Wie weit würdest du gehen, um dir deinen größten Traum zu erfüllen? Emma Wolf entscheidet sich für das Risiko, überwindet ihre Angst und steigt durch den Schlund einer Höhle hinab. In diesem Labyrinth aus Stollen und Gängen weit unter der Erde startet das Event „Thrill and Crime“ und sie darf aus ihrem Gewinnerroman lesen. In den Tiefen der Felsengrotte erlebt Emma tatsächlich einen Traum. Den schlimmsten Albtraum, den selbst sie sich niemals hätte vorstellen können. Wie hätte sie ahnen können, dass ausgerechnet sie das höchste Ziel des „Herrn der Spiele“ ist?

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Jennifer Louis

Jennifer Louis
Jennifer Louis wurde im November 1967 in Duisburg geboren. Heute lebt sie mit ihrer großen Liebe gemeinsam mit ihren beiden Collies und zwei Pferden in der Nähe von Trier und liebt Geschichte und Geschichten. Ob das tägliche Blut bei der Arbeit im OP eins großen Klinkikums dazu führt, dass sie leidenschaftlich gern Krimis und Thriller schreibt, bleibt zu klären. Bislang hat sie Kriminalromane mit geschichtlichem Hintergrund unter dem Namen Ursula Pauls und Johanna Kirchen veröffentlicht, zudem eine pferdische Satire.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Samstag, 13. Juni
06:57 Uhr

Der Benzinkanister wartete gut gefüllt nebst Feuerzeug in dem kleinen Wandschrank. Die Kammer war vorbereitet, die Nachtsichtkameras positioniert.
   Er überlegte fieberhaft. Alles noch mal in Ruhe durchgehen.
   Der rote Zielpunkt huschte über die Steinwände, folgte Erhebungen und Furchen und kam oberhalb des Polstersessels auf der Bühne zum Halten. Nach anfänglichem Zittern fand er absolute Ruhe. Viele Sekunden lang.
   Erleichtert packte er die Glock samt visueller Zielvorrichtung in die tiefe Gesteinswölbung.
   Die Nebenschauplätze waren präpariert. Im Kontrollraum arbeiteten die Mikrofone, Tastaturen und Monitore tadellos.
   Wenn es nach ihm ging, konnte es losgehen. Das Festival würde ein unvergessliches Schauspiel werden.

09:01 Uhr

Emma hielt sich die Rippen und versuchte, ruhiger zu atmen. Im Wald hinter ihr frischte der Wind auf. Die Böen rauschten durch die Äste und ließen die mächtigen Bäume wie schwarze Schattengestalten vor einer wolkenverhangenen Silhouette hin und her tanzen. Welch ein Anblick. Hoffentlich wurde der Sturm nicht noch schlimmer.
   Gut, dass sie den steilen Anstieg hinter sich hatte. Was noch vor ihr lag, fürchtete sie jedoch mehr als einen Sturm im dunklen Wald. Sie richtete den Blick wieder nach vorn mitten hinein in das riesige tiefschwarze Loch im Felsen. Kalter Schweiß trat ihr aus allen Poren. Dort sollte sie hinein?
   »Wie der Schauplatz eines gruseligen Romans, findest du nicht?« Liam ließ ihr keine Zeit. »Komm«, forderte er und wollte sie weiterziehen.
   Mitten hinein in dieses dunkle Loch.
   Er zupfte an ihrer Jacke. »Nun komm schon, Emma, sonst haut dich die nächste Bö noch um wie eine Pusteblume. Denk daran, was du gelernt hast«. Liam zog den Kragen seiner Jacke höher.
   Emma zählte langsam bis zehn, konzentrierte sich auf jede einzelne Zahl. Das Zittern verging, die Panikwelle ebbte ab. Tief durchatmen und auf die Bewegung des Brustkorbes achten. Es war nicht schlimm. Nichts würde ihr geschehen in dieser Höhle. Alles dort unten war gesichert. Auch all die Menschen würden ihr nichts anhaben. Nichts konnte passieren.
   Zumindest nichts Schlimmes.
   Emma wollte unbedingt dort hinein. Sie musste unbedingt in diese verdammte Höhle. Entschlossen öffnete sie die Augen und hielt sich am Arm ihres Freundes fest.
   Liam nickte ihr aufmunternd zu und ging voran.
   Sehr viele Menschen würden sich so früh ohnehin noch nicht in der Höhle aufhalten. Der winzige Parkplatz neben dem Eingang war mit zwei Lieferwagen einer Cateringfirma namens Kulinario besetzt, aber das musste nichts heißen. Sie waren ja auch zu Fuß hier.
   Als sie den Eingang der Höhle erreichten, trat sie unerwartet ruhig zwischen die mit dunkelgrünen Moosen und Flechten bedeckten Steinwände. Hinein in das unendlich anmutende, tiefe Labyrinth unter der Erde, versteckt inmitten eines uralten Waldes.
   Die Höhle mit dem passenden Namen »Unterstein« mochte im Laufe von Millionen Jahren durch Erdverschiebungen und Bodenaktivitäten geschaffen worden sein. Ihr Anblick und das Bewusstsein, den abschüssigen Gang immer weiter zu erkunden, rief Ehrfurcht hervor und ließ die Panikattacke vergessen. Generalisierte Angststörung nannte ihr Therapeut die Krankheit, die sie so sehr einschränkte. Vor ihrer Behandlung hätte sie einen Ort wie diesen niemals betreten, schon gar nicht, wenn zudem eine Menschenmenge erwartet wurde, mit der sie dort unten wie eingeschlossen sein würde. Sie musste ihre Feuerprobe einfach bestehen, zu viel hing davon ab. Außerdem hatte sie während der Gruppensitzungen Liam kennengelernt. Ein nicht unbedeutender Pluspunkt.
   Emma konzertierte sich auf das, was sie sah. Keinem abschweifenden Gedanken nachirren. Die Höhle war ein Naturwunder. Sie betrachtete ergriffen die Ausbuchtungen des Millionen Jahre alten Steins und ertastete die Konturen. Eigentlich war dieses Wunder viel zu schade für das, was heute aus ihm geworden war. Irgendwann durchforscht, analysiert, vermessen und zuletzt von einem finanzkräftigen Investor aufgekauft und zu einem Eventschauplatz der Extraklasse ausgebaut. Nun ja, die Anlage steckte noch in den Kinderschuhen.
   Die Leute unten im Dorf hatten erfolglos gegen die Schande und Entwürdigung »ihrer« Höhle demonstriert und Emma verstand die Menschen in ihrer Seele. Der Ausbau hatte dennoch stattgefunden. Allerdings nicht, ohne den ursprünglichen Charme der Höhle zu bewahren.
   Sie folgte dem naturgeformten Felsen über einen gut gesicherten Metallsteg und blickte dem rieselnden Wasser nach, lauschte, wie es tief unter ihr in einen unterirdischen See plätscherte.
   Jetzt kämpften die Dorfbewohner gegen die Rodung eines immensen Waldstücks, um einen großräumigen Parkplatz für die Besucher zu schaffen. Der kleine Platz für Lieferanten reichte doch völlig aus. Emma wünschte den Demonstranten wenigstens in dieser Hinsicht Erfolg. Wer dieses Naturschauspiel betrachten wollte, sollte getrost den anstrengenden Anstieg durch den Wald in Kauf nehmen.
   Sie haderte schon wieder mit sich. Ihr Herz war zwiegespalten. Im Grunde genommen konnte sie froh darüber sein, was dieser Höhle angetan worden war, denn eben diese ausgebaute Höhle barg ihre große Chance. Ihre Anspannung wuchs, doch diesmal nicht wegen der Angst, sondern aufgrund ihrer Vorfreude.
   Sie näherten sich dem Stand am Anfang einer tief hinabführenden Treppe. Erwartungsgemäß brachte sie außer einem gestammelten »Guten Morgen« kein Wort heraus, als sie der Dame an der Kasse ihre Einladung zeigte.
   Die Kassendame verglich das Ausweisfoto mit Emma. Das Passbild war mindestens fünf Jahre alt, aber sie hatte sich kaum verändert. Immer noch die gleiche blonde Kurzhaarfrisur und die schlanke Gestalt, auch noch mit achtunddreißig. Über ihre 1,62 m Körpergröße war sie mit Sicherheit nicht mehr hinausgewachsen und von dem Alter, in dem sie wieder kleiner werden würde, war sie hoffentlich noch ein Stückchen entfernt.
   Emma erhielt einen in Plastik eingeschweißten Ausweis, den sie sich an einem breiten Band um den Hals hing. Liam bekam einen Stempel auf den Handrücken gedrückt.
   Der Ausweis tänzelte ungewohnt über Emmas Brust, als sie endlich die Treppe hinunterstieg.
   Emma Wolf, Artist.
   Liam lächelte, denn auch er hatte keinen Cent bezahlen müssen. Sein Stempel zeichnete ihn als Begleitperson der Künstlerin aus.
   Emmas Gewinn beinhaltete den freien Eintritt einer Begleitung, und selbstverständlich erwies sie ihrem Freund diese Ehre. Außerdem wäre sie ohne Liam ohnehin nicht hier, denn es war seine Idee gewesen, die ihr diese nie geahnte Möglichkeit eingebracht hatte. Er verschlang Krimis und Thriller ebenso wie sie, und in ihrer Freizeit schrieb sie selbst. Nur war Liam ihr einziger Fan. Zumindest bislang.
   Vielleicht würde ja jetzt alles anders werden. Vor ein paar Monaten war er in einer der vielen Facebookgruppen leseverrückter Menschen auf diesen Wettbewerb gestoßen. Der Verein Thriller and Crime suchte den Newcomerroman des Jahres. Emma konnte noch immer nicht glauben, dass sie die Ausschreibung gewonnen hatte.
   Bislang unveröffentlichte Autoren durften im Rahmen des Wettbewerbes ihre Exposés und Probekapitel zum Genre Krimi und Thriller einreichen. Emma hatte es Liam zuliebe getan, ohne den geringsten Hoffnungsschimmer auf Erfolg zu hegen. Schließlich waren ihre Manuskripte bislang von allen angeschriebenen Verlagen abschlägig beschieden worden.
   Als sie ein paar Wochen später aufgefordert worden war, ihr gesamtes Manuskript als Textdatei zu übermitteln, war sie vollkommen aus dem Häuschen geraten. Ihr Roman hatte es in die engere Auswahl geschafft. Seit jenem Tag hatte sie vor lauter Anspannung kaum noch ein Auge zutun können.
   Und dann war es geschehen. Die Jury hatte ausgerechnet ihren Krimi als Siegerroman gekürt.
   Das Aufheulen des Windes von draußen störte Emmas Erinnerungen an jenen glücklichen Tag, an dem der Brief ins Haus geflattert war. Ein mächtiger Sturm schien aufzuziehen, und die Akustik in dem künstlich ausgebauten Treppengang transportierte das Getöse in geradezu gruseliger Weise.
   »Kneif mich mal«, bat sie Liam, »ansonsten kann ich nicht glauben, dass ich wirklich hier bin. Aua!«
   Liam grinste unverschämt.
   »Oh, sieh doch mal.« Sie waren am Ende der Treppe in 236 Metern unter der Erdoberfläche angelangt.
   Die Wände des Höhlenganges zeigten sich in skurril anmutenden Steinkonstruktionen. Ein wunderbarer Anblick. Emma wollte die Strukturen spüren, sie mit den Fingern erkunden und konnte sich nicht sattsehen. Sie ertastete die uralten Steine, fühlte glatte Ausspülungen, dann wieder grobe Vorsprünge und Nischen. Das gedämmte Licht verstärkte die Atmosphäre, Emma glaubte sich um mehrere Tausend Jahre zurück in die Steinzeit versetzt. Diese Höhle berührte den Urinstinkt des Menschen.
   Der Schmerz im Oberarm war längst vergessen und verziehen. »Danke«, flüsterte sie und hauchte Liam einen Kuss auf die Lippen.
   »Quatsch, ich habe dir zu danken. Schließlich hat uns dein Roman hierher gebracht.«
   »Nein«, beharrte sie vehement, »nur deinetwegen geht heute für mich ein Traum in Erfüllung. Ich bin so glücklich, dass ich aus meinem Roman vorlesen darf. Eine solche Chance bietet sich mir wahrscheinlich nur einmal im Leben.«
   Neben diversen Autoren waren auch Verlage und Literaturagenten eingeladen. Emma hoffte, sich nicht nur einem größeren Publikum vorstellen zu dürfen, sondern auch einen Verlag auf ihren Siegerroman aufmerksam machen zu können. Fast noch spannender erschien ihr die Vorstellung, einige ihrer Idole leibhaftig zu sehen. Die Crème de la Crème würde anwesend sein. Emma hoffte auf so manches Autogramm oder eine Widmung, vielleicht sogar auf den einen oder anderen Tipp von ihren großen Vorbildern.
   Sie atmete tief durch. Sie war bereit, in diese neue, unbekannte Welt einzutreten. Ihre kurzen Haare klebten schweißnass im Nacken.
   Sie zogen schweigend weiter durch den beeindruckenden und immer noch abschüssigen Gang. So früh am Morgen war außer ihnen noch niemand hier unten, der Stollen präsentierte sich menschenleer. Sie waren wohl die Ersten.
   »Seltsam«, murmelte Liam neben ihr.
   »Was?«
   »Na, irgendwo müssen doch die Leute sein. Hast du die Autos auf dem kleinen Parkplatz nicht bemerkt?«
   »Da standen doch nur die Lieferwagen von Kulinario. Ich muss schon sagen, dieser Name erweckt in mir einen gewissen Anspruch.«
   »Eben«, meinte Liam und rieb sich den Bauch. »Die Caterer müssen doch irgendwo stecken. Ich habe Hunger. Also, wo ist der Fressstand?«
   Emma hörte den Magen ihres Freundes erbärmlich knurren. Kein Wunder. Sie waren gestern schon angereist und hatten die Nacht in einer Pension unten im Ort verbracht. Emma mehr schlaflos als ruhend vor Aufregung. Sie hatte kein Frühstück gewollt, und Liam war schon sehr zeitig zu seinem täglichen Joggen aufgebrochen. Natürlich hatte er jetzt Hunger.
   »Die werden in der großen Halle sein«, mutmaßte sie.
   »Dann lass uns weitergehen, wenn du mich noch lebend mit nach Hause nehmen willst.« Liam grinste.
   Der Stollen führte weiter unter die Erde und wurde immer enger. Sie bestaunten die hin und wieder in den Steinwänden angebrachten Licht- und Klanginstallationen. In unregelmäßigen Abständen entdeckten sie weitere Gänge, die vom Hauptstollen abzweigten und in geheimnisvoller Dunkelheit lagen. Geradezu mystisch.
   Endlich entdeckte Emma das Licht am Ende des Tunnels. Wie Liam im Internet recherchiert hatte, war der größte Raum der Höhle zu einer Art Halle ausgebaut worden, in der eine sagenhafte Akustik herrschen sollte. Schon häufiger hatten Theateraufführungen und Konzerte deshalb von sich reden gemacht, wobei die installierte Technik noch nicht immer einwandfrei funktioniert hatte. Man lernte aus Erfahrung und arbeitete daran. Emma vertraute darauf, dass bei ihrem Event alles klappen würde.
   Vom Sturm hörten sie nichts mehr, vermutlich befanden sie sich mittlerweile zu tief unter der Erde.
   Eine Tür kurz vor der Halle erweckte Emmas Aufmerksamkeit. Von Neugier getrieben schob sie die angelehnte Tür zu einer Nebenhöhle weiter auf, denn über dem Eingang prangte ein verlockendes Schild mit der Aufschrift VIP Lounge.
   Liam blickte ihr mühelos über die Schulter und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Rote Polstermöbel, Nierentische mit weißen Deckchen und Champagnerkühler, ein Weinschrank und ein Buffet, das von dem dunkelblau beschürzten Kulinario-Personal mit verlockend duftenden Frühstückshäppchen bestückt wurde.
   »Na komm«, flüsterte Liam, »hier ist sicherlich kein Polstersessel mit deinem Namen versehen. Zumindest noch nicht.«
   Er hatte recht, leider. Emma malte sich aus, welcher dieser bequemen Sessel wohl für Heinz Fritz reserviert war. Sicherlich würde er später hoheitsvoll in dieser gemütlichen Lounge seinen Platz finden.
   Heinz Fritz war ihr Star. Er war der deutsche Bestsellerautor auf seinem Gebiet. Zu Recht. Seine Thriller tropften vor Spannung und Nervenkitzel. Dabei war jede seiner Storys feinfühlig, seine Protagonisten tiefenanalysiert und bis ins Kleinste durchdacht, sodass man noch mit dem bestialischsten Killer irgendwie mitfühlen musste. Emma hoffte, ihrem Favoriten im Laufe des Festivals leibhaftig zu begegnen.
   Sie löste sich vom Anblick der Lounge und zog mit Liam an ihrer Seite endlich zur großen Halle.
   In dem riesigen Raum wuselten etliche Menschen wie eine Schar aufgeregter Hühner herum.
   »Alles Personal«, stellte Liam fest. Er strich sich eine seiner dunkelbraunen Locken aus der Stirn.
   Emma liebte diese Geste und fiel ihm spontan um den Hals, um mit beiden Händen durch den wilden Haarschopf ihres Freundes zu streicheln. Völlig egal, wer dabei zusah. Liam lachte leise und küsste sie sanft.
   Die Mitarbeiter der Cateringfirma bauten ihre Stände und Tische auf, andere bestückten den Zuschauerraum vor einer ansprechenden Bühne mit Stühlen und drapierten darauf Kunstfelle und Decken.
   Die Halle wurde zwar beheizt, aber trotzdem reichte die Temperatur nicht aus, um angenehm zu wärmen. Emma schätzte etwa 15 Grad, was immer noch warm war im Vergleich zu den restlichen Gängen. Die Temperatur in der Höhle betrug ansonsten ganzjährig konstante 9 Grad Celsius.
   Kaffee wurde gekocht, Brötchen geschmiert und Sekt kalt gestellt. Alle warteten auf den großen Ansturm.
   Ein junger Techniker mit Wollmütze, Vollbart und diesen seltsamen afrikanischen Holzscheiben in beiden Ohrläppchen verlegte Leitungen zur Bühne. Eine Floristin schmückte den Tisch auf der Bühne mit Blumenarrangements. Auf einer wackelig anmutenden Leiter schraubte ein Mann in blauer Arbeitsmontur an einem Beamer, der unter der Höhlendecke angebracht war.
   »Sieh doch mal!« Emma stupste Liam an und wies auf den Arbeiter. »Super Mario ist auch schon da.« Der Mann in seiner blauen Latzhose, mit schwarzem Schnurrbart und Spitzbart sowie dunklem Haar unter einer roten Schirmmütze entlockte ihr ein Grinsen.
   Liam lachte, denn auch er erkannte wohl eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Spielehelden seiner Jugend.
   Eine junge Frau mit langem blondem Zopf, gekleidet in der dunkelblauen Schürze der Cateringfirma, blickte Liam und Emma verunsichert an. Das Tablett voller Gläser schwankte bedenklich in ihrer Hand. »Äh, Entschuldigung, ein Glas Champagner vielleicht?«
   Liam schüttelte den Kopf und bestellte stattdessen drei Brötchen mit Schinken. Emma griff beherzt nach einem der langstieligen Kelche.
   »Entschuldigen Sie bitte, ich bin nur Aushilfe hier«, sagte das Mädchen und stabilisierte das wackelnde Tablett mit der anderen Hand. Sie wurde puterrot im Gesicht.
   »Macht doch nichts.« Emma lachte und sah die junge Frau aufmunternd an. Sie nahm einen tiefen Schluck des prickelnden Getränks. Gut gegen die Aufregung.
   Minuten später servierte die Blonde Liam sein Frühstück.
   Gentlemanlike bot er Emma eines der Brötchen an, doch sie lehnte ab. Sie würde vor Nervosität keinen Bissen hinunterkriegen.
   Die Halle füllte sich. Bekannte Autoren hatte Emma jedoch noch nicht entdecken können.
   Ein übergewichtiger Mann mit fettig wirkendem, dünnem blonden Zopf hatte die Bühne betreten und testete schnaufend die Mikrofonanlage. »Test. Test. Test«, wiederholte er mehrfach und gab Super Mario Anweisungen, der daraufhin mit genervtem Gesichtsausdruck einige der großen Boxen in die eine oder andere Richtung verschob.
   Emma blickte zum gefühlt tausendsten Mal auf die Uhr und dann wieder in ihr Programmheft. Das Festival sollte in einer knappen Stunde offizielle Eröffnung feiern. Blieb noch genug Zeit, die Höhle weiter zu erkunden.
   Gemütlich schlenderten sie durch verschiedene Schächte und bewunderten die ausgestellten Kunstwerke diverser Maler und Bildhauer. In einem größeren Nebengang entdeckten sie die Werbetische renommierter Verlage, die von den jeweiligen Mitarbeitern mit Plakaten und Flyern bestückt wurden. Bücher und Werbematerial wurden ausgelegt und Emma konnte sich kaum sattsehen. Sie fühlte sich einfach pudelwohl in dieser Welt.
   Zwei Sanitäter in rot-weißen Uniformen und mit prall gefüllten Notfallrucksäcken auf den Schultern patrouillierten wie Wachmänner regelmäßig durch die Gänge.
   Emma registrierte, wie der Ältere neugierig auf ihren Artist–Ausweis stierte.
   »Oha. Sind Sie eine Schriftstellerin?«, fragte er und lachte Emma über das ganze Gesicht an. »Wer sind Sie denn?«
   »Äh«, stammelte Emma, »also, nicht wirklich, nein. Im wirklichen Leben bin ich Historikerin und arbeite in einem Stadtarchiv. Ich habe nur diesen Preis gewonnen und daher …« Sie trat dem hinter ihr feixendem Liam gegen das Schienbein und schämte sich in Grund und Boden.
   »Soso, Historikerin sind Sie also, Emma Wolf.«
   Ihren fragenden Blick beantwortete der Sanitäter mit einem Wink auf ihren Ausweis. »Na dann. Hätte ja sein können, dass Sie berühmt sind oder so. Ich kenne mich da nicht so aus. Aber wissen Sie, ich habe meiner Frau versprochen, ihr so viele Autogramme wie möglich zu besorgen. Als kleinen Trost sozusagen, dass ich volle 24 Stunden hier Dienst schieben muss und sie wieder mal am Samstagabend allein zu Hause sitzt. Und das Ganze natürlich ehrenamtlich.« Er zwinkerte. »Ich selbst lese ja überhaupt nicht, im Gegensatz zu meiner Frau, die diese Bücher verschlingt wie andere Leute süße Kuchen.«
   Der junge Kollege zerrte dem Sani immer ungeduldiger an der Jacke. »Jetzt komm schon, Robert. Es wird langsam voll hier unten. Bestimmt kippt bald der Erste um in diesen Gängen, dann stehen wir uns wenigstens nicht umsonst hier die Füße platt.«
   Robert schüttelte theatralisch den Kopf und ließ die Augen rollen. »Ach, diese Berufsanfänger! Noch ganz grün hinter den Ohren und rennen trotzdem schon mit einem imaginären Blaulicht auf und im Kopf herum.« Die beiden setzten ihren Weg fort.
   Liam konnte sich nicht mehr halten und schüttelte sich vor Lachen.
   »Was?«, fragte sie und stemmte die Fäuste in die Hüften. Sein Verhalten war einfach unmöglich. Schließlich fühlte sie sich nach dieser seltsamen Begegnung ohnehin schon mehr als unwohl, auch ohne Liams spöttisches Lachen. Ein wenig Unterstützung wäre wohl angebrachter.
   »Du hättest dich mal sehen und hören müssen: Im wirklichen Leben bin ich Historikerin und arbeite im Stadtarchiv … Also, wirklich, Emma. In Sachen Umgang mit Fans wirst du wohl noch einiges zu lernen haben«, erklärte Liam, immer noch auf das höchste belustigt.
   »Ha, ha!« Emma schlug ihm mit ihrer Handtasche auf den Kopf. »Wirklich sehr lustig. Das werde ich schon noch lernen, wenn es denn mal nötig sein sollte«, gab sie kleinlaut und nun ebenfalls vor Lachen prustend zu. Dennoch ließ sie weiterhin beherzt die Handtasche auf Liams Schädel krachen.
   »Aua, ist ja schon gut.« Er stöhnte und sah sie mit einem um Erbarmung heischenden Blick aus seinen braunen Augen an. Doch dann schien er an irgendetwas hängenzubleiben. »Sieh doch mal, da drüben!«
   Emmas Blick folgte seiner ausgestreckten Hand. Nebenbühne, las sie auf einem Schild über einem weiteren Stolleneingang. Sofort fühlte sie wieder das Lampenfieber in ihrem Bauch kribbeln. Dort würde sie lesen dürfen. »Das will ich mir ansehen.« Sie zog Liam mit sich.
   Sie wollte sich die Enttäuschung nicht anmerken lassen, aber er tröstete sie trotzdem. »Das ist doch kein Problem, sicher lassen sich noch ein paar Stühle mehr organisieren«, versprach Liam aufmunternd.
   In der kleinen schmucklosen Nebenhöhle befand sich kein Lesetisch mit einer geschmackvollen weißen Decke darauf drapiert. Emma entdeckte auch keinerlei Blumenschmuck. Dort stand einfach nur ein schlichter Holzstuhl. Es gab auch kein Mikrofon, noch nicht mal den Hauch einer Bühne. Vor dem Holzstuhl waren acht Klappstühle aus Plastik in zwei Reihen aufgestellt worden. Es war kalt, genauso kalt wie in den Stollen. Emma fröstelte. »Ach, das macht doch nichts.« Sie versuchte heimlich, die Tränen zu unterdrücken. »Jeder hat mal klein angefangen.«
   »Komm mal her!« Liam nahm sie behutsam in die Arme. Sanft küsste er ihr die Tränen von den Augen. »Für mich bist du die beste Krimiautorin der Welt, viel besser als dieser Fritz.«
   »Ach, du.« Emma bemühte sich, einen fröhlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen. »Lass uns zurück in die Halle gehen, gleich beginnen die Eröffnungsreden. Ich bin ja erst in zwei Stunden dran. Und dann muss ich ausgerechnet gegen Heinz Fritz lesen.« Sie stöhnte und verlor jede Hoffnung auf einen einzigen Zuhörer.

10:50 Uhr

Die Horrorvorstellung ihrer Lesung entwickelte sich zum Peinlichsten, was Emma je durchmachen musste. Sie hatte sich in der Nebenhöhle auf dem Holzstuhl drapiert und immer und immer wieder ihre ausgedruckten Manuskriptseiten durchgeblättert. Über hundert Mal hatte sie ihre ausgesuchten Textpassagen zu Hause einstudiert. Um fünf nach elf räusperte sich Liam in der ersten Reihe. Es gab ohnehin nur zwei Stuhlreihen, und auch die hätte man sich sparen können. Liam schoss dennoch ein paar Fotos von Emma auf dem Lesestuhl mit ihren Manuskriptseiten in den Händen per Smartphone. Außer ihnen hatte sich niemand in diesen kahlen und kalten Raum verloren.
   Durch den offenen Eingang vernahm Emma deutlich die donnernde Stimme von Heinz Fritz. Just in diesem Moment thronte er theatralisch lesend auf der Hauptbühne. Beklommen folgte Emmas Blick einer Kamera, die an der Decke installiert war, und erkannte an dem grün aufblinkenden Licht, dass das Gerät arbeitete. Sie schämte sich in Grund und Boden. Musste denn ihre Blamage vor leerem Publikum auch noch aufgezeichnet werden? Ein unseliges Gefühl überkam sie, plötzlich sah sie nur noch diesen unterirdischen Raum um sich herum. Sie fühlte sich eingeengt, eingesperrt und heimlich beobachtet. Starrte irgendwer sie in diesem Moment über diese dämliche Kamera an?
   Emma versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was real war. Der Panikanfall flaute genauso rasch ab, wie er gekommen war. Wer sollte sie beobachten? Niemand. Sie seufzte. Niemand interessierte sich für sie.
   Liam bekam von ihren Gefühlswirrungen nichts mit, er starrte sie nur mit seinen schönen Augen an, in denen Emma vor allem Mitleid las.
   Desillusioniert wartete sie noch weitere fünf Minuten, dann packte sie ihre Manuskriptseiten in die Tasche und versteckte ihren Artist-Ausweis unter dem Pullover. Enttäuscht und traurig schlich sie an Liams Arm zurück zur Halle und wollte sich am liebsten unsichtbar machen. Etwas Gutes hatte es ja, zumindest konnte sie nun ihrem Lieblingsautor lauschen.

11:47 Uhr

In der Halle wimmelte es von Leuten. Es gab keinen Quadratmeter in der zentralen Höhle, der nicht überschwemmt war. Liam und Emma mussten sich mit Stehplätzen hinter den Stuhlreihen zufriedengeben. Emma war es mehr als recht, nicht inmitten Hunderter Menschen eingekesselt zu sein. Hier hinten gab es zumindest Rückzugsmöglichkeiten. Überstandene Angsttherapie hin oder her, man konnte alles übertreiben.
   Liam allerdings beneidete die Glücklichen, die einen Stuhl ergattert hatten und sich gemütlich in die Kunstpelze und Decken einmummen konnten.
   Emma beobachtete Reporter, die eifrig Notizen in ihre Pads hämmerten. Die Kellner und Kellnerinnen kamen dem Ansturm kaum hinterher. Die junge Blonde, die ihr heute Morgen mit zitternden Händen den Sekt angeboten hatte, lief mit vor Anstrengung tiefrotem und verschwitztem Gesicht vorbei.
   Emma versuchte einfach, diese fantastische Lesung zu genießen und weiter von der eigenen Karriere zu träumen. Darüber, dass sie sich mehrere Hundert Meter unter der Erdoberfläche befand, dachte sie gar nicht mehr nach. Heinz Fritz machte es ihr leicht, denn er füllte mit seiner Präsenz den ganzen Saal aus. Selbstbewusst saß der Autor in seinem Polstersessel hinter dem Lesetisch. Die Blumen auf der schneeweißen Decke waren exakt so platziert, dass sie niemandem die Sicht auf den Künstler nahmen. Auf der Leinwand hinter Fritz spielte der Beamer passende Bilder zu seiner Geschichte in rascher Abfolge.
   Emma hatte keine Zeit, irgendwelchen Ängsten nachzuhängen, sie war viel zu sehr damit beschäftigt, die schwere Entscheidung zu treffen, wo sie zuerst hinschauen sollte. Ihre Blicke sprangen zwischen Leinwand und Künstler hin und her. Ein Fest für die Sinne.
   Liam brüllte ihr ins Ohr, dass er etwas zu trinken besorgen wolle und verschwand in der Menge. Warum verspürte er gerade jetzt die Muße, die Show zu verlassen? Na ja, er konnte Heinz Fritz nicht leiden, aber trotzdem, es wurde doch gerade ungeheuer spannend. Rasch verflog der Gedanke an Liam. Emma lauschte – vollkommen eingenommen von der Atmosphäre – den Worten ihres Idols.
   Wabernder Nebel strömte plötzlich in die Höhle, die Zuhörer reagierten mit angehaltenem Atem. Die ohnehin gruselig angehauchte Stimmung schuf eine perfekte Spannung. Eigentlich hasste Emma den Geruch von Trockeneis, aber die Gruselatmosphäre verdrängte das unangenehme Gefühl in der Nase.
   Heinz Fritz schwenkte seinen Blick über das im Nebel liegende Publikum. Emma hielt den Atem an. Die Nebelschwaden erreichten ihn oben auf der Bühne nicht. Er flüsterte in das Mikrofon, sie hätte die sprichwörtliche Stecknadel in diesem Moment fallen hören können. Es knisterte vor Spannung.
   »… ich sah meinen Mörder nicht. Aber dennoch! Dennoch glaubte ich, den eiskalten Metalllauf der Waffe direkt vor meiner Stirn zu spüren …«
   Emma schreckte hoch, wie all die anderen um sie herum. Deutlich war ein projizierter roter Zielpunkt auf Fritz’ Stirn zu sehen.
   »… wo hinein hatte er mich hier nur gelockt? Die nebelige Dunkelheit umwaberte meinen Geist wie schwarze Watte …«
   Im Saal erlosch das Licht. Auch die Leinwand wurde schwarz. Nur die Leselampe auf dem Tisch leuchtete noch und verwandelte Fritz’ Gesicht zu einer unheimlichen Maske. Der rote Zielpunkt auf seiner Stirn folgte jeder Bewegung.
   Vereinzelt kreischte das Publikum auf. Emma fühlte überall Gänsehaut.
   »… da! Hört ihr es auch? Die Waffe ist entsichert worden«, schrie Fritz ins Mikrofon. »Nur noch ein Gefühl erfüllt meine Brust. Blanke Angst. Denn der Tod ist ganz nahe. Er kommt, mich zu holen.« Er hielt inne und verharrte in endlos wirkender Stille. »Jetzt!«
   Ein Schuss knallte.
   Der ganze Saal schrie auf. Nach endlos erscheinenden Sekunden setzte wieder ein stark gedämmtes Licht ein.
   Vereinzelte von enthusiastischem Applaus begleitete Jubelrufe ertönten. Was für eine grandiose Show! Emma kribbelte es bis in die Haarspitzen. Sie starrte erwartungsvoll auf die Bühne.
   Direkt davor gellten panische Schreie auf. Emma konnte von ihrem Standpunkt aus und durch den immer noch wabernden Nebel des Trockeneises nicht sehen, was sich abspielte.
   Die Leinwand flackerte auf. Dann, endlich, erschien wieder ein klares Bild.
   Emma erstarrte.
   Sie sah Heinz Fritz auf der Leinwand in seinem Sessel sitzen. Sie sah das kirschkerngroße rote Loch in seiner Stirn. Blut gluckerte aus der Wunde wie Wasser aus einem undichten Hahn.
   Sein Kopf sackte vornüber auf die weiße Tischdecke und färbte den Stoff um ihn herum binnen Sekunden tiefrot.
   In der Halle brach entsetztes Geschrei aus. Emma konnte nichts anderes tun, als sich die Hand vor den aufgerissenen Mund zu pressen. Der Schreck hüllte sie gnadenlos ein. Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie im tiefsten Herzen, wie sich reale Angst anfühlt.

12:07 Uhr

Die Menschen in der Höhle standen da, als wären sie in einem plötzlich erkalteten Lavastrom erstarrt. Eine Ohnmacht legte sich einer schweren Wolke gleich über die Halle. Emma konnte irrsinnigerweise mit der schrecklichen Realität besser umgehen als mit den Wahnideen, mit denen sie sich bisher das Leben erschwert hatte. Sie war eine der Ersten, die sich wieder rühren konnte und sich verzweifelt einen Weg durch die zu Salzsäulen erstarrten Leute bahnte. Sie wollte nach vorn, um Heinz Fritz zu helfen, und brachte damit einen Stein ins Rollen. Viele andere taten es ihr nun gleich und stürmten die wenigen Stufen zur Bühne hinauf. Ein wilder Tumult brach aus, jeder wollte zuerst helfen oder einfach nur mit eigenen Augen sehen, was geschehen war. Zwischen all den Körpern erkannte Emma die rotweiße Jacke eines Sanitäters.
   Gott sei Dank.
   Sie kam völlig außer Atem zum Stehen. Es gab ohnehin kein Durchkommen mehr, immer enger stehende Menschenmengen kesselten sie ein. Von dem, was sich mittlerweile auf der Bühne abspielte, konnte sie sich kein Bild mehr verschaffen. Sie sah nur noch die Leiber der dicht aneinandergedrängten Menschen.
   Die Bodendüsen entließen zwar keinen Dampf mehr in den Zuschauerraum, dennoch blieb die Sicht durch die flüchtigen Nebelschwaden verschleiert.
   Unerwartet und wie eine Urgewalt tobte die Panikwelle heran. Emma konnte kaum atmen. Viele liefen kopflos umher, andere schrien oder weinten, Menschen klammerten sich aneinander und die ersten strömten Richtung Ausgang. Immer schneller und immer mehr Leute entschieden sich zur Flucht. Der Gang zur Haupttreppe, der nach oben führte und Sicherheit versprach, quoll in wenigen Sekunden fast über vor Leibern, die sich schubsten und drängelten.
   In diese Menschenmasse konnte sie sich niemals aus freien Stücken begeben. Emma hielt sich die Hand auf die brennende Brust. Sie versuchte, zurückzuweichen. Ihr Körper, vollgepumpt mit Adrenalin, wollte nicht zur Untätigkeit verdammt sein, wollte nicht festgehalten werden, nicht aufhören, in irgendeiner Weise eigenständig zu reagieren. Es blieben zwei Möglichkeiten in Gefahrensituationen: Flucht oder Angriff. Ein automatisch einsetzender Mechanismus, ausgelöst durch die Stresshormone, die seit Urzeiten Menschen und jedwedes Tier steuerten. Doch es gab kein Weiterkommen, weder in die eine noch in die andere Richtung.
   Hektisch blickte sie sich um. Jemand hatte vor aller Augen auf Fritz geschossen. Mitten auf der Bühne. Vor Hunderten von Menschen. Der Attentäter musste hier irgendwo sein, vielleicht sogar direkt neben ihr. Oder war er längst in der Menge untergetaucht? Vielleicht stand er seelenruhig irgendwo und beobachtete, was er angerichtet hatte. Vollkommen unerkannt. Aber was, wenn er noch da war und noch mal schießen würde?
   Das war doch vollkommen verrückt.
   Die Menschen stießen und rempelten. Diese Idioten würden sich noch gegenseitig tottrampeln. Doch auch in Emma wuchs der Instinkt zur Flucht. Einfach kopflos davonstürmen. Nach oben, nach draußen, in Sicherheit. Fort von diesem Ort, an dem sich eine solch grauenvolle Tat ereignet hatte. Wo befanden sich die Notausgänge? Emma war kein Schild aufgefallen. Oder hatte sie nur nicht darauf geachtet?
   Noch reagierte sie nicht panisch. So viel Verstand blieb ihr noch übrig. In diesen totgeweihten Strom der Flüchtenden würde sie sich nicht einordnen. In der Halle zu verharren war sicherer, als sich diesem Lauf der Lemminge anzuschließen, deren Rückzug nicht geordnet vonstattengehen würde.
   Jeder der Fliehenden wollte zuerst nach oben. Die ersten Menschen begannen zu rennen und unbarmherzig zu rempeln, zu stoßen und zu schlagen. Völlig ohne jegliches menschliches Verhalten, nur noch ausgefüllt von Todesangst. Sie stiegen über die Gestrauchelten und zertrampelten die sich windenden und schreienden Körper auf dem Boden. Auch Emma wurde gestoßen und klammerte sich am Bühnenrand fest, bis sich der Raum um sie herum leerte.
   Auf der Bühne war kein Mensch mehr übrig geblieben. Keine Spur von Heinz Fritz, dem Sanitäter oder den anderen Helfern. Wo hatte man den Schriftsteller hingebracht? Vermutlich irgendwohin, wo man sich besser um ihn kümmern konnte. Hier musste es doch einen Raum geben, eine Erstehilfezentrale oder so etwas.
   Sie beobachtete, wie der junge Rettungsassistent begann, Verletzte aus dem Gang Richtung Treppe zu bergen. Unterstützt wurde er von zwei Frauen aus dem Publikum, die beherzt zupackten.
   »Jetzt hast du dein geliebtes Blaulicht«, flüsterte Emma und erinnerte sich an den peinlichen Moment von heute Morgen. Da hatte sein älterer Kollege noch herzhaft gelächelt.
   Eine unheilvolle Stille und Leere breitete sich in ihrem Kopf aus. Sie kam sich vor wie ein Statist in einem belanglosen Film. Das Treiben um sie herum erschien ihr wie ein Traum, nichts von alldem konnte real sein. Das Geschehen spielte sich wie in Zeitlupe vor ihr ab. Völlig abstrus.
   Sie zuckte zusammen, als unter ohrenbetäubendem Quietschen die Tonanlage wieder einsetzte.
   »Herzlich willkommen zum Festival Thriller and Crime! Aber bitte, nehmen Sie doch wieder Ihre Plätze ein und genießen Sie die Show«, schallte es aus unzähligen Lautsprechern durch die Höhle.
   Augenblicklich flackerte die Leinwand auf der Bühne wieder auf und präsentierte die Worte dieser Ansprache. Dabei wurden die Zeilen imitiert, als würden sie just in diesem Moment auf einer altmodischen Schreibmaschine getippt. Buchstabe für Buchstabe. Emma dröhnte das Klackern der Tasten in den Ohren.
   Was sollte das? Ein schlechter Scherz? Wollte man etwa einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen? Oder gehörte das alles womöglich zur Show? Emma wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Diese neuen Informationen konnte sie nicht so rasch verarbeiten, wie sie auf sie einströmten. Ihre Empfindungen fuhren Achterbahn. Aufschreien oder erleichtert sein?
   Rasch füllte sich die Halle wieder. Der Schall der Tonanlage mochte sicher jeden noch so kleinen Winkel und Stollen der Höhle erreicht haben. Die Menschen kamen zurück aus dem Hauptgang und versammelten sich leise. Die Atmosphäre glich nun der einer gut durchdachten und wirkungsvollen Geisterbahn.
   Fassungslos stierte Emma auf die Leinwand und las immer wieder diese Worte. Mittlerweile war das Bild eingefroren und der Ton verstummt.
   »Gott sei Dank!«
   Liam! »O Gott, bin ich froh, dass du da bist.« Emma wirbelte zu ihm herum, ihre Knie wollten sich endgültig verflüssigen. Ganz fest drückte sie sich an ihn.
   Er umfing sie mit seinen Armen und hielt sie. »Scheiße! Was läuft hier, Emma?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich glaube, Heinz Fritz ist tot. Einfach so abgeknallt mitten auf der Bühne. Vor all diesen Leuten. Irgendwer scheint hier ein verrücktes und perfides Spiel abzuziehen. Aber vielleicht gehört alles zur Show. Was meinst du? Lies mal, was auf der Leinwand steht. Trotzdem würde ich lieber gehen.«
   »Verdammt!«, presste Liam hervor. »Wir können nicht gehen. Irgendetwas ist hier faul. Wir kommen hier nicht raus, deshalb sind die Leute aus dem Hauptgang zurückgekommen. Der Eingang ist durch ein Tor verschlossen worden und die Brandschutztüren zu den Nottreppen sind auch dicht.«
   »Was? Woher weißt du das?«
   »Weil die Leute, die vorn am Ausgang waren, es sagen. Die Kassendame soll erzählt haben, dass urplötzlich das elektronisch gesteuerte Außentor den Eingang der Höhle verschlossen hat. Das muss stimmen, denn alle kommen zurück, die versucht haben, rauszukommen.«
   »Und all die Verletzten? All die, die niedergetrampelt wurden?«
   Liam schüttelte langsam den Kopf. »Keine Ahnung. Die Sanitäter haben sie wohl rausgeholt, ich hab jedenfalls keine Verletzten gesehen.« Sein Hemd fühlte sich schweißgetränkt an. Er sah Emma durchdringend an. »Ich bin nur froh, dass du noch lebst. Und ich natürlich auch.«
   Liam drückte sie immer wieder an sich und Emma verspürte in seinen Armen eine trügerische Sicherheit. Doch dann fühlte sie seinen pochenden Herzschlag und wusste, auch er hatte nichts als Angst. »Vermutlich wurden die Tore im Rahmen irgendeines Notfallplans oder einer Evakuierungsvorschrift oder was weiß ich automatisch geschlossen. Das ist alles. Gleich wird jemand auftauchen und uns alle in Ruhe nach draußen bringen« sagte Emma, um sich selbst und Liam zu beruhigen.
   Liams Blick offenbarte einen kleinen Hoffnungsschimmer. Er starrte erneut auf die Leinwand. Genießen Sie die Show! »Was, wenn doch alles nur ein Trick ist? Wenn es wirklich zum Event gehört?«
   Liam schien der Gedanke zu gefallen. »Wenn es wirklich so ist, dann haben die es geschafft, uns alle an der Nase herumzuführen. Muss echt ein krasser Typ sein, der die Show inszeniert hat. »Lies doch noch mal!« Er lachte leise und drehte Emma mit dem Gesicht zur Leinwand. »Es steht doch groß da! Genialer Auftakt, genießen Sie die Show! Es wird gleich weitergehen. Mann, Emma, das war einfach total krasse Verarsche, um die Spannung zu erhöhen. Du wirst sehen, gleich tritt dein geliebter Heinz Fritz aus dem Hintereingang auf die Bühne und lacht sich kaputt.«
   Emma schüttelte ungläubig den Kopf »Schön wär’s. Aber das wäre keineswegs genial, sondern absolut verantwortungslos in Anbetracht dessen, was hier vorgefallen ist. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass es zum Konzept gehört. Das war ein Anschlag. Und selbst, wenn Heinz Fritz überlebt hat, wie ich hoffe und bete, so habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass es unter den Besuchern Opfer gegeben hat. Vielleicht sind Menschen gestorben, Liam. Oder schwer verletzt. Das ist keine Show.«
   Liam blickte sie fest an und nickte, das Lachen war ihm vergangen. »Du hast recht«, gab er zu. »Sorry, mein Hirn hat wohl eine einfache Lösung vorgezogen.« Aufrecht nahm er Emmas Hände in seine. »Wir kommen hier raus, du und ich. Ganz sicher! Irgendeiner der Verantwortlichen wird sich gleich zeigen und die Lage klären.«
   
   Super Mario und ein paar andere, die durch das Logo Thriller and Crime auf der Brust als Mitarbeiter des Veranstalters zu erkennen waren, fungierten mittlerweile als eine Art Polizei und führten die Festivalbesucher, Reporter, Verlagsvertreter und Literaturagenten zurück in das Zentrum der Höhle. Aus dem Hauptgang sowie aus Nebenstollen und versteckten Kammern her ließen sie sich treiben wie eine hilflose und verloren geglaubte Schafherde. Selbst das Cateringpersonal war zu diesem Zweck eingespannt worden.
   Emma hörte aus allen Richtungen, dass der Hauptgang und die Türen zu den Nottreppen immer noch verschlossen waren und somit niemand die Höhle verlassen haben konnte.
   »Vielleicht könnte ja mal endlich jemand von offizieller Seite ein paar Statements rüberwachsen lassen«, knurrte Liam, als die Lautsprecheranlage passenderweise einen unangenehmen und lauten Pfeifton durch die Halle jagte.

13:03 Uhr

»Ich bitte vielmals um Ihre Aufmerksamkeit!« Ein übergewichtiger Mann mit zotteligem Pferdeschwanz hatte in dem Gedränge unbemerkt die Bühne betreten und stand mit gesenktem Kopf und einem Mikro in der Hand vor dem Lesetisch.
   Jemand war so geistesgegenwärtig gewesen, die blutbefleckte Tischdecke zu entfernen. Emma erkannte in ihm den Mann von heute Morgen, der die Mikrofonanlage getestet hatte. Anscheinend hatte er hier etwas zu sagen. Sein brauner Cordanzug war alles andere als einer aktuellen Modezeitschrift entsprungen und war seinem Träger bei Weitem zu eng. Emma wartete darauf, dass ein Knopf am Jackett wegsprang. Sie schüttelte genervt den Kopf. Natürlich wartete sie vielmehr darauf, dass der Mann weitersprach und endlich Informationen lieferte.
   Das Stimmengewirr in der Halle klang wie eine durch elementare Urängste komponierte Kakophonie. In allen Ecken weinten Menschen, einige schrien immer wieder panisch auf, andere konnten es vor Platzangst kaum noch aushalten und brüllten ihre Gefühle aggressiv und lautstark in die Halle. Klaustrophobie pur in einer unterirdischen Höhle ohne Ausgang, in der jemand auf einen Menschen geschossen hatte. Und der Schütze lief immer noch frei herum.
   Emma konnte kaum glauben, wie gefasst sie war. Natürlich fühlte sie die gleiche Angst, sie schloss sich wie eine unbiegsame Klammer immer enger um ihr Herz. Aber die Angst war dieses Mal real. Vielleicht konnte sie deshalb damit umgehen, ohne auszurasten. Sie schaffte es, jegliches Gefühl von Panik zu unterdrücken und trotz allem logisch zu denken. Genau so, wie sie es in der Therapie erlernt hatte.
   »Bitte, bitte! Ich muss Sie nun wirklich bitten, hören Sie mir zu«, brüllte der Mann auf der Bühne gegen den Lärm in sein Mikrofon.
   Es geschah sehr langsam, doch letztendlich verebbte der Geräuschpegel. Bald wirkte die einsetzende Stille geradezu gespenstisch.
   »Es tut mir ausgesprochen leid, und mein Herz ist schwer vor Trauer. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass der von uns allen hoch geschätzte und geliebte Autor Heinz Fritz tot ist.«
   Stille.
   Der Mann wischte sich den Schweiß mit einem geblümten Taschentuch von der Stirn und bot ein erschütterndes und mitleiderregendes Bild auf der Bühne. Mit immer stärker gesenktem Kopf und gebeugtem Körper stand er da, hielt das Mikro krampfhaft in der zitternden Hand.
   Entsetztes Raunen brandete auf. Emma fühlte sich weniger erschrocken als eher immer noch voller wahnwitziger Hoffnung. Sie glaubte, tief im Inneren zu spüren, dass die Seele ihres Idols nach wie vor in dessen Körper weilte.
   »Mein Name ist Winfried Böhmer. Ich bin der Festivalleiter und verantwortlich für den reibungslosen Ablauf …«
   Buhe und Pfiffe ertönten. «Wirklich reibungslos gelaufen bis jetzt«, brüllte ein Mann mit Glatze direkt neben Emma.
   Von überallher erklangen zustimmende Rufe.
   Böhmer ließ seine Arme immer wieder von oben nach unten sinken und versuchte durch diese Geste, die Leute zur Ruhe zu bringen. Erfolglos. »Bitte, so hören Sie mir doch zu!«, rief er gegen den Lärm an. »Uns ist eine Art Bekennerschreiben zugespielt worden.«
   Diese Information erregte die Aufmerksamkeit der Zuhörer und endlich verharrten alle still, um Böhmer zuzuhören.
   »Ein anscheinend geistesgestörter Mann hat dieses perfide Attentat auf Heinz Fritz durchgeführt. Aus welchen Gründen kann ich Ihnen nicht sagen, das Schreiben war sehr abstrus und irrwitzig gestaltet. Der Mann hat keine Chance, unbehelligt zu entkommen, das verspreche ich Ihnen, meine Leute sind ihm auf den Fersen. Fest steht aber, dass sich seine Mordabsichten nur auf Heinz Fritz bezogen haben. Ich bete für Fritz’ Seele und bitte Sie alle um Anteilnahme an seinem schrecklichen Tod. Aber niemand von Ihnen befindet sich in Gefahr, also bitte, bleiben Sie ruhig und verfallen Sie nicht wieder in Panik, damit es nicht noch mehr Opfer …«
   »Und warum kommen wir dann nicht hier raus?«, unterbrach ihn wieder der Glatzköpfige neben Emma.
   Sie war von dem gleichen Gedanken beseelt und auch aus allen Ecken des Saales erklang zustimmendes Raunen.
   »Und warum schalten Sie nicht endlich diesen beschissenen Beamer ab?«, rief eine junge Frau aufgebracht. »Das ist doch der letzte Hohn!«
   »Genießen Sie die Show« Diese Worte prangten immer noch auf der Leinwand. Emma musste der Frau recht geben. Sie wandte sich an Liam, um seine Meinung zu hören, doch sie fragte ihn nicht danach. Er stand gebückt neben ihr, weißer als eine frisch gestrichene Wand. Ständig musste er würgen und aufstoßen. Er presste sich hilflos beide Hände vor den Mund, warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und machte, dass er auf und davon kam.
   Emma seufzte, sie kannte das. Regte Liam irgendetwas furchtbar auf, musste er sich übergeben. Hoffentlich erreichte er rechtzeitig die Toilette.
   Winfried Böhmer räusperte sich lautstark. Nervös klammerte sich seine Hand um das Mikro. »Das würde ich sehr gern tun, aber im Moment verfügt unser Computer über keinen Zugriff auf den Beamer. Der Irre muss sich vor seiner Tat in unser System gehackt haben und hat es blockiert. Daran arbeiten wir, das kann ich Ihnen versichern. Es kann sich eigentlich nur noch um Minuten handeln, bis wir den Zugang zu allen Funktionen wieder erlangt haben. Noch mal, niemand von Ihnen befindet sich in Gefahr. Wir haben alles im Griff.«
   Wieder höhnisches Gelächter, Buhrufe und Pfiffe.
   »Ich frage ja ungern noch mal, aber warum kommen wir hier nicht raus?«, wiederholte der Mann neben Emma wütend und erntete wieder tosenden Beifall.
   »Bitte!«, wehrte der nun immer stärker schwitzende Winfried Böhmer ab und machte erneut eine Geste mit beiden Händen, die beruhigend auf die Massen wirken sollte. Auch diesmal erfolglos. »Auch an diesem Problem arbeiten wir. Zurzeit lassen sich das Haupttor und auch die Türen zu den Nottreppen nicht öffnen, weil sie ebenso vom Zentralcomputer gesteuert werden. Aber wie gesagt, meine Mitarbeiter befassen sich derzeit mit dem Problem und werden es in kurzer Zeit gelöst haben. Dann wird auch die Telefonanlage wieder einsatzbereit sein. Im Moment, das muss ich Ihnen leider sagen, sind wir sozusagen von der Welt da oben abgeschnitten.« Winfried Böhmer zeigte zur Veranschaulichung seiner Worte mit dem Finger gen Decke. »Und bitte«, flehte er geradezu. »Verlassen Sie die Haupthöhle nicht! Begeben Sie sich unter keinen Umständen in die abgesperrten Nebengänge oder betreten die mannigfach vorhandenen Abstiege. Diese Höhle ist 442 Meter tief und ihre Gänge weisen eine Länge von insgesamt nahezu 12 Kilometern aus. Sie würden sich hilflos verirren.«
   »Wird es denn nicht auffallen, wenn Besucher von oben in die Höhle kommen wollen und das Eingangstor verschlossen vorfinden?«, fragte eine junge Frau mit kurzen braunen Haaren dazwischen. »Die müssen doch dann merken, dass hier nichts mehr geht und sie nicht reinkommen! Also, ich habe meine Karte im Vorverkauf erstanden und wäre ziemlich sauer, wenn ich vor verschlossenen Türen stände. Schließlich sind die 98 Euro kein Pappenstiel, da geht man nicht so einfach wieder. Irgendwer, der da draußen steht, wird dies doch sicher melden, oder nicht?«
   Zustimmendes Gemurmel machte sich unter den Menschen breit. So mancher hatte Ähnliches beizusteuern.
   »Genau«, rief eine ältere Frau, »glauben Sie, das war ein Vergnügen, mich eine geschlagene Stunde den Wald hier herauf abzukämpfen? In dieser Provinzstadt gibt es ja kein Taxiunternehmen. Noch nicht mal ein Krankentaxi haben Sie organisiert. Und das bei diesem Sturm. Ich habe zwei künstliche Hüftgelenke und bin dennoch hier hochgestiegen. Kein Auto darf hier oben parken, das wusste ich ja und habe es in Kauf genommen. Aber wenn nach meinem mühsamen Aufstieg die Tür geschlossen gewesen wäre, ich verspreche Ihnen, dann hätte es Tote gegeben … oh … Verzeihung!« Die aufgebrachte Frau verstummte.
   Aber sie hatte recht. Dass Liam und sie ihren Wagen im Dorf geparkt hatten, war ja okay, hier oben im Wald gab es eben noch keinen Parkplatz für solche Massen. Der Fußweg hatte zwar einiges an Anstrengung gefordert, aber sie waren jung und gesund. An einen Shuttleservice für Ältere oder Gehbehinderte hätte man wirklich denken können. Nun ja, dies war zurzeit wohl ihr geringstes Problem.
   Böhmer dagegen schien regelrecht erfreut über den Einwand der gehbehinderten Frau zu sein. »Danke für diesen klugen Einwand«, lobte er wie ein Grundschullehrer seine ABC-Schützin und lächelte. »Genau das wollte ich auch gerade anführen, selbst wenn unser Techniker es nicht binnen kürzester Zeit schaffen sollte …« Winfried Böhmer redete weiter, zumindest bewegten sich seine Lippen, doch weder Emma noch sonst wer konnte eines seiner weiteren Worte verstehen. Das Mikrofon war ausgefallen.
   Außerdem änderte sich plötzlich das Bild auf der Leinwand, es zeigte den durch ein riesiges Tor verschlossenen Höhleneingang von außen. Eine kleine Traube Menschen tummelte sich davor und las offensichtlich ein Schild, das vor dem Eingang aufgepflanzt worden war. Sie unterhielten sich aufgeregt, aber stumm für die verblüfften Zuschauer. Dann traten die Leute enttäuscht und kopfschüttelnd den Rückzug an. Die Kamera schwenkte herum.
   
   Die Veranstaltung Thriller and Crime musste leider aufgrund zu hoher Schwefelwerte in der Höhle abgesagt werden! Selbstverständlich werden wir Ihnen Ihre Kosten erstatten.
   
   Der Veranstalter
   
   Niemand der Menschen in der Höhle zeigte irgendeine Form der Regung. Niemand sagte etwas. Selbst der Mann mit der Glatze neben Emma ließ den Kopf hängen. Alle reagierten mit fassungslosem Entsetzen und verharrten still. Winfried Böhmer ließ sein totes Mikrofon auf die Bühne fallen und wankte die Stufen hinunter. Das Bild auf der Leinwand wechselte erneut. Nun war darauf die Halle zu sehen, und die Menschen blickten erschrocken in ihre eigenen betretenen Gesichter.
   Emma sah sich die Ecken und Decke der steinernen Höhle an. Vor uralter Zeit durch die Natur geschaffen. Aber natürlich hatte auch hier der Mensch in die Naturgewalten eingegriffen, denn aus jeder Ecke surren Kameras mitten im Gestein hin und her. Vollkommen unpassend.
   Irgendwann schlich Emma wie in Trance aus der Halle heraus und suchte den Gang, der als zweites nach rechts abbog. Dort war eine Nebenhöhle zu einer modernen Toilettenanlage ausgebaut worden. Missbraucht. Dieses Wort fuhr Emma erneut in den Sinn, als ihre Hände den rauen Stein der Höhlenwand fühlten. Sie fand Liam, der sich mit beiden Händen auf einem stilistisch angepassten Waschbecken aufstützte. Wasser tropfte aus seinen Haaren. Bei Emmas Anblick trocknete er sich Gesicht und Hände ab und fiel ihr um den Hals. Emma strich ihm durch die Locken.
   »Besser?«, fragte sie.
   Liam nickte kurz. »Geht schon wieder.«

14:50 Uhr

»Vielen Dank«, sagte Emma und nahm die Wasserflasche und zwei Sandwiches von der jungen Blonden entgegen.
   Das Mädchen schwitzte nicht mehr voller Aufregung und lächelte auch nicht mehr. Pure Angst spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. Emma nickte ihr aufmunternd zu. Das Cateringpersonal verteilte kostenlos Getränke und Snacks. Das Mindeste, was der Veranstalter tun konnte, hatte Liam gemosert. Seine Übelkeit hatte sich zum Glück verabschiedet.
   Die warmen Decken und Kunstfelle waren von den Wartenden von den Stühlen gezerrt worden und fanden sich mancherorts schwer umkämpft. Die Temperatur in der Höhle ließ alle mittlerweile frösteln, denn die Heizanlage funktionierte zu allem Überfluss auch nicht mehr. Oder war absichtlich abgeschaltet worden. Die meisten trugen nur dünne Wind- oder Regenjacken, schließlich herrschte draußen Sommer, wenn auch der morgendliche Sturm die Großwetterlage erheblich beeinflusst hatte.
   Böhmer hatte gesagt, es sei dem Killer nur um Fritz gegangen. Aber warum kamen sie dann nicht heraus? Irgendetwas stimmte hier nicht.
   »Willst du Pute oder Salami?« Emma hielt Liam die wabbeligen Weißbrote zur Auswahl vor die Nase. Sie wollte ihn nicht beunruhigen, obwohl er vermutlich das Gleiche dachte und seinerseits Emma nicht mit seinen Gedanken belasten wollte. Emma war überzeugt, dass es allen Menschen in der Höhle so erging und niemand den Schrecken, der über ihnen thronte, aussprechen wollte. Sobald man etwas aussprach, war es real. Und das durfte nicht sein. Das konnte nicht sein.
   Wortlos griff Liam nach dem Salamisnack. Sie hatten sich auf dem Boden in der großen Halle niedergelassen. Viele andere um sie herum hatten sich ebenso eingerichtet. Glücklich schienen jene, die eine Decke ergattert hatten, und sie wachten argwöhnisch über diesen Luxus.
   In der Halle war es still geworden. Vereinzelt vernahm Emma leises Gemurmel, doch die meisten saßen einfach nur da und aßen oder tranken etwas. Jeder hier unten wurde von einem unbekannten, angstvollen und herzbeklemmenden Gefühl bedrängt, aber niemand schien die Situation begreifen zu wollen oder zu können.
   Wo waren sie nur hineingeraten? Warum passierte nichts? Wieso dauerte das so lange? Irgendwann mussten die Techniker es doch schaffen, den Computer in ihre Gewalt zu bringen und die Türen zu öffnen.
   Die Atmosphäre versprühte mittlerweile den Charme eines irrealen Campingausfluges. Wenn der Beamer an der Höhlendecke nicht ständig rauschen und Bilder auf die Leinwand schießen würde. Immer wieder ertappte sich Emma dabei, wie sie verstohlen und entsetzt die Livebilder auf der Leinwand verfolgte. Sie fühlte sich, als folgte sie der Übertragung einer Katastrophe irgendeines Nachrichtensenders. Fehlte nur das ständig weiterlaufende rote Band am unteren Bildschirmrand mit den immer wiederkehrenden Breaking News zwischen den aktuellen Börsendaten. Aber Emma saß nicht gemütlich zu Hause auf der Couch und schaute Fernsehen. Das hier erlebte sie live. Liam und sie waren mittendrin.
   Die Bilder auf der Leinwand spiegelten immer noch aus wechselnden Kameraperspektiven das Vorgehen in der Halle wider. Emma sah beklemmt auf die ständig surrenden und wie von Geisterhand bewegten Kameras an der Höhlendecke.
   »Endlosschleife, wenn du mich fragst«, nuschelte Liam und kaute weiter.
   »Was?«
   »Na, irgendwer hat diese Kameras in einer Endlosschleife programmiert. Immer wieder werden dieselben Kameras aktiviert und strahlen ihre Bilder aus, sieh doch mal genau hin.«
   Er hatte recht, stellte Emma fest, als sie nun darauf achtete. Es erschienen immer wieder die gleichen Bilder aus wechselnden Perspektiven. Das wäre ihr niemals aufgefallen. Aber eigentlich änderte diese Erkenntnis nichts an der Situation und half auch nicht weiter. Emma verspürte dennoch nichts als Angst. So wie alle anderen auch, auch wenn sich alle im Moment mit der Situation arrangieren mussten. Vollkommen real, paradoxerweise auch absolut surreal. Ihre Gefühle hatten nicht das Mindeste gemein mit ihrer diagnostizierten generellen Angststörung. Dies war das wahre Leben, das echte Fühlen. Die wahre Panik. Greifbar und gezielt. Emma stellte sich bildhaft vor, ihre jetzige Situation mit ihrem Therapeuten zu erörtern. Er würde ihr vermutlich mit ernsthaftem Gesichtsausdruck zunicken und auch zustimmen und ihr dann statistisch beweisen, dass ihre Chance, in eine solche Lebenslage zu geraten, praktisch gleich null sei. Dennoch versuchte sich Emma an den Verhaltensmustern, die sie in der Therapie gelernt hatte.
   Konzentration und Achtsamkeit.
   Sie schloss die Augen und versuchte, sich auf Geräusche zu besinnen. Klappte nicht, ihre Furcht blieb. Sie filterte nur Schluchzen oder gedämpfte Schreie aus der Umgebung aus.
   Emma versuchte, jeden einzelnen Teil ihres Körpers zu fühlen und scheiterte wiederum. Weder einer ihrer Arme noch eines ihre Beine fühlte sich durch die Suggestion warm und schwer an. Sie konnte ihre Angst nicht abschalten. Nicht in dieser Situation. Die Achtsamkeitstechnik war vielleicht daheim auf dem sicheren Sofa und ohne eine wirkliche Gefahrensituation wie vor diesem Vorfall eine prima Sache. Jetzt aber, eingesperrt von einem Killer in einer Höhle tief unter der Erde, half es nicht. Emma litt Angst. Eingesperrt, eingekesselt inmitten fremder Menschen und zur Krönung ein gnadenloser Killer darunter, den bislang niemand dingfest gemacht hatte. Ausgeliefert zu sein übertraf ihre schlimmsten Vorstellungen.
   Liam schien dies alles nicht mehr zu belasten. Emma bewunderte seine plötzliche Coolness ungemein, als er nun auch noch in aller Ruhe ihr Sandwich verspeiste. Sie konnte vor lauter Nervenflattern nichts essen, obwohl ihr Magen knurrte wie ein Bär. Schweigend hatte sie ihm ihren Snack angeboten. Seltsam. Liam litt doch auch unter einer Angststörung, schließlich hatte sie ihn während der Gruppentherapie kennengelernt. Aber seine Panik war nicht generalisiert, so wie bei ihr. Seine Angst bezog sich nur auf eine einzige Sache: das Fliegen. Dabei war es sein größter Traum, nach Amerika zu fliegen, um sich einen Job in einer der großen Softwarefirmen zu suchen. Die beruflichen Vorrausetzungen hatte er, er war Spieleentwickler bei einem kleinen deutschen Unternehmen in Berlin. Nur die Angst, in ein Flugzeug zu steigen, hinderte ihn. Über Wochen mit dem Schiff zu reisen fand er impraktikabel, schließlich wollte er zwar dort arbeiten, aber seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland behalten. Darüber war Emma natürlich sehr froh, schließlich konnte sie sich ein Leben an seiner Seite immer besser vorstellen. Aber sie wollte auf keinen Fall auswandern. Eine Wochenendbeziehung war total okay, die führten sie ja schon. Ob er die Woche in Amerika oder in Berlin verbringen würde, machte keinen wesentlichen Unterschied.
   Aber trotz aller zur Show getragener Coolness registrierte Emma, dass auch Liam immer wieder zu der Leinwand schielte.
   »Wenn du mich fragst, hier passiert gar nichts, zumindest nichts Gutes«, meinte er.
   »Warum glaubst du das?« Emma beobachtete wieder die Menschen um sie herum. Alle hofften darauf, dass Böhmer bald verkünden würde, dass nun alles wieder gut sei, die Türen offen stehen würden und sie nach Hause gehen könnten.
   Liam schien davon noch weniger überzeugt zu sein als sie. Vielleicht mochten auch einige Menschen darauf warten, dass erneut etwas Schreckliches passierte. Liam hatte es eben selbst gesagt, wenn etwas passieren mochte, dann nichts Gutes. Sicherlich hofften und beteten alle, dass es, was auch immer Schlimmes geschehen würde, nicht sie, sondern jemand anderes treffen sollte. Dass plötzlich Panik in irgendeiner anderen Ecke des Saales ausbrechen würde und man das Geschehen live auf der Leinwand verfolgen konnte, ohne selbst betroffen zu sein.
   »Also, mir reicht es jetzt!«, bestimmte Liam so plötzlich, dass Emma aus ihren trüben Gedanken aufschreckte. Er verschlang den Rest seines Sandwiches. »Wir gehen in diesen VIP-Raum.«
   »Warum?«, fragte Emma konsterniert. War er wirklich so abgebrüht und hatte keine anderen Sorgen, als in dieser abstrusen Situation irgendwelche Promis zu sehen?
   »Na, weil es dort Heizstrahler gibt«, antwortete er und erhob sich. »Mir reicht es wirklich, Emma. Von wegen, die haben alles im Griff und können in wenigen Minuten Tür und Tor öffnen. Mann, eine Stunde ist seit dem Geschwafel von dem schwitzenden Fettsack mit seinem lächerlich fettigen Zopf ins Land gegangen. Wer weiß, wie lange die uns hier noch schockfrosten wollen. Mir ist jedenfalls eiskalt. Und du hast auch schon ganz blaue Lippen. Jetzt komm endlich, bevor andere auf die gleiche Idee kommen. Vielleicht haben wir jetzt noch eine Chance.«
   Emma fühlte tatsächlich die wachsende Unruhe all der anderen Menschen in der Halle. Sie sollten irgendetwas unternehmen, bevor es zu spät war. Bevor sie vielleicht nicht mehr aus der Halle hinauskommen würden. Und die Aussicht auf ein paar Heizstrahler war im Moment nicht die Schlechteste.
   Sie dachte an jenen Moment von heute Morgen. Es kam ihr vor wie ein Erlebnis aus einem früheren Leben. Zu diesem Zeitpunkt war noch ihre größte Sorge gewesen, dass sie Heinz Fritz und all die anderen erfolgreichen Autoren um alles in der Welt beneidet hatte.
   Und jetzt?
   Jetzt war sie schon damit zufrieden, unter einen wärmenden Heizstrahler schlüpfen zu dürfen. Wie schnell sich doch die Prioritäten ändern konnten.
   Aber sie hatte die Hoffnung längst nicht aufgegeben. Heinz Fritz musste sie wahrlich nicht mehr beneiden. Liam und sie würden lebend aus dieser Höhle kommen. Ganz bestimmt.
   Sie musste ihre abstrusen Gefühle und Ahnungen abstellen und endlich die Wahrheit akzeptieren. Heinz Fritz war längst tot und sie selbst eingeschlossen in dieser Höhle. Gefangen von einem Verrückten, von einem Spinner, von einem eiskalten Killer. Ihre Gefühle brodelten wieder an die Oberfläche. Dies war kein Campingausflug, sie befand sich entgegen Böhmers Aussagen in akuter Lebensgefahr. Das spürte sie immer tiefer. Genauso wie Liam und all die anderen Menschen um sie herum. Böhmer hatte gelogen. Sonst wären sie längst alle draußen. Also, was sollte an der Chance auf ein bisschen Wärme zu verachten sein?
   Liam half Emma auf die Beine, legte seinen Arm um ihre Schultern und geleitete sie zielsicher durch die Halle in Richtung Durchgang. Unterwegs beäugte Emma die Serviererinnen und Köche, die murmelnd und mit hilflosen Blicken die Gänge und ihre aufgebauten Stände bewachten. Sie sah die Reporter, die sich teilweise mit ihren Pads auf dem Schoß irgendwo niedergelassen hatten und anscheinend nicht mehr wussten, was sie noch schreiben sollten. Sie erkannte andere Autoren an ihren Artist-Ausweisen und beobachtete sie, wie sie in Grüppchen zusammenstanden und diskutierten. Manche kannte Emma von Fotos her, und von so manch einem hatte sie Krimis verschlungen. Unter ihnen befand sich auch Petra Pier, ihrer Lieblingsautorin in Sachen historischer Krimi. Zu gern hätte sie deren Lesung aus ihrem neusten Werk Sündenfall just in diesem Moment gelauscht. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre. Aber das war es nun mal nicht. Ob das Grüppchen wohl darüber spekulierte, wie es zu diesem Szenario hatte kommen können und sich aufgrund ihrer kriminalistischen Fantasie auf die Jagd nach dem Mörder machen wollte?
   Emma verspürte den Wunsch, sich zu ihnen zu gesellen, doch sie folgte Liam in die VIP-Lounge.
   Der Raum präsentierte sich bei Weitem nicht so überfüllt, wie sie befürchtet hatte. Liam und sie konnten sich bequem unter einem der Heizstrahler aufstellen. An einem Tisch in der Nähe fläzten sich diverse Bestsellerautoren und unterhielten sich lautstark darüber, wie man anwaltlich gegen den Veranstalter dieser Misere vorgehen konnte. Emma erkannte Reinecke Rotfuchs, die über achtzigjährige Susanne Freudenreich und sogar den Schotten Steven McKelly. Wäre die Situation eine andere gewesen, wäre Emma vor Bewunderung und Ehrfurcht sicherlich augenblicklich zu Stein erstarrt. Die Vertreter der großen Verlage sowie einige Reporter und Literaturagenten hielten die Theke besetzt. Doch dies war sicherlich nicht der geeignete Zeitpunkt, mit einem vom ihnen ins Gespräch zu kommen.
   An einem anderen Tisch saß Winfried Böhmer, eingesunken in einen dicken Polstersessel. Er stopfte ihn geradezu überdimensional mit seiner Leibesfülle aus. Leise unterhielt er sich mit dem Mann in der blauen Arbeitsmontur. Super Mario, schoss Emma erneut in den Sinn. Ihr Geist schien sich erneut ablenken zu wollen und beschäftigte sich anscheinend lieber mit dämlichen Banalitäten.
   Liam marschierte frech zum Buffet und organisierte Lachshäppchen und zwei Flaschen Bier, während Emma den Leiter der Veranstaltung belauschte.
   »Ich kann die Tore mechanisch nicht öffnen«, gestand Super Mario, »und die Kontrolle über die Kameras oder die technischen Leitungen laufen alle über die Computer. Von denen habe ich keinerlei Ahnung. Peter ist wie gesagt seit dem frühen Morgen spurlos verschwunden, nachdem er das System überprüft hat.«
   Winfried Böhmer ruderte beschwichtigend mit den Armen. »Ich weiß, Georg, ich weiß. Aber was sollen wir denn tun? Du bist nun mal der einzige Techniker, den ich habe. Wenn du keinen Weg findest, wer dann? Was dann? Du musst wenigstens noch mal versuchen, Peter, diesen verdammten Kerl zu finden, der hier irgendwo rumhockt und mit uns Katz und Maus spielt. Mann, Georg, du bist seit fünfundzwanzig Jahren der Wärter dieser Höhle und kennst jeden Winkel wie deine Westentasche. Du musst noch mal losgehen und ihn finden, eine andere Chance haben wir nicht.«
   »Aber ich war doch schon überall. Peter ist hier nirgends. Ich sage dir, diese Show läuft irgendwo von außen ab«, erwiderte Super Mario, alias Georg, resigniert. »Irgendwer muss diesen dämlichen Computer, ich hab schon immer gesagt, diese verdammten Maschinen sind Teufelswerk, wieder unter unsere Kontrolle bringen, sonst haben wir wirklich keine Chance.«
   »Aber ein realer Mensch hat auf Fritz geschossen und ihn getötet. Das war kein Computer! Bitte! Finde Peter! Ich versuche derweil, das Computersystem unter Kontrolle zu bringen. Ein wenig kenne ich mich ja doch aus.«
   Georg quittierte diese Aussage und die Bitte mit einem abfälligen Stöhnen und erklärte sich missmutig bereit, sich gleich wieder auf den Weg zu machen.
   Liam reichte Emma ein Bier sowie ein Lachsbrötchen und präsentierte stolz einige Autogrammkarten.
   »Wo hast du die denn jetzt her?«
   »Och, ich war mal eben bei unseren Promis hier im Raum vorbeischauen«, antwortete er und grinste.
   Wie konnte er in dieser Situation nur an sowas denken? »Liam!«, sagte sie, ungeachtet dieser Sensation aufgeregt, und steckte die Autogramme unbeachtet in die Hosentasche. Ihre Handtasche hatte sie in dem Tumult nach dem Mord an Heinz Fritz irgendwo in der Halle verloren. Ihren Lachssnack ließ sie auf dem Tisch liegen. »Ich habe interessante Informationen herausbekommen, während du Groupie gespielt hast.«
   »Wie das?«
   Emma grinste nun ebenfalls. »Nur ein bisschen gelauscht.« Möglichst unauffällig wies sie mit dem Kopf in Richtung des Tisches, an dem Böhmer saß. »Der Festivalleiter und Super Mario, der einzige Techniker und Herr der Höhle, haben sich eben sehr interessant miteinander unterhalten.«
   »Aha, und welches neue Action-Adventure plant Super Mario mit the big boss Böhmer höchstpersönlich?«
   Emma winkte ab. »Eigentlich heißt der Typ Georg, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, was ich belauscht habe. Was wir ja bereits wissen, ist, dass alles in der Höhle von einem Computer gesteuert wird, der offensichtlich gehackt worden ist. Und jetzt kommt’s: Es gibt hier unten keinen Computerspezialisten, der sich dieses Problems annehmen könnte. Es gab wohl jemanden namens Peter, aber der ist seit heute Morgen spurlos verschwunden. Seltsam, oder nicht? Na ja, Böhmer hält ihn jedenfalls für den Killer von Fritz und er hat nun niemanden mehr, der das System wieder unter Kontrolle bringen kann. Fakt ist also, es gibt hier unten momentan keinen Computerspezialisten. Aber du bist einer. Ich werde dich sofort Herrn Böhmer vorstellen und ihm deine Dienste anbieten. Du wirst uns hier rausholen!«
   »Was?« Liam nahm einen tiefen Schluck aus der Bierflasche, während sich Emma schon vor dem erneut in sich zusammengesunkenen Winfried Böhmer aufbaute.
   »Entschuldigung, Herr Böhmer?«
   Der Mann sah aus trüben Augen zu ihr auf. Abwehrend ließ er die Hände sinken. »Ich verspreche Ihnen, wir tun wirklich alles, aber …«
   »Das weiß ich.« Emma konnte sich bildhaft vorstellen, wie oft der arme Böhmer am heutigen Tage schon diesen Satz wiederholt hatte. »Mein Name ist Emma Wolf und ich bin die Gewinnerin des Newcomer–Preises …«
   Herr Böhmer erhob sich schwerfällig und reichte ihr seine kalte, weiche Hand. Er fixierte sie aus seinen dunklen Schweinsäugelein heraus. »Da gratuliere ich herzlich, aber Sie verstehen sicher, im Moment …«
   »Nein, nein, um den Wettbewerb geht es nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe eben mehr oder weniger unfreiwillig ihr Gespräch belauscht«, sagte sie kleinlaut und ließ ihren Blick zwischen dem Festivalleiter und dem Techniker hin und her wandern.
   Georg glotzte sie ungläubig an, während Böhmer in Abwehrhaltung ging. »Ja, und?« Er schien sie erst in diesem Moment wirklich ernst zu nehmen.
   »Vielleicht können wir helfen.« Sie zog Liam gegen dessen Widerstand in den Vordergrund. »Das ist mein Freund, Liam Hufnagel. Er ist Softwareentwickler und IT-Spezialist. Ich denke, Sie sollten ihn in den Technikraum führen.«

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