Peter Becher, Erster Sekretär an der Deutschen Botschaft in Lissabon, hat neben seiner Karriere nicht viel Raum für anderes. Seine Beförderung zum Rat ist nur noch eine Frage der Zeit. Als er eine DVD findet, die seinen gewaltsamen Tod zeigt, erleidet seine Fassade Risse. Will ihn sein Kollege und Rivale um den Posten als Botschaftsrat bringen? Weiß sein Konkurrent von seiner Vorliebe für farbige Frauen? Peter muss dem Rätsel auf die Spur kommen. Ein diabolisches Spiel zieht ihn in einen Sog dunkler Ereignisse, die bis zu Zeiten der Diktatur Portugals reichen, als Portugal und Angola das Zentrum weltpolitischer Entwicklungen waren. Dramatische Geheimnisse begleiten Peters Flucht vor seinem angekündigten Tod. Welche Schatten der Vergangenheit verfolgen ihn mit dem einzigen Ziel, sein Schicksal zu besiegeln?

Ruprecht Günther

Ruprecht Günther
Ruprecht Günther studierte an der FH München Grafik-Design und arbeitete jahrelang als Grafiker und Illustrator. 1997 entdeckte er seine Liebe zu Brasilien. Seine Aufenthalte wurden jedes Jahr ein wenig länger, bis er 2002 den Sprung wagte und zu seiner Frau nach Salvador da Bahia zog. Er vermietet hin und wieder an Touristen und betreibt einen kleinen Post- und Kunstkarten-Verlag. In Brasilien widmet er sich drei Leidenschaften: dem Schreiben, der Fotografie und der Musik. Im Lauf der Jahre entstanden einige Romane und viele Kurzgeschichten. Auf dem Motorrad und mit Kamera zieht er durch die Favelas, durchs Landesinnere und dokumentiert die afrobrasilianische Naturreligion „Candomblé“.

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Die Schleife



Kapitel 1
Ein merkwürdiger Fund

»Halten Sie an!« Der Taxifahrer wandte sich zu Peter um, zeigte auf den dichten Nach­mittags­verkehr und machte eine resignierte Geste.
   »Halten Sie an, verdammt noch mal. Bitte.«
   Der Fahrer knurrte, scherte nach rechts aus und zwang einen nachfolgenden Ford zur Vollbremsung. Unter den Klängen eines Hupkonzerts lenkte er die rechten Räder auf den Randstein und verzog die Lippen. »Das kostet Sie ein paar Scheine extra.«
   »Claro que sim.« Peter lächelte dünn. Seine Beherr­schung der portugie­sischen Sprache war nahezu perfekt, schließlich lebte er in Lissabon den größten Teil seines Lebens. »Ich lege zwanzig Euro drauf, geht das in Ordnung? Ich muss nur rasch etwas nachsehen.« Er schlüpfte aus dem Wagen und hastete über den Gehsteig. Die Hülle hatte unter einer der Laternen vor der Oper gelegen. Vielleicht handelte es sich nur um eine Sinnes­täuschung, aber das Gesicht auf dem Cover war ihm so unmittelbar ins Auge gesprungen, dass sein Herz einen heftigen Sprung machte.
   Peter stieß fast mit einer Frau zusammen, die sich mit einer anderen unterhielt und ihren Arm in seine Richtung gelenkt hatte. Er murmelte eine Entschuldigung, beugte den Oberkörper nach vorn und suchte den Straßenrand ab. Aus den Augenwinkeln registrierte er die befremdeten Blicke der Passanten und glitt wieder in die Senkrechte. Was er da tat, war in höchstem Maße lächerlich, um nicht zu sagen gefährlich. Wenn ihn nun jemand erkannte? Ein elegant gekleideter Herr, der in die Gosse schielte, als ob er nach einem Stück Pizza Ausschau hielte.
   In diesem Augenblick entdeckte er sie. Ein Strahl der schräg stehenden Sonne brach sich in der schillernden Oberfläche einer DVD-Hülle. Sekundenlang leuchtete sie auf wie eine unvermutete und Glück bringende Verheißung.
   Peter bückte sich, griff nach der DVD und ließ sie in seiner linken Jacketttasche verschwinden. Auf einmal spürte er, dass ihm der Schweiß über die Haut rann. Er wandte sich um und lief zurück zum Taxi. Auf den letzten Metern zwang er sich, seine Schritte zu bremsen, zog die Tür auf und ließ sich auf die Rückbank fallen. »Es war ein Irrtum. Ich dachte fälschlich, ich hätte einen Bekannten gesehen.« Sein halbherziges Lächeln missglückte schon im Ansatz.
   Der Taxifahrer zog die Brauen hoch und fädelte sich in den Verkehr ein. »Und? Wo soll es nun hingehen?«
   Peter zog die DVD hervor. Etwas verspätet wurde ihm klar, dass der Fahrer ihn gemeint hatte, und er fuhr zusammen. »Zu der angegebenen Adresse, wie abgemacht«, sagte er etwas schärfer. Das fehlte noch, dass ihm ein taxista auf der Nase herumtanzte.
   Mit brennenden Augen starrte er auf das Cover. Ihm blickte ein aristokratisch wirkendes, leicht spöttisches Gesicht entgegen. Er sah seine tief liegenden mandelfarbenen Augen, den vollen Mund, dessen rechter Winkel ein wenig hochgezogen war, und seine Geheimratsecken, die sich weit in den Schopf fraßen. Das Haar war silbergrau und nach hinten zurückgekämmt. Mitten auf der entblößten Brust stand wie eingraviert: A última hora. Die letzte Stunde.
   Peter fröstelte. Obwohl es an diesem späten Aprilnachmittag immer noch recht heiß war, legte er die Arme um den Körper. Eine Glocke schrillte in seinem Inneren und veranlasste ihn, den Blick zu heben. Aus dem Rückspiegel starrten ihm die misstrauischen und wachen Augen des Taxifahrers entgegen. Einen Augenblick lang schienen sie Peter wie die eines Raubtiers vor dem Sprung.

Kapitel 2
Das Bild der letzten Stunde

Das kleine, aber exquisite Apartment lag eingebettet in ein unübersehbares Gewirr von Häusern, winzigen Plätzen und Gassen, die so schmal waren, dass kaum ein Auto hindurchpasste. Auf den Straßen spielten lärmend ein paar Kinder. Der einladende Duft von sardenhas assadas erfüllte die Luft, und ein Hauch von Bossa Nova und Fado schwebte durch das Viertel. An Schnüren, quer über die schmalen Gassen gespannt, tropfte frisch gewaschene bunte Wäsche. In die Schatten getaucht hockten alte Frauen, denen die schwarzen Gewänder um den Leib flatterten wie die Federkleider von riesigen und bösartigen Vögeln.
   Peter stand auf dem winzigen gusseisernen Balkon seiner Wohnung und atmete auf. Der Himmel über ihm war so tiefblau, dass es fast in den Augen schmerzte. Zum Horizont hin wurde das Blau von hellen Gelbtönen durchdrungen, in die sich ein zartes Rosa mischte. Peter genoss wie immer die fantastische Aussicht über die rostroten pittoresken Dächer von Lissabon. Gleich einer Frau lagen sie seit Jahrhunderten im Tal und schienen darauf zu hoffen, dass jemand ihren Burgfrieden eroberte und sie beschützte. Sein Blick schweifte über sie hinweg bis zum Tejo, dessen Band sich breit und glitzernd durch das Land streckte.
   Peter tastete nach der DVD, doch er durfte sie jetzt nicht ansehen. Railda konnte jeden Moment kommen. Er warf einen Blick auf sein Chronometer und runzelte die Stirn. 18:30 Uhr, sie müsste längst hier sein.
   Wenn Peter etwas hasste, war es Unpünkt­lich­keit. Warum konnten die Menschen es nicht halten wie er? Einen Termin ausmachen, ihn akkurat aufschreiben und einhalten. Railda tat nichts dergleichen. Sie war launisch, unpünktlich und hin und wieder vulgär. Besäße sie nicht diese feuchte Ebenholzhaut und gemeingefährlichen Rundungen, die sie Mal für Mal gegen ihn einzusetzen pflegte, hätte er sie längst zum Teufel gejagt.
   Zu seinem Leidwesen besaß er eine Obsession für dunkelhäutige und temperamentvolle Frauen, die seinem sonst so geordneten Wesen zuwiderlief. Und diese senhorita aus Mosambik machte ihm gehörig die Hölle heiß; aber er würde sie schon noch zurechtstutzen. Er hob seinen rechten Mundwinkel ein Stück in die Höhe, sah noch einmal auf die Uhr und trat durch die Balkontür ins Innere.
   Die Wohnung war nicht groß, doch für seine Zwecke eignete sie sich hervorragend. Das wichtigste daran war ein hübsches Zimmer mit einem komfortablen großen Bett, dazu gab es ein chromglänzendes Bad, das er extra hatte einbauen lassen, und die kleine, aber funktionelle Küche. Nur die Putzfrau wusste von der Existenz dieser Wohnung, die seinem akribisch geführten Leben ein keckes Sahnehäubchen aufsetzte.
   Peter schritt über den Teppichboden im Schlafzimmer und trat in die Küche. Sein Blick fiel auf die schmalen Einbauschränke aus Teakholz, Glas und Edelstahl. Sie hatten ihn ein kleines Vermögen gekostet, doch Peter war nun einmal Perfektionist. Auf der Anrichte aus Marmor ruhten ein Saftmixer und ein Kaffeeautomat im Originaldesign der Fünfzigerjahre. Er trat vor den Automaten, stellte ein Tässchen mit Goldrand darunter und drückte auf den Knopf für Espresso. Der Apparat gurgelte, und nach wenigen Sekunden tropfte die schwarze Flüssigkeit heraus. Der Duft verteilte sich im Raum und schmeichelte seiner Nase. Er blähte ihre Flügel auf und zog sie genüsslich wieder zusammen. Mit einem winzigen Goldlöffel zuckerte er den Espresso und stürzte ihn hinunter.
   Railda war nicht gekommen. Doch selbst wenn sie jetzt noch auftauchte, würde er ihr nicht öffnen. Sie benötigte eine kleine Lektion, sonst glaubte sie vielleicht, sie wäre unersetzlich.
   Peter stellte die Tasse ab und trat ins Schlafzimmer. Sein Herz geriet einen Augenblick aus dem Takt und fing plötzlich an, wuchtig in seiner Brust zu schlagen. Er trat auf seinen DVD-Player zu und stellte ihn an. Peter zog die Hülle aus der Tasche und öffnete sie. Eine schmale Scheibe ruhte darin wie ein schillerndes Juwel. Er löste sie heraus und legte sie in das Gerät. Angezogen mit Designerjeans und Jackett ließ er sich auf die Decke fallen, deponierte die Schuhe auf der Chromleiste am Bettrand und griff nach der Fernbedienung.
   Der große Flachbildschirm zeigte das DVD-Symbol. Dann war das Zeichen fort. Für einen Moment sah Peter nur Schlieren. Endlich wurde das Bild klar und zeigte einen trostlosen Hinterhof. Es war keinerlei Ton zu hören.
   Peter sah eine hohe Mauer, vor der ein Haufen Lumpen und Schutt lagerte. Der Hofboden war betoniert, doch die Fläche wurde von zahlreichen Rissen durchzogen, in denen das Unkraut wucherte. Die Kamera hatte sich wohl um neunzig Grad gedreht und zeigte nun ein heruntergekommenes, niedriges Gebäude. Das einzige Fenster war von außen vergittert. Ein Mann in einer abgerissenen Uniform öffnete die Tür. Die Kamera schwebte an einem schmuddligen Schreibtisch vorbei, auf dem Akten lagerten. Sie machte einen Schwenk nach links, man blickte auf eine Wand und davor ein Gitter. Die behaarte, fleischige Hand des Mannes schloss die Tür darin auf. Im Blickfeld erschien eine Gestalt mit tief liegenden Augen. Sie trug eine verdreckte beige Leinenhose, ein Paar schmutziger Desig­nerschuhe und sonst nichts. Ihr Blick stierte einen Moment lang in die Kamera. Es war der eines Menschen ohne Hoffnung.
   Plötzlich stahl sich in die Augen noch etwas anderes. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzten sie auf. Die aufgesprungenen Lippen des Gefangenen öffneten sich, als wollten sie dem Betrachter etwas mitteilen. Im gleichen Moment packten ihn die groben Hände des Wächters und zerrten ihn ins Freie. Ein zweiter Mann presste ihm ein breites Klebeband über den Mund und schleifte ihn mit dem ersten vor eine Mauer.
   Mitten auf dem Weg kam der Gefangene ins Stolpern, kniete sich auf den staubigen Boden und band die Schleife an seinem rechten Schuh. Dann blickte er hoch wie zu einer stummen Bitte.
   Die Kamera zeigte links von dem Gebäude eine Handvoll grobschlächtiger Kerle mit Schrotgewehren. Ein hagerer alter Mann im Rollstuhl ließ sie antreten und sich in einer Reihe aufstellen. Lässig schlugen die Männer ihre Waffen an.
   Das Objektiv richtete sich auf den Gefangenen an der Mauer und zoomte an ihn heran. Peter sah sein eigenes aristokratisches Gesicht mit den glühenden mandelfarbenen Augen, die sich flehentlich auf den Betrachter richteten.
   Plötzlich platzte seine Kleidung auf, seine Augen traten weit aus den Höhlen. Schüsse leckten über den Verputz, Staub wirbelte wie ein Sandsturm in der Wüste und der Körper bäumte sich auf und brach zusammen.
   Peter war schwindlig. Einen Moment lang überkam ihn der Impuls, sich zu übergeben, doch er zwang ihn nieder. Das Herz donnerte ihm bis zum Hals. Sekundenlang hatte er das peinigende Gefühl, es gäbe keine Luft mehr, die er atmen könnte. Er sah die zusammengesunkene Gestalt seines Alter Ego, die auf dem Boden lag und ihn aus toten Augen anstarrte.
   Der Mann auf der DVD war er selbst, daran bestand nicht der Hauch eines Zweifels. Der Film zeigte etwas vollkommen Unmögliches. Er zeigte die Zukunft, seinen schrecklichen und gewaltsamen Tod. Peter ächzte. Zitternd suchte er nach einem Glas Wasser, das nicht existierte. Was in Gottes Namen sollte er jetzt tun? Er musste hinaus an die frische Luft, hier drinnen würde er noch ersticken. Peter sprang vom Bett, öffnete den DVD-Player und steckte die Scheibe wieder in die Hülle.
   Als er aus der Haustür trat, ging es ihm besser. Auf der Straße herrschte ein fast blaues Zwielicht, das hin und wieder gestört wurde von hellen Tupfern aus Licht. Der Duft von gebratenen Sardinen hing in der Luft. Peter hörte ein Lachen und das wütende Gebell zweier Hunde. Ein Liebespaar schlenderte durch die Gassen, und aus einem geöffneten Fenster drang die träge Stimme von Caetano Veloso.
   Peter betrat eine schmale Treppe, die steil nach oben führte. Auf halbem Weg führte ein Sträßchen nach rechts, das fast im Dunkeln lag. Er lief hinein und schützte den Kopf mit seinen Händen vor der tropfenden Wäsche. Von irgendwoher hörte er das Kichern eines Mädchens. Eine Katze kreuzte mit erhobenem Schwanz seinen Weg und setzte elegant durch ein Fenster. Er sah eine erleuchtete Tür halb im Keller, aus der es nach Holz und Leim duftete.
   Die Gasse öffnete sich zu einem Platz. Im frühen Abendlicht wirkten die Fassaden der Häuser fast violett. Ein paar Sonnenflecken spielten im rankenden Efeu Fangen. Unter einer ausladenden Platane stand ein Mädchen und ließ still in sich versunken einen Ball an den Stamm hüpfen. Auf seinen Gesichtszügen lag ein entrücktes Lächeln. Seine Lider waren halb hinuntergesunken und aus den geöffneten Lippen rann der Speichel.
   Dieses Mädchen war geistig behindert, und doch schien es vollkommen mit sich zufrieden. Aufmerksam und geduldig warf es den Ball, ließ ihn zurückprallen und warf ihn wieder aufs Neue, als wäre dies die sinnvollste Aufgabe, die es auf der Welt geben könnte.
   Peter hatte sich nie Zeit genommen, das Viertel um seine Wohnung kennen­zulernen. Mit einem Mal überkam ihn das Gefühl, er verfügte über alle Zeit, die auf Erden existierte. Er hatte seinen Tod gesehen. Das Schlimmste waren die Augen gewesen. Seine und doch ganz andere.
   Er führte, seit er bewusst nachzudenken verstand, ein klares, definiertes und erfolgreiches Leben. Diese Augen waren die eines Entsetzten gewesen, eines Menschen, der am Ende war.
   Wer hatte die DVD dort abgelegt, wo er mit dem Taxi vorbeifuhr? Wer wusste, dass er an diesem Tag und um diese Zeit die Oper passieren würde? War wirklich er das Opfer gewesen oder nur ein raffinierter Doppelgänger? Wer hielt die Kamera in den Händen, wer war der Mann, der lautlos Befehle brüllte, wo lag der Hinterhof und wann geschah dies alles? Hatte Peter eine Tatsache gesehen oder eine Möglichkeit? Konnte man eine vorweg­genommene Zukunft sehen? Konnte man sie durch irgendeine Macht der Welt aufhalten oder ändern? Oder strömte der geradlinige Fluss seines Lebens unabänderlich und zielstrebig auf diesen grausamen Tod zu?
   »Mariza«, zischte eine Stimme aus einem Fenster.
   Das Mädchen schreckte aus seinem versunkenen Spiel hoch und flüchtete in den Eingang des Hauses zu seiner Linken.
   Peter wischte sich den Schweiß von der Stirn. Konnte er irgendetwas tun, um dieses schreckliche Ende abzuwenden? Alles, was er anstellte, konnte ihn, ohne dass er sich dessen bewusst war, genau darauf zuführen. Oder eben auch nicht. Ein einziger Schritt konnte ihn unweigerlich in den Abgrund oder ins Licht lenken.
   Er blickte auf die Platane. Von einem leichten Windhauch bewegt, flirrten ihre Blätter wie Tausende kleiner Spiegel. Der Himmel darüber war dunkelblau. Die ersten Sterne brannten sich darin ein und ein anthrazitfarbener Schleier senkte sich über den Platz, als wollte er ihn bereit machen für die unwägbaren Geheimnisse der Nacht.
   Mit fast hellsichtiger Klarheit wurde Peter bewusst, dass diese Welt so schön war, dass ihr Anblick den Menschen schmerzte.
   Die ersten milchigen Lichter gingen an und die Schatten, die in den Ecken geschlummert hatten, warfen düstere Bahnen. Er hörte ein Geräusch, als ob etwas zu Boden fiele, und blickte an der Platane vorbei. Eine dunkelhäutige, junge Frau mit einer Unzahl von Zöpfen hatte ihr Täschchen fallen­ gelassen und bückte sich, um es aufzuheben. Er sah den tiefen Ausschnitt ihrer grellgrünen Bluse und ihr waches Gesicht, in dem zwei riesige schwarze Augen brannten. Ihr Mund zog sich vor Schreck zusammen, die rosafarbene Zunge strich lasziv über die Lippen, und sie sah ihn an.
   Für Sekundenbruchteile zurrte sich ihr Blick an dem seinen fest; dann huschte er wieder fort auf die Tasche. Die Frau griff nach den Henkeln, wandte sich um und eilte auf hochhackigen Schuhen davon.
   Die Erregung packte ihn wie ein elektrischer Schlag. Peter setzte sich in Bewegung und hastete der Frau nach. Sein Herz pochte heftig. Er hörte das entfer­nte Klacken der Absätze und lief schneller.
   Vor ihm öffnete sich eine schmale Gasse, die von einer Funzel erleuchtet wurde. Es roch durchdringend nach Urin, gebrate­nem Palmöl, Kokosmilch und uraltem Schimmel. Ein Straßenhund winselte und wedelte mit seinem angebissenen Schwanz. Am Ende der Gasse stand die junge Frau und wandte sich nach ihm um. Sie schien tatsächlich auf ihn gewartet zu haben, lächelte flüchtig und hastete weiter.
   Peter lief um eine Ecke, erblickte vor sich eine Sackgasse und an ihrem Ende einen Bogen, der in einen Hof führte. Die klackenden Schritte waren verstummt. Er atmete tief aus, trat unter dem Eingang hindurch und gelangte auf ein dunkles Areal. Über ihm glitzerten die Sterne und die Sichel des Mondes schälte sich aus der Öffnung eines düsteren Kamins. Das Kopfsteinpflaster hallte hohl unter seinen Schuhen. Eine Katze fauchte und stob über ein niedriges Blechdach davon. Die Fassaden der Häuser wirkten so tot, als hätte dahinter nie eine Menschenseele gehaust. In der Mitte des Platzes plätscherte ein Brunnen mit einer weiblichen Figurine.
   Plötzlich sah er sie. Der Mond stand jetzt frei am Himmel und beleuchtete schemenhaft ihren Umriss. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und stützte ihre Arme auf den hohen Beckenrand des Brunnens. Er trat von hinten auf sie zu. Sie roch nach Gewürzen und Ölen, die er noch nie im Leben gerochen hatte. Ihr Anblick verschlug ihm fast den Atem.
   Er riss ihren kurzen Rock hoch und sah ihr schimmerndes Gesäß. In seinem letzten klaren Moment griff er in seine Tasche und streifte ein Gummi über. Mit einer plötzlichen Böe kam eine Anmutung von Kälte. Peter lehnte am Rand des Brunnens und öffnete die Augen.
   Die dunkelhäutige Frau war wie vom Erdboden verschluckt. Die durchdringende Süße, die er eben noch empfunden hatte, wich einem nagenden Schmerz. Seine beige Leinenhose war zerknittert. Sie saß ihm wie gewohnt über den Hüften. Er hatte nicht gemerkt, dass er sie hochgezogen hatte. Peter glitt mit einer Hand in die Tasche und suchte nach der Börse. Sie war nicht mehr da.
   Ein eisiger Klumpen griff nach seiner Brust. Hektisch suchte er alle Taschen durch und tastete mit dem Blick über den Boden. Die Börse blieb verschwunden. Mit ihr sein Bargeld, seine Scheckkarten und die kleine Ausweiskarte, die ihn als Mitarbeiter der Deutschen Botschaft auswies. Er wühlte noch einmal in der Innentasche der Jacke und stieß plötzlich auf einen Zettel.
   Mit fliegenden Fingern zog er ihn hinaus und versuchte, die Buchstaben im bleichen Licht zu entziffern. In ungelenker Schrift stand dort Rua Pedro Gonzales, 46. Primeiro Andar.
   Das, flüsterte eine Stimme in seinem Inneren, war dein erster Fehler.

Kapitel 3
Rua Pedro Gonzales

Peter wachte auf von einem stechenden Kopfschmerz, der ihm vom Nacken über die Stirn und Schläfen kroch und sich akribisch darin festkrallte. Er hatte irgendeinen Unsinn geträumt von einer großen Todesanzeige mit seinem Namen und einer akkurat gezeichneten Schleife.
   Mit einem Ruck setzte er sich auf und stöhnte. Es war kein Unsinn gewesen. Wie ein Schlag überfiel ihn die Erinnerung an die DVD, seine gepeinigten, weit aufgerissenen Augen, die Begegnung mit der jungen Frau und seine gestohlene Börse.
   Stück für Stück drang der Inhalt der Botschaft in sein Bewusstsein. Er würde sterben, und nicht nur das. Peter würde einen schrecklichen und grausamen Tod erleiden. Das Schlimmste war, man hatte es ihm gezeigt. Er befand sich in der Situation eines Ver­brechers in der Todeszelle, der darauf wartete, dass sein Urteil vollstreckt würde. Er kannte sein Ende, doch er wusste weder den Tag noch die Stunde.
   Peter stand auf, wankte zum Bad und betrachtete seine rot geäderten Augen, die grauen Bartstoppeln und seine aus der Form geratenen Haare. Er sah aus wie ein alter Mann, nicht wie der smarte Diplomat Anfang fünfzig, dessen Anblick ihm normalerweise der Spiegel zeigte. Erschöpft setzte er sich auf den Rand der Badewanne und starrte auf das weiß glänzende Becken.
   So ging das alles nicht weiter, sonst wurde er noch verrückt. Er musste irgendetwas tun. Er musste sein Leben wieder in den Griff bekommen. Gleich einem Schluck guten Whiskeys regte sich in seinem Bauch das Gefühl eines wilden und aufbegehrenden Trotzes.
   Irgend­jemand, so viel stand fest, wollte ihn fertigmachen. Retzer vielleicht? Peter griff sich ans Kinn und ballte seine andere Hand zur Faust. Das war eine Möglichkeit. Ihn überkam die größte Lust, sich zu ohrfeigen. Anstatt in Selbstmitleid über seinen vermeintlichen Tod zu schwelgen, hätte er sich lieber um das Naheliegende kümmern sollen. Wer hatte ein Interesse daran, ihn abzuservieren? Wer wollte, dass seine Nerven gerade jetzt, in dieser überaus entscheidenden Phase, bloß lagen und er irgendeinen Fehler machte, der das kunstvoll errichtete Gebäude seiner Karriere zum Einsturz brächte?
   Vermutlich tatsächlich Retzer. Diesen Gefallen würde er seinem Kollegen nicht tun. Kalte Wut setzte sich in seiner Brust fest und verdrängte wohltuend die nackte Angst. Mit einem krächzenden Lied auf den Lippen stand er auf, strich sorgfältig Schaum über die Wangen und machte sich daran, die juckenden Stoppeln zu rasieren.
   Zunächst musste er die Sache mit der gestohlenen Börse in den Griff bekommen. Diese schwarze Schlampe hatte ihn hereingelegt. Und wenn schon. Das war keine Angelegenheit, die sich nicht mit Geld und vielleicht ein wenig Druck lösen ließ. Wahrscheinlich wollte sie ihn irgendwie erpressen. Wenn sie jedoch glaubte, ihn zu Zugeständnissen bewegen zu können, war sie schiefgewickelt. Diese Frauen aus den Exkolonien hatten meistens etwas auf dem Kerbholz oder zumindest eine Aufenthaltsgenehmigung, die nicht ganz astrein war. Zum Glück verfügte Peter über gute Verbindungen. Wenn er einmal wusste, wo die Göre wohnte, würde ein kurzer Wink genügen, um sie ausweisen zu lassen. Vielleicht konnte er ja sogar einen Deal mit ihr arrangieren. Er spürte, dass die Erregung in ihm hochstieg, und schloss einen Moment lang die Augen.
   Ihm waren schon viele gute Frauen untergekommen, aber etwas Vergleichbares hatte er noch nicht erlebt. Sie hatte die ganze Zeit über kein einziges Wort gesagt. Dafür war ihr Körper umso beredter gewesen.
   Nach ihrem Verschwinden war er atemlos durch die Stadt gestreift, ohne einen Cent in der Tasche. Er hatte sogar eine Station mit der Tram schwarzfahren müssen, die ihn den Hang zum Bairro Alto hinaufbrachte. Dort lag seine großzügig gebaute Zweizimmerwohnung mit Stuckdecken und einem herrlichen unverbauten Blick auf das castelo.
   Retzer. Natürlich war er es gewesen. Peter hoffte fast täglich auf die Beförderung vom Rang des Ersten Sekretärs zum Botschaftsrat, doch auch Retzer arbeitete auf den Sprung hin. Zum Glück hatte der Botschafter Hans Seifert angedeutet, dass er Peters Ernennung wohlwollend in Erwägung ziehe. Es durfte auch eigentlich nicht anders sein. Schließlich war Vater seinerzeit Botschaftsrat gewesen und hatte damals praktisch die Vertretung geleitet. Er hatte 1975 Botschafter werden sollen. Peter hatte nie begriffen, warum es letztendlich nicht dazu gekommen war. Vielleicht holte Peter das für ihn nach?
   Retzer war sein größter Feind in der Botschaft, er hatte dies bereits beim ersten Handschlag gewusst. Männer, die auf der Karriereleiter nach oben strebten, spürten so etwas. Vielleicht war es eine bestimmte scharfe Duftnote, die auch das beste Parfüm nicht überdecken konnte, vielleicht der Blick des Raubtiers, das sich nur unzureichend hinter der Fassade verbarg und auf den Sprung wartete. Das falsche, mühsam antrainierte Lächeln, der immer ein wenig angespannte Hals und die nervösen Finger, die sich in unbeobachteten Momenten aneinanderrieben.
   Da Retzer schon länger an der Botschaft arbeitete als Peter, betrachtete er sich wohl als prädestiniert. Schlecht für ihn, dass ihm so ein brillanter und kühl berechnender Mann wie er in die Quere gekommen war. Peter hatte Retzer schon öfter dabei erwischt, wie er versucht hatte, ihm eine Falle zu stellen: eine nicht weiterge­leitete Information, die falsche Einschätzung einer wichtigen Persönlichkeit, ein wohlmeinender Tipp, der ihn direkt ins geschärfte Messer laufen ließ. Bis jetzt war es ihm meist gelungen, die sorgsam ausgelegten Fallstricke zu umgehen. Hin und wieder hatte er das Spiel sogar umgedreht und war scheinbar blind auf unsichtbare Fäden zugestolpert, doch wer sich letztendlich darin verfangen und vor Wut geschäumt hatte, war Retzer.
   Peter betrachtete sein Spiegelbild und war mit dem Ergebnis zufrieden. Seine frisch rasierten Wangen glänzten rosig, das silbergraue Haar war zurückgekämmt und die markanten Geheimrats­ecken betonten die hohe und ansprechend gewölbte Stirn. Seine Nase stach scharf aus dem Gesicht und bildete einen Kontrapunkt zu den fein geschwun­genen Lippen. In seinen Augen registrierte er einen letzten Hauch von Zweifel, aber auch den würde er noch ausräumen.
   Er trat zurück ins Schlafzimmer und überlegte, was er anziehen sollte. Er wählte eine schicke helle Jeans und ein blaues T-Shirt von Hugo Boss, das gut zu seinem gebräunten Hautton passte. Im Stehen verzehrte er ein Sandwich mit Hartkäse und Salat, trank einen Schluck Kaffee und verließ die Wohnung.
   Auf der Straße sog er den frischen Duft des Morgens durch die Nase. Die Mauern des Castelo São Jorge schimmerten zeitlos und silbrig grau im hellblauen Dunst, darum herum duckten sich die windschiefen Dächer der Alfama. Die Fassaden der Kirchen und Klöster strahlten in blendendem Weiß, als wären sie frisch gebadet. Mit Sicherheit würde es wieder ein heißer Tag werden.
   Er nahm den wunderbaren Blick in sich auf wie einen Schluck erlesenen Weißweins. Seufzend wandte er sich ab und winkte einem vorbeifahrenden Taxi. Peter setzte sich auf die Rückbank und gab die Adresse auf dem Zettel an.
   Der Fahrer sah in den Rückspiegel und musterte ihn interessiert. »Sind Sie wirklich sicher?«
   »Wieso, stimmt etwas nicht?«
   Der Fahrer blickte stoisch nach hinten. »Nein, senhor, wie Sie wünschen. Sie können natürlich überallhin fahren, wo Sie wollen.« Er wendete und machte sich auf den Weg in die Unterstadt.
   Peter bemerkte mit Unruhe, dass die Straßen, durch die sie fuhren, zusehends ärmer und verwahr­loster wurden. Nun, er hätte sich denken können, dass die Adresse nicht unbedingt in der besten Gegend liegen würde. Ein winziger Laden reihte sich an den anderen, davor stapelten sich Berge von Gemüse, tropischen Früchten und billigem Ramsch. Es waren fast nur noch afrikanische Gesichter zu sehen. Männer standen handelnd oder rauchend vor den Läden, andere lehnten lässig an der Wand und blickten provozierend dem vorbeifahrenden Taxi hinterher. Der Fahrer bog von der Hauptstraße ab, fuhr durch eine schmale, belebte Gasse und hielt schließlich auf einem weitläufigen und trostlosen Platz.
   Es sah aus, als wäre hier das Ende der Welt. Über die weite Fläche, in deren Mitte ein ausgetrockneter Brunnen stand, fegte der Staub. Zwei nahezu kahle Bäume reckten ihre Äste in den Wind, darunter standen Grüppchen von Männern, die sich wie auf ein Kommando nach dem Wagen umdrehten. Am Brunnenrand lehnten ein paar Junkies mit verdrehten Augen und ausgemergelten, weltfernen Gesichtern. Ein Betrunkener torkelte auf das Taxi zu, streckte begehrlich eine Hand aus und machte sich unverrichteter Dinge wieder davon.
   Überall auf dem Platz verteilt, in schatten­überwucherten Ecken, vor Hauseingängen und lasziv an Laternen­pfähle gelehnt, standen junge Frauen mit dunklen Gesichtern. Einige von ihnen mochten kaum sechzehn Jahre alt sein. Ihre riesigen schwarzen Augen blickten teilnahmslos auf die Schutthaufen, die speckigen, abgeblätterten Fassaden und die Bäume, die stumm und trostlos auf ihr unaufhaltsames Ende warteten. Hin und wieder näherte sich ihnen ein Mann, begutachtete sie wie ein Stück Rindfleisch und zog weiter.
   Schweiß sickerte Peter von der Schläfe in den Ausschnitt seines T-Shirts. Er zog ein blütenweißes Tuch aus der Tasche und tupfte sich über Gesicht und Hals.
   Der Taxifahrer grinste. »Der Afrikastrich. Da wollten Sie doch hin, oder?«
   Peter gelang eine Art Nicken. »Ich muss hier etwas erledigen. Könnten Sie bitte auf mich warten?«
   »Na klar.« Der Fahrer zog einen Zahnstocher aus einer Schachtel und begann, darauf herumzukauen. »Viel Spaß auch. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Die Mädels sind so früh am Morgen ja noch recht frisch.«
   Peter stieg wütend aus dem Wagen, kam ins Stolpern und fing sich im letzten Moment ab. Zahlreiche Blicke verfolgten jeden seiner Schritte. Ein Mann torkelte auf ihn zu, rempelte ihn an und hauchte ihm seine Schnapsfahne ins Gesicht. Warum hatte er nur seine Sonnenbrille vergessen? Der Staub wirbelte ihm in die Augen. Er musste eine Hand darüberlegen und sie zukneifen wie ein jugendlicher Sünder.
   Ihn überkam ein merkwürdiges Gefühl. Als ob er diesen armseligen Platz schon kannte. Er war sich sicher, dass er ihn noch nie betreten hatte, trotzdem stieg eine Ahnung in ihm auf. Unscheinbar wie eine Feder, die der Wind vor sich herträgt und minutenlang vor einem Gesicht tanzen lässt, bis sein Besitzer glaubt, sie bewegte sich ausschließlich für ihn allein.
   Sekundenlang hatte seine Wahrnehmung wohl ausgesetzt, denn plötzlich fand er sich vor einem heruntergekommenen Portal wieder. Hoch an der Wand entdeckte er eine kunstvoll gemalte, halb verblichene Sechsundvierzig. Darunter stand eine junge Frau und musterte ihn mit abwesendem Blick. Sie war bestimmt nicht älter als achtzehn, doch ihre Gesichtszüge erinnerten an die einer alten Frau.
   »Blasen zwanzig, Verkehr dreißig, anal fünfzig. Ohne Gummi hundert«, leierte sie herunter und sah durch ihn hindurch, als wäre er ein Teil der schwülen Luft, die sie atmete.
   Er schritt kommentarlos an ihr vorüber, öffnete das Tor und trat in einen dunklen, muffig riechenden Gang. Rechts sah er eine Reihe halb verrosteter und aufgerissener Briefkästen. Links schälte sich der Putz in Blasen von den Wänden. Manche davon waren aufgeplatzt und stülpten sich wie abgerissene Hautfetzen nach unten. Vor ihm lag eine Treppe. Er stieg die knarrenden, löchrigen und durchhängenden Stufen hinauf und spürte erneut sein heftig klopfendes Herz. Eine dunkelhäutige, junge Frau schritt ihm entgegen, lächelte ihn an und presste im Vorbeigehen blitzschnell eine Hand an seinen Schritt.
   Peter ächzte und hangelte sich mühsam hinauf in den ersten Stock. Rechter Hand befand sich eine zerbrochene und notdürftig reparierte Tür mit kunstvoll gedrechseltem Rahmen. Über dem Eingang sah er ein handgeschriebenes, rechteckiges Schild: O museu do amor perdido. Das Museum der vergeblichen Liebe.
   Unsicher drückte er auf einen alten grün angelaufenen Messingknopf. Nach zwei Sekunden sprang die Tür ruckartig auf, als ob von innen ein elektrischer Öffner betätigt worden wäre. Peter trat ein und schloss die Tür hinter sich.
   Als sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, sah er einen hohen, langen Gang und einen altmodischen Kronleuchter an der Decke. An den Wänden, die eine verblichene grüne Stoff­tapete zierte, hingen zahlreiche, gerahmte Bilder. Er trat vor das erste und sah eine Darstellung von Maria, die ihren gekreuzigten Sohn in den Armen hielt und bitter weinte. Das Werk strahlte solch eine Innigkeit und zeitlose Aktualität aus, dass es von einem van Dyck oder Rembrandt hätte stammen können. Das nächste Bild war sehr schlicht gehalten und zeigte ein Ehepaar, das Hand in Hand erstarrt vor dem winzigen Sarg eines Kindes stand. Peter stolperte weiter und sah einen Mann mit einem halb leeren Glas, der unverwandt auf das Bildnis einer jungen Frau blickte.
   Mitten in einem üppigen Goldrahmen steckte ein kleines vergilbtes Foto, das Joseph Goebbels im Sportpalast in Berlin zeigte und Tausende Menschen, die ihm frenetisch zujubelten. Er blickte auf das ovale Porträt eines Mädchens, das den gliederlosen Rumpf seiner überfah­renen Puppe in den Armen wiegte.
   Auf dem nächsten Bild sah er eine Szene, die ihm das Herz bis zum Hals klopfen ließ. Ein kleiner Junge, er mochte etwa zehn Jahre alt sein, stand vor seinem Vater, der steif in einem schweren Wohnzimmersessel in einem Zimmer saß, das gleichermaßen von Licht und Schatten durchflutet war. In der rechten Hand hielt er einen eisernen Reichsapfel, dessen Kreuz stark angerostet war. Seine Linke umfasste ein golden glitzerndes Schwert. Er hatte das Gesicht abgewandt und blickte hinaus auf die unendliche Weite des Meeres.
   Plötzlich wusste Peter, dass dieser kleine Junge er selbst war. Das Zimmer musste in ihrem Haus in Lapa liegen, wo seine Eltern und er in ihrer Lissabonner Zeit gewohnt hatten. Man sah seinen Kopf von hinten, wohingegen Vaters Rumpf frontal auf den Betrachter zuwies. Um Peters Hals lag eine Kette, die sich schlangengleich durch den Raum wand. An Vaters Körper reckte sie sich wieder hoch und endete wie bei ihm in einer metallenen Krause.
   Untrennbar und für alle Zeit verbunden. Peter fühlte einen leichten Schwindel und gleich darauf den merkwürdigen und unvermittelten Drang, zu weinen. Er riss sich von dem Bild los und tastete sich halb blind an der Wand entlang, die sich nach einem Meter zu einem Eingang öffnete. Peter schluckte den Kloß in seiner Kehle hinunter und klopfte an die geschlos­sene Tür.
   »Herein«, bellte jemand unwillig.
   Peter drückte die verschnörkelte Klinke hinunter und öffnete. Vor ihm stand ein ausladender Schreibtisch, auf dem sich Papiere und Akten stapelten. Sogar auf dem Boden fanden sich Dokumente, die sich zu wackligen und hohen Türmen bogen. Über dem Zimmer lag ein staubiger Geruch, als wäre es seit Jahren nicht gelüftet worden. Das ausladende Sprossenfenster war so von Spinnweben überwuchert, dass es kaum Licht durchließ. Links und rechts davon hingen zwei dunkelgrüne schwere Vorhänge wie ein Paar grimmiger und verwunschener Wächter. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckte Peter in einer Lücke zwischen den Papieren eine hagere, kleine Gestalt in grauer Uniform, die ihn an die der Heilsarmee erinnerte.
   Die Frau, der ein keckes Hütchen auf dem streng frisierten braunen Haar saß, betrachtete ihn böse. »Ja?«, fragte sie und musterte ihn aus stechenden graublauen Augen.
   Peter fühlte sich auf einmal sehr verlegen. Vergeblich hielt er nach einer Sitzgele­genheit Ausschau und improvisierte wohl oder übel im Stehen. »Verzeihen Sie mein Eindringen, ich … ich habe von einer jungen Dame einen Zettel erhalten, auf dem diese Adresse steht. Es ist leider so, dass die Dame … sie hat mich bestohlen, meine Brieftasche mit sehr wichtigen Dokumenten ist fort. Falls Sie mir irgendwie weiterhelfen können …? Ich hätte sie gern wieder, selbstverständlich gegen einen angemessenen Lohn.«
   Die Frau durchbohrte ihn förmlich mit ihrem Blick. Obwohl sie weit zu ihm aufsehen musste, ging von ihrem Äußeren eine merkwürdige Autorität aus. »Das hätten Sie wohl gern«, erwiderte sie verächtlich. »Erst rumhuren wie der alte Nero und dann Forderungen stellen.«
   Peter bemerkte entsetzt, dass sein Gesicht anlief wie eine gekochte Languste. Er wusste einen Augenblick beim besten Willen nicht, was er erwidern sollte. »Sie … kennen die senhorita?«
   »Ob ich sie kenne oder nicht, tut nichts zur Sache. Fest steht …« Die Frau setzte ihre Brille auf und stöberte in einem Paket von Akten. Sie kehrte das Unterste nach oben und holte endlich triumphierend eine speckige und zerfledderte Mappe hervor. Die senhora klappte sie auseinander, studierte einige Dokumente und hielt ihm schließlich einen vergilbten Artikel unter die Nase.
   Peter fühlte sich, als schwankte der Boden unter seinen Füßen. Auf einem großen, unscharfen Schwarz-Weiß-Foto sah er einen Berg von Leichen, die eben von ein paar Männern in ein Grab geworfen wurden.
   »Und was ist das?« Sie ließ die Worte in der Luft stehen, wo sie sich langsam ausbreiteten wie giftiger Atem. Endlich räusperte sie sich und wies auf das Foto. »Solange diese Schuld nicht abgetragen ist, bekommen Sie von mir nichts.«
   Der Zeitungsartikel verschwamm vor seinen Augen. Unversehens füllten sie sich mit Tränen, und Peter wischte sich peinlich berührt über die Lider. »Aber«, stammelte er, »das ist ein Missverständnis. Ich habe mit diesem Massaker nichts zu tun.«
   »So? Aber Sie wissen, dass es eines ist, nicht wahr? Sie haben mehr damit zu tun, als Sie denken.« Die Frau ließ den Ausschnitt fallen, der zurück auf den Schreibtisch segelte wie ein riesiges, von der tropischen Sonne verdorrtes Blatt. Ihre Eulenaugen richteten sich unverwandt auf ihn. »Gehen Sie«, zischte sie. »Gehen sie, bevor ich es mir anders überlege.«
   Mit eingezogenen Schultern drehte sich Peter um und stolperte auf die Tür zu. »Und die junge Frau, werde ich …?«
   »Alles zu seiner Zeit.« Einen Moment lang wirkte der Blick ihrer Augen fast sanft. »Begleichen sie erst einmal Ihre Schulden.«

Kapitel 4
Der Empfang

»Na, Gläschen?«, fragte Hans Seifert und klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. »Amüsieren Sie sich gut?«
   Peter hasste es, wenn sein Vorgesetzter ihn in Anspielung auf seinen Nachnamen Becher Gläschen nannte, und er hasste rhetorische Fragen, die jeglichen Sinngehalts entbehrten. Er vergewaltigte seine Lippen zu einem Lächeln. »Bestens. Vino und veritas spazieren ja, wie Sie wissen, gern Hand in Hand.«
   Seifert lächelte maliziös. »Immer zu einem Bonmot aufgelegt.« Seine Schweinsaugen schlossen sich zu Schlitzen. »Manchmal wüssten wir in der Tat gern, was die Wahrheit ist. Vor allem, wenn wir nicht ahnen, ob sie in der Vergangen­heit oder in der Zukunft liegt.« Er starrte ihn einen Moment lang nachdenklich an, bevor er schallend lachte. Dann hob er sein Glas, prostete ihm zu und eilte weiter.
   Was war denn das jetzt? Sollte das eine Anspielung auf seine anstehende Beförderung gewesen sein? Bei Seifert wusste man manchmal nicht, ob seine kryptischen Bemerkungen dem Alkohol zuzuschreiben waren oder einer geradezu diabolischen Freude, seine Untergebenen zu verunsichern.
   Peter griff nach seinem Taschentuch und wischte sich über die Stirn. Er musste sich in Zukunft besser im Zaum halten. In Stress­situationen neigte er zu einem unkontrollierten Zynismus, der Retourkutschen geradezu herausforderte.
   »Ja, die Wahrheit«, sagte jemand süffisant. »Ein merkwürdiger Geselle. Einmal sucht man sie, und sie macht sich rar wie eine resistente Jungfrau. Ein andermal würden wir sie am liebsten auf den Mond schicken, während sie an uns festklebt wie unser Schatten. Oder sollte ich sagen Vorfahr?«
   Das war natürlich Retzer. Dieser Kriecher hatte tatsächlich ihr kurzes Gespräch belauscht. Irgendetwas schien der Kerl zu wissen. Aber was? Oder bluffte er nur? In Peters eh schon überspanntem Kopf schrillten die Alarm­glocken. Betont lässig drehte er sich um und lächelte. »Wahr ist jedenfalls, dass ein gutes Gehör Gold wert ist, nicht? Wie sagte meine Großmutter immer? Wer viel hören will, wird auch viel fühlen.« Dass Retzer eine Kopflänge kleiner als er war, hatte Peter schon manches Mal als Vorteil für sich verbucht. Auch jetzt musste Retzer sein Gesicht schräg nach oben halten, wobei ihn das Licht des Kronleuchters zu blenden schien. Trotzdem wirkte sein aufgesetztes Grinsen alles andere als unsicher.
   »Wer fühlt, lebt, mein Lieber, das sollten wir niemals vergessen.«
   Dieser Hieb hatte gesessen. Das Schlimmste war, Peter konnte sich überhaupt nicht erklären, aus welchem Grund. Einen Augenblick lang hatte er den merkwürdigen Eindruck, Retzers Gesicht mit dem gepflegten Schnurrbart stünde über ihm und blickte mitleidig auf ihn herunter. Um das Maß vollzumachen, legte Retzer ihm auch noch eine Hand an den Arm, zwinkerte ihm zu und schritt durch die Menge davon.
   Panik überfiel ihn wie die Hitzewelle aus einem Hochofen. Gab es hier irgend­einen geheimen Code, den er nicht begriff? Standen dieser Film, die dunkelhäutige Frau, das merkwürdige Museum und die kryptischen Bemerkungen der beiden Männer in irgendeiner Verbindung? Peter gab sich einen Ruck und riss sich zusammen. Wenn er so weitermachte wie bisher, war er auf dem besten Weg, verrückt zu werden. Stückweise schälte sich in sein Bewusstsein ein Gemurmel. Plötzlich, als hätte jemand einen Pfropfen aus seinem Ohr gerissen, hörte er die Stimme klar.
   »… fragte, ob Ihnen nicht ganz wohl ist. Soll ich Ihnen vielleicht eine Tablette holen?«
   Eine gut angezogene Frau in den Vierzigern stand vor ihm und sprach wohl zum wiederholten Male auf ihn ein. Er starrte sie an, als wäre sie Mata Hari. Auf einmal funkte in seinem Inneren eine Verbindung, und er begriff, dass es Wiesel war, die Sekretärin von Seifert. Er befahl seinen mahlenden Kiefern erneut ein Lächeln. »Ich … habe tatsächlich etwas Kopf­schmer­zen. Wenn Sie mir eine Tablette bringen würden, wäre ich Ihnen ewig zum Dank verpflichtet. Und vielleicht auch ein Glas Wasser?«
   Angelika Wies grinste schelmisch zurück. Obwohl er sie schon viele Jahre kannte, hatte sich ihr Kontakt bisher fast ausschließlich auf berufliche Fragen beschränkt. Dabei umgab Wiesel eine unterschwellige, schwer zu bestimmende Aura. Ein winziges Lächeln außer der Reihe, ein kluger Rat zur richtigen Zeit oder eine mitfühlende Geste; sie luden den, der sie wahrnehmen wollte, ein, auszubüchsen aus der starren Etikette und gemeinsam ein paar hübsche Pferde zu stehlen.
   Die brünette Frau war untersetzt gebaut und hätte vom Typ her zur Fülligkeit geneigt, wenn sie sich nicht durch spartanische Rationen die Pfunde vom Leib gehungert hätte. »Wird gemacht, mein Lieber. Aber Vorsicht, ich könnte darauf zurückkommen.« Sie blickte ihn nachdenklich an und lächelte flüchtig. »Das war nur ein Scherz, Herr Becher, nur ein Scherz!« Sie signalisierte ihm mit den Augen, dass sich eine wichtige Persönlichkeit näherte.
   Peter drehte sich um und sah, wie der Vortragende Legationsrat im Auswärtigen Amt auf ihn zukam. Der Portugiese stand im Rang eine Stufe höher als er, nur wurde dieser, da er im Inland arbeitete, anders bezeichnet als im Auslandsdienst. In diesem hätte er die Stellung eines Botschaftsrats gehabt.
   Jorge Ramirez lächelte und streckte ihm die Hand entgegen. »Mein lieber Peter, ich freue mich wie immer, Sie in unseren bescheidenen Hallen begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, das Buffet ist anständig. Wir haben eine neue Cateringfirma, da weiß man nie, was auf einen zukommt.«
   »Sie wissen, dass bescheiden etwas anderes ist. Das Ambiente ist wie immer excelente. Wer hat denn diese fantastische Dekoration gezaubert?«
   »Gefällt Sie Ihnen? Die Anregung geht auf den Staatssekretär zurück. Er dachte, wir sollten den Festakt einmal ein wenig anders begehen, daher auch die Fotoausstellung. Haben Sie sie schon gesehen?«
   Peter verneinte, und Jorge Ramirez geleitete ihn quer durch die Menge auf die Galerie zu. Heute, am fünfundzwanzigsten April, feierte man den Jahrestag der portugiesischen Revolution der Nelken. Zu diesem Anlass gab der Außenminister jedes Jahr einen Empfang für das diplomatische Korps, bei dem Botschafter, höhere Beamte sowie Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur Gelegenheit zu einem Plausch erhielten. Der Empfang fand wie immer im Foyer des Ministeriums statt und erstreckte sich bis in den weitläufigen, von farbigen Lichtern illuminierten Garten.
   Weiß gekleidete Bedienstete standen hinter den Buffets und boten auf silbrigen Tabletts Weine und Cocktails an. Die Menschen strömten gut gelaunt durch die Halle und den nach Jasmin und frisch gemähtem Gras duftenden Garten. Unzählige rote Nelken erinnerten an den nahezu unblutigen Ausgang der Revolution, die Portugal von der Last der Diktatur befreit hatte. Hoch über ihnen spannte sich eine portugiesische Fahne und auf den am Rande verteilten Tischchen flackerten Kerzen in bauchigen Gläsern.
   Hier war die Crème de la Crème eines guten Teils der Welt versammelt und der Hauch einer verblichenen Epoche wehte durch die Halle. Dies war Portugals großer Tag, an dem es den Untergang seines Kolonial­reiches eingeleitet und damit erst seine wirkliche Größe bewiesen hatte.
   Senhor Jorge hatte Peter bis zur Galerie geleitet und nun zeigte er stolz auf das erste Bild. Es war ein Foto von General António de Spínola, dem zweiten Mann in der damaligen Militärhierarchie, mit seinem Buch Portugal e o Futuro.
   »Dieses Werk«, sagte senhor Jorge, »war die Abrechnung mit dem bankrotten Regime Caetanos und das lang ersehnte Signal, auf das Hunderte von Offizieren und das ganze Land gewartet hatten.«
   Natürlich kannte Peter die Geschichte, aber der Stolz und die Erregung auf Jorges Gesicht erfüllten ihn mit Bewunderung und fast so etwas wie Neid. Für das Movimento das Forças Armadas, die Bewegung der bewaffneten Streitkräfte, und das unzufriedene Volk war dieses Buch das Signal zur Rebellion gewesen.
   Senhor Jorge schritt zum nächsten Bild, das die in Lissabon einmarschierten Truppen der Aufständischen zeigte, von etlichen Menschen bejubelt. Auf einem weiteren Exponat sah man einen Soldaten, der lächelnd und stolz sein Gewehr präsentierte, in dessen Lauf eine rote Nelke steckte.
   Ein grobkörniges Schwarz-Weiß-Foto zeigte die einzigen Todesopfer, die die Rebellion zu beklagen hatte. Wütende Bürger hatten versucht, die Stützpunkte der Geheimpolizei PIDE zu stürmen. Die Poli­zisten hatten das Feuer auf die Menge eröffnet und vier Menschen waren in dem Kugelhagel gestorben.
   »Diese Scham wird für immer in dem Fleisch unseres Landes brennen.«
   Peter lauschte den flammenden Schilderungen von senhor Jorge. Auf einmal betrachtete er ihn aus einem neuen Blickwinkel. Hatte er bisher den Eindruck eines blasierten Schnösels gemacht, entpuppte er sich plötzlich als Mensch, den die Vergangen­heit alles andere als gleichgültig ließ. Peter beschloss, ihn auf seinem inneren Koordinaten­system, auf dem Freunde, Gönner, Gegner und Konkurrenten notiert waren, ein Stück nach oben zu verschieben.
   Sie waren vor einem der letzten Exponate angelangt. Die Bilder zeigten die Auswirkungen der Revolution in ganz Portugal und einige Zeitzeugnisse aus den alten Kolonien.
   Plötzlich machte Peters Herz einen Sprung. Er blickte auf ein leicht unscharfes Bild, das wirkte, als wäre es sehr rasch oder im Verborgenen gemacht worden. Es zeigte einen Berg von Leichen, die von Zwangsarbeitern in eine Grube geworfen wurden. Ein Mann starrte wie zufällig in die Kamera. In seinem Blick stand eine explosive Mischung aus Wut und Trauer, die Peter das Blut in den Adern gefrieren ließ.
   Es war exakt das gleiche Bild, das ihm die Frau im Museum der vergeblichen Liebe vorgehalten hatte wie einen ungedeckten Scheck. Peter verlor das Gleichgewicht, hielt sich einen Augenblick an Jorge fest und zog rasch und verlegen seine Hand zurück.
   Die Stirn seines Kollegen legte sich in Falten. »Ist Ihnen nicht gut?«
   »Was … was ist das für ein Foto?«
   Erst jetzt schien senhor Jorge das Bild an der Wand wirklich zu bemerken. Seine kastanienbraunen Augen schillerten plötzlich wie im Fieber. »Es wurde in Angola aufgenommen, nicht lang nach der Nelkenrevolution, jedoch noch vor der Unabhängigkeit. Dieser Jahrzehnte andauernde Bürgerkrieg war wirklich schrecklich.«
   Irgendjemand zupfte Peter am Ärmel. »Da sind sie ja endlich.« Angelika stöhnte. »Ich habe Sie schon die ganze Zeit über gesucht. Hier ist Ihre Tablette.« Sie hielt ihm strahlend das Aspirin und das versprochene Glas Wasser entgegen.
   Peter schluckte die Tablette und stürzte das Wasser hinunter. Unter Aufbietung seines ganzen Willens rief er seine zitternden Beine zur Ordnung und lächelte zurück. Plötzlich erinnerte er sich an ihren ersten Tag nach dem Umzug.

Er stand völlig verloren inmitten von Kisten, zugedeckten Möbeln und sorgsam verpackten, großen Bildern. Arbeiter in Blaumännern schleppten unter Mutters Argusaugen einen Schrank herein. Aus dem Bad stürmte ein Handwerker und fragte sie etwas wegen des heißen Wassers. Von überallher klang ihm das harte und bellende, vom Berliner Dialekt gefärbte Deutsch entgegen.
   Mutter strich Peter fahrig über den Kopf, lächelte flüchtig und eilte weiter. »Geh doch nach draußen«, rief sie im Fortgehen. »Das Wetter ist so schön, du solltest ruhig noch ein wenig spielen.«
   Gehorsam ging Peter um die Kisten herum und trat durch die geöffnete Flügeltür auf die Terrasse. Die heiße Nachmittagssonne brannte ihm auf den Kopf, und er roch den Duft spät blühender Rosen. Eine trockene Brise schmerzte seinen Lungen. Er hasste diese Luft schon jetzt. Die fremden Gerüche, die nichts mit dem Meer und der Unzahl von Gewürzen zu tun hatten, deren zerstäubter Hauch über seiner Stadt schwebte. Hier besaßen selbst die Rosen keine Kraft. Die Gesichter der Menschen waren bleich und hart, nirgendwo hörte er den Anklang einer Musik.
   Er blickte auf den herbstlichen Garten, dessen Pflanzen nichts mit der Üppigkeit südlicher Vegetation gemein hatten und nichts von den Geheimnissen wussten, die die Gärten Lissabons in sich bargen.
   Plötzlich bemerkte er, dass er nicht allein war. Er drehte sich um und sah wenige Schritte entfernt einen in sich gekehrten Mann in einem Sessel. Seine aristokratischen Gesichtszüge waren gramzerfurcht.
   Langsam, als bemerkte er die Anwesenheit Peters erst jetzt, wandte er den Kopf. Seine Augen von der Farbe reifer Mandeln waren blutunterlaufen und stumpf. Er öffnete ein paar Mal die Lippen wie ein Karpfen, der auf dem Trockenen nach Luft schnappte. »Es tut mir leid«, krächzte er und starrte Peter unverwandt an.
   Der Junge drehte sich um und rannte wie von der Tarantel gestochen zurück ins Haus.

Dies war die erste Begegnung mit Vater, an die er sich erinnern konnte.

Kapitel 5
Die Spur

In dieser Nacht schlief Peter nicht. Unter Aufbietung aller Willenskraft hatte er den Empfang durchgehalten, Hände geschüttelt, appetitliche Häppchen gegessen, der Rede des verspätet erschienenen Außenministers gelauscht und die sehnsuchtstrunkenen Fadosänger und Tänzerinnen bewundert. Zum frühesten Zeitpunkt, der ihm gerade noch vertretbar schien, flüchtete er nach Hause, öffnete eine Flasche Weißwein und stellte sich mit dem kühlen Glas ans Fenster.
   Aus der düsteren Kulisse der Alfama ragte das castelo, als wäre es flammenumlodert. Auch der volle Mond schien zu glühen und seinen schwelenden Atem über das Dächermeer zu hauchen. Der Himmel war anthrazit­schwarz und die Wunden der Sterne brannten darin wie winzige Inseln des Lichts.
   Peter dachte nur sehr ungern an Vater zurück. Mutter hatte ihm immer wieder versichert, früher, in Lissabon, sei er eine strahlende Erscheinung gewesen. Ein begnadeter Diplomat und Charmeur, ein Mann mit einer maßgeschneiderten Aura von Ansehen und Macht. Peter besaß an diese Zeit nicht die geringste Erinnerung. Er kannte Vater nur als einen traurigen, gebrochenen und verhärmten Mann, der sich von Stunde zu Stunde und von Tag zu Tag quälte. Peter hatte ihn erst bemitleidet und dann verachtet.
   Er sah vor sich das schmale, gefurchte Gesicht mit den Geheimratsecken, das seinem erschreckend ähnelte. Er sah die Müdigkeit darin, die Aussichtslosigkeit und das Eingeständnis von Schuld, die sich jeden Tag tiefer in die Züge fraß.
   Peter hatte damals nicht viel mit ihm zu schaffen gehabt. Er war damit beschäftigt gewesen, sein neues Leben in Berlin zu bauen. Die Erinne­rungen an Lissabon verschwammen wie die Farben eines Aquarells in der Sonne, wurden undeutlich und lösten sich schließlich in der kühlen und harten Berliner Luft auf. Peter lernte angestrengt auf dem Gymnasium und panzerte sich gegen Vorurteile und Anfeindungen mit geschliffenem Scharfsinn und Arroganz.
   Als er eines Tages, Wochen nach dem Umzug, aus der Schule kam, saß Mutter mit zusammengefalteten Händen im Wohnzimmer. Er sah sofort, dass etwas nicht stimmte.
   Ihre Finger waren nicht sorgsam ineinandergelegt wie sonst. Krampfhaft schien sie zu versuchen, ihr Zittern zu unterdrücken. Der wässrige Blick ihrer Augen bohrte sich in die gehäkelte Tischdecke und ihre dünnen Lippen waren aufeinandergepresst, als wollten sie sich gegenseitig daran hindern, zu schreien. »Setz dich, ich muss dir etwas sagen.« Endlich löste sich ihr Blick von der Decke, und sie sah ihn an.
   Er spürte, dass sie alle Kraft zusammennahm, um nicht zu schluchzen. »Dein Vater …« Sie machte eine Pause, sicher nicht um der Dramatik willen, sondern, weil sie kein einziges Gramm Schwäche zeigen wollte. »Dein Vater hatte einen Unfall mit … dem Auto. Er war auf der Stelle tot.«
   Peter senkte die Augen und sagte nichts. Er fühlte nichts. Sein Inneres glich einem leeren Blatt Papier, das auf den Wind wartete, damit er es hochtrug und mit den Eindrücken der Welt vollschrieb.
   Mutters Lippen verzogen sich zu einer Sichel. »Wir müssen jetzt stark sein. Du musst stark sein, versprichst du mir das?«
   Er nickte stolz. War er je etwas anderes als stark gewesen?

Vor Peters innerem Auge erschien wieder das schreckliche Foto mit den Ermordeten in Angola, als schlösse sich damit ein großer Kreis. Mit aller Kraft zwang er sich dazu, nicht noch an ein weiteres Bild zu denken: das seines zerschossenen und blutüberströmten Leichnams.
   Er schrak hoch und sah, dass sich über die Dächer ein schmutziges Grau senkte. Auf lautlosen Sohlen kroch es auf den Balkon und krabbelte feucht und kalt über seine Glieder. Plötzlich, auf ein unsichtbares Signal hin, begannen die Vögel zu singen, als wollten sie die Sonne betören, sie möchte sich ein allerletztes Mal noch erheben. Wie zur Antwort schälte sich aus den Mauern der Burg eine Anmutung von Licht, hüllte sie ein, breitete sich über den Horizont aus und begann aufs Neue, die Welt zu erobern.
   Peter musste irgendetwas tun. Er musste Klarheit in das Knäuel bringen, dem es an einem einzigen Tag gelungen war, sein Leben aus der Bahn zu werfen und ihn zu verwirren. Der einzige Ausweg, der ihm einfiel, war ein speckiger, abgerissener Zettel, auf dem mit ungelenker Hand ein paar Wörter geschrieben standen. Er musste zurück in das Museum der vergeblichen Liebe.
   In dem Augenblick, da er die Entscheidung getroffen hatte, fühlte er sich besser. Er bemerkte das gefüllte Glas in seiner Hand, trug es zurück in die Küche, entledigte sich im Schlafzimmer seiner Garderobe und trat unter die Dusche. Heute war Samstag. Er hatte den ganzen Tag zu seiner freien Verfügung.
   Jorge hatte ihn gestern gefragt, ob er auf einen Segeltörn nach Cascais mitkommen wolle. Diese Einladung war an sich ein großes Privileg, vielleicht sogar ein diskretes Angebot zu einer Freundschaft. Peter war, wie die meisten Mitarbeiter im diplomatischen Dienst, in menschlichen Angelegenheiten äußerst vorsichtig. Fallstricke und bissbereite Giftmäuler lauerten überall und warteten gierig auf ein falsches Wort oder einen falschen Tritt. Das diplomatische Parkett war seit jeher brüchig. Wer darauf tanzen wollte, musste dies mit weit geöffneten Augen und Ohren tun. Natürlich verfügte Peter über ein prall gefülltes Adressbuch, das brachte sein Beruf so mit sich. Freundschaften waren jedoch nicht vorgesehen.
   Trotzdem freute ihn das Angebot von Jorge. Sie kannten sich natürlich vom Sehen, aber bis über den üblichen Small Talk war ihre Konversation bisher kaum hinausgelangt.
   Ein Segeltörn in Cascais wäre sicher nett. Wer wusste, wer alles mitfuhr, und das Städtchen mit seinen blitzweißen Häusern und zahllosen gepflegten Jachten war ein Juwel vor den Toren Lissabons, zu dem die Reichen, Schönen und Wichtigen wie zu einer Wabe Honig strebten.
   Dennoch würde er den Termin canceln. Vielleicht erhöhte die Absage noch ein wenig seine Einstufung auf der portugiesischen Seite.
   Er frühstückte auf dem morgendlich frischen Balkon und griff nach seinem Adressbuch. Mit fliegenden Fingern suchte er nach der Privatnummer Jorges und wählte.
   »Pronto?«
   »Hallo Jorge, hier ist Peter, ich …«
   »Wie schön, Sie zu hören. Ich hoffe, nach dem kleinen Unwohlsein gestern geht es Ihnen besser?«
   »Eben deshalb rufe ich an. Ich hatte da wohl zum Brunch etwas Unverträgliches erwischt, vielleicht die eingelegten Garnelen, ich hätte sie nicht essen dürfen. Leider bin ich immer noch recht unpässlich. Wäre es sehr schlimm, wenn wir den Törn auf ein andermal verschieben?«
   »Peter, Sie machen mir Sorgen. Sie sollten zu einem Arzt gehen.«
   »Es ist nichts, was nicht ein bisschen Ruhe, Kräutertee und ein gutes Buch aus der Welt schaffen könnten. Zum Glück ist unsere Sekretärin ein wandelnder Medizin­schrank. Sie hat mir einen Tee und homöopathische Kügelchen verpasst, die wahrscheinlich selbst Tote zum Leben auferwecken könnten.«
   »Dann weiß ich Sie ja in guten Händen. Schade ist es trotzdem. Also werde ich den Champagner und die gegrillten gambas wohl allein vernichten müssen.«
   »Sagen Sie nur, Sie hatten sonst keine Begleitung arrangiert?«
   Jorge zögerte einen winzigen Augenblick mit der Antwort. »Würde Sie das stören?«
   O Gott. Der liebe Kollege war doch nicht etwa schwul? Er hatte bisher gar nicht den Eindruck gemacht. »Aber ganz im Gegenteil. Es wäre mir ein großes Vergnügen. Wir müssen das bei nächster Gelegenheit wirklich nachholen.«
   »Mit der größten Freude«, erwiderte Jorge galant. »Zwei Männer mit den gleichen … Nun ja, lassen Sie uns das auf dem Törn besprechen. Noch einmal gute Besserung und haben Sie einen angenehmen Tag.«
   Peter runzelte die Stirn und starrte auf das stumme Telefon, als hätte es vor, ihm noch etwas Wichtiges zu sagen. Das war wirklich mehr als peinlich. Wollte der Kerl ihn tatsächlich umlegen? Oder steckte mehr da dahinter? Vorsicht. Ein Schritt in die falsche Richtung, und man landete mitten im Abgrund.
   Für Sekunden verschwamm der Hörer vor seinen Augen. Peter hatte die Vision, er saugte seinen Schädel, den Hals und den Rumpf unaufhaltsam in sich ein und verschluckte ihn mit Haut und Haaren. Er merkte, dass sich seine Finger verkrampften, schüttelte den Kopf und legte den Hörer so vorsichtig auf die Ablage zurück, als wäre er eine Kobra auf dem Sprung.
   Einen Moment lang saß er in sich versunken an dem zierlichen Tisch. Plötzlich gab er sich einen Ruck, schnitt Lachs in feine Scheibchen, halbierte eine Avocado, entfernte den Kern und würzte die Hälften mit Salz, Pfeffer und Limettensaft. Als er fertig war, atmete er tief aus und rieb sich über die gereizten Lider. Ein wenig Musik würde seinen Nerven sicher guttun.
   Er stand auf, trat an die Stereoanlage, legte eine Etüde von Chopin ein und drückte auf Start. Sein Blick fiel auf die säuberlich geordneten CDs im Ständer. Die Reihenfolge von zweien war ver­tauscht. Eine CD von Ivete Sangalo, die ihm jemand auf einem Empfang in der Brasilianischen Botschaft geschenkt hatte, steckte mitten in der Klassik. Wie konnte das geschehen? Er selbst hatte die Hülle nie mehr angerührt.
   Peter starrte auf das Cover mit der brasilianischen Diva. War etwa ein Fremder in seiner Woh­nung gewesen? Er stolperte zurück auf den Balkon. Wenn er nicht gut auf sich aufpasste, wurde er tatsächlich noch verrückt. Er lauschte den schwermütigen Klängen des Klaviers und suchte nach dem beruhigenden Stahl von Messer und Gabel. Grimmig teilte er Avocado und Lachs in mundgerechte Stückchen und würgte einen Happen hinunter.
   Eine Taube flatterte anmutig über dem Geländer, blickte ihn auffordernd an und ließ im Abflug einen gold glitzernden Haufen fallen. Er durfte nicht vergessen, seine Putzfrau darüber zu informieren.
   Peter griff nach der Serviette und tupfte damit über sein schweißnasses Gesicht. Er legte das Tuch wieder zusammen, erhob sich und rückte den Stuhl zurück an seinen Platz. Er fühlte sich, als bräche er auf zu seiner Hinrichtung.

Klopfenden Herzens stand er erneut vor der Nummer 46 der Rua Pedro Gonzales. Heute herrschte wesentlich mehr Betrieb als gestern. Überall auf dem Platz standen kleine Gruppen von Männern, meist Ausländer. Vor dem Gebäudeeingang lehnte erneut eine junge Frau, die gleichgültig ihre Lippen schürzte.
   Peter zog die knarrende Haustür auf und trat ins Innere. Über ihn legte sich ein beklem­mender Mantel aus Kälte und Schimmel. Er lächelte grimmig. Die uniformierte Frau würde ihm einiges zu erklären haben. Dieses Mal würde er sich nicht einfach von ihr abfertigen lassen. Er stieg die Treppe hoch und umging sorgsam ein großes Loch. Es schien schwarz und bösartig zu ihm emporzustarren. Endlich stand er vor der Tür mit dem gedrechselten Rahmen. Peter drückte fest auf den Messingknopf, hörte ein schrilles Läuten und zwei Sekunden später sprang die Tür auf. Er wollte eintreten, doch eine dunkelhäutige Frau versperrte ihm den Weg.
   Sie sah mürrisch drein, doch als sie seine gut gekleidete Erscheinung sah, hellte sich ihr Gesicht auf. »Hereinspaziert«, sagte sie und zwinkerte ihm aufmunternd zu. »Ein kleines Wochen­endvergnügen nach der Kirmes? Da bist du bei mir genau richtig.«
   Er drängte sie beiseite und hielt im selben Atemzug nach den Bildern Ausschau. Sie waren verschwunden. Auf der ausgeblichenen grünen Tapete waren weder Haken zu sehen noch die hellen Rechtecke, wie sie jahrzehntelang gehangene Exponate zu hinterlassen pflegten. »Entschuldigen Sie, das ist doch das Museum der vergeblichen Liebe, oder etwa nicht?«
   Die leicht bekleidete Frau kicherte. »Ich hoffe nicht, dass sie vergeblich sein wird, und ein Museum ist das eigentlich auch nicht.« Sie warf sich in Positur, worauf sich das durchsichtige rosa Negligé über ihrem gewaltigen Busen spannte. »Mit mir wirst du bestimmt deinen Spaß haben, da verwette ich glatt einen Zehner.«
   Irgendetwas verengte sich in seiner Brust. Er lief auf die erste Tür rechts zu, riss sie auf und stieß auf ein Paar beim Schäferstündchen, das nach den Geräuschen zu urteilen kurz vor dem Abschluss stand. Er murmelte eine Entschuldigung, zog die Tür zu und hastete durch den Eingang. Auf dem Gang fuhr er herum und suchte hektisch nach dem Schild mit dem Namen des Museums.
   Die Wand über dem Türrahmen war stockfleckig. Sie sah nicht aus, als hätte sich ihr trauriger und desolater Zustand in den vergangenen Jahren verändert. Einen Augenblick verging sich Peter in der Wunschvorstellung, er hätte sich im Stock geirrt, doch er wusste, dass dies nicht stimmte. Das Museum der vergeblichen Liebe war so gründlich verschwunden, als hätte es niemals existiert.
   Hatte es das vielleicht nie? Er fühlte, dass Zweifel langsam und vielfüßig wie ein Krake über seine Glieder kroch.
   Die Frau musterte ihn voller Mitleid. »Gestern Abend ein bisschen zu viel gebechert, was? Mein armer Junge.« Ihre fetten Finger strichen fürsorglich über sein Haar. »Weißt du was? Du schläfst jetzt deinen Rausch aus, und wenn du wieder fit bist, kommst du noch einmal vorbei, wie wäre das?«
   Peter wandte sich wortlos ab und machte sich steifbeinig an den Abstieg. Plötzlich hörte er von oben ein Geräusch.
   »Wart mal, Kleiner. Hast du nach diesem komischen Museum verlangt?«
   Er wandte sich mit einem Ruck um. Die Frau, die im Nebenzimmer des ehemaligen Büros rücklings auf der Matratze gelegen hatte, hatte inzwischen wohl ihre Schuldigkeit getan.
   Sie lächelte ihm mit unvollständigem Gebiss zu und wedelte mit einem schmalen braunen Kuvert. »Das sollte ich für dich abgeben. Du bist doch … Pete Bekke, oder etwa nicht?«
   Er rannte die Stufen nach oben und riss ihr den Umschlag aus der Hand. »Wer hat dir das gegeben?«
   »Na, na, immer langsam mit den jungen Pferden. Das hat eine ältere Frau hier gelassen, sie trug eine merkwürdige Uniform, ich glaube, die senhora war nicht ganz richtig im Kopf. Auf jeden Fall hat sie gesagt, gib das dem Kerl, der nach dem Museum fragt, Bekke ist sein Name. Das bist du doch?« Sie musterte ihn voller Zweifel.
   »Natürlich.« Er eilte bereits wieder die Treppe hinunter. Bevor er um die Ecke bog, blieb er noch einmal stehen und blickte zurück. »Und hier war wirklich niemals ein Museum?« Die beiden Frauen schüttelten einhellig den Kopf.
   »Das hier«, erwiderte die füllige Frau, »war schon ein Puff, als meine Mama, Gott hab sie selig, hier zum Anschaffen ging. Und in die buceta von meiner Kleinen werden mit Sicherheit auch eine Menge Schwänze passen.« Sie zeigte auf ihren Bauch und grinste. »Also, mein Süßer, schlaf dich aus und träum was Schönes.« Sie wackelte mit ihrem voluminösen Hintern, der mit einer Art ausgeleierter Zahnseide bedeckt war, schob ihre dürre Kollegin in die Wohnung und schloss mit einem Kussmund die Tür.
   Peter blieb einen Moment im Gang stehen und atmete tief aus. Er starrte auf den Umschlag in seiner Hand. Er war nicht verrückt. Noch nicht.

Zehn Minuten später saß er in einem Taxi. Peter bat den Fahrer, einen Augenblick zu warten, und riss das Kuvert auf. Er zog ein weißes, mit einem Messer oder einer Schere abgetrenntes Papier heraus. Darauf stand, offensichtlich mit einer uralten Schreibmaschine geschrieben: Rua da Amizade, 33, Hinterhaus, zweiter Stock links. Er verzog das Gesicht. Diese Frau wollte ihn wohl auf eine Schnitzeljagd schicken. Na gut, sollte sie ihren Spaß haben. Für den Augenblick schrieb ihm diese uniformierte Kassandra sein Handeln vor. Mal sehen, ob er den Spieß umdrehen konnte. Er sagte dem Fahrer die Adresse und lehnte sich zurück.
   Das Taxi fuhr nicht ins Zentrum, sondern nahm eine Ausfallstraße in Richtung Vorstadt. Irgendwann bog es rechts ab und gelangte in ein Viertel mit ärmlichen Miets­häusern. Die ehemals ockerfarbenen und hellroten Fassaden waren abgeblättert und verbli­chen. Kinder spielten auf der Straße Fußball und Fangen, alte Männer saßen vor herunter­gekommenen Bars, lasen Zeitung oder unterhielten sich lautstark über Fußball und das Ende der Diktatur.
   Der Taxifahrer bog noch ein paar Mal ab und blieb vor einer Häuserzeile aus den neunzehnhundertzwanziger Jahren stehen. Peter bezahlte, fragte den Fahrer, ob er ihn für die Rückfahrt anrufen könne, und stieg aus. An der Fassade vor ihm prangte eine monumentale Wand­malerei, die wohl aus der Anfangszeit des portugiesischen Faschismus stammte. Sie zeigte martialische Bäuerinnen und Bauern in Tracht, die ein akkurat bestelltes Weizenfeld ernteten. Auf dem blassblauen Himmel darüber standen die sinnreichen Worte patria, trabalho, unidade. Heimat, Arbeit, Einheit.
   Peter trat unter einem hohen Torbogen hindurch auf den Innenhof. In seiner Mitte befand sich auf einer dürren Grasnarbe ein Spielplatz, der sicher schon bessere Tage gesehen hatte. Ein rostiges, zur Hälfte zerstörtes Klettergerüst stand in schiefem Winkel und schien nicht weit davon entfernt zu sein, bald endgültig in die Waagerechte zu segeln. Auf einem Gerüst, das für drei Schaukeln vorgesehen war, hing eine unbrauchbar an einem einzigen Faden. Der zweite Spielplatz war bis auf ein paar abgerissene Kordeln leer, nur an dem letzten schaukelte ein etwa zehnjähriger Junge und bedachte ihn mit einem unendlich traurigen Blick. Peter überrieselte eine Gänsehaut, wandte sich ab und trat auf den Eingang zum Rückgebäude zu. Er öffnete die Tür und stieg in den zweiten Stock hinauf.
   Von oben hörte er eine Frau, die ärgerlich nach ihrem Kind schrie. Es roch nach Putzmittel, abgestandenem Essen und einer Ausdünstung, wie sie allgegenwärtige Armut mit sich bringt. In dem Augenblick, da er auf die Klingel drückte, klopfte sein Herz unruhig. Er hörte schlurfende Schritte, die sich näherten. Das Geräusch erstarb, und er wurde sich unangenehm bewusst, dass man ihn durch das Guckloch anstarrte.
   Die Prüfung schien positiv ausgefallen zu sein, denn die Tür hatte sich geöffnet, und vor ihm erschien die Gestalt eines in die Jahre gekommenen, fülligen Mannes. Die wenigen verbliebenen Haare waren sorgsam mit Pomade über die Stirn verteilt. Der füllige Oberkörper steckte in einem karierten Hemd, das an einer Seite aus der Hose ragte. Zwei altmodische Hosenträger mit Messingschnallen hielten den Bund über dem gewölbten Bauch. Der Mann betrachtete ihn freundlich und mit hoch­gezogener Stirn. Doch plötzlich wandelte sich seine Miene und darauf erschien Zweifel, Fassungslosigkeit und schließlich etwas, das zwischen ungläubigem Schrecken und Freude hin- und herschwankte.
   »Sie … Sie sind doch nicht …?« Er griff sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Der senhor, Gott hab ihn selig, ist doch längst …« Auf einmal blitzte in seinen kleinen braunen Augen Erkenntnis auf und sein von Bartstoppeln umrahmter Mund öffnete sich zu einem Lächeln. »Das gibt es nicht«, flüsterte er und starrte ihn fast ehrfürchtig an. »Sind Sie es wirklich?«
   Peter unterdrückte ein Seufzen. Offensichtlich hatte er es mit einem Verrückten zu tun.
   Der alte Herr trat einen Schritt näher und bedachte ihn mit einem merkwürdigen, zwischen Vertraulichkeit und Respekt schwankenden Blick. »Sie sind doch, wenn ich mir die Anrede erlauben darf, der kleine senhor Peter, oder?«
   Peter fühlte zum wiederholten Mal einen Schwindel. Er kannte diesen Mann nicht, doch dieser kannte offensichtlich ihn und redete ihn in einer Weise an, als ob er dazu ein wie auch immer geartetes Recht besäße. »Mein Name ist in der Tat Peter Becher, aber ich weiß nicht …«
   »Ich habe es geahnt.« Er strahlte ihn begeistert an. »Ganz der Herr Papa, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Sie gleichen ihm wie ein Ei dem anderen. Mein Gott, wenn ich gewusst hätte, dass Sie kommen, hätte ich aufgeräumt, es ist alles ein wenig durcheinander, wissen Sie, seit ich an der Gicht leide. Aber kommen Sie erst mal herein.«
   »Verzeihung, senhor, aber wer sind Sie und woher kennen Sie, ich gehe davon aus, dass Sie von ihm sprechen, meinen Vater?«
   Das Gesicht des Mannes zeigte einen Augenblick Verblüffung, dann verzog er es zu einem Lächeln. »Natürlich, Sie erkennen mich nicht wieder! Nach all den Jahren ist das nicht verwunderlich. Außerdem waren Sie damals noch so klein.« Er zeigte Peters damalige Größe mit einer Hand. »Ich bin Alfonso Gerreiro und war jahrelang der Fahrer, der Chauffeur Ihres Vaters. Ich habe ihn täglich zur Botschaft und zurück gefahren und auch begleitet zu … Erinnern Sie sich jetzt?«
   Vor Peters Augen vollzog sich plötzlich etwas sehr Seltsames. Die Erscheinung des Mannes löste sich auf, als wäre sie eine Einbildung aus reinster Luft, und für den Bruchteil einer Sekunde erblickte Peter eine schicke Mercedes-Limousine und einen ernst blickenden, uniformierten Chauffeur mit Schirmmütze. Die Vision verschwand so rasch, wie sie gekommen war, und machte einem stechenden Kopfschmerz Platz.
   »Ist Ihnen nicht gut? Kommen Sie doch herein und trinken einen Portwein.«
   Peter wankte ihm nach in die dunkle Wohnung. Er betrat einen schmalen Gang, über dem ein Geruch nach Staub, Alter und Krankheit lag. Der Korridor öffnete sich in ein düsteres Zimmer, das wohl nach Nordosten ausgerichtet war, denn es drang kein Sonnenstrahl hinein. Es war vollgestellt mit altmodischen Möbeln, Bildern, Nippes und Büchern, die sich bis zum Fenster stapelten. In einer geschwungenen Vitrine erblickte er gerahmte Fotos, eine alte, verschnörkelte Uhr und ein anmutig geformtes, irgendwie anrührendes Porzellanpferdchen. Der verstaubte Kronleuchter an der Decke war eingeschaltet und verbreitete ein mattgelbes Licht, als wäre es Abend. Senhor Alfonso humpelte voran, strich ein paar Krümel von einem Ohrensessel und bat ihn, darin Platz zu nehmen. Peter fiel hinein, als wäre er am Ertrinken.
   Alfonso eilte, so schnell es sein verletzter Fuß erlaubte, zu der Vitrine und holte eine Flasche und zwei geschliffene Gläser heraus. »Dieser Portwein weckt Tote auf, Sie werden sehen. Nach einem guten Schluck fühlen sie sich bestimmt besser.« Er setzte sich gegenüber auf einen Stuhl und goss sorgfältig die zwei Gläschen voll. »Auf unser Wiedersehen und, wenn ich mir das erlauben darf, auf Ihren ehrwürdigen Herrn Vater.«
   Sie stießen an, und Peter stürzte die dunkelrote Flüssigkeit hinunter. Er spürte, wie sich sein Magen mit angenehmer Wärme füllte. Ihm gelang ein wackliges Lächeln.
   »Sehen Sie? Schon geht es Ihnen besser.« Er musterte ihn immer noch so entzückt, als wäre er eine entschwundene und unversehens wieder aufgetauchte Jugendliebe. »Nun verraten Sie mir eins. Wie haben Sie mich gefunden?«
   »Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich hatte keine Ahnung, wer und was mich erwartet. Jemand … Ich erhielt einen Umschlag mit einem Zettel, auf dem Ihre Adresse notiert war und … bestimmte Gründe haben mich veranlasst, diesem Hinweis zu folgen. Nun bin ich hier.« In Peters Brust herrschten völlig wider­strei­tende Gefühle. Er spürte Wärme, Neugier, Vorsicht und irgendetwas Beklem­mendes, das an seinem Inneren nagte wie eine kleine und aufdringliche Maus.
   »Das ist merkwürdig«, erwiderte senhor Alfonso leise.
   Peter presste die Lippen zu einem Strich zusammen. Auf einmal überkam ihn die größte Lust, aufzustehen, dem Mann die Hand zu reichen und die Wohnung und ihren Sumpf von Erinnerungen zu verlassen. Anstatt zu gehen, hielt er senhor Alfonso sein Glas hin und ließ sich erneut einschenken. »Erzählen Sie mir von meinem Vater. Was war er für ein Mann? Wie hat er gelebt? Was hatte er für Vorlieben und Abneigungen? Wie verbrachte er seinen Alltag?« Er krallte seine Hände in die Lehnen und beugte sich ein Stück nach vorn.
   Senhor Alfonso musterte ihn ungläubig. »Sie haben alles vergessen, nicht wahr? Sie haben nicht mehr die geringste Erinnerung daran, wie er war … vor dem Ende.« Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und schloss einen Moment lang die Augen, als ob die Zeit unter seinen Lidern begraben läge und er sie bis zu dem Tag zurückdrehen könnte, an dem er Vater zum ersten Mal sah.

Kapitel 6
Das Wasser des Lebens

Es war der erste April und ein strahlend schöner Morgen, wie ihn nur das Frühjahr und seine durch nichts zu verwüstende Hoffnung kennen.
   Alfonso fühlte sich so aufgeregt, als wartete er auf seine Hochzeit. Schon früh um sechs hielt er sich in der Botschaft auf, polierte den Mercedes und zupfte die letzten Staubkörner von seiner Uniform. Als es acht wurde, fuhr er hinaus nach Lapa, wo der neue Botschaftsrat mit seiner Familie wohnte. Natürlich hatte er sich auf dem Stadtplan die Adresse herausgesucht, doch vor lauter Aufregung verfuhr er sich und kam zwei oder drei Minuten zu spät.
   Er drückte auf die in die Mauer eingelassene Klingel. Eine Sekunde später öffnete ihm eine dunkelhäutige, ältere Frau. Sie war wohl die empregada, die Hausangestellte. »Sie sind zu spät«, zischte sie.
   Im selben Augenblick trat ihm der Rat entgegen. Seine Lippen waren zu einem hellen Strich geschlossen. Er war tadellos gekleidet mit einem beigen Leinenanzug und mandel­far­bener Krawatte. Seine Augen besaßen exakt denselben Ton und flackerten zornig. Doch plötzlich hellte sich seine Miene auf zu einem Lächeln. »Verfahren?«
   Alfonso hatte eine Zurechtweisung erwartet und räusperte sich erleichtert. »Es wird nicht wieder vorkommen, senhor. Es war die Aufregung.«
   Der Rat stieg steif durch die geöffnete Tür auf den Rücksitz. »Man soll einem Gefühl nie so viel Macht geben, dass es einen dominiert. Das unterscheidet einen schwachen von einem starken Menschen.«
   Die nächsten Tage über wechselten sie kaum ein Wort. Alfonso holte ihn zu Hause ab, fuhr ihn zu Terminen in der Stadt und brachte ihn wieder zurück nach Lapa.
   Etwa eine Woche später riss Ana, die empregada, die Tür auf und erklärte aufgeregt, der kleine senhor sei schwer erkrankt. Fünf Minuten später erschien der Rat in Begleitung seiner Frau Margarete. Auf den Armen trug er einen schmächtigen, etwa zehnjährigen Jungen.
   Alfonso sah seine langen und dünnen Glieder, Hände, die sich um den Nacken des Rates schlangen, und verschwitzte Wangen, die vom Fieber glühten.
   Senhor Kurt legte den Jungen sanft auf die Rückbank, setzte sich dazu und bettete den Kinderkopf auf seine Beine.
   »Worauf warten Sie?«, herrschte er Alfonso an. »Ins Hospital Santa Maria, sofort!«
   Minuten später schien er seine Schroffheit zu bereuen und erklärte, Peter litte an Scharlach und müsse zur Beobachtung in die Klinik.
   Alfonso fuhr, so schnell es der Verkehr zuließ. Fünfzehn Minuten später kam er im Hospital an. Er wartete eine halbe Stunde im Wagen, dann erschien senhor Kurt, nüchtern und steif wie immer, und er fuhr ihn weiter zur Botschaft.
   Als hätte dieses gemeinsame Erlebnis eine unsichtbare Tür geöffnet, wurde Alfonso auf einmal zu einem Teil der Familie. Morgens, wenn senhor Kurt noch nicht fertig war, bat Ana ihn hinein, und er bekam Kaffee und ein Stück Kuchen. Er schritt durch den wunderbar blühenden Garten und kam sich vor, als erlebte er einen Vorgeschmack auf das Paradies.
   Nach einer Woche holten sie Peter aus der Klinik ab. Er war magerer geworden und staunte Alfonso aus großen mandelfarbenen Augen an. Sie glichen denen seines Vaters und waren doch ganz anders. Ihr Inneres schien erfüllt von hauchzart verstäubten Tropfen, glänzend und so verletzlich wie der Blick eines neugeborenen Füllens.
   Ernst und stumm saß Peter neben senhor Kurt, der tief in Gedanken schien und ebenfalls kein Wort sagte. Erst in Lapa löste sich die merkwürdige Stimmung auf, als die Tür in der Mauer aufsprang und Ana herauslief, mit weit geöffneten Armen und Tränen in den Augen. Als Peter sie sah, wirkte er wie verwandelt. Er strahlte die empregada an, packte seinen Rucksack und stürzte aus dem Wagen. Ana wirbelte ihn herum und setzte ihn so vorsichtig ab, als wäre er ein kostbares Schmuckstück aus Porzellan.

Monate später, es war mittlerweile Herbst, war Alfonso auf dem Weg von der Botschaft nach Lapa.
   Unver­mittelt blickte der Rat von seiner Zeitung hoch. »Wir fahren erst zu einer anderen Adresse.« Er las aus einem Notizbüchlein Straße und Hausnummer vor.
   Der Ort lag irgendwo hinter der Alfama in einem Glasscherbenviertel. Alfonso fuhr an verwaschenen Fassaden und geisterhaften, nahezu ausgestorbenen Plätzen vorüber. Vor manchen Hauseingängen saßen Bettler und starrten unverhohlen auf den blank polierten Mercedes. Die Armut und Hoffnungslosigkeit in den Gassen war offensichtlich. Horden von Kindern liefen ihnen nach und winkten, als hätten sie die Karosse des Präsidenten erspäht. Ein hagerer Mann warf mit wutverzerrtem Gesicht einen Stein, der zum Glück nicht viel Schaden anrichtete. Ein anderer spuckte dem Mercedes böse hinterher.
   Senhor Kurt sagte während der Fahrt kein Wort. Endlich hatte Alfonso die angegebene Straße gefunden und hielt vor einem heruntergekommenen, ehemals wohl schönen Haus aus der Gründerzeit. Die düsteren Fenster waren umrahmt von kunstvollen Stuckarbeiten und den ersten Stock zierte ein gusseiserner Balkon, auf dem ein chaotisches Gemisch aus teils abgestorbenen, teils wild wuchernden Pflanzen zu sehen war.
   Der Rat schreckte wie aus einer Trance hoch, nickte Alfonso zu und stieg aus dem Wagen. Auf einmal wurden seine Züge mild, und er zog einen Mundwinkel nach oben. »Es ist schon in Ordnung. Lesen Sie ein wenig Zeitung, ich bin in einer halben Stunde zurück.« Damit schritt er auf die windschiefe Haustür zu und verschwand im Dunkeln.
   Gut vierzig Minuten später tauchte er wieder auf und sein strenges, oft ungehalten wirkendes Gesicht war wie verwandelt. Es schien, als wäre es in einen Brunnen getaucht, der vom Wasser des Lebens gespeist wurde. Er zwinkerte Alfonso zu und setzte sich beschwingt auf die Rückbank. Dieser Ausdruck hielt an, bis sie nach Lapa kamen. Dort stülpte sich über seine Züge eine Maske aus Pflichtbewusstsein, Rechtschaffenheit und leichter Abscheu.
   Ein paar Wochen und diverse weitere Besuche später lernte Alfonso die Ursache für die heimlichen Ausflüge kennen.
   Das Portal des alten Hauses öffnete sich quietschend und senhor Kurt trat entspannt heraus wie immer. Plötzlich erschien hinter der Balkontür im ersten Stock eine dunkle Hand und durch einen Spalt zwischen Tür und Rahmen schob sich die schlanke Figur einer Frau. Sie sah aus wie eine Göttin der Nacht. Ihre Gestalt erinnerte Alfonso an einen Panther, in den durch Magie ein menschliches Wesen geschlüpft war. Ihr pechschwarzes Haar strömte in Kaskaden bis über die Schultern. Alfonso sah ihre nackten Brüste, ihr blitzendes Lächeln und eine Hand mit weinrot lackierten Nägeln, die senhor Kurt zuwinkte.
   »Kurt, du hast deine Uhr vergessen!«
   Der Rat grinste verlegen, stellte sich unter den Balkon und öffnete die Hände. Sie warf das teure Stück in hohem Bogen nach unten, und er fing es geschickt auf. Seine Freundin lachte hell wie ein Springbrunnen, warf ihm eine Kusshand zu und verschwand hinter der spinnwebenumrankten Scheibe.
   Senhor Kurts aristo­kratische Züge überzogen sich mit heller Röte und er setzte sich hölzern auf die Rückbank. »Das bleibt aber unter uns. Haben wir uns verstanden?«
   »Bei meiner Ehre und der Liebe meiner Mutter. Sie können sich auf mich verlassen.«

Von da an sah er die Frau öfter. Das süße Geheimnis hatte sich schließlich offenbart und der Rat schien sich auf seine Diskretion zu verlassen. Seine Geliebte hieß Yanaina, ein Name, der an duftende Gewürze erinnerte, an geblähte Segel, die zu einer großen Fahrt bereit waren, an einen azurfarbenen Himmel und die Glut der Sonne über den Tropen.
   Yanaina besaß die Kraft einer Alchimistin. Für Alfonso war diese Frau wie ein blendender Stern, der über senhor Kurts Leben, und damit auch seinem, aufging.
   Wenn sie gemeinsam einen Ausflug machten, klang ihr perlendes Lachen auch für seine Ohren, ihre sinnlichen Lippen schienen sich ebenfalls für Alfonso zu öffnen und ihr blauschwarzes Haar glitzerte stets ein wenig auch für ihn. Mit ihrer Anmut und ihrem Lachen erlöste sie senhor Kurts wahres Wesen, das sich oft hinter einer harten und unzugänglichen Schale versteckte. Plötzlich zeigte er den Wenigen, die die Ehre hatten, es zu erleben, einen Kristall aus reinstem Licht.
   Manchmal, wenn der Rat es einrichten konnte, fuhren sie hinaus nach Cascais und genossen das schräge Licht, das über den Wellen und den dümpelnden Booten tanzte. Die beiden aßen dann in einem winzigen Restaurant am Strand und baten den Wirt, einen Tisch nach draußen zu holen. Sie setzten sich auf zwei windschiefe Stühle, hielten sich an den Händen und ließen sich vom salzigen Atem des Meeres streicheln. Der Wirt brachte dampfende Suppe aus Meeresfrüchten, gegrillte gambas und bacalhão mit Salzkartoffeln und Salat.
   Alfonso hockte drinnen hinter den Scheiben und lauschte dem fernen Lachen und einem Glück, das senhor Kurt und Yanaina, ohne es zu merken, mit ihm teilten.

Ein glückliches Jahr war vorübergeflogen. Es war der dritte Februar, der Geburtstag von senhorito Peter. Dona Margarete hatte eine Über­raschung vorbereitet und den Rat gebeten, ihn zur Feier des Tages von der Schule abzuholen. Kurz bevor Peter in den Bus einstieg, trat Alfonso auf ihn zu und bat ihn in die wartende Limousine. Peter sah im Fond die strenge Silhouette seines Vaters. In Sekundenschnelle wechselte sein Gesichtsausdruck von Überraschung, Furcht und Misstrauen zu einem winzigen und vorsichtigen Lächeln. Etwas steifbeinig stieg er ein, blickte scheu zu seinem Vater und sah dann streng, fast genauso wie er, geradeaus.
   Der kalte Wind pfiff heulend um den Wagen. Wer außer Haus war und einen Mantel besaß, hatte ihn sich eng um die Brust gelegt und den Kragen nach oben geschlagen.
   Sie bogen um eine Kurve und dort stand eine hochgewachsene dunkle Gestalt mit schulterlangen Locken. Als sie den Wagen bemerkte, sprang sie auf ihn zu. Alfonso hielt mit kreischenden Bremsen an.
   Yanaina sah aus wie ein gehetztes Tier. Sie riss die Tür zum Fond auf und kümmerte sich weder um Alfonso noch um den ernsthaften kleinen Peter. »Kurt, du musst mir helfen, er bringt sie um!« Schluchzend warf sie sich in den Wagen und fiel senhor Kurt in die Arme.
   »Erzähl schon«, sagte er begütigend und scherte sich keinen Deut um Alfonso und Peter.
   »Der Kerl bringt sie noch um«, wiederholte sie und schniefte. »Du musst sie da rausholen, bitte!«
   Senhor Kurt blieb die Ruhe selbst. Er gab Alfonso ein kurzes Zeichen, und der folgte den tränenerstickten Anweisungen Yanainas. Peter schien einen Augenblick lang wie erstarrt. Er betrachtete die Frau, als handelte es sich um ein seltenes und überaus faszinierendes Tier, das eine einzige falsche Bewegung in die Flucht schlagen könnte.
   Alfonso fuhr in eine zwielichtige Gegend, viel schlimmer als das Viertel, in dem Yanaina wohnte. Hier lebten sehr viele Afrikaner aus den Kolonien. Sie hatten keine Arbeit, lungerten auf den Bürgersteigen und vor den Bars herum und starrten böse auf den Mercedes. Endlich gelangten sie auf einen weiten, trostlosen Platz, in dessen Mitte ein kleiner Brunnen stand.
   Fast auf der ganzen Fläche, an einen Baumstamm gelehnt, hinter einem Torbogen oder lasziv vor einer abgerissenen Fassade, standen dunkelhäutige Frauen.
   Alfonso hielt vor einem grün gestrichenen Haus. Im Erdgeschoss gab es eine Kaschemme mit speckigen, teils zersprungenen Scheiben. An wackligen runden Tischen davor saßen halbseidene Gestalten mit Sonnenbrillen und finsteren Gesichtern.
   Senhor Kurt war bereits auf dem Sprung. »Sie bleiben hier und passen auf meinen Sohn auf!« Er rannte mit Yanaina durch den Eingang.
   Peter starrte ihnen hinterher, bis sie von der Dunkelheit verschluckt wurden. »Diese dunkle senhorita. Kam die aus Afrika?«
   Alfonso schmunzelte verlegen. »Ja, die Dame stammt wohl aus Angola.«
   »Ist sie … ist sie seine Freundin?«
   Er unterdrückte ein Lächeln. »Nun ja, so könnte man es nennen.«
   Peter blickte immer noch auf die Tür, hinter der die beiden verschwunden waren. »Wenn ich groß bin, will ich auch so eine Frau.«
   Wie aus heiterem Himmel ergriff Alfonso ein ungutes Gefühl, so wie man manchmal ein Gewitter spürt, während der Himmel noch hell und blau ist. Ohne die Anweisung des Rats zu beachten, sprang er aus dem Wagen und öffnete das Portal zum Haus. Seine Augen brauchten eine Sekunde, um sich an das Zwielicht zu gewöhnen. Plötzlich bemerkte er senhor Kurt, etwa auf der Mitte der Treppe. Sein Gesicht war grau. Er atmete heftig und trug in den Armen eine übel zugerichtete Frau.
   Einen Moment lang hüpfte Alfonsos Herz bis zum Hals, bis ihm klar wurde, dass er sie nicht kannte. Yanaina lief zornbebend neben senhor Kurt her. Weit oben stand die Gestalt eines Mannes, der mit einem seltsamen Lächeln auf sie herabsah.
   Alfonso blickte ihn an und wusste so gewiss, wie er seine Mutter liebte: Dieser Mann war eine Inkarnation des Teufels. Er hörte heftigen Atem und riss den Kopf herum. Mitten im Eingang stand Peter. Er starrte den Mann auf der Treppe an. Langsam, wie Suchscheinwerfer am nächtlichen Strand, glitt dessen Blick auf den Jungen zu und blieb an ihm hängen.

Kapitel 7
Hospital Santa Maria

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss, eine Tür öffnete sich und fiel zu. Peter hörte hastige Schritte im Korridor.
   Die Zimmertür knarrte und durch einen Spalt blickte das erzürnte Gesicht einer zierlichen, alten Frau. »Alfonso«, bellte sie mit erstaunlich tiefem Timbre. »Du hast wieder getrunken!« Auf einmal bemerkte sie Peter auf dem Lehnstuhl und runzelte die Stirn. »Und was ist das für ein Mann? Kaum ist man eine Viertelstunde aus dem Haus, schon geht alles drunter und drüber.«
   Senhor Alfonso lächelte schief von Peter zu der Frau. Im nächsten Moment begann er zu strahlen. »Mona, stell dir vor, das ist senhor Becher, der Sohn des Rats.« Er wandte sich an Peter. »Senhor Becher, das ist meine Frau Mona.« Plötzlich, als hätte er etwas Ungutes gegessen, verzog er das Gesicht. Mit zitternder Hand tastete er nach seiner Brust und sackte schwer zurück an die Lehne.
   Peter kam es vor, als hätte ihn soeben der Blitz getroffen. Er hatte die Personen während Alfonsos Erzählung tatsächlich gesehen. Hoch auf dem Treppenabsatz stand der Mann mit dem merkwürdigen Ausdruck. Sein wütender Vater mit der verletzten Schwarzen stapfte über die Stufen auf Peter zu. Neben ihm huschte eine weitere Gestalt. Sie verschmolz fast mit dem trostlosen Zwielicht des Korridors und war von schmalem und hohem Wuchs. Obwohl auch sie überaus verstört schien, wirkten ihre Bewegungen geschmeidig wie die einer Katze. Peter hätte noch den Bruchteil einer Sekunde gebraucht, um ihr Gesicht zu erkennen.
   Jetzt war das Bild fort und der Kopfschmerz, der ihn heute Morgen heimge­sucht hatte, brach mit doppelter Heftigkeit über ihn ein. Er ruckte aus dem Sessel hoch und blieb wie in Trance stehen. Mitten in der Regalwand reflektierte ein weiß schillerndes Pferdchen aus Porzellan das Licht.
   Es war ein Füllen mit viel zu langen, staksigen Beinen. In seiner angedeuteten Bewegung wirkte es so anmutig und verletzlich, dass er es am liebsten aus dem Schrank gezerrt und zu Boden geschleudert hätte.
   Diese Skulptur hatte irgendetwas mit ihm und seiner Vergangenheit zu tun. Doch er erinnerte sich an nichts, gar nichts. Gleichzeitig spürte er eine Atemnot, als drückte jemand mit groben Klauen seine Kehle zu.
   Dona Mona sprang auf senhor Alfonso zu und rüttelte ihn an den Schultern. Er öffnete die Augen und lächelte gequält.
   »Du legst dich jetzt sofort hin«, erklärte sie heiser. Eine Träne rollte über ihre zerfurchte Wange. »Ich hole dir die Tropfen.« Sie half ihrem ächzenden Gatten auf und geleitete ihn mit erstaunlicher Kraft zum Sofa.
   Er ließ sich erleichtert fallen und grinste Peter an. »Es ist nichts. Manchmal habe ich ein paar Probleme mit dem Herzen.« Seine Augen waren halb geschlossen. Es schien, als blickten sie schon wieder zurück in eine weit entfernte, für immer entrückte Zeit.
   Dona Mona brachte die Tropfen, und Peter sah sie entschuldigend an. »Senhora, es tut mir schrecklich leid. Ich wusste nicht …«
   Sie hielt den Löffel an senhor Alfonsos Mund und flößte ihm vorsichtig die Medizin ein. »Schon gut. Sie haben überhaupt keine Schuld. Im Gegenteil, ich freue mich, Sie nach so langen Jahren kennenzulernen. Mein Mann hat mir viel von Ihnen erzählt, und natürlich von seinem Rat. Manchmal war ich richtig eifersüchtig auf so viel Liebe. Die kurze Zeit mit Ihrem Vater war sein Leben, von dem er bis heute zehrt. Alles, was davor oder danach kam, war für ihn nicht viel mehr als ein Ab­klatsch.«
   Senhor Alfonso hatte die Augen geschlossen. Er war fast übergangslos eingeschlafen und schnarchte leise.
   Sie strich ihm über die schweißnasse Stirn. Plötzlich verzerrten sich ihre Züge und sie blickte Peter böse an. »Ich weiß nicht, was für ein Teufel diese Yanaina war, doch sie hat ihnen beiden, Ihrem Vater und meinem Mann, gründlich das Herz vergiftet. Aber lassen wir das, all diese Dinge sind längst vorüber.« Sie öffnete ihre Hand, die sich unwillkürlich zur Faust geballt hatte, und lächelte steif. »Man muss eben mit dem vorliebnehmen, was einem bleibt, nicht wahr?« Entschlossen trat sie auf ihn zu und nahm seine rechte Hand in ihre. »Sie müssen mir versprechen, dass Sie wiederkommen. Dieses Treffen hat ihn so sehr gefreut, Sie können sich das nicht vorstellen.« Sie trat an eine Kommode und kritzelte etwas auf einen Zettel. »Hier ist die Nummer von seinem Handy, Sie können ihn jederzeit anrufen. Wie wäre es, wenn Sie einmal zum Mittagessen kommen? Ich mache eine gebackene dourada, da läuft Ihnen das Wasser im Mund zusammen. Versprochen?« Der Blick ihrer graublauen Augen bohrte sich flehend in seinen.
   »Versprochen, senhora.« Er griff in die Jacketttasche und zog eine Visitenkarte hervor. »Das gleiche gilt natürlich für Sie beide. Sie können mich jederzeit anrufen. Diese Begegnung hat mich sehr gefreut. Sie müssen mir erlauben, Sie einmal zum Essen einzuladen.«
   Sie strahlte ihn an. »Abgemacht, aber erst kommen Sie zu uns.« Ihre kühle und trockene Rechte hielt seine so fest, als wäre sie ein Anker, der senhor Alfonsos wegdriftendes Leben an ihres binden könnte.

Peter schwebte fast durch den Korridor, als träte er durch eine merkwürdige Zeitschleuse zurück in seine Welt, die seit knapp achtundvierzig Stunden dabei war, auseinander­zubrechen und unaufhaltsam zu zerfließen.
   Nach der dunklen Höhle des Wohnzimmers wirkte das Tageslicht so hell, dass er die Augen zusammenkniff. Automatisch sah er auf seinen Chronometer. Es war bereits halb zwei. Im selben Atemzug knurrte sein Magen. Wenigstens das funktionierte noch wie früher. Ansonsten glich sein Leben einer kostbaren und aufwendig bemalten Vase, deren schillerndes Porzellan auf einmal Haarrisse erhielt und sprang. Er wählte die eingespeicherte Nummer des Taxifahrers, der ihm zusicherte, ihn in zehn Minuten abzuholen.
   Senhor Alfonso hatte ihm das Bild von einem Vater gezeichnet, der ihm so unbekannt war wie Amerika vor seiner Entdeckung durch Kolumbus. Ein starker, oft in sich gefangener Mann, der überraschenderweise zu Leidenschaft und Hingabe fähig war. Ein Mann mit einer Geliebten, für die er bereit war, seine Karriere aufs Spiel zu setzen. Oder doch nicht?
   Auch Peter hatte Yanaina gekannt, das erschütterte ihn am meisten. Wo war diese Frau jetzt? Wohin waren all die seltsamen Blüten geweht, die an Vaters Lebensbaum gewachsen waren? Und was war aus der zarten und zerbrech­lichen Pflanze seines kindlichen Ichs geworden?
   Er ging an dem verwahrlosten Spielplatz vorbei, ohne ihn wirklich zu sehen. Ein Junge drehte sich nach ihm um und warf eine Handvoll Erde. Plötzlich stand er draußen vor dem Tor und fühlte sich einen schrecklichen Augenblick so allein, als wäre er der letzte Mensch auf einer ausgestorbenen und trostlosen Erde.
   In diesem Moment kam das Taxi. Aus einer Eingebung heraus sagte er dem Fahrer die Adresse eines kleinen, aber feinen Restaurants in der Alfama. Der Fahrtwind, der durch das offene Fenster hineinströmte, kühlte seine Stirn. Er genoss die Reise durch die mittäglich stillen Straßen. Peter musste nichts tun, als bequem zu sitzen und einen anderen Menschen für sich handeln zu lassen. Aus dem Lautsprecher drang eine wehmütige Melodie von João Gilberto und legte sich beruhigend auf seine strapazierten Nerven.
   Die Schatten der Alfama waren bläulich und dunkel gegen das gleißende Licht. Niemand, der es vermeiden konnte, ging um diese Zeit auf die Straße. Peter hatte die Empfindung, als triebe er mit dem Gefährt seines Lebens durch eine stumme, brütende und lebens­feindliche Wüste.
   Der Taxifahrer machte vor einem unauffälligen Restaurant halt. Peter betrat das dunkle und angenehm kühle Gewölbe. Plötzlich schlug ihm der Lärm feiernder Gäste, rufender Bedienungen, klirrender Gläser und lachender Stimmen entgegen. Ein Kellner begrüßte ihn lächelnd und führte ihn auf seine Bitte in eine stillere Ecke im Nebenraum, von wo man Ausblick hatte auf einen blühenden Garten voller Palmen, Bougainvilleen und duftender Jasmine.
   Peter bestellte Wasser und Weißwein und tauchte sein Brot in die eilig herbeigetragenen, eingelegten Oliven. Er lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Erneut sah er den Mann auf der verwahrlosten Treppe, der ihn mit kühlem, fast ausdrucks­losem Blick musterte. Ihm haftete etwas an, das ihm durch Mark und Bein ging, etwas …
   Sein Handy schrillte. Er warf einen Blick auf das Display. Railda, natürlich. Ihr Anruf hatte länger auf sich warten lassen, als er gedacht hatte. Einen Augenblick überlegte er, das Handy auszuschalten. Doch vielleicht war es gut, die bereits angespannte Beziehung nicht über Gebühr zu belasten. Er drückte auf den grünen Knopf.
   »Du verdammter Kretin, du filho da puta, du Ausgeburt einer Hündin! Wo warst du, ver­dammt? Ich habe mir fast die Beine in den Bauch gestanden.«
   Peter lächelte und nippte an dem wunderbar kühlen Wein. Das war seine Railda, wie sie im Buche stand.
   Sie hatte nur einen Moment gebraucht, um Luft zu schnappen. »Oder hast du eine andere? Ich … ich bringe die Schlampe um, vierteile dich und werfe dich auf den Schrottplatz! … Was ist das für ein Geräusch?«
   »Was meinst du, mein Engel?«
   »Das Geräusch. Es klingt, als ob du isst.«
   »Aber genau das tue ich.«
   »Du Dreckskerl! Du schlägst dir den Magen voll ohne mich.«
   Peter rollte seine Olive im Mund und knabberte genüsslich an dem festen Fleisch. »Es bleibt mir nichts anderes übrig, du hast dich schließlich nicht gemeldet.«
   Railda fauchte wie eine Wildkatze vor dem Sprung. »Und du? Hast du mich angerufen? Weißt du was? Ich setze dich auf Entzug, dann wirst du sehen, was du davon hast.«
   Peter kaute ein Stück Weißbrot mit Butter und spülte es mit dem Wein hinunter.
   »Was?« Ihre Stimme zeigte einen Hauch von Unsicherheit.
   »Ich habe dich gehört.«
   »Du bist das größte Arschloch auf Gottes Erden«, sagte Railda erschüttert. »Ich komme jetzt sofort und helfe dir beim Essen. Ich habe Hunger.«
   »Das wirst du nicht tun.«
   »Und warum nicht?« Ihre Stimme klang plötzlich wie die eines kleinen Mädchens.
   Peter seufzte in sich hinein. Wie sollte er Railda eine DVD erklären, auf der sein Tod gefilmt war, ein nicht existierendes Museum und Erinnerungen, die aus der Mottenkiste seines Unbewussten hervorquollen, um ihn langsam einzukreisen und zu ersticken? »Weißt du, ich habe ein paar Probleme, um die ich mich kümmern muss. Wenn ich den Kopf wieder freihabe, rufe ich dich an, ist das in Ordnung?« Er legte auf und wartete auf einen erneuten Klingelsturm. Sein Handy blieb ruhig.
   Der Ober erschien, räumte die Vorspeise ab und nahm die Bestellung zum Hauptgericht entgegen. Peter wählte einen Meeresfrüchtesalat mit gegrillten gambas und blickte auf den mediterranen Garten. Warum hatte er Railda nicht zum Essen einge­laden? Das hätte ihn wenigstens auf andere Gedanken gebracht und danach hätte er sich ein wenig mit ihr entspannen können. Er stand kurz davor, seine Entscheidung rückgängig zu machen und sie anzurufen, als das Handy klingelte. Na also. Er schmunzelte und drückte auf den grünen Hörer.
   »Senhor Peter?«, fragte eine Stimme nah am Rand der Hysterie.
   »Mit wem spreche ich?«
   »Kommen Sie, bitte! Entschuldigung, ich habe mich überhaupt nicht vorgestellt. Hier ist Mona, die Frau von Alfonso.« Sie schien kaum in der Lage, ihr Schluchzen zu unterdrücken. »Ich bin … Er ist im Krankenhaus. Er … er hat nach Ihnen verlangt.«
   Die Bougainvilleen vor seinen Augen wurden unscharf und verschwammen zu einem ausufernden Meer von Violett. »Was ist passiert?«, fragte er leise. Doch irgendein Teil in ihm, der klüger war als er, ahnte es bereits.
   »Mein Mann hatte einen Unfall. Nachdem er aufgewacht war, wollte er unbedingt auf die Straße, zum Dominospielen mit seinen Freunden. Fünf Minuten später klingelte Sebastião und schrie, ein Auto habe ihn angefahren. Ich …« Nun schluchzte sie unverhohlen. »Ich glaube, er stirbt.«
   Peter fühlte eine Kälte, die ihm von den Zehen unaufhaltsam in Richtung Brust kroch. »Wo ist er?«
   »Im Hospital Santa Maria. Er … Ich kann nicht mehr.« Die Leitung war einen Augenblick so still wie eine Straße, die sich unter der Hitze der Sonne bückt. Dann erklang plötzlich das Besetztzeichen.
   Peter schnellte hoch, prellte sich dabei das linke Knie an einem Tischbein, humpelte auf den verblüfften Ober zu und erklärte ihm, dass er dringend weg müsse. Der Ober blickte ihn besorgt an, nickte und nahm den hingereichten Geldschein entgegen.
   So schnell es sein schmerzendes Knie erlaubte, hetzte Peter nach draußen, lief über die immer noch brütend heiße Gasse und hielt nach einem Taxi Ausschau. Nach zwei Minuten klebte ihm bereits das Hemd am Leib. Er hastete über eine ausgetretene Treppe, die auf ein verwinkeltes Häusermeer zuführte. Dahinter glitzerte ein blassblauer Ausschnitt des Tejo, der entfernte Gruß aus einer Welt, deren Koordinaten noch in Ordnung schienen. An der Durchgangsstraße fand er ein stehendes Taxi, riss die Hintertür auf und sprang schwer atmend in den Fond. »Hospital Santa Maria«, krächzte er und warf sich gegen die Lehne.
   Der Fahrer musterte ihn scharf durch den Rückspiegel. »Ich glaube, wir kennen uns. Hatten Sie mich nicht vorgestern vor der Oper gebeten, einen Moment anzu­halten?«
   Peter starrte mit brennenden Augen nach vorn. Er erinnerte sich nur zu gut. Der aufmerksame Blick des Mannes hatte jeden seiner Schritte verfolgt, als ahnte er etwas von seinem schrecklichen Fund auf der Straße. »Bitte fahren sie mich zu der Klinik. Es geht vielleicht um Minuten.«
   Der Fahrer grinste in sich hinein, zuckte ergeben mit den Schultern und gab Vollgas.
   Auf einmal fühlte sich Peter völlig ausgelaugt. Sekundenlang verschwamm das Innere des Taxis zu einer amorphen, fast konturlosen Masse. Sein Leben war nichts anderes als eine Schleife. Alles ereignete sich anscheinend aufs Neue. Vaters und seine merkwürdige Obsession für schwarze Frauen, die Fahrt ins Hospital Santa Maria, das Unheil, das über Vater hereingebrochen war und nun ihn einholte …
   Eine Viertelstunde später hielt der Wagen mit kreischenden Bremsen vor der Klinik. Peter bezahlte den Fahrer, gab ihm ein ordentliches Trinkgeld und rannte über die Stufen zur Glastür. Das kühle Foyer war dicht gedrängt voller Menschen. Er trat an den Empfang, stellte sich vor und nannte senhor Alfonsos Namen. Der Rezeptionist sah in einer Liste nach und nickte mürrisch. Peter nahm den Lift in den ersten Stock. Dort fragte er eine Schwester, die ihn zur Intensivstation begleitete. Im Stationszimmer lag grüne Krankenhauskleidung für ihn bereit.
   Vorsichtig öffnete er die Tür und trat in ein Zimmer, in dem vier Betten standen. Es roch durchdringend nach Desinfektionsmittel, Krankheit und dem besitzer­grei­fenden Herannahen des Todes. Das kalte Surren medizinischer Geräte und das unterdrückte Gemurmel verhaltener Gespräche schwirrten durch die Luft. Vor dem letzten Bett erblickte er die Umrisse einer kleinen Frau, die neben einem wuchtigen Gestell und der aufgetürmten Technik vollkommen deplatziert wirkte.
   Mit klopfendem Herzen kam er näher. Er hatte sich innerlich auf den Anblick vorbereitet, trotzdem traf ihn der Schock wie ein Faustschlag. Die linke Schulter des alten Mannes und der zugehörige Arm waren in Gips gehüllt. Wie es weiter unten aussah, mochte sich Peter nicht ausmalen. Das Gesicht erinnerte nur noch von fern an das von senhor Alfonso. Es war aufgeschlagen und mit Blutergüssen übersät. Der Schädel saß in einem dicken Verband, der auf eine ernsthafte Kopfverletzung schließen ließ. An der Schmalseite des Bettes stand ein Tropf, dessen Kanüle sich bis zum Wrack der ehemaligen Nase schlängelte.
   Peter bezwang den Impuls, sich einfach umzudrehen und zu flüchten. Er trat auf dona Mona zu und berührte sie an einer Schulter. Sie hockte auf ihrem einfachen Holzstuhl wie ein zu groß geratener Vogel mit eingeklappten und verklebten Flügeln. Ihre Augen waren auf die traurigen Reste ihres Mannes gerichtet. Fast im Zeitlupentempo hob sich ihr Blick, bis er sich hoch über ihr mit Peters traf. Er zuckte zusammen, doch er zwang sich, die verbitterte Anklage und kalte Wut darin zu ertragen.
   Als hätte sich ein Schalter umgelegt, erlosch in ihren Augen jegliches Gefühl. Sie blickte auf die ausgeblichene hellgrüne Wand. »Er wollte Sie noch einmal sehen. Er wollte, dass ich Sie anrufe.«
   Peter beugte sich zu dem aufgeschlagenen Gesicht hinunter.
   Die verschwollenen Augen senhor Alfonsos flatterten und seine rissigen Lippen verzogen sich zu einer Art Lächeln. »Wie schön, dass Sie noch gekommen sind.« Er seufzte. Seine rechte Hand, die durch irgendein Wunder heil geblieben war, irrte über die Bettdecke und tastete wie ein zappelndes Insekt nach seiner.
   Peter beugte sich zu ihr hinab und legte seine Finger auf das pochende Fleisch, das wohl immer noch nach dem Leben gierte.
   »Er war trotz allem ein großer Mann, das müssen Sie mir glauben. Der Schlüssel …«, hauchte Alfonso mit der letzten Kraft, zu der sein zerschlagener Körper noch fähig war, »… liegt in … Sie müssen nach …«
   Die Finger in Peters Hand krampften sich zusammen. Ihre brüchigen Nägel kratzten über seine Haut und wurden auf einmal schlaff. Der Blick des alten Mannes weitete sich vor Furcht und bohrte sich Hilfe suchend in seinen. Plötzlich, wie Papier­schiffchen auf hoher See, verloren seine Augen den Halt. Ein letztes Mal nahmen sie Vaters Ebenbild, den Alfonso über alles geliebt hatte, in sich auf und versanken im Dunkeln.
   Der Blick aus dona Monas Augen wurde starr. »Gehen Sie«, flüsterte sie trostlos. »Lassen Sie mir wenigstens das Privileg dieser letzten Stunde.« Ihre zerbrechliche Silhouette wirkte auf einmal so beherrscht, als wäre sie die einer hoch­ge­wachsenen und stolzen Frau.
   Peter wandte sich um und tapste schuldbewusst, mit eingezogenen Schultern, aus dem Zimmer.

Als er vor dem Hospital stand und der Wind durch seine Haare pfiff, wusste er einen Augenblick nicht im geringsten, was er mit den restlichen Tagen oder vielleicht Wochen bis zu seinem Tod anfangen sollte. Er blickte auf eine Palme, deren Blätter sich nachgiebig in die Abendluft schmiegten. Das milde Licht Lissabons, das er so liebte, umspielte den Platz wie eine Frau, deren kunstfertige Hände über das Gesicht ihres Liebsten strichen.
   Plötzlich wusste er mit absoluter Sicherheit, dass er sterben würde. All die Hirngespinste und Fantasien über Retzer konnten ihn nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Tod dabei war, mit dunklen und erbarmungslosen Fingern nach ihm zu greifen.
   Das Schrillen des Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Nicht wieder Railda, bitte. Aus einem Impuls heraus, der ihn selbst überraschte, griff er nach dem Gerät und nahm das Gespräch an.
   »Hallo?«, fragte eine besorgte Stimme.
   »Ja, wer spricht da?«
   »Ach, ich dachte schon, ich wäre falsch verbunden. Hier ist Angelika Wies. Herr Becher, können Sie mich hören?«
   Ihre Stimme drang an sein Ohr wie aus weiter Ferne. »Ja«, sagte er nach einer Weile. »Ich höre Sie.«
   »Sie … klingen so merkwürdig. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«
   Peter lachte. »Ja, vielleicht könnte man es so nennen. Es ist alles in wunderbarer Ordnung.«
   »Herr Becher, Sie machen mir Sorgen. Würde … würde es Ihnen etwas ausmachen, mich zu treffen? Ich meine natürlich nur, wenn es Ihnen passt und Sie nichts Besseres vorhaben. Ich habe so ein Gefühl, dass Sie mich gerade brauchen.«
   Plötzlich war es, als öffnete sich ein Damm. Er wischte sich die heißen Tränen von den Wangen und ihm wurde klar, dass es in dieser Sekunde keinen Menschen auf der Welt gab, den er lieber gesehen hätte, als Angelika Wies.

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