Maren Ohlsen sucht die Ruhe und Abgeschiedenheit der Ostseeinsel Schelfhorn und findet sich unversehens in einem Albtraum wieder. Der Pharmakonzern Hera-Med hat mit dem Testlauf für ein neues Medikament auf Schelfhorn eine Katastrophe ausgelöst. Ein simpler Programmierfehler verwandelt sogenannte Nanobugs, winzige, bakterielle Nanoroboter, die darauf programmiert sind, Tumorgewebe zu zerstören, in unkontrollierbare Killermaschinen. Als ein Orkan aufzieht, verwandelt sich die Insel in eine tödliche Falle. Einzig der Wissenschaftler Arne Hendrikson, der in einem alten Leuchtturm auf der Insel lebt, scheint zu wissen, was geschieht. Maren setzt alles daran, Hendrikson aus seiner selbst gewählten Isolation zu reißen, denn nur er kann die Nanobugs jetzt noch stoppen.

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ISBN: 978-9963-52-960-5

Seiten: 411

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Volker C. Dützer

Volker C. Dützer
Geboren wurde ich am 21. März 1964 in Kirchen, einem kleinen Ort zwischen Siegerland und Westerwald. Das ist natürlich eine ganze Weile her und ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern. Es gibt allerdings noch Zeitzeugen, die mir bereits in einem sehr frühen Alter eine überdurchschnittliche Fantasie zuschreiben. Ich schreibe, seit ich einen Stift halten kann, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil, oft kann ich die Geschichten, die sich vor meinem inneren Auge abspielen, gar nicht so schnell festhalten, wie sie plötzlich da sind. Schriftsteller klagen dann und wann über die berüchtigte Schreibblockade. Ich muss die Muse manchmal rauswerfen, damit ich mal zur Ruhe komme (Sie kehrt bisher aber stets zu mir zurück, wofür ich der Muse außerordentlich dankbar bin). Diese geheimnisvollen Schnörkel, die man Buchstaben nennt, auf ein weißes Blatt Papier zu malen, hat mich schon sehr früh fasziniert. Ich ahnte, dass sich dahinter Geschichten und Figuren verbargen, die nur darauf warteten, von mir zum Leben erweckt zu werden. Es dauerte dann aber noch viele Jahre, bis ich mich dazu entschloss, einen Roman zu schreiben. Im Alter von fünfzehn stellte ich fest, dass es sich berauschend gut anfühlt, hinter einem Schlagzeug zu sitzen und auf alles draufzuhauen, was da vor einem steht und hängt. Zwar entstanden damals schon mehrere gruselige Kurzgeschichten und zwei kurze Romane, aber es blieb für lange Zeit dabei. Das Schlagzeug war faszinierender. Vierzehn Jahre spielte ich in verschiedenen Bands und arbeitete schließlich eine Zeitlang als Studiomusiker, bevor mir klar wurde, dass man Drumsticks nicht wie Spaghetti essen kann – sie schmecken auch nicht mit Tomatensoße und Parmesan. Ich verdiente einfach nicht genug, um davon leben zu können. Also kehrte ich in meinen erlernten Beruf als Maschinenbaukonstrukteur zurück. Irgendwann bahnte sich dann doch wieder der Traum vom Schriftsteller seinen Weg. Eines Tages fiel mir beim Entrümpeln infolge eines Umzugs ein Manuskript in die Hände, das ich nicht beendet hatte, und fand, dass es wert war, beendet zu werden. Ich fing wieder Feuer. Eines Tages drückte mir ein befreundeter Buchhändler ein Buch von James N. Frey in die Hand. Ich besitze dieses zerfledderte, mit unzähligen Kommentaren und Kritzeleien vollgestopfte Ding noch immer, denn es hat mir geholfen, zu erkennen, dass Schreiben zum großen Teil ein Handwerk ist und man es lernen kann. Genau so wie man Snaredrum-Rudiments paukt oder wie man übt, freihändig Fahrrad zu fahren (Talent ist übrigens eher hinderlich - glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede). Im September 2008 erschien dann endlich mein erster Roman „Schattenjagd“. Es folgten weitere Veröffentlichungen: „Schattenjagd“ (e-book bei Chichili-Satzweiss 2010 „Das Prometheus-Projekt“ (e-Book bei Chichili-Satzweiss 2011) „Seeleneis“ (e-Book bei Chichili-Satzweiss 2012) „Schwarzer Regen“ (Kurzgeschichte -  2. Platz deutscher e-Book-Preis 2012) „Die Brut“ (e-Book bei Chichili-Satzweis 2013) Im Augenblick schreibe ich wie verrückt und produziere jede Menge Papierstapel mit diesen komischen Schnörkeln drauf. Ich hasse es, in Kategorien und Schubladen gezwängt und eingeordnet zu werden, aber wenn Sie mich schon nach meinem Genre fragen: Thriller, Krimi und ein bisschen Mystery darf es ab und zu auch sein. Lassen Sie sich überraschen, was als Nächstes kommt …

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Wenn Marc Cordes nicht Punkt elf Uhr das Foyer der Hera-Med-Zentrale am Potsdamer Platz betreten würde, war er ein toter Mann. Vielleicht hatte er Glück und die Polizei zog seine Leiche aus der Spree. In diesem Fall durfte er wenigstens auf ein Begräbnis hoffen. Andernfalls fraßen ihn die Fische oder er bewohnte für den Rest der Ewigkeit einen eigenen Betonpfeiler auf der größten Baustelle Europas.
   Gestern Morgen hatte er einen Umschlag mit Fotos in seinem Briefkasten gefunden; säumige Zahler, deren Augen so tot waren wie ein zugefrorener See. Die Bilder erfüllten ihren Zweck. Marc schwitzte nicht, weil die Sonne zu dieser frühen Stunde bereits den Asphalt auf den Straßen Berlins zum Kochen brachte, sondern weil er Angst hatte. Aber der Nervenkitzel gehörte zum Spiel. Er war ein Spieler, und er spielte das heißeste Spiel seines Lebens.
   Ungeduldig schnellte er vor und klopfte mit der flachen Hand auf die Rückenlehne des Fahrersitzes. »Beeilen Sie sich. Ich pflege, meine Termine einzuhalten.«
   Der Taxifahrer blickte in den Rückspiegel und schob sich gelangweilt einen Kaugummi hinter die Zähne.
   »Ich kann den Stau nicht umfahren. Seit die S-Bahn-Linien nur noch eingeschränkt in Betrieb sind, bricht jeden Montagmorgen Chaos aus. Wenn Sie rennen, sind Sie schneller.«
   Oder tot, dachte Marc. Seit seinem letzten Blick auf die Uhr waren nur zwei Minuten vergangen, es war kurz nach halb elf. Dennoch kam es ihm so vor, als spränge der verhexte Zeiger augenblicklich auf die volle Stunde, sollte er ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen verlieren. Böse Zungen behaupteten, dass der mächtige Vorstandsvorsitzende von Hera-Med jegliche Nachsichtigkeit neben seinen Mantel an den Garderobenhaken hängte, bevor er sein Büro betrat. Theyemeier hatte klar zu verstehen gegeben, dass er ihm noch eine letzte Chance einräumte. Verpasste er die Gelegenheit, würde der vierschrötige Mann keine weiteren Entschuldigungen gelten lassen, auch keinen unerwarteten Stau. Solche Hindernisse plante ein fähiger Geschäftsmann ein.
   »Sie bekommen fünfzig Euro Trinkgeld, wenn Sie’s rechtzeitig schaffen.«
   Der Fahrer zuckte mit den Schultern. »Das ist ein Taxi, kein Überschalljet.«
   Ärger stieg in Marc auf. »Können Sie sich vorstellen, welch immense Leistung meine Geschäftspartner von mir verlangen?« Er ließ sich in die Polster zurückfallen. »Nein, natürlich nicht. Die Leute jammern, weil sie nicht genug Geld verdienen. Ick muss Taxi fahren! So eene Unjrechtigkeit. Die da oben baden im Geld, und dabee jehört det eijentlich allet uns! Man muss verflucht hart arbeiten, um da oben anzukommen. Strengen Sie sich an, und die fünfzig Euro gehören Ihnen!«
   Sein Handy summte. Der Taxifahrer schob die Schiebermütze in den Nacken und warf ihm einen düsteren Blick zu. Dann setzte er zurück, kurbelte am Lenkrad und scherte aus der Schlange wartender Wagen aus. Mit zwei Reifen auf der Busspur und den anderen beiden auf dem Gehweg rollte der Benz auf eine Lücke zwischen den Bürotürmen zu und bog in eine Seitenstraße ein.
   »Na bitte, es geht doch.« Marc drückte auf den Empfangsknopf.
   »Wie geht es Ihnen, Herr Cordes?«
   »Ich bin auf dem Weg zu Hera-Med.«
   »Sehr gut. Ich hoffe, Ihre Verhandlungen werden erfolgreich verlaufen.«
   »Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde Theyemeier ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann.«
   »Theyemeier ist ein harter Verhandlungspartner, seien Sie auf der Hut. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Ich dachte, eine kleine Stärkung Ihrer Motivation könnte nicht schaden. Darum wollte ich Sie an die fällige Kreditrate erinnern. Aber Sie werden ja Erfolg haben, nicht wahr?«
   Ja, das werde ich, dachte Marc. Ich muss. »Wenn ich mit Theyemeier fertig bin, wird er mir aus der Hand fressen.«
   »Das hoffe ich für Sie.«
   Er blickte starr geradeaus. Der Taxifahrer fuhr durch eine Fußgängerzone und fädelte sich auf der anderen Seite des Häuserblocks wieder in den Verkehr ein. Ihm blieben noch zehn Minuten. »Wenn Hera-Med in das Projekt einsteigt, bedeutet das eine Rendite von dreißig Prozent. Bei solchen Gewinnerwartungen geht man immer ein Risiko ein.«
   »Das ist uns bekannt. Ich bin lediglich ein wenig besorgt, weil sich dieser Teil des Geschäfts unserer Kontrolle entzieht. Deshalb möchte ich Sie an Ihre Verantwortung erinnern. Sorgen Sie dafür, dass Theyemeier mit ins Boot steigt. Der Zeitpunkt, an dem er es wieder verlassen wird, braucht Sie nicht zu interessieren.«
   In Marcs Hemdkragen sammelten sich Schweißtropfen. »Ich melde mich nach Abschluss der Verhandlungen.«
   »Ich warte auf Ihren Anruf, Herr Cordes. Und seien Sie erfolgreich!« Es klickte in der Leitung.
   Der Taxifahrer hielt vor einem Wolkenkratzer, der sich wie eine blitzende Injektionsnadel in den Himmel bohrte. »Macht dreiunddreißigfuffzig.« Er streckte die Hand aus. »Und noch een Fuffi für die prompte Bedienung.«
   Marc gab ihm einen Hunderter, schnappte sich seinen Aktenkoffer und stieg aus dem Wagen. Noch vier Minuten. Er hetzte die letzten fünfzig Meter auf die Eingangstür zu, über der das Logo des Pharmakonzerns in versilberten Buchstaben prangte, und tauchte in das kühle Foyer ein.
   Im Schatten einer Yuccapalme wartete er, bis sich sein rasender Herzschlag nach der ungewohnten Anstrengung beruhigt hatte. Dann rückte er seine Krawatte zurecht und steuerte auf den Empfangstresen zu, der die gesamte Längsseite des Foyers einnahm. Das Mahagoniholz schimmerte in warmen Rot- und Brauntönen. Vermutlich wurde es jeden Morgen von einer eifrigen Putzkolonne auf Hochglanz poliert. In der funkelnden Hera-Med-Zentrale neigten selbst die Toiletten zu Superlativen, die Halle im Erdgeschoss besaß die Größe eines Handballfeldes. Jeder Besucher, der durch die automatische Glastür trat, musste sich angesichts des lässig zur Schau gestellten, verschwenderischen Reichtums klein und unbedeutend vorkommen, was genau die Absicht des Managements war. Marc hingegen sog den Duft von Macht und Reichtum genießerisch durch die Nase wie eine Kokainspur. An den getäfelten Wänden hingen Werke von einem Dutzend weltberühmter Maler. Er ging jede Wette ein, dass es sich um die Originalbilder handelte.
   In Abständen von zehn Metern drückten sich uniformierte Wachmänner diskret in die tiefen morgendlichen Schatten. Im Zentrum des Foyers, einem nach oben offenen Bereich, der sich über mehrere Stockwerke zog, wuchs eine gigantische Doppelhelix aus gegossener Bronze in den Himmel wie ein exotisches Gewächs. Die Plastik symbolisierte die menschliche DNS, die Quelle der exorbitanten Gewinne von Hera-Med.
   Marc steuerte auf den Tresen zu und nannte einer Empfangsdame seinen Namen. »Dr. Theyemeier erwartet mich. Wenn Sie mich bitte sofort anmelden würden?«, sagte er mit einem Blick auf die Uhr.
   Theyemeier war für seine Marotten berüchtigt, eine davon war die Erwartung absoluter Pünktlichkeit.
   Die platinblonde Mitarbeiterin von Hera-Med griff mit professioneller Gelassenheit zum Telefon.
   Marc trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und zwang sich zur Ruhe. Endlich legte sie auf und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.
   »Dr. Theyemeier erwartet Sie. Fahren Sie mit dem Lift bitte in den fünfzehnten Stock, dort wird man …«
   »Bemühen Sie sich nicht, ich kenne den Weg.« Er eilte im Laufschritt auf die Aufzüge zu. Eine Minute vor elf betrat er atemlos Theyemeiers Vorzimmer.
   Die Sekretärin schien ein Klon der blonden Empfangsdame im Erdgeschoss zu sein. Ihre Augen hatten die Farbe von Eiswürfeln mit einem Schuss Curaçao. »Bitte gedulden Sie sich einen Moment. Dr. Theyemeier wird gleich Zeit für Sie haben.«
   Marc setzte sich auf eine Ledercouch und wartete. Sein Blick fiel auf das Kruzifix über der Tür. Das war eine weitere von Theyemeiers Marotten: Jeden Raum schmückte ein Kreuz. Marc pflegte vor wichtigen Verhandlungen alle Informationen über seine Geschäftspartner zu sammeln, die er bekommen konnte. Er war davon überzeugt, dass die Hälfte des Erfolgs darin bestand, den Menschen hinter dem geschäftsmäßigen Auftreten zu kennen – seine Einstellung und Lebensphilosophie, seine Fehler und Vorzüge, Leidenschaften, Vorlieben und Abneigungen.
   Theyemeier war ein streng gläubiger Mann Ende fünfzig, einschüchternd groß, mit energischen Bewegungen und kalten grauen Augen. Dass er zugleich ein frommer Kirchgänger war, der keinen Sonntagsgottesdienst verpasste und einen Teil seiner knappen Freizeit damit verbrachte, ehrenamtlich in der Pfarrei seines kleinen bayrischen Heimatortes zu helfen, verwirrte Marc. Er hatte Theyemeier als berechnenden Geschäftsmann kennengelernt, der nur nach einem Ziel strebte: den Gewinn von Hera-Med zu steigern. Wie passten diese beiden Seelen in Theyemeiers breite Brust? Marc spürte instinktiv, dass der Schlüssel zu diesem rätselhaften Mann in diesem Zwiespalt zu finden war. Wahrscheinlich ging es ihm weniger um selbstlose Nächstenliebe, sondern um das Wiederholen von Ritualen und Gewohnheiten. Das bedeutete, dass er geistig wenig beweglich war und die sprichwörtlichen Scheuklappen trug. Wenn er ihn an der richtigen Stelle packte, würde er ihm nachlaufen wie ein folgsamer Hund. Und er glaubte, diesen wunden Punkt genau zu kennen.
   Kritisch betrachtete er sein Spiegelbild in der Glastür, prüfte den Sitz der Krawatte und strich sich das glatte, schwarze Haar zurück. Seine Schuhe waren blitzblank, der anthrazitfarbene Anzug tadellos, der Blick aus seinen dunklen Augen fest und entschlossen. Theyemeier legte Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Sollte er ein wichtiges Detail übersehen haben, war es jetzt zu spät, um seine Strategie noch zu ändern.
   Der blonde Klon kehrte zurück und riss ihn aus seinen Grübeleien. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen?«
   Sie führte ihn durch einen fensterlosen Gang, in dem der dicke Teppichboden das Geräusch ihrer Schritte schluckte. Ehe er Zeit fand, seinen Plan noch einmal zu überdenken, stand er im Allerheiligsten von Hera-Med.
   Theyemeier thronte hinter einem Schreibtisch aus exotischem Wurzelholz und überflog mehrere Schriftstücke. Er schaute kurz auf und deutete auf eine Sitzgruppe vor der Fensterfront, die einen atemberaubenden Blick über Berlin bot.
   »Nehmen Sie Platz, Herr Cordes. Ich bin gleich bei Ihnen.«
   Marc setzte sich und zwang sich zur Ruhe. Auch das gehörte zu Theyemeiers Angewohnheiten. Er ließ seine Besucher warten, während er scheinbar unaufschiebbare Angelegenheiten erledigte. Dieses Spiel diente nur dazu, seine Wichtigkeit zu unterstreichen. Dabei überließ er den Besucher seinen Gedanken und Befürchtungen, was bei den meisten in Anwesenheit des beeindruckenden Mannes zu wachsender Nervosität führte. Marc gab sich gelassen, obwohl seine Nerven vor Anspannung vibrierten wie eine Hochspannungsleitung.
   Endlich schob Theyemeier seinen Sessel zurück, eilte mit raumgreifenden Schritten auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. »Kaffee?«, fragte er beiläufig.
   Marc nickte. Seine Kehle war plötzlich trocken wie Sandpapier. »Gern.«
   Theyemeier sank in einen der tiefen Ledersessel. »Ich hatte eigentlich nicht vor, Sie noch einmal zu empfangen«, sagte er mit dröhnender Bassstimme.
   »Sie werden es nicht bereuen.«
   »Hm. Ich habe Ihren Artikel in der Financial Times gelesen. Sie plädieren darin für eine Rückkehr zu einer nachhaltigen Unternehmensstrategie. Das hat mir sehr gefallen. Ich sehe Ihnen an, dass Sie darüber informiert sind, dass ich diese Strategie bei Hera-Med umzusetzen versuche.«
   Er atmete auf. Seine akribische Vorbereitung auf dieses Zusammentreffen zahlte sich aus. Der Artikel war nicht zufällig auf Theyemeiers Schreibtisch gelandet.
   »Was Sie über den Verfall christlicher Werte geschrieben haben, war höchst erfreulich. Ich wünschte, Ihr Partner hätte die gleiche Einstellung besessen.«
   Marc biss sich auf die Lippe. Theyemeier kam sofort auf das Desaster zu sprechen. »Er hat mein Vertrauen ebenso missbraucht wie Ihres.«
   »Ich hatte mein Vertrauen in Sie gesetzt.«
   »Und das war keine falsche Entscheidung. Ich möchte Ihnen ein neues Angebot machen.«
   Theyemeier lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Lautlos öffnete sich die schwere Eichentür, die Sekretärin brachte den Kaffee. Theyemeier schien eine Telepathin zu beschäftigen, denn er hatte weder telefoniert noch hatte Marc bemerkt, dass er einen versteckten Knopf gedrückt hatte.
   Der Chef von Hera-Med wartete, bis seine Sekretärin das Büro verlassen hatte, und fuhr ungehalten fort. »Das Projekt ist gestorben. Der Fehlschlag hat Hera-Med gutes Geld gekostet und mich beinahe meinen Posten im Aufsichtsrat.« Er schaufelte vier Löffel Zucker in seinen Kaffee, kniff die Augen zusammen und musterte Marc scharf. »Sie müssen sich Ihrer Sache sehr sicher sein. Oder Sie sind ein kompletter Narr, dass Sie noch einmal hier erscheinen. Aber ich bin leidenschaftlich neugierig und Ihre erneute Anfrage hat mich überrascht. Was haben Sie mir also anzubieten?«
   »Das Mittel war kein Fehlschlag.«
   Theyemeier stellte seine Tasse ab. »Ich war bereit, die Angelegenheit zu vergessen, aber …«
   »Ich gebe zu, der Wirkstoff hat nicht funktioniert. Und ich kenne jetzt den Grund.« Er griff nach seinem Aktenkoffer und ließ die Schlösser aufschnappen. »In diesem Koffer befinden sich die Forschungsunterlagen des Projekts Pandora. Alle Unterlagen – nicht nur die, die wir Hera-Med zur Verfügung gestellt hatten. Nanocan konnte in der Zusammensetzung, die Hera-Med produziert hat, nicht wirken, weil ein wesentlicher Bestandteil fehlte. Mein Partner hat uns beide betrogen.«
   Lauernd studierte Theyemeier sein Gesicht, als könnte er darin bereits die Antwort auf seine Frage finden, bevor er sie gestellt hatte. »Warum sollte er so etwas tun?«
   Marc öffnete den Aktenkoffer und legte einen dünnen blauen Plastikordner auf den Tisch. »Weil er ein besseres Angebot hatte und zweimal abkassieren wollte.«
   Theyemeier fuhr auf. »Wem hat er das Mittel noch verkauft?«
   »Das weiß ich nicht. Er hat in allen Unterlagen einen Decknamen benutzt.« Das war eine Lüge, aber das brauchte Theyemeier nicht zu wissen.
   »Warum ist das Mittel dann noch nicht auf dem Markt?«
   »Er hat nicht nur Hera-Med betrogen. Möglicherweise wollte er das Spiel mehrmals spielen, bevor ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wurde.«
   Theyemeiers graue Augen blitzten gefährlich auf. »Warum sollte ich Ihnen glauben? Oder halten Sie mich für so naiv, zweimal auf denselben Trick hereinzufallen?«
   Marc ging nicht auf die Frage ein. Theyemeier besaß nach seinen Informationen ein empfindliches Ego und war schnell beleidigt. Er balancierte auf einem schmalen Grat.
   »Ich komme nicht mit leeren Händen zu Ihnen. Wir sind nicht auf dem Stand der damaligen Forschung stehen geblieben. Es hat mich ein Jahr Arbeit gekostet, einen Geldgeber für eigene Forschungen zu finden, und ein weiteres Jahr, Proben von Nanocan in einer weiterentwickelten Version herzustellen.«
   Er stand auf und schlenderte betont langsam zu der breiten Fensterfront hinüber, obwohl er innerlich wie ein Vulkan brodelte. Theyemeier zappelte bereits an seiner Angel wie ein fetter Silvesterkarpfen. Bald würde der Haken so tief in seinem Fleisch sitzen, dass er ihn nicht mehr herausreißen konnte, ohne sich selbst zu verstümmeln.
   Er blickte auf die quirlige Stadt zu seinen Füßen. »Berlin! Dreieinhalb Millionen Menschen. In wie vielen menschlichen Zellen mag gerade etwas schieflaufen? Etwas Entscheidendes, von dem die wunderbaren Organismen, die aus diesen Zellen bestehen, noch nichts wissen? Wie viele tödliche Krebsgeschwüre entstehen wohl in diesem Augenblick?«
   In Theyemeiers Mundwinkel zuckte ein Nerv. »Worauf wollen Sie hinaus?«
   Marc ballte eine Faust in der Hosentasche. Er näherte sich dem entscheidenden Punkt, viel schneller, als er geplant hatte. Aber wenn er ein Ass in der Hand hielt, musste er es ausspielen, sonst war es nutzlos. »Ihr Sohn ist einer von ihnen.«
   Theyemeier senkte den Kopf, als hätte Marc ihm einen Schlag in die Magengrube verpasst. »Bedauerlicherweise.«
   »Ich hörte, der Krebs ist zurückgekommen. Das tut mir aufrichtig leid. Ich möchte Ihnen mein Mitgefühl aussprechen.«
   »Ich danke Ihnen«, sagte Theyemeier mit versteinerter Miene.
   Marc wagte sich einen weiteren Schritt vor. »Stellen Sie sich vor, Hera-Med könnte alle Menschen davor bewahren, an dieser schrecklichen Krankheit zu sterben. Sie könnten alle diese Menschen retten.«
   »Eine ethisch wünschenswerte Vorstellung, aber auch anmaßend und blasphemisch zugleich. Strapazieren Sie meine Geduld nicht mit theoretischen Überlegungen!«
   »Das ist nicht meine Absicht. Aber erlauben Sie mir eine Frage: Sie würden doch alles tun, um ihren Sohn zu retten, nicht wahr?«
   Es dauerte lange, bevor Theyemeier antwortete. »Wir hatten gehofft, er hätte den Krebs besiegt. Doch vor einer Woche musste Martin wieder in die Klinik. Sein Immunsystem ist durch die Chemotherapie so gut wie zerstört. Aus einer einfachen Erkältung entwickelte sich eine Lungenentzündung. Bei den Untersuchungen entdeckten die Ärzte Metastasen in der Lunge. Ihre Kunst ist am Ende. Nur Gott kann meinem Sohn noch helfen, alles liegt in seiner Hand.«
   Marc kehrte zu seinem Sessel zurück und schlug den Ordner auf. »Das ist nicht ganz richtig.«
   Theyemeier blinzelte, als würde er aus einem bösen Traum erwachen. »Was soll das heißen?«
   »Nanocan zielte in seiner ursprünglichen Konzeption darauf ab, bösartige Tumore zu bekämpfen.«
   Ungeduldig wedelte Theyemeier mit seiner fleischigen Hand. »Das weiß ich alles.«
   »Ich möchte, dass Sie verstehen, was wir inzwischen getan haben«, fuhr Marc unbeirrt fort. »Nur so können Sie die Entwicklung in ihrer ganzen Tragweite begreifen.«
   »Meine Zeit ist begrenzt, ich bin an biochemischen Einzelheiten nicht interessiert.«
   Marc hakte einen weiteren Stolperstein ab. Je weniger Details Theyemeier kannte, umso besser. »Ich werde mich auf das Nötigste beschränken. Unsere ursprüngliche Idee war, mithilfe der Nanotechnologie genetisch veränderte Bakterien zum befallenen Gewebe zu transportieren. Dort beginnen die Bakterien mit ihrer Arbeit. Sie fressen die Krebszellen und scheiden sie als gesundes Gewebe wieder aus.«
   »Ich wiederhole mich nur ungern, Herr Cordes. Das Mittel hat nicht funktioniert.«
   »Weil mein ehemaliger Mitarbeiter bewusst einen Fehler eingebaut hat. Das erklärte ich bereits.«
   »Und Sie behaupten, Sie haben diesen Fehler behoben?«
   »Ja. Und mehr als das.« Er beugte sich vor und blickte Theyemeier eindringlich an. »Ich könnte Ihnen helfen, den Krebs zu vernichten und Hera-Med zum marktbeherrschenden Unternehmen zu machen. Suchen Sie sich eine erblich bedingte Krankheit aus – Krebs, Mukoviszidose, Neurodermitis, Allergien – bald sind wir mit dem weiterentwickelten Medikament in der Lage, diese Geißeln der Menschheit wirksam zu bekämpfen.«
   Skeptisch schüttelte Theyemeier den Kopf. »Sie geben sich nicht mit Kleinigkeiten zufrieden. Und Sie werden verstehen, dass ich Ihre Behauptung ohne klinische Testreihen und Beweise nur schwer glauben kann.«
   Marc entnahm dem Aktenkoffer einen Glaskolben mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Die Ampulle glitzerte verheißungsvoll in seiner Hand. »Ich bin ganz Ihrer Meinung.«
   »Was ist das?«
   »Der Heilige Gral, der Ihrem Sohn das Leben retten wird.«
   Theyemeiers Miene gefror zu Eis. »Wissen Sie, was Sie mir da vorschlagen?«
   »Ja. Die Frage ist, wissen Sie es?«
   »Ich mag solche Spielchen nicht.«
   Und ich liebe Sie, dachte Marc. Und ich will gewinnen! Er holte zum entscheidenden Schlag aus. »Ihr Sohn wird sterben. Er braucht ein Wunder … oder einen neuen Therapieansatz.«
   Theyemeier erhob sich und überragte ihn wie ein Berg. Erregt trampelte er zu seinem Schreibtisch zurück. »Niemals werde ich zulassen, dass Sie mein Kind zu einem Versuchskaninchen, einer … einer Laborratte herabwürdigen.«
   »Das habe ich keinesfalls vor.«
   »Verlassen Sie mein Büro oder ich informiere den Werksschutz«, sagte er mit bebender Stimme.
   Marc schloss den Aktenkoffer. »Sie sind bekannt für Ihren scharfen Verstand, schnelle Entscheidungen und eine glückliche Hand bei Vertragsabschlüssen. Sie sind ein Mann, der den Kern eines Problems zu erkennen vermag. Warum ignorieren Sie im Fall Ihres Sohnes die Tatsachen? Er hat nichts zu verlieren, falls Nanocan wider Erwarten keine Wirkung zeigen sollte.« Er näherte sich Theyemeiers Schreibtisch wie einem Raubtierkäfig. Vorsichtig streckte er den Arm aus und legte die Ampulle auf das polierte Holz. »Denken Sie über mein Angebot nach. Aber zögern Sie nicht zu lange.«
   »Das Mittel ist weder ausreichend getestet noch zugelassen. Glauben Sie wirklich, ich lasse zu, dass Sie mit dem Leben meines Sohnes spielen?«
   »Es ist natürlich Ihre Entscheidung. Ich lasse Ihrer Sekretärin meine Karte da. Sie können mich jederzeit erreichen, falls Sie Ihre Meinung ändern sollten.«
   Marc wandte sich zur Tür und verließ ohne ein weiteres Wort Theyemeiers Büro. Er hatte mit keiner anderen Reaktion gerechnet. Als Spieler musste er den richtigen Zeitpunkt abwarten, und der würde bald kommen. Bis dahin hieß es, die Nerven zu behalten.
   Im Vorzimmer gab er der blonden Sekretärin seine Visitenkarte. »Passen Sie gut auf meine Karte auf«, sagte er und lächelte. »Ihr Chef wird mich sehr bald anrufen wollen.« Sein Lächeln wurde breiter. »Über Ihren Anruf freue ich mich genauso.«
   Er strebte schnell dem Ausgang zu. Als er ins Freie trat, brannte die heiße Augustsonne auf seinen Schultern wie das Feuer, mit dem er spielte. Er hielt Ausschau nach einem schattigen Ort, überquerte den weiten Platz und musste sich zwingen, nicht zu rennen. Auf der anderen Seite nahm er unter einem ausladenden Sonnenschirm in einem der zahlreichen Straßencafés Platz, bestellte einen Gin-Tonic und begann, auf Theyemeiers Anruf zu warten. Eine Stunde später summte sein Handy und zappelte ungeduldig auf der Tischplatte.

Kapitel 2

»Ich schmeiß dich auf den Müll, weil du Müll bist!«
   Zwei kräftige Hände legten sich um Marens Kehle und drückten zu. Toms Hände.
   Schreiend erwachte sie und tastete instinktiv nach der Gaspistole, die sie vor sechs Wochen gekauft hatte. Als ihr klar wurde, dass ein Traum sie genarrt hatte, widerstand sie der Versuchung, sich zu vergewissern, ob die Waffe wirklich an ihrem Platz lag. Sie musste damit aufhören, jede Stunde die Türschlösser zu kontrollieren und durch den Spalt in der Gardine die Straße vor dem Haus zu beobachten, oder sie würde den Verstand verlieren. Sie wusste nicht einmal, ob Tom überhaupt noch ein Auto besaß.
   Die Abendsonne über den Dächern auf der anderen Seite des Hinterhofes übergoss den winzigen Balkon mit karmesinrotem Licht. Das Gewirr aus Schornsteinen, Stromkabeln und Satellitenschüsseln über der Dachkante stach wie ein Scherenschnitt in den orangefarbenen Abendhimmel und malte zitternde Schattenfinger auf die Fassade. Die vage Vorstellung der über die Hauswand kriechenden Schattenhand verstärkte die Unruhe in Marens Bauch und rührte an einer tief verborgenen Erinnerung, die nichts mit Tom zu tun hatte. Tom war irgendwo da draußen, weit weg.
   »Ich werde dich finden, Kleines. Dann werden wir eine Menge Spaß zusammen haben, eine Menge Spaß! Und dann schmeiß ich dich in den Müll!«
   Er würde sie nicht finden, allen Ahnungen und Vorzeichen zum Trotz. Maren hatte ihre Spur gründlich verwischt. Sie hatte Haken geschlagen, Abgründe überquert und vermied die elektronische Datenflut des Internets, damit Tom ihren Namen nicht mit einer Adresse in Verbindung bringen konnte. Sie war physisch und virtuell nicht fassbar, ein Geist in der modernen Welt.
   Seit Tagen unterdrückte sie den Drang, die Gaspistole am Körper zu tragen, damit kein zwanghaftes Verhalten aus ihrer Furcht entstand. Niemand würde sie schlagen. Tom war nicht da. Weder war er kurz Bier und Zigaretten an der Tankstelle holen noch auf einer Sauftour mit den anderen Scheißkerlen versackt. Er teilte ihr Leben nicht mehr.
   In den Nächten suchte er sie noch zuweilen heim; in quälenden Träumen, in denen die Schläge und Tritte noch lebendig waren. Jetzt, im indigofarbenen Licht der Abendsonne, verblassten die schmerzhaften Erinnerungen zu irrealen Schemen. Die Warnung aus Stromdrähten und Antennenfingern hatte sich aufgelöst, als hätte sie nie existiert. Wenn es je unheilvolle Vorzeichen gegeben hatte, dann nur in der abergläubischen Vorstellungswelt ihrer Mutter. Das Brandzeichen neurotischer Ängste und Zwangshandlungen hatte sich schon vor vielen Jahren in ihre Seele gefressen. Immer wieder wurde der Drang, achtzehn Mal zu überprüfen, ob sie die Kaffeemaschine ausgeschaltet hatte, übermächtig. Die wirkliche Welt dagegen war bevölkert mit falschen Entscheidungen und Männern, denen der Alkohol das Hirn aufweichte und sie in prügelnde Tiere verwandelte. Doch es gab wirksame Waffen gegen blindwütig schlagende Bestien: Einen Satz zusätzlicher Sicherheitsschlösser, Selbstverteidigungskurse und die erlernte Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen.
   Maren schüttelte die Erinnerungen ab. In ein paar Minuten würde Finn nach Hause kommen. Sie wollte nicht, dass ihre düstere Stimmung auf ihn übersprang. Für einen Elfjährigen hatte ihr Sohn schon zu viel Schreckliches erleben müssen.
   Ihre Freundin Rieke parkte ihren Wagen immer direkt vor der Haustür. Sie wusste, worauf sie achten musste. Bevor Tom Hand an den Jungen legen konnte, würde sie ihn mit dem Kühlergrill ihres Geländewagens an der Hauswand zerquetschen wie eine übergroße Küchenschabe. Maren wettete, dass es ihr Spaß machen würde, Tom mit einer stumpfen Fleischgabel die Worte ,Ich bin ein Mann und ein Schwein’ in die Wangen zu stanzen.
   Sie fragte sich noch immer, welches Geräusch sie aus dem Tagtraum gerissen hatte, als es an der Tür klingelte. Vor einer Stunde hatte sie drei Pizzen bestellt; für Finn und sie selbst und Rieke.
   Es klingelte zum zweiten Mal. Ihre Finger berührten die Türklinke und zuckten so hastig zurück, als stünde die Klinke unter Strom. Fieberhaft spulte sie die letzten beiden Monate ab und suchte nach einem Fehler, den sie gemacht, nach einer Spur, die sie hinterlassen haben könnte. Tom atmete und lebte irgendwo in der pulsierenden großen Stadt, aber die Chance, dass er sie gefunden hatte, war verschwindend gering. Wenn sie ihre Paranoia nicht in den Griff bekam, würde sie sich als depressives Nervenbündel von dem kleinen Balkon stürzen, den sie so sehr liebte. Schon sah sie sich in einem Anfall von Verfolgungswahn in den Müllcontainer im Innenhof stürzen, dessen Deckel ständig offen stand. Sie hörte Toms raue Stimme in ihrem Kopf und spürte seine Hand an ihrer Kehle.
   »Ich schneid dich in Fetzen und schmeiß dich in den Müll, wenn ich dich mit ’nem anderen erwische! In den Müll! Weil du Müll bist!«
   Toms krankhafte Eifersucht hatte mehr als eine Narbe auf ihrem Körper hinterlassen. Entschlossen presste sie das Gesicht an die Tür. Das verzerrte Bild einer rot-weiß-grünen Kappe mit der Aufschrift Pronto-Pizza füllte den Türspion aus. Der Bote hielt den Kopf gesenkt und blickte ungeduldig auf seine Armbanduhr. Er trug eine braune Styroporbox. Erleichtert öffnete Maren die Wohnungstür. Der Pizzabote hob den Kopf und grinste.
   »Hallo Kleine«, sagte Tom.
   Sie stieß einen erstickten Schrei aus. Er konnte sie nicht gefunden haben. Sie besaß keinen Festnetzanschluss und es gab keinen Telefonbucheintrag auf ihren Namen. Sie hatte den Mädchennamen ihrer Mutter annehmen wollen, aber der Beamte auf dem Standesamt hatte abgelehnt. Der sture Paragrafenreiter war dafür verantwortlich, dass Tom sie aufgespürt hatte. Das Blut in ihren Adern verwandelte sich in eine kalte, feste Substanz und ließ sie gefrieren wie einen Eisblock. Die aufsteigende Panik wischte alle Vorsätze fort, all die Regeln und Ermahnungen, die die Leiterin des Selbstverteidigungskurses für misshandelte Frauen ihr gebetsmühlenartig eingetrichtert hatte.
   Tom stieß Maren mit der Styroporbox in die Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu.
   »Es war gar nicht nett von dir, einfach so abzuhauen! Wie stehe ich denn jetzt da vor meinen Freunden?«
   Achtlos ließ er die Pizzabox fallen, schob sich die alberne Mütze in den Nacken und weidete sich an Marens Schrecken.
   »Wie … wie hast du mich gefunden?«
   Er verschränkte die Arme vor der Brust und spießte die Wohnungseinrichtung mit seinen Blicken auf.
   »Ach, weißt du, der Job auf dem Schrottplatz hat mich schnell gelangweilt. Ein Kerl wie ich braucht Abwechslung. Pizza ausliefern ist gar nicht so übel. Man kann ’ne Menge Weiber dabei aufreißen.« Er grinste breit. »Man lernt die Stadt kennen und bekommt ’nen Haufen Adressen von Leuten, die nicht im Telefonbuch stehen.«
   Maren wich vor ihm zurück und begriff plötzlich, dass sie Tom immer tiefer in die Wohnung lockte, in ihre Wohnung.
   Seine Augen suchten lauernd nach einem Gegenstand, den er zerbrechen, zerschlagen und unter seinen Füßen zertreten konnte. Und er würde etwas finden, etwas, das Maren liebte. In seinen Augen flackerte der unwiderstehliche Drang, sie zu verletzen und zu demütigen.
   »Ne hübsche kleine Bleibe hast du dir eingerichtet.« Er schlenderte durch das Wohnzimmer. »Vielleicht werde ich ’ne Weile bei dir einziehen. Du wirst sehen, das wird dir Spaß machen. Es hat sich ’ne Menge verändert.«
   Maren zwang die lähmende Angst in den Käfig am Grund ihrer Seele zurück. Wut und Empörung stiegen in ihr auf.
   »Mach, dass du rauskommst!« Ihre Stimme zitterte, aber sie hatte es gesagt. Sie hatte es gesagt!
   Tom ließ sich auf das Sofa fallen und breitete besitzergreifend die Arme aus. »Ach, komm schon. Ich hab ganz schön lange gebraucht, um dich zu finden. War gar nich einfach. Und jetzt willst du mich rausschmeißen?« Er schüttelte tadelnd den Kopf. »Maren, Maren, so geht das nicht.« Er grinste böse. »Den Job beim Pizzadienst schmeiß ich sowieso hin. Ich hab ein besseres Angebot, da gibt’s jede Menge Kohle. Und anstrengend ist es auch nich.« Tom lehnte sich zufrieden zurück, als hätte er gerade die Wall Street in die Tasche gesteckt. »Ich teste Medikamente!«, erklärte er.
   Finn konnte jeden Moment nach Hause kommen. Sie wollte auf keinen Fall, dass er Tom in der Wohnung vorfand. »Okay. Du hattest deinen Auftritt. Und jetzt hau ab, oder ich …«
   »Oder was?« Blitzschnell beugte er sich vor und griff nach dem Handy auf dem Tisch. »Warst immer störrisch wie eine Wildkatze. Hat mich immer ganz verrückt gemacht.«
   »Gib das Handy her!«
   Er durchsuchte schnell das Adressbuch und die eingegangenen Anrufe. Tom konnte nicht bis drei zählen, aber spielerisch mit Computern umgehen. Wenn er nicht so faul wäre, hätte er mit seinem Talent eine Menge Geld verdienen können.
   »Wieso hast du drei Pizzas bestellt?«, fragte er. Für den Bengel und dich … und für wen noch?«
   Marens Zorn wuchs. Die Geschichte setzte sich nahtlos fort, wie sie aufgehört hatte. Seine Eifersucht, der Drang, sie zu kontrollieren und zu unterwerfen, brachen hervor, wenn er nur eine unbekannte Telefonnummer auf dem Display sah.
   »Scheiße!« Er warf das Handy auf den Tisch. »Wer ist R.?«
   Das Telefon schlitterte über den Tisch und fiel klappernd auf die Bodenfliesen. Das Display zeigte einen Eintrag ihres Terminkalenders: Dienstagabend.
   »Wer zur Hölle ist R.?« Tom schnellte wie eine Sprungfeder hoch, packte den Wohnzimmertisch und schleuderte ihn wutentbrannt zur Seite. Die Muskeln und Sehnen seiner Oberarme traten hervor, an seinem Hals zuckte eine geschwollene Ader. Mit beiden Händen riss er die schwere Glasplatte aus dem Tischgestell und stieß sie immer wieder auf das Telefon, bis nur noch ein Häufchen Elektronikschrott übrig war.
   Entsetzt wich Maren zurück. Tom war ein starker Mann und neigte zu Gewaltausbrüchen. Aber seine plötzliche Raserei übertraf alles, was sie bisher mit ihm erlebt hatte. Medikamente testete er? Hatten sie ihm eine Überdosis Anabolika verpasst?
   Die rauchblaue Glasplatte splitterte und zerbrach in drei Stücke. Tom hob ein großes, gezacktes Glasfragment über den Kopf und schwang es wie einen Diskus. Rasend vor Wut zerschlitzte er die Polster, zertrümmerte eine Stehlampe und warf die halbmondförmige Axt aus Glas nach Maren. Die Angst lähmte ihre Reaktionsfähigkeit und verwandelte ihre Muskeln in Seife. Im letzten Moment stolperte sie zur Seite. Das Bruchstück durchschlug die Fensterscheibe und schlug tief unten im Hof auf.
   Tom stierte sie mit blutunterlaufenen Augen an. »Was glaubst du, was du bist?« Von seinem Handgelenk tropfte Blut auf die weißen Fliesen. »Ich sag dir, was du bist! Du bist Müll! Ich hab dich gewarnt!«
   Maren war unfähig, sich zu bewegen. Das Monstrum vor ihr war keine Teilnehmerin des Selbstverteidigungskurses, die sich mit einer dicken Schaumstoffmatte gegen ihre Tritte schützte, es war Tom. Der Scheißkerl, der ihr die Hand gebrochen und ihren Kopf in die verstopfte Toilettenschüssel gesteckt hatte, bis sie glaubte, wie eine Ratte zu ersaufen.
   Der Gedanke an Finn, der Tom geradewegs in die Arme laufen musste, löste die Starre. Sie drehte sich um und ergriff die Flucht. Tom stürzte ihr nach, erwischte ihr Haar und riss sie zu Boden. Sie schrie vor Schmerz auf, drehte sich auf den Rücken und zog die Beine an, um nach ihm zu treten, aber Tom war schneller. Er ließ sich auf sie fallen und presste sie zu Boden. Die unmittelbare Gewalt löste einen lange verdrängten Reflex in Maren aus. Das kleine, vorwitzige Mädchen, das Tom aus ihr herausgeprügelt hatte, die Göre, die sich mit den Jungs der Nachbarschaft anlegte, die trat und biss und kratzte, erwachte aus ihrem Schlaf. Wenn diese Maren ihr jetzt nicht zur Seite stand, würde sie in wenigen Augenblicken sterben.
   Sie versuchte, Tom mit dem Knie zwischen den Beinen zu treffen, aber ihr Stoß ging ins Leere. Er packte sie höhnisch lachend an der Kehle und hob sie hoch, bis ihre Füße hilflos über dem Boden zappelten.
   »Ich schmeiß dich in den Müll, ja, in den Müll!« Blind vor Eifersucht trieb er sie vor sich her zum Fenster, die Hand um ihre Kehle gepresst.
   Maren geriet in Panik. Glasscherben knirschten unter Toms Füßen, sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen. Ihre Kehle brannte, als hätte sie Abflussreiniger getrunken. Langsam begann er, ihren Oberkörper aus dem zerbrochenen Fenster zu beugen. Die noch im Rahmen steckenden Glassplitter bohrten sich tief in ihre Hüften.
   »Tom, du bringst … mich um!«
   Seine Augen blitzten erregt auf. »Müll bist du!«
   Der Schmerz in ihrem Rücken wurde unerträglich, Blut lief heiß an ihren Beinen hinab. Ihre Hände glitten an Toms nackten Armen ab, der Stoff ihres T-Shirts riss unter den Achseln ein. In ihrer Not löste sie ihre Hand von Toms Arm, streckte zwei Finger aus und stach ihm in die Augen. Der Erfolg war verblüffend. Tom brüllte vor Schmerz auf und ließ los. Bevor sie das Gleichgewicht verlor und in den Müllcontainer fallen konnte, klammerten sich ihre Finger im letzten Augenblick um den Fensterrahmen. Die Glassplitter schnitten tief in ihre Handflächen. Kraftlos rutschte sie von der Fensterbank und fiel auf die Knie.
   Tom hielt sich die Hände vor das Gesicht und tappte heulend wie ein geblendeter Polyp über die Trümmer des Glastisches. »Dafür bring ich dich um, du Miststück. Ich bring dich um!«
   Maren schätzte ihre Chancen ab. Tom bewegte sich auf die Fensterwand zu. Mit drei, vier schnellen Sprüngen konnte sie ihn überholen und die Eingangstür erreichen. Sie stieß sich vom Boden ab und spurtete los. Tom fuhr herum und versuchte, sie zu erwischen, aber seine Hände griffen ins Leere. Sein Fuß verhakte sich im Verlängerungskabel der Stehlampe. Er strauchelte und stürzte mit einem überraschten »Oh« aus dem Fenster. Sekunden später hörte Maren einen dumpfen Aufprall.
   Minutenlang verharrte sie bewegungslos, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Dann trat sie zögernd ans Fenster und senkte den Blick. Tom lag mit verdrehten Gliedern auf dem Blechcontainer und starrte mit gebrochenen Augen in den Himmel. Endlich hatte jemand daran gedacht, den Deckel zu schließen.
   Sie verspürte kein Bedauern, weil Tom tot war, nicht einmal Erleichterung. Er war nicht das Geringste ihrer Gefühle wert. Sie drehte sich um und verließ wie ein Roboter die Wohnung. Auf dem Korridor vor der Wohnung traf sie auf Rieke.
   »Ruf die Polizei«, sagte sie tonlos.
   Finn kam die Treppe herauf, das Netz mit dem neuen Lederball, auf den er so stolz war, schaukelte über seiner Schulter. Er blieb irritiert stehen und schien zu spüren, was geschehen war. Etwas war kaputt gegangen, und es war nicht mehr zu reparieren.

Kapitel 3

Das Quietschen von Gummisohlen auf dem Linoleum weckte Carl-Friedrich Theyemeier, mächtiger Vorstandsvorsitzender des Pharmariesen Hera-Med und hilfloser Vater eines todkranken Sohnes, aus einem unruhigen Schlummer.
   Er blinzelte und rieb sich die vor Müdigkeit brennenden Augen. Dr. Nicholas Fonbleau, Chefarzt des Privatsanatoriums, in dem Martin untergebracht war, setzte sich neben ihn und reichte ihm einen Becher Kaffee, den er dankbar annahm.
   Fonbleau trank einen Schluck Kaffee. »Ich würde mich gern mit dem Kollegen unterhalten, der Ihren Sohn behandelt hat. Wäre es zu viel verlangt, wenn ich Sie darum bitten würde, ein Treffen zu arrangieren?«
   »Wie geht es ihm? Irgendeine Veränderung?«
   Fonbleau ließ sich Zeit mit einer Antwort. Er setzte mehrfach dazu an und schüttelte den Kopf. »Mon dieu. Die Blutwerte sind fast normal. Es sind kaum noch Tumormarker zu finden.«
   »Und die Metastasen in der Lunge?«
   »Wir haben ihn zweimal in den Tomografen geschoben, weil … weil …«, er hob hilflos die Hände, »um ganz sicher zu gehen. Es besteht kein Zweifel, die Metastasen haben sich zurückgebildet. Die meisten sind bereits verschwunden. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es nicht glauben. Es ist ein Wunder.«
   »Kann ich zu ihm? Ist er bei Bewusstsein?«
   »Aber naturallement. Es geht ihm gut. Wenn er weiterhin solche Fortschritte macht, werde ich ihn morgen entlassen können. Ihr Sohn ist nahezu geheilt!«
   Er eilte den Gang entlang. Als er vor der Zimmertür seines Sohnes stand, klingelte sein Handy. Er meldete sich atemlos.
   »Guten Abend, Herr Theyemeier«, begrüßte ihn Marc Cordes. »Oder soll ich lieber Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch sagen?«
   »Sie haben ein geradezu unheimliches Gespür für den richtigen Moment.«
   »Man könnte es auch gute Planung nennen«, sagte Cordes geschmeichelt. »Ich wollte mich nur erkundigen, ob das Ergebnis der Behandlung Ihren Vorstellungen entspricht. Wenn Sie sich ein wenig ausgeruht haben, würde ich Sie gern heute Mittag treffen. Wir haben viel zu besprechen.«
   »Wann immer Sie wollen.«
   »Gut. Ich bin gegen eins bei Ihnen.«

*

Marc legte auf. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und griff nach den beiden versilberten Würfeln auf dem Tisch. Die Augen bestanden aus kostbaren schwarzen Obsidiansplittern. Er fühlte die vertraute Form in seiner Handfläche und warf die Würfel auf den Tisch. »Sechserpasch«, murmelte er grinsend.
   Er kehrte ins Schlafzimmer zurück, um den platinblonden Hera-Med-Engel aufzuwecken. Sie hatte noch einen kleinen Job zu erledigen, bevor sie zu Theyemeier ins Büro fuhr. Marc schlüpfte unter die Decke und seine Finger wanderten gierig über ihre bronzefarbene, warme Haut.

Kapitel 4

Auf den dämmerigen Gängen im Keller des Polizeipräsidiums war es feucht und kalt wie in einer Gruft. Jede Stufe hinab brachte Maren dem innersten Kreis ihrer eigenen Hölle näher. Und sie konnte diese Hölle nur wieder verlassen, wenn sie den Schlüssel zum Ausgang in den Händen hielt. Diesen Schlüssel besaß Tom. Sie musste ihn sehen und die tote, graue Haut berühren, damit sie sicher war, dass er niemals, niemals wiederkehren würde.
   Eine junge Pathologin begrüßte sie mit Handschlag, rasselte eingeübte Beileidsbekundungen herunter und führte sie in einen weiß gekachelten Raum. An der Längsseite reihten sich Kühlfächer aneinander wie die nüchternen Schubladen in einem Aktenschrank. Aus einem der Fächer ragte eine verchromte Bahre hervor. Unter einem grünen Laken zeichneten sich die Konturen eines menschlichen Körpers ab. Die Pathologin warf Maren einen fragenden Blick zu, schlug das Tuch zurück und ließ sie mit Tom allein.
   Marens Magen rebellierte. Ein süßlicher, fauliger Gestank drang in ihre Nase, den auch der beißende Geruch von Desinfektionsmitteln nicht übertünchen konnte. Tom lag mit geschlossenen Augen auf der Bahre. Sein Gesicht glänzte im kalten Licht der Neonröhren blauweiß und fettig. Unter dem Halsansatz begannen die groben Nähte, mit denen die Pathologiehelfer die Obduktionsschnitte verschlossen hatten. Der restliche Körper blieb unter dem Tuch verborgen.
   Sie zwang sich, nahe an den Toten heranzutreten. Schweigend stand sie neben dem Mann, den sie vor langer Zeit einmal geliebt hatte. Hätte das Schicksal ihm nicht einen grausamen Streich gespielt, läge Maren jetzt an seiner Stelle auf der kalten Stahlbahre. Ihr Kopf war vollkommen leer. Sie empfand nichts. Keine Trauer, keine Wut, noch nicht einmal Erleichterung.
   Vorsichtig zupfte sie an dem Laken, bis Toms Arm freilag. Sie musste ihn berühren, musste sich überzeugen, dass Tom nie wieder aufstand. Zögernd legte sie die Hand auf seinen Arm. Die Haut fühlte sich kalt und auf ekelhafte Weise schmierig an. Kein Funken Leben war mehr in diesem Körper, Tom war tot. Obwohl sie ihn mit gebrochenem Genick auf dem Müllcontainer hatte liegen sehen, erfasste sie die Endgültigkeit seines Todes erst in diesem Augenblick. Nur aus diesem Grund war sie hergekommen.
   Maren war nicht religiös, sie glaubte nicht an ein Weiterleben nach dem Tod. Aber wenn doch ein Platz existierte, an den Tom gegangen war, musste es ein entsetzlicher Ort sein.
   »Fahr zur Hölle, du verdammter Scheißkerl«, flüsterte sie.
   Plötzlich spürte sie eine Bewegung unter ihren Fingerspitzen. Toms Zeigefinger zuckte. Schnell breitete sich das Zittern auf die Hand aus. Maren schrie auf und wich entsetzt zurück. Tom war tot. Unwiderruflich. Er kam nicht mehr zurück. Tote zuckten nicht mit dem Finger.
   Die Schiebetür quietschte leise.
   »Ist alles in Ordnung?«, fragte die Pathologin.
   »Seine … Hand«, stotterte Maren. »Er … hat sich bewegt.«
   Die Ärztin trat an die Bahre und untersuchte mit geübten Griffen Toms Finger.
   »Supravitale Reflexe, ausgelöst durch chemische Veränderungen in der Leiche. Das kommt vor. Keine Angst. Er steht nicht mehr auf, nie mehr.«
   Sie zog das Laken über Toms Gesicht und schob ihn zurück in das Kühlfach. »Ich habe Ihre Akte gelesen«, sagte sie.
   »Meine … Akte?«
   »Sie haben ihn zweimal angezeigt. Außerdem gibt es da die Verfügung vom Januar. Er durfte sich Ihnen und Ihrem Sohn nicht mehr nähern.«
   Die Kühlfachtür schloss sich mit einem schmatzenden Geräusch.
   »Die Sache mit der Kloschüssel …«, die Pathologin blickte Maren in die Augen, »ich hätte dem Schwein Rattengift ins Bier gekippt. Haben Sie schon mal gesehen, wie einer an Rattengift krepiert?«
   Maren schüttelte stumm den Kopf. Sie musste aus dem Leichenkeller heraus, oder sie würde sich übergeben. Vorhin hatte sie die Ärztin als mitfühlend und warmherzig empfunden, jetzt war ihr Blick so kalt wie Gletschereis.
   »Sie haben alles richtig gemacht«, fuhr sie fort. »Auch wenn es Ihnen vielleicht vorkommt, als hätten sie zu lange gewartet, das Schwein anzuzeigen. Die meisten Frauen brauchen Jahre, bevor sie den Mut aufbringen, zu gehen.«
   Maren schwieg. Der süßliche Gestank nahm ihr den Atem, der Leichenkeller drehte sich vor ihren Augen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, schaffte es aber nicht mehr bis zu einem der Spülbecken und erbrach sich explosionsartig auf die Bodenfliesen.
   Die Ärztin half ihr auf einen Stuhl und brachte ihr ein Glas Wasser. »Lassen Sie’s raus«, sagte sie bitter.
   Maren schluchzte krampfartig und ärgerte sich zugleich, dass sie Tom auch nur eine einzige Träne nachweinte. »Es … ist … nicht seinetwegen.«
   »Wenn es Sie beruhigt – das Arschloch ist so tot, wie man nur sein kann. Und wenn er trotzdem hier rausmarschiert, stecke ich ihn mit eigenen Händen ins Krematorium und brate ihn auf kleiner Flamme. Wird mir ein Vergnügen sein.«
   »Würden Sie mich bitte nach oben bringen?«
   Die Ärztin nickte und führte sie in die Welt der Lebenden zurück. Dankbar atmete Maren die warme Spätsommerluft ein. Einen Augenblick überlegte sie, zurückzulaufen und sich bei ihr zu bedanken. Aber dann kam ihr der Gedanke albern vor.
   Finn saß auf einer Bank unter einer Platane und schaukelte mit den Beinen. Als er sie sah, sprang er auf den Boden und lief auf sie zu.
   »Was hat die Polizei gewollt? Hat Papa was angestellt?«
   »Ja«, log sie. »Du brauchst keine Angst zu haben, er kann uns nichts tun.«
   »Sperren Sie ihn ins Gefängnis?«
   Sie antwortete nicht. Finns linke Armbeuge war mit weißem Schorf bedeckt. Der Junge litt an Schuppenflechte, seit er laufen konnte. Nachdem sie vor einem halben Jahr Tom den Rücken gekehrt hatten, waren die Krankheitsschübe seltener geworden und hatten schließlich ganz aufgehört. Maren wusste, dass starke seelische Erschütterungen zum erneuten Ausbruch der Krankheit führen konnten.
   Er bemerkte ihren Blick. »Es hat wieder angefangen.«
   Sie strich ihm über das Haar. »Hast du Lust, etwas Verrücktes zu machen?«
   »Ich weiß nicht.« Er sah sie unsicher an.
   In ihr reifte ein Plan. »Ich zeige dir einen Ort, an dem der Ausschlag wieder verschwinden wird. Alles Schlechte wird verschwinden, wenn wir erst dort sind.«
   »Woher weißt du das?«
   Sie lächelte. »Ich war schon einmal dort. Vor vielen Jahren, als ich so alt war, wie du jetzt bist.«
   Finn zog die Stirn kraus und dachte ernsthaft über ihren Vorschlag nach. »Ist das weit von hier?«
   »Sehr weit. Wir fahren bis ans Meer. Was hältst du davon?«
   »Ich war noch nie am Meer.«
   »Du wirst es lieben.« Sie nahm seine Hand und ging mit ihm zu ihrem Toyota Starlet, der im Schatten unter der Platane stand.
   »Wie heißt denn dieser Ort?«, fragte Finn. »Ist er verzaubert?«
   »Ja«, antwortete Maren. »Das ist er. Er heißt Schelfhorn.«

Kapitel 5

Theyemeier blickte Marc ehrfürchtig an. »Wenn das wahr wäre …«
   »Es ist wahr. Sie haben den Erfolg in der vergangenen Nacht selbst erlebt.«
   »Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Die Metastasen sind vollständig verschwunden, alle Werte fast normal. Der Heilungsprozess lief innerhalb von Stunden ab. Es ist unglaublich.« Ruckartig hob er den Kopf. »Warum bieten Sie ausgerechnet mir dieses Mittel an?«
   Marc zwang sich dazu, gelassen umherzuschlendern, obwohl sein Puls raste. Er stand davor, den Jackpot zu knacken. Berlin lag zu seinen Füßen, Deutschland, der ganze Planet. »Weil ich weiß, dass Sie ein Mann mit Prinzipien und Moral sind«, antwortete er. »Nanocan ist ein Segen und zugleich eine gefährlichere Waffe als die Neutronenbombe. Sie werden damit keinen Unfug anstellen.«
   Theyemeiers Züge entspannten sich. Marc atmete tief aus, er hatte ihn an der richtigen Stelle gestreichelt.
   »Wir brauchen das Mittel also nur in großen Mengen zu produzieren.« Theyemeier rieb sich die Hände. »Das wird den anderen das Geschäft verhageln. Uns natürlich auf lange Sicht auch.«
   Marc lächelte geheimnisvoll. »Lassen Sie uns einen Schritt nach dem anderen gehen. Die Kranken werden uns schon nicht ausgehen, keine Angst.« Er blieb neben Theyemeiers Schreibtisch stehen und betrachtete versonnen ein Bild Monets. Ob es sich um das Original handelte? Wie viel war so ein Bild wert?
   »Die flächendeckende Einführung des Mittels muss in zwei Phasen ablaufen«, erklärte er. »Das heilende Medikament kann nur dann seine Wirkung entfalten, wenn wir den Boden dafür bereitet haben.«
   »Wovon reden Sie? Das Mittel funktioniert hervorragend.« Theyemeier kniff argwöhnisch die Augen zusammen. »Oder haben Sie mir etwas verschwiegen? Gravierende Nebenwirkungen etwa?«
   »Nein, nein. Ich werde es Ihnen erklären«, sagte Marc schnell. »Die Wissenschaftler haben sich lange gefragt, warum die Mitochondrien aller höher entwickelten Lebewesen eine eigene DNA besitzen. Die Endosymbiontentheorie geht davon aus, dass in einem frühen Stadium der Evolution prokaryotische Zellen – das sind Zellen, die keinen eigenen Zellkern besitzen, zum Beispiel einfache Bakterien und Algen – durch Endozytose von höherwertigen Zellen geschluckt und selbst zu einem Bestandteil der weiterentwickelten Zelle wurden. Im Lauf der Evolution entstanden so immer komplexere Lebewesen. Wie auch das ursprüngliche Nanocan basiert das neue Mittel auf der Nanotechnologie. Wir schleusen winzige Roboter – mikroskopisch kleine Cyborgs, eine Mischung aus Bakterien und Maschinen – mittels einer speziellen Nährlösung in den menschlichen Organismus. Wir tauften sie Nanobugs, weil sie unter dem Rasterelektronenmikroskop wie kleine Käfer aussehen. Die Nanobugs gelangen über die Blutbahn in den Körper und vermehren sich dort exponentiell. Anschließend nisten sie sich in den Zellkernen ein und kontrollieren die Kommandos, welche die Zellen verlassen. Dort greifen wir regelnd ein.«
   »Aber wird nicht jedes gut ausgestattete Labor sofort diese Nanobugs als Fremdkörper erkennen?«, warf Theyemeier ein.
   »Denken Sie daran, was ich Ihnen über die Endosymbiontentheorie erzählt habe. Die Nanobugs sind gewissermaßen maskiert. Stecken sie erst einmal in den Zellkernen, sind sie von herkömmlichen Mitochondrien nicht zu unterscheiden. Niemand wird sie entdecken, weil sie mit den ursprünglichen Zellen verschmolzen sind. Und dort schlafen sie und warten auf ihren großen Auftritt.« Genießerisch trank er einen Schluck Kaffee. »Die Regulatoren stecken in den Medikamenten, die wir den Leuten anschließend verkaufen. Mit ihrer Hilfe sind wir in der Lage, unsere kleinen Zauberwesen so zu steuern, wie es uns gefällt.«
   Theyemeier zupfte nachdenklich an seiner Unterlippe. »Nehmen wir also an, ich erkranke an Krebs. Dann kann Nanocan also nur dann wirken, wenn sich die Nährlösung bereits in meinem Körper befindet?«
   Marc nickte. »Sie haben es erfasst. Ohne die vorbereitende Invasion der Nanobugs in Ihrem Körper ist das regulierende Medikament wirkungslos.«
   »Darum haben Sie nach Ihrem ersten Besuch bei meinem Sohn vierundzwanzig Stunden gewartet, bevor Sie die Behandlung begannen.«
   »Korrekt. In der Ampulle, die ich Ihnen gab, war nur die Nährlösung mit den Nanobugs. Sie brauchten Zeit, um sich in seinem Körper zu vermehren. Ist die benötigte Anzahl erreicht, verschmelzen sie mit den Zellen und warten schlafend auf Befehle.«
   Theyemeier legte nachdenklich die Stirn in Falten. Plötzlich hellte sich seine Miene auf. »Bei allen Heiligen. Das wird das gigantischste Geschäft, das Hera-Med jemals gemacht hat.«
   Davon kannst du alter Narr ausgehen, dachte Marc. »Die Herstellung der Nährlösung ist kostenintensiv und zeitraubend«, fuhr er fort. »Doch alles, was danach kommt, wirft Gewinn ab. Sie können den Leuten Vitamin-C-Tabletten oder Zuckerpillen verkaufen, es spielt keine Rolle. Die darin enthaltenen Regulatoren sind der eigentliche Clou. In ihnen sind die Schaltbefehle enthalten, die die Nanobugs anregen, ihre Arbeit aufzunehmen: Tumorgewebe zerstören oder defekte Gene reparieren, was immer Ihnen vorschwebt. Die Placebomedikamente sind billig und einfach herzustellen. Sie haben keinerlei Wirkung. Man könnte die Regulatoren auch ins Trinkwasser kippen, aber wir brauchen gezielte Steuerungsmechanismen, denn wir wollen ja Geld verdienen, nicht wahr?«
   Theyemeier hörte nur halb zu. Seine Finger trommelten einen leisen Takt auf die Tischplatte. »Es wird Jahre dauern, bevor wir die Zulassungen bekommen. Wie wollen Sie die unabhängigen Prüflabors und Institute so schnell auf Ihre Seite ziehen? Allen voran das TIMP, das technische Institut für Medikamentenzulassung und Pharmaprodukte?«
   »Sie enttäuschen mich«, antwortete Marc. »Es gibt keine wirklich unabhängigen Prüfstellen, das sollten Sie als Vorstandvorsitzender eines Pharmariesen eigentlich wissen. Sie sind es doch, der die Forschungen dieser Wissenschaftler finanziert! Ohne die Zuwendungen der Pharmaindustrie besäßen die Prüflabore nicht einmal das nötige Kleingeld für neue Reagenzgläser.«
   Theyemeier beendete seinen Trommelwirbel. »Dennoch …«, sagte er nachdenklich.
   »Und machen Sie sich keine Sorgen um das Gesundheitsministerium. Politische Entscheidungen kann man beeinflussen. Vor allem, wenn wir der Regierung glaubhaft versichern können, die Kosten im Gesundheitswesen drastisch zu senken. Die Bundestagswahlen stehen vor der Tür. Die amtierende Regierung braucht dringend Erfolge, es ist immer das Gleiche. Eine Legislaturperiode lang hat man das gewaltige Vorhaben schleifen lassen, das Gesundheitssystem auf neue, tragbare Füße zu stellen, und nun verfällt man in hektische Aktivität, um noch ein paar Wählerstimmen einzufangen. Genau hier werden wir den Hebel ansetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine großzügige Spende von Hera-Med an der richtigen Stelle ein kleines Wunder vollbringen kann.«
   »Ich weiß nicht, ob ich den Aufsichtsrat bei der momentanen Kassenlage dazu bewegen kann.«
   Marc gab sich zuversichtlich. »Wenn Sie den Herren meine Gewinnprognosen unter die Nase halten, werden sie Ihnen so viel Geld in die Taschen stopfen, dass Sie einen Lastwagen brauchen, um die Spende zu übergeben.«
   »Sie werden nicht so leicht zu überzeugen sein«, sagte Theyemeier zweifelnd.
   Marc spazierte vor der Fensterfront auf und ab. Seit dem Morgen hatte es geregnet. In diesem Moment schob sich die Sonne zwischen den Wolken hindurch. Sie brachte Myriaden Wassertropfen zum Glitzern und malte einen schimmernden Regenbogen an den Himmel. Fasziniert beobachtete er das Naturschauspiel. Die Zahl der Nanobugs würde die der Regentropfen bei Weitem übersteigen. Und jedes einzelne dieser Wunderwesen warf Gewinn ab. Für diese Größenordnungen gab es nur eine Bezeichnung: astronomisch.
   »Man müsste eine Impfaktion starten«, murmelte Theyemeier gedankenverloren. »Eine Impfung gegen den Krebs.« Er schlug ungehalten mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. »Das bekommen wir niemals durch. Die Zulassungsverfahren brauchen Jahre. Daran ändern auch großzügige Spenden nichts.«
   Marc lächelte versonnen. »Das ist unser geringstes Problem. Sie haben die Antwort gerade selbst gegeben. Wir werden uns die allgemeine Paranoia vor einer Pandemie zunutze machen.«
   Theyemeier horchte auf. »Erklären Sie das genauer.«
   »Denken Sie an die Hysterie, die die Schweinegrippe ausgelöst hat. Wir werden die Gefahr eines neuen Grippevirus heraufbeschwören und Nanocan als Impfstoff unter die Leute bringen. Im Fall einer drohenden Pandemie werden beschleunigte Zulassungsverfahren angewendet.«
   »Mhm.« Theyemeier brummte nachdenklich. »Das könnte klappen.«
   Marc straffte sich. Er bewegte sich jetzt auf sicherem Gebiet. »Was wir planen, ist nichts anderes als eine gigantische Werbeaktion. Ein paar gut gezielte Meldungen über Patienten, die an einem mutierten Grippevirus gestorben sind, bilden den Anfang. Die Regenbogenpresse wird uns aus der Hand fressen. Führende Ärzte und Virologen werden die tödliche Gefahr des neuen Virus bestätigen, denn dafür werden wir sorgen.«
   »Die Leute sind nicht mehr so leicht zu verunsichern. Es wird Stimmen geben, die uns der Panikmache bezichtigen.«
   »Natürlich wird es die geben«, pflichtete Marc ihm bei. »Aber sie werden im allgemeinen Geschrei untergehen. Bedenken Sie, dass die meisten Hausärzte von uns abhängig sind. Ich muss Ihnen doch nicht erklären, wer von denen auf der Lohnliste der Pharmaindustrie steht? Ohne ihre kleinen Zuwendungen würden achtzig Prozent der niedergelassenen Ärzte ihre Praxen mangels Rentabilität schließen müssen.«
   »Angenommen, wir bekommen die Zulassung. Und weiter?«
   »Während sich die Konkurrenz den Kopf zerbricht, werden wir einen Impfstoff gegen das mutierte Grippevirus liefern. Wenn die Angst in der Bevölkerung groß genug ist – und dafür werde ich schon sorgen – können Sie den Preis bestimmen. Die Regierung wird zahlen, sie wird gar keine andere Wahl haben. Alle Experten werden Ihnen dazu raten, weil sie auf unserer Lohnliste stehen oder in irgendeiner Form von uns abhängig sind. Wer sich querstellt, erhält keine Forschungsgelder mehr. So einfach ist das.«
   »Ja, so einfach ist das«, murmelte Theyemeier. Er schüttelte heftig den Kopf, als wäre ihm ein Gedanke gekommen. »Was ist mit der Konkurrenz? Man wird sich fragen, was da vor sich geht, und unsere Aktion als Beutelschneiderei darstellen.«
   »Das werden sie nicht tun«, entgegnete Marc. »Ihnen werden Gerüchte zu Ohren kommen, dass Hera-Med das Ei des Columbus entdeckt und den größten Megadeal aller Zeiten abgeschlossen hat. Sie werden sich in die Hosen machen, weil die Aktienkurse von Hera-Med in den Himmel wachsen und sich fragen, was zum Teufel wir entwickelt haben. Ich garantiere Ihnen, nach spätestens einem halben Jahr betteln sie um Lizenzverträge.«
   Theyemeiers Miene hellte sich auf. »Wir verabreichen der Bevölkerung flächendeckend die vorbereitende Nährlösung und verdienen auch noch daran.«
   »Exakt. Die erste Phase ist abgeschlossen und nun beginnt das eigentliche Geschäft. Wir verkaufen billige Placebos, die die entsprechenden Regulatoren enthalten. Alles ist möglich, die Heilung von Krebs ist erst der Anfang.« Marc breitete die Arme aus. »Sie steuern den Verkauf Ihrer Erzeugnisse und sind nicht mehr den Launen der Natur ausgeliefert.«
   Theyemeier zog die Brauen zusammen. »Das fliegt doch sofort auf. Unabhängige Labors werden die billigen Medikamente analysieren und feststellen, dass sie wirkungslos sind.«
   »Na und? Sie haben eine Wirkung! Die Institute werden sich lächerlich machen, weil sie nicht in der Lage sind, unsere Medikamente richtig zu analysieren und jede Glaubwürdigkeit verlieren. Und wir sorgen mithilfe von Nanocan dafür, dass die Leute wieder gesund werden. Sie werden sich prächtig fühlen und alle Eide schwören, dass die Medikamente von Hera-Med sie gesund gemacht haben. Niemand wird eine Erklärung finden und wir werden uns auf unseren Patentschutz berufen.«
   Theyemeier stemmte sich aus seinem Sessel und lief erregt auf und ab. »Es gibt so viele Unwägbarkeiten. Man wird das Nanocan im Körper nachweisen und sich fragen, was zum Teufel da vor sich geht.«
   Marc musterte Theyemeier abschätzend. Hörte er ihm überhaupt zu? »Das wird nicht geschehen«, sagte er, »ich habe es Ihnen doch erklärt. Nebenbei, ich könnte noch einen Kaffee vertragen.«
   Theyemeier griff zum Telefon. Die Sekretärin brachte den Kaffee. Sie warf Marc einen herausfordernden Blick zu. Er starrte auf ihren Hintern, als sie das Büro verließ, und wandte sich dann wieder Theyemeier zu. Dem schien soeben die Tragweite seiner Ausführungen bewusst geworden zu sein.
   »Warum machen Sie das Geschäft nicht allein?«, fragte er misstrauisch.
   »Eine sehr gute Frage. Wie Sie sich vorstellen können, hat mich unsere Forschung eine Stange Geld gekostet, auch wenn wir zum Teil auf frühere Arbeiten zurückgreifen konnten. Die nun notwendigen Schritte übersteigen meine finanziellen Möglichkeiten. Um Nanocan in großem Stil produzieren zu können, brauche ich Hera-Med.«
   »Ich verstehe.« Theyemeier nickte versonnen. »Wie sieht unser nächster Schritt aus?«
   »Die Wirksamkeit des Mittels ist letzte Nacht unter Beweis gestellt worden. Dennoch sind weitere Versuche nötig. Und die kontrollierte Umgebung einer sterilen Klinik ist nicht das ideale Testfeld.«
   »Sie müssen einen Feldversuch durchführen.«
   »Wir werden Nanocan in einem kleinen, überschaubaren Rahmen testen. Für die Durchführung, die Logistik und die Überwachung brauche ich die Hilfe von Hera-Med.«
   »Was haben Sie vor?«
   Marc klappte seinen Aktenkoffer auf, zog eine Deutschlandkarte hervor und breitete sie auf Theyemeiers Schreibtisch aus. Er fuhr mit dem Finger die Küstenlinie entlang und tippte auf einen Punkt östlich von Schleswig-Holstein. »Ich habe die Insel Schelfhorn ausgewählt. Sie ist ideal für unsere Zwecke und bietet einen unschlagbaren Vorteil: Die Insel ist nur über einen Damm zu erreichen. Somit können wir kontrollieren, wer Schelfhorn betritt oder verlässt. Es wird uns nicht schwerfallen, die umliegenden Gewässer zu überwachen. Das gegenüberliegende Festland ist militärischer Sperrbereich – ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr. Zurzeit leben zweihundertsechsundsechzig Einwohner auf der Insel.
   »Gibt es eine Arztpraxis?«
   »Ich sehe, Sie fangen an zu begreifen«, antwortete Marc und lächelte. »Dr. Hallmann ist mir gut bekannt.«
   »Ich nehme an, er ist eingeweiht.«
   »Sagen wir mal so, Dr. Hallmann ist uns aus finanziellen Gründen gewogen. Er weiß nicht mehr als nötig.«
   Theyemeier beugte sich über die Karte. »Wenn Sie eine solch abgeschlossene Enklave gewählt haben, befürchten Sie doch, dass etwas schiefläuft.«
   »Nein, eigentlich nicht. Nach den üblichen Tierversuchen testeten wir das Mittel an zwei Dutzend Probanden. Keine der Testpersonen zeigte Auffälligkeiten. Kurz nach der eigentlichen Impfung kommt es zu vorübergehenden Grippesymptomen. Die Probanden klagten über Halsschmerzen und Fieberschübe. Nach sechs bis acht Stunden verschwinden die Symptome wieder. Manche träumten schlecht oder litten während der ersten Nacht an Halluzinationen.«
   »Halluzinationen?«
   »Sie fühlten sich von einer fremden Macht bedroht. Ein Proband glaubte, vom Teufel besessen zu sein.« Marc lachte.
   Theyemeier lehnte sich zurück, seine Miene verfinsterte sich.
   Marc begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er hätte die Sache mit der Besessenheit verschweigen sollen, und beeilte sich, Theyemeier zu beruhigen. »Die Testperson litt unter einer Schläfenlappenepilepsie, von der wir nichts wussten. Diese Krankheit kann Wahnvorstellungen auslösen. Nanocan scheint die Veranlagung kurzzeitig zu verstärken. Natürlich checken wir die Probanden vorher durch, aber hier ist uns wohl ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen. Kein Grund zur Beunruhigung.« Er faltete die Karte zusammen. »Der Feldversuch ist aus zwei Gründen notwendig: Erstens wollen wir testen, ob wir tatsächlich an alles gedacht haben und zweitens möchte ich Ihnen einen Beweis für die flächendeckende Wirksamkeit des Mittels liefern. Wir werden sozusagen in Serie gehen.«
   Theyemeier nickte zustimmend. »Mitarbeiter von Hera-Med werden Sie unterstützen und den Versuchsverlauf protokollieren.«
   Marc zwang sich zur Gelassenheit. Eine letzte Hürde musste er noch nehmen und er war am Ziel. Dann saß er mitten im Netz der fetten Spinne Hera-Med und spann sämtliche Fäden. Theyemeiers Forderung nach Überwachung hatte er vorausgesehen. Einmal mehr sah er seine Arbeitsweise bestätigt. Natürlich kannte er auch Theyemeiers Hang zur Kontrollsucht. »Je mehr Personal eingeweiht ist, desto größer wird die Gefahr einer undichten Stelle. Wenn Einzelheiten über das Projekt durchsickern, bevor wir damit vor die Presse treten, bekommen wir einen Haufen Scherereien. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Ihrem Interesse liegt.«
   »Ohne einen unabhängigen Gutachter gehe ich keinen Schritt weiter. Das ist vollkommen ausgeschlossen.«
   »Selbstverständlich«, pflichtete Marc ihm bei. »Darf ich einen Vorschlag machen?«
   »Bitte, ich höre.«
   »Mit Ihrem Einverständnis möchte ich einen Wissenschaftler aus der Tumorforschung von Hera-Med mit dem Testlauf beauftragen.«
   »Wir denken an denselben Mann. Dr. Ulrich Schreitmüller, den Chef unserer Forschungsabteilung. Ein hervorragender Pharmakologe.«
   »Bei allem Respekt, wir sollten einen wirklichen Fachmann hinzuziehen.«
   »Was haben Sie gegen Dr. Schreitmüller einzuwenden?«, fragte Theyemeier ärgerlich.
   Marc antwortete nicht direkt. »Ich empfehle Ihnen Klaus Berkholz, einen Mitarbeiter von Schreitmüller.«
   »Diese Niete? Ich frage mich schon seit Jahren, warum Schreitmüller den Kerl nicht entlässt.«
   »Weil er Schreitmüllers Arbeit macht«, erwiderte Marc geduldig.
   Theyemeier glotzte ihn an, als hätte er eine ungeheuerliche Obszönität von sich gegeben.
   »Schreitmüller hat hervorragende Beziehungen zum Gesundheitsministerium und bewegt sich sicher auf dem politischen Parkett. Aber fachlich kann er Berkholz nicht das Wasser reichen.«
   »Woher wissen Sie das?«
   »Ich habe mit beiden zusammengearbeitet, bevor mein Partner mich betrogen hat und das Projekt beendet wurde. Schreitmüller kann ein Schmerzmittel nicht von einem Narkotikum unterscheiden. Ohne Berkholz ist er aufgeschmissen.«
   Theyemeier lief rot an.
   »Außerdem liebäugelt Schreitmüller mit einem Angebot der Konkurrenz. Wussten Sie das nicht?«, fragte Marc mit gespielter Überraschung.
   »Sie sind sehr gut informiert, Herr Cordes.«
   »Informationen sind die Grundlage meines Handelns. Berkholz besitzt das nötige Fachwissen und stellt keine Fragen. Er wird nie befördert werden, obwohl er brillant ist. Berkholz ist an seinem Platz einfach zu gut, das weiß auch Schreitmüller. Er kann nicht auf ihn verzichten.«
   »Also gut. Ich werde Berkholz Anweisung geben, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.«
   Marc steckte die Karte ein und klappte den Aktenkoffer zu. Dann legte er zwei Plastikordner auf Theyemeiers Schreibtisch. Auf einem stand in großen roten Buchstaben Projekt Pandora. Der andere trug die Aufschrift Impfstoff Nanocan. »In diesem Ordner finden Sie eine Prognose für die zu erwartenden Gewinne und eine genaue Kostenaufstellung. Fühlen Sie im Aufsichtsrat vor, wie ein neues, kostspieliges Projekt aufgenommen wird. Überzeugen Sie die Unentschlossenen und bringen Sie die Kritiker zum Schweigen. Aber verraten Sie mit keinem Wort, worum es geht. Alle Informationen über das Projekt Pandora sind nur für Sie bestimmt.« Er deutete auf den zweiten Ordner. »Das ist die offizielle Version. In diesem Exposé wird Nanocan als Grippeimpfstoff beschrieben, der siebzig Prozent billiger herzustellen ist als herkömmliche Impfseren. Werfen Sie diesen Köder aus, damit der Aufsichtsrat anbeißt.« Marc senkte warnend die Stimme. »Wenn etwas von dem, was wir heute besprochen haben, nach außen dringt, sind wir geliefert. Niemand wird sich dann mehr impfen lassen. Ich hoffe, das ist Ihnen klar?«
   Theyemeier nickte stumm und blätterte in dem Ordner.
   »Wenn ich Hilfe brauche, melde ich mich bei Ihnen, und nur bei Ihnen«, sagte Marc.
   Theyemeier schlug den Ordner zu. »Das ist astronomisch«, sagte er.
   Marc pflichtete ihm bei. »Und der finanzielle Gewinn ist nicht der Einzige, vergessen Sie das nicht.«
   Theyemeier reichte ihm eine Visitenkarte. »Unter dieser Nummer erreichen Sie mich jederzeit.«
   Marc steckte die Karte in die Brusttasche seines Sakkos. »Noch etwas. Wir müssen eine größere Menge Nanocan herstellen. Sie sollten einige Pharmakologen dafür abstellen; Wissenschaftler, die keine Fragen stellen und die wir notfalls unter Druck setzen können. Richten Sie ihnen ein Labor ein, in dem sie ungestört arbeiten können, und trennen sie die Mannschaft von den anderen. Es wäre ratsam, wenn Berkholz die Aktion leiten würde. Eine Beförderung würde seinem Engagement guttun.«
   Theyemeier blätterte bereits wieder in den Gewinnprognosen. Er hörte kaum zu.
   »Wenn Sie wollen, kümmere ich mich darum.«
   Theyemeier blickte zerstreut auf. »Was? Ja, ja, machen Sie nur.«
   »Dazu brauche ich Vollmachten. Stellen Sie mir einen offiziellen Anstellungsvertrag aus, dann wird niemand unnötige Fragen stellen.«
   Theyemeier ließ den Ordner sinken. Seine Augen leuchteten. »Setzen Sie einen Vertrag auf und geben Sie ihn meiner Sekretärin. Sie kümmert sich um alles Weitere.«
   Marc begann sich zu fragen, ob Theyemeier ihm auch noch einen Blankoscheck ausstellen würde, wenn er ihn darum bat. Er verabschiedete sich und steuerte im Vorzimmer auf den Schreibtisch der Sekretärin zu.
   Die Augen seiner blonden Eroberung blitzten auf, als sie ihn kommen sah.
   »Du sollst dich um mich kümmern, hat dein Chef gesagt.«
   Sie schob die Zungenspitze in den Mundwinkel. »So, hat er das?«
   Marc ging um Schreibtisch herum und begann, ihre Nackenmuskeln zu massieren. »Du sollst mir alles zeigen, was ich wissen muss. Am besten gleich heute Abend.«
   »Theyemeier sagt, ich soll seine Kunden niemals warten lassen.«
   Marc knabberte an ihrem Ohrläppchen. »Ich hole dich um sieben ab.«
   In dem verglasten Außenaufzug fuhr er nach unten in die Welt der Sterblichen zurück. Er fühlte sich großartig und unbesiegbar. Die glitzernde Stadt lag ihm zu Füßen. Millionen Ameisen wuselten fleißig durcheinander und ahnten nichts von seinen Absichten. Theyemeier hatte genau so reagiert, wie er es erwartet hatte. Bei einer Gewinnerwartung von dreißig Prozent und mehr entwickelten die meisten Manager einen Tunnelblick. Sie blendeten jedes Risiko aus, weil sie den Heiligen Gral des Kapitalismus in Händen halten wollten. Marc machte da keine Ausnahme. Es ging ihm nicht um den Besitz, sondern um den Kitzel der Jagd. Auch Theyemeier wurde von grenzenloser Gier getrieben, einem Untier, das niemals satt wurde. Ständig schrie es nach neuer Beute. Marc hatte nie verstanden, wie fromme Männer die Sonntagspredigt mit der Welt des Dschungelkapitalismus in Einklang brachten. Leute wie Theyemeier spielten Monopoly und ihr Einsatz waren die Ameisen. Reichtum bedeutete ihnen wenig, er war nur Mittel zum Zweck.
   Er brach in schallendes Gelächter aus. Er stand am Start des größten Spiels, das er je gespielt hatte. Was konnte es Erregenderes geben?

Kapitel 6

Der September löste den August ab und ging windig und regnerisch zu Ende. Seit den frühen Morgenstunden trieb ein kalter Nordostwind dürre Äste über die Straßen der Insel Schelfhorn wie die bleichen Knochen von Wiedergängern, die das Meer ausgespuckt hatte. Zum ersten Mal seit vier Wochen zeigte sich der Himmel von seiner übellaunigen Seite. Hinter den Dünen erstreckte sich ein schiefergraues unruhiges Meer, weit und endlos mit winzigen weißen Wellen, die in der Ferne wie Vogelfedern auf dem Wasser tanzten.
   Maren reckte den Kopf, um den Strand besser überblicken zu können. Finn lief dicht am Meer entlang, sammelte unermüdlich Muscheln, auf magische Weise verbogenes Treibholz und die Schalen toter Meeresbewohner, die die See an den Strand spülte.
   So, wie der Junge diese Insel liebte, entdeckte Maren sie nach Jahren der Abwesenheit wieder neu. Sie war rau und unberührt und die Uhren tickten langsamer als in der Stadt. In Reedewitz oder Schelfhagen verriegelte am Abend niemand die Haustür mit Sicherheitsschlössern. Es gab kaum Autoverkehr, und doch erreichte man das nahe Festland über den Damm, der bei schlechtem Wetter hin und wieder unpassierbar war, in fünfzehn Minuten. Schelfhorn war ein kleines Paradies, das von den Touristenströmen noch nicht erobert worden war.
   Sie hatte gehofft, die salzige Seeluft und das Meer würden die dunkle Vergangenheit von Finns Seele und damit auch von seiner Haut waschen, aber der Erfolg blieb aus. Der Junge litt nach wie vor unter entzündlichen, juckenden Ekzemen. Seit dem Mittagessen quengelte er und war schlecht gelaunt, was äußerst selten vorkam. Finn war ein stilles Kind, das Maren kaum Probleme bereitete. Das dunkle Haar und die strahlenden blauen Augen schienen alles zu sein, was er von seinem Vater geerbt hatte. Ob Toms abgründige Seiten, sein Hang zu Gewalt und Grausamkeit, auch in Finn schlummerten, würden die kommenden Jahre zeigen.
   Seufzend machte es sich Maren in einer Sandkuhle zwischen den Dünen bequem und suchte in den dahinjagenden Wolken nach Formen und Gesichtern. Die Vorstellung, sich hier niederzulassen, begann ihr zu gefallen, und unmerklich glitt sie in einen angenehmen Tagtraum hinüber. Vielleicht würde sie einen Job auf dem Festland finden, und sie könnten ein kleines Haus oder eine billige Wohnung auf der Insel mieten.
   Finns Stimme riss sie aus ihren Träumereien. Maren schreckte hoch und suchte mit ängstlichen Blicken den Strand ab. Der Junge saß zwanzig Meter unterhalb der Dünen und baute in Gedanken versunken eine Sandburg. Was auch immer sie geweckt hatte, Finn war nicht die Ursache. Der Strand war menschenleer und verlor sich zu beiden Seiten in der Unendlichkeit. Vom Seewind zerzauste Fahnen zerrten an den Flaggenmasten, die im Abstand von hundert Metern die Dünen säumten. In der Nähe gab es einen Imbissstand, der bereits geschlossen war und eine Holzbude, an deren Seitenwand zerkratzte Surfbretter lehnten. Unterhalb des Schuppens lagen kieloben drei Holzboote. Von der Sonne verbrannte Farbe blätterte in großen Flocken von den Rümpfen ab.
   Auf der dem Land zugewandten Seite strich ein bulliger schwarzer Rottweiler an den Gartenzäunen entlang. Der frei laufende Hund löste in Maren ein Gefühl der Unruhe aus. Seine breiten Kiefer konnten den Arm eines Kindes zerbrechen wie einen dürren Ast. Aber der Hund beachtete sie nicht und lief mit gesenktem Kopf Richtung Süden auf den Ort zu.
   Ihre Finger berührten den Lauf der Gaspistole im Seitenfach der Strandtasche. Tom war tot, aber noch immer trug sie die Waffe bei sich wie einen lieb gewonnenen Talisman.
   Sie versuchte, sich auf einen leichten Roman zu konzentrieren, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab und kehrten zu dem streunenden Hund zurück. Schließlich legte sie das Buch zur Seite, drehte sich auf den Rücken und verfolgte mit ihren Blicken die sich ständig neu bildenden Wolkenformationen.
   Plötzlich wurde das Rauschen des Seegrases von einem leisen Schnauben übertönt. Maren tastete erneut nach dem Griff der Gaspistole, drehte sich auf den Bauch und lauschte angestrengt. Das Schnaufen kam von der Landseite her. Jemand nieste und schnaubte. Hinter den Dünen verlief ein geteerter Weg an den Häusern entlang. Wenn sich jemand von dort aus dem Strand näherte, befand er sich bereits zwischen den Dünen und dem Toyota und hatte ihr den Weg abgeschnitten.
   Vorsichtig robbte sie auf den Kamm der Düne zu. Das Schnaufen übertönte jetzt deutlich das Rascheln des Seegrases im Wind. Maren bog die Halme auseinander. Dicht vor ihrem Gesicht erschien der bullige Kopf des Rottweilers. Seine Zunge hing schief aus dem Maul, er sabberte und hechelte und leckte sich immer wieder über die Schnauze. Sein Maul war mit grünlich-weißem Schaum verschmiert, der in großen Flocken auf den Boden tropfte. Als der Hund sie entdeckte, knurrte er aus tiefer Kehle, die blutunterlaufenen Augen starr auf die vermeintliche Beute gerichtet.
   Erschrocken kroch Maren rückwärts auf die Tasche zu. Der Hund machte einen Satz nach vorn, kläffte sie wütend an und nieste so heftig, dass Schaumflocken von seinen Lefzen spritzten. Jaulend rieb er die Schnauze im Sand.
   Sie hatte die Tasche fast erreicht, richtete sich mit vorsichtigen Bewegungen auf und ließ den Rottweiler nicht aus den Augen. Blind tastete sie nach der Pistole, bis sie den kalten Griff unter ihren Fingern spürte. Wenn sie den Rottweiler damit auch nicht töten konnte, würde sie ihn zumindest kampfunfähig machen können.
   Der Hund schüttelte den Kopf und rieb sich mit der Vorderpfote über die Schnauze. Mit seltsam eckigen Bewegungen schnappte er nach einer unsichtbaren Beute. Dann drehte er ruckartig den bulligen Kopf, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Maren und griff ohne Vorwarnung an.
   Maren riss die Pistole aus der Strandtasche und zog den Abzug durch. Der Schuss rollte wie Kanonendonner über den Strand, aber die Gasladung streifte den Hund nur. Er jaulte auf, stolperte, und setzte seinen Angriff unbeeindruckt fort.
   Sie ließ die Pistole fallen und floh zum Strand hinunter. Finn hatte den Schuss gehört. Er stand inmitten seiner Sandburg, eine gelbe Plastikschaufel in der Hand. Gehetzt suchte Maren den leeren Strand nach einem Versteck ab. Hundert Meter südlich von ihr ragte ein weißes Stahlrohrgestell in den Himmel – ein Beobachtungssitz der DLRG, der bei dem trüben Wetter verwaist war. Der Hund konnte die Leiter nicht emporklettern, aber sie würde den Sitz niemals rechtzeitig erreichen, um ihm zu entgehen. Hinter einer Biegung des Strandes im Norden flatterten bunte Lenkdrachen im Wind. Die Dünen verbargen die Besitzer, wahrscheinlich hatten sie noch nicht einmal den Schuss gehört, denn die Fahnen entlang des Strandweges knatterten und klirrten laut im Wind.
   Der Rottweiler hatte sich von seinem Schreck erholt und schloss schnell zu ihr auf. Etwas stimmte mit diesem Hund nicht. Er war nicht nur einfach auf Beute aus; nein, er wollte töten, wollte ihr und Finn die Kehle aufreißen und ihr Blut saufen, sie in Stücke reißen und in ihren Eingeweiden wühlen. Der Hund war durchgedreht. Tollwütig.
   Finn ließ die Schaufel fallen und rannte auf die kieloben im Sand liegenden Boote zu. Instinktiv hatte er erfasst, dass sie den einzigen Schutz auf dem menschenleeren Strand boten. Maren schlug einen Haken und hetzte ihm nach.
   Der Junge erreichte die Boote als Erster. Er stolperte, fiel der Länge nach in den Sand und kroch durch den Spalt unter der Bordwand des vorderen Bootes.
   Maren spürte den blutgierigen Atem des Rottweilers im Nacken. Der Hund war dicht hinter ihr. Sie ließ sich platt auf den Boden fallen und nutzte den Schwung aus, um sich unter den umgedrehten Bootsrumpf zu rollen. Ihr Schienbein traf eine der Holzstützen, mit denen das Boot aufgebockt war. Der schwere Rumpf kippte und sackte auf der Seite zu Boden, von der sich der tobende Hund näherte.
   Finns Augen leuchteten angstvoll im Halbdunkel auf, seine Lippen zitterten. Auch er hatte die wahnsinnige Wut des Tieres gespürt.
   Maren kroch zu ihm und drückte ihn an sich. »Bist du in Ordnung, Schatz?«
   »Mir ist nichts passiert. Warum ist er so böse, Mami?«
   »Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er krank.« Ihr schoss der beunruhigende Gedanke durch den Kopf, dass sich der Hund tatsächlich mit Tollwut angesteckt haben könnte. Ein Kratzer auf Finns Haut konnte ausreichen, um ihn zu infizieren.
   Der Rottweiler hatte das Boot erreicht. Mit scharfen Krallen kratzte und scharrte er wutentbrannt am Rumpf, steckte die Schnauze in den Spalt unter dem Bootsrumpf und knurrte. Sein Bellen dröhnte ohrenbetäubend laut in dem umgedrehten Boot. Marens Gedanken rasten. Auf der dem Hund entgegengesetzten Seite ruhte das Boot noch auf seinen Stützen. War das Biest schlau genug, um einen Weg in ihr Versteck zu finden? Wenn der Hund die Öffnung entdeckte, würde es ein Schlachtfest geben. Und im nächsten Frühjahr würden die ersten Segler ihre Knochen finden, wenn sie die Boote umdrehten.
   Unter dem Rand des Bootes tauchte eine schwarze Pfote auf. Der Hund steckte seine Schnauze in den Spalt, schnaufte und hechelte und blies schaumige Flocken in das Bootsinnere. Enttäuscht knurrend zog er sich zurück und kratzte wie verrückt an der Außenhaut.
   Dann war es plötzlich still. Maren hielt den Atem an und lauschte. Hatte das durchgedrehte Vieh aufgegeben? Aber dann begann der Hund wie ein tollwütiger Fuchs mit den Vorderpfoten im Sand zu wühlen und grub einen Tunnel.
   Finn kreischte. »Er kommt! Er kommt und frisst uns!«
   Maren drehte sich auf den Rücken. Fieberhaft suchte sie nach einem Ausweg. Auf Hilfe von außen konnte sie nicht hoffen. Sie waren allein am Strand. Wenn es Hilfe gab, dann musste sie in dem nach Salz und Tang riechenden Bootsrumpf zu finden sein.
   An den Sitzbänken über ihrem Kopf hatte jemand zwei Paddel befestigt. Hastig begann Maren, die verquollene Kordel zu lösen. Finn zog das Paddel aus seiner Halterung und schlug damit nach den grabenden Pfoten. Der Hund jaulte auf, ließ sich aber nicht beirren und grub verbissen weiter. Finn holte erneut aus, aber die Schläge steigerten die Wut des Tieres noch.
   Maren streckte die Hand aus. »Gib mir das Paddel.«
   »Es ist nicht genug Platz da zum Ausholen!«
   »Gib es mir!« Sie legte das Paddel flach auf den Boden, während der Köter im Sand grub und dabei Geräusche machte, die Maren noch nie von einem Hund gehört hatte.
   »Er hat bestimmt die Tollwut!«, rief Finn. »Wenn er uns beißt, steckt er uns an.«
   Maren packte das Paddel mit beiden Händen. Nach allem, was sie erlebt hatte, war sie nicht auf diese Insel gekommen, um das Opfer eines tollwütigen Rottweilers zu werden.
   Immer wieder stieß sie das Paddel durch den Spalt, um den Hund zu vertreiben, aber der dachte gar nicht daran, aufzugeben. Er grub seine Zähne in das weiche Holz, stemmte seine Vorderbeine gegen den Bootsrumpf und zog ruckartig an dem Paddel. Marens Fuß stieß gegen eine halb verfaulte Holzstütze, die knirschend nachgab. Der Rumpf sackte seitlich auf den Sand. Maren unterdrückte einen Schrei.
   »Hast du ihn erwischt?«, fragte Finn aufgeregt.
   »Meine Hand! Mein Arm ist eingeklemmt!«
   Finn reagierte sofort. Er schnappte sich das zweite Paddel und kroch unter der hinteren Bordwand hindurch nach draußen.
   »Finn! Bleib hier!«
   Maren zerrte an ihrem Arm und versuchte, das Boot anzuheben, aber der Holzrumpf war zu schwer. Alles, was sie tun konnte, war, darauf zu warten, dass der wahnsinnige Köter in aller Ruhe ihre Hand bis auf die Knochen abnagte.
   Sie hielt den Atem an und lauschte. Das Knurren und Hecheln hatte aufgehört. Ein dumpfer Schlag ließ das Boot erzittern, Pfoten tappten über den Rumpf.

*

Vorsichtig kroch Finn am Heck des Bootes vorbei. Der Strand lag verlassen da, bis auf das Geschrei der Möwen war alles still. Das Paddel lag neben dem Boot im Sand. Im Holz glitzerten die feuchten Spuren des Hundegebisses. Finn richtete sich auf und schaute sich suchend um. Hatte der Rottweiler aufgegeben?
   Der Wind drehte und trug ein leises Knurren heran. Schlagartig wurde Finn klar, dass der Hund auf dem umgedrehten Bootsrumpf stand und ihn jederzeit anfallen konnte. Finn schwang das Paddel wie ein Schwert und drehte sich um die eigene Achse. Aber er hatte den Winkel falsch eingeschätzt und schlug ins Leere. Dabei verlor er den Halt und fiel rücklings in den Sand. Sofort ergriff der Rottweiler seine Chance und sprang.
   Finn schlug die Arme schützend vor das Gesicht und schrie, aber der tollwütige Hund erreichte ihn nicht. Ein verwischter grauer Fleck fegte an ihm vorbei und stürzte sich auf den angreifenden Rottweiler.
   »Ayko!«
   Der graue Fleck sprang zurück und baute sich drohend vor dem Rottweiler auf. Aus den Dünen tauchte ein Mann auf, der aus Finns Wurmperspektive wie ein Riese wirkte. Er erfasste mit wenigen Blicken die Situation und schnappte sich das Paddel. »Ayko, hierher!«
   Der graue Fleck, der Finn das Leben gerettet hatte, entpuppte sich als irischer Wolfshund, neben dem der Rottweiler zu einem Rauhaardackel zusammenschrumpfte. Der Fremde machte einen Schritt auf den schwarzen Hund zu und stieß drohend das Paddel vor. Der Rottweiler hatte genug. Er war offenbar nicht gewillt, es mit mehreren Gegnern gleichzeitig aufzunehmen, drehte sich um und trottete auf die Dünen zu. Auf dem Kamm blieb er stehen und kläffte noch einmal wütend, dann verschwand er auf der anderen Seite.
   »Alles in Ordnung?«
   Finn deutete aufgeregt auf den Bootsrumpf. »Meine Mutter ist unter dem Boot eingeklemmt.«
   Der Mann warf das Paddel in den Sand und ging auf das Boot zu. Unter dem umgedrehten Dollbord ragte eine Hand heraus. »Sind Sie verletzt?«, rief er.
   »Ich glaube nicht. Wenn Sie mir freundlicherweise hier heraushelfen würden?«

*

Der Druck auf Marens Arm verschwand. Hastig zog sie ihre Hand zurück.
   »Du kannst jetzt rauskommen, Mami! Der Hund ist weg!«, rief Finn.
   Maren kroch unter dem Boot hervor und klopfte sich den Sand von der Kleidung. Vor ihr stand ein schlanker, fast hagerer Mann mit wettergegerbtem Gesicht. Der Wind spielte mit seinen blonden Haaren und wehte Sandkörner in den dünnen Bart. Die grauen Augen wurden von feinen Krähenfüßen eingerahmt, die sich hell von der Bräune seiner Haut abhoben. Er trug Jeans und ein kariertes Holzfällerhemd, seine Füße steckten in braunen Lederstiefeln. Neben ihm stand der größte Hund, den Maren jemals gesehen hatte. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück.
   Der Fremde bemerkte ihren Blick. »Ayko ist harmlos.«
   »Er hat mir das Leben gerettet«, rief Finn begeistert.
   Der Mann nickte. »Das könnte man so sagen. Weiß der Teufel, was in diesen Köter gefahren ist.«
   Maren rieb sich das aufgeschürfte Handgelenk.
   »In Reedewitz gibt’s einen Arzt. Er sollte sich Ihr Handgelenk mal anschauen.«
   »Nein danke, das ist nicht nötig.«
   »Der Hund hat bestimmt die Tollwut«, sagte Finn.
   »Das wollen wir nicht hoffen. Hat er dich gebissen?«
   Finn schüttelte den Kopf. Er lief zum Boot und hob das Paddel auf.
   »Ich bin Arne Hendrikson«, sagte der Mann.
   »Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Maren reichte ihm die rechte Hand.
   Sein Händedruck war fest und warm. »Machen Sie Urlaub?«
   »Ja. Wir wohnen im Aukrug.«
   »Sie sollten besser zurückfahren. Es gefällt mir nicht, dass der Hund frei herumläuft. Da wir gerade von Dr. Hallmann reden … das könnte sein Hund gewesen sein. Ich werde mal mit ihm reden.«
   Maren strich sich die Haare aus der Stirn. »Ja, Sie haben vermutlich recht. Es wird ohnehin bald regnen.« Sie schaute sich nach Finn um.
   Er hielt das Paddel in der Hand. »Mann, er hat das Brett glatt durchgebissen!«, rief er.
   »Fass das Paddel nicht an!«
   »Au!« Finn ließ das Paddel fallen.
   »Kannst du niemals auf das hören, was ich sage?«
   Finn hielt seine linke Hand umklammert.
   »Zeig mal her!«
   Ängstlich betrachtete Maren Finns Arm. In seinem Handballen steckte ein langer, gezackter Holzsplitter.
   Maren zog ihn vorsichtig heraus und warf ihn in den Sand.
   »Nur ein kleiner Kratzer«, sagte Hendrikson. »Er wird’s überleben.«
   »Ja, nur ein Kratzer!«, wiederholte Finn.
   Maren war anderer Meinung. Die Wunde war lang und tief und blutete heftig. In ihrer Fantasie entwickelte sich der harmlose Kratzer zu einer Blutvergiftung, die zur Amputation des Armes führte.
   »Wo steht Ihr Wagen?«, fragte Hendrikson.
   »Direkt am Fuß der Dünen. Wir packen unsere Sachen zusammen und fahren zurück.«
   Hendrikson nickte. »Ich kümmere mich um Hallmanns Hund.«
   Er drehte sich um und verschwand mit seinem riesigen Wolfshund zwischen dem Seegras.
   »Merkwürdiger Kauz.« Maren faltete die Decke zusammen und verstaute die Gaspistole in der Strandtasche.
   »Das war der komische Doktor«, erklärte Finn.
   »Welcher komische Doktor?«
   »Hab ihn gestern am Strand gesehen. Zwei alte Frauen haben über ihn geredet. Sie sagten: Das ist der komische Doktor. Er hat den alten Leuchtturm gekauft.«
   »Finn, du sollst nicht immer solche wilden Geschichten erfinden.«
   »Hab ich gar nicht!«
   Maren schulterte die Tasche und kramte nach dem Autoschlüssel. Ihre Gedanken beschäftigten sich bereits mit der Möglichkeit, dass es auf Schelfhorn nur eine einzige Apotheke gab, in der jedes Antiseptikum ausverkauft war.

*

Dr. Hallmann stand besorgt in der offenen Terrassentür seines Hauses und blickte über den Garten zu den Dünen hinüber. Es dämmerte bereits. Kibo war noch nie fortgelaufen.
   Als er ins Haus zurückgehen wollte, hörte er ein leises Winseln. Hallmann schaltete die Gartenbeleuchtung ein. Kibo lag am Fuß der Pergola. Sein schwarzes Fell war mit Dreck und Kletten übersät, Pfoten und Schnauze blutverschmiert. Er keuchte und atmete stoßweise.
   »Kibo, wo bist du gewesen?« Er eilte auf den Hund zu.
   Kibo spannte die Muskeln und sprang auf. Mit drei schnellen Sätzen hatte er seinen Herrn erreicht. Dieser wich überrascht zurück und stolperte rücklings durch die offene Terrassentür. Kibo nieste, rieb sich die blutige Schnauze und folgte ihm ins Haus, um zu spielen. Der stürmische Wind riss einen Fensterladen aus seiner Halterung und schleuderte ihn zornig gegen die Hauswand. Das Krachen übertönte für einen Augenblick seine Schreie, die im Rauschen des anschwellenden Sturms niemand hören konnte.

Kapitel 7

Arnes Wolfshund Ayko stand wachsam hinter den Fenstern des alten Leuchtturms und schnupperte mit erhobenem Kopf, als könnte er durch die Glasscheiben den aufziehenden Sturm wittern. Das Barometer war gefallen und fiel noch weiter. Der riesige graue Hund gähnte, trottete durch den Wohnraum, der einen großen Teil des gedrungenen Turms einnahm, und rollte sich auf dem Teppich zusammen.
   Arne starrte gedankenverloren auf die graue See. Der Wind trieb endlose Reihen schaumbemützter Wellen auf das Land zu, als wollte er den Leuchtturm mit seiner nassen Armee erobern.
   »Sie hatte grüne Augen. Solche Augen habe ich nicht mehr gesehen, seit Dana tot ist.«
   Ayko wuffte zustimmend, als hätte auch er die Ähnlichkeit bemerkt.
   »Kastanienbraunes Haar.«
   »Wuff.«
   »Grüne Augen, wie Smaragde.«
   Arne schüttelte den Kopf. Es war nur die Ähnlichkeit mit Dana. Die Frau hatte Erinnerungen heraufbeschworen, die er längst verdrängt hatte, das war alles. Der Wind fuhr singend durch die Gitterstäbe des Außengeländers und forderte Einlass.
   Der Wolfshund gähnte.
   »Verdammt, warum sagst du mir nicht, dass ich den Mund halten soll?«, schimpfte Arne.
   Ayko nahm von ihm keine Notiz und legte den Kopf auf die Pfoten. Er war es gewohnt, dass Arne mit sich selbst sprach.
   Dröhnend hallten plötzlich Schläge an der Blechtür am Fuß des Turms durch den Treppenschacht. Arne stoppte das sanfte Schaukeln des Schaukelstuhls und spannte die Muskeln an, bereit zum Kampf oder zur Flucht. Es gab niemanden, der den mühsamen Weg zum Leuchtturm auf sich nahm. Die Inselbewohner begegneten ihm mit Respekt und boten ihm ihre Freundschaft an, aber er hielt sie auf Armeslänge fern. Er sah die Neugier in ihren Augen, die echtes Interesse und Anteilnahme versprach, aber er verzichtete auf die ausgestreckten Hände, denn er wollte niemanden in Gefahr bringen. Jeder, der seine Hand schüttelte, begab sich in Gefahr.
   Wieder klopfte der Besucher an die Eingangstür. Das konnte nur Paulsen sein, der Nachrichten von Laura brachte, schlechte Nachrichten.
   Arne eilte die Stufen hinab.
   Der Telefonanschluss im Leuchtturm war seit dem Tag gestört, an dem er eingezogen war. Im Zeitalter von Mobiltelefon und WLAN-Sticks hatte sich Arne nicht die Mühe gemacht, ihn reparieren zu lassen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass es rund um das felsige Kap ein Funkloch gab, das den Handyempfang störte. Bevor Laura erneut krank geworden war, hatte er die zusätzliche Isolation als willkommenen Schutz begrüßt. Nun erwies sich die fehlende Verbindung zur Außenwelt als selbst gestellte Falle.
   Er schob den Riegel zurück und öffnete die Blechtür.
   »Lassen Sie endlich den verfluchten Anschluss in Ordnung bringen. Ich habe keine Lust, jedes Mal bei diesem Sauwetter hierher zu fahren.« Henning Paulsen, der einzige Polizist auf Schelfhorn, drehte sich übellaunig um und schwankte zu seinem Wagen zurück.
   Den ersten Aquavit des Tages hatte er wahrscheinlich schon kurz nach dem Frühstück gekippt. In einer Stunde würde er sternhagelvoll sein.
   Arne warf die Tür hinter sich zu und beeilte sich, den Polizisten einzuholen. Schweigend fuhren sie in Paulsens Polizeiwagen die fünf Kilometer zur Dorfmitte.
   »Sie sollen Dr. Bruning anrufen. Ist wieder irgendwas mit Ihrer Tochter.« Paulsen schlurfte in die Stube, ließ sich auf einen Bürostuhl fallen und knallte achtlos die sandverschmierten Stiefel auf den Schreibtisch.
   Arne wählte die Nummer der Klinik in Schleswig und verlangte Bruning.
   »Herr Hendrikson, Sie sollten sofort in die Klinik kommen.« Die Stimme des Arztes ging im Knistern atmosphärischer Störungen unter. Der Leuchtturm wirkte wie ein riesiger, elektrischer Kondensator, der den Empfang im Umkreis beeinträchtigte.
   »Hat sich ihr Zustand verändert?«, fragte Arne sorgenvoll.
   »Sie ist bei Bewusstsein, aber es geht ihr schlecht. Ich befürchte, dass eine Infektion hinzugekommen ist. Eine solch aggressive Form von Leukämie ist mir noch nie begegnet.«
   »Ich komme, so schnell ich kann.«
   Die Uhr über dem Schreibtisch zeigte 20:13 an. Arne legte den Hörer auf die Gabel. Über dem Horizont schimmerte ein letzter Streifen Tageslicht. In einer halben Stunde brach die Nacht heran.
   »Ich fahr nich noch mal zu Ihrem beschissenen Turm am Ende der Welt raus«, nuschelte Paulsen im Halbschlaf.
   »Wir haben einen Deal.«
   Glucksend trank Paulsen aus einer Schnapsflasche. »Scheiß auf den Deal!«
   Es war sinnlos, mit Paulsen zu diskutieren, wenn er sich betrank. Arne verließ die Polizeiwache, überquerte den Dorfplatz und hastete Richtung Hauptstraße. Er würde die Strecke zurück zum Leuchtturm laufen müssen.
   Weder Laura noch er hatten es wahrhaben wollen und die Anzeichen verdrängt, obwohl er längst gewusst hatte, dass die furchtbare Krankheit zurückgekehrt war. Er verfluchte Paulsens Trägheit und fiel in einen leichten Trab. Nach einer halben Stunde erreichte er die Stelle, von der ein sandiger Weg zum nördlichen Kap abzweigte. Nach weiteren vierhundert Metern stieg er in seinen verbeulten weißen Pick-up und wartete, bis sich sein rasender Herzschlag beruhigt hatte. Gehorsam sprang der alte Chevroletmotor an.
   Arne steuerte den Pick-up die aufgeweichte Piste entlang. Als er den Ort passierte, kam ihm Hallmanns Rottweiler in den Sinn. Nachdem er die Frau mit den grünen Augen am Strand zurückgelassen hatte, hatte er im Dorfkrug eine Kleinigkeit gegessen und war dann zu Hallmanns Praxis gelaufen. Der Arzt war weder verantwortungslos noch unbesonnen und sein Hund hatte sich noch nie auffällig verhalten. Arne wollte wissen, was die Veränderung ausgelöst hatte. Wenn es die Tollwut war, war auch sein eigener Hund in Gefahr. Außerdem stellte der streunende Rottweiler eine Gefahr für Wanderer und Badegäste dar. Aber Hallmann hatte nicht geöffnet. Sein Wagen stand im Carport, das Fenster des Wartezimmers war gekippt, aber offenbar waren weder der Arzt noch seine Sprechstundenhilfe im Haus. Vielleicht waren sie zu einem Notfall geeilt.
   Doch Hallmann und sein beißwütiger Rottweiler waren jetzt nicht mehr wichtig. Nur Lauras Leben zählte.
   Arne bog auf die Straße ein, die die Insel von Südwesten nach Nordosten in zwei Hälften zerschnitt, und trat auf das Gaspedal. Der Wetterdienst gab eine Sturmwarnung für die Küstenregion heraus. Der rostige Chevrolet wurde von einer heftigen Windbö erfasst und ritt vor dem Wind wie ein Strandsurfer. Mit sorgenvoller Miene blickte Arne in die Nacht hinaus. Die Dunkelheit hatte den fahlen Streifen Licht am Horizont verschluckt. Wenn der Wind weiter zunahm, würde er die See in den schmalen Streifen zwischen Insel und Festland drücken und den Damm überfluten. Das passierte nicht oft, aber bei Sturm war Schelfhorn vom Rest der Welt abgeschnitten.
   Der Motor dröhnte und trug Arne gehorsam dem Ziel entgegen. Zwanzig Minuten später tauchten die Hinweisschilder zum Fahrdamm auf. Jenseits der Lichtkegel war die Finsternis so dicht und lebendig, dass Arne Land und See nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Kein Wagen begegnete ihm während der Fahrt. Niemand war so töricht, sich bei aufziehendem Sturm nach draußen zu wagen, wenn er keinen lebenswichtigen Grund dazu hatte.
   Er drosselte das Tempo und stoppte den Wagen zehn Meter vor dem Damm. Die Fahrbahndecke war verschwunden, als hätte sie nie existiert. Schwarzes Wasser glitzerte im Scheinwerferlicht. Der Sturm spülte fächerartig gekräuselte Wellen über den Damm. Wahrscheinlich war das Wasser nur wenige Zentimeter tief und mit den grobstolligen Reifen des Pick-ups ohne Probleme zu durchqueren. Die eigentliche Gefahr bestand darin, wegen der fehlenden Orientierung von der Straße abzukommen. Arne zögerte. Laura brauchte ihn. Dennoch tat er ihr keinen Gefallen, wenn er leichtsinnig handelte.
   Er holte die Stabtaschenlampe unter dem Sitz hervor und sprang aus dem Wagen. Der Sturm schleuderte ihm eiskalten Regen und Gischt ins Gesicht. Arne hielt den Strahl der Lampe gesenkt und näherte sich dem Damm. Nach wenigen Metern übertönte das Heulen des Windes den tuckernden Motor des Pick-ups. Die leicht abschüssige Straße verschwand im Wasser wie ein Pfad hinab zum Meeresgrund. Arne lief dreißig Meter auf den Damm hinaus. Hier draußen fegte ihn der Sturmwind beinahe von den Beinen. Wenn der Damm nicht unter dem Wasserdruck an seiner schwächsten Stelle nachgegeben hatte, konnte man ihn gefahrlos überqueren. Blieb das Problem der Orientierung.
   Er ließ den Lichtstrahl kreisen. Links und rechts des Fahrdammes ragten normalerweise Stecken und kahl geschlagene Birkenstämme als Orientierungshilfe aus dem Wasser, damit niemand bei Hochwasser von der Straße abkam. Aber der Sturm hatte die meisten Markierungen ausgerissen und ins Meer gespült.
   Er würde es dennoch wagen. Entschlossen machte er sich bereit, zum Wagen zurückzukehren, als in der Dunkelheit ein Licht aufblitzte und wieder verlosch. Er starrte angestrengt in die Nacht hinaus und wartete, aber kein Wagen näherte sich. Er musste sich getäuscht haben. Niemand war so verrückt und überquerte den überfluteten Damm in einer Sturmnacht. Es sei denn, er hatte eine Tochter, die im Sterben lag.
   Arne ging zum Wagen zurück. Bevor er einstieg, warf er einen Blick in die Richtung, aus der er gekommen war und stutzte. Er rieb sich die brennenden Augen und ging am Pick-up vorbei einige Schritte auf die Insel zu. Schelfhorn war verschwunden, als wäre es innerhalb weniger Augenblicke im Meer versunken. Die blinkenden Lichtflecke der Ortschaften und das Blitzen des neuen Leuchtturms in der südlichen Bucht waren öliger Finsternis gewichen. Offenbar hatte der Sturm die Elektrizitätsversorgung unterbrochen.
   Die Rücklichter des Pick-ups glühten in der Finsternis geisterhaft wie Dämonenaugen. Hinter der Motorhaube huschte ein Schatten vorbei. Arne riss die Lampe herum und ließ den Lichtstrahl über den Damm wandern. Er fing an, in der unheimlichen Leere Gespenster zu sehen. Seine Sinne suchten verwirrt nach bekannten Konturen und Formen und erzeugten Trugbilder in der Dunkelheit.
   Irritiert kehrte er zum Fahrerhaus zurück, stieg auf das Trittbrett und schaltete die Lampe aus. Am Absatz seines Stiefels schimmerte grünlicher Schleim. Er wischte etwas davon ab und zerrieb die Substanz zwischen Daumen und Zeigefinger. Das klebrige Zeug glühte phosphoreszierend auf und roch schwach nach Schimmel und Fäulnis. Die Berührung weckte eine verborgene Erinnerung. Doch so schnell der Gedanke gekommen war, so hastig verdrängte er ihn wieder. Das alles war Vergangenheit; Schrödinger, das Labor und das Feuer.
   In der Nähe des Dammes erstreckte sich am südwestlichen Rand der Insel ein tückisches Moor. An manchen Sommerabenden, wenn sich die Luft nach einem Gewitter aufklarte, konnte man brennendes Sumpfgas und Irrlichter beobachten. Hatte die aufgewühlte See den zähen Schlamm über den Damm gespült?
   Arne schaltete die Taschenlampe aus. Auch die Vorderreifen schimmerten grünlich. Der Schleim pulsierte und glühte, als ob Myriaden mikroskopisch kleiner Lebewesen in ihm lebten und einem zerstörerischen Plan nachgingen. Er bückte sich und betrachtete fasziniert die Reifen. Einen Augenblick lang verdrängte die Neugier des Wissenschaftlers in ihm seine Sorge um Laura und er spürte weder den Sturm noch den Regen, der in den Kragen seiner Jacke rann. Konzentriert kniff er die Augen zusammen. Was auch immer sich in dem Schleim bewegt hatte, es hörte in diesem Moment schlagartig auf, als wüsste es, dass es beobachtet wurde. Die vergessene Angst, die er noch eben sicher ihrem Käfig eingesperrt geglaubt hatte, bog die Gitterstangen auseinander und wand sich hindurch. Arne erhob sich und blickte fröstelnd über den Damm.
   Auf dem unruhigen Wasser trieb noch mehr von dem Zeug. Jedes Mal, wenn er sich umdrehte, schienen sich die grünlichen Schleier blitzschnell in die schützende Dunkelheit jenseits der Autoscheinwerfer zurückzuziehen. Es war jedoch nichts weiter als eine Illusion, hervorgerufen von den zufälligen Bewegungen der Wellen. Arne kämpfte gegen die aufsteigende Furcht an. Das Labor, das Feuer und die Katze waren nur Schatten der Vergangenheit, tot und längst begraben. Von der anderen Seite kehrte niemand zurück.
   Auf dem Damm erklang eine Autohupe, lang anhaltend wie das Nebelhorn eines Frachters, und brach dann abrupt ab. Das Licht, das er vorhin gesehen hatte, war nicht wieder aufgetaucht. Trotzdem war jemand auf dem Damm … und er war in Gefahr.
   Arne stieg in den Pick-up, schlug die Tür zu und löste die Handbremse. Langsam rollte der Wagen auf den Damm zu. Die Reifen zischten wie aufgeregte Schlangen auf dem nassen Asphalt und verdrängten das Wasser. Im Licht der Scheinwerfer bildeten sich schillernde grüne Wirbel und Schlieren wie ein Ölfilm. Wenn der Wagen sich ihnen näherte, schienen sie vor ihm zurückzuweichen und ins offene Wasser zu fliehen.
   Arne fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er musste einen klaren Kopf bewahren und damit aufhören, in der orientierungslosen Dunkelheit dem Sumpfgas eine böse Absicht zu unterstellen. Laura brauchte ihn.
   Er packte das Lenkrad fester und versuchte, starr geradeaus zu fahren. Seine Augen hatten sich an die Finsternis gewöhnt. Er sah jetzt deutlicher als vorhin, dass sich die Wellen an der rechten Kante des Dammes brachen und sich zu weißen Schaummützen auftürmten. Die hellen Flecken dienten ihm als Orientierung.
   Als er die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, erfassten die Scheinwerfer des Pick-ups einen dunkelblauen VW-Bus, der quer zur Straße stand. Der Wagen blockierte die Fahrspur und einen Teil der Gegenfahrbahn. Hendrikson stoppte und griff nach der Taschenlampe, stieg aus dem Wagen und ging auf den Bus zu. Es war ein älteres Modell mit rostigen Felgen und einer Beule am linken Kotflügel. Über die gesamte Seite zogen sich tiefe Kratzer, die hinteren Fenster waren mit dunkelblauer Folie zugeklebt. Im Fenster der Heckklappe klaffte ein gezacktes Loch.
   »Hallo?« Arne ging auf die Fahrertür zu. »Hallo? Kann ich Ihnen helfen?«
   Niemand antwortete ihm. Er leuchtete in das Fahrerhaus, aber die Sitze waren leer.
   Hinter dem Heck des Busses fiel klatschend ein Gegenstand in das flache Wasser. Er schwenkte die Lampe und ging wachsam um den Wagen herum. Der Sturm heulte klagend, brach sich an den Ecken und Kanten des Busses und übertönte jedes andere Geräusch. Einen Hilferuf würde er ebenso wenig hören wie einen Angreifer, der sich mit einem Wagenheber in der Faust anschlich.
   Das Gefühl, angestarrt zu werden, verstärkte sich. Auch hier draußen auf dem Damm, einen Kilometer von der Insel und dem Moor entfernt, trieben faulige Schlieren auf dem schwarzen Wasser. Und wieder schienen sie vor dem Licht zu fliehen und ihn aus dem Dunkel heraus zu beobachten.
   Arne ging zum Heck des VW-Busses. Das Nummernschild fehlte. Die Hecktür klapperte leise, als ein Windstoß in die Ritzen fuhr. Die Chromleiste am unteren Rand schimmerte phosphorgrün. Vorsichtig zog er die Klappe hoch. Der Laderaum war leer bis auf drei feuerrote Kanister, die mit einem Spanngurt an der Rückwand des Fahrerhauses festgezurrt waren. Eine vierte Halterung war leer. Die Schiebetür auf der rechten Seite stand offen. Jetzt sah er auch den zweiten Wagen, den der Bus bisher verdeckt hatte: einen silberfarbenen Opel Vectra. Die Front des Opels war zusammengefaltet wie eine Ziehharmonika, die Windschutzscheibe zertrümmert. Der Wagen musste mit voller Wucht in die Flanke des VW-Busses gerast sein.
   Unter der geöffneten Fahrertür des Opels ragten zwei Beine in das flache Wasser. Ein untersetzter, grauhaariger Mann kniete auf der Straße neben dem Wagen. Sein Oberkörper war auf dem Fahrersitz zusammengesunken, die linke Hand lag schlaff auf dem Lenkrad. Der durch den Zusammenprall ausgelöste Airbag hatte sich wie ein Leichentuch über dem Kopf des Mannes ausgebreitet.
   Arne schob den Airbag zur Seite. Entsetzt zuckte er zurück, stieß mit dem Kopf an den Türholm und ließ die Lampe fallen. Der Lichtstrahl huschte über die blutbefleckte Hose des leblosen Mannes. Das linke Bein war gebrochen und stand in verdrehtem Winkel vom Rumpf ab, aber das war nicht die Todesursache gewesen. Das Gesicht des Toten begann sich bereits aufzulösen, die leeren Augenhöhlen schimmerten faulig-grün. Etwas fraß die Leiche von innen her auf und drängte an die Oberfläche. Wieder überkam Arne das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden. Im Dunkel huschten ölige Schlieren davon.
   Auf dem Rücksitz des Vectras lag eine braune Damenhandtasche, der Mann war also nicht allein unterwegs gewesen. Aber wo war die Frau, der die Tasche gehörte? Irgendetwas stimmte hier nicht, passte nicht zum Ablauf eines normalen Unglücksfalles.
   Arne lief Richtung Festland und suchte mit der Lampe die Böschung auf beiden Seiten des Dammes ab. Nach fünfzig Metern stieß er auf die Leiche der Frau. Sie lag auf dem Bauch mit dem Gesicht im flachen Wasser. Der Sturm trieb kleine Wellen gegen ihren leblosen Körper. Arne drehte sie auf den Rücken und fand seine böse Ahnung bestätigt. Aus ihrem Brustkorb ragte ein gezackter Glassplitter, an dem Fetzen von blauer Folie klebten. In ihrer Kehle klaffte eine tiefe Schnittwunde, die unweigerlich zum Tod geführt hatte. Wovor war sie geflohen? Hatte das Paar sich nach einem Streit gegenseitig umgebracht oder lauerte ein verrückter Killer dort draußen in der Dunkelheit?
   Der Pick-up stand mit laufendem Motor achtzig Meter hinter ihm, aber er nutzte ihm nichts. Die Unfallwagen blockierten beide Fahrtrichtungen. Es würde Stunden dauern, bis die Straße wieder passierbar war. Die Polizei würde den Ort weiträumig absperren, es würde eine Untersuchung geben, die Suche nach Zeugen und endlose Fragerei. Bis er die Insel verlassen konnte, war Laura vielleicht tot. Bei diesem Sturm würde kein Schiff auslaufen. Die Überfahrt mit dem Motorboot zu wagen, das in einem Schuppen am Strand unterhalb des Leuchtturms lag, grenzte an Selbstmord. Arne war gestrandet.
   Sein Blick fiel auf die offene Schiebetür des Busses. Der Aufprall hatte einen vierten Behälter aus der Halterung gerissen und aus dem Laderaum geschleudert. Der rote Container rollte von Wind und Wellen getrieben im flachen Wasser hin und her. In dem verbeulten Behältermantel klaffte ein breiter Riss, ein Aufkleber hatte sich abgelöst und schaukelte auf dem Wasser. Der Boden des Laderaums war mit einer schwarzgrünen Masse bedeckt, die über den Rand tropfte und sich mit dem Seewasser vermischte. Der zähe Schleim war geruchlos, ging eine Verbindung mit Wasser ein und hatte sich in Windeseile verbreitet.
   Unwillkürlich wischte sich Arne die Finger am Hosenbein ab. Das Zeug klebte an den Reifen des Pick-ups, an seinen Stiefeln und Fingern. Er hatte keine Ahnung, ob die Substanz gefährlich war und ob ein Zusammenhang mit dem Tod des Mannes und der Frau bestand. Hier hatte sich ein Drama abgespielt, das er nicht durchschaute. Eins wusste er jedoch jetzt mit Sicherheit: Das Zeug war weder Sumpfgas noch Faulschlamm.
   Schrödinger. Der Laborschrank. Die Mikrowelle.
   Die Bilder blitzten in seinem Verstand auf, aber er verdrängte sie standhaft. Er sah das, was er zu sehen glaubte, geprägt durch seine Erinnerungen. Nichts weiter.
   Arne säuberte sich die Hände im Wasser, kletterte in den Wagen und wendete. Dann streckte er die Hand nach dem Telefon in der Mittelkonsole aus, zögerte aber. Informierte er die Polizei auf dem Festland, bedeutete das unweigerlich Ärger. Selbst wenn er seinen Namen nicht nannte, konnten sie mit den Verbindungsdaten seine Identität feststellen. Er hatte gute Gründe, warum er sich am Ende der Welt in einem Leuchtturm versteckte. Die Polizei würde seine Personalien aufnehmen und ihn unter die Lupe nehmen. Und wenn sie den Kerl fassten, der diese Schweinerei angerichtet hatte, würde er als Zeuge vor Gericht aussagen müssen. Der Anwalt der Gegenseite würde ein bisschen im Dreck wühlen, in der Hoffnung, Arnes Glaubwürdigkeit zu unterhöhlen. Und er würde mehr als genug finden, um ihn selbst auf die Anklagebank zu bringen, auch wenn er am Tod dieser beiden Menschen schuldlos war.
   In den Morgenstunden würde der Sturm abflauen. Jemand würde über den Damm fahren, die Leichen entdecken und die Polizei rufen. Alles hatte seine Ordnung.
   Arne beschleunigte den Pick-up und kehrte verzweifelt zur Insel zurück. Die Worte des Arztes wiederholten sich in einer Endlosschleife in seinem Kopf: »Eine solch aggressive Form von Leukämie habe ich niemals zuvor erlebt. Bitte beeilen Sie sich.«
   Die Krankheit war wieder ausgebrochen, nachdem sie über ein Jahr geschlafen hatte. Die Heilung war eine Illusion gewesen. Er würde einen Weg zum Festland finden, und wenn er die Strecke schwimmen musste. Sein Stiefel trat das Gaspedal durch und schimmerte grün in der Dunkelheit des Fußraumes.

Kapitel 8

Maren schob den Teller zur Seite. Sie hatte das Essen kaum angerührt. Die Wirtin blickte sie tadelnd an und räumte das Geschirr ab.
   »An ihren Kochkünsten liegt es nicht«, erklärte Maren entschuldigend, »ich habe einfach keinen Appetit.«
   Die Wirtsfrau trug die Teller zum Tresen hinüber und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. »Nehmen Sie sich die Sache mit Hallmanns Hund nicht so zu Herzen. Es ist ja alles gut ausgegangen.«
   Maren rieb ihr verbundenes Handgelenk. Sie hatte großes Glück gehabt, dass das schwere Boot ihr nicht die Knochen zertrümmert hatte, als es von den Stützen gerutscht war. Auch Finns Hand zierte ein Verband. Die Wirtin hatte ihr ein Dutzend Mal versichert, dass die Wunde sauber und desinfiziert sei.
   »Der komische Doktor hat uns geholfen!«, sagte Finn. Er betrachtete die Begegnung mit dem Rottweiler als überstandenes Abenteuer.
   Maren seufzte.
   Wenn sie bedachte, was der Junge in den letzten Wochen durchgemacht hatte, erwies er sich als psychisch äußerst stabil. Sie hatten dreimal in einem Jahr die Wohnung gewechselt, um keine Spuren zu hinterlassen. Jedes Mal hatte Finn neue Freunde finden müssen, bis der nächste Umzug sie wieder auseinanderriss. Der Junge besaß die wunderbare Eigenschaft, alle negativen Erlebnisse als Spiel zu betrachten. Und er selbst suchte sich die Rolle aus, die er spielen wollte. Ihre überstürzte Flucht und den Aufenthalt auf der geheimnisvollen Insel betrachtete er als Teil eines großen Abenteuers.
   »Sei ehrlich, Finn. Der wundersame Leuchtturmwärter existiert nur in deiner Fantasie.«
   »Stimmt gar nicht!«
   »Aber sicher gibt es ihn«, bestätigte die Wirtin. »Die Leute nennen ihn den seltsamen Doktor. Vor zwei Jahren kam er nach Schelfhorn und kaufte den alten Leuchtturm am Nordkap. Er soll Arzt sein … jedenfalls erzählt man sich das.«
   Maren war beeindruckt vom Nachrichtensystem der Insel.
   »Du weißt doch gar nicht, ob der Mann am Strand der Doktor aus dem Leuchtturm war«, sagte sie zu Finn.
   »Doch, ganz bestimmt.« Er hustete und schniefte. Sein kleiner Kopf glühte.
   »Hat er sich vorgestellt?«, fragte die Wirtin.
   »Henderson oder so ähnlich«, antwortete Maren zerstreut. Finns fiebrig glänzende Augen weckten Unruhe in ihr.
   »Arne Hendrikson.« Die Wirtin nickte. »Ja, das ist er.«
   Maren legte Finn eine Hand auf die Stirn. »Du hast Fieber!«
   »Mir ist nur ’n bisschen heiß.«
   Die feuerrote Katze der Wirtsleute strich um seine Beine und schnurrte. Sie witterte das Essen. Finn glitt von seinem Stuhl, setzte sich zu ihr und begann sie zu kraulen.
   »Eine Menge Leute auf Schelfhorn sind krank geworden«, erklärte die Wirtin. »Sicher hat ein Badegast einen Virus eingeschleppt. Meinen Mann hat’s schlimm erwischt. Er hat hohes Fieber und klagt über Druck auf der Brust.« Nachdenklich polierte sie den Zapfhahn. »Dabei hat er sich sogar gegen diesen neuen Grippevirus impfen lassen. Seltsam.«
   Maren horchte auf. »Was ist daran seltsam?«
   Die Wirtin wrang den Lappen aus. »Alle, die Dr. Hallmann geimpft hat, sind krank geworden.«
   »Das sind sicher nur vorübergehende Symptome, eine Reaktion auf den Impfstoff. So etwas kommt vor.«
   »Bringen Sie den Jungen ruhig mal zu Dr. Hallmann. Seine Praxis liegt im Nachbarort. Ich werde Ihnen den Weg erklären.«
   Finn hustete trocken.
   Maren stand auf. »Wir werden dich jetzt ins Bett stecken, kleiner Mann.«
   »Aber ich wollte doch …«
   »Keine Widerrede.«
   Die Wirtin band ihre Schürze los. »Ich werde auch mal nach meinem Patienten schauen. Wenn das so weitergeht, sind wir bald alle krank.« Sie trug die schmutzigen Teller in die Küche.
   Kurz darauf hörte Maren das Knarren der Treppenstufen, die zum Obergeschoss hinauf führten.
   »Bleibst du bei mir, bis ich eingeschlafen bin?«, fragte Finn unsicher.
   Maren stutzte. Seit Wochen schon lehnte der Junge es ab, bemuttert zu werden. Für sein Alter war er erstaunlich selbstständig. Wenn Finn Schutz und Anlehnung suchte, hatte er einen Grund dazu. Sie strich ihm über das Haar, was er widerstandslos über sich ergehen ließ. Maren nahm ihre Tasche von der Stuhllehne und durchquerte mit Finn die Gaststube. Auf der Treppe begegnete ihr die Wirtin. Sie war bleich und verstört, ihre Hand tastete Halt suchend nach dem Geländer.
   Maren spürte einen Anflug von Angst. »Ist etwas passiert?«
   Die Wirtin blickte sie hilflos an, ihre Lippen zitterten.
   »Margaretha?« Maren griff nach ihrer Hand. Sie war eiskalt.
   »Jakob«, brachte sie endlich hervor. »Er … er ist tot.« Kraftlos ließ sie sich auf die Treppenstufen sinken. »Geht hin und stirbt einfach. Das geht doch nicht.« Sie schlug entsetzt die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf.
   Maren drehte sich zu Finn um. »Wie wär’s, wenn du die Vögel in der Voliere draußen versorgen würdest? Sie haben noch kein Futter bekommen und haben bestimmt Hunger. Jakob hat dir doch gezeigt, wie man das macht, nicht wahr?«
   Finn nickte stumm. Eine heftige Windbö heulte um das Gasthaus, das Deckenlicht flackerte nervös.
   »Dann lauf schnell hin und kümmere dich um sie.«
   Finn trottete auf den Hinterausgang zu. Er sah klein und verletzlich aus. Maren schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass dem Jungen nichts geschehen möge. Sie beschlich das unheimliche Gefühl, dass die anbrechende Nacht sich in einen Albtraum verwandeln würde.
   Sie reichte Margaretha die Hand. »Kommen Sie, wir stehen das zusammen durch.«

*

Der Wind schlug Finn beinahe die Tür aus der Hand. In Berlin gab es nur selten solche heftigen Stürme. Auf Schelfhorn fühlte sich Finn der Natur viel näher als in der Stadt. Alles fühlte sich echt und richtig an: der Sand zwischen den Fingern, der Salzgeschmack des Meeres auf seinen Lippen und der Wind. Der Wind war sein Freund, der ihn in den Himmel zog wie einen der bunten Lenkdrachen am Strand. Er zerzauste sein Haar und zupfte an seiner Jacke, wehte ihm Sandkörner ins Gesicht, die zwischen den Zähnen knirschten, und spielte mit ihm. Aber er konnte ihn auch ganz verrückt machen, wenn er nachts an den Dachpfannen und Fensterläden rüttelte und er das Gefühl hatte, als pustete er ihm mitten durch den Kopf.
   Finn stemmte sich gegen die Tür und drückte sie zu. Dann lief er quer über den Hof und den Gartenweg entlang bis zum Ende der Wiese. Dort stand eine große Voliere, in der zwei Dutzend Wellensittiche, Kanarienvögel und Nymphensittiche lebten. Die Nymphen mochte er am liebsten. Sie waren zutraulich und fraßen ihm aus der Hand, wenn er ihnen einen Leckerbissen mitbrachte. Auf dem Kopf hatten sie lustige Federn, die sich nach vorn sträubten, wenn sich die Vögel freuten oder aufgeregt waren. Im Augenblick jedoch waren sie still. Wahrscheinlich hatten sie sich bereits auf ihre Schlafplätze zurückgezogen, die Jakob ihnen aus knorrigen Ästen, Kokosnussschalen und ausgehöhlten Baumstämmen gezimmert hatte. Der Wind fuhr durch die Ritzen des Maschendrahts und erprobte seine Kraft an dem mit Teerpappe gedeckten Dach.
   Im Frühsommer hatte Jakob Knoll kurz nacheinander vier verletzte Vögel gefunden, eine Dohle mit einem abgerissenen Bein und drei Raben mit gebrochenen Flügeln. Die Tiere waren Opfer von Zusammenstößen mit Fahrzeugen auf der Hauptstraße vor der Gastwirtschaft. Eine Firma vom Festland hatte die Gebäude der stillgelegten Ziegelei am Nordwestende der Insel gekauft. Seitdem hatte der Lastwagenverkehr stark zugenommen.
   Die Verletzungen der Vögel waren gut verheilt. Jakob hatte Finn versprochen, die Tiere in den nächsten Tagen freizulassen. Finn wollte unbedingt dabei sein. Was würde nun aus den Vögeln werden?
   Er lief auf den Schuppen neben der Voliere zu, in dem der Gastwirt das Futter aufbewahrte, und stemmte sich gegen den Sturmwind, der salzige Gischt und Regen von der See herüberwehte. Unter dem Vordach fand er Schutz. Einen Moment blickte er grübelnd auf das Kombinationsschloss. Seine Gedanken schweiften ab. Das Bild der verstörten alten Frau drängte sich immer wieder in sein Bewusstsein. War Jakob wirklich tot? Ihn gruselte davor, ins Gasthaus zurückzukehren. Vielleicht würde er die Nacht Wand an Wand neben einem Toten schlafen müssen. Finn hatte noch nie einen toten Menschen gesehen. Die Vorstellung, das Zimmer des Wirtes betreten zu müssen, jagte ihm Angst ein.
   Die Voliere war in zwei getrennte Käfige aufgeteilt, einen für die Nymphen und Wellensittiche, der andere Teil war den Raben vorbehalten. Jeder Käfig besaß einen eigenen Zugang. Finn knetete seine Unterlippe und versuchte sich an die Stellung der vier Schlossstifte zu erinnern. Er hatte Jakob mehrfach zugeschaut, wenn er die Stifte verschob und sich die Reihenfolge eingeprägt. Jetzt fiel sie ihm wieder ein. Hastig schob er die Stifte in ihre Positionen: links, rechts, Mitte, links. Das Vorhängeschloss klickte leise und der Bügel sprang auf. Finn zog die Tür auf und trat in den dunklen Schuppen. Ob Jakobs Geist wohl hierherkam, um nach dem Rechten zu sehen? Vielleicht wollte er nicht, dass Finn sich um die Tiere kümmerte, und würde sich furchtbar an ihm rächen? Vielleicht stand er schon hinter ihm und war im Begriff, ihm seine eiskalte Knochenhand auf die Schulter zu legen.
   Finn fuhr herum und starrte in die Finsternis. Seine Finger tasteten über die Bretterwand neben der Tür und fanden den Lichtschalter. Eine einzelne Glühbirne baumelte an einem Kabel von der Decke und tauchte den Schuppen in trübes Licht. Finn atmete auf. Es konnte ja sein, dass der Geist des Wirtes noch keine Zeit gehabt hatte, sich um ihn zu kümmern. Er wusste, dass seine Mutter ihn fortgeschickt hatte, weil sie sich um die alte Frau Sorgen machte und sie nicht wollte, dass er dabei war. Warum sonst sollte er um diese Uhrzeit die Vögel füttern? Es war kurz nach neun.
   Er öffnete die Türen des morschen Bauernschranks und griff nach dem Vogelfutter. Die Wellensittiche und Nymphen bekamen anderes Futter als die Raben und die Dohle, das hatte er sich gut gemerkt. Er füllte das Futter in zwei leere Konservendosen, verließ den Schuppen und wandte sich der Voliere zu. Ein bisschen fürchtete er sich vor den großen Tieren mit den scharfen Schnäbeln und den unheimlichen schwarzen Augen.
   Alle Schlösser waren auf die gleiche Zahlenfolge eingestellt. Finn schob die Stifte in ihre Positionen und öffnete die Tür zum Nymphenkäfig. Es war totenstill, kein Krächzen, kein Gezwitscher und kein Rascheln von Federn und Flügeln, die aneinander rieben. Er schaltete das Licht in der Voliere an. Das Trenngitter war im oberen Drittel zerstört. Ein Teil des Holzrahmens war eingeknickt und hing schief an den verbliebenen Holzfasern. Finn riss erschrocken die Augen auf und ließ das Vogelfutter fallen. Die Sittiche waren tot. Überall war Blut. Federn, Vogelknochen und Fleischfetzen lagen auf den Steinplatten verstreut. In den blutigen Augenhöhlen der Wellensittiche steckten spitze Holzsplitter wie winzige Speere. Die meisten Tiere waren jedoch so zerfetzt, dass man sie kaum noch als Vogel erkennen konnte.
   Der Wind drückte die Tür der Rabenvoliere auf, klappernd schlug sie gegen den Rahmen. In der Dunkelheit hatte Finn vorhin nicht bemerkt, dass die Tür unverschlossen war. Das Vorhängeschloss lag neben der Trennwand auf dem Boden. Er bückte sich und hob es auf. In einem der Schlitze steckte ein hornartiger Splitter, der sich anfühlte wie ein Fingernagel. Vogelschnäbel bestanden aus solchem Material.
   Finn steckte das Schloss in die Hosentasche und lief zum Haus zurück. Durch die Hintertür gelangte er in den Flur, der zum Treppenhaus führte. Im Haus war es totenstill, ab und zu knackte es im Gebälk. Finn traute sich nicht, nach oben in das Zimmer des toten Jakob zu gehen und wollte auch nicht nach seiner Mutter rufen. Also beschloss er, in der Schankstube zu warten, bis sie herunterkam.
   An den meisten Abenden saßen Männer aus dem Ort am Tresen, Fischer und Inselbewohner, die Bier tranken und Seemannsgarn spannen. Heute Nacht hielt der Sturm sie in ihren Häusern fest.
   Finn ging zu einem der Tische und hinterließ eine nasse Fußspur auf den polierten Dielenbrettern. Plötzlich erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Aus einem Spalt zwischen den Dielen krochen Ameisen hervor und krabbelten in einer schnurgeraden Linie auf die Lücke zwischen Tresen und Kamin zu. Immer neue Tiere tauchten in der Ritze auf, orientierten sich kurz und rannten den anderen hinterher.
   Die schreckliche Entdeckung in der Voliere hatte seine Sinne geschärft. Er kniete sich auf den Boden und beobachtete neugierig die Ameisen. Im schräg einfallenden Licht der Leuchte über dem Tresen sah er, dass auch aus anderen Löchern und Ritzen Ameisen hervorquollen. Sie schienen einem Plan zu folgen, denn sobald sie ans Licht kamen, schlugen sie eine bestimmte Richtung ein. Die Spur der Ameisen erinnerte ihn an Berlin. Von einem Sims auf dem Flachdach des Wohnblocks neben dem gewaltigen Kamin aus Ziegeln konnte man einen Teil der Stadt überblicken. Die Ameisen auf dem Boden der Schankstube folgten einem unsichtbaren, verwinkelten Muster, das dem Grundriss des Viertels in Berlin glich. In der Rushhour drängelten sich Autos, Laster und Busse durch die verstopften Straßen. Auch sie verhielten sich nicht wie zahllose Einzelwesen, sondern wie ein einziger Organismus, der mit einem einzigen Gehirn dachte und unzählige Arme und Beine steuerte.
   Finn blickte zur Tür hinüber, alles blieb still. Seine Mutter war noch immer bei dem toten Gastwirt. Er kletterte auf einen der Tische, damit er den Boden besser überblicken konnte, und bekam eine Gänsehaut. Er hatte so etwas nie zuvor beobachtet und spürte, dass etwas Ungewöhnliches vorging. Die Ameisen bildeten ein kompliziertes Muster auf dem Boden, als hätte jemand mit einem schwarzen Filzstift ein Labyrinth auf die Dielen gemalt. Die Linien zitterten und vibrierten, weil sie aus Tausenden Ameisen bestanden, die einem gemeinsamen Ziel entgegenstrebten. Finn wusste, dass Ameisen Straßen anlegten – unsichtbare Pfade, die sie mit Duftstoffen markierten, um eine Fressquelle an ihre Artgenossen weiterzugeben. Aber was sie dort unten machten, konnte es nicht geben. Die Ameisen marschierten schnurgerade, unsichtbare Pfade entlang und bildeten ein Muster mit geometrischen Ecken und Kanten. So etwas kam in der Natur nicht vor.
   Seine Neugier besiegte die aufkeimende Furcht. Er sprang auf den Boden und tippelte auf Zehenspitzen zwischen den wandernden Ameisen hin und her, bis er mitten in dem Muster auf einer kleinen Insel stand. Die Tiere beachteten ihn nicht. Langsam hob er seinen Fuß und stellte seinen Turnschuh auf eine der unsichtbaren Straßen. Der Strom der Ameisen geriet ins Stocken. Sie versuchten verwirrt, sich zu orientieren, kamen aber nicht auf die Idee, um seinen Schuh herumzulaufen. Stattdessen begannen die Mutigsten von ihnen, an dem weißen Leder emporzukrabbeln.
   Im Obergeschoss quietschte eine Tür. Finn lauschte, aber er konnte die leise gesprochenen Worte nicht verstehen. Etwas pikste ihn in den Fußrücken. Er senkte den Kopf und erschrak. Sein Turnschuh war schwarz von Ameisen. Er versuchte, sie abzuschütteln, aber sie ließen sich nicht vertreiben. Sie krochen in seinen Schuh, an der Socke entlang nach oben und kitzelten ihn an der Wade.
   Und dann war der Schmerz da. Sein Bein brannte, als hätte jemand ein glühendes Eisen in sein Hosenbein gesteckt. Auf ein unhörbares Kommando hin bissen und stachen die Tiere gleichzeitig zu und vervielfachten damit die Wirkung ihrer Beißwerkzeuge. Hastig krempelte Finn seine Jeans hoch und verlor den Halt, weil seine Beine ihn plötzlich nicht mehr trugen. Er kreischte vor Überraschung und Schmerz, fiel auf den Rücken und presste das brennende Bein an den Körper. Niemals zuvor hatte er solche Schmerzen empfunden. Aus den Augenwinkeln sah er, dass die Ameisen ihren Rhythmus veränderten. Sie wichen von ihren Pfaden ab und marschierten in breiter Front wie eine angriffsbereite Armee auf ihn zu.

*

Maren erkannte sofort, dass in Jakob Knoll weniger Leben war als in einer Schaufensterpuppe. Der alte Mann war tot. Er lag friedlich im Bett, seine Lesebrille noch in den Fingern, das aufgeschlagene Buch vor ihm auf der Bettdecke. Vor dem Bett saß die rote Katze. Sie leckte sich die Pfoten und blickte irritiert zwischen der Wirtin und ihr hin und her. Sie spürte, dass etwas geschehen war, das ihre Welt für immer verändert hatte.
   Maren überlegte, wie sie überprüfen konnte, ob der Wirt wirklich tot war. In der Kommodenschublade fand sie einen kleinen Handspiegel. Sie hielt ihn vor Jakobs Mund, aber kein noch so leiser Atemhauch schlug sich auf dem Glas nieder. Jakob Knoll war tot. »Wir sollten Dr. Hallmann anrufen«, sagte sie.
   Margaretha saß auf einem Stuhl neben der Tür. Fassungslos blickte sie auf den Mann, mit dem sie über vierzig Jahre verheiratet gewesen war. Er war fortgegangen, ohne sich zu verabschieden und hatte nichts weiter als eine leblose, leere Hülle zurückgelassen.
   »Margaretha?«
   Die Wirtin schaute auf, als wäre sie aus einem bösen Traum erwacht. »Danke«, sagte sie. »Ich danke Ihnen, dass Sie mich begleitet haben.«
   Im Angesicht des Todes fand Maren keine Worte. Es war unheimlich still in dem dunklen Zimmer, einzig die Nachttischlampe warf einen gelben Schein auf Jakobs blasses Gesicht.
   Der Sturm verfing sich heulend in den Mauerritzen und Fensterläden und hatte das leise Geräusch beinahe geschluckt. Es war gerade laut genug gewesen, dass Maren es wahrgenommen hatte. Nach einer halben Minute kehrte das Kratzen und Rascheln zurück. Instinktiv drehte sie den Kopf in Richtung des Bettes. Sie hatte sich nicht getäuscht. An der Wand hinter dem Kopfende des Bettes scharrten scharfe Krallen.
   Margaretha war aufgestanden. Auch sie hatte etwas gehört und schaute Maren verwirrt an. Das Geräusch verstummte und kehrte nach einer Weile lauter und heftiger zurück. Unsichtbar kroch es hinter dem Bett an der Wand entlang nach oben. Auf Marens Armen bildete sich eine Gänsehaut, ein verrückter Gedanke durchzuckte sie. Die Seele des Toten klammerte sich an der Tapete fest und kletterte mit winzigen, krallenbewehrten Füßen nach oben. »Es kommt aus der Wand«, flüsterte sie.
   »Als wir das Obergeschoss ausbauten, hat Jakob Fertigbauwände eingezogen. Sie sind hohl und nur mit Dämmstoff gefüllt.«
   »Eine Maus?«
   Die Wirtin schüttelte den Kopf. »Wir hatten noch nie Probleme mit Ungeziefer. So etwas spricht sich schnell herum. Die Gäste wären ferngeblieben.«
   Maren legte den Kopf in den Nacken und lauschte. Einen Augenblick lang vergaß sie den Toten auf dem Bett. Von der Zimmerdecke her klang das Trippeln und Scharren kleiner Füße, die über Gipsplatten huschten. »Wie viele das sind! Hören Sie doch!«
   Das Scharren wurde lauter und schwoll zu einem vielstimmigen Chor an, der aus den Wänden und der Decke drang. Etwas pochte von unten gegen die Dielenbretter und begann daran zu nagen. Der Hohlraum unter dem Fußboden verstärkte das Geräusch wie der Korpus eines Kontrabasses.
   Margaretha ächzte erschrocken. »Was ist das nur?«
   Die Geräusche waren jetzt so laut, dass sie den Sturm mühelos übertönten. Maren drehte sich im Kreis. Selbst zwanzig Mäuse wären zu wenig gewesen, um einen solchen Lärm zu erzeugen. In der Schankstube im Erdgeschoss schrie jemand gellend auf.
   »Finn!« Maren lief aus dem Zimmer und hetzte die Treppe hinab. Sie konnte jeden Laut von Finn deuten. Der Junge hatte sich nicht einfach nur die Knie aufgeschrammt, es musste etwas Ernstes passiert sein. Er schrie vor Schmerz und Angst. Mit wild schlagendem Herzen stürzte sie in die Schankstube und unterdrückte einen Schrei.
   Finn wälzte sich auf dem Boden und hielt das linke Bein an den Leib gepresst. Die Holzdielen rings um ihn waren zum Leben erwacht. Sie pulsierten in einem gleichmäßigen Rhythmus, als atmeten sie. Ein kompliziertes Muster aus schwarzen Linien überzog die Dielenbretter, veränderte sich und bildete sich ständig neu. Maren verspürte eine fremde Scheu, in dieses Muster einzutreten. Sie hatte die irrationale Angst, als geschähe etwas Entsetzliches, wenn sie diesen magischen Kreis durchbrach.
   Finns Schreie brachten sie zurück in die Wirklichkeit. Es kam ihr vor, als hätte sie Stunden auf die vibrierenden Linien gestarrt, aber tatsächlich waren nur wenige Sekunden vergangen. Sie überwand die aufkeimende Furcht und kniete sich neben Finn auf den Boden. »Was ist passiert? Finn, beruhige dich.«
   Finn schrie und weinte und umklammerte sein Bein. Über seine Jeans krabbelten ein paar Ameisen. Maren begriff, dass sie keiner Täuschung unterlegen war. Das Muster auf dem Holzboden lebte. Myriaden von Ameisen krochen wie Roboter auf unsichtbaren Magnetschienen über den Boden und folgten einem geheimnisvollen Plan.
   »Mein Bein tut so weh!«, schluchzte Finn.
   Maren zog seine Jeans nach oben und erschrak. Finns Unterschenkel war feuerrot und geschwollen. Dutzende nässende Pusteln hatten sich auf der Haut gebildet, wo die Ameisen ihn gebissen oder gestochen hatten. Sie kannte sich mit Ameisen nicht besonders gut aus, aber sie wusste, dass sie normalerweise nicht gefährlich waren. In den Tropen existierten Arten, die toxische Substanzen verspritzten, aber die Gattungen in Mitteleuropa waren völlig harmlos. Doch diese Tiere verhielten sich nicht wie gewöhnliche Ameisen.
   »Es brennt so!« Finn begann, sich am ganzen Körper zu kratzen. »Die sind unter mein T-Shirt gekrabbelt.« Er zuckte zusammen. »Sie fressen mich auf!«
   Maren blickte an Finns Bein hinab. Sein Turnschuh war schwarz. Was sie zunächst für Dreck gehalten hatte, waren Ameisen. Sie strömten von allen Seiten auf ihn zu, quollen aus Ritzen und Spalten zwischen den Dielen, krabbelten verborgene, labyrinthartige Pfade entlang und sammelten sich in einem Zentrum.
   Und dieses Zentrum war Finn!
   »Raus aus den Sachen!« Sie fasste Finn unter den Achseln und stellte ihn auf einen der Tische. Ein Stechen in ihrem Knöchel ließ sie aufschreien. Der Schmerz war so stark wie ein Wespenstich. Finn musste Höllenqualen leiden. »Beeil dich! Zieh die Sachen aus!«
   Sie lief in den Flur. In ihrer Reiseapotheke befand sich eine Salbe gegen Insektenstiche. Als sie auf der dritten Treppenstufe stand, fiel ihr ein, dass die Tasche noch im Kofferraum des Toyotas lag. »Margaretha? Haben Sie ein Mittel gegen Insektenstiche im Haus?«
   Die Wirtin antwortete nicht.
   »Margaretha?«
   Maren eilte die Stufen wieder hinab und lief in die Küche hinter dem Tresen im Schankraum. Dort durchwühlte sie die Schubladen, bis sie auf eine Rolle mit Plastikbeuteln stieß. Aus der geräumigen Kühltruhe füllte sie Eis in einen Beutel und band ihn mit einem Einmachgummi zu.
   Die Ameisen waren überall, in den Vorratsschränken, auf der Anrichte und der Fensterscheibe. Ein paar von ihnen krochen über ihren Schuh. Maren wischte sie fort und bekam einen weiteren Stich ab. Ihr Ringfinger wurde knallrot und schwoll an wie ein Ballon.
   Finn hatte sich ausgezogen und stand nackt und hilflos auf dem Tisch. Sein linker Unterschenkel war auf die doppelte Größe angeschwollen.
   Maren drückte ihm den Eisbeutel auf die Wade. »Ich rufe Dr. Hallmann an.«
   Hinter dem Tresen hing ein altmodisches grünes Telefon mit Wählscheibe in einer Wandhalterung, daneben lag ein zerfleddertes Telefonbuch. Maren suchte Hallmanns Nummer und wählte. In der Leitung knackte es, aber sie wartete vergeblich auf das Freizeichen.
   Fluchend hängte sie den Hörer ein. Der Sturm legte eine Pause ein und schöpfte neue Kraft. In der plötzlichen Stille hörte sie das Scharren und Nagen überdeutlich. Es waren die gleichen Geräusche wie vorhin im Schlafzimmer. Diesmal kamen sie aus der Wand, an der das Telefon hing. Über die getäfelte Zimmerdecke trippelten scharfe Klauen und Krallen.
   Die Lampen über den Tischen im Schankraum flackerten. Schlagartig wurde es dunkel. Im Obergeschoss kreischte eine Frauenstimme.
   »Finn?«
   »Mami? Was ist passiert?«
   »Der Strom ist ausgefallen. Wahrscheinlich hat der Sturm eine Leitung beschädigt. Bleib, wo du bist. Ich schaue nach, ob ich in der Küche Kerzen finde.« Vorsichtig tastete sie sich am Tresen entlang. Die Dunkelheit war so dicht, dass sie danach greifen konnte. Das Scharren und Kratzen in den Wänden hatte aufgehört und war gespenstischer Ruhe gewichen. Maren geriet in Panik. Wie sollte sie in der unbekannten Küche Kerzen oder eine Taschenlampe finden?
   Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Links von ihr hob sich ein heller Fleck schwach vom Schwarz der Umgebung ab. Das musste die Tür zum Flur sein.
   »Margaretha? Ist alles in Ordnung? Der Strom ist ausgefallen!«
   Im Obergeschoss zerbarst klirrend Glas. Draußen auf dem Hinterhof fiel mit dumpfem Laut ein schwerer Gegenstand zu Boden.
   »Margaretha?«
   Von oben drangen leises Ächzen und Stöhnen herunter. Maren zog sich in die Küche zurück. Durch die Fenster der Gaststube fiel schwacher Lichtschein. Offenbar war der Strom nicht im ganzen Ort ausgefallen.
   Finn schluchzte leise in der Dunkelheit. Maren zog wahllos Schubladen auf und suchte nach einer Taschenlampe oder einem Feuerzeug, bis sie auf ein Streichholzbriefchen stieß. »Was macht dein Bein?«, rief sie.
   »Es brennt so furchtbar!« Finn schniefte.
   »Ich gehe nach oben und hole den Autoschlüssel. Du wartest hier und rührst dich nicht vom Fleck.«
   Sie zündete ein Streichholz an. Die kleine Flamme erhellte einen kreisrunden Fleck in der Dunkelheit. Die Ameisen waren verschwunden, jedenfalls konnte sie in der kurzen Zeit keine entdecken. Auch das Nagen und Rascheln in den Wänden hatte aufgehört. Sie tastete sich durch den Flur zur Treppe vor. Von draußen drang ein rhythmisches Klopfen herein. Der Sturm spielte mit einem verschwommenen Gegenstand und schlug ihn immer wieder gegen die Glasscheibe der Tür zum Hinterhof. Marens Herz setzte einen Moment lang aus. Der Umriss hinter der Scheibe ähnelte einer Hand. Das Streichholz verbrannte ihre Finger und erlosch.
   Vorsichtig ging sie auf die Tür mit den kleinen quadratischen Fenstern zu, vor denen eine milchige Gardine gespannt war. Sie drückte sich in eine Ecke neben der Tür und presste das Gesicht an die Wand. Bevor sie nicht wusste, was dort draußen vorging, würde sie diese Tür nicht öffnen.
   Ein undeutlicher heller Fleck pendelte vor der Tür hin und her und schlug gegen die Hauswand. Auf dem Nachbargrundstück glomm fahler Lichtschein auf, der nach zehn Sekunden erlosch und in unbestimmten Abständen wiederkehrte. Wahrscheinlich aktivierte ein Busch oder ein Ast, der vom Sturm geschüttelt wurde, immer wieder einen Bewegungsmelder.
   Maren schob die Spanngardine einen Spalt zur Seite und wartete auf den Lichtschein. Als die weit entfernte Lampe den Hof erleuchtete, schlug Maren die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Auf dem Pflaster vor der Tür lag Margaretha, in ihren starren Augen sammelten sich Regentropfen. Die Wirtin war tot.
   Maren biss sich in den Handrücken, bis der Schmerz sie zur Besinnung brachte. Das schwache Licht enthüllte Margarethas verzerrtes Gesicht. Die Haut war blau angelaufen, die Augen aus den Höhlen getreten, um ihren faltigen Hals war ein Verlängerungskabel gewickelt. Der Stecker hatte sich in dem Rankgitter neben der Tür verfangen. Der Sturm warf ihn spielerisch immer wieder gegen die Hauswand und erzeugte das Klopfen.
   Die Wirtin konnte sich unmöglich selbst erdrosselt haben. Aber außer ihr, Finn und Maren war niemand im Gasthof, wenn man einmal von der Leiche im Obergeschoss absah.
   Maren entfernte sich von der Tür. Sie mussten so schnell wie möglich fort von hier, weg aus diesem Kaff am Ende der Welt und runter von dieser verfluchten Insel. Hallmanns tollwütiger Hund, der unerwartete Tod des Wirtes, die unheimlichen Ameisen und das Scharren in den Wänden waren eine Kette von Ereignissen, die auf eine Katastrophe zuliefen. Die abergläubische Furcht aus ihren Kindertagen spülte jeden klaren Gedanken davon. Maren spürte die unsichtbare Bedrohung wachsen wie ein Feuer, das die Seelen der Inselbewohner auffraß.
   Sie lief die Treppe hinauf und blieb auf der letzten Stufe stehen. Dort zündete sie ein neues Streichholz an und leuchtete in den dunklen Korridor hinein. Die Tür des Todeszimmers stand einen Spalt offen und knarrte in ihren Angeln. Es war kalt im Obergeschoss, deutlich spürte Maren den Luftzug. Irgendwo musste ein Fenster offenstehen, jenes Fenster, aus dem Margaretha zu Tode gestürzt war. Oder war sie bereits tot gewesen, als sie auf dem Pflaster aufprallte? Erdrosselt von einem Toten?
   Maren drückte die Tür zu Jakobs Zimmer auf und hielt das Streichholz hinein. Der Stuhl neben der Tür war umgestürzt, das Bett leer, auch die Katze war verschwunden.
   Das Streichholz verlosch. Eine eisige Hand griff nach ihrer Kehle. Jakob Knoll war so tot gewesen, wie man nur sein konnte. Sie war keine Ärztin, aber auch ihr war klar, dass man mausetot war, wenn man zehn Minuten lang nicht atmete. Wo also war Jakob jetzt?
   Maren schlich aus dem Zimmer und brach ein neues Streichholz ab. In dem Briefchen steckten noch sechs Stück. Sie tappte ein Stück den Korridor entlang und brannte vor ihrer Zimmertür das Streichholz an. Dann kippte sie den Lichtschalter, aber es blieb dunkel. Der Strom war im gesamten Haus ausgefallen.
   In ihrem Zimmer stand sie unentschlossen vor dem Kleiderschrank. Sie wollte so schnell wie möglich fort, aber ihr fehlte die Zeit, um die beiden Koffer zu packen. Finn musste schnellstens zu einem Arzt. Also nahm sie nur ihre Windjacke mit dem Autoschlüssel von der Stuhllehne und versuchte, kein Geräusch zu verursachen. Selbst das Rascheln des Stoffes kam ihr unnatürlich laut vor. Es war vollkommen irreal. Außer Finn und ihr selbst war niemand mehr im Haus am Leben, dennoch spürte sie die lauernde Gefahr. Leise trat sie auf den Gang hinaus und vergewisserte sich dreimal, dass der Autoschlüssel in ihrer Jackentasche steckte.
   Auf ein unhörbares Kommando hin fingen die Geräusche wieder an. Zunächst nur ein leises Trippeln steigerte sich das Hasten kleiner Füße zu einer unheimlichen Musik, die aus den Wänden, der Decke und dem Boden drang.
   Maren entzündete ein Streichholz und drehte sich im Kreis. Am Ende des Korridors, dicht neben der Treppe, lag Jakob Knoll. Seine toten Augen spiegelten den Feuerschein der winzigen Flamme wider, als ob in ihnen ein unstillbarer Rachedurst loderte. Wie war der Tote neben die Treppe gelangt? Maren war sicher, dass er vorhin noch nicht dort gelegen hatte, sonst wäre sie über seinen ausgestreckten Arm gestolpert. Die Wirtin konnte ihn nicht dorthin geschleppt haben, denn zu diesem Zeitpunkt war sie bereits tot gewesen. Jakob lag in verkrümmter Haltung unter dem offenen Fenster, durch das Margaretha in den Hof gestürzt war.
   Maren presste die Finger um den Schlüsselbund und rannte den Flur entlang. Einen Augenblick war sie fest davon überzeugt, dass der Wirt aus dem Reich der Toten zurückgekehrt war und seine Frau ermordet hatte. Wenn sie an ihm vorbeiging, würde er nach ihr greifen und sie zu Fall bringen. Sie würde die Treppe hinunterstürzen und sich das Genick brechen. Dann war Finn ganz allein.
   Sie rang die aufsteigende Panik nieder. In der letzten halben Stunde waren sonderbare Dinge geschehen, aber nichts, was man im hellen Licht des Morgens nicht erklären konnte. Hastig stieg sie über den Toten hinweg und lief die Stufen hinab. Nichts geschah, Jakob Knoll blieb leblos und kalt.
   »Finn? Ist alles in Ordnung?« Einen schrecklichen Moment lang hatte Maren entsetzliche Angst, er würde nicht antworten, weil er genauso steif und kalt war wie der tote Wirt.
   »Es tut noch weh. Aber nicht mehr ganz so schlimm. Müssen wir wirklich zum Doktor?«
   Maren orientierte sich an seiner Stimme. »Ja, Schatz.«
   Sie zündete ein weiteres Streichholz an und half ihm, sich anzuziehen, wobei sie sich vergewisserte, dass in der Kleidung keine Ameisen mehr steckten. Bevor das Streichholz verlosch, drehte sie sich einmal schnell im Kreis. Das Nagen in den Wänden hatte wieder aufgehört, das Trippeln hunderter Krallen und Füße blieb.
   »Sind sie fort?«
   »Ja. Du brauchst keine Angst zu haben. Vielleicht bist du allergisch gegen Ameisengift. Darum fahren wir zu Dr. Hallmann.«
   »Was ist das? Allergisch?«
   »Komm jetzt.« Sie hob Finn vom Tisch und stellte ihn auf die Füße. Etwas strich an ihren Beinen entlang.
   »Das ist nur die Katze«, sagte Finn.
   Marens Nerven waren zum Zerreißen angespannt. In diesem Haus waren binnen einer Stunde zwei Menschen zu Tode gekommen, und mindestens einer von ihnen war ermordet worden.
   Die Glasscheiben der Eingangstür hoben sich schwach vom pechschwarzen Hintergrund ab. Die Katze fauchte und gab einen schmerzgepeinigten Laut von sich. Sie kratzte mit den Krallen über den Boden und schien im Dunkeln gegen eine einen unsichtbaren Feind zu kämpfen. Maren streckte die Hand nach der Türklinke aus. Die Katze fauchte und miaute und gebärdete sich wie eine Furie, dann sprang sie an der Haustür hoch, bis ihre Pfoten die Klinke erreichten. Blaue Funken zuckten knisternd durch das Dunkel. Die Katze kreischte, fiel zuckend auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Es stank durchdringend nach verbranntem Fell und Fleisch.
   »Mami, ich will hier raus.«
   »Bleib stehen, Finn!«
   Maren zog den Ledergürtel aus den Schlaufen ihrer Jeans, packte ihn am gelochten Ende und schwang ihn hin und her, bis die Schnalle den Türgriff berührte. Das Metall erzeugte knackende blaue Funken und Blitze. Die Klinke stand unter Strom. Wie triumphaler Beifall setzte das Rascheln in der Decke und unter dem Fußboden wieder ein.
   Maren entzündete das letzte von drei Streichhölzern. Auf den Dielen in der Mitte der Schankstube hoben sich dünne weiße Linien aus Mehl von dem dunklen Holz ab und bildeten ein kompliziertes Muster:

-II-I-I- -II –I-I –III-I-- -IIII-I- -III-I-- --I----- -III –II
    –III-I-- -II –I-I –III –I- -II---I- -II –I-I –II-III-

Die oberste Treppenstufe knarrte unter dem Gewicht schleppender Schritte.

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