Ein Unbekannter, der Kinder aus ihren Betten entführt. Ein Kommissar, der den Halt im Leben verloren hat. Ein Fall, in dem jede Entscheidung ein Leben kosten kann. Das spurlose Verschwinden eines kleinen Jungen, dessen Schicksal nie aufgeklärt werden konnte, hat Hauptkommissar Jonathan Weitzäcker in tiefe Depressionen gestürzt. Nach zwölf Monaten wieder für diensttauglich erklärt, kehrt er in seinen Beruf zurück. Kurz darauf verschwindet ein weiterer Junge unter nahezu identischen Umständen. Jonathan Weitzäcker nimmt den Kampf gegen die Zeit und seine Krankheit auf – und gegen einen Täter, der mehr als nur ein Leben zerstört ...

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ISBN: 978-9963-52-799-1

Seiten: 298

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Dominik Seiberth

Dominik Seiberth
Dominik Seiberth wurde 1989 in der Nähe von Heidelberg geboren. Nach seinem Abitur absolvierte er ein freiwilliges soziales Jahr in einem kleinen Dorf im Western Cape, Südafrika. 2010 begann er mit einem Studium der Psychologie. Aktuell studiert er M.Sc. Psychologie (Schwerpunkt Sozial- und Kognitionspsychologie) an der Universität Mannheim. Neben dem Studium schreibt er bevorzugt in den Genres Thriller, Young Adult und Fantastik.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Oktober

Jonathan hatte wie immer das Gefühl, auf der falschen Seite des Tisches zu sitzen. Nicht, dass er glaubte, er wäre der bessere Therapeut. Er wusste, dass Annelies von Bahr gut war. Sie war sogar verdammt gut, um ehrlich zu sein. Das Problem bestand viel eher darin, dass er es gewohnt war, Fragen zu stellen, anstatt sie zu beantworten und sich der Rollentausch selbst bei ihrer letzten, gemeinsamen Sitzung noch falsch anfühlte.
   Von Bahr und Jonathan saßen sich an einem kleinen, runden Tisch unter den hohen Altbaufenstern gegenüber. Boden und Decke des großen Raumes waren mit Holz getäfelt und an den Wänden hingen impressionistische Werke von Künstlern, deren Namen Jonathan nicht kannte. Das malerische Bild, das sich ihm draußen vor den Fenstern bot, sagte ihm ohnehin mehr zu: der träge dahinfließende Neckar, die pittoreske Stadt mit ihren alten Backsteinbauten und roten Ziegeldächern und die Schlossruine auf der anderen Seite des Flusses inmitten tiefgrüner Wälder. Es war ein wundervoller Anblick und es war ein herrlicher Herbsttag, wie geschaffen für einen Spaziergang entlang des Philosophenwegs. Doch natürlich würde es keinen Spaziergang geben. Jonathan hätte nicht sagen können, wann es ihm zum letzten Mal gelungen war, sich für einen Spaziergang aufzuraffen. Er hätte nicht sagen können, wann es ihm gelungen war, sich für überhaupt irgendetwas aufzuraffen. Aber das war nicht das, was man seiner Therapeutin sagte, wenn diese eine Stellungnahme darüber aufsetzen sollte, ob man in seinen Beruf als Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei zurückkehren konnte. Darum straffte Jonathan die Schultern, wandte seinen Blick von der Altstadt ab und Annelies von Bahr zu und bemühte sich um eine feste Stimme, als er ihre Frage beantwortete. »Ich bin wieder einsatzbereit.«
   Annelies von Bahr musterte ihn. Sie war eine beeindruckende Erscheinung mit schulterlangen blonden Haaren. Jonathan glaubte nicht, dass er dieser Frau etwas vormachen konnte. Vermutlich waren nicht viele Menschen dazu in der Lage, und er zählte mit Sicherheit nicht dazu.
   »Können Sie mir sagen, inwieweit sich Ihre heutige Situation von der Situation unterscheidet, in der Sie sich vor einem Jahr befunden haben, Herr Weitzäcker?«, fragte von Bahr und schrieb dabei in das rote Notizbuch, das auf ihren Beinen ruhte. Der Stift verursachte ein kratzendes Geräusch auf dem Papier. Für einige Sekunden war es das einzige Geräusch, das im Raum zu hören war.
   »Ich habe Appetit«, antwortete Jonathan, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Gern hätte er sein Jackett ausgezogen, aber er schwitzte so stark, dass er seiner Therapeutin den Anblick des weißen Hemdes, das förmlich an seinem Oberkörper klebte, ersparen wollte. »Ich schlafe gut.« Er korrigierte sich, in der Hoffnung, glaubwürdiger zu wirken. »Nicht gut. Aber besser. Und ich träume nicht mehr so viel.«
   Annelies von Bahr nickte. Da sie nichts sagte, ging Jonathan davon aus, dass er weitersprechen sollte. »Ich fühle mich kräftiger. Eher wie der Mann, der ich einmal war.« Er wartete. Von Bahr sagte noch immer nichts. »Hören Sie«, fuhr er fort und wusste, dass er ungeduldig klang. »Seit meiner Beurlaubung sind zwölf Monate vergangen. Ich habe mich zu Hause verkrochen. Ich wollte von der Welt da draußen nichts mehr wissen. Wenn ich nicht beurlaubt worden wäre, wäre es vielleicht überhaupt nicht so weit gekommen. Aber jetzt geht es mir wieder besser. Viel besser.«
   »Sie wissen, warum Sie beurlaubt wurden.«
   Es war keine Frage. Jonathan legte den Kopf in den Nacken und seufzte.
   Scheiße. Sie glaubte nicht, dass er schon wieder einsatzbereit war. Vielleicht würde er sich an ihrer Stelle auch nicht glauben. Möglicherweise gab es aber trotzdem noch einen kleinen Funken Hoffnung. Jonathan klammerte sich gern an solche Funken. Das war Teil des Problems. »Harald Pfisterer hat mich beurlaubt, weil ich meiner Arbeit nicht mehr nachgekommen bin«, sagte er. »Ich habe mich immer und immer wieder mit dem Fall Lucas Fähnrich beschäftigt. Ich habe mich krankgemeldet, um weitere Nachforschungen anzustellen. Ich konnte einfach nicht anders. Und als alle Spuren im Sand verlaufen sind …« Jonathan beendete den Satz nicht. Er hätte ihn vervollständigen können, aber was brachte es schon, das auszusprechen, was danach gekommen war? Was brachte es, ein weiteres Mal von dem billigen Fusel zu sprechen, den er sich frühmorgens an verlassenen Tankstellen oder nebelverhangenen Rastplätzen gekauft hatte, während die Wagen der Pendler die Straßen verstopften, Kinder sich auf den Weg in die Schule machten und die Sonne hinter den mächtigen Baumkronen des Odenwaldes aufging? Was brachte es, von seinen stundenlangen, ziellosen Autofahrten zu sprechen, und von der Antriebslosigkeit, die mehr und mehr Besitz von ihm ergriffen hatte, die seine Gedanken lähmte und seine Bewegungen verlangsamte? Von den Stunden und den Tagen, in denen er sein Haus in Kirchheim nicht mehr verlassen hatte? Und von den Träumen, die ihn wie biblische Plagen heimgesucht hatten, wenn er tatsächlich einmal Schlaf gefunden hatte?
   Sein Leben, das so zielstrebig verlaufen war, war aus den Fugen geraten. Als er sich nach seiner Beurlaubung und auf Anraten des polizeipsychologischen Dienstes schließlich Hilfe gesucht hatte, hatte er eine mittelschwere Depression und Alkoholmissbrauch diagnostiziert bekommen. Und was war der Grund dafür, dass er sein Leben im Alter von neunundvierzig Jahren an die Wand gefahren hatte? Der Grund war sein eigenes, unprofessionelles Verhalten. Er hatte die Objektivität verloren, auf die er in seinen frühen Jahren bei der Kriminalpolizei noch so stolz gewesen war. Er hatte den Fall Lucas Fähnrich zu seinem Fall gemacht. Ein Fall, der nie aufgeklärt werden konnte.
   »Harald Pfisterer hat Sie beurlaubt, weil Sie in seinen Augen nicht mehr dienstfähig waren«, bekräftigte Annelies von Bahr seine Worte und legte Notizbuch und Stift vor sich auf den Tisch. »Die Beurlaubung war sinnvoll, weil Sie alkoholisiert zur Arbeit kamen. Das heißt, sofern Sie überhaupt zur Arbeit kamen. Die Beurlaubung war sinnvoll, weil Sie in einen Teufelskreis geraten sind, aus dem Sie von allein nicht mehr herausgekommen wären.«
   »Die Beurlaubung war nicht sinnvoll, weil sie alles verschlimmert hat.«
   Von Bahr blickte ihn an und Jonathan fragte sich, was seine Gesichtszüge ihr verrieten. Trauer? Wut? Enttäuschung? Er wusste es nicht.
   »Vielleicht. Aber vielleicht wäre es auch dazu gekommen, wenn Sie Ihre Arbeit fortgesetzt hätten. An dieser Stelle kommen wir nicht weiter, denn wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen und die Dinge, die geschehen sind, ungeschehen machen. Vielleicht können wir die Frage darum auch nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Die Frage, die wir hingegen beantworten können und die wir beantworten müssen, ist, ob Sie wieder einsatzbereit sind. Dafür reicht es aber nicht, dass Sie seit sieben Monaten keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt haben. Und es reicht ebenso wenig, dass sich Ihre depressive Symptomatik auf den ersten Blick verbessert zu haben scheint. Wir müssen heute auch noch einmal über Lucas Fähnrich sprechen.«
   »Wir haben über Lucas Fähnrich gesprochen«, erwiderte Jonathan. Er spürte, wie ihm das Atmen plötzlich schwerfiel und sich sein Pulsschlag beschleunigte.
   »Oh, ganz sicher haben wir das.« Von Bahr lehnte sich zum ersten Mal während ihres Gespräches in ihrem Sessel zurück. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und blickte ihn freiheraus an. Es war ein Blick, als ob sie ihn nicht nur sehen, sondern wirklich wahrnehmen würde. »Wir haben darüber gesprochen, wie Sie vor drei Jahren an den Einsatzort nach Dossenheim gerufen wurden. Wir haben über die Ermittlungen gesprochen, über die Zusammenstellung der Sonderkommission und über den persönlichen und medialen Druck, der auf den Schultern jedes einzelnen Beamten und jeder einzelnen Beamtin lastete – insbesondere aber auf Ihren Schultern, da Harald Pfisterer Ihnen die Leitung über die Sonderkommission und damit die Verantwortung für die Ermittlungen zugeteilt hatte. Wir haben über die erfolglosen Suchmaßnahmen gesprochen, über die spannungsgeladenen Pressekonferenzen, über die Verzweiflung von Lucas Fähnrichs Eltern und über viele andere Dinge. Aber wir haben nicht darüber gesprochen, was der Grund dafür war, dass dieser Fall eine solche Wirkung auf Sie hatte. Warum hat das Verschwinden des kleinen Lucas Sie an den Punkt gebracht, an dem Sie sich vor zwölf Monaten befunden haben?«
   Jonathan hatte das Gefühl, dass sich die Wände des Raumes auf ihn zubewegten. Sein Hemd war mittlerweile so durchnässt, als ob er unter der Dusche stehen würde. Er hatte gewusst, dass ihr Gespräch dieses Thema beinhalten würde. Annelies von Bahr hatte ihn schließlich lange genug darauf vorbereitet. In den vielen Therapiestunden, die sie damit verbracht hatten, sich behutsam den Dingen zu nähern, die für Jonathan angst- oder schambehaftet waren, hatte von Bahr ihr Gespräch im letzten Moment zwar immer in eine andere Richtung gelenkt, bevor sie darauf zu sprechen gekommen waren, was den Fall Lucas Fähnrich von den unzähligen anderen Fällen, mit denen Jonathan während seiner Zeit als Hauptkommissar zu tun gehabt hatte, unterschied. Aber Annelies von Bahr hatte ihm dabei jedes Mal zu verstehen gegeben, dass sie sich dieser letzten, dieser unausweichlichen Frage nichtsdestotrotz stellen würden. Er selbst hatte schon oft darüber nachgedacht, warum der Fall Lucas Fähnrich ihn nie losgelassen hatte, besonders in jenen dunklen Stunden, in denen er sturzbetrunken gewesen war. Aber eine zufriedenstellende Antwort war ihm weder im besoffenen noch im nüchternen Zustand eingefallen.
   »Wenn es um einen Fall von Kindesentführung geht, ist das für keine der beteiligten Personen leicht«, sagte er, da er irgendetwas sagen musste. »Für die Eltern nicht. Aber auch für uns nicht – für die ermittelnden Beamten. Bei Mord oder Totschlag besteht die Aufgabe unseres Berufes darin, der Staatsanwaltschaft einen Tatverdächtigen zu präsentieren. Manchmal ist das einfach, manchmal ist es aber auch verdammt schwer. So oder so ist es ein enormer Druck, dem wir ausgesetzt sind. Aber dieser Druck ist irgendwie aushaltbar. Und er lässt sich nicht mit dem Druck vergleichen, dem wir ausgesetzt sind, wenn ein Kind nachts aus seinem Bett verschleppt wird, während die Eltern nur zwei Türen weiter schlafen. Wenn man feststellen muss, dass man es nicht mit einem Fall von Entführung und Erpressung zu tun hat, sondern dass es sich bei dieser ganzen, verdammten Angelegenheit um etwas anderes handeln muss. Etwas, das man nicht versteht. Etwas, das man aber verstehen will, weil es einem Angst macht. Aber so sehr wir uns auch bemüht haben, Lucas Fähnrich zu finden, tot oder lebendig, so wenig ist es uns gelungen. Ich glaube, dass die Ungewissheit das Schlimmste ist. Die Ungewissheit, was aus dem Jungen geworden ist. Lebt er noch? Wird er vielleicht in irgendeinem dunklen Kellerloch gefangen gehalten? Ist er tot? Vielleicht schon seit dem Tag, an dem er verschwand? Ich weiß es nicht. Die Eltern wissen es nicht. Niemand weiß es. Wir wissen nur, dass zwei Menschen eines Morgens aufgewacht sind und dass ihr fünfjähriger Sohn nicht mehr da war, wo sie ihm am vergangenen Abend noch eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatten. Und dass das alles ist, was wir wissen, ist einfach schrecklich.«
   Annelies von Bahr nickte.
   »Es war das erste Mal, dass ich in einem solchen Fall von Kindesentführung ermittelt habe«, fuhr Jonathan unaufgefordert fort. Gern hätte er sich mit der Hand die Schweißtropfen von der Stirn gewischt, aber damit hätte er nur von Bahrs Aufmerksamkeit auf seine Aufregung gelenkt. »Vielleicht hätte ich die Leitung der Sonderkommission nie übernehmen dürfen. Vielleicht hätte ich Harald Pfisterer sagen sollen, dass er einem meiner Kollegen diese Aufgabe übertragen soll. Vielleicht hätte ich erkennen müssen, dass ich nicht die berufliche Distanz zu diesem Fall aufbringen konnte, die ich hätte haben müssen. Eine Sonderkommission ist ein Team, in dem jeder auf den anderen angewiesen ist, in dem sich jeder auf den anderen verlassen muss, in dem jeder seine Aufgabe erfüllt. Aber trotzdem war ich es, der am Ende des Tages Harald Pfisterer Rede und Antwort zum Stand der Ermittlungen geben musste. Ich hatte die Verantwortung. Ich habe den Fall zu meinem Fall gemacht.«
   »Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, sagte Annelies von Bahr leise. »Aber ich frage Sie gern noch einmal: warum?«
   »Ich habe Anna und Martin Fähnrich, den Eltern von Lucas, gesagt, dass wir alles daransetzen werden, ihren Sohn wiederzufinden. Ich habe ihnen gesagt: Wir werden ihn finden. Ich habe ihnen mein Wort darauf gegeben. Ich habe es ihnen versprochen. Aber wir haben ihn nicht gefunden.«
   »Sie wussten, dass diese Möglichkeit besteht, nicht wahr? Dass Sie Lucas Fähnrich nicht finden?«
   Jonathan fühlte sich in die Enge getrieben. Er vermutete, dass von Bahr ihn mit ihren Fragen herausfordern wollte. Er sollte sich dem stellen, was er schon viel zu lange verdrängt hatte. »Ja, ich wusste, dass diese Möglichkeit besteht. Und trotzdem, die meisten Kinder, die in Deutschland verschwinden, tauchen wieder auf. In vielen Fällen gibt es eine völlig belanglose Erklärung für ihr Verschwinden. Kinder laufen von zu Hause davon, weil sie sich missverstanden fühlen. Kinder laufen davon, weil sie sich mit ihren Eltern gestritten haben. Es kann viele Erklärungen dafür geben, warum ein Kind plötzlich verschwindet.«
   »Und Sie sind davon ausgegangen, dass Lucas Fähnrich wieder auftauchen wird. Da Kinder in der Mehrzahl aller Fälle wieder auftauchen, sind Sie davon ausgegangen, dass auch Lucas Fähnrich wieder auftauchen wird.« Von Bahr legte eine kurze Pause ein. »Aber Sie wissen auch, dass in Deutschland jährlich unzählige Kinder verschwinden und verschwunden bleiben. Manche von ihnen sogar für immer.«
   Jonathan war nunmehr an dem Punkt angekommen, für den er sich schämte. Aber er musste es ihr sagen. Er musste es loswerden. Es hatte ihn viel zu lange belastet. »Als die Staatsanwaltschaft den Fall nach vierzehn Monaten als unaufgeklärt zu den Akten gelegt hat und die Sonderkommission aufgelöst wurde, war ich schon viel zu sehr an dem beteiligt, was geschehen war. Ich hatte den Fähnrichs gesagt, dass ich ihren Sohn finden würde. Ich hatte keine Distanz mehr zu Lucas’ Eltern und auch nicht zu ihrer Verzweiflung. Aber zu diesem Zeitpunkt ging es mir überhaupt nicht mehr darum, ob Lucas noch lebte oder nicht. Es war mir beinahe sogar egal. Es ging mir nur noch darum, ihn zu finden. Damit wir nicht länger mit der Ungewissheit hätten leben müssen.«
   Annelies von Bahr beugte sich nach vorn und schrieb eine Notiz in ihr Buch. »Wenn Sie heute an Lucas Fähnrich und an seine Familie denken – was geht Ihnen dann durch den Kopf?«
   Jonathan schwieg und betrachtete noch einmal das herbstliche Bild draußen vor den Fenstern. An den Bäumen hingen nur noch vereinzelte, rotgoldene Blätter. Bald würde der Wind sie von den Ästen reißen. Allein bei dem Gedanken daran fröstelte es ihn.
   Er blickte seine Therapeutin an. Er wusste nicht, ob das, was er als Nächstes sagen würde, der Wahrheit entsprach oder ob er es nur sagte, weil er davon ausging, dass das die Worte waren, die Annelies von Bahr hören wollte.
   »Wenn ich an Anna und Martin Fähnrich denke, dann bedauere ich sie um das Schicksal, das ihnen widerfahren ist. Wenn ich an Lucas Fähnrich denke, dann bedauere ich, dass er das Leben, das vor ihm lag, nicht mehr leben kann.«
   »Sie gehen mittlerweile also davon aus, dass Lucas Fähnrich tot ist?«, fragte von Bahr.
   »Wir können ausschließen, dass er freiwillig davongelaufen ist. Wir können ausschließen, dass Lucas, damals ein Junge im Alter von fünf Jahren, für sich allein sorgen könnte. Ja, ich gehe mittlerweile davon aus, dass er tot ist.«
   »Es gibt andere Erklärungen, was aus dem Jungen geworden sein könnte. Sie selbst haben vorhin eine der Möglichkeiten genannt.«
   »Über diese Möglichkeiten möchte ich aber lieber nicht mehr länger nachdenken«, erwiderte Jonathan. Er fühlte sich ruhiger, wusste aber nicht, was der Grund dafür war. »Darum ist Lucas Fähnrich tot. Zumindest für mich ist er das. Und weil er tot ist, werde ich auch keine weiteren Nachforschungen in eigener Sache mehr anstellen. Sie würden ergebnislos bleiben, so wie alle anderen Anstrengungen, die ich unternommen habe, um ihn zu finden.«
   »Sind Sie wieder einsatzbereit?«, wiederholte Annelies von Bahr die Frage, mit der sie ihre Sitzung eröffnet hatte.
   »Ich bin einsatzbereit«, antwortete Jonathan. Diesmal meinte er es auch so.
   »Dann werde ich dies in meiner Stellungnahme an Kommissariatsleiter Pfisterer sowie an meinen Kollegen vom polizeipsychologischen Dienst auch so festhalten.«
   Jonathan glaubte zuerst, sich verhört zu haben. Er hatte sich an einen Funken Hoffnung geklammert. Aber zwischen einem Funken Hoffnung und der Wirklichkeit konnten manchmal Welten liegen.
   »Glauben Sie, dass ich wieder einsatzbereit bin?«, fragte er, als Annelies von Bahr ein weiteres Mal etwas in ihr Notizbuch schrieb.
   »In unseren Therapiestunden habe ich festgestellt, dass Sie sich auf einem sehr guten Weg befinden«, antwortete von Bahr.
   Ihm war bewusst, dass seine Frage damit nicht beantwortet war.
   »Natürlich sind Sie noch nicht am Ende dieses Weges angekommen. Natürlich gibt es noch viel zu tun. Aber vorhin sagten Sie mir, dass Sie wieder eher der Mann sind, der Sie einmal waren.« Sie lächelte ihn an. »Sie haben Ihre Arbeit immer gut gemacht. Erinnern Sie sich nur an die unblutige Beendigung dieser Geiselnahme im Neuenheimer Feld, die Sie vor einem knappen Jahrzehnt in die Schlagzeilen brachte.«
   »Damals habe ich gegen die Regeln verstoßen«, erwiderte Jonathan mit hochgezogenen Brauen.
   »Wenn sich jeder von uns an die Regeln halten würde, wären wir nicht immer da, wo wir manchmal sein sollten. Wenn Sie sich an die Regeln gehalten hätten, wären diese Menschen damals vielleicht gestorben. Wenn ich mich an die Regeln halten würde, würde ich Sie vielleicht erst in sechs oder sieben Monaten wieder für einsatzbereit erklären.« Ihr Gesicht wurde ernst. »Aber ich glaube Ihnen, dass Sie wieder einsatzbereit sind, wenn Sie es mir sagen. Sie sind ein guter Kommissar. Sie hatten Ihren Weg verloren. Aber wenn wir Ihnen nicht die Chance geben, wieder zu arbeiten, wie sollen Sie Ihren Weg dann jemals wiederfinden?
   Lucas Fähnrich ist tot«, sagte sie, als ob sie einen Schlusspunkt unter ihre Worte setzen wollte. »Das ist die Antwort, die ich von Ihnen hören wollte.«

1. Kapitel

Als Maria im Morgengrauen des zweiten Advents aufwachte, war sie allein.
   Zuerst war ihr überhaupt nicht bewusst, dass ihr Mann nicht neben ihr lag und dass das Bettlaken dort, wo Thorsten um diese Zeit eigentlich hätte sein sollen, kalt war.
   Sie hatte ein weiteres Mal von ihrem Vater geträumt. In ihrem Traum war sie wieder das kleine, wehrlose Mädchen, das auf seinem Schoß saß, während er Hoppe-Hoppe-Reiter mit ihr spielte. Sie war vielleicht vier oder fünf Jahre alt, so genau wusste sie das nicht mehr. Was sie aber wusste, und was sie auch in ihren Träumen immer wieder aufs Neue durchlebte, war die Tatsache, dass der Schwanz ihres Vaters hart war, wenn sie auf seinen Beinen saß. Er war stets hart, wenn ihre Mutter in der Küche stand, Abba sang und das Mittagessen kochte und sie währenddessen ungestört auf der alten Couch im Wohnzimmer saßen, der Fernseher lief und sie ihre Spiele spielten.
   »… dann macht der Reiter plumps«, grölte ihr Vater, machte die Beine auseinander und tat so, als ob er sie auf den Boden fallen ließ. Die kleine Maria kreischte. Im letzten Moment fing er sie auf und zog sie wieder zu sich hoch. Dann gab er ihr einen feuchten Kuss direkt auf den Mund, obwohl er bemerkt haben musste, dass sich Maria von ihm abwenden wollte.
   »Papa mag noch einen Kuss haben«, sagte er mit einem Lächeln und entblößte dabei seine vom Rauchen gelblich verfärbten Zähne. »Papa mag noch einen Kuss haben. Gib Papa noch einen Kuss, Kleines, ja?«
   Und als sich ihr Vater ein weiteres Mal zu ihr nach vorn gebeugt hatte, war Maria aufgewacht.
   Jetzt ging ihr Atem flach und schnell. Sie schwitzte, obwohl ihr bitterkalt war. Sie versuchte, sich zu beruhigen, ihre Gedanken auf etwas anderes als das bärtige Gesicht ihres Vaters und seine großen, behaarten Hände zu richten, die den Pranken eines Bären glichen und überall zugleich auf ihrem Körper zu sein schienen. Sie sagte das Mantra auf, das ihr in Momenten wie diesem manchmal weiterhalf. »Ich heiße Maria Schneider. Ich bin siebenunddreißig Jahre alt. Das kleine Mädchen gibt es nicht mehr. Das kleine Mädchen ist zu einer starken Frau geworden. Das kleine Mädchen gibt es nicht mehr. Das kleine Mädchen gibt es nicht mehr …«
   Beschämt darüber, dass sie lauter gesprochen hatte, als sie es beabsichtigt hatte, drehte sie sich auf die andere Seite, um sich zu vergewissern, dass Thorsten noch schlief. Erst, als sie ihren Arm ausstreckte und dieser nur das kalte Laken berührte, erkannte sie, dass er nicht da war.
   Im Schlafzimmer war es vollkommen dunkel. Kein einziger Lichtstrahl fiel durch die Ritzen der schweren Vorhänge. Blind drehte sich Maria ein weiteres Mal um und tastete mit der Hand nach dem Wecker, der irgendwo auf dem Nachttisch neben dem Bett stand. Als sie ihn gefunden hatte, drückte sie auf den Knopf, der sich auf der Rückseite befand, und die Anzeige flackerte auf. Es war 6:56 Uhr.
   Wo war Thorsten?
   Sie hatte nicht mitbekommen, dass sein Bereitschaftshandy in der Nacht geklingelt hatte. Manchmal kam es vor, dass das verfluchte Handy sie beide zu den unmöglichsten Zeiten aus dem Schlaf riss. Als Jour-Staatsanwalt musste Thorsten auf Abruf zur Verfügung stehen, wenn ein Verbrechen – Mord, Raubüberfall, Geiselnahme oder irgendeine andere Abscheulichkeit, an die Maria lieber überhaupt nicht erst dachte – verübt worden war und er von den diensthabenden Beamten informiert wurde. Manchmal kam es vor, dass er spätnachts das Haus verließ, um sich an einem Tatort selbst ein Bild der Lage zu verschaffen und zu entscheiden, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden sollte. Manchmal dachte Maria, dass sich Thorsten einen verdammten Scheißjob ausgesucht hatte.
   Doch normalerweise weckte das Klingeln des Bereitschaftshandys eben nicht nur ihn, sondern auch sie. Warum war sie dann in dieser Nacht nicht aufgewacht? Warum hatte sie nicht gehört, wie er flüsternd mit dem Beamten am anderen Ende der Leitung gesprochen hatte, wie er das Licht angemacht, sich angezogen und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gegeben hatte, bevor er gegangen war?
   Maria ließ den Kopf zurück auf das Kissen fallen und schloss die Augen. Sie war sich sicher, dass ihre Fragen auch noch später an diesem Tag beantwortet werden konnten.

Eine Dreiviertelstunde später lag sie noch immer allein im riesigen Ehebett. Sie hatte versucht, einzuschlafen, doch der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Vielleicht hatte sie auch Angst davor, dass sich ihr Vater – in Gedanken hatte sie ihn später immer nur das Reitermonster genannt – in ihren Träumen ein weiteres Mal an ihr vergehen würde, wie er es so oft getan hatte, wenn ihre Mutter zum Kaffeekranz zu ihren Freundinnen oder in die Kirche gegangen war, um zu einem Gott zu beten, von dem sich Maria immer gefragt hatte, warum er keinen Blitz vom Himmel herabschickte, um ihren Vater vom Antlitz der Erde zu tilgen.
   Sie hatte noch einige Male ihr Mantra aufgesagt, lauter, jetzt, da sie wusste, dass niemand da war, der sie hören konnte, und fühlte sich nun etwas sicherer. Ihre Gedanken schweiften vom Reitermonster zum anstehenden Besuch ihrer Schwiegereltern am dritten Advent und dann weiter zu Bens Weihnachtsgeschenken. Ben war in den letzten Monaten wie eine Bohnenstange gewachsen. Und so groß, wie ihr Sohn geworden war, so groß waren mittlerweile auch seine Wünsche. Ein Handy sollte es sein – oder besser gleich ein Smartphone, wie er ihnen in der letzten Woche beim Abendessen mitgeteilt hatte. Daraufhin war es zu einem lautstarken Austausch von Argumenten gekommen, waren sich Thorsten und Maria über den Weihnachtswunsch ihres Sohnes doch alles andere als einig. Thorsten wollte, dass Ben sein Handy bekam. Maria war dagegen. In einem Jahr oder in zwei Jahren – oder warum eigentlich auch nicht erst in drei? – war es ihrer Ansicht nach immer noch früh genug, dass sich Ben ständig dieses Ding ans Ohr pressen oder seinen Freunden irgendwelche Bilder zeigen konnte, die nicht für ihre Augen bestimmt waren.
   »Es ist doch nur ein Handy«, hatte ihr Mann versucht, sie zu beschwichtigen. »Und wenn er erst in die Schule geht – und allein mit dem Bus in die Schule fährt und nachmittags auch wieder allein nach Hause kommt – dann ist es sogar besser, wenn er uns erreichen kann.«
   »Aber er ist noch nicht in der Schule«, hatte Maria erwidert, obwohl sie wusste, dass es bereits in einem halben Jahr so weit sein würde. »Noch bringe ich ihn in den Kindergarten …«
   Sie konnte eine furchtbare Glucke sein, das wusste sie. Aber sie war eine Mutter. Sie war Bens Mutter. Jede Mutter sollte sich um ihr Kind sorgen und Maria tat das vielleicht sogar noch mehr als andere. Sie wusste immerhin, wie es war, keine Mutter zu haben, die sich um ihr Kind sorgte.
   Und doch: Letztlich würde sich trotzdem ihr Mann durchsetzen. Letztlich würde Ben sein Handy bekommen.
   Da Maria nicht wusste, wann Thorsten zurückkam und es ihr mittlerweile gelungen war, die letzten, bitteren Gedanken an ihre Kindheit zu vertreiben, stand sie auf. Sie war glücklich darüber, dass Ben Eltern hatte, die ihn liebten. Eltern, die für ihn da waren. Eltern, die keine Reitermonster waren.
   Für einen Augenblick blieb sie nackt vor dem Schrankspiegel stehen und betrachtete die groß gewachsene, flachbrüstige Frau mit den schulterlangen strohblonden Haaren und den verschlafenen Augen. Selbst die Schwangerschaft hatte keine Rundungen an ihrem Körper hinterlassen. Sie seufzte. Dann zog sie sich an.
   Wenn Thorsten nach Hause kam und Ben aufgewacht war, würde der Frühstückstisch in der Küche bereits gedeckt sein.

Wie das Schlafzimmer lag auch der Rest des Hauses noch in vollkommener Dunkelheit. Auf dem Weg zur Küche kam Maria an der verschlossenen Tür von Bens Kinderzimmer vorbei. Sie blieb einen Moment lang stehen, legte ihr Ohr an die Tür, lauschte und schloss die Augen. Manchmal war ihr Sohn schon lange vor ihnen wach. Als Ben noch jünger war, war er nach dem Aufwachen immer ins Schlafzimmer gekommen und hatte sich im Bett in die Kuhle zwischen ihnen gelegt, doch irgendwann im letzten Jahr hatte er damit aufgehört. Seitdem beschäftigte er sich nach dem Aufstehen lieber mit seinen Lego-Bausteinen oder einer alten Modelleisenbahn, mit der einst sein Vater und davor sein Großvater gespielt hatten.
   An diesem Morgen hörte sie jedoch weder das Klappern der Plastikbausteine noch das mechanische Tut Tut Tut der Lokomotive. Ben schien zu schlafen.
   Maria lächelte, fuhr mit der Hand behutsam über das Holz und stieg die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Sie durchquerte die große Eingangshalle mit ihrem schachbrettartig gekachelten Boden. Von der Eingangshalle aus gelangte sie in die Küche.
   Sie hatte gehofft, dass Thorsten die Zeit gefunden hatte, ihr vor seinem nächtlichen Aufbruch wenigstens eine kurze Nachricht zu hinterlassen, doch auf dem Tisch lag kein Zettel und auch an der Kühlschranktür mit den bunten Magneten konnte sie nichts finden. Gelegentlich würde sie mit Thorsten darüber sprechen müssen, dass er kürzertreten sollte. Vielleicht konnten sie dann endlich wieder einmal gemeinsam in Urlaub fahren. Zum letzten Mal waren sie vor zwei Jahren in Italien gewesen.
   Während sie den Kaffee aufsetzte und mehrere Aufbackbrötchen in den Ofen schob, dachte sie an Florenz, an Venedig, an Rom und an all die anderen Städte, die sie so gern sehen würde, vor allem jetzt, da die Tage kurz und die Nächte lang waren, da ihr eisige Windböen ins Gesicht wehten, wenn sie im Stadtzentrum von Neckarsheim ihre Einkäufe erledigte und sie es nicht abwarten konnte, sich abends in eine Wolldecke vor dem prasselnden Kaminfeuer einzuwickeln und ein gutes Buch zu lesen. In Italien wäre es jetzt zumindest ein wenig wärmer. In Italien würde die Sonne tagsüber ein wenig länger am Himmel stehen. Aber die Erinnerungen an die Wärme und den Urlaub verblassten, als sie an Thorsten und seine Arbeit dachte, an den Besuch ihrer Schwiegereltern und an die bevorstehenden Feiertage.
   Maria verteilte Teller und Tassen auf dem Tisch und zündete zwei Kerzen am Adventskranz an. Doch kaum hatte sie die Dochte angezündet, blies ein Luftzug sie wieder aus. Maria konnte sich nicht erklären, woher der Luftzug gekommen war. Sie nahm ein weiteres Mal die Streichhölzer zur Hand. Diesmal verloschen die Kerzen nicht. Und dann, wenige Minuten später, hörte sie Geräusche von der Haustür. Ein Schlüssel, der ins Schloss gesteckt wurde und ein leichtes Scheppern von Holz auf Metall, als die Tür wieder zufiel. Einen Augenblick später stand Maria ihrem Mann gegenüber.
   Thorsten war sehr groß, größer als sie und das wollte immerhin etwas heißen. Tatsächlich hatte er sie schon um einen ganzen Kopf überragt, als sie sich in der Oberstufe des Gymnasiums kennengelernt hatten, nachdem Maria mit ihren Eltern nach Heidelberg gezogen war. Damals war Thorsten noch ein unbeschwerter Junge gewesen, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte und stets auf sein Äußeres bedacht war. Im Laufe der Jahre war die Unbeschwertheit von ihm abgefallen und die lockeren Sprüche waren ernsten Worten gewichen. Aus dem Jungen von damals war ein Mann geworden. Lediglich Thorstens gepflegtes Erscheinungsbild, von dem sich andere Männer mehr als nur eine Scheibe abschneiden konnten, war geblieben.
   Als Thorsten ihr gegenüberstand, wirkte er ungewöhnlich alt und zerknittert. Die ersten grauen Haare an seinen Schläfen fielen ihr ins Auge.
   »Bist du schon lange wach?«, fragte er, als er seinen teuren, schwarzen Mantel auszog und ihn nachlässig über die Lehne des Stuhles am Kopfende des Tisches legte. Die Kerzen flackerten erneut.
   »Ich konnte nicht schlafen«, antwortete sie. Von ihrem Traum und dem Reitermonster sagte sie nichts. Thorsten wusste, dass das Verhältnis zwischen Maria und ihrem Vater katastrophal war, aber sie hatte ihn nie in alle Einzelheiten eingeweiht, die dazu geführt hatten. Sie glaubte, dass sie eher vor Scham im Boden versinken würde, als Thorsten reinen Wein über ihre schreckliche Kindheit und Jugend einzuschenken. »Und du?«
   Er antwortete nicht sofort. Stattdessen ging er zur Kaffeemaschine und goss sich eine Tasse brühwarmen Kaffee ein. »Ich habe einen Anruf von Achim Bräuer bekommen. In der Nähe der Heiliggeistkirche gab es eine Kneipenschlägerei mit versuchtem Totschlag.«
   Maria wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass er ihr nicht in die Augen blickte. »Ich habe nicht gehört, dass du gegangen bist.«
   »Ich wollte dich nicht wecken. Ich habe versucht, leise zu sein.«
   Sie kam sich vor, als ob sie beide ein Schauspiel aufführten. Die Besonderheit bestand darin, dass niemand da war, der ihnen dabei zusah. Vor allem in den letzten Monaten hatte Maria das Gefühl beschlichen, dass sich so etwas wie eine unsichtbare Barriere zwischen ihnen befand. Und diese schien größer zu werden, je mehr Zeit verstrich.
   »Bei versuchtem Totschlag …«, sagte sie, doch Thorsten, der sich auf seinen Stuhl gesetzt hatte und gerade die Kaffeetasse an seine Lippen setzen wollte, fiel ihr ins Wort.
   »Ja, bei versuchtem Totschlag fahre ich normalerweise nicht an den Tatort. Aber Bräuer hat mir keine Ruhe gelassen.« Er klang erschöpft, aber auch verärgert.
   Maria setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Sie hielt ihre Arme vor der Brust verschränkt. Das Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete, war beinahe unerträglich. Es war das Schweigen zweier Menschen, die sich nicht mehr viel zu sagen hatten.
   Wie war es dazu gekommen? Warum lebten sie sich immer mehr auseinander, je älter Ben wurde? Wenn Thorstens Eltern in einer Woche kamen, würden sie wieder gute Miene zum bösen Spiel machen müssen. Aber wie lange würde das gut gehen? Wann würde die Barriere zwischen ihnen so groß sein, dass kein Schauspiel sie mehr überbrücken konnte?
   »Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er«, hörte sie die Stimme des Reitermonsters in ihrem Kopf. »… schreit er, schreit er, schreit er!«
   Abrupt stand Maria auf. »Ich wecke Ben«, sagte sie. Auf ihren Armen hatte sich eine Gänsehaut ausgebreitet.
   »Maria, ich muss mit dir sprechen …«
   »Wir können später sprechen«, erwiderte sie. Sie fürchtete, dass ihr die Stimme versagen würde, doch zumindest das blieb ihr erspart. »Schau bitte nach den Brötchen. Sie müssten gleich so weit sein.«
   Thorsten nickte, als sie die Küche verließ.
   Draußen in der Eingangshalle wischte sich Maria die Tränen von den Wangen, während sie langsam die Treppe nach oben stieg.
   Wenn wir nach Italien fahren, wird alles wieder gut, dachte sie. Vielleicht könnte dieser Satz ein neues Mantra für sie werden. Die Frage war nur, wie viele Mantras sie eines Tages bräuchte, um weiterleben zu können.
   Aus Bens Kinderzimmer drangen noch immer keine Geräusche. Normalerweise war er um diese Zeit längst aufgewacht. Während sie sich noch über die ungewohnte Stille wunderte, drückte sie die Klinke nach unten. Die Tür öffnete sich mit einem lang gezogenen, quietschenden Ton.
   »Ben, Zeit zum Aufstehen«, sagte sie, durchschritt das im Dunkeln liegende Zimmer und hoffte, auf keines seiner Spielzeuge zu treten, zu stürzen und sich dabei das Genick zu brechen. Sie zog die Vorhänge zurück und das erste Tageslicht erhellte den Raum.
   Ben lag nicht in seinem Bett.
   Auf dem Schreibtisch ruhten mehrere Wachsmalstifte und Papier, auf dem Teppichboden stand ein aus Lego-Bausteinen gebasteltes, riesiges Raumschiff. Die Modelleisenbahn befand sich neben dem Kleiderschrank. Von ihrem Sohn allerdings war nichts zu sehen.
   »Ben, komm raus«, sagte sie und versuchte, eine ernste Stimme aufzusetzen. »Ich habe heute Morgen keine Lust auf ein Versteckspiel.«
   Sie erhielt keine Antwort.
   Maria ging in die Knie und blickte unter das Bett. Beinahe erwartete sie, dass Ben ihr mit einem lauten Schrei entgegenspringen würde, doch nichts dergleichen geschah. Sie rappelte sich wieder auf, ging zum Schrank und zog die Türen auf. Auch hier hatte sich ihr Sohn nicht versteckt.
   »Benjamin, es reicht jetzt!« Maria trat in den Flur hinaus.
   »Was ist los?«, rief Thorsten aus der Küche.
   Maria lief die Treppe hinunter. Sie trafen sich auf halbem Wege in der Eingangshalle.
   »Dein Sohn hat sich versteckt. Hilf mir, ihn zu suchen. Ich möchte endlich frühstücken.«

Später dachte Maria, dass dieser zweite Advent der schlimmste Tag ihres Lebens war. Schlimmer sogar als all die lange vergangenen Tage, an denen das Reitermonster seinen Spaß mit ihr hatte.
   Sie durchsuchten das Haus. Die Eingangshalle, das Schlafzimmer, das Gästezimmer, das große Wohnzimmer mit dem Steinway-Flügel, die zwei Bäder und die Küche. Maria ging sogar noch einmal in Bens Kinderzimmer und suchte dort gründlicher als zuvor.
   »Das ist nicht mehr lustig, Ben«, rief sie und hoffte, dass er sie hörte.
   Während sie sich noch den Schweiß von der Stirn wischte, war Thorsten in den Keller gegangen. Von dort hörte sie ihn ihren Namen rufen. Sie konnte sich nicht erinnern, ihren Mann je zuvor so aufgebracht gehört zu haben. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sich Ben nicht vor ihnen versteckte. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
   Maria rannte nach unten. Thorsten stand an der Kellertür, die zum weitläufigen und verwilderten Garten führte. Die massive Holztür war aufgebrochen worden. An der Klinke hing ein Fetzen von Bens Harry-Potter-Schlafanzug. Maria sah das Stoffstück. Es verging keine Sekunde, bis sie zu schreien begann.
   Als die ersten Streifenwagen des Kriminaldauerdienstes zwanzig Minuten später mit Sirenengeheul und quietschenden Reifen vor dem Haus hielten, hatte ein eisiger Luftzug die Kerzen am Adventskranz ausgelöscht.
   Zum ersten Mal in diesem Jahr fiel Schnee.

2. Kapitel

Nach fünf Wochen in seinem alten Beruf fühlte sich Jonathan beinahe wie ein neuer Mensch.
   Es war ein grauer und verregneter Montagmorgen Ende Oktober gewesen, an dem sich sein Vorgesetzter, Kommissariatsleiter Harald Pfisterer, mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen die zehnseitige Stellungsnahme durchgelesen hatte, die Annelies von Bahr aufgesetzt hatte. Als Pfisterer zu Ende gelesen hatte, legte er die Papiere auf seinem großen, überfüllten Schreibtisch ab und musterte Jonathan, der auf der anderen Seite des Tisches auf einem der Besucherstühle saß. Jonathan wurde das Gefühl nicht los, dass jeder ihn in den letzten Tagen und Wochen auf eine Art und Weise anblickte, als ob er der einzige Überlebende einer schrecklichen Katastrophe wäre.
   Markus Stahl vom polizeipsychologischen Dienst hatte Jonathans Wiedereinstellung bereits zugestimmt. Harald Pfisterer jedoch war die Person, die in dieser Angelegenheit das letzte Wort hatte. Jonathan konnte nicht einschätzen, wie sich der Mann entscheiden würde. Sie kannten sich seit vielen Jahren, hatten viele Fälle gemeinsam bearbeitet – kurzum: Sie waren gute Kollegen – und trotzdem konnte Pfisterer manchmal unberechenbar sein.
   Pfisterer ging mit großen Schritten auf seinen Ruhestand zu. Er war hager, hatte eingefallene Wangen und blasse, wässrige Augen. Meistens trug er karierte Hemden und so verhielt es sich auch an diesem Montagmorgen, an dem sich Jonathans Zukunft entscheiden sollte.
   »Jonathan, du hast verdammte Scheiße gebaut«, eröffnete Pfisterer das Gespräch und verschränkte seine Hände hinter dem Kopf. Vielleicht wollte er betont lässig wirken, um der Situation ihre Spannung zu nehmen.
   »Ich habe verdammte Scheiße gebaut«, gestand er ein.
   Pfisterer nickte. Dass Jonathan keine Ausflüchte machte, schien ihm eine gewisse Genugtuung zu verschaffen.
   »Ich würde dieser Psychotante gern glauben, weißt du«, fuhr Pfisterer fort. »Aber wenn ich dich ins Team aufnehme und du wieder Scheiße baust … ich muss für die Kommissionen geradestehen. Nicht sie. Ich muss mich den Fragen dieser verdammten Presseidioten stellen. Nicht sie. Und ich möchte keine weiteren Fragen mehr darüber beantworten müssen, warum ich einen Kriminalhauptkommissar in meinem Team habe, der bereits vor dem Frühstück eine Flasche Tennesseewhiskey getrunken hat und sich in seiner Freizeit damit beschäftigt, zu den Akten gelegte Fälle neu aufzurollen.«
   Selbst in seinen schlimmsten Phasen hatte Jonathan keine Flasche Whiskey vor dem Frühstück getrunken. Aber das sagte er nicht. Er wusste, dass es besser für ihn war, zu jeder Behauptung, die Pfisterer aufstellte, Ja und Amen zu sagen, wenn er tatsächlich wieder arbeiten wollte. Und das wollte er mehr als alles andere.
   »Du weißt, wie es läuft, Jonathan. Du warst lange genug dabei. Jeder von uns muss sich auf den anderen verlassen können. Darum frage ich dich hier und heute ein einziges Mal: Kann ich mich auf dich verlassen?«
   »Du kannst dich auf mich verlassen«, antwortete Jonathan.
   Pfisterer nickte. »Ich nehme dich beim Wort. Enttäusch mich nicht.«

In den Wochen, die zwischen seiner Wiedereinstellung und dem zweiten Adventssonntag lagen, hatte Jonathan Stück für Stück in seinen alten Beruf zurückgefunden. Zunächst war es ungewohnt, morgens pünktlich aufzustehen, zu geregelten Zeiten zu essen, zu schlafen und zu arbeiten. Aber die Fälle, die er in diesen Wochen bearbeitete, kamen ihm entgegen. Der erste Fall war ein Eifersuchtsstreit, bei dem eine Frau ihren Mann von hinten mit einem Küchenmesser erstochen hatte. Danach war eine alte Frau nach mehreren Wochen in einem Zustand fortgeschrittener Verwesung in ihrer Wohnung in der Altstadt aufgefunden worden, wobei zu Beginn der Ermittlungen nicht eindeutig feststand, ob sie eines natürlichen Todes gestorben war, was sich später jedoch bestätigen sollte. Und dann gab es noch die unzähligen kleineren Übergriffe und Delikte, mit denen sich Jonathan nicht intensiver beschäftigen musste und die er wieder vergaß, sobald er seine Berichte geschrieben hatte. Die Gemeinsamkeit dieser Fälle bestand darin, dass sie aus ermittlungstechnischer Sicht einfach und überschaubar waren und sich damit keine einzige Situation einstellte, in der er sich nach seiner zwölfmonatigen Pause überfordert gefühlt hätte.
   In der Nacht auf den zweiten Advent konnte Jonathan kaum schlafen und er wälzte sich im Bett von einer Seite auf die andere. Als sein Rücken zu schmerzen begann, stand er auf, ging ins Bad und duschte. Es war noch nicht einmal sieben Uhr, aber er fühlte sich bereits hellwach.
   Er genoss das heiße Wasser auf seiner Haut und drehte die Wassertemperatur noch etwas höher. Als er später, sehr viel später, aus der Duschkabine trat, war der Badezimmerspiegel beschlagen. Jonathan nahm ein Handtuch, wischte den Spiegel sauber und betrachtete das Gesicht, das ihn mit großen Augen anblickte. In zwei Monaten würde er fünfzig werden.
   Als er jünger gewesen war, hatte er sich vor diesem Alter gefürchtet, bedeutete es doch, dass damit bereits mehr als die Hälfte seines Lebens hinter ihm lag. Nun jedoch freute er sich darauf. Mit seinem fünfzigsten Geburtstag würde ein neues Lebensjahrzehnt beginnen. Ein neues Lebensjahrzehnt würde vielleicht einen neuen Lebensabschnitt einläuten. Und einen neuen Lebensabschnitt konnte er nach allem, was ihm die letzten Jahre gebracht hatten, dringend gebrauchen.
   Seine Dreizimmerwohnung im Heidelberger Stadtteil Kirchheim war nicht gerade groß, aber für ihn reichte sie vollkommen aus. Er war nach seiner Trennung von Sophie in die Wohnung eingezogen. Ihr trauerte er nach, mit seinem neuen Zuhause hingegen hatte er sich arrangieren können.
   Als er Kaffee aufsetzte, dachte er, dass die vergangenen sechs Tage vergleichsweise ruhig gewesen waren. Er war froh darüber. Wenn er Bereitschaft hatte, bedeutete das, dass er während dieser Zeit bei jedem Tötungsdelikt, bei jedem versuchten Tötungsdelikt und allen anderen Straftaten, bei denen Leben und Freiheit von Menschen in Gefahr waren, auf Abruf für den Kriminaldauerdienst zur Verfügung stehen musste, um unverzüglich am Ort des Geschehens einzutreffen und mögliche Ermittlungen einzuleiten – sofern die Staatsanwaltschaft Ermittlungen für erforderlich hielt. Da Harald Pfisterer ihm in seiner Wiedereingliederungsphase nicht zu viel zumuten wollte, teilte sich Jonathan in diesen Tagen die Bereitschaft mit seinem Kollegen Achim Bräuer. So war es auch Bräuer gewesen, der sich vor einigen Stunden auf den Weg in die Heidelberger Altstadt begeben hatte, wo es offensichtlich zu einer Kneipenschlägerei gekommen war.
   Als der Kaffee fertig war, nahm Jonathan seine Tasse mit ins Wohnzimmer. Auf dem Glastisch lag noch immer das Fotoalbum, in dem er am vergangenen Abend geblättert hatte, wie so oft in den letzten Monaten.
   Jonathan ließ sich auf einen der Sessel fallen, die kreuz und quer um den Glastisch herum verteilt standen, und nahm ein weiteres Mal das Fotoalbum zur Hand. Die Bilder stammten von seiner Hochzeitsreise mit Sophie nach Griechenland. Seither war so viel Zeit verstrichen, dass er sich manchmal fragte, ob die Reise vielleicht in einem anderen Leben stattgefunden hatte.
   Auf der ersten Seite des Albums befand sich ein Bild, das Sophie und ihn vor der Akropolis in Athen zeigte. Jonathan hatte es mittlerweile so oft in den Händen gehalten, dass es an den Rändern bereits abgegriffen war. Auf die Rückseite hatte Sophie mit ihrer schwungvollen Handschrift Joe & Sophie in love geschrieben.
   Und bei Gott, verliebt waren sie gewesen. Jonathan musste unwillkürlich lächeln, als er das Bild ein weiteres Mal betrachtete. Sophie und er umarmten sich. Sie trug ein weißes Kleid, das im Wind flatterte, und einen breitkrempigen Strohhut. Während der unbekannte Fotograf – vermutlich irgendein bierbäuchiger Tourist mit einem kakifarbenen Hawaiihemd, an den sich Jonathan beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte – den Auslöser drückte und den Augenblick, der so vergänglich war, damit für die Ewigkeit festhielt, hatten seine Frau und er nur Augen füreinander gehabt. Die unzähligen Menschen, die um sie herumwuselten und das jahrtausendealte Monument bewunderten, hatten sie nicht einmal wahrgenommen.
   Nun waren beinahe fünfzehn Jahre vergangen. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. In Momenten wie diesem bedauerte er die Tatsache, dass niemand von ihnen die Zeit zurückdrehen konnte, dass sich das Rad des Lebens unaufhörlich weiterdrehte und dass sie nichts tun konnten, um das, was einmal gewesen war, wieder heraufzubeschwören.
   Behutsam legte er das Bild ins Album zurück und klappte es zu. Er griff nach seiner Kaffeetasse und dachte darüber nach, was er an diesem Sonntag tun würde. Vielleicht könnte er die Untere Straße entlangschlendern, bevor diese in den kommenden Wochen von all den unzähligen Menschen, die in letzter Sekunde ihre Weihnachtseinkäufe erledigten, bevölkert wurde. Vielleicht könnte er von der Unteren Straße weiterlaufen und an der Alten Brücke den Neckar überqueren. Und vielleicht würde er endlich die Kraft für einen Spaziergang aufbringen, wenn …
   In diesem Moment klingelte sein Bereitschaftshandy in der Küche. Es war ein lautes und unangenehmes Piep Piep Piep, das die Stille der Wohnung durchbrach und in seinen Ohren eisig widerhallte. Während er schwerfällig aufstand, um das Telefon zu holen, sah er seine Pläne vor seinem inneren Auge bereits zu Staub zerfallen.
   Vermutlich hätte er ohnehin nichts davon wirklich gemacht.
   »Weitzäcker.«
   Am anderen Ende der Leitung herrschte ein Stimmendurcheinander. Jonathan hörte die Sirenen mehrerer Einsatzfahrzeuge, das Bellen von Hunden und das laute Rufen eines aufgebrachten Mannes.
   Der Beamte des Kriminaldauerdienstes, der Jonathan angerufen und sichtlich Probleme hatte, den Lärm um ihn herum zu übertönen, stellte sich als Adam Pitkowksi vor. Jonathan kam der Name vage bekannt vor, aber er konnte sich an kein Gesicht erinnern, das dazu passte. Zwölf Monate waren tatsächlich eine lange Zeit gewesen.
   In knappen Sätzen berichtete Adam Pitkowksi, was vorgefallen war. »Ein vermisstes Kind. In Neckarsheim. Ich …«
   Der Mann hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Jonathan ihm ins Wort fiel. »Ein vermisstes Kind?« Zuerst glaubte er, sich verhört zu haben. Aber dann wurde ihm klar, dass das nicht der Fall war. Und plötzlich war sein Kopf wie leer gefegt. Jonathan stützte sich mit der freien Hand an der Wand ab und versuchte, ruhig ein- und auszuatmen. Annelies von Bahr hatte ihm mehrere Übungen gezeigt, wie er in Situationen, die mit Aufregung oder Unwohlsein verbunden waren, atmen und handeln sollte, doch nun konnte er sich an keine einzige erinnern. Fast bezweifelte er, dass er sie überhaupt je gelernt hatte. Stattdessen sah er die Gesichter von Lucas Fähnrich und seinen Eltern so deutlich vor sich, als ob sie direkt vor ihm stehen würden.
   »Ein vermisstes Kind«, wiederholte Pitkowksi, langsamer als zuvor. Er klang unschlüssig, was er sagen sollte – oder ob er überhaupt weitersprechen sollte. Aber dann fasste er sich ein Herz. »Es handelt sich um einen sechsjährigen Jungen. Offensichtlich wurde er entführt. Als die Mutter ihn heute Morgen wecken wollte, lag der Junge nicht in seinem Bett. Ihr Mann berichtete, dass die Kellertür aufgebrochen wurde. Wir sind gerade dabei, das zu überprüfen.«
   Nein, nein, nein, schoss es Jonathan durch den Kopf. Es konnte nicht wahr sein! Es durfte nicht wahr sein!
   »Eine aufgebrochene Kellertür?« Pitkowski musste glauben, dass er etwas an den Ohren hatte.
   »Eine aufgebrochene Kellertür«, bestätigte der Mann.
   »Sie haben Ihre Arbeit immer gut gemacht«, erinnerte er sich an Annelies von Bahrs Worte.
   »Enttäusch mich nicht«, hatte Pfisterer gesagt.
   Jonathan setzte sich auf den kalten Küchenboden, bevor er es fertigbrachte, dem Mann am anderen Ende der Leitung zu antworten. Er fürchtete sich davor, dass seine Stimme zittern würde. Doch als er das Wort ergriff, klang er professionell und selbstsicher. »Sperren Sie das Gelände um das Haus der Familie weiträumig ab. Fordern Sie einen Zug der Einsatzhundertschaft und eine Staffel Hundeführer an, die mit der Suchaktion beginnen sollen. Ist die Spurensicherung schon eingetroffen?«
   »Ja«, antwortete Pitkowksi. Er schien erleichtert darüber zu sein, klare Anweisungen zu erhalten.
   »Gut. Ich informiere den Jour-Staatsanwalt.« Er wollte das Gespräch schon beenden, als Pitkowski noch etwas sagte.
   »Das wird nicht möglich sein.« Plötzlich klang der Mann verängstigt.
   »Thorsten Schneider …«, setzte Jonathan an.
   »Thorsten Schneider ist der Vater des vermissten Jungen«, erwiderte Pitkowksi.
   Jonathan schloss kurz die Augen.
   Pitkowski gab ihm die Adresse der Familie Schneider durch. Jonathan stand auf, notierte sie und dankte seinem Kollegen für die Informationen. Dann legte er auf. Er wusste, was von ihm erwartet wurde. Doch er würde niemandem eine Hilfe sein, am allerwenigsten sich selbst, wenn er sich nicht die Zeit nahm, um sich zu sammeln.
   Er ging zurück ins Wohnzimmer, setzte sich auf den Sessel und schob das Fotoalbum von sich. Noch einmal ließ er sich alles durch den Kopf gehen, was Adam Pitkowksi gesagt hatte. Ein Junge im Alter von sechs Jahren war verschwunden. Offensichtlich hatte sich ein Unbekannter durch eine Kellertür Zugang zum Haus der Familie verschafft. Die Eltern hatten geschlafen und nichts mitbekommen. Scheiße! Er hatte gehofft, nie wieder mit einem solchen Fall konfrontiert zu werden. Er hatte erwartet, nie wieder mit einem solchen Fall konfrontiert zu werden. Doch alles war anders gekommen und das schneller, als es ihm lieb sein konnte. Er redete sich ein, dass es ihm in den letzten Wochen gelungen war, eine Distanz zu den Fällen zu halten, die er bearbeitet hatte. Und es war ihm verdammt noch einmal gut gelungen! Doch ob ihm das auch bei dem Fall eines vermissten Kindes gelingen würde, konnte er nicht mit Gewissheit sagen.
   Bevor er aufbrach, gab es noch einen Anruf, den er tätigen musste. Normalerweise wäre er dazu nicht verpflichtet gewesen. Und doch konnte er nicht anders. Jonathan wählte Harald Pfisterers Privatnummer. Um diese Zeit würde der Kommissariatsleiter mit Sicherheit noch schlafen.
   »Ja?«, meldete sich Pfisterer barsch.
   »Ich bin es. Jonathan.«
   »Verdammte Scheiße, hast du eine Ahnung, wie viel Uhr wir haben?«, blaffte sein Vorgesetzter ihn an.
   Jonathan ließ sich davon nicht beirren. Er blieb ruhig. »Thorsten Schneiders Sohn ist verschwunden. Offenbar wurde er entführt.«
   Am anderen Ende der Leitung war es daraufhin lange still. Pfisterers Frau schien aufgewacht zu sein, doch ihr Mann schnitt ihre Frage ab.
   »Ich mache mich jetzt auf den Weg«, fuhr Jonathan fort. »Und es wäre gut, wenn du auch kommst.«

3. Kapitel

Jonathan befestigte das mobile Blaulicht an der Frontscheibe seines Mitsubishi und machte sich auf den Weg. Es hatte zu schneien begonnen und der Schneefall wurde heftiger, je länger seine Fahrt andauerte. Die Scheibenwischer kämpften gegen die schmelzenden Flocken auf der Windschutzscheibe, als er am Bismarckplatz vorbeibretterte. Normalerweise herrschte hier ein reges Kommen und Gehen, aber an diesem Morgen sah er keine Menschenseele. Als er schließlich die andere Seite des Neckars erreichte, bog er nach rechts ab und fuhr die schmale Straße entlang, die parallel zum Fluss verlief und Richtung Mosbach führte.
   Dreißig Minuten, nachdem er das Telefonat mit dem Beamten des Kriminaldauerdienstes beendet hatte, passierte er das Ortsschild von Neckarsheim. Er war schon einige Male hier gewesen, aber nicht oft genug, als dass er sich an irgendetwas Bestimmtes hätte erinnern können. Neckarsheim war eine kleine Ortschaft mit nicht mehr als schätzungsweise viertausend Einwohnern, die sich an die Hänge des Odenwaldes schmiegte, auf dessen Bäumen bereits eine feine Schneeschicht lag. Es war eine ruhige, beschauliche Gegend. Vielleicht wäre Jonathan auch irgendwann einmal mit Sophie hierher gezogen, wenn sie Geld oder Kinder gehabt hätten.
   Er hielt an einer Bushaltestelle und gab die Adresse der Schneiders in sein Navigationsgerät ein. Seine Hände zitterten vor Aufregung und er vertippte sich mehrmals. Als er es schließlich geschafft und das Navigationsgerät die Koordinaten seines Zieles gefunden hatte, fuhr er weiter.
   Neckarsheim schlief wie der Rest der Welt an diesem frühen Morgen, an dem niemand, der genug Verstand besaß, freiwillig vor die Tür gegangen wäre. Jonathan passierte vornehme Häuser mit heruntergezogenen Rollläden, einen Supermarkt und eine Filiale der Sparkasse. Er fuhr langsamer, um keine Seitenstraße zu verpassen, in die er möglicherweise abbiegen musste. Aber er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Schließlich konnte er sogar ganz auf das Navigationsgerät verzichten.
   Das Heulen der Sirenen vor dem Haus der Schneiders musste nicht nur die Nachbarn, sondern die gesamte nähere Umgebung wachgerüttelt haben. Blauweiße Einsatzfahrzeuge standen kreuz und quer über die Reichskanzler-Müller-Straße verteilt, in der sich das Haus der Familie Schneider befand und die nun an beiden Enden mit weißem Absperrband für den Verkehr abgeriegelt worden war. Uniformierte Beamte liefen hektisch durch die Gegend und versuchten, alle erforderlichen Schritte der Tatortsicherung in die Wege zu leiten. Er sah die großen, silberfarbenen Lieferwagen des Erkennungsdienstes und mehrere Männer und Frauen, die sich mit Metallkoffern und Plastikplanen auf den Weg zum Haus der Schneiders machten.
   Er hielt vor dem Absperrband und zeigte seinen Dienstausweis vor. Noch immer konnte er es kaum glauben, endlich wieder im Besitz seines Ausweises zu sein. Der Beamte ließ ihn passieren.
   Jonathan beschlich das Gefühl, dass der Mann ihn auch ohne den Ausweis erkannt hätte. Er wusste nicht, ob das etwas war, worüber er sich freuen sollte. Vermutlich war mehr als nur ein Gerücht über ihn und seinen Gesundheitszustand im Präsidium im Umlauf gewesen.
   Er parkte neben einem der vielen Streifenwagen am Gehweg. Als er ausstieg, blies ihm ein beißender Wind ins Gesicht. Er zog seinen Mantel fester um den Hals und fluchte innerlich darüber, in seiner Aufregung nicht daran gedacht zu haben, Schal und Mütze anzuziehen. Doch ihm blieb nicht viel Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Ein uniformierter Beamter trat auf ihn zu. Jonathan erkannte Adam Pitkowski wieder, als sie sich gegenüberstanden und sich die Hand gaben.
   Pitkowski bedeutete ihm, ihm zu folgen. »Der Notruf erreichte die Dienststelle in Neckarsheim um 8:44 Uhr«, setzte er den Bericht fort, den er am Telefon nur in knappen Worten vorgetragen hatte. Er war ein kleiner, stämmiger Mann – und ein guter, gewissenhafter Polizist, wenn Jonathans Gedächtnis ihn nicht täuschte. »Die Kollegen haben sich umgehend mit uns in Verbindung gesetzt. Der Notruf wurde von Thorsten Schneider selbst abgegeben.«
   Vor dem Haus der Familie Schneider tummelten sich noch mehr Beamte. Auf den ersten Blick wirkte das Bild, das sich Jonathan bot, nach einem heillosen Durcheinander. Doch da er nach wie vor mit den Abläufen des Kriminaldauerdienstes und der Spurensicherung vertraut war, erkannte er die Effizienz und die Präzision, die in allem steckte, was sie taten.
   Das Haus war ein prächtiger Altbau aus Backsteinen mit einem roten Ziegeldach, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstanden sein musste. Eine breite Treppe führte zur Eingangstür des Anwesens empor. Die Tür stand weit offen. Jonathan blieb für einen Augenblick auf dem breiten Kiesweg vor dem Haus stehen und betrachtete die Umgebung. Das Haus befand sich beinahe am Ende der Reichskanzler-Müller-Straße. Bei den anderen Häusern in der Straße handelte es sich, ebenso wie beim Haus der Familie Schneider, um große, frei stehende Häuser mit hohen Zäunen und weitläufigen Vorgärten. Die einzige Ausnahme bot der Gebäudekomplex an der Straßenkreuzung. Neben den Reihen von schmucken Vorstadthäusern wirkte er deplatziert und klobig.
   »Was ist das da vorn für ein Gebäude?«, fragte er Pitkowski, der bereits am Fuß der Treppe angekommen war und auf ihn wartete.
   »Ein Seniorenstift.«
   Jonathan nickte. Er ließ seinen Blick weiterschweifen. Nicht weit von den Häusern entfernt begannen die ersten Ausläufer des Odenwaldes. Sollte sich der erste Verdacht bestätigen und die Kellertür tatsächlich aufgebrochen worden sein, dann mussten sie von einer Entführung ausgehen und würden auf der Suche nach Thorsten Schneiders Jungen die gesamten Wälder durchkämmen müssen.
   »Ist der Zug der Einsatzhundertschaft schon eingetroffen? Was ist mit den Hundeführern?«
   »Sie koordinieren sich.«
   »Sie sollen sich beeilen«, erwiderte Jonathan eine Spur schärfer, als er es beabsichtigt hatte. Bei einem anderen hätte Jonathan darauf hoffen können, dass er den Unterton nicht bemerkte, aber Pitkowski schien nicht viel zu entgehen. Grimmig verzog dieser das Gesicht. »Und die Anwohner müssen befragt werden«, fuhr Jonathan fort. »Wenn nicht genug Beamte dafür da sind, fordern Sie weitere Streifen an.«
   »Darum werde ich mich kümmern«, sagte eine Stimme, die aus Richtung der Straße kam.
   Als sich Jonathan umdrehte, erkannte er seinen Kollegen Achim Bräuer.
   Bräuer war ebenfalls Kriminalhauptkommissar, allerdings erst seit zwei Jahren. Der Mann war Anfang dreißig, groß und strikter Vegetarier, was ihm, vor allem bei seinen männlichen Kollegen im Präsidium, den einen oder anderen Spitznamen eingebracht hatte.
   Bräuer trat auf Jonathan zu und musterte ihn eingehend. »Als ich gehört habe, was los ist, bin ich so schnell wie möglich hierher gefahren.«
   »Die Kneipenschlägerei …«
   »Hat sich erledigt. Ein paar Jugendliche, die über die Stränge geschlagen haben, und ein Student, der dem Besitzer zur Hand gehen wollte. Den Bericht schreibe ich später.« Bräuer wirkte bedrückt. »Schneider war auch da. Hätte ich gewusst, dass sein Sohn ein paar Stunden später …« Als er ausatmete, bildete sein Atem eine Wolke in der kalten Luft. Er rieb sich die Hände, dann blickte er Jonathan direkt an. »Glaubst du, dass es gut für dich ist, hier zu sein?«
   »Das ist mein Beruf«, antwortete Jonathan und straffte die Schultern. »Und es ist ein Fall, der in meine Bereitschaftszeit fällt.«
   »Die Kneipenschlägerei ist auch in deine Bereitschaftszeit gefallen, Jonathan. Darum geht es nicht. Und das weißt du auch. Lass uns einfach schauen, wie sich diese Sache entwickelt, einverstanden?«, schlug Bräuer vor, bevor sich ihre Wege trennten.
   Jonathan gab ihm mit keinem Zeichen zu verstehen, dass er ihn gehört hatte. Stattdessen folgte er Pitkowski die Eingangsstufen zum Haus nach oben. Als sie über die Türschwelle traten, kamen ihnen mehrere Männer und Frauen in Schutzanzügen entgegen. Damit die Spurensicherung ihrer Arbeit ungestört nachgehen konnte und weil er momentan ohnehin keinen Bedarf darin sah, selbstständig das Haus zu erkunden, blieben Pitkowski und er in der großen Eingangshalle. Das Ehepaar Schneider saß auf einer bordeauxfarbenen Chaiselounge unter einem riesigen Glasspiegel.
   Jonathan kannte Jour-Staatsanwalt Thorsten Schneider. Er hatte bereits bei mehreren Gelegenheiten mit ihm zusammengearbeitet und ihn als unaufgeregten und rationalen Mann kennengelernt, obwohl er sich eingestehen musste, dass ihre letzte Begegnung alles andere als friedlich verlaufen war.
   Die Zeit, die Jonathan damit verbracht hatte, wieder halbwegs auf die Beine zu kommen, war an Thorsten Schneider scheinbar nicht spurlos vorübergegangen. Schneider wirkte stark gealtert. Sein Haar war an den Schläfen ergraut und er hatte einiges an Gewicht verloren – nichts, was sich durch das plötzliche Verschwinden seines Sohnes erklären lassen könnte. Es schien, als ob der Jour-Staatsanwalt schon seit längerer Zeit von Problemen um den Schlaf gebracht wurde.
   Maria Schneider, die normalerweise eine anmutige, aber jungenhafte Person sein musste, lehnte an der Schulter ihres Mannes und weinte. Thorsten Schneider hatte sie in den Arm genommen und versuchte, beschwichtigend auf sie einzureden. Jonathan kam nicht umhin, festzustellen, dass seine Versuche unbeholfen, vielleicht sogar etwas halbherzig wirkten. Maria Schneiders Augen waren starr auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Seite der Halle fixiert. Nichts von dem, was um sie herum geschah, schenkte sie auch nur einen Hauch von Beachtung.
   Adam Pitkowski zog sich zurück, damit Jonathan die erste Befragung allein durchführen konnte. Jonathan war dankbar dafür, denn die Verzweiflung, die er in den Gesichtern der Schneiders lesen konnte, hatte er schon einmal gesehen. Er wusste nicht, ob er damit zurechtkommen würde, aber während er Thorsten und Maria Schneider betrachtete, nahm er sich zumindest vor, dass die Vergangenheit niemals wieder die Oberhand über sein Leben gewinnen sollte. »Herr und Frau Schneider?«
   Er erhielt keine Reaktion von Maria Schneider, aber ihr Mann blickte zu ihm auf. Als Thorsten Schneider ihn wiedererkannte, verengten sich seine Augen zu Schlitzen. »Was haben Sie hier verloren?«
   Jonathan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er war beinahe davon ausgegangen, dass ein Aufeinandertreffen zwischen Thorsten Schneider und ihm alles andere als harmonisch verlaufen würde. »Herr Schneider, ich bin der diensthabende Kriminalhauptkommissar. Können Sie mir …«
   »Wenn ein Alkoholiker die Verantwortung über diese Ermittlung übernehmen soll, dann sollte ich mich am besten gleich selbst auf die Suche nach Ben machen.«
   Jonathan überging ein weiteres Mal die offene Feindseligkeit, die ihm entgegenschlug. Wenn er sich darauf einließ, würde sich die Situation nur noch weiter verschärfen und eine Eskalation war das letzte, wonach ihm der Sinn stand. »Herr Schneider, können Sie oder Ihre Frau mir berichten, was vorgefallen ist?«
   Thorsten Schneider sah sich Hilfe suchend um. Vielleicht erwartete er, dass es irgendjemanden gab, der ihn von Jonathans Anwesenheit erlösen konnte. Doch von Jonathan einmal abgesehen war niemand da, der ihm Beachtung schenkte.
   »Das darf doch nicht wahr sein«, fluchte Schneider, doch es klang beinahe schon resigniert.
   »Wann haben Sie festgestellt, dass Ihr Sohn verschwunden ist?«, versuchte es Jonathan erneut.
   Thorsten Schneider blickte seine Frau an und fuhr ihr mit der Hand über die Stirn. Ihr Schluchzen war mittlerweile in ein leises Wimmern übergegangen. Es klang wie das Weinen eines schutzbedürftigen Kindes. Schließlich rang sich der Anwalt zu einer Antwort durch. »Wir wollten frühstücken. Maria ist nach oben gegangen, um Ben zu wecken, aber als sie in sein Zimmer kam, lag er nicht in seinem Bett. Wir dachten zuerst, dass er sich vor uns verstecken würde, dass er mit uns spielen wollte, wie er es manchmal macht … aber dann bin ich in den Keller gegangen. Die Tür …«
   »Die Kellertür ist normalerweise abgeschlossen?«
   »Natürlich ist sie das«, sagte Scheider und schüttelte den Kopf. »Warum um alles in der Welt sollte die Tür nicht abgeschlossen sein?«
   »Sie kennen den Ablauf«, sagte Jonathan ruhig. »Sie kennen die Fragen, die wir stellen müssen.«
   »Aber warum müssen ausgerechnet Sie uns diese Fragen stellen? Wo ist …«
   In diesem Moment trat Harald Pfisterer durch die Tür. Sein Gesicht war von der Kälte gerötet und mehrere Schneeflocken hatten sich in seinem lichten, grauen Haar verfangen. Als er Jonathan sah, nickte er kurz und trat auf sie zu.
   »Pfisterer! Endlich!«, sagte Schneider und klang erleichtert. Er löste sich von seiner Frau, stand auf und schüttelte dem Kommissariatsleiter die Hand.
   »Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um Ihren Jungen zu finden, Thorsten«, versicherte Pfisterer und schenkte ihm ein väterliches Lächeln.
   »Dann sorgen Sie dafür, dass dieser Mann hier verschwindet«, sagte Schneider und deutete auf Jonathan. »Er hat in der Vergangenheit mehr als eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er für einen Fall von Kindesentführung nicht geeignet ist. Übertragen Sie Bräuer den Fall oder übertragen Sie ihn irgendjemand anderem. Aber nicht ihm. Nicht ihm.« Schneider versuchte, professionell zu klingen, aber es wollte ihm nicht gelingen.
   Pfisterer musterte Jonathan. »Sobald wir etwas wissen, geben wir Ihnen Bescheid«, teilte er Schneider mit, ohne auf die Worte einzugehen. Dann bedeutete er Jonathan, ihm zu folgen.
   Sie traten vor die Eingangstür. Mittlerweile schneite es noch stärker und die Schneeflocken wirbelten über den Schauplatz, der von den rotierenden blauen Lichtern der Streifenwagen in eine gespenstische Atmosphäre getaucht wurde. Der Wind trieb die Flocken hierhin und dahin, bis sie schließlich auf den Boden fielen.
   »Verdammt, ist das kalt«, waren Pfisterers erste Worte.
   »Minusgrade«, bestätigte Jonathan. Er wusste nicht, was auf ihn zukommen würde. Aber so, wie er Pfisterer einschätzte, würde er nicht lange auf offene Worte warten müssen.
   »Thorsten Schneiders Sohn! Wenn der Junge tatsächlich entführt wurde …«
   »Und dafür scheint im Moment alles zu sprechen …«
   »… dann ist die Scheiße ordentlich am Dampfen«, ergänzte Pfisterer. Er hatte noch nie viel Wert auf seine Ausdrucksweise gelegt. Manchmal konnte er sich förmlich in Rage reden. Pfisterer warf Jonathan einen vieldeutigen Blick von der Seite zu. »Es war gut, dass du mich angerufen hast, Jonathan.«
   »Das habe ich mir gedacht.«
   »Sollte es zu einem Ermittlungsverfahren kommen, dann kann ich dir die Verantwortung über diese Ermittlung nicht übertragen, das weißt du«, fuhr er fort. »Selbst, wenn du sie haben wolltest.«
   Jonathan wusste nicht, was ihn antrieb. So schwer es ihm fiel, es sich einzugestehen, so hatte Thorsten Schneider mit dem, was er gesagt hatte, in irgendeiner Art und Weise richtig gelegen. Jonathan war für einen solchen Fall nicht geeignet. Er wusste, dass er dafür nicht geeignet war. »Ich würde die Verantwortung über die Ermittlungen haben wollen«, sagte er trotzdem.
   Pfisterer schüttelte den Kopf. »Nein. Nein, nein, nein. Nicht nach dem anderen Fall. Nicht nach Lucas Fähnrich.«
   Jonathan drehte sich zu seinem Vorgesetzten herum, sodass sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. »Harald, das Schema ist nach allem, was wir bereits jetzt wissen, nahezu identisch: Ein kleiner Junge. Eine aufgebrochene Tür. Und als die Eltern am Morgen aufwachen, haben sie nichts gesehen oder gehört.«
   »Auf den ersten Blick mag es so scheinen«, musste Pfisterer zugeben. »Aber selbst, wenn deine Vermutung zutreffen sollte, dann macht das diese ganze Angelegenheit nur noch schlimmer. Vor allem für dich.«
   »Niemand kennt sich mit dem Fall Lucas Fähnrich besser aus als ich. Wenn wir es mit demselben Täter zu tun haben …«
   »Jonathan, es reicht. Bitte. Das sind Vermutungen!«, unterbrach ihn Pfisterer und bohrte einen Finger in Jonathans Brust. »Verdammte Vermutungen! Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht einmal, ob es für all das nicht auch eine völlig naheliegende Erklärung gibt. Es könnte unzählige Erklärungen dafür geben, warum Benjamin Schneider nicht in seinem Bett liegt, und keine davon müsste etwas mit dem beschissenen Verschwinden von Lucas Fähnrich zu tun haben.«
   »Wenn du mir die Verantwortung über diese Ermittlung nicht übertragen willst, dann ist das deine Entscheidung und ich werde sie akzeptieren«, sagte Jonathan und hob beschwichtigend die Hände. »Aber lass mich wenigstens Teil der Sonderkommission sein.«
   »Scheiße noch mal. Und ich dachte, dass sich Depressive für nichts begeistern können«, blaffte Pfisterer. Im selben Augenblick schien er jedoch festzustellen, dass er zu weit gegangen war. Er zog ein zerknirschtes Gesicht. »Jonathan, entschuldige, das habe ich nicht so gemeint. Ich möchte nur nicht, dass sich diese ganze Geschichte wiederholt. Ich möchte nicht, dass …«
   »Die Situation wird sich nicht wiederholen, Harald«, insistierte Jonathan. Er war erstaunt darüber, wie hartnäckig er sein konnte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so unnachgiebig gewesen war. »Ich habe zwölf Monate nicht arbeiten können. Ich habe fast alles verloren, was mir einmal etwas bedeutet hat. Ich werde nicht zulassen, dass mir dieselbe Scheiße noch einmal passiert, das kannst du mir glauben. Ich habe dir mein Wort darauf gegeben, erinnerst du dich? Und dass jetzt ein weiterer Junge verschwunden ist, ändert nichts daran.«
   Pfisterer schüttelte den Kopf, aber seine Worte straften seine Gestik Lügen. »Du bist schon immer ausdauernd gewesen. Darum bist du auch so gut in dem, was du tust.« Ein größeres Kompliment hätte der Kommissariatsleiter ihm kaum machen können. Pfisterer schwieg kurz, als ob er sich dafür wappnen müsste, was er als Nächstes sagen wollte. »Wenn du darauf bestehst, ein Teil dieser Ermittlung zu sein, dann werde ich dir keine Steine in den Weg legen. Du bist von dieser Psychotante als einsatzbereit eingestuft worden. Und du hast mir dein Wort gegeben. Damit gibt es keinen Welpenschutz mehr, wenn du unbedingt darauf bestehst.«
   »Ich bestehe darauf«, sagte Jonathan und bedankte sich. »Dann können wir mit unserer Arbeit ja jetzt endlich beginnen.«

4. Kapitel

Als Ersatz für Thorsten Schneider wurde Lisa-Marie Walden als Jour-Staatsanwältin zu dem Fall hinzugezogen. Noch vor zwölf Uhr des zweiten Advents gab sie grünes Licht für die Gründung einer Sonderkommission.
   Pfisterer ernannte Achim Bräuer zum Vorsitzenden der Kommission. Als Bräuer von seiner Ernennung erfuhr, hatte er bereits die Befragung der Anwohner in die Wege geleitet und sich mit den Hundestaffelführern besprochen. Die Suche in den naheliegenden Wäldern sollte unverzüglich beginnen.
   Das Kläffen der Hunde erfüllte die Luft, als Jonathan in seinem Wagen saß und aus einem Plastikbecher Kaffee trank, von dem er hoffte, dass er seine Lebensgeister beflügeln würde. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Zeit, um sich darüber klar zu werden, was er von Benjamin Schneiders Verschwinden und allem, was damit in Verbindung stand, halten sollte. Doch er wusste, dass bei einer solchen Ermittlung rasches Handeln gefordert war und dass er die Zeit, die er brauchte, die Zeit, sich mit seinen Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen, nicht hatte. Gern hätte er an diesem Morgen mit Annelies von Bahr gesprochen. Er war sich sicher, dass sie ihm davon abraten würde, auch nur in die Nähe dieses Ermittlungsverfahrens zu kommen. Er konnte beinahe ihre sanfte, einfühlsame Stimme hören, die sagte: »Wie soll es einem Mann, der unter Alkohol leidet, besser gehen, wenn alles, was er in seiner Nähe sieht, wenn alles, was er in seiner Nähe findet, der Alkohol ist?« Wie sollte Jonathan wieder zu dem Mann werden können, der er einmal war, wenn Lucas Fähnrich überall um ihn herum war? Wenn Lucas Fähnrich für immer ein Teil von seinem Leben blieb?
   Jemand klopfte an die beschlagene Fensterscheibe der Beifahrertür. Jonathan beugte sich über den Schalthebel, kurbelte das Fenster herunter und blickte in das verfrorene Gesicht von Adam Pitkowski.
   »Pfisterer möchte Sie sprechen«, sagte er. »Die Spurensicherung ist mit dem Keller fertig. Sie können ihn sich jetzt anschauen.«
   »Danke.«
   Jonathan stellte den Plastikbecher auf dem Beifahrersitz ab, schloss seinen Wagen und betrat zum zweiten Mal an diesem Morgen das Haus.
   Die Chaiselongue, auf der die Schneiders zuvor noch gesessen hatten, war verwaist. Jonathan hätte Pitkowski fragen können, wo sich Thorsten und Maria Schneider aufhielten, aber er entschied sich dagegen. Auf eine weitere Konfrontation mit Thorsten Schneider konnte er im Moment dankend verzichten. Stattdessen durchquerten sie die Eingangshalle und stiegen die Treppe in den Keller hinunter. Dabei wurde Jonathan klar, wie alt das Haus tatsächlich sein musste, waren die Steinstufen in der Mitte der Treppe doch bereits durchgetreten.
   Helle, neonfarbene Strahler, die vom Erkennungsdienst aufgestellt worden waren, tauchten die Kellerräume in kaltes, unpersönliches Licht. Hier und da waren Gegenstände auf Abstelltischen oder Schränken entfernt worden, was Jonathan an den fehlenden Staubschichten erkannte, die auf allen anderen Dingen ruhten. An einer der Wände stand ein Surfboard, das den Anschein erweckte, als wäre es seit Jahren nicht mehr benutzt worden.
   Jonathan versuchte alles, was er sah, in seinem Kopf abzuspeichern. Später würde er in den Akten die Bilder betrachten können, die von den Räumen des Hauses gemacht worden waren. Aber zwischen Bildern und der Wirklichkeit und den Gefühlen, die auf ihn einströmten, konnte manchmal eine ganze Welt liegen.
   Ein kalter Windzug blies ihm entgegen, als er hinter Pitkowski zur Tür auf der anderen Seite des Raumes ging. Beide hatten sie weiße Überschuhe angezogen, um keine fremden Spuren an diesen Ort zu bringen, an dem allem Anschein nach ein Junge der Sicherheit seiner Familie entrissen und in die beißende Kälte der Nacht verschleppt worden war. Pfisterer wartete auf der anderen Seite der Kellertür am Fuß einer schmalen, von Sträuchern überwucherten Treppe, die in den großen Garten des Anwesens hinaufführte.
   »Diese Tür hat sich sicher nicht mit einem Dietrich öffnen lassen«, sagte Pfisterer, als Jonathan sie samt Klinke in Augenschein nahm. »Dafür ist größeres Werkzeug nötig gewesen. Ein Brecheisen, zum Beispiel.«
   »Größeres Werkzeug bedeutet, dass es ein Transportmittel gegeben haben muss, mit dem der Täter es hierher gebracht hat«, sagte Jonathan. »Auch, um den Jungen möglichst schnell wegzuschaffen. Was befindet sich hinter dem Garten?«
   »Eine Sackgasse. Dahinter beginnen die ersten Baumreihen.«
   »Wie viele Häuser gibt es in der Straße?«
   »Drei oder vier«, antwortete Pfisterer. »Die Kollegen haben schon mit den Befragungen begonnen. Aber wir sollten wohl nicht zu viel erwarten.«
   Im Fall Lucas Fähnrich war es ihnen trotz all ihrer Bemühungen nicht gelungen, auch nur einen einzigen Zeugen zu finden, der etwas gesehen oder gehört hatte.
   Jonathan kam noch einmal auf die aufgebrochene Tür zu sprechen. »Hast du immer Werkzeug in deinem Wagen liegen?«
   »Nein, verdammt.« Dann schien Pfisterer zu verstehen, worauf Jonathan hinauswollte. »Was bedeuten würde, dass der Täter – oder die Täterin – nicht zufällig hier vorbeigekommen ist.«
   »Wenn der Junge tatsächlich entführt wurde, dann wusste der Entführer, womit er es hier zu tun hatte«, sagte Jonathan und strich über das kalte Holz. »Nämlich mit einer massiven, schwer zu öffnenden Tür. Er wusste, dass er größeres Werkzeug brauchen würde, um sich Zugang zum Haus zu verschaffen. Um das zu wissen, muss er schon einmal hier gewesen sein. Wir sollten bei den Befragungen der Anwohner darauf achten, nicht nur nach ungewöhnlichen Vorkommnissen in den letzten Tagen, sondern auch in den letzten Wochen und Monaten zu fragen. Nach Personen, die hier offensichtlich nichts zu suchen hatten, nach Fahrzeugen, die nicht in diese Gegend gehören. Nach allem, egal, wie unwichtig es auf den ersten Blick erscheinen mag.«
   Pitkowski machte sich Notizen zu allem, was Jonathan sagte.
   Pfisterer schüttelte den Kopf und blickte auf die Tür. »Der Entführer war schon einmal hier, bevor er sich den Jungen geschnappt hat. Vielleicht sogar mehr als nur ein einziges Mal. Möglicherweise hat er die Schneiders längerfristig beobachtet und ihre Gewohnheiten studiert.«
   »Das ist möglich. Vielleicht sogar wahrscheinlich«, sagte Jonathan. Bei dem Gedanken daran durchfuhr ein Schaudern seinen Körper.
   »Aber wer tut so etwas? Und warum?«
   Jonathan ging nicht darauf ein. Es waren Fragen, die er sich oft, sehr oft, gestellt hatte. Aber mittlerweile zweifelte er daran, dass es auf diese Fragen auch immer eine zufriedenstellende Antwort gab. Auf manche Fragen fand man vielleicht nie die richtige Antwort. »Bei den Fähnrichs wurde die Tür auf eine ähnliche Art und Weise aufgebrochen«, sagte er stattdessen. »Nicht professionell. Aber zumindest professionell genug, dass die Eltern nichts mitbekamen.«
   »Ich hoffe inständig, dass uns ein zweiter Lucas Fähnrich erspart bleibt«, sagte Pfisterer grimmig und wandte sich ab.

Die Spurensicherung hatte sich bei ihrer Suche nach verwertbaren Spuren nicht nur dem Keller, sondern auch allen anderen Räumen des Hauses gewidmet, insbesondere dem Kinderzimmer von Benjamin Schneider. Die Hoffnung, fündig zu werden, im besten Fall möglicherweise sogar DNA-Spuren oder Fingerabdrücke zu finden, war hier mit Abstand am größten.
   Jonathan verabschiedete sich in der Eingangshalle von Pfisterer und Pitkowski und ging in das obere Stockwerk. Von einem ausladenden Flur zweigten mehrere Türen ab: ein Badezimmer, ein Gästezimmer und das Kinderzimmer. Am anderen Ende befand sich das Schlafzimmer der Eltern. Jonathan beschlich ein ungutes Gefühl, als er daran dachte, dass er hier in die Privatsphäre eines Mannes eindrang, den er kannte. Er wünschte sich, dass seine Kollegen niemals einen Fuß über die Türschwelle seiner Wohnung setzen mussten.
   Er betrat das Kinderzimmer. Vor wenigen Stunden hatte in dem Bett, dessen Wäsche von der Spurensicherung abgezogen und mittlerweile ins Labor gebracht worden war, noch ein kleiner Junge geschlafen. Hatte er geträumt, als der Unbekannte die Tür zu seinem Zimmer geöffnet hatte? Hatte er geträumt, als der Unbekannte an der Stelle stand, an der er nun stand? Jonathan schloss aus, dass der Junge das Öffnen der Tür gehört hatte. Hätte er es gehört oder gesehen, dass jemand, den er nicht kannte, sein Zimmer betrat, hätte er mit Sicherheit zu schreien begonnen, noch bevor der Unbekannte bei ihm am Bett angekommen war, um ihn zum Schweigen zu bringen. Und dann wären Thorsten und Maria Schneider aufgewacht.
   Jonathan ging auf direktem Weg von der Tür zum Bett. Es waren nur fünf Schritte. Für einen Moment blieb er direkt vor dem Bett stehen und stellte sich vor, wie der Unbekannte auf den schlafenden Jungen hinabgeblickt hatte, wie er sich zu ihm gebeugt und wie er die Hand nach ihm ausgestreckt hatte …
   Erschrocken über sich selbst fuhr er einen Schritt zurück. Er spürte, wie schnell sein Atem ging. Das war die Grenze, die er nicht überschreiten durfte, wenn er die Distanz wahren wollte. Das war die Grenze, vor der er sich fürchtete.
   Um sich auf andere Gedanken zu bringen, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Er blieb auf einer alten Modelleisenbahn ruhen. Jonathan stellte sich vor, wie Benjamin Schneider, von dem er noch nicht einmal wusste, wie er aussah, auf dem Teppichboden des Zimmers gesessen und mit der Eisenbahn gespielt hatte.
   Er ging zum Fenster, das in Richtung Garten zeigte. Riesige Tannen umgaben das Grundstück. Auf der Seite, die an die Sackgasse grenzte, befand sich ein kleines Holztor. Es war verschlossen. Wenn der Unbekannte von dort gekommen war, hatte er sich die Zeit genommen, das Tor hinter sich sorgfältig zu verschließen. Das wiederum würde bedeuten, dass sich der Unbekannte nicht in Eile befunden hatte. Und dass er keine Angst davor gehabt hatte, gesehen zu werden.
   »Wer bist du?«, fragte Jonathan und versuchte, sich vorzustellen, wie eine schwarze Gestalt mit einem Kind in den Armen die Rasenfläche überquerte. Der Unbekannte musste Benjamin Schneider ruhiggestellt haben, bevor er ihn aus seinem Kinderzimmer gezerrt hatte.
   Ein gellender Schrei riss ihn aus seinen Überlegungen und ließ ihn zusammenzucken. Es war eindeutig der Schrei einer Frau.
   Maria Schneider, dachte Jonathan und wandte seinen Blick vom Garten ab. Er hoffte, dass der schlimmste Fall nicht eingetreten war.
   Wie sich herausstellte, hatte Maria Schneider einen Nervenzusammenbruch erlitten. Die Rettungskräfte, die bereits unmittelbar nach dem Kriminaldauerdienst vorsorglich am Haus der Familie eingetroffen waren, verabreichten der Frau eine Beruhigungsspritze und fuhren sie auf einer Trage zum Rettungswagen, der auf der Straße stand. Thorsten Schneider machte zuerst Anstalten, sie zu begleiten, doch er wurde von Achim Bräuer zurückgehalten.
   »Es wäre besser, wenn einer von Ihnen hier im Haus bleibt, um rund um die Uhr erreichbar zu sein«, sagte Bräuer und geleitete den Staatsanwalt, der sich ihm nicht widersetzte, zur Treppe zurück. Kraftlos ließ sich Thorsten Schneider auf die unterste Stufe fallen. »Falls es eine Lösegeldforderung gibt und der Entführer telefonisch Kontakt mit Ihnen aufnehmen möchte.« Vorausschauend, wie Bräuer war, hatte er bereits mehrere Techniker nach Neckarsheim beordert, die das Telefon verschaltet hatten, um eine Ortung der eingehenden Anrufe durchführen zu können.
   Jonathan war noch immer nicht erpicht auf ein Gespräch mit Thorsten Schneider. Er wollte sich auf die Suche nach Pitkowski begeben, der sich mit Pfisterer in der Eingangshalle von ihm getrennt hatte, als Bräuer ihn sah, seinen Namen rief und auf ihn zugelaufen kam.
   Bräuer zog ihn mit sich, bis sie außerhalb von Thorsten Schneiders Hörweite waren. »Harald hat mir gerade gesagt, dass ich die Sonderkommission leiten soll«, teilte Bräuer ihm mit.
   »Du bist der Richtige«, sagte Jonathan. Ein Teil von ihm war tatsächlich dieser Ansicht. Der andere Teil war wütend, dass Pfisterer, so nachvollziehbar es auch sein mochte, ihm diese Aufgabe nicht übertragen hatte.
   »Ich habe nicht darum gebeten«, erwiderte Bräuer. Er klang alles andere als glücklich über die ihm zugewiesene Position.
   »Wir bearbeiten diesen Fall alle gemeinsam«, sagte Jonathan. »Du stehst nicht allein da. Das weißt du.«
   »Soll es mir das leichter machen?«
   Jonathan wechselte das Thema. »Was ist mit der Einsatzhundertschaft?«
   »Die Kollegen haben sich auf die Suche gemacht«, antwortete Bräuer. »Unser Problem besteht nur darin, dass es schon nachmittags dunkel werden wird. Dann müssen sie ihre Suche einstellen oder wir riskieren es, in der Dunkelheit wichtige Spuren zu übersehen. Uns bleiben nur wenige Stunden.«
   Jonathan glaubte nicht, dass sie Benjamin Schneider in den Wäldern hinter Neckarsheim finden würden. Aber das sagte er nicht, weil es ohnehin keine Rolle spielte. Sie durften keine Möglichkeit außer Acht lassen, so unwahrscheinlich sie auch sein mochte.
   »Haben die Befragungen der Nachbarn schon etwas ergeben?«
   »Nein«, antwortete Bräuer. »Aber wir stehen noch am Anfang. Ich hoffe, dass es uns gelingt, Zeugen zu finden.«
   Sie standen an einem Fenster, das einen Blick auf die Reichskanzler-Müller-Straße gewährte. Jonathan zeigte auf das Seniorenstift, das ihm schon beim Eintreffen in der Straße aufgefallen war. »Was ist mit dem Stift?«
   »Wir wollen es versuchen«, sagte Bräuer, klang aber nicht sehr überzeugt. »Es handelt sich um ein Stift, in dem überwiegend Demenzpatienten untergebracht sind.« Bräuer schien nicht davon auszugehen, dass sich irgendjemand dort an etwas Brauchbares erinnern würde. »Hör mal«, fuhr er fort und machte ein betretenes Gesicht. »Wenn du mit Thorsten Schneider sprichst, wäre das wohl keine sehr gute Idee. Nach allem, was in den letzten Jahren zwischen euch vorgefallen ist, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass du das unbedingt willst. Aber was ist mit Maria Schneider?«
   »Ich fahre ins Krankenhaus und übernehme sie«, antwortete Jonathan, ohne zu zögern – obwohl ihm bei der Erinnerung an sein letztes Gespräch mit der Mutter eines verschwundenen Kindes ein kalter Schauder über den Rücken lief.

5. Kapitel

Wie sich herausstellte, war Maria Schneider von den Rettungskräften zur Stabilisierung ins Heidelberger Universitätsklinikum gebracht worden. Und wie sich weiterhin herausstellte, würde Jonathan an diesem Tag nicht mehr mit ihr sprechen können. Das war zumindest die Information, die er von einem übermüdeten und schlecht gelaunten Assistenzarzt erhielt.
   »Das lässt Frau Schneiders aktueller Zustand nicht zu«, erklärte der Arzt, als sich Jonathan, der sich nicht so leicht geschlagen geben wollte, ein weiteres Mal erkundigte, ob er die Frau befragen könne. »Neben dem Beruhigungsmittel, das Frau Schneider erhalten hat, haben wir ihr auch noch etwas zum Schlafen verabreicht. Kommen Sie morgen wieder.«
   Verärgert ging Jonathan zu seinem Wagen zurück, den er auf dem großen Klinikparkplatz abgestellt hatte. Mittlerweile war der Mittag in den frühen Nachmittag übergegangen. Seit dem Eingang des Notrufs waren fünf Stunden vergangen und es gab kein Lebenszeichen von Benjamin Schneider.
   Da er die Befragung von Maria Schneider vorerst nicht durchführen konnte, beschloss er, zurück nach Neckars-heim zu fahren und sich den anderen Beamten bei der Anwohnerbefragung anzuschließen. Er hoffte, dadurch auf andere Gedanken zu kommen. Davon abgesehen war er sich sicher, dass seine Hilfe gern gesehen war. Im Polizeidienst gab es kaum etwas Zeitintensiveres und Nervenaufreibenderes als Anwohnerbefragungen.
   Es war ein frustrierender Nachmittag. Während sich Jonathan von Haustür zu Haustür schleppte, vergingen Stunden. Später hätte er nicht mehr sagen können, wo die Zeit geblieben war. Als die Dämmerung einsetzte, kehrten die Einsatzhundertschaft und die Hundeführer samt ihren Hunden in die Reichskanzler-Müller-Straße zurück. Sie alle waren durchgefroren. Und was noch weitaus schlimmer war: Es gab keine Spur, die auf den Verbleib des Jungen schließen ließ. Alles, was sie vorweisen konnten, war die Tatsache, dass einer der Hunde im Garten der Schneiders offensichtlich eine Fährte aufgenommen hatte. Diese führte zum Gartentor, hatte sich jedoch aufseiten der Straße nicht mehr weiterverfolgen lassen. Dies schien Jonathans ersten Verdacht zu bekräftigen, dass der Entführer mit einem Fahrzeug zum Haus der Schneiders gekommen war. Jonathan hörte bei seinen Befragungen jedoch nichts, das ihn diesbezüglich oder in irgendeiner anderen Hinsicht aufhorchen ließ.
   Um 17:30 Uhr, eine Stunde nach Anbruch der Dunkelheit, beschloss Sonderkommissionsleiter Achim Bräuer, die Suchaktion für diesen Tag einzustellen. Alle Helferinnen und Helfer würden am Montagmorgen vor Sonnenaufgang wieder zusammenfinden, ihren Suchradius erweitern und darauf hoffen, noch eine andere, verwertbare Spur zu finden.
   Als Thorsten Schneider davon erfuhr, dass die Einsatzkräfte an diesem Tag nicht mehr weiter nach seinem Sohn suchen würden, wurde er zunächst wütend und brüllte wie ein wild gewordenes Tier. Bräuer ließ den Ausbruch mit einer stoischen Ruhe über sich ergehen, für die Jonathan ihn bewunderte. Als Thorsten Schneider schließlich die Stimme versagte und nur noch ein unverständliches, heiseres Krächzen aus seinem Mund kam, sackte der Mann in sich zusammen und begann zu weinen. Einer der Beamten, die gerade in der Nähe waren, hatte zuvor an diesem Tag im Wohnzimmer eine kleine Hausbar gefunden und flößte Schneider nun einen Cognac ein. Thorsten Schneider ließ es widerstandslos über sich ergehen.
   »Geh nach Hause, Jonathan«, sagte Bräuer, als sie kurz darauf auf der Straße standen und die Schneeflocken im Licht der Laternen orangerot aufleuchteten. »Ruh dich aus.«
   »Dasselbe könnte ich zu dir sagen«, erwiderte Jonathan. »Du hast mir diese Kneipenschlägerei letzte Nacht schon abgenommen.«
   »Hätte ich gewusst, was heute auf uns zukommt, hätte ich es nicht getan.« Immerhin brachte Bräuer noch ein schwaches Lächeln zustande.
   Zu einer anderen Zeit hätte Jonathan vielleicht nachgefragt, worum genau es bei dieser Angelegenheit in der letzten Nacht gegangen war. Aber nach dem vergangenen Tag und all den Erinnerungen, die das Verschwinden von Benjamin Schneider hervorgerufen hatte, fühlte er sich dazu nicht imstande.
   »Die erste Teambesprechung findet morgen um 8:00 Uhr statt«, teilte Bräuer mit.
   Jonathan nickte. Bevor sie auseinandergingen, hielt Bräuer ihn ein letztes Mal zurück. »Was glaubst du, ist hier passiert? Wo ist der Junge? Lebt er noch?«
   Lucas Fähnrich ist tot, rief sich Jonathan ins Gedächtnis, was Annelies von Bahr von ihm hatte hören wollen, als Zeichen, dass er über die Schatten der Vergangenheit hinweggekommen war.
   »Ich weiß es nicht«, antwortete er ausweichend. »Ich hoffe es. Aber manchmal hilft alles Hoffen nicht.«

Auf dem Weg zurück zu seiner Wohnung in Kirchheim, hielt Jonathan an einer Tankstelle in der Nähe der Heidelberger Innenstadt. Leuchtende Reklamezüge und Werbeplakate schlugen ihm entgegen. Aus seinem Autoradio erklangen die ersten Weihnachtslieder. Er stellte das Radio ab. Das Einzige, was er jetzt noch hörte, war das monotone Geräusch der Scheibenwischer, die die Schneeflocken auf der Windschutzscheibe verteilten.
   Jonathan hatte die Tankstelle angefahren, um sich eine Kleinigkeit zu Essen zu kaufen. Er war den ganzen Tag über auf den Beinen gewesen und hatte dabei nicht gemerkt, wie hungrig er eigentlich war. Den Hunger hatte er erst auf der Heimfahrt wahrgenommen. Und erst jetzt, da er auf dem Parkplatz stand, fiel ihm auf, dass er diesen Parkplatz und diese Tankstelle nur zu gut kannte. Sie war eine der Anlaufstellen, an denen er sich immer seinen Alkohol beschafft hatte. Hatte er die Tankstelle tatsächlich nur zufällig angefahren?
   Reiß dich zusammen, ermahnte er sich, blieb aber noch im Wagen sitzen. Vor seinem inneren Auge tauchte eine Reihe von Bildern auf, die er am liebsten verdrängt hätte. Doch so sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht. Jonathan sah sich selbst, wie er auf diesem Parkplatz gehalten hatte; wie das Verlangen nach einer Flasche Wodka, einer Flasche Whiskey oder irgendetwas anderem, egal, was es war, so stark war, dass er förmlich über den Parkplatz zur Tankstelle gerannt war. Die Flaschen befanden sich an der Wand unmittelbar neben dem Eingang. Reihe in Reihe standen sie da, lachten ihn an und riefen ihm zu: »Hier, nimm mich! Nimm mich! Du brauchst mich, ich weiß es!« Und Jonathan hatte sie gebraucht. Das Verlangen – Annelies von Bahr hatte es später abwechselnd als Suchtdruck oder als Craving bezeichnet – war überwältigend gewesen. Es war mit nichts zu vergleichen, was er je zuvor erlebt hatte. Und Jonathan, gierig und auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Dinge zu vergessen, die hinter ihm lagen, hatte wahllos nach den Flaschen gegriffen und war zur Kasse gestolpert. Er hatte nicht einmal darauf gewartet, dass der Kassierer ihm sein Rückgeld gegeben hatte, sondern war zu seinem Wagen zurückgelaufen, hatte den Deckel der Flasche aufgeschraubt und …
   Erleichterung! Das war es, was er verspürt hatte. Der Alkohol vertrieb die anderen Bilder aus seinem Kopf, die Bilder des kleinen Lucas’, den er nie kennengelernt hatte und den er irgendwie doch besser kannte als viele der Kollegen, mit denen er arbeitete. Lucas, den er besser kannte als seine Nachbarn, besser vielleicht sogar als den ein oder anderen seiner Freunde.
   Reiß dich zusammen!
   Jonathan kehrte ins Hier und Jetzt zurück. Er atmete ein. Er atmete aus. Er nahm sich vor, den Flaschen nicht einmal einen Blick zu schenken, wenn er den Tankstellenshop betreten würde.
   »Setzen Sie sich Ziele«, hatte Annelies von Bahr ihn immer wieder aufgefordert. »Kleine, spezifische Ziele, die Sie sich zu erreichen vornehmen. Ziele, über die Sie sich freuen, wenn Sie sie erreicht haben.«
   Er würde hineingehen, sich ein belegtes Sandwich kaufen und wieder hinausgehen.
   Ich kann das. Ich kann das!
   Jonathan schloss den Wagen ab und überquerte zügigen Schrittes den verwaisten Parkplatz. An einer der Zapfsäulen stand ein älterer Mann, der ihn aufmerksam zu mustern schien, doch Jonathan schenkte ihm keinerlei Beachtung. All seine Gedanken waren auf die vor ihm liegende Aufgabe gerichtet. Wenn er sich ablenken ließ, war er verloren, das wusste er.
   Als sich die Glastüren vor ihm automatisch öffneten, beschleunigte er seine Schritte. Seine Augen waren starr geradeaus gerichtet.
   Fünf Minuten später saß er wieder in seinem Mitsubishi, drehte den Schlüssel im Zündschloss um und machte sich mit quietschenden Reifen auf den Weg nach Hause.

Am nächsten Morgen erreichte Jonathan eine halbe Stunde vor der ersten Besprechung der Sonderkommission das Präsidium. In der Nacht hatte es durchgeschneit und viele der Straßen, die er auf dem Weg passiert hatte, waren von den Räumfahrzeugen noch nicht gesäubert worden. Ein Blick auf das Thermometer, das er draußen vor dem Bürofenster angebracht hatte, verriet, dass die Temperaturen weiter gefallen waren.
   Jonathan fuhr den Computer hoch und verbrachte die ersten dreißig Minuten seiner Arbeitszeit damit, einen Bericht über die Ereignisse des vergangenen Tages zu verfassen. Als es schließlich an der Zeit war und er mehrere Stimmen auf dem Gang hörte, machte er sich auf den Weg in den Besprechungsraum.
   Harald Pfisterer hatte veranlasst, dass die neu gegründete Sonderkommission eigene Räumlichkeiten für ihre Arbeit erhalten sollte. Diese waren noch nicht bezugsbereit, Telefon- und Computeranschlüsse mussten freigeschaltet und Dutzende von Schreibtischen und Stühlen herbeigeschafft werden. Aus diesem Grund trafen sich die fünfundzwanzig Beamten und Beamtinnen, die kurzfristig der Sonderkommission zugeteilt worden waren, vorläufig in dem großen Besprechungsraum, in dem Jonathan bereits unzählige Stunden verbracht hatte. Sollte Benjamin Schneider nicht bis zum Ende des Tages gefunden werden, würde Pfisterer die Größe der Kommission wohl verdoppeln, vielleicht sogar verdreifachen.
   Als Jonathan im Besprechungsraum eintraf, hatten sich die meisten seiner Kollegen bereits zusammengefunden. Harald Pfisterer und Achim Bräuer saßen am Kopfende der u-förmig aufgestellten Tischreihen. Auf die weiße Wand hinter ihnen warfen die Strahlen des Beamers ein Foto von Benjamin Schneider. Jonathan betrachtete das Bild aufmerksam und erkannte augenblicklich die große Ähnlichkeit zwischen dem Jungen und Lucas Fähnrich.
   Er setzte sich auf einen freien Stuhl neben Stephanie Rühle, einer jungen Kollegin, mit der er das eine oder andere Mal vor seiner Beurlaubung bereits zusammengearbeitet hatte. Sie schien sich darüber zu freuen, Jonathan wiederzusehen.
   »Das wird ja auch Zeit«, sagte sie, schenkte ihm ein breites Lächeln und eine flüchtige Umarmung. »Ich kann mich schon gar nicht mehr an unsere letzte gemeinsame Ermittlung erinnern.«
   »Der tote Obdachlose vom Hauptbahnhof«, antwortete Jonathan, während er noch versuchte, Ordnung in das Chaos seiner Papiere zu bringen. »Ich war die ganze Zeit auf der falschen Spur. Wenn ich auf dich gehört hätte, wäre die Sache schneller zu einem Abschluss gekommen.«
   »Richtig«, sagte Stephanie Rühle. Sie wollte noch etwas anderes sagen, doch in diesem Moment wurden die Türen geschlossen und Achim Bräuer erhob sich.
   »Ich möchte diese Besprechung heute Morgen so kurz wie möglich halten. Es wartet viel Arbeit auf uns«, sagte er und ließ seinen Blick über die vor ihm Versammelten schweifen. Das Stimmendurcheinander, das eben noch wie das Summen eines Bienenschwarmes den Raum erfüllt hatte, war schlagartig verstummt. »Mittlerweile sind beinahe vierundzwanzig Stunden vergangen, seitdem die Schneiders ihren Sohn als vermisst gemeldet haben. Vierundzwanzig Stunden, in denen jedes Lebenszeichen von Benjamin Schneider fehlt. Die Zeit arbeitet gegen uns.« Pfisterer neben ihm starrte auf die Tischplatte. Während Bräuer sprach, hob er kein einziges Mal den Kopf. »Wie sieht es bei euch aus?«, wandte sich Bräuer zunächst an Hannah Amend und Gregor Zahirovic von der Spurensicherung.
   Jonathan vermutete, dass sie und ihre Kollegen die ganze Nacht durchgearbeitet hatten. Und scheinbar waren sie dabei nicht erfolglos gewesen.
   »Neben den DNA-Spuren von Thorsten und Maria Schneider und ihrem Sohn haben wir im Kinderzimmer DNA-Spuren von mindestens zwei weiteren Personen gefunden«, sagte Amend und rückte ihre runde Brille zurecht. »Vielleicht sogar eine dritte. Leider keine verwertbaren Fingerabdrücke – weder im Kinderzimmer noch an der aufgebrochenen Tür im Keller. Die DNA-Spuren im Kinderzimmer befanden sich auf dem Kopfkissen und auf dem Laken des Bettes.«
   »Irgendein Treffer in den Datenbanken, was die DNA-Spuren angeht?«, fragte Bräuer. Er klang skeptisch.
   Hannah Amend bestätigte diese Skepsis, als sie den Kopf schüttelte. »Bisher nicht.«
   »Zwei Personen«, stellte Adam Pitkowski fest.
   Jonathan hatte den Mann auf der anderen Seite des Raumes bisher noch gar nicht wahrgenommen. Offensichtlich hatte Pfisterer auch den ein oder anderen Beamten des Kriminaldauerdienstes zur Sonderkommission hinzugezogen.
   »Wir müssen in Erfahrung bringen, wer alles Zugang zum Kinderzimmer von Benjamin Schneider hatte. Eine Haushälterin vielleicht? Freunde des Jungen? Bekannte der Familie?«
   »Ich kümmere mich darum«, meldete sich Stephanie Rühle mit gestrecktem Arm zu Wort.
   Bräuer nickte und Pfisterer machte sich eine Notiz in der Kladde, die vor ihm auf dem Tisch lag.
   »Wir brauchen DNA-Proben von all diesen Personen«, erteilte Bräuer ihr weitere Anweisungen. »Wenn eine der im Kinderzimmer gefundenen DNA-Spuren nicht mit der DNA der Personen übereinstimmt, die die Schneiders uns nennen, ordnen wir ihr eine höhere Priorität zu. Wenn du Unterstützung brauchst, Stephanie, gib mir Bescheid, und ich teile dir einige Kollegen zu.« Bräuer atmete tief durch und dankte den Kollegen der Spurensicherung, die sich umgehend mit ihnen in Verbindung setzen würden, sobald sie weitere Neuigkeiten hatten. »Die Suchaktion in den Wäldern bei Neckarsheim hat vor einer Stunde begonnen. Dieser verdammte Schnee macht es uns aber nicht einfacher. Wenn Benjamin Schneider noch da draußen sein sollte …« Er ließ den Satz unbeendet. Jeder von ihnen wusste, was das zu bedeuten hatte. »Es sind jetzt drei Züge der Einsatzhundertschaft unterwegs. Und ich möchte, dass wir mit den Anwohnerbefragungen rasch vorankommen. Davon abgesehen möchte ich, dass wir alles über die Familie Schneider in Erfahrung bringen – sowohl über die Eltern als auch über den Sohn. Wir alle kennen Thorsten Schneider. Wir können davon ausgehen, dass er Feinde hat. Aber wir brauchen etwas Konkretes. Etwas Handfestes. Und dann wäre da noch Maria Schneider. Wie sieht es mit ihr aus? Was für eine Frau ist sie? Gestern war es uns nicht möglich, mit ihr zu sprechen, aber ich bestehe darauf, dass sie heute befragt wird. Es geht hier um das Verschwinden ihres Sohnes.« Er legte eine kurze Pause ein.
   Jonathan vermutete, dass er sich sammeln musste. Es war das erste Mal, dass Bräuer der Leiter einer so großen Sonderkommission war. Mit dieser ungewohnten Rolle musste er sich erst noch anfreunden.
   »Das ist Benjamin Schneider«, sagte Bräuer und zeigte auf das überlebensgroße Gesicht des Jungen, das hinter ihm an der Wand prangte. »Ein Junge von sechs Jahren. Ich möchte wissen, in welchen Kindergarten er gegangen ist, wer dort arbeitet. Ich möchte wissen, ob er Hobbys hat und wenn ja, um welche es sich handelt. Ich möchte wissen, ob er Allergien oder körperliche Beschwerden hat, die lebensbedrohlich für ihn werden könnten, wenn er keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Und das alles so schnell wie möglich.« Bräuer ließ keine Minute ungenutzt, das zumindest musste Jonathan ihm lassen. »Die nächste Besprechung findet heute um 18:00 Uhr statt. Bis dahin will ich Fortschritte sehen.«
   Pfisterer räusperte sich und hob den Kopf. Es schien, als ob er die ganze Zeit über darauf gewartet hatte, etwas zu sagen. »Viele von uns kennen Thorsten Schneider. Die meisten von uns hatten zumindest schon einmal mit ihm zu tun.« Er blickte die Versammelten an. »Ich möchte, dass jeder Einzelne von euch mit dem gebührenden Respekt an diese Ermittlung herangeht.«

Während Jonathan zum Universitätsklinikum fuhr, um mit Maria Schneider zu sprechen, begannen im Präsidium die Vorbereitungen für die erste Pressekonferenz, die um 10:00 Uhr an diesem Morgen stattfinden sollte. Bevor er sich auf den Weg machte, hatte Bräuer ihm mitgeteilt, wie groß das Medieninteresse an ihrem Fall bereits zu diesem Zeitpunkt zu sein schien.
   Kein Wunder, dachte Jonathan, als er an einer Ampel stand und darauf wartete, dass sie auf Grün umschaltete. Thorsten Schneider war eine stadtbekannte Persönlichkeit. Und die Entführung eines Kindes aus dem Haus seiner Eltern war keine Alltäglichkeit.
   Zwanzig Minuten später erreichte er die Klinik.
   Heute hatte er mehr Erfolg. Kein Arzt stellte sich ihm in den Weg, und als er das Zimmer erreichte, in dem Maria Schneider die Nacht verbracht hatte, fand er sie in einem ansprechbaren Zustand vor.
   Er schloss die Tür hinter sich, damit die beiden Streifenpolizisten, die auf dem Gang zu Maria Schneiders Schutz positioniert worden waren, nichts von ihrem Gespräch mitbekamen. Er wollte sich ungestört mit ihr unterhalten.
   Maria Schneider saß aufrecht in ihrem Bett und hatte die Hände im Schoß wie zum Gebet gefaltet. Ihr Gesicht war blass und ihre blonden Haare ungewaschen. Als Jonathan eingetreten war, hätte er schwören können, dass die Frau mit sich selbst gesprochen hatte, doch sie verstummte, kaum, dass sie ihn gesehen hatte.
   Obwohl sie sich bereits am vergangenen Tag begegnet waren, hielt er es für angebracht, sich noch einmal vorzustellen. »Frau Schneider. Mein Name ist Jonathan Weitzäcker. Ich bin Kriminalhauptkommissar und würde Ihnen gern einige Fragen stellen.«
   Maria Schneider blickte ihn mit ausdruckslosen Augen an. »Wo ist mein Sohn?«, fragte sie. »Wo ist Ben?«
   Für einen Moment glaubte Jonathan, nicht Maria Schneider, sondern Anna Fähnrich vor sich zu haben. Sie hatte ihm dieselbe Frage gestellt, immer und immer wieder. Er hatte ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben können.
   »Wir wissen es nicht«, gestand er ein. »Aber wir werden alles Menschenmögliche tun, um ihn zu finden. Und Sie können uns dabei helfen.« Jonathan sah ihr an, dass sie ihm nicht glaubte. Er zog einen der Besucherstühle heran, stellte ihn neben das Bett und setzte sich. »Wann haben Sie Ihren Sohn zum letzten Mal gesehen?«
   Es dauerte kurz, bis Maria Schneider antwortete. »Ich habe ihn am Samstagabend gegen halb neun ins Bett gebracht. Er wollte noch länger wach bleiben, weil er Peter Pan im Fernsehen schauen wollte. Aber das haben wir ihm nicht erlaubt.« Tränen traten in ihre Augen.
   »Sie haben Benjamin ins Bett gebracht«, wiederholte er. Er wollte sie nicht überfordern und versuchte, sich behutsam voranzutasten. »Und dann?«
   »Dann habe ich ihm eine Gutenachtgeschichte vorgelesen. Ein Kapitel aus Nils Holgersson. Das hat er immer gemocht. Als er eingeschlafen war, habe ich ihm einen Kuss auf die Stirn gegeben, das Licht ausgemacht und die Tür zugezogen.«
   »Ist die Tür zum Kinderzimmer nachts immer verschlossen?«
   »Ja, das ist sie. Falls Thorsten einen Anruf erhält … Ben sollte nicht jedes Mal aufwachen, wenn sein Vater das Haus verlässt.«
   Was mit Sicherheit sehr oft vorgekommen war. »Sie haben Benjamin ins Bett gebracht. Wie ging der Abend weiter?«
   Maria Schneider dachte nach. Wie schwer es sein musste, sich plötzlich an all die Kleinigkeiten und Alltäglichkeiten zu erinnern, denen man normalerweise keinerlei Aufmerksamkeit schenkte. »Thorsten und ich haben einen Film geschaut. Ich bin früh ins Bett gegangen.«
   »Können Sie mir sagen, um wie viel Uhr das war?«
   »Um halb elf. Vielleicht um elf. Ich war noch einige Zeit im Bad.«
   Was sie dort so lange getan hatte, sagte sie nicht und Jonathan, der keinen Grund dafür sah, fragte sie auch nicht danach. »Und Ihr Mann?«
   »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Ich habe es nicht mitbekommen.«
   »Ihr Mann erhielt später in dieser Nacht einen Anruf von meinem Kollegen Achim Bräuer und fuhr daraufhin in die Heidelberger Altstadt.«
   »Ja, so muss es gewesen sein. Ich habe sein Bereitschaftshandy nicht klingeln hören. Normalerweise höre ich es, aber in dieser Nacht …«
   Maria Schneiders Antwort ließ ihn hellhörig werden. Er hätte in diesem Moment gern gewusst, wer die Befragung von Thorsten Schneider übernahm, doch er hatte nicht daran gedacht, sich bei Bräuer danach zu erkundigen. »Kommt es häufiger vor, dass Sie das Bereitschaftshandy Ihres Mannes nicht hören, wenn Sie schlafen?«
   Maria Schneider schüttelte den Kopf.
   Jonathan fragte sich, was diese Information zu bedeuten hatte … oder ob ihr überhaupt irgendeine Bedeutung beigemessen werden sollte. »Haben Sie mitbekommen, wann Ihr Mann wieder nach Hause kam?«
   »Ja. Zu dieser Zeit war ich schon wach, ich konnte nicht …« Sie verstummte, als hätte sie irgendetwas gesagt, was sie bereuen würde.
   »Sie konnten nicht schlafen«, versuchte Jonathan, den Satz zu beenden.
   »Ich bin aufgestanden, um das Frühstück zu machen. Dann kam Thorsten.«
   Also kurz, bevor die Schneiders den Notruf gewählt hatten. Trotzdem stimmte hier irgendetwas nicht. Wenn er sich richtig erinnerte, war die Kneipenschlägerei, die in seine und Bräuers Bereitschaftszeit gefallen war, gegen drei oder vier Uhr nachts gewesen. Thorsten Schneider konnte nicht viel später in der Heidelberger Altstadt eingetroffen sein. Doch so, wie Jonathan seinen Kollegen verstanden hatte, hatte sich alles rasch aufgeklärt. Und dies wiederum warf die Frage auf, wo sich Thorsten Schneider in der Zwischenzeit aufgehalten hatte.
   Als Maria Schneider unaufgefordert weitersprach, richtete Jonathan seine Aufmerksamkeit wieder auf die Frau.
   »Zuerst habe ich gedacht, dass Ben nur ein Spiel spielen will. Dass er sich vor uns versteckt. Dass wir frühstücken können, wenn wir ihn gefunden haben. Aber dann ist Thorsten in den Keller gegangen und … und …« Eine einzelne Träne rann an ihrer Wange hinab. Maria Schneider wirkte so zerbrechlich, dass Jonathan fürchtete, sie würde sich jeden Moment wie ein Geist in Luft auflösen. Gern hätte er ihre Hand in die seine genommen, hätte sie gedrückt, hätte ihr Mut zugesprochen und ihr gesagt, dass alles gut werden würde und dass sie schon bald ihren Sohn wiedersehen und in ihre Arme schließen könnte; dass in einer Welt, die tagtäglich voller Schrecken war, manchmal auch etwas Gutes passierte. Aber seine Worte wären angesichts der Tragödie hohl gewesen, bloße Phrasen, die wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen drohten, wenn man sie einer gründlicheren Prüfung unterzog. Darum schwieg er und eine unangenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Beinahe glaubte er, dass diese Stille ihn verschlingen würde.

6. Kapitel

In der Nacht von Sonntag auf Montag hatte Thorsten kein Auge zugetan. Wie um alles in der Welt hätte das auch möglich sein sollen? Ben war verschwunden. Er war entführt worden. Jemand war nachts in ihr Haus eingedrungen, hatte ihren Sohn gepackt und ihn einfach mitgenommen. Obwohl er nicht schlafen konnte, bezweifelte Thorsten, dass er wirklich begriffen hatte, was seiner Familie an diesem Tag widerfahren war.
   Der Adventssonntag war eine nicht enden wollende Tortur, eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die er aus seinem Bewusstsein verdrängen wollte: die unbekannten Beamten, die sein Haus auf den Kopf gestellt hatten, die schrillen Sirenen, die nicht verstummen wollten, das Kläffen der Hunde, das Weinen seiner Frau. Zuerst war er verzweifelt gewesen, dann wütend. Und später, als es dunkel geworden und nur noch ein halbes Dutzend Beamte mit ihm im Haus zurückgeblieben war, befiel ihn Resignation.
   Er hatte Stunden damit verbracht, das Telefon anzustarren, das auf einem Abstelltisch im Wohnzimmer stand. Irgendjemand hatte mehrere Kabel verlegt, die sich wie tote Schlangen auf dem laminierten Holzboden wanden. Sie führten zu einer grauen, rechteckigen Apparatur, die sich auf einem anderen Tisch befand und mit einem Laptop verbunden war. Während Thorsten das Telefon betrachtete, beobachtete ein Beamter den Monitor. Sie beide warteten auf etwas, das weder am Abend noch in der Nacht noch an diesem Morgen eintrat.
   Am Vormittag kam kurzzeitig Bewegung ins Haus, als sich mehrere Polizisten in der Eingangshalle vor einem Transistorradio versammelten, das einer von ihnen mitgebracht haben musste. Als sich Thorsten ein Bild darüber machen wollte, was los war, hörte er Kommissariatsleiter Harald Pfisterers Stimme aus dem Radio. Offensichtlich handelte es sich um einen Audiomitschnitt der Pressekonferenz. Während seiner Ansprache informierte Pfisterer die versammelten Pressevertreter über den aktuellen Stand der Ermittlungen und über die Schritte, die in die Wege geleitet wurden, um Benjamin aufzuspüren. Pfisterer rief die Bevölkerung dazu auf, die gegründete Sonderkommission bei ihrer Suche zu unterstützen. Er bat um sachdienliche Hinweise und nannte eine Telefonnummer, die rund um die Uhr zur Verfügung stand. In Rücksprache mit Thorsten wurde zudem ein Bild von Benjamin an die Öffentlichkeit weitergeleitet.
   Thorsten kannte Harald Pfisterer seit vielen Jahren. Manchmal waren sie aneinandergeraten, aber meistens hatten sie sehr gut miteinander arbeiten können. Etwas anderes wäre auch nicht professionell gewesen und Professionalität war das Wichtigste in ihrem Beruf. Jetzt fragte sich Thorsten, ob es Pfisterer und seinen Männern gelingen würde, seinen Sohn aufzuspüren. Immerhin war Jonathan Weitzäcker nicht die Leitung der Sonderkommission übertragen worden, und das war zumindest ein Anfang.
   Als Jonathan Weitzäcker vor ihm gestanden hatte, war Thorsten davon überzeugt gewesen, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handeln konnte. Was hatte der Mann, der sich in einer Art und Weise hatte gehen lassen, dass es eine Schande für seinen gesamten Berufsstand war, in seinem Haus zu suchen? Warum waren nicht Achim Bräuer oder Robert Bencsik nach Neckarsheim gekommen, um die erforderlichen Schritte in die Wege zu leiten? Womit hatte er es verdient, Jonathan Weitzäcker, der seiner Meinung nach nie wieder in seinen Beruf hätte zurückkehren dürfen, vor sich zu haben? Und wie konnte dieser Mann es wagen, mit ihm zu sprechen? Nach all den Konfrontationen, die es während der Ermittlungen im Fall Lucas Fähnrich zwischen ihnen gegeben hatte?
   Als die Pressekonferenz vorüber war und sich die Männer und Frauen zerstreuten, ging Thorsten in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm mindestens einer der Beamten auf Schritt und Tritt folgte.
   Was für eine Zeitverschwendung. Die Beamten hätten an anderer Stelle weitaus sinnvoller eingesetzt werden können.
   Keine Stunde später trat Kriminalhauptkommissar Achim Bräuer durch die Eingangstür des Hauses. Auf seinem Weg zu Thorsten hinterließ er eine breite Spur aus Schlamm und Wasser. »Herr Schneider. Ich würde gern mit Ihnen sprechen.«
   Thorsten bedeutete ihm mit einem Handzeichen, am Küchentisch Platz zu nehmen. »Wollen Sie auch einen Kaffee?«, fragte er aus reiner Höflichkeit.
   Bräuer schüttelte den Kopf. »Das Prozedere ist Ihnen hinlänglich bekannt.« Er legte die Hände vor sich auf den Tisch. »Wir müssen jeder Kleinigkeit nachgehen. Wir müssen alles wissen.«
   »Dann fragen Sie«, erwiderte Thorsten. Wenn er wollte, dass Ben gefunden würde, musste er sich zusammenreißen.
   »Herr Schneider, wer könnte ein Interesse daran haben, Ihren Sohn zu entführen? Wer könnte ein Interesse daran haben, Ihrer Familie Schaden zufügen zu wollen?«
   »Da gibt es viele«, antwortete Thorsten mit belegter Stimme. »Ich arbeite seit über zehn Jahren für die Staatsanwaltschaft. Was glauben Sie, wie viele der Männer und Frauen, die in dieser Zeit durch mich verurteilt wurden, mittlerweile wieder auf freiem Fuß sind? Was glauben Sie, wie viele ehemalige Straftäter sich frei auf unseren Straßen bewegen?« Wenn Ben seinetwegen entführt worden war, würde er sich das niemals verzeihen können.
   »Gab es konkrete Drohungen gegen Sie oder Ihre Familie?«
   »Nein.«
   »Ich würde Sie gern darum bitten, eine Liste aller Personen zu erstellen, denen Sie diese Entführung zutrauen.«
   »Das wird eine lange Liste.«
   »Harald Pfisterer wird mir genügend Männer zur Verfügung stellen, damit wir sie alle überprüfen können«, erwiderte Bräuer.
   »Das will ich hoffen«, antwortete Thorsten. »Ich werde mich gleich im Anschluss an unser Gespräch daran machen, diese Liste aufzusetzen«, fügte er hinzu, um seinen Worten ihre Schärfe zu nehmen.
   Bräuer dankte ihm. »Zudem brauchen wir eine Aufstellung aller Personen, die Zugang zu Ihrem Haus haben. Meine Kollegin Stephanie Rühle wird sich diesbezüglich mit Ihnen zusammensetzen.«
   »Diese Liste wird um einiges kürzer ausfallen.«
   Bräuer wirkte für einen Augenblick, als ob er etwas sagen wollte, doch dann schüttelte er den Kopf und zog einen zerfledderten Notizblock sowie einen Kugelschreiber aus seinem abgetragenen Mantel. »In welchen Kindergarten ging Ihr Sohn?«
   »In den Melanchton-Kindergarten in der Nähe des Stadtzentrums. Meine Frau hat ihn immer hingebracht und abgeholt.« Thorsten nannte Bräuer die Adresse.
   »Hatte Ihr Sohn Hobbys?«
   »Er bekam – er bekommt – Klavierunterricht«, antwortete Thorsten. »Einmal die Woche. Hier zu Hause.«
   »Wie heißt sein Lehrer?«
   Thorsten versuchte, sich an den Namen des jungen, talentierten Mannes mit den Pickeln im Gesicht zu erinnern, den Maria irgendwo, irgendwie aufgetrieben hatte. Er wollte ihm partout nicht einfallen. Bräuer bat ihn, mit seiner Frau zu sprechen, um den Namen in Erfahrung zu bringen. »Wir haben mehrere DNA-Spuren in Benjamins Zimmer sichern können«, fuhr er fort. »Wir müssen wissen, wer neben Ihnen und Ihrer Frau Zugang zum Zimmer Ihres Sohnes hatte.«
   Thorsten beugte sich zu Bräuer nach vorn. Zum ersten Mal während ihres Gespräches nahm er tatsächlich Notiz von dem, was der Kommissar zu ihm sagte.
   »Niemand kam in Bens Zimmer«, sagte Thorsten und fühlte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte. »Niemand … außer Maria und mir.«
   »Wir haben eindeutig zwei verschiedene DNA-Spuren gefunden, die nicht mit Ihrer DNA, der DNA Ihrer Frau oder der Ihres Sohnes übereinstimmen. Sicher hat Benjamin Freunde …«
   »Ja, natürlich hat er Freunde. Aber die nahm er nicht mit in sein Zimmer«, fiel Thorsten ihm ins Wort. »Hier unten im Erdgeschoss gibt es ein Zimmer, in dem er mit ihnen spielen kann. Dort steht auch das Klavier. Dort bekommt Ben seinen Unterricht. Maria und ich wollen nicht, dass irgendjemand in den oberen Teil des Hauses kommt. Das ist unser Teil des Hauses. Unsere Privatsphäre. Wir wollen dort ungestört sein.«
   Bräuers Stirn lag in Falten. Der Mann schien ihn nicht zu verstehen, doch Thorsten nahm sich nicht die Zeit, sich um die Befindlichkeiten dieses Mannes zu kümmern. »Zwei DNA-Spuren. Das heißt, dass es zwei Personen waren, die Ben entführt haben.«
   »Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Vielleicht hat Benjamin einen seiner Freunde mit in sein Zimmer gebracht, ohne, dass Sie etwas davon wussten.«
   Das wollte Thorsten nicht glauben.
   »Rufen Sie Ihre Frau an«, bat Bräuer ihn ein weiteres Mal. »Sagen Sie uns, wie der Klavierlehrer Ihres Sohnes heißt. Damit würden Sie uns einen großen Gefallen tun.«
   Seine Frau. Seine Frau hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Aber kaum, dass die Sanitäter sie aus dem Haus gebracht haben, hatte Thorsten sie vergessen. Kaum war Maria aus dem Haus gewesen, hatte er vergessen, dass es sie gab.
   Thorsten hoffte, dass Maria nichts sagte oder tat, was die zerbrechliche Fassade zwischen Schein und Sein zum Einsturz bringen könnte.

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