hätte er erfahren, woher sie überhaupt gewusst hatten, dass sie dort sein würden. Hatte man sie verfolgt oder einfach die StoreHome-Filiale im Auge behalten? Je länger er darüber nachdachte, desto mehr Fragen drängten sich auf. Es war eindeutig an der Zeit, dass die Angelegenheit von Profis übernommen wurde.
   Sie stellten den Audi auf den großen Parkplatz an der Vorderseite des Polizeireviers und legten die letzten Meter zu Fuß zurück. Die satte grüne Landschaft und die Berghänge um sie herum kamen an diesem grauen Oktobertag nicht halb so sehr zu Geltung, wie Daniel sie von früheren Besuchen in der Gegend in Erinnerung hatte.
   Im Foyer brauchte er nur einmal kurz den Namen Martin Grauberger erwähnen, damit der diensthabende Beamte an der Pforte, ein kräftiger Mann mit Schnauzer, der bestimmt nicht mehr viele Jahre bis zur Pensionierung vor sich hatte, sofort die Ohren spitzte. »Da wollen Sie bestimmt zum Morddezernat«, murmelte er und griff nach seinem Telefon.
   Wenig später erschien ein hagerer Mann und stellte sich als Kriminalhauptkommissar Roland Fink vor. Sein Anblick faszinierte Daniel. Der komplett in Zivil gekleidete Polizist besaß zwar graues Haar, gleichzeitig aber ein junges, faltenloses Gesicht, das sein Alter überhaupt nicht einschätzen ließ. Er könnte Mitte dreißig, aber genauso gut Mitte fünfzig sein. Wahrscheinlich lag die Antwort irgendwo dazwischen.
   Es genügte Daniels Andeutung, dass Basti und er vor Kurzem an einem gewissen Rastplatz nahe Bayreuth gehalten hatten, damit Fink wissend nickte und sie zu einem hellen Büro mit Kirschholzschreibtischen und gläserner Eingangstür im oberen Stockwerk führte. Der Geruch von Kaffee schien hier allgegenwärtig zu sein, auch auf den mit jeder Menge Akten bedeckten Tischen durften die Tassen mit dem braunen Muntermacher nicht fehlen.
   »Hast du kurz Zeit, Uwe?«, rief er einem auf dem Flur in eine Unterhaltung vertieften und vermutlich Mittfünfziger mit spitzer Nase zu. Dieser musterte sie kurz mit durchdringendem Blick und folgte ihnen ins Büro.
   »Kriminaloberkommissar Uwe Badler«, stellte er sich vor. »Wie können wir Ihnen helfen?«
   Daniel schaute zu Basti und fasste die Ereignisse seit ihrer Rückfahrt von Berlin noch einmal zusammen. Beide Kommissare lauschten aufmerksam und nickten mehrfach. Viel Neues schien er ihnen dennoch nicht zu berichten. Wenigstens nicht, bis er auf den Fund der Plastikkarte und den Ausflug nach Karlsruhe zu sprechen kam. Auf einmal wurden die beiden unruhig und kritzelten sich erste Notizen auf ihre Schreibblöcke.
   »Wie lang ist das jetzt her?«, fragte Badler, kaum dass Daniel verstummt war.
   »Noch keine Stunde. Wir sind auf dem direkten Weg hierhergekommen.«
   Badler schaute zu seinem Kollegen. »Vielleicht haben wir Glück bei den Verkehrsüberwachungskameras.«
   Fink schnappte sich einen kleinen Schmierzettel von seinem Schreibtisch neben dem Fenster. »Schildern Sie bitte genau, woran Sie sich von dem Überfall erinnern.«
   Daniel tat, wie ihm geheißen, doch viel mehr als das, was er bereits erzählt hatte, wusste er im Grunde genommen nicht. Basti betonte, dass die Angreifer die Waffen auf sie gerichtet hatten, schien damit aber auf wenig Gehör zu stoßen. Kaum waren sie fertig, stürzte Fink mit seinem Notizzettel in der Hand aus dem Büro.
   Badler räusperte sich. »Große Chancen male ich mir zwar nicht aus, aber man weiß ja nie. Kommen wir noch einmal auf die Unterlagen aus dem Schließfach zurück. Sie sagten, Sie haben nur einen kurzen Blick darauf geworfen?«
   »Das ist richtig. Die meisten Unterlagen waren privat, wie Kontoauszüge und dergleichen, aber auch eine Liste mit Namen und Anschriften sowie eine Landkarte lagen im Safe.« Daniel griff in die Innentasche seiner Jacke und beförderte den vorhin zurückbehaltenen Papierfetzen zutage.
   »Wo hast du das denn her?« Basti keuchte. »Hat dir der Typ deswegen eine verpasst?«
   »Ich habe versucht, die Papiere zurückzuhalten. Was natürlich Blödsinn ist, da wir eh keine Chance hatten. Als er mir die Seiten aus der Hand riss, ist das zufälligerweise bei mir geblieben.« Er reichte Badler die Überreste der Landkarte.
   Er hob überrascht die Brauen. »Hier sind die Städte Bad Krozingen, Balingen, Pirmasens sowie ein Ort in der Nähe von Augsburg eingekreist. Haben Sie eine Ahnung, was es damit auf sich hat?«
   »Leider nein. Bei StoreHome hatte ich nur kurz Gelegenheit, mir die Unterlagen anzuschauen. Gut möglich, dass sie mit den Adresslisten zusammenhängen. Eventuell ist es aber auch was völlig anderes.«
   »Vielleicht ist es eine Übersicht von all den Plätzen, wo Personen verschwunden sind«, schlug Basti vor. »Oder von Orten, an denen sich Grauberger seine nächsten Opfer ausgespäht hat.«
   Daniel runzelte die Stirn. »Aber hieß es nicht, dass Grauberger unter Umständen gar nichts mit den Verbrechen zu tun hat, für die er gesucht wurde? Laut der Presse besaß er doch Alibis für viele der Taten.«
   Badler lachte verächtlich auf. »Das ist alles noch in Prüfung. Grauberger und sein Anwalt konnten in der Tat einige Entlastungszeugen vorweisen, aber komplett außen vor ist der Mann deswegen noch lange nicht. Er ist und bleibt gefährlich und zählt noch immer zu den Verdächtigen.«
   »Wie kommt es dann, dass er sich auf freiem Fuß befindet? Hätten Sie das nicht herauszögern können?«
   »Glauben Sie nicht, dass wir das versucht haben? Ich erkläre Ihnen mal kurz den Ablauf unseres Justizsystems: Nachdem Sie Grauberger bei den Kollegen in Bayreuth abgeliefert haben, nahmen wir ihn in Gewahrsam, und er verbrachte eine Nacht im Café Viereck. Am nächsten Tag wurde er dem Haftrichter vorgeführt und für die U-Haft in die JVA verlegt. Derweil beantragte sein Anwalt Akteneinsicht und besprach den Fall mit seinem Mandanten, der ihm mehrere Zeugen für seine Alibis nannte. Sein Anwalt legte Haftbeschwerde ein und beantragte die Vernehmung der Zeugen. Wir haben zwar sofort damit begonnen, aber trotzdem dauert so was natürlich seine Zeit, wenn Sie verstehen, was ich meine. Dennoch lässt sich das Unvermeidliche damit bloß ein wenig aufschieben. Ich habe mich mehrmals mit den Fallanalytikern der OFA darüber unterhalten. Sie waren und sind überzeugt davon, dass Grauberger unser Mann ist. Wir werden ihn nicht vom Haken lassen. Außerdem prüfen wir, wie hieb- und stichfest seine Alibis tatsächlich sind.« Er stockte kurz. »Doch genug davon, ich habe Ihnen sowieso schon viel zu viele Polizeiinterna verraten.«
   »Eine Frage habe ich noch«, warf Basti schnell ein. »Was ist eine OFA?«
   »Die operative Fallanalyse. Speziell geschulte Analytiker, die der Polizei bei der Aufklärung schwieriger Verbrechen helfen und für uns Täterprofile erstellen. Dadurch können wir neue Ermittlungsansätze und/oder einen besseren Einblick in die Vorgehensweise des Täters bekommen.«
   »Also ein Profiler?«
   »So was in der Art. Auch wenn die meisten diesen Begriff nicht mögen, weil er von den Medien so mythologisiert wurde. Aber lassen wir das. Möchten Sie Anzeige gegen die Angreifer in Karlsruhe erstatten?«
   »Hätte das denn einen Sinn?«, fragte Daniel. »Mehr als eine Klage gegen Unbekannt wäre es doch eh nicht, oder?«
   Der Kommissar nickte. »Dennoch möchte ich Sie bitten, von den Kollegen Ihre Personalien und Aussagen aufnehmen zu lassen. Wir benötigen das für unsere Unterlagen.« Mit diesen Worten stand er auf, griff in die Box mit seinen Visitenkarten auf dem Tisch und trat auf sie zu. »Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung und Hinweise. Sollten mein Kollege oder ich weitere Fragen an Sie haben, werden wir uns bei Ihnen melden. Falls Ihnen noch was einfallen sollte, geben Sie uns bitte umgehend Bescheid. Jedes weitere Detail könnte hilfreich sein.«
   Daniel erhob sich ebenfalls. »Was werden Sie bezüglich der markierten Orte auf der Karte unternehmen?«
   »Wir werden die Daten eingehend prüfen und mit unseren Unterlagen abgleichen, um zu schauen, wo es Verbindungen und Übereinstimmungen gibt.«
   »Es dürfte nicht schaden, sich mit den jeweiligen Polizeidienststellen vor Ort in Verbindung zu setzen. Vielleicht gab oder gibt es ja irgendwelche ungeklärten Todes- oder Vermisstenfälle.«
   »Selbstverständlich ziehen wir das in Betracht. Das ist jedoch allein unsere Sache. Ich bitte Sie inständig, zukünftig weitere riskante Aktionen wie die Nachforschungen in Karlsruhe zu unterlassen. So etwas ist Aufgabe der Polizei. Sie behindern bloß unsere Arbeit und bringen sich unnötig in Gefahr. Damit ist niemandem geholfen.«
   Unweigerlich blickte Daniel zu Basti, der mit altkluger Miene nickte. Ich habe es dir doch gleich gesagt, drückte jeder Millimeter seines Gesichts aus.
   Badler führte sie zu einem Kollegen in einem Großraumbüro am anderen Ende des Flurs und bat diesen, ihre Aussagen aufzunehmen. Daniel wollte den Kommissar noch etwas fragen, aber er hatte sich bereits wieder in Richtung seines Büros aufgemacht. Als sie einige Zeit später auf dem Weg zum Ausgang an Badlers Büro vorbeikamen, telefonierten sowohl Badler als auch Kommissar Fink. Beide wirkten höchst angespannt.

Kapitel 7

Stunden später lenkte Daniel seinen Wagen missmutig durch den Feierabendverkehr. Die Sonne war bereits untergegangen, aber zu weniger Autos auf den Straßen hatte die Dunkelheit nicht geführt.
   Sicher saß Basti, der sich deutlich früher als er aus dem Büro verzogen hatte, längst daheim und berichtete Constanze in allen Einzelheiten von ihrem bizarren Erlebnis heute Vormittag. Vermutlich betonte er dabei nochmals, dass die ganze Sache absolut nicht seine Idee gewesen sei und Daniel ihn dazu überredet habe. Was im Endeffekt auf das Gleiche wie die Rüge des Kommissars hinauslief, die Daniel nachhing, seit sie das Präsidium am frühen Nachmittag verlassen hatten. Zwar war die Angelegenheit mit Grauberger alles andere als sein Fall, aber komplett außen vor zu sein, war dennoch ein merkwürdiges Gefühl der Bevormundung. Am meisten wurmte ihn dabei, dass beide recht hatten.
   Das war nicht sein Fall und würde es auch niemals sein. Er war Verkäufer für Sensorentechnik im Außendienst und kein Ermittler, Fallanalytiker oder sonst jemand, der etwas mit Grauberger am Hut hatte. Ohne das ungeplante Aufeinandertreffen auf dem Rastplatz gäbe es überhaupt keine Verbindung zu ihnen.
   Das alles klang logisch und nachvollziehbar. Dennoch fiel es Daniel schwer, das zu akzeptieren. Möglicherweise hing es mit einem längst vergessenen Kindheitstraum zusammen, selbst einmal Kommissar zu spielen. Oder, weil er ein Macher war. Jemand, der Sachen persönlich in die Hand nahm und nicht anderen überließ.
   Seufzend lenkte er den Audi in eine freie Parkbucht in seiner Straße und stapfte zur Wohnung. Sabine hatte lecker aussehende Putensteaks in der Pfanne gebrutzelt, die seiner Laune sofort einen kleinen Auftrieb verpassten.
   Der allerdings nicht lang anhielt. Nach dem Abendessen schob er das unausweichliche Gespräch mit Bine nicht mehr länger vor sich her und erzählte ihr von seinen heutigen Ausflügen nach Karlsruhe und aufs Stuttgarter Polizeipräsidium. Es dauerte nur wenige Augenblicke, und sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.
   »Ich glaube, ich würde mir vor Angst in die Hosen machen, wenn mich jemand mit einer Pistole bedrohen würde. Allein vom Zuhören bekomme ich eine Gänsehaut.« Als Beweis zeigte sie ihm ihre Unterarme, auf denen sich tatsächlich sämtliche Härchen aufgestellt hatten.
   »Kaltgelassen hat es mich natürlich auch nicht, aber alles lief viel zu schnell ab.« Kurz überlegte er, ob es nicht vielleicht noch einen weiteren Grund gab. Immerhin war es tatsächlich nicht das erste Mal, dass jemand eine Schusswaffe auf ihn gerichtet hatte. Auch wenn das andere Erlebnis dieser Art mehr als zwanzig Jahre zurücklag. Damals in Berrow, als Frank, Michael und er in dem Kellergewölbe auf den Verrückten getroffen waren. Doch das war so lange her und er hatte es beinahe vergessen.
   Daniel beschloss, dass die alte Jugenderinnerung rein gar nichts mit dem heutigen Vorfall zu tun hatte. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, erzählte er Sabine, wie das Treffen mit den Kommissaren abgelaufen war, und erkundigte sich anschließend nach ihrem Arbeitstag. Sogleich stahl sich ein verschmitztes Lächeln in ihr Gesicht. »Eine Kollegin aus der Buchhaltung ist heute vierzig geworden und hatte belegte Brötchen und Getränke dabei. Zum Glück fand das Sektanstoßen noch vor dem Essen statt, und ich konnte als Ausrede vorschieben, dass ich keinen Alkohol auf nüchternen Magen vertrage. Ein bisschen hat es mich aber schon in den Fingern gekribbelt, ihr und den anderen den wahren Grund zu verraten.«
   »Verständlicherweise. Ich musste mir heute Nachmittag im Geschäft auch einmal auf die Zunge beißen, um nichts auszuplaudern. Wenn das so weiter geht, werden die nächsten Wochen echt zur Folter.«
   »Ich hoffe nicht.« Schmunzelnd strich sie sich über ihren Unterbauch. Daniel betrachtete sie mit einem warmen Gefühl im Herzen. Sah man tatsächlich bereits eine leichte Bauchwölbung oder redete er sich das bloß ein? Auf jeden Fall zauberte allein die Vorstellung, dass etwas da drinnen wuchs, auch ihm ein Lächeln ins Gesicht.

Er stand im Hinterhof in Karlsruhe, vor ihm die vier maskierten Männer. Alle zogen ihre Waffen und warnten ihn davor, nichts Dummes zu versuchen. Während er in den Pistolenlauf des Mannes vor ihm starrte, verwandelte sich die Umgebung, und Daniel fand sich in der Vergangenheit wieder.
   Er war wieder sechzehn, und ein grobschlächtiger Typ richtete in einem Kellerraum eine Knarre auf ihn. Das einzige Licht stammte von nervös flackernden Kerzen. Seine Teenagerfreunde Frank und Michael waren bei ihm, offensichtlich genauso voller Angst wie er. Wie sie dorthin gekommen waren, wusste er nicht mehr, nur dass es ein geheimer Unterschlupf gewesen war und sie sich buchstäblich in der Höhle des Löwen befanden. Dem Mann mit der Waffe sickerte Blut aus dem Mund, und allein dieser Anblick genügte, sodass sich Daniels Gedärme unangenehm zusammenzogen. Auch dieser Mann warnte ihn, keine Dummheiten zu machen, aber er konnte nicht anders und stürmte auf den Bewaffneten zu.
   Ein Schuss löste sich.


   Daniel riss erschrocken die Augen auf. Sein Herz raste, und seine Hände waren kalt und klamm. Statt des Kellergewölbes erblickte er nur Dunkelheit um sich herum. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo er sich befand, und dass alles nur ein schlechter Traum gewesen war. Neben ihm atmete Sabine ruhig und gleichmäßig. Zufrieden lauschte er ihr. Allmählich ging ihre Ruhe auf ihn über. Dennoch brauchte er lange, um wieder einzuschlafen. Immerzu hatte er das Bild eines Pistolenlaufs vor Augen.

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