Im idyllischen Schwarzwald verbreitet ein Serienmörder Angst und Schrecken. Seine Opfer werden auf grausame Art gefoltert und hingerichtet. Die hochschwangere Kommissarin Katrin Grass und ihr Kollege Josef Horn stehen vor einem Rätsel, denn außer ein paar herausgerissenen Seiten eines Märchenbuchs, die bei den Getöteten gefunden werden, gibt es keinerlei Spuren. Der Druck auf das Ermittlerteam durch die aufgebrachte Öffentlichkeit wird noch stärker, als eine Siebzehnjährige bestialisch ermordet wird. Plötzlich eskaliert die Situation, denn Katrin Grass steht als nächstes Opfer fest. Sie findet in ihrer Wohnung Seiten eines alten Märchenbuchs ...

Der zweite Roman von Doris Rothweiler in der Reihe Schwarzwald-Thriller. Hochspannung garantiert!

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ISBN: 978-9963-724-93-2

Seiten: 247

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Doris Rothweiler

Doris Rothweiler
Doris Rothweiler wurde 1972 in Villingen geboren und wuchs in Blumberg nahe der Schweizer Grenze auf, wo sie mit ihrer Familie auch lebt. Nach einem Studium der Verwaltungswissenschaften machte sie eine Ausbildung zur Lerntherapeutin. Schreiben ist für sie wie Schauspielerei. Nur, dass die Autorin alle Rollen gleichzeitig besetzt. Vom Regisseur bis in die kleinste Nebenrolle hinein. „Darin liegt auch das Spannende in diesem Beruf“, findet Doris Rothweiler. „Jeden Tag aufs Neue zu spüren, dass der eigenen Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.“

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Hochdorf im Schwarzwald, 1944

Als sie den schwarzen Wagen über die aufgeweichte Dorfstraße holpern sah, wusste sie sofort Bescheid.
   Endlich!
   Aufgeregt lief sie auf die Straße und winkte das Fahrzeug heran.
   »Da drin«, flüsterte sie, als der Wagen neben ihr hielt. »Die Jüdin ist in der Scheune.«
   Ein dicker Offizier mit wässrig blauen Augen tippte gegen den Schirm seiner schwarzen Mütze. »Sie haben dem deutschen Volk einen großen Dienst erwiesen. Heil Hitler«, sagte er und lächelte anerkennend.
   Das deutsche Volk war ihr egal. Hauptsache, die Jüdin verschwand auf Nimmerwiedersehen.
   Sie trat einen Schritt zurück und ließ den Wagen passieren, der lautlos in den Hof rollte, dann rannte sie, so schnell sie konnte, zur Rückseite der alten Pfarrscheune. Um nichts in der Welt wollte sie diesen Augenblick verpassen.
   In der Rückwand befand sich ein faustgroßes Loch. Woher und warum wusste niemand, aber es musste irgendwann einmal mit Absicht und Geschick dort hineingesägt worden sein, denn es war rund wie ein Kreis. Sie wagte kaum zu atmen, als sie mit einer Mischung aus Faszination und Ekel beobachtete, wie die drei Männer die Jüdin in eine Ecke drängten.
   »Da haben wir ja ein besonders hübsches Exemplar«, sagte der mit den blauen Augen und ließ eine Haarsträhne der Jüdin durch seine Finger gleiten. Sein Lachen klang kalt wie Eis. Die Jüdin blickte hektisch um sich, als würde sie versuchen, ihre Fluchtchancen abzuschätzen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie das Gefühl, die Jüdin würde ihr direkt in die Augen starren. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. Trotzdem hörte sie drinnen die Frau flehen.
   »Bitte! Bitte tun Sie meinen Kindern nichts.« Sie schien zu wissen, dass es nichts bringen würde, um sich selbst zu bitten.
   »Da müsstest du aber schon besonders nett zu uns sein, nicht wahr?« Dem Klang der Stimme nach hatte diesmal einer der beiden anderen gesprochen.
   »Was ihr wollt.«
   Sie hörte, wie die Jüdin versuchte, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. Vergeblich.
   »Was wir wollen und wie wir es wollen, nicht wahr, Kameraden?« Die Männer grölten.
   Sie stand mit dem Rücken zur Wand, etwa dreißig Zentimeter neben ihrem Guckloch und schloss die Augen so fest, dass es schmerzte. Ihr Atem ging flach und stoßweise. Herr Jesu, dachte sie. Was habe ich getan?
   Vorsichtig drückte sie sich von der Wand ab. Sie hatte genug gesehen, doch gerade, als sie den ersten Schritt machte, zerriss ein Knall wie ein Peitschenschlag die Luft. Sie wirbelte herum und presste ihre Stirn erneut gegen die raue Bretterwand. Etwas schien sich wie Blei um ihre Brust zu legen, so schwer wurde ihr das Atmen, während sie mit ansah, wie die Männer auf die junge Frau einschlugen, ihre Bluse zerrissen, sie anfassten.
   Eines der Kinder fing an zu weinen. Es plärrte nicht, wie Kinder es machen. Es weinte leise, trauernd. So, als würde es mit seinen fünf Jahren schon verstehen, dass seine Mutter danach nie mehr der Mensch sein würde, der sie gewesen war. Vorher.
   Ihre Fingernägel bohrten sich in ihre Hände, während sie den Blick nicht von der grausamen Szene lösen konnte.
   Der Mann mit den blauen Augen packte die Jüdin an den Haaren. Sein Gesicht war nur noch eine gierige Fratze. Jetzt wirkte er gar nicht mehr sympathisch. »Wenn du schreist, schneidet er deinen Nissen ihre dreckigen Hälse durch«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch und deutete auf seinen Kameraden, der bereits umständlich an seiner Hose fingerte und blöde nickte.
   Der Blauäugige zwang die junge Frau auf die Knie, während der Dritte ihren Rock nach oben schob.
   O mein Gott!
   Obwohl sie am liebsten weggerannt wäre, konnte sie ihren Blick nicht von den stoßenden Lenden, den von Geilheit verzerrten Grimassen, den weinenden Kindern wenden, die immer wieder verzweifelt versuchten, zu einer Mutter durchzudringen, deren Verstand schon lange in eine andere Welt abgeglitten war.
   Dann hielt sie es nicht mehr aus.
   Taumelnd lief sie davon, die eiskalten Hände gegen ihre Schläfen gepresst und rannte, bis sie keine Tränen mehr hatte und Scham und Angst ihr die Kehle zuschnürten.
   Erst Stunden später wagte sie sich zu der Scheune zurück.
   Das Tor stand weit offen.
   Nichts als Leere und Stille ringsherum.
   Sie waren fort.
   »Maria Muttergottes, vergib mir«, wisperte sie. »Lieber Gott! Das habe ich nicht gewollt …«

Kapitel 1
Die Hexe muss brennen

Er starrte seit Stunden auf das alte Bauernhaus und versuchte, etwas zu finden. Irgendetwas. Ein Zeichen, woran er erkennen konnte, dass in diesem Haus das Böse lebte.
   Nichts.
   Es war einfach nur ein altes Bauernhaus, aus dessen kleinen Fenstern warmes Licht in die kalte Nacht schien.
   Natürlich überraschte ihn das nicht. Die Welt war nicht so. Wahrscheinlich gab es auf diesem verrückten Planeten sogar irgendwo auch irgendjemanden, der die alte Frau vermissen würde. Der weinen würde, weil er sie unwiederbringlich verloren hatte.
   Das alte Stück Papier in seiner Hand raschelte, als er es auseinanderfaltete. Er hatte es so oft gelesen, dass es schon ganz brüchig war.
   »… wurde uns von der oben genannten Person berichtet, dass Pfarrer Benedikt Schollmeier in der Scheune des Pfarrhauses in Hochdorf die Jüdin Annamaria Augstein mit ihren Zwillingstöchtern, Rebecca und Hannah Augstein, versteckt hielt. Aufgrund dieser Informationen konnte die Jüdin Augstein mit ihren Kindern festgenommen und in das Konzentrationslager Auschwitz verbracht werden.«
   Der Name war immer noch deutlich zu erkennen, obwohl das Dokument beinahe siebzig Jahre alt war.
   Es war Zeit. Er stieg aus. Leise drückte er die Wagentür zu und näherte sich mit sicherem Schritt dem Haus. Er war mit dem Schlüssel in ihr Haus gekommen, den er am Vorabend gestohlen hatte. Jetzt stand er in ihrem Flur und schauderte. Es war eiskalt hier unten.
   Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber dann fing er an, deutlichere Details zu erkennen. Den alten Dielenschrank zum Beispiel, dessen Malerei sich schwarz vom dunklen Grau des Holzes abhob. Die welken Blumen, die zum Trocknen in dünnen Sträußen von der Decke baumelten und in der Zugluft leise raschelten. Es roch nach Heu und Staub.
   Vorsichtig stieg er die Treppenstufen hinauf und verharrte immer wieder reglos lauschend, wenn das alte Holz unter seinem Gewicht knarzte.
   Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er endlich an ihrem Bett stand und ihr faltiges, altes Gesicht betrachtete. Langsam hob er die Hand und atmete tief ein. Für dich, meine geliebte Rebecca, dachte er. Dann holte er aus. Der Schlag traf Theresia Riester mitten ins Gesicht und riss sie brutal aus dem Schlaf. Für einen Augenblick schien sie sich noch an die Hoffnung zu klammern, dass sie träumte, doch als der erste Blutstropfen aus ihrer Lippe auf das weiße Laken tropfte, sah er, wie ihr langsam dämmerte, dass es aus diesem Albtraum kein Erwachen geben würde.
   »Aufstehen«, befahl er, riss die Decke herunter und warf sie auf den Boden.
   In einer albernen Geste hielt die Alte beschämt die Hände über ihre Brüste. »Bitte tun Sie mir nichts.«
   »Ich sagte: Aufstehen!«, wiederholte er, ohne auf ihre Worte einzugehen.
   Sie saß unbeweglich wie eine Puppe und starrte ihn mit ihren eingesunkenen Augen an. »Bitte«, wisperte sie mit hoher Stimme. »Bitte tun Sie mir nicht weh. Ich habe Geld! Viel Geld.«
   Er hatte genug. Statt einer Antwort griff er nach ihrem Arm. Er tat ihr weh, aber das war ihm egal. Ihr Mund öffnete sich in stummem Entsetzen, als er sie wie einen Sack aus dem Bett zerrte und über den alten Dielenboden schleifte.
   Verzweifelt versuchte sie, auf die Beine zu kommen, aber auf der steilen Treppe kippte sie immer wieder um und verlor das Gleichgewicht. Erst im Wohnzimmer ließ er ihren Arm los und zerrte sie auf die Füße. Das Nachthemd, das um ihre dürren Beine flatterte, hatte blutige Stellen an den Knien.
   »Hinsetzen!« Unter der Sturmhaube kam ihm seine eigene Stimme fremd und feindselig vor. Außerdem schwitzte er.
   Die Schultern der Alten krümmten sich, als sie versuchte, sich aufrecht hinzusetzen. Stolz war sie, das musste er ihr lassen.
   »Kalt?«
   Sie nickte.
   »Keine Sorge.« Er nahm ein Holzscheit aus dem Weidenkorb neben dem alten Kachelofen. »Gleich wird’s warm.« Dabei fiel ihm eine bunte Buchseite auf, die zusammengeknüllt im Korb mit den alten Zeitungen lag, die sie zum Anfeuern aufhob. »Wie ich sehe, hast du meine Briefe bekommen. Das ist gut. Dann brauche ich schon nicht mehr so viel zu erklären, nicht wahr?«
   »Ich verstehe das nicht. Was habe ich Ihnen denn getan?«, nuschelte die Alte. Ihre aufgeplatzte Lippe war bereits stark geschwollen. Dann leuchteten ihre Augen plötzlich auf und sie zeigte hektisch mit dem Finger auf ihn. »Ich kenne Sie. Sie waren doch gestern bei mir. Sie hatten Probleme mit dem Rücken. Sie sind Jakob Grimm.«
   Mit einer leichten Handbewegung zog er die Maske herunter. Es machte ihm nichts aus, dass sie ihn erkannt hatte. Jakob Grimm war sowieso nicht sein Name und am Ende würde sie auch nichts mehr erzählen können. Nie mehr! »Irgendwie musste ich ja an den Schlüssel kommen.«
   Er öffnete die Ofentür. Das Feuer war zwar aus, aber auf dem Boden des Ofens lag genügend Glut, um in wenigen Minuten ein helles Feuer zu entfachen. Um die Hitze der Glut zu erhöhen, öffnete er auch die untere Ofentür und ließ mehr Sauerstoff in die Brennkammer.
   Die ganze Zeit über sagte er kein Wort.
   Sie verfolgte jede seiner Bewegungen mit panischer Angst in den Augen.
   Er setzte sich auf einen anderen Stuhl und starrte ins Feuer. Die Flammen leckten bereits gierig an dem trockenen Buchenholz. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die gesamte Brennkammer lodern würde.
   »Sagen Sie mir doch endlich, was Sie mit mir vorhaben.«
   Ihre Stimme war nicht mehr als ein Hauch.
   Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Dann schüttelte er den Kopf. »Du hast es immer noch nicht verstanden, oder?«
   Sie zuckte zusammen, als er sich seufzend erhob und eine der zusammengeknüllten Seiten aus dem Korb nahm. Zärtlich strich er die Seite glatt. »Es ist ein Jammer, dass du nicht pfleglicher damit umgegangen bist.«
   Lange Minuten vergingen. Die Flammen schlugen höher und erreichten fast schon den Kamin.
   »Also dann«, sagte er und begann zu lesen. »Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bett Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: ‚Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?‘ ‚Weißt du was, Mann‘, antwortete die Frau, wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus und wir sind sie los.‘ ‚Nein, Frau’, sagte der Mann, ‚das tue ich nicht; wie sollt’ ich es übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen, die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.‘ ‚O du Narr‘, sagte sie, ‚dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln‘, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte.«
   Die Augen der alten Frau weiteten sich in blankem Entsetzen, als er zum Ende kam und sie endlich erkannte, was mit ihr geschehen würde.
   »Jesus, Maria, steht mir bei!« Ihre Stimme klang rau, als hätte sie keine Kraft zum Sprechen.
   Als er erneut nach ihrem Arm griff, trat sie nach ihm. »Nein!«, rief sie. Gellend, panisch. »Nein, bitte, bitte …« Sie strampelte und schlug um sich, streckte ihren krummen Rücken durch.
   Zum zweiten Mal trat sie ihm schmerzhaft gegen das Schienbein. Er hatte genug. Sein nächster Schlag traf sie mitten ins Gesicht. Er konnte fühlen, wie die alten Knochen wie Glas unter der dünnen Haut splitterten.
   Er fing die taumelnde Frau auf und schob sie erbarmungslos zum Ofen zurück. Sie war kaum noch bei Besinnung.
   »O mein Gott«, wisperte sie, als er ihren Kopf nach unten drückte. »O mein Gott, o mein Gott!«
   Noch einmal versuchte sie, zu entkommen, doch seiner Kraft hatte sie mit ihren dreiundachtzig Jahren nichts entgegenzusetzen.
   Zentimeter um Zentimeter drückte er ihren Kopf näher an die rechteckige Öffnung heran. Die Hitze versengte die Härchen auf seinem Handrücken. Er schnappte nach Luft.
   Dann zerriss ein fürchterlicher Schrei die fauchende Wut des Feuers.

Trixie erwachte mit einem Ruck, als hätte sich jemand neben ihr Bett gestellt und sie an den Schultern geschüttelt. Aber da war niemand. Sie war allein.
   Trixie stöhnte. Ihre Blase war zum Platzen gefüllt.
   Sie wollte sich auf die Seite rollen, um aufzustehen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Verwirrt starrte sie auf die durchsichtigen Plastikbänder, die die Haut an den Handgelenken schmerzhaft einschnürten.
   Was zur Hölle …?
   Erinnerungsfetzen jagten durch ihren Kopf wie Wolken über einen sturmgepeitschten Himmel. Zu schnell, um sie greifen zu können. Außerdem musste sie wirklich dringend zur Toilette. Unruhig scharrte sie mit den Füßen über das weiche Laken und schrie auf. Was war da zwischen ihren Schenkeln? Panisch versuchte sie, mit ihren gefesselten Händen nach dem Ding zu tasten, das sich ihr wie eine Schlange um den Oberschenkel geschlungen hatte. Wie eine Schlange oder ein Schlauch.
   Plötzlich wusste sie, was es war. Sie hatte so etwas schon einmal gehabt, als sie nach einem Reitunfall mit einem Beckenbruch im Krankenhaus gelandet war.
   Energisch verdrängte sie den Ekel, der ihr sauer die Speiseröhre heraufkroch, als sie daran dachte, dass ihr dieser Typ, den sie immer nur Onkel Jakob genannt hatte, einen Katheter gelegt hatte, während sie bewusstlos und entblößt vor ihm lag. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und erleichterte sich.
   So gedemütigt hatte sie sich noch nie gefühlt.
   Nein. Das stimmte nicht. In Wirklichkeit hatte sie sich schon viel elender gefühlt. So schrecklich dieser Gedanke an sich war, er gab ihr dennoch neue Kraft. Sie hatte die Reitschule überlebt, also würde sie auch das hier durchstehen.
   Mit frischem Mut hob Trixie den Kopf. Sie musste sich ein genaues Bild von ihrer Lage machen.

»Das ist eine wirklich scheußliche Sache, Katrin.« Kriminalkommissar Josef Horn schüttelte langsam den Kopf und strich über seinen schwarzen Schnauzbart. »Ich bin nun schon wirklich lange im Geschäft, aber so etwas habe ich noch nie gesehen.«
   »Das ist ein Tod, was?« Lars Schmiedel, der fünfundsechzigjährige Rechtsmediziner mit dem Charme und dem Aussehen eines Sean Connery, zog seine weißen Latexhandschuhe aus und reichte Katrin die Hand. »Trotz der Umstände freue ich mich immer, Sie zu sehen.« Er warf einen kurzen Blick auf ihren Bauch und grinste schief. »Wann ist es denn so weit?«
   Katrin ließ ihren Blick durch den dunklen Flur des alten Schwarzwaldhauses schweifen und hielt die Luft an. »In ein paar Wochen«, antwortete sie ausweichend. Sie fand es irgendwie pietätlos, im Angesicht des gewaltsamen Todes dieser alten Frau von der Geburt ihres Kindes zu sprechen. Sie konzentrierte sich wieder auf den Tatort.
   Bedingt durch die kleinen Fenster und das weit heruntergezogene Walmdach, drang nur wenig Tageslicht in die niedrigen Räume des Bauernhauses.
   Katrin wusste nicht, ob es daran lag, dass sie gestern erst hier gewesen war, oder daran, dass sie wusste, dass die Bewohnerin jetzt tot war, aber sie hatte das Gefühl, als hätte sich die Atmosphäre des Hauses schlagartig geändert. In der Ecke, auf dem Boden neben dem Dielenschrank mit seinen Eichenlaubintarsien, lag der große Malachit, den Theresia Riester dort als Glücksstein deponiert hatte. Er war zerbrochen.
   Katrin atmete flach. Der Gestank nach verkohltem Fleisch raubte ihr jetzt schon beinahe den Atem. »Also.« Sie wandte sich an Horn. »Um was genau geht es hier?«
   »Die Tote heißt Theresia Riester.«
   Katrin nickte. »Das weiß ich. Ich war gestern Abend noch bei ihr.«
   Horn zog fragend eine Augenbraue nach oben und hielt sich ein Taschentuch vor die Nase. »Und warum?« Seine Stimme klang dumpf hinter dem Tuch.
   »Sie war meine Hebamme.«
   Horn schüttelte ungläubig den Kopf. »Du willst doch nicht allen Ernstes sagen, dass du dich von einer über achtzigjährigen Hebamme hättest entbinden lassen wollen? Darf die denn überhaupt in einem Krankenhaus arbeiten?«
   Katrin straffte ihre Schultern. »Theresia Riester war eine Koryphäe in ihrem Bereich. Sie hat über sechzig Jahre als Hebamme gearbeitet und mindestens die Hälfte der Einwohner von Hochdorf auf die Welt befördert. Für eine Hausgeburt hätte man sich keine bessere Kraft suchen können.«
   »Eine Hausgeburt! Himmel, Katrin!«
   Sie drehte sich um. »Wir sollten das lieber ein andermal besprechen. Wir sind schließlich nicht verheiratet. Und außerdem wartet dort drin eine Leiche auf uns.«
   Horn musterte sie noch eine Weile. Ihm schien noch so einiges auf der Zunge zu brennen, aber er schluckte es offensichtlich hinunter. Dann stieß er die Tür zu Theresia Riesters Behandlungszimmer auf. »Versuche, so flach wie möglich zu atmen, und heb dir um Gottes willen was vor die Nase.« Er griff in seine Tasche, zog ein weiteres Taschentuch heraus und beträufelte es mit Aftershave. »Das sollte zur Standardausrüstung gehören«, brummte er. »Hatte Glück, dass ich heute Morgen schon einkaufen war.«
   Dankbar hielt Katrin sich das Tuch vor die Nase.
   »Also noch mal«, setzte Horn erneut an. »Wir können es zwar noch nicht mit Gewissheit sagen, aber wir nehmen zumindest an, dass die Tote Theresia Riester ist. Das Alter könnte passen und außerdem ist es ihr Haus. Aber das scheinst du besser zu wissen als ich. Identifizieren können wird man sie aber wohl erst durch ihren zahnmedizinischen Status.« Er wechselte einen vielsagenden Blick mit Dr. Schmiedel.
   »Ich kenne Frau Riester. Sie war meine Hebamme«, informierte Katrin den Rechtsmediziner. »Ich kann sie identifizieren.«
   »Das glaube ich kaum.« Horn schüttelte den Kopf. »Ehrlich gesagt ist von ihrem Gesicht nicht besonders viel übrig geblieben.«
   Katrin sah ihren Kollegen fragend an und wartete ungeduldig auf eine genauere Erklärung. Horn machte es gern ein bisschen spannend.
   »Der Täter hat das Opfer mit dem Kopf voraus in den Feuerraum ihres alten Kachelofens gesteckt. Ihr Gesicht ist völlig verbrannt.«
   Katrin würgte.
   »Der Täter muss dabei direkt hinter ihr gestanden und ihr den Kopf in die Flammen gedrückt haben«, führte Horn weiter aus.
   »Richtig«, bestätigte Lars Schmiedel. »Die Verbrennungen an ihren Händen weisen eindeutig darauf hin, dass sie versucht hat, sich am Ofen außen abzustützen. Hier, seht ihr?« Er zupfte am Bund seiner Hose herum.
   »Hast du eine Diät gemacht?«, fragte Horn.
   O nein, dachte Katrin. Seit Wochen beschäftigte sich Horn mit nichts anderem als allen möglichen Diäten. Er wollte fast zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau wieder fit für den Markt werden, wie er es ausdrückte. Eine kurze Zeit lang liebäugelte er mit jeder Diät, begann dann aber doch nie eine. Statt abzunehmen, hatte er sicher zehn Kilo zugenommen.
   »Man tut, was man kann«, grinste Schmiedel. »Schließlich werden wir beide nicht jünger.« Er klopfte Horn auf seinen kleinen Bauch. »Dir würde eine Diät auch guttun.«
   »Was hast du denn gemacht? Auf Kohlenhydrate verzichtet oder eher auf Fett?«
   Wie Katrin Horn kannte, würde er Schmiedel gleich in eine ausschweifende Diskussion darüber verwickeln, welches wohl die effektivste Art wäre, dauerhaft an Gewicht zu verlieren.
   »Hast du schon mal was von Atkins gehört?«
   Katrin stieß entnervt die Luft aus. Toll! Wenn Horn während eines Falls eine Diät anfing, würde er unausstehlich sein. Während sich die beiden Männer angeregt über die Vor- und Nachteile einer kohlenhydratarmen Diät unterhielten, ging Katrin neben der Leiche von Theresia Riester in die Hocke und betrachtete die Hände der alten Frau.
   Noch vor wenigen Stunden hatten diese Hände Katrins Bauch massiert und geknetet. Beide Handinnenflächen waren von großen Brandblasen überzogen. Theresia Riester musste verzweifelt versucht haben, sich gegen ihren Mörder zur Wehr zu setzen. Wer tat so etwas? Und warum? Unwillkürlich dachte Katrin an eine Hinrichtung. Dieser Mord kam einer Hinrichtung gleich. Irgendjemand musste einen unglaublichen Hass auf die alte Frau gehabt haben, um ihr so etwas anzutun.
   Sicher, Theresia Riester war nicht gerade für ihre besonders liebenswürdige Art bekannt gewesen. Genau genommen war sie mit Abstand der übellaunigste Mensch gewesen, dem Katrin je begegnet war. Aber ihren Heilsteinen und ihrer Erfahrung hatten viele Menschen vertraut.
   Als Katrin wieder hochkam, taumelte sie. Schmiedel hatte recht gehabt. Was für ein Tod.
   »Ich bringe dich erst mal an die frische Luft.« Horn griff nach ihrem Ellbogen. Ihm war ihr kurzer Schwindelanfall nicht entgangen. »In deinem Zustand ist dieser Gestank hier nicht das Richtige. Und für mich ehrlich gesagt auch nicht.«
   Katrin protestierte nicht. Sie ließ ihren Blick noch einmal durch die ordentliche Stube schweifen. Der Tisch, die Liege mit dem abgewetzten, harten Polster, die Waschschüssel, Tiegel, Töpfchen, Mörser und Stößel, alles schien an seinem Platz zu sein, bis auf zwei Stühle, die vor dem Kachelofen standen.
   Auf dem schweren Holztisch lag ein altes Märchenbuch. Sie griff danach und blätterte. Eingeklemmt zwischen den Seiten steckte eine Fotografie. Es zeigte eine junge Frau mit wehenden schwarzen Haaren und einem langen, wild bedruckten Kleid. Das Bild musste aus den Sechzigern sein. Wahrscheinlich war es eine von Theresia Riesters Töchtern, die ausgelassen über eine Blumenwiese zu tanzen schien. Dabei fiel ihr ein, dass sie die alte Hebamme nie gefragt hatte, ob sie Kinder hatte.
   Katrin beeilte sich, Theresia Riesters Haus zu verlassen.
   Es war Zeit, der Spurensicherung das Feld zu überlassen. Als sie draußen war, atmete sie tief durch. Die frische Luft tat ihr gut und allmählich verflog der Geruch von verkohltem Fleisch.
   Sie spürte erst jetzt, dass es regnete, und ihre Beine fühlten sich an wie Gummi, als sie zu Horns Wagen ging. Ihr Chef wechselte noch einige Worte mit Schmiedel. Wahrscheinlich ging es immer noch um das Thema Diät. Katrin beschloss, schon mal einzusteigen, um nicht ganz durchnässt zu werden. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und lächelte, als sie spürte, wie sich das Kind ihrer Berührung entgegenzustrecken schien.
   »Wow«, stöhnte Horn, als er sich schließlich hinter das Steuer des Wagens schob. »Das ist ganz schön starker Tobak, was?« Er warf Katrin einen langen Blick zu. »Ist wirklich alles in Ordnung mit dir? Du bist ziemlich blass.«
   Katrin klappte die Sonnenblende herunter und schob den Spiegel auf. »Ich bin überhaupt nicht blass«, behauptete sie bestimmt, obwohl ihr Konterfei das Gegenteil bewies.
   »Vielleicht fahre ich dich doch lieber nach Hause und du legst dich ein bisschen hin?«, schlug Horn vor. »Nimm dir für den Rest des Tages frei. Ich kenne das noch von Johannas Schwangerschaft mit Uli«, fügte er leise hinzu. »Damals war sie auch immer so blass. Johanna hat von ihrem Arzt Eisentabletten verschrieben bekommen. Hast du dich schon mal auf Eisenmangel untersuchen lassen?« Er betrachtete sie erneut, während sie an der Ganter-Brauerei-Ampel darauf warteten, dass es Grün wurde. »Und Ruhe. Die solltest du dir und deinem Kind vielleicht auch gönnen. Du hast im letzten Jahr wirklich genug durchgemacht.«
   Katrin schluckte. Einerseits wusste sie, dass Horn mit dem, was er sagte, gar nicht so falsch lag, andererseits wollte sie um nichts in der Welt zugeben, wie sehr sie ihre Arbeit brauchte. Nichts bot ihr so viele gute Ausreden, sich nicht mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen zu müssen. »Danke, dass du dir solche Sorgen um mich machst, Josef«, murmelte sie und griff in ihre Jackentasche, wo sich ein ganzes Arsenal verschiedenster Bonbons tummelte. »Aber das ist wirklich nicht nötig. Es geht mir gut.« Sie schob sich ein orangefarbiges Nimm zwei in den Mund. »Natürlich bin ich manchmal ein bisschen müde und vielleicht gehen mir die Dinge in letzter Zeit auch tiefer unter die Haut, aber das ist während einer Schwangerschaft völlig normal und ganz bestimmt kein Zeichen, dass ich diesem Fall nicht gewachsen bin.« Sie starrte aus dem Fenster und beobachtete die Regentropfen, die der Fahrtwind auf dem Seitenfenster zu langen Perlenschnüren zerblies. »Nein«, sagte sie entschieden. »Ich fahre mit dir ins Büro.«

Trixie versuchte noch immer, ihre Situation zu erfassen.
   Sie war also allein. Das war vielleicht gut – vielleicht auch nicht.
   Die Sonne schien waagerecht durch die Fenster und warf ein magisches Licht auf die winzigen Staubkörnchen, die in der Luft vor dem Bett tanzten. Auf der Fensterbank pickte der Schatten irgendeines Vogels nach Krümeln.
   Als Trixie die Schultern drehte, stöhnte sie auf. Ihr Rücken schmerzte, was an den viel zu weichen Matratzen unter ihr lag.
   In der Tat hatte Trixie noch nie im Leben in so einem Bett gelegen. Mindestens drei, eher vier oder fünf dicke, schwere Matratzen waren aufeinandergestapelt worden, sodass Trixie hoch über dem Boden schwebte. Ein Bett wie eine flauschige Wolke. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt von dem mächtigen, hellblauen Baldachin mit einem weißen Schneegestöbermuster, das Trixie in den Augen schmerzte, sobald es draußen hell wurde.
   Ihr Gefängnis glich einer gemütlichen, kleinen Bauernstube, ähnlich der Jagdhütte, die ihre Eltern in den Schweizer Alpen besaßen. An den mit Sichtschutzfolie verklebten Fenstern prangten rot-weiß karierte Vorhänge und auf dem schweren Esstisch stand ein kleiner Blumenstrauß verwelkt und vergessen auf einer blütenweißen Tischdecke.
   Ein Flötenkessel stand auf einem alten Küchenherd, der noch mit Holz beheizt werden musste, und der Trixie verschwommen an ihre Uroma erinnerte. Aber das alles änderte nichts daran, dass es ein Gefängnis war.
   Ein kleines Herz in der Wandvertäfelung gegenüber verriet, wo die erlösende Toilette war, die sie nicht benutzen konnte, weil ihre Fesseln so kurz gebunden waren, dass sie sich nicht einmal auf die Seite drehen konnte.
   Diese allgegenwärtigen Widersprüche machten es ihrem Verstand schwer, die Puzzleteile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen. Es war, als gehörte jedes kleine Teilchen zu einem anderen Bild. Nichts passte zum anderen.

»Was machst du da?« Katrin beugte sich über die Schulter ihres Mannes und warf einen Blick auf den Bildschirm seines Laptops. »Off Road Kids«, murmelte sie. »Noch nie gehört. Was ist das?« Sie rieb sich die Schläfen. Seit sie vom Mord an ihrer Hebamme erfahren hatte, quälte sie dieser pochende Schmerz in der Stirn. Sie griff nach dem Rhodochrosit, der an einer Kette um ihren Hals hing, und drückte ihn fest auf die Stelle oberhalb des Hinterhauptbeines, wo das Rückenmark durch eine Öffnung im Schädel ins Gehirn übergeht. Erfahrungsgemäß würde ihre Migräne in ein paar Minuten verschwunden sein.
   »Off Road Kids ist ein Projekt, das Straßenkindern helfen soll, wieder in ein geregeltes soziales Leben zurückzukehren«, antwortete Darren abwesend. »Eigentlich eine Stammtischidee, wie mir ein Mitglied des Gründungsteams im Interview verraten hat, aber mittlerweile ist es eine große Organisation geworden, die erfolgreich mit jugendlichen Straßenkindern zusammenarbeitet.«
   »Aha.« Katrin lehnte sich mit dem Po gegen Darrens Schreibtisch, sodass sie ihm ins Gesicht blicken konnte. »Ich erinnere mich an eine Dokumentation über brasilianische Straßenkinder, die von selbst ernannten Schutztruppen gejagt und umgebracht werden, weil sie Lebensmittel geklaut, oder einfach nur vor dem falschen Szenelokal rumgehangen haben.«
   Darren zog sie lächelnd auf seinen Schoß und streichelte ihren Bauch. »So dramatisch ist es in Deutschland noch nicht, aber dennoch brauchen diese Kids eine Perspektive. Die Leute von Off Road Kids beeindrucken mich mit ihren Leistungen.« Er seufzte. »Mein Bericht ist zwar abgeschlossen, aber ich versuche gerade, ihnen mit ein paar Recherchen bei einem großen Problem zu helfen.«
   »Wobei?« Katrin barg ihr Gesicht in seinen schwarzen Haaren. Sein Duft wirkte beruhigend auf ihre Nerven.
   »Sie vermissen ein junges Mädchen.«
   »Das hört sich ein bisschen komisch an, wenn du von einem Mädchen sprichst, das gewöhnlich auf der Straße lebt.«
   »Das tut sie ja eben nicht mehr. Die Kleine ist im Oktober zu den Off Road Kids gekommen und hat sich dort erfolgreich eingelebt. In der Schule hatte sie Bestnoten und auch sonst scheint es keinen ersichtlichen Grund gegeben zu haben, warum sie seit einem Weihnachtsbesuch bei ihren Eltern nicht mehr in das Heim zurückgekommen ist.«
   Katrin seufzte und drückte ihren Rücken durch. »Da hast du vermutlich schon deine Erklärung. So, wie ich das sehe, hat sie wieder Krach mit ihren Eltern gehabt und ist in alte Gewohnheiten zurückgefallen.«
   Darren zog mahnend die Augenbrauen hoch.
   »Ja, ich weiß. Keine voreiligen Schlüsse«, sagte sie entschuldigend. »Da unterscheidet sich dein Beruf nicht von meinem. Aber es ist doch wahr. Was wisst ihr denn von diesem Mädchen?«
   Darren schob sie von seinem Schoß und ging zu dem weißen Billy-Regal, in dem er seine Ordner und Akten untergebracht hatte. »Genug, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen«, meinte er und warf einen Blick über die Schulter.
   »Ist ja gut«, murmelte Katrin. »Du brauchst mir nicht gleich an die Kehle zu springen.«
   Er klappte einen Ordner auf und legte ihn vor Katrin auf den Tisch. »Immerhin sprechen wir hier von Kindern, die lieber auf der kalten Straße pennen als in ihren Betten, weil sie sich dort sicherer und geliebter fühlen als zu Hause. Hier. Diese Bilder und Gedichte sind durch die Aktion ‚Kennen wir uns? Straßenkinder fotografieren ihre Welt‘ entstanden.« Er setzte sich wieder. »Das hier ist von ihr.«
   Alles ist grau. Wo immer ich mich umsehe – über allem liegt dieser alles dämpfende Schleier, der mich umhüllt wie ein Leichentuch.
   Endgültig, gleichgültig, grau.
   Dabei erinnere ich mich so gut an mein Leben, als es noch bunt war, und fröhlich, und voller Sonne und Lachen.
   Bis zu jenem Tag, als der Nebel kam und mich wie ein benutztes Taschentuch zurückließ.
   Wertlos, schmutzig, grau.
   Ich konnte nicht bleiben, nicht mehr den Vorwurf in euren Augen sehen, die Enttäuschung, den Zorn.
   Wohin soll ich gehen?
   Wer will mich schon haben?
   Ein grauer Schandfleck in einem Meer aus Farben!
   So grau, dass ich darin auffiel wie ein bunter Hund.
   Aber ich war schon einmal aufgefallen und das war mein Verderben.
   Nie wieder bunt sein – besser ist sterben.
   Schau dir die Straße an, auf der du stehst.
   Sie ist grau wie ich – ich hoffe, du verstehst!
   Und das war mein Leben.
   »Das ist wirklich ganz schön tief. Wow!« Kein Mensch sollte sich so ungeliebt fühlen. Sie betrachtete zärtlich Darrens Gesicht, setzte sich wieder auf seinen Schoß und schlang die Arme um seinen Nacken. »Habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?«
   »Nein.« Er setzte eine gekränkte Miene auf. »Und ich finde das ganz fürchterlich traurig.«
   Katrin strich ihm sanft durch sein Haar. »Ich liebe dich.« Sie küsste seine Augen. »Ich liebe dich.« Seine Nase. »Ich liebe dich.« Seinen Mund. »Weißt du, ich will ja schließlich nicht, dass du dich irgendwann auf der Straße geborgener und geliebter fühlst als bei mir.«
   »Da hast du aber gerade noch Glück gehabt. Aber was nützt mir all deine Liebe, Weib, wenn du mich verhungern lässt?« Er küsste sie auf den Mund. »Hast du was eingekauft?«
   »Besser! Ich habe heute einen Profi kochen lassen. Einen chinesischen Profi.«
   Darren strahlte. »Echt? Du meinst, es gibt heute mal richtiges Essen? Mit Fleisch und lauter solchen Sachen?«
   Katrin gab ihm einen Klaps auf den Rücken. »Sei nicht so frech, sonst esse ich das ganze leckere Hühnchen süßsauer allein. Als du mich geheiratet hast, war dir klar, dass ich dich nicht mit meinen Künsten am Kochtopf verwöhnen würde.«
   Sie setzten sich zum Essen. Nach einer Weile hob Katrin den Kopf. »Gestern Nacht hat jemand die alte Riester umgebracht.«
   »Deine Hebamme?«
   Katrin nickte. Plötzlich war der Kloß in ihrem Hals zurück. Entweder war sie wirklich dünnhäutiger als sonst, oder sie hatte die alte Frau mehr gemocht, als es ihr bewusst gewesen war.
   »Hat der Täter sie ausrauben wollen?«
   Sie schüttelte den Kopf. Ihr Appetit auf das chinesische Hühnchen war bereits verflogen. »Wir haben zwar keine Ahnung, ob etwas gestohlen wurde, aber wenn es ein Raubmord gewesen wäre, hätte der Täter sie vermutlich eher erschlagen, erdrosselt oder sonst eine Waffe benutzt.«
   »Stattdessen hat er was getan?«
   »Er hat sie in ihrem eigenen Kachelofen verbrannt.«
   Darren verschluckte sich an seinem Wein. »O mein Gott, das ist ja furchtbar.«
   »Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache, Darren.«
   »Inwiefern?«
   »Da hat jemand hinter seine Tat ein riesiges Ausrufezeichen gesetzt.« Sie starrte auf ihren Teller. »So tötet einer nur, wenn er damit etwas sagen will. Und meistens sagt er es mehr als nur einmal.«
   »Du meinst also, dass das nicht sein erster Mord war?«
   »Das weiß ich nicht«, sagte Katrin und legte ihr Besteck auf den Tisch zurück. Sie würde heute nichts mehr runterbringen. »Aber ich habe das Gefühl, dass es nicht das letzte Mal sein wird.«

Der Weinbrand schimmerte wie Bernstein, als er das bauchige Glas in seiner Hand schwenkte. »Wenn einem also Gutes widerfährt …«, sagte er und hob das Glas zu seinem Mund. Der Alkohol stieg ihm sofort zu Kopf.
   Er konnte sich nicht mehr richtig an die vergangenen Stunden entsinnen. Das lag vermutlich an seinem viel zu hohen Adrenalinspiegel, aber langsam kamen einige undeutliche Erinnerungen hoch.
   Der Moment, in dem die Schreie verstummt waren, weil die heiße Luft aus dem Ofen der Alten Kehle und Lunge versengt hatte, zum Beispiel.
   Oder der Lichtblitz, als ihre Haare Feuer fingen und der lange, dünne Zopf wie eine Lunte ihren Rücken herunterbrannte.
   O ja! Stück für Stück kamen die Bilder zurück, der Geruch, die Geräusche. Eine Sinfonie aus unendlicher Qual und unbeschreiblicher Zufriedenheit.
   »Wenn einem also Gutes widerfährt …«, wiederholte er und lächelte. Dann leerte er das Glas in einem Zug und stellte es in die Spülmaschine, ehe er sich mit der vollen Flasche in sein Schlafzimmer zurückzog.

»Wie es aussieht, dürfte der Trauerzug für Theresia Riester nicht besonders lang werden.« Horn hob zum Gruß seine Kaffeetasse. »Morgen! Auch einen?«
   »Nein, danke«, murmelte Katrin, schloss die Bürotür und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie zupfte an ihrem Norwegerpullover, unter dem sich der Babybauch deutlich abzeichnete. »Das blöde Ding muss beim Waschen eingegangen sein«, schimpfte sie und zog, in dem Bemühen, die Wolle zu dehnen, den Pullover über ihre Knie.
   »Tja, meine Liebe«, sagte Horn und sah sie grinsend an. »Ich fürchte, da kannst du ziehen und dehnen, wie du willst, den Bauch kannst du nicht mehr wegschummeln.«
   »Ich will ihn ja auch gar nicht wegschummeln.« Sie massierte ihre geschwollenen Hände. »Er muss nur nicht gerade das Erste sein, das man von mir sieht, wenn ich zur Tür hereinkomme.« Katrin kramte eine Thermoskanne aus ihrem Korb. Sie hatte heute Morgen wieder einen Tee aus der Kräutermischung von Theresia Riester gekocht. Dann schob sie sich ein Softkaramell in den Mund.
   Horn, der, wie er gerade lauthals verkündet hatte, die nächsten Monate auf Zucker, Reis, Nudeln, Brot und viele andere Dinge verzichten wollte, seufzte auf.
   »Du hast wahrscheinlich recht. Autsch! Heiß!«, fluchte sie gleich darauf und fuhr mit der Hand an ihren Mund. Katrin sprang auf, lief zum Waschbecken und benetzte ihre Lippen mit kaltem Wasser. »In der ganzen Nachbarschaft habe ich keinen Menschen finden können, der etwas Gutes über die alte Dame gesagt hätte. Im Gegenteil: Meistens wurde sie als missgünstige, bösartige, alte Hexe bezeichnet«, erklärte sie. »Und das waren die eher gemäßigteren Ausdrücke.«
   »Jaja. Lauter nette Leute …« Horn grinste. »Womit genau hat sie sich denn den Missmut ihrer Nachbarn zugezogen? Du hast sie doch gekannt. Gibt es Behandlungsfehler? Hatte sie gepfuscht?«
   Katrin zuckte mit den Schultern. »Na ja. Ich war nur ein paar Mal bei ihr. Vielleicht war ich sogar die Letzte, die sie lebend gesehen hat.« Sie blätterte in ihren Unterlagen. »Aber ich habe noch nichts über eine falsche Behandlung gehört. Als ich schwanger wurde, hat sie mir jeder wärmstens empfohlen. Wenn da irgendwann mal etwas vorgefallen wäre, wären die Menschen nicht in Scharen zu ihr gelaufen, denn sie sind sicher nicht gekommen, weil sie so ein liebenswürdiger Mensch gewesen ist.« Katrin fuhr mit dem Finger die Reihe von Daten entlang, die sie aus Theresia Riesters Terminkalender kopiert hatte, und tippte triumphierend auf das Blatt. »Hier. Ich habe es. Ich war doch nicht die Letzte. Nach mir hatte noch ein anderer Patient einen Termin. Ein gewisser Jakob Grimm.«
   Horns Magen knurrte vernehmlich. »Ein Mann?«
   »Theresia Riester war nicht nur Hebamme. Sie war auch eine Heilerin.« Katrin dachte an die vielen Kräutersträuße, die überall in Theresia Riesters Stube gehangen hatten, und ignorierte bewusst den zynischen Blick, den Horn ihr zuwarf. Seit seine Frau eine Zeit lang einem Guru bis in sein Bett gefolgt war, hatte er nicht besonders viel übrig für alternative Heilmethoden.
   »Dann sollten wir uns mal mit diesem Jakob Grimm unterhalten.« Horn fütterte bereits den Computer. In wenigen Sekunden würden sie die Adresse haben. »Treffer. Es gibt zwei Jakob Grimms im Schwarzwald-Baar-Kreis.«
   »Das ist ja ziemlich übersichtlich. Wenigstens etwas! Weißt du, was mir seit gestern durch den Kopf spukt?«
   Horn schüttelte den Kopf.
   »Es sind die Attribute, mit denen Theresia Riester belegt wurde. Die Leute nannten sie Kräuterhexe, alte Hexe, Bläsi-Hex’. Und was hat man im Mittelalter mit Hexen gemacht?« Sie sah Horn erwartungsvoll an.
   »Man hat sie verbrannt.«
   »Eben.«
   Eine Zeit lang sprachen sie kein Wort. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
   Dann brach Horn das Schweigen. »Du glaubst also, dass wir es mit einem neuen Heinrich Institoris zu tun haben? Einem modernen Hexenjäger? Ich weiß nicht. Fürs Erste wollen wir mal den Hexenhammer im Regal stehen lassen. Konzentrieren wir uns lieber auf ihre Patientenakten. Ich glaube immer noch, dass der Täter sie auf diese Weise für etwas bestrafen wollte.«
   »Für den Tod eines Patienten, zum Beispiel.« Katrin drückte sich seufzend aus ihrem Stuhl. »Wenn so etwas passiert ist, dann gibt es da jemanden, der hundertprozentig darüber Bescheid weiß.«
   »Und wer ist das?«
   »Man nennt sie die Lebende Dorfchronik«, erklärte Katrin und zog eine Grimasse. »Das erklärt eigentlich schon alles. Ich habe sie sogar schon mal dabei erwischt, wie sie durch unser Wohnzimmerfenster geschaut hat.«
   »Geht euer Wohnzimmerfenster nicht nach hinten raus?«, feixte Horn.
   »Eben!« Sie lachte und erzählte von dem empörten Gesicht der alten Frau, als Katrin ihr mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und großem Krach den Rollladen vor der Nase heruntergelassen hatte.
   Horn klopfte sich vor Vergnügen auf die Schenkel. »Nee, oder?«
   »Ehrlich, Josef. Sie hatte Glück, dass ich sie nicht mit dem Rollladen erschlagen habe.« Katrin schnappte lachend nach Luft. Das Kind lag so dicht unter ihrem Herzen, dass sie ziemlich kurzatmig geworden war. »Sie ist ein fürchterliches Tratschweib, aber leider auch die beste Informationsquelle, wenn es um Hochdorf geht.«
   »Soll ich mitkommen?«, fragte Horn mitfühlend. »Das wird bestimmt nicht angenehm. Ich kenne die Sorte. Da heißt es ganz brutal: Information gegen Informationen. Du wirst nicht eher über das Opfer Bescheid wissen, als diese Frau dir jede Information über dich aus den Rippen geleiert hat.«
   Katrin zog die Mundwinkel nach unten. »Da hast du wahrscheinlich recht. Aber diesen Kampf werde ich allein ausfechten müssen. In Anwesenheit eines Fremden würde die Gute schweigen wie ein Grab.« Sie zwängte sich in ihre Jacke. »Du wirst schon genug damit zu tun haben, herauszufinden, welcher der beiden Männer sich nach mir in Theresia Riesters erfahrene Hände begeben hat.«

Trixie wiegte sich langsam hin und her. Sie lag noch immer auf dem Bett und hielt die Augen geschlossen.
   Das Bild, das sie versucht hatte, einzufangen, wurde langsam deutlicher. Es war kein schönes Bild. Genau genommen zeigte es sogar einen der tiefsten Punkte ihres Lebens, aber es war das beste Bild, um begreifen zu können, wie sie in diese Lage hatte kommen können.
   »Du kotzt mich an!«, hatte sie geschrien und den Geldschein auf den Tisch geschleudert.
   »So redest du gefälligst nicht mit deiner Mutter, ist das klar?« Ihr Vater hatte sich vor ihr aufgebaut, als läge ihm wirklich etwas an seiner Frau.
   »Dann sage ich es eben zu dir.« Trixie stürmte mit langen Schritten zur Haustür. »Du kotzt mich nämlich noch viel mehr an als die Alte.« Kurz bevor sie die Haustür erreichte, blieb sie unvermittelt stehen. Weggelaufen war sie lange genug. »Habt ihr euch auch nur einmal gefragt, was ich für ein Mensch bin? Was ich fühle oder denke? Wie es mir geht, wenn ich sehe, dass ich in eurem Leben überhaupt keine Rolle mehr spiele?« Sie fühlte sich wie das kleine Mädchen, das sie gewesen war, bevor sie von zu Hause fortgelaufen war. Wie ein Tier im Zoo, das die anderen beglotzten und vorführten, wenn ihnen der Sinn danach stand. Oder auch nicht. Hauptsache, sie konnten auf der anderen Seite der dicken Glasscheibe bleiben, blind und taub für das, was sie eigentlich ausmachte. Ihren Schmerz.
   »Was haben wir dir denn schon Schlimmes angetan?« Ihr Vater schien plötzlich den ganzen Flur einzunehmen. »Außer, dass wir immer nur das Beste für dich wollten?«
   »Ihr wolltet nicht das Beste für mich!« Die Erkenntnis übermannte sie mit einem Schlag. »Ihr wolltet das Beste für euch. Ihr habt mich nie gefragt, ob ich auf dem Internat, auf das ihr mich geschickt habt, glücklich gewesen bin. Ihr habt mich auch nie gefragt, warum ich plötzlich nicht mehr zum Reiten gehen wollte. Verdammt noch mal, sieh mich an, Papa!«
   Ihr Vater hatte sich mit einer knappen Handbewegung einfach umgedreht.
   »Mama!«
   Ihr Vater griff nach dem Arm ihrer Mutter und schob sie ins Wohnzimmer. »Komm!«, sagte er. »Das müssen wir uns nicht anhören.« Bevor er die beiden Flügeltüren schloss, wandte er sich noch einmal an Trixie. »Wir haben dir nichts getan, Trixie. Wir nicht. Du hattest Probleme mit deinen Mitschülern, mit deinen Reitkameradinnen, deinen Freundinnen und mit uns. Hast du dich auch nur einmal gefragt, ob der Fehler nicht vielleicht bei dir liegt, wenn du schlicht und ergreifend mit niemandem klarkommst?«
   Trixie fühlte sich, als hätte er ihr mit jedem einzelnen Wort eine Ohrfeige gegeben. Ihre Wangen brannten, als sie die Worte an dem Kloß in ihrem Hals vorbeipresste. »Und wahrscheinlich bin ich sowieso an allem selbst schuld, was?«
   Ihr Vater musterte sie kalt. Dann zuckte er mit den Schultern. »Diese Frage, mein Kind, musst du dir selbst beantworten.«
   Mit einem leisen Klacken fiel die Tür ins Schloss und Trixie stand allein da. Ihre Füße versanken fast völlig in dem weißen Flokatiteppich, als sie lautlos zurück in die Küche ging. Sie klaubte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und ließ den Blick noch einmal langsam durch die weiße Designerküche schweifen. Alles in diesem Haus war steril und weiß. Designt, leblos. Auch Trixie. Als sie am Wohnzimmer vorbei zur Haustür schlich, hörte sie ihren Vater. Er telefonierte. Was ihre Mutter in dem Augenblick machte, in dem Trixie die Haustür hinter sich zuzog, konnte sie nur raten. Aber vermutlich füllte sie die Leere in ihrem Inneren mit einem guten Rotwein.
   Trixie fühlte sich körperlos, kalt, als wäre sie nur eine leere Hülle, in der schon lange kein Leben mehr war. Sie sah und hörte nichts. Niemanden. Irrte durch die Stadt wie durch einen Nebel, bis sie irgendwann auf dem Münsterplatz angekommen war.
   »He, Trixie.« Tom wankte auf sie zu. Trotz der Kälte schwitzte er stark. »Haste mir vielleicht ’nen Zwanni? Ich habe schon seit Tagen keinen Stoff mehr gehabt.«
   Trixie sah auf.
   »Boah, Trixie. Du siehst mindestens so beschissen aus, wie ich mich fühle.« Tom tänzelte wie ein nervöses Zirkuspferd. Er schniefte. »Wie isses? Hast du mir ’n bisschen Kohle?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Aber du warst doch bei deinen Alten. Deine Mutter hat doch Geburtstag gehabt. Haben die dir nix gegeben?«
   »Ich habe es nicht genommen.« Sie starrte auf seine Füße, die keine Sekunde lang stillstanden.
   »Ach Scheiße, Trixie. Wieso zur Hölle hast du die Kohle nicht genommen? Verdammt, die Kohle von deinen Alten stinkt auch nicht!«
   »Tom. Mir geht es nicht gut. Ich will jetzt auch nicht reden. Gib mir meinen Rucksack.«
   Sie griff nach dem Rucksack, in dem sie die wichtigsten Sachen hatte, und wühlte hektisch darin herum. Dann hob sie langsam den Kopf. »Wo ist sie?«
   »Wer?«
   »Die Flasche!«
   »Leer.«
   »Du hast meine ganze Flasche Wodka geklaut?«
   »Eh, ich hab echt ’nen ganz brutalen Monkey heute. Ohne den Alk hätte ich den Tag nicht durchgestanden.«
   »Scheiße!« Trixie kickte gegen Toms Bein. »Scheiße!« Dann drehte sie sich um und rannte. Rannte, bis sie Blut schmeckte. Wenn sie diesen Tag überstehen wollte, musste sie noch genug Geld schnorren, um sich eine Flasche Wodka kaufen zu können. Am besten wäre jetzt der Platz vor der Galeria Kaufhof. Dort war es wärmer als sonst irgendwo in der Stadt.
   Trixies Nase lief. Ein Schnupfen würde ihr jetzt gerade noch fehlen. Mit klammen Händen tastete sie in ihren Jackentaschen nach einem Taschentuch.
   Da! Sie konnte gerade noch reagieren, sonst hätte sie den Hunderteuroschein vollgerotzt, den sie für ein gebrauchtes Taschentuch gehalten hatte. Wann hatte sie den Schein eingesteckt? Egal!
   Erleichtert betrat sie das Geschäft und fuhr mit der Rolltreppe in das Untergeschoss. Heute würde sie sich zu ihrem Wodka noch etwas ganz Besonderes gönnen. Etwas, das sie endlich ihren Körper wieder spüren lassen würde.
   Vollbepackt erreichte sie schließlich das alte Haus, das sie und ihre Freunde seit ein paar Tagen besetzt hielten. Viel länger würde es ihnen keine Zuflucht mehr bieten. Irgendwelche Schweine hatten die Polizei gerufen. Aber heute würden sie sie noch nicht rauswerfen.
   »Hier«, sagte sie und streckte Tom den Zwanziger hin, den sie als Wechselgeld bekommen hatte. »Aber rühr nie wieder meinen Wodka an.«
   Tom riss die geröteten Augen auf und griff gierig nach dem Schein. Später, wenn er sich seinen Schuss gesetzt hatte, würde er sich vielleicht Gedanken darüber machen, wie sie zu dem Geld gekommen war. Dann würde sie vielleicht auch ein Dankeschön hören. Aber jetzt war ihm beides noch scheißegal.
   Trixie starrte Tom nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Dann kramte sie in der Tüte nach dem, was sie heute glücklich machen würde.
   Sie sog scharf die Luft ein, als sie die kleine, saubere Rasierklinge wieder und wieder über ihren Unterschenkel zog. Sie ritzte sich immer am Bein, weil sie lange Hosen trug und niemand die Schnitte sehen konnte. Nicht mal Tom.
   Als ihr Blut langsam auf den kalten Steinboden tropfte, hörte sie endlich auf zu zittern.
   Sie hatte die Antwort gefunden.
   »Es war nicht meine Schuld, Papa«, murmelte sie und schloss die Augen. »Es war nicht meine Schuld!«

Josef verdrehte die Augen. »Genau so habe ich mir das vorgestellt.« Grimmig warf er die Wagentür zu.
   Seinen Besuch bei dem ersten der beiden Jakob Grimms, hatte er mit der Einsicht beschließen können, dass er sicher nichts mit dem Mord an Theresia Riester zu tun haben konnte. Der einfache Grund war, dass Jakob Grimm, Jahrgang 1992, seit einem halben Jahr ein Auslandssemester in den Vereinigten Staaten absolvierte.
   Jetzt stand er vor einem alten, halb verfallen wirkenden Haus, hinter dessen mannshohem Zaun das tiefe Gekläff von mehr als einem großen Hund zu hören war.
   Josef hasste Hunde. Nein, das stimmte nicht ganz. Eigentlich hasste er sie nicht. Er fürchtete sie wie der Teufel das Weihwasser. Schon als Kind hatte er im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden nichts an den hechelnden, sabbernden, furzenden Vierbeinern finden können – sehr zum Leidwesen seiner älteren Schwester, die hoffnungsvoll jeden Flohträger zu Hause anschleppte, der ihr über den Weg lief. »Darf ich den behalten, Papa? Guck mal, wie lieb der schaut.«
   Ihr Vater hätte seinem Mädchen diesen Wunsch sicher gern erfüllt, und aus diesem Grund wohl beschlossen, dem kleinen Josef zu beweisen, dass man vor Hunden keine Angst haben musste.
   Im Ort hatte es damals eine Bettfedernreinigung gegeben und genau diese wurde von einem grimmig aussehenden Schäferhundmischling bewacht, der mit trüben Augen beobachtete, wie sein Vater sich Schritt für Schritt dem Bereich näherte, der innerhalb seines Kettenradius lag.
   »Siehst du?«, hatte sein Vater gesagt. »Wie lieb der Hund ist!«
   Sekunden später hatte es eine schnelle Bewegung gegeben. Dann ein markerschütterndes Aufheulen, als sein Vater mit schmerzverzerrtem Gesicht einen Satz nach hinten machte, und humpelnd direkt den Weg zum Arzt einschlug, wobei er immer wieder die Worte Töle und Tollwut zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen herausgepresst hatte.
   Seit diesem Tag war das Thema Hund im Hause Horn vom Tisch gewesen.
   Jetzt stand er vor diesem vermaledeiten Tor und sah sich drei riesigen schwarzen Rottweilern gegenüber, die keinen Zweifel daran ließen, dass sie ein Eindringen in ihren Garten nicht dulden würden. Also stand er seit geschlagenen fünf Minuten vor diesem Tor und suchte nach einer Klingel. Bisher vergeblich.
   Er wühlte in den Unterlagen, die er auf dem Beifahrersitz liegen hatte, bis er endlich die Telefonnummer fand, die zu dem Jakob Grimm gehörte, der in dieser Hütte zwischen Blumberg und Riedböhringen lebte. Endlich hatte er den Mann am Telefon, und als Jakob Grimm schließlich aus der Haustür trat, die Hunde anleinte und Josef das Tor öffnete, machte er nicht einmal den Versuch, seinen Spott zu verbergen.
   »Ich bitte Sie. Hunde, die bellen … Sie kennen doch das Sprichwort.«
   »Und Sie kennen die beiden Sätze, die alle Hundebesitzer einmal in ihrem Leben sagen? Der erste heißt: Keine Angst, unser Hund tut nichts. Der zweite: Das hat er aber wirklich noch nie getan.«
   Jakob Grimm grinste und offenbarte ein paar gelbe Zähne. Überhaupt machte dieser Mann den Eindruck, als würde er seine Hunde besser pflegen als sich selbst.
   »Also.« Jakob Grimm warf einen nervösen Blick über seine Schulter. »Meine Hunde tragen immer einen Maulkorb, wenn sie draußen sind. Wenn diese alte Krähe was anderes behauptet, dann lügt sie.«
   »Ihre Hunde sind …«
   »Meine Hunde sind einfach nur große schwarze Hunde. Mehr nicht. Sie sind gutmütiger als diese nervösen Wadenbeißer, die bei jedem ungewohnten Geräusch einen Herzinfarkt kriegen. Ich habe der Alten gesagt, dass sie ihre scheiß Kräuter im ganzen Schwarzwald zusammensuchen kann und nicht gerade dort, wo meine Hunde mal um die Ecke gehen. Sonst muss sie irgendwann damit rechnen, dass ich mich verplappere und aus Versehen den Befehl Fass anstatt Platz gebe.«
   »Herr Grimm, ich habe Ihnen gerade sagen wollen, dass Ihre Hunde …«
   »Iwan, komm her.«
   Mit Schrecken beobachtete Horn, wie einer der drei schwarzen Höllenhunde aufsprang und mit hängender Zunge auf sie zugetrabt kam. Die beiden anderen blieben, wo sie waren. Lediglich ihre Ohren verrieten, dass sie ungeduldig auf weitere Befehle warteten.
   »Sehen Sie sich diesen Hund an.«
   Horn zwang sich, ruhig zu bleiben.
   »Sehen Sie in seine Augen und dann sagen Sie mir, dass dieses Tier eine Bestie ist.«
   Horn versuchte, sich auf die bernsteinfarbenen Hundeaugen zu konzentrieren. Der Hund wirkte völlig entspannt.
   »Und? Sieht Ihrer Meinung nach so ein Ungeheuer aus?«
   Horn schüttelte den Kopf. Aber genau das war ja das Problem. Man konnte eben nicht in jemanden hineinschauen. Weder in einen Menschen noch in einen Hund. Ob sich hinter treuen Augen ein Killer verbarg, wusste man immer erst hinterher. »Nein«, sagte er schließlich. »Dieser Hund macht auf mich keinen aggressiven Eindruck.«
   »Sehen Sie. Das wollte ich der alten Hexe auch zeigen. Aber die ist einfach davongewackelt. Sie wollte absolut nicht zuhören.«
   »Herr Grimm. Kennen Sie eine Frau namens Theresia Riester?«
   Josef hatte es aufgegeben, Jakob Grimm erklären zu wollen, dass er nicht wegen seiner Hunde hier war.
   »Wollen Sie mich verarschen?« Jakob Grimm steckte seine Hände in die Hosentaschen, als wollte er sich selbst daran hindern, seine Fäuste durch Josefs Gesicht tanzen zu lassen. »Von der alten Hexe rede ich doch die ganze Zeit!«