Eine Zelle. Finsternis, Schmerz und kein Ausweg. Was würdest du tun, um zu entkommen? Wärst du bereit, andere zu verletzen? Zu töten? Zu sterben? Samuel ist zehn, als er entführt wird. Sein Peiniger sperrt ihn in eine düstere Zelle. Jahre vergehen, in denen Folterungen die einzige Möglichkeit sind, der Finsternis seines Verlieses zu entkommen. Samuel weiß, wenn er dem Keller irgendwann entfliehen kann, dann nur, um zu sterben. Durch eine Waffe. Durch seine eigene Hand. So will es sein Entführer, und niemand wird seinen Tod aufhalten können.

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ISBN: 978-9963-52-939-1

Seiten: 294

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Leonie Lastella

Leonie Lastella
Leonie Lastella wurde 1981 in Lübeck geboren und wuchs in Haselau nordwestlich von Hamburg, auf, wo sie noch heute zusammen mit ihren drei Söhnen im Haus ihrer Kindheit lebt. Nach ihrem gymnasialen Abschluss studierte sie einige Semester Erziehungswissenschaften und Biologie an der Universität Hamburg. Auslandsaufenthalte in den USA und Italien beeinflussten ihre Arbeit als Autorin ebenso wie ihre Tätigkeit in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Seit 2006 widmet sie sich neben ihrer Arbeit und den Kindern dem Schreiben. Ihr erstes Buch „Stille Seele“ erschien im Juni 2011 in der Edition Doppelpunkt, der Thriller „Allein“ im Oktober 2012 über Create Space. Es folgten der New Adult Liebesroman „In Licht und Dunkelheit“ im bookshouse Verlag, die Thriller „Wer Finsternis sät“ und „2x3 Meter Finsternis“, ebenfalls im bookshouse Verlag, und die Novelle „Tropfen auf der Haut“. Seit Dezember 2014 wird sie von der Agentur Thomas Schlück GmbH vertreten. „Brausepulverherz“ aus dem Fischer Verlag ist ihre neueste Veröffentlichung.

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Leseprobe

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Kapitel 1

Der Herbstwind wehte totes Laub um Louis’ Füße. Gelangweilt stand er neben dem Kombi seiner Mutter und starrte auf die Leuchtreklame des Supermarkts, während sie wütend am Einkaufswagen zerrte und die Lebensmittel in den Kofferraum warf. Dabei murmelte sie ohne Unterbrechung Verwünschungen vor sich hin. Louis schenkte ihr kaum Beachtung. Er konzentrierte sich auf die Musik, die durch die Kopfhörer seines iPods drang. Sie war ständig wütend. Das war nichts Besonderes. Früher war das anders gewesen – bevor Pa gegangen war. Jetzt hasste sie Louis’ Vater und mit ihm vermutlich alle Menschen der männlichen Gattung inklusive Louis. Er seufzte und lehnte sich gegen die Autotür. Manchmal wünschte er, sein Vater hätte ihn mitgenommen, als er von einem auf den anderen Tag verschwunden war. Seine plötzliche Flucht war durchaus verständlich. Wer hielt schon gern den Kopf hin, wenn Louis’ Mutter ihre Launen auslebte. Die ständige Unzufriedenheit, die sie umgab wie eine zweite Haut, war zugegeben, schwer zu ertragen. Louis ging es da nicht anders, nur hatte er im Gegensatz zu seinem Vater keine Möglichkeit, zu entkommen.
   Außer vielleicht, wenn er die Musik seines iPods lauter drehte. Er lächelte angestrengt und wiegte sich leicht im Takt des schnellen Beats. Weil sein Vater es nicht für nötig befunden hatte, irgendetwas oder irgendwen aus seinem alten Leben mitzunehmen, würde sich Louis mit dieser mäßig effektiven Lösung zufriedengeben müssen.
   Sein Blick wanderte über das rege Treiben auf dem Parkplatz und blieb an der vereinsamten Laderampe hängen. Eine matschig aussehende Pappe flatterte träge im Wind und zerrieb sich in ihre Bestandteile. Fast wie seine Mutter. Louis war kalt. Fröstelnd schlang er die Arme um den Leib. Die verschwitzten Trainingssachen, die er immer noch trug, boten wenig Schutz gegen den Wind, der über die Elbe fegte und seinen eisigen Atem bis ins Landesinnere blies. Der Mittwoch war zum Kotzen. Der langweilige Schultag wurde mittig von pappigem Mensaessen unterbrochen, nur um danach Louis’ Gehirn weiter mit erstickend langweiligen Formeln und Theorien zu malträtieren. Der einzige Lichtblick war das Fußballtraining, das im Anschluss folgte. Allerdings musste er die zwei Kilometer bis dahin zu Fuß zurücklegen, weil der einzige Bus auf dieser Strecke nicht rechtzeitig zum Beginn der Trainingszeit an der Haltestelle vor dem Sportplatz hielt. Sein Trainer hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er niemanden in der Mannschaft gebrauchen konnte, der ständig zu spät kam. Wenn seine Mutter ihn um sechs vor dem Sportgelände abholte, wünschte sich Louis meistens nur noch ins Bett, wo er ein bisschen Xbox zocken und dann schlafen wollte. Ma hatte den Mittwoch jedoch in einer sadistischen Eingebung zu ihrem Wochengroßeinkaufstag auserkoren. Er grunzte unterdrückt und sah zu ihr hinüber. Bestimmt machte sie das absichtlich. Ihre kinnlangen Haare wirkten strähnig, was mit Sicherheit auch daran lag, dass der letzte Friseurbesuch zu lange her war. Dunkle und graue Strähnen schoben sich zwischen das künstliche Blond und ließen sie älter wirken, als sie in Wirklichkeit war. Die Frustration und das Selbstmitleid, die sie langsam auffraßen, unterstrichen diesen Eindruck. Louis machte sich nicht die Mühe, sie mit den Müttern seiner Mitschüler zu vergleichen. Es war klar, dass sie den schillernden und interessanten Müttern der Anderen nichts entgegenzusetzen hatte. Ein weiterer, gut verständlicher Grund für seinen Vater, das Weite zu suchen. Louis hasste sie dafür, dass sie ihn quasi mit allen verfügbaren Mitteln aus dem Haus getrieben hatte.
   Sie warf das letzte Paket Toastbrot ins Auto und schloss den Kofferraum. »Hätte dich nicht umgebracht, wenn du etwas geholfen hättest«, stieß sie müde hervor und drückte ihm den Einkaufswagen in die Hand, bevor er etwas erwidern konnte. »Ich muss noch in die Drogerie. Trödel nicht rum, wenn du den Wagen wegbringst. Ich bin in zwei Minuten wieder da. Deine Geschwister sind allein zu Hause und zerlegen mir die Wohnung, wenn wir nicht bald zurück sind.« Ein vorwurfsvoller Blick folgte ihren Worten.
   Louis nickte und sah ihr hinterher, dabei hätte er gern etwas Schnippisches erwidert. Immerhin war es nicht seine Schuld, dass sie seit fast einer Stunde durch verschiedene Läden irrten. Leider war er nicht besonders schlagfertig. Wenn man seinen Bruder beobachtete, könnte man denken, dass diese Gabe kostenfrei mit der Pubertät geliefert wurde. Bei ihm war das nicht der Fall. Noch etwas, woran mit Sicherheit Ma schuld war. Sie war ihm in dieser Sache sehr ähnlich, während Elias ganz nach seinem Vater kam. Zögernd setzte sich Louis in Bewegung. Es hatte keinen Sinn, sich wegen eines Einkaufswagens mit ihr anzulegen. Also schlenderte er zu der Sammelstelle, die hinter der Laderampe lag. Die Pappe hatte sich gelöst und begleitete ihn dabei wie ein alter Freund, als sie vom Wind in dieselbe Richtung gepustet wurde. Die Reifen des Wagens ruckelten unkontrolliert über das Kopfsteinpflaster. Louis erhöhte die Geschwindigkeit, um sie stabiler zu halten. Mit Sicherheit war das irgendein physikalisches Phänomen, das er kennen würde, wenn er in Physik jemals aufgepasst hätte. Er zuckte die Schultern und sah im letzten Moment, dass ein Junge vor dem Wagen herumlümmelte. Er bremste hart ab und bugsierte den Wagen umständlich um ihn herum. »Hi, was geht?« Etwas irritiert deutete Louis auf den Jungen. »Hätte dich fast über den Haufen gefahren.«
   Der Jugendliche trug einen teuren Kapuzenpullover, der ihm ein wenig zu weit war. Dazu eine aus der Mode gekommene, abgetragene Jeans und ausgelatschte Sneakers. Seine braunen Haare standen in einem wilden Chaos vom Kopf ab, und Louis fragte sich, ob dieses Chaos willentlich herbeigeführt worden war. Sah eher aus, als wäre er genau so aus dem Bett gekrochen. Seine Daumen steckten in den Schlaufen der Jeans und die Hüfte war lässig vorgeschoben.
   »Sorry.« Er ließ sich seitlich gegen die Mauer fallen, ohne dabei den Blick von Louis zu nehmen oder seine Körperhaltung zu verändern. Er glich einem morschen Baum, nur viel cooler. »Verdammt kalt heute Abend.«
   Louis nickte und befreite mit einem leisen Ploppen den Einkaufschip aus seinem Gefängnis.
   »War das da eben deine Mutter?« Der Junge verdrehte die Augen und grinste.
   »Sie ist …« Louis lächelte scheu zurück. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sie kann einem ganz schön auf die Nerven gehen.« Das Auftreten des Jungen verunsicherte Louis und gleichzeitig fesselte ihn dessen coole Art. Er hatte nie zu den angesagten Schülern gehört, nicht mal zu den Nerds oder zu der breiten Masse in der Mitte. Louis war unsichtbar, nicht existent. Vermutlich war es besser so, aber genau deswegen irritierte ihn die freundliche Art seines Gegenübers, der ihn aufmerksam musterte. »Louis«, quetschte er zwischen den Zähnen hervor und hob dabei die Hand zu einem halben Gruß. Fast erwartete er, dass der Junge in Gelächter ausbrechen und ihm einen Spruch an den Kopf knallen würde, der zeigte, wie wenig ihn Louis’ Name interessierte.
   »Ich bin Alec«, erwiderte er stattdessen freundlich und reichte Louis die Hand. In einer geschmeidigen Bewegung zog er sich die Kapuze des Pullovers über den Kopf und rieb die Handflächen gegeneinander.
   »Was machst du hier hinterm Laden? Wartest du auf wen?« Das war der Beweis. Die letzten Schaltkreise in seinem Hirn mussten einen Kurzschluss erlitten haben. Wie kam er bitte darauf, dass Typen wie Alec darauf standen, dass sich Typen wie Louis ihnen aufdrängten? Außerdem war er nicht auf der Suche nach einem Freund und schon gar nicht nach einem, bei dem er sich noch unzulänglicher fühlte, als sowieso schon. Er hatte Freunde. Gute Freunde. Genau genommen waren es nur zwei, die er seit dem Wechsel auf die weiterführende Schule viel zu selten sah, aber das änderte nichts an der Tiefe ihrer Freundschaft. Zumindest hoffte Louis, dass nichts das Besondere zwischen ihnen aufheben würde. Immerhin waren sie der Klub der Unsichtbaren. Er merkte selbst, wie traurig die Umschreibung ihrer Freundschaft klang. Wenn er ehrlich war, war die Unsichtbarkeit tatsächlich so ziemlich alles, was sie miteinander verband. Zweifelsohne ein starkes Band. Louis erwartete, dass Alec ihm nicht antworten und sich abwenden würde.
   »Könnte man so sagen, ja«, sagte er freundlich. »Wird aber noch dauern. Meine Scheißkiste ist kaputt gegangen.«
   Louis zog anerkennend die Augenbrauen hoch. »Du hast einen Wagen?«
   Alecs Augen blitzten verschwörerisch. »Ja. Ich wollte nur kurz zum Laden, ein paar Chips und Cola holen, und jetzt springt das blöde Ding nicht mehr an.« Er deutete auf einen Kastenwagen, der im Dunkeln halb verborgen unter den Armen einer Weide stand.
   »Wie alt bist du?«
   »Erst siebzehn, aber mit einem Erwachsenen lassen die einen ja schon.«
   Louis sah sich um. Meinte der Typ das ernst? Es war weit und breit keine Begleitperson zu sehen. »Aber du bist allein«, sagte er wenig einfallsreich.
   »Und ich kann fahren, also was soll’s?« Alec schürzte abschätzig die Lippen, als erwartete er, dass Louis nach dieser Enthüllung eilig zurück unter Mutters Rockzipfel eilen würde. Geringschätzig deutete er zu dem belebten Teil des Parkplatzes. »Merkt doch keiner.« Er zuckte gleichmütig mit den Schultern.
   Damit sicherte er sich den letzten Rest Bewunderung, den Louis noch zurückgehalten hatte. Er sah um die Ecke des Gebäudes. »Meine Mutter ist noch nicht zurück. Ich hab noch ein paar Minuten, wenn du Gesellschaft beim Warten willst?« Als würde ein Typ wie er mit einem wie Louis abhängen wollen.
   Anstatt ihm einen Vogel zu zeigen, nickte Alec beinahe enthusiastisch. »Klar! Willst du dir den Wagen mal ansehen?«
   Louis sah unsicher zwischen Ma’s Kombi und Alec hin und her. Sie würde einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn er nicht beim Auto auf sie warten würde. Der Gedanke gefiel ihm eine Spur zu gut. »Klar, gern.« Wenn sie vorher zurückkam, musste sie sich eben einen Augenblick gedulden. Geschah ihr recht.
   »Ich habe ihn ausgebaut. Wollte demnächst an die Nordsee und ein paar Tage drin pennen.«
   »Echt?«
   Die Dunkelheit in diesem Teil des Parkplatzes umklammerte die Karosserie des Wagens und hüllte sie in gefräßige Schatten. Von hier konnte Louis nicht sehen, wenn seine Mutter zurückkam. Mit einem Mal war er sich nicht mehr so sicher, ob das Ganze wirklich ein ausgereifter Einfall war. Ma hatte unglaublich kreative Ideen, um ihn für so ein Verhalten büßen zu lassen. Sie würde sauer sein, sogar stocksauer.
   »Hier, ich zeig es dir.« Alec schob die Seitentür auf, die sich ruckelnd öffnete, als hätte sie etwas gegen den plötzlichen Arbeitseinsatz und deutete auf den Innenraum.
   Es dauerte einige Sekunden, bis sich Louis’ Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Enttäuscht schob er den Unterkiefer vor. »Na ja, ausgebaut ist gut. Da liegt ’ne alte Matratze auf dem Boden, sonst nichts.« Idiotisch, für den Blick in ein marodes Auto Hausarrest oder Spüldienst bis nach Weihnachten zu riskieren. Er drehte sich um und wollte zurücklaufen, aber Alec versperrte ihm den Weg. Ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht, das allerdings nicht freundlich wirkte. Eher wie eine verzerrte Maske, die das Gesicht entstellte. »Findest du es nicht schön?«
   »Hör zu, ich muss jetzt los.« Der Gesichtsausdruck, die Art wie sich Alecs Stimme kaum merklich veränderte, machte Louis Angst. Es war, als würde die Temperatur zwischen ihnen fallen. Zitternd schlang Louis die Arme um den Körper und deutete mit dem Kopf in Richtung Parkplatz. »Mann, ich muss echt los. Ist saukalt und meine Mutter, du weißt schon …«
   »Guck’s dir doch mal richtig an! Ich hab so ’ne Art Schrank eingebaut.« Alec zeigte in das Innere des Wagens, seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
   Es war mit Sicherheit keine gute Idee, den Typen zu verärgern. Seufzend drehte sich Louis erneut zum Auto und warf einen flüchtigen Blick hinein. Er wollte schnellstmöglich weg. Irgendetwas stimmte mit dem Kerl ganz und gar nicht. »Sieht gut aus, aber meine Mutter dreht mir den Hals um, wenn ich noch länger wegbleibe.« Er bemühte sich um einen lässigen Tonfall. »Ich hau dann jetzt ab.«
   Bevor er sich zwischen Alec und dem Wagen durchdrängeln konnte, traf ihn etwas zwischen den Schulterblättern. Mit einigen Sekundenbruchteilen Verzögerung eroberte ein gleißender Schmerz seine Muskeln und ließ sie unkontrolliert zucken. Die Luft wurde aus den Lungen gepresst. Schwarze Flecken tanzten in der Peripherie seines Sichtfeldes. Louis versuchte vergeblich, dagegen anzukämpfen, dass seine Beine nachgaben und er kraftlos auf die Matratze vor sich sackte. Der muffige Geruch des Stoffes an seiner Wange ließ ihn würgen. Blut troff von der Unterlippe auf den fleckigen Untergrund. Er bekam keine Luft. Sein Körper brannte. Der Blick verschwamm, während ein einziger Gedanke in seinem Kopf wie auf einer weit entfernten Umlaufbahn rotierte: Er musste hier weg.
   Er wollte weinen, schreien und um sich schlagen, aber nichts davon funktionierte. Er bettelte seine Muskeln an, sich endlich zu bewegen, dem Jungen das Knie in den Magen zu rammen und zurück zu dem wenige Meter entfernten, geschäftigen Treiben auf dem Parkplatz zu rennen. Stattdessen kollabierte seine Welt, und hinter ihm schloss sich quälend langsam die Tür des Wagens.

Kapitel 2

»Was ist so wichtig, dass man uns heute in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett jagt?« Robert Obergar steuerte über den Parkplatz des gerichtsmedizinischen Instituts auf Hannes zu, der mit zwei dampfenden Kaffeebechern vor dem Hintereingang wartete.
   »Ein Jugendlicher, auf den ersten Blick Selbsttötung. Offenbar wurde er seit zwei Jahren vermisst. Dem Verwahrlosungszustand nach zu urteilen, hat er die gesamte Zeit auf der Straße gelebt. Die Eltern hatten bis zuletzt gehofft, er käme nach Hause.« Er zuckte seufzend mit den Schultern. »So haben sie sich seine Rückkehr wohl nicht vorgestellt. Sie haben auf eine Autopsie bestanden.« Hannes sprach es nicht aus, aber Robert und er wussten, dass im Falle eines Suizids von Kindern und Jugendlichen häufig auf eine Untersuchung bestanden wurde. Die Eltern konnten oder wollten in diesen Fällen nicht begreifen, dass sich ihr Kind das Leben genommen hatte. »Die Gerichtsmedizin hat gestern Abend spät das LKA verständigt und uns gebeten, vorbeizukommen.« Er reichte Robert den Kaffee und nippte an seinem Latte macchiato.
   »Die holen uns nicht wegen eines Suizids.«
   Hannes zuckte mit den Schultern und fuhr sich durch die kurzen weizenblonden Haare. Er war müde, noch immer leicht verkatert und sein Magen protestierte bei dem Gedanken, als erste Amtshandlung am Morgen in einem Seziersaal zu stehen. »Ich weiß bisher auch nichts Genaues. Phillip sagte nur, dass der Junge vor seinem Tod offenbar sexuell missbraucht wurde und dass es Unstimmigkeiten bei der Autopsie gegeben hat.«
   »Na, dann uns allen einen wunderschönen guten Morgen.« Robert runzelte die Stirn. Missbrauchsfälle von Kindern oder Jugendlichen waren am schlimmsten. »Siehst zerknautscht aus. Wie lange habt ihr gestern noch gemacht?«
   Hannes verzog das Gesicht und rieb sich über die Augen. »Zu lange.«
   Ellas Geburtstag lag bereits einige Wochen zurück, aber gestern war der einzige Termin gewesen, wo wenigstens ein Großteil ihrer Freunde Zeit in ihren vollgestopften Terminkalendern hatte finden können. Robert hatte wie ein zerknautschter Fremdkörper zwischen Hannes und Ellas übrigen Gästen gewirkt und war bei erstbester Gelegenheit verschwunden. Trotzdem war Hannes ihm dankbar, dass er guten Willen gezeigt hatte und wenigstens gekommen war. Es bedeutete ihm viel.
   »Na dann, Mallig wartet bestimmt schon.« Robert nahm einen tiefen Schluck Kaffee und trat von einem Fuß auf den anderen, als würde das die Kälte vertreiben, die unerbittlich unter die Kleidung kroch.
   Ein tiefes Brummen entfuhr Hannes, als er an den kauzigen Gerichtsmediziner dachte, der in Hannes’ Augen eine Begeisterung für Leichen und deren Todesumstände zeigte, die ungesund über die professionelle Ebene hinausging und damit ein Klischee bediente, das ihm zuwider war.
   Sie tranken schweigend aus und betraten anschließend das gerichtsmedizinische Institut des UKE. Ein verzweigtes Netz aus Fluren führte sie bis tief ins Innere des Gebäudes und schließlich in den Bereich der Seziersäle, wo Mallig sie bereits erwartete.
   »Robert, altes Haus.« Er schüttelte dem älteren Beamten die Hand und rückte sich seine Brille zurecht. »Wie ich sehe, hast du immer noch das Greenhorn an deiner Seite. Hannes Cort, nicht wahr?«
   Hannes nickte und gab dem Mediziner ebenfalls die Hand.
   »Habe gehört, dass ich fast das Vergnügen bekommen hätte?« Er deutete auf Hannes und kniff dabei die Augen zusammen, als könnte er so die Schwere der inzwischen verheilten Verletzungen genau bestimmen und sehen, wie knapp Hannes einer Autopsie entkommen war.
   Hannes hatte keine Lust, Mallig irgendetwas über den vorherigen Fall oder seine Verletzungen zu erzählen, die der von seinem Team gejagte Serienkiller ihm kurz vor dessen Ergreifung zugefügt hatte.
   Robert sah das Ganze offenbar genauso, denn er ging nicht auf Malligs Frage ein. »Die Dienststelle hat uns mitgeteilt, dass du uns wegen eines Sexualdelikts mit anschließendem Suizid hier erwartest, aber wir haben noch keine näheren Informationen.« Robert zog fragend eine Augenbraue hoch und ließ eine zerknautscht wirkende Zigarette im Mundwinkel wandern. Das Papier des Filters war bereits leicht zersetzt.
   »Gönn dir mal ’ne neue.« Hannes schüttelte den Kopf. »Die sieht total eklig aus.«
   »Und rauchen ist hier eh nicht gestattet.« Mallig nahm ihm die Zigarette aus dem Mund und warf sie in einen Papierkorb. »Ich weiß, du zündest sie nicht an, aber das ist mir schnurz.« Er wanderte zu einem Stahlrohrtisch, der sich an die gekachelte Wand schmiegte und auf dem sich eine Vielzahl an Akten und zwei moderne Computer befanden. »Das Opfer heißt Paul Lohring, sechzehn Jahre alt. Er verschwand vor zwei Jahren, kurz nach seinem vierzehnten Geburtstag auf dem Nachhauseweg von der Schule. Damals wurde mit Hochdruck nach ihm gesucht.« Mallig wedelte mit einem Stapel Papiere. »Die hat Gart vorhin rübergemailt. Er meinte, dass ihr es nicht vorher in die Dienststelle schafft.« Ein missbilligender Blick traf Hannes, dem man die Nacht allzu deutlich ansah. »Also, dann fasse ich mal besser zusammen. Vor zwei Jahren, Hundestaffel, Großfahndung, Suchmannschaften vom THW und Tausende freiwillige Helfer. Die Befragung der Eltern ergab jedoch, dass der Umgang mit dem Jungen seit einiger Zeit schwierig war. Nichts, was man nicht kennt in dem Alter, dennoch führten dieses Indiz und der Umstand, dass man keine Leiche fand, zu der Annahme, dass der Junge ausgerissen war. Ihr wisst, wie das ist. Jugendliche verschwinden und tauchen in irgendwelchen Abrisshäusern unter. Wenn sie nicht gefunden werden wollen, hat man keine Chance.« Er warf in einer altmodisch theatralischen Geste die Hände in die Luft. »Die Suche wurde nach einigen Wochen eingestellt. Die Eltern haben einen ziemlichen Aufstand veranstaltet, sich aber schließlich gefügt.«
   Robert und Hannes nickten. Sie kannten diese Geschichten. Jugendliche liefen weg und es war einfacher, zu glauben, dass ihnen etwas zugestoßen war, als sich einzugestehen, dass das geliebte Kind ein Leben vorzog, in dem es keinen Kontakt mehr wünschte. Ein Leben, das in den meisten Fällen hier endete, über kurz oder lang.
   »Warum hast du uns hinzugerufen? Die sexuelle Komponente lässt sich bei der Geschichte einfach erklären. Wir wissen alle, wie das läuft. Der Weg nach unten führt häufig über den Strich, die Freier sind nicht gerade zimperlich.« Robert nahm Mallig die Akte ab, ohne hineinzusehen. »Die Todesursache ist Selbstmord, oder nicht? Du hättest sie von jedem beliebigen Kollegen der Kripo unterzeichnen lassen können.«
   »Das wollte ich zunächst auch. Ich nahm an, dass die Untersuchung eine Routinesache wird, aber dann bin ich auf einige Merkwürdigkeiten gestoßen, weswegen ich fand, dass es eine gute Idee wäre, meine Lieblingskollegen für Serienverbrechen zu verständigen.« Mallig zog sich Einweghandschuhe über und trat an den ersten von drei Autopsietischen.
   Der Körper des Jungen war relativ breit gebaut, wenn auch schlaksig und ausgezehrt. Die Haut war blass und die Gesichtszüge, mehr die eines Kindes, als die eines Heranwachsenden, waren unnatürlich entspannt. In der Schläfe klaffte ein unscheinbares Loch. So klein, dass es wirkte, als könnte es niemals für den Tod eines Menschen verantwortlich sein. Hannes wusste jedoch, dass sich auf der anderen Schädelseite eine weitaus größere Austrittswunde befinden musste. Er war froh, dass sie von seinem Platz aus nicht zu sehen war.
   Mallig drehte die Innenseite des Arms nach oben und deutete auf eine Vielzahl verheilter und sich in verschiedenen Stadien der Heilung befindlichen Schnitte, die den gesamten Arm bedeckten.
   »O Mann.« Robert atmete tief durch. Ihn schienen die autoaggressiven Verstümmelungen mitzunehmen.
   Hannes wusste, dass Robert Kinder hatte, und wollte sich gar nicht vorstellen, was für Bilder das bei einem Vater heraufbeschwor.
   »Der Junge hatte Probleme. Das ist eindeutig, aber ich verstehe immer noch nicht, was dich auf die Idee gebracht hat, wir könnten es mit einem seriellen Verbrechen zu tun haben?«
   Mallig nickte. »Ich sehe das oft. Zu oft, um genau zu sein. Gerade bei Kindern, die Selbstmord begehen, ist ein vorausgehendes autoaggressives Verhalten beinahe üblich, aber …« Mit einer geschickten Bewegung an Hüfte und Schulter drehte er die Leiche auf die Seite und gab damit den Blick auf einen ebenso verstümmelten Rücken frei. »… die hier kann er sich nicht selbst zugefügt haben.«
   Robert nickte zustimmend. »Dürfte ihm schwergefallen sein, dort anzukommen.«
   »Genau.« Mallig legte die Leiche behutsam in die Ausgangsposition. »Außerdem verlaufen die Schnitte so, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass sie von einer anderen Person als dem Opfer durchgeführt wurden.«
   »Aber das reicht nicht, um die Ermittlungen aufzunehmen«, sagte Hannes.
   »Er hat recht.« Robert starrte weiterhin auf den Körper des Jungen, als er Hannes zustimmte. »Da könnten sich einfach zwei arme Seelen zusammengefunden und sich gegenseitig verletzt haben. Das würde zwar bedeuten, dass irgendwo da draußen ein weiterer selbstmordgefährdeter Jugendlicher herumläuft, aber ich kriege damit niemals die Aufnahme einer Ermittlung durch.«
   Mallig setzte die Brille ab und nickte. »Ich glaube nicht, dass dies ein anderer Jugendlicher getan hat. Derjenige, der diese Schnitte zu verantworten hat, hat nicht gezögert oder zwischendurch abgesetzt. Das allein wäre schon höchst ungewöhnlich für einen verunsicherten Jugendlichen von der Straße, aber hinzukommt, dass die Schnitte zum Teil so tief sind, dass sie genäht werden mussten. Welcher jugendliche Ausreißer ist in der Lage, eine Wunde fachgemäß zu vernähen? Und das beeindruckend perfekt, wenn ich das sagen darf. Da war jemand Kompetentes am Werk, dem es wichtig war, dass der Junge diese Verstümmelungen überlebt, damit er ihn weiterquälen konnte.«
   »Ist das dein Ernst?« Robert sah skeptisch von Mallig zum Leichnam und auf die Zettel in seiner Hand.
   »Absolut, sonst hätte ich euch nicht gerufen. Ihr seht nämlich beide aus, als würden euch ein, zwei Stunden Schlaf länger gut tun.« Er setzte sich auf einen Rollhocker und stieß sich vom Autopsietisch ab, sodass er vor seinem Schreibtisch zum Halten kam. »Es gibt da nämlich noch mehr. Er hat eine unterdurchschnittlich ausgeprägte Muskulatur für sein Alter. Ich rede hier nicht von jemandem, der viel sitzt oder seine Zeit hauptsächlich vor dem Fernseher verbringt, sondern von einem krankhaften Abbau gesunden Muskelgewebes. Ich würde sagen, dass er über einen längeren Zeitraum eingesperrt und fixiert gewesen sein muss.«
   »Mein Sohn bewegt sich auch nur, wenn der Rechner streikt. Ich wette, bei dem würdest du ebenfalls eine krankhafte Veränderung des Muskelgewebes feststellen können.« Robert schien dieser Geschichte keinen Glauben schenken zu wollen.
   Doktor Mallig ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. »Außerdem ist sein Zahnschmelz angegriffen und die Haut weist entzündliche Veränderungen auf. Beides Hinweise auf einen starken Vitamin D Mangel durch fehlendes Tageslicht. Seine Blase ist stark vergrößert und er hat einen entzündlichen Harnwegsinfekt, was darauf hindeutet, dass ihm nicht erlaubt wurde, Wasser zu lassen.«
   »Du meinst, er durfte nicht pinkeln?« Robert runzelte die Stirn, hörte jedoch aufmerksam zu.
   »Allein betrachtet hätte mich jeder Hinweis nicht stutzig gemacht, aber alle Dinge zusammen … Dazu kommen Verbrennungsmale an den Schenkelinnenseiten und an den Genitalien.« Mallig wusste offensichtlich, dass er mit dieser Information den Schlagabtausch vorerst für sich entschieden hatte. »Sieht so aus, als wäre er mit Strom bestraft worden.«
   Hannes nickte. »Diese Foltermethode kennt man aus Kriegsgebieten. Feindlichen Gefangenen wird unter Androhung von Stromschlägen das Urinieren verboten, um die eigene Macht zu demonstrieren.« Allmählich verstand er, warum Mallig sie gerufen hatte.
   »Eigentlich ist diese Methode schon wesentlich älter, aber das Greenhorn hat recht. In der modernen Welt findet man es häufig angewendet in Krisengebieten, um die Macht der Aggressoren durch Folterungen zu unterstreichen.«
   Für Hannes Geschmack klang Mallig eine Spur zu fasziniert von einer solch bizarren Foltermethode.
   Robert überflog die Zettel in der Hand. »Konntest du Spermaproben nehmen?«
   Mallig schüttelte den Kopf. »Nein. Entweder hat er ein Kondom benutzt oder – und das halte ich aufgrund der Verletzungen für wahrscheinlicher – der Anus wurde mit Gegenständen penetriert und nicht während eines sexuellen Aktes.«
   Hannes musste sich darauf konzentrieren, die professionelle Distanz zu wahren. Sich vorzustellen, welche Qualen Paul Lohring ertragen hatte, war schwer auszuhalten. Er sah dem Jungen in das blasse Gesicht. »Wenn er entführt, gefoltert und anschließend getötet wurde, haben wir es vermutlich mit einem dissozialen Sadisten zu tun. Kein Täter, der einfach aufhören kann.«
   Robert nickte. Für einen Moment war es drückend still in dem Seziersaal, bis Mallig auf Paul Lohrings Hand deutete.
   »Er hat sich selbst getötet. Das beweisen die Schmauchspuren an der rechten Hand und auf der Kleidung, aber irgendjemand hat ihn dazu getrieben. Diesen Jemand solltet ihr möglichst schnell finden. Das wird nicht von allein aufhören.«
   Robert kniff ein Auge zu. Das tat er stets, wenn ein Detail des Falls nicht dazu passen wollte, und er es im Kopf drehte und wendete, um es passend zu machen. »Bleibt die Frage, woher ein Junge, der auf der Straße gelebt hat und einem Perversen in die Arme gelaufen ist, eine Waffe hat, um sich eine Kugel in den Kopf zu jagen?« Die Papiere warfen Falten unter dem Druck von Roberts Fingern.
   »Vielleicht hat er sie gefunden oder dem Angreifer entwendet.«
   »Überleg mal.« Robert starrte auf den Leichnam, als könnte er sich so besser in den Jungen hineinversetzen. »Du lebst auf der Straße. Du findest eine Waffe. Jedes Straßenkind würde die Waffe verkaufen und damit schneller und einfacher Bares verdienen, als auf dem Strich. Wenn er die Waffe erst während der Folterungen an sich genommen hat, würde mir mein gesunder Menschenverstand etwas anderes raten, als mir selbst den Schädel wegzupusten.«
   Hannes war klar, was sein Vorgesetzter andeuten wollte. »Ich würde die Waffe gegen meinen Peiniger richten und nicht gegen mich und sehen, dass ich da rauskomme.«
   Mallig zupfte einen Zettel aus dem Wust in Roberts Hand und fasste zusammen, was darauf stand. »Er hatte nur einen Schuss. Es war nur eine einzige Kugel in der Tatwaffe. Eine Neun-Millimeter-Ruger. Die Seriennummer ist abgefeilt und wenn ich mal eine Vermutung abgeben darf: Die Ballistiker werden das Profil nicht im System finden. Eure Theorie mit der Flucht ist ebenfalls hinfällig. Er war zum Zeitpunkt seines Todes bereits frei. Der Junge hat sich in einem Park getötet. Es war niemand bei ihm. Nur er, die Waffe und jede Menge Zeugen, die aussagen, dass er allein war und von niemandem gezwungen wurde.«
   »Wurde die Waffe vor dem tödlichen Schuss schon einmal abgefeuert?«
   Mallig schüttelte den Kopf. »Sieht nicht danach aus, aber das müssen schlussendlich die Ballistiker prüfen.«
   »Er entkommt also und das ohne einen einzigen Schuss abzugeben, und als er in Freiheit ist, tötet er sich selbst. Das ergibt keinen Sinn. Er hätte nach Hause gehen können oder zur Polizei. Wieso hat er keinen Passanten um Hilfe gebeten bei so vielen Zeugen?«
   Hannes sah, wie Roberts Verstand arbeitete, während sich seine Gedanken bereits auf einen Verdacht fokussierten.
   »Wenn er nun nie weggelaufen ist, würde das bedeuten, irgendjemand hat ihn zwei Jahre lang gefoltert und eingesperrt. Würdest du die Möglichkeit nicht nutzen, dem ein Ende zu setzen?«
   »Aber es war doch schon zu Ende. Er befand sich am helllichten Tag in einem Park unter Menschen.« Am liebsten hätte Hannes es nicht ausgesprochen, aber genau an diesem Punkt waren seine Gedanken zum Stillstand gekommen. »Du musst es einem Menschen nur lange genug einreden, dann wird er glauben, dass lediglich der Tod dem Ganzen ein Ende setzt.«
   Robert seufzte vernehmlich. Ein halb zustimmendes und halb widerstrebendes Seufzen. »Die Fragen, die sich hier auftun, werden ausreichen, um eine weitere Untersuchung zu rechtfertigen.« Er drehte sich um und schlurfte zur Tür. »Schick mir alles rüber, was du bis jetzt hast, Mallig. In Ordnung?« Dann hob er die Hand und verschwand, ohne sich nochmals umzudrehen durch die Tür.
   Hastig schüttelte Hannes Mallig die Hand und folgte seinem Vorgesetzten.

*

Louis’ Körper fühlte sich an, als wäre er zersprungen und von jemand neu zusammengesetzt worden. Er hustete und spürte den rauen, metallischen Geschmack von Blut im Mund. Wie war er hierhergekommen? Er erinnerte sich an das Fußballtraining, den Einkauf mit seiner Mutter, an ihre genervte Art und ihren nicht enden wollenden Wortschwall, während er auf die Leuchtreklame des Supermarkts starrte und hoffte, sie würde endlich still sein. Was war passiert? Sein Herz schlug hart gegen die Rippen. Er hatte Angst, auch wenn die Watte in seinem Kopf beharrlich verhinderte, dass er sich daran erinnerte vor was oder wem er sich fürchtete. Louis versuchte, sich zu bewegen, aber sein Körper reagierte nicht. Obwohl er Schmerzen hatte, lag er nicht in einem Krankenbett, sondern seine Knochen bohrten sich unbarmherzig in harten Beton. Er lag auf dem Boden und wünschte sich nichts sehnlicher, als Ma’s Stimme zu hören. Sie sollte ihn aus diesem Albtraum wecken. Früher hatte sie ihn immer geweckt, wenn er schlecht träumte, ihn in ihren Armen gehalten und ihm etwas vorgesungen. Louis hatte sie ewig nicht mehr singen gehört.
   Sie würde ihn nicht vor dem Bösen beschützen, das ihn hierher gebracht hatte, weil sie nicht hier war. Er war allein. Am liebsten hätte er geweint, als ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst wurde. Trotzig schluckte er die Tränen hinunter. Ein dumpfer Laut ließ Louis zusammenzucken und jagte ihm eine Gänsehaut über den Körper. Er war nicht allein, wie er geglaubt hatte. Tief in seinem Bauch verknoteten sich Angst und Dankbarkeit darüber zu einem undurchdringbaren Wust.
   Noch immer spürte er den Beton an seiner Wange, den harten Boden unter seinem Körper. Er musste sich erinnern, was passiert war. Wie war er hergekommen? Wo auch immer das sein mochte. Ein unscheinbares Gesicht huschte durch seinen Kopf. Eine chaotische Ansammlung brauner Haare, dunkle, sanfte Augen. Louis erinnerte sich an die seichte Nuance, mit der sich die Stimmlage des Jungen verändert hatte. Er erinnerte sich an die Angst, die er unvermittelt in dessen Nähe verspürt hatte. Alec! Sein Name war Alec. Es war sein Auto gewesen. Er hatte ihn bis vor den Laderaum gelockt. Alec hatte ihn hergebracht. Er war für Louis’ Schmerzen verantwortlich, dafür, dass er sich nicht rühren konnte.
   Das alles machte ihn vermutlich zu seinem Gegner, aber gleichzeitig war Alec der Einzige, der ihn freilassen konnte. Er musste.
   Louis versuchte, die Buchstaben über die Lippen zu quälen, aber nur ein heiseres Krächzen kam heraus. Er kniff die Augen zusammen und versuchte es erneut. »Alec!« Er drehte den Kopf ein wenig und ließ ihn dann kraftlos zur anderen Seite kippen. Blinzelnd stellte er das Bild scharf. Er befand sich in einem länglichen Raum, der von einer schweren Eisentür begrenzt wurde. Eine Zelle, vielleicht zwei mal drei Meter groß. Kahl, bis auf einen Eimer, der einen ekelerregenden Gestank absonderte, und eine alte Flasche mit klarer Flüssigkeit darin. Der Boden war kalt und feucht. Der Beton rissig und aufgesprungen. Wahrscheinlich ein Keller. »Alec?« Kraftlos gab Louis auf, abermals zu rufen. Es hatte keinen Sinn. Wenn er sich irgendwo in diesem verdammten Keller aufhielt, zeigte er sich nicht. Vielleicht war das Ganze ein dummer Scherz. Er verbot seinem Gehirn darüber nachzudenken, wieso ein Scherz Stahltüren, stinkende Eimer und Schmerzen beinhalten sollte. Natürlich gelang es ihm nicht, den Ernst der Lage zu leugnen. Louis war nicht dumm. Seine durchweg schlechten Zensuren hatten eher mit Langeweile und Faulheit zu tun, als mit mangelnder Hirnkapazität. Dabei wünschte er sich gerade in diesem Augenblick, dass sein Verstand nicht so schnell und überaus feinsinnig erkennen würde, dass er am Arsch war. Ob seine Mutter bereits nach ihm suchte? Würde sie überhaupt nach ihm suchen? Oder würde sie davon ausgehen, dass er es wie ihr eigener Vater und ihr Ehemann nicht länger in ihrer Nähe ausgehalten hatte? Louis traten Tränen in die Augen. Er wollte ihr sagen, dass nichts von dem, was er ihr ständig an den Kopf warf, ernst gemeint war. Dass er einfach so verdammt wütend war und sie die einzige Person, bei der er seinen ganzen Frust abladen konnte. Es tat ihm leid. Seit einer Ewigkeit war er nicht mehr fair zu ihr gewesen. Wieso hatte er ihr nie gesagt, dass er sie lieb hatte? Wenn sie das nicht wusste, wie sollte sie ihn dann retten kommen? Er schluchzte leise. Sie musste einfach kommen. Sie sollte ihn suchen. Dieser Ort war dunkel und böse.
   »Ma?« Es war ihm egal, dass die Tränen nutzlos waren, weil niemand da war, den sie beeindrucken oder erweichen konnten. Sie strömten sein Gesicht hinab, ohne dass er versuchte, sie aufzuhalten. Er rief wieder und wieder nach seiner Mutter, während Schluchzer die Rufe in abgehackte Fetzen zerrissen. Es kümmerte ihn nicht, dass er in diesem Moment wirkte, wie ein kleiner, verängstigter Junge. Scheiße noch mal, er hatte Angst.
   Nach schier endlosen Minuten wurde die Tür aufgeschoben, und tatsächlich quetschte sich Alecs hochgewachsener Körper durch den Spalt. Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich und kam näher.
   Louis kniff die Augen zusammen. Er musste auf der Hut sein und Alec gleichzeitig davon überzeugen, ihn gehen zu lassen.
   Aber wie sollte er das anstellen?
   Verzweifelt sah er zur Tür. Sie war verschlossen, allerdings nicht abgeschlossen. Wenn er es schaffen würde, auf die Beine zu kommen, könnte er möglicherweise an Alec vorbeilaufen und einen Weg nach draußen suchen. Es musste einen Weg geben.
   »Geht’s dir besser?« Behutsam zog Alec ein durchnässtes Tuch unter Louis’ Kinn hervor und warf es in Richtung Tür. Die Kälte war aus seiner Stimme gewichen. Nichts erinnerte mehr an die eisige Präzision, mit der Alec ihn überwältigt hatte. »Du hast gekotzt. Das ist bei einigen so, wenn sie geschockt werden. Deswegen habe ich das Licht angelassen. Es geht schnell, dass man das Zeug einatmet und schon ist man hinüber.« Er fuhr Louis liebevoll durch die Haare und lächelte fürsorglich.
   Geschockt? Kotze? Hinüber?
   Louis schloss die Augen. Ihm war übel. Verzweifelt versuchte er, die Erinnerungen zu vertreiben, die den Albtraum zur Realität machten. Panik raste wie eine heiße dunkle Welle durch seinen Körper. »Wieso bin ich hier? Wo sind wir?« Jedes Wort fühlte sich wie Stacheldraht an, der ihm die Kehle aufriss.
   Alec antwortete nicht. Stattdessen starrte er in die Ferne. Ein sehnsüchtiges Lächeln umspielte seine Lippen. »Dein Hund? Was für eine Rasse ist das?«
   »Mein Hund?« Woher kannte Alec Linus, den für seine Rasse zu faulen und übergewichtigen Collie? Seine Worte ergaben nicht den geringsten Sinn. Sie hatten keine drei Minuten miteinander gesprochen, bevor Alec ihn überwältigt hatte, und Hunde waren nicht das Thema gewesen.
   Alec nickte und grinste ihn schief an. »Er hat schönes Fell.«
   Er wirkte nicht gefährlich, nichts an ihm. Louis wusste jedoch, dass dieser Eindruck täuschte. Jeder schmerzende Zentimeter seines Körpers belegte das.
   »Ein Border Collie. Woher kennst du meinen Hund?«
   Alec rutschte näher. »Ein Border Collie«, murmelte er. Ihm schien die Melodie des Wortes zu gefallen, denn er wiederholte die Worte als sanften Singsang. »Ein Border Collie.« Zaghaft entfernte er den iPod von Louis’ Jacke und betrachtete ihn sekundenlang wie einen Schatz. »Ich mag Musik. Ich pass gut darauf auf, versprochen.« Damit ließ er ihn in der Hosentasche verschwinden und kam noch etwas näher. »Ich muss jetzt los. Deine erste Lektion beginnt gleich.« Er warf einen Blick hinter sich. »Tu einfach, was man dir sagt, dann bleibst du am Leben.« Damit stand er auf und ging zur Tür. Der schwere Stahl gab ein ächzendes Geräusch von sich, als Alec die Tür mit seinem Körpergewicht aufdrückte.
   Louis wollte ihn aufhalten, doch seine Muskeln zuckten lediglich unkontrolliert. Anstatt Alec zu folgen, schlug er hart mit dem Kinn auf dem Boden auf. Blut tropfte auf den Beton, aber Louis beachtete es nicht. »Was soll das heißen, Mann?« Er wimmerte. Weniger vor Schmerz, als vor Angst. »Warte doch! Du musst mich rauslassen!« Er musste hier weg. Zu seiner Mutter, auch wenn sie ihm fünf Jahre Spüldienst aufbrummen würde, weil er einfach verschwunden war. »Was willst du denn von mir?« Seine Worte klangen verzerrt.
   Die Deckenlampe erlosch und hinterließ eine undurchdringbare Dunkelheit.
   »Lass mich hier raus! Bitte, du musst mich hier rauslassen!« Panik färbte Louis’ Stimme schrill. Nichts daran klang wie er. Die ganze Situation war absolut irreal. Als Minuten später die Tür erneut geöffnet wurde, hielt Louis sich an den wenigen Lichtstrahlen fest wie an einem Rettungsanker. Er war so froh, nicht länger im Dunkeln allein zu sein, dass er für den Moment vergaß, Angst vor der maskierten Gestalt zu haben, die einen lang gezogenen Schatten in sein Gefängnis warf.

Kapitel 3

»Guten Morgen, Herr Lohring. Mein Name ist Robert Obergar, das ist mein Kollege Hannes Cort. Wir sind vom LKA Hamburg.« Robert hielt dem kränk-
   lich aussehenden Mann an der Tür den Dienstausweis unter die Nase. »Dürfen wir hereinkommen?«
   Ein zerknitterter Schlafanzug verhüllte einen ebenso zerknittert wirkenden, schlaksigen Körper. »Um was geht es bitte?« Er warf einen vorsichtigen Blick hinter sich, öffnete die Tür aber nicht weiter als einen Spaltbreit.
   »Es wäre vielleicht besser, wenn wir das drinnen besprechen.« Roberts Stimme war nicht der Hauch von Ungeduld anzumerken.
   Hannes wusste, dass das täuschte. Die Art, wie er nach seiner Gesäßtasche tastete, um sich den nächsten Glimmstängel zwischen die Lippen zu stecken, zeigte, wie zapplig er innerlich war.
   Peter Lohring lugte weiterhin durch den Türspalt und machte keine Anstalten, sie ins Innere des Hauses zu lassen. Er wirkte unentschlossen, fahrig.
   Robert warf Hannes einen Blick zu und zog fragend die Augenbraue nach oben. Eine unausgesprochene Frage, ob Hannes ebenfalls auffiel, wie angespannt ihr Gegenüber war.
   »Wir wollen wirklich nur kurz mit Ihnen sprechen.« Hannes legte sein nettestes Zahnpastalächeln auf und fror es sofort ein, als er daran dachte, was seine Kollegin Birte Kamm neulich dazu gesagt hatte. »Sieht aus, als würdest du den Nächstbesten mit einem roten Käppchen auf dem Kopf zum Frühstück verspeisen wollen.«
   »Es ist nur …«
   Der fahrige Blick zeigte allzu sehr, dass der Mann unnatürlich nervös war. Hannes konzentrierte sich auf sein Gegenüber.
   »Meine Frau kann zurzeit keine weitere Aufregung gebrauchen. Es geht ihr nicht gut.«
   Hannes nickte. Peter Lohring versuchte nicht, etwas vor der Polizei zu verbergen. Alles, was er wollte, war, seine Frau zu schützen, und zwar vor ihnen und den Fragen, die sie stellen mussten. »Das verstehen wir sehr gut.« Hannes ignorierte die zweifelnde Grimasse von Robert. »Wir müssen mit Ihnen trotzdem über das Verschwinden und den Tod Ihres Sohnes Paul sprechen.«
   Peter Lohring senkte den Blick. Als er ihn wieder hob, schwammen Tränen darin. »Mein Sohn hat sich umgebracht. Wir haben ihn verloren. Wir haben mit Ihren Kollegen gesprochen – mehrfach. Was wollen Sie noch von uns? Wir brauchen Ruhe, um …«
   Dass er den Satz nicht beendete, zeigte, wie wenig Peter Lohring davon ausging, den Tod seines Sohnes jemals zu verwinden.
   »Es sind einige Fragen offengeblieben, die wir gern klären wollen.« Mit einem Mal klang Robert sehr ernst. »Herr Lohring, uns ist klar, was für einer Tragödie Sie und Ihre Frau ausgesetzt sind, aber Sie wollen doch sicher auch, dass Pauls Tod vollständig aufgeklärt wird.«
   »Es war ein Selbstmord. Was heißt das: Es sind Fragen offengeblieben, Sie müssen seinen Tod aufklären?« Die Worte schienen mit Verzögerung in sein Hirn zu dringen.
   Unvermittelt wurde die Tür aufgeschoben. Eine attraktive Frau erschien hinter Lohrings schmalen Schultern. Ein zartes Gesicht mit rot geränderten Augen verschwand fast völlig hinter einer widerspenstigen flammenfarbenen Lockenpracht. »Es sind Fragen offengeblieben, weil sich unser Sohn nicht umgebracht hat. Ich bin so froh, dass mir endlich jemand glaubt.« Katja Lohring schlug die Hand vor den Mund und schluchzte leise. »Paul hätte sich niemals etwas angetan. Er wäre niemals fortgelaufen.« Sie nickte, als würde das ihren Worten mehr Gewicht geben.
   Jegliche Körperspannung wich aus Peter Lohrings Körper, während er im selben Moment die Tür freigab, die nun weit aufschwang. Die Schultern sackten nach vorn, bevor er sekundenlang seine Frau ansah und dann durch den Flur davontrottete.
   Hannes konnte seine Resignation und Entkräftung verstehen. Ab einem gewissen Punkt wünschte man sich, mit einem solchen Verlust abschließen zu können und nicht immer wieder von Neuem damit konfrontiert zu werden. Der Mann versuchte offensichtlich, seine Frau zu schützen, die sich in einer Idee verrannt hatte und nicht so aussah, als verkraftete sie es, wenn ihre Hoffnungen erneut enttäuscht würden.
   »Kommen Sie herein.« Katja Lohring lächelte und schlang sich eine grobe Strickjacke um die Mitte.
   Als Hannes sah, wie sie zitterte, beeilte er sich, hinter Robert ins Haus zu treten und möglichst schnell die Tür zu schließen.
   Katja Lohring lief vor ihnen her durch einen lichtdurchfluteten Flur, von dessen Wänden ihnen Paul in verschiedensten Altersstufen entgegenlächelte. Hannes fragte sich, von wem er die dunklen Haare hatte. Sein Vater hatte blondes Haar, das mit grauen Strähnen durchzogen war, und seine Mutter war rothaarig.
   Er blieb vor einem Foto stehen, das Paul im Alter von acht Jahren zeigte. Die zwei oberen Schneidezähne fehlten, was sein Lachen noch ansteckender machte. Unwillkürlich huschte ein Lächeln über Hannes’ Gesicht.
   Der Junge war ein süßes Kind gewesen. Die Eltern schienen sich zu lieben, hatten gute Jobs, keinen kriminellen Hintergrund. Das Haus war hübsch, wohnlich, gemütlich. Nichts deutete auf ernsthafte Probleme im familiären Bereich hin, obwohl Hannes natürlich wusste, dass der äußere Schein trügen konnte.
   Robert und Katja Lohring waren bereits im Wohnzimmer, deshalb beeilte sich Hannes, ihnen zu folgen.
   »Setzen Sie sich doch.« Nervös nestelte Katja Lohring an den Knöpfen der Strickjacke herum. »Darf ich Ihnen etwas anbieten?«
   Robert winkte ab, und Hannes setzte sich mit einer ebenfalls abwehrenden Handbewegung. »Nein, danke. Wir haben lediglich ein paar Fragen an Sie.«
   Sie nickte, nahm auf einem Hocker Platz, der neben dem Wohnzimmertisch stand, und drückte die Oberschenkel eng zusammen, sodass ihre Muskeln zu zittern begannen. Einen Moment blickte sie auf ihre Knie, ehe sie Robert direkt in die Augen sah. »Er hat sich nicht umgebracht.«
   »Das steht leider außer Frage, Frau Lohring, aber wir wollen herausfinden, wieso er sich das angetan hat. Wer ihn eventuell dazu getrieben hat, dies als einzigen Ausweg zu sehen.« Hannes zückte einen Notizblock. In der Regel brauchte er die Aufzeichnungen nicht, um sich später an jede Einzelheit solcher Gespräche zu erinnern, aber es gab den Befragten das Gefühl, ernst genommen zu werden, wenn er sich die Eckdaten notierte. »Was können Sie uns über den Tag sagen, an dem Ihr Sohn verschwunden ist?«
   Katja Lohring schwieg für eine Weile, als wollte sie nichts Wichtiges außer Acht lassen, bevor sie die Augen schloss. »Er ist zur Schule gegangen wie jeden Morgen«, sagte sie leise. »Wir hatten einige Auseinandersetzungen wegen seiner Noten gehabt. Mein Mann war der Ansicht, dass er mehr tun müsste, obwohl ich ihm immer gesagt habe, dass es eben das Alter sei, indem Mädchen wichtiger sind, als Grammatik und Bruchrechnung.« Sie schüttelte den Kopf und lächelte leicht, ganz gefangen in der Erinnerung, in der ihr Sohn noch lebte. »Er hat an dem Tag nicht gefrühstückt, weil er spät dran war.« Sie berührte ihre Wange. »Er hat mir einen Kuss gegeben und ist dann aus der Tür. Es war wie immer. Er war schon seit seiner frühesten Kindheit ein Morgenmuffel und immer zu spät dran.« Sie lächelte.
   Hannes sah die Zärtlichkeit in ihrem nach innen gerichteten Blick.
   »Danach sind mein Mann und ich zur Arbeit gefahren. Paul hätte um drei Uhr nachmittags wieder da sein müssen, aber er kam nicht nach Hause. Ich dachte zunächst, dass er mit zu einem Freund gegangen wäre, und habe gewartet.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Ich hätte früher reagieren müssen.«
   Hannes rutschte auf dem Sofa nach vorn und legte ihr sanft die Hand auf den Arm. »Das hätte keinen Unterschied gemacht.« Er nickte ihr zu und setzte sich wieder bequem hin. »Wann hatte Ihr Sohn Schulschluss an diesem Tag?«
   »Um dreizehn Uhr.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
   Hannes konnte sich vorstellen, wie Katja Lohring den Tag immer wieder erlebte, ihn aus jedem denkbaren Winkel begutachtete und sich selbst mit Vorwürfen quälte.
   »Um dreizehn Uhr. War das planmäßig oder fielen Stunden aus?« Obergar ließ den Blick durch das Zimmer schweifen, während er die Frage stellte.
   Die gesamte Einrichtung wirkte sehr gutbürgerlich. Zu Peter Lohring passten die Spitzendeckchen aus vergangenen Tagen und die nichtssagende Bucheeinrichtung von Ikea. Zu seiner Frau hingegen nicht. Die Art und Weise, wie sie sich kleidete und die flammende Lockenpracht ließen sie in dem langweiligen Ambiente wie einen Fremdkörper wirken.
   »Nein, er hatte ganz normal nach Stundenplan Schluss an dem Tag.«
   Hannes notierte das und versuchte, sich auf Katja Lohring zu konzentrieren. »Wieso hätte er dann erst zwei Stunden später zu Hause sein sollen?«
   Pauls Mutter nickte eifrig. »Er war in der Hausaufgabenbetreuung der Schule. Wie gesagt, seine Leistungen waren nicht besonders, und wenn ich mich mit ihm hingesetzt habe, gerieten wir jedes Mal aneinander.«
   »Ist damals mit den Betreuern dieser Einrichtung gesprochen worden?«
   Abermals nickte Katja Lohring. »Er war dort, hat alle seine Aufgaben erledigt und sich um zwanzig vor drei verabschiedet. Bis zur Fröbelstraße ist er mit einem Klassenkameraden zusammen gegangen, danach hat ihn niemand mehr gesehen.« Ihre Augen röteten sich. Tränen sammelten sich darin. Sie zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und schnäuzte sich geräuschvoll die Nase.
   »Also ging er zu Fuß?« Hannes hatte angenommen, dass der Junge mit dem Fahrrad unterwegs gewesen war. Zu Fuß war es ein ganz schönes Stück. »Das sind bestimmt fünf Kilometer, sechs vielleicht?«
   »Ungefähr fünf, ja, das stimmt, aber er hatte sein Rad dabei. Sein Freund nicht, deswegen sind sie den Anfang des Weges zu Fuß gegangen.«
   Das würde bedeuten, dass er für den Rest des Weges umso zügiger hätte fahren müssen, wenn er rechtzeitig zu Hause sein wollte. Ein schnelles, bewegliches Ziel war schwerer zu überwältigen und war deswegen umso ungewöhnlicher. »Wurde das Rad gefunden?«
   Katja Lohring schüttelte den Kopf. »Wieso hat ihm jemand etwas so Schlimmes angetan? Er hatte keine Feinde. Jeder mochte ihn. Was ist so schlimm, dass er keinen Ausweg gesehen hat?«
   Robert sah Hannes durchdringend an, ehe er sich Katja Lohring zuwandte. »Ich sage Ihnen jetzt, was in dem Abschlussbericht des Gerichtsmediziners stehen wird. Es ist nicht schön. Wollen Sie vielleicht Ihren Mann dazuholen? Es wäre gut, wenn Sie damit nicht allein wären.«
   Ihr Atem flatterte wie ein gefangener Vogel, während sie den Kopf schüttelte. »Peter und ich können uns nicht mehr stützen. Jetzt nicht mehr. Als es noch Hoffnung gab, hat sie uns zusammengehalten, wie Klebstoff. Aber jetzt …« Sie zuckte hilflos mit den Schultern.
   »Also schön. Wir denken, dass es möglich wäre, dass Ihr Sohn zu dem Selbstmord getrieben wurde. Er wurde vor seinem Tod sexuell und körperlich misshandelt. Es gibt außerdem Anzeichen, die auf Folterungen hindeuten.«
   Katja Lohring gab keinen Laut mehr von sich. Es war, als hätten die Worte sie zu Stein erstarren lassen.
   Hannes sah sie eindringlich an. »Es könnte sein, dass sich Ihr Sohn prostituiert hat und an einen Freier geraten ist, der ganz spezielle Vorlieben hatte. Eine andere Möglichkeit, die wir bis jetzt nicht ausschließen können, ist, dass Paul entführt und die letzten zwei Jahre gefangen gehalten wurde. Wir sind hier, um die Umstände, unter denen es zu den massiven Verletzungen Ihres Sohns gekommen ist, genau zu klären. In jedem Fall handelt es sich um eine Straftat, die eine Selbsttötung zur Folge hatte, und wir wollen verhindern, dass anderen Jungen dasselbe zustößt.«
   »Er ist gar nicht weggelaufen, sondern wurde entführt?« Sie sah fassungslos von Robert zu Hannes und schien die Tränen auf ihren Wangen nicht wahrzunehmen.
   »Das können wir zumindest nicht ausschließen.«
   »Er hätte sich niemals selbst umgebracht.«
   Die Fakten sprachen eine andere Sprache.
   Robert nickte resigniert. »Hat Paul jemals autoaggressives Verhalten gezeigt?«
   Katja Lohrings Augen weiteten sich. »Warum sollte er das tun?«
   Im Angesicht der Todesursache ihres Sohnes war die Frage unangebracht, Hannes versuchte jedoch, nicht so ungeduldig zu wirken wie Robert, der sich eine Zigarette in den Mundwinkel schob. Ein untrügliches Anzeichen dafür, dass er kurz davor war, die Geduld zu verlieren.
   »Frau Lohring, an der Leiche von Paul wurden Schnitte im Bereich der Arme, des Rückens und der Oberschenkel festgestellt, die an das weitverbreitete Ritzen bei Jugendlichen erinnern. Oft passiert das, wenn der Druck zu groß wird. Sie sagten, dass er schulische Probleme hatte?«
   Entgeistert sah sie Hannes an. »Er hat sich nie so etwas angetan.« Sie schien einen Augenblick zu überlegen. »Mein Mann hat einen gewissen Druck aufgebaut, aber nicht so sehr, dass er sich deswegen selbst verletzt hätte. Manchmal hat er über die Stränge geschlagen, aber das ist doch normal in dem Alter.« Ihre Stimme war merklich leiser geworden. »Seinem Vater habe ich nie von diesen Vorkommnissen erzählt, um die Probleme der beiden nicht noch zu verstärken. Herrgott, er war gerade vierzehn Jahre alt. Manchmal habe ich mich gefragt, wo die Kindheit so plötzlich hin war.«
   »Was heißt bei Ihnen, er hat über die Stränge geschlagen?« Robert knabberte am Ende der Zigarette herum.
   »Er hat Alkohol probiert. Nur ein- oder zweimal.« Sie schlug die Augen nieder. »Er hat es versucht und mir danach versprochen, dass er es nie wieder tut.« Sie schluchzte und sackte kraftlos in sich zusammen.
   »Ich denke, für den Moment sind wir fertig.«
   Hannes wusste, dass das die freie Übersetzung dafür war, dass Katja Lohring ihnen in ihrem Zustand keine große Hilfe mehr sein würde. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Wir müssen noch einmal alles rekonstruieren. Der Fall Ihres Sohnes wird neu aufgerollt. Wir melden uns, sobald wir neue Erkenntnisse haben oder weitere Fragen auftauchen. Könnten wir, bevor wir gehen, sein Zimmer sehen?« Hannes hätte sich für die Art der Fragestellung am liebsten in den Hintern getreten. »Ich meine nur, wenn das Zimmer noch in seinem alten Zustand ist?«
   Ohne eine Antwort zu geben, stand Pauls Mutter auf, nickte und schleppte sich vor Robert und Hannes die Treppe hinauf. Das Gespräch schien ihre letzten Kräfte verbraucht zu haben. »Ich muss mich hinlegen.« Sie öffnete eine Tür und machte eine einladende Geste, ohne einen Blick in das Zimmer ihres Sohnes zu werfen. »Finden Sie selbst hinaus, wenn Sie fertig sind?« Sie wartete keine Antwort ab und verschwand in einem der angrenzenden Zimmer.
   Hannes konnte ihr Schluchzen durch die Wände hören, als sie den gelb gestrichenen Raum betraten, in dem Paul bis zu seinem Verschwinden gewohnt hatte.
   »Was denkst du?« Robert wühlte Unterwäsche und Socken durch und öffnete anschließend die übrigen Schubladen einer weißen Kommode.
   Hannes überflog das Chaos auf dem Schreibtisch. »Ich weiß nicht. Es scheint nicht alles so glatt und gutbürgerlich zu sein, wie die Eltern es zunächst dargestellt haben. Andererseits habe ich das Gefühl, dass keines der Probleme wirklich tiefgründig und einschneidend genug wäre, um sein Zuhause zu verlassen.«
   »Die Sache mit dem Alkohol könnte ein Verschwinden durchaus erklären.«
   Hannes unterbrach seine Suche. »Aber?«
   »Aber wenn meine Mutter mich decken würde, wenn ich zu wie ein Uhu nach Hause torkele, würde ich annehmen, dass sie mich ziemlich lieben muss. Ich würde nicht weglaufen.«
   »Ja.« Hannes überflog einige Zeilen eines Schulprojekts und zeigte dann auf die Kabel, die lose auf dem Schreibtisch herumlagen. »Er hatte einen Computer. Den sollte sich Kai unbedingt mal ansehen.«
   Robert nickte und stieß vorsichtig mit dem Finger gegen ein Modellflugzeug, das von der Decke herabhing. »Wie bist du verschwunden, Paul?«
   Hannes wusste, dass Robert keine Antwort erwartete, aber er wünschte, er hätte eine parat gehabt.

*

Louis lag auf der Matratze und versuchte, sich auf das konstante Summen der Heizungsrohre zu konzentrieren. Er musste mal, wusste jedoch, dass noch einige Zeit vergehen würde, bis ihm erlaubt wurde, sich zu erleichtern. Er fragte sich, was der Mann tat, wenn er nicht bei ihnen war. Wie mochte sein Leben aussehen, wenn er sich nicht mit seinen Spielzeugen beschäftigte?
   Die Schallisolierung des Kellers war so gut, dass kein Geräusch nach unten drang, das ihm einen Anhaltspunkt geliefert hätte, ob der Mann lediglich durch die Schleuse von ihnen getrennt war und direkt über ihnen wohnte oder ob er ein normales Leben weit entfernt von seinen perversen Neigungen und seinem dunklen Geheimnis führte. Für Louis war es egal. Er war in diesem Keller eingesperrt und die normale Welt existierte nicht mehr. Es gab nur noch diesen isolierten Platz aus Schmerz, Hass und Routine.
   Ein Tag glich dem anderen, aber der immer gleiche Ablauf brachte trotzdem keinerlei Sicherheitsgefühl. Frühmorgens durfte Louis pinkeln, danach folgte eine Zeit des Wartens. Er hatte die Sekunden gezählt. Dreitausendsechshundert bis zur vollen Stunde. Fünf Mal, bis er wiederkam und Louis erneut den Eimer in die Zelle schob. Dann gab es Essen. Es war nicht besonders schmackhaft, aber reichlich, sodass er nie Hunger leiden musste. Dem Mann schien klar zu sein, dass Louis’ Körper Kraft brauchte, um die Folter auszuhalten. Die Lektionen waren das Schlimmste. Louis hatte versucht, währenddessen ebenfalls die Sekunden zu zählen, um sich an etwas anderem festzuhalten als dem Schmerz. Aber die Zahlen hatten sich endlos gedehnt, waren verschwommen und schließlich hatten sie sich in Blut und Schmerz aufgelöst.
   Nachdem die Tortur vorbei war, wurden seine Wunden versorgt und er wurde zurück in seine Zelle gebracht. Dreitausendsechshundert mal vier Sekunden später gab es eine Flasche Wasser und das letzte Mal den Eimer. Dazwischen herrschte Dunkelheit, immerzu Dunkelheit.
   Nicht mehr lange, bis er Louis holen würde. Es war Zeit für die Lektionen. Er begann zu zittern. Es gab keinen Winkel, um sich zu verstecken, keine Möglichkeit, zu entkommen. Er starrte in das Schwarz und wartete, bis sich ungleichmäßige Schritte der Tür näherten und der schwere Stahl aufgestoßen wurde. Als das Licht der Deckenlampe aufflammte und ihn blendete, hielt er sich die Hand schützend vor die Augen. Der Eimer wurde vor ihn gestellt, und Louis hockte sich eilig darüber. Er ignorierte das Brennen in den Oberschenkeln, während er sich erleichterte. Mit geschlossenen Augen stand er auf und wartete, bis sein Peiniger vor ihm die Zelle verlies. Er hörte, wie die Schuhe über den Beton schlurften, und folgte ihm – die Augen fest zugekniffen. Den Weg ins Lektionszimmer kannte er, ohne hinzusehen. Er wusste, wie jeder Zentimeter des kahlen Raums aussah. Weiße glatte Betonwände, eine Angst einflößende Sterilität, überlagert von dem penetranten Geruch nach Desinfektionsmitteln. Eine Liege mit Fesseln für Hände und Füße stand an der einen Wand und zwei sich gegenüberstehende Stühle an der anderen. Ansonsten war der Raum leer. Im Boden klaffte ein dunkler Abfluss mit sechs kreisrunden Löchern.
   »Augen auf!«
   Louis öffnete sie, blinzelte gegen das grelle Weiß an und konzentrierte sich auf den Abfluss im Boden, der vertraut vor seinen Augen auftauchte.
   »Setz dich.«
   Er ließ sich auf die Pritsche sinken und ignorierte das unangenehme Quietschen des Kunstleders unter seinem Gewicht.
   »Leg dich hin.«
   Eine Träne floss an seiner Schläfe hinab und verlor sich im Haar. Hoffentlich würde der Mann es nicht bemerken.
   Die Fesseln wurden sorgfältig um Louis’ Hand- und Fußgelenke strammgezogen. Es fiel ihm schwer, gegen die Angst anzuatmen, die seine Lungen zuschnürte. Der Druck an den Gelenken störte die Blutversorgung und erzeugte ein Stechen wie von tausend feinen Nadeln.
   »Sieh hin! Ich will, dass du zusiehst!«
   Louis wollte nicht, aber er wusste, dass es schlimmer wurde, wenn er nicht gehorchte. Also riss er die Augen vom Abfluss los und starrte in das Objektiv der Kamera, die neben ihm aufgestellt war. Sie lief bereits. Das konnte Louis an dem roten Punkt sehen, der seitlich am Korpus der Kamera leuchtete. Das tat sie nur, wenn er etwas Spezielles vorhatte. Louis Herz prallte in schnellen, heftigen Stößen gegen die Rippen. Sein Blick blieb an dem Messer hängen, das seine Haut eindrückte, ohne sie zu zerteilen – noch nicht. Die Kälte des Stahls jagte ihm einen Schauder durch den Körper.
   Der Mann hasste Tränen, also weinte man besser nicht. Er verachtete Schwäche, also hielt man still. Es war klug, stumm zu bleiben.
   Louis starrte ins Nichts, als der Druck des Messers stärker wurde. Während das warme Blut an seiner Brust hinablief, wünschte er sich fort, weg von seinem Körper, weg von seinem Peiniger. Irgendwann würde man ihn finden. Ma würde ihn finden und ihn in ihre Arme schließen. Es gab einen Weg hier raus. Es musste einfach einen geben.
   Das Gummi der Handschuhe auf seiner Haut fühlte sich glitschig an. Das stumpfe Weiß des Latex war von einem matten bräunlichen Rotton besudelt.
   Louis spürte die Übelkeit kommen und schaffte es gerade noch, den Kopf so weit zur Seite zu drehen, dass er sich nicht an seinem eigenen Erbrochenen verschluckte. Er wusste, dass eine Konsequenz folgen würde. Wahrscheinlich verdiente er es. Immerhin hatte er gespuckt, ohne dass es ihm erlaubt gewesen wäre. Rasselnd atmete er gegen den Schleim und die Reste des Mageninhalts an, während der Schmerz jeden klaren Gedanken in seinem Gehirn zerfetzte.
   Louis hatte den Mann wütend gemacht. Dafür würde er sterben. Niemand überlebte es, ihn wütend zu machen. Louis weinte. Er konnte es nicht aufhalten. Das Einzige, was er verhindern konnte, war dabei ein Geräusch von sich zu geben, indem er sich so stark auf die Lippe biss, dass die Haut unter den Zähnen nachgab.
   Das Messer wanderte zu seiner Leiste, strich über die Hoden. Die empfindliche Haut zog sich zusammen, sein Innerstes zog sich zusammen.
   Obwohl er wusste, dass er es nicht sollte, schloss er die Augen und sperrte all die Dinge aus, die seinen Körper materten, penetrierten, verletzten, seine Seele zerstörten. Er würde sie wiedersehen. Ma, seinen überheblichen großen Bruder und seine kleine, nervige Schwester – sie alle. Er würde überleben, auch wenn er sich für den Moment nur noch wünschte, zu sterben.

*

Wie würde es sich anfühlen? Es war ungewohnt den seichten Wind auf der Haut zu spüren, die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die ihn wärmten. Er hatte die Elemente vermisst, die Natur, das Leben, das um ihn herum pulsierte.
   Es war längst Zeit, aber Lennard blieb auf der Bank sitzen und sah den Schwänen zu, die gemächlich auf dem dunklen Wasser des Alsterfleets dümpelten und Touristen um Essen anbettelten. Die Schatten der Häuser wurden bereits länger.
   Der Tod würde dunkel sein, aber nicht dunkler als die Zelle. Es würde kalt sein, einsam, aber nicht schlimmer als die letzten zwei Jahre der Isolation und Folter.
   Bald würde alles vorbei sein. Das kühle Metall der Waffe berührte seine Haut, und Lennard fragte sich, wieso ihm niemand ansah, wie tödlich seine Gedanken waren, dass er eine Waffe im Bund der Hose trug, dass es ernst war?
   Ernster konnte es nicht mehr werden. Er atmete geräuschvoll aus und sah den Menschen zu, die wie von einem Magnet angezogen Richtung Mönckebergstraße strömten. Sie alle hatten ein Ziel. Genau wie er. So gern hätte er seine Familie noch einmal gesehen, aber das war verboten. Außerdem wäre er bestimmt eingeknickt, sobald er sie sah und das durfte er nicht. Es war wichtig, den Auftrag zu erfüllen, der seiner Familie Sicherheit garantierte und ihm eine Unendlichkeit außerhalb der Zelle.
   Er dachte an Annika, mit der er zusammen gewesen war vor einem gefühlt ganzen Leben. Damals hatten sie sich geschworen, es wäre für immer, aber dieses für immer hatte sich in den vergangenen Jahren mit Sicherheit abgenutzt. Lennard war sich sicher, dass sie längst jemand anderen hatte. Worauf hätte sie auch warten sollen? Immerhin war er innerhalb von Sekunden spurlos verschwunden und nie wieder aufgetaucht – bis heute.
   Mühsam rappelte er sich hoch und stieg die steinernen Treppenstufen zum Hamburger Rathausplatz hinauf. Der Platz war voller Menschen, die in Gruppen oder allein vor dem imposanten Gebäude standen, sich unterhielten oder Fotos von dem reich verzierten Hauptturm machten, an dem die charakteristisch rotgoldene Uhr prangte. Lennard stellte sich auf den Platz und hob den Kopf. Nicht, um ebenfalls den Turm zu bewundern. Er reckte das Kinn nach oben, sodass er freie Sicht auf den milchig blauen Himmel hatte. Wolken jagten, getrieben vom norddeutschen Wind, über das Firmament.
    Irgendjemand schrie. »Der hat ’ne Waffe. Weg hier, der Irre hat ’ne Waffe.«
   Lennard ignorierte das entstehende Chaos um sich herum, die Angstschreie, die rennenden, sich schubsenden Körper. In Panik achtete niemand auf den anderen.
   Lennard konzentrierte sich auf den Himmel. Er stellte sich vor, dass die Zahnräder der Turmuhr mit derselben beständigen Ruhe und Präzision wie er es gleich tun würde, die Arbeit verrichteten. Er versuchte, seinen Puls zu beruhigen und dem nicht realen Ticken der Uhr im Kopf anzupassen. Das Schreien war verebbt. Ein breiter Sicherheitsgürtel hatte sich um ihn gebildet.
   Sirenen kamen näher. Es war soweit. Ganz langsam spannte er den Hahn der Neun-Millimeter-Ruger und setzte das Metall an die Schläfe. Sein Atem stockte. Das Herz schlug hart, aber gleichmäßig gegen den Brustkorb. Er wollte nicht sterben, aber noch weniger wollte er zurück zu ihm. Er wünschte, er hätte es seiner Familie erklären können, ihnen sagen können, dass er sie niemals verlassen hätte, gäbe es einen anderen Weg, dass er sie liebte, aber das konnte er nicht.
   Keine letzten Besuche, keine Briefe, keine Erklärungen. So waren die Regeln. Lennard zitterte nicht, als sich sein Finger um den Abzug krümmte, er zuckte nicht, bevor sich der Schall des Knalls zwischen den hohen Gebäuden fing und sein Körper für immer in sich zusammensackte.

Kapitel 4


    Hannes rannte, ohne anzuklopfen in Roberts Büro. »Das wirst du nicht glauben.« Er stoppte, als er sah, dass Robert telefonierte, und klopfte ungeduldig mit den Fingerkuppen auf die Tischplatte.
   Robert zog fragend die Augenbrauen hoch und deutete auf das Telefon, bevor er »Clausen« mit den Lippen formte.
   Der Leiter des LKA. Entweder ein wichtiger Fall, wobei sich Hannes nicht vorstellen konnte, dass irgendetwas mit seiner Entdeckung mithalten konnte, oder Robert hatte sich mal wieder bei einer einflussreichen Persönlichkeit unbeliebt gemacht und bekam einen Rüffel dafür.
   Endlich legte Robert auf und ließ sich in seinen Sessel plumpsen.
   »Alles in Ordnung?«
   Er schüttelte den Kopf und nickte danach. »Ja, wird schon werden. Ich sollte bei dir in die Lehre gehen, was Diplomatie angeht. Liegt mir nicht besonders.«
   Hannes schmunzelte. Das war in etwa die Untertreibung des Jahrhunderts.
   »Was gibt’s?«
   »Paul Lohring.« Hannes klatschte eine Akte auf den Tisch. »Es gibt eine weitere Leiche desselben Täters.«
   »Was macht dich so sicher, dass die Fälle etwas miteinander zu tun haben?«
   Hannes setzte sich auf die Schreibtischkante. »Lennard Siegel. Sechzehn Jahre alt. Verschwunden vor zwei Jahren im Süden von Hamburg auf dem Weg vom Gitarrenunterricht nach Hause. Es gab keinen Grund für den Jungen, wegzulaufen. Man fand allerdings auf seinem Computer ein Tagebuch, in dem er sich ziemlich über seine Eltern ausgelassen hat. Ich habe Auszüge davon in der Vermisstenakte, die ich angefordert habe, gelesen und ich sage dir, das ist nicht mehr als pubertäres Aufbegehren. Sie haben nach ihm gesucht und dann aufgrund des Tagebuchs angenommen, er wäre abgehauen. Er bleibt knapp zwei Jahre verschwunden und taucht heute Morgen auf dem Rathausplatz auf. Sitzt erst eine Weile rum und läuft plötzlich in die Mitte des Platzes, zieht eine Pistole und erschießt sich. Eine Kugel in der Kammer einer Neun-Millimeter-Ruger, abgefeilte Seriennummer, nicht registriertes ballistisches Profil.«
   Robert saß mittlerweile kerzengerade auf dem Stuhl.
   »Der Junge sieht verwahrlost aus, hat Untergewicht, Verletzungen an Armen, Beinen und dem Rücken. Außerdem habe ich vor Ort checken lassen, ob er Brandmale an den Schenkeln und den Genitalien hat. Was soll ich sagen: Volltreffer!«
   »Ich wette, dass Mallig einen Harnwegsinfekt feststellen wird und dass seine Muskulatur unnatürlich schwach ausgebildet ist.«
   Hannes nickte. »Paul Lohrings Tod war keine einmalige Sache. Wir haben recht behalten. Der Typ hört nicht auf mit seinen Folterungen. Ich habe Kai gesagt, dass er alle Vermisstenmeldungen der letzten Jahre von Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn überprüfen soll, die nach einer Selbsttötung aufgefunden wurden.«
   »Hat er schon was?«
   »Er ist erst bei zweitausendsechs und hat bereits vier mögliche Treffer.«
   Ein gequältes Stöhnen entfuhr Robert. »Ruf die anderen zusammen. Wir treffen uns in einer halben Stunde im Konferenzraum. Wir sollten schnell handeln. Wer weiß, wie viele Jungen der Kerl sonst noch in den Tod schickt.«

*

Alec saß auf der Treppe und sah den Flur entlang. Zwölf Türen gingen von diesem Hauptgang ab, vier weitere von einem rechtwinklig abknickenden Nebengang. Jede dieser Zellen war besetzt, bis auf eine. Er hatte Lennard gemocht, doch jetzt war er fort. Um sechs Uhr hatten sie es in allen Nachrichten gebracht. Der Junge hatte sich einen schönen Ort ausgesucht, um zu sterben. Er hatte seinen Frieden gefunden und Platz gemacht für einen neuen Jungen.
   Umständlich packte er drei Tabletts mit Essen und öffnete nacheinander die Luken, die unten in jede Tür eingelassen waren. In einer geübten Bewegung schob er das Essen hindurch und hörte, wie sich die Jungen hinter den schweren Stahltüren über das Essen hermachten. Er mochte die Geräusche nicht, die ihn mehr an wilde Tiere erinnerten, als an menschliche Wesen, deshalb stellte er den iPod an. »Beautiful« von Pharell und Snoop Dogg sperrte die Umgebungsgeräusche aus und zauberte ein Lächeln auf Alecs Gesicht.
   Nachdem er alle Gefangenen versorgt hatte, wartete er. Er wusste selbst nicht worauf. Er musste eine Aufgabe erledigen, aber er fühlte sich so unendlich müde, wie eine leere Hülle. Auf der Werkbank standen ordentlich aufgereiht Plastikboxen, durch deren durchsichtige Wände man verzerrt die Waffen sehen konnte. Jede war mit einer Nummer versehen, genau wie die Stahltüren. Bereits jetzt stand genau fest, wer durch welche Waffe sterben würde.
   Alec nahm die Pistole mit der Nummer eins aus ihrer Box und wog ihr Gewicht in einer Hand. In der Kammer war eine Patrone, die seit über sieben Jahren darauf wartete, benutzt zu werden. Er ließ sie in seinem Rucksack verschwinden und stopfte Kabelbinder und den Elektroschocker hinterher. Sollte etwas schiefgehen, war die Pistole sein letzter Ausweg. Missmutig schüttelte er die Müdigkeit ab, schulterte die Ausrüstung und lief die Treppe zur Schleuse hinauf.

*

»Wo bleibt Kai?«
   Sie saßen zusammen in einem der hellen Besprechungsräume. Nachdem sogar die Zimmerpflanzen in den trostlosen Räumlichkeiten in Scharen Selbstmord begangen hatten, waren im vorherigen Jahr die Besprechungsräume des LKA von Grund auf renoviert worden. Birte Kamm sah als Einzige erholt und frisch genug aus, um in das moderne Ambiente zu passen. Ihr Teint, sonst stets blass, hatte einen sanften Goldbraunton, was den vergangenen zwei Wochen zuzuschreiben war, die sie auf Mallorca am Pool verbracht hatte. Die ersten Ferien seit einer ungehörig langen Zeit.
   Phillip Gart saß neben ihr und wirkte im Angesicht ihrer vor Energie strotzenden Schönheit noch blasser und verbrauchter als gewöhnlich. Die Neonlampen an der Decke taten ihr Übriges. »Kai sitzt noch am Computer und hämmert auf die Tastatur ein.« Er drehte einen Zeigefinger vor der Schläfe. »Der andere Tastaturhero meinte, er wäre im Tunnel. Was auch immer das heißen soll. Auf jeden Fall kommt er, sobald er daraus wieder auftaucht. Ich habe ihm ’ne Notiz hingelegt.«
   Robert nickte und lächelte zufrieden, als Sylvia Grossberge, die Diplompsychologin und Expertin für die Verhaltensanalyse von Serienverbrechern, wenig später mit dem leicht gestresst wirkenden Kai Blomm im Schlepptau durch die Tür stolperte.
   »Sorry, ich hatte noch einen wichtigen Termin.« Sie ließ einen Stapel Papiere auf den Tisch fallen und setzte sich mit ihrem schwingenden Hippierock, den Jesuslatschen, die nach Hannes’ Meinung verboten gehörten, und ihrer Designerbrille, die nicht dazu passen wollte, neben Robert. »Aber dafür habe ich euch jemanden mitgebracht.« Sie deutete auf Kai, als wäre er ein Geschenk mit großer roter Schleife.
   Robert beachtete sie nicht. »Also gut, fangen wir an. Freut mich, dass ihr alle dabei seid. Wie ihr sicher mitbekommen habt, wurde diese Sonderkommission ins Leben gerufen, weil Doktor Mallig bei einer Routineuntersuchung eines Suizidopfers auf einige Sonderbarkeiten gestoßen ist, die ihn zu der Annahme brachten, dass eventuell ein Serientäter am Werk sein könnte. Hannes und ich haben mit Mallig gesprochen und sind derselben Meinung. Das Opfer heißt Paul Lohring und ist sechzehn Jahre alt. Die näheren Untersuchungen haben ergeben, dass der Junge über einen längeren Zeitraum gefoltert und sexuell missbraucht wurde. Außerdem hatte er zum Zeitpunkt seines Todes eine auffallend unterentwickelte Muskulatur und Veränderungen des Zahnschmelzes und der Haut, was laut Mallig zeigt, dass er vermutlich über die volle Dauer seines Verschwindens von zwei Jahren eingesperrt gewesen ist.« Robert fuhr sich über die Augen und kniff die Zornesfalte zwischen seinem Nasenrücken und der Stirn mit Daumen und Zeigefinger zusammen.
   »Im Grunde gibt es zwei mögliche Szenarien.« Hannes wusste, dass er an dieser Stelle die Darstellung der Fälle weiterführen sollte. Nicht allen in der Soko gefiel es, wie viel Verantwortung Robert ihm bereits überließ. Sylvia hatte ständig Angst, er könnte überfordert sein, zumal ihn der vorherige große Fall fast das Leben und laut ihr einen Teil seiner Psyche gekostet hatte. Phillip war da weniger mitfühlend. Ihm stank es einfach, dass es ein Greenhorn schaffte, an ihm vorbeizuziehen. Hannes wusste, dass er früher Roberts rechte Hand gewesen war. Er bemühte sich, nicht an Phillips biestigem Blick hängen zu bleiben. »Szenario eins: Paul Lohring reißt von zu Hause aus und lebt einige Zeit auf der Straße. Unser Täter entführt ihn von dort. Das würde bedeuten, er zieht es vor, Jungen auszusuchen, die niemand so schnell vermisst. Einfache Opfer, keine Ankläger, und wir wissen nicht, wie lange er den Jungen in diesem Fall in seiner Gewalt hatte. Zweites Szenario: Paul ist nie weggelaufen. Der Täter hat ihn bewusst ausgesucht, ihn beobachtet und ihn in einem passenden Moment entführt. In diesem Fall hätten wir es mit einem extrem organisierten, strukturierten Täter zu tun, der sein Opfer über einen ungewöhnlich langen Zeitraum gefangen hält. In jedem Fall wurde Paul nach seiner Entführung festgehalten, eingesperrt, gefoltert und schließlich mit einer Waffe, in der genau eine Kugel steckte, freigelassen.«
   Phillip runzelte die Stirn. »Was macht dich so sicher, dass der Junge nicht einfach Pech bei der Wahl eines Freiers hatte und sich anschließend mit dessen Waffe umbrachte? Selbst wenn es da draußen einen kranken Mistkerl gibt, der den Jungen vorsätzlich so zugerichtet hat, und dieser sich im Anschluss umbrachte, sehe ich nicht, wo die serielle Komponente liegt.«
   Hannes stand auf und blickte über den trostlosen Parkplatz, auf dem zwei Wagen verloren im Nieselregen parkten. »Seit heute Morgen gibt es einen weiteren Jungen, der die spezifischen Verletzungsmuster aufweist und sich mit der gleichen Tatwaffe an einem öffentlichen Platz gerichtet hat. Lennard Siegel, sechzehn Jahre alt, galt seit knapp zwei Jahren als vermisst. Man vermutete, er wäre ein Ausreißer, bis er gestern mit der Waffe auf dem Rathausplatz auftauchte.«
   Passend zu Hannes’ Aussage, befestigte Robert Fotos an dem Whiteboard. Zwei Porträtaufnahmen der Jungen vor ihrem Verschwinden und daneben die Nahaufnahmen der tiefen Schnitte und Verbrennungen beider Opfer. »Die Tatwaffe war in beiden Fällen eine Neun-Millimeter-Ruger, mit nur einer Kugel in der Kammer. Die Pistolen sind ohne ballistisches Profil und mit abgefeilter Seriennummer aufgefunden worden.«
   »Es gibt also ein Muster?« Sylvia Grossberge kritzelte etwas auf ihren Notizblock. »Er entführt Jungen, die sich in einem Alter befinden, in dem sie meistens durch die Pubertät Schwierigkeiten in der Familie haben, was die Polizei zu der Annahme verleitet, sie wären einfache Ausreißer. Das ist schlau, denn keiner kümmert sich um ein Verbrechen, das niemand als solches erkennt. Die Jungen werden über einen langen Zeitraum gefangen gehalten, gefoltert und sexuell missbraucht. Danach bringt er sie dazu, sich selbst zu töten, was sicherlich in der Vergangenheit schon dazu geführt haben dürfte, dass seine Taten unerkannt blieben.«
   Robert nickte. »Außerdem ist unser Täter laut Mallig medizinisch bewandert. Einige der Wunden wurden fachmännisch genäht, um den Blutverlust zu minimieren und das Überleben der Opfer zu sichern.«
   Sylvia schüttelte den Kopf, was ihre langen Ohrringe aufgeregt klappern ließ. »Wer tut so etwas?«
   »Die kranken Schweine dieser Welt.« Ein leeres Grinsen lag auf Phillip Garts Gesicht. »Unsere Klientel.«
   Robert nickte Kai zu, der Phillips Einwurf beendete, indem er sich aus seiner zusammengesackten Haltung hochrappelte und dabei einen Aktenstapel ins Rutschen brachte. Fahrig rettete er den Haufen Papier, schob seine Brille nach oben und klappte den Deckel des obersten Ordners auf, ohne jedoch einen Blick auf den Inhalt zu werfen. »Robert hat mich gebeten, mir die letzten zehn Jahre anzusehen und nach vermissten Kindern zu suchen, deren Fälle ähnliche Muster zeigen wie die unserer Opfer. Ich wünschte, ich wäre nicht fündig geworden, aber das bin ich leider. Es gibt sechs vermisste Kinder, die sich ein Jahr oder mehr nach ihrem Verschwinden selbst töteten. Den Fallakten nach zu urteilen, sind sie ziemlich sicher unserem Täter zuzuordnen. Jeder dieser Fälle wurde als Suizid zu den Akten gelegt.« Blomm kratzte sich am Hals über die rasierte, stark gerötete Haut, wühlte sich durch das Sammelsurium an Zetteln und reichte Robert einen hinüber. »Tschuldigung, ich hab’s nicht gleich gefunden. Also, diese sechs hier waren mindestens ein Jahr verschwunden, begingen Selbstmord, und ihre Körper wiesen dieselben spezifischen Verletzungen und Missbrauchsspuren auf. Jedes Mal war es eine Neun-Millimeter-Ruger mit nur einer Kugel in der Kammer. Die Jungen richteten sich alle an öffentlichen Plätzen inmitten größerer Menschenmengen, allerdings in weit auseinanderliegenden Zuständigkeitsbereichen der Polizei.«
   Stöhnend befestigte Robert die sechs Bilder an der Tafel. »Wie konnte das nie jemandem auffallen. Sechs Kinder in den vergangenen zehn Jahren und zwei in den letzten zwei Wochen.« Er schloss die Augen.
   »Er ist gut darin, seine Taten zu tarnen. Weil eine so große Zeitspanne zwischen dem Verschwinden und dem Auffinden der Opfer liegt, hat nie jemand den Zusammenhang gesehen oder die Selbstmorde angezweifelt.« Birte Kamm drehte den Stift im Mund und kaute auf dem Ende herum. »Das ist verdammt clever. Sein Problem ist, dass er sich steigert und das rasant. Das hat es ihm unmöglich gemacht, unsichtbar zu bleiben.«
   Mit einem Prusten stand Phillip Gart auf und lief zum Fenster. »Er hat die Jungen misshandelt und missbraucht, was ihn zu einem Triebtäter macht. Seit wann schaffen es Triebtäter, sich über Jahre zusammenzureißen, bis sie wieder zuschlagen?«
   »Ist ungewöhnlich.« Hannes sah, wie Phillip die Schultern kreisen ließ, als könnte er so das ungute Gefühl vertreiben, das sie alle längst befallen hatte. »Aber mit einem hast du unrecht, Phillip. Er hat nicht abgewartet, während er einen Jungen in Gefangenschaft hatte. Er hielt immer mehrere Opfer parallel gefangen. Das belegen die Entführungszeitpunkte der acht Kinder, die wir definitiv unserem Täter zuordnen können. Wer weiß, wie viele wir noch übersehen.«
   Kai Blomm deutete zähneknirschend auf einen weiteren Stapel Papiere vor sich. »Jedes Jahr werden ungefähr einhunderttausend Kinder als vermisst gemeldet. Fünfzigtausend davon tauchen von ganz allein in den ersten Stunden wieder auf. Die meisten anderen innerhalb weniger Tage bis Wochen. Ich habe den Computer mit den übrigen zwei Prozent gefüttert, bei denen die Suche der Behörden bis jetzt ergebnislos verlief. Derzeit sind das rund eintausendachthundert Kinder, die in dem Zeitraum der letzten zehn Jahre verschwunden und nie wieder aufgetaucht sind.« Er verzog das Gesicht. »Also wie gesagt eintausendachthundert Kinder, die potenzielle Opfer unseres Täters sein könnten. Das sind natürlich zu viele. Deswegen habe ich den Filter etwas enger gelegt und diejenigen aussortiert, die länger als drei Jahre am Stück als vermisst gelten. Anhand der sechs Toten kann man die Vermutung anstellen, dass nie mehr als drei Jahre vergehen, bevor er seine Spielzeuge entsorgt.« Sein Augenlid zuckte nervös.
   Hannes war sich nicht sicher, ob das an dem kranken Sachverhalt lag, den er gerade skizzierte oder daran, dass Blomm es hasste, im Mittelpunkt zu stehen.
   »Wenn ich diesen Filter über die Suche lege, bleiben noch dreihunderteinundzwanzig Kinder übrig.«
   »Wir werden jede Hilfe brauchen, die wir bekommen können, wenn wir all diese Fälle neu aufrollen müssen.«
   Kai nickte Phillip zu. »Da hast du recht, und das sind nur die als vermisst geltenden Fälle. Ich habe außerdem noch vierzehn Jungen, die länger als ein Jahr als vermisst galten und die dann Suizid durch eine Schusswaffe begangen haben. Bei denen fehlen mir nähere Informationen. Entweder wurde keine Obduktion von den Eltern gewünscht, weswegen ich nicht sagen kann, ob die Verletzungsmuster übereinstimmen oder die zuständigen Behörden haben mir noch keine Freigabe für die Akten gegeben. Könnte sein, dass da auch noch Opfer unseres Täters dabei sind.« Kai zuckte mit den Schultern, als wollte er sich für die niederschmetternden Fakten entschuldigen. »Das ist von meiner Seite erst einmal alles.«
   »Also gut Leute, fangen wir an.« Robert klatschte in die Hände und setzte sich im Sessel zurecht. »Ich möchte, dass du, Kai, die Suche noch einmal einschränkst. Wir können niemals dreihunderteinundzwanzig Vermisstenfälle aufklären. Filter die Suche, indem du das Alter der Kinder angibst. Hier steht, dass keiner der Jungen beim Suizid älter als fünfzehn und bei der Entführung jünger als zehn war. Tu dich mit Sylvia zusammen, erstellt einen Opfertypus. Vielleicht übersehen wir etwas, was die Suche deutlich einschränken würde. Außerdem möchte ich, dass du beginnst, an dem Täterprofil zu arbeiten, Sylvia.«
   »Bin schon dabei.« Sie tippte auf den Block vor sich.
   Ihre langen blonden Haare waren seit Neuestem einem frechen Kurzhaarschnitt gewichen. Zusammen mit der modernen Brille erweckten sie den Anschein, dass ihr Kopf nicht zum alternativen Rest des Körpers passen wollte.
   »Birte und Phillip, ihr fahrt die Dienststellen ab, die mit den Fällen der vierzehn Suizidopfer befasst waren, über die uns keine Informationen vorliegen, und klärt vor Ort, welche Opfer ins Profil passen und wie uns das weiterhilft. Wenn ihr an Informationen kommt, gebt sie bitte an mich und Sylvia weiter. Hannes und ich werden uns mit den Eltern der acht bereits identifizierten Opfer auseinandersetzen. Ich werde weitere Beamte anfordern, die uns danach mit der bereinigten Liste der Vermisstenfälle helfen werden.«

*

Louis erwachte in völliger Dunkelheit. Das war nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war, dass ihn nicht wie sonst das Quietschen der Zellentür geweckt hatte, wenn Alec frühmorgens den Eimer in sein Verlies stellte. Der Eimer. Louis’ Unterleib zog sich krampfartig zusammen. Der angestaute Urin brannte als heißer Schmerz durch seinen Körper. Er biss die Zähne aufeinander und versuchte, an etwas anderes zu denken, als die Erleichterung, wenn er dem Druck auf seiner Blase nachgeben konnte. Die Schmerzen waren stärker als sonst, der Druck größer. Der Eimer war überfällig. Er hätte längst da sein müssen. Vielleicht testete der Mann seinen Gehorsam und hatte Alec verboten, ihm Erleichterung zu verschaffen. Louis hielt die Hand vor den Schritt seiner dreckigen Jogginghose. Einzelne Tropfen drängelten sich an seiner Selbstbeherrschung vorbei und versickerten in dem Stoff. Es war bestimmt ein Test. Louis wartete. Er zählte die Sekunden – neunhundert – bevor er sich aus seiner gebückten Haltung hoch quälte und sich im Dunkeln bis zur Tür tastete. Mit klopfendem Herzen lauschte er. Nichts. Er ließ sich hinabgleiten und presste das Ohr gegen die verschlossene Klappe am unteren Ende der Tür. Keine Schritte auf dem Beton vor der Zelle, kein Geräusch, das sich näherte. Louis spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte. Was, wenn das kein Test war? Sein Puls begann zu rasen. Was, wenn der Mann gefasst worden war, wenn Alec befreit wurde und nicht mehr wiederkam? Was, wenn er so froh war, dem hier zu entkommen, dass er Louis und die anderen Jungen einfach vergaß?
   Louis taumelte rückwärts und stieß mit dem Fuß gegen die Wasserflasche. Das Plastik gab ein fast menschliches Stöhnen von sich, als die Flasche umkippte und sich der kostbare Inhalt über den Boden ergoss. Hektisch ließ sich Louis auf den Boden fallen. Sein Knie knallte mit zu viel Wucht auf den Beton, doch er konnte sich jetzt nicht um den beißenden Schmerz kümmern. Fahrig tastete er in der Finsternis nach der Flasche, die weggerollt war. Es dauerte wertvolle Sekunden, bis er sie fand und aufrichtete. Vorsichtig schwenkte er den Inhalt. Wie viel Wasser war ihm geblieben? Zu wenig. Wenn sie nicht wiederkamen, war es zu wenig. Er stellte das Gefäß gegen die Außenmauer und ließ sich an der Wand hinabgleiten. »Wo bist du, Alec?« Seine Finger fuhren über die vernietete Tür, bevor er gegen den Stahl schlug. Einmal, zweimal, bis sich die Hände wund anfühlten und das Vibrieren des Stahls in seinem Körper widerhallte.

Kapitel 5

»Was ist los?« Hannes stolperte in Roberts Büro und fuhr sich über die nassen, raspelkurzen Haare. »Draußen regnet es ohne Unterlass. Ist zum ver-
   rückt werden.« Umständlich pellte er sich aus der feuchten Jacke und schmiss sie achtlos über eine Stuhllehne.
   »Wir haben eben eine Meldung vom Polizeikommissariat fünfundzwanzig in der Notkestraße hereinbekommen.«
   Robert schob ihm einen Zettel herüber, auf dem ein Jugendlicher in Frontal- und Seitenansicht zu sehen war. Ein gut aussehender Junge, etwas zu lange Haare und die Kleidung entsprach nicht gerade dem aktuellen Trend, aber er war ein hübscher Kerl. Dürfte Schlag bei den Mädchen haben. »Wieso kontaktieren sie uns? Was hat er angestellt?«
   »Vermutlich hat er acht Jungen ermordet und ich hoffe, dass es nicht mehr werden, je tiefer wir graben.«
   »Er ist unser Täter?« Hannes verstand selbst nicht, wieso er dermaßen überrascht war. Vielleicht war es der sanfte Blick des Jungen, die Traurigkeit darin, die ihn absolut harmlos wirken ließ. Möglicherweise war es aber auch einfach der Umstand, dass Hannes einem so jungen Menschen nicht zugetraut hätte, mit einer solchen Brutalität zu foltern, zu morden und vor allem so planvoll vorzugehen. »Laut Sylvias Profil müsste der Täter älter sein. Sind sich die Kollegen sicher?«
   Robert nickte. »Ziemlich. Er hat sich am Elbstrand mit einem anderen Jugendlichen geprügelt. Passanten wollten dazwischen gehen, als er eine Waffe zog und erst die Spaziergänger und dann sein eigenes Leben bedrohte. Die beiden Zeugen sind geflüchtet und haben die Polizei gerufen. Die konnten ihn überwältigen.«
   »Klingt für mich nicht unbedingt, als wäre er unser Täter. Eher ein Opfer. Das Alter käme hin, das Aussehen ebenfalls. Einen Tick älter, als die anderen, aber …«
   Robert war aufgestanden und schob sich eine Zigarette in den Mund. »Habe ich auch erst gedacht, aber die Prügelei war keine einfache Meinungsverschiedenheit, sondern eine verhinderte Entführung. Er hatte einen Elektroschocker bei sich, Kabelbinder und die Schlüssel zu einem Kleinbus, der zweihundert Meter weiter geparkt war. Abgedunkelte Scheiben, auf dem Boden eine Matratze, die voller Blutflecken war. Das Labor hat schon mit der Analyse begonnen.«
   Hannes hätte froh sein müssen, trotzdem starrte er nur in den tief hängenden Regenhimmel. »Also haben wir ihn?« Seine Worte klangen leblos und abgenutzt.
   »Sieht so aus.«
   »Ich hätte nicht gedacht, dass er so jung ist.« Dabei wusste Hannes, dass Wut und Traurigkeit einen Menschen zu allem fähig machten. Gerade Jugendliche waren empfänglich für diese Gefühle.
   Robert zog sich seine Regenjacke über und warf Hannes eine trockene Jacke zu. »Er könnte mein Sohn sein. Die Welt ist verrückt und sie wird jeden verdammten Tag noch verrückter. Wir fahren rüber und gucken uns unseren Hauptgewinn mal an.«

Hannes betrat den Verhörraum hinter Robert und blieb stehen, während sich sein Vorgesetzter dem Jungen gegenübersetzte. Laut den Kollegen hatte er noch nichts gesagt, was vermutlich das Schlaueste war, was er am heutigen Tag getan hatte. Die Beweislage war erdrückend. Nicht nur, dass sie eindeutige Hinweise auf eine geplante Entführung gefunden hatten, der Junge hatte ebenfalls einen Passanten bedroht und in seinem Wagen waren Spuren menschlichen Blutes gefunden worden, was die Theorie untermauerte, er wäre der Täter.
   »Hallo, mein Name ist Robert Obergar vom LKA. Das ist mein Kollege Hannes Cort. Du weißt, weswegen du hier bist?« Robert versuchte, dem Jungen in die Augen zu sehen und legte dafür den Kopf leicht schräg.
   Der Junge sah starr geradeaus an einen Punkt auf der weißen Wand, der genauso trostlos war, wie der Rest des Zimmers. Hannes folgte dem Blick, konnte allerdings nichts erkennen, das seine Aufmerksamkeit gerechtfertigt hätte.
   »Du steckst ziemlich in der Scheiße. Wir haben Indizien, die darauf hinweisen, dass du für die Entführung, Folterung und die Selbstmorde von mindestens acht Jungen verantwortlich bist.«
   Hannes hätte erwartet, dass der Junge seine Schuld dementieren würde, dass er erschrocken von den Anschuldigungen wäre, aber er reagierte überhaupt nicht.
   »Wir werden dir deine Schuld nachweisen können. Es wurde Blut in deinem Wagen gefunden, das derzeit analysiert wird, um es möglichen Opfern zuzuordnen. Du hattest einen Elektroschocker dabei und Kabelbinder sowie eine für den Fall spezifische Waffe.«
   Er starrte lediglich geradeaus. Sein Atem war ruhig.
   Hannes konnte den Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren sehen. Noch nicht mal seine Herzfrequenz steigerte sich. Es war, als hätte er sich ausgeklinkt. »Wir brauchen deinen Namen, um deine Eltern zu kontaktieren.«
   Robert nickte. »Vermutlich weißt du sehr genau, warum du hier bist, aber ich werde es der Form halber noch einmal ausführen. Dir werden Freiheitsberaubung, Entführung, Folter und schwere Körperverletzung mit Todesfolge in mindestens acht Fällen vorgeworfen.«
   Kein Zucken, keine Bewegung.
   Hannes warf Robert einen irritierten Blick zu.
   »Hast du verstanden, was dir vorgeworfen wird?« Robert stieß prustend die Luft aus. »Zunächst wäre es wichtig, deine Personalien festzustellen. Ich brauche deinen Namen.«
   Er war blass, jeder Muskel schien angespannt, aber ansonsten regte er sich nicht.
   »Du solltest auf jeden Fall deine Personalien angeben und bei dieser Sache kooperieren.« Hannes war durch die Maske des Jungen ebenso irritiert wie Robert.
   »Hey.« Roberts Hände schnellten vor und klatschten unmittelbar vor dem Gesicht des Jungen zusammen. »Ich rede mit dir.«
   Der Junge blinzelte nicht mal.
   »Vielleicht lassen wir dich kurz allein, damit du darüber nachdenken kannst, wie wenig förderlich deine Haltung ist. Wir sind gleich zurück.« Seufzend stand Robert auf und schob Hannes vor sich her aus dem Raum. Zurück blieben der Junge und das am Boden befestigte Stahlrohrmobiliar. »Sag mal, hast du auch das Gefühl, der hätte was genommen?«
   Hannes nickte. »Das oder er ist irgendwie traumatisiert.«
   »Durch seine eigenen Taten?« Robert verzog zweifelnd das Gesicht. »Wurde ein Drogenscreening gemacht?«
   Schnell durchblätterte Hannes die dünne Akte, die für den Fall angelegt worden war. »Ja, gleich als Erstes. Fingerabdrücke, Bluttest für die DNA-Bestimmung und ein großes Drogenscreening, Schnelltest zur Schmauchspurenanalytik, Fotos, die komplette erkennungsdienstliche Behandlung.«
   Robert starrte durch die Scheibe auf den Jungen, der sich noch immer nicht gerührt hatte. »Sind die Ergebnisse schon da?«
   »Gerade hereingekommen.« Ein untersetzter Beamter mit viel zu enger Hose betrat den Raum und schwenkte den Zettel mit den Blutergebnissen vor Hannes’ Nase. »Absolut sauber der Gute. Nicht mal einen Tropfen Alkohol im Blut. Scheint also einfach irre zu sein.« Er kratzte sich am Kopf. »Wenn Sie mich fragen, passt das hervorragend zusammen. Ich meine, wer foltert und ermordet mindestens acht Kinder? Der muss ein Rad abhaben.«
   Hannes ging nicht auf die Meinung des Beamten ein. »Danke.« Er nahm ihm den Zettel ab, studierte die Blutergebnisse und schob das Blatt anschließend zu Robert hinüber. »Nichts Auffälliges.«
   Seufzend deutete Robert auf die Tür. »Der hat nicht einmal das Gewicht verlagert, seitdem wir draußen sind. Er hat uns nicht hinterhergeguckt, uns nicht angeguckt, als wir vor ihm saßen. Kein Blinzeln, kein Zucken.«
   »Er weiß bestimmt, dass wir ihn beobachten, und pokert.«
   »Er ist mir unheimlich. Jünger als mein Sohn und völlig gefühlskalt.«
   Hannes folgte Robert durch den Flur zurück in den Verhörraum, wo sich sein Vorgesetzter seitlich auf den Stuhl fallen ließ. »Wir haben deine Blutergebnisse. Keine Drogen, kein Alkohol, also verkauf mich nicht für dumm. Ich will endlich einen Namen.«
   Hannes bückte sich und erwiderte für Sekunden den starren Blick seines Gegenübers. Dann streckte er vorsichtig den Arm aus und berührte die Schulter des Jungen. Der Junge versuchte, es zu verbergen, aber die körperliche Nähe war ihm unangenehm. Hannes registrierte die seichte Veränderung der Körperspannung, die kaum merkliche Gewichtsverlagerung und das kurze Zucken, als er ihn berührte. Wenn es nicht anders ging, musste das ihr Zugang zu ihm sein. »Mein Kollege will wissen, wie du heißt.« Erneut berührte Hannes die Schulter. Dieses Mal ließ er die Hand länger liegen und drückte sie etwas. Jeder Muskel im Körper des Jungen spannte sich an. Hannes konnte sehen, wie viel Kraft es ihn kostete, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. »Wir müssen wissen, wie du heißt.« Dieses Mal berührte Hannes ihn mit beiden Händen, sodass die Schultern des Jungen wie in einem Schraubstock steckten.
   Mit einem Ruck machte er sich los. »Alec, A, l, e, c, 01, 050207«, sagte er tonlos, den Blick weiterhin starr auf die Wand gerichtet.
   Roberts Stift flog über das Papier vor ihm. Hannes hoffte, dass er alles notiert hatte.
   »Alec, A, l, e, c, 01, 050207.« Die Stimme des Jungen war genauso starr wie sein Blick. Seine Zunge leckte über die Unterlippe.
   »Was soll das bitte heißen?« Robert tippte auf den Zettel vor sich. »Dein Name ist also Alec. Was bedeuten die Zahlen? Was bedeutet 01050207?«
   Der Junge sah durch Robert hindurch, als wäre dieser aus Glas.
   »Alec, wir brauchen einen Nachnamen.« Der Stift in Roberts Hand schwebte über dem Blatt Papier, auf dem bis jetzt ein einfacher Name stand und Ziffern, die keinen Sinn ergeben wollten.
   »Alec, A, l, e, c, 01, 050207.« Als hätte jemand den Stecker gezogen, starrte Alec erneut stumm gegen die weiße Mauer.
   »Dein Nachname.« Hannes legte ihm die Hand in den Nacken, sodass seine Finger dessen Haut berührten. Er konnte das Zittern fühlen, ließ jedoch nicht los. »Robert möchte deinen Nachnamen wissen.« Er sah Tränen in den Augen des Jungen, aber keine Regung in seinen Gesichtszügen.
   »Alec, A, l, e, c, 01, 050207.«
   »Alles klar. So kommen wir nicht weiter. Wir werden draußen diskutieren, was wir mit dir machen.«
   Hannes’ Hand ließ den Nacken des Jungen los, bevor er Robert erneut aus dem Raum folgte. »Wieso machen wir nicht weiter?« Verärgert sah er Roberts breiter Schulterpartie nach, während er sein Telefon aus der Jackentasche zog.
   »Weil das keinen Sinn hätte.«
   »Wir hatten ihn fast.«
   »Hatten wir nicht. Der Junge macht einen auf Kriegsgefangener. Ist dir aufgefallen, wie er seinen Namen sagt? Er nennt den Namen, dann diese Nummer, als hätte er eine Personenkennziffer. Er vermeidet den Blickkontakt und reagiert nicht auf Fragen oder Einschüchterungen. Nicht einmal unter Folter würde er uns etwas verraten, und ich will ja nicht, dass der Polizeipräsident noch grauere Haare wegen unserer Methoden bekommt. Mich wundert, dass sein staatlich bereitgestellter Anwalt noch nicht da ist, aber spätestens der würde uns Folter nicht durchgehen lassen.« Robert grinste schief und fuhr sich durch das schüttere Haar. »Wir müssen ihn knacken, aber mit Druck wird das nichts und wir haben keine Zeit. Wenn er tatsächlich weitere Jungen gefangen hält, sind die jetzt ohne Versorgung.« Mit einem besorgten Gesichtsausdruck hielt er sich das Telefon ans Ohr. »Hi Sylvia, wir brauchen hier, wenn irgend möglich, deine Hilfe.«

Seit etwa drei Stunden saß Sylvia Grossberge auf einem Stuhl im Verhörzimmer. Sie hatte darauf bestanden, dass sich Hannes neben sie setzte und den Mund hielt. Robert musste den Raum verlassen und beobachtete die Szenerie vom Nebenraum aus. Vermutlich hatte er seine halb zerkaute Zigarette angesteckt. Hannes hatte ihm angesehen, wie sehr es ihm gegen den Strich ging, von dem Verhör ausgeschlossen zu werden.
   Hannes war Sylvias Strategie nicht ganz klar. Sie tat nichts, sagte nichts. Allmählich machte sich der Schlafmangel bei ihm bemerkbar. Die Zimmertemperatur lag bei kuschligen dreiundzwanzig Grad, die Neonröhren an der Decke summten gleichtönig, ansonsten glich das Ganze einem Stummfilm. Er hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Mittlerweile bezweifelte er, dass Sylvia überhaupt jemals eine Strategie verfolgt hatte. In aller Seelenruhe pellte sie eine Mandarine und schob sich die Scheiben in den Mund.
   Hannes setzte sich gerade hin, verlagerte sein Gewicht auf die noch nicht platt gesessene Gesäßhälfte und warf ihr einen genervten Blick zu. Ein süßlich aromatischer Duft strömte durch den Raum, der ihn an seinen Urlaub mit Ella im nördlichen Italien erinnerte. Sanfte Hänge voller Weinreben, Zitronen- und Orangenbäume. Der Duft nach Oliven und Lavendel. Als Hannes kurz die Augen schloss, nahm er eine rasche Bewegung neben sich wahr. Der Junge hatte sich bewegt.
   Das erste Mal, seitdem er versucht hatte, Hannes’ Griff zu entkommen, hatte er sich sichtbar bewegt. Die Körperhaltung, der Muskeltonus hatten sich verändert. Sein Rücken war leicht gewölbt, die Schultern nach vorn gesackt und sein Kopf hing kraftlos vorn über.
   »Ein ziemlich bescheidener Tag für dich, nicht wahr?«, sagte Sylvia, als hätte sie lediglich auf das Signal gewartet. Sie schob eine Mandarinenscheibe zu Alec hinüber. Er reagierte nicht darauf. »Mandarinen geben mir immer das Gefühl zurück, das ich in meinem letzten Urlaub hatte. Ich mag die Sonne.«
   Hannes hatte das irrwitzige Gefühl, Sylvia könnte geradewegs in seinen Kopf sehen.
   Sie grinste ihn an, ehe sie sich wieder Alec zuwandte. »Mein Kollege hier fährt immer nach Italien, ans Meer.« Sie zwinkerte Hannes zu. »Magst du die Sonne, Alec? Das Meer und den Strand?«
   Er starrte auf das Stück Mandarine, aber Hannes glaubte, eine gewisse Irritation in seinem Gesicht ablesen zu können. Die stoische Ruhe, die sein Gesicht zu einer ausdruckslosen Maske geformt hatte, war fort.
   »Was magst du sonst noch außer der Sonne? Spielst du gern Fußball?«
   Ein unruhiges Flackern zeichnete sich in Alecs Augen ab.
   »Bist du ein guter Schüler?«
   Er zog den Kopf noch weiter zwischen die Schultern.
   »Eigentlich auch egal, nicht wahr? Hauptsache man hat Freunde. Hast du viele Freunde, Alec?«
   Sein Kopf schnellte hoch. Es war eine so plötzliche Bewegung, dass Hannes zusammenzuckte. Der Junge starrte Sylvia an, aber der Blick war nicht mit dem vorherigen Starren auf die Wand zu vergleichen. Es lag eine Traurigkeit darin, eine Verletzbarkeit, die Hannes bis ins Mark traf.
   »Das ist für dich.« Sylvia schob das Stück Mandarine näher an Alec heran. »Du darfst das gern essen.« Sie nickte ihm freundlich zu. »Bei der Neonsonne hier kann man den Gedanken an Urlaub, Strand und Meer gebrauchen. Na komm, iss.« Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und betrachtete ihn einen Augenblick. »Iss!«, wiederholte sie in einem ungewohnt festen Ton.
   Wie ein Schlüsselreiz, der eine Maschine in Gang setzte, kam plötzlich Bewegung in den Jungen. Er rückte näher an den Tisch heran und schob sich mit einer fahrig, schnellen Bewegung das Obst in den Mund. Er kaute kaum, bevor er hastig schluckte.
   Sylvia legte zwei weitere Stücke vor ihm auf den Tisch. »Wenn du magst, nimm dir noch.«
   Er rührte sich nicht.
   Sie lächelte. »Iss, Alec!«
   In Sekundenschnelle verschwanden die beiden Stücke Mandarine in seinem Mund und wurden hastig hinuntergeschluckt.
   »Sag mir, Alec, gibt es noch andere Jungen?« Sie setzte sich aufrechter hin. »Antworte mir!«
   Für einen Augenblick wirkte Alec verzweifelt, so als müsste er dem Befehl Folge leisten und dürfte es zur gleichen Zeit nicht. »Alec, A, l, e, c.« Es klang mehr wie eine Frage. Seine tonlose Stimme wirkte viel zu alt für ihn.
   »Antworte mir, Alec! Ich will wissen, ob es noch mehr Jungen gibt.«
   »Alec, A, l …« Dieses Mal waren die Buchstaben ein Flüstern, das flehend klang.
   »Alec.« Sie nahm seine Hand in ihre und hielt sie fest, obwohl er versuchte, der Berührung zu entkommen. »Wo sind die anderen Jungen und wie viele gibt es noch?«
   Er rieb sich mit der Hand über den Oberarm, als verursachte die Berührung der Psychologin ihm körperliche Schmerzen.
   »Du bist das nicht gewesen, nicht wahr?«
   Hannes sah Sylvia fassungslos an. Sie hatten Beweise, dass Alec zumindest zwei Menschen entführt hatte, deren Blut in seinem Wagen gefunden worden war. Außerdem gab es Anzeichen dafür, dass er eine erneute Entführung hatte durchführen wollen, als er durch die Passanten gestört worden war. In seiner Tasche hatten sie den Elektroschocker, die Kabelbinder und die Neun-Millimeter-Ruger gefunden. Die Indizien sprachen eine eindeutige Sprache und brachten ihn mit acht Morden in Verbindung. So wie es aussah, würde die Zahl noch steigen. »Sylvia …«
   Sie sah ihn nicht an, sondern konzentrierte sich vollkommen auf Alec. »Wo sind die anderen Jungen?«
   »Ich bin schuld.« Seine Muskeln wirkten versteinert, der Oberkörper war kerzengerade aufgerichtet und der Blick auf einen imaginären Punkt an der Wand gerichtet. Nur seine Stimme war sanft geworden. Sie zeigte das Kind hinter der Maske, das Kind hinter dem Bösen.
   »Es war bestimmt nicht deine Schuld. Wo sind die anderen, Alec?«
   »Du brauchst darauf nicht antworten, wenn du dich damit selbst belastest.« Der Pflichtverteidiger, der vor gut zwei Stunden dazugestoßen war, hatte das Ganze bis jetzt lautlos verfolgt, aber mit einem Mal schien er hellwach.
   »Ich konnte sie nicht retten.« Alec schien den Anwalt mit seinem dunklen Teint und dem zu weit sitzenden Anzug nicht wahrzunehmen. Tränen glitzerten in seinen Augen. »Sie werden alle sterben. Alec hat sie umgebracht. Alec, A, l, e, c, null eins, null fünf null zwei null sieben.«
   Hannes konnte nicht erkennen, ob es ein Schluchzen oder ein Lachen war, das aus den Tiefen von Alecs Seele hervorbrach.
   »Alle werden sterben. Alec war es. Alec, A, l, e, c, null eins, null fünf null zwei null sieben.«

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