Nach über 15 Jahren treffen sich die ehemals unzertrennlichen Freundinnen Emma und Lisa wieder und gründen eine Wohngemeinschaft am Rande der Stadt. Trotz Emmas anfänglicher Zweifel klappt das Zusammenleben perfekt und der Wohnungswechsel hilft ihr, über die Trennung von ihrer großen Liebe Lennard hinwegzukommen. Nach und nach bemerkt sie jedoch Veränderungen in Lisas Verhalten und kommt einem dunklen Geheimnis auf die Spur. Ihre Freundin wurde vor Jahren Opfer einer schrecklichen Gewalttat, das daraus resultierende Trauma hat sie bis heute nicht verarbeitet. Während Emma Lisa zu helfen versucht und sich gleichzeitig wieder Lennard annähert, taucht Lisas ehemaliger Peiniger auf und beginnt von Neuem seine perfiden Spiele mit ihr. Vorzeitig aus der Haft entlassen ist er besessen von einem einzigen brennenden Gedanken: sein Opfer endgültig zu zerstören.

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ISBN: 978-9963-53-026-7

Seiten: 256

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Alexa Innocenti

Die in München geborene Autorin lebt heute mit ihrer Familie in Norditalien. Obwohl sie schon jahrelang mit dem Gedanken spielte, Schriftstellerin zu werden, gelang es ihr erst vor Kurzem, diesen Lebenstraum in die Realität umzusetzen: innerhalb von zwei Jahren hat sie ihren ersten Roman fertiggestellt und nebenher zahlreiche Kurzgeschichten geschrieben, von denen einige noch in 2015 in diversen Anthologien veröffentlicht werden. Sie schreibt hauptsächlich im Genre Kriminelles und Thriller mit einem Hauch Mystery.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Vor sieben Jahren

Beschwingt von dem Gedanken an einen ruhigen Feierabend trat Lisa aus dem Lift und strebte eilig auf ihr Apartment am Ende des langen Hausflurs zu. Die Griffe der beiden schweren Einkaufstaschen schnitten ihr unangenehm in die Handflächen und sie beschleunigte ihren Gang, sodass die Locken im Rhythmus ihrer resoluten Schritte auf und ab wippten. Ohne die schwere Last abzustellen, kramte sie den Hausschlüssel aus ihrer Jackentasche, sperrte die Tür auf und betrat ihre Wohnung. Während sie überlegte, ob sie alle Zutaten für Spaghetti Carbonara vorrätig hatte, marschierte sie in ihre Küche und drückte mit dem Ellenbogen auf den Lichtschalter. Nichts. Das Licht ging nicht an. Dabei war die Glühbirne fast neu, sie hatte sie erst letzte Woche ausgetauscht.
   Obwohl die Sache an sich nicht besorgniserregend war, warnte irgendein tief verwurzelter Instinkt sie vor Gefahr. Ärgerlich schob sie die unangenehme Empfindung beiseite. Was sollte denn schon sein? Morgen würde sie eine andere Glühbirne kaufen. Dennoch blieb sie stehen und lauschte. Eine ganze Weile stand sie bewegungslos da und hörte außer dem lauten Pochen des eigenen Pulsschlags in ihren Ohren nichts. In der Wohnung war es totenstill. Schluss mit dem Unsinn, du machst dich ja noch selbst verrückt, schalt sie sich lautlos und nahm entschlossen ihre Einkäufe wieder auf. Sie war noch nie ein ängstlicher Typ gewesen, im Gegenteil. Ihre Freunde bezeichneten sie in der Regel als couragiert und mutig. Doch seit der Sache mit ihrem allzu anhänglichen Ex tendierte sie zu übermäßiger Vorsicht und Schreckhaftigkeit. Gott sei Dank war diese unerfreuliche Geschichte mittlerweile ausgestanden. Seit über einem Monat hatte sie nichts mehr von dem Mann gehört, was eine Art Rekord darstellte. Natürlich konnte es daran liegen, dass er ihre neue Adresse nicht kannte. Seit dem Ende ihrer Beziehung hatte sie zweimal die Wohnung gewechselt, um endlich Ruhe vor diesem Typ zu haben. Nach dem ersten Umzug hatte er sie innerhalb kürzester Zeit wieder aufgestöbert und seine Belästigungen fortgesetzt. Vermutlich hatte er nun endlich eingesehen, dass seine vehementen Annäherungsversuche nicht erwünscht waren und zu nichts außer noch mehr Ablehnung führten. Ein schaler Nachgeschmack blieb trotzdem.
   In diesem Moment hatte sie das deutliche Gefühl, nicht allein zu sein. Sie erstarrte mitten in der Bewegung. Auch wenn im Halbdunkel des Apartments nichts zu erkennen war, hatte im Bruchteil einer Sekunde irgendeine unsichtbare Veränderung um sie herum stattgefunden, eine Art Luftzug vielleicht oder … Es war nichts, worauf sie den Finger legen konnte, aber nun war sie doch beunruhigt.
   Dann roch sie es. Zuerst weigerte sich ihr Verstand, das Unmögliche wahrhaben zu wollen. Sie drehte den Kopf und schnupperte wie ein Hund, während ihr Geruchssinn die erschreckende Botschaft in Rekordzeit an ihr Gehirn weiterleitete. Schockiert japste sie auf und spürte, wie sich ihr vor Entsetzen die Nackenhaare aufstellten und Gänsehaut ihren gesamten Körper überzog. Ihr Herz fing so wild zu pochen an, dass sie dachte, es wollte ihr aus der Brust springen. Die Gewissheit umklammerte sie wie eine eisige Faust: Sie kannte diesen Geruch. Sie selbst hatte vor einiger Zeit ein kleines Fläschchen dieses teuren Herrenparfüms gekauft, ein Geschenk zu seinem Geburtstag.
   Und jetzt roch sie diesen Duft in ihrer Wohnung. Aber das konnte doch nicht sein, oder? Er besaß keinen Schlüssel, wie also …
   Die Angst hatte sie nun regelrecht paralysiert und machte ihre Gedankengänge schwammig. Namenlose Panik drohte sie zu übermannen. Sie konnte sie bereits unter der Zunge schmecken.
   Dann setzte der Fluchtreflex ein. Sie musste raus hier. Sofort.
   Einen Sekundenbruchteil später traf sie von links ein dumpfer Schlag mit solcher Heftigkeit am Kopf, dass sie zur Seite geschleudert wurde und gleißende Lichtblitze aus Schmerz vor ihren Augen explodierten, kurz bevor sich schützende Dunkelheit über sie herabsenkte wie ein seidiger, schwarzer Vorhang. Sie stürzte zu Boden, während Eier auf den Fliesen aufplatzten und Orangen und Mandarinen wie Billardkugeln in der Küche bis unter die Heizung kullerten und ein bizarres Muster aus gelbem Eidotter und Blut auf dem weiß gekachelten Fußboden hinterließen.

Kapitel 1

»Nun, Frau Winterfeld, was empfinden Sie bei dem Gedanken, die Therapie zu beenden?« Dr. Corinna Michaelis lächelte ihr aufmunternd zu und wartete geduldig auf eine Antwort.
   Obwohl Lisa wusste, dass sich die Sitzungen mit ihrer Psychotherapeutin dem Ende zuneigten, rief der Gedanke daran immer noch gemischte Gefühle hervor. Kein Wunder, nach den vielen tränenreichen Besprechungen in den vergangenen Jahren. Sie schluckte und suchte nach den richtigen Worten, um ihre Empfindungen zu beschreiben. »Ich weiß nicht genau«, antwortete sie ehrlich. »Ich fühle mich einerseits befreit, als ob eine Last von mir genommen wird, andererseits fühle ich Traurigkeit in mir aufsteigen, und Angst. Ich komme mir auf einmal wieder so verwundbar und unsicher vor …«
   »Diese Gefühle sind ganz normal, Frau Winterfeld. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, es ist verständlich, dass Sie Trennungsängste haben. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass Sie mittlerweile ganz gut ohne meine Hilfe zurechtkommen.« Sie zögerte, als wägte sie ihre Worte sorgfältig ab. »Sie haben in letzter Zeit große Fortschritte gemacht und sind wieder imstande, eigenständig wichtige Entscheidungen zu fällen – wie zum Beispiel der geplante Neuanfang in ihrer Geburtsstadt. Sie werden das Haus ihrer Großmutter bewohnen, richtig? Sehen Sie, genau das meine ich: Obwohl Sie Angst vor dem Alleinsein haben, wollen Sie dieses Abenteuer wagen und sich ihren Ängsten stellen. Sie werden sehr gut zurechtkommen, auch ohne meine Hilfe. Ich kann Sie guten Gewissens ziehen lassen.« Die Ärztin erhob sich aus ihrem Ledersessel und kam um den großen, mahagonifarbigen Schreibtisch herum.
   Lisa fiel wieder auf, wie klein Dr. Michaelis eigentlich war. Die elegante Mittfünfzigerin trug ihr aschblondes Haar für eine Frau ziemlich kurz, ihr burgunderrotes Kostüm und die rahmenlose Brille betonten die warmen braunen Augen. Lisa hatte sich vom ersten Moment an bei ihr gut aufgehoben gefühlt. »Ja, ich denke im Moment auch, dass ich so weit bin«, gab sie zu. »Aber was ist, wenn sich herausstellt, dass ich doch nicht so stark bin, wie sich alle vorstellen? Dieser Gedanke macht mir Angst.«
   »Das muss es nicht«, sagte die Therapeutin und setzte sich neben Lisa in den anderen Sessel. »Schauen Sie, wir haben doch darüber gesprochen. Die Therapie hat aus Ihnen keinen vollständig neuen Menschen gemacht. Diese Erwartung wäre unrealistisch, und das wissen Sie. Ihre Erfahrungen in der Vergangenheit werden für immer Teil Ihrer Persönlichkeit bleiben. Bedenken Sie, Probleme werden ein ständiger Wegbegleiter sein, nicht nur für Sie, für alle Menschen. In unser aller Leben gibt es immer wieder Situationen, denen wir uns im ersten Moment nicht gewachsen fühlen. Doch Sie wissen jetzt, wie Sie damit umgehen müssen, auch wenn Ihnen das in diesem Moment nicht bewusst ist. Vertrauen Sie mir. Aber denken Sie daran, wenn Sie aus irgendeinem Grund den Eindruck haben, doch noch nicht so weit zu sein, scheuen Sie sich nicht, mich anzurufen. Oder nehmen Sie Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe in Ihrem Ort auf. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu suchen.« Sie erhob sich gleichzeitig mit Lisa und lächelte warm. »Doch ich bin überzeugt, dass Sie es allein schaffen werden, meine Liebe. Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute für Ihre Zukunft.«

Ich werde es allein schaffen. Lisa hatte vollstes Vertrauen in ihre Therapeutin. Sie würde sich in ihrer alten Heimat ein neues Leben aufbauen und all die entsetzlichen Erinnerungen hinter sich lassen. Der Mann, der für ihren labilen Seelenzustand verantwortlich war, saß für weitere drei Jahre sicher hinter Schloss und Riegel. Zu zehn Jahren Freiheitsentzug hatte man ihn verurteilt, wegen Vergewaltigung, Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung. Von ihm hatte sie in den nächsten Jahren nichts zu befürchten.
   Außer in ihren Träumen, die er noch immer beherrschte. Doch schließlich hieß er nicht Freddy Krueger, sondern einfach Marco. Marco Delrio.
   Und in Träumen stirbt man nicht.

*

Zwei Wärter der Casa di Reclusione, der staatlichen Justizvollzugsanstalt Mailand-Opera, begleiteten Marco zu den stählernen Gefängnistoren, die sich rumpelnd in Bewegung setzten und ihm den Weg in die Freiheit öffneten. Er atmete tief ein und verschlang den wunderbaren Anblick mit den Augen.
   »Okay, Mann, du hast es geschafft. Sogar viel früher als vorgesehen. Bleib sauber da draußen, verstanden?« Carmine, der ältere der beiden Wachen, klopfte ihm jovial auf die Schulter.
    Der jüngere namens Filippo hingegen musterte ihn mit kaum verhohlener Verachtung. »Früher oder später kommen sie alle wieder«, sagte er kryptisch und ließ seinen scharfen Blick provokativ auf Marco ruhen.
   Mit seinen gut ein Meter achtzig befand sich Filippo direkt auf Marcos Augenhöhe und starrte ihm herausfordernd ins Gesicht. Seine Abscheu war ihm anzusehen, jedoch ließ sich Marco durch den provozierenden Kommentar nicht aus der Ruhe bringen.
   Er brachte sogar ein nachsichtiges Lächeln zustande. »Also dann, auf Nimmerwiedersehen, Jungs«, meinte er freundlich und trat hinaus auf die Straße. Zurück ins Leben.
   Ein unwiderstehliches Verlangen nach einem ausgiebigen Spaziergang durchströmte Marcos Adern, doch überraschenderweise sabotierte sein Bruder diesen Plan. Für einen Augenblick wallte Ärger in ihm auf, als er die mitternachtsblaue Familienlimousine auf dem Besucherparkplatz entdeckte.
   Wo waren denn seine lieben Verwandten all die Jahre? Dann aber stellte er sich Silvios Unbehagen vor und unterdrückte ein hämisches Grinsen. Absichtlich langsam schlenderte er auf die Fahrertür zu.
   »Na so was, wen haben wir denn da? Was führt dich denn zu dieser frühen Stunde hierher?« Er rang sich ein Lächeln ab und trommelte mit den Fingern auf das Autodach. Mit hochgezogenen Brauen lugte er durch das heruntergelassene Fenster in das Wageninnere. »Deinen Chauffeur hast du wohl zu Hause vergessen, wie?«
   »Steig schon ein, verdammt!«, knurrte Silvio.
   »Lieber nicht, bei deiner Laune.«
   »Marco, steig in das Auto. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.«
   Er lachte. »Das kann ich mir vorstellen, lieber Bruder. Tja, ich hingegen habe alle Zeit der Welt. Und ich möchte noch ein wenig spazieren gehen, wenn du nichts dagegen hast. Man sieht sich.« Er klopfte zum Abschied auf das Autodach und wandte sich zum Gehen.
   »Marco!«
   »Was denn noch?«, stöhnte er.
   »Steig ein, ich fahre dich. Wo willst du hin?«
   Zwanzig Minuten später sog Marco genussvoll die versmogte Mailänder Großstadtluft ein wie ein Ertrinkender, der nach Sauerstoff gierte. Endlich in Freiheit. Er konnte es überhaupt noch nicht richtig fassen. Wenn er an all die verlorenen Jahre dachte – nein, nicht jetzt, mahnte er sich. Dieser Tag war zu wertvoll, um ihn mit deprimierenden Gedanken zu vergeuden.
   Stundenlang wandelte er durch verwinkelte Gassen und menschenüberfüllte Shoppingmeilen. Es gab viel Neues zu entdecken. Einige Straßen erkannte er kaum wieder, in den Jahren seiner Abwesenheit hatte sich so manches im Stadtkern verändert.
   In der Menschenmenge fiel er trotz seines ziemlich verwahrlosten Aussehens nicht auf. Die Leute hatten Besseres zu tun, als sich um diese bedauernswerte Gestalt zu scheren, die mit zu Boden gesenktem Blick durch die belebten Straßen schlich. Jemand wie er war praktisch unsichtbar. Wenn er doch einmal den Kopf hob und zufällig den Blick einer anderen Person kreuzte, sah dieser Mensch sofort erschrocken weg und hastete an ihm vorüber. Es amüsierte ihn immer wieder. Manche Menschen hatten ein untrügliches Gespür für Gefahr. Gut so. Sie hatten recht, ihn zu fürchten.
   Schließlich hielt er an einer Imbissbude inne und bestellte sich einen Hotdog und ein Bier.
   »Verdammt kalt heute«, meinte der fette Budenbesitzer fröhlich und reichte ihm das Gewünschte über den Tresen.
   Was wusste der schon hinter seinem heißen Grill. Marco maß den Mann mit einem kühlen Blick. Mit seiner Fettschicht könnte er auch in der Arktis überleben. »Da haben Sie recht, Mann. Aber wenigstens scheint die Sonne.«
   Hungrig biss er in sein Brötchen und drehte dem Mann den Rücken zu. Warum waren die Leute nur so scharf auf Small Talk? Er fand es belang- und sinnlos. Wenn man nichts Wichtiges zu sagen hatte, sollte man besser den Mund halten. Außerdem hatte er nicht vor, die ersten wertvollen Stunden seiner neu gewonnenen Freiheit mit so etwas Banalem wie dieser Unterhaltung zu verschwenden. Da schaute er schon lieber den aufgetakelten Tussis hinterher, die geschäftig in ihren Absatzstiefelchen an ihm vorbeitrippelten, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Eine hübsche Brünette erregte kurz seine Aufmerksamkeit, als sie im Vorbeihasten einen abschätzigen Blick in seine Richtung abschoss. Er prostete ihr mit der Bierflasche zu und amüsierte sich über ihren pikierten Gesichtsausdruck. Weiber, dachte er und sein Grinsen verwandelte sich in eine Grimasse.
   Frisch gestärkt schlenderte Marco ohne ein bestimmtes Ziel weiter, hielt sich an die weniger überlaufenen Seitenstraßen und ließ seinen Blick über die Schaufensterauslagen gleiten. Endlich hielt er vor der Vitrine einer Herrenboutique inne und sah sich interessiert die Auslage an. Er tastete mit der Hand nach dem Bündel Geldscheine in seiner Hosentasche und betrat das Geschäft.
   Eine sonnengebräunte Schwuchtel eilte geschwind aus einem Nebenraum herbei und öffnete eben den Mund, um ihn direkt wieder hinauszukomplimentieren. Was nicht weiter verwunderlich war in Anbetracht der Tatsache, dass er aussah wie ein Gammler. Kundschaft wie er könnte ja dem Image schaden. Er ließ den affektierten schwulen Verkäufer mit einem einzigen kalten Blick parieren und kaufte sich mit diebischer Freude einen anthrazitfarbenen Anzug, zwei knapp sitzende Designerjeans, einen taubenblauen, grob gestrickten Rollkragenpullover und vier verschiedenfarbige Hemden. Stirnrunzelnd betrachtete er seine abgetragenen Turnschuhe und erstand kurz entschlossen ein schönes Paar hellbraune Stiefel und die eleganten Schuhe, die ihm schon draußen in der Auslage ins Auge gefallen waren. Er zahlte bar und trat wieder hinaus in die winterliche Kälte.
   Zeit, nach Hause zu gehen. Es gab so viel zu tun.

Kapitel 2

Emma fluchte leise vor sich hin, als sie in die Allgäuer Straße abbog und sofort sah, dass wieder mal alle Parkplätze vor ihrem Wohnhaus belegt waren. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Panda auf der gegenüberliegenden Straßenseite abzustellen und im Dunkeln bei strömendem Regen die knapp fünfzig Meter zum Haus zu laufen.
   Nadelspitze Wassertropfen klatschten ihr beim Aussteigen ins Gesicht. Sie schlang ihren Schal fester um sich und überquerte im Zickzackkurs die schwarz spiegelnde, stark befahrene Straße. Im Nu war sie völlig durchgefroren und klitschnass von oben bis unten. Nicht nur, dass sie ihren Regenschirm zu Hause gelassen hatte, sie wurde beim Überqueren der Straße auch noch von den vorbeirasenden Fahrzeugen mit gischtendem, schmutzigem Schneematsch bespritzt. Wer konnte auch ahnen, dass sich das Wetter in so kurzer Zeit derart verschlechtern würde? Gestern noch war ein herrlicher Wintertag wie aus dem Bilderbuch. Der strahlende Sonnenschein ließ die unbefleckte, puderzuckergleiche Schneedecke wie Diamantenstaub glitzern und lockte die Kinder trotz der Kälte scharenweise ins Freie, wo sie sich kichernd und kreischend mit rot glühenden Wangen wilde Schneeballschlachten lieferten. Eigentlich war das Tiefdruckgebiet Claudia erst für morgen angekündigt, doch im Laufe des Tages war das Wetter plötzlich umgeschlagen und hatte die schöne weiße Schneeschicht der vergangenen Woche innerhalb weniger Stunden in hässlichen grauen Matsch verwandelt.
   Mit klammen Fingern fischte Emma ihren Schlüsselbund aus der Handtasche. Kaum hatte sie die gläserne Eingangstür zum Treppenhaus aufgesperrt, hörte sie weiter oben eine Tür zuknallen und stöhnte innerlich auf, als sie die schlurfenden Schritte ihres verhassten Nachbarn Peter Zanowsky im Treppenhaus vernahm. Offensichtlich hatte er wieder mal ihre Ankunft von seinem Küchenfenster aus beobachtet und schob nun eine abendliche Briefkasteninspektion vor, um sich ihr zu nähern. Völlig von seinem Charme überzeugt, schenkte er ihr beim Herunterkommen ein schleimiges 100-Watt-Lächeln, während seine Blicke wohlwollend an ihrem Körper hinabglitten. Geiler alter Sack. Harmlos wahrscheinlich, aber unglaublich lästig. Hatte seine Frau und die drei Kinder oben in der Wohnung verstaut und machte sich im Treppenhaus an andere Frauen heran.
   Zanowsky öffnete den Mund, um Emma mit irgendeinem Kommentar in ein Gespräch zu verwickeln, doch sie gönnte ihm lediglich ein knappes Kopfnicken und eilte an seiner korpulenten Gestalt vorbei. Ganz gegen ihre Gewohnheit entschied sie sich für den Aufzug. Um nichts in der Welt wollte sie jetzt die Treppe benutzen und sich seinen lüsternen Blicken aussetzen, die sie bereits in ihrem Rücken spürte.
   Ihr Apartment befand sich im dritten Stock des Mehrfamilienhauses. Seufzend warf Emma die Wohnungstür hinter sich zu, schälte sich aus ihrer feuchten Winterjacke und stellte die durchnässten Stiefel an die Heizung.
   »Hallo, meine Hübschen«, wandte sie sich an die Bewohner des hell erleuchteten Aquariums, das mit seinen Ausmaßen fast die Hälfte der rechten Wohnzimmerwand einnahm und einen farbenfrohen Blickpunkt in die Wohnung brachte. Sie trat näher an das große Süßwasserbecken und beugte sich vor. Einige besonders muntere Fische sammelten sich daraufhin auf der anderen Seite der Scheibe und beäugten sie ebenfalls neugierig, wie immer, wenn sie ihre Besitzerin wahrnahmen.
    »Na, habt ihr Hunger? Hm, das schmeckt euch, was?«, säuselte Emma, während sie eine Prise Futterflocken auf die Wasseroberfläche streute und einige Algentabs für die Welse in das Becken gab. Sie nahm sich einige Minuten Zeit und beobachtete die hungrigen Tiere beim Fressen, was normalerweise stets eine entspannende Wirkung hatte. Heute jedoch konnte sie nicht einmal der Anblick der sich um die langsam zum Grund schwebenden Futterflocken streitenden Fische ablenken. Sie war einfach schlecht drauf und wollte sich am liebsten mit einem Glas Weißwein und einer Tiefkühlpizza auf die Couch kuscheln, ein bisschen fernsehen oder ein gutes Buch lesen und früh zu Bett gehen. Doch aus diesem gemütlichen Abendprogramm würde leider nichts werden, denn sie hatte um acht eine Verabredung mit ihrem Vater und seiner Neuen.
   Letztes Wochenende hatte er überraschend angerufen. Überraschend deshalb, weil sie erst wenige Tage zuvor miteinander gesprochen hatten. Sie telefonierten mehrmals im Monat, sahen sich aber leider nur alle heiligen Zeiten zu irgendwelchen Feiertagen. Trotzdem standen sie sich im Grunde sehr nahe und waren über wichtige Ereignisse im Leben des anderen normalerweise im Bilde. Dementsprechend war Emma aus allen Wolken gefallen, als er sie nach dem üblichen Austausch von Höflichkeitsfloskeln zügig über sein Anliegen informierte: Er habe vor einiger Zeit eine unglaubliche Frau kennengelernt und sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, auf seine alten Tage noch mal in den heiligen Stand der Ehe einzutreten. Aus diesem Grund wolle er in den nächsten Tagen mit seiner Zukünftigen nach Augsburg kommen und sie ihr vorstellen.
    »Emma, Schatz, ich bin sicher, Ann-Katrin wird dir gefallen. Sie ist Lehrerin an einer Grundschule und nebenbei in einigen ehrenamtlichen Projekten engagiert und … na ja, was soll ich sagen? Es war Liebe auf den ersten Blick. Mein Gott, ich hätte nie gedacht, dass ich noch mal so glücklich sein werde«, hatte er ihr mit vor Emotionen bewegter Stimme vorgeschwärmt. Emma war bei dieser Neuigkeit beinahe vom Stuhl gefallen. »Pass auf, nächstes Wochenende wollen wir nach Venedig zum Karneval«, fuhr er fröhlich fort. »Wir könnten einen Abstecher nach Augsburg machen, wenn du Zeit hast. Was hältst du davon, wenn wir am Freitagabend zusammen essen gehen? Dann könnt ihr euch kennenlernen und …«
   Emma hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits gedanklich aus dem immer einseitiger werdenden Gespräch ausgeklinkt und sich verzweifelt gewünscht, sie möge jeden Moment aufwachen und dieses absurde Telefonat in wenigen Augenblicken wie einen seltsamen Traum vergessen. Oder, dass eine andere Emma in einem Paralleluniversum dieses Gespräch führen würde … Dabei konnte sie nicht einmal genau sagen, warum sie so ablehnend reagierte. Wahrscheinlich, weil es im Moment um ihr eigenes Liebesleben nicht gerade zum Besten stand. Und außerdem fühlte sie sich auf eine seltsame Art hintergangen. Warum hatte er diese Frau bisher mit keinem Wort erwähnt? Dann fiel ihr ein, dass auch sie nicht ganz ehrlich zu ihm war, indem sie ihm die Trennung von Lennard verschwieg. Trotzdem, das war etwas anderes. Sie musste das Ganze erst mal verdauen, bevor sie ihm davon erzählen konnte.
   Sie warf sich auf die Couch und dachte peinlich berührt an seine enthusiastischen Schilderungen. Anscheinend hatte er eine Mischung aus Mutter Teresa und Pamela Anderson gefunden. Was Mama wohl dazu sagen würde, ihren Mann zum verliebten Teenager degradiert zu sehen? Der Gedanke stimmte sie traurig.
   Vor drei Jahren war ihre Mutter nach einem langen, aussichtslosen Kampf an Brustkrebs gestorben. Obwohl der Krebs frühzeitig entdeckt worden war, hatte sie gegen die heimtückische Krankheit keine Chance gehabt. Emma hatte sich bis heute noch nicht richtig von dem Schicksalsschlag erholt. Der Verlust hatte eine tiefe Wunde geschlagen, die immer noch nicht vollständig verheilt war.
   Bei der Erinnerung schossen ihr sofort wieder Tränen in die Augen und sie musste heftig schlucken. Ein Bild vom Tag der Beerdigung ging ihr kurz durch den Kopf. Ihr gramgebeugter Vater und sie vor dem mit roten Rosen geschmückten Sarg, sich gegenseitig in ihrer Trauer und Verzweiflung Halt gebend.
   Doch anstatt durch den furchtbaren Verlust näher zusammenzuwachsen, war die kleine Familie auseinandergedriftet. Wenige Wochen später verkaufte ihr Vater das kleine Häuschen am Stadtrand, in dem sie so viele glückliche Jahre verbracht hatten, und zog in seine Geburtsstadt Hamburg zurück.
   »Ich halte es in dem Haus nicht mehr aus«, hatte er erklärt. »Ich erwarte ständig, dass sie einfach zur Tür hereinkommt. Wenn ich hierbleibe, werde ich noch verrückt.«
   Er hatte nur wenige, für ihn wertvolle Erinnerungsstücke mitgenommen, denn er wollte einen kompletten Neuanfang wagen. Ohne Altlasten, wie Emma vermutete. Sie konnte zwar einerseits diesen drastischen Schritt nachvollziehen, kam sich aber andererseits sehr verlassen vor. Ein geliebter Elternteil gerade erst verstorben und der andere plötzlich siebenhundert Kilometer weit weg – das war hart.
   Er bot ihr an, alle Dinge, an denen sie hing und die sie gebrauchen konnte, in ihre Wohnung mitzunehmen. Der Rest des Haushalts wurde aufgelöst.
   Ihrem Vater gelang es rasch, wieder Fuß in seiner alten Heimat zu fassen. Er erzählte oft von seinen Freunden und Kollegen, von den zahlreichen Arbeitsessen, neuen Projekten und seinem Kochkurs nach Feierabend. Nur von seinen Damenbekanntschaften verlor er nie auch nur ein einziges Wort. Dass er sie ohne Vorwarnung am Telefon über seine Heiratspläne informierte, war wie ein Schlag in die Magengrube. Erwartete er allen Ernstes, dass sie ihm freudestrahlend Glück wünschte? Männer …

Kapitel 3

Erschöpft von der ungewohnten Anstrengung und den neuen Eindrücken kehrte Marco nach mehreren Stunden in sein neues altes Zuhause zurück. Seit fast zwanzig Jahren, seit seinem siebzehnten Lebensjahr hatte er allein gelebt, abgesehen von seinem Aufenthalt im Knast. Es widerstrebte ihm zutiefst, in die elterliche Villa zurückzukehren, die er damals gar nicht schnell genug verlassen konnte. Seine spießigen Erzeuger hatten ihn regelrecht aus dem Haus getrieben mit ihren veralteten Regeln und Ansichten. Doch er wollte sich nicht beschweren. Es war immer noch besser, als auf der Straße zu hocken.
   Als er um das Haupthaus herumging in Richtung Garten, meinte er, eine Gestalt hinter dem Erkerfenster im ersten Stock zu sehen.
   Wahrscheinlich seine Schwägerin. Neugierige Ziege. Er winkte ihr kurz zu und freute sich mit einem wölfischen Grinsen, als die Person ertappt zurückzuckte.
   Ohne Hast schloss er die Tür der kleinen Einliegerwohnung auf, die man ihm, dem Schandfleck der Familie, zugedacht hatte. Eine volle Minute stand er mitten im Zimmer und sah sich müßig um. Es gab schlechtere Plätze. Zumindest verfügte die Wohnung über einen separaten Eingang, sodass die restliche Verwandtschaft hoffentlich nicht allzu viel von seinen Aktivitäten mitbekommen dürfte.
   Erleichtert schleuderte er die Schuhe von den schmerzenden Füßen und entkleidete sich bis auf die Unterhose. Während das Wasser in der Dusche heiß lief, bewunderte er im mannshohen Schlafzimmerspiegel seinen Körper. Er versuchte sich in verschiedenen Posen, die seine Muskeln besonders gut zur Geltung brachten, und war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Das harte Training im Knast-Fitnessraum hatte sich ausgezahlt. Als er durch die offene Badezimmertür bemerkte, dass dichte Dampfwolken hinter dem Duschvorhang hervorquollen, lächelte er, gönnte er sich doch nach schier endlos langer Zeit den Luxus einer ausgiebigen Körperpflege ohne Verletzung seiner Privatsphäre oder gezählter Minuten.
   Eine Dreiviertelstunde später kam er mit rosiger Haut und frisch rasiert aus dem Bad. Er fühlte sich wie neugeboren.
   Pfeifend ging er ins Schlafzimmer und ließ sich auf das Bett fallen. Die Matratze gab kaum nach, nichts quietschte oder wackelte. Er kam sich vor wie im Himmel. Sogar die Bettwäsche war frisch gewaschen und duftete nach … Flieder!
   Sofort krochen unangenehme und doch gewollte Erinnerungen aus ihren Schlupfwinkeln. Er kramte aus der Innentasche seiner Bomberjacke eine alte Fotografie heraus. Schon bei der bloßen Berührung spürte er das vertraute Gefühl eiskalter Wut, die sich in seinem Magen zusammenrollte wie eine Katze in ihrem Körbchen und sich in seinen Eingeweiden niederließ.
    »Anna, Anna, Anna …«, murmelte er gedankenverloren vor sich hin und ließ den Namen auf der Zunge zerschmelzen wie eine köstliche Schokoladenpraline. Für ihn würde sie immer seine Anna sein. Vom ersten Date an hatte er sie so genannt. Anna stand für Anmut. Es war der Name zahlreicher Herrscherinnen. Er wusste, dass sie diese Abkürzung ihres Namens nicht mochte, und neckte sie ständig damit. Lisa passte einfach nicht zu ihr, fand er und sagte es ihr auch. Sie sah nicht aus wie eine Lisa.
   Er wendete ihr Foto hin und her und zeichnete mit dem Finger die Konturen ihres ovalen, engelsgleichen Gesichts nach. Was für ein Miststück. Er starrte weiterhin auf das Bild. Ein sehr gelungenes Foto, wie er sich trotz seines Zorns eingestehen musste. Na ja, fotogen war sie schon immer. Eines ihrer vielen Talente. Auf diesem Bild, das an den Rändern vom tausendmaligen Ansehen und Berühren schon ganz abgegriffen war, blickte sie den Betrachter über die rechte Schulter direkt mit ihren Katzenaugen an und schenkte ihm ihr süßes, unvergleichliches Lächeln. Dasselbe Lächeln, mit dem sie ihm damals den Kopf verdreht hatte. Er schloss die Augen, als die schmerzlichen Erinnerungen ihn zu überwältigen drohten. Endlich hatte er sich wieder in der Gewalt und zwang seinen Blick zurück auf das Foto.
   Es war im Frühling aufgenommen worden. Sie hatten ein Picknick im Freien veranstaltet, nur sie beide. Was ganz Romantisches eben, obwohl ihm praktisch fast die Eier abgefroren waren bei dem kalten Wind. Aber es war ihr Geburtstag und er hätte, nein, hatte alles für sie getan. Grimmig dachte er an die hübschen Ohrringe, die ihn ein kleines Vermögen gekostet hatten. Er hätte sie zurückverlangen sollen.
   Aber es war wirklich ein toller Tag, erinnerte er sich, trotz der frostigen Temperaturen. Er beugte sich im schwächer werdenden Tageslicht weiter über die alte Fotografie und musterte die im Hintergrund blühenden Bäume und den weiß-blauen Himmel. Statt der obligatorischen roten Rosen hatte er ihr einen Strauß blühender Fliederzweige geschenkt, mit einer riesigen Schleife dran. Sie hatte ihm einmal verraten, dass Flieder der Lieblingsbaum ihrer Großmutter sei und auch sie sei ganz vernarrt in den Duft. Lächelnd beobachtete er, wie sie genießerisch die Augen schloss und ihre süße kleine Stupsnase tief in die duftenden Blüten vergrub. Obwohl sie sich erst seit ein paar Wochen kannten, hatte er in dieser Sekunde gefühlt, dass sie die Richtige war. Am Abend lud er sie in eines der teuersten Restaurants der Stadt ein und danach ins Kino. An den Film konnte er sich kaum erinnern, da sie praktisch während der ganzen Vorführung anderweitig miteinander beschäftigt waren. Wahnsinn, wenn er daran zurückdachte. Sie hatten es tatsächlich in dem stockdunklen Kinosaal im Beisein Dutzender nichts ahnender Leute miteinander getrieben. Er stöhnte leise und massierte seinen Schritt. Die Erinnerung an den öffentlichen Akt hatte ihm eine schmerzhafte Erektion beschert. Mist, verfluchter. Er hatte tatsächlich geglaubt, in ihr seine Traumfrau gefunden zu haben, hatte geglaubt, sie wäre anders als die anderen … und für acht wundervolle Monate hatte sie ihm auch diese Illusion gelassen. Sie hatte ihm scheinheilig eine gemeinsame Zukunft vorgegaukelt – nur, um ihn dann eiskalt abzuservieren.
   Nun ja, er hatte ihr daraufhin natürlich eine Lektion erteilt, die sich gewaschen hatte. Vielleicht hatte er es ein bisschen übertrieben. Ab einem gewissen Punkt hatte er einfach die Kontrolle über sich verloren. Ihr ständiges Gewinsel und Gewürge ging ihm derart auf die Nerven, dass irgendetwas in seinem Gehirn aussetzte. Er geriet in einen regelrechten Blutrausch, wie er sich im Nachhinein bei einer seiner Selbstanalysen eingestand. Im Knast hatte er ja mehr als genug Zeit dazu. Trotzdem empfand er kein Mitleid mit ihr. Dazu hatte sie ihn zu tief verletzt – seine Gefühle und seine Ehre als Mann. Mein Gott, wenn er daran zurückdachte, wie er sich vor ihr erniedrigt hatte. Angefleht hatte er sie, zu ihm zurückzukommen. Letzten Endes war sie selbst schuld an ihrem Schicksal. Aber anstatt daraus zu lernen, was tat sie? Rannte zu den Bullen, obwohl sie ihm doch versprochen hatte, die Klappe zu halten. Das Schlimme war, dass durch diese Aktion auch die anderen beiden Schnepfen aufgeschreckt wurden, die bis dahin schön brav geschwiegen hatten. Damit war sein Schicksal besiegelt. Jahre seines Lebens hatte er wegen dieser verdammten Schlampe verloren.
   Bei diesen Erinnerungen spürte er wieder blanken Hass in seinem Innersten rumoren und bohrte den Blick in die schönen Augen des Mädchens auf der Fotografie. Bildete die dumme Nuss sich wirklich ein, ihm entkommen zu können?
   Ob sie manchmal noch an ihn dachte? Vielleicht glaubte sie in ihrer jugendlichen Arroganz, dass er sie zwischenzeitlich vergessen hatte. Wenn es so wäre, würde sie in naher Zukunft eines Besseren belehrt werden. Wirklich schade um sie, dachte er beinahe bedauernd. Sie war wunderschön … damals zumindest. Könnte leicht sein, dass sie es nicht mehr war, überlegte er und lachte boshaft auf. Er hatte sie seit der Tatnacht nicht mehr gesehen, auch nicht beim Prozess, wo sie sich feige von ihrer Anwältin hatte vertreten lassen. Sie konnte es nicht ertragen, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Die offizielle Version lautete, dass sie sich noch verschiedenen Eingriffen unterziehen musste, die ihr Erscheinen vor Gericht unmöglich machten. Also war es durchaus möglich, dass er sie vielleicht nicht mehr erkennen würde. Nachdenklich starrte er vor sich hin. Es würde ihn wirklich interessieren, wie sie sie wieder zusammengeflickt hatten. Unmöglich, dass keine Narben geblieben waren. Er überlegte angestrengt, ob er ihr auf die linke oder die rechte Wange seine Initialen geritzt hatte. »Jetzt bist du für immer mein«, hatte er ihr erklärt und sie sich ein letztes Mal so richtig vorgenommen, von allen Seiten. Der Final Fick. Irgendwann war er sich des ganzen klebrigen Blutes – ihres Blutes – auf seinem Körper bewusst geworden und hatte sich angeekelt zurückgezogen. Überhaupt roch das ganze Zimmer unangenehm nach Blut und Erbrochenem. Nachdem er sich notdürftig gesäubert hatte, wollte er ihren Puls fühlen, zuckte aber bei ihrem Anblick zurück. In diesem Moment, da er wieder er selbst war, konnte er sich nicht überwinden, sie anzufassen. Während er noch ratlos vor dem Bett stand und auf der Suche nach Lebenszeichen auf den zerschundenen Leib hinunterstarrte, sah er, wie sich ihre Brust ganz leicht hob und senkte. Gott sei Dank, dann konnte man ihn wenigstens nicht des Mordes belangen. Er zischte ihr zu, sie solle ja die Klappe halten. Eine Anzeige wäre gleichbedeutend mit ihrem Tod. Er hatte ihr Stöhnen als Zustimmung aufgefasst und eilig ihre Wohnung verlassen.
   Sie war die einzige Frau, mit der er es jemals ernst gemeint hatte. Die eine unter einer Million, die das Zeug dazu hatte, sein tristes Dasein in ein Paradies auf Erden zu verwandeln. Er wollte sie heiraten. Sogar den Verlobungsring hatte er bereits anfertigen lassen. Ein schlichter Platinring mit einem traumhaften Aquamarin, der die Farbe ihrer Augen widerspiegeln sollte. Doch dann war Schluss, und er hatte den Ring zurückgegeben.
   Ein Schluchzen ließ ihn aufschrecken. Verärgert über sich selbst schlug er mit der Faust auf das Foto. Was zum Teufel machte sie bloß mit ihm? Warum kam er nicht von ihr los? Die Antwort war einfach. Er fühlte sich noch nicht bereit dazu. Später vielleicht, wenn er sie bestraft hatte … ja, er war sich sicher, dass er sie dann vergessen konnte. Denn sie musste bestraft werden für das, was sie ihm angetan hatte. Erst dann würde er sein normales Leben wieder aufnehmen können, als hätte es sie nie gegeben.

Kapitel 4

Emma warf einen Blick auf die Uhr und erschrak. Wenn sie sich jetzt nicht beeilte, würde sie zu spät zu der Verabredung mit ihrem Vater kommen.
   Nach kurzem Überlegen fiel ihre Kleiderwahl auf eine schwarze, glänzende Jeans und einen golddurchwirkten Rollkragenpullover. Die Unterwäsche nahm sie mit ins Bad und gönnte sich eine kurze, heiße Dusche, um erst mal mental abschalten zu können. Der Tag war stressig genug verlaufen. Eine Duschmassage würde hoffentlich helfen, ihren Widerwillen gegen dieses Pseudofamilientreffen zu überwinden.
   Sie zog sich an und föhnte ihr Haar, bevor sie mit dem Glätteisen eine einigermaßen passable Frisur zu zaubern versuchte, wie die Friseurin es ihr gezeigt hatte. Der Blick in den Spiegel bereitete ihr immer noch eine Art perverses Vergnügen, denn noch vor wenigen Wochen hatte sie ihr kastanienbraunes Haar lang und wellig getragen, wie es Lennard am liebsten mochte. Aber nach der Trennung vor drei Wochen hatte sie dem unbezwingbaren Wunsch nach einer Veränderung nicht widerstehen können und sich kurzerhand auf dem Friseurstuhl wiedergefunden. Ganz das gängige Klischee. Nun, wenigstens war sie nicht die erste und ganz sicher nicht die letzte Frau, die ihren Liebeskummer mit einem Friseurbesuch zu kompensieren versuchte. Aus purem Trotz hatte sie der »typgerechten Beratung« der mit zahlreichen Piercings und Tattoos geschmückten Hairstylistin namens Jessie nachgegeben und sich ihr Haar zu einem nicht mal schulterlangen asymmetrischen Bob abschneiden lassen. Nun trug sie die vordere Partie länger als das Haar am Hinterkopf, was angeblich gerade total in war. Am besten war allerdings zu wissen, dass Lennard diesen Schnitt bestimmt verabscheuen würde. Aber damit nicht genug, entschied Emma, zusammen mit einer von so viel Entschlusskraft begeisterten Jessie. Wenn schon, dann richtig!
   Im Umgang mit dem neuen Glätteisen war sie noch ein bisschen unsicher, aber schließlich war sie mit dem Ergebnis ihrer Bemühungen zufrieden. Ihr nun um mehrere Nuancen dunkleres Haar mit den akzentsetzenden kupfer- und karamellfarbenen Strähnchen war zu einem perfekten glatten Bob gestylt. Sie legte Make-up auf und schminkte dezent ihre Augen, passend zu dem Haselnussbraun ihrer Iriden. Dann betrachtete sie sich einen Augenblick selbstkritisch im Spiegel. Sie war zwar keine Schönheit, aber man konnte sie durchaus als attraktiv bezeichnen. Ihr Mund könnte kleiner sein und ihr Kinn etwas weniger energisch, doch im Großen und Ganzen wirkten ihre Gesichtszüge harmonisch. Lennard meinte immer, er könne sie bis an sein Lebensende nur ansehen und wäre stets von Neuem von ihrem Aussehen fasziniert. Nun ja, die Faszination hatte sich dann doch relativ schnell gelegt. Auf jeden Fall hatte sie stets jünger gewirkt, als sie war, und auch jetzt sah man ihr ihre einunddreißig Jahre nicht an. Gute Gene, sagte sie sich, auch ihre Mutter wurde immer für viel jünger gehalten. Von ihr hatte Emma auch die hohen Wangenknochen geerbt, die gerade Nase und die zartgliedrige Gestalt. Mit ihren 1,64 m fand sie sich ziemlich klein, versuchte dies aber meist durch hohe Absätze zu kompensieren.
   Nach einem weiteren Blick auf die Uhr schlüpfte sie hastig in die hochhackigen cognacfarbenen Wildlederstiefel, nahm Mantel und Handtasche und verließ das Apartment.

*

Schmerz durchzuckte ihren Kopf und irgendetwas behinderte auf ärgerliche Weise ihre Sicht: Die Wimpern ihres linken Auges waren verklebt und verhinderten ein vollständiges Öffnen des Augenlids. Sie wollte die Stelle abtasten und bemerkte erst jetzt, dass sie die Hände nicht frei hatte. Sie versuchte, sich zu befreien und geriet in Panik, als sie merkte, dass ihre Handgelenke über ihrem Kopf an ihrem Bettgestell gefesselt waren. Die Knoten des Seils schnitten in ihre Haut, als sie daran zerrte. Ihr Schrei verhallte ungehört in ihrer rauen Kehle. »Hilfe!«
   Sie hörte ein Geräusch aus der Küche. Eine Art metallisches Kratzen, auf seltsame Weise ungewohnt und doch vertraut. Und dann erkannte sie das Geräusch, und vor Angst traten ihr fast die Augen aus dem Kopf. Zick-zick – wie das Schleifen eines Messers. Dann verstummte der Ton, und eine Gestalt erschien in der offenen Tür.

Mit einem Schrei auf den Lippen fuhr Lisa hoch. Wo zum Teufel war der Lichtschalter? Endlich ertastete sie ihn und ließ sich immer noch zitternd zurück in die Kissen sinken. Sie strich sich einige Strähnen aus dem Gesicht und blickte sich um. Jetzt, als sie wieder Fuß in der Realität gefasst hatte, erinnerte sie sich, wo sie war. Die blau gemusterte Tapete, das schlichte Bett, der kleine Plasmafernseher über der Kiefernholzkommode – dies war nicht ihr Zuhause, sondern ein schmuckloses Hotelzimmer.
   Sie war in Sicherheit.
   Schließlich raffte sie sich auf und ging ins Badezimmer. Nachdem sie sich großzügig eiskaltes Wasser ins Gesicht geschaufelt hatte, waren endlich die letzten Nachwehen des Albtraumes aus ihrem Bewusstsein vertrieben. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Fast drei Stunden hatte sie geschlafen. Wann hatte sie zum letzten Mal einen Nachmittag dermaßen vertrödelt? Draußen war es längst dunkel, und ihr Magen schickte knurrende Botschaften an ihr Gehirn. Sollte sie wieder Griechisch essen gehen wie gestern Abend? Lisa zögerte und dachte an das italienische Restaurant an der Ecke. Sie hatte schon lange keine Pizza mehr gegessen.

*

Vor dem Eingang des Leonardo, einem der beliebtesten italienischen Restaurants der Stadt, blieb Emma stehen und blickte zu ihrem Auto zurück. Am liebsten hätte sie kehrtgemacht. Gerade heute wollte sie eigentlich nur ihre Ruhe haben. Ihre Gedanken wanderten zu dem fünfjährigen Jungen zurück, der auf ihrer Station lag und um sein Leben rang. Seine nur mäßig besorgte Mutter hatte ihn heute Vormittag mit mehrfachen Knochenbrüchen und Platzwunden in die Kinderklinik eingeliefert. Ein Fahrradunfall, meinte sie lediglich. Sie vergaß jedoch zu erwähnen, dass sie das Kind mit einem Stuhlbein krankenhausreif geschlagen hatte. Der Junge musste ins künstliche Koma versetzt werden. Während ihrer beruflichen Laufbahn als Kinderkrankenschwester hatte Emma zwar gelernt, mit dem Elend umzugehen, das sie tagtäglich zu Gesicht bekam, doch immer wieder gingen ihr manche Fälle besonders nahe.
   Alles in ihr sträubte sich dagegen, an diesem ungemütlichen, nasskalten Abend die Verlobte ihres Vaters kennenzulernen und den beiden beim Turteln zusehen zu müssen. Schließlich hatte die Frau vor, die Rolle ihrer Mutter zu übernehmen.
   Sie machte sich natürlich nichts vor. Ihr Vater war mit seinen fünfundfünfzig Jahren immer noch ein gut aussehender Mann. Er hatte dieses gewisse Maß aus Verletzlichkeit und männlichem Ego, das seit jeher anziehend auf Frauen wirkte. Emma erwartete nicht, dass er in den Jahren nach Mamas Tod wie ein Mönch gelebt hatte. Aber musste er deswegen gleich heiraten?
   Unschlüssig und frierend stand sie vor dem Eingang des Restaurants herum. Ihr Atem bildete weiße Kondenswolken in der kalten regengeschwängerten Luft. Zwei gut gelaunte junge Pärchen drängten sich lachend und schwatzend vorbei und verschwanden im Inneren des Gebäudes. Durch die Doppelglastür bahnten sich köstliche Gerüche ihren Weg nach draußen. Emma hatte seit ihrer Mittagspause nichts mehr gegessen. Kein Wunder, dass ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Sie atmete noch einmal tief durch und betrat das Restaurant.
    Drinnen herrschte die rege Betriebsamkeit eines Bienenstocks. Livrierte Kellner flitzten mit ihren Tabletts zielstrebig zwischen den voll besetzten Tischen hin und her, eilten durch eine Schwingtür auf der rechten Seite in die Küche und schossen mit einer neuen Ladung für die hungrigen Gäste wieder heraus. Befehle wurden auf Italienisch gebrüllt und mischten sich mit dem unablässigen Klingeln des Telefons, der sanften, klassischen Musik und der Vielzahl von Stimmen zu einem einheitlich lauten Summton.
   Die Empfangsdame trat auf sie zu und führte Emma zum anderen Ende des Saals. Das Restaurant war mit interessanten Weinregalen und Topfpalmen in verschieden große Nischen aufgeteilt, und in der Ecke ganz hinten an der Fensterfront entdeckte sie ihren Vater, der freudig lächelnd aufstand und winkte. Seine Begleiterin blickte ihr neugierig entgegen.
   »Emmy, mein Schatz.« Er drückte sie an sich, trat einen Schritt zurück, hielt sie an den Händen und musterte sie mit väterlichem Stolz. »Schön wie immer, meine Emma. Die Frisur steht dir ausgezeichnet.« Er wandte sich an seine Begleitung, die halb von ihrem Stuhl aufgestanden war. »Emma, darf ich dir Ann-Katrin Falk vorstellen? Ann-Katrin, das ist meine großartige Tochter Emma.«
   »Sehr erfreut«, sagten sie gleichzeitig und reichten sich die Hand.
   Ann-Katrins Händedruck war eiskalt, aber fest, was Emma gefiel. Sie unterzog ihr Gegenüber einer blitzschnellen Musterung. Ann-Katrin war etwa Mitte bis Ende vierzig und schien fast so groß wie Papa zu sein. Die vielen kleinen Lachfältchen in den Augenwinkeln ließen sie auf den ersten Blick sehr sympathisch wirken. Ihr dunkelblondes feines Haar hatte sie zu einem lockeren Chignon hochgesteckt. Sie war kaum geschminkt und trug als einzigen Schmuck eine hauchzarte goldene Halskette mit einem winzigen Kreuz. Sie machte einen etwas verlegenen Eindruck und lächelte scheu, als sie Emmas Blick auffing. Emma lächelte aufmunternd zurück.
   Ein Kellner eilte an ihren Tisch und reichte die Speisekarten.
   Gut gelaunt bestellte Papa eine Flasche Champagner und zwinkerte seiner Verlobten verstohlen zu. Er wandte sich an Emma. »Und, mein Schatz, wie geht es dir? Du siehst ehrlich gesagt etwas müde aus.«
   »Na ja, es ist ein bisschen stressig momentan«, gab Emma zu und dachte an den Jungen im Koma und an Lennard. Was er wohl heute Abend machte? Sie räusperte sich und zwang sich zu einem Lächeln. »Und ihr beide? Wann habt ihr denn das Datum festgelegt?«, fragte sie in dem Versuch, ihren Vater von sich ablenken zu können.
   Er ergriff Ann-Katrins Hand, küsste ihre Fingerspitzen und meinte, dass die Hochzeit voraussichtlich für Ende Juni geplant sei. Dabei lächelten sie einander innig zu. Emma fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Das konnte ja heiter werden.
   Endlich kam der Champagner, und sie stürzte ihr Glas nach dem wenig originellen Trinkspruch ihres Vaters – »auf die Liebe« – auf ex hinunter.
   »Hoppla, da hat aber jemand Durst«, meinte er trocken und füllte ihr Glas erneut.
   Emma blickte sich in dem weitläufigen Saal um und bewunderte die zeitlose Eleganz der Einrichtung. Auf jedem der cremefarben gedeckten Tische stand eine Kristallvase mit einer einzelnen gelben Rose, und an den zartgelb getünchten Wänden hingen wunderschöne Kunstdrucke und Gobelins. Alles in allem war es ein sehr ansprechendes Ambiente.
   »Nun erzählt mal, wie habt ihr euch denn eigentlich kennengelernt?« Sie war wirklich neugierig auf die Antwort.
   »Ah, das ist eine lustige Geschichte«, erwiderte ihr Vater fröhlich. »Ann-Katrin hat einfach meinen neuen Wagen gerammt.«
   »Witzbold! Du bist mir doch hinten draufgefahren, weißt du nicht mehr?«
   »Du brauchst bloß beim Ausparken in den Rückspiegel zu schauen, Liebling. Dafür sind die nämlich da, weißt du?« Er beugte sich zu Emma. »Frau am Steuer, na, du weißt schon …«
   Ann-Katrin gab ihm lachend einen Klaps auf den Arm. »Dasselbe gilt aber auch für dich. Jedenfalls sind wir beide wie die Furien aus unseren Autos gesprungen und haben uns erst mal richtig angefaucht«, sagte sie an Emma gewandt.
   »Sie hat wirklich losgelegt wie ein Fischweib, sage ich dir. Na, und als sie dann endlich zu keifen aufgehört hat, hab ich gemerkt, dass sie eigentlich ganz nett ist – und sehr hübsch dazu.«
   »Du alter Charmeur …« Ann-Katrin winkte lächelnd ab. »Jedenfalls hat Ihr Vater mich dann zum Mittagessen eingeladen. Es ist wirklich erstaunlich. Ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade erst eine schlimme Scheidung hinter mir und war erst mal mit dem Thema Männer durch. Aber Ihr Vater hat es geschafft, meinen Abwehrpanzer zu knacken. Wir haben schnell gemerkt, dass wir viel gemeinsam haben.«
   »Und dass wir wie füreinander gemacht sind«, schloss Emmas Vater und griff wieder nach Ann-Katrins Hand.
   Emma lächelte unverbindlich und nippte an ihrem Champagner.
    Als sie wieder in die Runde schaute, entging ihr nicht der zärtliche Augenkontakt zwischen ihrem Vater und seiner Verlobten. Die beiden Turteltauben verschlangen einander mit ihren Blicken. Ob sie wohl bemerken würden, wenn sie einfach aufstand und ging?
   Während sie auf ihr Essen warteten, plätscherte das Gespräch dahin, ohne richtig in Emmas Bewusstsein vorzudringen. Offensichtlich schaffte sie es dennoch, ab und an etwas Geistreiches in die Unterhaltung einzubringen, denn die beiden lachten fröhlich über irgendwelche Anekdoten, an die sie sich nicht erinnern konnte, gesagt zu haben.
   Schließlich wurde das Essen serviert. Emma stürzte sich hungrig auf ihr Pastagericht, während sich Papa und Ann-Katrin ein blutiges Rinderfilet schmecken ließen.
   »Sind Sie Vegetarierin?«, wollte Ann-Katrin wissen.
   Es war zwar offensichtlich nur eine rhetorische Frage, doch Emma beantwortete sie dennoch ernsthaft. »O ja, seit beinahe drei Jahren.« Sie zuckte die Achseln. »Ich hatte zwar schon lange darüber nachgedacht, aber irgendwie blieb es immer nur ein Gedanke. Bis ich eines Tages eine fürchterliche Dokumentation über die Machenschaften der Fleischindustrie gesehen habe. Da hat es dann sozusagen Klick gemacht.«
    Danach hatte sie zu dem Thema auch noch ausgiebig gegoogelt, und das hatte ihren Entschluss besiegelt.
   »Nein, es war überhaupt nicht schwer, im Gegenteil«, beantwortete sie die obligatorische Frage. »Ich denke, dass hier viel mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden muss. Das Fleisch wächst ja schließlich nicht im Kühlregal im Supermarkt.«
   Obwohl sie es eigentlich überhaupt nicht mochte, mit Nicht-Vegetariern über dieses Problem zu diskutieren, begann sie sich für das Thema zu erwärmen. Sie führte unter anderem auch ein berühmtes Zitat von Paul McCartney an, das sie sehr beeindruckt hatte. »Wenn die Mauern von Schlachthäusern aus Glas wären, wären wir alle Vegetarier. Dieser eine Satz sagt doch eigentlich alles. Aber es ist ja nicht nur das. Wussten Sie zum Beispiel, dass das menschliche Verdauungssystem gar nicht für den Verzehr von Fleisch geeignet ist?« Emma wurde sich bewusst, dass sie wieder mal Gefahr lief, auf ihrem Steckenpferd davonzugaloppieren und musste sich bremsen, bevor sie eine ihrer flammenden Reden schwang. Sie sah, dass das anfängliche Interesse Ann-Katrins bereits nach wenigen Minuten erlahmte. »Nun ja, ich fühle mich jedenfalls seitdem fit wie nie zuvor und habe dazu ein reines Gewissen«, schloss sie mit einem unverbindlichen Lächeln und hoffte nur, nicht zu schulmeisterlich geklungen zu haben.
   Es entstand eine kurze, peinliche Pause. Ihre Stiefmutter in spe schob sich genüsslich ein Stück Fleisch in den Mund und sah sie zweifelnd an. Na ja, jedem das Seine, schien ihr Blick zu sagen.
   »Tja, meine Tochter wollte schon als kleines Mädchen die Welt retten«, brach ihr Vater schließlich das Schweigen und prostete ihr zu.
   Emma trank ihr Glas Champagner aus und schenkte sich erneut ein. Sie hatte das Gefühl, sie musste sich diese Ann-Katrin Falk noch etwas schöntrinken, um mit ihr warm zu werden.
   Die weiteren Gesprächsthemen während des Essens drehten sich um unverfängliche Themen wie etwa das Wetter oder die Arbeit.
   Schließlich kam Papa auf einen neuen Fitnessklub zu sprechen, der gerade in Hamburg eröffnet und in den Ann-Katrin ihn mitgeschleift hatte. »Ich habe schon vier Kilo verloren«, erklärte er stolz und tätschelte sich den Bauch.
   Ann-Katrin kicherte schulmädchenhaft, neigte sich zu ihm hinüber und küsste ihn auf die Wange. »Bis Juni sind wir beide in Topform«, gurrte sie kokett.
   Emma wartete auf das Unvermeidliche und wurde nicht enttäuscht.
   »Du bist doch auch jetzt schon in Topform«, antwortete ihr Vater verliebt lächelnd und drückte Ann-Katrins Hand.
   Emma wollte am liebsten kotzen.
   »Emmy, ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Papa, als sich Ann-Katrin kurz darauf entschuldigte und auf die Toilette verschwand. »Du bist so still heute Abend. Liegt es an Ann-Katrin?«
   »Aber nein«, log Emma. »Ich finde sie sehr nett, Papa.« Gott sei Dank konnte er nicht Gedanken lesen.
   Aber so schnell ließ er nicht locker. »Was ist es denn dann?«, drängte er weiter. »Zwischen dir und Lennard ist doch alles in Ordnung, oder? Warum hast du ihn nicht mitgebracht?«
   Mist, jetzt fing er also doch noch damit an! Emma blinzelte, um die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. Sie war in letzter Zeit wirklich nah am Wasser gebaut. Es genügte allein der Name dieses Idioten, um sie zum Weinen zu bringen. Mach hier jetzt bloß keine Szene, ermahnte sie sich. Sie schloss kurz die Augen. »Wir sind nicht mehr zusammen, aber ich will jetzt nicht darüber reden, okay?« Dieser Mistkerl hatte sie belogen und betrogen und seinetwegen saß sie wahrscheinlich bald auf der Straße, hätte sie hinzufügen können. Doch wozu ihren Vater aufregen? Dies war sein Abend. Sie wollte ihn nicht mit ihren Problemen belasten.
   »Wenn du meinst …«, erwiderte er und musterte sie besorgt. »Ich bin immer für dich da, vergiss das nicht«, versicherte er und streichelte ihre Wange. »Du bist meine Tochter und ich liebe dich.«
   »Danke, Papa.« In diesem Augenblick fühlte sie sich ihrem Vater so nahe wie seit Langem nicht mehr.
   Mit Ann-Katrins erneutem Auftauchen verflüchtigte sich der Moment der Intimität wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm, der kopflos in alle Himmelsrichtungen davonstob. Emma knirschte innerlich mit den Zähnen, ließ sich aber nichts anmerken und bestellte sogar noch zusammen mit Ann-Katrin eine ihrer Lieblingsnachspeisen. Profiteroles, kleine, mit Sahne gefüllte Windbeutel mit einer wunderbaren kalorienreichen Schokocreme, während Papa lediglich noch einen Espresso trank. Ihrem Vater zuliebe plauderte sie angeregt mit ihrer Stiefmutter in spe, wohl wissend, dass ihn dies glücklich machte. Schließlich war er das einzige Familienmitglied, das sie noch hatte. Also zwang sie sich, seiner Auserwählten eine zweite Chance zu geben. Vielleicht war sie gar nicht so übel, wenn man sie näher kannte.
   Allmählich wurde es Zeit zum Aufbrechen. Emma hatte Frühdienst und musste bereits um sechs Uhr zum Schichtwechsel anwesend sein. Ihr Vater und Ann-Katrin wollten am nächsten Morgen ebenfalls frühzeitig ihr Hotel verlassen und sich auf den Weg nach Venedig machen, um keine Minute ihres romantischen Wochenendes zu versäumen. Sie verabschiedeten sich noch im Restaurant. Nachdem Emma hoch und heilig versprechen musste, zur Hochzeit nach Hamburg zu kommen, rauschte das verliebte Paar Arm in Arm und mit strahlenden Gesichtern hinaus in die nasskalte Winternacht.
   Emma kam sich seltsam verloren vor. Warum nur bekamen alle anderen ihr Leben auf die Reihe und sie nicht? Was machte sie falsch? Dann schüttelte sie den Kopf und verscheuchte diese lästigen Gedanken. Ihre Blase zwickte und sie entschied, vor dem Nachhauseweg noch die Toilette im Leonardo aufzusuchen. Der Champagner duldete keinen Aufschub.
   Über eine hölzerne Wendeltreppe gelangte sie zu den Toiletten. Auf den ersten Blick bemerkte sie, dass von den beiden Kabinen im Damen-WC eine besetzt war, und nach Murphys Gesetz war es natürlich die mit dem Toilettenpapier. Seufzend lehnte sie sich an die ozeanblau gekachelte Wand und entschloss sich, zu warten, bis die andere Dame aus ihrer Kabine herauskam.
   Ihre Gedanken schweiften ab und sie ließ den Abend noch mal Revue passieren. Im Großen und Ganzen war es nicht so schlecht gelaufen, wie sie anfangs befürchtet hatte. Zumindest das Essen war ausgezeichnet gewesen. Ann-Katrin Falk erschien etwas gewöhnungsbedürftig, aber um fair zu bleiben, musste sich Emma eingestehen, dass die Messlatte sehr hoch angelegt war. Schließlich musste sich die Frau den Vergleich mit Emmas Mutter gefallen lassen. Aber an Elsa Capell kam sowieso keine andere heran. Papa würde schon wissen, warum er sich in Ann-Katrin verliebt hatte. Dass sie intelligenzmäßig nicht gerade der hellste Stern am Firmament war, hatte für ihren Vater anscheinend nur eine untergeordnete Bedeutung. Höchstwahrscheinlich machten ihre anderen Vorzüge diesen kleinen Missstand wieder wett, überlegte sie und wunderte sich über ihren Zynismus. Um welche Vorzüge es sich dabei handeln musste, wollte sie lieber nicht wissen. Schluss jetzt, Emma, schnauzte sie sich innerlich an. Das waren nicht ihre Angelegenheiten. Wichtig war allein, dass Papa glücklich war. Wenigstens einer in der Familie sollte es sein.
   Dann wurde sie sich bewusst, dass die Frau immer noch nicht aus der Kabine herausgekommen war. Was zum Kuckuck machte sie da drin? Emma hörte keine Geräusche. Sie räusperte sich, dann nach einigen Sekunden noch mal. Nichts.
   »Hallo? Dauert es noch lange?« fragte sie in die Stille.
   »Moment noch«, antwortete eine weibliche Stimme unbeeindruckt. Die Frau schien sich aber keineswegs zu beeilen, und Emma platzte außer ihrer Blase gleich der Kragen. Sie klopfte an die geschlossene Kabinentür. »Könnten Sie sich bitte beeilen?«, fragte sie immer noch in freundlichem Tonfall.
    »Warum? Ist mit der anderen Toilette irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte die unbekannte Stimme zuckersüß.
   Also, jetzt reicht’s, dachte Emma. So was Freches! Sie öffnete gerade den Mund für eine saftige Antwort, als plötzlich doch noch die Kabinentür aufging und eine große, attraktive Blondine herausstolziert kam.
    »Zufrieden?«, meinte sie abschätzig in Emmas Richtung und schwebte anmutig auf hohen Absätzen an ihr vorbei zum Ausgang. Ihre Blicke trafen sich kurz im Spiegel über dem Waschbecken und Emma hatte für den Bruchteil einer Sekunde eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Sie bemerkte, dass auch die andere Frau zögerte, dann drehte sie sich langsam zu ihr um. »Emma? Emma Capell?«, fragte sie mit schief gelegtem Kopf.
   Vor Emmas innerem Auge fielen die Jahre von ihnen ab wie Tapetenreste, die jemand von den Wänden eines alten Zimmers abzog. Staunend sah sie sich selbst als fünfzehnjährigen Teenager, wie sie sich weinend von ihrer besten Freundin seit Kindergartentagen verabschiedete, als diese mit ihrer Familie aus der Nachbarschaft wegzog, um fortan in Mailand zu leben.
   »Lisa? Annalisa? O mein Gott!«

Kapitel 5

Marco schrak auf, als er ein Klopfen an der Wohnungstür vernahm. War er etwa eingenickt? Na ja, kein Wunder bei dem Schwachsinn, der im Fernsehen lief. Er stellte den Ton leiser und bemerkte flüchtig, dass es sich um eine dieser vorabendlichen Spielshows handelte, bei denen die Tänzerinnen aus irgendeinem Grund auch moderieren durften. Was ihn schon wieder an Anna erinnerte …
   Es klopfte nochmals, eindringlicher diesmal. Seufzend stemmte er sich hoch und öffnete. »Was gibt’s?«, fragte er statt einer Begrüßung.
   Silvio rang sich ein frostiges Lächeln ab und schob die Hände tief in seinen Wintermantel. »Kann ich reinkommen?«
   Wortlos trat Marco zurück und ließ seinen Bruder eintreten. Dieser schob sich zögernd in den Wohnraum und ließ seinen Blick ungläubig über die Unordnung schweifen. »Wie lange bist du hier? Zwei Tage? Schau dir mal diesen Saustall an!« Silvio rümpfte die Nase und riss das Fenster auf, sodass eisige Februarluft ins Zimmer strömte und die Raumtemperatur schlagartig um zehn Grad abstürzte. »Du solltest dich schämen«, fuhr er ihn an.
   Marco ließ sich rittlings auf einem Stuhl nieder und zündete sich eine Zigarette an. Er blies den Rauch in Silvios Richtung, der sich demonstrativ näher an das Fenster stellte.
   Marco musterte seinen Bruder. Er hatte ihn seit Jahren nicht gesehen, von dem kurzen Zusammentreffen am Morgen einmal abgesehen, als Silvio ihn am Gefängnistor abgeholt hatte. Da hatten sie aber keine fünf Wörter miteinander gewechselt. Charakterlich so verschieden wie Tag und Nacht, sahen sie sich dennoch verblüffend ähnlich, auch wenn in Silvios dunklem Haar bereits einige graue Strähnchen sichtbar waren. Ansonsten aber merkte man ihnen die vier Jahre Altersunterschied nicht an.
   »Setz dich doch«, meinte er liebenswürdig und deutete auf einen freien Stuhl. »Oder bist du nur gekommen, um mich zu kritisieren?«
   Silvio grunzte spöttisch. »Ich will dich nicht kritisieren«, sagte er. »Ich will eigentlich überhaupt nichts von dir. Es war nicht meine Idee, dass du hier wohnen darfst, falls du dich erinnerst. Aber so lauten nun mal die Testamentsbestimmungen, ob es mir nun passt oder nicht. Und es passt mir definitiv nicht, mit dir unter einem Dach leben zu müssen, das kann ich dir sagen.«
   »Schön, dass du kein Blatt vor den Mund nimmst. Mir passt es übrigens ebenso wenig, nur zu deiner Information. Aber ich glaube, dass meine lieben Erzeuger es mir einfach schuldig waren.«
   »Warum sagst du das? Was um alles in der Welt haben dir unsere Eltern getan, dass du sie so hasst, sogar jetzt noch?«
   »Tja, schauen wir mal.« Marco beugte sich über den Tisch und zog den Aschenbecher näher heran. »Wenn man sich’s überlegt, waren sie überhaupt nicht so übel, da hast du recht.« Er gestattete sich ein kurzes Lächeln. »Ich erinnere mich oft, wie Vater mir Tennis beigebracht hat und Golf und wie stolz er gejubelt hat, wenn ich beim Fußballturnier ein Tor schoss. Und Mama! Stundenlang hat sie mir vorgelesen und sonntags mein Lieblingsessen gekocht …« Dann stutzte er und tat verwirrt. »Aber warte mal, was rede ich denn da? Das war ja deine Kindheit, nicht meine.« Er drückte die Kippe aus und sein Blick verfinsterte sich. »Meine Kindheit war ein bisschen weniger sonnig.«
   »Das bildest du dir nur ein«, entgegnete sein Bruder aufgebracht. »Wir wuchsen absolut gleich auf, sie haben ihre Liebe zu gleichen Teilen zwischen uns aufgeteilt.«
   »Ach ja? Was weißt du denn schon! Ganz abgesehen davon, dass sie ohnehin keine guten Eltern waren, nicht einmal für dich, hast du als ihr Kronprinz den Löwenanteil ihrer sogenannten Liebe abgekriegt. Da blieb für mich als Zweitgeborenen nicht mehr viel übrig. Und nicht zu vergessen, dass sie an meiner statt lieber eine Tochter gehabt hätten«, fügte er verbittert hinzu.
   »Ich weiß nicht, wovon du redest.«
   »Das glaube ich gern. Du siehst wie immer nur, was du sehen willst. Aber ich habe sie gehört, verstehst du? Ich habe gehört, wie sie sich über mich unterhalten haben, als sie dachten, ich wäre draußen im Garten. Wie Vater«, er spie das Wort förmlich aus, »zu Mutter sagte, er wünschte, sie hätte den Balg abgetrieben, als feststand, dass es noch mal ein Junge werden würde. Ich war acht damals. Was glaubst du wohl, wie das für mich war? Weißt du, wie man sich fühlt, wenn dich nicht einmal die eigenen Eltern mögen?«
    Sein Bruder musterte ihn kalt. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich so abgespielt hat. Sicher, als du größer wurdest und immer mehr außer Kontrolle gerietst, haben sie natürlich mit ihrem Schicksal gehadert. Du warst ja schon als Teenager nicht mehr zu bändigen. Aber das ist typisch für dich. Anstatt dich mal ernsthaft mit dir selbst auseinanderzusetzen, suchst du wie immer nur Entschuldigungen für dein unakzeptables Verhalten.«
   »Wenn du meinst.« Gelangweilt trat Marco zum Fenster und schloss es demonstrativ. »Genug Luft für heute. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«
   Silvio reichte ihm ein Kuvert. »Hier drin ist ein Scheck über deine monatliche Apanage«, sagte er knapp. »Ich nehme an, du hast eine Kopie des Testaments bekommen und kennst die Bestimmungen. Du hast das Recht, sechs Monate lang mietfrei hier zu wohnen und erhältst einen festgelegten Betrag, um deinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Im Laufe dieser sechs Monate musst du dir eine Arbeit und eine andere Wohnung suchen, denn nach Ablauf der Frist wirst du dieses Anwesen hier für immer verlassen.«
   Marco öffnete das Kuvert und linste auf den Scheck. »Apanage – welch vornehmes Wort für dieses mickrige Taschengeld.«
   »Sei lieber froh, denn wenn es nach Vater gegangen wäre, säßest du jetzt auf der Straße«, konterte Silvio. »Mutter hat für dich gekämpft und am Ende durchgesetzt, dass du nach der Haft wenigstens eine Zeit lang unterstützt wirst.« Er machte eine kurze Pause. »Und du sagst, sie hätte dich nicht geliebt.«
   »Sie hat mich kein einziges Mal besucht. Keiner von euch. Sie haben mich enterbt!«
   »Was hast du denn erwartet?«, fuhr Silvio auf. »Du hast den Namen unserer Familie durch den Dreck gezogen. Was du diesem Mädchen angetan hast, mein Gott!«
   »Ja, ja, ja, ich habe aber doch dafür bezahlt, oder etwa nicht? Ich bin rehabilitiert. Also behandle mich nicht wie einen Aussätzigen.«
   »Ich schäme mich, dein Bruder zu sein und es kotzt mich an, dass meine Familie und ich gezwungen sind, mit einem Vergewaltiger und Frauenschläger unter einem Dach leben zu müssen«, zischte Silvio mit zusammengebissenen Zähnen und machte einen energischen Schritt auf ihn zu. »Für mich bist du Abschaum, damit du es weißt.«
   Marco machte eine wegwerfende Handbewegung. »Was heißt Vergewaltiger? Ich habe mir nur genommen, was mir einst freiwillig dargeboten wurde. Irgendwie ist dann alles ein bisschen aus dem Ruder gelaufen, das gebe ich ja zu. Aber zu deiner Beruhigung – ich spaziere schließlich nicht durch die Gegend und schnappe mir jede Frau, die nicht bei drei in ihrem Haus verschwunden ist. So was habe ich nicht nötig. Du kannst also beruhigt rübergehen zu deinem Weibchen und weiterhin perfekte heile Welt spielen.« Er ging zur Tür und öffnete sie in unmissverständlicher Weise. »Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen möchtest. Ich würde diese Unterhaltung zwar liebend gern fortsetzen, aber ich muss mir unbedingt noch überlegen, welche Frau mein nächstes Opfer sein wird.« Seine Stimme troff vor Sarkasmus.
   Silvio drehte sich auf der Schwelle zu ihm um und starrte ihn hasserfüllt an. Einen Moment lang schien es, als wollte er die Hand gegen ihn erheben, doch dann besann er sich eines Besseren. »Weißt du, ich werde mich an Mutters Wunsch halten und dich Arschloch hier dulden. Aber wenn du meiner Frau oder meiner Tochter auch nur nahekommst, fliegst du in hohem Bogen raus, das garantiere ich dir.« Mit diesen Worten ließ er ihn stehen und eilte mit großen Schritten nach Hause, zurück in die beruhigende Normalität.
   »Schönen Abend noch«, rief Marco ihm hinterher und knallte die Tür zu.

Kapitel 6

Wie heißt es doch so schön? Das Leben schrieb einfach die unglaublichsten Geschichten. Emma konnte es immer noch nicht fassen. Da traf sie sich mit ihrem Vater und dessen neuer Flamme zu einem Pflichtessen beim Italiener, und was passierte? Sie fand ihre lange als verschollen geglaubte Kindheitsfreundin wieder.
   Lisa Winterfeld. Ihr eigentlicher Name lautete Annalisa, doch sie hatte schon im zarten Grundschulalter klargestellt, dass sie Lisa genannt werden wolle. Die Abkürzung Anna sei ihr zu altmodisch.
   Sie waren über zehn Jahre die besten Freundinnen. Ihre Familien waren Nachbarn, und Lisa und sie besuchten denselben Kindergarten, dieselbe Grundschule und dasselbe Gymnasium. Sie sahen sich tagtäglich und wuchsen praktisch wie Geschwister auf. Lisas Vater, der in einem internationalen Unternehmen beschäftigt war, wurde später in eine gehobene Position in die Geschäftsführung nach Mailand versetzt. Nachdem die Familie das Für und Wider eines Umzugs ins Ausland abgewägt hatte, entschloss sie sich am Ende für den Sprung ins kalte Wasser.
   Emma war damals untröstlich gewesen. Und obwohl sie sich hoch und heilig versprochen hatten, in Verbindung zu bleiben, war der Kontakt im Laufe der Zeit abgerissen. Emma hatte oft an ihre Freundin gedacht und sich gefragt, was wohl aus ihr geworden war.
   Es erschien seltsam, dass sie sich so gut verstanden. Sie waren sowohl äußerlich als auch charakterlich vollkommen unterschiedlich. Lisa war immer schon groß, schlank, sportlich und offen für alles Neue. Langes, blond gelocktes Haar umrahmte ein engelhaftes Gesicht mit großen, wissbegierigen Augen und einem perfekten kleinen Schmollmund. Sie war unglaublich witzig und charmant und immer zu Späßen aufgelegt. Die Jungs liefen ihr scharenweise hinterher.
   Emma war mehr die Introvertierte, Bedachte. Von Haus aus eher schüchtern und zurückhaltend, suchte sie sich ihre Freunde sehr genau aus und ließ sich nicht so leicht von Äußerlichkeiten blenden. Für sie galten nur Fakten. Von der Statur her kleiner und zarter, war sie irgendwie das komplette Gegenteil von Lisa. Wenn sie zusammen unterwegs waren und dank Lisa unweigerlich neue Leute kennenlernten, hielt sich Emma lieber im Hintergrund und beobachtete erst mal. Ihr lag nichts daran, die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen. Zwar kam sie sich oft unsichtbar vor, doch nichtsdestotrotz genoss sie ihre Freundschaft zu Lisa in vollen Zügen. Sie ergänzten sich einfach perfekt.

Sie saßen in Emmas kleiner Küche zusammen bei einem Glas Chianti und Lisas Pizza und erzählten sich in Kurzfassungen ihren jeweiligen Lebenslauf.
   »Also, Krankenschwester bist du geworden. Wolltest du nicht mal Medizin studieren und Anästhesistin werden?«
   »Da war ich zwölf. Außerdem hab ich lieber mit wachen Patienten zu tun. Na ja, und um ehrlich zu sein, so ein langes Studium wäre nichts für mich gewesen.«
   »Kann ich mir gar nicht vorstellen. Du warst doch immer so eine Streberin.«
   »Hey, das stimmt doch gar nicht.« Emma gluckste. Wann hatte sie sich das letzte Mal so wohlgefühlt?
   Sie lachten und sprachen über vieles an diesem Abend. Schließlich kam das Gespräch auf Emmas Mutter.
   »Oh, Emma! Das tut mir sehr leid. Sie war eine klasse Frau«, sagte Lisa. Ihre eigene Mutter, eine erfolgreiche Landschaftsgärtnerin, war immer mehr mit sich und ihren zahlreichen ehrgeizigen Projekten beschäftigt und hatte für ihre einzige Tochter wenig Zeit. Nicht umsonst hatte Lisa fast ihre gesamte Freizeit bei den Capells verbracht.
   »Ja, und heute durfte ich ihren Ersatz kennenlernen, kannst du dir das vorstellen?«, fragte Emma verdrossen und trank ihr Glas aus. »Hast du meinen Vater denn nicht gesehen?«
   »Nein, ich wollte eigentlich nur eine Pizza zum Mitnehmen, und da es so lange gedauert hat, bin ich schnell aufs Klo gegangen«, meinte Lisa. »Ich hab nicht groß auf die Gäste geachtet. Und, wie ist sie denn so?«
   »Na ja. Du müsstest sie schon selbst kennenlernen, um dir ein Bild machen zu können. Aber sie scheint es ehrlich mit meinem Vater zu meinen, und er ist so glücklich wie lange nicht mehr.« Nachdenklich betrachtete sie ihre Fingernägel. »Und was ist mit deinen Eltern? Leben sie noch in Italien?«
   Sie konnte sich noch gut an das groß gewachsene, elegante Ehepaar erinnern, in deren Heim sie einst ein und aus gegangen war. Meistens waren sie zwar nicht zu Hause, aber wenn zufällig beide anwesend waren, konnten sie wegen jeder nichtigen Kleinigkeit lebhaft diskutieren. Auf Emma machten sie keinen besonders harmonischen Eindruck. Zumindest im Vergleich zu ihrer eigenen Familie. Eine wohlige Wärme und Dankbarkeit stieg in ihr auf.
   »O ja, die fühlen sich pudelwohl in Mailand, obwohl sie oft davon sprechen, früher oder später wieder nach Augsburg zu ziehen.«
   »Also sind sie immer noch glücklich miteinander?«
   »Weil sie sich früher immer gestritten haben, meinst du? Manchmal sind sie wirklich wie Hund und Katze, aber ich sag immer, was sich liebt, das neckt sich. Im Großen und Ganzen würde ich meinen, dass sie immer noch glücklich miteinander sind.« Lisa musterte Emma, wie sie nachdenklich mit ihrem Armkettchen spielte. »Und du? Bist du glücklich?« fragte sie sanft.
   Emma sah auf. »Ich?« Sie zuckte die Achseln. »Also, ich war schon mal glücklicher, wenn du es wissen willst.«
   »Ein Mann, nehme ich an.«
   Emma lachte freudlos auf. »Was denn sonst …« Sie zögerte einen Moment und dann sprudelte es nur so aus ihr heraus. In einem einzigen Redeschwall erzählte sie Lisa ihre armselige Geschichte.
   »Wow … du Ärmste. So ein Arschloch«, ereiferte sich Lisa, während sich Emma die Augen abtupfte. »Und jetzt?«
   »Ich habe keine Ahnung.« Emma seufzte mutlos.
   Lisa langte über den Tisch, ergriff ihre Hand und drückte sie mitfühlend. »Pass auf, das wird schon. Du wirst sehen.« Sie lächelte Emma aufmunternd an.
   Ach ja, und wie?, wollte sie am liebsten fragen. »Ja, das hoffe ich doch sehr.«
   »Du weißt ja, was dich nicht umbringt, macht dich stärker.«
   Oh, bitte! Wie oft hatte sie sich diese Art Sprüche schon anhören müssen? Sie hasste solche nichtssagenden Floskeln.
   »Nein, im Ernst. Zumindest bei mir war es so …«
   Emma bemerkte, dass sich Lisas Augen verdunkelten, und erwartete, dass sie die geheimnisvolle Andeutung weiter ausführen würde, doch Lisa wechselte nach kurzem Zögern das Thema.
   »Hast du eigentlich noch mit jemand aus der alten Klasse Kontakt?«
   Emma schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Marion ist nach Irland gezogen, soweit ich weiß, und züchtet mit ihrem Mann Schafe.«
   Lisa schnaubte amüsiert.
   »Jessica lebt jetzt in München, und Tommy ist bereits geschieden«, fuhr Emma fort. »Das war zumindest der Stand vor fünf Jahren, als wir uns zum Klassentreffen versammelt haben. Seitdem habe ich nichts mehr von denen gehört. Die anderen leben zwar alle im Umkreis verstreut, aber du weißt ja, wie das ist. Wir haben damals übrigens auch versucht, dich ausfindig zu machen, aber du warst wie vom Erdboden verschwunden.« Sie sah ihre Freundin fragend an.
   »Tja, ich war viel unterwegs«, wich Lisa aus. Sie unterdrückte demonstrativ ein Gähnen. »Oh, schon so spät«, sagte sie mit einem Blick auf ihre teure silberne Armbanduhr. »Ich fahr jetzt besser ins Hotel zurück. Sonntag hast du doch frei, oder?«
   Emma nickte.
   »Okay, dann hol ich dich so gegen zwei Uhr ab«, meinte Lisa, während sie in ihre Jacke schlüpfte. »So haben wir genug Zeit, das Haus anzusehen, bevor es wieder dunkel wird. O Mann, ich hasse Winter!«, sagte sie und schüttelte sich. »Bis Sonntag also. Ciao, Bella!« Und draußen war sie.
   Emma stellte die leeren Weingläser in das Spülbecken und machte sich für die Nacht fertig. So ein Mist, es war fast eins. Sie stellte den Wecker auf fünf Uhr. Bestimmt würde sie nach diesem aufregenden Abend nicht so schnell Schlaf finden. Und wie sollte sie es dann schaffen, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen und ihre Schicht auf der Kinderstation durchzuziehen? Sie hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht, da war sie auch schon eingeschlafen.

Der Samstag verlief mehr oder weniger ereignislos. Das Wetter hatte sich so weit verbessert, dass es nicht mehr regnete, aber es war windig und kalt.
   Nach ihrer Schicht bereitete sich Emma ein leichtes Essen zu und räumte die Küche auf. Was gäbe sie für eine Spülmaschine. Sie kochte gern und gut, nur das Aufräumen war ihr ein Dorn im Auge. Die anderen Hausarbeiten wie Fensterputzen oder sogar Bügeln machten ihr nichts aus, aber Geschirr spülen konnte sie nicht ausstehen. Manchmal zog sie es sogar stundenlang hin und ließ das schmutzige Geschirr einfach in der Spüle stehen, um sich den anderen anfallenden Arbeiten zu widmen. Erst wenn sonst nichts mehr zu tun war, nahm sie wohl oder übel die Küche in Angriff.
   Sie hatte wieder einige leere Umzugskartons aus dem Baumarkt mitgebracht und stellte sie im Schlafzimmer auf. An der Wand neben der Tür hatte sie schon einige aufgestapelt, die fein säuberlich beschriftet waren und ihren Inhalt preisgaben. Bücher, Bettwäsche, Deko … Die neuen Kartons waren für ihre Sommerkleidung bestimmt. Sie legte ihre T-Shirts, Röcke, Bermudas und Bikinis auf dem Bett zusammen und verstaute sie in das erste Pappbehältnis. Bei dieser stumpfsinnigen Arbeit schweiften ihre Gedanken wieder zu dem vorangegangenen Abend. Unglaublich, dass sie Lisa wiedergetroffen hatte.
   Ihre Freundin war zu einer wunderhübschen jungen Frau herangewachsen. Es verwunderte überhaupt nicht, dass sie in Italien einige Jahre gemodelt hatte. Sie spielte sogar in einigen Musikvideos mit und hatte einen Zweijahresvertrag in einer vorabendlichen Spielshow, in der sie als Tänzerin und Co-Moderatorin fungierte. So verdiente sie sich ihr Studium. Sie hatte unter anderem ein Jahr in den Staaten gelebt, wo sie als Au-pair-Mädchen bei einer Familie in Boston arbeitete, um ihre Englischkenntnisse und vor allem ihre Aussprache zu verbessern. Emma musste bei der Erinnerung an gestern Abend lachen, als Lisa eine Parodie ihrer Gastfamilie zum Besten gab. Sie war ein geborener Comedian. Lisa hatte seit ihrem Fremdsprachenstudium – sie sprach fließend Englisch, Italienisch und Spanisch – als Literaturübersetzerin in einer Übersetzungsagentur in Italien gearbeitet. Als diese aufgrund der internationalen Wirtschaftskrise mangels Aufträgen geschlossen wurde und sie wegen privater Probleme, auf die sie allerdings nicht näher einging, sowieso einen Klimawechsel in Erwägung zog, entschloss sie sich, ihr Glück in ihrer alten Heimat zu versuchen. Zudem hatte sie vor Kurzem das Haus ihrer Großmutter geerbt, was letztendlich den Ausschlag für ihre Rückkehr nach Augsburg gab.
   »Das Haus ist wirklich super, Emma!« hatte Lisa ihr vorgeschwärmt. »Nur leider ist die Heizanlage ziemlich hinüber, das muss alles erneuert werden. Na ja, Großmama hat fast das ganze vergangene Jahr im Pflegeheim verbracht, da konnte sie sich nicht um so was kümmern. Bis alles fertig ist, wohne ich im Hotel, aber ich denke, in spätestens zwei Wochen kann ich einziehen.«
   Lisa war so voller Elan und Lebenslust. Spritzig, wie ihre Mutter immer zu sagen pflegte. Emma wurde beinahe neidisch. Schon als kleines Mädchen hatte man Lisa selten deprimiert oder schlecht gelaunt gesehen, sie wirkte wie ein Antidepressivum auf zwei Beinen. Davon könnte sie ihr leicht ein Scheibchen abgeben, sie hätte ein bisschen Energie und gute Laune wirklich nötig.
   Wobei, als sie jetzt so darüber nachdachte, hatte sie gestern Abend für einen Augenblick einen anderen Eindruck. Als Lisa kurz ihre Probleme privater Natur andeutete, meinte Emma, einen Schatten von Unsicherheit, wenn nicht sogar Angst über das schöne Gesicht huschen zu sehen. Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
   Sie holte die Rolle Klebeband und schloss den gepackten Karton. Dann beschriftete sie ihn und hievte ihn auf die anderen. Ihr Schlafzimmer machte jetzt einen kalten und ungemütlichen Eindruck. Aber wo sonst sollte sie die Kartons hinstellen, damit sie nicht im Weg waren?
   Traurig ließ sie sich aufs Bett sinken. Normalerweise sollte sie die Wohnung bis zum ersten März geräumt haben, so war es mit den Wohnungsbesitzern besprochen. Dabei handelte es sich um ein nettes älteres Ehepaar, die auch Emmas Nachbarn waren und sich ihr gegenüber stets freundlich und hilfsbereit gaben. Sie hatten ihr schweren Herzens wegen Eigenbedarf gekündigt, da sie das Appartement ihrer frisch geschiedenen Tochter und ihrer kleinen Enkelin überlassen wollten. Emma war anfangs alles andere als begeistert, wieder auf die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung gehen zu müssen, doch Lennard konnte ihre Besorgnis zerstreuen.
   Lennard Henning. Die Liebe ihres Lebens, wie sie noch vor nicht langer Zeit geglaubt hatte. Die größte Enttäuschung ihres Lebens traf es wohl eher.
   Sie war ihm zum ersten Mal im Fahrstuhl der Kinderklinik begegnet, als sie von ihrer Kaffeepause in der Cafeteria auf die kinderchirurgische Station zurückkehrte. Sie wollte soeben den Knopf für den dritten Stock drücken, als sich eilige Schritte näherten und sich ein Fuß zwischen die sich schließenden Fahrstuhltüren schob. Gleich darauf quetschte sich ein gut aussehender, hochgewachsener junger Mann in die Kabine und lächelte Emma entschuldigend an. »Puh, das war knapp!«
   Emma nickte nur und wusste nicht, wo sie hinschauen, geschweige denn, was sie sagen sollte.
   »In welches Stockwerk müssen Sie?«, fragte er sie freundlich.
   »Ich … in den dritten.« Na super, Emma. Konnte sie nicht mal einen ganz normalen Satz sagen? Gott sei Dank schien sich dieser Adonis seiner Wirkung nicht bewusst zu sein.
   Er drückte auf die Drei und wandte sich ihr zu. Dabei ertappte er sie, als sie ihn verstohlen musterte. Prompt schoss ihr das Blut in die Wangen. Lieber Gott, sie sah wahrscheinlich aus wie eine überreife Tomate.
   »Ach, arbeiten Sie auf der Kinderchirurgischen? Dann kennen Sie vielleicht meinen Neffen, David Haller. Er wurde gestern am Blinddarm operiert«, sagte er und sah sie fragend an.
   Emma bemerkte erst jetzt, dass er ein in buntes Geschenkpapier eingeschlagenes Päckchen in der Hand hielt.
   Rede, dumme Nuss, herrschte sie sich lautlos an. »David Haller? Ja, natürlich, er ist seit gestern bei uns. Wenn ich mich nicht täusche, liegt er in Zimmer fünf, aber ich kann gern noch mal zur Sicherheit nachsehen, wenn Sie möchten.« Na bitte, ging doch. Nur ihre Stimme war eine Oktave höher als sonst.
   Mit einem leisen »Kling« öffneten sich die Fahrstuhltüren und Emma trat mit dem attraktiven Fremden aus dem Aufzug. Er folgte ihr wie ein Hündchen auf die Station, wo sie ihm die Richtung zu Zimmer fünf zeigte. Sie setzte sich an den Schreibtisch hinter dem Informationsschalter, um sich augenscheinlich geschäftig dem Stationsbuch zu widmen.
   »Vielen Dank, Schwester Capell«, sagte er mit einem Blick auf ihr Ansteckkärtchen, ließ ein Lächeln aufblitzen und schlenderte zum Zimmer seines Neffen.
   Emma hatte kaum gemerkt, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Sie atmete langsam und geräuschvoll aus.
   »O Mann, wer war das denn?« Miriam Hegel, Emmas Arbeitskollegin und Freundin, bog aus dem Schwesternzimmer und hatte den gut aussehenden Fremden natürlich sofort entdeckt.
   »Wer?« Emma gab sich betont desinteressiert und studierte die Krankenakten.
   »Na, der Typ grad eben. Den musst du doch auch gesehen haben. Hat der nicht sogar mit dir gesprochen?«
   Emma wandte sich ihr zu und unterdrückte ein Grinsen. Miriam stand herausfordernd vor ihr, beide Hände in die üppigen Hüften gestemmt.
   »Was heißt gesprochen. Er wollte nur eine Information«, räumte sie ein.
   »Und?«
   »Nichts und. Das ist alles.« Hatte Miriam eigentlich nichts anderes zu tun? Sie mochte ihre Kollegin, aber manchmal war deren Art, andere Leute verkuppeln zu wollen, allen voran Emma, einfach nur lästig.
   »Was ist? Sag bloß, der gefällt dir nicht.« Miriam sah sie mit gespieltem Entsetzen an. »Du hast es doch nicht etwa wieder vermasselt, oder?«, wollte sie wissen und musterte Emma mit schief gelegtem Kopf.
   Emma seufzte genervt. »Da gibt es nichts zu vermasseln. Er sucht hier ja schließlich keine Bettgespielin, sondern will seinen Neffen besuchen.«
   Miriam rollte mit den Augen. »Emma, du lernst es nie«, meinte sie im Weggehen.
   Wahrscheinlich stimmte das. Sie war wirklich ein hoffnungsloser Fall, was das andere Geschlecht anging. Sie hatte nicht viel Erfahrung im Umgang mit Männern, und leider auch kein glückliches Händchen, was Beziehungen anging. Mittlerweile redete sie sich wenig erfolgreich ein, eine glückliche Singlefrau zu sein, die mit sich und ihrem einsamen Dasein rundweg zufrieden war.
   Der gut aussehende Fremde besuchte seinen Neffen jeden Tag und kam immer öfter mit Emma ins Gespräch. Er stellte sich als Lennard Henning vor und lud sie irgendwann in die Krankenhauscafeteria ein.
   Emma war fasziniert von seinen Händen. Eigentlich faszinierte sie alles an ihm, aber seine Hände hatten es ihr besonders angetan. Sie waren groß, eckig und gepflegt, mit einem männlichen dunkelblonden Flaum auf den Fingerrücken. Sie stellte sich vor, wie er sie mit diesen Händen liebkoste und … Doch vor allen Dingen trug er keinen Ehering, obwohl das wahrscheinlich nicht viel zu bedeuten hatte. Bestimmt konnte er sich vor entsprechenden Angeboten kaum retten.
   Am Tag von Davids Entlassung hatte sie sich besonders hübsch gemacht und wurde prompt von Miriam aufgezogen. Doch Lennard ließ sich nicht blicken. Das war’s dann wohl, dachte Emma säuerlich. Wäre ja auch zu schön gewesen.
   Und dann klingelte das Telefon.
   »Siehst du, ich hab’s die ganze Zeit geahnt, dass da was zwischen euch läuft«, triumphierte Miriam später. »So, wie er dich immer angeschaut hat …«
   Emma lächelte träumerisch und spielte das kurze Telefonat gedanklich noch einmal durch. »Könnte jemand eifersüchtig werden, wenn ich Sie zum Abendessen einlade?«, hatte Lennard sie gefragt.
   »Das ist endlich mal ein wirklich schöner Anmachspruch«, erklärte Miriam beifällig. »Zu mir hat letztens einer in der Disco gesagt: Hallo! Ich bin vom ADAC und würde dich gern abschleppen. Kannst du dir das vorstellen?« Sie lachte ihr ansteckendes Lachen. »Und dass er dich zum Abendessen in dieses tolle neue Restaurant eingeladen hat. Wow! Wer hätte das gedacht? Unsere kleine Emma …« Sie tänzelte regelrecht um Emma herum und freute sich mit ihr.
   »Aber leider erst übermorgen. Da hab ich dann vier Tage frei, bevor ich in die Nachtschicht wechsle.« Emma verspürte einen kleinen Dämpfer bei dem Gedanken. Womöglich überlegte Lennard es sich bis dahin wieder anders.
   »Hey, Emma, cool bleiben! Den hast du am Haken«, prophezeite Miriam.
   Und sie sollte recht behalten. Lennard und sie wurden ein Liebespaar.
   Was folgte, waren zwei der schönsten Jahre in Emmas Leben. Lennard und sie harmonierten von Anfang an perfekt, es schien, als hätte sie einen Seelenverwandten gefunden. Sie konnten stundenlang miteinander über alles Mögliche reden, ohne sich zu langweilen. Sie hatten denselben Humor und dieselben Geschmäcker, was Filme, Bücher, Urlaubsziele oder Essen und Trinken anging. Und auch beim Sex erwies sich Lennard als gefühlvoller, romantischer und einfallsreicher Liebhaber, so, wie Emma es mit ihrer geringen Erfahrung noch nie erlebt hatte. Ihr Spaß war ihm genauso wichtig wie sein eigener. Womit hatte sie so ein Glück verdient?, fragte sie sich beinahe schuldbewusst. Eigentlich war es fast zu schön, um wahr zu sein, dachte sie manchmal, während ihre Freunde Wetten abschlossen, wann die Hochzeit steigen würde.
   Dann kam die Kündigung von Emmas Vermieter und das war der Anfang vom Ende.
   Zuerst schien noch alles in Ordnung. Als sie Lennard erschüttert davon erzählte, nahm er sie in den Arm und tröstete sie liebevoll.
   Das sei doch eine Art Wink mit dem Zaunpfahl, meinte er und lachte, küsste sie auf die Nasenspitze und sah sie spitzbübisch an. Das Schicksal wolle ihnen damit sagen, dass sie nach zwei Jahren Beziehung nun in ein neues Level eingetreten seien und es sei jetzt wirklich an der Zeit, zusammenzuziehen.
   Emma beugte ihren Oberkörper zurück, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Sie musterte ihn aufmerksam und suchte nach einer Spur Zweifel oder Unaufrichtigkeit in seinen wunderschönen Augen. Seine Äußerungen hatten sie zwar getröstet, aber sie wollte auf keinen Fall, dass er sich in irgendeiner Weise verpflichtet fühlte, sie bei sich einziehen zu lassen. Denn darauf würde es hinauslaufen, da er ein traumhaft großes Loft auf zwei Etagen in der Innenstadt besaß. Bisher hatten sie noch nie über dieses Thema gesprochen, und jetzt kam ihr alles ein bisschen überstürzt vor. »Bist du sicher?«, hatte sie gefragt. »Absolut«, lautete die Antwort. »Mach dir keine Sorgen, alles wird gut.«
   Immer wieder sprach sie ihn darauf an und fragte ihn, ob er nicht doch ein für ihren Geldbeutel geeignetes Objekt für sie wisse, da er ja als Immobilienmakler in der Firma seines Vaters arbeitete. »Henning & Henning« war ein stadtbekanntes Maklerbüro. Sie wollte ihn natürlich auf die Probe stellen, wissen, ob er ihr wirklich aus freien Stücken und mit ganzem Herzen dieses Angebot gemacht hatte, oder ob er sich dankbar auf die Brücke begab, die sie ihm baute. »Ja«, sagte er, »es gibt da eine große Wohnung im Zentrum, der einzige Nachteil wäre, dass du dir das Apartment mit einem knackigen, intelligenten und unglaublich liebebedürftigen jungen Mann teilen musst. Macht dir das was aus?«
   »Wie liebebedürftig?«, flüsterte sie atemlos.
   »Komm mit, ich zeig’s dir«, erwiderte er zärtlich, hob sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer.
   Es war also beschlossen, Emma sollte sobald wie möglich bei ihm einziehen. Durch ihren stressigen Schichtplan und Lennards ebenfalls lange Arbeitszeiten verzögerte sich die Angelegenheit allerdings um mehrere Wochen. An manchen Tagen sahen sie sich überhaupt nicht und telefonierten nur miteinander. Irgendwie schaffte sie es nicht, mit ihm die Umzugspläne durchzugehen. Sie scheute sich, die Angelegenheit von sich aus zur Sprache zu bringen und hoffte immer, dass er den Anfang machte. Und auch mit dem Packen ging es nur langsam voran. Als das Auszugsdatum schließlich immer näher rückte, beschloss Emma, die Sache ernsthaft in die Hand zu nehmen, sonst würde sie bald ohne Dach über dem Kopf dastehen. Sie trug ein paar fertig gepackte Kisten zu ihrem Wagen und nahm den Meterstab mit, um in Lennards Wohnung verschiedene Wände für ihre eigenen Möbel auszumessen. Da sie wusste, dass er an diesem Abend eine Konferenz hatte und vor neun Uhr nicht zu Hause wäre, nahm sie seinen Schlüssel, den er ihr für solche Fälle gegeben hatte, und machte sich auf den Weg.
   Was folgte, würde sie wahrscheinlich nie vergessen. Ahnungslos fuhr sie mit dem Lift nach oben und schloss summend die Wohnungstür auf. Er hatte schon wieder vergessen, abzusperren. Sie lächelte in sich hinein und trug einen Karton in das geräumige Wohnzimmer. Auf halben Weg vernahm sie Geräusche aus der oberen Etage.
   Emma erstarrte. Sie stellte vorsichtig die Kiste auf dem riesigen Glastisch ab und lauschte. Da hörte sie es wieder. Leises, melodisches Lachen perlte an ihr Trommelfell, gefolgt von Geflüster und Getuschel. Emma wurde es kalt bis in die Knochen und ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie schloss die Augen und dachte nur nein, bitte nein, lass es nicht wahr sein. Ihr erster Impuls war, sofort die Wohnung zu verlassen, aber irgendwie wurde sie magisch von den Geschehnissen angezogen, als wollten sich ihre Augen davon überzeugen, was ihr Herz schon wusste. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und hielt sich krampfhaft am Geländer der Treppe fest, um nicht zu stolpern. Es schien, als hätten sich ihre Beine in Gummi verwandelt. Als wäre sie ferngesteuert und hätte keinen freien Willen mehr, näherte sie sich wie in Trance Lennards Schlafzimmer und stieß die nur angelehnte Tür zaghaft auf.
   Vor ihren Augen spielte sich eine Szene wie aus einem billigen Pornofilm ab. Eine halb nackte dunkelhaarige Schönheit saß rittlings auf Lennard und ritt ihn wie ein wildes, störrisches Pferd. Der zweibeinige Hengst und seine Gespielin waren so in ihre Aktivität vertieft, dass sie sich Emmas Anwesenheit erst bewusst wurden, als diese ein tiefes, schmerzhaftes Stöhnen aus den innersten ihrer Eingeweide von sich gab. Lennard schlug die Augen auf, sah Emma, rief »Scheiße!« und warf seine Reiterin heftig von sich hinunter, sodass sie unsanft zwischen Bett und Wand landete.
   »He, du Idiot!«, beklagte sie sich, doch Lennard achtete nicht auf sie.
   Er schnappte sich seine Jeans und versuchte, sie im Laufen anzuziehen. »Emma, warte!«, rief er und stolperte hinter ihr her.
   Aber Emma bekam von alldem kaum noch etwas mit. Sie taumelte halb blind vor Tränen die Treppe hinunter, zur Tür hinaus und rannte schluchzend zu ihrem Auto. Durch den Schock, den sie erlitten hatte, baute sie beinahe einen Unfall und musste, von Weinkrämpfen geschüttelt, an den Straßenrand fahren, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

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