Jonathan Weitzäcker ermittelt wieder! Ein blutverschmierter Jugendlicher kniet neben der grausam zugerichteten Leiche seiner Mutter. In der Hand hält er die Tatwaffe: ein grobschlächtiges Fleischermesser. Ist der Vierzehnjährige ein Mörder? Als Hauptkommissar Jonathan Weitzäcker die Ermittlungen aufnimmt, scheinen alle Indizien dafürzusprechen, doch je länger er sich mit dem Fall beschäftigt, desto mehr Ungereimtheiten tauchen auf. Schon bald muss er sich der Frage stellen, wie viel ein Mensch verkraften kann, bevor er die Kontrolle verliert ...

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-53-401-2
Kindle: 978-9963-53-402-9
pdf: 978-9963-53-400-5

Zeichen: 464.726

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-316-9

Seiten: 279

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Dominik Seiberth

Dominik Seiberth
Dominik Seiberth wurde 1989 in der Nähe von Heidelberg geboren. Nach seinem Abitur absolvierte er ein freiwilliges soziales Jahr in einem kleinen Dorf im Western Cape, Südafrika. 2010 begann er mit einem Studium der Psychologie. Aktuell studiert er M.Sc. Psychologie (Schwerpunkt Sozial- und Kognitionspsychologie) an der Universität Mannheim. Neben dem Studium schreibt er bevorzugt in den Genres Thriller, Young Adult und Fantastik.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Teil 1

In einer Nacht in Heidelberg


Kapitel 1

Vor vielen Jahren, lange bevor Jonathan Kriminalhauptkommissar geworden war und seinen Dienst bei der Mordkommission der Stadt Heidelberg angetreten hatte, hatte er sich vor dem Tod gefürchtet. Der Tod war damals etwas Abstraktes gewesen, etwas Ungreifbares, ein Schatten an der Wand, den er nicht sah, solange er sich nicht nach ihm umdrehte, von dem er aber wusste, dass er ihm stets auflauerte. Der Tod war ein stummer Zeuge, der alles sah. Er war ein schweigsamer Beobachter, der nur auf den passenden Moment wartete, um in das Geschehen einzugreifen. Er war eine gesichts- und namenlose Gestalt, die jeden Augenblick zuschlagen konnte.
   Seine Arbeit brachte es mit sich, jeden Tag aufs Neue mit den wechselnden Gestalten des Todes konfrontiert zu werden: eine alte, alleinstehende Frau, die in einem Zustand fortgeschrittener Verwesung in ihrer Dachgeschosswohnung in einem Altbau aufgefunden wurde. Ein fünfunddreißigjähriger Mann, der sich von der Montpellier-Brücke vor einen heranfahrenden Zug stürzte. Ein Kollege vom Kriminaldauerdienst, dem an einem verschneiten Winterabend mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen wurde …
   Jonathan hätte seinen Beruf schon längst an den Nagel gehängt, wenn es ihm nicht gelungen wäre, seine Furcht vor dem Tod zu überwinden. Er hatte Mittel und Wege finden müssen, um das, was er sah, verarbeiten zu können, und er hatte sie gefunden. Doch trotz allen Wissens und aller Professionalität kehrte die Furcht manchmal zurück wie ein alter Freund, den man längst verloren geglaubt hatte.
   Als Jonathan an diesem Morgen das große Haus in der Nähe des Philosophenwegs betrat, war er allein. Die Leiche war bereits zur Obduktion in die Gerichtsmedizin abtransportiert worden. Der alte Mann, der seine Tochter gefunden hatte und schwer verletzt worden war, war von den Rettungskräften ins Heidelberger Universitätsklinikum gefahren worden. Und der Junge, der allem Anschein nach für das grässliche Blutbad am Rande des Odenwaldes verantwortlich war, befand sich in Polizeigewahrsam. Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst hatten ihn vorerst auf einer geschützten Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht, bis eine weitere Eigen- oder Fremdgefährdung ausgeschlossen werden konnte und er vernehmungsfähig war.
   Jonathan trug einen weißen Schutzanzug und Überschuhe, die die Geräusche seiner Schritte dämpften. Um ihn herum war alles still. Die kalte Luft roch nach saurem Desinfektionsmittel, das ihn an Operationssäle denken ließ, und nach Blut. Die Möbelstücke waren mit zerknitterter Klarsichtfolie bedeckt. Weißes Puder hier und da zeigte, wo Hannah Amend, Gregor Zahirovic und ihre Kollegen von der Spurensicherung Fingerabdrücke oder Teile von Fingerabdrücken sichergestellt hatten.
   In diesem Haus war der Tod in den Alltag eingebrochen. Was Jonathan sah, waren seine gespenstischen Nachwirkungen. Allein und von einer bedrückenden Stille umgeben, musste er sich fragen, ob es auch Vorzeichen dafür gegeben hatte.
   Zunächst unterzog er den Eingangsbereich einer gründlichen Überprüfung. Alles hier wirkte so teuer und vornehm wie es das alte, allein stehende Haus mit seinen Stuckfassaden, den hohen Dachgiebeln und der breiten Eingangstreppe von außen hatte vermuten lassen. An den Wänden hingen beeindruckende Gemälde, zweifelsohne Originalwerke: Hier eine skandinavische Seenlandschaft im Herbst, welke Blätter, die den Boden bedeckten - da ein altes Fachwerkhaus, das sich an einen nebelbedeckten Hang schmiegte, schwarze Pferde auf einer Koppel davor. Überall matte und gedämpfte Farben, die ein trügerisches Gefühl von Ruhe und Geborgenheit vermittelten. Ein gerahmtes Bild auf einer Mahagonikommode zeigte eine Frau mit blond gelockten, windzerzausten Haaren und ihren sieben- oder achtjährigen Sohn. Der Junge hatte die blonden Haare seiner Mutter, aber während die Frau auf dem Bild schlank und von beinahe zeitloser Schönheit wirkte, war der Junge für sein Alter kräftig gebaut und schielte. Sie saßen in einem rot-weiß-gestreiften Strandkorb und umarmten sich. Beide lachten in die Kamera. Beide wirkten glücklich.
   Jonathan wandte den Blick von dem Bild ab und öffnete einen Schrank, der neben der Kommode stand. Mehrere Mäntel aus Pelz und Wolle befanden sich darin. Keiner wirkte, als wäre er häufig getragen worden.
   Obwohl der Eingangsbereich ihm eine erste Ahnung davon gab, in welchen Verhältnissen die Frau und ihr Sohn gelebt hatten, war die angrenzende Küche, die Jonathan als Nächstes betrat, für ihn von größerem Interesse. Insbesondere galt dies dem Messerblock, der auf der Anrichte neben dem Herd stand. Sieben Messer unterschiedlicher Größe befanden sich an ihrem Platz. Das achte Messer, das größte, fehlte.
   Es ist Nacht. Jonathan streckte eine Hand nach dem Messerblock aus, als ob er nach dem fehlenden Messer greifen wollte. Der Junge ist aufgewacht. Oder vielleicht ist er die ganze Zeit über wach gewesen und hat nur darauf gewartet, dass seine Mutter einschläft. Irgendwann kommt er nach unten in die Küche. Er nimmt sich das Messer. Und er nimmt sich nicht irgendein Messer, nein, er nimmt sich das größte. Er will sichergehen, dass das, was er vorhat, funktioniert.
   Jonathan fröstelte. Er wandte sich von der Anrichte ab und ließ den Blick durch die Küche schweifen. Ein Kühlschrank aus Metall, eine große verchromte Gefriertruhe, beides amerikanische Modelle. Ein kreisrunder Tisch mit zwei lederbezogenen Stühlen. Neben der Spüle standen mehrere benutzte Teller und Gläser. In einer Plastikschüssel lagen zusammengeklebte Spaghettireste, mit einer Ölschicht überzogen. Mehr war vom letzten Mahl nicht geblieben. Unwillkürlich musste er sich fragen, ob auch er eines Tages so plötzlich und unerwartet sterben würde.
   Mit dem Messer in der Hand verlässt der Junge die Küche.
   Jonathan verließ die Küche. Er hatte die rechte Hand zur Faust geballt, als ob er das Messer damit fest umklammerte.
   Der Junge geht die Treppe nach oben.
   Stufe um Stufe erklomm Jonathan die breite, mit einem schweren Teppich bedeckte Treppe, die ins Obergeschoss des Hauses führte. An der Wand hingen weitere Bilder von Mutter und Sohn, eines zeigte sie vor dem Eiffelturm, ein anderes auf dem Times Square in New York. Die beiden hatten viel unternommen. Jonathan blieb stehen und betrachtete die Bilder. Wo war der Vater?
   Der Blutgeruch wurde unangenehmer und stechender. Als er das obere Ende der Treppe erreichte, sah er die ersten Blutflecken auf dem Parkett.
   Als der Junge nach oben kommt, ist seine Mutter bereits wach. Er hat gewartet, bis alle Lichter im Haus verloschen sind. Er hat sich auf Zehenspitzen in die Küche nach unten geschlichen. Doch als er wieder oben ist, liegt seine Mutter nicht in ihrem Bett. Sie steht ihm im Flur gegenüber.
   Jonathan stellte sich das Gesicht der Frau vor, als sie ihren Sohn mit dem Messer in der Hand gesehen hatte. Hatte sie begriffen, was ihr bevorstand? Oder war alles so schnell gegangen, dass ihr keine Zeit mehr geblieben war? Warum waren sie sich überhaupt im Flur begegnet? Hatte die Frau Schritte gehört? Hatte sie sich angezogen und ihr Schlafzimmer verlassen, weil sie sichergehen wollte, dass alles seine Ordnung hatte? Aber was sollte nicht in Ordnung sein? Es befanden sich ja nur sie und ihr Sohn im Haus.
   Die Beantwortung dieser Fragen war wichtig, wenn er den Tathergang rekonstruieren wollte, doch an dieser Stelle kam er vorerst nicht weiter. Darum ließ er die Fragen zunächst auf sich beruhen und blickte sich im Flur um.
   Der Junge muss überrascht sein. Er ist davon ausgegangen, dass seine Mutter im Bett liegt und schläft. Jetzt blickt er ihr in die Augen, als er ausholt und ihr das Messer in den Bauch rammen will.
   Doch das war ihm nicht gelungen. Noch nicht. Nicht hier. Die Frau mochte verschlafen, verstört oder überrascht gewesen sein, sie mochte sich keine Gedanken darüber gemacht haben, welches Grauen plötzlich den alltäglichen Schleier der Normalität beiseitegeschoben hatte, aber nicht alle ihre Instinkte hatten sie verlassen. Jonathan betrachtete ein weiteres Mal die Blutspritzer.
   Die Frau hebt ihre Arme, um sich vor dem Angriff ihres Sohnes zu schützen. Er verletzt sie, aber nicht schwer. Bevor er ein weiteres Mal auf sie losgehen kann, läuft sie davon.
   Jonathan ging den langen, geraden Flur entlang. Zu seiner Rechten führten vier Türen in die dahinterliegenden Räume. Die Tür zum Bad befand sich ganz am anderen Ende des Flures. Hier hatte die Frau Schutz vor ihrem bewaffneten Sohn gesucht. Stattdessen hatte sie hier den Tod gefunden.
   Aber warum ist sie überhaupt ins Bad gelaufen? Warum hat sie nicht in einem der anderen Räume Zuflucht gesucht? Oder ist sie einfach nur blindlings davongestolpert? Es fiel ihm schwer, das zu glauben.
   Mittlerweile hatte er die Badezimmertür erreicht und versuchte, sich für das Bild zu wappnen, das sich ihm bieten würde. Seine Kollegin Stephanie Rühle hatte ihn bereits über die Schwere der Verletzungen, denen die Frau erlegen war, informiert. Doch was er sah, übertraf seine Befürchtungen.
   Das Bad glich einem Schlachthaus. Die weißen Kacheln waren blutbesudelt. Die Badewanne, der große Wandspiegel, die Kommode, die Toilette, die Wände … überall Blut. Manche der Blutspritzer reichten bis zur Decke wie die verstörenden Pinselstriche eines geisteskranken Künstlers.
   Jonathan blieb im Türrahmen stehen. Es gab keinen Grund, das Bad zu betreten. Alles, was er sehen musste, sah er auch von hier. Ihm wurde heiß und kalt zugleich, Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn.
   So viel Hass. Nicht zum ersten Mal, seit er für die Mordkommission arbeitete, musste er sich fragen, welche schrecklichen Dinge sich Menschen gegenseitig antun konnten.
   Die Frau sucht im Bad Zuflucht. Sie versucht noch, die Tür hinter sich abzuschließen, aber wahrscheinlich zittern ihre Hände so stark, dass sie den Schlüssel nicht rechtzeitig im Schloss herumdrehen kann. Der Junge – ihr Sohn – stößt die Tür ein. Die Frau taumelt, verliert das Gleichgewicht und stürzt zu Boden. Panisch versucht sie, zur hinteren Seite des Raumes und zur Badewanne zu kriechen, obwohl sie mittlerweile wissen muss, dass es keine Rettung mehr für sie geben kann.
   Wie viele Stiche waren es gewesen? Die Antwort darauf würde ihnen die Obduktion liefern, doch die Frau hatte so viel Blut verloren, dass es außer Frage stand, dass der Junge selbst dann noch auf sie eingestochen hatte, als sie längst tot war. Stephanie hatte ihm gesagt, dass die Gewalteinwirkungen, die die Frau erfahren hatte, ungewöhnlich heftig gewesen sein mussten.
   Er schloss die Augen und versuchte, sich auszumalen, welches dramatische Schicksal sich hier vollzogen hatte, doch es wollte ihm nicht gelingen. Sein Verstand sträubte sich mit aller Kraft dagegen. Alles, was er sich vorstellen konnte, waren die verzweifelten und hilflosen Schreie der Frau, die nach und nach leiser geworden waren.
   Als er die Augen wieder aufschlug, waren die Schreie in seinem Kopf verstummt. Nachdem die Frau tot gewesen war, musste auch im Haus eine unnatürliche Ruhe eingekehrt sein.
   Es ist Nacht. Die Nachbarn liegen friedlich in ihren Betten und schlafen. Der Junge sitzt neben seiner toten Mutter. Vielleicht betrachtet er sie, betrachtet ihr einst wunderschönes, jetzt starres Gesicht, ihre weit aufgerissenen Augen, die blonden Haare, in denen sich ihr Blut verfangen hat. Vielleicht versteht er, was er getan hat. Vielleicht versteht er es auch nicht. Vielleicht bleibt er wach. Vielleicht schläft er irgendwann ein. So oder so vergehen Stunden.
   Und in diesen Stunden hatte der Junge das Bad nicht verlassen. Bei dem vielen Blut, das die Frau verloren hatte, hätte er den Raum nicht verlassen können, ohne dabei eine Blutspur zu hinterlassen. Doch während auf dem verschmierten Boden ein heilloses Durcheinander von Fußabdrücken und Schleifspuren herrschte, war auf dem Parkett im Flur kein einziger blutiger Fußabdruck zu sehen.
   Jonathan drehte sich noch einmal um und blickte zurück zum Treppenaufgang. Von dort war schließlich in den frühen Morgenstunden der alte Mann gekommen. Alles, was Jonathan von ihm wusste, war, dass er der Vater des Opfers und somit der Großvater des Jungen war. Diese Information hatten sie von der Frau erhalten, die gemeinsam mit ihm das Haus betreten und schließlich die Rettungskräfte alarmiert hatte.
   Wie lange hatte es gedauert, bis die beiden herausgefunden hatten, dass etwas nicht in Ordnung war? Wie lange, bis der Mann die Treppe nach oben gelaufen kam, während die Frau zuerst unruhig, später ängstlich im Eingangsbereich auf den Mann wartete? Jonathan glaubte nicht, dass die Beantwortung dieser Fragen eine große Rolle spielte. Was jedoch eine Rolle spielte, war die Tatsache, dass der Mann seine Tochter und seinen Enkel im Badezimmer gefunden hatte und der Junge auch auf ihn losgegangen war.
   Der Junge sitzt blutverschmiert neben der Leiche seiner Mutter. Der Großvater sieht das Grauen. Seine tote Tochter, seinen Enkel, der das große Küchenmesser in der Hand hält. Er ist in einer Schockstarre gefangen. Er kann nicht schnell genug reagieren, als der Junge aufspringt und auf ihn einzustechen beginnt.
   Seine Schreie waren bis nach unten in den Eingangsbereich gehallt. Die Frau stürmte daraufhin Hals über Kopf aus dem Haus und wählte den Notruf. Und keine zehn Minuten später hatten die Sirenen von Feuerwehr, Krankenwagen und den Fahrzeugen des Kriminaldauerdienstes die morgendliche Ruhe des anbrechenden Frühlingstages schließlich wie einen dünnen Faden zerrissen.

Nachdem Jonathan die Überprüfung des Hauses abgeschlossen hatte, verstaute er seinen Schutzanzug in einer wiederverschließbaren Sicherheitsverpackung und reichte diese einem Kollegen von der Spurensicherung.
   Als er ins Freie trat, blendeten ihn die Strahlen der Sonne und er hielt sich eine Hand vor die Augen. Es war ein ungewöhnlich warmer Samstagmorgen Ende Mai und in den nächsten Tagen sollte es noch wärmer werden, wenn die Prognosen recht behielten. In der Altstadt würden die Menschen vor den Eisdielen und Cafés sitzen, an der Neckarwiese würden Familien ihre Picknickdecken ausbreiten, vielleicht zum ersten Mal in diesem Jahr grillen. Er selbst würde das frühsommerliche Wetter erst dann wieder voll und ganz genießen können, wenn alle Fragen beantwortet waren und sie den vor ihnen liegenden Fall zu einem zufriedenstellenden Abschluss gebracht hatten.
   Er ließ den Blick über die Einsatzfahrzeuge schweifen, die die Straße zu beiden Seiten blockierten. Über seine Kollegen, die Ameisen gleich ihrer Arbeit nachkamen und über die Journalisten und die Schaulustigen, die sich hinter den Absperrbändern drängten, ihre Hälse reckten und ihre Kameras oder Smartphones nach oben hielten und neugierig das Geschehen verfolgten. Jonathan fragte sich nicht zum ersten Mal, ob diese Sorte von Menschen nur darauf wartete, dass etwas passierte, das sie von ihren eigenen Sorgen und Nöten ablenkte und diese zumindest für einige Zeit klein und unbedeutend erscheinen ließ. Oder ob sie Genugtuung darüber verspürten, dass sie es nicht waren, die den Schrecken am eigenen Leib erfuhren, sondern ihn aus sicherer Entfernung einfach nur beobachten konnten wie ein im Schatten eines großen Zuschauerhauses sitzender Theaterbesucher. Ob sie immer noch so interessiert an den Vorgängen der Polizeiarbeit gewesen wären, wenn sie gesehen hätten, welche Gestalt der Tod an diesem Morgen angenommen hatte? Wenn sie gesehen hätten, was er gesehen hatte? Jonathan glaubte es nicht. Um ihretwillen hoffte er, dass es so war.
   Er bemerkte Stephanie erst, als sie sich aus der Menge von Polizeibeamten löste und die breite Eingangstreppe heraufgelaufen kam. Sie blieb neben ihm stehen, drehte sich zur Straße um, strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn und tat es ihm für einen Augenblick gleich, indem sie die Vorgänge auf der Straße betrachtete. Jonathan beschlich das Gefühl, dass sie nichts von dem, was sie sah, wirklich zur Kenntnis nahm.
   »Ich verstehe das nicht«, sagte sie schließlich.
   Er musterte seine junge Kollegin aus den Augenwinkeln. Stephanie sah blass und kraftlos aus, als ob sie sich erst vor kurzer Zeit übergeben hätte. Ihr Blick schweifte in die Ferne in Richtung des Heidelberger Schlosses, das sich auf ihrer Höhe auf der anderen Seite des Neckars befand. Ihre offensichtliche Niedergeschlagenheit irritierte ihn. Stephanie brachte normalerweise nichts so leicht aus der Fassung. Diesmal schien es jedoch anders zu sein.
   »Ein vierzehnjähriger Junge, der seine Mutter abschlachtet und seinen Großvater lebensgefährlich verletzt …« Ihre Stimme verebbte.
   »Glaub mir, ich verstehe es genauso wenig.« Jonathan legte ihr eine Hand auf die Schulter und hoffte, dass die Geste eine tröstende Wirkung hatte. Gleichzeitig dachte er an das Unbehagen, das er verspürt hatte, als sein Bereitschaftshandy an diesem Morgen geklingelt und er von der Familientragödie erfahren hatte. Er dachte daran, wie die Furcht vor dem Tod zu ihm zurückgekommen war, nachdem er sie schon so lange zu verdrängen versucht hatte. Aber er dachte auch daran, dass er ein erfahrener Kommissar war, dass das, was er an diesem Morgen gesehen hatte, sein Beruf war und nichts von alldem ihn aus dem Gleichgewicht bringen durfte. Dass nichts von alldem ihn aus dem Gleichgewicht bringen würde. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie er einmal seine Professionalität verloren und einen Fall zu seinem Fall gemacht hatte. Er hatte sich vorgenommen, dass das niemals wieder passieren würde. Und trotz seines Unbehagens würde auch dieser Fall nichts daran ändern.
   »Was glaubst du, was hier letzte Nacht vorgefallen ist?« Erst jetzt wandte Stephanie ihren Blick vom Schloss ab und sah Jonathan in die Augen. »Was glaubst du, wie es dazu kommen konnte?«
   Er wiegte den Kopf hin und her und drehte sich zum Haus um. »Ich weiß es nicht. Seit ich für die Mordkommission arbeite, habe ich viele Dinge gesehen, die entsetzlich waren. Manche sogar unbegreiflich. Aber so etwas? Nein, das habe ich auch noch nicht erlebt.«
   »Kann es dafür überhaupt eine Erklärung geben?«
   Es verstrichen einige Augenblicke, bis sich Jonathan zu einer Antwort durchringen konnte. »Genau das werden wir jetzt herausfinden müssen, Stephanie. Komm mit.« Mit einem Kopfnicken bedeutete er ihr, ihm zu folgen.
   Die Befürchtung, dass der Fall, der vor ihnen lag, wohl alles andere als einfach werden würde, behielt er für sich.

Kapitel 2

Vom Tatort im Hölderlinweg fuhren Stephanie und Jonathan auf direktem Weg zum Heidelberger Universitätsklinikum, in das der schwer verletzte Vater des Opfers von den Rettungskräften gebracht worden war.
   Der Samstagmorgen war mittlerweile weit fortgeschritten und auf dem Neckar zu ihrer Linken, in dem sich das Sonnenlicht glänzend spiegelte, fuhren die ersten Ausflugsschiffe der Saison. Die Straßen der Stadt waren stark befahren, doch da Jonathan das mobile Blaulicht an der Frontscheibe seines röchelnden Mitsubishi angebracht hatte, kamen sie schnell voran und fuhren in Richtung Neuenheimer Feld.
   Er hatte das Gefühl, etwas zu Stephanie sagen zu müssen, die tief in Gedanken versunken aus dem Fenster blickte. Doch was genau er sagen sollte, wusste er nicht. Er hielt sich für einen halbwegs passablen Polizisten und glaubte, ein gutes Einfühlungsvermögen zu besitzen, und trotzdem gab es manchmal Situationen, in denen er sich überfordert fühlte, in denen er nicht wusste, was er sagen oder ob er überhaupt etwas sagen sollte. Da auch Stephanie keine Anstalten machte, ein Gespräch aufzunehmen, entschloss er sich, zunächst ihrem Vorgesetzten einen knappen Überblick über den Stand der Dinge zu geben.
   »Pfisterer«, meldete sich der Kommissariatsleiter, kaum dass Jonathan die Nummer über die Freisprechanlage gewählt hatte.
   »Ich bin es, Jonathan.«
   »Ein Lagebericht? Das wird aber auch Zeit!«
   Jonathan ignorierte den schroffen Ton, für den Harald Pfisterer auf dem Präsidium allseits bekannt war. Aus langjähriger Erfahrung hatte er gelernt, dass es nichts brachte, sich mit dem Mann anzulegen. Stattdessen gab er die wenigen Informationen wieder, die er von Stephanie erhalten hatte. »Das Opfer ist allem Anschein nach eine Frau namens Johanna Mahler. Der Täter ist ihr vierzehnjähriger Sohn, Paul Mahler.«
   »Wisst ihr schon, wer den Notruf abgeschickt hat?«
   »Eine gewisse Erika Nietzsche. Bei ihr handelt es sich offenbar um die neue Frau des Großvaters, Gerhard Mahler, der ebenfalls schwer verletzt wurde. Der Junge hat auf ihn eingestochen, als dieser im Obergeschoss des Hauses das Bad betrat.« Jonathan dachte ein weiteres Mal an den grauenhaften Anblick und versuchte, ihn aus dem Kopf zu vertreiben. Für den Moment gelang es ihm. »Gerhard Mahler atmete kaum noch, als unsere Kollegen vom Kriminaldauerdienst im Hölderlinweg eingetroffen sind. Er wurde von den Rettungskräften ins Universitätsklinikum gefahren. Stephanie und ich sind gerade auf dem Weg dorthin. Wir wollen mit Erika Nietzsche sprechen, wenn es ihre momentane Verfassung zulässt. Vielleicht gibt es auch schon neue Informationen zu Gerhard Mahlers Zustand. Und darüber, ob er durchkommen wird.«
   »Gottverdammte Scheiße«, fluchte Pfisterer. »In der letzten Zeit war es so ruhig und jetzt das …«
   Jonathan wusste, dass Harald Pfisterer seine Berentung in wenigen Monaten beinahe schon schmerzlich herbeisehnte. Es gab Augenblicke, da konnte er es seinem Vorgesetzten nicht einmal verübeln. Doch bevor Pfisterer noch etwas hinzufügen konnte, ergriff Jonathan ein weiteres Mal das Wort. »Wir müssen abwarten, ob Hannah Amend und die anderen irgendwelche Auffälligkeiten im Haus gefunden haben. Verdächtige Fingerabdrücke, unbekannte DNA-Spuren … irgendetwas. Aber im Moment scheint vieles dafürzusprechen, dass Paul Mahler seine Mutter umgebracht hat.«
   »Schaut zu, dass ihr diese Erika Nietzsche befragen könnt, egal, ob es ihre momentane Verfassung zulässt oder nicht. Was da passiert ist, klingt grässlich, und ich möchte möglichst schnell Klarheit haben. Wenn es keine anderen Verdachtsmomente gibt und der Junge die Tat begangen hat, reicht mir schon ein grobes Bild davon, was ihn dazu getrieben hat. Dann können wir den Fall zu den Akten legen. Ich werde gleich auch mit Lisa-Marie sprechen und hören, was sie dazu zu sagen hat.«
   Jonathan war geneigt, Harald Pfisterer etwas zu erwidern. Er hatte einmal an einem Fall weitergearbeitet, weil dieser seiner Ansicht nach von der Staatsanwaltschaft zu schnell zu den Akten gelegt worden war; weil er und seine Kollegen nicht alles getan hatten, um ihn aufzuklären: der Fall Lucas Fähnrich. Jonathan hatte selbst dann noch an dem Fall des verschwundenen Jungen weitergearbeitet, als ihm sein Leben nach und nach entglitten war. Er war dem Alkohol verfallen, seine Frau hatte sich von ihm getrennt und schließlich war er vom Dienst suspendiert worden. Es hatte lange gedauert, bis er Schritt für Schritt die Scherben seines früheren Lebens zusammengesetzt hatte. Doch erst, als ein zweiter Junge verschwunden war und sich herausgestellt hatte, dass beide von ein und demselben Mann entführt worden waren, hatte Jonathan zu jener alten Durchsetzungskraft und Stärke zurückgefunden, die ihm abhandengekommen war, als der Fall Lucas Fähnrich als unaufgeklärt zu den Akten gelegt worden war. Er hatte folglich seine ganz persönlichen Gründe, warum er einen Fall nicht zu schnell abschließen wollte. Zu viele unbeantwortete Fragen, zu viele offene, ungeklärte Enden. Zu viel Ungewissheit, die ihn umtrieb und einfach nicht zur Ruhe kommen ließ. Doch er verkniff sich eine Antwort, teilte Pfisterer lediglich mit, dass sie sich wieder bei ihm melden würden, sobald sie weitere Informationen hätten, und beendete das Gespräch.
   Die restliche Fahrt zum Universitätsklinikum verlief in einhelligem Schweigen. Als sie den verschachtelten Gebäudekomplex im Westen der Stadt erreichten, manövrierte Jonathan seinen Wagen in eine Parklücke und stellte den Motor ab. Er blickte aus dem Fenster und sah einen älteren Mann, der seine Frau in einem Rollstuhl auf einem schmalen, von hohen Birken gesäumten Kiesweg vor sich herschob. Die Frau hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Auf dem Kopf trug sie ein buntes Tuch. Vielleicht wollte sie verbergen, dass ihr als Folge einer Chemotherapie die Haare ausgefallen waren. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Jonathan sich selbst, wie er Sophie in einem Rollstuhl vor sich herschob. Erschrocken über das Bild, das so plötzlich vor seinem inneren Auge aufgetaucht war, zwang er sich, ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Es gab im Augenblick andere, drängendere Dinge, um die er sich zu kümmern hatte.
   »Stephanie, wenn du ein Problem damit hast, an diesem Fall mitzuarbeiten, dann würde ich das gern hier und jetzt klären«, sagte er und wandte sich seiner Kollegin auf dem Beifahrersitz zu. »Ich kann Robert Bencsik um Unterstützung bitten oder Achim …«
   »Achim ist ab Montag in Urlaub«, erwiderte Stephanie, ohne ihn anzublicken. »Seine Frau und er fliegen für zwei Wochen nach Korsika. Schon vergessen?«
   Noch während sie es sagte, erinnerte sich Jonathan an das Gespräch, das sie vor wenigen Tagen in der Kantine des Präsidiums mit ihrem Kollegen Achim Bräuer geführt hatten. Er ärgerte sich über seine Zerstreutheit. Zu oft war er in letzter Zeit mit seinen Gedanken einfach nicht bei der Sache. »Wie auch immer. Ich kann Robert Bencsik fragen. Oder jemand anderen. Momentan ist soweit alles ruhig und ich sehe keinen Grund, warum du an einem Fall mitarbeiten solltest, der dir Kopfzerbrechen bereitet, noch bevor wir überhaupt mit den Ermittlungen angefangen haben.«
   Erst jetzt wandte sich Stephanie ihm zu. Sie sah verärgert aus. »Jonathan, ganz ehrlich, ich weiß, dass du es nur gut meinst, aber du musst mich nicht ständig in Schutz nehmen. Verstehst du das? Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, wie der Hase läuft. Und ich bin lange genug dabei, um auch mit so einer Sache klarzukommen.« Sie legte eine Pause ein und sprach um einiges ruhiger als zuvor weiter. »Du musst niemand anderen fragen. Ich will an diesem Fall mitarbeiten. Und ich kann es auch. Alles, was ich jetzt gebrauchen könnte, ist ein kurzer Moment für mich allein.«
   Jonathan glaubte, sie zu verstehen. »Ich warte draußen auf dich«, sagte er und stieg aus dem Wagen aus. Auf dem Parkplatz vertrat er sich die Beine. Dabei fiel sein Blick noch einmal auf den Mann und die Frau im Rollstuhl. Mittlerweile war sie wieder aufgewacht. Die beiden waren im Schatten einer Birke stehen geblieben. Jonathan atmete tief ein und aus und drehte dem Paar den Rücken zu.
   Fünf Minuten später stieg Stephanie aus dem Wagen aus. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machten sie sich auf den Weg zum nächstgelegenen Klinikeingang.

Am Empfang zeigten sie ihre Dienstausweise und erhielten die Information, dass Gerhard Mahler noch immer operiert wurde. Der Ausgang der Operation war ungewiss. Wo sich Erika Nietzsche aufhielt, konnte ihnen die bebrillte Frau hinter der Glasscheibe nicht sagen.
   Jonathan entschuldigte sich, um mit einem Kollegen vom Kriminaldauerdienst zu telefonieren. Einige Minuten später hatte er die Antwort, die er haben wollte.
   Unmittelbar, nachdem Gerhard Mahler mit dem Krankenwagen zum Klinikum gefahren worden war, hatte Erika Nietzsche darauf bestanden, zu ihrem schwer verletzten Mann gebracht zu werden. Ein Kollege vom Kriminaldauerdienst hatte daraufhin Rücksprache mit seinem direkten Vorgesetzten gehalten. Nach dessen Zustimmung hatte der Beamte Erika Nietzsche ins Klinikum gefahren. Jetzt befand sich die Frau in einem Aufenthaltsraum für Angehörige, der an die Intensivstation grenzte.
   Das Klinikum glich einem riesigen Irrgarten. Als Stephanie und er die Intensivstation und den Aufenthaltsraum schließlich gefunden hatten, waren zwanzig Minuten vergangen. Vor der Tür stand der Kollege, mit dem Jonathan telefoniert hatte, und grüßte sie mit einem knappen Kopfnicken. Im Gegensatz zu Jonathan und Stephanie trug er eine Dienstuniform. Lediglich die Mütze hatte er abgenommen und drehte sie wie einen Kreisel in den Händen hin und her.
   »Sie war halbwegs gefasst«, teilte der Mann ihnen mit. »Erst, als wir im Krankenhaus waren, begann sie wirklich zu begreifen, was im Hölderlinweg passiert ist. Die Ärzte mussten ihr eine Beruhigungsspritze geben, um sie zu stabilisieren. Jetzt geht es ihr den Umständen entsprechend gut.«
   Jonathan dankte dem Mann für die Informationen. Dann klopfte er vorsichtig an der Tür an und betrat den dahinterliegenden Raum.
   Der Aufenthaltsraum war kärglich eingerichtet. An einer Wand stand eine zerschlissene Couch, in einer der hinteren Ecken zwei verwelkte Yuccapalmen in schmucklosen Terrakottatöpfen. Einige Stühle, die nicht zueinanderpassten, waren um einen schlichten, weißen Tisch gruppiert. Darauf standen eine Wasserflasche und mehrere Plastikbecher. Da irgendjemand offenbar die Jalousien zugezogen hatte, lag der Raum im Halbdunkeln und nur vereinzelte Sonnenstrahlen fanden ihren Weg herein.
   Erika Nietzsche saß mit starrem Blick auf der Couch und hatte ihr Eintreten nicht bemerkt. Sie war klein, stämmig gebaut und hatte dunkelbraun gefärbte Haare. Die schwarze Schminke unter ihren Augen war verlaufen und ihre Hände zitterten wie die eines Parkinson-Patienten. Jonathan schätzte, dass sie bereits über siebzig Jahre alt war. Sie trug einen blauen Rock, der ihre Knie bedeckte, und flache, bequeme Schuhe. Neben ihr auf der Couch stand eine große Handtasche. Sie war gekleidet, als ob sie einen Wochenendausflug geplant hätte, doch ihrer jetzigen Verfassung nach zu urteilen, gab es nichts, wonach ihr weniger der Sinn stand.
   »Frau Nietzsche?« Jonathan blieb an der Tür stehen und wartete, ob die Frau ihn wahrnehmen würde. Als dies nicht der Fall war und sie einfach weiter vor sich hinstarrte, ging er auf den Tisch zu und zog einen der Stühle an die Couch heran. Stephanie, die die Tür hinter ihm schloss, folgte ihm.
   »Frau Nietzsche, mein Name ist Jonathan Weitzäcker. Ich bin Kriminalhauptkommissar bei der Mordkommission Heidelberg. Das ist meine Kollegin Stephanie Rühle.« Er erhielt keine Antwort. »Wir haben uns gerade noch einmal nach dem Gesundheitszustand von Herrn Mahler erkundigt. Es gibt leider keine Neuigkeiten.«
   Erst jetzt erwachte Erika Nietzsche aus ihrer Schockstarre. Sie blinzelte und musterte Jonathan und seine Kollegin.
   »Wir sind hier, weil wir Ihnen einige Fragen stellen müssen. Ich weiß, dass das in Anbetracht der Umstände sehr schwer für Sie sein muss, aber …«
   »Ach ja, das wissen Sie?«, fiel Erika Nietzsche ihm ins Wort und tupfte sich die Augen mit einem Taschentuch ab, das sie in ihrer geballten Faust zerknüllt hatte. Ihre Stimme klang schwach, beinahe, als ob sie jeden Augenblick wie ein auf den Boden fallendes Glas zerbrechen würde.
   »Ich weiß, dass Sie uns dabei helfen können, herauszufinden, was passiert ist, wenn Sie uns unsere Fragen beantworten«, erwiderte Jonathan unbeirrt. »Ich bin mir sicher, dass das so ist.«
   Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, mit denen er in seinem Beruf zu tun hatte, schien Erika Nietzsche keine Person zu sein, die das Gespräch mit einem Polizeibeamten einschüchterte.
   »Wie sagten Sie gleich, war Ihr Name?«, fragte sie und legte die Stirn in Falten.
   »Weitzäcker.«
   »Weitzäcker, ja? Dann sind Sie der Polizist, der vor über einem Jahr die armen Jungen in der Waldhütte dieses Monsters gefunden hat.«
   Während sie sprach, wurde ihr Blick lebendiger. Jonathan hingegen bemerkte, wie sich sein Körper anspannte und seine Atmung beschleunigte. Er sprach weiter, als ob er sie gar nicht gehört hätte. »Frau Nietzsche, meine Kollegin und ich würden gern erfahren, was letzte Nacht im Hölderlinweg passiert ist. Zunächst muss ich Sie aber fragen, in welcher Beziehung Sie zu Gerhard Mahler und seiner Familie stehen.«
   Erika Nietzsche trocknete sich ein weiteres Mal die Augen ab. Es war, als ob sie sich für das bevorstehende Gespräch wappnen wollte. Als sie ihm schließlich antwortete, atmete Jonathan erleichtert auf. Wenn die Frau mit ihnen kooperierte, vereinfachte das ihre Arbeit erheblich.
   »Gerhards Frau Ingrid ist vor fünf Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Da waren die beiden gerade im Allgäu wandern. Ingrid war noch nicht einmal siebzig Jahre alt. Ich habe Gerhard vor drei Jahren bei einem Tagesausflug für Senioren in den Odenwald kennengelernt. Während der Busfahrt sind wir nebeneinandergesessen und ins Gespräch gekommen. Er war ein höflicher und zuvorkommender Mann.« Als sie merkte, was sie gesagt hatte, verbesserte sie sich: »Er ist ein höflicher und zuvorkommender Mann.«
   »Im Anschluss an diesen Tagesausflug haben Sie sich häufiger getroffen?«, fragte Stephanie.
   »Wir haben uns zusammen für einen weiteren Ausflug angemeldet. Nach Neckargemünd, soweit ich mich erinnern kann. Auch dabei haben wir uns gut verstanden. Danach haben wir dann begonnen, uns häufiger zu treffen, ja.« Erika Nietzsche blickte auf. Ein Sonnenstrahl fiel auf ihr Gesicht und ließ es aufleuchten. In diesem Augenblick wurde Jonathan bewusst, dass die Frau, die hier vor ihnen saß, an jedem anderen Tag eine beeindruckende Erscheinung abgegeben hätte: stolz, entschlossen und selbstsicher. Er hatte das Gefühl, dass sie zu ihrer eigentlichen Stärke zurückfand, je länger ihr Gespräch andauerte. »Als sich unsere Beziehung festigte, erzählte Gerhard schließlich seiner Tochter von uns. Er war besorgt, wie Johanna eine neue Frau an seiner Seite aufnehmen würde, doch wie sich herausstellte, hätte er sich überhaupt keine Sorgen machen müssen. Johanna freute sich für ihn. Sie freute sich für uns. Kurz, nachdem Gerhard ihr von mir erzählt hatte, habe ich sie und Paul dann kennengelernt.«
   Jonathan zog Notizblock und Kugelschreiber aus seiner Manteltasche. Langsam, aber sicher, näherten sie sich den für ihren Fall wichtigen Themen.
   »Wann war das?«, fragte er.
   »Vor knapp zwei Jahren.«
   »Das heißt, Sie kannten Johanna und Paul Mahler schon seit längerer Zeit. Was können Sie mir über die beiden sagen? Was wissen Sie über die Beziehung zwischen Johanna Mahler und ihrem Sohn?«
   Tränen traten in Erika Nietzsches Augen und ihr Blick schweifte unruhig zwischen ihm und Stephanie hin und her. »Johanna liebte ihren Paul. Sie liebte ihn, wie jede Mutter ihr Kind liebt.« Ihre Stimme bebte. »Und Paul … Paul liebte seine Mutter. Das konnte man sehen. Oder zumindest glaubte ich das. Bis heute Morgen.«
   »Frau Nietzsche, auch wenn es Ihnen unangenehm sein mag, meine nächsten Fragen zu beantworten, muss ich Sie Ihnen trotzdem stellen: Ist Ihnen irgendwann einmal etwas aufgefallen, das gegen Ihre ursprünglichen Annahmen sprechen könnte? Gab es Momente, in denen das Verhältnis der beiden auf Sie angespannt wirkte? Oder gestört? Gab es Situationen, in denen sie sich miteinander stritten? Vielleicht sogar körperliche Auseinandersetzungen?«
   Erika Nietzsche schien seine Fragen als Herausforderung aufzufassen. »Johanna war die beste Mutter, die ich mir vorstellen kann«, antwortete sie und blickte Jonathan dabei in die Augen. »Johanna hätte alles für Paul getan. Alles. Sie liebte ihn aufrichtig und von ganzem Herzen, so, wie auch ich meine beiden Kinder liebe. Sicher war sie durch ihren Beruf immer sehr eingespannt und musste viele Überstunden machen. Manchmal sogar am Wochenende. Das bestreite ich ja gar nicht. Aber Paul stand für sie immer an erster Stelle. Sie hat versucht, ihm das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Und sie hat sich selbstverständlich auch um eine angemessene Betreuung für ihn gekümmert, wenn sie einmal nicht rechtzeitig von der Arbeit nach Hause kommen konnte.«
   Erika Nietzsche hatte etwas gesagt, das sowohl ihn als auch Stephanie aufhorchen ließ. Er erkannte es am Blick seiner Kollegin und an der Tatsache, dass sie sich interessiert zu ihrer Zeugin nach vorn gebeugt hatte.
   »Eine angemessene Betreuung? Was genau meinen Sie damit?«, fragte Jonathan stirnrunzelnd. »Soweit mir bekannt ist, ist Paul Mahler vierzehn Jahre alt. Ich selbst habe keine Kinder, aber von Jugendlichen in diesem Alter kann man mit Sicherheit ein gewisses Maß an Eigenständigkeit erwarten.«
   Erika Nietzsche blickte verwirrt zwischen ihnen hin und her. »Sie wissen es noch nicht?«, fragte sie und wirkte ernsthaft überrascht.
   Dann begann sie, ihnen von Paul zu erzählen, und je weiter sie sprach, desto mehr verstärkte sich das unangenehme Gefühl, das Jonathan seit den frühen Morgenstunden nicht loslassen wollte. Es war, als ob er einen Knoten im Bauch hatte, den jede neue Information und jedes gesprochene Wort noch ein bisschen weiter zuschnürte. Er hoffte, dass es ihm nicht die Luft zum Atmen raubte, wenn er am Boden der Tatsachen angekommen war.

Kapitel 3

Nachdem Erika Nietzsche ihnen vorläufig alle Fragen beantwortet hatte, bedankten sich Stephanie und Jonathan für ihre Hilfe und verabschiedeten sich.
   »Das alles ist so schrecklich. Und so sinnlos«, sagte die Frau noch, bevor sie den Raum verließen, und blickte dabei betreten zu Boden.
   Jonathan hätte ihr gern erwidert, dass es auch andere Erklärungen geben konnte – und vielleicht gab es sie auch wirklich – aber im Augenblick deutete nichts darauf hin. Paul Mahler schien seine Mutter umgebracht zu haben. In Gedanken stimmte er ihr zu. Es war schrecklich und sinnlos.
   Als Stephanie und er kurz darauf in seinen Mitsubishi stiegen, war von dem älteren Ehepaar nichts mehr zu sehen. Jonathan war froh darüber und drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. Dann fuhren sie in Richtung Polizeipräsidium.
   Der Himmel war strahlend blau und die Sonne schien in sommerlicher Wärme auf die Stadt herab. Die Blätter der Bäume wiegten sich sanft im Wind und auf den Gehsteigen tummelten sich Familien und Touristen. Alles um sie herum wirkte friedlich – so, wie es sein sollte. Doch ihr Beruf brachte es mit sich, dass sie hinter diesen Vorhang der vorgeschobenen Normalität blickten. Und auf der Bühne des wirklichen Lebens wurden manchmal Stücke aufgeführt, die sich kein griechischer Dramatiker je hätte ausdenken können.
   Wie viele der Familien, die Jonathan sah, waren so unbeschwert und heiter, wie sie an diesem Morgen wirkten? Wie viele der Paare, die sich an den Händen hielten, würden tatsächlich einmal glücklich miteinander werden und nicht in Eifersucht, Wut und Streit auseinandergehen? Wie viel konnte die Liebe ausrichten, wenn der Zufall oder das Schicksal ihre grausamen Spiele spielten und Menschen wie Grashalme im Wind brechen ließ? Wie viele dieser Menschen trugen Geheimnisse in ihren Herzen? Wie viele bemühten sich und fochten Tag um Tag ihre eigenen Kämpfe, nur um letztlich doch als Verlierer daraus hervorzugehen? Wie grausam konnte das Leben sein, wenn man einen Blick hinter den Vorhang wagte? So, wie sie es während ihres Gespräches mit Erika Nietzsche getan hatten?
   Als Stephanie ihn plötzlich aus seinen ausufernden Gedanken riss, wäre er beinahe erschrocken zusammengezuckt.
   »Wie sollen wir jetzt weiter vorgehen?«
   Jonathan hielt an einer roten Ampel. Er hatte das Fenster heruntergelassen. Von draußen wehte eine angenehme Brise herein und von irgendwo war das Lachen einer Frau zu hören. Als die Ampel auf Grün umsprang, hatte er sich schließlich entschieden, wie ihre nächsten Schritte aussehen sollten.
   »Ich setze dich am Präsidium ab«, sagte er. »Wenn du Harald erwischst, informiere ihn bitte über Paul Mahlers Gesundheitszustand. Versuch, ein bisschen mehr über die Familie Mahler herauszufinden. Über die berufliche Situation der Mutter, über Gerhard Mahler, über Paul Mahlers Vater, der offenbar getrennt von seiner Frau und seinem Sohn lebte. Und natürlich auch über Erika Nietzsche. Vielleicht wird am Ende nichts davon wirklich wichtig sein. Aber ich möchte nicht, dass wir etwas übersehen, das uns vielleicht doch noch einen anderen Blickwinkel ermöglicht. So klar und eindeutig die Situation zum jetzigen Augenblick auch scheinen mag.«
   Stephanie nickte. »Und was wirst du tun?«
   »Ich werde zu Paul Mahler in die Psychiatrie fahren«, antwortete Jonathan und trat das Gaspedal durch.
   Es brauchte nur ein Telefonat, um in Erfahrung zu bringen, wohin seine Kollegen vom Kriminaldauerdienst den Jungen gebracht hatten.
   Das Psychiatrische Zentrum Rhein-Neckar befand sich etwas außerhalb von Heidelberg in Schriesheim und verteilte sich auf mehrere Häuser aus Sandstein, die wie zufällig in einer weitläufigen Parkanlage an den Hängen des Odenwaldes verteilt lagen.
   Jonathan parkte seinen Wagen auf dem großen Besucherparkplatz, an den ein eingezäuntes Fußballfeld mit Kunststoffrasen und ein kleiner Streichelzoo grenzten, und machte sich auf den Weg zum Hauptgebäude, das im Herzen des Parks lag. Bereits aus der Ferne konnte er sehen, dass vor dem Eingangsbereich des Gebäudes mehrere Polizeifahrzeuge parkten. Er vermutete, dass die Wagen den Kollegen gehörten, die Paul Mahler hierhergefahren hatten. Ein kurzes Gespräch mit einer jüngeren Beamtin, der er bisher, soweit er sich erinnern konnte, noch nie begegnet war, bestätigte seine Vermutung.
   »Waren Sie dabei, als Johanna Mahler und ihr Sohn gefunden wurden?«
   Die Frau, auf deren Erkennungszeichen der Name Miriam Pflüger stand, bestätigte seine Frage mit einem Kopfnicken.
   »Können Sie mir die Situation beschreiben?«
   Die Frau mit den schulterlangen blonden Haaren und dem wachen Blick schien sich sichtlich unwohl dabei zu fühlen, beantwortete seine Frage aber ohne Umschweife. »Der Notruf erreichte die Zentrale um 9:02 Uhr. Um 9:20 Uhr trafen wir mit drei Einsatzfahrzeugen im Hölderlinweg ein. Auf der Straße vor dem Haus stand die Frau, die uns angerufen hatte, und winkte uns aufgeregt zu. Sie berichtete, dass sie und ihr Mann einen Ausflug mit der Mutter und ihrem Sohn geplant hatten. Als die beiden auch auf mehrmaliges Klingeln hin nicht die Haustür geöffnet hatten, schloss der Mann die Tür mit seinem eigenen Schlüssel auf. Im Eingangsbereich riefen sie eigenen Angaben zufolge dann mehrmals nach den beiden, erhielten aber keine Antwort und wurden unruhig. Während die Frau auf Aufforderung ihres Mannes hin an der Tür stehen blieb, durchsuchte er das Haus. Als die Frau seine Schreie aus dem Obergeschoss hörte, rannte sie auf die Straße nach draußen und rief uns an.«
   »Waren Sie dabei, als der Großvater, seine Tochter und der Junge im Bad gefunden wurden?«
   »Ja, das war ich. Nachdem die Frau uns die Situation geschildert hatte, gingen wir zu viert nach oben. Da wir nicht wussten, was uns erwarten würde, hatten wir vor dem Haus Schutzwesten angelegt und unsere Dienstwaffen entsichert.« Miriam Pflüger legte eine Pause ein, um sich Luft zu verschaffen. »Als wir das Badezimmer betraten, lag die Mutter im hinteren Teil des Raumes neben der Badewanne. Sie lag auf dem Bauch und ihr Kopf war in einem unnatürlichen Winkel zur Seite verdreht. Der alte Mann lag in der Nähe der Tür, er keuchte und versuchte, eine seiner Wunden am Bauch mit der Hand abzudecken, um nicht noch mehr Blut zu verlieren. Er war schwer verletzt und es war offensichtlich, dass er schnellstmöglich ärztliche Hilfe brauchte. Der Junge saß zwischen den beiden in der Mitte des Raumes.«
   »In welcher Verfassung fanden Sie den Jungen vor?«
   »Er war von oben bis unten blutverschmiert. Er zitterte. Und er weinte.«
   »Und wo befand sich die Tatwaffe, das Küchenmesser, als Sie und Ihre Kollegen den Raum betraten?«
   »Der Junge hielt das Messer in seiner Hand.«
   Jonathan fuhr sich über die Stirn, um sich die Schweißtropfen wegzuwischen. Die Sonne brannte auf seinen Kopf. Obwohl er seinen Mantel im Auto gelassen hatte und nur noch ein Hemd trug, war ihm zu warm. Er befürchtete, dass die Höchsttemperaturen des Tages noch nicht erreicht waren. »Ist Ihnen sonst etwas an dem Jungen aufgefallen?«
   Seine Kollegin schien nicht zu wissen, worauf er hinauswollte.
   Jonathan präzisierte seine Frage. »Machte der Junge den Eindruck, als ob er sich über die Situation, in der er sich befand, im Klaren war? Über das, was um ihn herum passierte? Über das, was er getan hatte?«
   Während sie bislang genau gewusst zu haben schien, was sie sagen wollte, geriet Miriam Pflüger nun zum ersten Mal ins Stocken. »Er wirkte verstört«, sagte sie vage und wiegte unschlüssig ihren Kopf hin und her.
   »Wie verhielten Sie sich, als Sie die Familie im Bad vorfanden?«
   »Wir forderten den Jungen auf, das Messer fallen zu lassen.«
   »Kam er Ihrer Aufforderung nach?«
   Die Kollegin schüttelte ein letztes Mal den Kopf.
   »Er schien nicht zu verstehen, was wir von ihm wollten«, antwortete sie. »Also entschlossen wir, uns ihm vorsichtig zu nähern und ihn zu entwaffnen. Er leistete keinen Widerstand. Er weinte einfach nur.«
   Es war die Antwort, die Jonathan erwartet hatte.

Das Psychiatrische Zentrum Rhein-Neckar war eine überregionale Einrichtung für Patienten mit psychischen Störungen und verfügte über eine eigene Kinder- und Jugendstation mit einem geschützten Bereich für eigen- oder fremdgefährdete Patienten. In diesem Bereich war auch Paul Mahler untergebracht worden. In Anbetracht der Tatsache, dass er allem Anschein nach seine Mutter umgebracht und seinen Großvater schwer verletzt hatte, war eine sofortige Zwangsunterbringung die gesetzlich einzig richtige Entscheidung gewesen.
   Jonathan wusste, dass ihm sein Dienstausweis in einer Psychiatrie ausnahmsweise einmal nicht Tür und Tor öffnen würde, darum teilte er stattdessen dem älteren Mann am Empfang mit, wer er war und welches Anliegen er hatte. Der Mann bat ihn, im Foyer zu warten, bis er den zuständigen Chefarzt erreicht hatte.
   Jonathan dankte ihm für seine Hilfe.
   Auf der Toilette benetzte er sein verschwitztes Gesicht mit kaltem Wasser und betrachtete dann sein eigenes Spiegelbild. Mittlerweile war er einundfünfzig Jahre alt und die Zeit hatte auch vor ihm nicht haltgemacht. Er dachte daran, wie er seinen fünfzigsten Geburtstag mit Achim Bräuer, Stephanie Rühle und mehreren anderen Kollegen in einer Kneipe in der Heidelberger Altstadt gefeiert hatte. Wie er sich lange Zeit vor diesem Alter gefürchtet hatte, und wie unbeschwert er letzten Endes angesichts des Gedankens gewesen war, dass ein neues Lebensjahrzehnt auch einen neuen Lebensabschnitt einleiten würde. In vielerlei Weise war das tatsächlich der Fall gewesen, doch in keinerlei Weise so, wie er es sich vorgestellt und erhofft hatte. Mittlerweile war seit seinem fünfzigsten Geburtstag mehr als ein Jahr vergangen. Er hatte nur noch verschwommene Erinnerungen daran.
   Er trocknete sich das Gesicht mit einigen Papiertüchern ab und ging ins Foyer zurück. Der große, offene Raum mit seiner hohen Decke und den Wänden aus dunklem, unverputztem Stein war klimatisiert. Im Gegensatz zu draußen war es hier angenehm kühl. Während Jonathan auf den zuständigen Chefarzt wartete, schlenderte er herum und betrachtete mehrere Plakate an den Wänden, die über verschiedene Behandlungsmethoden von schwergradigen Depressionen informierten.
   »Herr Weitzäcker?«
   Er hatte den groß gewachsenen Mann nicht bemerkt, der plötzlich in seinem weißen Arztkittel an ihn herangetreten war, als ob er wie eine Bohnenranke aus dem Boden gewachsen wäre.
   »Ich heiße Ismael Baghadi und bin der Chefarzt der Kinder- und Jugendstation. Herr Jürgens vom Empfang hat mir mitgeteilt, dass Sie mit mir sprechen wollen. Um ehrlich zu sein, bin ich überrascht, dass Sie nicht schon früher gekommen sind.«
   Sie schüttelten sich die Hände. Ismael Baghadi war schätzungsweise vierzig Jahre alt, hatte eine athletische Figur und einen schwarzen Vollbart. Seine kurz rasierten Haare waren an den Schläfen bereits vorzeitig ergraut und er trug eine Brille mit einem schweren Gestell. Davon abgesehen wirkte er ausgesprochen jugendlich und ganz und gar nicht so, wie sich Jonathan den Chefarzt einer Psychiatrie vorgestellt hatte.
   »Dr. Baghadi, können wir uns in Ihrem Büro unterhalten?«
   »Selbstverständlich. Folgen Sie mir bitte«, sagte Baghadi und machte eine fließende Handbewegung. Er führte Jonathan einen der sternförmig vom Foyer abzweigenden Flure entlang. Hier waren alle Türen verschlossen, aber aus dem einen oder anderen Büro drangen gedämpfte Stimmen. »Ist Ihr Interesse an Behandlungsmöglichkeiten der Depression theoretischer oder praktischer Natur?«
   Sie erreichten das Ende des langen Flures und der Arzt schloss eine Tür auf. Ihm war offenbar nicht entgangen, dass Jonathan die Plakate im Foyer aufmerksam studiert hatte.
   »Weder noch«, antwortete Jonathan und folgte Baghadi in ein ordentlich aufgeräumtes Büro mit einem wuchtigen Schreibtisch und einem breiten Bücherregal mit psychiatrischer Fachliteratur, das eine komplette Wand des Raumes einnahm.
   »Wissen Sie, wie viele Polizeibeamte in Deutschland jedes Jahr an einer der vielen Formen von Depressionen erkranken?«
   Jonathan wusste nicht, ob sich der Mann an einen der Zeitungsartikel erinnerte, die über ihn geschrieben worden waren, als er vom Dienst suspendiert worden war, oder ob der Arzt ihn nur aus professioneller Neugierde fragte. Aber das spielte auch keine Rolle. »Dr. Baghadi, ich bin hier, weil ich in einem Mordfall ermittle«, antwortete Jonathan, als er sich dem Mann gegenüber an dessen Schreibtisch setzte. »Und weil ich hoffe, dass Sie mir Informationen über den aktuellen Zustand von Paul Mahler geben können. Danach würde ich gern persönlich mit dem Jungen sprechen.«
   Baghadi hob beschwichtigend die Hände, als ob Jonathan seine Dienstwaffe auf ihn gerichtet hätte. Dann legte er sie mit den Handflächen nach oben auf dem Schreibtisch ab. Vielleicht wollte er durch diese Geste seine Kooperation signalisieren. »Ich möchte Ihnen helfen, so gut ich kann, Herr Weitzäcker. An erster Stelle steht für mich aber das Wohlergehen meiner Patienten. Und bevor Sie mich ein weiteres Mal darauf hinweisen, dass Sie in einem Mordfall ermitteln: Mir ist bewusst, was Paul Mahler möglicherweise getan hat. Darum ist der Junge ja auch hierher gebracht worden. Mir ist auch bewusst, dass Sie Ihren Vorgesetzten und der Presse Ergebnisse liefern müssen. Aber das wird nichts daran ändern, dass allein meine Einschätzung von Paul Mahlers Zustand darüber entscheidet, wann und in welchem Rahmen Sie mit ihm sprechen können.«
   Jonathan hatte mit einer solchen Antwort gerechnet und konnte sie Baghadi nicht einmal verübeln.
   »In Anbetracht der Umstände handelte es sich bei Paul Mahlers Einweisung um eine Zwangsunterbringung nach Paragraf 1631. Heute Mittag wird ein Richter beurteilen, wie Paul Mahlers weitere Unterbringung aussehen wird.«
   »Der Richter wird zu dem Urteil kommen, dass Paul Mahler bis auf Weiteres auf Ihrer Station bleiben wird«, sagte Jonathan. »So lange, bis ausgeschlossen werden kann, dass er eine Gefahr für sich oder andere darstellt. Das weiß ich alles.«
   Ismael Baghadi nickte anerkennend. »Wie ich sehe, kennen Sie sich mit den Unterbringungsrichtlinien in Deutschland aus, Herr Weitzäcker.«
   »Ich kenne mich auch mit der ärztlichen Schweigepflicht aus«, fuhr Jonathan fort. »Und ich weiß, dass nicht einmal polizeiliche Ermittlungen Sie von dieser Schweigepflicht entbinden, solange keine akute Gefährdung besteht.«
   »In der Tat«, antwortete Baghadi mit ernstem Gesicht.
   Jonathan betrachtete sein Gegenüber aufmerksam. Er war gespannt darauf, wie Baghadi auf das, was er als Nächstes sagte, reagieren würde.
   »Paul Mahler befand sich schon einmal in psychiatrischer Behandlung. Um genau zu sein, befand sich der Junge schon einmal hier in Behandlung.« Damit kam er darauf zu sprechen, was Stephanie und er von Erika Nietzsche erfahren hatten. »Sie können unseren Ermittlungen Steine in den Weg legen und sich jederzeit auf Ihre Schweigepflicht berufen. Sie können uns aber auch helfen. Vertraulich.«
   »Vertraulich?«
   Jonathan wusste, dass er sich auf sehr dünnes Eis begab. »Nichts von dem, was Sie sagen, wird in irgendeiner Ermittlungsakte auftauchen. Ich werde alle Informationen streng vertraulich behandeln.«
   »Was verlangen Sie von mir?«, fragte Baghadi mit hochgezogenen Brauen, obwohl er die Antwort längst kennen musste.
   »Ich möchte alles wissen, was Sie mir über Paul Mahlers psychische Verfassung sagen können. Und wenn möglich, würde ich auch gern Einblick in seine Krankenakte erhalten.«

Jonathan war bewusst, dass er lediglich an Ismael Baghadis Kooperation appellieren konnte, es aber keinerlei Garantie für eine solche gab. Immerhin gab es ethische und gesetzliche Richtlinien, an die sich Baghadi in seiner Position als Arzt zu halten hatte. Aber hin und wieder brachte Jonathans Arbeit unerwartete Hoffnungsschimmer mit sich, und an diesem Morgen blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an einen solchen Schimmer zu klammern.
   Eine Stunde später saß Jonathan in einem leer stehenden Büro. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag Paul Mahlers Akte, die Baghadis Sekretärin für ihn herausgesucht hatte. Jonathan wollte zunächst die Akte lesen, bevor er sich mit Baghadi über seine persönliche Einschätzung des Jungen unterhielt.
   Durch das Gespräch mit Erika Nietzsche hatte Jonathan bereits eine erste Ahnung davon erhalten, was den Inhalt der Akte betraf. Zwischen den Ansichten einer siebzigjährigen Frau und einem psychiatrischen Gutachten konnten natürlich Welten liegen, doch Jonathan stellte schon bald fest, dass die neue Frau an Gerhard Mahlers Seite den Zustand des Jungen weder unter- noch übertrieben hatte.
   Bereits kurz nach Paul Mahlers Geburt hatte festgestanden, dass der Junge kein normales Leben führen konnte. Während des Geburtsvorgangs war es zu schwerwiegenden Komplikationen gekommen, die dazu geführt hatten, dass das Gehirn des Babys kurzzeitig von der Sauerstoffzufuhr seiner Mutter abgeschnitten worden war. Um das Leben des Jungen zu retten, hatten die Ärzte kurzerhand einen Kaiserschnitt durchgeführt. Dadurch hatten sie Paul vor dem Tod bewahren können, doch die kurze Zeit, in der sein Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt worden war, hatte ausgereicht, um irreparable hirnorganische Schäden zu verursachen.
   Geistige Behinderung war die Bezeichnung für Pauls Zustand, die Jonathan zwischen den Zeilen der ärztlichen Gutachten und Berichte von übereifrigen Sozialarbeitern herauslas, auch wenn sie kein einziges Mal konkret so genannt wurde.
   Die geistigen Einschränkungen, die sich aus der Unterversorgung ergaben, waren allen Beteiligten, einschließlich Johanna Mahler, von Anfang an ersichtlich. Und sie traten immer deutlicher zutage, je älter Paul wurde.
   Mit einer Verzögerung von mehr als zwei Jahren lernte Paul zu sprechen, wobei sein Sprachvermögen nie dasselbe Niveau wie das seiner Altersgenossen erreichte. Mehr als vier Jahre lang besuchte er einen integrativen Kindergarten. Zusätzlich zu regelmäßigen Untersuchungen und einer Vielzahl verschreibungspflichtiger Medikamente, deren Namen Jonathan noch nie gehört hatte, erhielt der Junge ab dem Alter von fünf Jahren eine umfassende logopädische Betreuung. Als feststand, dass seine Intelligenzminderung so gravierend war, dass er den Anforderungen einer regulären schulischen Laufbahn nicht gewachsen sein würde, entschied sich Johanna Mahler, dass ihr Sohn eine Ganztagesförderschule in Handschuhsheim besuchen sollte.
   Aus der Akte ging weiterhin hervor, dass sich Paul bereits im Vorfeld seines ersten stationären Aufenthaltes im Psychiatrischen Zentrum Rhein-Neckar in ambulanter therapeutischer Behandlung bei einer Kinder- und Jugendpsychologin in Eppelheim befunden hatte. Ziele der Behandlung waren unter anderem die Erreichung einer höheren Lebensqualität durch Entwicklung rudimentärer Problemlösestrategien und ein verbesserter Umgang mit impulsartigen Gefühlsausbrüchen. Jonathan notierte sich vorsorglich den Namen der Therapeutin. Vielleicht würde er zu einem späteren Zeitpunkt der Ermittlungen mit ihr sprechen müssen, wenn Baghadi seine Kooperation unerwarteterweise wieder einstellte oder Jonathan sich dazu entscheiden sollte, eine zweite fachliche Meinung einzuholen.
   Als Paul elf Jahre alt war, war Johanna Mahler mit ihrem Sohn schließlich zum ersten Mal auf der Kinder- und Jugendstation von Baghadi vorstellig geworden.
   Impulsives, destruktives Verhalten hatte eine Assistenzärztin in der Akte unter den Gründen notiert, die dazu geführt hatten, dass Johanna Mahler eine stationäre Behandlung für ihren Sohn wünschte. Unkontrollierte Wutanfälle. Hohes Aggressionspotenzial. Mögliche Fremdgefährdung. Die ambulante Behandlung hatte offenbar nicht den Erfolg gezeigt, den sich Johanna Mahler versprochen hatte.
   Sie musste eine gute Mutter gewesen sein, dachte er. Während andere Mütter vielleicht geleugnet hätten, dass sie mit der Erziehung ihres Kindes überfordert waren, hatte Johanna Mahler das einzig Richtige getan: Sie hatte professionelle Hilfe gesucht. Jonathan fand es bewundernswert, dass sie diese Tatsache von sich aus erkannt hatte. Aber letzten Endes – und dieses Wissen fand er im Hinblick auf die Ereignisse der vergangenen Nacht besonders tragisch – hatte nichts von alldem ihre Familie vor dem Zerfall bewahren können.
   Als er die Akte zuklappte, brannten ihm die Augen. Im vergangenen Jahr hatte er von einem Augenarzt eine Hornhautverkrümmung diagnostiziert bekommen. Der Arzt hatte deutlich gemacht, wie wichtig es war, dass er künftig eine Brille trug. Beim Autofahren, beim Arbeiten, beim Lesen, kurzum bei allem, was er tat. Tatsächlich hatte sich Jonathan von einer Optikerin ein schickes schwarzes Modell andrehen lassen, doch er hatte sich nie daran gewöhnen können, die Brille aufzuziehen. Mittlerweile wusste er nicht einmal mehr, wo sie sich befand und wann er sie zum letzten Mal getragen hatte.
   Er seufzte, rieb sich ein letztes Mal die schmerzenden Augen und lehnte sich im Stuhl zurück. Wie schon im Hölderlinweg musste er sich fragen, ob es Vorzeichen für Paul Mahlers Tat gegeben hatte. Jetzt jedoch betraf seine Frage konkrete Vorzeichen, die über impulsive und unkontrollierbare Wutanfälle, die wahrscheinlich durch die hirnorganischen Schäden verursacht wurden, hinausgegangen waren. Konkrete Vorzeichen, die auf einen gewaltsamen Angriff auf seine Mutter hindeuteten. In der Akte hatte Jonathan nichts gefunden, was dafürsprach. Er hoffte, dass Ismael Baghadi ihm bei der Beantwortung dieser Frage weiterhelfen konnte.
   Als er zum Büro des Chefarztes zurückkehrte, war es abgeschlossen. Am Empfang erfuhr er, dass Baghadi zu einem Notfall gerufen worden war und nicht feststand, wie lange er aufgehalten werden würde. Jonathan bat den Mann hinter der Glasscheibe, Baghadi mitzuteilen, dass er ein weiteres Mal mit ihm sprechen wolle, sobald er wieder zur Verfügung stand. Auch wenn es im Präsidium andere Dinge für ihn zu tun gab - Jonathan wusste, dass nichts davon ihn so weit bringen würde wie ein Gespräch mit dem Mann, der Paul Mahler über mehrere Jahre hinweg behandelt hatte.
   Während er auf Baghadis Rückkehr wartete, schlenderte er durch den weitläufigen Park, der die einzelnen Stationen des Psychiatrischen Zentrums miteinander verband, und ließ seine Gedanken schweifen. Er erinnerte sich daran, dass er vor nicht allzu langer Zeit selbst einmal vor der Frage gestanden hatte, sich in eine Psychiatrie einweisen zu lassen. Damals war er von Harald Pfisterer, seinem Vorgesetzten, sowie Markus Stahl vom polizeipsychologischen Dienst suspendiert worden. Die beiden hatten ihm unmissverständlich klargemacht, dass er erst wieder in seinen Beruf als Hauptkommissar zurückkehren durfte, wenn er sich professionelle Hilfe gesucht und seine Probleme in den Griff bekommen hatte. Doch die eigenständige Einweisung in eine Psychiatrie hatte ihn immer abgeschreckt. Vielleicht war es die vage, völlig unbegründete Angst, dass man ihn nie wieder gehen lassen würde, sobald die Türen hinter ihm erst einmal ins Schloss gefallen waren. Dass er die Welt da draußen nie wiedersehen, sondern in seiner eigenen Welt gefangen bleiben würde. Im Nachhinein war diese Angst natürlich so unbegründet wie die unbezähmbare Angst vor dem Monster unter dem Bett, die man als Kind verspürt hatte, wenn das letzte Licht verloschen war. Doch damals, umhüllt von den gespenstischen Schatten seiner Depression, hatte eben diese Angst ihn dazu getrieben, sich nach einem Therapieplatz bei einem niedergelassenen Therapeuten zu erkundigen und so hatte er schließlich Annelies von Bahr kennengelernt.
   Ihre Praxis hatte sich in einer alten, vornehmen Stadtvilla ganz in der Nähe des Hölderlinwegs befunden. Einmal wöchentlich hatten sie sich getroffen und Jonathans Probleme besprochen. Den Fall, der ihn aus dem Leben gerissen hatte. Sophie, die sich von ihm abgewandt hatte. Der Alkohol, der zu seinem neuen besten Freund geworden war. Als ihre Sitzungen geendet hatten und Jonathan in seinen Beruf zurückgekehrt war, hatte er zunächst die Stütze vermisst, die ihm die Therapie geboten hatte. Kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag war ihm schließlich klar geworden, dass es nicht die Therapie war, die ihm fehlte, sondern Annelies von Bahr.
   Jonathan hatte sich ein letztes Mal mit ihr getroffen. Sie hatten in einem Café in der Unteren Straße gesessen. Er hatte die Akte über den Fall der verschwundenen Jungen mitgebracht, obwohl er damit gegen die Dienstvorschriften verstieß. Annelies von Bahrs Meinung über die psychologischen Motive des Täters interessierte ihn. Gleichzeitig war ihm bewusst gewesen, dass er die Akte auch als Vorwand benutzt hatte, um sie noch einmal wiederzusehen.
   Als der Mittag schließlich in den Nachmittag übergegangen war, hatten sie sich voneinander verabschiedet. Das war der Moment, in dem Jonathan alle falsche Vorsicht fallen ließ und Annelies von Bahr gefragt hatte, ob sie sich noch einmal treffen könnten. Seine Therapeutin war überrascht, aber, so glaubte er zumindest, sich zu erinnern, auch geschmeichelt gewesen und hatte ihm ihre Privatnummer gegeben. Jonathan hatte sein Glück kaum fassen können. Er wollte eine oder zwei Wochen verstreichen lassen, bis er sich wieder bei ihr meldete. Und als er an jenem, längst vergangenen Nachmittag den Philosophenweg entlangspazierte, malte er sich ihr nächstes Treffen bereits in den schillerndsten Farben aus. Ein gutes, italienisches Essen, vielleicht ein Besuch im Theater. Er war beinahe so schlimm wie ein verliebter Teenager gewesen - beschwingt, übermütig und frei. Er hatte sich lange nicht mehr so lebendig und jung gefühlt.
   Aber es war alles anders gekommen. Es hatte kein weiteres Treffen gegeben, kein Essen beim Italiener, kein Konzert im Theater. Das Leben nahm manchmal unerwartete Wendungen, und während manche das Beste hervorbrachten, trieben einen andere in einen immerwährenden Teufelskreis aus sich wiederholenden Ereignissen. Jonathan war von der Vergangenheit eingeholt worden.
   Manchmal wünschte er sich noch immer, Annelies von Bahr eines Tages wiederzusehen. Manchmal hoffte er, dass er ihr plötzlich an einem verregneten Morgen am Bismarckplatz gegenüberstand oder sie sich an einem lauen Sommerabend zufällig beim Spazieren am Neckarufer begegneten, sich wiedererkannten und darüber lachten, was gewesen war. Dass sie endlich doch noch all die Gespräche führen durften, die sie nie geführt hatten.
   Jonathan hatte Annelies von Bahr nie angerufen. Seit ihrem letzten Treffen war über ein Jahr vergangen. Er wusste, dass er sie – und damit auch sich selbst - enttäuscht hatte. Und er wusste, dass es für eine Wiedergutmachung längst zu spät war. Die Zeit war abgelaufen. Die Chance war vertan. Er würde Annelies von Bahr nie wiedersehen.
   Er kehrte zum Empfang zurück und erfuhr, dass Ismael Baghadi immer noch nicht von seinem Notfall zurückgekehrt war. Langsam begann Jonathan, ungeduldig zu werden und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Als er den Kopf wieder hob, sah er den Chefarzt von der anderen Seite des Foyers hastig auf sich zugelaufen kommen.
   Während sie ein weiteres Mal zu Baghadis Büro gingen, berichtete der Mann ihm in groben Zügen, was ihn aufgehalten hatte. Jonathan hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Erst, als sie sich an Baghadis Schreibtisch gegenübersaßen, zwang sich Jonathan, ins Hier und Jetzt zurückzukehren.
   »Dr. Baghadi, ich danke Ihnen für Ihr großzügiges Entgegenkommen.«
   »Sie müssen mir nicht danken«, erwiderte Baghadi. »Unser Gespräch hat es nie gegeben.«
   Jonathan nickte und beließ es dabei. »Sie wissen, warum Paul Mahler heute Morgen hierher gebracht wurde«, sagte er. »Johanna Mahler wurde letzte Nacht ermordet. Ihr Vater, Gerhard Mahler, wurde schwer verletzt ins Heidelberger Universitätsklinikum eingeliefert. Als meine Kollegen im Haus von Johanna Mahler eintrafen, hielt Paul die Tatwaffe in der Hand. Alles deutet darauf hin, dass der Junge letzte Nacht etwas Schreckliches getan hat.«
   »Ich höre keine Frage«, erwiderte Baghadi mit auf dem Schoß gefalteten Händen.
   »Halten Sie es für möglich, dass Paul zu einer solchen Tat fähig ist? Dass er einen Menschen umbringt?«
   Baghadi wiegte den Kopf hin und her. »Es gibt verschiedene Antworten auf diese Frage, Herr Weitzäcker«, sagte er ausweichend.
   »Ich würde gern alle hören«, erwiderte Jonathan kühl.
   Baghadi nickte. »Rein körperlich wäre Paul zu so einer Tat natürlich in der Lage. Er ist vierzehn Jahre alt, knapp 1,75 Meter groß und wiegt über siebzig Kilo. Ein für sein Alter kräftiger Bursche könnte man sagen. Unabhängig von seiner physischen Statur – und das kommt erschwerend hinzu –, ist Paul, wenn er einen seiner Wutanfälle bekommt, nur äußerst schwer zu beruhigen. Theoretisch lautet meine Antwort also Ja. Paul wäre in der Lage, einen Menschen umzubringen. Praktisch aber … die geistigen Einschränkungen, mit denen er zu kämpfen hat, sind enorm. Unabhängig von diesen Einschränkungen wusste Johanna Mahler, wie sie mit ihrem Sohn umzugehen hatte, wenn er außer Kontrolle geriet. Sie wusste es sogar sehr gut. Sonst hätte sie längst eine andere Art der Unterbringung für ihn gewählt.«
   »Und das können Sie mir sagen, weil …?«
   »Weil ich mehrmals ausführlich mit Johanna Mahler gesprochen habe und wir verschiedene Möglichkeiten ausgelotet haben«, antwortete Baghadi, nun durch und durch in der Rolle des Psychiaters. »Johanna Mahler war Pauls Mutter. Aber das machte sie nicht blind für die schwierigen Umstände, mit denen Paul Tag für Tag zu kämpfen hatte. Sie war sehr selbst reflektiert in Bezug auf die Situation ihres Sohnes und auch auf ihre eigene. Darum komme ich zu folgendem Schluss: Johanna Mahler wäre in der Lage gewesen, sich gegen einen Angriff ihres Sohnes zur Wehr zu setzen, wenn es nötig gewesen wäre. Wenn es denn tatsächlich einen Angriff gegeben haben sollte. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Paul auf seine Mutter losgegangen wäre. Auch nicht aus einem plötzlichen Impuls heraus.«
   »Hätte sich Johanna Mahler zu wehren gewusst, wenn Paul bewaffnet gewesen wäre?«
   Baghadi schürzte die Lippen. »Das würde zunächst einmal voraussetzen, dass sich Paul überhaupt bewaffnet hätte, nicht wahr? Und das wiederum würde bedeuten, dass er tatsächlich die Absicht hatte, seine Mutter umzubringen. Aber zu einem solch methodischen Vorgehen ist Paul geistig nicht in der Lage. Er verfügt nur über eine sehr eingeschränkte Handlungsplanung.« Baghadi legte eine Pause ein. Jonathan vermutete, dass er seine Worte gebührend wirken lassen wollte. »Lassen Sie mich Ihnen eine ganz andere Frage stellen, Herr Weitzäcker. Warum sollte Paul – wenn wir davon ausgehen, dass er rein theoretisch dazu in der Lage wäre – seine Mutter überhaupt angreifen und umbringen? Paul liebte sie von ganzem Herzen, ebenso wie Johanna Mahler ihren Sohn liebte. Pauls Wutanfälle richteten sich in der Vergangenheit niemals gegen sie – oder gegen irgendeinen anderen Menschen. Er zerstörte sein Spielzeug, zertrümmerte Computer oder Fernseher, wenn er einen Schub erlitt und nicht daran gehindert wurde, ihm nachzugeben. Einmal wäre er mit einem Baseballschläger beinahe auf das Auto eines Nachbarn losgegangen. Aber seine Wut richtete sich nie gegen seine Mitmenschen. Kein einziges Mal. Wenn Sie meine fachliche Meinung hören wollen: Extremen Gewalttaten gehen meist kleinere Übergriffe voraus. Paul ist nie übergriffig gewesen. Im Gegenteil, im Kontakt mit anderen Menschen ist er eher behutsam und zurückgezogen. Ich kann mir darum nicht vorstellen, dass Paul ein Mörder ist. Und ganz sicher nicht der Mörder seiner Mutter. Dazu wäre er einfach nicht in der Lage gewesen – obwohl viele Indizien vielleicht darauf hindeuten.«
   Jonathan wusste nicht, wie viel von dem, was Baghadi sagte, seine professionelle Meinung und wie viel bloßes Wunschdenken eines begeisterungsfähigen Psychiaters war. Trotzdem beschlich ihn das Gefühl, dass der Mann mit dem, was er sagte, durchaus recht haben konnte. »Sie glauben also nicht, dass Paul Mahler der Mörder seiner Mutter ist«, sagte Jonathan, um den Faden weiterzuspinnen. »Aber es steht wohl außer Frage, dass er auf seinen Großvater losgegangen ist, als dieser das Bad betrat. Wie erklären Sie sich das, wenn eine Gewalttat Ihrer Meinung nach nicht aus dem Nichts kommt? Was ist letzte Nacht im Haus der Familie Mahler passiert, wenn es nicht Paul war, der seine Mutter umgebracht hat?«
   »Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Und es ist auch nicht meine Aufgabe«, sagte Baghadi. »Aber ich hoffe, auch im Interesse von Paul, dass Sie eine Antwort darauf finden werden, Herr Weitzäcker.«

Kapitel 4

Um 15.00 Uhr wurde vom zuständigen Richter der Beschluss erlassen, dass Paul Mahler bis auf Weiteres in einem geschützten Rahmen untergebracht bleiben musste. Noch bevor sie ihr Gespräch beendet hatten, wusste er mit unumstößlicher Gewissheit, dass er den Jungen an diesem Tag nicht mehr vernehmen konnte. Baghadi war ihm in vielerlei Hinsicht entgegengekommen, aber einem Verhör würde er ganz sicher nicht zustimmen. Als Jonathan sich doch dazu durchrang, ihn danach zu fragen, schüttelte Baghadi erwartungsgemäß den Kopf.
   »Paul Mahler wurden bei seiner Einlieferung mehrere Beruhigungsmittel verabreicht«, sagte Baghadi, als sie sich im Foyer voneinander verabschiedeten. »Er schläft. Ein Gespräch mit Ihnen würde ihn nach allem, was er heute durchgemacht hat, zu sehr belasten. Kommen Sie morgen noch einmal vorbei, Herr Weitzäcker. Dann sehen wir, was wir für Sie tun können.«
   Und damit war in dieser Angelegenheit das letzte Wort gesprochen.
   Als Jonathan eine halbe Stunde später im Polizeipräsidium ankam, gab es verschiedene Dinge, die er zu erledigen hatte, doch zunächst wollte er mit Stephanie sprechen.
   Stephanie Rühle teilte sich ihr Büro mit einem Kollegen, der an diesem Samstagnachmittag offenbar sein wohlverdientes Wochenende genießen konnte. Als Jonathan den kleinen Raum betrat, betrachtete Stephanie angestrengt den Bildschirm ihres altersschwachen Computers. Die Fenster hinter ihr hatte sie weit aufgestoßen. Der Wind, der hereingeweht kam, brachte eine willkommene Abkühlung.
   Erst, als er sich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch setzte, blickte sie von ihrer Arbeit auf, schenkte ihm ein Lächeln und kam dann unumwunden auf die neuen Erkenntnisse zu sprechen, die sie in den letzten Stunden gewonnen hatte. Jonathan freute sich, dass sie sich allem Anschein nach gefangen hatte. Die Stephanie, die er an diesem Morgen im Hölderlinweg getroffen hatte, war ihm fremd gewesen. Das hatte ihn verunsichert.
   »Viel habe ich noch nicht, aber zumindest einige erste Informationen kann ich dir schon liefern: Johanna Mahler wäre in zwei Monaten vierundvierzig Jahre alt geworden. Sie war die einzige Tochter von Gerhard und Ingrid Mahler. Ingrid Mahler starb an einem Herzinfarkt. Erika Nietzsches Angaben waren in dieser Hinsicht also wasserdicht, aber davon war eigentlich auch auszugehen. Johanna Mahler ist hier in Heidelberg bei ihren Eltern aufgewachsen und hat hier auch studiert. Medizin, wenn du es genau wissen willst. Nach ihrem Studium hat sie eine fünfjährige Facharztweiterbildung mit dem Schwerpunkt Neurochirurgie absolviert. Das ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit Erkrankungen des peripheren und zentralen Nervensystems beschäftigt. Mit anderen Worten: Hirnerkrankungen. Nach dem Ende der Weiterbildung war Johanna Mahler dann für einige Jahre als Ärztin im Theresien-Krankenhaus in Mannheim tätig. Vor drei Jahren ist sie zur leitenden Neurochirurgin einer Privatklinik in Heidelberg ernannt worden.« Stephanie reichte ihm einen dünnen Aktenordner.
   Er schlug ihn auf und blätterte durch die Seiten, die in knappen Worten Johanna Mahlers beruflichen Werdegang schilderten. Die Vitos-Klinik, die Privatklinik, von der Stephanie gesprochen hatte, lag in der Südstadt. Jonathan glaubte, irgendwann einmal einen Artikel über die Klinik in der Zeitung gelesen zu haben, konnte sich aber nicht mehr genau erinnern. »Wurden ihr Vorgesetzter und ihre Kollegen bereits informiert?«
   »Das habe ich schon veranlasst«, antwortete Stephanie. Sie nahm einen zweiten Aktenordner zur Hand. »Über Johanna Mahlers Privatleben kann ich noch nicht viel sagen, ebenso wenig wie über Gerhard Mahler und Erika Nietzsche. Wir wissen aber, dass sich Johanna Mahler und Pauls Vater vor neun Jahren haben scheiden lassen.«
   »Da war Paul gerade einmal fünf Jahre alt«, sagte Jonathan. »Was weißt du über den Exmann?«
   »Er heißt Alexander Mahler und ist siebenundvierzig Jahre alt. Wohnhaft in Schwetzingen. Er hat sich dort vor einigen Jahren als Architekt selbstständig gemacht. Mittlerweile leitet er ein größeres Architekturbüro in der Nähe des Schlossplatzes.«
   »Eine Neurochirurgin und ein Architekt«, stellte Jonathan fest. »Zwei beachtliche Karrieren.«
   »Da hat Paul Mahlers Zustand nicht gerade hineingepasst«, sagte Stephanie und musterte ihn.
   »Man könnte vermuten, dass die Trennung der beiden damit zusammenhängt, ja. Aber es wäre verfrüht, Schlüsse zu ziehen, bevor wir nicht mit Alexander Mahler gesprochen haben.«
   »Soll ich nach Schwetzingen fahren?«
   Jonathan betrachtete seine Kollegin und fragte sich, wie viel er ihr zumuten konnte. Auf dem Parkplatz vor dem Universitätsklinikum hatte sie ihn darum gebeten, sie nicht in Schutz zu nehmen. Darum entschied er sich, es auch jetzt nicht zu tun. »Ich gehe davon aus, dass du einem Angehörigen schon einmal eine Todesnachricht überbracht hast.« Es war keine Frage.
   Stephanie nickte.
   »Dann sprich mit Alexander Mahler.« Jonathan stand auf und klemmte sich die beiden Akten unter den Arm. »Und je nachdem, wie er die Nachricht vom Tod seiner Exfrau aufnimmt, kannst du ihn befragen. Das genaue Vorgehen überlasse ich dir.«
   Nach seinem Gespräch mit Stephanie fuhr er mit dem Aufzug zwei Stockwerke höher zum Büro seines Vorgesetzten. Pfisterer, ein Mann knapp über sechzig, der meist zerknitterte Hemden trug, wenn er nicht gerade eine Pressekonferenz hielt, war offensichtlich auf dem Sprung, als Jonathan das geräumige Büro betrat. Pfisterer hing seinen Mantel noch einmal über die Lehne des Schreibtischstuhls und bot Jonathan einen Platz an. Auf dem Tisch standen mehrere gerahmte Bilder, eines zeigte Pfisterer mit seiner Frau Laura auf der Thingstätte, ein anderes ihn und seinen jüngeren Bruder Andreas beim Angeln an der Jagst. Obwohl Pfisterer manchmal übellaunig sein konnte, war er nichtsdestotrotz ein gewissenhafter und routinierter Beamter, der stets das Beste aus seinem Team herausholen wollte.
   »Wie stehen die Dinge, Jonathan?«, fragte er und schenkte ihnen zwei Gläser Wasser ein.
   »Alle Indizien scheinen darauf hinzudeuten, dass Paul Mahler seine Mutter umgebracht hat.« Was er gesagt hatte, ließ Pfisterer hellhörig werden. Das hatte Jonathan erwartet. Trotzdem wusste er nicht, ob er die Fragen, die er selbst gerade aufwarf, zu Pfisterers Zufriedenheit beantworten konnte.
   »Du selbst bist also nicht der Ansicht, dass der Junge der Täter ist?«
   Jonathan ließ einen Augenblick verstreichen, unschlüssig, wie er fortfahren sollte. »Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht, Harald. Heute Morgen am Tatort fand ich alles noch klar und eindeutig. Aber das Gespräch mit Paul Mahlers zuständigem Psychiater hat mich verunsichert.«
   »Weil er ein Psychiater ist, Jonathan«, sagte Pfisterer kopfschüttelnd. »Diese Psychoonkel werden doch dafür bezahlt, dass sie dich durcheinanderbringen und verunsichern. Quacksalber, allesamt. Was genau hat dich verunsichert?«
   »Dass Paul aus Sicht des Mannes überhaupt nicht dazu in der Lage gewesen ist, seine Mutter umzubringen. Und dass sich in seiner Vorgeschichte keine gewalttätigen Übergriffe finden lassen. Weder gegen seine Mutter noch gegen sonst irgendjemanden.«
   Pfisterer verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ seinen Blick zur Decke schweifen wie immer, wenn er angestrengt nachdachte.
   »Erika Nietzsche, Gerhard Mahlers neue Frau, hat uns bestätigt, dass die Beziehung zwischen Johanna und Paul Mahler den Umständen entsprechend harmonisch verlief. Johanna Mahler liebte ihren Sohn, kümmerte sich vorbildlich um ihn, organisierte fachlich geschultes Personal, wenn sie länger arbeiten musste. Sowohl Erika Nietzsche als auch der Psychiater haben ausgesagt, dass Paul seine Mutter ebenso sehr liebte. Sicher, wir müssen noch weitere Gespräche führen, um das alles zu bestätigen. Aber Paul ging es gut bei seiner Mutter. Warum sollte er sie umbringen?«
   »Hat der Junge denn wirklich ein Motiv gebraucht? Ich habe vorhin kurz mit Stephanie gesprochen. Er ist offenbar geistig behindert.«
   »Wenn du es so formulieren magst«, sagte Jonathan mit zusammengepressten Zähnen. »Gerade das macht aber das planvolle Vorgehen, das seiner Tat vorausgegangen sein muss, noch viel unwahrscheinlicher.«
   »Planvolles Vorgehen?«
   »Paul und seine Mutter haben zusammen zu Abend gegessen. Die Essensreste standen noch in der Spüle. Wir wissen nicht, was genau zwischen dem Abendessen und dem Mord im Haus geschehen ist, aber wir wissen, dass Johanna Mahler ein Nachthemd trug, als sie starb. Das bedeutet, dass es später Abend war, als sie ihr Schlafzimmer verließ und im Flur attackiert wurde. Sie war bereits zu Bett gegangen. Sollte Paul der Täter sein, hätte er mit seiner Tat gewartet, bis seine Mutter eingeschlafen war, und wäre erst dann in die Küche gegangen, um sich das größte Messer zu holen, das dort im Messerblock zu finden war … das ist planvolles Vorgehen, Harald. Paul Mahler scheint so stark beeinträchtigt zu sein, dass er dazu überhaupt nicht imstande ist. Zumindest ist das die Ansicht des Psychiaters.« Je weiter Jonathan sprach, desto sicherer wurde er sich. So hatte es sich nicht zugetragen. So konnte es sich nicht zugetragen haben. Als er an diesem Morgen durch das Haus der Mahlers gegangen war, war er von einem völlig anderen Ausgangsszenario ausgegangen, einem Jugendlichen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Aber dieses Szenario hatte sich als falsch herausgestellt.
   Pfisterer wandte den Blick von der Decke ab und musterte ihn. Jonathan wusste, dass er jetzt die volle Aufmerksamkeit seines Vorgesetzten genoss, doch das hieß noch lange nicht, dass er ihn mit dem, was er gesagt hatte, überzeugen konnte. »Die Einschränkungen des Jungen sind in meinen Augen – und in deinen hoffentlich auch – noch nicht zufriedenstellend geklärt, Jonathan. Nicht, solange wir nicht selbst mit ihm gesprochen haben. Um ehrlich zu sein, wissen wir doch schlichtweg nicht, wozu dieser Junge in der Lage wäre, oder? Wir wissen nicht, wie ausgeprägt seine Intelligenzminderung ist. Was wissen wir wirklich? Wir wissen, dass der Junge im Badezimmer war, als sein Großvater und dessen Frau ins Haus kamen. Wir wissen, dass der Junge seinen Großvater lebensgefährlich verletzte, als dieser das Badezimmer betrat. Er verletzte ihn mit demselben Messer, mit dem zuvor seine Mutter umgebracht wurde.«
   »Ja, aber …«
   »In welchem Zustand fanden Gerhard Mahler und seine Frau die Haustür vor, als sie im Hölderlinweg eintrafen?«
   Jonathan erinnerte sich an die Beschreibung der Umstände, die er von Miriam Pflüger vor dem Eingang des Psychiatrischen Zentrums erhalten hatte. »Gerhard Mahler und Erika Nietzsche klingelten an der Tür. Sie erhielten keine Antwort. Dann schlossen sie mit ihrem eigenen Schlüssel auf.«
   Pfisterer nickte mit Nachdruck. »Gehen wir davon aus, dass Paul Mahler nicht der Täter ist. Jeder andere Täter müsste sich erst einmal Zugang zum Haus verschafft haben. Gibt es irgendwelche Indizien, die darauf hindeuten, dass jemand gewaltsam in das Haus eingebrochen ist? Ein eingeschlagenes Fenster? Eine aufgebrochene Kellertür?«
   Nein, dachte Jonathan. Hannah Amend und Gregor Zahirovic von der Spurensicherung hätten ihn längst darüber informiert, wenn sie derartige Spuren im Haus gefunden hätten.
   »Die Mutter und ihr Sohn waren allein im Haus«, fuhr Pfisterer fort. »Sie haben allein zu Abend gegessen. Sie sind ins Bett gegangen. Als Johanna Mahler starb, war außer ihr und ihrem Sohn im Haus niemand. Das ist die Indizienlage, die ich sehe, vor allem aber ist es die Indizienlage, die die Staatsanwaltschaft sehen wird. Und die finde ich sehr eindeutig. Dein Psychoonkel mag recht damit haben, dass kleinere Delikte, Körperverletzungen oder Tierquälerei extremen gewalttätigen Übergriffen oftmals vorausgehen. Aber eine Ausnahme bestätigt immer die Regel. Und vielleicht ist Paul Mahler unsere Ausnahme.«
   Jonathan schwieg. Pfisterer hatte schlagkräftige Argumente vorzuweisen, auf die er nichts erwidern konnte. Noch nicht.
   »Ich habe deine Bedenken in diesem Fall zur Kenntnis genommen«, sagte Pfisterer.
   Jonathan verstand, dass ihr Gespräch damit beendet war.
   Sein Vorgesetzter stand auf und warf sich seinen Mantel über den Arm. »Selbstverständlich sollen du und Stephanie in alle Richtungen ermitteln. Das ist eure Aufgabe. Aber ich muss dir ehrlich sagen, dass wir hier so klar und deutlich einen Täter vor uns haben, wie ich ihn nur in sehr wenigen anderen Fällen gesehen habe – und ich bin schon sehr lange dabei, wie du weißt. Ich muss Lisa-Marie die Umstände nun einmal mitteilen, wie sie sind.«
   Gegen seinen Willen verstand Jonathan Pfisterers Standpunkt.
   »Wenn du und Stephanie Unterstützung braucht, dann lasst es mich wissen, und ich stelle einige Kollegen für den Fall ab«, sagte Pfisterer zum Abschluss. »Aber dafür brauche ich mehr als das, was ihr mir bisher vorweisen könnt.«

Am späten Nachmittag saß Jonathan in seinem Büro und schrieb mehrere Berichte: über die Begehung des Tatorts, über ihr Gespräch mit Erika Nietzsche und schließlich einen letzten über sein Gespräch mit Ismael Baghadi. Währenddessen warf er immer wieder Blicke auf die einfache Matratze, die er sich vor einigen Monaten angeschafft und ins Büro gelegt hatte, als er sich in seiner Wohnung in Kirchheim von Tag zu Tag mehr wie ein Gefangener innerhalb der eigenen vier Wände vorgekommen war. Vielleicht, so dachte er, würde er auch diese Nacht im Präsidium verbringen. Oder warum nicht gleich das ganze Wochenende? Er wusste, dass er seine privaten Probleme dadurch nicht lösen konnte, wenn er sich hier verkroch, aber mittlerweile war er sich nicht mehr sicher, ob es überhaupt Lösungen für diese Probleme gab. War seine Zeit nicht besser investiert, wenn er sich mit dem Fall Johanna Mahler beschäftigte?
   Obwohl Jonathan die Jalousien vor den Fenstern heruntergelassen hatte, wurde es in seinem Büro mit der Zeit immer wärmer und stickiger. Als die Sonne irgendwann nicht mehr durch die Ritzen auf seinen Nacken fiel, wusste er, dass es allmählich Abend wurde. Ein Klopfen ließ ihn von seiner Arbeit aufblicken. In der Tür stand sein Kollege Achim Bräuer.
   Achim war schätzungsweise fünfzehn Jahre jünger als er, groß und schlank, aber immer blass um die Nase. Seit er der Leiter der Sonderkommission Schwarzer Mann gewesen war, war er noch ein bisschen hagerer geworden. Jonathan schätzte den Mann, den er als zielstrebigen Polizisten kennengelernt hatte. Er war ein verlässlicher Kollege. Und vielleicht war er mittlerweile auch in manchen Punkten das, was einem Freund am nächsten kam.
   »Achim, du bist noch hier? Ich dachte, dass du schon längst die Koffer für Korsika packst.« Jonathan lächelte, doch den Stuhl, den er seinem Kollegen anbot, nahm dieser nicht an.
   »Ich wollte noch die eine oder andere Sache abschließen, bevor Lilli und ich am Montag fliegen. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass es mir immer schwerer fällt, von der Arbeit abzuschalten.« Er warf einen Blick auf die Matratze auf dem Boden. »Dir scheint es wohl nicht anders zu gehen, was?«
   Jonathan blieb ihm eine Antwort schuldig, doch wie sich herausstellte, erwartete Achim keine. Stattdessen trat sein Kollege auf ihn zu, beugte sich über den Tisch und musterte ihn aus ernsten Augen. »Jonathan, geh nach Hause«, sagte Achim mit beinahe tödlichem Ernst in der Stimme. »Deine Berichte kannst du auch morgen noch schreiben. Oder besser gleich am Montag.«
   »Hat Stephanie dir von dem Fall erzählt, der heute Morgen hereingekommen ist? Ein Junge, der offenbar seine Mutter …«
   »Jonathan, ich bitte dich«, insistierte Achim. »Vielleicht hast du vergessen, was du mir bei unserem Feierabendbier im Januar erzählt hast. Aber ich habe es nicht vergessen. Und ich weiß, dass ein Teil von dir mir das damals erzählt hat, weil du wusstest, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem du Angst davor haben wirst, nach Hause zu gehen. Und dass dieser Teil wollte, dass ich dich dann dazu antreibe, genau das zu tun. Ich weiß nicht, ob dieser Zeitpunkt jetzt schon gekommen ist oder ob es erst in ein paar Wochen so weit sein wird. Aber ich glaube zumindest, dass du kurz davorstehst. Und dass du jetzt hier sitzt, bestätigt mich noch einmal darin. Darum war es mir wichtig, mit dir darüber zu sprechen, bevor ich fliege.«
   »Die eine oder andere Sache, die du abschließen möchtest?«, erwiderte Jonathan mit gerunzelter Stirn. Achim hatte natürlich recht. Das hatte er meistens.
   »Ja, vielleicht«, sagte Achim mit einem Schulterzucken und richtete sich wieder auf. »Ich gehe hier auf jeden Fall nicht eher raus, bis du nicht mit mir mitgekommen bist.«
   »Und wenn ich mich mit der ganzen Situation einfach überfordert fühle?«
   »Dann rate ich dir trotzdem, dich der Situation zu stellen, und nicht vor ihr davonzulaufen. Das macht es nämlich auch nicht besser. Im Gegenteil, es führt nur dazu, dass du dich irgendwann nicht mehr im Spiegel anschauen kannst.«
   »Du kannst verdammt hartnäckig sein, Achim. Das habe ich schon damals beim Fall Benjamin Schneider gedacht.«
   Es war ein Kompliment. Ob Achim es auch als solches auffasste, konnte Jonathan nicht sagen. Er blickte ein letztes Mal seinen Kollegen an, der von seinen Absichten fest überzeugt wirkte. Schließlich nickte er als Zeichen der Zustimmung, speicherte seine Berichte und fuhr den Rechner hinunter.
   Auf dem Parkplatz vor dem Präsidium verabschiedeten sie sich voneinander.
   »Ich wünsche dir einen schönen Urlaub, Achim.«
   Achim lächelte ihn an und klopfte ihm zuversichtlich auf die Schulter. »Den kann ich gut gebrauchen, glaub mir«, sagte er mit einem gequälten Lächeln. »Aber jetzt hoffe ich erst einmal, dass du den Mut findest, dich mit deiner Situation zu Hause auseinanderzusetzen. Das wünsche ich mir für dich. Und auch für Sophie.«
   Jonathan blieb noch einen Augenblick stehen und betrachtete Achim, wie er in seinem Wagen vom Parkplatz davonfuhr. An der Ausfahrt hielt sein Kollege noch einmal die Hand zum Gruß nach oben. Jonathan hob ebenfalls die Hand. Als Achim schließlich aus seinem Sichtfeld verschwunden war, straffte Jonathan die Schultern, ging zu seinem Mitsubishi und machte sich schweren Herzens auf den Weg nach Kirchheim.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.