Die Medien nennen ihn Wolf – nach der uralten Sage des Krüzloh-Waldes, in dessen Schatten das Böse in Wolfsgestalt umgehen soll. Wolf, weil er sich in der Einsamkeit märchenhafter Wälder auskennt und sicher fühlt. Wolf, weil er unerkannt rothaarige Mädchen verführt, ehe er sie sich einverleibt. Wolf, weil die Menschen fürchten, dass er bald ein weiteres Rotköpfchen in seinen Fängen haben wird. Wie bald wird die nächste Tote gefunden? Nackt. Kahlgeschoren. Aufgebahrt im finsteren Herzen des Krüzloh …

Die heimliche Liebe eines Mädchens. Die verlorene Liebe eines jungen Mannes. Die obsessive Liebe eines Mörders. Drei Menschen, deren Schicksale kaum verhängnisvoller miteinander verknüpft sein könnten.

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-53-188-2
Kindle: 978-9963-53-190-5
pdf: 978-9963-53-187-5

Zeichen: 527.383

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-186-8

Seiten: 336

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Sabine Ludwigs

Sabine Ludwigs
Sabine Ludwigs wurde in Dortmund geboren und wuchs auch dort auf. Zur Schriftstellerei fand sie 2004 und trat kurz darauf in einer Krimi-Anthologie erstmals als Autorin in Erscheinung. Bis etwa 2010 verfasste sie ausschließlich Kurzprosa. Es folgten zahlreiche Publikationen in Anthologien, Hörbüchern und Zeitungen. 2011 erfolgte Ludwigs erste Einzelveröffentlichung: eine Kurzgeschichtensammlung (Krimis, Thriller). 2012 erschien ihr Debütroman, dem weitere Romane folgten. Inzwischen veröffentlicht die Autorin vorwiegend Unterhaltungsromane. Sabine Ludwigs Schreibstil ist ausdrucksstark, packend, eindrücklich - egal, welches Thema sie aufgreift. Sie schafft es, Spannendes und Gefühlvolles gekonnt miteinander zu verknüpfen und ihre Leser zu bewegen. Sie erhielt den Friedes-Literaturpreis des Berliner Kulturrings sowie den Literaturpreis Ideale Stiftung. Die Autorin lebt als Freiberuflerin mit ihrer Familie in Lünen an der Lippe im Ruhrgebiet. Bisher verfasste Titel: „Die Totmacher“, „Der Sommer mit dem Erdbeermädchen“, „Meine Seele weiß von dir“, „Acht Tage bis zur Ewigkeit“, „Winterspaß und Weihnachtszauber“, „Stirb! Rotköpfchen“ und zuletzt „Winterlicht“. 2018 erscheint ihr Psychothriller „Ausgeburt“.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Vorwort

Le Petit Chaperon Rouge (Rotkäppchen)
nach
Charles Perrault, Schriftsteller
* 1628 † 1703

Es war einmal in einem Dorf ein junges Mädchen, das hübscheste, das man sich vorstellen konnte. Seine Mutter war ganz in das Kind vernarrt, und noch vernarrter war seine Großmutter. Diese gute Frau ließ ihm ein rotes Käppchen machen, und weil ihm das so gut stand, nannte man das Mädchen bald überall nur Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter, die gerade Fladen gebacken und zubereitet hatte, zu ihm: »Sieh einmal nach, wie es deiner Großmutter geht, denn man hat mir gesagt, sie sei krank. Bring ihr einen Fladen und diesen kleinen Topf Butter.«
   Rotkäppchen lief sogleich davon, um zu seiner Großmutter zu gehen, die in einem anderen Dorf wohnte. Als es durch einen Wald kam, traf es den Gevatter Wolf, der große Lust hatte, es zu fressen – doch er wagte es nicht wegen der Holzfäller, die im Wald waren. Da fragte er das Rotkäppchen, wohin es gehe.
   Das Mädchen, das nicht wusste, dass es gefährlich war, stehen zu bleiben und einem Wolf zuzuhören, antwortete ihm: »Ich besuche meine Großmutter und bringe ihr einen Fladen und einen kleinen Topf Butter, die ihr meine Mutter schickt.«
   »Wohnt sie denn sehr weit weg?«, fragte der Wolf.
   »O ja«, sagte das Rotkäppchen, »es ist noch ein Stück hinter der Mühle, die Ihr da unten seht, im ersten Haus vom Dorf.«
   »Ah, wie schön!«, entgegnete der Wolf. »Denn ich will sie auch besuchen. Ich nehme diesen Weg hier, und du, du gehst den anderen Weg dort. Mal sehen, wer eher da ist.«
   Der Wolf lief aus Leibeskräften den Weg, der kürzer war, und das junge Mädchen ging den längeren Weg, wobei es seine Freude daran hatte, Haselnüsse zu sammeln, Schmetterlingen nachzujagen und Sträuße aus Blumen zu binden, die es pflückte.
   Der Wolf brauchte nicht lange, um zum Haus der Großmutter zu gelangen. Er klopfte an: Poch, poch, poch.
   »Wer ist da?«
   »Ich bin Euer Enkeltöchterchen Rotkäppchen«, sagte der Wolf, indem er seine Stimme verstellte, »und ich bringe Euch einen Fladen und einen kleinen Topf Butter, die Euch meine Mutter schickt.«
   Die Großmutter, die im Bett lag, weil sie ein wenig krank war, rief ihm zu: »Zieh den Pflock, dann fällt der Riegel.«
   Der Wolf zog den Pflock, und die Tür ging auf. Er stürzte sich auf die gute Frau und verschlang sie im Nu, denn er hatte schon seit drei Tagen nichts gefressen. Darauf schloss er die Tür wieder, ging hin und legte sich in das Bett der Großmutter, um dort auf das kleine Rotkäppchen zu warten, das einige Zeit später kam und an die Tür klopfte: Poch, poch, poch.
   »Wer ist da?«
   Als Rotkäppchen die raue Stimme des Wolfs hörte, fürchtete es sich erst. Aber weil es meinte, die Großmutter sei erkältet, gab es zur Antwort: »Ich bin Euer Enkeltöchterchen Rotkäppchen und bringe Euch einen Fladen und einen kleinen Topf Butter, die Euch meine Mutter schickt.«
   Der Wolf rief ihm zu, indem er seine Stimme ein wenig sanfter machte: »Zieh den Pflock, dann fällt der Riegel.«
   Rotkäppchen zog den Pflock, und die Tür ging auf.
   Als der Wolf sah, dass es hereinkam, versteckte er sich im Bett unter der Decke und sagte zu ihm: »Ach, stell den Fladen und den kleinen Topf Butter auf den Backtrog und leg dich zu mir.«
   Rotkäppchen zog sich aus, ging hin und legte sich in das Bett, wo es zu seiner allergrößten Verwunderung sah, wie seine Großmutter ohne Kleider beschaffen war. Und es sagte:
   »Großmutter, was habt Ihr für große Arme!«
   »Damit ich dich besser umfangen kann, mein Kind!«
   »Großmutter, was habt Ihr für große Beine!«
   »Damit ich besser laufen kann, mein Kind!«
   »Großmutter, was habt Ihr für große Ohren!«
   »Damit ich dich besser hören kann, mein Kind!«
   »Großmutter, was habt Ihr für große Augen!«
   »Damit ich dich besser sehen kann, mein Kind!«
   »Großmutter, was habt Ihr für große Zähne!«
   »Damit ich dich besser fressen kann!«
   Und mit diesen Worten stürzte sich der böse Wolf auf Rotkäppchen und verschlang es.

Moral

Hier sieht man, dass ein jedes Kind und dass die kleinen Mädchen (die schon gar so hübsch, so fein und so wunderbar!) sehr übel tun, wenn sie zu vertrauensselig sind. Und dass es nicht erstaunlich ist, wenn dann ein Wolf so viele frisst.
   Ich sage »ein Wolf«, denn alle Wölfe haben beileibe nicht die gleiche Art! Da gibt es welche, die sind ganz zart, ganz freundlich, leise. Ohne Böses je zu sagen, gefällig, mild, mit artigem Betragen, die jungen Damen scharf ins Auge fassen. Und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen. Doch ach, ein jeder weiß, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben!

Prolog

An einem herrlichen Sommertag, gegen elf Uhr vormittags, haben sie unsere Jule im achteckigen Tempel der Ruhe im Bodelschwingher Wald gefunden.
   Sechzehn Jahre jung. Nackt. Ohne Haare. Tot.
   Sie lag in der Mitte des offenen Oktogons, dessen Kuppeldach von acht mit Efeu berankten Säulen getragen wird. Hier hatte jemand ihren Leichnam vor dem Urnensockel, der schon lange keine Urne mehr trägt, aufgebahrt.
   Stehen die schmiedeeisernen Torflügel zu diesem kleinen Adelsfriedhof auf, wirkt er wie die Kulisse für einen Mystery-Thriller, mit zum Teil immergrünen Baumriesen, mannshohen Büschen und gepflegten, jahrhundertealten, um den Tempel angeordneten Gräbern, die aus der Grasdecke zu wachsen scheinen.
   Und nicht zuletzt wegen der massiven Grabplatte mit den sechs eisernen Trageringen, die vor den Stufen zum Tempel in die Erde eingelassen ist. Diese Platte verschließt den einzigen Zugang zu der darunterliegenden Krypta; gleichzeitig symbolisiert sie eine Brücke zu der Welt der Toten.
   Eine Diesseits-Jenseits-Brückenplatte.
   An sonnigen Tagen herrschen hier schattendurchwirktes Licht, Frieden und Melancholie, und nachts völlige Dunkelheit, Stille und Unergründliches. Ein Dunst scheint in der Luft zu liegen, der den Konturen ihre Schärfe nimmt. Stets ist es um einige Grad kälter als an anderen Stellen im Wald. Und stiller. Zumindest fühlt es sich so an.
   Wegen all dem zieht der versteckte Friedhof unweigerlich die Aufmerksamkeit derer auf sich, die ihn passieren; wie die des Lepidopterologen vor vier Jahren, an jenem sechsundzwanzigsten August, als er unsere Jule fand.
   Sie lag auf dem Rücken, die Arme neben sich, und ruhte auf einer Aufschüttung aus Laub und weichblättrigen Zweigen. Auf ihrem Körper spreizte sich ein Schwarm leuchtend blauer Großer Schillerfalter. Es waren Hunderte. Im prachtvollen Farbenspiel der Männchen ging die unscheinbare braune Färbung der Weibchen unter.
   Unzählige Male habe ich versucht, mir das blaue Schillerwogen vorzustellen. Die glänzende Masse hauchdünner Schuppenflügel, ihre Farbreflexe und Zartheit. Das trockene Rascheln, wenn sie die Flügel bewegten. Es muss ein prächtiges Schmetterlingsgespinst gewesen sein, das Jule bedeckte. Geradezu märchenhaft.
   Ich weiß das deshalb so genau, weil der Schmetterlingskundler es der Tratschtante Pätsch in allen Einzelheiten schilderte. Denn natürlich stand Martha Pätsch an diesem Mittwoch als eine der ersten Gaffer vor Ort. Sie, mit dem Aussehen eines begierigen, robusten Mopses, der Schlupfjeans und Sportschuhe trägt, lauerte an der Polizeiabsperrung. Und die Tratschtante kannte keinerlei Hemmungen, den Schmetterlingsmann auszufragen. Natürlich versäumte sie es nicht, das Erfahrene im Ort zu verbreiten. Zumal der Mann ein schauerliches Detail fallen ließ.
   Nämlich, dass diese Falter einen besonders stark ausgeprägten Geruchssinn haben und zu den wenigen Arten zählen, die sich nicht von Blütennektar ernähren. Sie schweben an späten Vormittagen aus den Wipfeln der Bäume herab. Hinunter zu feuchtkühlen Waldrändern oder Lichtungen, wo sie sich an Wasser laben, an Exkrementen.
   Und an Aas.
   An totem Fleisch.
   Als die Pätsch das unter die Leute brachte, tat sie es mit einem bedeutsamen Flüstern bei den letzten beiden Worten, dem Tüpfelchen auf dem i. »Totem Fleisch.«
   Das Flüstern wurde aufgenommen und von unsichtbaren Mündern weitergetragen. In Geschäfte, Wartezimmer, auf Plätze und Straßen. An Bushaltestellen. Auf den Markt, in Schulen. Überallhin. Man konnte es hören, ob man wollte oder nicht: »Blaue Schillerfalter … fressen … totes Fleisch.«
   Flüsterflüsterflüster. Wie das leise Rascheln lichter Schillerfalterknisterflügel.
   Es passte absolut in die morbide Szenerie und zu der Art, wie Jule den Tod fand: Jemand hatte seine Finger in den Hals meiner Cousine gegraben und ihr beim leisen Sterben zugesehen.
   Ein Kampfsportgriff, der tödlich enden kann, wenn man ihn bis zum Ende anwendet. Ein Morote-Shime, vermuteten sie. Ich habe gehört, wie die ermittelnde Kommissarin, sie hieß Brühl, das meinen Eltern erklärte. Familienmitglieder werden ebenfalls vernommen. Reine Routine. Deshalb saß die Polizistin mit ihrer Kollegin bei meinen Eltern im Wohnzimmer. Sie tranken Eistee. Ich weiß noch, wie ätzend ich es fand, dass sie wie beim Fünfuhrtee zusammenhockten und über Jules Ende sprachen.
   Morote-Shime ist das japanische Wort für diesen tödlichen Griff. Shime meint würgen, zusammendrücken. Morote heißt wohl so viel wie beidhändig. Macht zusammen Würgen mit beiden Händen. Was irreführend ist, da bei dieser Technik niemand erwürgt wird. »Nicht im wörtlichen Sinne«, erläuterte die Kommissarin. Das sagte sie tatsächlich. »Vielmehr hat der Täter sein Opfer getötet, indem er ihm an beiden Seiten des Halses fachkundig die Halsschlagadern, Carotis-Sinus, komprimierte.« O-Ton Brühl, die anteilnehmend wie eine Zerlegemaschine vorging.
   Jedenfalls verhindert das anhaltende Komprimieren die Durchblutung des Gehirns. An der Gabelung der Halsschlagadern verläuft der Nervus Vagus in direkter Nähe der sich aufteilenden Arterien. In der vorherrschenden Enge kann der Nerv nirgendwohin ausweichen. Ein starker Druck auf ihn hat unweigerlich seine Aktivierung zur Folge.
   Ich habe gegoogelt, was das bedeutet. Ohne meinen Bruder Eliah, der nichts damit zu tun haben wollte. Es bedeutet, dass der Aktivierung des Nervs ein rapider Abfall von Blutdruck und Herzfrequenz folgt. Das Gehirn wird nicht mit frischem Blut und Sauerstoff versorgt. Es bedeutet, dass es binnen Sekunden zum Kreislaufzusammenbruch kommt.
   Man nennt das Blutwürgen.
   Ein unbekannter Abschaummann hatte Jule also nicht erwürgt, indem er ihr die Luft zum Leben nahm. Sondern das Blut. Den Lebenssaft.
   Die höchste Ebene des Gehirns ist das Bewusstsein. Das verliert ein Opfer zuerst. Jule muss sofort ohnmächtig geworden sein. Es folgten sekündlich weitere Funktionsausfälle. Nach etwa drei Minuten kam es zu irreversiblen Hirnschäden. Schließlich zum Tod infolge Sauerstoffmangelschadens des Gehirns. Binnen Kurzem. Zehn Minuten. Höchstens. Wahrscheinlich weniger.
   Leif hat mir das bestätigt. Ich habe ihn gefragt, weil er das als Träger des schwarzen Gurts wissen muss. Er legte es mir auseinander, ohne nachzuhaken, weshalb ich es wissen wollte. Obwohl er der zurückhaltende Typ ist, redete er sich in Begeisterung. Abschließend meinte er, Ju-Jutsu diene der Verteidigung, nicht dem Angriff oder um jemandem zu schaden. Das sei eine der Philosophien.
   Na klar. Waffen töten keine Menschen. Kampfsport tötet keine Menschen. Menschen töten Menschen. Aber eben mit Waffen oder durch Kampfsport. Deshalb suchen die Bullen nach einem Blutwürger, der Jules schulterlanges rotes Haar geschoren und mitgenommen hat.
   Jedes einzelne.
   Als wäre es reif zur Ernte gewesen.
   Im Gegensatz zu meinem Bruder Eliah habe ich Jule vor ihrer Einäscherung nicht mehr sehen dürfen. Unsere Eltern waren in Sorge, dass ich in meinem Alter (ich war zwölf) Jules Anblick nicht verkraften könnte.
   Ich gehorchte. Nicht zuletzt, weil ich ahnte, dass sie recht hatten. Eliah, er ist viereinhalb Jahre älter als ich, ging zu der Trauerfeier. Er sagte, er müsse sie noch einmal sehen, um zu begreifen, dass sie wirklich tot ist. Nachher erzählte er, dass Jule in ihrem himmelblauen Sarg auf eigenartige Weise friedlich und wunderschön ausgesehen hätte.
   »Weiße Haut, haarlos, zart und zerbrechlich, als wäre sie nicht von dieser Welt. Als wollte sie uns zeigen, dass sie jetzt ein überirdisches Wesen ist«, drückte er sich aus. »Ein Wesen, das tief und fest im Schlaf liegt.«
   Obwohl ich fantastische Wortbildungen, schöne Formulierungen und klangvolle Sätze liebe, fand ich es gestelzt, ja kitschig ausgedrückt. Andererseits habe ich gelernt, dass der Tod uns Seltsames tun, fühlen und denken lässt. Und manchmal spricht man es eben aus. Das kann schon mal gekünstelt wirken.
   Und vielleicht war es Jule tatsächlich auf überirdische Art gelungen, zu zeigen, dass sie in unserer Nähe war. Wer kann das mit Gewissheit bestreiten?
   Es hatte jedenfalls etwas von guten Mächten wunderbar geborgen, weshalb es Jules Eltern Nicole und Martin, meine Eltern und unsere Großeltern tatsächlich irgendwie tröstete. Ein winziges bisschen.
   Mich tröstete verrückterweise die Tatsache, dass die schillernden Falter schneller als die Schmeißfliegen bei Jule gewesen waren, dass ihr Körper nicht von fetten, metallfarbenen Leichenfressern bedeckt war, sondern von lichten blauen Schmetterlingsflügeln.
   Ich habe gelesen, Fliegen mögen die Farbe Blau nicht. Deshalb hat man in früheren Zeiten Vorratskammern und Küchen in dieser Farbe gefliest oder gestrichen. Auch Fensterrahmen und Türen. Möglicherweise ist etwas Wahres dran und das blaue Leuchten hat die widerlichen Biester von Jule ferngehalten.
   Wenn die Natur ihren Lauf nehmen muss, will ich lieber von Edelschmetterlingen aufgesaugt, anstatt von Aasfliegen gierig gefressen zu werden, die nebenher auch noch ihre Eier und Maden in mich pflanzen.
   Das ist für mich wie Engel und Teufel.
   Himmel und Hölle.

Der Tag der Urnenbeisetzung sowie die unbeschreiblichen Wochen und Monate danach gehören bis heute zu meinen schlimmsten. Das wird vermutlich bis an mein Lebensende so bleiben.
   Nach Jules Tod ist natürlich vieles anders geworden. Ich leide an Angstträumen, in denen ich durch den Wald irre, verfolgt von einem Verfolger, den ich nicht sehen kann. Aber ich höre ihn. Das Rascheln seiner Schritte. Das Hecheln seines Atems. Er treibt mich auf den Friedhof zum Tempel der Ruhe.
   In meinen Träumen flattern Schwärme blauer Schmetterlinge auf, handtellergroß. Hier finde ich Jule und blicke in ihr fahles Gesicht. Weinend beuge ich mich über sie. Da schlägt sie die Augen auf, und die Hornhäute darin sind wie aus Gaze. Ihr toter Blick entreißt mir Schreie, die mich aus dem Schlaf schrecken lassen.
   Gott sei Dank haben die Träume abgenommen. Ganz verschwunden sind sie nie – wie auch eine unterschwellige Besorgnis meiner Mutter nie ganz verschwinden wird.
   Die ersten Monate waren die schlimmsten. Da ließ sie mich kaum aus den Augen und war übervorsichtig. Das hat sich glücklicherweise geändert. Sie übertreibt es nur noch selten. Aber damals habe ich das Rumgeglucke gebraucht, habe mich gern in die Arme nehmen und wiegen lassen, als wäre ich ein Kleinkind. »Er wollte ihre Haare haben. Oder?«, fragte ich einmal. Es waren ihre roten Haare, die er wollte.«
   »Ja.«
   »Aber warum hat er sie totgemacht?« Diese Frage traute ich mich nur leise zu stellen.
   »Ich kenne den Grund nicht«, hatte sie zurückgeflüstert. »Beim besten Willen nicht. Wer weiß, was in Menschen vorgeht, die so etwas tun. Oft genug wissen sie es selbst nicht. Es passierte eben, sagen sie. Es passierte eben, und auf einmal lag sie da und war tot.«
   Ich versuchte, das nachzuempfinden. Aber wie stellt man sich Unvorstellbares vor? Hinter meiner Stirn, in meinem ganzen Kopf, summte es wie Strom in den Leitungen der Hochspannungsmasten, laut und immer lauter. Ich meinte, Mama müsste es hören. Und noch heute, wenn ich hin und wieder anfange, darüber nachzudenken, summt es in meinem Kopf.
   Manchmal stehen am Waldrand neue Kerzen oder es liegen frische Blumen da. Anfangs häuften sich hier über Wochen Stofftiere, Blumensträuße, Kerzen und Schildchen, auf denen stand, dass man Jule nie vergessen würde, dass man sie vermisste, und auf denen man sich ebenfalls die ratlose Frage nach dem Warum stellte.
   In der Schule und der Nachbarschaft wussten die Leute kaum, wie sie sich unserer Familie gegenüber verhalten sollten. Das war seltsam. Entweder taten sie krampfhaft so, als wäre nichts geschehen, oder wichen uns verlegen aus, falls sie nicht vor Mitleid zerflossen. Nur wenige fanden ein erträgliches Mittelmaß, mit dem sie uns begegneten. Die meisten waren jedoch genauso hilflos wie wir. Es dauerte lange, bis so etwas Ähnliches wie Normalität einsetzte.
   Am längsten natürlich bei meiner Tante Nicole und Onkel Martin, Jules Eltern. Sie lebten wie unter einer Totenglocke. Schließlich zogen sie in die Nachbarstadt Lünen. Sie nahmen sich eine Wohnung in der Innenstadt und wohnen seitdem am Ufer der Lippe statt am Waldrand. Direkt an der Promenade mit der terrassenförmigen Treppenkaskade, die bis zum Wasser hinunterführt. Bei schönem Wetter kann man auf der untersten Stufe sitzen, mit den Füßen im Wasser, und Wasservögeln zuschauen. Oder Leute beobachten, die über die Brücke flanieren, welche die Fußgängerzonen auf beiden Seiten des Flusses miteinander verbindet.
   Hier gibt es naturbelassene Ufer und Büsche. Keinen Wald. Nur den Tobiaspark, der vor etwa vierhundert Jahren als Pest- und Fremdenfriedhof angelegt wurde. Einige alte Gedenksteine existieren noch. Der Erste, der hier bestattet wurde, war ein Soldat namens Tobias, hat Nicole gesagt. Er wurde zum Namensgeber. Außerdem gibt es in Lünen Restaurants, Eisdielen, das Cineworld auf der gegenüberliegenden Flussseite von Nicoles Wohnung sowie das Altstadtviertelchen mit einigen schiefen Fachwerkbauten.
   Nicole lebt gern hier. Lünen erscheint ihr gerade weit genug entfernt, um neu anzufangen. Doch gleichzeitig nah genug, um jederzeit Jules Grab auf dem Waldfriedhof auf dem Bodelschwingher Berg besuchen zu können.
   Auslöser für den Umzug war Nicoles unerwartete Schwangerschaft, über die sie und Martin ähnlich fassungslos waren, wie Maria und Josef es über die Unbefleckte Empfängnis gewesen sein müssen. Am letzten Tag im Juni kam Benjamin zur Welt, zweiundzwanzig Monate nach Jules Tod.
   Damals verübelte ich Nicole und Martin dieses Abhauen, wie ich es insgeheim nannte. Aus heutiger Sicht muss ich zugeben, dass es die richtige Entscheidung für sie gewesen ist: wegzugehen von dem Ort des Verbrechens und ja, auch Jules Zimmer nicht wie einen Schrein zu erhalten und zu versuchen, sie darin zu konservieren. Andernfalls wären diese zwei Menschen vollends zerbrochen.
   Und was wäre dann aus Benny geworden, Jules Brüderchen, das ihr kein bisschen ähnelt? Diesem ungeplanten Baby, von dem die Eltern behaupten, es wäre ihr Lebensretter. Sie glauben, seine Schwester sei ein Schutzengel.
   Zur Zeit ihres Fortziehens gab es in den Zeitungen schon seit Längerem keine Berichterstattungen über das Verbrechen an Jule mehr. Sogar die Anrufe der Kriminalpolizei wurden weniger, weil neue Informationen über die Ermittlungsergebnisse ebenfalls rarer wurden. Bis sie am Ende ganz ausblieben, ohne dass Jules Mörder gefasst werden konnte. Aber der, meinten die meisten Bodelschwingher, der kam mit Sicherheit von außerhalb und war längst wieder über alle Berge. Es konnte unmöglich jemand von hier sein, keiner von uns. Das war ausgeschlossen.
   Für mich hörte sich das stimmig an.
   Andere hielten vorsichtig dagegen, dass der Mörder aus der Gegend stammen musste. Zumindest war er ortskundig. Wer sonst würde in den Weg zum Adelsfriedhof einbiegen, auf den kein Schild hinweist? Wer sonst könnte vom Tempel der Ruhe wissen? Nur Leute, die hier wohnen. Insider eben.
   Auch das klang einleuchtend.
   Andererseits könnte es ebenfalls jemand gewesen sein, der den dunklen Waldweg rein zufällig entdeckt hatte und abgebogen war, weil er einsam wirkte. Eine ideale Stelle, um nicht plötzlich aufgestöbert zu werden. Und es gab auch noch das Internet, falls man einsame Orte suchte …
   Alles war möglich.
   Dann, zwei Jahre nach Jules Tod, im Juli, fanden Spaziergänger mit ihrem Hund ein weiteres totes Mädchen auf einem Laubbett inmitten der Säulen des Tempels. Ohne Kleider. Ohne Haare. Ohne Leben. Äußerlich unversehrt. Bis auf die Blutwürgemale.
   Die gleichen wie bei Jule. Nur, dass diesmal niemand wusste, wer sie war.
   Wieder raste eine Armada Polizeifahrzeuge, ziviler Einsatzwagen und Notarztwagen zum Ort des Geschehens. Mit zuckenden Blaulichtern zwar, aber ohne Sirenen.
   Wieder gab es Absperrgitter, rotes Licht, rot-weißes Polizeiband, Hunde, aufgeregte Stimmen. Und wieder türmten sich am Waldsaum Stofftiere, Blumen, Teelichter und Schilder, auf denen stand: WARUM?
   Sicher, keiner von uns kannte das Mädchen. Im Rewe-Markt erzählte Martha Pätsch, sie solle eine Roma gewesen sein, die sich allein herumgetrieben habe. »Eine Zigeunerin«, wie die Pätsch aus sicherer Quelle erfahren haben wollte und beim Anstehen an der Fleischtheke laut herausposaunte, »eine vonne Bettelsoarte!«
   Bettelsorte! Als machte das einen Unterschied. Wie Jule war sie ein Mädchen, das sein Leben sinnlos verloren hatte. Zurück blieb nur ihr toter Leib.
   Und ein abgeernteter Kopf.
   In den Zeitungen stand, dass man aufgrund der radiologischen Befunde ihr Alter auf fünfzehn bis sechzehn schätzte. Ihre Ohrläppchen waren für Stecker durchstochen. Ihre Nationalität hatte man nicht feststellen können. Sie war jedoch eindeutig ein keltischer Typ. Mit heller Haut und rotem Haar.
   Offenbar wurde sie nicht vermisst. Sie muss eine Ausreißerin gewesen sein, jedenfalls machte keiner sich die Mühe, nach ihr zu suchen. Vielleicht hatte sie auch niemanden mehr. Jedenfalls stand wohl fest, dass Jule und die unbekannte Tote demselben Mörder zum Opfer gefallen waren.
   Es musste einer sein, der hier auf seinen Durchfahrten vorbeikam, meinte man. Womöglich regelmäßig. Der sich zurechtfand und sicher fühlte, weil niemand ihn kannte. Und der sich auf der gewundenen Waldstraße im Brodem der Bäume in ein Monster verwandelte, das Appetit auf Mädchen mit roten Haaren verspürte.
   Das uralte Böse des Krüzlohs.
   Ein Wolf, der es auf Rotschöpfe abgesehen hatte, wie eine große Zeitung ebenso reißerisch wie richtig titelte. Sie berichtete ausgiebig über die Verbrechen.
   Stoff gab es zur Genüge. Da waren die Mädchen, deren Mörder sie vom Weg abgebracht hatte, in den Wald hinein, zu einem einsamen Ort. Wo er über sie herfiel und sie abschließend auf einem alten Friedhof aufbahrte.
   Auch um den Adelsfriedhof ranken sich seit jeher unheimliche Geschichten, die jetzt in dem Artikel wieder aufgewärmt wurden. Es wird erzählt, dass sich dort vor der Begräbnisstätte ein heidnischer Gerichtsplatz befunden hat, den zu betreten der erste entsandte Missionar den neuen Christen verbot. Ein riesiges Holzkreuz wurde errichtet. Bestimmt ragte es wie ein mahnender Finger Gottes empor. Bald nannte man die Flur mit dem Kreuz vor dem Wald Krüzloh, den Kreuzwald. Und binnen Kurzem behaupteten die Christen, das Böse ginge dort um.
   Die Zeit verging. Das Kreuz zerfiel. Menschen kamen und gingen. Das Böse blieb.
   Und manch einer will ihm in Gestalt eines Wolfes begegnet sein.
   Dieser widerliche Rotschopfartikel war der letzte ausführliche Bericht über die Verbrechen. Schneller als bei Jules Tod ließ das Interesse an dem zweiten Mädchenmord nach. Bis es ganz versiegte, und wir am Ende nur noch hofften, der Mörder möge für alle Zeiten einen weiten Bogen um unseren Wald machen, wenn man ihn schon nicht schnappte.
   Und auf keinen Fall, wie in der Vergangenheit, nach zwei Jahren auf leisen Pfoten zurückkehren.
   Hungrig und böse.

Kapitel 1
Le Pecharou

Ich bin Eleni Engel, sechzehn Jahre alt, und ich habe zwei Wünsche. Wunsch eins: Ich will eine berühmte Drehbuchautorin und Filmemacherin werden, ein Rockstar der Branche. Wunsch zwei: Ich will, dass Jules Mörder bis an sein Lebensende keinen Frieden findet und irgendwann von einer höheren Instanz zur Rechenschaft gezogen wird, die die Taten eines Menschen richtig beurteilen kann.
   Man sagt über mich, ich wäre wortgewandt, verträumt und (trotz meines Rachewunsches) sensibel. Ich lebe mit meinen Eltern und unserem Kater Eddie an eben diesem Bodelschwingher Wald. In einer Vorstadtsiedlung mit Fachwerkhäusern, einem Wasserschloss, einem steinalten Kirchlein. Umgeben von grünen Hügeln, Feldern, Weiden und Wäldern. Als wären wir in einem Dörfchen auf dem platten Land und nicht mitten im Ruhrpott.
   Unsere abgelegene Straße heißt Hainholz und hat exakt drei Häuser. Das der Blomes, ein älteres, sehr zurückhaltendes Ehepaar mit Kater Spencer und Rauhaardackelhündin Tracy. Das der Tratschtante Pätsch, deshalb fühle ich mich manchmal beobachtet. Und unser Engelhaus, das am Ende der Ministraße steht.
   Mein Bruder Eliah wohnt nicht mehr im Engelhaus, sondern studiert in Stuttgart Informatik. Sicher, das hätte er ebenso gut an der TU Dortmund tun können. Aber ich verstehe, dass er in einer Stadt neu anfangen wollte, in der ihn keiner kennt oder von dem Furchtbaren weiß, das unserer Familie zugestoßen ist.
   In Stuttgart ist er einfach nur Eliah Engel – hier der Cousin von Jule Weiher. Ich weiß, wie das ist. Schließlich bin ich ihre Cousine. Ich vermisse Eliah unglaublich, und als wir ihn vergangenes Jahr an Weihnachten besuchten, habe ich mich wie eine Verrückte gefreut. Immerhin ist er mein einziger Bruder, der auf mich aufgepasst und mich beschützt hat. Eliah war viereinhalb Jahre alt, als ich geboren wurde, und unsere Mutter, vermutlich noch hormonbefangen, kam auf die beknackte Idee, dass wir alle die Doppel-Initialen E tragen sollten.
   Papa heißt Eike, sie Evelyn, mein Bruder Eliah und ich bekam den Namen Eleni. Das bedeutet die Leuchtende, die Strahlende. Der Name passt zu mir, weil meine Haare den gleichen Tizianton aufweisen wie die meiner Mutter und meiner Tante Nicole, die ihre Schwester ist.
   Den gleichen Ton wie Jules Haar.
   Zu meinem achten Geburtstag schenkte Nicole mir das heiß ersehnte Tigerkätzchen. Es fiel ebenfalls Mamas E-Wahn anheim. Damals war ich leicht zu beeinflussen und ließ mich dazu überreden, den Kater Eddie zu nennen. Obwohl mir Leo besser gefiel.
   Am schlimmsten ist es mit den E-Namen, wenn jemand bei uns anruft und den Anrufbeantworter erwischt. Da ist seit Jahren die gleiche gruslige Ansage drauf. Nach dem vierten Ton leiert das Gerät nacheinander Papas, Mamas, Eliahs und meine Stimme herunter. Zum krönenden Abschluss blöken wir gemeinsam auf dem Band. Das hört sich folgendermaßen an:
   »Hallo, das ist der Anschluss von Eike …«
   »… Evelyn …«
   »… Eliah …«
   »… und Eleni …«
   (lautstark wir alle) »… Engel!«
   Darauf flötet Mama ihr Solo: »Kein Engel kann ans Telefon kommen. Wer mag, hinterlässt nach dem Piep eine Nachricht.« Und zusammen trompeten wir: »Die Engel bedanken sich!«
   Es ist grauenvoll! Aber Mama ist durch nichts zu bewegen, das zu ändern. Und Papa ist eh auf ihrer Seite, auch wenn sie sehr eigen sein kann. Besonders, wenn es um mich geht, wie ich des Öfteren am eigenen Leib erfahren muss.
   »Heute ist Freitag«, zetere ich zum wer weiß wievielten Male. »Und ich will bei Lena schlafen.«
   »Ja, das habe ich verstanden, und ich frage dich, wieso Lena nicht zu uns kommen kann.«
   »Darum!«
   »Darum ist keine Antwort, Eleni.«
   Sie schaltet die Maschine für ihren Nachmittagskaffee an. Ich mag keinen Kaffee, aber den Geruch liebe ich, und wann immer ich frischen Kaffee rieche, muss ich an Mama denken, die meiner Meinung nach süchtig nach dem Zeug ist.
   »Juno und Sofie schlafen auch bei Lena. Wir haben lange keine Übernachtungsparty mehr gemacht.« Um zu punkten, stelle ich ihren Kaffeepott samt Löffel und der Büchsenmilch auf den Tisch. Sogar die Zeitung lege ich dazu. »Herr Berger schmeißt uns nachher was auf den Grill. Und ich übernachte total gern bei Lena. Bitte!«
   »Aha.« Sie beobachtet, wie sich die gläserne Kaffeekanne füllt. »Total gern also. Weshalb?«
   »So halt«, murmele ich. »Wir wollen uns Filme ansehen.«
   »Was für Filme?«
   »Mama!« Ich rolle mit den Augen, weil ich weiß, dass sie Fantasy-Romanzen, überhaupt Romance, kitschig findet. Ich habe keinen Bock, dass sie dauernd ins Zimmer kommt und blöde Kommentare abgibt oder in Gelächter ausbricht. Ist alles schon dagewesen! Mama ist in etwa so romantisch wie ein Parkscheinautomat. Ganz anders als Papa.
   »Na, komm schon, was für Filme sind das, die ihr hier nicht ansehen könnt?«
   »Können könnten wir.«
   »Eleni!«
   »Twilight. Der Klang des Herzens. Titanic. Beastly. Remember me. Wie durch ein Wunder. Zwei an …«
   »Schon gut.« Sie feixt wie vorhergesehen. »Pretty in Pink, hm?«
   »Was?«
   »Vergiss es! Das war vor deiner Zeit. Okay. Also Liebe, Herz, Schmerz, Seufz. Na gut. Von mir aus macht euren Abend bei Bergers.«
   Ich falle ihr um den Hals. »Danke!« Dann küsse ich sie ab.
   »Bitte.« Sie befreit sich aus meiner Umklammerung und schenkt sich Kaffee ein. »Ich bringe dich nachher hin.«
   »Nee! Brauchst du nicht. Wir haben April, da ist es um sechs noch taghell. Ich werde mit dem Roller fahren.« Meine Vespa ist eine Hinterlassenschaft Eliahs, seit er ein Auto hat.
   »Und die Taschen? Die sind viel zu sperrig.«
   Netter Versuch. »Was für Taschen? Es ist bloß ein Rucksack.« Gegen meinen Willen klinge ich angenervt. Zugegeben, ihr Rumgeglucke kann angenehm sein. Manchmal. Zum Beispiel, wenn ich traurig bin, es Ärger in der Schule gibt, wenn ich krank bin oder meine Tage habe. Aber sonst geht es mir auf die Nerven. »Bitte mach kein Drama draus!«
   Ihr Blick wird unruhig. Er fällt durch das Küchenfenster und von dort auf die Baumwipfel des Krüzlohs, deren Kronen sich in der Ferne gegen den Frühlingshimmel abzeichnen.
   Das ist einer ihrer selten gewordenen Rückfälle in den übertriebenen Gluckenmodus. Ausgerechnet heute! Ich weiß, sie wünscht sich, dass Papa hier wäre und ihr beispringt. Aber als Bauingenieur ist er öfter tagelang unterwegs, weil er für seine Firma auswärtige Bauvorhaben betreut.
   »Ich fahre nirgendwo anders hin, ohne es zu sagen, sondern auf kürzestem Weg direkt zu Bergers. Und ich rufe dich an, sobald ich bei Lena bin. Ist das für dich in Ordnung?«
   Sie reißt ihren Blick los. »Ja, klar«, flunkert sie nicht sehr gut. »Vergiss es nicht.«
   »Nein«, antworte ich grinsend. »Vergesse ich je was?«
   Da lacht sie nur und schlägt raschelnd die Zeitung auf.

Nachdem ich meine Klamotten zusammengesucht und in den Rucksack gestopft habe, steige ich auf meinen matt-schwarzen Vesparoller. Ich hätte lieber einen in Gelb gehabt. Aber natürlich entschied Eliah sich damals für ein männlicheres Modell. Dafür ist mein Helm vanillefarben mit Streublümchen. Während ich ihn aufsetze, kann ich den Blick meiner Mutter auffangen. Ich starte und hupe. »Tschüss!«
   »Tschüss, Eleni! Pass auf dich auf, hörst du?«
   »Mach ich.« Ich schiebe das Visier nach unten und rolle los. Jedoch nehme ich nicht wie versprochen den kürzesten Weg zum Haus der Bergers.
   Das tue ich nie.
   Mama kennt mich nicht wirklich.
   Niemand tut das.
   Ich bin eine Lügnerin.
   Ich lüge immerzu.

Es gibt eine Sache, von der meine Eltern keine Ahnung haben. Ebenso wenig Eliah, Lena nicht und auch nicht Sofie. Von der niemand etwas weiß. Nicht mal Juno, der ich als Einziger das Malte-Deflorations-Desaster anvertraut habe.
   Wenn ich zu Lena fahre oder von ihr zu uns, dann nie den direkten Weg durch die Eigenheimsiedlung, die zwischen unseren Häusern liegt. Ich schlage jedes Mal einen weiten Bogen, indem ich die schlecht asphaltierte Straße zwischen den Feldern nehme und von der anderen Seite in Lenas Straße einbiege. Bei Wind und Wetter, egal. Das liegt an den vielen Straßenlaternen, die ich dann nicht passieren muss, weil Bergers Bungalow ein Endhaus ist. Ich kann den Anblick der Straßenlaternen dort kaum ertragen. Damals, nachdem Nicole und Martin Jule als vermisst gemeldet hatten, haben wir da überall Plakate mit einem Foto von ihr aufgehängt. Die Leute denken, wenn ein Kind oder ein Teenager vermisst gemeldet wird, ziehen sofort Hundertschaften von Polizisten los und Hubschrauber überfliegen das Gebiet.
   Falsch!
   In Wirklichkeit vergeht oft viel zu viel Zeit mit der Organisation, bis die Suche losgeht. Wertvolle Stunden vom Aufnahmeprotokoll bis hin zu dem Zeitpunkt, an dem endlich die Fahndung starten kann.
   Das war auch bei Jule so.
   Daran erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.
   All die verlorenen Stunden …

Montag, vierundzwanzigster August, vor vier Jahren.
   Der erste Schultag nach den Sommerferien endete früh. Mama, die von neun bis siebzehn Uhr in ihrem Blumenladen (er heißt Gänseblümchen) arbeitet, war nicht zu Hause. Aber Eliahs Roller stand vor der Garage. Er putzte sich im Bad heraus, kämmte vermutlich sein dunkelblondes Haar von vorn nach hinten und von rechts nach links, bis er endlich zufrieden sein würde.
   Das kannte ich zur Genüge. Ich steckte den Kopf durch die Tür. »Hi, Eliah!« Bei seinem Anblick klimperte ich schmachtend mit den Wimpern, albern, wie Zwölfjährige häufig sind. »Na, frisch verknallt?«
   Er grinste mir im Spiegel zu, nannte mich Rabenschwester und verschwand pfeifend. Die Duftwolke, die er hinter sich herzog, konnte man nur als geballt beschreiben. Der Motor seines Rollers röhrte, und der Kies in der Auffahrt knirschte unter den Rädern, als er losfuhr.
   Ich ging in mein Zimmer, warf mich neben den schnurrenden Eddie auf die ungemachte Schlafcouch und nickte ein. Ich war total kaputt und musste mich wieder daran gewöhnen, früh aufzustehen.
   Mama kommt meist gegen halb sechs nach Hause, und um sieben essen wir zu dritt oder viert, je nachdem, ob Papa da ist. An diesem Tag aßen wir zu dritt. Es gab Reste vom Vortag: Gulasch, Klöße und Gurkensalat. Eliah stocherte ohne Appetit auf seinem Teller herum, also fragte Mama ihn, was los sei.
   »Meine Güte, gar nichts«, schnauzte er sie an. »Ich hab bloß keinen Bock auf das Zeug.«
   »Dann lass es stehen und mach dir ein Brot.«
   »Eigentlich bin ich nicht hungrig.«
   »Wie kommt’s?« Sie musterte ihn prüfend. »Geht es dir nicht gut? Oder hast du bloß schlechte Laune?«
   »Beides«, räumte Eliah ein. »Es war ein beschissener Tag und ich habe eine Stinklaune, wenn ihr es genau wissen wollt.«
   »Hat deine Flamme dich abblitzen lassen?«, frotzelte ich.
   »Und wenn schon.« Er schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück. »Geht dich einen Scheißdreck an.«
   »He!« Mama warf Eliah einen warnenden Blick zu. »Es reicht, meinst du nicht?«
   Er hob die Schultern, murmelte etwas vor sich hin und verließ die Küche. Wir hörten das Zuknallen seiner Zimmertür und anschließend dröhnende House-Musik.
   Mama und ich tauschten einen Blick. »Keine Ahnung, was er hat«, meinte ich achselzuckend. »Aber ich bin froh, dass ich es nicht habe.«
   Für den Rest des Abends blieb Eliah wie vom Erdboden verschluckt.

Um kurz vor Mitternacht ging das Telefon. Das weiß ich bestimmt, weil ich extra auf den Wecker sah, und der zeigte 23:55 Uhr an. Zu dieser Unzeit ruft ja nur jemand an, wenn was passiert ist. Etwas Schlimmes. Ich musste an Papa denken, der häufig mit Unfällen auf Baustellen zu tun hat.
   Mama hob ab, bevor sich der Anrufbeantworter einschalten konnte. »Engel«, meldete sie sich mit banger, um Gelassenheit bemühter Stimme. »Hallo? Nicole! Meine Güte, hast du mir einen Schrecken eingejagt!«
   Stille.
   Dann: »Jule? Nein, sie ist nicht hier. Ja. Ja, ich bin sicher. Aber warte.«
   Sie brauchte nicht nach uns zu rufen. Eliah und ich standen bereits in der Diele.
   »Ist Jule hier?«, fragte sie zittrig.
   Wir schüttelten beide stumm den Kopf.
   »War sie hier?«
   Wieder Kopfschütteln.
   »Hat einer von euch sie heute gesehen?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Nicole, sie ist und war nicht hier.«
   Wir hörten Nicole weinen.
   »Nicki. Reiß dich zusammen. Es nützt alles nichts, hörst du? Wir müssen zur Polizei. Sofort!«
   Eliah umfasste meine Hand und hielt sie umklammert.
   So fest, dass er mir wehtat.

In der Vermisstenmeldung stand, dass Jule gegen zwölf aus dem Schulbus gestiegen war. Allein. Das hatte ihre Freundin Christin, die eine Station weiter fuhr, bestätigt.
   Von da an verlor sich Jules Spur.
   Anfangs fiel es nicht auf. Jule ging nach der Schule oft mit zu Christin, weil Nicole und Martin arbeiteten. Erst, als sie nicht zur vereinbarten spätesten Uhrzeit um zehn Uhr zu Hause war, begannen sie, sich Gedanken zu machen. Das heißt, anfänglich waren sie ärgerlich. Doch als es später und später wurde und Jule nicht an ihr Handy ging, sorgten sie sich. Also hängte sich Nicole ans Telefon, während Martin durch die Gegend fuhr und nach Jule suchte.
   Alles umsonst.
   Niemand wusste, wo sie war oder sein könnte. Keiner ihrer Freunde und Bekannten hatte sie nach ihrem Aussteigen aus dem Bus gesehen. Hier verlor sich ihre Spur.
   Bodelschwingh hat keine eigene Polizeiwache, deswegen fuhren wir ins angrenzende Mengede, die ganze Familie. Von dort informierten die Beamten das zuständige Fachkommissariat, das dann aktiv wurde. Am Dienstag, den fünfundzwanzigsten August um vierzehn Uhr fünf.
   Dreizehn kostbare Stunden nach der Vermisstenmeldung. Dreizehn!
   Ein Teufelsdutzend.

Suchplakate, sagte man uns, könnten frühestens am übernächsten Tag, also Donnerstag, ausgehängt werden, da man eine Druckerei beauftragen müsse. Eigene Kapazitäten hatte die Polizei da keine. Also haben wir uns selbst darum gekümmert und unsere eigenen Computer und Drucker für die Plakate benutzt.
   VERMISST stand fett über Jules lächelndem Gesicht. JULE WEIHER. Es folgte das Datum, seit dem sie vermisst wurde, ihre Personenbeschreibung, die Adressdaten und Telefonnummern.
   Wir haben die Dinger in der ganzen Umgebung verteilt und nebenher alles abgesucht. Stundenlang sind wir herumgefahren, mit Fahrrädern, Rollern und Autos, bis tief in die Nacht.
   Alle sind wir gefahren.
   Alle haben wir geklebt.
   Gesucht.
   Gerufen.
   Geweint.
   Gebetet.
   Lieber Gott, bitte mach, dass alles gut wird.
   Aber es wurde nicht gut.

Eliahs und mein Gebiet war die Schlossstraße. Dazu einige Feldwege und die Siedlung, die zwischen Bergers und unserer Straße liegt. Zusammen mit ihm hatte ich schwitzend ein Plakat nach dem anderen an Laternenpfählen befestigt, bis meine Hände schmerzten und es Nacht wurde.
   Um kurz nach zwei konnte ich kaum noch aufrecht stehen. Eliah bestand darauf, mich nach Hause zu bringen. Danach verschwand er noch einmal in der Dunkelheit. Er wollte ohne meine Hilfe mit den restlichen Plakaten weitermachen, herumfahren und suchen, es erschien mir wie ein Zwang.
   Als er bei Sonnenaufgang zurückkam, war er fix und fertig und ging gleich in sein Zimmer. Währenddessen versicherten Mama und ich uns, dass Jule bald wiederkommen würde, und bestätigten es uns gegenseitig. Dabei wusste meiner Meinung nach jeder von uns, dass wir logen. Trotzdem konnten wir wohl nicht anders. Wir wollten uns glauben. Also glaubten wir und unternahmen weiterhin alles, um sie zu finden.
   Für nichts, nichts, nichts.
   Denn am Vormittag fand der Schmetterlingskundler Jules Leiche.
   Deswegen nehme ich den Umweg zwischen den Feldern in Kauf. Denn vor meinem inneren Auge sehe ich noch heute die Plakate mit Jules lächelndem Gesicht an den Pfählen.
   Und mir blutet das Herz.

Ich biege in Lenas Straße ein. Der Roller verstummt und ich schaue zu Juno.
   »Was sagst du dazu?«, fragt Juno. Sie steht vor dem Garagentor in der Sonne und wartet auf mich. Der malvenfarbene Mund in ihrem auffällig geschminkten Gesicht ist amüsiert verzogen, ihr kurzes Blondhaar unordentlich in Form gebracht. Sie kichert, nimmt einen tiefen Zug von der selbst gedrehten Zigarette und bläst den Rauch über die Schulter, weg von mir. In ihrer Mimik spiegelt sich Belustigung. »Na, sag schon! Oder hast du es nicht mitgekriegt?«
   »Was?«, frage ich, während ich die Vespa abstelle und den Helm abnehme.
   Juno bemüht sich, das Glucksen in ihrer Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Es gelingt ihr nicht vollständig, weswegen ich zuerst nicht verstehe, was sie sagt. Also wiederholt sie. »Farkas! Stell dir vor, Lena ist in den alten Sack verknallt!«
   »Du meinst unseren Farkas? Den Neuen?« Ich kenne ihn lediglich vom Sehen. Er ist seit dem Sommer an unserer Schule. Herr Farkas hat nach den Ferien den Job einer Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Sport übernommen, die in der Elternzeit ist. Da ich keines der Fächer bei ihr hatte, habe ich auch keines bei ihm. Wir sind einmal, als er gerade aus dem Lehrerzimmer kam, ineinander gelaufen. Er regte sich nicht auf, war sogar freundlich. Er roch gut und sah nett aus. Weniger wie ein Lehrer, eher wie einer aus der Oberstufe. Jedenfalls weit weg von einem alten Sack.
   »Genau, der Neue vom Brecht.«
   Sie meint das Bert-Brecht-Gymnasium in Kirchlinde. Jules alter Schule …
   Juno bemerkt, dass es mir einen Stich versetzt. Zerknirscht zieht sie ein letztes Mal an der Zigarette. »Na ja. Alter Sack ist übertrieben. Er war ja bis vor Kurzem noch Referendar. Aber jetzt ist er Lehrer, also irgendwie doch ein alter Sack, oder? Und das mit Lena finde ich zum Totlachen«, blubbert sie und wirft die Kippe zwischen die Rippen eines Gullis.
   »Wieso? Er sieht eigentlich nett aus. Ein bisschen wie dieser eine Schauspieler aus Beastly.« Damit spiele ich auf den Film an, den Lena hoffentlich besorgt hat. Zugegeben, ein nicht überraschendes Remake von Die Schöne und das Biest. Eine Teenie-Fantasy-Romanze im Twilight-Stil, die Lena und ich absolut toll finden. Ich denke, die Botschaft in Beastly lautet, neben der, dass Liebe stärker als alles andere ist: Wahre Schönheit kommt von innen, also von der Seele her. Und das ist uns tausendmal lieber als sinnleeres, blutiges Gemetzel.
   »Wie bitte? Spinnst du?« Juno prustet, wobei sie sich an ihrer eigenen Spucke verschluckt. In der Folge hustet sie wie verrückt. Und ich, die ich weitere Häme von Juno befürchte, rudere zurück.
   »Na ja, ein winziges bisschen. In älter.«
   Juno verzieht das Gesicht.
   »Um einiges älter«, lege ich nach. »Zufrieden?«
   »Schauspieler!«, höhnt sie. Mit vom Husten tränenden Augen mustert Juno mich. »Soll ich dir sagen, wer wirklich süß ist?«
   »Wer?«
   »Eliah.« Sie zieht begeistert ihre gezupften Brauen in die Höhe.
   »Oh, bitte!« Juno hat laufend Typen am Start. Immer kurz, immer heftig und meist hinterlässt sie Splitterherzen. Das Gerede hinter ihrem Rücken stört sie null. Sie ist eben, wie ihre Mom es bezeichnet, wählerisch. Zu Recht, findet Simone.
   Juno und ihre Schwester nennen ihre Mom beim Vornamen: Simone. Und sie sprechen ganz offen über alles mit ihr, eben auch über ihre Erlebnisse mit Jungs. Sogar über Simones Männer!
   Das könnte und wollte ich nicht. Mama Evelyn nennen und mich mit ihr über solche Dinge austauschen. Ihr von meinen Erfahrungen erzählen und mir anhören, wie sie und Papa … Nee! Ich würde vor Scham und Unbehagen vergehen. Ein Unding. Ebenso, dass Juno an Eliah interessiert ist. »Wir reden nicht über einen deiner Flirts, sondern über meinen Bruder. Der, nebenbei bemerkt, zu alt für dich ist.«
   »Quatsch. Er hat genau das passende Alter.«
   Ehe ich etwas erwidern kann, kommen Lena und Sofie auf uns zu.
   »Wo bleibt ihr?«, ruft Lena. »Die Würstchen verbrutzeln.«
   Also gehen wir in den Garten, wo wir uns ausgiebig unterhalten, von Lenas Papa begrillen lassen und uns mit dem Kartoffelsalat vollstopfen, den die zwei (Lena ist ein Papakind und er ein Tochterpapa!) vorbereitet haben.
   Leif, Lenas vier Jahre älterer Bruder, sitzt mit am Tisch. Er achtet kaum auf uns. In seinen Ohren stecken Stöpsel eines MP3-Players, aber er hat die Musik so leise gestellt, dass ich nichts höre. Oder hat er gar keine laufen?
   Manchmal, vermutlich, wenn er meint, ich bemerke es nicht, schaut er mich an. Ein- oder zweimal öffnet er den Mund, als wollte er sich am Gespräch beteiligen. Doch alles, was über seine Lippen kommt, klingt nach heftigem Schlucken.
   Ich weiß nicht, ob ich was zu ihm sagen soll. Also lächele ich bloß.
   Wenn er zurücklächelt, zieht sich abrupt mein Herzmuskel zusammen, auf eine ganz eigenartige Weise. Bei Magnus hatte ich kein Herzmuskelzusammenziehen. Außerdem muss ich laufend auf Leifs Mund schauen. Da klebt ein winziges Kleckschen Mayonnaise in seinem linken Mundwinkel. Das sieht richtig niedlich aus. Aus irgendeinem Grund möchte ich es wegwischen. Das verwirrt mich. Deshalb bin ich froh, als er seine Serviette benutzt.
   Leif steht auf und verabschiedet sich. Als das sich entfernende Motorengeräusch seines Autos erstirbt, kommt mir der Abend leerer vor.
   Nach dem Essen verschwinden wir in Lenas Zimmer, um uns die Nacht mit Filmen und heimlich mitgebrachten Alcopops um die Ohren zu hauen. Letztere hat Sofie von zu Hause mitgehen lassen, aus den unerschöpflichen Restbeständen, die ihre Mutter zurückgelassen hat. Ihr Papa hat keine Vorstellung von den Vorräten. Und Sofies Mom lebt nicht mehr bei den beiden, sondern in München in einer Künstler-WG, in der sie sich verwirklichen will. Sie ist abstrakte Malerin. Sofie bezeichnet sie als Kleckserin und hätte am liebsten keinen Kontakt zu ihr. Sie will eine Mom, keine Freundin, mit der sie in Klubs tanzen gehen kann, wie die Kleckserin es ihr allen Ernstes in den Osterferien angeboten hat.
   »Wer braucht schon Bilder, auf denen man nichts erkennen kann?«, fragt Sofie. »Zurzeit hat sie ihre braune Phase«, sie schneidet eine Grimasse, als würde es übelst stinken. »Sieht eher aus wie eine Dünnschissphase.«
   Wir lachen verhalten, um Lenas Eltern nicht zu wecken. Dabei prustet Juno Breezer-Orange über uns, sodass unser Gelächter in unterdrücktes Kreischen übergeht.
   Unsere Nachtwäsche riecht nach Rum, als wären wir aus einer Bacardiflasche gekrochen. Hoffentlich bleiben keine Flecken auf meinem neuen Shortie zurück.
   Lena springt auf. Sie stellt das Fenster auf Kipp, und als wir uns eingekriegt haben, legt sie Beastly in den DVD-Player. Juno gähnt. Wir kuscheln uns alle gemeinsam auf den ausgelegten Luftmatratzen zurecht. Es ist drei Uhr in der Früh. Und trotz des Films schlafen meine Freundinnen nacheinander ein. Zuerst Lena. Danach Juno, die sogar im Schlaf ihren Lippenstift trägt und leise schnarcht. Zuletzt Sofie.
   Auch mir werden die Lider schwer. Aber da fällt mir ein, dass ich Eliah gestern keine Nachricht geschickt habe, was ich normalerweise täglich tue. Also krame ich leise mein Smartphone hervor, und drehe ein megakurzes Video. Ich sitze lächelnd mit zerzausten Haaren und glühenden Wangen inmitten der schlafenden Mädels. Das Filmchen sende ich Eliah.
   sweet dreams from the sleeping beauties :-)
   Die letzten Minuten Beastly flimmern über den Fernseher, und ich liege zwischen meinen Freundinnen und frage mich, wie es wäre, ein Monster zu lieben.

Kapitel 2
Insomnia

Dunkel.
   Im Zimmer ist es so dunkel, dass Eliah für Sekunden glaubt, er würde noch schlafen. Tief und traumlos. Schwarz eben. Einen Moment bleibt er reglos liegen. Da vibriert das Smartphone auf seinem Nachttisch.
   Erst muss er grinsen, als er sich Elenis Videobotschaft ansieht. Aber dann regt sich ein vages Unwohlsein in ihm. Das liegt an den sleeping beauties. An ihren stillen wie dahin drapierten Körpern. Nein! Nein, es liegt daran, dass Eleni in dem Filmchen nicht wie seine kleine Schwester aussieht, sondern wie eine junge Frau. Eine erotische dazu. Zwar eindeutig noch mädchenhaft, doch unzweifelhaft aufregend.
   Es stößt ihn ab, auf diese Art über Eleni zu denken. Mehr widert ihn allerdings an, dass andere Männer sie ebenfalls sexy finden könnten. Es kommt ihm seltsam vor, solche Überlegungen über Eleni anzustellen. Und seltsam will er nicht sein. Also sendet er ein Smiley an seine kleine Schwester.
   Eliah legt das Handy zur Seite, streckt sich und steigt aus dem Bett, um dem drängenden Bedürfnis nachzugeben, seine drückende Blase zu erleichtern.
   Kurz nach drei Uhr verrät ihm im Schein der Nachttischlampe das Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Normale Menschen schlafen jetzt. Selbst seine Studentenbude scheint mit diesen rhythmischen Zügen zu atmen, wie Schläfer es gewöhnlich tun. Er gähnt. Barfuß geht er in Richtung Tür. Mit eingerollten Zehen, nur in Boxershorts, tappt er zur Toilette. In der Diele braucht er kein Licht zu machen. Irgendwo da oben scheint der Mond voll und groß durch das Dachfenster. Spotlight der Nacht. Eliah kann in dem Licht gut sehen.
   Zurück in seinem Zimmer, stellt er die Lamellen der Jalousie an dem Erkerfenster über seinem Schreibtisch so, dass mehr Helligkeit durch die Ritzen dringen kann. Zwielicht nistet sich ein. Die Stunde des Wolfes, sinniert er. Im Stillen flucht er und legt sich aufs Bett, ohne sich zuzudecken. Eigentlich will er schlafen. Und träumen. Von Jule, am liebsten von ihr, und wie es war, ehe sie starb. Unschuldig war es, vielversprechend und schön. Die Welt war noch in Ordnung. Er war in Ordnung.
   Deshalb will er davon träumen. Doch seit ihrem Tod ist das Gegenteil der Fall. Wenn er schläft, träumt er nicht. Und wie all diejenigen, die wie er an Schlafstörungen leiden, fürchtet er die Stunden zwischen drei und vier Uhr morgens am meisten. Denn nachdem er die ersten Tiefschlafphasen hinter sich hat, liegt er wach und wälzt sich von einer Seite auf die andere. Dabei fragt er sich, wie sein Leben aussehen würde, wenn er sich damals besser unter Kontrolle gehabt hätte.
   Wenn er Jule am Tage ihres Verschwindens nicht an der Bushaltestelle abgepasst hätte, sie weder angeschrien noch geschüttelt hätte. Wenn er ihr nicht …
   Wenn, wenn, wenn! Er wirft sich herum, von rastlosen Gedanken getrieben.
   Wolfsstunde, denkt er wieder. Die Zeit, in der man nicht zur Ruhe kommt, weil man aufgewühlt ist, sich über dies und das Sorgen macht.
   Oder sich erinnert.
   An jede Einzelheit.
   Dunkle Gedanken, die tagsüber vom Licht und den Zerstreuungen des Alltags in Schach gehalten werden, kehren übermächtig zurück. Das Wissen hat er aus einer Zeitschrift aus dem Wartezimmer. Und auch, dass die Körpertemperatur und der Blutdruck, die Stimmung und selbst das rationale Denken am Tiefpunkt sind.
   Zwischen drei und vier Uhr gibt es die meisten Asthma- oder Migräneanfälle. Und es wird nachweislich am häufigsten gestorben. Gleichgültig, an welcher Ursache. Es herrscht Hochkonjunktur für Stauungsinsuffizienzen der Herzen, für Unfälle oder den plötzlichen Säuglingstod.
   Und für Mord.
   Ja, auch dafür.
   Diese Vorstellung wiegt so schwer, dass sie ihm den Sauerstoff aus dem Brustkorb quetscht, bevor seine Lungen ihn verwerten können. Keuchend fährt er auf.
   Und dann steht sie da wie eine 3D-Holografie. Direkt vor dem Erkerfenster, an ihrer üblichen Stelle. Die Mondlichtstreifen scheinen durch sie hindurch. Jule trägt das gleiche Kleid wie in ihrem Sarg. Mitternachtsblau mit Lochmuster im Saum. Und sie sieht auch genauso aus. Außer dass ihre Augen nicht geschlossen sind. Wie immer, wenn sie da ist.
   Seine Ärztin sagte, dass es sich natürlich nicht um Jule handelt, sondern um Halluzinationen, um Trugwahrnehmungen halt. Er hat sie meistens während des Aufwachens, was sie als hypnopompe Halluzinationen bezeichnete, und seltener hypnagoge beim Einschlafen. »Es ist möglich«, hatte sie gesagt, »dass noch andere Sinnestäuschungen auftreten. Gerüche oder Geräusche, oft mit gefühlsbetontem Gehalt.«
   Aber das sei keineswegs krankhaft oder gefährlich, ja, nicht behandlungsbedürftig. »Das gibt sich«, hatte sie aufmunternd gemeint und ihm ein Schlafmittel verschrieben. »Sie verschwindet ganz von allein wieder, Ihre Geisterjule.«
   Geisterjule. Er hatte eine Gänsehaut bei dem Wort bekommen. Sogar unter der Hornhaut der Fußsohlen. Trotzdem ist er den Tranquilizern bisher ausgewichen, weil er Herr seiner Sinne sein will. Immer! Er will die Kontrolle nicht verlieren. Also hat sich an seiner Schlaflosigkeit nichts geändert, wie sich auch an der Erscheinung nichts geändert hat.
   Das mit dem gefühlsbetonten Gehalt stimmte, da lag die Ärztin richtig. Doch verschwunden ist seine Geisterjule nicht. Im Gegenteil, sie sucht ihn beharrlich weiter heim. Nicht täglich, nein. Oder heißt es nächtlich? Egal. Auf jeden Fall mehrmals im Monat. Seit nunmehr vier Jahren, beginnend mit dem Tag ihrer Einäscherung.
   Er versucht regelmäßig, seine hypnopompe Jule herauszufordern. Wenn man Träume beeinflussen kann, warum nicht auch Trugbilder, die ebenso psychische Einbildungen sind? »Was willst du, das ich tun soll?«, fragt er auch jetzt.
   Die Antwort ist Schweigen. Aber wenn er tatsächlich halluziniert, weshalb nicht auch irgendwelche Sätze und Worte?
   Antworten! Erklärungen! Vergebung!
   »Komm schon.« Er spricht leiser. »Sag es.«
   Das Mädchen bleibt weiter stumm. Ihr Gesichtsausdruck ist gedankenversunken. Immerzu. Die Augen sind düster, als würden sie ständig eine schreckliche Szene in ihrem Inneren beobachten.
   Oder als hätte sie eine böse Vorahnung.
   Er kennt das Kleid, das sie trägt, nicht wirklich. Es war ihm nie vergönnt, sie darin zu sehen, weil sie es erst zu ihrem Geburtstag im September bekommen sollte. Warum also sieht er sie ausgerechnet in diesem Kleid, das zu ihrem Totenhemd geworden war? Weshalb nicht in Jeans und Shirt, wie er es am liebsten an ihr mochte? Oder in irgendeinem der grünen Kleider und T-Shirts, die sie in den letzten Wochen ihres Lebens oft getragen hatte: laubgrün, grasgrün, braungrün, tannengrün, farngrün, moosgrün, lindgrün … Was weiß er, wie viele Grüntöne und Schattierungen es gibt.
   Entweder störte sich niemand daran, oder ihm war als Einzigem dieser Grünfimmel aufgefallen. Als er Jule bei einem ihrer Besuche nach dem Grund fragte, behauptete sie, es wäre ihre Lieblingsfarbe.
   »Deine Lieblingsfarbe ist Blau«, hatte er ihr widersprochen. »Mitternachtsblau. Das ist sie immer gewesen. Und außerdem …«
   »Ja?«
   Er formte schon die Worte, um es ihr zu sagen, ihr zu gestehen, wie viel besser Blau zu ihren Augen passte, die er fantastisch fand. Aber als er es endlich schaffte, den Mund zu öffnen, gingen ihm die Töne verloren.
   »Außerdem … was? Sag schon!«
   »Ach, vergiss es«, war alles, was er hervorquetschte.
   »Ich trage Grün, weil’s mir gefällt.«
   »Dir und wem noch?«
   »Das verrate ich nicht!« Sie lachte auf die entnervende Art, wie man über einen anderen lacht. »Wenn du unbedingt auf jemanden ein wachsames Auge haben willst, nimm deine Schwester.« Damit war sie aus seinem Zimmer gegangen. Bevor sie die Tür schloss, wandte sie sich noch einmal zu ihm um. »Jeder hat eine Leiche im Keller. Oder, Eliah?«
   Ja, jeder. Jules Geheimnis war grün gewesen.
   Seins war ein Schlüsselloch.
   Sie konnte das unmöglich wissen, trotzdem schaffte er es nicht, zu verhindern, dass er sich unbehaglich fühlte und schamrot anlief. Aber da verschwand sie schon in Elenis Zimmer. Sie war ihm geschickt ausgewichen, wie er heute weiß. Er war beleidigt gewesen über ihr Auslachen. Sogar verletzt. Deshalb fiel ihm nicht auf, dass seine Frage unbeantwortet blieb.
   Vielleicht hatte er die falsche Frage gestellt. Oder er hätte sie anders formulieren müssen. Direkter. Eindeutiger. Ohne eine Ausweichmöglichkeit.
   Er blinzelt. Die Hypnopompe steht noch da. Also holt er sie nach, die Frage, die er vier Jahre eher hätte stellen sollen. »Für wen hast du Grün getragen?« Seine Worte scheinen widerzuhallen.
   Natürlich erhält er keine Antwort.
   »Und dieses neue Parfüm? Für Leif?«
   Und dann, nach all den Jahren, verändert sich doch etwas. Langsam, beinahe unmerklich, kriecht ein kaltes Odeur auf ihn zu. Eliah rümpft unwillkürlich die Nase, als es sich verdichtet. Da ist ein deutlicher Geruch nach Lavendel, Moos, nach Narzisse und Tannenharz.
   Jules Parfüm.
   Er erinnert sich nicht bloß an das Bukett, das er abscheulich findet, sondern riecht es tatsächlich, wie er seinen eigenen nervösen Schweiß riecht. Also atmet Eliah durch den Mund.
   Er schaut zu Jule, bis das Silberlicht, das durch die Rollläden sickert, rosa wird. Es muss gegen sechs sein, Sonnenaufgang. Bei Tagesanbruch verlässt ihn das durchscheinende Mädchen.
   Er fällt in einen schwarzen Schlaf.
   Die Augäpfel hinter seinen geschlossenen Lidern rührten sich nicht.
   Wie bei einem Leichnam.

Kapitel 3
Dunkelwolf

Es ist kurz vor sechs, ein schöner Sonntagmorgen. Die Sonne hängt tief im Osten, hellrot mit dunkleren Schlieren wie das Fleisch einer frisch zerteilten Blutorange. Gemächlich schält sie sich aus dem dunstigen Horizont. Ihre Farben streifen die Baumwipfel erst, ehe sie sich darüber ergießen. Alles scheint in Purpurgold getaucht. Und hinter den Schwaden, in dem schwelenden Rund, meint er ein Gesicht zu erkennen. Ihr Gesicht, von üppigem rotem Haar umschmeichelt.
   »Eleni Engel.«
   Will sie haben. Muss sie haben!
   Er steht am Fenster und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Ebenso wenig das Kribbeln in den Fingerspitzen oder das Prickeln im Nervengeflecht seines Solarplexus.
   Während er das Farbspektakel aus Dunkelrosa, Magenta und Rotgold verfolgt, das sich weiter ausbreitet, bekommt er von all dem Rot und der Hitze einen harten Schwanz. Wahrscheinlich auch von den Gedanken an Eleni, die ihm jedes Mal auffällt, weil sie aus der amorphen, menschlichen Einheitsmasse herausragt wie eine lodernde Fackel.
   Will sie haben. Muss sie haben!
   Gut, er kennt sie schon länger. Nur war sie bisher zu unvollkommen für ihn gewesen, unreif, eine geschlossene Knospe. Sie war ihm nicht prägnant aufgefallen. Der gelinde Schock, den er nach den Osterferien erlitt, als er begriff, dass sie erblüht war, verschwand ebenso rasch, wie er gekommen war.
   Vater regt sich unbehaglich in seinem Innersten. Und der Wolf ahnt dessen stumme Forderung, doch er beachtet sie nicht.
   Seit Tagen sinnt er darüber nach, wie er es anstellen soll, Eleni näherzukommen, als er ihr ohnehin schon ist. Er fühlt sich überdreht und krank. Als wäre eine Grippe im Anmarsch, die sich mit fiebriger Unruhe und Kopfschmerzen ankündigt, und mit schwachen Gliedern. So schlimm, dass er zweimal das Ju-jutsu-Training ausfallen lassen musste. Er war kurz davor, nicht mehr zur Schule gehen zu können, als ihm der Zufall zur Hilfe kam und er bei einem seiner Online-Streifzüge über ihr neues meetMe!-Profil stolperte. In dem Netzwerk heißt das Rotköpfchen Le Pecharou.
   Er erkannte das gleich als gutes Omen und handelte ohne Zögern. Täglich behält er seitdem Le Pecharou im Auge. Liest mit, was er im Chat unentdeckt verfolgen kann. Sondiert, was sie mit wem tut. Registriert, wann sie sich wo aufhält. Seitdem geht es ihm wesentlich besser.
   Selbst, wenn er noch in Deckung bleibt.
   Träge befreit er seinen heftig pochenden Steifen aus den Shorts, massiert ihn vollkommen entrückt. Sein Blick gleitet über die Gebilde an der laubfarbenen Wand, streichelt berührungslos die geklöppelten, filigran gearbeiteten Blüten- und Rankengebilde in den gläsernen Schreinen, die im Sonnenlicht Feuerpünktchen sprühen. Und die Pünktchen umflirren ihn wie ein Funkenflug.
   Aufstöhnend presst er die Stirn gegen ein Vitrinenglas. Bilder jenes Sommers erblühen in ihm. Lebendig, als wäre er dorthin zurückgereist, über die Jahre und den Raum, und sie ist da und heißt ihn willkommen.
   »Sharnie«, flüstert er. »O Sharnie.«
   Es folgen die Worte, die sie ihn gelehrt hat. So schön, so passend für das, was damals gewesen war:
   »Pflücke die Knospe, solange es geht,
   und die Blüten, wenn sie noch prangen.
   Denn bald sind die Rosenblätter verweht.
   Wie schnell kommt der Tod gegangen …”
   Sein Flüstern ist das Flüstern im Wald, das Flüstern von damals, das Flüstern für Sharnie. Seine Hand geht ungestümer. Sharnie, Sharnie, Sharnie – vergess dich ganz bestimmt nie!
   Das Flüstern für Jule. Der Rhythmus seiner kolbengleichen Bewegungen. Jule, Jule, Jule – bleibst immer meine Buhle!
   Geflüster für Pavlinka. Vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück. Pavlinka, Pavlinka, Pavlinka – bist auf ewig für mich da!
   Shar-nie. Ju-le. Pa-vlin-ka. Schnellerschneller! Shaaar-nie. Ju-leeee. Pa-vliiiiiiin-ka. Shaaaaaa… Aaahhh.
   Er hält schnaufend inne und benutzt ein paar Papiertücher aus der Schachtel, die griffbereit unter den Schreinen auf dem Fußboden steht.
   Bald sind die Rosenblätter verweht.
   Er erschaudert.
   Wie schnell kommt der Tod gegangen.
   Nein. Nein, nein und nochmals nein! Diesmal nicht. Elenis Blüten. Sie prangen! Er hofft, dass die Rosenblätter nie verwehen. Er hofft, der Tod kommt nicht gegangen, sondern schreitet vorüber an dem Rotköpfchen und seiner Süße.
   Will sie haben. Muss sie haben!
   Es ist an der Zeit, in Kontakt mit ihr zu treten.

Unter der Dusche genießt er die Vorfreude auf seinen ersten offenen Besuch auf ihrem Profil. Er merkt nicht, dass er brüllend rezitiert: »Pflücke die Knospe, solange es geht, und die Blüten, wenn sie noch prangen … Pflücke die Knospe, solange es geht, und die Blüten, wenn sie noch prangen … Pflücke …”
   Still, brüllt Vater in sein Innenohr, sei endlich still.
   Er ist still.

Kapitel 4
Le Pecharou

»Mann, siehst du da klasse aus!« Juno gibt mir das Handy zurück, nachdem sie mit der Kamera frühmorgendliche Schnappschüsse von unserer verschlafenen Gesellschaft geschossen hat. Sie redet von dem Video, das ich vergangene Nacht an Eliah geschickt habe. Juno kann es nicht lassen, hin und wieder in den Messages an meinen Bruder zu schnüffeln.
   »Findest du?« Vor Freude vergesse ich, mich über sie aufzuregen.
   »Sonst würde ich es nicht sagen.« Sie pickt eine Sequenz heraus und erstellt einen Screenshot. »Das gefällt mir besonders.«
   »Zeig her.« Lena sieht mir über die Schulter. »Juno hat recht. Weißt du was? Das solltest du bei meetMe! reinsetzen.«
   »Spinnst du? Da habe ich bloß ein Hemd an«, wehre ich ab. Doch insgeheim freue ich mich über die Komplimente.
   »Na und?« Lena runzelt verständnislos die Stirn. »Das ist harmlos. Andere zeigen viel mehr. Ob sie es sich leisten können oder nicht.«
   »Das stimmt«, pflichtet Sofie ihr bei. »Und du kannst es dir leisten. Außerdem gefällt’s den Jungs.«
   Juno steht auf. Sie singt Stupid Girl und tanzt dazu herum. Lena und Sofie springen auf und tanzen ebenfalls. Also mache ich auch mit. Wir verrenken uns und schnaufen bald. Besonders Lena, die ein paar Pfunde zu viel wiegt. Wir singen, das heißt, meistens summen und trällern wir, weil wir den Songtext längst vergessen haben, aber leise, um im Nebenzimmer Leif nicht auf uns aufmerksam zu machen.
   Obwohl das schade ist.
   Schließlich lassen wir uns lachend auf die Luftmatratzen plumpsen.
   »Du siehst auf jeden Fall gut aus«, keucht Lena. »Und das gehört einfach dazu.«
   »Was gehört wozu?«, fragt Juno.
   »Ein tolles Bild zu einem gescheiten Profil.« Lena zuckt mit den rundlichen Schultern. »Na ja, das sieht man doch überall.«
   »Passt mal auf!« Mit ein paar Griffen hat Sofie Lenas Computer eingeschaltet und das Foto auf meine Profilseite gestellt, direkt über meinem Nickname. Der lautet Le Pecharou und setzt sich aus Le Petit Chaperon Rouge zusammen. Le Petit Chaperon Rouge, das bedeutet Rotkäppchen.
   Meine Patentante, Wahlpariserin nach Heirat und Mamas beste Freundin, nennt mich so. Als sie uns nach der Entbindung im Krankenhaus besuchte, fand sie, mein Haar gliche einem roten Mützchen. Peng, hatte ich den Spitznamen weg. Eliah hat später den Nickname Le Pecharou daraus gemacht. Er gefällt mir wahnsinnig gut.
   Juno, Lena und Sofie sehen erst auf mich und danach auf das Foto, das auf dem Bildschirm noch klarer und größer ist. »Mannomann, das gefällt bestimmt jedem«, sagt Sofie. »Darauf verwette ich meinen Arsch.«
   Wir kichern wieder.
   Aber irgendwo ganz tief in meinem Bauch, da grummelt ein Unwohlgefühl.

Als ich am Sonntagnachmittag nach Hause komme, liegt eine Nachricht auf dem Küchentisch. Mama ist mit Nicole und Martin im Gartenrestaurant Tante Amanda.
   Ich habe das Haus für mich allein. Obwohl ich zu solchen Gelegenheiten nie was Besonderes mache, finde ich es wundervoll. In meinem Zimmer hält Eddie ein Katzennickerchen auf der Schlafcouch. Er bewegt die Ohren, als er meine Schritte hört. Ich kraule ihn unter dem Kinn, worauf er sich genüsslich auf den Rücken dreht und mir seinen flauschigen, gepunkteten Fellbauch präsentiert. Für meine Streicheleinheiten werde ich mit lautem Schnurren belohnt.
   Ich setze mich an den Schreibtisch, schalte mein Laptop ein und reiße vor Überraschung den Mund auf.
   Klar, es ist Wochenende. Und es macht Riesenspaß zu chatten. Aber es herrscht ein Sahnewetter, deshalb habe ich nicht erwartet, dass derart viele Leute vor dem PC hängen. Aber es ist so. Ich habe etliche Kommentare für mein Foto erhalten. Vor allem von Jungs! Die meisten kenne ich. Zum Beispiel Leif, der mit zwanzig eigentlich kein Junge mehr ist und sich Still Waters run Deep nennt. Er hat mir bisher selten ein Wort gegönnt. Nun hat er Folgendes hinterlassen:
   deine nase kräuselt sich jedes mal, wenn du lächelst.
   Meine Nase? Na prima. Nie habe ich darüber nachgedacht, ob Leif sich mein Profil sooo genau anschaut. Vermutet hätte ich es nicht. Doch Nomen est Omen; stille Wasser sind tief. Ruhig und ein wenig schwierig zu durchschauen. Ein bisschen geheimnisvoll. Verzwickt. Man kann schwer sagen, was sie nicht sehen lassen. Wie Leif.
   Meine Bildschirmnase kräuselt sich tatsächlich. Hastig nehme ich meinen Kosmetikspiegel aus der Schublade und lächele hinein. Ich lächele verhalten, breit, mit verdeckten und entblößten Zähnen. Ich lächele geziert, lustig, lieb, strahlend und ich lächele cool, schräg und – wie ich hoffe – verführerisch. Jedes Lächeln beschert das gleiche Ergebnis: Meine Nase kräuselt sich. Wieso hat mir das bisher keiner gesagt?
   Ich bin unsicher, ob ich Leifs Kommentar mag. Andererseits will ich nicht zickig sein. Er bekommt, in Ermangelung eines Krausnasensmileys, ein freches Knollennasengrinsen. ;o)
   Dafür hat ein anderer Typ, Truelover, etwas ganz Besonderes geschrieben. Etwas, bei dem ich es nicht lassen kann, es wieder und wieder aufzurufen. Das ich zehnmal, zwanzigmal lese.
   dein bild ist der wahnsinn! du bist wahnsinn! hörst du mein <3?
   DU bist das mädchen, das mich verzaubert. ich bin hin und weg!
   die ganze art und weise, wie du dich gibst! so krass, dass ich mich frage, wie es nur vom anschauen sein kann, dass …
   Ich presse eine flache Hand auf mein Brustbein, um das wild gewordene Organ dahinter zu beruhigen. Es klappt nicht. So etwas irrsinnig Tolles hat noch keiner zu mir gesagt. Ich fühle mich ganz besonders wie jemand Großartiges. Jedenfalls nicht wie eine mit einer Krausnase. Es ist ein wenig atemberaubend. Wie in einem dieser Filme, in denen sich das Mauerblümchen zur Beauty wandelt, bei der sich ein Typ wie Truelover nur vom Anschauen fragt, wie es sein kann, dass … Was?
   Und ob ich sein Herz höre? Jedenfalls höre ich mein Blut. Es dröhnt mir wie ein Wasserfall in den Ohren. Allein vom Lesen geschieht das. Ausgerechnet mir, einer zukünftigen Drehbuchschreiberin. Das ändert sich auch nicht bei Junos Kommentar, Truelover wäre ein Spinner und sie könne mir nur raten, ihn nicht weiter zu beachten.
   Ich speichere seine Zeilen ab. Mit vor Aufregung flatternden Händen rufe ich sein Profil auf. Es ist frisch, eigentlich brandneu, erst wenige Stunden alt.
   Truelover. Wahrer Liebhaber. Treuer Geliebter. Kitschig, oder? Gefällt mir trotzdem! Er hat zwei Fotos von sich eingestellt. Auf dem einen ist er von hinten aufgenommen. Mit freiem Oberkörper. Sein Rücken ist gerade und gebräunt.
   Truelover trägt verblichene Jeans. Er ist schlank, ohne mager zu sein. Die Schultern sind breit, die Arme muskulös, aber nicht übertrieben. Auf dem rechten Schulterblatt trägt er eine Tätowierung. Es sind vier Pfotenabdrücke. Eine Fährte. Sein braunes Haar wellt sich ein bisschen im Nacken. Die Hände stecken in den Arschtaschen seiner Jeans.
   Das andere, bruchstückhafte Foto, ist wie ein unvollständiges Puzzle gestaltet. Etwas in der Art habe ich noch nie gesehen. Richtig geheimnisvoll!
   Die Teilchen mit den Brauen, dem rechten Auge, der Nasenpartie, dem Mund, seinen Ohren sowie ein kleiner Teil der Stirn und des Kinns fehlen. Kenne ich dieses schmale Gesicht? Mal kommt es mir vertraut vor, dann nicht. Es macht mich kribblig.
   Das linke Auge schaut unter einem halb gesenkten Lid hervor. Ein bisschen traurig. Der Halbmond seiner Iris erscheint wie aus poliertem Honigkalzit, raubtiergolden. Möglicherweise liegt es an der Art der Aufnahmen. Aber ich glaube, er könnte älter sein als ich. Ein bisschen. Na und? Was macht das schon! Mama ist fast acht Jahre jünger als Papa. Die Kleckserin ist zwölf Jahre älter als ihr neuer Freund, das weiß ich von Sofie. Also, was soll’s?
   Obwohl ich mich eben noch gewundert habe, wie viele Leute bei dem Frühlingswetter vor dem Computer sitzen, beschäftige ich mich den Rest des Nachmittages selbst in der Community. Dauernd schlägt das akustische !OHOH! an, mit welchem jeder neue Chateingang gemeldet wird. Nachrichten kommen herein oder ich verschicke welche. Es gibt viel zu lesen und zu entdecken.
   Zum Glück ist Mama noch im Biergarten, da kriegt sie nicht mit, wie lange ich vor dem Computer sitze. Mit Sicherheit hätte sie was zu meckern. Aber ich kann keinesfalls weg! Ich muss bleiben und auf ihn warten.
   Alle paar Sekunden kontrolliere ich, ob eine Nachricht da ist. Es treffen etliche ein. Komplimente und Sprüche wie: scharfes bild, voll hammer!!! – superschnitte – echt süüüß – man sieht keine titten – you made my day – du könntest voll als Modelkandidatin bei einer Show mitmachen und ähnliches Zeug.
   Erst, als ich die Haustür höre und danach Mama, wie sie zu mir heraufkommt, fällt mir auf, dass es langsam dunkel wird. Sie klopft und kommt herein, um sich zurückzumelden.
   Voller Begeisterung zeige ich ihr mein neues Foto.
   »Das wirst du löschen, Eleni, aber sofort«, brüllt sie. »Sag mal, spinnst du? Da wirkst total herausfordernd. Wer weiß, wer sich das anschaut. Irgendwelche … irgendwelche Perverse womöglich!«
   Sie sieht beinahe erschrocken aus. Also echt, die rafft überhaupt nichts! Natürlich hüte ich mich, das laut zu sagen, und ich gebe mir die allergrößte Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich insgeheim sehr zufrieden über ihre Bemerkung bin.
   »Na und? Da ist doch nix dabei«, wiegele ich ab. »Ich finde es sehr schön.«
   »Okay, es ist schön«, gibt sie zögernd zu. »Du siehst hübsch aus. Aber ich finde dich zu aufreizend, tut mir leid. Papa wird das ebenso sehen, wenn er am Mittwoch kommt. Also nimm es raus.«
   »Was? O Mann, Mama, das macht doch jeder! Du weißt echt null über solche Seiten. Wirklich, du hast keine Ahnung!«
   »Wovon? Posings dieser Art? Ich habe genug mitgekriegt, um zu wissen, was für Konsequenzen das nach sich ziehen könnte. Auch für deine Zukunft, Eleni! Auf spätere Arbeitgeber wirkt das unseriös, ja geradezu billig.«
   »Bis dahin dauert es noch Jahre, da ist das längst verschwunden! Außerdem weiß ich das. Deshalb poste ich keine freizügigen Fotos! Und das ist nicht freizügig. Also bleibt es drin!«
   »Du bist erst sechzehn.« Mama bemüht sich, ihre Autorität geltend zu machen und gleichzeitig verständnisvoll zu sein. »Versteh mich richtig, wenn ich solche Dinge von dir erbitte, tue ich das für dich.«
   »Für mich? Besten Dank! Du tust das für dich! Wahrscheinlich bin ich dir peinlich. Du schämst dich fremd, wenn es einer deiner Kunden oder ein Nachbar sieht. Womöglich die alte Tratschtante von nebenan.«
   »Ach, Unsinn! Ich habe dir erklärt, warum ich das nicht möchte. Aber lassen wir die Diskussion. Sie führt zu nichts.« Jetzt strotzt meine Mutter vor Erziehungsdrang. »Sagen wir einfach: Du wohnst unter unserem Dach. Du bist noch keine achtzehn. Also tust du gefälligst genau das, was wir von dir verlangen. Basta!«
   »Wir? Papa …«
   »Basta!«
   Sie greift zur Türklinke, scheint sich jedoch zu erinnern, dass sie etwas vergessen hat. »Ach ja«, sagt sie versöhnlicher, »ich möchte, dass du in einer halben Stunde zum Abendbrot runterkommst.«
   Ihre Augen sind dunkel, ihre Wangen glühen. Sie hasst Streit. Ich sehe das aufgeregte Flattern ihrer Lider. Wie von einem heftigen, elektrischen Impuls. Fragend hebt sie die Brauen.
   »Ich bin rechtzeitig unten.«
   »Okay, fein.« Ihr Lächeln heischt um Verständnis.
   Und ich verstehe sie. Irgendwie. Es ist eine ganz einfache Rechnung: Vergangenheit + Sorge + böse Vorahnungen + Beschützerinstinkt = nicht aufzuhaltende Kettenreaktion. Und am Ende der Kettenreaktion stehen übertriebene, mütterliche Beschützermaßnahmen.
   Mama weiß, dass sie gelegentlich überreagiert. Auch vier Jahre nach Jules Tod passiert ihr das noch. Sie versucht, dagegen anzukämpfen. Schließlich geht das Leben für die Lebenden weiter, wie unfassbar und banal das auch klingen mag. Sogar für Nicole und Martin, die den kleinen Benny bekommen haben. Also bemüht sich Mama, nicht schwarzzusehen. Was besser und besser klappt, dennoch schafft sie es nicht jedes Mal, locker zu bleiben.
   Heute nicht.
   Denn da ist ihre heimliche Furcht, dass eine weitere Katastrophe unsere Familie heimsuchen könnte. All das weiß ich, weil ich mehrmals mit Papa darüber gesprochen habe. Deshalb lächele ich zurück.
   Arme Mama!
   Überall wittert sie Unheil.

Beim Abendessen vermeiden wir das Fotothema. Seit Jules Tod tun wir alles, um nicht im Unmut auseinanderzugehen oder den Tag im Groll zu beenden. Schließlich weiß man nie, ob es das letzte Mal ist, dass man beisammen ist.
   Später schauen wir uns einträchtig Verbotene Liebe an. Eddie liegt mit uns auf der Couch. Es ist urgemütlich und ich hoffe, dass die Community-Sache ausgestanden ist.
   Mama wird es bis Mittwoch schlicht und einfach vergessen haben und Papa deshalb nichts darüber sagen. Und ich werde einen Teufel tun und sie daran erinnern.
   Als ich zu Bett gehe, ist es draußen genauso dunkel und kühl wie in mir drin. Denn ich habe zwar noch einige Messages erhalten. Aber die ersehnte ist nicht dabei.
   Ich schicke Eliah einen Gruß, bevor ich Truelovers Worte ein letztes Mal lese:
   dein bild ist der wahnsinn! du bist wahnsinn! hörst du mein <3?
   DU bist das mädchen, das mich verzaubert. ich bin hin und weg!
   die ganze art und weise, wie du dich gibst! so krass, dass ich mich frage, wie es nur vom anschauen sein kann, dass …
   Dass … Was?
   Ich klebe an der Frage und an jedem verzuckerten Wort, nehme es mit in den Schlaf und träume von Goldaugen in geheimnisvoller Dunkelheit und einer Flüsterstimme. »Hörst du mein Herz? DU bist das Mädchen, das mich verzaubert … verzaubert … verzaubert …«
   Die Traumzauberflüsterstimme ist tief, dominant, verführerisch, sie ist süß und weich zugleich.
   Sahnekaramellig.

Ich träume noch am nächsten Tag und laufe sogar nach dem Duschen wie eine Schlafwandlerin herum. Mama fällt es nicht auf, weil ich eh ein wortkarger Morgenmuffel bin.
   In der Schule kann ich eine Matheaufgabe, die ich an der Tafel lösen soll, nicht rechnen, aber Mathe ist eh nicht mein Fach. In Französisch habe ich viele der Vokabeln vergessen, die wir als Hausaufgaben aufhatten, und die ich bis zum Erbrechen gepaukt habe. Das Theater, das meine Lehrerin aufführt, weil ich bereits die Dritte bin, die behauptet gelernt zu haben und den Stoff trotzdem nicht beherrscht, perlt an mir ab wie Wassertropfen an gefetteten Schwanenfedern.
   In der Pause stehe ich wie einer der Bäume herum: stumm und steif und mit dem Kopf in den Wolken. Sofie stößt mich an.
   »Sag mal, hast du was eingeworfen? Du läufst durch die Gegend wie die Kleckserin auf Gras.«
   Juno kontrolliert meine Pupillen. Entschieden schüttelt sie den Kopf. »Scheint nur eine Montagslethargie zu sein.«
   Ich stimme zu. Fasele was von schlecht geschlafen, mieser Laune und dass ich lieber für mich wäre. Ich fauche ein bisschen herum. Noch bin ich nicht bereit, mit meinen besten Freundinnen über Truelover zu reden und zuzugeben, dass er mich wuschig macht.
   Es funktioniert. Achselzuckend schlendern sie zur Raucherecke und lassen mich in Ruhe.
   Unsere Deutschlehrerin ist krank. Wir haben Vertretung bei Herrn Farkas. Letzte Stunde haben wir Gedichte über den Tod besprochen. Heute ist die Liebe dran. Farkas hat sich für Willst kommen zur Laube von Thomas Moore entschieden.
   Lena ist anhimmeleifrig bei der Sache. Klar, wo ihr Schwarm da vorn steht und über die Liebe spricht. Sie hebt die Steigerung in den vier Strophen hervor: Während der Schwerverliebte seine Herzensdame in der ersten Strophe noch fragt: »Willst du, willst du, willst du, willst du – Kommen, mein Lieb?«, fragt er in der zweiten, ob sie lächeln will. In der dritten ist bereits das Küssen dran und in der vierten Strophe wird das Liebchen gefragt: »Willst du, willst du, willst du, willst du – Willst, mein Lieb?«
   Lena meint, dass an dieser Stelle die Frau nicht bloß umgarnt wird, zur schattigen Laube zu kommen. Sondern dass es sich um eine versteckte Anfrage handelt, ob sie mit dem Mann schlafen will. »Hier geht es um Sex«, sagt sie und fügt herausfordernd hinzu, »ums Bumsen.«
   Die ganze Klasse lacht.
   Farkas lacht auch. Plötzlich finden alle die Diskussion interessant und versuchen, die Strophen zu deuten. Geht es nur um Liebe oder geht es auch um Sex?
   Mich interessieren irische Dichter des neunzehnten Jahrhunderts wenig. Ebenso ihre Werke. Gedichte sind allgemein nicht mein Ding. Ich lese lieber Sätze, die nicht auf einem Arbeitsblatt abgedruckt sind. Trueloverkribbelworte, die ich zu deuten versuche:
   dein bild ist der wahnsinn! du bist wahnsinn!
   hörst du mein <3?
   DU bist das mädchen, das mich verzaubert.
   ich bin hin und weg!
   die ganze art und weise, wie du dich gibst!
   so krass, dass ich mich frage, wie es nur vom anschauen sein kann, dass …
   Dass … Was, was, was?
   Farkas Blicke ignoriere ich und lasse die Stunde weiter an mir vorüberziehen.
   Später, als wir Handball haben, ziehe ich versehentlich Lenas Turnschuhe an, die in der Umkleide neben mir sitzt und quatscht und quatscht. »Hast du bemerkt, wie er mich angeschaut hat? Und dass er mich immer drangenommen hat?« Solche Sachen. Bis ich ungeduldig frage, ob sie nicht mal für fünf Minuten die Klappe halten kann.
   Danach herrscht Funkstille zwischen uns. Auch gut!
   Nach dem Handball dusche ich zu lange, weshalb ich die Letzte bin, die neben der ungeduldigen Sportlehrerin das Gebäude verlässt. Natürlich verpasse ich daraufhin meinen Bus. Na, klasse! Und von den Mädels hat keines auf mich gewartet. Wen wundert’s, wo ich deutlich gemacht habe, dass ich gern für mich wäre, und Lena angeschnauzt habe.
   Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich richtig bei mir und diesmal habe ich wirklich schlechte Laune. Obwohl das Schulzentrum Gymnasium, Real- und Hauptschule vereint, ist es hier ziemlich leer, sobald die letzten Busse abgefahren sind. Ich bin gerade auf dem Weg zur regulären Bushaltestelle, als ein schwarzer Mini neben mir hält.
   »Steig ein, ich nehme dich mit.«
   Leif! »Oh. Äh. Klasse!«, presse ich hervor. »Danke dir!«
   »Schon okay.«
   Dankbar lasse ich mich neben ihm in die Polster fallen. Schweigend sitzen wir da. Die Stille wird mir bald zu still. Leif offenbar auch. Jedenfalls ist er zapplig. Seine Hände umschließen das Lenkrad so fest, dass die Fingerknöchel hölzern hervortreten.
   Wie bei geschnitzten Christushänden.
   Oder ist er wegen seiner gestrigen Bemerkung über meine gekräuselte Nase nervös?
   Sehr schmeichelhaft fand ich die nicht … Obwohl er es gut beobachtet hat, das muss ich zugeben. Ein sehr aufmerksamer Bursche.
   Zum Glück stellt der aufmerksame Bursche, dessen dunkle Bartschatten verraten, dass er sich heute nicht rasiert hat, Musik an. Die Lautstärke macht es unmöglich, sich zu unterhalten, sodass keine Peinlichkeit aufkommt. Leif hängt seinen eigenen Gedanken nach. Das zeichnet sich in seinem Mienenspiel ab. Vermutlich denkt er über die Abiklausuren nach. Schließlich stehen die letzten Prüfungen an.
   Ursprünglich war er in Eliahs Jahrgangsstufe. Aber weil seine Noten dermaßen im Keller waren, wiederholte Leif das vorletzte Schuljahr freiwillig. Von Lena weiß ich, dass er ab September sein Studium an der Fachhochschule des Bundes aufnehmen wird. Er will zum Bundesgrenzschutz, hat sogar einen Motorradführerschein gemacht und geht ständig zum Kampfsport.
   Hin und wieder spüre ich Leifs Blick auf mir. Seine Augen haben einen hellen Karamellton und sind von dichten, langen, kakaobraunen Wimpern umgeben. Wozu haben Kerle solche Wahnsinnswimpern? Als ich einen dieser weichen Karamellblicke auffange, wendet Leif sich abrupt ab und konzentriert sich übertrieben auf den Verkehr. Als wäre die Dörwerstraße der Ruhrschnellweg zur Hauptverkehrszeit.
   Seltsam.
   Noch seltsamer, dass mir eigenartig zumute ist.
   Pricklig.
   Hallo!, rufe ich mir ins Gedächtnis. Geht’s noch? Das ist Leif! Eliahs alter Kumpel, Lenas Bruder, den du seit Ewigkeiten kennst!
   »Da wären wir.« Leif hält gerade lange genug vor unserem Haus, dass ich es schaffe, auszusteigen. Ich kann mich nur knapp bedanken, so eilig hat er es, wegzukommen.
   Die Pätsch hängt am Fenster und späht zu uns. Natürlich. Ich winke ihr zu und die Tratschtante macht gar nicht erst den Versuch, sich unsichtbar zu machen, sondern winkt munter zurück.
   Mama ist noch im Gänseblümchen. Also stürme ich sofort in mein Zimmer und gehe online, nur um festzustellen, dass Truelover nicht im Chat ist. Und falls er es war, hat er keine Nachricht hinterlassen.
   Da ist ein Kratzen der Enttäuschung hinter meinem Kehlkopf. Ich trinke ein Glas Wasser und schlucke das Kehlkopfkratzen mit runter. Na ja, er musste wahrscheinlich zur Schule oder Arbeit, zur Uni … Was weiß ich.
   Lustlos erledige ich einen Teil meiner Aufgaben. Es folgen Abendessen mit Mama, Schmusen mit Eddie und wieder Aufgaben. Zwischendurch lege ich mich auf die Couch und höre auf meinem IPod Heaven von The Fire Theft.
   Meine Seele driftet unter der Zimmerdecke dahin. Mein Kopf ruht auf meinen Armen. Mein Verstand träumt von Truelover und einer Zaubertraumstimme.
   Wie er wohl aussieht? In meiner Vorstellung versuche ich, das Puzzle seines Gesichts zusammenzufügen, indem ich die fehlenden Teilchen mithilfe meiner Fantasie ergänze.
   Es gelingt mir nicht.
   Mama wundert sich über die vermeintliche Masse an Hausaufgaben. Dabei brauche ich lediglich dreimal so lange wie gewöhnlich, weil ich dauernd im Chat bin.
   Truelover taucht nicht auf.
   Erst, als ich am späteren Abend endlich mit dem Schulkram durch bin und mich damit abgefunden habe, dass der Typ mich verarscht hat, kurz vor dem Zubettgehen meldet sich Truelover!
   … ich mich so sehr in ein rosenrötemädchen verliebe?
   voll verknallt! mein <3 explodiert, wenn ich dich betrachte.
   ich melde mich morgen abend wieder. gleiche zeit. – wenn ich darf?
   Rosenrötemädchen.
   Oh!
   So hat mich bisher niemand genannt. Das gefällt mir besonders. Rosenrötemädchen. Viel besser als kräuselnasig. Ich atme nicht, ich hechle fast, speichere auch diese Zeilen ab und antworte in aller Lässigkeit, wie ich hoffe.
   wie du willst …
   Da meldet das wohlvertraute !OHOH!, dass eine weitere Nachricht eingegangen ist. Sie ist von IHM:
   @ --}---
   Eine Rose!
   Meine erste!
   Wie süß, wie romantisch ist das denn? Zwar ist es eine virtuelle Rose. Trotzdem! Es zählt. Außerdem sticht sie wenigstens nicht. Und wird niemals welken.
   Ich muss ihm antworten, ich will ihm antworten. Aber kurz nur, ganz kurz. Er braucht nicht zu wissen, wie aufgedreht ich bin! Meine kalten Finger sind weich und glitschig wie schmelzendes Wassereis. Ich kann kaum die Tastatur bedienen. Trotzdem gelingt es mir, ein Lachen an Truelover zu senden: :-)
   Und rasch eins an Eliah.
   Danach schreibe ich beide Truelover-Posts in Schönschrift in meinen Collegeblock, wo ich sie mit mir herumtragen kann. Im Gegensatz zu Französischvokabeln kann ich diese Zeilen binnen Augenblicken auswendig.
   Ich bedecke mein erhitztes Gesicht mit beiden Händen. Hätte ich ein Tagebuch, würde der Eintrag heute lauten: Liebes Tagebuch, wie lang können vierundzwanzig Stunden eigentlich sein?
   Gähnend knipse ich die Nachttischlampe aus. Wider Erwarten sind meine Gedanken vor dem Einschlafen nicht bei Truelover und mir, dem Rosenrötemädchen. Sondern bei Eddie, der es sich an meinem Fußende bequem gemacht hat. Er knurrt ein ungehaltenes Grollen, weil irgendwo da draußen ein Hund wölfisch jault. Zu volltönend, als dass es Tracy sein könnte.
   Eddies Knurren folgt ein Fauchen.
   Als wollte er wen vertreiben.

Kapitel 5
Insomnia

Jaulen.
   Es ist drei Uhr fünfzehn, als Eliah erwacht. In der Ferne wird ein lang gezogenes Heulen ausgestoßen; als wenn ein Hund den Vollmond anheult. Oder ein Wolf. Nur, dass kein Vollmond ist und es hier keine Wölfe gibt.
   Aus dem durchdringenden Ton schließt Eliah, dass es ein verdammt großes Vieh sein muss. Und dann, urplötzlich, ist es vollkommen ruhig. Als hätte Jules Gegenwart oder das Flimmern, das ihr Erscheinen manchmal ankündigt, das Tier zum Verstummen gebracht.
   Sie war doch erst gestern da, denkt Eliah, und vorgestern. Und die Nacht davor.
   Er bildet es sich ganz sicher nicht ein, dass seine Halluzinationen an Häufigkeit zugenommen haben. Ergeben setzt er sich auf. »Jule.«
   Natürlich erhält er keine Antwort. Die Hypnopompe bricht das Schweigen nie, so sehr er auch halluziniert, sie würde ihre geschlossenen Lippen bewegen und reden. Manchmal wünscht er sich, sie verschwände auf Nimmerwiedersehen. Und ist danach über seine Gefühllosigkeit erschrocken.
   Aber mit jedem Julehologramm beginnt der gleiche Wahn von vorn: Er schaut sie an – sie durch ihn hindurch. Er redet – sie schweigt. Er bleibt – sie entschwindet. Es ist und bleibt ein Scheißspiel!
   Trotzdem zieht er mit. Weil es letztlich schwerer ist, sich von ihr abzuwenden, als es nicht zu tun. Auch wenn sie lediglich ein Trugbild ist. Außerdem glaubt er, dass er die Qualen verdient hat. Also nimmt er es hin, leidet und behält alles für sich.
   »Genau wie damals«, sagt er. »Als du angefangen hast, dieses beschissene Grün zu tragen. Weißt du noch?« Eliah steht auf, geht zu ihr, stellt sich direkt vor sie und betrachtet zögernd das Bücherregal durch das kahlköpfige Mädchen hindurch.
   »Diese Kleidersache … wir haben kein Wort mehr darüber verloren, nachdem ich dich gefragt hatte und du mir ausgewichen bist. Aber die erste Zeit danach habe ich darüber nachgedacht. Und da sind mir noch ein, zwei Dinge aufgefallen, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Zum Beispiel die vielen Stunden, die du vor dem Computer verbracht hast, obwohl du kaum für deine Freundinnen oder mich zu erreichen warst. Und später dann das andere Extrem, als du nur noch unterwegs warst. Die Waldspaziergänge, die du allein unternommen hast.«
   Wie aufs Stichwort strömt er wieder auf, dieser waldige Geruch ihres Parfüms. Eliah rümpft die Nase, als er ihn wahrnimmt. Aber wenn er Jule jetzt riechen kann, ist es vielleicht auch möglich, sie zu berühren …
   Und dann, es passiert von einer Sekunde zur anderen, in dem kurzen Augenblick, in dem er blinzelt, hat Jule keine Glatze mehr. Sie trägt das Haar lang und offen, es fällt ihr ein bisschen ins Gesicht. Genau wie früher.
   Er fährt zurück und die Wahnjule leuchtet flüchtig heller auf, ehe ihre Erscheinung wieder matter wird. Wie eine Glühbirne bei Spannungsschwankungen. Bis auf ihr Haar, das wie ein Notsignal weiterglüht. Es blendet seine Augen.
   Interessant. Es sieht stofflich aus. Zögernd streckt er die rechte Hand aus und bewegt seine Finger vor dem Gesicht des Schemens, als wollte er prüfen, ob Jule blind ist.
   Sie bleibt unverändert.
   Er greift nach ihrer Schulter und das Ergebnis holt ihn schlagartig auf den Boden der Tatsachen zurück. Natürlich ist da nichts Greifbares, er stößt auf keinen Widerstand. Und selbstverständlich gibt es auch keinen Geruch, nicht wahr? Der Duft ist ebenfalls Wahn.
   Er geht ein paar Schritte rückwärts. »Ich dachte darüber nach, wie du dich verändert hattest. Aber ich dachte nicht sehr lange darüber nach. Das muss ich zugeben.« Hätte er das sagen sollen? Er beißt sich auf die Zunge, kurz und heftig, sodass es ein bisschen blutet.
   »Was hast du erwartet?«, fährt er fort. »Ich war noch keine siebzehn, da war anderes interessanter als dein Benehmen. Du zum Beispiel.«
   Eliah erinnert sich an einen ganz bestimmten Abend, an dem Jule bei ihnen übernachtete, was gelegentlich vorkam. Sie schlief bei diesen Gelegenheiten mit in Elenis Bett, leider nicht in seinem. Er konnte die beiden die halbe Nacht reden hören, wenn er sich direkt vor die Zimmertür stellte. Einmal schnappte er ein paar Worte von Jule auf, die er erst auf Leif bezog. Und dann, als sie fortfuhr, auf sich.
   »Es ist nicht unbedingt falsch, mit ihm zusammen zu sein. Aber verzwickt. Und außerdem tabu. Deswegen werde ich dir nichts über ihn erzählen.«
   Glück überrieselte ihn, während die zwei da drinnen kicherten, bis Eleni den Fernseher einschaltete. Dauernd hatten sie was zu tuscheln und zu giggeln. Meistens verstand er nicht, worüber sie sprachen. Ihm war schleierhaft, was sie sich trotz des Altersunterschieds zu erzählen hatten.
   Anfänglich wagte er nur kurze, verstohlene Blicke durch das Schlüsselloch. Oft konnte er sehen, wie Jule dalag und schlief. Tief und fest, weich und bewegungslos. Dieser Anblick machte ihn ganz schwach. Meist hing ihre Hand über das Bett, und er malte sich aus, wie er nach der Mädchenhand griff und damit sanft über seine Shorts fuhr.
   Doch obwohl seine Wangen brannten, beobachtete er Jule bald mit weniger Hemmungen. Mehr als einmal zog er der Schlafenden in Gedanken die Bettdecke fort, fuhr federleicht mit einem Finger ihre Scham entlang, koste sich ihren reglosen Körper hinauf, verwöhnte sie, drehte sie sachte auf den Bauch, um von hinten in sie …
   Einmal schlug Jule die Augen auf, als er Idiot mit der Stirn gegen das Türblatt prallte. Und als sie sich in Richtung Tür drehte, zog er sich eilig zurück.
   Am nächsten Tag musste er ihren Blicken ausweichen, aus Furcht, sie könnte in seiner Miene lesen wie in einem offenen Buch. Und in dem Buch stand in Fettdruck, dass Eliah ein Spannerschwein war.
   Manchmal hatte er sich gefragt, wie sie reagieren würde, wenn sie davon wüsste. Bestimmt fände sie ihn pervers. Und sie hätte etwaige Annäherungsversuche völlig ignoriert.
   »War ich abartig?«, fragt er seine hypnopompe Jule mit heißem Kopf. »Zumindest schamlos, oder? Na ja, ich verlor ein bisschen die Kontrolle.«
   Ihr Gesichtsausdruck ändert sich nicht.
   »Es ist so leicht, die Kontrolle zu verlieren, Jule.«
   Keinen Laut gibt sie von sich. Nichts, woran er sich festhalten könnte. Nur ihr Haar lodert röter. Mit einem Kopfschütteln wendet er sich ab, um noch eine oder zwei Stunden unter seine ausgekühlte Decke zu kriechen.
   Die Hypnopompe steht weiter beim Fenster. Reglos und mit Düsterblick. Sie wirkt ebenso finster und verloren, wie sich Eliah vorkommt. Am Ende ist sie verschwunden.
   Nichts zu sehen. Nichts zu greifen. Nichts zu riechen.
   Nichts.
   Bloß ein eigenartiger Nachhall in seinem Kopf bleibt zurück, ein Echo ihrer Worte von damals, als sie ihm sagte: »Wenn du unbedingt auf jemanden ein wachsames Auge haben willst, dann auf deine kleine Schwester.«
   Wieso fällt ihm das jetzt ein? Und weshalb geht es ihm nicht mehr aus dem Sinn?
   Nach dem Aufstehen und Duschen denkt er immer noch an die Worte. Er muss beim Rasieren daran denken, in der Bahn, während der Vorlesungen und am Mittag in der überfüllten Mensa. Sogar als Jenny Walker sich zu ihm setzt, ist das Echo noch da. Selbst abends zu Hause, als er sich auf eine Klausur vorbereitet, lässt es ihn nicht los.
   »Wenn du unbedingt auf jemanden ein wachsames Auge haben willst, dann auf deine kleine Schwester.«
   Er schaut auf seinen Collegeblock, auf den Satz, der da steht, auf den Stift in seiner Hand und die Schrift, die gar nicht wie seine aussieht: Jeder hat eine Leiche im Keller.

Kapitel 6
Dunkelwolf

Erst mittags, in der dritten großen Pause, entdeckt er Eleni auf dem Schulhof. Sie steht mit Juno, Lena und Sofie unter den Bäumen.
   Seine Blicke, zuerst hinter sich, anschließend kreuz und quer über das Gelände huschend, sind verstohlen, als er in ihre Richtung schlendert. Langsam nähert er sich dem Grüppchen, langsam nähert er sich ihr. Er hat nie vorgehabt, Eleni während zufälliger Begegnungen nahezukommen, noch dazu, wenn sie in Gesellschaft anderer ist. Oder überhaupt in der Öffentlichkeit. Der Entschluss fällt spontan, weil er sie in den anderen Pausen nicht finden konnte. Er muss in ihrer Nähe sein.
   Will sie haben. Muss sie haben!
   Gemächlich passiert er die Freundinnen, die ihm wenig bis keine Beachtung schenken. Lediglich Lena lächelt ihn an. Ein Gruß, dem er mit nachlässigem Nicken betont gleichmütig begegnet.
   Juno redet auf Eleni ein. Die Fetzen, die ihm zufliegen, verraten, dass sie die Freundin drängt, die Finger von einem Typ wie Truelover zu lassen, den sie beunruhigend findet.
   »Am besten sperrst du ihn«, hört er sie sagen und fühlt kalte Wut. Eleni, in engen Jeans und mit bloßen Armen, stellt sich auf eine der Bänke, während sie Juno zuhört. Als wollte sie den Abstand zu ihren Worten vergrößern. Da fährt der Wind in ihr offenes Haar und wirbelt die flammenden Strähnen auf.
   Und er, der sich über den Schulhof müht, verharrt.
   Er wirft einen Blick zu dem Mädchen mit den Rosenrötehaaren, das dort oben wie eine antike Alabasterskulptur steht. Hell, regungslos, bis auf das wogende Kopfhaar. Kostbares Gut mit wundersamem Eigenleben und besonderen Kräften, die ihm innewohnen. Hort der schönen Seele. Sitz der Lebenskraft, die mit dem Abschneiden in die Obhut und Macht dessen übergehen kann, der das Haar besitzt. Der dadurch imstande ist, die Seele zu sich zu rufen, sooft ihn danach verlangt und die Fähigkeit hat, sie für den Rest seiner Tage an sich zu binden.
   Bei diesem köstlichen Anblick wird er wirklich unruhig. Sein Speichel beginnt, reflexartig zu fließen. Er hat ein flaues Gefühl in der Bauchgegend. Da ist ein Hohlraum in ihm drin. Ein Loch wie bei einem leeren Magen. Seine Nasenflügel beben bei dem vergeblichen Versuch, ihre Witterung aufzunehmen. Wasser läuft ihm süß im Mund zusammen. Er stellt sich Elenis Geruch vor, ihren Geschmack, die Beschaffenheit ihrer Haut und des Fleisches unter seiner Zunge. Seine Zähne, die an ihrem Körper knabbern, seine wühlenden Hände in dieser Mähne.
   Mit nasser Zunge befeuchtet er sich die pergamentartigen Lippen. Der unentwegte Fluss in seiner Mundhöhle kommt nicht zum Versiegen. Sein Appetit ist unermesslich.
   Hör auf damit, spricht Vater mit Schärfe in der Stahlstimme, beherrsche dich!
   Vater und sein eigener Instinkt halten ihn zurück, kontrollieren zuckende, angespannte Muskeln. Sein Verstand allein ist dazu kaum mehr in der Lage, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, ihm vorzugaukeln, dass Eleni, sein Rosenrötemädchen, auf ihn zukommt, ihr Gesicht ein einziges einladendes Lächeln. Und ihr Haar tanzt ungebärdig mit dem Wind.
   Nein, spricht Vater, nein, nein, nein! Steigere dich nicht in etwas hinein.
   Er beugt sich Vater.
   Für diesmal.
   Ja, er hütet sich, nach der verheerenden Rosenröte zu greifen. Was ihm schier übermenschliche Willenskraft abverlangt. Ein Rot wie dieses hat er lange nicht gesehen. Ziemlich lange. Genau genommen, seit Pavlinka, nun ja, seit Pavlinka gestorben ist.
   Pavlinka, Pavlinka, Pavlinka – bist auf ewig für mich da!
   Es ist ein leuchtender Tizianton, der von lichtreflektierenden Kupfersträhnen durchwoben ist. Verfangen sich Sonnenstrahlen in der schimmernden Üppigkeit des Haares, stieben die Funken. Dann sieht es aus wie kochendes rotes Metall und er fragt sich, ob es heiß ist, ob er Brandblasen an den Fingern bekäme, sollte er hineingreifen.
   Die Haarfarbe ist echt. Das weiß er, weil Elenis Brauen von fast der gleichen Farbe sind. Bloß um einige Nuancen dunkler, als würden sie in den Baumschatten des Waldes liegen.
   Der Flaum auf ihren Armen dagegen ist heller und weist einen feinen Bronzestich auf. Hinreißend anzusehen auf ihrer Opalhaut. Er hofft, das Vlies ihres Venushügel führt diese Abstufung fort. Dass es weich ist anstatt kraus. Ein Fächer feinster Zauberhärchen.
   Elenis Haar ist ein verführerisches Licht, und seine heimlichen, suchenden Blicke folgen diesem Licht. An der Bushaltestelle. Auf dem Pausenhof. Auf dem Parkplatz, wenn sie mit dem Roller ankommt. Bei zufälligen Begegnungen. Auf ihren Wegen zum Waldfriedhof. Seine Blicke folgen Le Pecharou, bis sich das Leuchten ihres Haares verliert.
   Oder bis Vater sich entschlossen zwischen sie schiebt, um ihm die Sicht auf das Rosenrötemädchen zu rauben.
   Er seufzt.
   Rotköpfchen sind seine Manie. Sie besitzen etwas, das ihn verdreht. Es zieht ihn an, und er will es ganz für sich allein. Er kann einfach nicht anders! Sobald der Farbton stimmt. Er ist süchtig nach dieser bestimmten Farbe.
   Es ist keine körperliche Sucht wie Alkoholismus, Nikotinlust oder Kokainabhängigkeit oder so was in der Art.
   Doch eine psychische Abhängigkeit ist es im Grunde ebenso wenig. Wenn auch seine Psyche in Mitleidenschaft gezogen wird, klar – obwohl es ihm vorkommt, als wäre das eher ein Nebeneffekt. Ähnlich einem Kater nach einem Saufgelage oder einem Blackout bei zu vielen Drogen. Oder auch Symptomen nach der Einnahme eines Präparats mit riskanten Wechselwirkungen: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Das müsste auf den Rotköpfchen in Fettdruck draufstehen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt.
   Nein, der Teil von ihm, der süchtig ist, steckt tiefer in ihm als seine Psyche. Viel, viel tiefer. Er ist mit ihm verwoben, wie seine Zellen und Gene mit ihm verwoben sind. Dieser Bestandteil seiner Persönlichkeit ist mit keinem medizinischen Gerät zu erfassen. Es gibt kein Medikament dagegen. Kein Arzt könnte ihn heilen. Kein Psychiater therapieren. Das weiß er so sicher, wie er weiß, dass dies seine zweite Natur ist. Sein anderes Ich. Nein, niemand könnte etwas tun.
   Das letzte Gongzeichen erlöst ihn, zwingt ihn fort von der Bank. Eleni kommt herunter, und er ebenfalls. Er schluckt. Der Schweißausbruch, die Muskelverspannung und das Zittern in den Gliedern ebben ab. Mit einigem Abstand folgt er den Mädchen zurück ins Schulgebäude.
   Nicht mehr lange, tröstet er sich, dann wird es einen neuen Chat geben, mit all seinen Überraschungen und Freuden. Ach, Rosenrötemädchen!
   Will sie haben. Muss sie haben!
   Seine weißen, ebenmäßigen Zähne werden von einem Lächeln entblößt, von dem Vater behauptet, es wäre fröhlich und voller Vorfreude.
   Und gleichzeitig außerordentlich abstoßend.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.