Nach ihrer turbulenten Flucht versteckt Anna den Erzbischof John Meyer vor der Organisation ICARUS im weit abgelegenen Westerwald. Doch die weltweit vernetzte Gruppe bleibt ihnen auf den Fersen. In dieser ausweglosen Lage wendet sich Anna an Robert. Der vermeintliche Buchagent ist mit seinem Vermögen in korrupte, internationale Geschäfte verwickelt. Ambivalent in ihren Gefühlen, folgt sie ihrem Instinkt und unterstützt ihn im Kampf gegen die Tarnorganisation. Plötzlich taucht Roberts Name auf einer Liste der Geldgeber auf. Spielt er ein falsches Spiel? Trotz aller Vorbehalte, die Anna noch immer gegenüber dem Erzbischof hegt, kooperiert sie mit ihm, um den unsichtbaren Gegner aufzuspüren. Aber die Basis einer weltweiten Unterdrückung wurde längst geschaffen. Können Anna und John diese Entwicklung noch stoppen? Band 2 der „6:42 Uhr“-Dilogie

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ISBN: 978-9963-53-569-9

Seiten: 496

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Alva Furisto

Alva Furisto
© Foto Galerie Hofer
Alva Furisto wurde 1979 in Mainz geboren. Ihre Kindheit war geprägt von kleinen Abenteuerreisen, die sie mit ihrem Pony unternahm. Dabei erkundete sie im Umkreis von dreißig Kilometern ihres Wohnortes jeden Winkel und ließ ihrer Fantasie freien Lauf, welche Geschichten sich an den verborgenen Orten, die sie fand, abgespielt haben mochten. Wenn auch der Drang zur Kreativität sie nicht losließ, trat sie nach dem Abitur im Jahr 1999 in die Fachhochschule für Finanzen ein. Diese schloss sie mit dem Titel Diplomfinanzwirtin (FH) ab. Während sie sich in ihrem Beruf mit der Materie von Gesetzestexten und ihrer Subsumtion beschäftigte, begann sie 2005, wieder ihrer Leidenschaft für Geschichten zu frönen und arbeitete an ihrem ersten Roman. Eine berufliche Veränderung führte sie 2006 in den Westerwald. Dort lebt sie seither und veröffentlichte ihren Debütroman „6:42“ in den zwei Bänden: „Der PSI-Effekt“ und „Der Overview-Effekt“ im bookshouse Verlag. Derzeit überarbeitet sie einen Thriller und schreibt an einem Jugendroman und einer tragischen Komödie für Erwachsene.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Die letzte Ehre

Der Wasserkocher verbreitete lautes Rauschen durch die Küche und riss Anna aus ihren Gedanken. Die Sonne schien bereits hell, doch ein Blick auf die Uhr verriet, es war erst 6:42 Uhr. Kurz fiel ihr auf, dass diese Uhrzeit sie zu verfolgen schien, aber die Gewissheit, dass dieser Tag einer der schrecklichsten werden würde, den man sich vorstellen konnte, überlagerte ihre Gedanken wieder. Der Kocher klickte und ging aus.
   Anna schüttelte den Kopf. Wie falsch dieses sonnige Wetter für eine Beerdigung war. Es passte nicht zu Jonas und auch nicht zu den Gegebenheiten des Westerwaldes. Hier war es vorwiegend düster, windig und kalt. Sie goss das Wasser über das Kaffeepulver.
   Es klopfte. Um Haaresbreite wäre ihr der Kocher vor Schreck aus der Hand geglitten. Gerade so konnte sie ihn wieder ins Gleichgewicht bringen. Es klopfte erneut. Wer um alles in der Welt störte sie um diese Uhrzeit?
   Barbara und Susi wollten Anna gegen acht Uhr abholen. Außerdem wusste Barbara, wo der Ersatzschlüssel lag. Sie würde um diese Zeit nicht klopfen. Da Anna auch kein Auto hatte vorfahren hören, ging sie angespannt zur Tür und öffnete. Sie starrte John an, schüttelte verständnislos den Kopf und verkniff sich den Impuls, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Schweigend ging sie zurück in die Küche. Seine Anwesenheit ignorierend widmete sie sich weiter ihrem Kaffee. John folgte ihr und setzte sich an den Küchentisch. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, stellte sie eine Tasse vor ihm ab und begann, noch eine weitere für sich aufzubrühen.
   Den Kaffeebecher in der Hand lehnte sie sich gegen die Küchenzeile und fixierte seine grauen Augen. Lange konnte sie seinem fürsorglichen Blick nicht standhalten und musterte stattdessen sein Äußeres. Sein schwarzgraues Haar war gewachsen, seit sie es in Roanode Rapids kurz geschoren hatte, um ihn auf der Flucht zu tarnen. Die schmalen Lippen verliehen ihm auch heute einen ernsten Ausdruck.
   »Ich wollte nach Ihnen sehen.« John starrte zurück.
   »Da bin ich.« Aller Bemühungen zum Trotz gelang es ihr nicht, ein nervöses Blinzeln zu unterdrücken. Bei seinem Anblick spürte sie die langsam heilenden Verletzungen, an denen sich zwei Kugeln in ihre Haut gebohrt hatten. Die Geschosse waren für ihn bestimmt gewesen.
   Noch vor ein paar Tagen hätte sie es nicht für möglich gehalten, dass sie einem exkommunizierten Erzbischof zur Flucht verhelfen würde, um ihn in einem Unterschlupf in der Nähe ihres Hauses zu verstecken. Jetzt saß er in ihrer Küche. Noch viel unbegreiflicher war allerdings, dass sie heute ihren Lebensgefährten beerdigen musste.
   Bei dem Gedanken an Jonas schluckte Anna den sich in ihrem Hals bildenden Kloß hinunter.
   »Sie sollten nicht allein sein.«
   »Werde ich nicht. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich Freunde. Und die werden gleich hier sein.« Anna deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. »Deshalb ist das keine gute Idee.«
   »Ich würde Sie gern begleiten.« John trank seelenruhig einen Schluck seines Kaffees.
   »Darüber haben wir gesprochen. Angelockt von dem Erfolg meines Buches werden eine Menge Leute anwesend sein, und sie kennen Ihr Gesicht in diesem Zusammenhang aus den Medien. Die Presse wird auch da sein. Es geht einfach nicht.« Anna schüttelte den Kopf, verwundert über seine kindliche Starrsinnigkeit in dieser Sache.
   »Sie können die Grabrede nicht halten. Das ist zu viel, selbst für Sie.« Er musterte sie besorgt.
   »Aber Sie? Hab ich etwas nicht mitbekommen?«
   Jemand steckte den Schlüssel ins Türschloss. Aufgeschreckt stellte Anna den Becher zur Seite. Noch bevor sie reagieren konnte, wurde die Küchentür geöffnet und Barbara trat auf die Schwelle. Sie sah John am Küchentisch sitzen, blinzelte Anna verstört an und packte sie am Arm. Durch den Flur folgte Anna ihr ins Wohnzimmer und schloss die Tür.
   »Anna? Sag mal, ist das der, für den ich ihn halte?«
   Anna starrte Barbara an. Ihr blondes Haar saß wie immer tadellos, die Rente schien ihr gut zu bekommen, und auch wenn sie angesichts der Situation angegriffen wirkte, so strahlte sie dennoch Energie und Lebensfreude aus. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Anna einen Sinn dafür gehabt, sich für Barbara zu freuen.
   »Ich weiß nicht. Für wen hältst du ihn denn?« Bereits während sie die Worte aussprach, tat es ihr leid, dass sie Unwissenheit vorgaukelte. Das hatte Barbara nicht verdient. Anna lächelte ihre Freundin aufgesetzt an und erntete einen verächtlichen Blick. »Ach so. Nein. Wie kommst du darauf, dass du so jemanden bei mir antriffst? Das ist nur …« Anna kaute verlegen auf der Unterlippe und erkannte an Barbaras Miene, dass jede weitere Lüge an ihr abprallen würde.
   »Anna. Du kommst in Teufels Küche.« Barbara gestikulierte wild mit der Hand in Richtung Tür.
   Anna seufzte. »Der Teufel sitzt in deiner Küche, wäre die zutreffende Formulierung.«
   »Also, ich … Was soll ich jetzt … Ich finde das unheimlich«, stammelte Barbara.
   »Daran gewöhnt man sich.« Anna verzog das Gesicht zu einem Grinsen, um die Situation ins Lächerliche zu ziehen.
   Barbara taxierte sie ernst. »Was nun?«
   »Ich wollte dich da nicht mit hineinziehen, aber er … Sag kein Wort, zu niemandem. Wir gehen jetzt in die Küche und trinken einen Kaffee.«
   »Ehrlich?« Barbara blieb der Mund offen stehen.
   »Glaubst du, ich verzichte auf meinen Kaffee, nur weil er da sitzt? Das wäre unheimlich, oder?«
   »Ja, aber wieso sitzt er denn da?«
   Bei Barbaras Frage kniff Anna die Augen zusammen. Die so erzeugte Dunkelheit brachte leider auch keine Erkenntnisse, was sie tun sollte. Sie atmete tief durch und öffnete die Augen. »Ich kann mir gerade keine Situation vorstellen, die bizarrer sein könnte. Es ist fast komisch, aber doch nicht an so einem Tag, sonst würde ich glatt darüber lachen.«
   »Verzeih mir. Dein Leben war schon immer eigenartig, aber mir war nicht bewusst, wie weit du in der Lage bist, das noch zu steigern. Sag mal.«
   Anna zuckte hilflos mit den Schultern. »Es passiert eben. Ich weiß doch auch nicht.«
   »Wieso ist er hier? Man hat doch niemanden, gegen den ein Haftbefehl vorliegt und der weltweit gesucht wird, in seiner Küche sitzen?«
   »Weil, ach … Warum eigentlich? Wir wussten nicht wohin. Dann hier.« Wieder und wieder hatte sich Anna gefragt, wie die Vorkommnisse diesen Verlauf hatten nehmen können. Sie rieb sich angestrengt über die Stirn.
   »Wir? Wer ist wir?« Barbaras Blick durchbohrte sie geradezu.
   »Das ist kompliziert. Ich kann es nicht erklären, bevor ich nicht einen Kaffee getrunken habe. Sorry.« Anna öffnete die Tür, und Barbara folgte ihr in die Küche.
   Anna hatte gehofft, John wäre in der Zwischenzeit verschwunden. Er saß aber völlig unbeeindruckt von der Gefahr, entdeckt worden zu sein, auf seinem Stuhl und trank seinen Kaffee.
   »Darf ich vorstellen? John Meyer, das ist Barbara Ba…, Ba…, ist auch egal. Barbara. Möchte noch jemand etwas trinken?«
   John hielt ihr prompt seine Tasse hin. »Gern.«
   Ihn mit einem strafenden Blick ermahnend, nahm sie das Gefäß entgegen.
   »Sie sind also der Mann, dem Anna das Leben gerettet hat.« Barbara setzte sich ihm gegenüber.
   Anna kannte sie als eine Person, der es gelang, nahezu immer und überall friedfertig eine gepflegte Konversation zu betreiben. Zu ihrem Erstaunen jedoch klang Barbara gerade angriffslustig.
   »Ja.« John nickte.
   »Und jetzt sitzen Sie in Annas Küche?«
   »Jetzt sitze ich in Annas Küche.«
   »Dürfte ich wissen, warum?«
   Hilfe suchend schaute John zu Anna.
   Sie beobachtete die beiden aus den Augenwinkeln heraus und hantierte mit dem Wasserkocher. »Jetzt bin ich auch gespannt«, entfuhr es ihr.
   »Ich habe mir Sorgen gemacht«, sagte er.
   »Aber Ihnen ist bekannt, dass ein Haftbefehl gegen Sie vorliegt und sich Anna strafbar macht?«
   Anna stellte jeweils eine Tasse Kaffee vor ihren Gästen ab und setzte sich mit ihrer an den Tisch.
   »Anna will die Grabrede selbst halten.« John erntete für seine Bemerkung einen bösen Blick von Anna.
   »Wie bitte? Das kann unmöglich dein Ernst sein?« Barbara ließ sich entrüstet im Stuhl zurückfallen.
   »Ich war nicht das Thema. Ist mir etwas entgangen?« Anna trommelte mit ihren Fingern auf der Tischplatte.
   »Das kannst du unmöglich durchstehen.« Barbara schüttelte besorgt den Kopf.
   »Er wird wegen Unterschlagung, Betrug und Korruption innerhalb und außerhalb der Kirche gesucht.« Zu Barbara sehend deutete Anna vorwurfsvoll mit dem Finger auf John.
   »Sie sollte es nicht tun. Sie wird zusammenbrechen.« John ignorierte Anna.
   »Die Exkommunikation nicht zu vergessen.« Nach ihren Worten stieß Anna zischend Luft aus.
   »Das sehe ich genauso.« Barbara stimmte John zu und nickte.
   »Und der Autodiebstahl«, zählte Anna weiter auf. Irgendwie musste ihr doch gelingen, den Fokus wieder von sich auf John zu lenken?
   »Für so etwas gibt es Pfarrer«, sagte John an Barbara gerichtet.
   »Oder freie Prediger, wenn einem das nicht passt«, bestätigte Barbara.
   »Ganz zu schweigen von der illegalen Einreise nach Deutschland.« Anna erhob ihre Stimme.
   Barbara und John sahen sie erwartungsvoll an. Sie sprang auf. »Habt ihr euch gerade binnen Sekunden gegen mich verschworen?« Sie musterte die beiden verärgert.
   »Beruhigen Sie sich.« John klang friedfertig, was Anna nur noch mehr in Rage versetzte.
   »Könnte er nicht die Rede halten?«, fragte Barbara leise.
   »Wie soll das gehen? Hast du mir eben zugehört? Er würde in Handschellen vom Friedhof geführt.« Anna seufzte hilflos.
   »Ich würde es trotzdem tun.« Voller Mitgefühl sah John sie an.
   »Wieso hast du keinen Prediger engagiert?« Barbara neigte verwundert den Kopf.
   »Kein dahergelaufener, selbst ernannter Halbheiliger wird Jonas’ Grabrede halten. So etwas habe ich schon erlebt. Es war grauenvoll.« Angesäuert setzte sich Anna wieder. »Was ist eigentlich mit den Vorwürfen gegen ihn?«, versuchte sie Barbara vom Thema abzulenken.
   John atmete tief durch und presste die Lippen aufeinander.
   »So schlimm kann es nicht sein, sonst würdest du ihn nicht hier sitzen lassen.« Ihre Freundin deutete auf John.
   »Vielleicht zwingt er mich dazu.«
   »Anna, bitte«, sagte John empört.
   »Wohl kaum.« Seinem Blick ausweichend, starrte sie aus dem Fenster und erkannte einen schwarzen Skoda Yeti, der in ihre Einfahrt rollte. Zu ihrem Entsetzen erblickte sie hinter dem Zaun ein Presseauto. Instinktiv ergriff sie Johns Hand und registrierte Barbaras erstaunten Blick.
   »Sie müssen aus dieser Küche.«
   John stand auf und wandte sich in Richtung Haustür.
   »Nein, nicht da. Die Hyänen lauern bestimmt schon hinter der Hecke.« Da er zögerte, zog sie ihn an der Hand, und er folgte ihr über die braune Steintreppe bis ins Obergeschoss. Sie öffnete eine der beiden Türen.
   »Bitte gehen Sie hier hinein. Ich will nicht, dass etwas geschieht, was Sie gefährdet.«

*

John betrat das Zimmer und blickte sich fasziniert um. Ihm war, als hätte er beim Durchschreiten der Tür eine Zeitreise in die Siebzigerjahre gemacht. Alles passte: Tapete, Vorhang, Möbel. In der Mitte des Raumes hing eine bauchige orangefarbene Lampe herab. Eine Wand war komplett verdeckt von einem großen Regal mit unzähligen Büchern und gegenüber stand ein alter Plattenspieler. John sah Anna fragend an, die mit ihrem schwarzen Hosenanzug und ihrem heute glatt gezogenen und hochgesteckten, dunklen Haar wie ein Fremdkörper in dieser Umgebung wirkte.
   »Ein Spleen von Jonas.« Sie deutete auf die Bücher. »Lesen Sie etwas. Ich sage Ihnen Bescheid, wenn Sie ungesehen wieder hier hinauskönnen. Die Toilette ist den Flur entlang die kleine Treppe hinunter. Etwas zu trinken, ach so …«
   »Schon gut. Danke«, unterbrach John sie und griff sich ein Buch mit der Aufschrift: Stoßgebete.
   Anna riss es ihm aus der Hand und verzog das Gesicht. »Das ist definitiv nichts für Sie.« Nachdem sie das Buch an seinen Platz zurückgestellt hatte, ergriff sie eine Ausgabe ihres Buches und reichte sie ihm. »Waren Sie damit fertig?«
   »Nein.« Mit dem Buch in der Hand setzte er sich in den Sessel.
   »Dann haben Sie jetzt Gelegenheit.« An der Tür drehte sie sich noch einmal zu ihm um. »Ich weiß es zu schätzen, wirklich.«
   »Was?«
   »Dass Sie sich Sorgen machen. Aber mein Dickkopf …«

*

Barbara hatte Susi hereingelassen. Sie packten die nötigen Sachen zusammen und fuhren mit Susis Auto zum Friedhof. Die Presseleute belagerten bereits die Umgebung, doch bisher traute sich noch keiner von ihnen, näher zu kommen.
   In der kleinen Trauerhalle war der Sarg bereits aufgebahrt. Er glänzte schwarz, hatte ovale Ränder und trug die Aufschrift Skouman Opan I. Jonas hatten Annas schräge Einfälle immer gefallen.
   Barbara schaute skeptisch. Ihre Freundin hatte in diesen Dingen einen klassischen Geschmack, sie hätte jedoch nie gewagt, in einem solchen Augenblick etwas zu sagen. In Gedanken den Anlass des heutigen Tages mit aller Macht verdrängend, kramte Anna das Skript für die Grabrede aus ihrer Umhängetasche und legte es auf das Rednerpult. Susi und Barbara verteilten die Blumenarrangements aus Vergissmeinnicht und orangefarbenen Lilien im Raum. Anna legte eine CD in die Stereoanlage. Bei den ersten Takten atmete sie tief ein.
   »Ich gehe in den Nebenraum. Um zehn Uhr komme ich wieder.« Sie flüchtete in der Hoffnung, die Fassung nicht zu verlieren. Anna hatte all jenen, auf deren Anwesenheit sie Wert legte, Bescheid gegeben, rechtzeitig da zu sein, um die begrenzte Anzahl von Stühlen in der kleinen Trauerhalle zu besetzen. Sie wollte den Raum gefüllt wissen mit Personen, denen Jonas tatsächlich etwas bedeutet hatte. Der Rest musste mit Stehplätzen, vor der zu beiden Seiten geöffneten Flügeltür, vorlieb nehmen.
   Sie legte sich die Stonehenge-Kette um den Hals, ein Geschenk von Jonas, und atmete durch. Dann öffnete sie die Tür zur Trauerhalle und trat hinter das Rednerpult. Der Raum und der Eingangsbereich waren mit Personen gefüllt.
   Sie musterte die Sitzreihen und entdeckte Hedwig, die Taxiunternehmerin. Jonas hatte ihr in schweren Zeiten sehr geholfen. Barbara und Susi, Rita und Raimund, die eine Bäckerei besaßen und Jonas in der Zeit der Trennung von seiner Exfrau beigestanden hatten, bevor Anna in sein Leben getreten war, füllten weitere Plätze. Rita weinte schon jetzt bitterlich. Anna blinzelte und schluckte. Bemüht, unter all den mitleidvollen Blicken nicht die Fassung zu verlieren, trat sie an das kleine Rednerpult. Jonas’ Freund und Arbeitskollege Roland Sonnenschein saß ebenfalls auf einem der Stühle. Sie erinnerte sich daran, dass John die Möglichkeit in Betracht zog, Roland pflegte Beziehungen zu ICARUS. Womöglich war er nicht unschuldig an Jonas’ Tod. Anna unterdrückte die bei diesem Gedanken aufsteigende Wut. Heute konnte sie sich nicht darum kümmern.
   Sie löste den Blick von Roland, der wie gebannt zurückgestarrt hatte, und sah weiter in die Runde. Einige Nachbarn füllten die restlichen Sitze.
   Anna stellte die Musik ab und schaltete das Mikrofon ein. Ihre Knie waren aus Gummi. Sie legte Halt suchend die Hände auf das Pult. »Liebe Freunde. Liebe Familie. Wir sind heute hier, um Jonas Müller, den wir alle sehr geschätzt haben, die letzte Ehre zu erweisen.« Dünn klang ihre Stimme durch die Lautsprecher. In der Tür entdeckte sie Reporterteams mit Kameras. Es erschreckte sie nicht, sie hatte damit gerechnet.
   »Jonas Müller wurde am 23.01.1970 in Altenkirchen im Westerwald geboren. Er verlor im Alter von drei Jahren seinen Vater«. Ihre Stimme wurde noch dünner. »Es …«
   Anna verstummte bei dem Anblick, der sich ihr bot. Da stand Maria, Jonas’ Exfrau in der Tür mit Jonas’ beiden Töchtern, die ihre Mutter mittlerweile überragten. Sie hatte den Umgang der Mädchen schon vor Jahren für Jonas und sie blockiert. Anna hatte sie eine Ewigkeit nicht gesehen. Die aufwallenden Emotionen ignorierend, konzentrierte sie sich wieder auf ihre Rede. »Es hat ihn geprägt. Mit ihm verloren auch seine beiden älteren Brüder und seine Schwester den Vater …«
   Marias Gesichtsausdruck ließ Anna erneut stocken. Ihre Mimik erinnerte an ein süffisantes Grinsen. Freute sie sich? Oder ließ der Stress sie so sonderbar aussehen? Anna trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das jemand auf dem Rednerpult bereitgestellt hatte. Von draußen schallten lautere Stimmen herein, nicht angebracht für eine Beerdigung. Ein Auto fuhr vor.
   Versucht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, starrte sie auf ihr Blatt. Die Buchstaben begannen, vor ihren Augen zu verschwimmen. Sie wusste nicht mehr, an welcher Stelle sie gerade gewesen war.
   »Jonas Müller war Sohn, Vater und Freund, denen, die …« Anna streifte Marias fiesen Blick und stockte abermals.
   John und Barbara hatten es vorhergesagt. Es würde in einer Katastrophe enden. Nur weil sie einen Prediger abgelehnt hatte. Sie trank wieder einen Schluck und bemerkte, dass sie kaum noch in der Verfassung war, zu sprechen. Sie blinzelte verstört in Richtung Publikum. Unruhe kam auf. War sie der Auslöser? Nicht mehr in der Lage, klar zu sehen, überkam sie ein Schwindelgefühl, doch bevor es sie zu Fall brachte, stellte sich jemand hinter sie. Anna erkannte den Geruch des teuren Rasierwassers. Er konnte das nicht sein. Wie sollte er hierherkommen? Und wozu? Behutsam schob er eine Hand auf ihre Schulter. Sie lehnte sich zurück an den Körper, wohl wissend, dass sie dort den nötigen Halt fand.
   »Bleib einfach hier stehen. Ich mache das, Goldkind.«
   Robert flüsterte nah an ihrem Ohr und nahm ihre rechte Hand in seine. Anna genoss die vertraute Wärme. Von seiner Anwesenheit bestärkt, blickte sie wie durch einen Tunnel in Marias Gesicht.
   »Wer zum Teufel ist das?«, hörte sie Jonas’ Exfrau zischen.
   »Liebe Freunde, liebe Familie von Jonas Müller. Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung. Leider war es mir nur vergönnt, Jonas Müller flüchtig kennenzulernen. Dennoch hat dieser Augenblick für mich ausgereicht, um zu erkennen, dass er ein Mann mit großen Idealen ist. Es ist bedauerlich, dass er noch nicht mehr davon verwirklicht hat. Es würde mich, Robert Isaac Palmer, ehren, würde er mich einen Freund nennen.« Robert trank einen Schluck Wasser.
   Anna sah die Gesichtszüge von Maria entgleisen. Offenbar war ihr der Name des Mannes, an den sich Anna gerade anlehnte, sehr wohl ein Begriff. Diese Frau hatte Jonas und Anna das Leben schwer gemacht, seit sie sich kannten. Letztendlich hatte dieser Konflikt dazu geführt, dass Jonas in die Schweiz gegangen war, um dort zu arbeiten. Der Anschlag in Zürich hatte ihn das Leben gekostet.
   Viele Gedanken tobten in ihr. Roberts Worte, dass er Jonas gern seinen Freund genannt hätte, erfüllten sie mit Stolz. Und offenbar war Robert Annas Freund. Diese Kenntnis erzeugte ein gutes Gefühl, brach ihr aber dennoch zugleich das Herz bei der Gewissheit, dass Robert und Jonas nie die Gelegenheit bekommen würden, aufeinanderzutreffen.
   Das Einzige, was sie von Roberts Rede wahrnahm, war, dass er formulierte, als sei Jonas gar nicht tot, und es hörte sich gut an. Anna sah kurz zu ihm, dann war Maria mit ihren Töchtern verschwunden. Anna empfand Dankbarkeit für Robert, weil seine Präsenz sie verscheucht hatte.
   Der Sarg wurde hinausgetragen, und sie folgten ihm. Die ganze Zeit über hatte Robert den Arm um Anna gelegt. Sie bemerkte, dass die Kameras und Reporter einem Team von Roberts Sender RIP gewichen waren, das sich in dezenter Zurückhaltung übte.
   Anna ließ eine rote Rose hinab auf den Sarg fallen. Eine Schaufel steckte neben dem Grab in nahezu weißem Sand.
   »New Smyrna Beach. Er sollte diesen Ort sehen«, flüsterte Robert.
   Mit zitternden Fingern ergriff Anna die Schaufel. »Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt wären.« Sie ließ drei Schaufeln des Sandes auf die glänzende Oberfläche rinnen. Der weiße Sand rieselte sanft auf den schwarzen Lack hinab und verursachte ein friedvolles Geräusch.
   In diesem Augenblick realisierte Anna, dass sie nicht ernst nahm, was sie hier tat. Sie hatte keine sterblichen Überreste von Jonas überstellt bekommen. Die Geschichte war absonderlich. Einerseits hatten die Behörden bestätigt, dass er bei dem Anschlag auf den Bahnhof in Zürich ums Leben gekommen war, andererseits fehlten aus Annas Sicht eindeutige Beweise. Die Bergungshelfer hatten sein Handy gefunden. Zertrümmert hatte das Gerät zwischen dem Schutt gelegen, doch war das Beweis genug? Anfangs hatte sie geglaubt, es würde ihr den Verstand rauben, nicht zu wissen, wo sich seine sterblichen Überreste befanden. Heute gab ihr diese Tatsache jedoch Abstand. Was auch immer sie da zu Grabe trugen, war nicht Jonas. Tief in ihr glomm noch immer ein Funke Hoffnung. Mit einem Mal war sie gefasster.
   Robert ließ ebenfalls Sand auf den Sarg hinabrieseln und bekreuzigte sich. Danach blieb er an Annas Seite, und sie nahm die Beileidsbekundungen entgegen.

Endlich war der Spuk vorbei: Nur Barbara und Susi waren noch da.
   »Wir regeln hier alles. Kommst du zum Café?«, fragte Susi zaghaft.
   Robert nickte. »Ich bringe sie hin.«
   Anna begleitete ihn zurück zur Trauerhalle und entdeckte Roberts Bodyguard Claude, der mit dem Rücken an einen Ford Explorer lehnte. Er hob die Hand zum Gruß.
   »Mein Beileid, Miss Gärtner.« Mit gesenktem Blick setzte er sich hinter das Steuer.
   Anna setzte sich neben Robert auf die Rückbank und musterte ihn. »Danke.«
   Er sah sie mit einem Gesichtsausdruck an, dass sie hätte schwören können, er schämte sich. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, bis ihr einfiel, dass er mit Jonas Kontakt gehabt hatte.
   »John hat mir erzählt, dass du versucht hast, Jonas zu retten. Ich habe euren Chat gelesen. Er war immer so verdammt stur. Mach dir bitte keine Vorwürfe.«
   »Mhm«, brummelte Robert und wich ihrem Blick aus.
   Claude drehte sich zu ihnen herum. »Wohin soll ich fahren?«
   Hastig öffnete Anna die Tür. Alles war besser, als untätig herumchauffiert zu werden.
   »Was hast du vor?« Robert blinzelte sie verwundert an.
   »Ich fahre.«
   Claude räumte den Fahrersitz. Anna lenkte den Explorer über die Landstraße und durch die umliegenden Dörfer, bis sie zu der Einfahrt zum Café von Jonas’ Freunden kamen. Die Straße war voll von parkenden Autos. Anna fuhr den Splittweg hinauf, vorbei an dem renovierungsbedürftigen Haus von Jonas’ Exfrau, das sich passenderweise genau neben dem Café befand. Anna spähte aus ihrer hohen Sitzposition durch den vergammelten, im Grunde nicht mehr vorhandenen Sichtschutzzaun und sah Maria auf ihrer angegrauten Holzveranda sitzen, ein Glas Rotwein in der Hand. Sie äugte neugierig zu dem Explorer herüber.
   Nachdem Anna den Wagen auf dem für sie freigehaltenen Platz vor dem Café geparkt hatte, stiegen sie aus. Der Außenbereich war voller Leute. Sie tranken bereits Kaffee und aßen den Beerdigungskuchen. Anna besorgte drei Gläser Sekt und reichte eines an Robert. Claude hielt sie das nächste unter die Nase. Er schüttelte den Kopf.
   »Du musst.« Ihr Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.
   »Auf Jonas.« Anna sprach laut und erhob das Glas.
   »Auf Jonas.« Ihrer Geste folgend, machte Robert wieder ein betretenes Gesicht.
   Der Forschergeist in Anna wurde wach. Robert war ein Mensch, der an allen Fäden zog und es gewohnt war, alles im Griff zu haben. War er tatsächlich so betroffen von Annas Verlust oder quälte ihn etwas anderes in Bezug auf Jonas? Hatte er versagt bei dem Versuch, Jonas zu retten oder hatte er es überhaupt nicht richtig versucht? Alles, was sich Robert in den Kopf gesetzt hatte, seit Anna ihn kannte, setzte er auch durch. Dann erinnerte sie sich daran, wie stur Jonas immer gewesen war, und trank das Glas desillusioniert in einem Zug aus. Sie beschloss, genau da zu bleiben, wo sie war: bei Robert und Claude.
   Robert strich sich durch sein Gold schimmerndes Haar. In seinem grauen maßgeschneiderten Anzug wirkte er wie gewöhnlich perfekt. Noch immer vermochte sie nicht einzuschätzen, wie alt er war. Gerade aber litt sein makelloses Auftreten unter seiner Verlegenheit. Sie grübelte darüber, ein angenehmes Thema zu finden, um die Stille zu brechen. Was hätte Jonas interessiert?
   »Was für ein Auto fährst du? Dieser Kastenfisch da entspricht nicht wirklich deinem Geschmack, oder? Und die Corvette ist hinüber.« Anna schenkte ihm ein verhaltenes Lächeln, bei dem Gedanken daran, dass Roberts Corvette zuerst einige Überschläge hatte verkraften müssen und danach in Flammen aufgegangen war. Mittlerweile wusste sie, dass es ein Geschenk seiner Frau Alba an ihn gewesen war. Allerdings war ihr nicht klar, welche Rolle Alba in Roberts Leben spielte.
   Er wirkte erleichtert über ihre Frage. »Der Explorer ist praktisch und hat genug Platz für Claudes Equipment. Wenn ich dazu komme, selbst zu fahren, dann ökologisch standesgemäß.« Seine blauen Augen strahlten sie an.
   Anna schüttelte den Kopf. »Fährst du allein mit der Bahn? Das ist nicht ökologisch.«
   »Nein. Ich habe einen Tesla. Du solltest mal mitkommen. Vielleicht fahren wir von Washington nach Miami?«
   Robert erwähnte die Route, die Anna mit John auf der Flucht vor ICARUS genutzt hatte. John saß bereits seit Stunden in diesem Zimmer. Innerlich seufzend erkannte sie, dass ihr dieser irre exkommunizierte Erzbischof nicht egal war. Schlimmer noch, er war ihr ans Herz gewachsen. So sehr sie sich bemühte, ihr Pflichtgefühl nicht zuzulassen, fühlte sie sich doch für seinen weiteren Werdegang verantwortlich.
   Sie blinzelte und kehrte zu dem Gespräch mit Robert zurück. »Du hast einen Tesla und hast uns diese Zuhälterkarre gegeben?«
   »Ich kenne doch Jake. Er ist gut im Zerstören meiner Sachen.« Robert grinste sie an und kam einen Schritt näher. »Wo ist Jake?«, fragte er leise.
   »Sicher verwahrt«, flüsterte Anna.
   »Ich kann dir nicht genug danken.«
   »Nein. Kannst du nicht. Er ist eine Nervensäge.«
   Robert lächelte charmant und zuckte mit den Schultern. »Kann ich ihn sehen, ohne sein Versteck zu gefährden?«
   Forschend sah sie ihn an. »Hat etwa er dich hierherbestellt?« Sie beobachtete Roberts Reaktion, bemerkte jedoch einmal mehr, wie schwer es ihr fiel, in der Mimik dieses Mannes zu lesen.
   »Kann ich mit ihm sprechen?«
   »Da seine Ekellenz heute Morgen beschlossen hat, seinen Standort zu verlegen, sollte ein Treffen möglich sein.«
   »Er ist in deinem Haus?«
   Sie nickte.
   »Was für eine idiotische Idee ist das? Das ist leichtsinnig und gefährlich, für dich und für ihn.« Er schüttelte den Kopf.
   »Die Idee ist nicht von mir. Ich muss noch mal kurz da hinein.« Sie entfernte sich von Claude und Robert in Richtung des Cafés.
   Alles um sie herum wirkte unwirklich und weit entfernt. Vielleicht war ihr Gemütszustand auf Roberts Anwesenheit zurückzuführen, die sie an ihre unglaubliche Zeit in Washington und die darauf folgende Flucht mit John erinnerte. Zu ihrem Erstaunen amüsierte sie sich über die Westerwälder Trauergemeinde, die Robert neugierig beäugte. Keiner wagte, zu ihm zu gehen. Jonas hätte an dieser skurrilen Situation seine Freude gehabt.

*

Robert sah eine Frau mit langem, blondiertem Haar und ausladenden Hüften, in einem, dem Anlass und ihrer Figur rundweg unpassendem, rosafarbenen Sommerkleid, den Weg hinauf auf ihn zuschlendern. Sie lächelte ihn breit an. Robert hatte sie auf der Beerdigung gesehen und bemerkt, welche Blicke Anna ihr zugeworfen hatte. Eben hatte sie auf der Terrasse vor dem Haus neben dem Café gesessen. Sie strafte die Trauergäste mit einem verächtlichen Blick, ebenso Claude, bevor sie Robert die Hand entgegenstreckte. Er erkannte unter der Fassade aus einer dicken Schicht Make-up Verbitterung und Bösartigkeit. Ein kalter Schauder durchfuhr ihn. Er rührte sich nicht.
   Verunsichert zog sie die Hand zurück. »Nice to meet you, Mister Palmer.« Ein übertrieben freundliches Grinsen legte sich wie eine Maske auf ihr Gesicht.
   »Sorry. Und wer sind Sie?« Robert räusperte sich unwohl.
   »Maria Rückert ist mein Name. Sie sprechen Deutsch? Das ist fantastisch. Ich habe schon viel über Sie gehört, aber das wusste ich nicht.«
   »Was kann ich für Sie tun, Frau Rückert?« Robert grinste aufgesetzt zurück.
   »Ich wollte Ihnen im Namen Aller für die bewegende Grabrede danken. Beinah wäre sie verdorben worden, dann kamen Sie.«
   Ihre schrille Stimme klingelte in seinen Ohren. »Ich kam zu spät. Wie standen Sie zu Jonas?«
   Robert wunderte sich nicht über den versteckten Angriff auf Anna. Es stand dieser Person ins Gesicht geschrieben, dass sie Unruhe stiften wollte.
   »Oh, ich bin Jonas’ Exfrau. Sicher hat Anna schlecht über mich geredet, aber das ist nicht so, wie sie es darstellt. Ich habe Jonas geliebt und dann kam sie und …« Sie verstummte, denn Robert sah sie mit finsterer Miene an.
   »Sie sind Jonas’ Exfrau? Und Sie besitzen die Frechheit, hier in einem völlig unpassenden Aufzug zu erscheinen und schlecht über Anna zu reden? Anna hat Sie, entgegen Ihrer Annahme, mit keinem Wort bei mir schlechtgemacht. Das hat sie nicht nötig. Ich habe Jonas’ Buch gelesen über das deutsche Familienrecht. Ich kenne jede einzelne Ihrer Schweinereien, die Sie ihm angetan haben. Ich würde vorschlagen, Sie schieben augenblicklich Ihr überaus großzügig geformtes Hinterteil von diesem Hof, bevor Anna Sie sieht.« Roberts Stimme war laut geworden, und die Trauergäste starrten zu ihnen herüber.
   Maria hatte noch immer ihr unangebrachtes Lächeln im Gesicht, glotzte ihn aber verwirrt an. »Mister Palmer, ich …«
   »Sofort! Oder ich lasse Sie von Claude entfernen, und glauben Sie mir, kein deutsches Gericht wird mich oder ihn dafür belangen.« Robert wurde von einem Hustenanfall gepackt.
   Sie schüttelte gespielt verwundert den Kopf und tippelte den Kiesweg wieder hinunter. Robert sah ihr verärgert nach und bekam langsam wieder Luft.
   »Das ist doch wohl unglaublich.«
   Die meisten Trauergäste wandten ihren Blick wieder ab, einige schauten ihr kopfschüttelnd hinterher. Er erkannte das Gesicht einer der beiden Frauen, die bis zum Schluss auf dem Friedhof verweilt hatten. Sie lächelte ihm freundlich zu, zeigte ihm ihre rechte Hand mit Daumen nach oben und nickte zufrieden. Robert grüßte zurück, innerlich darüber beschwingt, dass er Jonas zu gegebener Zeit wieder auferstehen lassen würde.
   Anna trat wieder neben ihn. »War etwas?«
   »Nein, nichts.«
   »Ich bin fertig.« Anna seufzte.
   Robert konnte nicht ganz deuten, auf was sie sich bezog. »Können wir zu John fahren? Ich meine, kommst du mit?«
   Annas Blick ging in Richtung der Trauergäste. »Lass uns fahren. Gute Idee.« Sofort marschierte sie in Richtung Explorer.

*

Sie hatte seit Tagen nicht aufgeräumt oder geputzt. John im Haus zu wissen, war das eine, aber Robert hineinzulassen, der immer perfekt wirkte, etwas ganz anderes. Sie schloss die Eingangstür auf, die wieder einmal fürchterlich hakte.
   »Die sollten wir austauschen«, sagte Robert.
   »Wir?«
   Im Flur sah sie sich überrascht um. Es roch nach Putzmittel, nein, es duftete. Der Boden war sauber. Sie ging in die Küche, keine Tasse und kein Teller stand mehr herum. Der Spülstein wirkte wie neu. Es war ihr unheimlich – fast so, als hätte Jonas während seiner eigenen Beerdigung aufgeräumt.
   Sie ließ Robert und Claude in der Küche stehen und ging ins Badezimmer. Es war ebenfalls geputzt und alles an seinem Platz. Anna hechtete durch den Flur zur Treppe.
   »Ist alles in Ordnung?«, hörte sie Robert fragen.
   »Einen Augenblick. Ich bin gleich da.«
   Sie eilte die Stufen hinauf und ging durch den sauberen Flur, die kleine Treppe in den Seitenanbau hinunter, die in das obere Badezimmer und das Schlafzimmer führte. Das Bad war geputzt, kein Kleidungsstück lag herum. Sie spähte in ihr Schlafzimmer. Ihr Bett war aufgeschüttelt und frisch bezogen. Der Kleiderschrank war ihr nächstes Ziel, weil sie die von ihr im Zimmer verstreuten Sachen suchte. Sie öffnete ihn und trat ungläubig einen Schritt zurück. Alles lag ordentlich gefaltet darin. Anna schüttelte den Kopf.
   »Wahrscheinlich läuft sogar die Waschmaschine.« Sie ging zurück zu der Tür, die in Jonas’ Siebzigerjahrezimmer führte, und vergewisserte sich, dass die Tür daneben im Flur noch abgeschlossen war, bevor sie klopfte und hineinging. John saß auf dem Sessel, ihr Buch in der Hand und schaute zu ihr auf. »Sie sind früh zurück.«
   Anna fuhr sich durch ihr Haar. »Waren Sie das?«
   »Da Sie nicht an Isidoros Engel glauben, werde ich meine Tat schlecht leugnen können. Sind Sie böse?« Er legte seine Lektüre zur Seite und stand auf.
   »Überrascht trifft es besser.«
   »Ich wollte irgendetwas für Sie tun. Wie viele Möglichkeiten hatte ich schon?«
   »Ich fände es von jedem anderen unverschämt, in meinen Sachen herumzuwühlen. Wir haben jedoch für Tage aus einem Koffer gelebt und im gleichen Zimmer geschlafen. Es gibt nichts, was Sie nicht schon gesehen hätten. Vielen Dank.« Robert trat neben sie.
   »Hallo Jake.«
   Anna beobachtete die Reaktion der beiden Männer aufeinander. Robert strahlte über das ganze Gesicht und war sichtlich erfreut, John zu sehen. John kam weder auf Robert zu noch erwiderte er sein Lächeln. Im Vergleich dazu, wie er Anna gerade angesehen hatte, verfinsterte sich seine Miene eher.
   »Hallo Robert«, sagte er emotionslos.
   »Ich dachte, wo ich schon mal da bin, unterhalten wir uns über die Neuigkeiten in deiner Sache.«
   Anna rückte einen Stuhl von der Wand und platzierte ihn dem Sessel gegenüber. »Bleibt besser hier. Nicht, dass jemand hereinplatzt.« Ahnend, dass die beiden unter sich sein wollten, verließ sie den Raum.

*

Robert sah sich im Zimmer um. »Was ist das hier?«
   »Jonas’ Zimmer.«
   »Jonas Müller ist ein Freak.« Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Robert auf den Stuhl sinken.
   »Du meinst, er war ein Freak.« John musterte ihn argwöhnisch.
   »Wie auch immer. Deshalb bin ich nicht hier.« Sein schlechtes Gewissen in Bezug auf Jonas verbergen wollend, wich Robert seinem Blick aus.
   »Hast du Anna geholfen?«
   »Auftrag ausgeführt.«
   »Gut.« John nickte zufrieden.
   »Um was ging es eben, als ich hereinkam?«
   »Auch wenn du das meist irgendwie hinbekommst: Du musst nicht immer alles wissen.«
   »Jake, lass nicht mehr Nähe zu, als für die Dauer deines Aufenthaltes nötig ist. Alles andere macht unseren Plan unnötig kompliziert.«
   »Das, mein Lieber, sagt der Richtige.« Sichtlich aufgebracht sprang John auf.
   Robert deutete freundlich auf den Sessel. »Setz dich, bitte.«
   John ließ sich wieder hineinfallen. »Was ist mit ICARUS?«
   »Wir haben ein paar Namen, aber wir kennen die Verbindungen nicht, die Art, wie sie miteinander kommunizieren. Wenn wir das wüssten, würden wir mehr finden. Die Jagd auf Hinweise ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.«
   »Welche Namen?«
   »Bischof James Brown, weiterhin der Vizepräsident der USA, der Deutsche Bundeskanzler, ein italienischer Mafiaboss namens Mario Venducci, ein israelischer Minister«, zählte Robert auf.
   »Das hört sich übel an.«
   »Du musst schleunigst zurück auf deinen Posten. Mit unserem Plan würden wir sie alle erwischen. Sie hängen da sicherlich ausnahmslos mit drin, um ihr Geld zu waschen. Ich habe James Brown im Fokus. Er ist vermutlich der Auslöser für deine Exkommunikation. Wenn ich ihn in den Griff bekomme, wird der Haftbefehl gegen dich fallen gelassen. Dann müssen wir nur noch für deine Sicherheit sorgen und du kannst zurück, um unseren Plan zu Ende zu bringen.«
   »Deine Worte in Gottes Ohr.« John seufzte.
   »Du musst aus diesem Haus raus.«
   »Ich verschwinde, sobald es dunkel ist. Anna sorgt gut für mich, und sie passt auf, dass ich keine Dummheiten mache. Hierfür kann sie nichts.«

*

Anna hatte sich ein Glas Rotwein eingegossen und an die offene Verandatür im Wohnzimmer gesetzt. Claude zog es zu ihrem Leidwesen vor, auf dem Küchentisch seine Waffe zu putzen.
   In Gedanken starrte sie auf den Teich und zündete sich eine Zigarette an. Sie hätte nur allzu gern gewusst, was die beiden zu besprechen hatten, doch es war offensichtlich, dass Robert sie nicht hatte dabei haben wollen.
   Unerwartet stand Robert neben ihr und zog die Zigarette aus ihrer Hand, um sie im Aschenbecher neben der Tür auszudrücken. »Das ist nicht gut für dich.«
   Der Ausdruck seiner freundlichen blauen Augen nahm ihr jede Gegenwehr. Er setzte sich neben sie auf die Bank und legte den Arm um sie.
   »Danke für deine Rede.«
   Robert nahm ihr das Rotweinglas aus der Hand, trank einen Schluck und stellte es zur Seite. »Kommst du zurecht?«
   Anna schmiegte den Kopf an seine Schulter. »Ich denke schon. Was ist mit dir?«
   Mit seiner freien Hand strich er sanft über Annas Wange. »Ich kann mich nicht erinnern, wann sich das letzte Mal jemand danach erkundigt hat«, sagte er mit gedämpfter Stimme.
   »Du solltest besser auf dich achten. Denk nicht immer nur an andere, denk auch an dich«, flüsterte Anna.
   Roberts Hand fuhr über ihren Rücken. »Versprochen.«
   Sie schwieg und sah wieder auf den Teich.

*

Robert genoss ihre Nähe. Anna zog ihn an. Er fand keine Erklärung dafür. Mehr und mehr drängte sich ihm der Verdacht auf, dass es John ähnlich ging. Wenn er das nicht stoppte, würde ihr Plan in einer Katastrophe enden. Schmunzelnd dachte er an die Parallelen zu Annas Buch: Er selbst verglich sie mit der Heilerin Neomai. Allein, weil er daran glaubte, dass in Anna viel von ihrer Romanfigur steckte, war er auf sie aufmerksam geworden. Er hoffte, dass sie ebenso unerschütterlich für ihre Ideale einstand. Wenn Johns Charakter ein Abbild des Gardvord – des Hüters der Fylgia – war, dann würden sie zusammenarbeiten wie ein Uhrwerk und alles zum Guten lenken. Musste er sich doch keine Sorgen um die beiden machen? Und wer war er, wenn er sich mit den Figuren verglich?
   Robert zwang sich, mit seinen Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren. »Ich fliege morgen früh zurück. Wir sollten gegen sechs Uhr in Richtung Frankfurter Flughafen starten. Ich werde mir mit Claude ein Hotel suchen, damit wir dir nicht zur Last fallen.«
   »Bitte bleibt.« Anna schmiegte den Kopf noch inniger an seine Schulter.

*

Es gab für Anna nichts Schöneres als ein Haus voller Leben. Jonas hatte das nie besonders gemocht. Er brauchte Zeit für sich und hatte sich oft in sein Büro verkrochen. Nun würde es ihn nicht mehr stören. Bei diesem Gedanken hörbar schluckend, sprang sie auf.
   »Holt euer Gepäck rein, dann könnt ihr duschen. Oben ist noch ein Badezimmer. Frag John, wo. Er kann herunterkommen. Ich schließe die Tür ab, dann gibt es ein Abendessen.«
   Nachdenklich betrachtete Robert sie. »Und es macht dir nicht zu viel Mühe?«
   »Ich war dein Gast. Jetzt sei meiner. Wenn dein Besuch auch viel zu kurz ist.« Sie lächelte ihn überzeugend an.
   »Das holen wir nach. Irgendwann. Versprochen.« Mit einem Nicken stand er auf.
   Anna lief in die Küche. »Nimm die Waffe von meinem Küchentisch, Claude. Das ist eine Küche und als solche möchte ich sie jetzt nutzen.« Genervt dreinsehend packte Claude seine Sachen zusammen und verließ den Raum.

Wenig später saßen sie gemeinsam im Wohnzimmer am Tisch. Anna hatte ihn mit Brot, Käse, Wurst und Marmelade eingedeckt. Der Anblick von Robert und John, die ihr gegenübersaßen, vermittelte ihr das Gefühl von Familie. Sie verwischte diesen unheimlichen Gedanken schnell, denn Robert musste wieder abreisen. Wenn John ihm folgen würde, waren die beiden Männer vermutlich für immer aus ihrem Leben verschwunden. Für sie schien es nur ihren sonderbaren Plan zu geben, von dem sie noch immer nicht wusste, um was es ging. Zu gern wäre sie dahintergestiegen, was diese so völlig unterschiedlichen Männer derart stark verband.
   Sie musterte John. Er betete wie immer, bevor er aß. Aus seinem schwarzen Haar hatte sich eine angegraute Strähne gelöst, die ihm in die Stirn fiel.
   Roberts leuchtend blaue Augen blitzten auf. Wie so oft stand ihm der Schalk im Nacken und verschleierte sein Alter. Er hatte sein Glas Rotwein fast leer getrunken und nahm den ersten Bissen. Johns Gebet ignorierte er, genau wie Anna. Claude, der neben ihr saß, ließ sich von John anstecken und faltete die Hände zum stummen Gebet. Anna überlegte, ob sie nach Johns verunglücktem Bruder Thomas fragen sollte. Zu gern hätte sie von Robert und John mehr über ihn erfahren, zumal sie den Eindruck hatte, dass Thomas den Kern ihrer Freundschaft begründete. Ihr Bauchgefühl hielt sie allerdings davon ab. Sie ahnte, dass es am Tag von Jonas’ Beerdigung emotional auch für sie zu keinem angenehmen Gespräch führen würde.
   »Wofür hast du gebetet, Jake?«
   Roberts gespielt bissiger Tonfall holte Anna zurück aus ihren Gedanken.
   John schluckte den Bissen hinunter. »Du weißt genau, warum man vor dem Essen betet.« Murrend griff er sich das Rotweinglas.
   »Du solltest nicht zu viel davon zu dir nehmen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass du nicht ganz trinkfest bist, mein Freund.«
   Anna hörte erstaunt bei den Sticheleien zu. Offensichtlich zog Robert ihn genauso gern auf wie sie.
   »Wegen der Kartoffeln«, sagte John.
   »Bitte? Was hat das mit dem Wein zu tun?« Robert bedachte sie mit einem fragenden Blick.
   »Ich habe ein Gebet gesprochen wegen der Kartoffeln.« John seufzte angestrengt.
   Anna hatte den Eindruck, er tat nur genervt.
   »Hier sind doch gar keine Kartoffeln.« Auf dem Tisch umherschauend schüttelte Robert den Kopf.
   »Na, da siehst du mal, wie gut es gewirkt hat.« John grinste und zwinkerte Anna zu.
   Sie genoss seinen beinah jungenhaften Gesichtsausdruck und das Strahlen seiner Augen, das die meiste Zeit, seit sie ihn kannte, von seiner ernsten Miene überschattet wurde.
   »Ich glaube, Isidoros Engel haben die Kartoffeln abgeholt, das Feld musste bestellt werden.« Anna lächelte zurück.
   »Ich hab keinen blassen Schimmer, wovon ihr redet.« Robert musterte einen nach dem anderen.
   »Dann solltest du unbedingt mal nach Madrid. Am besten fährst du mit Anna. Sie macht herrliche Führungen durch die Almudena-Kathedrale. Zeitgemäß und sozialkritisch. Da bekommst du als Playboy und Snob bestimmt auch deine Standpauke.« Für seine Bemerkung bedache Anna den ehemaligen Erzbischof mit einem strafenden Blick.
   »Ich denke, das Etablissement, das du danach aufgesucht hast, würde mir völlig ausreichen.« Genüsslich trank Robert einen Schluck Wein.
   »Vielleicht nimmst du dann besser John mit. Da er ja anscheinend unter einem Filmriss seit dem frühen Abend leidet, könnte er versuchen, sein Gedächtnis dort aufzufrischen. Aber du musst aufpassen, er wird latent aggressiv, gelegentlich.« Anna schmunzelte.
   »Wovon sprechen Sie?«
   »Ich spreche von dem jungen Spanier, dem Sie beinah das Handgelenk gebrochen haben, weil er die Frechheit besaß, sich neben mich zu setzen und mich zu belästigen.«
   »Sie haben es nie erwähnt. Wieso machen Sie es jetzt?« Erwartungsvoll, beinah vorwurfsvoll sah er sie an.
   Anna hatte ihm einen Denkzettel verpassen wollen, wegen seiner Bemerkung zu ihrem Streit bei der Almudena-Kathedrale. Sie hatte ihn keinesfalls vorführen wollen. »Tischgespräche in fiese Richtungen zu lenken, habe ich von Robert gelernt. Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.«
   Zum Zeichen der Beschwichtigung hob John die Hand. »Hab ich dem armen Kerl etwas getan?«
   »Er hat eine gehörige Portion Angst bekommen, und sein Handgelenk schmerzte mit Sicherheit ein paar Tage. Nichts, was er nicht verdient hatte für seine Aufdringlichkeit.«
   »Mhm.«
   »Ich würde wetten, du hast das mit den Tischgesprächen schon beherrscht, als du mich noch nicht gekannt hast«, murrte Robert.
   Anna legte den Kopf schief. »Vorsicht mit dem Wetten, das könnte dich noch einen Camaro kosten.«
   »Noch hast du nicht gewonnen.« Er grinste sie selbstsicher an.
   In Annas Kopf gab es plötzlich eine Verknüpfung. Die Wette war um Roberts Alter gegangen. Er hatte gesagt, er sei zu haben. Jetzt fielen ihr die Nachrichten ein, und es ergab sich eine herrliche Gelegenheit, Robert einfach direkt nach dem zu fragen, was ihr durch den Kopf ging. »Wie geht es deiner Frau?«
   John verschluckte sich an seinem Wein, und Robert bedachte ihn mit einem strafenden Blick. »Gut.«
   »Ihr habt euch vertragen?« John blinzelte Robert irritiert an.
   »Sie verträgt sich mit meinem Vermögen, und ich mich mit ihren IT-Kenntnissen. In einem halben Jahr ist das Geschichte. Ich wollte es nur vor der Presse gut aussehen lassen. Weiter nichts.« Mit einem Mal wirkte Robert verstimmt.
   Anna fiel es wie Schuppen von den Augen. »Damals. Die Erpressung des Attorney General. Es ging darum, sie aus dem Gefängnis zu holen?«
   Robert nickte, während John den Kopf schüttelte. »Ich habe das nicht gehört.«
   »Ich bin müde und werde schlafen gehen. Um das Haus herum ist ein Sicherheitssystem aufgebaut. Ihr könnt beruhigt schlafen.« Claude stand auf, John tat es ihm gleich.
   »Ich zeige ihm das Gästebett und frage ihn, wie ich hier herauskomme, ohne erschossen zu werden, wenn es dunkel ist.«
   Anna nickte ihm zu. John und Claude verließen das Wohnzimmer.
   Robert stand ebenfalls auf und begann, gemeinsam mit Anna den Tisch abzuräumen. Nach wenigen Minuten war alles verstaut.
   »Ich bin auch müde.« Gähnend blinzelte Anna Robert an.
   »Zeig mir, wo ich schlafen kann. Dann leg dich hin.«
   Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn die Treppe hinauf durch den Flur. Ihr Weg führte vorbei an der verschlossenen Tür, die wenigen Stufen hinunter, vorüber an dem Badezimmer, wo er zuvor geduscht hatte, bis hinein in ihr Schlafzimmer. Dort ließ sie seine Hand los. »Hier kannst du schlafen.«
   »Und du?« Verunsicherung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
   »Ich schlafe auf dem Sofa. Ich kann hier nicht mehr schlafen. Ich habe es versucht. Ich werde immer wieder wach und denke, Jonas wäre da.« Annas Stimme zitterte.
   Robert stellte sich vor sie und legte sanft die Hände auf ihre Schultern. »Anna, das ist nett gemeint, aber ich werde mich nicht in das Bett von Jonas und dir legen. Das kann ich genau so wenig wie du.«
   Eine Träne lief über Annas Gesicht. »Ich …, entschuldige, ich hätte nicht gedacht, dass es dir so nahe geht. Vielleicht wäre ein Hotel doch die bessere Lösung gewesen.«
   Anna bemerkte Roberts betroffenes Gesicht. Hatte er doch etwas mit Jonas Tod zu schaffen? Nicht in der Lage, ihn länger anzusehen, wandte sie sich ab. »Ich gehe kurz ins Badezimmer. Treffen wir uns im Wohnzimmer.«

*

Robert lief schwermütig nach unten und zog im Wohnzimmer das Sofa aus. Im Kasten darunter fand er Decke und Kissen und legte es für Anna bereit. Er benutzte das Badezimmer im Erdgeschoss. Von John und Claude war nichts mehr zu sehen oder zu hören. Als er zurückkam, stand Anna in einem schwarzen Nachthemd im Wohnzimmer und deutete auf das Sofa.
   »Das ist leider alles, was ich dir anbieten kann.«
   »Was ist mit dir?«
   »Ich versuche es oben. Auf die eine Nacht kommt es auch nicht an, oder?« Wieder war sie den Tränen nah.
   Entgegen dessen, was er sich in Bezug auf Anna und weitere Nähe zu ihr vorgenommen hatte, schloss er sie in seine Arme.
   »Um nichts auf der Welt wollte ich dich früher wieder weglassen als nötig.« Anna schluchzte an seinem Hals.
   »Es tut mir alles so unendlich leid.« Er strich über ihren Rücken, und sie klammerte sich an ihn.
   »Wir machen das wie nach der Geschichte auf dem Flughafen. Wir sind zwei erwachsene Menschen.« Entschlossen zog er Anna zu der breiten Liegefläche des Sofas, und sie legte sich hin. Robert gesellte sich zu ihr und Anna kroch in seinen Arm.
   »Die Einsamkeit ist schrecklich. Er war vorher auch viel unterwegs. Die Gewissheit aber, dass er nicht irgendwann lächelnd in der Tür steht …« Ihre Stimme versagte.
   »Heute bin ich da. Du bist nicht allein.«
   Anna legte die Hand auf seine Brust und begann, ruhiger zu atmen. Robert starrte im fahlen Licht, das durch den zugezogenen Vorhang hereindrang, an die weiße Decke. Er war verantwortlich für Annas Zustand, und er hasste sich dafür. Wie hatte er auf eine so kranke Idee kommen können, jemandem solches Leid zuzumuten? Er wusste genau, wie sich Anna fühlte. Wenn sie herausfinden würde, was er getan hatte, würde sie ihn mit Recht dafür hassen. Doch sie glaubte die Lüge über den Tod von Jonas, die er ins Leben gerufen hatte, und sie derzeit aufzudecken, war sinnlos. Er brauchte noch ein paar Tage.
   Robert strich von Zeit zu Zeit über Annas Rücken und machte kein Auge zu. Irgendwann hörte er, wie sich John aus dem Haus schlich. Schließlich öffnete Claude die Wohnzimmertür.
   »Wir müssen los.«
   Robert zog behutsam den Arm unter Anna hervor, küsste sie sanft auf die Stirn und schlich sich aus dem Zimmer. Zusammen mit Claude fuhr er zum Flughafen. In seinem Hinterkopf breitete sich der Gedanke aus, dass Anna ihm bei ihrem nächsten Zusammentreffen vermutlich nicht mehr wohlgesonnen war.

*

Anna erwachte spät am Morgen. Seit Langem hatte sie mal wieder gut geschlafen. Der Geruch von Robert haftete noch an ihr, hing im Raum und bereitete ihr ein tröstendes Gefühl. Auf dem Küchentisch fand sie eine rotweiße Rose aus ihrem Vorgarten in einem Wasserglas mit einem Zettel. Zum ersten Mal sah sie Roberts exzentrische Handschrift.

Dear Anna,

sorry, ich würde Dir gern noch Gesellschaft leisten, aber das einzige, was ich im Augenblick nicht zu bieten habe, ist Zeit. Wenn Du irgendetwas brauchst, lass es mich bitte wissen. Ansonsten musst Du mit Jake vorliebnehmen. Das ist kein adäquater Ersatz für mich :-), doch Du könntest es schlimmer treffen.
   Claude hat die Überwachungsanlage um das Haus dagelassen. Die Beschreibung findest Du auf dem Wohnzimmertisch. Achtet auf Euch. In Liebe
   Robert

PS: Das mit dem Kaffee war Claude … Vielleicht solltest Du Dir eine Kaffeemaschine zulegen. :-)

Anna steckte den Zettel in ihre Hosentasche, als haftete etwas Magisches daran. Neugierig betrachtete sie die Spüle und die Arbeitsplatte. Wo Wasserkocher, Kaffeemühle und Glaskanne standen, um den Kaffee zuzubereiten, war alles über und über mit Kaffeepulver bestaubt. Stellenweise war es nass.
   »Hat Claude etwa versucht, Kaffee durch eine Sprengung zu kochen?« Sie schüttelte den Kopf, holte den Staubsauger und reinigte die Ecke.
   Fertig mit den Aufräumarbeiten, stellte sie einen Korb auf den Küchentisch, räumte ein paar Lebensmittel und die Medikamente aus der Hausapotheke hinein. Mit ihrem Gepäck machte sie sich auf in Richtung Wald. Niemand würde sich etwas dabei denken, wenn er sie sah. Sie hatte schon früher viel Zeit im Wald verbracht, um dort zu schreiben. Nach einer Weile kam sie an den Zaun, der Johns verstecktes Häuschen im Wald umgab. Sie öffnete das Tor und ging bis zur offen stehenden Haustür.
   »John?«
   Er streckte den Kopf aus der Küche. Anna musste lachen, als sie Putzeimer und Besen in seinen Händen entdeckte.
   »Guten Morgen. Wie ich sehe, entwickeln Sie ungeahnte Qualitäten.« Schmunzelnd stellte sie den Korb auf den Küchentisch.
   »Guten Morgen. Ich sterbe vor Langeweile.«
   »Sie haben doch den Laptop. Ich habe Ihnen die Tageszeitung mitgebracht, ein paar Vorräte und einige Medikamente. Keine Ahnung, man weiß ja nicht, was Sie hier oben so treiben. Kaffee ist auch drin. Gehen Sie tagsüber nicht vor die Tür, höchstens auf die Veranda. Es gibt hier immer wahnsinnig neugierige Spaziergänger und abends gehen Sie besser sparsam mit dem Licht um. Die Dorfbewohner glauben, ich zöge mich hierhin zum Trauern zurück, das ist allerdings keine Garantie, dass hier nicht jemand herumschnüffelt.«
   »Das haben Sie mir alles schon gesagt, als Sie mich hierhin brachten.« John stieß geräuschvoll den Atem aus und ließ sich auf den Stuhl fallen. »Das ist wie Gefängnis. Wie soll ich die Zeit herumbekommen?«
   »Was weiß ich? Beten Sie, oder so?« Anna sah ihn genervt an.
   »Wenigstens sind Sie jetzt da.«
   »Ich muss weg. Ich werde in drei Tagen nach Ihnen sehen und wieder Proviant vorbeibringen. Schaffen Sie das solange?«
   Er machte ein entsetztes Gesicht, nickte aber. Anna stand auf und zog ein altes Mobiltelefon aus ihrer Hosentasche.
   »Für den absoluten Notfall.« Sie legte es vor ihn auf den Tisch.
   »Halten Sie Kontakt mit Robert über den Laptop. Vielleicht finden Sie noch etwas über ICARUS heraus. Arbeiten Sie daran, umso schneller können Sie von hier weg.«
   »Sie vergessen den Haftbefehl«, sagte John desillusioniert.
   »Bis in drei Tagen.«
   »Bis in drei Tagen«, stöhnte John.

Kapitel 2
Staatsgewalt

Drei Tage später kam Anna am Abend wieder zu seinem Unterschlupf. Sie wirkte angespannt und genervt, als sie John erneut einen großen Korb zur Versorgung hereinschleppte. Er folgte ihr von der Veranda in die Küche. Sie hatte den Korb auf der winzigen Küchenzeile abgestellt und saß bereits mit einer Flasche eines Biermixgetränks am Tisch. Sie erblickte John in seiner kurzen Jeans, mittlerweile mit sonnengebräuntem Oberkörper, verdrehte die Augen und starrte auf den Korb.
   »Gibt es etwas Neues in Ihrer Sache, von dem ich wissen darf?« Sie trank einen Schluck aus der Flasche.
   »Leider nicht.« John entdeckte noch mehr von dem Getränk im Korb und zog eine Flasche heraus, um sie zu öffnen. Er setzte sich zu ihr an den Tisch.
   Anna warf ihm wieder einen angestrengten Blick zu.
   »Wie war es bei Ihnen?«, fragte John.
   »Gut. Nur leider musste ich ja wieder zurück.« Sie seufzte, während John einen Schluck nahm.
   »Sie wissen noch, was wir bezüglich eines gemeinsamen Besäufnisses gesagt haben?«
   »Sollte im Korb nicht noch eine Flasche Hochprozentiges versteckt sein, scheint mir das hiermit eher unwahrscheinlich.« Wohl wissend, dass sie auf seinen durch Alkoholeinfluss herbeigeführten Blackout in Madrid und ihr Delirium in Zürich anspielte, lächelte er ihr zu. Sie waren sich nah gewesen. Zu nah, aber vielleicht würde sich die Spannung zwischen ihnen wieder legen, falls Anna ebenso gern daran zurückdachte wie er.
   »Brauchen Sie noch irgendetwas?«
   »Ganz ehrlich? Ein bisschen Gesellschaft würde mir gut tun.« John lächelte sie weiter an.
   Ihre eisige Miene ließ ihn jedoch jede Hoffnung aufgeben.

*

Anna musterte kurz seinen nackten, muskulösen Oberkörper. Offenbar schämte er sich nicht mehr vor ihr für seine Narben. Um sich von seinem Anblick abzulenken, starrte sie eine Weile auf die Flasche vor sich. Mit Wehmut dachte sie an den Fehler, den sie in Zürich begangen hatte. Die Kombination von Alkohol und Tabletten, zusammen mit dem Schmerz durch Jonas’ Unglück, hatte sie für ein paar Minuten schwach werden lassen. Sie hatte John geküsst. Mit jeder Faser ihres Körpers erinnerte sie sich an das Gefühl, das sich dabei in ihr ausgebreitet hatte. Selbst sein Geruch war ihr in Erinnerung geblieben. Wütend auf sich, verdrängte sie die Gedanken daran. »Ich weiß nicht, was Sie denken, aber ich habe ein Leben zu führen.«
   »Ich bin mir darüber im Klaren, wie sehr ich Sie in Anspruch nehme. Ich würde Ihnen gern helfen.«
   Anna fixierte noch immer die Flasche. »Mit ein bisschen Putzen ist es da kaum getan. Mein E-Mail-Postfach quillt über. Ich muss zum Rechtsanwalt wegen der Kündigung meines Jobs, die ich bekommen habe. Mein Briefkasten wird auch zu klein. Jonas fehlt mir an allen Ecken und Enden. Mal ganz abgesehen vom Emotionalen, er hat sich immer um so viel gekümmert.« Die aufgestiegene Wut gab ihr die Kraft, ihn selbstbewusst anzusehen.
   »Sprechen Sie mit Robert darüber.«
   »Robert kann nicht immer alles übernehmen. Vielleicht läuft das bei Ihnen so, aber ich brauche kein Kindermädchen. Verdammt, ich habe wirklich den Eindruck, Sie haben keinen blassen Schimmer, was es heißt, sich allein um alles kümmern zu müssen.« Anna ließ ihren Blick über die Küchenzeile schweifen.
   »Wo waren Sie in den letzten Tagen?«, wollte John wissen, doch Anna starrte weiter gebannt auf den Küchenschrank.

*

John folgte, überrascht von ihrem Schweigen, ihrem Blick auf das Päckchen mit Ibuprofen-Tabletten. Betroffen stellte er fest: Er hatte das Plastikkärtchen mit den Tabletten nicht zurückgesteckt, und es lag neben der Verpackung. Unordnung zu hinterlassen, war untypisch für ihn, doch noch schlimmer war, dass Anna es entdeckt hatte. Es war ihm peinlich, und sie starrte immer noch darauf.
   »Was um alles in der Welt haben Sie angestellt?«
   Irritiert über ihre Fassungslosigkeit bezüglich seiner Tat, suchte er nach den richtigen Worten. »Ich habe den ganzen Tag schon Kopfschmerzen, erbarmungslose Kopfschmerzen und da habe ich eben …«
   Anna sprang auf. »Sie haben Kopfschmerzen und haben das hier genommen?«, japste Anna und griff nach dem Plastikkärtchen. Von den einst vier grünen Tabletten waren nur noch zwei darin. Vorwurfsvoll auf ihn hinabsehend, hielt sie es John unter die Nase. »Sie haben also das hier gegen Ihre Kopfschmerzen genommen?«
   John nickte betroffen. »Die Tabletten waren in dieser Packung. Ist doch Ibuprofen?« Er deutete zur Küchenzeile.
   »Verflucht. Sind Sie wirklich so weltfremd?« Anna stöhnte auf.
   »Es war in diesem Päckchen, was …?« John stockte, weil Anna ihn mit einem Gesichtsausdruck ansah, den er nicht einordnen konnte.
   »Eine Ganze?«
   John nickte.
   »Wie lange ist das her?«
   »Kurz bevor Sie angekommen sind. Ich denke zwanzig Minuten.«
   Da war wieder Annas Blick. Sie schien nicht zu wissen, ob sie lachen oder weinen sollte. »Sie haben in der Tat keine Ahnung, was Sie da eingenommen haben?«
   Er schüttelte den Kopf.
   »Nein, sicher nicht«, stöhnte sie.
   »Sie haben mir die Tabletten mitgebracht. Raus mit der Sprache. Was habe ich da geschluckt? Und wieso war es in dieser Packung?« Nervosität stieg in ihm auf.
   Anna wirkte betroffen. »Es war ein Scherz von Jonas’ Freunden. Jonas muss sie da hineingesteckt haben. Ich hatte keine Ahnung, dass sie da drin sind.«
   »Ich will jetzt wissen, was das ist! Ecstasy?«, erkundigte er sich hastig.
   »Das wäre für jemanden wie Sie die angenehmere Erfahrung. Im Gegensatz zu …« Anna schlug sich vor die Stirn und prustete los. »Auch noch ausgerechnet Sie. Na, so wie Sie heute aussehen, hat es einen gewissen Reiz.«
   »Was ist das?«, fragte John und schnappte sich das Plastikkärtchen.
   Sie versuchte ein ernstes Gesicht zu machen, indessen John aufstand, sie böse ansah und vor sie trat.
   »Ich will nicht noch mal fragen müssen«, brummte er.
   Anna tippte mit dem Finger auf seine nackte Brust und John bemerkte, dass diese Berührung etwas in ihm auslöste.
   »Sie, mein lieber John Meyer, werden in den nächsten Stunden die fantastische Wirkung eines Medikamentes mit Namen Viagra erfahren«, platzte es aus ihr heraus.
   John spürte seine Gesichtsfarbe weichen. »Das, das ist …«
   Anna nahm ihren Schlüssel vom Tisch. »Ich muss dringend weg.« Sie ging zur Tür, drehte sie sich noch einmal um und musterte ihn von oben bis unten.
   »Im Grunde ist es die reine Verschwendung. Eine Sünde.« Sie seufzte, bevor sie die Tür aufzog. »Falls es Ihnen schlecht geht, rufen Sie … Nein, rufen Sie besser nicht an. Auf keinen Fall. Sie werden viel zu beten haben. In vierundzwanzig Stunden bin ich wieder da, und dann haben wir einen Grund, über das Zölibat zu reden.« Sie grinste und verließ mit einem Kopfschütteln den Raum.

*

Während ihres Einkaufs am nächsten Tag dachte Anna an John und schämte sich für die Schadenfreude, die sie aufgrund der Tabletten nicht hatte verkneifen können. Hinzu kam ein schlechtes Gewissen, weil sie versuchte, sich von ihm fernzuhalten, seit sie im Westerwald angekommen waren. Es war offensichtlich, dass er sich einsam fühlte. Sie kannte den Grund für ihr Verhalten: Sie hatte bemerkt, dass sie ihn mehr mochte, als ihr lieb war. Er war die meiste Zeit nett und zuvorkommend, wenn er ihr auch nicht alles erzählte, aber das tat sie auch nicht. Jetzt quälte ihn die Isolation, und ihr ging es nicht besser.
   Sie schlenderte durch den Laden, entschlossen, ihm eine Freude zu bereiten und für ihn zu kochen. Sie würde den Abend in seinem Versteck verbringen. Irgendwie sollte es möglich sein, ohne einen Streit und ohne sich unwohl zu fühlen. Sie schaffte es über den Tag, ihre endlosen E-Mails abzuarbeiten und freute sich auf ihn, als sie, beladen mit ihrem Korb, vor seiner Eingangstür stand. Noch bevor sie öffnen konnte, kam John ihr zuvor. Anna war erschrocken über den Anblick, den er bot. Er wirkte trotz der Farbe, die er von der Sonne bekommen hatte, grau im Gesicht und starrte sie düster an.
   »Ich dachte, ich leiste Ihnen heute Abend Gesellschaft.« Zögerlich wollte sie eintreten, aber er versperrte ihr den Weg.
   »Ich bin heute keine gute Gesellschaft. Ich habe wieder Kopfschmerzen.« Er drehte sich um und ließ sie mitsamt dem Korb vor der Tür stehen.
   Sie schleppte die Einkäufe in die Küche, wo sein Geschirr schmutzig herumstand. Offenbar hatte er bereits gegessen. John folgte ihr nicht, also räumte sie alles an seinen Platz und spülte das Geschirr ab. Noch immer war nichts von John zu sehen. Sie lief durch das Wohnzimmer bis zur Verandatür und spähte auf die kleine zugewachsene Terrasse. Dort lag er in einem von der Sonne verblichenen Liegestuhl. Anna inspizierte noch einmal das Wohnzimmer. Johns Sachen lagen überall verstreut, der Laptop war aufgeklappt und auf dem kleinen Wohnzimmertisch stand eine schmutzige Kaffeetasse.
   Sie trat zu ihm hinaus. Er hatte die Augen geschlossen, dennoch nahm sie auf dem Gartenstuhl neben ihm Platz. »Es geht Ihnen schlecht.«
   »Mhm.«
   »Ich wollte gern etwas kochen und Ihnen Gesellschaft leisten. Ich kann mir vorstellen, wie einsam es hier sein muss. Und wegen der Geschichte mit den Tabletten: Das tut mir wirklich leid. Auch, dass ich lachte.«
   John setzte sich auf und warf Anna einen verärgerten Blick zu. »Hören Sie auf. Sie warten doch nur darauf, dass Sie mich dabei erwischen, wie ich einen Fehltritt mache. Das geht schon die ganze Zeit so. Ja, Überraschung: Ich bin auch nur ein Mensch und kein göttliches, unfehlbares Wesen, was ich, nebenbei bemerkt, nie behauptet habe.«
   Sie zuckte zusammen. »Ich wollte Ihnen helfen. Wir sollten dringend miteinander reden.« Anna war besorgt. Er klang übellaunig und aggressiv. So kannte sie ihn nicht, aber er kam ihr zuvor, als sie fortfahren wollte.
   »Sie sind keinen Deut besser als jede andere Frau, die bisher versucht hat, mich von meiner Bahn abzubringen. Nein, Sie jubeln mir sogar Medikamente unter und vorher küssen Sie mich. Ein Wunder, dass Sie sich nicht vor Robert und Claude darüber lustig gemacht haben. Nein. Wir werden nicht reden. Nicht über das Zölibat und auch über keine andere Sache, zu der Ihnen wieder jede Menge unsachlicher Unfug einfällt.«
   Anna sprang auf. »John! Das mit den Tabletten tut mir leid. Es war ein Versehen. Ich habe mich entschuldigt. Und das andere ist einfach nicht wahr. Ich habe nicht versucht, Sie …« Ihr stiegen Tränen in die Augen. Sie erinnerte sich an den Kuss in Zürich. Es war von ihr ausgegangen, und obwohl er ihr einen zweiten gegeben hatte, so hatte er es auch beendet. »Darüber würde ich niemals mit jemandem sprechen.« Sie drehte sich um und ging.

Sollte er doch seinen Frust an sich selbst auslassen. Dafür war sie nicht zuständig. Sie war in friedlicher Absicht zu ihm gegangen, und er brüllte sie an und machte ihr Vorwürfe.
   Am nächsten Morgen fiel ihr ein silbergrauer Passat auf, der gegenüber von ihrem Haus parkte. Die hinteren Scheiben waren getönt. Er stand dort den ganzen Tag und auch die nächste Nacht hindurch. Sie kämpfte sich wieder durch eine Flut von Briefen, nahm am nächsten Tag einen Anwaltstermin wahr, und der Passat blieb weiter an seinem Platz.
   Einen Tag später klopfte es morgens an ihre Tür. Anna saß an ihrem PC und fuhr zusammen. Hoffentlich war John nicht so leichtsinnig, sein Versteck zu verlassen. Sie öffnete die Haustür und entdeckte in ihrem kleinen Wintergarten fünf Polizeibeamte. Die Straße stand voller Autos und auf dem Hof postierten sich weitere Polizisten.
   Ein Mann in einem Anzug hielt ihr einen Zettel unter die Nase. »Frau Gärtner? Es besteht der dringende Verdacht, dass Sie Hinweise darauf haben, wo sich der straffällige Ex-Erzbischof John Meyer aufhält. Hier ist der Durchsuchungsbeschluss.«
   Anna sah ihn erstaunt an. »Wie kommen Sie darauf?«
   »Das sollten Sie über einen Anwalt klären. Wir werden jetzt Haus und Grundstück durchsuchen.«
   Resigniert zuckte sie mit den Schultern. »Bitte. Meinetwegen.« Sie reckte den Kopf zu den Männern am Fuß der Treppe. »Möchte jemand Kaffee?«
   »Frau Gärtner, das ist kein Spaß«, brummte der Mann vor ihr.
   »Mit jemandem einen Spaß treiben bezeichnet, dass dieser Person ein Streich gespielt wird. Und um etwas anderes kann es sich hierbei nicht handeln.« Anna grinste ihn an. »Ich kann auch Brötchen und Wurst besorgen, und ich suche seit zwei Jahren einen Zeitungsartikel, den ich ausgeschnitten habe, über den Missbrauch von Staatsgewalt. Also wenn ihn jemand findet: Lesen und dann zu mir«, rief sie den Polizeibeamten zu.
   Irgendjemand fing an zu kichern.
   »Frau Gärtner«, ermahnte sie der Mann im Anzug.
   »Entschuldigung, wer sind Sie denn überhaupt?« Noch immer eine Treppenstufe höher als er stehend, starrte Anna kritisch auf ihn hinab.
   »Oberstaatsanwalt Komann.«
   »Wie lange bleiben Sie denn? Ich könnte einen Kuchen backen.«
   Wieder ging ein Kichern durch die Beamten.
   »Los jetzt«, forderte der Staatsanwalt die Männer auf.
   Anna trat zur Seite. Sie war sich sicher, dass sie nichts finden würden. In der Küche machte sie sich einen Kaffee. Oberstaatsanwalt Komann folgte ihr.
   »Bin ich verhaftet?«, murrte Anna.
   »Wenn wir nichts finden, dann nicht«, erklärte er.
   Anna setzte sich an den Tisch. »Dann wohl nicht.« Ihr entfuhr ein genervtes Seufzen.
   »Wollen Sie Ihren Anwalt anrufen?«
   »Was würde es ändern?«
   Ein Polizist streckte den Kopf an der Küchentür hinein.
   »Da ist Männerbekleidung im Schlafzimmer und vor der Waschmaschine.«
   Sie sah den Oberstaatsanwalt sauer an. »Wissen Sie, wer ich bin? Dann sollten Sie auch wissen, dass ich vor vier Tagen meinen Lebensgefährten beerdigt habe. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich so nachlässig war, nicht schon alles von ihm wegzuräumen.«
   Der Oberstaatsanwalt nickte dem Polizisten zu, und er verschwand wieder. Dann tauchte der nächste Beamte auf.
   »Oben ist eine Tür verschlossen.«
   Sie zog die Küchenschublade neben sich auf und reichte ihm einen Schlüssel. »Bitte.«
   »Was soll das jetzt?«, stöhnte sie, als ein Beamter ihren PC durch den Flur zur Tür hinaustrug.
   »Wir werden ihn nach verdächtigen Daten durchsuchen«, sagte der Staatsanwalt.
   »Ich bin Autorin. Sie entziehen mir meine Arbeitsgrundlage.«
   »Ihr Mobiltelefon«, forderte der Oberstaatsanwalt unbeeindruckt.
   Sie zog ein uraltes Nokia 5510 aus ihrer Hosentasche.
   »Was ist das?« Komann starrte es an.
   »Bin ein Nostalgiker.« Sie grinste ihn aufgesetzt an.
   »Bachmann?«, rief der Oberstaatsanwalt in den Flur.
   Einer der Polizisten kam um die Ecke. Der Staatsanwalt gab dem Beamten das Mobiltelefon. Der Beamte drückte darauf herum.
   »Das Ding ist sauber. Was kann man damit schon machen?« Er gab es dem Oberstaatsanwalt zurück, der reichte es weiter zu Anna.
   »Telefonieren«, brummte sie.
   »Was haben Sie mit Robert Isaac Palmer zu schaffen?« Der Oberstaatsanwalt fixierte sie.
   »Ich muss Ihnen nichts sagen. Wenn Sie mir etwas wollen, müssen Sie Beweise anführen.« Anna lächelte ihn zuckersüß an.
   »Vielleicht könnten wir es heute hier gütlich klären? Offenbar wurde nichts gefunden. Ich hielt die Hinweise ohnehin für falsch.«
   »Und trotzdem durchsuchen Sie mein Haus? Sie bewegen sich auf dünnem Eis.« So sehr sie sich auch bemühte, ruhig zu bleiben, klangen ihre Worte dennoch wie eine Drohung.
   »Hören Sie, Frau Gärtner. Helfen Sie mir, das hier einfach zu beenden. Dann sind Sie uns wieder los.« Er neigte freundlich den Kopf.
   »Robert Isaac Palmer ist mein Buchagent. Das war es schon.«
   »Und dann kommt er zu der Beerdigung ihres Lebensgefährten und hält die Grabrede?« Der Oberstaatsanwalt schüttelte verwundert den Kopf.
   »Es geht für ihn und für mich um viel Geld. Der Verlag und er erwarten ein neues Buch von mir. Mit anderen Worten: Er ist genau das geldgeile Arschloch, für das ihn alle halten, aber das ist gut für mein Buch. Mit persönlichen Dingen hat das nichts zu tun. Und nur deshalb war er hier: Er wollte sich vergewissern, dass ich schreibe. Er hat mich unter Druck gesetzt.«
   »Das hört sich genau so an, wie ich mir diesen Kerl vorstelle. Ich danke Ihnen. Das mit Ihrem PC wird leider ein bisschen dauern, doch ich sorge dafür, dass Sie Ruhe haben, versprochen. Halten Sie sich von Palmer fern. Gegen ihn wird ermittelt. Frau Gärtner, er hat über seinen Verlag Einzahlungen auf Ihr Konto vorgenommen. Das wird geprüft. Die Konten sind gesperrt.«
   »Was sagen Sie?«, fragte Anna ungläubig.
   »Wir müssen die Konten einfrieren, solange die Zahlungen nicht geklärt sind. Geben Sie mir den Vertrag, den Sie mit Dream around the world Publishing haben.«
   Anna musste schlucken. »Ich habe keine Kopie davon. Er hat den Vertrag noch.«
   Der Oberstaatsanwalt runzelte die Stirn.
   »Erst die Nachricht über den Tod meines Lebensgefährten, dann die Geschichte mit dem Erzbischof und danach noch der Anschlag auf den Washingtoner Flughafen. Ich hatte weiß Gott andere Dinge im Kopf, als mir eine Kopie dieses Vertrages geben zu lassen. Schließlich hat der Verlag ja schon Teilzahlungen vorgenommen.«
   Komann sah sie prüfend an und stand auf. »Dann ist die Sache hiermit für mich beendet.«
   »Hoffentlich nicht Auf Wiedersehen«, murrte Anna ihm hinterher.
   Der Oberstaatsanwalt war schon durch die Haustür, da fand Anna eine Visitenkarte auf ihrem Tisch. Sie war weiß mit schwarzer Schrift. Mit zitternden Fingern drehte sie das Papier um und entdeckte auf der Rückseite in Handschrift: John 8,32. Handelte es sich um eine Notiz von ihm? Kannte er den Chatverkehr von Robert und ihr und wies sie darauf hin? War er ein Mitglied der Chatgemeinschaft FTW, in die Robert sie eingeführt hatte? Oder stand er auf Roberts Gehaltsliste? Doch kein deutscher Oberstaatsanwalt? Sie war völlig durcheinander.
   Anna ging von Raum zu Raum und versuchte, das Chaos zu beseitigen, das die Beamten hinterlassen hatten. Sie war ratlos und traute sich auch nicht zu John. Hoffentlich erwähnte keiner der Nachbarn etwas von der Waldhütte, damit keiner auf die Idee kam, dort zu suchen.
   Schließlich packte sie ein paar Sachen zusammen und fuhr zu ihrer Mutter. Wenn ihr jemand folgte, war das die normalste Sache der Welt. Von dort aus sorgte sie dafür, dass die Auszahlung von Jonas’ Risikolebensversicherung nicht auch noch auf eines der gesperrten Konten lief, um in ein paar Tagen wieder Geld zur Verfügung zu haben.

Kapitel 3
Verzweiflungsakt


   John wartete bereits drei Tage auf Annas Rückkehr. Seine Stimmung wankte zwischen Aggression und Depression, begleitet von üblen Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Zwischen Sit-ups und Liegestützen versuchte er, sich mit Beten abzulenken, aber alles wirkte zunehmend sinnloser auf ihn. Dass er Robert nicht über den Laptop erreichte, verschlimmerte sein Befinden. Er sah sich im Internet stundenlang Nachrichten und Berichte an, über die vergangenen Anschläge und über die Nachforschungen der Korruption und des Betruges in eigener Sache.
   Mit noch schlechterer Laune begann er, sich Sorgen um Anna und auch um Robert zu machen. Am vierten Tag der Einsamkeit entdeckte er einen Bericht darüber, dass man gegen Robert ermittelte, da er mit dem Korruptionsskandal des Bischofs Brown in Zusammenhang gebracht wurde. Jemandem war es gelungen, Robert in Schwierigkeiten zu bringen. Welche Auswirkungen würde das auf Anna haben? ICARUS jedoch hatte Robert eine falsche Fährte gelegt. Die Nachrichten über Johns Auftauchen, dieses Mal in Uruguay, wurden mit Fotos untermauert und Aussagen von Passanten, die bestätigten, ihn dort gesehen zu haben.
   An Tag fünf schaffte John erst um zwölf Uhr, aufzustehen und hatte nicht einmal mehr Lust, sich unter die Dusche zu stellen. Wozu?
   Deprimiert nahm er hinter dem Laptop Platz. Es war ihm zu viel, sich Kaffee zu kochen. Seine Vorräte gingen langsam zur Neige. Wieder erreichte er Robert nicht.
   Im Internet stieß er auf einen Bericht über eine Gruppe von katholischen Fundamentalisten, die sich Catholic Truth nannten und seinen Spruch: ‚Wir haben die heilige Pflicht, Widerstand zu leisten‘ als ihren Leitspruch propagierten. Sie hatten einige kleinere Anschläge in den USA gestartet.
   Kurz starrte er auf die Bilder der Verletzten. Frustriert klappte er den Laptop zu, nahm das Mobiltelefon, das Anna ihm für den Notfall gegeben hatte, und wählte ihre Nummer. Sie meldete sich nicht.
   Mit dem Gefühl von Machtlosigkeit legte er sich wieder ins Bett. Er konnte diesen Zustand der Hilflosigkeit und Untätigkeit kaum länger ertragen.

Abends lag er noch immer im Bett.
   Ein Geräusch vor der Tür ließ ihn zusammenzucken. Als er den Schlüssel im Schloss hörte, sprang er auf und lief in den Flur. Anna stand in der Tür. Ihr Gesicht war fahl und eingefallen.
   »Ich war lange weg. Ich weiß. Da steht ein Korb mit Nahrungsmitteln vor der Tür.« Sie ging an ihm vorbei in die Küche.
   John nahm den Korb und schloss die Tür. In der Küche stellte er ihn ab. Anna hatte auf einem der beiden Stühle am Küchentisch Platz genommen.
   »Schön, dass Sie wieder da sind. Es war furchtbar einsam hier draußen.« Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.
   Anna lehnte sich mit der Stirn auf ihre Hand, während sie den Ellenbogen auf der Tischplatte abstützte.
   »Man hat mein Haus auf Hinweise über Ihren Aufenthaltsort durchsucht. Alles haben sie auf den Kopf gestellt. Ich weiß nicht, wie lange dieses Versteckspiel noch gut geht. Ich weiß auch nicht, ob sie noch was auf dem PC finden, worauf sie sich einen Reim machen können. Ich habe alles, was auf Sie hinweisen könnte, bar bezahlt. Vielleicht kommen sie aber auch auf einem anderen Weg dahinter, dass ich Sie hier verstecke. Ich habe gewartet, bis ich das Gefühl hatte, unbeobachtet hier heraufkommen zu können. Und Sie benutzen das Telefon!« Am Ende ihrer Erklärungen erhob sie ihre Stimme.
   »Ich habe mir Sorgen gemacht.«
   Anna musterte ihn. Noch vor fünf Tagen hätte er sich vor ihr geschämt, dass er unrasiert war, doch heute war es ihm egal.
   »Wohl zu Recht.« Sie sprang auf und sah ihn vorwurfsvoll an. »Wieso mache ich das alles? Wieso lassen Sie es zu?«, rief sie.
   John zuckte zusammen. »Ich will nicht undankbar erscheinen, aber Sie haben mich mehr als gebeten, hier herzukommen«, wehrte er ihren Vorwurf in müdem Ton ab.
   »Und Sie haben es zugelassen. Man hat meine Konten eingefroren. Ich kann nichts mehr tun.« Sie stürmte hinaus.
   Geistesabwesend räumte er den Korb aus. Er fühlte sich verantwortlich dafür, was seinem Bruder zugestoßen war. Er hatte Robert damit Leid zugefügt. Er hatte nicht auf seine Mum geachtet. Er hatte seinem Dad unrecht getan. Was Gott davon hielt, was er in seinem bisherigen Leben alles getan hatte, wollte er lieber nicht wissen. Nun war Anna seinetwegen in Schwierigkeiten. Für das Leid dieser Menschen fühlte er sich schuldig. Es machte seine Kopfschmerzen noch schlimmer. Ein letzter Blick auf die Nachrichten im Internet festigte seine Entscheidung.

*

Anna lief verärgert zurück in den Wald. Fast zu Hause fiel ihr wie Schuppen von den Augen, dass sie den Laptop hatte benutzen wollen, um mit Robert Kontakt aufzunehmen. Das Auftauchen der Staatsanwaltschaft hatte sie erneut in Alarmbereitschaft versetzt. Was, wenn auch ICARUS auf die Idee kam, ihr einen Besuch abzustatten?
   Sie blieb stehen und erinnerte sich daran, wie übel John ausgesehen hatte. Seine Augen hatten jeglichen Glanz verloren. Sie kannte diesen leeren Blick von damals im Hotel in Washington, D.C, als er sie aufgesucht und um Hilfe gebeten hatte. Dieses Zeichen hatte sie damals dazu bewogen, ihm zu helfen. Ihr Handy vibrierte. Die Nummer des Mobiltelefons, das sie John für Notfälle gegeben hatte, wurde angezeigt. Er hatte eine SMS geschickt:
   »Danke für alles, Anna.« Mehr stand nicht da.
   Annas Körper wurde von einer Gänsehaut überzogen. Zwei Mal wählte sie seine Nummer, aber er ging nicht ans Telefon.
   Sie rannte los, zwängte sich durch Dickicht und Gestrüpp. Um Zeit zu sparen, eilte sie in Luftlinie zu seinem Versteck. Abseits des sich durch den Wald schlängelnden Trampelpfades stolperte sie über dicke Wurzeln. Dornenhecken zerrten an ihrem Shirt und kratzen ihr über die Haut. Endlich erreichte sie den Zaun. Völlig außer Atem drückte sie die Türklinke der Holzeingangstür herunter, doch die Tür war abgeschlossen. Wo sollte John hingegangen sein? Hatte er ihr mit der SMS sagen wollen, dass er sich nun allein durchschlug? Hatte er die Hütte verlassen? Sie klopfte fest gegen die Tür.
   »John?« Nichts rührte sich.
   Da sie keinen Schlüssel bei sich trug, lief sie um das Häuschen herum. Das Fenster des Badezimmers war ebenfalls verschlossen. Am Fenster des Schlafzimmers war der Holzladen zugeklappt und von innen verriegelt. Hatte er sich einfach nur schlafen gelegt?
   Anna kam an die Verandatür des kleinen Wohnzimmers. Auch sie war verriegelt. Im Wohnzimmer war niemand zu sehen. Am Küchenfenster spähte sie hinein. Sie drückte die Nase gegen das Glas und sah eine Tablettenverpackung auf dem Tisch liegen. Annas Herz begann zu rasen. Sie erkannte die Verpackung sehr genau. Wieso hatte sie nur den kompletten Inhalt ihres Arzneischrankes mitgebracht? Es hatte schon einmal zu Ärger geführt. Sie rannte zurück an das von den Holzläden verrammelte Schlafzimmerfenster. Mit den Fäusten hämmerte sie dagegen. »John? Wachen Sie auf.« Wieder rührte sich nichts.
   Kurz entschlossen holte sie ein Brecheisen aus dem Werkzeugschuppen. Sie hebelte die Verandatür auf und lief in die Küche. Mit zitternden Fingern nahm sie das Päckchen mit den Bromazanil-Tabletten und öffnete es. Es war leer. Sie hatte diese Schlaftabletten einmal vor Ewigkeiten verschrieben bekommen und nur zwei davon genommen. Das wusste sie genau. Wo waren die restlichen achtzehn Stück? Im Mülleimer fand sie die leeren Tablettenkärtchen. In der Spüle stand ein benutztes Wasserglas. Ihr fiel der Anschlag ein. Sie hatte im Radio davon gehört, bevor sie zu John gegangen war. »Nein. John, nicht.«
   Sie eilte ins Schlafzimmer und drückte auf den Lichtschalter. John lag unter der Bettdecke und schien zu schlafen. Sie zog die Decke zurück und sah den nur noch mit einem Slip bekleideten John vor sich. Anna packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »John? Wachen Sie auf, John!«
   Er drehte benommen den Kopf zu ihr und blinzelte. »Ich kann nicht.«
   »Stehen Sie auf, John!« Anna rüttelte weiter an seinen Schultern.
   »Ich bin so unglaublich müde. Ich kann nicht«, faselte er, ohne die Augen zu öffnen.
   »Haben Sie diese verfluchten Tabletten genommen?« Wieder rüttelte sie an ihm.
   »Mhm.«
   »Wieso nur, John? Alle achtzehn auf einmal?«
   »Ich kann nicht mehr.«
   Anna rannte ins Wohnzimmer, wo sie das Airbook einschalten wollte. Es war noch an, also konnte es noch nicht lange her sein, dass er daran gesessen hatte. Sie sah den Artikel, den er zuletzt gelesen hatte.

»Feldzug katholischer Fundamentalisten, die sich selbst Catolic Truth nennen, im Namen des exkommunizierten Erzbischofs John Meyer gegen den Islam. In San Francisco wurde gestern ein Anschlag auf mehrere Moscheen verübt von einer Gruppierung, die sich die Aussage des exkommunizierten Erzbischofs Meyer zum Leitspruch gemacht hat: Wir haben die heilige Pflicht, Widerstand zu leisten. Es kamen mehr als fünfundsiebzig Menschen ums Leben. Die Tatsache, dass der Erzbischof mittlerweile aufgrund von Korruption und Betrug gesucht wird, hält die Anhänger der Gruppe nicht auf …«

Anna kannte die Vorfälle. Jetzt wurde ihr klar, dass sie ihn nicht so lange hätte allein lassen dürfen. Er war am Ende, und sie platzte herein und machte ihm Vorwürfe. Sie klickte auf das Symbol des Ordens am unteren Bildschirmrand, gab ihr Passwort ein und begann zu schreiben.
   Neomai: Hilfe!
   Das Lamm: Was ist los?
   Neomai: Der Gardvord, Überdosis Bromazanil, achtzehn Stück!
   Das Lamm: Wie lange ist es her? Ist er noch ansprechbar?
   Neomai: Anscheinend noch keine zwanzig Minuten. Er ist müde, aber er gibt mir Antwort.
   Das Lamm: Das Zeug muss raus!
   Neomai: Wie?
   Das Lamm: Hast du Salz?
   Neomai: Ja.
   Das Lamm: Ein Esslöffel in zweihundert Milliliter lauwarmes Wasser und beten, dass es hilft.
   Neomai: Ich weiß nicht, ob ich es reinbekomme.
   Das Lamm: Du musst, und lass ihn nicht aus den Augen. Es droht im schlimmsten Fall Atemstillstand und das Erbrochene könnte ihn ersticken.
   Neomai: Ich sehe nach ihm.
   Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)
   … End of transmission …

Anna hastete in die Küche, ließ warmes Wasser in ein Glas laufen und rührte einen Esslöffel Salz hinein. Zurück im Schlafzimmer zog sie ihm die Decke weg. »Hinsetzen! Sofort!«
   »Anna, nein.« Er blinzelte benommen.
   Sie setzte sich neben ihn auf das Bett. Mit viel Anstrengung zerrte sie an ihm, bis sein Kopf auf ihren Beinen lag und eine annähernd aufrechte Position hatte. Er murrte die ganze Zeit vor sich hin.
   »Machen Sie schon mit, verflucht.« Das Glas zitterte in ihren Händen, als sie es an seine Lippen führte. »Trinken!«
   Er blieb reglos liegen. Entschlossen kippte sie das Glas an.
   »Bah!« John stöhnte nach dem ersten Schluck.
   »Los, mehr.« Anna hob das Glas wieder.
   Nachdem sie ihm die Hälfte der Flüssigkeit eingeflößt hatte, drehte er den Kopf weg.
   »Ich kann nicht mehr.«
   Ihre Fingerkuppen glitten sanft durch sein kurzes Haar. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Entschlossen schob sie ihre Hand auf seine Wange, brachte seinen Mund wieder in Reichweite und setzte das Glas erneut an seine Lippen. »Trinken Sie!« Glücklicherweise schluckte er den Rest. Sie ließ seinen Kopf von ihrem Schoß gleiten. Aus dem Bad holte sie den Putzeimer. Wieder zurück, hing John bereits mit dem Kopf aus dem Bett und übergab sich. Mit einem Seufzer der Erleichterung stellte Anna den Eimer in das Erbrochene. So würde wenigstens der Rest aufgefangen. Sie öffnete das Fenster und ging in die Küche, um sich Putztuch und Reinigungsmittel zu besorgen. Als sie zurückkam, saß John am Fußende des Bettes nach vorn gebeugt, den Eimer zwischen seinen Füßen.
   »Was war bloß in dem Glas?« Er atmete angestrengt.
   »Wasser und Salz. Danken Sie Gott, dass es funktioniert hat.« Anna begann, den Fußboden zu säubern.
   Er übergab sich wieder. Sie betrachtete ihn mitleidig, bevor sie hinausging, um das Putztuch auszuwaschen. Wieder zurück, war John verschwunden. Geräusche drangen aus dem Bad. Den Eimer hatte er mitgenommen. Sie reinigte den Rest des Fußbodens und zog das Bett ab, obwohl es keine sichtbaren Spuren seiner Übelkeit abbekommen hatte. Mit der Säuberung fertig, begann sie wieder, sich Gedanken um John zu machen. Sie lief zum Badezimmer und klopfte an die Tür. »Alles in Ordnung da drin?«
   Anna bekam keine Antwort, also trat sie einfach ein. John stand vor dem Waschbecken und hielt sich daran fest. Mit fahlem Gesicht sah er zu ihr auf.
   »Bitte. Gehen Sie wieder. Sie haben genug für mich getan. Es sollte ein Ende haben«, flüsterte er mit rauer Stimme.
   Sie sah den kalten Schweiß auf seiner Stirn und schüttelte den Kopf. »Nein. Den Fehler, dich allein zu lassen, mache ich gewiss nicht noch einmal.« Sie holte ein Tuch aus dem Badezimmerschrank und trat dicht neben ihn, um es am Wasserhahn zu befeuchten. Fürsorglich wischte sie ihm damit durchs Gesicht.
   Er starrte sie hilflos an. »Keine Vorwürfe?«
   Anna lächelte sanft. »Das vertagen wir.« Sie machte sich selbst Vorwürfe. Wieso hatte sie diese verdammten Tabletten da gelassen? Wieso hatte sie ihn so lange sich selbst überlassen? Sie nahm ihn bei der Hand. »Leg dich hin.«
   Er legte seinen Arm um ihre Schulter, und sie half ihm zurück ins Schlafzimmer, wo er auf das Bett kroch. Anna breitete die Decke über ihm aus. Er hatte die Augen bereits geschlossen.
   »Was passiert jetzt?«, flüsterte er.
   Anna setzte sich auf die Bettkante. Es gab keine andere Sitzgelegenheit in dem winzigen Raum. Behutsam legte sie die Hand auf seinen Kopf. »Du schläfst dich aus. Ich passe auf.«
   Er atmete schwer. Eilig holte sie das Airbook und setzte sich wieder zu ihm. Er schien bereits fest zu schlafen. Sie öffnete den Chat von FTW.
   Neomai: Alles raus.
   Das Lamm: Gott sei Dank.
   Neomai: Was jetzt?
   Das Lamm: Lass ihn nicht aus den Augen.
   Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)
   … End of transmission …

Anna verließ den Chat. Zu ihrer Beruhigung schaltete sich gleich darauf Robert auf den Laptop:
   FTW832: Was, zum Teufel, ist bei euch los?
   Unbekannt: Das fragst du mich? Mein Haus gleicht einem Schlachtfeld. Mein Geld ist weg und † läuft Amok.
   FTW832: Sorry. :-(.
   Unbekannt: Wie geht es dir?
   FTW832: Danke gut, Goldkind. :-). Es ist turbulent, aber zu bewältigen.
   Unbekannt: Wieso haben sie dich jetzt auch im Visier?
   FTW832: Ich habs im Griff. Nur noch ein paar Tage. Es musste sein, jetzt hab ich Akteneinsicht.
   Unbekannt: Hast du auch mal an mich gedacht?
   FTW832: Glaub mir, ständig. Ich war so damit beschäftigt, ICARUS auf eine falsche Fährte zu führen … Jetzt hast du deine Ruhe. Ich hab dafür gesorgt.
   Unbekannt: Soll ich dir glauben?
   FTW832: Bitte :-).
   Unbekannt: Gehen wir davon aus, dass du mal die Wahrheit sagst … Was nun? Er ist fix und fertig. Ich auch. Wir brauchen hier deine Hilfe.
   FTW832: Mir fällt etwas ein. Lass mir Zeit bis morgen früh.
   Unbekannt: Bis dahin hat er seinen Rausch ausgeschlafen.
   FTW832: Gut.
   Unbekannt: Er muss hier raus. Egal wie. Wenn ich endlich wüsste, was ihm, abgesehen von den derzeitigen Ereignissen, noch so schwer zu schaffen macht, wäre das eine Hilfe.
   FTW832: Ich kann es dir nicht sagen. Das muss er tun.
   Unbekannt: Dann bis morgen früh.
   FTW832: Du? :-)
   Unbekannt: Was noch?
   FTW832: Schlaf schön, Goldkind.
   Unbekannt: Man hat mir gesagt, ich solle mich von dir fernhalten …
   FTW832: Nicht doch. :-(.
   Unbekannt: Schlaf schön.
   Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch freimachen. (Johannes 8, 32)
   … End of transmission …

Draußen war es dunkel geworden. Anna betrachtete John im dämmrigen Licht der Nachttischlampe. Seine Haut wirkte fahl. Er lag reglos und atmete regelmäßig. Ihr gingen die Augenblicke durch den Kopf, in denen sie nicht gestritten hatten und füreinander da gewesen waren. Sie erinnerte sich daran, wie er in Madrid den Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, mit den Worten, er brauche einen Freund. Im Grunde hatten sie die ganze Zeit aufeinander achtgegeben. Er war in Zürich für sie da gewesen, als sie einen Vertrauten gebraucht hatte.
   Sie klappte das Airbook zu und legte es zur Seite. Ihre Finger strichen sanft durch Johns kurzes Haar. Er schlief unbeirrt weiter. »Wo soll das alles hinführen?«
   Für Anna zählte schon immer, was im Jetzt geschah. Es ist nutzlos, sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die noch nicht eingetreten sind. Das hatte sie oft zu Jonas gesagt. Irgendwann war es ihnen tatsächlich gelungen: Sie hatten sich nicht von Gedanken an Eventualitäten lähmen lassen und den Moment genossen, soweit es eben möglich war.
   »Wir leben heute, John. Keiner weiß, was morgen ist.« Seufzend stand sie auf und schlüpfte aus der Jeans. Danach kroch sie neben ihn in das schmale Bett unter die Decke. Ihm zugewandt stützte sie den Kopf auf den Ellbogen, um ihn weiter zu betrachten. Zögerlich legte sie eine Hand auf seine Brust. Sie versuchte, darauf zu achten, dass seine Atmung nicht aussetzte.

Kapitel 4
Inquisition

Anna erwachte und es war bereits hell draußen. John war verschwunden. Alarmiert sprang sie auf und begann, ihn zu suchen. Sie fand ihn auf der Veranda. Mit einer schwarzen Shorts bekleidet stützte er sich auf das Geländer und sah auf die Wiese, die in einiger Entfernung am Waldrand endete. Sie trat hinter ihn und stellte beruhigt fest, dass er geduscht und sich rasiert hatte. Es gab ihr ein bisschen Normalität. Er drehte sich nicht zu ihr herum. Sie betrachtete die etlichen kleinen Narben auf seinem Rücken und fragte sich abermals, was er an schrecklichen Erlebnissen mit sich herumschleppte.
   Entschlossen, aus der verfahrenen Situation das Beste zu machen, tat sie das, wonach ihr gerade der Sinn stand. Sie trat dicht hinter ihn. Die Wange sachte gegen seinen warmen Rücken schmiegend, schlang sie die Arme behutsam um ihn. Die Hände legte sie auf seine Brust. Anna erkannte zu ihrer Beruhigung, dass er diese intime Berührung gestattete. Zaghaft drückte sie sich gegen ihn. Fühlte ihn atmen. Spürte sein Herz schlagen. Ihre Gedanken gaukelten ihren Emotionen vor, wie es sich angefühlt hätte, ihn zu verlieren. Ihn so zu berühren, war wie ein Elixier, das den Schmerz linderte. Anna konnte gerade noch verhindern, dass Tränen in ihr aufstiegen. Sie schluckte hörbar. »Guten Morgen. Ausgeschlafen?«
   Er richtete sich auf und legte seine Hände über ihre. Seine Fingerkuppen strichen einige Male über Annas Handrücken. Dann war er es, der hörbar schluckte.
   »Es geht nicht mehr«, flüsterte er.
   Anna schmiegte sich noch fester an ihn, als würde es etwas nützen, ihn so festzuhalten, um nicht von ihm weggestoßen zu werden. »Was genau?«
   »Ich kann mich nicht verstecken. Ich kann hier nicht allein herumsitzen und warten. Ich werde wahnsinnig. Du hast gesehen, wohin das führt.«
   Sie lauschte seiner gedämpften Stimme und war erleichtert, dass er nicht die Nähe zu ihr aufgezählt hatte. »Deshalb wirst du auch nicht mehr allein hier herumsitzen. Und untätig werden wir auch nicht mehr sein.«
   Er nahm ihre Hände in seine und zog sie sanft von sich weg. Anna erwartete, dass er sich aus der Berührung löste. Zu ihrer Überraschung drehte er sich zu ihr um und schloss sie fest in seine Arme. Während er ihr über den Rücken strich, drückte er ihr einen Kuss auf den Haarschopf.
   Ihre Gefühlswelt geriet vollends in Unordnung angesichts dieser Berührungen, auch wenn sie sie selbst verursacht hatte. Sie roch den Duft seiner Haut. Seine Wärme drang an ihr Gesicht. Sie spürte wieder das Herz in seiner Brust schlagen. Sie gehörte nicht an diesen Ort. Was sich so richtig anfühlte, konnte falscher nicht sein. Dennoch war sie in diesem Augenblick nicht bereit, etwas dagegen zu unternehmen.
   »Ich kann es nicht wiedergutmachen, niemals.«
   Sie strich seinen Rücken hinab, ihren Kopf weiterhin an seine Schulter gelehnt. »Niemand erwartet das von dir. Es geht um Menschlichkeit. Sie ist nicht verhandelbar. Damit rechnet man nicht auf.« Anna seufzte, wohl wissend, dass sie diesen Augenblick nicht würde festhalten können.
   »Du redest wie Robert.«
   »Das rückt ihn ausnahmsweise in ein gutes Licht. Und das aus deinem Mund.« Der Gedanke an Robert holte sie zurück in die Wirklichkeit. Sie sammelte ihre Sinne.
   »Wenn ich mir nicht sicher wäre, dass Robert ehrenhafte Absichten verfolgt, und zwar immer, dann wäre er nicht mein bester Freund.«
   Anna löste sich sanft aus der Umarmung. »Robert ist das Stichwort. Er wollte irgendetwas bewirken, damit das hier ein Ende hat. Ich werde ihn kontaktieren. Zuerst aber gibt es Frühstück. Ich kümmere mich darum und du räumst auf. Sonst wird mir das unheimlich. Du lässt niemals etwas herumliegen.« Anna lächelte sanft.
   Er sah sie betroffen an. »Hört sich gut an.«

Anna zauberte ein Frühstück auf den kleinen Tisch auf der Veranda. Sie setzte sich und nahm nachdenklich einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Was sollte sie mit ihm anstellen? Was hätte sie dafür gegeben, Jonas befragen zu können. Aber er war weg, einfach weg. Und auch ihre sonderbaren Erlebnisse mit den sogenannten Geistern – was sie den PSI-Effekt nannte – im Hinblick auf Jonas blieb jegliches Bauchgefühl aus. Er hatte einfach aufgehört zu existieren. Sie wollte zur Normalität zurückkehren, doch was war in ihrer Situation schon normal?
   John hatte sich ein Shirt übergezogen und setzte sich neben Anna auf die Gartenbank, ohne sie anzusehen. Der Vorfall war ihm sichtlich unangenehm. Sie konnte ihn verstehen und hätte nicht in seiner Haut stecken wollen. Er kannte sie lange genug, um zu wissen, dass sie nicht zögern würde, ihn auf seine Tat anzusprechen.
   »Hey, das sieht besser aus als in jedem Hotel.«
   Anna war sich sicher, es war ein reines Ablenkungsmanöver. »Danke für die Blumen.«
   John trank einen Schluck Kaffee. Sie sah aus den Augenwinkeln, dass er die Hände zu einem Gebet faltete. Anna starrte weiter geradeaus auf die Wiese und den Waldrand. Die Demonstration seiner Eigenarten half ihr, keine weiteren Gedanken an die zuvor gefühlte Nähe zu verschwenden. Sie nahm sich eine Scheibe Brot. Nach Essen war ihr im Grunde nicht. Er griff sich ebenfalls Brot.
   »Wir müssen reden«, sagte Anna leise.
   John stöhnte. »Sagenhaft. Bis eben war es ein schöner Morgen. Schon kommt die Inquisition dahergeritten.«
   »Ich würde die Bezeichnung Exorzist bevorzugen. Macht sich gut in meinem Lebenslauf.«
   »Womit willst du anfangen? Willst du mir vorhalten, ich hätte gegen das sechste Gebot verstoßen? Mach dir keine Sorgen um mein Seelenheil«, sagte John kühl. »Halten wir es so: Wer mein Wort hört und an den glaubt, der mich gesandt hat, der wird ewig leben. Ihn wird das Todesurteil Gottes nicht treffen, denn er hat die Grenze vom Tod zum Leben schon überschritten.« Seine Augen blitzten sie angriffslustig an.
   »Dann ist das ja geklärt. Prima.« Anna griff unbeeindruckt nach ihrer Kaffeetasse.
   »Und das war es schon? Wo bleibt die zynische Bemerkung?« John starrte sie an.
   »Die tatsächlich angebracht gewesen wäre«, beendete Anna seinen Satz und sah ernst zurück. »Du versuchst, einen Streit vom Zaun zu brechen. Warum?«
   »Und du versuchst, ihn mit allen Mitteln zu verhindern. Selbst warum?«
   »Du bekommst zu beidem die Antwort von mir: Ich mache mir ernsthafte Sorgen um dich und werde einen Teufel tun, mich von dir provozieren zu lassen. Das machst du nur, damit du nicht mit mir über deine Tat reden musst. Da hast du Pech, mein Lieber. Du musst da durch, es sei denn, mich trifft der Blitz oder der Erdboden verschluckt dich. Ansonsten gibt es nur uns und dieses leidige Thema.«
   »Schade, dass Isidoros Engel nicht mehr im Dienst sind.« Ihm entfuhr ein tiefer Seufzer.
   »Wieso?«
   »Vielleicht wäre die Lösung mit dem Blitz infrage gekommen.«
   »John, bitte.« Sie fixierte ihn und er senkte den Blick.
   »Was willst du hören? Ich komme mir doch ohnehin vor wie ein Idiot. Soll ich das noch weiter vertiefen?«
   »Das ist das Letzte, was ich will«, flüsterte sie und ergriff seine Hand. »Ich will mir einfach sicher sein, dass es nicht noch einmal passiert. Was, wenn ich dann nicht da bin? Wenn keiner da ist?«, erklärte sie mit gedämpfter Stimme.
   »Das ist eigentlich der Sinn der Sache«, flüsterte John in bissigem Tonfall zurück.
   »Dann fange ich einfach an: Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man bereit ist, diesen Schritt zu gehen.«
   Er blinzelte sie irritiert an. »Wie meinst du das?«
   »Ich war auch mal so weit. Nur hatte ich anderes im Sinn als du. Ich wollte vorher noch ein bisschen fliegen.«
   John öffnete den Mund.
   »Vergiss es. Ich werde das nicht konkretisieren. Keine Chance.« Sie schüttelte den Kopf.
   »Was hat dich aufgehalten?«, fragte er.
   Anna lächelte ihn an. »Mein verfluchtes Pflichtbewusstsein. Mein Mitgefühl für jene, die darunter zu leiden gehabt hätten. Es gibt Zeiten für Egoismus und es gibt Zeiten, in denen dieser zurücktreten muss und in denen wir für andere einstehen. Auch bei solchen Entscheidungen oder gerade bei solchen Entscheidungen.« Anna zog ihre Hand zurück und legte behutsam ihren Arm um seine Schulter.
   Er verharrte stocksteif neben ihr. »Du hast keine Ahnung, was in meinem Kopf vorgeht.«
   »Nein, tatsächlich nicht. Deshalb würde ich ja gern darüber reden.«
   »Mein Bruder. Ich fühle mich verantwortlich für seinen Tod. Meine Mum und … Und gestern diese Nachrichten von dieser Catholic-Truth-Bewegung. Auf wen hätte ich noch Rücksicht nehmen sollen? Wer würde mich vermissen?«
   »Du willst mich wirklich mit allen Mitteln wütend machen. Gleich ist es geschafft.« Anna atmete tief durch.
   »Was habe ich falsch gemacht?«
   »Was ist mit den Menschen, die an dich glauben? Was ist mit Robert und eurem Plan? Ihr habt doch ein gemeinsames Ziel.« Sie stockte einen Augenblick. »Und was ist mit mir?«
   In Johns Gesicht war Verunsicherung zu lesen. »Mit dir? Als du das letzte Mal mit mir geredet hast, hatte ich nicht den Eindruck, dass du besonders viel Wert auf meine Anwesenheit legst.« Seiner Stimme war anzuhören, wie verstört er darüber war.
   Anna starrte auf die Wiese. »Mir wächst das über den Kopf. Ich war gereizt. Das hatte nichts mit dir zu tun, wirklich. Robert hätte das abbekommen müssen. Er manipuliert und instrumentalisiert alles und jeden und sagt nicht einmal Bescheid. Er hat sich in den Korruptionsskandal reinmanövriert, um Akteneinsicht zu erhalten. Er kommt da sicher unbeschadet raus, aber deshalb stand die Staatsanwaltschaft vor meiner Tür, hat meine Konten gesperrt und kam auf die Idee, nach Hinweisen bezüglich dir bei mir zu suchen. Was denkst du, wie man sich da fühlt?«
   »Und ich? Ich lebe seit Wochen damit, darauf angewiesen zu sein, dass mir jemand hilft. Keinen Dollar in der Tasche, kein Zuhause mehr, keine Kontakte zu irgendjemand.« John schluckte.
   »Mhm.« Sie lehnte sich mit der Stirn an seine Schulter.
   »Hab ich dich deshalb jemals angefeindet?«
   Anna seufzte. »Als ich mit meinem Friedensangebot kam, warst du nicht gerade nett.«
   »Du hattest es nicht verdient, nach der Geschichte mit den Schmerztabletten. Das war mehr als übel.«
   »Mhm.«

*

John betrachtete sie. »Könntest du wohl so nett sein und mehr als: Mhm sagen? Das macht mich nervös.«
   Anna zog ihre Hand zurück und stand auf. Sie holte tief Atem, als wollte sie etwas sagen. Dann aber ging sie in die Küche und kam mit einer vollen Kaffeetasse zurück. Auf der Veranda lehnte sie sich gegen das Geländer.
   »War es das mit dem Exorzismus?« Er sah schuldbewusst zu ihr auf.
   Anna starrte auf die Tasse in ihrer Hand.
   Er stand auf und stellte sich vor sie. »Was ist mit dir?«
   »In Bezug auf was?«
   »In Bezug auf mich und das, was beinah geschehen wäre.«
   Anna warf ihm einen verwirrten Blick zu. »Ich bin dir aus dem Weg gegangen, seit wir hier angekommen sind.«
   »Ich werde gesucht. Ich dachte, du bist so wenig hier, um mein Versteck nicht zu gefährden.« Er neigte verwundert den Kopf.
   »Das ist nicht der wahre Grund.« Anna fuhr sich durch ihr langes Haar.
   »Sondern?«
   »Weil, ach, verflucht noch mal. Du hast mir gefehlt.«
   Schweigend sah er ihr in die Augen.
   »Ich hätte doch froh sein müssen, dich los zu sein. Stattdessen fehlst du mir. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie es ist, wenn du plötzlich einfach wieder verschwunden bist. Dann sagst du so etwas und ich frage mich, ob du nicht recht hast.«
   »Was habe ich gesagt? Was meinst du?«
   »Sie sind keinen Deut besser als jede andere Frau, die bisher versucht hat, mich von meiner Bahn abzubringen«, wiederholte Anna seine Worte.
   »Ich war wütend. Das war Blödsinn. Das weißt du selbst am besten.«
   »Mhm.«
   John nahm ihr sanft die Kaffeetasse aus der Hand und stellte sie auf den kleinen Tisch. Dann trat er wieder vor sie und hob Annas Kinn sanft an, damit sie ihn ansehen musste. »Warum bist du jetzt hier?«
   »Was für eine saublöde Frage.« Anna ergriff sein Handgelenk, um seine Hand von ihrem Kinn zu nehmen.
   »Könnte ich die saublöde Antwort trotzdem hören?«
   »Gibst du dann endlich Ruhe?« Anna drehte sich um und starrte auf den Waldrand. »Ich bin hier, weil ich mir Sorgen mache. Was, wenn du Erfolg hast mit dem, was du gestern versucht hast. Und es mir nicht egal ist.«
   John kam nah hinter sie und legte die Arme um sie.
   »Weil du mir nicht egal bist.« Ihre Stimme klang kratzig.
   »Das ist mir klar. Was daran ist ein Problem?«, flüsterte John.
   »Das Problem ist Zürich.« Anna lehnte sich mit dem Rücken an ihn.
   »Vergiss Zürich. Du warst nicht bei Sinnen. Und wenn du schon dabei bist, vergiss Madrid auch.« John legte sein Kinn auf ihrem Haarschopf ab.
   »Wenn das immer alles so einfach wäre.« Anna seufzte.
   »Ich verspreche, dass ich keine Dummheiten mehr mache.«
   »Ich auch.«

*

Johns Arme legten sich fester um sie. Zu gern hätte Anna die Berührung genossen. Wiederum aber schaltete sich ihr Verstand ein und obsiegte.
   »Du musst mich jetzt loslassen. Ich will sehen, was Robert zu sagen hat«, flüsterte sie.
   John ließ sie los, und Anna setzte sich im Wohnzimmer auf den Stuhl vor den Laptop. Er stellte sich hinter sie und sah ebenfalls auf den Bildschirm.
   Unbekannt: Klopf, klopf.
   Es dauerte eine Weile.
   FTW832: Boah. Mal auf die Uhr geschaut? :-(
   Unbekannt: Hier ist herrlicher Sonnenschein. :-)
   FTW832: Es ist Nacht.
   Unbekannt: Sag bloß, du schläfst manchmal?
   FTW832: Gelegentlich.
   Unbekannt: Wie sieht nun deine Lösung für unser Problem aus?
   FTW832: Ich bin nicht fertig damit.
   Unbekannt: Pfui.
   FTW832: Ich kann keine Wunder vollbringen. Da musst du dich an † wenden …
   Unbekannt: Und was jetzt?
   FTW832: Macht euch einfach einen netten Tag. Ich melde mich, wenn ich so weit bin.
   Unbekannt: Aha. Wir wären so weit.
   FTW832: Danke für den Hinweis.
   Unbekannt: Kann ich wenigstens erfahren, was du vorhast?
   FTW832: Überraschung.
   Unbekannt: Mag ich nicht.
   FTW832: Pech.
   Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)
   … End of transmission …

»Was ist dem denn über die Leber gelaufen?« Anna schüttelte verwundert den Kopf.
   John legte seine Hände auf ihre Schultern. »Du hast ihn erwischt.« In Johns Stimme klang ein Lächeln mit.
   »Bei was?« Anna ertappte sich dabei, dass sie die Nähe genoss, die er wieder einging. Es war genau die Art von beiläufigen Berührungen, die sie bei Jonas so oft vermisst hatte. Es war einfach nicht seine Art gewesen. Sich bei dem Gedanken erwischend, dass sie Jonas und John verglich, erschrak sie. Es gehörte sich einfach nicht. Wie kam sie auf so etwas?
   »Er hatte mal keine perfekte Lösung über Nacht. Das kann er nicht leiden.« John klang amüsiert.
   »Wir machen uns einen netten Tag auf Anweisung von Robert.« Sie stand auf, nicht zuletzt, um den Händen auf ihren Schultern zu entgehen.
   »Wie sieht ein netter Tag aus, hier in dieser Einöde?« John stöhnte desillusioniert.
   »Wir arbeiten etwas. Dann gehen wir schwimmen und lassen das Ganze unter klarem Sternenhimmel ausklingen.«
   »Was arbeiten wir?«
   Sie zog ein Blatt Papier und einen Stift hervor und setzte sich damit auf das Sofa. In Druckbuchstaben schrieb sie ICARUS darauf.
   »Wir sammeln, was wir wissen und versuchen, die Lücken zu füllen. Wir haben den Anschlag in Zürich. Wir haben das Attentat auf dich. Wir haben den Washingtoner Flughafen. Ich sah dort den Mann. Er hatte denselben Auftraggeber wie der Attentäter, den sie auf dich angesetzt hatten. Da bin ich mir sicher. Du hattest eine Morddrohung von ICARUS. Der Anschlag in Zürich trug ihre Handschrift. Jonas hatte irgendetwas entdeckt. Es hatte mit ICARUS zu tun. Alles hängt irgendwie zusammen.« Sie malte nachdenklich auf dem Blatt herum.
   »Roland Sonnenschein hängt mit drin. Und ich vermute auch Bischof James Brown.« John setzte sich interessiert neben sie an den Wohnzimmertisch, um auf das Blatt zu sehen.
   »Also ist diese Betrugsgeschichte auch von ihm losgetreten worden, damit du verschwindest?«
   Er schüttelte den Kopf. »Er ist ein mieser, korrupter Typ. Ich hätte gern etwas gegen ihn unternommen, hatte aber nie etwas in der Hand. Ich denke jedoch nicht, dass er seinen eigenen Untergang in Kauf nehmen würde, um mir zu schaden.«
   Sie schrieb den Namen des Bischofs auf das Blatt und ergänzte am unteren Rand noch die Akronyme von den ihr bekannten Organisationen, die sie mit ICARUS in Verbindung brachte: Catholic Truth, RIP, WAY und Inschallah.
   »Es gibt noch FTW. Das sind Freunde von Robert. Ein paar kennst du aus dem Chat.«
   Anna ergänzte ihre Aufzeichnungen. Sie sprang auf, holte ein Päckchen Klebezettel aus der Laptoptasche und beschriftete sie mit Namen, bevor sie sie auf dem Wohnzimmertisch positionierte. Auf einen der Zettel schrieb sie den Namen, den Robert für John benutzte: Jake.
   »Wohin gehörst du?« Erkundigte sie sich.
   Zögerlich deutete er auf FTW. »Wieso hast du Catholic Truth und Inschallah nach unten an den Rand geschrieben?«
   »Nenne es Intuition: Sie haben nichts mit all dem zu tun. Wir sollen es glauben, aber ICARUS ist der Kopf der Sache. Und sonst keiner.«
   Er nahm ihr den Zettelblock aus der Hand und begann zu schreiben: Curie, Mario Venducci - Mafia, Deutscher Bundeskanzler, Vizepräsident USA, israelischer Minister.
   »Jetzt bist du bereit auszupacken, wie?« Sie lächelte, und er klebte die Zettel unter ICARUS.
   Sie tippte mit dem Zeigefinger auf RIP, Roberts Konzern. »Robert hat undichte Stellen. Das ist bei der Größe seines Unternehmens nicht zu vermeiden. Er muss herausfinden, wo Informationen rein- und rausgehen. In FTW sind Mitglieder, die in die anderen Gruppierungen gehören. Wir sollten versuchen, sie zuzuordnen und ausfindig zu machen.« Anna schrieb die Chatnamen auf. Das Lamm klebte sie zu FTW, ebenso wie Wächter Vaughn. Den Hüter der Finsternis klebte sie zu Inschallah.
   John starrte auf die Klebezettel. »Die vier Reiter der Apokalypse: Ich denke, ich kenne sie jetzt.« Damit spielte er auf das an, was einer ihrer Verfolger ihnen in Florida zugeraunt hatte, bevor sie ihn verwundet zurückgelassen hatten.
   »Ich höre?«, fragte Anna erwartungsvoll.
   »Sie gemeinsam sind ICARUS. Es ist die Waffenindustrie, also WAY, es sind fundamentalistische Christen, bis hinauf in die Curie, es sind Politiker, die mit in mafiösen Geldwäschegeschäften hängen, und es sind Industrielle.«
   »Ich denke, du hast die Drogenmafia vergessen. Was bezwecken sie?«
   »Ich habe keinen Schimmer. Jedenfalls schüren sie den Hass der christlichen Welt gegen die Islamisten. Das ist gefährlich. Aber ich weiß, was sie alle miteinander verbindet.« Er biss sich auf die Unterlippe.
   »Was verbindet sie?«
   »Die Bank.«
   Sie war irritiert von seinem geheimnisvollen Flüstern. »Welche Bank?«
   »Die Vatikanbank.« Er seufzte leise.
   »Der Plan von Robert und dir hat nicht zufällig etwas damit zu tun?«
   John nickte. »Nein, wo denkst du hin?«
   Sie blinzelte ihn verwirrt an und beschloss, die sonderbare Antwort zu ignorieren. »Wenn sie für Unruhe sorgen und Anschläge verursachen, die anderen Gruppierungen zugeschrieben werden, was haben sie davon?«
   »Sie bringen die gläubigen Menschen in die Kirchen und hetzen sie gegeneinander auf. Sie verdienen an der Aufrüstung. Was hab ich vergessen?« Er grübelte und sah wieder auf das Blatt.
   »Du hast die wachsende Bereitschaft zur Überwachung vergessen.«
   »Wie meinst du das?«
   »Denk mal darüber nach, was nach dem 11. September 2001 geschehen ist.«
   Bei diesem Datum wich ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht. Sie wunderte sich über die heftige Reaktion, fuhr aber mit ihrem Gedankengang fort. »Die Bereitschaft der Menschen, sich völlig kontrollieren und ausspionieren zu lassen, ist seit dem stetig gestiegen, weil sie darauf vertrauen, dass man solche Katastrophen damit verhindern kann. Weißt du, wie viele Städte mittlerweile videoüberwacht werden? Die biometrischen Passfotos wurden eingeführt, Fingerabdrücke, Leitungen werden abgehört, Briefe registriert, PCs ausspioniert. Ich erinnere mich an den Skandal mit der NSA in Deutschland. Alles unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung. Es gibt keine größere Firma mehr, die nicht in der Lage ist, alles, was in ihrem Gebäude vor sich geht, vollständig zu überwachen. Du kannst jedes Handy orten und die meisten Autos haben GPS-Sender. Unsere Bankkonten sind online. Wir benutzen ständig die Kreditkarte. Alles wird gesammelt und registriert. Stell dir vor, jemand benutzt diese Daten nicht zur Terrorbekämpfung. Stell dir vor, jemand benutzt sie für den Terror.«
   Er sah sie beunruhigt an.
   »Hab ich mal wieder übertrieben?« Anna lächelte verlegen.
   »Nein, du machst mir Angst. Wir wissen nicht, wer alles hinter ICARUS steckt. Stell dir vor, sie sind mächtig genug, zu tun, was du da sagst?«, sagte John mit gedämpfter Stimme.
   Sie stand auf und reckte sich. »Weißt du was? Ich neige bei diesen Dingen oft zur Übertreibung. Fakt ist: Robert weiß mehr als wir. So kommen wir nicht weiter. Ich will seine Informationen. Ich werde noch nach einer Sache im Internet suchen.« Sie setzte sich vor den Laptop.
   »Ich muss nachdenken. Ich lege mich noch ein wenig hin. Und nur nebenbei: Ich werde mich nicht in diesen Teich voller grüner Wasserlinsen begeben. Egal, mit welcher Konsequenz«, kündigte John an und ging ins Schlafzimmer.
   »Das werden wir noch sehen.« Sie grinste ihm hinterher, danach begann sie ihre Arbeit. Sie erschrak, als irgendwann ein leises Piepen des Laptops zu hören war: Robert meldete sich wieder.
   FTW832: Klopf, klopf. :-)
   Unbekannt: Ausgeschlafen?
   FTW832: Ja. Sag mal, was zur Hölle suchst du da? Braucht † einen Anzug?
   Unbekannt: Nein, ich hatte eine andere Idee und ich denke, ich bin fündig geworden.
   FTW832: Hilf mir auf die Sprünge.
   Unbekannt: Ich glaube, ich habe den Hersteller der Anzüge gefunden, die mir aufgefallen sind bei dem Attentäter, der es auf John abgesehen hatte, und dem Mann im Flughafen. Ich schicke dir den Link. Du hast doch sicher einen Nerd, der herausfinden kann, wo die Sachen verkauft werden?
   FTW832: Das ist wie die Nadel im Heuhaufen.
   Unbekannt: Mag sein, aber wer kauft sich gleich mehrere dieser hässlichen Dinger? Es ist ein Versuch. Ich habe nicht mehr Informationen. Kannst du mir welche geben?
   FTW832: Nicht so. Das ist mir nicht sicher genug.
   Unbekannt: Dann kann ich nicht mehr machen?
   FTW832: Ich fürchte nein. Pass auf † auf. Das ist mehr als genug.
   Unbekannt: Das ist frustrierend.
   FTW832: Ich weiß. Ganz ehrlich?
   Unbekannt: Was?
   FTW832: Wäre schöner, wenn du auf mich aufpassen würdest …
   Unbekannt: Ich denke, du bist mir zu launisch.
   FTW832: ???
   Unbekannt: :-)
   FTW832: Der Plan für euch steht fast.
   Unbekannt: Kann ich dann erfahren, wie dieser ominöse Plan aussieht?
   FTW832: Nein. :-)
   Unbekannt: Was soll es mir dann bringen?
   FTW832: Morgen früh geht’s los.
   Unbekannt: Aha.
   FTW832: Seid um acht Uhr in deinem Haus. Und keine Angst, ich hab es im Griff. :-)
   Unbekannt: Wieso beruhigt mich das nicht?
   FTW832: Vertrauen ist etwas Tolles …
   Unbekannt: Oh, ja.
   Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)
   … End of transmission …

Kapitel 5
Jake Cunningham

John und Anna erreichten das Haus um vier Uhr in der Nacht. Sie beschlossen, in der Küche einen Kaffee zu trinken, anstatt sich wieder hinzulegen. Sie hatten den Nachmittag und den Abend faul in der Sonne verbracht und es geschafft, hitzige Auseinandersetzungen zu vermeiden. Sogar auf das Schwimmen in dem mit Wasserlinsen verseuchten Teich hatten sie einstimmig verzichtet.
   Anna hatte sich getraut, den Laptop mitzunehmen, um mit Robert in Kontakt treten zu können, falls es nötig werden sollte. Das Thema ICARUS beschäftigte sie noch immer. »Was könnte Jonas herausgefunden haben, dass man bereit war, ihn dafür zu töten?« Sie seufzte.
   »Vielleicht hat das Wissen um die Existenz der Gruppierung genügt.«
   Anna neigte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Ich denke, es wissen mittlerweile einige darüber Bescheid. Sie haben dir einen Drohbrief geschickt, in dem sie sogar ihren Namen nannten. Das war nicht der Auslöser. Er hat in irgendetwas herumgestochert. Aber worin? Wenn ich nur seinen Laptop hätte.«
   »Was ist mit diesem Stick an deinem Schlüsselbund? Hat der Oberstaatsanwalt ihn mitgenommen?«
   Sie ergriff ihren Schlüsselbund auf dem Tisch und hob ihn hoch.
   »Ich habe mir die Daten darauf schon hundertmal angesehen. Ich finde darauf nichts, womit ich etwas anfangen kann. Ein paar kaputte Dateien, die der PC nicht öffnet und die Kopie seines Chats mit Robert, die du schon kennst. Mehr habe ich nicht gefunden, außer den üblichen Briefen.«
   »Für was hat er sich interessiert?«, fragte John leise. Er wollte Anna nicht traurig stimmen.
   Anna schaute ihn an, als hätte sie eine Eingebung.
   »Anna?«
   Sie fixierte John. »Ich habe da eine Idee.«
   »Weihst du mich ein?« Er mimte ein betont vertrauenswürdiges Gesicht.
   Sie sah nachdenklich ins Leere. »Ich brauche dazu meinen PC und den hat die Oberstaatsanwaltschaft. Es ist, wie es ist: Wir müssen warten.« In ihrer Stimme klang Enttäuschung mit.
   »Bekomme ich nicht einmal einen Hinweis?« John fixierte sie erwartungsvoll. Sie wusste etwas. Kurz hatte er geglaubt, es hätte mit dem Stick zu tun, doch jetzt war er sicher, dass es etwas anderes war.
   »Für was interessiert sich ein ehemaliger Versicherungsmakler, der seinen Job gekündigt hat, weil es finanziell nicht mehr tragbar war?« Anna hatte sichtlich Freude daran, ihm im Unklaren zu lassen.
   »Für Zahlen?«, fragte er mehr, als dass er es feststellte.
   »Genau, aber es kommt darauf an, für welche Zahlen.« Über Annas Gesicht huschte ein Hoffnungsschimmer.
   »Und jetzt? Sagst du Robert Bescheid?«
   »Nein. Ich brauche meinen PC. Erst dann kann ich etwas dazu sagen.« Erneut schien Anna in Gedanken an Jonas zu versinken, doch der Laptop piepste.

*

»Wie macht er das eigentlich?« Anna legte die Stirn in Falten, während sie das »Klopf, klopf. :-)« auf dem Bildschirm erblickte.
   »Ich habe keine Ahnung.« John schüttelte den Kopf.
   Unbekannt:Gibt es etwas Neues?
   FTW832: Es gibt allerhand Neues, hoffentlich seid ihr am Schlafen: Ihr habt zwei anstrengende Tage vor euch.
   Unbekannt: Klar schlafen wir gerade, was sonst? :-)
   FTW832: Dann geh mal ins Internet und sieh dir die Neuigkeiten an. Du bist ausgebucht. Es gibt kein Zurück …
   Unbekannt: Was meinst du?
   FTW832: Sieh einfach in der Suchmaschine nach Orden der Fylgja, Koblenz. Und wenn † Zicken macht, gibt es Ärger mit mir. Es hat mich viel Mühe gekostet und ich finde meine Idee genial.
   Unbekannt: Ich verstehe nicht, was du meinst.
   FTW832: Sieh es dir an. Dann wird sich † ohnehin bei mir melden. Es ist so unverschämt, dass keiner drauf kommen wird.
   Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)
   … End of transmission …

Anna öffnete das Internet und gab Orden der Fylgja, Koblenz in die Suchmaschine Glowgu ein. Schon tauchten etliche Artikel auf. Sie öffnete einen. »Endlich ist es so weit. Anna Gärtner präsentiert den Orden der Fylgja. Nach den dramatischen Erlebnissen, die die Autorin in den letzten Wochen durchleben musste, hat sie sich entschlossen, wieder in die Öffentlichkeit zu treten und ihr Werk erstmals persönlich vorzustellen. Nachdem das Buch unter Vertrag bei Dream around the World Publishing ging, lässt diese Lesung einiges an Überraschungen erwarten. Insiderberichten zufolge wird die Autorin in die Rolle ihrer Romanfigur Al Sahi schlüpfen, um, unterstützt von dem Schauspieler Jake Cunningham, einige Szenen zum Besten zu geben. Wer sich das nicht entgehen lassen will, muss sich beeilen und die Karten für das morgige Event in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz online vorbestellen. Trotz der kurzfristigen Ankündigung gibt es bereits unzählige Vorbestellungen«, las Anna vor.
   Voller Misstrauen legte er seine Stirn in Falten. »Wer ist Jake Cunningham?«
   Anna gab den Namen bei Glowgu ein. »Jake Cunningham wurde am 15.08.1965 in Auburn Alabama als Sohn einer bürgerlichen Familie geboren. Nach seinem Schauspielstudium spielte er mehrere kleine Rollen am Theater. Als es ihm nicht gelang, in der Filmbranche Fuß zu fassen, entschied er sich für eine Karriere als Stuntman und doubelte so etliche Schauspieler. Er schaffte damit den Weg vor die Kamera, jedoch nie mit seinem eigenen Gesicht.
   Aktuell wurde Dream around the World Publishing auf ihn aufmerksam, die ihr Interesse daran bekundet haben, dass Jake Cunningham in den Lesungen des Buches – Der Orden der Fylgja – von Anna Gärtner in die Rolle des Gardvord Iwar schlüpft. Aufgrund seines Alters, seiner Statur und seiner körperlichen Fitness scheint ihm die Rolle wie auf den Leib geschrieben«, verkündete Anna den Eintrag für John. Sie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und öffnete eine andere Seite.
   »Ich kenne den Mann nicht. Aber offenbar ist er ja auch eher unbekannt.« John rückte bei seiner Bemerkung neugierig näher und versuchte vergeblich, einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen.
   »Er hat eine eigene Internetseite. Man kann hier Buchungsanfragen für Stunts stellen. Cooler Typ, irgendwie … Irgendwie …« Anna verstummte in ihrem Gemurmel.
   »Was, irgendwie?« Wieder reckte sich John, um etwas sehen zu können.
   Anna drehte den Laptop zu ihm herum, ein Foto von Jake Cunningham darauf. »Irgendwie sieht er dir ziemlich ähnlich.« Sie beobachtete schmunzelnd, wie John auf den Bildschirm starrte. Dann zog er sich den Laptop heran.

*

»Das ist nicht Roberts Ernst. Auf keinen Fall!« Murrend begann er zu tippen.
   Unbekannt: Diesmal klopfe ich.
   FTW832: Was hör ich da? :-) Ist das ein Hämmern an meiner Pforte?
   Unbekannt: Das kommt nicht infrage.
   FTW832: Wieso? :-)
   Unbekannt: Ich bin kein Schauspieler.
   FTW832: Ach? Was ist es dann, was du schon die ganze Zeit machst?
   Unbekannt: Du bist mein Untergang.
   FTW832: Ohne mich wärst du schon untergegangen. Ich bin deine Rettungsleine. Du verwechselst da etwas.
   Unbekannt: Nein!
   FTW832: Du wolltest doch mal etwas für sie tun, oder? Das ist deine Chance.
   Unbekannt: Es verstößt gegen meinen Glauben!
   FTW832: Jetzt komm nicht so, sonst lach ich mich kaputt. :-)
   Unbekannt: Mistkerl!
   FTW832: Danke.
   Unbekannt: Jeder wird mich erkennen.
   FTW832: Das bildest du dir ein. Niemand wird auch nur auf die Idee kommen. Die Maskenbildnerin wird das richten.
   Unbekannt: Nein.
   FTW832: Ich schicke die Ausarbeitung …
   Unbekannt: Nein!
   FTW832: Ist dir nicht gut? Du wiederholst dich irgendwie.
   Unbekannt: Nein.
   FTW832: Um es abzukürzen: doch.
   Unbekannt: Mistkerl!
   FTW832: Da! Schon wieder. Wenn du Anna hängen lässt, dann …
   Unbekannt: Ach, jetzt werde ich auch noch bedroht und erpresst?
   FTW832: Nein. Dann enttäuschst du mich sehr …
   Unbekannt: Ich denke drüber nach.
   FTW832: Und? :-)
   Unbekannt: Das geht nicht so schnell.
   FTW832: Und?
   Unbekannt: !!!
   FTW832: …
   Unbekannt: Schick die Ausarbeitung.
   FTW832: Sofort!
   Unbekannt: Und dann überlege ich es mir.
   FTW832: …
   Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)
   … End of transmission …

John klappte den Laptop zu und sah verstimmt zu Anna auf. »Das ist Wahnsinn.« Er schüttelte den Kopf.
   Anna hatte den Schriftverkehr beobachtet und schnappte sich wieder den Laptop. »Sorry, ich muss hinaus in Jonas’ Büro, die Sachen, die Robert schickt, ausdrucken.« Mit diesen Worten verschwand sie durch die Tür über den Hof in den ausgelagerten Büroraum und ließ den ratlosen John zurück.

*

Eine Stunde später kam sie mit zwei Stapeln Papier zurück und fand John im Wohnzimmer vor. »Hat länger gedauert, als ich dachte.« Anna lehnte sich gegen den Türrahmen und musterte ihn.
   Er sprang auf. »Ich werde das unter keinen Umständen machen.« John verschränkte die Arme und verlieh damit seiner ablehnenden Einstellung Nachdruck.
   Sie stieß sich vom Türrahmen ab und hielt ihm die Blätter hin. »Da ist dein Text. Lern ihn.«
   »Ich bin kein Schauspieler und will es auch nicht sein. Und schon gar nicht will ich die Rolle dieses Gardvord Iwar. Nein.« Er machte keine Anstalten, die Blätter zu nehmen.
   Mit einem genervten Seufzer legte Anna den Stapel auf den Tisch und sah ihm in die Augen. »Du wolltest etwas für mich tun? Jetzt ist die Gelegenheit dazu. Ich könnte mir keinen besseren für die Rolle des Gardvord vorstellen.« Ihre Schmeicheleien schienen nicht zu helfen. Er schaute sie weiterhin böse an. Sie beschloss, einen anderen Weg einzuschlagen. »Hör zu, du spielst auch die Rolle des konservativen Erzbischofs schon jahrelang, was macht das aus? Und streite es nicht ab. Du hast es selbst gesagt, und ich weiß, dass es stimmt. Ich kenne dich inzwischen gut genug. Du wolltest aus der Deckung: Nun hast du Gelegenheit dazu.« Sie war sich bewusst, wie empfindlich sie ihn mit diesen Worten treffen würde.

*

Schweigend musterte er sie. Er war sich nicht sicher, ob sie sich darüber im Klaren war, was sie da gerade von sich gegeben hatte. Hatte sie ihn wirklich enttarnt oder hatte sie es nur so dahin gesagt? »Jeder wird mich erkennen. Wie kommt ihr nur darauf, dass es funktionieren könnte?« Er löste seine verschränkten Arme und stieß geräuschvoll Atem aus.
   »Robert meint, genau deshalb wird es klappen. Keiner wird auf die Idee kommen, dass du Cunningham bist. Außerdem wird die Maskenbildnerin ihr Übriges tun. Mach mit, John. Bitte. So kommst du aus der Einsamkeit heraus und ich auch. Ich will nicht, dass du noch mal abstürzt.«
   Zaghaft legte Anna eine Hand auf seinen Oberarm. Die Berührung verursachte ein angenehmes Kribbeln auf seiner Haut. Widerwillig nahm er die Blätter, setzte sich damit an den Tisch und begann zu lesen.

*

Um Punkt acht Uhr hielt ein schwarzer Reisebus vor Annas Hofeinfahrt und hupte. Das Fahrzeug war silbern beklebt mit dem Symbol von Annas Buch. Sie lief hinaus an den Bus. Die Tür öffnete sich und Claude lächelte ihr auf der Treppe entgegen.
   »Ist Robert auch da?« Neugierig reckte Anna den Kopf, um in den Bus sehen zu können.
   Er schüttelte den Kopf. Anna erwischte sich dabei, dass sie enttäuscht war, Robert nicht zu sehen. Hinter Claude tauchte das freundliche Gesicht einer kleinen, stämmigen Frau auf. Ihre braunen Augen blickten Anna neugierig an.
   »Hi! Ich bin Kara Bruhn, die Maskenbildnerin. Robert sagt, ich solle mich um Jake Cunningham kümmern, bevor wir in das Mercure Hotel fahren, um den Rest zu machen.« Voller Tatendrang drückte sie sich noch auf den Stufen an Claude vorbei.
   »Anna Gärtner.« Sie schüttelte die Hand der kleinen Frau. »Kommen Sie.«
   Gefolgt von Claude, der mit etlichen Taschen von Kara Bruhn bepackt war, gingen sie ins Haus. John war im Wohnzimmer. Anna stellte sich Kara im Flur in den Weg.
   »Wer genau sind Sie?« Misstrauisch beäugte sie die Frau.
   »Es ist schon in Ordnung.« Claude nickte Anna zu und Kara schüttelte den Kopf, sodass ihre Locken verspielt wippten.
   »Robert hat mich gewarnt, dass Sie mir misstrauen könnten. Wenn Sie wollen, fragen Sie erst ihn. Ich weiß, wer sich bei Ihnen befindet und werde Jake Cunningham aus ihm machen.«
   »Woher kennt Robert Sie?« Noch war Anna nicht bereit, dieser fremden Frau einfach zu vertrauen, selbst wenn sie Claude im Schlepptau hatte. Was wusste sie schon über den Bodyguard?
   »Ich habe Robert schon oft geholfen. Jemand wie er kann nicht überall als Robert Palmer auftauchen.« Kara Bruhn lächelte amüsiert.
   Anna schaute noch einmal prüfend zu Claude, dann öffnete sie die Wohnzimmertür.
   John sah von seinen Blättern auf. Ein Lächeln zeigte sich bei dem Anblick der Maskenbildnerin in seinem Gesicht. »Kara, schön dich zu sehen.«
   »Hi, Jake. Ich wünschte, es wären andere Umstände.«
   Karas Lächeln und die Tatsache, dass Jake sie zu kennen schien, beruhigten Anna. Beunruhigend fand sie dagegen das Wieso.
   »Haben Sie einen Bürostuhl? Alles ins Badezimmer, bitte«, sagte Kara.
   John folgte ihren Anweisungen, nahm den Bürostuhl, der vor dem PC-Tisch im Wohnzimmer stand, und trug ihn, gefolgt von Kara, ins Badezimmer. Sie deutete Claude gegenüber noch an, er sollte ihnen die Koffer nachbringen. »Ein bisschen Geduld.« Mit diesen Worten verschwanden Kara und John hinter der Badezimmertür.
   Claude seufzte und stand unentschlossen im Flur.
   »Kaffee?«
   Er nahm Annas Angebot an und folgte ihr in die Küche.
   »Das mit dem Kaffee tut mir leid. Wir hatten es eilig.« Betroffen zeigte Claude in Richtung Wasserkocher.
   Anna lächelte und zuckte mit den Schultern. »Kann passieren.«
   Kurz darauf setzte sie sich ihm gegenüber an den Tisch. Sie stellte zwei Tassen Kaffee ab und musterte ihn. Claude war immer schwarz gekleidet unter seiner kugelsicheren Weste und verzog meist keine Miene. Seine Gestik machte es unmöglich, zu erahnen, was er dachte.
   »Sie sind ein Freund von Robert?« Vielleicht gelang es ihr, Claudes Einsilbigkeit ins Wanken zu bringen.
   »Ich bin sein Bodyguard.«
   Anna legte den Kopf schief und schaute ihn prüfend an. »Und sein Freund.«
   Claude schenkte ihr einen seiner kühlen Blicke und vertiefte sich in das Betrachten seiner Tasse.
   »Wer passt gerade auf Robert auf?«
   »Er hat noch mehr Leute.«
   An seinem brummigen Ton erkannte Anna, dass es ihm nicht recht war, Robert ohne seine Aufsicht zu wissen. »Da macht man sicher einiges mit als Bodyguard und Freund von Robert?«
   »Was meinen Sie?«
   »Bei den ganzen Frauengeschichten, die man so liest?« Anna wagte, es beim Namen zu nennen.
   »Ich bin nicht befugt, über private Dinge zu sprechen.«
   »Ich will nicht Ihre Loyalität anzweifeln. Ich verstehe es nur nicht. Ich habe ihn kurz kennengelernt. Da wurde er seinem Ruf als Playboy nicht gerecht.« Beiläufig nippte Anna an ihrem Kaffee.
   »Denken Sie drüber nach.«
   Anna verschluckte sich beinah, als er Robert unbewusst nachäffte. »Man merkt, dass Sie viel mit ihm zusammen sind: Sie reden wie er.« Amüsiert erntete sie einen erstaunten Blick von ihm.
   »Vielleicht ist er ruhiger geworden über die Jahre. Wie alt ist er jetzt?«, fragte Anna beiläufig.
   Unvermittelt begann Claude, von einem Ohr zum anderen zu grinsen.
   »Netter Versuch, Miss Gärtner. Ich weiß von der Wette.«
   Anna ließ sich genervt in ihrem Stuhl zurückfallen. Sie hatte gehofft, von Claude das Alter von Robert zu erfahren, um die Wette zu gewinnen und natürlich den Camaro, den er als Wetteinsatz geboten hatte.
   »Was denken Sie über mich, Claude?«
   Mit seiner wieder gewohnt kühlen Mimik musterte er sie. »Sie sind völlig irre.«
   Anna zog die Mundwinkel nach unten bei dieser unverschämten Bemerkung. »Danke für die Blumen.« Hatte er es wirklich böse gemeint?
   »So irre wie Robert. Das gefällt mir.« Das versöhnliche Lächeln, das er ihr schenkte, war entwaffnend.
    Anna registrierte zufrieden, dass er Robert gegenüber rundweg loyal zu sein schien. Und er hatte ihr gerade auf seine Art gesagt, dass er sie mochte. Sie zog den Stapel Papier auf dem Tisch zu sich heran. »Ich muss ein bisschen Text lernen und lesen, was Robert für diese Lesung plant.«
   Claude nickte, begann, seine Waffe hervorzuholen und sie auf Annas Küchentisch auseinanderzunehmen. Sie schüttelte lächelnd den Kopf, dann konzentrierte sie sich auf den Text.

Drei Stunden später trat Kara in die Küche. »Ladys und Gentlemen, darf ich vorstellen: Jake Cunningham.« Kara trat zur Seite, sodass Anna und Claude John sehen konnten.
   Er glich völlig dem Jake Cunningham, den Anna auf der Internetseite gesehen hatte: Er hatte dunkle Augen, halblanges, dunkelblondes Haar mit leichten Wellen und eine Brille mit schwarzem Rahmen auf der Nase. Unter der schwarzgrünen Collegejacke schaute ein weißes T-Shirt hervor mit der Aufschrift: Stuntteam Cunningham. Darunter trug er eine blaue Jeans. Dieser Mann hatte mit Gardvord Iwar, so wie er in Annas Buch beschrieben war, nicht mehr viel gemeinsam, aber auch nicht mit John Meyer.
   Claude und Anna brachen in Gelächter aus. John sah sie angesäuert an. Anna sprang auf und streckte die Hand nach seinen Haaren aus.
   Er zuckte zurück. »Mach nichts kaputt! Ich halte das nicht noch mal drei Stunden aus.«
   »Das wirst du wohl müssen.« Kara bedachte ihn mit einem verheißungsvollen Grinsen.
   »Aber doch nicht heute?« Erschrocken machte John einen Schritt von ihr weg.
   »Doch. Jetzt bist du Jake Cunningham. Du sollst aber zu Gardvord Iwar werden.« Sie klopfte ihm freundschaftlich gegen den Oberarm.
   »Wozu der Aufwand?«
   »Das werdet ihr sehen, wenn der Bus in Koblenz anhält. Robert versucht, eine perfekte Tarnung aufzubauen. Dazu gehört das hier.« Kara reckte die Hand nach Johns blondem Haar, doch er wich auch vor ihr zurück.
   »Kann es losgehen?« Claude sprang voller Tatendrang auf. Es war offensichtlich, wie sehr er sich gelangweilt hatte.

Der Bus hielt vor dem Haupteingang des Mercure Hotels in Koblenz. Anna blickte aus dem Fenster und erkannte, was Kara Bruhn gemeint hatte. Vor dem Gebäude befand sich eine Menschenansammlung, aus allen Altersgruppen zusammengesetzt, durchzogen von Reportern. Eskortiert von Claudes wachsamen Augen, stiegen sie aus dem Bus. Anna stellte zu ihrer Verwunderung fest, dass man Jake Cunningham mehr Beachtung schenkte als ihr. Nachdem eine Horde Fans Fotos von Jake Cunningham gemacht und er Autogrammkarten verteilt hatte, erreichten sie den Eingang des Hotels. Vom Personal wurden sie in einen der Konferenzräume geführt.
   Dort angekommen betrachtete Anna eine der Eintrittskarten und stellte fest, dass Robert an alles gedacht hatte. »Hallo Anna.« Sie hörte eine ihr bekannte Stimme und drehte sich um.
   »Wie kommst du hierher?« Erfreut, ein vertrautes Gesicht zu sehen, fiel Anna ihrer Freundin Barbara um den Hals.
   »Ich dachte, du hättest das angezettelt?« Barbara sah Anna erstaunt an, nachdem sie sich aus der Umarmung gelöst hatte.
   Diese schüttelte den Kopf und überlegte. »Lass mich raten: Robert Palmer hat dich informiert?«
   Barbara nickte. »Freust du dich? Du wolltest doch immer, dass ich für dich lese, wenn es mal dazu kommen sollte?« Annas Freundin schien aufgrund der kühlen Reaktion sichtlich verunsichert.
   »Ich freue mich sogar sehr.« Anna war geistesabwesend bei ihren beschwichtigenden Worten. Ihre Gedanken kreisten um die Erkenntnis Robert betreffend. Er hatte nur davon wissen können, worüber sie mit Barbara hinsichtlich eventueller Lesungen gesprochen hatte, indem er ihre E-Mails ausspioniert hatte. Sie hatte den Beweis: Robert Isaac Palmer achtete keinerlei Privatsphäre, auch nicht ihre, und Anna war im Augenblick nicht angetan davon. Was, wenn er die gesammelten Informationen einmal gegen sie verwenden würde? Sie war froh darüber, dass ihr feiner Spürsinn sie davon abgehalten hatte, das Medium Internet und E-Mail zu intensiv zu nutzen. Es gab ein paar Dinge, von denen Robert nichts erfahren sollte.

Kapitel 6
Showtime

An nur einem Tag wurde das Programm der Lesung durchgegangen, gefolgt von einer Generalprobe, aufgrund der knappen Zeit jedoch ohne Maske. Ihren Part war Anna immer mit einem Trainer durchgegangen und hatte beunruhigenderweise nie mit John interagiert. Er schien wie vom Erdboden verschluckt. Anna war überwältigt von dem Aufwand, den Robert betrieben hatte. Ein riesiges Team aus Schauspielern und Technikern sowie Maskenbildnern und Bühnenbauern erschufen die Welt der Fylgjen aus ihrem Buch.

Es war so weit: Der Saal war bis auf den letzten Sitzplatz mit Zuschauern gefüllt. Das Licht ging aus, und ein episches Musikstück ertönte. Mit Barbara zusammen ging sie auf die Bühne, im Kostüm der Al Sahi. In der hautengen blauorangefarbenen Uniform kam sie sich nahezu nackt vor. Ihre Ansprache, in der sie sich an Roberts Konzept hielt und ihre Gedanken zu ihrem Buch vortrug, gelang ihr zunächst nur mit dünner Stimme. Nach wenigen Sätzen fand sie ihre Selbstsicherheit und es war ihr möglich, mit klarer, lauter Stimme zu sprechen. Barbara übernahm danach.
   Sie las einige Teile, die sich mit den Laniga, ein paar grusligen Aliens aus der Geschichte befassten. Anna stand hinter der Bühne und war entzückt von der Professionalität, die Barbara an den Tag legte.
   Nervös zupfte sie an einer Locke ihres Haars, das Kara in Strähnen nach oben gesteckt hatte. Passte ihr Äußeres wirklich zur Rolle? Die Maskenbildnerin hatte ihr einen braunen Teint verpasst, der ihr einen orientalischen Touch verlieh. Ein letzter Blick in den Spiegel betätigte es ihr: Sie verkörperte Al Sahi. Kara hatte ganze Arbeit geleistet. Allerdings hatte das knappe Top wenig Ähnlichkeit mit der Uniform, die sich Anna während des Schreibens vorgestellt hatte. Sie würde sich gleich mitten auf einem Schlachtfeld befinden, daher hatte man ihr noch eine blaue Weste, ein Gewehr und eine Art Fernglas umgehängt.
   John kam aus der Maske. Gerade rechtzeitig, um mit ihr seinen Platz auf der Bühne einzunehmen. Keine Zeit, ein Wort zu wechseln oder ihn detailliert in Augenschein zu nehmen, waren sie in Sekunden auf ihrer Position auf der Bühne. Barbara begann zu lesen.
   »Al Sahi lag mit Iwar unter einem Busch …«
   Barbara beendete ihren Part und die Scheinwerfer richteten sich auf Anna und John, die als Iwar und Al Sahi unter einem künstlichen Busch kauerten und auf die Zuschauer sahen.
   Anna ging davon aus, dass es John weniger ausmachte, laut und deutlich seinen Text zu sprechen. Er war es als ehemaliger Erzbischof gewohnt, vor Menschenansammlungen wirres Zeug zu reden. Der Gedanke an diesen Vergleich ließ sie innerlich grinsen.
   »Du hast dich ernsthaft in Gefahr gebracht, als du mich gerettet hast.« Der Vorgabe entsprechend murmelte John seine Worte und sah weiterhin in Richtung der Zuhörer.
   Es herrschte völlige Stille. Alle Blicke ruhten auf ihnen. Anna holte tief Luft. So war es niemals von ihr geplant gewesen. Sie hatte nicht Al Sahi sein und schon gar nicht bei einer Lesung auftreten wollen. Sie hatte aber gewusst, dass Robert nicht von seiner Idee abzubringen gewesen wäre. Sie nahm ihren Mut zusammen.
   »Machen wir das nicht die ganze Zeit über schon so?«, antwortete sie klar und deutlich.
   Er schwieg eine Weile, wie es im Buch stand. Sie fühlte in diesem Augenblick den Ärger ihrer Romanfigur darüber nach und schüttelte zaghaft den Kopf. Jede Sekunde ihres Buches hatte sie beim Schreiben nachempfunden. Die Szene, die Robert herausgesucht hatte, passte so exakt auf Anna und John, dass ihr der nächste Satz nicht schwerfiel. »Vielleicht solltest du einfach damit aufhören, dich in solche Situationen zu bringen.« Ihr Murren klang so echt, wie es gemeint war.
   John sah erstaunt zu ihr herüber, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder und schüttelte den Kopf. Dann schaute er wieder zum Publikum, was in Richtung der Straße war, an der sie in Deckung gegangen waren.
   Anna musterte ihn und erkannte hinter der Maske den Mann, den sie als Iwar beschrieben hatte: sein kurzes, leicht angegrautes Haar und die kühlen grauen Augen. Ihre Aufmerksamkeit galt seinen ernsten Gesichtszügen. John wirkte jünger als ohne die Maskerade. Sie hatte bemerkt: Er besaß offensichtlich eine gehörige Portion Eitelkeit und fühlte sich trotz Protest sichtlich wohl in seiner Rolle. Diese Eitelkeit passte nicht zu der Figur, die er spielte – nicht im richtigen Leben – und auch nicht im Moment.
   Sie musterte seinen nackten, muskulösen Oberarm, der mit einem Tattoo des Ordens der Fylgja verziert war, das die tiefe Narbe überdeckte. Er lag in den Blättern in seiner schwarzen ledernen Montur und schien sie gänzlich zu ignorieren.
   Sie sah wieder zurück zu den Zuschauern und stieß den angehaltenen Atem aus. Es war die Straße, die sie vor sich sah, nicht mehr das Publikum. Sie war Al Sahi und neben ihr lag Iwar, der Gardvord, unter dem Strauch. Alles passte zusammen.
   »Was ist?« Ohne zu ihr zu sehen, ging John weiter in seinem Text.
   »Eine Fliege.« Anna achtete kaum darauf, laut genug für das Publikum zu grummeln, so sehr war sie in der Szene abgetaucht.
   »Du hast gesagt, du wolltest nie mehr darüber reden.« Auch sein besänftigender Ton ließ sie den gespielten Ärger, der für sie Realität geworden war, nicht vergessen.
   »Kein Wort mehr über Fliegen von mir.« Deutlich die imaginäre Straße vor sich sehend, zischte sie ihn an.
   »Gut. Ich hatte nur den Eindruck, du wolltest doch darüber reden.« John klang so kühl und sachlich, wie es seine Rolle erforderte.
   »Ich machte mir Sorgen, ob du klarkommst«, sagte Anna.
   Sie starrten weiter in Richtung des Weges, den sie laut Text beobachten sollten.
   »Wegen der Fliegen? Ach, das geht. Manchmal versucht so ein Biest, mich zu beißen. Aber du weißt ja: Herr über Materie.« Er lächelte.
   Anna grinste zurück. Ihr Magen verkrampfte sich.
   »Und du? Anscheinend kommst du klar. Und Opan …?«, fragte er.
   Sie bedeutete ihm mit dem Zeigefinger auf ihren Lippen, er solle leise sein und blinzelte, als habe sie eine Gefahr wahrgenommen.
   »Hast du etwas gesehen?«
   »Nein. Ich wollte nur nicht, dass du diesen Namen aussprichst.« Bei ihrem Tadel zog sie die Augenbrauen in die Höhe.
   John schmunzelte als Iwar. »Ich gebe aber keine Ruhe.«
   »Ich weiß«, sagte sie leise und friedfertig und dennoch laut genug, dass das Mikrofon an ihrem Oberteil es zu den Zuschauern übertrug.
   »Und?« Er schien nicht bereit, sich mit diesen Erklärungen zufriedenzugeben.
   »Opan fasziniert mich. Er besitzt die Gabe nicht und fühlt sich trotzdem von mir angezogen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ihn die Neomai anzieht, verstehst du?« Nachdenklich schaute sie bei ihren Worten hinaus auf die Straße.
   »Sicher ein gutes Gefühl. Nicht so wie bei mir«, flüsterte John.
   »Iwar.« Betroffen fixierte sie ihn, doch in seinen Augen blitzte es schelmisch auf, während er sie angrinste.
   Sie lächelte zurück. Sein Blick war entwaffnend.
   »Wir hatten nie eine Zukunft, Al Sahi. Wir hatten immer nur die Gegenwart und die ist jetzt Vergangenheit«, sagte er.
   Sie starrten wieder in Richtung Publikum, doch in ihrem Geist war Anna der Szene so nah, dass sie glaubte, den Waldboden riechen und die Bäume, die die Straße säumten, sehen zu können.
   Die Wahrheit in diesen Worten hallte in Annas Ohren. Sie musste sich zusammenreißen, um ihren nächsten Einsatz nicht zu verpassen. »Aber du solltest nicht aufhören, dich mit Fliegen zu beschäftigen, das wäre wirklich Verschw…« Anna verstummte und deutete auf einen imaginären Punkt.
   Der Rest der Szene lief für Anna ab wie ein Film, bis die Scheinwerfer ausgingen und Barbara wieder beleuchtet wurde. Sie las weiter aus dem Buch, während Anna aufstand und mit John hinter der Bühne verschwand.
   »Da draußen gerade. Was war das?« Seine Stimme klang beunruhigt.
   »Was meinst du?« Anna versuchte zu erfassen, was ihn so aufwühlte.
   »Ich glaube, meine Nerven vertragen das nicht. Es war, als wäre ich auf der Lauer an dieser Straße, auf diesem vor dem Untergang stehenden Planeten. Als läge Al Sahi neben mir. Ich musste nicht einmal überlegen, was ich sagen muss.«
   Die Erkenntnis, dass er gerade dieselben Gefühle wie sie durchlebt hatte, ließ Anna zaghaft lächeln. »Wahrscheinlich hat Robert diese Szene ausgewählt, weil sie so gut zu uns passt.«
   Ihre Blicke hafteten aneinander. Sie hatte zum ersten Mal das Gefühl, völlig in Einklang zu sein mit ihm.
   »Anna?«
   »Mhm?«, fragte Anna, während sie sich noch mehr in dem Grau seiner Augen verlor, das sie trotz der braunen Kontaktlinsen nicht vergessen konnte.
   »Ich habe gesehen, wie Al Sahi Iwar ansieht.«
   Seine Bemerkung ließ sie blinzeln. Sie kehrte wieder aus ihrer Gedankenwelt zurück in die Realität.
   »So? Wie denn?« Verlegen zupfte sie sich einzelne Locken zurecht und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Darsteller. Es winkte ihnen jemand für die nächste Szene. Anna machte einen Schritt in Richtung Bühne.
   »Anna. Was ist da zwischen den beiden?« Er legte behutsam eine Hand auf ihre Schulter, um sie zurückzuhalten.
   »Finde es heraus, Iwar.« Mit diesen Worten ließ sie ihn zurück und nahm ihren Platz auf der Bühne ein.

*

John starrte ihr nach, betrachtete die Gewehrattrappe in seiner Hand und schüttelte den Kopf. Niemals hätte er sich auf das alles einlassen dürfen. Es nagte weiter an seiner Deckung. Er würde sich verraten. Lange konnte es nicht mehr gut gehen. Doch machte es noch etwas aus? Anna hatte ihn mit einer echten Waffe in der Hand gesehen. Sie hatte ihn dabei beobachtet, wie er den Angreifer in Zürich ausgeschaltet hatte und bemerkt, wie er mit einem Auto umging. Wenn sie noch dahinterkam, dass er sich mit der Rolle des Gardvord mehr identifizieren konnte, als er zugab, was sollte es für einen Unterschied machen? Er war sich unsicher, ob er nicht sogar wollte, dass sie herausfand, wer er war. Vielleicht vermochte Anna ihn auf die gleiche Weise von seinen selbst erschaffenen Dämonen zu befreien, wie Al Sahi den Gardvord in Annas Buch von seinen eigenen Dogmen befreit hatte.
   Sich seiner wirren Gedanken bewusst werdend, verdrehte John die Augen und lauschte den Geschehnissen auf der Bühne. Barbaras Stimme war zu hören.
   Er würde sich zusammenreißen, wenn auch weitere Textstellen zwischen dem Gardvord und Al Sahi folgten, die seine Gefühle durcheinanderbrachten.
   »Vertraust du mir?«, fragte er, zurück auf der Bühne, Anna in Gestalt der Al Sahi – und war das nicht die Frage aller Fragen? Ihre Hände zitterten. Unsicherheit stand in ihrem Blick. Ging es ihr ebenso? War es kein Schauspiel mehr für sie, sondern tatsächlich die Frage: Vertraute Anna John?
   »Ich gehe da hinaus und fordere sie auf, das Feuer einzustellen und die Waffen niederzulegen. Ich brauche dich dafür an meiner Seite. Ich kann es nicht allein.« Er sah ihr tief in die Augen. Ein Schauder fuhr durch seinen Körper bei der Erkenntnis, dass dieser Satz Wahrheit werden könnte.
   Für einen Augenblick verspürte er den Drang, Anna zu packen und an einen ruhigen Ort zu bringen. Vielleicht war es an der Zeit, ihr alles zu sagen, was seine Person und Roberts Plan betraf.
   »Du weißt, dass ich dir vertraue.«
   Er bekam eine Gänsehaut. Annas Tonfall verwischte jeden Zweifel in ihm: Sie meinte es ernst. »Ich bin der Gardvord, uns wird nichts geschehen.«
   Sie legte verspielt den Kopf schief. »Ich habe keine Angst. Dein Weg ist meiner.« Sie drückte fest seine Hand, und sie liefen hinaus aus der Deckung mitten in das auf der Bühne inszenierte Schlachtfeld hinein.

*

Kurz darauf war die Lesung mit ihren sonderbaren Showeinlagen zu Ende. Zu Annas Überraschung tobte das Publikum und klatschte begeistert Beifall.
   Sie wäre gern zu John gegangen, aber es war geplant, dass sie in Gestalt Al Sahis noch Autogramme in die verkauften Bücher schrieb. Zu ihrer Verwunderung entdeckte sie John neben dem dafür aufgestellten Tisch in der Eingangshalle. Im Kostüm des Iwar stand er mit verschränkten Armen da und musterte, vertieft in seine Rolle, grimmig Annas Fans.
   Sie erfüllte alle Widmungswünsche und beantwortete die Fragen der Leser. John blieb reglos auf seinem Posten. Die schmachtenden Blicke, die von weiblicher Seite aus dem von Robert kreierten Gardvord Iwar zugeworfen wurden, entgingen Anna nicht. Ihr war längst klar, dass John auch als Erzbischof diese Blicke geerntet hatte.
   »Dürften wir ein Foto von Ihnen beiden machen?« Ein Pressemitarbeiter war mit seinem Buch in der Hand vor Annas Tisch getreten.
   »Kein Problem.« In Johns zuvor ernstem Gesicht zeigte sich ein freundliches Lächeln.
   Sich ihrer Verkleidung als Al Sahis bewusst, stellte sie sich mit Abstand neben ihren Partner. Er machte einen Schritt auf sie zu, schob sie an ihren Schultern vor sich und legte von hinten den Arm um ihre Taille. Die ersten Kameras blitzten auf.
   Sie fühlte seine Finger sanft über ihren Bauch streichen. Ansonsten stand er völlig reglos, wieder mit ernstem Gesicht, wie es sich für den Gardvord gehörte.
   Anna fühlte sich noch immer wie betäubt, nachdem ihre Gefühle bei der Vorführung kopfgestanden hatten. Für sie war es John gewesen, dem sie gesagt hatte, dass sie ihm vertraute. Sie vergaß die Fotografen und lehnte sich an den Gardvord. Für John war es sicher etwas anderes; er spielte seine Rolle, nicht mehr und nicht weniger.
   Langsam kehrte Anna die Realität zurück. Al Sahi konnte den Gardvord nicht haben, genauso wenig, wie sie John Meyer haben konnte, denn es verstieß gegen die Regeln. So war es nun mal, egal, in welcher Welt sie sich gerade befanden.
   Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als eines der Teenagermädchen mit verträumtem Blick zu John und ihr sah.
   »Ich hätte gern die Szene gesehen aus Teil zwei, im Rumpf der Azzam, als Iwar und Al Sahi …« Das Mädchen lief rot an und verstummte, da John sie ansah.
   Anna erstarrte bei dem Gedanken an diese Szene ihres Buches.
   John drehte sie behutsam an den Schultern zu sich herum. »Wie ist das mit Zuschauerwünschen, Frau Autorin?«, fragte er leise.
   »Die Situation ist doch gar nicht gegeben. Sie …« Noch während Anna versuchte, sich aus der Affäre zu ziehen, stimmten andere Fans bereits in den Wusch des Mädchens ein. Binnen Sekunden waren sie umringt von einer Menschentraube mit Kameras und Handys, die darauf erpicht waren, ihre Romanhelden live in einer der intimsten Stelle der Geschichte zu sehen.
   »Ich kenne die Stelle. Wir werden die Fans nicht enttäuschen. Es ist nur Schauspielerei.«
   Johns Flüstern war nah an Annas Ohr. Sein warmer Atem streifte sie und ließ sie erschaudern in Gedanken an die Berührung von ihm, die ihr in dieser Szene bevorstehen würde. Ärgerlicherweise hatte sie ihm aus der Stelle vorzitiert. Kein Wunder, dass er sie intensiv gelesen hatte.
   »Fang an mit den Sternen. Wir kürzen es ab.«
   Sie hörte den Zuspruch aus der Menge. Ihr Herz begann zu rasen. Anna redete sich ein, Al Sahi zu sein und deutete über die Fans vor sich, als wäre dort der Sternenhimmel zu sehen.
   »Völlig unbeeindruckt sind die Sterne dort draußen, egal, was auch immer wir taten, tun oder tun werden. Auch wenn einer von ihnen fehlen würde, das fiele uns von hier nicht auf. Sie scheinen unendlich zu sein. Sie sind unsere Vorbilder. Nichts erschüttert sie. Nichts hält sie auf in ihrem Vorhaben, sie selbst zu sein, einfach nur zu existieren, denn das allein ist ihre Bestimmung.« Sie sprach leise in Gedanken an das, was Al Sahi in ihrem Buch mit diesen Worten bewirken wollte.
   »Ist es nicht beschämend, dass du mir den Vortrag hältst, den ich halten sollte? Dass du mir das sagst, was ich schon immer zu wissen glaubte?« Bei Johns Antwort drehte sich Anna wieder zu ihm.
   »Nein, es ist nicht beschämend. Manchmal geraten wir vom rechten Pfad ab. Manchmal werden wir blind, geblendet durch das Licht der anderen. So blind, dass wir unfähig sind, unseren eigenen Weg zu erkennen, und dann ist die Zeit gekommen, dass uns jemand, der uns liebt, bei der Hand nimmt und uns zurückholt an den uns angestammten Platz auf den uns zugedachten Weg.« Ihre Gedanken waren bei John. Sie dachte an die Situationen, in denen er sein Ziel aus den Augen verloren hatte und aus der Realität hatte flüchten wollen. Anna war mehr als einmal sein Anker gewesen.
   Er trat dicht vor sie, sodass sich ihre Körper berührten. Die Kameras blitzten wieder auf. Sie fragte sich, ob er tatsächlich den ganzen Wortlaut des Textes auswendig wusste.
   »Du hast mir schon einmal geholfen. Du hast mich berührt, wie niemals zuvor jemand anderes und zu keinem ein Wort darüber gesprochen. Dafür danke ich dir.« John schluckte hörbar.
   Anna genoss die Wärme seiner Hand auf ihrem Gesicht.
   »Und nun bitte ich dich, es noch einmal zu tun«, sagte er mit belegter Stimme.
   Anna überlegte einen Sekundenbruchteil, wie sie der Szene vielleicht noch entkommen konnte. Dann ließ sie sich vom Zauber der Situation mitreißen. Sie umfasste sein Gesicht zaghaft mit ihren Händen. Er legte seine andere Hand auch noch auf ihre Wange.
   »Schließ deine Augen«, flüsterte sie, alles um sich herum vergessend.
   »Dieses Mal nicht.« Sein Tonfall ließ keine Widerrede zu.
   Sie verlor sich in seinem Blick.

*

John spürte Ruhe in sich einkehren. Er genoss ihren erhitzten Körper, der sich gegen seinen presste. Ihr warmer Atem streifte seine Haut.
   Was er tat, kam aus seinem tiefsten Inneren. Es war keine Rolle mehr, die er spielte. Er war weder Iwar noch war er John. Er war er selbst. Jegliche Blockade versagte, jeglicher Gedanke daran, ob er falsch handelte, war verschwunden. Er beugte sich zu ihr. Als Anna zurückweichen wollte, umfasste er ihre Wangen fester. Mit seinen Lippen berührte er sanft ihren Mund und verweilte dort einen Augenblick. Er spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte und ihr Atmen schneller wurde. John dachte an den Kuss in Zürich, daran, wie ihre Lippen geschmeckt und wie warm und samtig sich ihre Zungen berührt hatten, doch das gehörte hier nicht hin. Widerwillig zog er sich von ihr zurück. Sie ließ ihn ebenfalls los.
   Das Publikum applaudierte, Anna aber starrte ihn weiter an.
   »Ich bin froh, dass du unseren Weg gekreuzt hast, Al Sahi von Sangora.«
   Anna antwortete nicht, drehte sich zu den Fans um und setzte ein Lächeln auf. John hielt ihre Hand fest in seiner.
   Nachdem noch ein paar Fotos geschossen waren, zog sie ruckartig ihre Finger aus seiner Hand und ließ ihn stehen.

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