Anna kann es kaum glauben. Das renommierte Verlagshaus Dream around the World Publishing interessiert sich für ihr erstes Buch und lädt sie zu Vertragsverhandlungen nach Washington ein. In gespannter Erwartung geht sie auf das Angebot ein und trifft auf den dubiosen Buchagenten Robert, der ihr Unterstützung verspricht. Dann kommt alles anders: Vor dem Termin verhindert sie ein Attentat auf einen Erzbischof und verhilft diesem zur Flucht vor der geheimnisvollen Terrororganisation ICARUS. Plötzlich verstrickt sie sich immer weiter in eine Geschichte aus Verschwörung und Korruption. Im Spannungsfeld zwischen ihren Gefühlen für Robert und der Realität muss sie sich die Frage stellen, wem sie überhaupt noch trauen kann. Welche Wahl hat sie; steht sie doch selbst bereits im Visier von ICARUS?

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ISBN: 978-9963-53-369-5

Seiten: 413

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Alva Furisto

Alva Furisto
© Foto Galerie Hofer
Alva Furisto wurde 1979 in Mainz geboren. Ihre Kindheit war geprägt von kleinen Abenteuerreisen, die sie mit ihrem Pony unternahm. Dabei erkundete sie im Umkreis von dreißig Kilometern ihres Wohnortes jeden Winkel und ließ ihrer Fantasie freien Lauf, welche Geschichten sich an den verborgenen Orten, die sie fand, abgespielt haben mochten. Wenn auch der Drang zur Kreativität sie nicht losließ, trat sie nach dem Abitur im Jahr 1999 in die Fachhochschule für Finanzen ein. Diese schloss sie mit dem Titel Diplomfinanzwirtin (FH) ab. Während sie sich in ihrem Beruf mit der Materie von Gesetzestexten und ihrer Subsumtion beschäftigte, begann sie 2005, wieder ihrer Leidenschaft für Geschichten zu frönen und arbeitete an ihrem ersten Roman. Eine berufliche Veränderung führte sie 2006 in den Westerwald. Dort lebt sie seither und veröffentlichte ihren Debütroman „6:42“ in den zwei Bänden: „Der PSI-Effekt“ und „Der Overview-Effekt“ im bookshouse Verlag. Derzeit überarbeitet sie einen Thriller und schreibt an einem Jugendroman und einer tragischen Komödie für Erwachsene.

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Leseprobe

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Prolog
Thomas und John Meyer

Crofton, Frühjahr 1973

Thomas und John gingen an dem kleinen Bach entlang, der an ihrem Elternhaus vorbei in den Little Patuxent River floss. John zog seine Schultasche durch das hohe Gras achtlos hinter sich her.
   »Lass das«, forderte Thomas seinen Zwillingsbruder auf.
   John schüttelte seinen schwarzen Haarschopf. »Nö.« Bockig stapfte er mit gesenktem Kopf hinter seinem Bruder her, der sich immer wieder nach ihm umdrehte.
   »John, ich flehe dich an, lass es. Es gibt nur wieder Ärger. Das weißt du.«
   John sah Thomas genervt an, als dieser zu ihm gewandt stehen blieb, und zog sich die Tasche wieder auf den Rücken.
   Angestrengt versuchte Thomas, das im braunen Leder der Tasche hängen gebliebene Gras rückstandslos zu entfernen. »Ich kann dir nicht helfen, wenn du so etwas tust«, erklärte er in ernstem Ton und klopfte seinem Bruder den Staub von der braunen Jacke.
   John neigte den Kopf. »Tut mir leid. Wirklich. Aber es wird eh wieder Ärger mit Dad geben, wenn er herausfindet, dass wir die Abkürzung genommen haben.« Mit angsterfüllten Augen blickte er Thomas an.
   »Komm. Wir sind spät dran. Wir machen uns gleich noch sauber, dann bemerkt Dad nichts«, beteuerte Thomas und nahm seinen Bruder liebevoll bei der Hand, um ihn hinter sich herzuziehen.
   In ihm breiteten sich ganz andere Gedanken aus. Er machte sich in Bezug auf seinen Dad und John Sorgen. Thomas beschützte John. Obwohl sie sich als eineiige Zwillinge bis aufs letzte Haar glichen, war er der Starke, der Beschützer, und John war der Tollpatsch, der es immer wieder schaffte, Dads Zorn heraufzubeschwören. Peinlich genau achtete Thomas darauf, dass sie immer gleich gekleidet waren und ihre Frisur exakt dieselbe war, denn Dad konnte sie nicht auseinanderhalten, das gelang nur Mom.
   Thomas zog John nach der letzten Biegung des Baches, bevor ihr Elternhaus zu sehen war, hinter einen Baum. »Wir gehen durch das Gebüsch, dann das letzte Stück des normalen Weges und niemand bemerkt etwas.« Er ging voraus, dicht am Bach entlang zwängten sie sich durch das Gestrüpp.
   »O nein.«
   Er hörte ein schmatzendes Geräusch hinter sich, doch drehte sich nicht um. Nach wenigen Schritten hatten sie den Straßenrand erreicht.
   John trat neben ihm aus den Büschen und hielt betroffen seinen linken Fuß hoch. Er war voller Schlamm. »Es tut mir so leid. Ich habe versucht, aufzupassen. Was jetzt?« John war den Tränen nah.
   Angespannt betrachtete sich Thomas das Dilemma. Dann zog er entschlossen seine Schultasche von den Schultern und kramte Papier und Stofftaschentuch heraus. Das Taschentuch hielt er John hin. »Putz dir die Nase«, forderte er ihn auf, bückte sich und begann, den verschlammten Schuh seines Bruders zu reinigen. Der Schlamm hatte sich in den Nähten des schwarzen Lederschuhes festgesetzt, und er konnte ihn nicht völlig entfernen. Thomas stöhnte auf. Glücklicherweise hatten sie bei dem warmen Wetter kurze Hosen an, sonst wäre das Unheil noch größer gewesen, aber die dunkle Socke an Johns Bein war ebenfalls voller Schmutz.
   John sah betroffen zu ihm hinunter. »Sollen wir versuchen, es im Bach auszuwaschen?«, fragte er leise.
   Thomas schüttelte den Kopf. »Nein, das ganze Ufer ist vom Hochwasser matschig. Wir machen es nur noch schlimmer.« Voller Nervosität sah er in Richtung Elternhaus. »Schnell, zieh den Schuh und die Socke aus. Wir tauschen. Wenn wir uns beeilen, ist Dad vielleicht noch nicht zu Hause und Mom kann es richten.«
   Sie setzten sich blitzschnell auf den heißen Asphalt der Straße und tauschten die verschmutzten Kleidungsstücke.
   »Du musst das nicht tun, Thomas, wirklich«, beteuerte John, während er sich den sauberen Schuh zuband.
   Thomas sah ihn ernst an. »Ich will es so.«
   Er sprang auf und half John. Sie rannten los und sahen Dads Auto bereits in der Auffahrt stehen.
   »Nein«, flüsterte John, ließ die Schultern hängen und sah Thomas angsterfüllt an.
   Mit gesenkten Häuptern traten sie vor die Haustür, da wurde sie von innen geöffnet.
   Dad stand vor ihnen. Die Lippen aufeinandergepresst und die Stirn in Falten, musterte er sie mit stechenden, dunklen Augen. Kein Hallo zur Begrüßung, kein herzliches Wort – es war wie immer.
   Thomas schob den verschmutzten Schuh hinter sein rechtes Bein.
   »Warum seid ihr so spät?«, fragte Dad. Seine Stimme bebte.
   »Dad, entschuldige, der …«
   Thomas zwickte seinen Bruder in die Seite. »Dad, entschuldige, der Bus hatte Verspätung«, setzte er den Satz in selbstbewusstem Ton fort.
   Vater kam nahe an Thomas heran. »Ihr seid den Bach entlanggelaufen, und du hast deinen Schuh beschmutzt«, sagte er leise.
   »Das war meine Idee«, rief John.
   »Das stimmt nicht, es war meine. Ich schwöre bei Gott«, revidierte Thomas die Aussage seines Bruders.
   »Du sollst den Namen des Herrn nicht für Ungebührlichkeiten missbrauchen. Natürlich war es deine Idee, denn der Herr hat dich dafür bestraft. Das sehe ich an deinem Schuh, Thomas.«
   Thomas biss sich auf die Unterlippe. Zu gern hätte er seinen Vater überführt und ihm gezeigt, dass sich der Herr wohl geirrt hatte. Aber vielleicht konnte Gott sie ja auch nicht auseinanderhalten?
   Dad hatte seine Entscheidung getroffen, wer John und wer Thomas war: Thomas war immer der, der etwas angerichtet hatte.
   »Reverend Peters hat angerufen.« Bei diesen Worten wurde Dad noch zorniger.
   Thomas atmete tief durch, er hatte befürchtet, dass das passieren würde.
   »Wer von euch beiden hat die Schultoilette verstopft und auf die Toilettentür geschrieben: Jesus musste auch aufs Klo?«, brüllte Dad.
   Mutter tauchte im Eingang zur Küche auf. Entsetzen stand ihr im Gesicht. Niemand sagte etwas.
   Vater schaute von einem zum anderen. Dann packte er den, den er für Thomas hielt, am linken Ohr und drehte daran, während er ihn ins Haus zog.
   Thomas stolperte hinter ihm her, ohne einen Laut von sich zu geben. Dad zog ihn in sein Arbeitszimmer hinein, währenddessen erblickte Thomas noch einmal Mutters schmerzverzerrtes Gesicht.
   »Theo, das war ein dummer Jungenstreich, lass ihn bitte!«
   »Es ist immer Thomas! Aber dieses Mal werde ich ihm den Teufel austreiben.«
   Dads Stimme hallte in Thomas Ohren.
   Im Zimmer angekommen ließ er das Ohr los und schloss die Tür mit einem Knall. Er verriegelte sie und steckte den Schlüssel in seine braune Weste.
   Thomas stand völlig erstarrt da.

*

Als sich die Tür geschlossen hatte, rannte John zu seiner Mom und klammerte sich an sie. Sie führte ihn in die kleine Küche hinein. Mom sank auf einen Stuhl, zog John auf ihren Schoß und drückte ihn an sich.
   »Mom, nicht schon wieder«, wimmerte John.
   »Ich wünschte, ich könnte etwas tun. Ich wünschte …« Ihr Griff verfestigte sich und ihre heißen Tränen tropften auf seinen Nacken.

*

Thomas wusste, was kommen würde. Es war immer der gleiche Ablauf, nur die Intensität steigerte sich.
   »Zieh dich aus«, brüllte Vater.
   Wie ein Roboter zog Thomas seine Sachen aus und faltete sie ordentlich, um sie neben sich auf den antiken Stuhl zu legen.
   Vater holte das dreiseitige Holzscheit aus seiner Schreibtischschublade und legte es vor ihm auf den Boden.
   An der scharfen Kante des Buchenholzes konnte Thomas sein getrocknetes Blut sehen. Nackt kniete er sich ohne weitere Aufforderung auf das Holzscheit und ertrug lautlos den Schmerz, den es an seinen Knien verursachte.
   »Beuge dich nach vorn und falte deine Hände«, befahl Dad ihm.
   Thomas konnte aus den Augenwinkeln den Rohrstock in seiner Hand erkennen. Er tat, wie ihm befohlen, und der Schmerz in den Knien wurde noch unerträglicher. Er spürte den ersten Schlag des Rohrstocks auf seinem Gesäß und versuchte, sich abzulenken; mitzuzählen, wie lange es dauern würde, bis er endlich tat, was Dad zufriedenstellen würde.
   Heiße Tränen liefen über seine Wangen, als er vier zählte. Beim fünften Schlag musste er aufschreien. Nach dem sechsten Schlag wimmerte er und begann zu beten. Doch Dad machte nicht halt.

*

Mom und John hörten Thomas im Nebenzimmer wimmern. Als es im Arbeitszimmer endlich verstummte, stieß sie ihn ruckartig von ihrem Schoß, packte ihn beim Arm, dann zerrte sie ihn in den Flur, die Treppe hinauf und brachte ihn in ihr gemeinsames Zimmer.
   »Geh schlafen, John, bitte. Nicht, dass noch mehr geschieht heute«, flehte sie ihn an. Angst stand in ihren Augen. Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und ließ ihn im Zimmer stehen.
   John zitterte und blickte minutenlang auf die geschlossene Zimmertür, doch Thomas kam einfach nicht herein. Er begann, sich auszuziehen und seine Nachtwäsche anzulegen, danach schlich er über den Flur ins Badezimmer. Bedrückt wusch er sich und putzte seine Zähne. Noch immer keine Spur von Thomas. Kein einziges Geräusch drang die Treppe herauf, so sehr er auch lauschte. Er legte sich besorgt in sein Bett, aber an Schlaf war für ihn nicht zu denken.

*

Schnaufend lag Thomas auf dem Boden. Das dreikantige Buchenholz drückte schmerzhaft in seinen Bauch. Er vermochte sich kaum zu rühren. Noch immer waren seine Hände gefaltet und er sagte leise ein Vaterunser nach dem anderen auf. Von Vater war nichts zu hören oder zu sehen. Thomas hatte zwanzig Schläge gezählt, mehr als jemals zuvor.
   »Geh mir aus den Augen«, brummte Vater endlich die erlösenden Worte.
   Thomas erhob sich mit letzter Kraft. Seine Knie schmerzten so stark, dass er kaum stehen konnte, von seinem Rücken und Gesäß ganz zu schweigen. Vater saß auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch, geschäftig in Unterlagen lesend, als wäre nichts Unrechtes geschehen. Thomas machte zitternd einen Schritt in Richtung Tür.
   »Nimm deine Sachen mit, oder soll ich sie dir etwa hinterhertragen?«, fuhr Dad ihn an.
   Von Schmerzen gequält, schleppte er sich in geduckter Haltung zurück bis zum Stuhl. »Nein, Dad, entschuldige. Natürlich nicht.« Das Bündel unter den Arm gepackt, schlich er zur Tür.
   »Beim nächsten Mal kommst du mir nicht so leicht davon. Morgen kontrolliere ich, ob dein Schuh wieder sauber ist«, hörte er Vaters strenge Stimme, als er nach dem Knauf griff.
   »Ja, Sir«, flüsterte Thomas zitternd und verschwand durch die Tür. Von den Nachwehen seiner Folter gezeichnet stieg er die Stufen der Treppe hinauf bis ins Badezimmer.

»Wage ja nicht, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, zu ihm hinaufzugehen. Er hat sich das selbst eingebrockt und er wird das allein durchstehen«, hörte er die aufgebrachte Stimme seines Vaters. Thomas war froh zu hören, dass Mom ihm nicht widersprach. Das hatte sie ein paar Mal versucht, aber sie wagte es nicht mehr. Thomas konnte es verstehen, bei dem was Dad danach mit Mom gemacht hatte.
   Im Spiegel sah er den leeren Blick seiner grauen Augen. Thomas wusch sich das Blut von den Knien und versuchte, seinen Rücken und sein Gesäß ein wenig abzutupfen. Schließlich nahm er den Schuh und machte ihn sauber, packte sein Bündel sorgfältig zusammen und ging auf Zehenspitzen in das Zimmer, in dem John schon im Bett lag.
   Thomas legte die Kleidung fein säuberlich auf seinen Stuhl und stellte die Schuhe darunter. Als er sah, dass John seine Sachen sorglos auf seinen Stuhl geworfen hatte, faltete er seine Wäsche auch noch, danach zog er sich seine Nachtwäsche an und kroch unter Schmerzen in sein Bett, das an der gegenüberliegenden Wand von Johns stand.
   »Thomas«, flüsterte John.
   »Sei still und mach dir keinen Ärger«, hauchte er zurück.
   »Bist du okay? Ich hab mir Sorgen gemacht. Es war so lange dieses Mal«, zischte John mit Besorgnis in seiner Stimme.
   »Ich habe fünf Schläge durchgehalten, dieses Mal. Nächstes Mal wird es noch länger«, erklärte er, ohne dass Stolz in seiner Stimme lag.
   »Warum machst du das nur? Warum nimmst du das immer auf dich?«, flüsterte John mitleidvoll.
   »Damit nur einer leiden muss«, sagte er kaum hörbar.
   »Danke.«
   »Schlaf jetzt.« Er hörte, wie sich John in seinem Bett herumdrehte und in seine Decke kuschelte, wie er es immer tat, bevor er einschlief.
   »Warum lässt Gott das zu?«, hörte Thomas John noch flüstern, doch Thomas blieb ihm eine Antwort schuldig.
   Er lag auf der Seite und starrte die Wand an. Anders konnte er nicht liegen, die Schmerzen im Rücken und in den Knien waren zu stark. Tränen liefen noch lange über sein Gesicht, und er dachte über Johns Frage nach, bis er vor Erschöpfung die Augen schloss.

Sie hatten fünf gute Wochen. Thomas konnte es kaum fassen. Seine Knie waren nicht mehr offen und nicht mehr blau, und er konnte seit Tagen wieder auf dem Rücken schlafen.
   Es ist wie im Paradies, vielleicht hatte Dad recht und es hat genutzt, dachte er hoffnungsvoll, wenn er abends einschlief.
   Dann kam John an einem verregneten Nachmittag in den Garten gerannt und weinte. Thomas ließ aufgelöst die Steine fallen, mit denen er auf der Terrasse gespielt hatte, und stellte sich auf. Johns Haar war nass, genau wie seine Kleidung, und seine Augen waren rot, als er schnaufend vor ihn trat.
   »Thomas, es tut mir so leid, es war ein Unfall. Bitte glaub mir! Bei Gott, es tut mir so leid«, beteuerte John aufgeregt.
   Thomas blieb ruhig stehen. »Was ist passiert?«
   John sah verunsichert in Thomas’ graue Augen. »Wir waren am Bach. Josi Brown, Amy Peters und ich und haben Steine ins Wasser geworfen. Ich konnte nichts dafür! Ich habe gerade geworfen, als Amy vor mich lief. Sie hätte es sehen müssen.« John blinzelte angsterfüllt.
   Thomas blieb seelenruhig, während John wieder Tränen über das Gesicht liefen. »Was ist dann passiert?«, fragte er.
   »Ich habe sie am Kopf getroffen und es blutete. Wahnsinnig blutete es und sie hat geheult und ist nach Hause gerannt«, erklärte John mit zitternder Stimme.
   »Reverend Peters wird anrufen, wenn Dad zu Hause ist und ihm erzählen, was mit seiner Nichte geschehen ist. Geh rein und trockne deine Haare, dann zieh dich aus und gib mir deine Sachen. Sofort«, befahl Thomas ihm.

*

Johanna war in die Verandatür getreten und hörte Thomas’ Worte. Sie hatte es schon ein paar Mal vermutet, dass er sich schützend vor John stellte, aber jetzt hatte sie es zum ersten Mal leibhaftig mitbekommen. Thomas drehte sich um und sah sie erschrocken an, als ihm klar wurde, dass sie alles mit angehört hatte. Johanna machte einen Schritt auf ihn zu und strich ihm sanft über sein dunkles Haar.
   »Schnell, geht rein und beeilt euch. Er wird gleich hier sein, und dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Reverend anruft«, forderte sie die Jungen auf. Danach drückte sie Thomas noch einmal fest an sich.
   »Du bist Johns Engel. Ich wusste immer, dass du ein guter Junge bist«, flüsterte sie ihm zu.
   »Geht hinauf in euer Zimmer und bleibt da«, rief sie ihnen mit schriller Stimme nach.
   Johanna verrückte den Hörer des im Flur an der Wand hängenden Telefons, sodass dieser nicht mehr richtig auf der Gabel lag und ein Anrufer ein Besetztzeichen hören würde. Dann ging sie in die Küche und begann stoisch, das Abendessen vorzubereiten.

*

Gerade, als Thomas und John fertig damit waren, dessen Haare zu trocknen und die Kleidung zu tauschen, hörten sie Vaters Auto in die Auffahrt fahren und kurz darauf die Haustür zuschlagen.
   John, der neben Thomas auf dem Bett saß, zuckte zusammen. »Amy wird sagen, dass ich es war«, fiel ihm ein.
   »Bleib ruhig. Alles ist gut. Sie kann uns auch nicht auseinanderhalten«, versicherte Thomas.
   Sie hörten die Stimme ihres Vaters zornig durch den Flur hallen. »Johanna, wo sind die Jungen? Ich habe Reverend Peters getroffen. Es ist nicht zu fassen, was John mit seiner Nichte angestellt hat!«
   John wurde immer kleiner neben Thomas. Sie lauschten Mutters aufgeregter Stimme, aber sie konnten nicht hören, was sie sagte, dann knarrte es auf der Treppe. Aber nur kurz. Niemand kam herauf. Wieder hörten sie ihre Mutter etwas sagen. Dieses Mal lauter und aufgebrachter.
   Es gab einen dumpfen Schlag und jemand kam langsam die Treppe hinauf. Ihre Tür öffnete sich. Mom trat herein. Blut lief aus ihrem rechten Mundwinkel hinunter. Sie konnte ihnen nicht in die Augen sehen.
   »Ich habe es versucht, Kinder, wirklich versucht.« Leise weinte sie, neigte den Kopf und strich über Johns Kopf. »Du sollst herunterkommen, John.«
   John wollte aufstehen, doch Thomas sprang stattdessen auf. »Ich werde gehen.«
   Mom sah ihn fragend an.
   »Er wird es nicht merken. Das hat er noch nie getan.« Thomas ging langsam zur Tür.

Dieses Mal schaffte Thomas acht Schläge, bevor ihm das Vaterunser über die Lippen ging. Was danach kam, war neu: Er saß drei Tage in einer dunklen, kalten Kammer im Keller, in der seine Mutter Kartoffeln einlagerte. Glücklicherweise, denn niemand brachte ihm etwas zu essen oder zu trinken. Entweder traute sich Mom nicht oder Dad hatte auch ihr etwas angetan. Thomas wollte gar nicht darüber nachdenken und vermied es, nach ihr zu rufen. Also aß er ein paar der rohen Kartoffeln und benutzte einen alten Eimer für seine Notdurft. Dazwischen versuchte er zu beten, dass John keinen Unfug machte, bis er wieder aus seinem Gefängnis herauskam, um auf ihn zu achten.

Drei Jahre nach diesem Vorfall und etlichen, die darauf folgten, strahlte Mutter sie in der Tür stehend an, als sie von der Schule nach Hause kamen. Sie wedelte mit einem Brief.
   »Ich habe hier eine Zusage von einem katholischen Internat für Jungen. Euer Vater hat zugestimmt, euch dorthin zu schicken. Nächste Woche geht es los.«
   Thomas neigte den Kopf. »Warum, Mom?«
   »Weil es dir dort besser geht, Thomas. Und John kann nicht allein hier bleiben. Du weißt, wieso.« Ihre Freude war plötzlich sichtlich gedämpft.
   »Ich will dich nicht allein lassen«, beteuerte Thomas.
   »Ich auch nicht«, schloss sich John traurig an.
   »Es ist besser so«, versprach Mom ihnen.
   Eine Woche später reisten sie ab.

*

Es brach Johanna fast das Herz, das Thomas in all den Jahren nur viermal in den Sommerferien nach Hause kam. Sonst nutzte er immer die Möglichkeit, die Ferien im Internat zu verbringen. Doch sie wusste genau, warum er es tat.
   Theo sagte nicht viel dazu. John schaffte es während der Ferien meist, keinen Ärger mit seinem Vater zu bekommen, der sich damit in seiner Auffassung bestätigt sah, dass Thomas immer der Unruhestifter gewesen war. Tatsächlich war es so, dass John mit zunehmendem Alter geschickter wurde, seine Missetaten zu verbergen.

Die Jahre gingen vorüber und Johanna sah ihren Sohn Thomas nur, wenn sie ihn im Internat besuchte. Theo weigerte sich beständig, sie bei ihren Besuchen zu begleiten. Sie bemerkte, wie verschlossen Thomas war, aber sie schaffte es nicht, zu ihm durchzudringen. Sie gab sich damit zufrieden, dass er beteuerte, es ginge ihm gut.

Schließlich fuhr Theo mit ins Internat, es war das einzige Mal. Zur Abschlussfeier der beiden Söhne. Thomas wechselte kein Wort mit seinem Vater. John versicherte, sie kämen einen Tag später nach Hause, doch am nächsten Tag stand er allein vor der Tür, zwei Briefe in der Hand von Thomas, einen für sie und einen für Theo.
   Theo ging in sein Arbeitszimmer, während Johanna den Brief ihres Sohnes in der Küche im Beisein von John öffnete. Sie las ihn und Tränen liefen über ihr Gesicht. Dann sah sie John an.
   »Hast du gewusst, dass er zur US-Army geht?«, erkundigte sie sich.
   Dieser nickte.

*

Theo trat in die Küchentür.
   Johanna starrte ihn vorwurfsvoll an. »Was stand in deinem Brief?«
   »Vermutlich dasselbe wie in deinem«, log er. Er hatte den Brief im Papierkorb verbrannt, denn es wäre eine Schande gewesen, wenn jemand jemals diese Zeilen zu Gesicht bekommen hätte.
    »Er war immer ein Unruhestifter. Ich verbiete dir jeden Kontakt zu ihm. Euch beiden! Was er tut, spottet dem, wie wir ihn erzogen haben. Er wird aus diesem Haus verbannt, aus unserem Leben. Habt ihr verstanden?«, keifte Theo.
   Johannas Augen füllten sich mit Tränen.
   »Was ist mit dir, John? Wie geht es mit dir weiter?«, erkundigte sich Theo, als wäre nichts vorgefallen.
   John blickte zögernd zwischen ihnen hin und her. »Ich habe einen Platz zum Priesterseminar in Saint Charles Borromeo Seminary in Wynnewood. Sollte eine Überraschung sein.«
   »Das ist mein Sohn«, strahlte Theo und klopfte ihm voller Stolz auf die Schulter, doch die letzten Zeilen aus Thomas‘ Brief hallten noch in seinem Kopf:
   »Ich weiß, was du uns angetan hast, Dad. Ich lerne nun, wie man sich zu Wehr setzt, und wenn mir zu Ohren kommt, dass du auch nur noch ein einziges Mal Hand an John oder Mom legst, schwöre ich dir bei Gott, dann werde ich dich töten.«
   Theo folgte Johannas Blick und sah auf die Küchenuhr.
   Es war 6:42 Uhr am Abend.

Kapitel 1
Der erste Kontakt

Jonas kam nach seiner Arbeit bei der Sicherheitsfirma um zwei Uhr nachts in sein Apartment. Anna anzurufen, machte keinen Sinn mehr. Er kochte sich einen Kaffee, klappte den Laptop auf und ging seine E-Mails durch. Danach suchte er auf Youtube nach dem ominösen Video, das er am Vortag dort gesehen hatte.
   Von Verschwörungstheorien hielt er nicht viel. Über die in dem Video angedeuteten Verbindungen zwischen Industriellen, der Waffenindustrie und religiösen Fundamentalisten hatte er dennoch den ganzen Tag nachgedacht. Das Video war verschwunden. Zuletzt versuchte er es über den abgespeicherten Link, doch er funktionierte nicht mehr.
   Er erinnerte sich an den Namen der Gruppierung, die das Oberhaupt dieser Verbindungen sein sollte, und ließ die Suchmaschine Glowgu den Namen ICARUS nachschlagen. Der Laptop piepste, jemand versuchte, ihn über den Glowgu-Chat zu erreichen. Jonas sah den Namen FTW832 aufleuchten. Nachdem er sich am Vortag das Video angesehen hatte, war er bereits von diesem ihm unbekannten Chatmitglied kontaktiert worden.
   FTW832: Guten Morgen.
   Opan: Wohl eher gute Nacht.
   FTW832: Kommt immer darauf an, wo auf der Welt
    man sich befindet.
   Opan: Wo bist du?
   FTW832: Weit weg muss dir genügen.
   Jonas beschloss, seinem Gegenüber deutlich zu machen, dass er keine Lust verspürte, mit einem Unbekannten einen sinnlosen Plausch zu führen.
   Opan: Was willst du von mir?
   FTW832: Ich möchte dir einen guten Rat geben.
    Hör auf zu suchen, was immer du suchst.
   Opan: Wieso sollte ich aufhören? Willst du mir
    drohen?
   FTW832: Ich möchte dich vor einer Dummheit
    bewahren.
   Opan: Hört sich für mich wie eine Drohung an.
   FTW832: Wie kann ich dich überzeugen, nicht
    weiterzusuchen?
   Opan: Indem du aufhörst, mir zu drohen, und
    mir sagst, um was es geht.
   FTW832: Das ist das Problem. Das kann ich nicht
    tun. Es könnte dich den Kopf kosten.
   Opan: Jetzt will ich es erst recht wissen.
   FTW832: Das hatte ich geahnt. Bitte hör auf. Lass
    die Finger davon, sonst hast du echt böse
    Jungs im Nacken.
   Opan: Ich hab keine Angst vor bösen Jungs.
   FTW832: Das solltest du aber. Ich hab sie auch.
   Opan: Dieses Gespräch findet hier sein Ende.
    Ich lasse mich nicht bedrohen.
   FTW832: Jonas Müller, lass die Finger von diesen
    Recherchen und denk nicht einmal mehr
    an das Wort, das du eben in die Such-
    maschine eingegeben hast, sonst kann ich
    für nichts mehr garantieren!
   
   Jonas zog die Finger von der Tastatur. Dieser Kerl wusste, wer er war und was er eben am PC gemacht hatte. Er kopierte die Konversation in eine Datei auf den Laptop.
   FTW832: Lösch das wieder!
   Opan: Wieso kannst du sehen, was ich mache?
   FTW832: Lösch das!
   Opan: Wer bist du?
   Jonas’ Bildschirm flackerte. Als er den Internetstecker herauszog, war der Spuk vorbei. Jonas holte einen USB-Stick in Form einer Audi-Fernbedienung an seinem Schlüsselbund hervor, um die Datei mit der Unterhaltung darauf zu kopieren. Nachdem er seine müden Glieder gereckt hatte, ging er ins Badezimmer und grübelte darüber nach, was er machen sollte.
   Zur Polizei zu gehen, hielt er für Blödsinn. Wahrscheinlich war es ein übler Scherz. Er würde mit Roland darüber sprechen, mit niemandem sonst.
   Roland interessierte sich genau so sehr für die Dinge, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschahen, und forschte danach. Er vertraute ihm.
   Anna konnte er nicht davon erzählen. Sie würde recherchieren, und bevor er nicht wusste, was dahintersteckte, war das zu gefährlich. Der Link zum Video war erloschen, und da Anna nicht auf seine Mail geantwortet hatte, war sie sicher noch nicht dazu gekommen, es sich anzusehen. Das beruhigte ihn.
   Er kroch in sein Bett und löschte das Licht. Sein Mobiltelefon vibrierte. In der Hoffnung, dass Anna doch noch wach war, holte er das Telefon vom Schreibtisch. Statt einer Nachricht von Anna sah er eine SMS eines anonymen Absenders.
   Wenn du nicht auf mich hören willst, kann ich nichts mehr für dich tun. Bitte überlege es dir noch mal. FTW832.
   Jonas starrte auf die Zeilen, legte sich wieder ins Bett und fühlte sich unwohl. Irgendjemand schien ihn zu überwachen. Er hatte keine Ahnung, wer und warum.

*

Endlich war Anna an ihrem Sitz in der Boeing 747 angelangt. Mit Mühe hatte sie am Flughafen in London das richtige Gate gefunden. Sie lehnte sich zurück, doch kaum hatte sie durchgeatmet, kam die Anspannung zurück. Dream around the world Publishing hatte sie nach Washington eingeladen. Der Verlag hatte Interesse an ihrem Buch bekundet und war bereit, die Gesamtkosten für ihre Reise und ihren Aufenthalt in Washington zu zahlen. Sie war aufgrund dieses großzügigen und ungewöhnlichen Angebotes misstrauisch.
   Anna zog das Mobiltelefon hervor. Immer noch keine Nachricht von Jonas.
   »Hi«, grüßte da ein großer blonder Mann freundlich und nahm neben ihr Platz.
   Anna musterte ihn. Er hatte leuchtend blaue Augen mit kleinen Lachfältchen. Sie konnte nicht einschätzen, wie alt er war. Zwischen vierzig und fünfundfünfzig Jahren schien alles möglich. Unter dem aufgeknöpften weißen Hemdkragen blitzte auf sonnengebräunter Haut ein goldenes Kreuz, das ihr sofort ins Auge fiel. Anna sah hinaus auf das Rollfeld, um ihn nicht weiter anzustarren.
   »Das Wetter in London ist beständig furchtbar, wenn ich hier bin. Ich hoffe für die Londoner, dass es nicht immer so ist.«
   Anna drehte den Kopf zu ihm und er strahlte sie erwartungsvoll an. »Ja, das Wetter wünscht man seinem ärgsten Feind nicht.«
   Dieser vor Charme und Selbstbewusstsein strotzende Typ musterte sie. Früher hatte sie so etwas nervös gemacht, heute grinste sie innerlich darüber. Mit Sicherheit war er sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst. Jene, die unter seiner Aufmerksamkeit nicht erröteten, um schüchtern nach unten zu blicken und zu schweigen, versuchten sicherlich, sich ihm zu offerieren und ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Anna hatte an beiden Varianten kein Interesse. Sie sah eine Rolex an seinem Handgelenk, als er die Arme zur Entspannung in die Höhe streckte und danach hinter vorgehaltener Hand gähnte.
   Annas Gedanken drifteten wieder ab. Wann würde sich Jonas endlich melden? Sie griff nach der Laptoptasche und wollte nachsehen, ob Jonas ihr eine E-Mail geschickt hatte.
   »Den sollten Sie erst nach dem Start herausholen, sonst bekommen Sie Ärger mit der Stewardess.«
   Ihr Sitznachbar schien sie immer noch zu beobachten. Anna beschloss, ihn Mr. Sunnyboy zu taufen, solange er sich ihr nicht vorgestellt hatte. »Oh, danke. Ich habe da keine Erfahrung.« Sie löste die Finger von der Tasche.
   »Mit Ärger oder dem Fliegen?« Mr. Sunnyboy lächelte sie an.
   Es war ansteckend. Anna lehnte sich zurück und kontrollierte aus Verlegenheit ihren Gurt, um eine Beschäftigung zu haben. Wenn sie ehrlich war, machte sein Charme sie nun doch nervös. »Leider nur mit dem Fliegen. Mit Ärger habe ich genug Erfahrung.«
   »Sie klingen, als sollte man sich besser von Ihnen fernhalten.« Er grinste sie herausfordernd an.
   Anna grinste zurück und verkniff sich die freche Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag. Sie kannte ihn nicht und wollte vermeiden, ihn zu verärgern. »Vielleicht.«
   Nach dem Start holte Anna den Laptop hervor und stellte ihn vor sich auf den Klapptisch. Sie las mit Besorgnis von einem Anschlag auf den unterirdischen Teil des Zürcher Hauptbahnhofs. Es gab viele Tote und Verletzte. Wie gut, dass Jonas niemals mit der Bahn fuhr, dafür liebte er sein Auto viel zu sehr. Wahrscheinlich meldete er sich einfach nicht, weil er wieder einmal rund um die Uhr arbeitete.
   »Schlimme Sache in Zürich.«
   Mr. Sunnyboy riss sie aus ihren Gedanken, und sie zuckte zusammen. Kaffeeduft stieg ihr in die Nase. Sie stellte fest, dass er ihr gerade eine Tasse des schwarzen Gebräus hinhielt.
   »Bitte. Schwarz mit ein bisschen Milch.«
   Wie konnte Mr. Sunnyboy ahnen, wie sie den Kaffee bevorzugte, oder war es Zufall? »Danke.« Zögerlich nahm sie die Tasse entgegen.
   Sie trank einen Schluck und öffnete ihre E-Mails. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Mr. Sunnyboy, der unverhohlen auf ihren Bildschirm sah. Sie überflog kurz die neuen E-Mails. Nichts von Jonas oder diesem Robert Palmer, der sich ihr als Buchagent für ihr Treffen bei dem Verlag angeboten hatte. Vielleicht hatte er es sich trotz ihrer Zusage anders überlegt. Seine Aufdringlichkeit war ihr ohnehin sonderbar vorgekommen. Sie war eine unbekannte Autorin und er ein Agent von namhaften Schriftstellern. Solche Agenten interessierten sich genauso wenig für unbekannte Autoren wie große Verlage. Anna seufzte leise. Vielleicht bedeuteten diese Dinge auch einfach nur das Ende ihrer Pechsträhne.
   Sie öffnete die letzte E-Mail von Jonas, da sie bisher nicht die Zeit gefunden hatte, sich den Anhang anzusehen und ihm zu antworten.
   Mr. Sunnyboy hatte zwischenzeitlich auch einen Laptop ausgepackt. Anna schmunzelte bei dem Anblick des klobigen GETAC High-End-Outdoor-Laptop, den sie bei ihrer Suche nach ihrem Gerät im Internet sehnsüchtig bestaunt hatte, um dann beim Sichten des Preises Schnappatmung zu bekommen. Das Gerät hatte die Ausmaße eines Koffers und passte optisch nicht zu dem smarten Auftritt ihres Sitznachbarn.
   Sie klickte auf den Anhang von Jonas’ E-Mail und las.
   Sieh Dir das an: YouTu…
   Der Laptop ging aus. Mit einem Schnaufen ließ sie sich im Sitz zurückfallen. »Verfluchter Mist.«
   Sie sah zu Mr. Sunnyboy. Er hatte sein Gerät gerade noch auf dem Schoß gehabt und stellte es nun auf den Tisch vor sich. Auf dem Bildschirm sah sie kurz blaue Schrift auf schwarzem Grund, beinah wie in der alten MS-DOS-Oberfläche, dann tauchte eine herkömmliche Benutzeroberfläche auf. Annas Laptop jedoch ließ sich nicht mehr einschalten.
   »Akku leer?« Mr. Sunnyboys Mundwinkel zuckten. Anna hätte schwören können, er amüsierte sich.
   »Nein, der war voll. Das Gerät ist alt.« Sie war von seiner Neugier genervt. Das waren Probleme, die er sicherlich nicht kannte. Sie ärgerte sich, dass sie mit ihrem veralteten Mobiltelefon nicht ins Internet gehen konnte. Mr. Sunnyboy öffnete eine Textdatei und begann zu lesen. Nachdem Anna eine Weile auf dem Bordbildschirm herumgetippt hatte, schweifte ihr Blick zu dem Laptop ihres Sitznachbarn. Ihr fielen Wörter ins Auge, die ihr bekannt waren: Fylgja, Iwar und Al Sahi. Es war ihr Buch, das er da las. Sie musterte den Mann.
   Mr. Sunnyboy sah zu ihr auf. »Möchten Sie doch gern den Laptop?«
   »Nein. Entschuldigen Sie.« Mit dem Gefühl, ertappt worden zu sein, sah sie wieder weg.
   »Diese Flüge ziehen sich. Ich kann dabei nicht schlafen. Da nutze ich die Zeit gern zum Lesen.« Er lächelte aufmunternd.
   Anna blickte erneut auf seinen Bildschirm. »Ist das Buch gut?«
   »Es trägt den Titel Der Orden der Fylgja. Kennen Sie es?«
   Sie rutschte auf ihrem Sessel umher. Sollte sie sich als Autorin outen oder sagen, sie hätte es gelesen, und sich mit ihm darüber unterhalten? Dann durfte sie sich nicht verquatschen. »Ich habe es gelesen.« Sicher war eine Unterhaltung mit ihm besser als acht Stunden in Gedanken an Jonas und das Attentat in Zürich.
   Er blinzelte zu ihr herüber und schien sich zu freuen. »Was für ein Zufall. Es ist von einer unbekannten Autorin und hat nur eine geringe Auflage. Wussten Sie das?«
   »Wenn für einen Newcomer nicht die Werbetrommel gerührt wird, hat man kaum eine Chance. Egal, wie gut die Message ist.«
   »Schade, dass die Welt so funktioniert, nicht wahr?« Er ließ sie bei seinen Worten nicht aus den Augen.
   »Es ist verdammt schade. Heute muss man der Sensationsgier genügen. Schreiben Sie möglichst detailliert über Absonderlichkeiten. Wenn Sie Glück haben, regt sich jemand darüber auf und plötzlich wollen es alle lesen. Qualität spielt keine Rolle mehr.«
   »Ja, so ist es.«
   Anna beglückte, dass sie sich einig waren. Sein Auftreten und sein Equipment, allein seine Uhr ließ sie erkennen: Er entstammte einer anderen Welt als sie, aber ihr Buch las er offenbar mit Begeisterung. Es machte ihn sympathisch.
   »Wenn ich ein Buch lese, gibt es immer eine Figur, mit der ich mich identifizieren kann, aber hier fällt es mir schwer. Das macht es besonders. Es gibt keinen glatten Helden. Jeder hat seine Kanten und irgendwie gehören sie alle zusammen. Vielleicht wäre man gern ein bisschen von jedem«, sagte er begeistert. »Aber am Ende habe ich mich ein wenig geärgert.« Sein Blick lastete regelrecht auf ihr.
   »Worüber denn?«
   »Mir fehlt ein richtiges Happy End. Das Gute siegt, das Schlechte ist verschwunden.«
   »Sie haben nicht verstanden, was ich ausdrücken wollte«, sagte Anna mit Nachdruck in ihrer Stimme. »Das Böse ist immer da, mal mehr, mal weniger. Am Ende haben sie es im Griff, aber es ist nicht verschwunden. So ist das nun mal in der Welt, im Buch, und in unserer auch.«
   »Wer sind Sie, wenn Sie das Buch lesen?«
   Anna betrachtete Mr. Sunnyboy einen Augenblick. Sie hatte sich verquatscht, aber er schien es nicht bemerkt zu haben. »Ich wollte es nie sein, aber ich bin Al Sahi.« Die Worte kamen ihr wie ein Geständnis über die Lippen.
   »Oh, die schöne Amazone, die die Fäden in der Hand hält, weil sie Hintergrundinformationen hat und den Hütern den Kopf verdreht.« Er grinste wieder.
   Anna verzog genervt das Gesicht. »Haben Sie es wirklich gelesen oder nur überflogen?«
   »Ich habe es gelesen. Was soll das heißen?« Mr. Sunnyboy wirkte aufgrund ihrer Reaktion ein wenig beleidigt.
   »Al Sahi hat einen langen Leidensweg und teilt ihre Seele mit einem Mann, den sie nicht haben kann.«
   Er legte die Stirn in Falten. »Sie sehen die Figur aus einem anderen Licht als ich. Wie kommt das?«
   Sie schluckte und sah aus dem Fenster hinaus auf die Wolken. Wie friedlich wirkte alles dort draußen. Sie schwieg, während sie über ihre Worte nachdachte.
   »Hören Sie, ich wollte Sie nicht verärgern. Ich wollte Konversation betreiben. Wenn ich etwas Falsches gesagt habe, dann entschuldige ich mich.« Friedfertig, fast besorgt, sah Mr. Sunnyboy sie an.
   »Nein, nein. Schon gut.« Anna bekam ein schlechtes Gewissen und beschloss, die Katze aus dem Sack zu lassen. Sie stand zu dem, was sie niedergeschrieben hatte. »Ich erkläre Ihnen, warum ich die Figur anders sehe.«
   Er sah sie aufmerksam an. »Ich bin gespannt.«
   Anna fiel auf, wie symmetrisch seine Gesichtszüge waren. Der Duft seines Rasierwassers umrahmte seinen Auftritt des perfekten Menschen. »Ich bin die Figur. Das ist meine Geschichte.« Ihr blieb bei seinem Anblick und ihrem Geständnis fast die Luft weg.
   Mr. Sunnyboy schüttelte den Kopf. »Wie meinen Sie das?«
   »So, wie ich es gesagt habe. Ich habe das Buch geschrieben.«
   Er lachte. »Sie wollten mich aufs Glatteis führen. Sie lassen mich hier über dieses Buch sinnieren und sind die Autorin? Jetzt hab ich etwas gut bei Ihnen, würde ich meinen.«
   Anna war erleichtert über diese Reaktion. Sie trank einen Schluck von ihrem Kaffee und war froh, dass Mr. Sunnyboy nicht sauer war, immerhin war er noch mindestens für acht Stunden ihr Sitznachbar.
   Das Essen wurde gebracht und er räumte schnell seinen Laptop weg.
   »Ich finde das sehr interessant. Wie kamen Sie darauf, die nordische Mythologie in eine solch fantastische Zukunft zu packen?« Er öffnete die Verpackung des Essens und versenkte seine Gabel in dem Steak.
   »Viele unserer Gepflogenheiten sind voll von Mythen und Riten der Nordmänner. Wenn man sich damit befasst, ist man erstaunt, wie viele unserer Gebräuche ihren Ursprung dort haben und nicht im Christentum, was den meisten nicht bewusst ist. Nehmen Sie den Weihnachtsbaum. In nördlichen Gegenden wurden im Winter Tannenzweige ins Haus gehängt, um bösen Geistern das Eindringen und Einnisten zu erschweren. Schon lange Zeit, bevor das Christentum begann, sich zu verbreiten.«
   Mr. Sunnyboy musterte sie. Sie erblickte wieder das goldene Kreuz an seinem Hals.
   »Es ist eine persönliche Frage. Sie müssen sie nicht beantworten. Würden Sie sich als Christin bezeichnen?«, fragte er, als hätte er erraten, an was sie dachte.
   Annas Hals wurde trocken, sie trank einen Schluck. »Haben Sie schon mal ein Neugeborenes im Arm gehalten? Es wirkt völlig rein. Soll ich glauben, dieses Kind ist mit der Erbsünde zur Welt gekommen? Das akzeptiere ich nicht. Dieses neugeborene Wesen ist rein. Die Gesellschaft macht es zu dem Sünder, das es sein wird.«
   Mr. Sunnyboy lehnte sich völlig gelassen zurück. »Das ist doch im Grunde dasselbe, nur anders hergeleitet.«
   »Dennoch kann ich es nicht glauben.«
   »Das macht es nicht leichter, verringert aber auch das ein oder andere Problem.«
   Bei seinem Gemurmel hatte sie den Eindruck, seine Worte hätten nichts mit ihrem Gespräch zu tun.
   Er drehte den Kopf zu ihr. »Glauben Sie denn an das, was in Ihrem Buch steht?«
   »Wir sollten lernen zu helfen, wo es uns möglich ist und keine Gegenleistung erwarten. Das macht die Fylgjen in meinem Buch aus. Sie helfen, wo Unrecht geschieht und fragen nicht nach dem Warum. Das ist ihre wahre Gabe. Ja, daran glaube ich.«
   Mr. Sunnyboy nickte. »Das hört sich friedfertig an.«
   »Es soll aber nicht bedeuten, dass ich nicht bereit wäre, die Freiheit dieser Ideale mit allen Mitteln zu bewahren.«
   Mit einem Mal sah Mr. Sunnyboy zufrieden aus. »Wissen Sie, ich habe etwas gut bei Ihnen, weil Sie sich nicht zu erkennen gegeben haben. Ich denke, ich werde es Ihnen sagen. Es ist nur fair.«
   Anna stutzte. Mr. Sunnyboy reckte ihr seine rechte Hand entgegen, sie ergriff sie zaghaft.
   »Mrs. Gärtner, ich bin Robert Palmer, Ihr Agent, insofern Sie mich jetzt nicht feuern.«
   Er hielt Annas Hand fest, während sie ihn fassungslos anstarrte, nicht in der Lage, etwas zu erwidern. Verwirrt schüttelte sie den Kopf.
   »Was …? Wieso haben Sie das gemacht? Erzählen Sie mir nicht, es ist Zufall, dass Sie hier sitzen.«
   »Nein, so etwas überlasse ich nicht dem Zufall. Ich wollte Sie sehen und sprechen, bevor Sie wissen, wer ich bin. So lernt man Menschen anders kennen. Besser …« Er grinste.
   Anna starrte ihn noch immer an. »Mr. Palmer, ich kann nur staunen über Ihre geschäftlichen Gepflogenheiten. Und seien Sie versichert, an einem anderen Ort würde ich aufstehen und gehen.« Sie sah ihn erbost an, doch es schien ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken.
   »Deshalb, Verehrteste, sitzen wir in diesem Flugzeug.«
   Robert Palmer grinste von einem Ohr zum anderen. Anna fehlten die Worte. Dieser Mann entpuppte sich als Seuche. Die nächsten acht Stunden konnte sie ihm nicht entkommen und jetzt lächelte er sie feist an. Sie kam nicht umhin, sich davon anstecken zu lassen, überrollt von seinem Charme und dem sympathischen Strahlen seiner unglaublich blauen Augen. Schon immer konnte sie gut über sich lachen und sie war in seine Falle getappt, also lachte sie mit ihm und ihr Ärger verflog.
   »Sie verzeihen mir?«, fragte er freundlich.
   »Nur, wenn Sie mir erklären, warum Sie so einen Aufwand betrieben haben. Denken Sie, das Buch ist es wirklich wert?« Ihre Worte hatten einen versöhnlichen Ton.
   »Sie sind es wert, Anna Gärtner. Dessen bin ich mir sicher«, antwortete er.
   Sie beschloss, nicht zu erforschen, worauf er mit diesem Kompliment abzielte. Stattdessen wollte sie erfahren, warum er ein Kreuz um den Hals trug. »Wie ist das mit Ihnen? Was sagen Sie zu Christentum und Kirche?«
   »Kirche bedeutet: Die dem Herrn gehört. So will er die Kirche in ihrer ganzen Herrlichkeit vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler. Heilig und makellos soll sie sein.«
   Anna blinzelte ihn an, fasziniert darüber, wie präzise er diese Definition wiedergab. Eines war ihr jedoch nicht entgangen. »Sie haben damit meine Frage nicht beantwortet.«
   »Ich war auch noch nicht fertig. Ich glaube, ja. Aber ich zweifle an der Herrlichkeit der Kirche.«
   Er sah ihr bei seinen Worten tief in die Augen. Sie musste seinem Blick ausweichen.
   »Also ist es bei Ihnen auch kompliziert?«, fragte Anna.
   »Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

Sie unterhielten sich den ganzen Flug über. Wie geschickt sie es auch anstellte, ihr entging nicht, dass sie über ihn persönlich so gut wie nichts erfuhr. Jedoch war er wirklich überzeugt von ihrem Buch, was ihn zu einem guten Agenten für sie machte. Er sicherte ihr zu, sich in Washington mit dem Verlag in Verbindung zu setzen und ihr für alle Rückfragen in Bezug auf den Vertrag, aber auch hinsichtlich ihres Aufenthaltes, zur Verfügung zu stehen. Robert war höflich, interessierte sich für Literatur und Glaube ebenso wie für teure Accessoires. Mehr hatte Anna nicht über ihn herausgefunden, doch sie hatte ihn genau beobachtet. Hinter seinem charmanten Lächeln verbargen sich viele Facetten. Mit Sicherheit hatte er welche, die Anna nicht gefielen, aber für sie war der Job von Belang, den er für sie machen sollte.
   Nachdem sie gelandet waren und ihr Gepäck hatten, fuhren sie mit einem Taxi zu Annas Hotel. Er versicherte ihr, sie am nächsten Morgen vor dem Eingang abzuholen und gemeinsam mit ihr zu dem Termin bei Dream around the world Publishing zu fahren.
   Es war Mittag und Anna nach dem langen Flug müde. Sie checkte an der Rezeption ein. Nur mithilfe des Concierge fand sie erschöpft ihr Zimmer. Ihr Blick ging durch den großen Raum, doch sie war zu müde, um sich genauer mit ihrer Umgebung vertraut zu machen. Anna beschloss, sich erst einmal ins Bett zu legen.

Kapitel 2
Ralph und Meggie


   nna trat aus dem Aufzug. Es war acht Uhr abends. Sie war nicht mehr müde nach ihrem Mittagsschlaf und erkundete die fremde Umgebung. Sie war auf der Suche nach dem Bourbon Steak-Restaurant. Anna war unsicher, ob sie den Concierge richtig verstanden hatte. Irritiert durch die großen Flure, ging sie einige Schritte und versuchte, sich zu orientieren. Zu ihrer Linken erkannte sie Toiletten, rechts stand die Tür zu einem kleineren Raum auf, dann folgte der Zugang zu dem großen Treppenhaus. Auf ihrem Weg kamen ihr ein paar in Gespräche vertiefte Leute in Geschäftskleidung entgegen. Sie machte noch ein paar Schritte, bis sie vor einer großen Tür, links von ihr, zum Stehen kam.
   Algonquin Room. Offensichtlich war sie falsch. Hier befanden sich die Konferenzzimmer und ein Ballsaal. Neben der Tür hing ein Schild mit der Bezeichnung der im Saal stattfindenden Veranstaltung: USCCB, Archbishop J. Meyer speaks about international religious freedom.
   Sie schüttelte den Kopf und machte eine Kehrtwende in Richtung Aufzug. »Ein Haufen alter Männer diskutiert über den Weltfrieden, fast so effektvoll wie eine Modenschau. Scheinheilige, korrupte …«
   Als die breite Tür des Saales vor ihr aufging, stieß Anna vor Schreck die Luft aus. Um Haaresbreite wäre sie in den Mann gelaufen, der heraustrat. Sie sah zu ihm auf, er überragte sie um einiges. Auf seinem zunächst erstaunten Gesicht zeigte sich ein Lächeln. Anna registrierte seine schwarze Kleidung und das Weiß an seinem Kragen. Er wirkte in seinem Anzug ein wenig korpulent und das Lächeln schien nicht in sein Gesicht zu gehören. Der schmale Mund und die kühlen grauen Augen, umrahmt von seinem dunklen, glatten Haar, ließen ihn ernst wirken.
   »Sorry, I didn’t want to scare you.«
   Anna zuckte zusammen, bemerkte, dass sie ihn angestarrt hatte und machte einen Schritt zurück. »It’s okay. Nothing bad happened.« Sie konnte die Unsicherheit in ihrer Stimme hören.
   »The event is tomorrow.« Er zeigte auf den Raum hinter sich. »May I help you? Are you looking for someone?«, fragte er freundlich in sauberem Englisch.
   Sie musste innerlich lachen, weil sie zugeben musste, dass sie sich verlaufen hatte. Vielleicht konnte er ihr wirklich helfen. »I’m looking for the Bourbon Steak-Restaurant.« Anna schenkte ihm bei ihrem Geständnis ein nettes Lächeln.
   »Me, too. I propose that we go together.«
   Hatte sie ihn richtig verstanden? Er schloss die Tür des Raumes hinter sich und deutete in Richtung Aufzug. Entschlossen, ihm zu erklären, warum ihr Englisch ungeübt war, streckte sie ihm eine Hand entgegen.
   »I’m Anna Gärtner from Germany, pleased to know you.«
   Er ergriff ihre Hand. Als sie sie wieder zurückziehen wollte, hielt er sie einen Augenblick fest und sah Anna interessiert an.
   »Es freut mich auch, Sie kennenzulernen, Anna Gärtner.« Er sprach in perfektem Deutsch.
   Anna erschrak und hoffte, dass er nichts von dem gehört hatte, was sie vor der Tür von sich gegeben hatte. Die sonderbare Nähe zu diesem Fremden machte sie nervös.
   »Es wäre mir eine Ehre, Ihnen den Weg zum Bourbon Steak-Restaurant zu zeigen. Ich bin auf dem Weg dorthin, um zu Abend zu essen, und Sie?«
   »Gern. Ich wollte auch etwas essen und muss zugeben, dass ich mich verlaufen habe.«
   Bevor Anna noch etwas sagen konnte, gab er endlich ihre Hand frei und ging los. Sie hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
   »Von wo aus Deutschland kommen Sie?«, fragte er auf dem Weg zum Aufzug.
   »Koblenz.«
   Er nickte nur.
   »Und Sie?«
   »Washington, D.C.« Mit einem verschmitzten Lächeln stieg er in den Aufzug.
   »Oh.« Mehr brachte Anna nicht heraus. Es waren genug Peinlichkeiten gewesen. Ein wenig Zurückhaltung war sicher angebracht, also beschloss sie, zu schweigen.
   Als der Aufzug das nächste Mal hielt, kamen sie am Eingang des Restaurants heraus.
   Die Platzanweiserin lächelte Annas Begleiter freundlich zu. »Herzlich willkommen. Möchten Sie Ihre Reservierung auf zwei ausweiten?« Ihr Englisch hatte einen furchtbaren Akzent, und sie musterte Anna kritisch.
   Er nickte kurz mit dem Kopf. Anna fühlte sich überrumpelt von der Tatsache, dass er gerade beschlossen hatte, mit ihr zu Abend zu essen. Der prüfende Blick der Frau lenkte sie jedoch von weiteren Gedanken ab.
   »Ich lege Wert auf Privatsphäre«, sagte er.
   Die Dame nickte. »Bitte folgen Sie mir.« Sie riss ihren Blick regelrecht von Anna los und drehte sich um.
   Sie folgten ihr an einen Tisch für zwei Personen. Der Platz wurde durch Trennwände an drei Seiten von den anderen Tischen optisch abgeschirmt. Es gab etliche dieser Plätze, sie waren offenbar nichts Besonderes. Auf dem braunen Holztisch war für zwei Personen eingedeckt und eine kleine weiße Kerze brannte in einem Glas. Anna setzte sich auf das braune Leder der Bank, ihr Begleiter nahm ihr gegenüber Platz. Ganz glücklich war sie nicht über die Tatsache, dass sie mit einem Priester – oder was auch immer er war – zu Abend essen sollte. Sie wollte nicht vorschnell urteilen. Immerhin schien er nicht unsympathisch zu sein und ohne ihn hätte sie wohl auch den Weg noch immer nicht gefunden.
   Neugierig sah sie ihr Gegenüber an. »Sie haben sich mir noch nicht vorgestellt.« Anna beobachtete, wie er seine Hände gefaltet auf den Tisch legte.
   »Nennen Sie mich Pater Ralph«, sagte er mit einem charmanten Lächeln, das, wie Anna fand, wieder nicht in das ernste Gesicht passte.
   Sie schaute ihn verdutzt an. »Sagen Sie mal, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?« Sie wollte nicht unhöflich klingen, war aber nicht imstande, sich diese Bemerkung zu verkneifen.
   Er zuckte mit den Schultern. Die Bedienung kam. Der Pater sah sie erwartungsvoll an.
   »Ich hätte gern ein Tonicwater. Und wenn ich schon hier bin, das Bourbon Steak mit Ofenkartoffel und Salat«, sagte sie kurz und bündig.
   Er gab die Bestellung weiter, und bestellte für sich exakt das Gleiche.
   Der Pater sah Anna nahezu herausfordernd an. Sie lehnte sich auf der Bank zurück und versuchte, seinen verschmitzten Gesichtsausdruck zu ergründen.
   »Ich bin zwar nicht ganz so alt, wie man vermuten könnte, aber ich kenne Colleen McCulloughs Dornenvögel und Sie sehen definitiv nicht aus wie Pater Ralph de Bricassart.« Anna musste schmunzeln.
   »Nein? Schade.« Am Zucken seiner Mundwinkel erkannte sie, dass er sichtlich belustigt war, dennoch bemüht, ein ernstes Gesicht zu machen.
   Anna bemerkte die Blicke der anderen Gäste im Restaurant, die auf sie gerichtet waren und hatte den Eindruck, dass die anderen tuschelten. Fragend sah sie ihn an. »Warum? Was soll das werden? Ein Rollenspiel? Sie sind Pater Ralph und ich bin Meghann Cleary?« Ihr Gefühl sagte ihr, er könnte einen Spaß vertragen. Nein, er forderte ihn geradezu heraus.
   »Das wäre ein amüsanter Vorschlag und würde einen kurzweiligen Abend versprechen.«
   Die Bedienung brachte die beiden Tonicwater. Anna bemerkte, wie genau er sie beobachtete. Er machte einen gespannten Eindruck, also würde sie ihm einen Gefallen tun, sich darauf einzulassen, dieses Spiel mit ihm zu spielen. Trotz seiner Kleidung, die darauf schließen ließ, dass er ein Geistlicher war und es sich sicher nicht gehörte, solch einen Spaß zu machen. Aber Anna ließ sich darauf ein, denn er verzichtete damit genau auf die Steifheit, die sie von einem Pater erwartet hatte. Sie freute sich darüber. Langsam fiel die Anspannung von ihr ab.
   Sie hatte sich viele Gedanken gemacht, wie sie in dieser fremden Welt allein zurechtkommen würde. Dann war Robert Palmer aufgetaucht, und jetzt saß sie diesem sympathischen Menschen gegenüber, der augenscheinlich unverfängliche Zerstreuung suchte. Genau darauf war sie aus, und ein Pater war ihr dazu gerade recht. Mit Sicherheit war er nicht auf einen Flirt aus, was sie auch im Moment nicht hätte vertragen können.
   »Wollen Sie die klassische oder die moderne Version der Meggie hören, Pater Ralph?«, fragte Anna und trank einen Schluck von ihrem Tonicwater.
   Er nahm ebenfalls sein Glas in die Hand und betrachtete es nachdenklich. »Überraschen Sie mich.«
   Sie zögerte einen Augenblick, unsicher, ob sie es wirklich tun sollte. Doch was gab es Netteres als jemanden, der schwarzen Humor verstand? Anna stützte die Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf ihre verschränkten Finger und sah ihn schmachtend an. Er wirkte allein aufgrund ihrer Gestik schon amüsiert.
   »Ralph, ich bitte dich. Nein, ich flehe dich an: Komm zu mir nach Drogheda zurück und hilf mir, die gefühlt hunderttausend Schafe zu hüten, zu scheren, zu kastrieren und manchmal auch zu essen. Ich bin eine schwache und hilfsbedürftige Frau und angezogen durch deinen Charme und das Verbot, dich nicht haben zu können und verliebt bis über beide Ohren in dich. Ich werde für immer auf dich warten, dieser andere Typ war nur ein Verzweiflungsakt und das Kind ist doch in Wirklichkeit von dir.« Anna flüsterte beinah, denn sie wollte nicht, dass sie die anderen Gäste hören konnten und sie ihn damit in Schwierigkeiten bringen würde.
   Mit einem Mal waren jegliche Anspannung und Ernsthaftigkeit aus seinem Gesicht gewichen, als habe sich sein zuvor gezeigtes Amüsement nur auf einer Maske befunden, die nun gefallen war und für Anna sein wahres Ich freigab. »Auf den Punkt gebracht. Die klassische Meggie, würde ich sagen.« Er trank einen Schluck und sah wieder zu ihr.
   »Welcher Kirche gehören Sie an? Am Ende sind Sie ein evangelischer Pfarrer mit Frau und Kindern und ich mache mir die ganze Mühe umsonst?« Anna lächelte verhalten.
   »Nein, nein. Ich bin Pater Ralph, das passt schon ganz gut.« Mit einem Nicken verlieh er seinen Worten Überzeugungskraft.
   Die Bedienung brachte ihnen das Essen. Anna hatte schon begonnen, von ihrem Steak und ihrer Kartoffel zu essen, als Pater Ralph die Hände faltete und ein stummes Gebet sprach. Irgendwie kam sie sich in dieser Zeit ungezogen vor und wartete, aber nur genau so lange, bis er mit seiner Gabel in seinem Salat herumpickte. Sie beobachtete sein sonderbares Essverhalten und beschloss, die Stille wieder zu brechen. »Wieso sprechen Sie so gut Deutsch?«
   »Das war ein Tick meiner Eltern. Sie sind deutscher Abstammung gewesen. Ich habe Deutschland noch nie besucht und ich habe nicht einmal eine Ahnung, wo Ihr Koblenz liegt.«
   Anna schwieg eine Zeit lang, während sie aß. Dann beschloss sie, das Spiel fortzusetzen, aber auf ihre Art. Sie wollte etwas über ihn erfahren. »Und wie ist das bei Ihnen mit den Frauen, Pater Ralph?«, fragte sie ihn unverblümt. Er sah auf und die Ernsthaftigkeit kehrte in sein Gesicht zurück.
   »Sie glauben nicht, wie schlimm es sein kann. Bei manchen Frauen scheint es eine Art sportlicher Wettkampf zu sein, einen Priester anzumachen.« Er schüttelte den Kopf und sie nickte.
   »Oh, ich habe eine genaue Vorstellung davon. Ich denke, ich kenne meine eigene Gattung dahin gehend recht gut, und wenn ich ehrlich bin, widert mich diese Sorte an.« Mit einem Seufzen musterte sie ihn und deutete auf seinen weißen Kragen.
   »Mich schreckt das eher ab, was nicht beleidigend gemeint ist.«
   Mit überraschtem Gesichtsausdruck blinzelte er sie an. »Welcher Konfession gehören Sie an?«
   Anna schüttelte den Kopf. »Das ist kein gutes Thema. Ich dachte, wir bleiben dabei: Sie sind Ralph und ich Meggie?«
   »Also ein verlorenes Schaf, mhm?« Er musterte sie erwartungsvoll, aber sie sprang nicht darauf an.
   Anna beobachtete, wie er den Salat und das Steak aß, die Kartoffel blieb unberührt. Darüber nachdenkend, ob das Gespräch am Ende nicht doch in Richtung Ernsthaftigkeit kippen würde, trank sie einen Schluck Tonicwater. Ihr war wahrhaftig nicht danach, mit einem katholischen Priester ihre Glaubensauffassung zu diskutieren. Es würde genauso enden, als versuchte man, einen Großbrand mit der Gießkanne zu löschen: sinnlos.
   »Die andere Version der Meggie, die moderne, ich würde sie gern hören«, sagte Pater Ralph.
   Anna lächelte wieder und war beruhigt, dass er weiter auf ihr Spiel einging. Sie räusperte sich, setzte sich gerade und sah sich noch einmal um. Wieder traf ihr Blick auf Leute, die zu ihnen gestarrt hatten und jetzt erschrocken wegschauten. Wer zum Teufel saß ihr da bloß gegenüber? »Sind Sie sicher, dass Sie vertragen können, was ich sagen werde, Pater Ralph?«
   »Ich kann eine ganze Menge vertragen, vor allem eine Menge Spaß. Ich will es hören.«
   Anna lehnte sich auf der Bank zurück und warf ihm als Meggie einen lasziven Blick zu. Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
   »Ralph, ich warne dich. Komm zurück zu diesen verfluchten Schafen und zu mir. Ich habe mich informiert und rechtlichen Beistand besorgt. Wenn du nicht augenblicklich nach Drogheda zurückkehrst, werde ich dich verklagen, dass dir Hören und Sehen vergeht.« Anna machte eine Pause.
   Er spielte mit und gab sich erstaunt. »Auf welcher Grundlage willst du mich verklagen, Meggie?« Einen belustigten Gesichtsausdruck konnte er sich nicht ganz verkneifen.
   Sie lehnte sich wieder nach vorn. »Sie wollen es wirklich so, nicht wahr? Ich werde besser leiser sprechen, als es die Rolle verlangt, sonst haben Sie am Ende noch echte Schwierigkeiten.«
   Näher rückend beugte er sich ein wenig zu ihr über den Tisch. »Sie machen es wirklich spannend.« Bei seiner gedämpften Stimme stellten sich kurz die Haare auf Annas Unterarmen auf. War es die vorübergehende Nähe, die er einging?
   Sich auf ihr eigentliches Vorhaben besinnend, atmete sie tief durch und machte ein bösartiges Gesicht. »Warum ich dich verklage, Ralph? Du hast wirklich keinen blassen Schimmer, wie?«
   Unwissenheit vorgebend schüttelte er mit dem Kopf.
   »Wegen des Kindes, das ich dir untergeschoben habe. Erinnerst du dich, als du mir in diesem Urlaub die große Liebe vorgespielt hast und wir uns die Seele aus dem Leib gevögelt haben? Überraschung, Ralph. Ich habe mich an die Regeln unserer Kirche gehalten und nicht verhütet. Und wenn du nicht tust, was ich dir sage, werde ich dein Leben zerstören und deine geliebte Karriere und dein Innerstes nach außen kehren. Die Presse wird ihre wahre Freude daran haben und was die Kirche erst dazu sagen wird?«, zischte sie über den Tisch.
   Er verschluckte sich an dem Schluck Tonicwater, den er gerade hatte trinken wollen, und musste husten. Dabei sah er nicht mehr ganz so belustigt aus.
   »Ich denke, ich tendiere eher zu der alten Meggie.«
   »Kann ich gut verstehen, die ist leichter im Zaum zu halten. Aber Sie wollten es unbedingt hören.« Anna fragte sich, ob er tatsächlich so viel Spaß vertragen konnte, wie er vorgab.
   »Sie haben mich neugierig gemacht. Warum sind Sie in Washington?« Jetzt klang er wie der perfekte Pater.
   »Beruflich«, sagte Anna. Das mit dem Buch trat sie nicht gern breit. Nicht, bevor es bei Dream around the world Publishing unter Vertrag war. Die Veröffentlichung bei dem deutschen Verlag kam ihr zu unbedeutend vor. Überdies war sie nicht bereit, den Inhalt mit ihm zu diskutieren.
   »Sind Sie beim Theater?«, bohrte er weiter nach.
   Anna sah sich wieder um. »Nein. Ich arbeite für eine Institution, die sich Deutsche Rentenversicherung nennt.« Es war die Wahrheit, wenn es auch nichts mit ihrem Aufenthalt in Washington zu tun hatte. Schmerzlich erinnerte sie sich daran, dass sie keine Genehmigung für ihren Urlaub bekommen hatte und fraglich war, ob sie ihren Job nach der Rückkehr von dieser Reise noch haben würde.
   »Ich habe von Deutschlands Sozialsystem viel gelesen. So etwas haben wir hier nicht.«
   Er sah sie kurz an, als wartete er darauf, dass sie auf ihren Job näher einging. Anna war nicht danach.
   Nach einem Räuspern kam er auf seine Frage zurück. »Sie sind keine Schauspielerin? Schade, ich hätte gern mehr gesehen.« Enttäuschung klang in seiner Stimme, während seine grauen Augen sie ausgiebig musterten. »Warum schickt die Deutsche Rentenversicherung eine Mitarbeiterin nach Washington?«
   Anna wurde abgelenkt. Sie hätte schwören können, dass einer der Männer einige Tische weiter gerade versucht hatte, sie mit seinem Handy zu fotografieren. Voller Neugierde sah sie wieder zu Pater Ralph und betrachtete ihn forschend.
   »Wieso starren die Leute Sie an?«, flüsterte sie.
   »Vielleicht starren sie nicht mich an, sondern Sie?« Ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen.
   »Immerhin gestehen Sie, dass sie starren. Haben Sie mir heimlich einen Zettel auf den Rücken geklebt, mit einem unanständigen Ausdruck darauf?«
   Pater Ralph schmunzelte und wollte etwas erwidern, als es in Annas Handtasche vibrierte.
   Sie griff sofort danach und zog ihr Mobiltelefon hervor. »Entschuldigen Sie bitte, ich will nicht unhöflich sein, aber ich warte auf einen Anruf von meinem Lebensgefährten.«
   Er lehnte sich zurück, um ihr einen Hauch von Privatsphäre zu geben. Zwischenzeitlich wurden die Teller abgeräumt.
   Anruf von Roland Sonnenschein, stand auf dem Display. Wieder nicht Jonas. Anna nahm angespannt das Telefonat entgegen. »Hallo, Roland?«
   »Anna? Bist du da? Die Verbindung ist schlecht.« Jonas Freund klang aufgeregt, was für ihn eher ungewöhnlich war.
   »Ja, ich bin dran, was ist los?«
   »Es gab doch diese Explosion in der Züricher Bahn.«
   Anna schluckte. »Davon habe ich gehört.« Sie zwang sich, ruhig zu bleiben.
   »Jonas war dort unten.«
   Sie blinzelte überreizt. »Aber, aber er fährt nicht mit der Bahn … Das kann nicht sein. Ich meine, er meldet sich schon noch …« Völlig aus der Fassung gebracht stammelte sie die Worte mehr, als dass sie sprach.
   Pater Ralph schien ihre Gesichtsfarbe weichen zu sehen, denn er betrachtete sie fürsorglich.
   »Man hat ihn bis jetzt nicht definitiv gefunden, aber es gibt noch Opfer, die bisher nicht identifiziert werden konnten, und es gibt Zeugen, die ihn haben hinuntergehen sehen. Es tut mir so leid …« Sie nahm das Telefon vom Ohr, legte es auf den Tisch und beendete die Verbindung. Geistesabwesend sah sie durch den Raum, ihr Blick blieb an Pater Ralph hängen. Seinem sorgenvollen Blick ausweichend, starrte sie auf ihr Glas vor sich.
   »Was ist passiert?«, fragte Pater Ralph leise und legte seine Hand auf ihre.
   Irritiert von der Berührung zog sie ihre Finger zurück und strafte ihn für seine Tat mit einem mahnenden Blick. »Die Explosion in der Züricher Bahn.« Sie starrte vorwurfsvoll auf das Mobiltelefon.
   »Ich habe davon gehört. Es gab viele Opfer«, sagte er leise.
   »Jonas war eines davon«, flüsterte sie atemlos. Hastig holte sie einen kleinen lilafarbenen Diskus aus ihrer Handtasche und führte ihn zum Mund, um einen tiefen Zug daraus zu nehmen, und sah sich um. »Kann man hier irgendwo eine Zigarette rauchen?« Tief durchatmend schaffte sie es, ihre Gedanken wieder ein wenig zu ordnen.
   »Ich kann Ihnen die Terrasse zeigen.«
   Nachdem sie ihr Mobiltelefon und ihre Tasche an sich genommen hatte, sprang sie auf. »Was ist hiermit, wie funktioniert das?« Sie deutete über den Tisch.
   »Das übernehme ich.« Pater Ralph stand auf.
   Anna folgte ihm durch die Räumlichkeiten des Bourbon Steak-Restaurants hinaus auf eine kleine Raucherterrasse. Außer ihnen war niemand dort. In der Dunkelheit konnte sie die Lichter der Stadt sehen.
   Sie zündete sich eine Zigarette an und trat an das Geländer. Die Luft war kühl und die Geräusche der Stadt drangen gedämpft zu ihnen hinauf. Anna sah auf die Häuser.
   Pater Ralph trat neben sie. »Reden Sie mit mir, Anna.«
   Erstaunt drehte sie den Kopf zu ihm. »Worüber um alles in der Welt sollten wir reden?« Ihr Ton war voller Abneigung gegen ihn.
   »Über Ihren Verlust, den Verlust von Jonas.« Seine Stimme war völlig ruhig.
   Anna schüttelte den Kopf und drehte sich zu ihm. »Dafür sind Sie der schlechteste Ansprechpartner, den es im Augenblick gibt, nicht wahr?«
   »Wie meinen Sie das? Solche Dinge gehören zu meiner Berufung.«
   »Sie haben sich als katholischer Priester geoutet, was könnten Sie für mich tun?« So sehr sie sich bemühte, ihre Stimme wurde dünner.
   »Es ist keine Schande, über die Gefühle zu reden, die ein Verlust auslöst.«
   Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Es ist nur ein Drama, wenn wir es daraus machen. Nur was wir zulassen, ist real. Was erwarten Sie von mir? Soll ich weinen und flehen? Was würde es ändern? Es ist ein seelischer Schmerz, kein körperlicher. Und diese Schmerzen fügen wir uns selbst zu, indem wir sie zulassen. Es ist nicht das erste Drama in meinem Leben, man lernt, mit diesen Dingen umzugehen.«
   Anna hatte kaum Luft gehabt, diese Worte mit der überzeugend gespielten Lässigkeit zu sprechen, um glaubwürdig zu sein. Gern hätte sie so eiskalt gefühlt, wie sie vorgab. In Wirklichkeit zerriss es sie innerlich bei dem Gedanken an Jonas. Das Einzige, was sie vom Zusammenbruch trennte, war die Tatsache, dass sie es nicht wahrhaben wollte. Sie hatte Jonas schon häufiger für eine längere Zeit nicht gesehen. Er war immer wieder zurückgekommen. Irgendetwas tief in ihr war der festen Überzeugung, dass es auch dieses Mal so sein würde, auch wenn alle Anzeichen dagegen sprachen. Sie sah in die Augen des Paters und bestärkte sich darin, sich vor diesem Fremden nicht die Blöße zu geben, heulend zusammenzubrechen.
   »Anna, lassen Sie mich …«
   »Extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.« Sie unterbrach ihn nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.
   »Ganz so ist es auch nicht.« Er blinzelte und schien erstaunt darüber, diesen Satz von ihr zu hören.
   »Wollen Sie die Existenz dieser Worte abstreiten?« Verbitterung klang in Annas Stimme.
   »Dieser Satz wurde als Dogma festgeschrieben, aber das war im Jahr 1445. Sollten Sie ihn so deuten, dass alle Menschen, die nicht durch Taufe oder Glauben zum Großen Glaubensbekenntnis gehören, vom ewigen Heil ausgeschlossen seien, kann ich sie beruhigen. Er ist vom katholischen Lehramt nicht angenommen worden. Es gibt zahllose besondere und verborgene Heilswege Gottes.«
   Sie schnappte nach Luft. »Die katholische Kirche glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter, des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr anschließt. Mag einer noch so viele Almosen geben, ja selbst sein Blut für den Namen Christi vergießen, so kann er nicht gerettet werden, wenn er nicht im Schoß und in der Einheit der katholischen Kirche bleibt.« Anna zitierte nahezu exakt aus dem Dogma, dass sie bei den Recherchen zu ihrem Buch vollständig gelesen hatte.
   Der Pater zögerte, sichtlich irritiert darüber, dass sie den Text wiedergeben konnte.
   »Sie wollen mir erzählen, dass es doch nicht so ist? Aber als Dogma wurde es aufgestellt. Wozu? Um den Menschen Angst einzujagen?« Sie sah ihn erbost an.
   »Anna. Sagen Sie mir, warum Sie so aufgebracht auf meine Anwesenheit reagieren?« Der Pater sprach leise und wich mit seiner Antwort ihren Ausführungen aus.
   Sie spürte das Brennen in ihren geröteten Augen und sah ihn an. »Warum? Weil ich gerade von Jonas Tod erfahren habe und Sie hier neben mir stehen und mir in Manier der Kirche erklären wollen, dass mal wieder alles anders auszulegen ist, weil es sonst gerade nicht in die Situation passt. Und dabei ist Ihre Anwesenheit gerade der Grund dafür, dass man sich überhaupt um so etwas Gedanken macht.«
   »Was löst diese Wut aus? Lassen Sie mich wenigstens das wissen.« Mit einfühlsamer Stimme sprechend, neigte er versöhnlich den Kopf.
   Sie holte tief Luft. »Ich bin in einer evangelischen Familie aufgewachsen, aber ich habe mich immer dagegen gewehrt, bin nicht getauft und habe mich früher als Atheisten bezeichnet. Heute würde ich mich Agnostiker nennen, und Jonas …« Ihre Stimme versagte.
   Der Pater legte die Hand auf ihre Schulter. »Was ist mit ihm?«
   »Jonas war als Kind neuapostolisch. Er wurde getauft, aber er hat sich losgesagt und …« Wieder brach ihre Stimme weg.
   »Was hat Jonas geglaubt, was Sie so verunsichert?«
   Anna senkte den Blick auf die Stadt hinunter und zündete sich mit zitternden Händen erneut eine Zigarette an. »Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was er wirklich geglaubt hat. Vielleicht habe ich ihn verschreckt mit meinen Statements zur Kirche. Vielleicht ist es meine Schuld, wenn er Zweifel hatte, wo vorher keine waren, wenn er nicht mehr glauben konnte und nun die Konsequenzen trägt.« Die Worte flüsternd drehte sie sich zur Brüstung.
   »Die Unsterblichkeit der Seele ist eine Grundfeste des Christentums. Es ist nicht so schwarz und weiß, wie Sie es aufgefasst haben. Es heißt zwar, dass außerhalb der apostolischen, römischen Kirche niemand gerettet werden kann und jeder, der nicht in sie eintritt, muss in der Flut untergehen. Aber wir müssen sicher daran festhalten, dass von dieser Schuld vor den Augen des Herrn niemand betroffen wird, der da lebt in unüberwindlicher Unkenntnis der wahren Religion.«
   »Lumen gentium Nr. 14: Nur in der Kirche wird das volle Heil angeboten.« Sie drehte sich zu ihm um und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. »Was ist also die Wahrheit, Hochwürden?«
   Er schien kurz nachzudenken. »Sie müssen davon absehen, nur die Dinge zu erkennen, die sich Ihnen aus naturwissenschaftlicher Sicht offenbaren. Ihr Subjektivismus, die den Verstand als einzige Quelle der Erkenntnis annimmt, macht Sie unfähig, den Blick nach oben zu erheben. Es hindert Sie daran, das Wagnis einzugehen, zur Wahrheit des Seins zu gelangen, weswegen das, was für die einen wahr ist, es nicht für Sie ist. Letztendlich tendieren Sie dazu, die Heilige Schrift ohne Rücksicht auf die Überlieferung und das kirchliche Lehramt zu lesen und zu erklären. Wenn ich Ihnen zuhöre, kann ich erkennen, dass Sie sich damit auseinandergesetzt haben. Nun hören Sie mir bitte zu. Viele Menschen wagen es angesichts eines so einschneidenden Erlebnisses, den Blick nach oben zu richten und finden noch ihren Weg zu …«
   »Sie«, unterbrach Anna ihn, tippte mit dem Zeigefinger auf seine Brust, kam einen Schritt näher und sah böse zu ihm auf. »Genau Sie sind der Auslöser, dass ich mich in diesem Augenblick mit diesem Blödsinn beschäftige. Sie bestätigen mit ihren Aussagen ein Hin und Her. Eine Wahrheit haben Sie nicht für mich. Wieso stehen Sie hier vor mir? Mit Ihrer Kleidung und Ihrem Auftreten haben Sie mich erst auf den Gedanken gebracht, mich zu fragen, was aus Jonas wird. Unsterblichkeit der Seele? Lassen wir ihn einfach tot sein. Ich kann damit leben. Es ist besser als die Ungewissheit, die Sie mit Ihren sich ständig wandelnden Ansichten der Kirche vertreten. Sie wissen doch selbst nicht, was Sie glauben sollen. Und jetzt deuten Sie auch noch an, Menschen fänden in solchen Situationen zum Glauben? Ich nenne das Schwäche.«
   Ohne ihm weitere Beachtung zu schenken, ging sie wieder in das Restaurant. Sie musste sich kurz orientieren und machte sich auf den Weg zu ihrem Zimmer in der Hoffnung, diesem irren Priester nie mehr über den Weg zu laufen. Sollte er bekehren, wen er wollte, aber mit Sicherheit nicht sie.
   Anna ließ die Zimmertür hinter sich laut ins Schloss fallen und blieb unweit dahinter stehen. Nach zwei Minuten summte es an der Tür. Sie riss die Tür auf und starrte in das sichtlich besorgte Gesicht des Priesters. Aufgebracht schüttelte sie den Kopf. »Haben Sie ein Problem? Muss ich es deutlicher sagen? Sie sind hier nicht erwünscht«, keifte sie ihn an und wollte die Tür zuschlagen, doch seine Hand stemmte sich gegen das Türblatt.
   »Sind Sie sich ganz sicher, Anna? Ich hatte den Eindruck …«
   Sie schob seine Hand von der Tür. »Hören Sie, ich habe nicht den blassesten Schimmer, was Sie glauben, wer Sie sind, aber Ihre Anwesenheit wird von mir nicht erwünscht. Wenn Sie vorhaben, mich weiterhin zu belästigen, rufe ich den Sicherheitsdienst. Ersparen Sie uns beiden diese Peinlichkeit und gehen Sie.« Anna knallte ihm die Tür vor der Nase zu und warf sich auf ihr Bett.

Kapitel 3
Der PSI-Effekt


   laudes Zielperson saß in einem Café und blätterte in einer Zeitung. Er hatte ein paar Tische entfernt von ihm Platz genommen, sich ebenfalls einen Kaffee bestellt und beobachtete den Mann schon eine ganze Weile. Claude kannte die Person nicht, aber so, wie einige Leute den Mann ansahen, war er stadtbekannt. Es passte ihm nicht, dass Robert ihn für diese Tätigkeit abgestellt hatte, denn so konnte er nicht auf Robert achten, und er misstraute den meisten von Roberts Bodyguards, wenn er es auch nur auf ein schlechtes Bauchgefühl zurückführen konnte. Im Grunde misstraute er allen Menschen außer sich selbst. Das war es auch, was ihn seit seiner Zeit in der Legion so einsam machte. Aber jetzt gab es Robert, der ihn einen Freund nannte. Er glaubte fest daran, dass Robert es wert war, dass man auf ihn achtete. Doch was genau er im Schilde führte, hatte Claude noch immer nicht begriffen. Ein Lächeln huschte ihm über die Lippen, als er daran dachte, dass er Robert noch vor einigen Tagen unterstellt hatte, ein Drogenbaron zu sein. Robert hatte souverän gelächelt und ihm erklärt, dass es ihm bei seinen Geschäften darum ging, die Welt zu verbessern. Die Einzelheiten hatte Claude nicht begriffen, doch er vertraute seinem Chef.
   Der große, dunkelhaarige Mann stand auf und zahlte seinen Kaffee an der Theke. Claude hätte schwören können, seine Zielperson warf ihm dabei einen beiläufigen Blick zu. Er legte fünf Dollar auf den Tisch und wartete, bis sein Ziel den Laden verlassen hatte, bevor er ihm folgte.
   Unter den Leuten auf dem Gehsteig, die eilig ihrem Tagesgeschäft nachgingen, konnte er den großen Mann gut ausmachen. Sein Weg führte um einige Häuserblocks herum. Um unauffällig zu bleiben, ließ er sich zurückfallen, und verlor den Mann kurz aus den Augen, ehe er an der nächsten Hausecke abbog.
   Claude blieb verunsichert stehen. Seine Zielperson war spurlos verschwunden. Auf diesem Seitenweg waren kaum Menschen auf der Straße und er hatte freien Blick. Es gab keine Türen oder Säulen, nichts, wohin die Person seines Erachtens hätte verschwinden können. Claude zog sein Mobiltelefon hervor und wählte Roberts Nummer, während er sich das Telefon ans Ohr führte.
   Als er bemerkte, dass jemand hinter ihn trat, war es zu spät. Er war wie aus dem Nichts aufgetaucht und hielt ihm etwas Hartes in den Rücken. Er spürte es deutlich durch die Kevlarweste. Das Telefon an seinem Ohr wählte noch. Da es Claudes Auftrag war, die Zielperson zu schützen und er davon ausging, dass sie hinter ihm stand, entschloss er sich, Ruhe zu bewahren. Die Person hinter ihm nahm ihm das Mobiltelefon aus der Hand.
   »Hör zu! Zum letzten Mal: Ich brauche keinen Babysitter. – Nein. – Er war gut. – Mach ihm keinen Vorwurf. – Nein, lass es bleiben. – Weil ich es so will. – Keine Schutzweste. – Ist mir egal, was du sagst. – Selber Mistkerl. – Zum letzten Mal: Lass es bleiben. Irgendwann nimmt jemand Schaden dabei. – Hier, für Sie.« Der Mann hinter Claude reichte ihm das Telefon wieder an sein Ohr. »Nichts für ungut, Sie haben einen exzellenten Job gemacht.«
   Der Widerstand in Claudes Rücken gab nach. Als er sich umdrehte, war der Mann spurlos verschwunden. Auf dem Boden lag eine kleine Stabtaschenlampe. Claude wurde klar, dass er ihm die Taschenlampe in den Rücken gehalten hatte, und musste schmunzeln. Er hob sie auf und starrte darauf. Mit herzlichen Grüßen überreicht durch die Robert Isaac Palmer Stiftung, stand darauf.
   »Claude? Bist du noch dran?«
   Er räusperte sich. »Ich weiß ja nicht, auf wen du mich da angesetzt hattest, aber er ist kein Anfänger.« Robert entfuhr ein Seufzer am anderen Ende der Leitung.
   »Sorry, war eine dumme Idee. Komm zurück. Soll Jake sehen, wie er klarkommt.« Robert legte auf. Claude sah sich noch einmal um, aber der Mann war definitiv verschwunden.

*

Die Nachricht über Jonas hatte Anna in der letzten Nacht schwer zugesetzt, aber sie hatte beschlossen, den Termin mit dem Verlag wahrzunehmen. So hatten Jonas und sie es immer gehalten: Wie schlimm eine Nachricht auch war, sie hatten sich nicht in ihrem Vorhaben aufhalten lassen.
   Um 6:42 Uhr hatte sie entschieden, dass diese üble Nacht ihr Ende finden sollte, hatte sich geduscht und war in der Dusche weinend zusammengebrochen. Jetzt war sie spät dran, aber wieder gefasst. Sie hatte es gerade noch geschafft, die nötigen Unterlagen zusammenzusuchen und in ihre Umhängetasche zu packen. Robert Palmer wusste nichts von dem Verlust und sie wollte es ihm auch nicht erzählen. Sie waren um 8:30 Uhr in der Hotellobby verabredet, um gemeinsam zu dem Termin bei Dream around the world Publishing zu fahren.
   Es war 8:24 Uhr. Sie stieg in den leeren Aufzug und drückte einen der vielen verwirrenden Knöpfe. Von dem Concierge war nichts zu sehen. Die Aufzugtür öffnete und als sie heraustrat, stand sie wieder in dem Flur, der zu den Konferenzräumen führte. Hinter sich hörte sie ein Klacken, der Aufzug fuhr weiter.
   »Na prima.« Anna ärgerte sich über ihre Unfähigkeit. Sie sah die Toilettentür links neben sich und beschloss die Gelegenheit zu nutzen, ihr Äußeres noch einmal zu überprüfen. Auf keinen Fall wollte sie so matt aussehen, wie sie sich fühlte.
   Im Vorraum zu den Toiletten betrachtete sie sich in einem der Spiegel. Ihr lockiges Haar hatte sie hochgesteckt und ein paar dunkle Strähnen hingen heraus. Das wenige Make-up war noch perfekt, schließlich hatte sie es eben erst aufgetragen und ihre Augen waren nur halb so verquollen, wie sie befürchtet hatte. Die enge weiße Bluse saß perfekt. Letztlich stellte Anna fest: Sie wirkte nicht so deplatziert, wie sie befürchtet hatte.
   Anna legte ihre Hand auf den goldenen Anhänger, den sie um ihren Hals trug. Jonas hatte ihn ihr zu Weihnachten geschenkt. Stonehenge war darauf zu sehen. Anna liebte alles, was mystisch war. Es ließ Platz für Träume und Fantasie. Von den Gedanken an den Anhänger verursacht, dachte sie wieder an Jonas.
   »Hier und jetzt, Anna. Du gehst da raus und verkaufst denen dein Buch, dann ist mehr Platz zum Träumen. Reiß dich zusammen. Jonas wäre stolz.« Sie hängte ihre schmale graue Aktentasche wieder über ihre Schulter und öffnete die Tür.
   Bei ihrem nächsten Schritt war es, als zog sie jemand am Schulterriemen ihrer Tasche zurück, sodass sie wieder im Vorraum der Toiletten stand und die schwere Tür nur noch einen Spalt geöffnet war. Erschrocken sah sie auf den Türknauf. Ihre Tasche hatte sich darin verfangen. Sie versuchte, den Gurt zu entfernen, aber die Schnalle hatte sich verkeilt. Es bedurfte einiger Geschicklichkeit sie so zu drehen, dass sie sich wieder befreien ließ. Anna zerrte am Türknauf herum. Aus den Augenwinkeln sah sie einen Mann durch den Flur laufen. Er war unauffällig, von mittlerer Größe und trug wie die meisten männlichen Hotelgäste einen dunklen Anzug, dennoch beschlich sie das sonderbare Gefühl, er gehöre nicht an diesen Ort. Tatsächlich beobachtete sie, wie er sich umsah. Er hatte sie nicht gesehen, denn der Mauervorsprung neben dem Toiletteneingang versperrte ihm die Sicht auf sie.
   Annas Magen krampfte sich. Sie glaubte nicht an Engel oder an Gott, sie nannte sich nicht Christ, aber sie kannte Augenblicke wie diesen, in denen sie sich sicher war: Irgendetwas oder irgendjemand wollte ihr etwas mitteilen. Es war wie eine Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagen wollte: Da, Anna! Sieh hin! Ich habe dafür gesorgt, dass du an der Tür hängen bleibst und jetzt sieh hin!
   Die Schnalle rutschte wie von Zauberhand vom Knauf. Anna drückte sich an der Tür hinaus und achtete darauf, dass sie kein Geräusch machte. Sie stellte sich hinter den Mauervorsprung und spähte um die Ecke herum. Ihr Herz schlug wild, als sie den Mann entdeckte. Er war nur wenige Meter von ihr entfernt stehen geblieben und sah sich erneut um. Jetzt bückte er sich, um seinen Schuh zu binden. Sein schlecht sitzendes Sakko rutschte nach oben und Anna entdeckte die Waffe, die er auf seinem Rücken in den Gürtel gesteckt hatte. Sie war in den Vereinigten Staaten von Amerika und nicht in Deutschland. Hier waren die Waffengesetze anders. Aber in einem Hotel in Washington, D.C.? Er gehörte eindeutig nicht zum Sicherheitsdienst, die Leute hatte sie zur Genüge gesehen. Sie trugen Waffen in Holstern unter der Jacke und wirkten stets souverän.
   Der Mann richtete sich wieder auf und fasste mit dem Zeigefinger seiner linken Hand an sein Ohr. »Sixty seconds, the elevator. He’s alone. Understand. Ready.«
   Sie sah zur Anzeige des Aufzugs. Er würde gleich in ihrem Stockwerk anhalten.
   Als sie erneut in Richtung des Mannes spähte, war er verschwunden. Sie lehnte sich weiter um die Ecke herum. Er hatte sich einige Meter entfernt an die Tür des Treppenhauses angelehnt und war so vom Aufzug aus nicht mehr zu sehen. Anna sah aufgeregt zum Aufzug. Die Tasche stellte sie ab. Der Fahrstuhl hatte seinen Halt im Stockwerk über ihnen beendet.
   »He’s still alone«, hörte sie den Mann flüstern. Der Aufzug hatte ihr Stockwerk erreicht. Gleich würde sich die Tür öffnen. Annas Hände zitterten. Sie spähte zu dem Mann. Er ergriff seine Waffe und sah sich um. Sein irrer Blick blieb am Fahrstuhl haften. Seine Pistole hielt er in seiner rechten Hand unter seinem Sakko. Anna sah angespannt zu ihm und dann in Richtung Aufzug. Die Tür würde sich jede Sekunde öffnen. Aus der Deckung heraus war der Weg zum Schützen weiter für sie als zum Fahrstuhl. Er würde genug Zeit haben, sie zu erschießen und dann die Person im Aufzug. Vielleicht würde er flüchten, wenn er sie sah, aber was, wenn er schoss? Er wirkte entschlossen. Sechs Meter bis zur Aufzugtür.
   Die Glocke ertönte. Sie hatte keine Zeit mehr zu überlegen. Die Tür begann, sich zu öffnen. Sie hechtete los. Im Aufzug erkannte sie Pater Ralph. Er machte ein fassungsloses Gesicht, als er sie auf sich zustürzen sah.
   Nach Sekundenbruchteilen hörte sie einen Schuss. Sie spürte einen stechenden Schmerz durch ihr Bein fahren. Mit voller Wucht lief sie gegen den Pater. Er fiel mit ihr rückwärts in den Aufzug.
   Das ist gut so, jetzt ist er aus der Schussbahn.
   »Anna, was?«, hörte sie leise seine Stimme. Es fiel wieder ein Schuss. Die Zeit schien still zustehen. Noch ein Schuss. Anna durchfuhr ein unglaublicher Schmerz. Er war allgegenwärtig. Sie hörte, wie sich erlösend die Aufzugtür hinter ihnen schloss.
   Anna versuchte, von Pater Ralph herunterzukriechen. Es war nur noch ein Gedanke. Ihr Körper gehorchte nicht mehr. Sie sah das Gesicht des Mannes vor sich, den sie zu retten versucht hatte. Er war blass und Entsetzen stand in seinen grauen Augen. War er tot? Nein, sie hörte seine Stimme in der Dunkelheit. Unaufhaltsam breitete sich um sie herum ein Nichts aus.
   »Anna? Was ist passiert? Anna? Reden Sie mit mir. Alles wird wieder gut. Hören Sie mich? Sagen Sie etwas. Bitte.«
   Sie wollte ihm antworten. Aber da waren nur noch Finsternis und Stille um sie herum. Er war weg. Alles war weg.

*

Anna atmete flach. Er zog sie auf seinen Schoß. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Kopf lehnte an seiner Brust. Er reckte den Arm und drückte den Alarmknopf im Aufzug. Dann schloss er seine Arme um ihren Oberkörper und senkte seinen Kopf auf ihr Haupt. Die weiße Bluse tränkte sich mit ihrem Blut. Er konnte aber nicht ausmachen, wo sie getroffen war. Sie atmete, wenn auch flach. Das beruhigte ihn ein wenig.
   »Hallo?«, klang es endlich durch den Lautsprecher des Aufzugs.
   »Angeschossene Person im Aufzug Nummer drei auf dem Weg in die Lobby, Täter bei den Konferenzräumen. Krankenwagen und Notarzt anfordern.« Er drückte Annas Körper an seinen. Sie hatte die Kugeln abbekommen, die für ihn bestimmt gewesen waren. Die Augen geschlossen, um ein Gebet zu sprechen, erblickte er vor seinem inneren Auge Anna, wie sie am Vorabend beinah in ihn hineingelaufen war, und erinnerte sich an ihren erschrockenen Blick. Er hatte sehr wohl gehört, was sie zuvor gesagt hatte.
   Zwei Minuten früher hatte er im Konferenzraum die Vorbereitungen für seinen Vortrag beendet. Am Rednerpult stehend hatte er Gott gebeten, ihm jemanden zu schicken, der nicht so farblos war, der nicht für oder gegen ihn war; jemanden, der anders war, als die Menschen, denen er täglich begegnete. Er hatte sich jemanden gewünscht, der ihm die Stirn bieten konnte, wenn er sich festgefahren hatte und ihm die Dinge aus einer anderen Perspektive zeigte. Wer wagte sich das schon?
   Wenige Sekunden später traf er auf Anna. Er hatte beim ersten Hinsehen bemerkt, dass sie nicht in seine Welt gehörte, aber er war sich nicht sicher gewesen, ob es an Anna selbst lag oder daran, wie er sie sah. Ihr dunkles, lockiges Haar war lang über ihre Schultern gefallen, als sie ihn angesehen hatte. Sie war recht groß und ihr weißes Top und ihre gut sitzende schwarze Hose hatten ihren Körper voll zur Geltung gebracht. Trotz ihrer Eleganz hatte sie gleichzeitig eine Widerspenstigkeit ausgestrahlt, wie sie ihm selten gegenübertrat. Deshalb hatte er sich auf dieses Spiel mit ihr eingelassen. Er wollte mit jemandem reden, der ihn nicht auf sein Amt reduzierte. Und dann hatte es einen solchen Crash gegeben, dass er davon ausgegangen war, sie nicht wieder zu sehen. Sie hatte ihn deutlich abgewiesen. Jetzt lag sie da und war bereit gewesen, sein Leben mit dem ihren zu schützen.
   Die Aufzugtür öffnete sich. Der Sicherheitsdienst des Hotels hatte davor Stellung bezogen. Er hielt sie so lange fest, bis die Sanitäter eintrafen und sie von seinem Schoß auf den Sanitätswagen legten. Sie begannen Anna zu untersuchen, doch noch bevor er etwas mitbekam, trafen Polizisten bei ihm ein. Er sah noch, wie man sie hinaus in den Krankenwagen rollte.

Kapitel 4
Nach der Heldentat

Annas Kopf dröhnte. Sie konnte sich nicht erinnern, wovon. Schmerz empfand sie nicht, doch ihr Körper fühlte sich an, als läge sie unter einem Betonklotz begraben. Sie blinzelte, das Licht brannte ihr in den Augen. Allmählich kam ein Teil ihrer Erinnerung zurück. Das Attentat fiel ihr wieder ein. Sie schlug die Augen auf, nahm das Piepsen des EKGs wahr und registrierte den Schlauch, der von ihrer rechten Hand hinauf zu einem Infusionator lief. Jetzt erinnerte sie sich, dass sie angeschossen worden war.
   »Guten Morgen Miss Gärtner.«
   Eine Krankenschwester lächelte sie an. Sie war Mitte dreißig, schlank und ihr Gesicht strahlte vor Sympathie. Anna war beruhigt vom Anblick der brünetten Frau, die ihr Haar sorgfältig zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Die Schwester trat neben ihr Bett und sah sie aufmerksam an. »Wie geht es Ihnen?«, sagte sie in sauberem Englisch. Anna las den Namen Simmons auf ihrem Namenschild.
   »Gut, danke.« Annas Mund war völlig ausgetrocknet. Miss Simmons hielt ihr einen Becher mit Wasser und einem Strohhalm darin hin. Anna trank einen Schluck. Offenbar konnte die Schwester Gedanken lesen. »Der Mann im Aufzug, wissen Sie, was mit ihm geschehen ist?« Sie musste sich anstrengen, die richtigen Worte zu finden.
   Miss Simmons beugte sich über sie und sah ihr skeptisch in die Augen. »Sind Sie wirklich in Ordnung?«
   »Ja. Ich bin in Ordnung. Was ist mit ihm passiert?«
   Die Schwester nahm wieder Abstand. Anna sah das kleine goldene Kreuz im Ausschnitt ihrer Tracht aufblitzen, das sie an einer Kette um den Hals trug. Es glich dem von Robert Palmer.
   »Es geht ihm gut. Sie haben ihn gerettet.« Bei diesen Worten strahlte die Frau über das ganze Gesicht.
   »Gott sei Dank.« Anna seufzte erleichtert.
   »Wissen Sie, wer er ist?«
   Anna schüttelte den Kopf, um festzustellen, dass es eine blöde Idee gewesen war. Alles um sie herum begann sich zu drehen. »Er ist ein katholischer Priester?«
   »Jesus Christ«, stöhnte Schwester Simmons sichtlich aufgeregt. »Sie haben keine Ahnung?«
   Anna unterließ es, wieder den Kopf zu schütteln, und beschränkte sich auf einen fragenden Gesichtsausdruck.
   »Der Himmel hat Sie geschickt. Sie haben das Leben von Archbishop John Jacob Meyer geschützt. Er ist der Chairman der Bishops Conference der United States. Wir stehen alle in Ihrer Schuld für das, was Sie getan haben. Nein, wir lieben Sie dafür.«
   Der Schwindel kehrte nun auch ohne Bewegungen zurück. In ihren Ohren begann es zu summen. Die englischen Worte Archbishop, Chairman und Bishops Conference hallten in ihrem Kopf nach und wollten keinen Sinn ergeben.
   »Miss, geht es Ihnen gut? Sie sehen erschrocken aus?«
   »Bitte sagen Sie mir ganz langsam, wer er ist.« Anna blinzelte angestrengt.
   Miss Simmons lächelte von einem Ohr zum anderen. »Er ist seine Exzellenz der Erzbischof von Washington John Jacob Meyer. Vorsitzender der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten von Amerika. Man könnte sagen: der mächtigste Mann der katholischen Kirche in den USA. Er ist ein guter und junger Erzbischof. Die Menschen mögen ihn mit seinen Ideen und Anregungen, die er in die katholische Kirche bringt.« Die Schwester schwärmte wie ein Teenager für einen Popstar.
   Anna war sich endgültig sicher, dass sie sich nicht verhört hatte. Deshalb hatten ihn die Leute so angesehen. Sie kannten ihn, während Anna keine Ahnung gehabt hatte, wer da vor ihr saß. Es kam ihr vor wie ein übler Streich, den er ihr gespielt hatte. Jetzt erinnerte sie sich, dass sie seinen Namen an der Tür vor dem Konferenzzimmer gelesen hatte. Sie hatte ja nicht geahnt, dass jemand wie er so normal herumlief. Irgendwie hatte sie sich einen Erzbischof anders vorgestellt: älter, verbohrter, unattraktiver. Okay, verbohrt war er wohl, sonst wären sie kaum so aneinandergeraten. Wenn sie es genau nahm, war sie es, die sauer geworden war. Er hatte nur versucht, seinen Standpunkt zu verteidigen und sich sichtlich ernsthafte Sorgen um sie gemacht. Aber über sein Spielchen war sie sauer. Durfte ein Erzbischof so etwas tun? Mit Sicherheit nicht.
   »Gott segne Sie, Anna Gärtner«, sagte die Krankenschwester, ging zur Tür, und noch bevor sie ganz verschwunden war, kam jemand Neues herein. Wieder eine Frau, dieses Mal ein wenig untersetzt und mit kurzen grauen Haaren.
   »Guten Morgen, Miss Gärtner. Mein Name ist Samantha Goldstein. Ich bin Ihre Ärztin. Draußen steht ein Policeofficer, der Sie sprechen möchte. Fühlen Sie sich dazu in der Lage?«
   »Er soll hereinkommen.« Anna entfuhr ein Seufzer. Sicher würde sie befragt. Da hätte sie auch selbst drauf kommen können.
   Die Ärztin verließ den Raum wieder. Kurz darauf trat ein hagerer Mann in Uniform und ernstem Gesicht neben ihr Bett. Ohne einen Ton zu sagen, ließ er sich auf den Stuhl fallen.
   »Mein Name ist Officer Miller. Ich habe einige Fragen an Sie bezüglich des Vorfalles im Four Seasons.« Er sah Anna nicht an und klang unhöflich und genervt.
   Es kostete Anna viel Mühe, sein englisches Genuschel überhaupt zu verstehen. »Bitte.«
   »Ihr Name?«
   Sie begann, sich über sein unhöfliches Gebrumme zu ärgern. »Anna Gärtner.«
   Officer Miller schmierte recht widerwillig auf seinem Schreibblock herum. »Adresse?«
   »Mönchsstraße 17, 56459 Höhn, Deutschland.«
   Er verdrehte die Augen. Sicher war er entzückt von dem Wort Straße, genauso wie von dem Ä in Gärtner, dicht gefolgt von den Mönchen in Höhn. Er konnte es nämlich nicht schreiben.
   »Geburtsdatum?«
   »01.07.1976.«
   »Ich brauche Ihren Pass.«
   »Den habe ich leider nicht hier. Er war in meiner Tasche, während des Vorfalls. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wo er ist. Tut mir leid.«
   Er sah sie finster an. »Warum sind Sie ohne Pass hier? Das ist gegen das Gesetz«, sagte er angesäuert.
   »Oh, das ist einfach: Weil jemand versucht hat, mich zu erschießen«, antwortete sie in gereiztem Ton.
   »Miss Gärtner, ich sage Ihnen eines: Sie befinden sich nicht in der Position, zynisch zu werden. Sie gehören zu den Verdächtigen.« Er sah sie ermahnend an.
   Anna stand kurz vor der Explosion. Prima, sie hatte Officer Oberarsch erwischt. Es würde sicher noch nett werden.
   »Was haben Sie gestern Morgen im Four Seasons Hotel gemacht?«
   Sie musste sich konzentrieren, um die richtigen Worte für Officer Oberarsch zu finden. »Ich bin dort vorgestern eingecheckt. Ich habe die Nacht in meinem Zimmer verbracht und gestern Morgen hatte ich um 8:30 Uhr einen Termin mit Robert Palmer in der Lobby. Ich hatte mich verlaufen und bin zu den Toiletten gegangen. Als ich wieder herauskam, sah ich den Mann auf dem Flur mit der Pistole.«
   Officer Oberarsch grinste süffisant. »Sie haben eine Menge Beruhigungsmittel bekommen, nicht wahr?«
   »Was haben Sie für ein Problem, Mister Miller?« Mit ihrer Geduld am Ende, wurden Annas Worte immer lauter.
   »Ich bin mir sicher, dass Sie keinen Termin mit Robert Palmer hatten. Das ist unmöglich.« Nachdem er die Augen gerollt hatte, sah er sie mit einem süffisanten Lächeln an.
   »Warum nicht?« Sie wunderte sich über seine Bemerkung und die Selbstsicherheit, mit der er den Termin verneinte.
   »Was könnte Robert Palmer von Ihnen wollen? Er ist der mäch…« Officer Oberarsch, der während des Sprechens wieder ein freches Grinsen auf den Lippen gehabt hatte, verstummte augenblicklich, als die Tür aufgerissen wurde.
   Robert Palmer stand mit finsterer Miene darin und seine blauen Augen blitzten den Officer erbost an. »Was verflucht noch mal machen Sie hier?«
   Miller stand auf. »Ich mache meine Arbeit.« Trotzig sah er zu Robert.
   »Die Polizei hat von mir alle Informationen erhalten, die sie in dieser Sache benötigt. Verlassen Sie unverzüglich diesen Raum.« Roberts Ton war so bestimmt, dass er Anna zusammenzucken ließ.
   Sie wartete darauf, dass der Officer ihn zurechtweisen würde, aber er ging, ohne eine Miene zu verziehen, an ihm vorüber und verschwand an der Tür hinaus.
   Robert begann, Anna anzustrahlen. »Wie geht es Ihnen?«
   Erst in diesem Augenblick bemerkte Anna den Strauß Rosen in seiner Hand. Ziemlich langstielig, ziemlich rot, ziemlich viele und ziemlich unpassend.
   Robert hob den Strauß in die Höhe. »Die sind für Sie, mein Goldkind.« Mit einem Grinsen legte er die Blumen auf die Fensterbank. Elegant glitt er auf den Stuhl, packte eine Tasche auf ihr Bett und ergriff Annas Hand.
   »Mister Palmer, es macht fast den Anschein, Sie freuen sich darüber, dass ich hier liege?« Sie blinzelte ihn irritiert an, genoss aber gleichzeitig das Gefühl von menschlicher Wärme, das seine Hand ihr schenkte.
   »Na ja, ein bisschen genial ist es schon. Sie fangen sich zwei Kugeln für den Erzbischof von Washington ein. Was glauben Sie? Ihr Name ist in aller Munde und Ihr Buch auch. Jeder wird es lesen wollen. Das wird den Preis für den Verlag gewaltig in die Höhe treiben. Sie haben uns in eine unglaubliche Verhandlungsposition versetzt mit Ihrer Heldentat. Die Reporter stehen sich die Füße platt, um Sie zu sehen.«
   Anna musste schlucken. »Wird es denn noch einen Termin mit dem Verlag geben?«
   Roberts Gesicht wurde sehr ernst. »Es wird kein Problem sein, noch mal einen neuen Termin anzuberaumen. Wenn Sie wieder auf den Beinen sind, sehen wir weiter.«
   Sie war geneigt zu denken, es ginge ihm nur um sein Geschäft. In seinem Gesicht aber erkannte sie in diesem Moment, dass er nicht der eiskalte Geschäftsmann war, der er vorgab zu sein. Sie schloss die Finger ihrer Hand fester um seine. Die Schmerzen an ihrem rechten Bein und an ihrer rechten Taille wurden zunehmend stärker. »Seit ich die Augen geöffnet habe, geht es hier zu wie im Taubenschlag. Wissen Sie, wie es um mich steht? Verrückt, ich habe die Ärztin nicht danach gefragt.«
   »Wollen Sie die ganze Wahrheit?« Er räusperte sich. Sein Blick streifte kurz ihre sich haltenden Hände.
   »Natürlich.«
   »Der Erzbischof hat noch aus dem Fahrstuhl heraus den Notarzt angefordert. Der Krankenwagen war schnell da. Sie hatten das Bewusstsein verloren. Der Attentäter hat sich umgebracht, nachdem sich die Fahrstuhltür hinter Ihnen und dem Erzbischof geschlossen hatte. Keiner weiß, wer ihn geschickt hat. Er hat Sie mit einem Schuss an Ihrem rechten Oberschenkel gestreift und mit einer Kugel in Ihre rechte Seite getroffen. Sie hatten wahnsinniges Glück, dass die Kugel nichts Wichtiges verletzt hat, aber Sie haben stark geblutet. Als Sie hier eingeliefert wurden, ist Ihr Herz stehen geblieben. Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet, aber Sie haben es geschafft. Lassen Sie sich nicht stressen. Weder von mir noch von sonst jemandem.« Er sprach gefühlvoll. Seine blauen Augen sahen sie bewundernd an.
   »Ich muss, so schnell es geht, zurück nach Deutschland.«
   »Sie müssen sich nicht hetzen. Wenn Sie nicht mehr in dieses Hotel wollen, seien Sie mein Gast. Erholen Sie sich erst richtig. Bitte.«
   Anna schaute aus dem Fenster, um ihn nicht ansehen zu müssen. »Sie haben doch von dem Anschlag auf die Bahn in Zürich gehört?«
   »Ja.«
   Anna drückte seine Hand noch fester. »Mister Palmer, mein Lebensgefährte war dort unten. Ich, ich … Es hat hiermit nicht viel zu tun, aber ich weiß nicht, ob ich …« Tränen liefen ihr über das Gesicht.
   Robert setzte sich zu ihr aufs Bett und legte die Arme um sie. Anna schmiegte den Kopf an die Schulter des ihr noch immer fremden Mannes und weinte. Es war zu viel für ihren Verstand und zu viel für ihre Gefühle. Er strich ihr sanft über den Rücken, bis sie ruhiger wurde.
   »Ich werde Ihnen helfen, egal was es ist. Sie müssen mich nur danach fragen. Im Selbstdaraufkommen bin ich manchmal nicht so gut.«
   Anna war nicht in der Lage, ihm zu antworten. Behutsam hob sie den Kopf an, ihre Stirn lag an seiner Wange. Sie roch das teure Aftershave trotz ihrer verheulten Nase. Seine Haut fühlte sich so glatt an, als wäre dort noch nie ein Haar gewachsen. Er wirkte so makellos in seinem blütenweißen maßgeschneiderten Hemd mit seinem professionellen Auftreten, dass sie diese Geste nicht von ihm erwartet hatte. Es spendete Trost, sich an diesen vollkommenen Menschen aus einer perfekten Welt zu lehnen.
   »Bleiben Sie doch einfach noch eine Weile so bei mir«, flüsterte sie und legte die Hand, die nicht an der Infusion hing, auf Roberts Rücken.
   »Das ist das Geringste. Ich weiß, wie es Ihnen geht. Ich habe auch jemanden verloren, der eine große Lücke hinterließ«, sagte Robert verständnisvoll.
   »Schließt sie sich wieder?« Sie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken.
   »Nein, niemals. Sie bleibt. Aber wir wachsen daran. Es hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Und das ist ganz ordentlich, wie ich meine, oder was sagen Sie?«
   Anna setzte sich zurück, Robert ließ sie los und sie musterte ihn. »Ganz ordentlich.« Mühsam rang sie sich ein Lächeln ab und lehnte sich zurück auf ihr Kissen. »Lassen Sie mich darüber nachdenken, was ich machen werde. Ich bin mir nicht sicher. Davonlaufen ist nicht meine Art, aber gerade ist mir danach.«
   Robert hielt wieder ihre Hand und beobachtete sie. »Denken Sie darüber nach. Zu welchem Ergebnis Sie auch kommen, Sie haben meine Unterstützung.«
   »Jonas hätte nicht gewollt, dass ich seinetwegen aufgebe, aber ich weiß nicht, ob ich durchhalten kann.«
   »Sie geben nicht auf. Sie verschieben es allenfalls. Was macht das schon?« Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen sah er sie an.
   Sein Charme stellte in Anna alles auf den Kopf. Erschöpft schloss sie die Augen, um sich von seiner Ausstrahlung zu erholen.
   »Leider gibt es da noch etwas, das ich nicht gänzlich von Ihnen fernhalten kann.« Er hörte sich so bedrückt an, dass Anna die Augen wieder öffnete.
   »Der Erzbischof?«
   »Den auch nicht. Der wird sich mit Sicherheit blicken lassen, aber ich meinte die etlichen Reporter, die Ihnen auflauern, um ein Interview zu bekommen.«
   »So etwas kann ich nicht.«
   »Ich habe einen Vorschlag für Sie. Geben Sie morgen einem Reporter von RIP Media ein Exklusivinterview. Der Sender wird dafür zahlen, dass Sie nur mit ihm sprechen und er wird dafür sorgen, dass sich die anderen Reporter von Ihnen fernhalten.«
   »Ich weiß nicht. Am liebsten würde ich ganz darauf verzichten.« Anna seufzte.
   »Das wird nicht gehen. Die Welt will wissen, wer Sie sind. Damit müssen Sie rechnen, wenn Sie sich zwischen einen Attentäter und einen Erzbischof stellen.« Er versuchte zu scherzen, wirkte jedoch wenig überzeugend mit seiner besorgten Miene.
   »Da möchte man helfen und dann so etwas.«
   »Wenn Sie zustimmen, werde ich dafür sorgen, dass das Interview auf Deutsch ist, und ich werde anwesend sein. Ihnen kann nichts passieren. Versprochen.«
   Anna musterte ihn. »Ich habe nicht mal eine Ahnung, warum Sie das für mich machen. Aber ich bin sehr dankbar dafür. Kommt irgendwann die große Rechnung?«
   Robert schüttelte den Kopf. »Es gibt Dinge, die wir niemals in Geld aufwiegen sollten.«
   »Dann machen wir es so. Bringen Sie mir morgen diesen Reporter. Wenn dann der Spuk vorbei ist, kann ich damit Leben.«
   Er stand auf und löste bedächtig seine Finger aus ihrer Hand. »Kann ich Sie allein lassen? Ich werde Ihnen meinen Laptop schicken, dann haben Sie ein bisschen Ablenkung.«
   »Dieses monströse Hightechgerät? Werde ich in ein größeres Zimmer verlegt?«
   Er nickte zufrieden nach Annas Scherz. »Er wird gleich hier sein.«
   »Wer? Der Erzbischof?«
   »Nein, der Laptop. Und kommen Sie nicht auf die Idee, davonzulaufen. Sie werden von dem netten Officer bewacht.«
   Er deutete grinsend zur Tür, beugte sich nach vorn und küsste Anna auf die Stirn. Wieder sah sie das kleine goldene Kreuz um seinen Hals und genoss den Duft, der ihn umgab. Er wirkte, als habe er gerade erst geduscht. »Mögen Sie diesen John Meyer?«
   Robert ging in Richtung Ausgang und blickte sich zu ihr um. »Er ist ganz in Ordnung. Sagen wir für einen Erzbischof. Bis morgen.«
   »Was ist in der Tasche?«, fragte sie noch schnell.
   »Ihr Pass und Ihr Mobiltelefon liegen drin. Und Exemplare von Ihrem Buch. Vielleicht haben Sie ja Muße, für mich den nächsten Band zu schreiben? Denken Sie daran, ich wünsche mir ein Happy End.« Mit einem charmanten Lächeln war er zur Tür hinaus verschwunden.

Robert Palmer war noch nicht lange gegangen, als sich die Tür öffnete. Sie sah in das Angesicht des vermeintlichen Pater Ralphs, machte ein böses Gesicht und ersparte sich eine Begrüßung. Sie war wütend auf diesen Mann, egal, wer er war und was geschehen war.
   »Wieso haben Sie mit keinem Wort erwähnt, wer sie sind?«, fuhr sie ihn an, noch bevor er neben ihr Bett getreten war.
   In seinen Händen hielt er einen Bund weißer Lilien. Er legte ihn wortlos auf der Fensterbank ab und schaute auf den opulenten Strauß roter Rosen. Ihrem Blick ausweichend, drehte er sich zu ihr herum. »Sie hätten sich anders verhalten, wenn ich es gesagt hätte. Das tun alle Menschen. Abgesehen davon haben Sie mir auch nicht erzählt, wer Sie sind.« Seine Gegenwehr war schwach für einen Mann seines Standes.
   »Wer bin ich schon? Ich habe lediglich ein Buch geschrieben. Das haben andere auch. Damit gehe ich nicht hausieren.« Anna schlug seine Argumentation mit einer abwehrenden Handbewegung in den Wind.
   »Sie haben ein Buch geschrieben, das den christlichen Glauben unterwandert.« Der Erzbischof musterte sie ernst.
   »Oh, Sie haben sich also informiert? Aber nicht richtig! Ich habe nichts unterwandert. Der christliche Glaube existiert lediglich nicht in der Welt, die ich in meinem Buch geschaffen habe. Ich habe ihn einfach nur weggelassen.« Anna kniff erbost die Augen zusammen, bereit, ihm die Stirn zu bieten.
   »Das scheint eine Spezialität von Ihnen zu sein, die Wahrheit zu verändern – durch Weglassen.«
   Sie zog sich mit der Hand an dem Griff über ihrem Bett auf und versuchte, die Schmerzen, die es verursachte, zu ignorieren. »Ich denke, Sie verwechseln da etwas, Pater Ralph.« Verärgert, dass er sich nochmals auf seinen Schwindel hinweisen ließ und nicht darauf einging, biss sie sich auf die Unterlippe. Jetzt sah er betroffen aus, was ihr Genugtuung verschaffte.
   »Wie geht es Ihnen?«, fragte er.
   Sie deutete auf die weißen Lilien. »Offenbar hatte ich viel Glück. Den Blumen nach zu urteilen, waren Sie schon auf mein Ableben vorbereitet.«
   Sein Blick glitt zu den Lilien. »Erklären Sie mir, warum Sie bereit waren, Ihr Leben für mich zu geben, wenn Sie so verachten, was und wer ich bin.« Nachdem er den Stuhl neben Annas Bett ein paar Zentimeter zurückgeschoben hatte, setzte er sich. Sie sah ihn wieder erbost an.
   »Ich wusste nicht, wer Sie sind. Hatten wir das nicht gerade festgestellt?«
   »Ein bisschen wussten Sie schon. Hätte die ganze Wahrheit etwas an ihrem Handeln geändert?«
   Anna schüttelte den Kopf und hielt seinem Blick stand. »Nein, es hätte nichts an dem geändert, was ich getan habe.«
   »Also warum?«
   »Können Sie nicht einfach Danke sagen und dann ist es gut?«
   »Danke«, sagte er leise. Im Anschluss setzte er sich gerade hin. »Und jetzt will ich wissen, warum?«
   Anna verdrehte die Augen. »Sie sind eine unglaubliche Nervensäge.«
   »Und?« Seiner Intonation nach war er entschlossen, die Antwort zu erfahren.
   »Glauben Sie, irgendjemand in diesem Krankenhaus hätte den Mumm, Sie auf meine Bitte hin aus meinem Zimmer zu entfernen?« Sie stöhnte genervt.
   »Wohl kaum. Es ist ein katholisches Krankenhaus. Eher werfen die Sie raus.« Der Erzbischof zuckte mit den Schultern.
   Anna lehnte sich wieder in ihrem Bett zurück und ignorierte sein zögerliches Lächeln. »Da ist dieser Kerl mit der Waffe und zielt auf den Aufzug. Also bin ich losgerannt. Völlig egal, wer darin war. Ich akzeptiere nicht, wenn man einfach so jemanden erschießt, während ich danebenstehe. Als ich Sie erkannt habe, hatte ich mir die erste Kugel schon eingefangen.«
   »Was, wenn Sie gewusst hätten, dass ich darin bin?«, fragte er wieder.
   Anna schnappte nach Luft. »Haben Sie etwas abbekommen, Euer Exzellenz? Ich denke, Sie sind hart auf den Kopf gefallen. Was wollen Sie denn noch hören?«
   Erschrocken über ihren Tonfall sah er sie an und schüttelte mit dem Kopf. »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Entschuldigung, vergessen Sie es einfach.«
   »Wissen Sie was? Lesen Sie mein Buch. Vielleicht verstehen Sie danach, warum ich es getan habe.«
   »Solche Bücher lese ich nicht, sie sind ketzerisch. Sie verführen die Menschen, vom wahren Glauben abzukommen«, sagte er und klang dabei sachlich und ruhig.
   »Es steckt viel Gutes in meinem Buch, davon bin ich überzeugt. Wer will, kann darin Mut und Ethik finden. Vielleicht sollten Sie es lesen, bevor Sie es verteufeln.« Sie griff in die Tasche, die ihr Robert mitgebracht hatte, und zog die deutsche Ausgabe ihres Buches heraus. Dann reckte sie sich nach einem Kugelschreiber auf ihrem Nachttisch und schlug die erste Seite auf. Sie schrieb hinein:

Seiner Exzellenz dem hochwürdigsten Herrn Erzbischof John Jacob Meyer,
   möge er die Größe haben, die Zeit zu finden, das Buch seiner Lebensretterin zu lesen, auch wenn es nicht seiner Weltanschauung entspricht. So etwas erweitert den Horizont ungemein.
   Ich wünsche Ihnen, dass Sie unter den Menschen, die Sie umgeben, ein paar Freunde finden wie die Kameraden in diesem Buch, die bereit sind, bedingungslos einzutreten für ihren Glauben, für ihre Freunde oder aber auch für einen Fremden.
   Vielleicht können Sie dann verstehen, wieso ich nicht anders handeln konnte, als ich es getan habe.

Hochachtungsvoll
   Anna Gärtner
   Washington, D.C., den 03.06.2014

P.S.: Sollten Sie noch Fragen haben, denken Sie darüber nach.

Anna schlug das Buch zu und drückte es ihm in die Hand. Er nahm es entgegen und klappte es sofort wieder auf, um die Widmung zu lesen. Mit reserviertem Blick faltete er es zusammen. »Danke.«
   Anna beobachtete ihn angespannt.
   »Sind Sie auch in diesem Buch? Ich meine, identifizieren Sie sich mit einer Ihrer Figuren?«, fragte er und musterte sie aufmerksam.
   »Finden Sie es heraus.«
   Der Erzbischof holte tief Luft und wollte etwas sagen, als ein Arzt hereintrat und etwas nuschelte.
   »Ich habe kein Wort verstanden, bei diesem Slang.« Anna stöhnte.
   »Es gibt Probleme wegen der Krankenversicherung«, erklärte der Erzbischof. Sie sank im Bett zurück.
   »Das sind die Dinge, die die Welt bewegen, klar. Das hat Jonas immer übernommen. Verdammter Mist, ich habe keine Ahnung von diesen Dingen und jetzt bin ich auch noch im Ausland.«
   Der Erzbischof stand auf. »Ich verstehe nicht, was das soll. Sie haben mir das Leben gerettet. Ich kümmere mich darum, versprochen.«
   »Was das soll? Willkommen im wahren Leben, Euer Exzellenz. Hier zählt nur Bares, sonst können Sie im Straßengraben dahinsiechen und keinen interessiert es. So sieht es aus.«
   Der Arzt sah sie erwartungsvoll an.
   »Ich werde mich darum kümmern«, sagte der Erzbischof an den Mediziner gewandt, was diesem offensichtlich genügte, denn er lief wieder hinaus. Seine Exzellenz ging nicht auf Annas Bemerkung ein und setzte sich noch einmal, den Stuhl ignorierend, auf das Bett. Er nahm ihre Hand zwischen seine Hände. »Anna Gärtner, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für das, was Sie für mich getan haben. Ich werde das mit dem Krankenhausaufenthalt klären. Sollte ich noch Fragen haben, suche ich Sie noch einmal auf. Wenn Sie noch etwas brauchen, lassen Sie es mich wissen. Bitte.«
   Anna schwieg und sah ihn müde an.
   »Leider habe ich einen eng gesteckten Zeitplan und muss gehen. Kann ich Sie noch einmal im Hotel aufsuchen? Wie lange sind Sie noch hier?« Er hielt weiter ihre Hand zwischen seinen Händen.
   »In ein paar Tagen werde ich entlassen, dann bin ich wieder im Hotel. Der Verlag wird den Termin neu anberaumen, aber ich denke, in spätestens einer Woche werde ich abreisen. Ich habe eine Beerdigung zu organisieren«, sagte Anna leise.
   »Wollen Sie mit mir darüber sprechen, Anna?«
   Sie starrte demonstrativ an die Decke. »Jetzt, da ich weiß, wer Sie sind, denke ich noch viel mehr, dass Sie der Letzte sind, mit dem ich darüber sprechen möchte.«
   »Vielleicht bin ich gerade deshalb der Richtige?«
   Anna starrte ihn kühl an. »Definitiv nein. Außerdem haben Sie gerade bemerkt, dass Sie unter Zeitdruck stehen.«
   »Ich würde mir die Zeit nehmen«, sagte er, stand auf und ließ ihre Hand los. »Auf Wiedersehen, Anna.« Er wandte sich ab und ging zur Tür.
   »Halt«, rief Anna. Nachdem er sich noch einmal umgedreht hatte, sah er sie erwartungsvoll an. Anna deutete zur Fensterbank. »Vergessen Sie Ihr Buch nicht.«
   Er nahm das Buch an sich. »Ich werde für Sie beten, Anna«, sagte er leise, seine Hand ging zum Türknauf.
   »Das hatte ich befürchtet.« Anna seufzte.
   Wortlos ging er hinaus. Sie starrte auf die geschlossene Tür. »Wer bist du, John Jacob Meyer? Was verbirgst du hinter der Fassade dieses Erzbischofs?« Sie schüttelte den Kopf, als die Tür erneut aufging. Der Schwindel kehrte zurück. Dieses Mal war es ein Bote, der ihr Robert Palmers Laptop überreichte. Sie öffnete ihn, gespannt, ob sie etwas über John Meyer herausfinden könnte. Es würde die Zeit vertreiben und sie von ihren düsteren Gedanken ablenken.
   Sie musste nicht lange in Glowgu suchen, bis sie in einem Artikel eines Reporters des Senders RIP ein paar Informationen fand.

John Jacob Meyer wurde am 24.03.1965 in den Vereinigten Staaten, Washington, D.C., geboren. Thomas Frank Meyer, ist der Zwillingsbruder von John Jacob Meyer. Als eineiige Zwillinge glichen sich die Brüder bis auf das letzte Haar. Ihre Wege konnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Während sich John Meyer für das Priesterseminar der katholischen Kirche entschied, wendete sich der zweite Sohn zum Leidwesen seiner Eltern von der Kirche ab und trat in die United States Army Special Forces Command (Airborne) ein. Was Thomas Frank Meyer von seinen Eltern völlig entfernte, schweißte ihn mit seinem Bruder weiter zusammen.
   1991 war Thomas Meyers Truppe an der Operation Desert Storm beteiligt. Als John Meyer, mittlerweile katholischer Priester, die Truppe seines Bruders vor Ort besuchte, wurde Thomas Meyer bei einem Angriff auf das Basislager getötet und John Meyer schwer verletzt.
   Während Johanna Meyer nach einem Überfall im Krankenhaus lag, wurde bei dem Terroranschlag am 11. September 2001 in New York City Theo Meyer getötet. Johanna Meyer erlag ihren schweren Verletzungen noch am selben Tag.
   Danach stieg John Meyer rasant in seinem Kirchenamt auf. Erzbischof John Meyer wurde im Jahr 2013 zum Vorsitzenden der US-amerikanischen Bischofskonferenz gewählt.
   Durch seine zunehmend unkonventionelle Art hat er innerhalb der eigenen Reihen immer wieder gegen die Konservativen seiner Zunft zu kämpfen.

Anna klappte den Laptop zu. Die Schmerzmittel machten sie müde. Was sie gelesen hatte, tat ihr leid. Er hatte seine ganze Familie verloren. War es da verwunderlich, dass er sonderbar war? Obwohl: Für das Priesteramt hatte er sich vorher entschieden und das allein war sonderbar genug.
   Gegen Schlaf und Schmerzen ankämpfend, versuchte sie, noch etwas über Robert Palmer herauszufinden, doch sie fand nur Informationen über den gleichnamigen Musiker und kapitulierte.
Kapitel 5
Erpressung

Anna bekam die Entlassungspapiere des Krankenhauses und fühlte sich körperlich prima, was hauptsächlich den Schmerzmitteln zu verdanken war. Die Gedanken an Jonas aber quälten sie. Den Erzbischof hatte sie nicht mehr zu Gesicht bekommen, doch Robert meldete sich mehrmals am Tag. Wenn er es nicht persönlich schaffte, schickte er E-Mails oder rief sie an. Er gab Anna ein großes Rätsel auf, denn er war ein viel beschäftigter Mann. Sie verstand nicht, warum er sich so sehr um sie bemühte. Versprach er sich so viel von ihrem Buch? Oder war es seine Art, ihr Offerten zu machen? Aber doch nicht so kurz nach dem Tod ihres Lebensgefährten. So unsensibel wirkte er nicht. Er war immer höflich und zurückhaltend. Sie beschloss, einfach froh darüber zu sein, dass er da war und sie dieser fremden Welt nicht mutterseelenallein ausgesetzt war. Ein paar Mal hatte sie mit Freunden in Deutschland telefoniert, die Berichte über sie im Fernsehen gesehen hatten. Ihre Mutter war unendlich besorgt. Das Telefonat mit Roland war ihr am schwersten Gefallen, doch sie hatte herausfinden müssen, was in Bezug auf Jonas zu tun war. Roland hatte berichtet, man habe Jonas’ Leiche gefunden und Anna war Stunden in einem Tal der Tränen versunken.

Anna kam frisch geduscht in einen Bademantel gehüllt aus dem kleinen Bad des Krankenzimmers und registrierte, dass sie nichts zum Anziehen hatte.
   Es klopfte an der Tür und Robert streckte den Kopf herein. »Darf ich?«
   Anna freute sich, ihn zu sehen. »Gern, ja.«
   Lächelnd schob er sich mit einer großen edel aussehenden Papiertüte durch die Tür und hielt ihr die Tüte vor die Nase. »Bitte, für Sie. Tun Sie mir den Gefallen und ziehen es an?«
   Anna setzte sich auf das Krankenbett und sah in die Tüte. Sie zog ein braunes Kleid aus feinem Stoff heraus und bemerkte, dass darunter noch mehr Dinge waren. »Können Sie hellsehen?« Erfreut schaute sie zu ihm auf.
   »Nein, leider nicht, aber ich kann eins und eins zusammenzählen. Hätte mir auch früher einfallen können. Entschuldigen Sie.« Er setzte sich verlegen ihrem Blick ausweichend auf den Stuhl. Robert machte wieder einen völlig makellosen Eindruck in seinem teuren anthrazitfarbenen Anzug, mit weißem Hemd und dunkelrotem Schlips darunter.
   »Zeitpunkt ist alles. Und jetzt war der richtige Zeitpunkt.« Anna schenkte ihm ein Lächeln, bevor sie mit der Tüte zurück ins Badezimmer ging. Sie schlüpfte in das Kleid. Es hatte einen V-Ausschnitt, war aus einem weichen, fließenden Stoff und reichte bis zu den Knien. Der dunkle Braunton ließ es elegant wirken. An den Armen fiel es nur andeutungsweise bis über die Schultern. Keine Frage: Robert Palmer hatte einen erlesenen Geschmack. Anna wollte nicht wissen, wie viel er für dieses Kleid bezahlt hatte.
   Sie griff in die Tüte und zog ein paar braunschwarze Schuhe mit halbhohem Absatz hervor. Sie wirkten, als hätte sie jemand zu diesem Kleid entworfen. Anna schlüpfte mit dem Fuß hinein und stellte fest, dass sie ihr genauso gut passten wie das Kleid. Auf dem Boden der Tüte entdeckte sie ihren Kulturbeutel mit ihrem Make-up darin. Dieser unverschämte Kerl hatte es irgendwie geschafft, in ihr Hotelzimmer zu gelangen. Sie war nicht wirklich böse darüber, sondern freute sich, ihre eigenen Sachen dazuhaben.
   Als sie fertig aus dem Badezimmer trat, hatte Robert alles von ihr zusammengepackt und sich die Laptoptasche umgehängt. Die restlichen Sachen standen in einer Tasche auf dem Bett. Er sah sie wohlwollend an.
   »Soll mal jemand sagen, ich hätte kein Augenmaß.«
   »Das haben Sie in der Tat.« Anna fühlte sich wohl in den Sachen, die er ihr mitgebracht hatte, obwohl sie aus einer anderen Welt als der ihren stammten.
   »Fühlen Sie sich fit genug, um mit mir Essen zu gehen?« Erwartungsvoll schaute er sie an.
   Sie zögerte. »Ich weiß, dass Sie einen engen Zeitplan haben und möchte Sie nicht aufhalten.«
   »Wenn ich keine Zeit hätte, würde ich nicht fragen. Außerdem ist es halb beruflich. Wir werden jemanden treffen bei dem Essen.«
   Das schreckte Anna ab. Sie biss sich auf die Unterlippe.
   »Bitte«, sagte er leise mit einem Blick, der einen Eisberg zum Schmelzen hätte bringen können.
   Sie kam nicht umhin, zu lächeln. Wie hätte sie ihm etwas abschlagen können, so wie er sie gerade ansah? Er kam zu ihr und bot ihr nach alter Schule den Arm an, sie hängte sich ein.
   »Leider gehen wir in das Bourbon Steak-Restaurant im Four Seasons.«
   Anna dachte mit Entsetzen an das Hotel, doch sie war kein Mensch, der sich gern von seinen Ängsten leiten ließ. Ihre Sachen waren noch dort und vermutlich war das Hotel nach diesem Vorfall einer der sichersten Orte rund um den Globus.
   Vor dem Krankenhaus stiegen sie auf die Rückbank eines schwarzen Lincoln Town Car. Es war herrlich warmes Wetter, und Anna genoss es, endlich das Krankenhaus verlassen zu können.
   Robert führte sie im Four Seasons auf eine große Terrasse, auf der unter einem ausladenden Sonnenschirm ein einzelner Tisch für vier Personen eingedeckt war. Anna sah die etlichen Gläser und Bestecke und nahm sich vor, Robert beim Essen genau zu beobachten, damit sie sich keinen Fauxpas erlauben würde. Immer noch an seinem Arm, lief er mit ihr zur Brüstung und sie blickten auf die Stadt hinunter.
   »Ich würde Ihnen gern am Wochenende ein bisschen von der Stadt zeigen, wenn Sie erlauben.«
   Anna seufzte kaum hörbar. Sie genoss die Anwesenheit dieses Mannes und genau das störte sie. »Ich sollte schnellstens abreisen.«
   Voller Verständnis sah er sie an. »Ich habe einen Flug für Sie gebucht, am Mittwoch, den 11. Juni. Sie wollen zunächst nach Zürich?«
   »Ja.« Annas Gedanken waren sofort bei Jonas und sie musste laut schlucken.
   »Am Dienstag könnten wir noch den Termin bei Dream around the world Publishing wahrnehmen. Denken Sie einfach ein wenig darüber nach. Ich werde Sie sicher nicht drängen.«
   Die Verandatür wurde geöffnet und ein großer, afroamerikanischer Mann mittleren Alters mit kurzem schwarzem Haar und dunkelblauem Anzug trat auf die Terrasse. Er war in Begleitung einer blonden, jungen Frau in einem schicken weißen Kleid. Dahinter folgten zwei Männer in dunklen Anzügen mit Knopf im Ohr, die sich an der Tür postierten.
   Robert nahm Anna bei der Hand. »Kommen Sie, ich stelle Sie vor.«
   Sie liefen der blonden Schönheit und dem düster blickenden Mann entgegen. Er nickte Robert zu.
   »Darf ich vorstellen? Das ist Anna Gärtner, die Frau, die das Leben von Erzbischof John Meyer gerettet hat. Anna, das sind Attorney General Walter Randolph und seine liebreizende Frau Caroline Randolph. Sie sind Freunde von mir.« Bei seinen Erklärungen hatte Robert einen recht eigenartigen Tonfall.
   Anna schüttelte ihnen die Hand, während sie sie freundlich anlächelten.
   »Wir stehen in Ihrer Schuld, Gott beschütze Sie.« Die Frau des Attorney General lächelte Anna an.
   In Anna stieg das Gefühl von Verunsicherung auf. Wie ein General sah der Mann nicht aus. Er trug keine Uniform. Anna stellte fest: Sie hatte mal wieder keine Ahnung, wen sie da vor sich hatte. »Ich konnte nicht anders handeln.«
   Sie gingen zum Tisch und Robert zog Anna den Stuhl zurück, damit sie sich setzen konnte.
   »Was kann ich für Sie tun, Robert?«, hörte Anna den Attorney General fragen. Unterdessen wurde sie von Caroline Randolph neugierig beäugt.
   »Das wissen Sie genau«, antwortete Robert.
   »Sie sind Autorin, nicht wahr?« Caroline ließ Anna nicht aus den Augen.
   Sie hätte gern Robert und dem General zugehört, aber sie wollte nicht unhöflich zu der jungen Frau sein. »Ja, das bin ich.«
   Caroline Randolph ergriff das in der Zwischenzeit von einem Kellner gefüllte Wasserglas. Anna betrachtete ihre langen, künstlichen Fingernägel, die rosafarben glänzten und das perfekte Make-up, das ihr Gesicht zierte.
   »Ich bin fasziniert von dem, was Sie machen. Ich hätte weder die Zeit noch die Fantasie dazu.« Sie seufzte und Anna erkannte das aufgesetzte Lächeln.
   »Was machen Sie?«, fragte sie sorglos.
   »Oh, ich bin die Frau des Attorney General. Ich muss bei allen Terminen immer perfekt repräsentieren und unsere Veranstaltungen planen.« Die Blondine stöhnte geradezu.
   Anna lächelte freundlich aufgesetzt zurück. »Das ist mit Sicherheit ein unglaublicher Stress.«
   »Sie würden es nicht glauben.« Wieder seufzte Caroline.
   Das Essen wurde serviert und Caroline pickte ein wenig darin herum. Man konnte es wirklich nicht als Essen bezeichnen, was sie tat. Anna beobachtete aus den Augenwinkeln heraus Robert, um keinen Formfehler zu machen.
   »Ich hätte nicht den Mut, mich zwischen eine Pistole und zwei Männer zu stellen.« Die Frau des Attorney General hatte ihr Mahl nach drei Bissen beendet und wandte sich wieder ganz Anna zu. Diese sah zu Robert, er machte ein zufriedenes Gesicht. Sie beobachtete auch den General ein wenig. Er wirkte angespannt. Robert hatte ihm gerade ein kleines Stück Papier gezeigt und es danach wieder in sein Sakko gesteckt.
   »In so einem Augenblick denken Sie nicht darüber nach.« Anna konzentrierte sich wieder auf Caroline.
   Die Blondine rückte ein wenig nach vorn. »Ich beneide Sie. Sie waren dem Erzbischof so nah. Ich habe es schon mehrere Male versucht, aber ich konnte nicht bis zu ihm vordringen. Er ist so ein charismatischer Mann. Die reine Verschwendung, wenn Sie mich fragen. Sie wissen, was ich meine. Sie sollten versuchen, ihn wiederzutreffen.« Sie schwärmte geradezu.
   Anna bemerkte Roberts prüfenden Blick auf sich. »Nein. Ich denke, ich werde ihn nicht wiedersehen. Er ist ein Mann der Kirche und sehr beschäftigt«, sagte sie angespannt.
   »Oh, ich habe eine wundervolle Idee. Lassen Sie uns doch zusammen zu the Whitsun Fair am Montag gehen«, schlug Caroline Randolph mit übertriebener Begeisterung vor.
   Anna sah ein wenig hilflos zu Robert.
   »Schöne Idee, Darling.« Zunächst erfreut warf der General Robert einen kritischen Blick zu.
   »Dann können Sie ihn wiedersehen«, freute sich Caroline Randolph.
   »Um was geht es hier?«, wollte Anna leise von Robert wissen.
   »Die Pfingstmesse am Montag in der Basilika der Unbefleckten Empfängnis.«
   Anna riss die Augen auf.
   »Es ist uns eine Ehre, kommen zu dürfen.«
   Caroline lächelte nach Roberts Zusage noch aufgesetzter.
   »Es tut mir leid, wir müssen gehen.« Gestresst sah der General zu seiner Frau und stand auf. Er nickte Anna zu, Caroline stand ebenfalls auf. Sie verschwanden, ohne eine weitere Verabschiedung.
   Anna sah Robert skeptisch an. Sie hätte schwören können, er amüsierte sich gerade über sie. »Ich werde nicht in eine Pfingstmesse gehen«, sagte sie ernst.
    »Sie wurden gerade vom Justizminister der Vereinigten Staaten von Amerika und seiner Frau dazu eingeladen. Wollen Sie das ablehnen? Das wäre unverzeihlich.« Er hatte einen schelmischen Ausdruck in den Augen.
   Anna legte den Kopf schief. »Wie bitte?«
   »Was denken Sie über die beiden?«
   »Wollen Sie eine ehrliche Meinung?«
   »Deshalb wollte ich Sie dabeihaben.«
   »Um es mit Jonas’ Worten zu sagen: Sie ist ein Zierfisch. Sie definiert sich nur über ihn. Ohne ihn ist sie nichts. Sie ist oberflächlich und naiv.«
   »Was ist mit ihm?« Seine blauen Augen beobachteten Anna aufmerksam.
   »Er ist nicht Ihr Freund. Er mag Sie nicht einmal. Ich weiß nicht, was Sie mit ihm besprochen haben, aber er fühlte sich unter Druck gesetzt. Ich denke nicht, dass er Sie gern noch einmal sehen will.«
   Mit einem selbstgerechten Lächeln lehnte sich Robert in seinem Stuhl zurück und nickte. »Gefällt mir, was Sie beobachtet haben.«
   »Was haben Sie mit ihm besprochen?« Anna wollte genau wissen, was Robert im Schilde führte.
   »Nun ja, ich habe ihn um einen Gefallen gebeten.«
   »Und?«
   Robert zog grinsend das Papier wieder aus seinem Sakko hervor und legte es vor Anna auf den Tisch. Es war ein Foto. Sie erkannte den Justizminister in einer Badehose auf einer Jacht, neben ihm eine afroamerikanische Schönheit, unbekleidet, um die er lässig den Arm gelegt hatte. Anna sah überrascht zu Robert auf.
   »Das ist nicht das beste Foto, aber ich wollte nicht zu weit gehen. Er weiß selbst, was danach passiert ist.« Anna zuzwinkernd steckte er das Bild wieder weg.
   »Sie haben ihn damit neben seiner Frau erpresst?«
   »Dafür waren Sie da. Sie haben sie abgelenkt und Ihre Sache gut gemacht.«
   Anna schwieg und blickte ihn forschend an.
   »Was denken Sie, Anna?«
   »Ich denke, Sie sind ein gefährlicher Mann, Robert Palmer.«
   Seine Gesichtszüge bekamen etwas Mystisches. »Nur, wenn ich von jemandem etwas möchte.«
   »Und was möchten Sie von mir?«
   Robert sah sie ernst an. »Ich möchte, dass Sie keine Angst vor mir haben, weil ich Ihnen niemals schaden könnte. Vertrauen Sie mir.«
   Anna fixierte seine Augen. »Das fällt schwer, wenn man die Dinge miterlebt, zu denen Sie augenscheinlich fähig sind.«
   »Dann geben Sie mir noch ein bisschen Zeit, mich zu bewähren. Lassen Sie mich Ihnen morgen und übermorgen die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen und am Montag gehen wir in die Messe.«
   »Ich gehe nicht in diese Messe.« Anna schüttelte den Kopf.
   »Wir werden sehen«, sagte Robert in verheißungsvollem Ton.
   »Wollen Sie mich auch erpressen?«
   »Haben Sie denn auch ein paar hübsche Leichen im Keller, Miss Gärtner?«, flüsterte Robert und kam dabei mit seinen Lippen nahe an ihr Ohr.
   »Keine, mit denen man mich erpressen könnte.« Anna drehte den Kopf zu ihm herum. Ihr Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt. »Wie sieht es in Ihrem Keller aus, Mister Palmer?«
   »Bungalow, ohne Keller. Was sollte ich mit einem Keller?« Er zwinkerte ihr zu.
Kapitel 6
Dumbarton Oaks

Anna versuchte noch lange, sich einen Reim auf Roberts Vorgehensweise zu machen. Sie verstand nicht, warum er sie an dem Gespräch mit dem Attorney General überhaupt hatte teilnehmen lassen. Er hätte das auch ohne sie bewerkstelligen können, da war sie sich sicher. Während ihres Krankenhausaufenthaltes hatte sie mehrmals versucht, mithilfe des Internets und der Suchmaschine Glowgu an Informationen über Robert zu gelangen, aber sie war erfolglos geblieben. Außer, dass sie sich nun sicher war, dass es sich bei ihm nicht um den millionenschweren Medienmogul und Playboy Robert Palmer handelte, der denselben Namen trug, wie der im Jahr 2003 verstorbene Musiker, dessen Suchergebnisse jedoch nahezu alles überlagerten und andere Funde unmöglich zu machen schienen. Einzig ein Foto des Medienmoguls hatte sie gesehen und es war völlig ausgeschlossen, dass dieser Mann und ihr Buchagent dieselbe Person waren.
   Am nächsten Morgen schlenderte sie in Jeans und T-Shirt in den Frühstücksraum des Four Seasons. Ihre Orientierungsschwierigkeiten in diesem Komplex schienen überwunden. Sie holte sich Kaffee und Orangensaft zu Eiern und Brot und setzte sich hinaus auf die Frühstücksterrasse. Ihre Verletzungen machten sich trotz der Schmerzmittel bemerkbar, aber sie versuchte, es zu ignorieren. Das Wetter war herrlich, doch ihr war nicht nach einer Sightseeingtour zumute. Sie wollte keine Menschenansammlungen vor zweifelhaften Kunstwerken sehen. Ein Pool oder ein Strand, menschenleer, wäre eher nach ihrem Geschmack gewesen. Aufgrund der Schusswunden fiel die Idee mit dem Pool aus. Sie lehnte den Kopf zurück, ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen und begann, sich Gedanken darüber zu machen, wie Jonas’ Beerdigung vonstattengehen würde.
   »Guten Morgen.«
   Anna sah auf. Robert hatte an ihrem Tisch Platz genommen und strahlte sie an wie das blühende Leben. Makellos wie immer, dieses Mal in ein enges weißes Poloshirt und eine schwarze Jeans gekleidet. Es ließ ihn noch jünger wirken als sonst. Er hatte einen Kaffee und begann, einige Würfel Zucker hineinzuwerfen.
   »Guten Morgen«, sagte Anna aus ihren Gedanken gerissen.
   »Bereit für Washington?«
   Sie schaute nachdenklich von der Terrasse auf die Häuser.
   »Ich hatte noch nicht mit Ihnen gerechnet. Im Augenblick ist mir eher nach ein bisschen Ruhe und nicht nach amerikanischem Patriotismus, was es wohl oder übel mit sich bringt, wenn wir das Weiße Haus, das Capitol oder das Washington Monument besuchen.«
   Robert sah sie besorgt an. »Geht es Ihnen gut? Möchten Sie noch einmal einen Arzt aufsuchen?«
   »Nein. Ich … weiß auch nicht.«
   »Jonas.«
   Anna nickte stumm.
   »Ich halte es ohnehin für ein Wunder, wie gelassen Sie bisher alles ertragen haben. Machen Sie sich keinen Stress. Wenn Sie bereit sind für eine kleine Reise heute, dann habe ich eine Idee. Ruhig und beschaulich, versprochen.«
   Sie sah sich um. »Wenn Sie mir versprechen, dass wir nicht wieder jemanden erpressen und ich aus diesem Hotel herauskomme, bin ich bereit, mir anzusehen, was Sie für ruhig und beschaulich halten.«
   Robert freute sich sichtlich. »Heute wird niemand erpresst. Heute nehme ich mir frei.«
   
   Der Lincoln Town Car hielt in Georgetown vor dem roten Gebäude von Dumbarton Oaks. Der Fahrer öffnete Anna die Tür, sie stieg aus und betrachtete das große Bauwerk. Es waren kaum Menschen zu sehen.
   »Was ist das?«
   Robert wartete, bis sie neben ihm stand. »Das ist Dumbarton Oaks, ein Landhaus des neunzehnten Jahrhunderts im Stil des Federal Style, der amerikanischen Variante des Klassizismus. Vollgestopft mit altem Kram, auch als Kunst bekannt. Ich dachte, wir sollten uns das unbedingt ansehen, und ich erzähle Ihnen, wer hier alles schon gewohnt hat.«
   Anna warf ihm einen angestrengten Blick zu.
   »Das Landhaus wurde im Jahr 1800 erbaut. 1920 wurde es von Robert Woods Bliss und seiner Frau Mildred Barnes Bliss erworben. Robert Woods Bliss war lange Zeit im diplomatischen Dienst der USA tätig. Seine Frau war eine bekannte Kunstsam…«
   »Noch ein Wort und ich …«, unterbrach ihn Anna. Sie verstummte, als sie seinen belustigten Gesichtsausdruck sah.
   »Vielleicht doch lieber die Washington National Cathedral?« Er grinste sie an.
   »Dann lieber der alte Kram von dieser Mildred Bliss.« Anna seufzte.
   Robert nahm sie bei der Hand und zog sie hinter sich her. »Kommen Sie. Das Haus ist von einer vier Hektar großen Gartenanlage umgeben. Lassen Sie uns ein bisschen spazieren gehen.«
   Endlich ließ er seine eigentliche Absicht ans Tageslicht kommen. Sie drehte sich noch einmal um. »Wieso folgt uns Ihr Fahrer wie ein Hündchen?«
   »Er kann bestimmt auch einen Spaziergang vertragen.«
   Sie besichtigten eine Reihe von Terrassen, die in einen Hügel hinter dem Haus gebaut waren. Während ihres Rundgangs begrenzte sich ihre Unterhaltung auf den aufwendig gestalteten Garten. Danach verweilten sie auf einer Bank im Rosengarten. »Das ist eine beeindruckende Anlage, Mister Palmer. Danke für diese Idee.« Anna setzte sich neben ihn auf die weiße Parkbank und bemerkte, wie erschöpft sie war. Es hatten nur wenige Leute ihren Weg gekreuzt und im Rosengarten waren sie gänzlich allein.
   »1944 war Dumbarton Oaks Schauplatz der internationalen Konferenz, die die Gründung der UNO vorbereitete.«
   Anna lauschte seinen Ausführungen und betrachtete die Rosen neben der Bank, dann sah sie Robert forschend an. »Wieso haben Sie das gestern während meiner Anwesenheit gemacht?«
   »Vielleicht wollte ich einfach wissen, wie Sie darauf reagieren.« Er lächelte sie an.
   »Und? Habe ich so reagiert, wie Sie es sich erhofft hatten?«
   »Im Grunde haben Sie überhaupt nicht reagiert, oder?« Enttäuschung klang in seiner Stimme.
   »Ich sitze mit Ihnen hier, ist das keine Reaktion?« Anna hielt seinem Blick stand. Nur allzu gern hätte sie herausgefunden, was unter diesem blonden Haarschopf tatsächlich vor sich ging.
   »Ich hatte vermutet, Sie würden unbedingt herausfinden wollen, was ich von ihm erpresst habe.«
   Anna zuckte mit den Schultern. »Was würde es mir nutzen?«
   »Stimmt auch wieder.«
   Der Duft der Rosen lag schwer in der Luft. Mit einem Mal war Anna erinnert an Die Dornenvögel und den sterbenden Ralph de Bricassard inmitten des Rosengartens. Sie dachte an den Erzbischof John Meyer und an seinen geplanten Vortrag über den Weltfrieden, daran erinnert, da Robert die UNO erwähnt hatte.
   »Über was grübeln Sie?«, brach Robert das Schweigen.
   »Den Erzbischof. Wieso schießt jemand auf einen Erzbischof?«
   »Wenn ich das wüsste.« Er seufzte.
   »Hatte es etwas mit dem Vortrag über den Weltfrieden zu tun, den er an diesem Vormittag halten wollte?«
   »Der Vortrag! Anna, wieso habe ich nicht an den Vortrag gedacht?«, rief er aus.
   Sie sah ihn verblüfft an. »Was haben Sie damit zu tun?«
   Robert versteifte sich in seiner Körperhaltung. »Nichts. Aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was der Auslöser eines solchen Anschlages gewesen sein könnte.«
   »Und nun ziehen Sie tatsächlich in Erwägung, eine Rede über den Weltfrieden sollte ihn das Leben kosten?« Anna schüttelte den Kopf.
   »Wer weiß, was er sagen wollte?«, verteidigte er seine Idee.
   »Da ist wohl die Frage angebrachter: Wer hat vorher gewusst, was er sagen wollte?«
   »Das ist sogar exakt die Frage, die sich stellt.« Er nickte.
   »Sicher wird die Polizei dem nachgehen«, sagte Anna zuversichtlich.
   »Die Polizei.« Robert stöhnte abwertend.
   »Wie gut kennen Sie den Erzbischof von Washington?« Sie beobachtete Robert, wie er in Gedanken kurz die Finger seiner rechten Hand auf das kleine Kreuz an seinem Hals legte. Sein Gesichtsausdruck wurde dabei sehr ernst.
   »Ein wenig«, murmelte er.
   »Heißt das, Sie haben ihn auch schon erpresst?«, sagte Anna in einem wertungsfreien Tonfall.
   »Das würde ich niemals wagen.«
   »Interessant.«
   »Wieso?« Robert sah verwundert zu ihr.
   »Sie legen sich mit dem Attorney General an, aber vor einem Erzbischof machen Sie Halt.«
   »Und was schließen Sie daraus?« Seine Stimme wurde ein wenig kratzig.
   Zum ersten Mal, seit Anna ihn kannte, hatte sie das Gefühl, dass ihm tatsächlich etwas unangenehm zu sein schien. Sie sah durch die Rosensträucher hindurch den Fahrer stehen und zuckte kaum merklich zusammen. Offenbar hatte er die ganze Zeit über dort gestanden, schien sich jedoch regelrecht unsichtbar machen zu können.
   »Ich bin mir noch nicht sicher.« Sie stand auf. »Kann man hier irgendwo einen Kaffee bekommen?«
   Bei Annas Frage kehrte ein Lächeln in sein Gesicht zurück. »Ich zeige Ihnen, wo man hier den besten Kaffee bekommt.« Sie liefen zurück zum Wagen.

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