Gute Freunde zu finden, ist schwierig. Besonders als Schülerin an einer neuen Schule. Zwar lebt der zwei Jahre ältere Funkie mit Jenna im Haibacher Forsthaus, doch er entpuppt sich als Langweiler und Stubenhocker. Auch die Verbindung zwischen Jenna und der gleichaltrigen Russin Paula ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Sie sind oft wie Feuer und Eis. Da tritt der sechzehnjährige Timo in Jennas Leben. Sie mag die Art, wie er mit Menschen umgeht, wird sein Mädchen und damit Führerin einer Neonazi-Jugendgruppe. Bald übernimmt Jenna die menschenverachtende Haltung Timos und der Kameraden: Ausländer raus, kein Raum für Krüppel, Querdenker, Einzelgänger. Als aber Paula spurlos verschwindet, überwindet Jenna den Fremdenhass, weil sie die Bande der Freundschaft noch spürt. Heimlich begibt sie sich auf die Suche. Was ist mit Paula geschehen? Hat etwa Funkie die Hände im Spiel, der Paula so gar nicht leiden mag? Oder vielleicht sogar Timo?

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Printausgabe: 11,99 €

ISBN: 978-9963-52-253-8

Seiten: 168

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Christine Bendik

Christine Bendik
Mit dem Schreib-Virus ist Christine Bendik seit Kindesbeinen infiziert. Zuerst hat sie Kurzgeschichten, später Heftromane veröffentlicht. Auch beruflich hatte sie viel mit dem geschriebenen Wort zu tun, z. B. als Redakteurin einer Zeitung. Daneben durfte sie bei Romansuche.de in die Lektoratsseite hineinschnuppern. Vor einigen Jahren hat die Autorin schließlich zugunsten ihrer Romane den „Brotberuf“ aufgegeben. Ihre Leidenschaft gilt vor allem Thrillern und Krimis. Ihr Jugendthrillerdebüt ist im Frühjahr 2014 bei bookshouse erschienen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Paula

Ein Buntspecht ließ ganz in der Nähe seinen Schnabel tanzen. Paula hatte den kleinen Vogel in der schwindelnden Höhe einer dürren, alten Tanne gesichtet. Ihre Zähne klapperten mit diesem Schnabel um die Wette, nicht ganz so rhythmisch, weniger melodisch. Es war frisch geworden, und langsam aber sicher wandelte sich die Vorfreude auf ihren Freund Jake in Ärger.
   Spielte er mit ihr? Ein kleiner Joke? Ihr Humor hielt sich in Grenzen, verringerte sich, je mehr die Zeit voranschritt. »Jake«, rief sie, »Tschä-häik.« Ihre Stimme zitterte genau wie ihre Hände. Das Echo ihres Rufes verhallte im Labyrinth der Nadelhölzer und Laubbäume.
   Bin in zehn Minuten bei dir, so versprach es seine letzte SMS. Die SMS direkt nach Jennas Nachhilfestunde. Über eine Stunde war das her, und die Handynummer kannte Paula nicht. Ob Jake das Telefon eines Freundes benutzt und sich dann bei ihm festgequatscht hatte?
   Auch sie hatte viel zu erzählen. Schließlich kam sie gerade von Silke Rieber, der Deutschlehrerin, und was sie dort erfahren hatte …
   Allmählich wurde es dunkel. Jake ließ Paula doch nicht allein im Wald zurück? Nicht in der Nacht, nicht auf diesem grässlichen Hochsitz, auf den sie sich nur ihm zuliebe gewagt hatte.
   Sie hatte ihm von ihrer Höhenangst erzählt. Die paar Stufen hinauf hatten sie Schweißperlen gekostet. Hier oben zu sitzen, sich immer auf einen Punkt am Horizont zu konzentrieren, um beim Hinabsehen nicht zu stürzen wie von einem schwankenden Kutter … das spielte noch einmal in einer ganz anderen Liga. Ohne Jake würde sie eingeh… Nein. Sie wollte nicht darüber nachdenken, wann ihre Füße wohl wieder festen Boden spürten.
   Jake. Jake. Jake! Paula bemerkte, wie ihr Ärger verflog und das Herz einen Hüpfer machte, wenn sie auf diese warme und intensive Art an ihn dachte. An die wachen grünen Augen und an sein Lachen. So verknallt war sie noch nie gewesen, nicht mal in Dimitri, der ihr gezeigt hatte, wie ein Zungenkuss ging.
   Sie ließ die Bilder der vergangenen Tage vorüberziehen, spürte ein Kribbeln, das Verrücktes, Verbotenes so mit sich brachte. Das Aschaffenburger Volksfest, der Stadtbummel in der Herstallstraße anstelle der letzten zwei Schulstunden. Im Vorübergehen, von Jake unbemerkt, ein hübsches Silberfußkettchen vom Verkaufstresen angeln und in den Blusenärmel gleiten lassen. Tretbootfahren im Park Schönbusch. Mit ein paar Flaschen Bier intus, kichernd durch Schönbuschs nächtlichen Irrgarten geistern. Sich unterm Sternenzelt in die weichen Gräser des Roggenfeldes an der Darmstädter Straße kuscheln, durch das der kühle Nachtwind streicht, Wange an Wange mit Jake einschlafen und sich spät in der Nacht wie ein Einbrecher nach Hause schleichen.
   Wer dachte denn, dass Jake Paula mochte? Wer hatte sich schon das vergangene Jahr mit ihr abgeben wollen? Vor ihrem inneren Auge ging sie durch die Bänke der Klassenkameraden mit den leeren Gesichtern. Links und mittig saßen die Memmen und Duckmäuser, die es mit der Fensterseite ungern aufnahmen: mit Timo und seinen Stiefelhelden, die Paula schon mal als Russensau betitelten. Schade, dass auch noch Jenna … Jenna, Timos Mädchen. Sie war so … anders. Die Einzige, die sich Paula als Freundin vorstellen konnte. Früher.
   Der Gedanke, dass Jake zu ihr stand, erfüllte Paula mit umso größerer Dankbarkeit. Jake, dem sie ein, zwei ihrer am tiefsten verborgenen Geheimnisse anvertraut, Jake, der sie sogar schon ohne Schminke erlebt hatte. Das war sonst Mamusch vorbehalten.
   Was er aber jetzt tat … Nur eine Sekunde lang durchzuckte sie die Idee, er könnte mit den Neonazis unter einer Decke stecken, denen jedes Mittel recht war, Paula und ihre Mutter zu verschrecken.
   Sie zog fröstelnd den leichten Jeansrock über die nackten Knie, blickte mit brennenden Augen zum Horizont. Mamusch kam sicher um vor Sorge. Seit sie von Papa geschieden wurde und sie beide aus Russland weggezogen waren, glaubte Mama, die Strenge des Vaters ersetzen zu müssen. Umso mehr seit der schlimmen Sache mit den Vermummten, die Mama des Nachts vor der Haustür aufgelauert und sie blöd angemacht hatten. Keine Sekunde hatte Paula daran gezweifelt, dass es die juDe gewesen waren, die jungen Deutschen.
   Sieh zu, dass du die Fliege machst, Russki. Nix Deutschland. Geh nach Hause. Ist besser, denk an dein Töchterlein.
   Seitdem würde Mama Paula am liebsten in ihrem Zimmer anketten, sobald der Abend nahte. Nun aber gab es Jake, und Paula war immer häufiger unterwegs.
   Der Specht schwieg still. Paula überlegte, Mamusch anzurufen. Was sollte sie sagen? Mamusch. Sitze ich im Wald und sicher kommt gleich Jake. Mach dir keine Gedanken? Mamusch sah Paula immer noch als das kleine Mädchen mit den dicken rotbraunen Zöpfen. Ihr von Jake zu berichten, dafür brauchte es erst einen Moment der Ruhe. Vielleicht war es am Sonntag günstig, aneinandergekuschelt auf dem Sofa, nach der Sendung mit der Maus, die Mamusch so gern sah.
   Das Freizeichen ertönte in Paulas Ohr. Mit zusammengekniffenen Augen ließ sie den Blick durch die Umgebung schweifen, immer in Höhe des Blätterdaches. Das Raunen des Windes in den Ästen vermittelte Ruhe und Frieden, ein sanftes Hinübergleiten vom Tag in den Abend und bald in die Nacht.
   Aber Furcht erfasste Paula. Sie wollte lieber zu Hause sein, wenn sich das tiefe Blau über den Hochsitz legte.
   Das Display des Smartphones verdunkelte sich. Typisch. Wenn man das Ding wirklich dringend brauchte, kackte bestimmt der Akku ab.
   Sie blickte vorsichtig nach unten, spürte sofort den schnelleren Herzschlag, ein heftiges Pochen im Hals. Sie atmete tief ein. Im Grunde war es lächerlich. Was bedeuteten schon zwei, drei Meter? Trotzdem saß sie hier, die Hände wie Schraubstöcke um die Armlehnen des Sitzes gepresst, und blickte in diese Kluft nahe der dorfabseitigen Lichtung. Es kam auf ihre Verfassung an, an manchen Tagen gelang es ihr mühelos, bergzusteigen. Einmal hatte sie es fast angstfrei für einen kleinen Rundflug, den Mama bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte, in einen Hubschrauber geschafft. Jetzt gerade, wo der groß gewachsene Jake ihr seinen Schutz verweigerte, ging es ihr selbst bei dieser kleinen Höhe richtig mies.
   Ein Schuss zerriss die Stille. Ein Schrei, verhalten, fast ein Jaulen wie das eines Tieres im Todeskampf. Etwas fiel zu Boden, plump und schwer, nur einen Steinwurf entfernt. Paulas Herzschlag setzte aus.
   Sie lauschte, spähte in die Dämmerung. Eine Stimme. Ein Jäger?
   Hinter dem Stamm einer Eiche glaubte sie, eine Bewegung zu sehen, das flatternde Hosenbein einer Jeans mit leichtem Schlag, wie Jake sie trug.
   »Los, raus mit dir«, rief sie erleichtert. »Jake? Idiot. Bist du das, ich weiß es.«
   Gleich würde Jake die Leiter heraufsteigen und Paula aus ihrem Gefängnis befreien. Jake und sein links abstehendes Ohrläppchen.
   Gleichzeitig roch sie etwas, harzig, stickig, gefährlich. Entfernt erkannte sie aufsteigenden Rauch. Es war Hochsommer und hatte seit Wochen nicht geregnet. Jedes Blatt am Baum, jede Fichtennadel lechzte nach Wasser, da kam es schnell zu einem Waldbrand.
   In einiger Entfernung konnte sie eine Feuerstelle zwischen den dunklen Bäumen ausmachen. Daher also kam der Geruch, und sie stellte sich vor, dass auch Jake das Lagerfeuer entdeckt und zu der Stelle gelaufen war, um nach dem Rechten zu sehen.
   Im Schein des Mondes huschte eine kräftige Gestalt in gebückter Haltung auf Paula zu, wie ein Dieb, der sich an eine Vitrine voller Edelsteine heranschlich. War es die gleiche Gestalt wie die dort hinter der Eiche? Die gleiche Jeans …
   Ihr wurde schwindlig, nicht nur wegen der Höhe. Njet. Der dort in der Gestalt eines Preisboxers, das war nicht Jake. Jake würde Paula nicht so erschrecken, so gut glaubte sie, ihn zu kennen. Sie waren ein prima Team, passten zusammen wie Deckel auf Topf. Wer liebte schon die alten Götter, Wikinger und Ägypter? Es hatte im Internet mit ihnen beiden angefangen. Nachts, wenn die Alten längst schliefen und man bis zum Morgengrauen Age of Mythology spielte und eben diesen Göttern und Ahnen zu neuer Geltung verhalf.
   Die Gestalt war noch da, Paula konnte ihre Nähe spüren, riechen. Ihre Hände wurden ganz feucht, und die Kehle trocken.
   »Jake?« Ihre Stimme klang flehend in ihren Ohren, so leise, dass sie selbst sie kaum hörte und sie ihr doch im Kopf hallte. Sie vernahm ein Rascheln, Füße, die durch Laub wateten.
   Rühr dich nicht. Zeig dich nicht. Vielleicht übersieht er dich.
   Sie musste die Angst vor der Höhe überwinden.
   Weg hier Paula, auf der Stelle.
   Der Specht klopfte wieder, und es klang wie eine Warnung.

2
Jenna

Sie kroch aus dem Bett, in der Hand noch den Zauberwürfel. Er war ein Geschenk von Pa und schien ihr das Band zu sein. Das Band, das sich über Hunderte von Flugmeilen unsichtbar zwischen ihnen erstreckte. Es war ein guter, hoffnungsvoller Start in den Tag, sich ein wenig mit dem Würfel zu beschäftigen. So blieb Pa ihr nahe. Pa, der Jenna in die Fremde geschickt hatte, damit sie sich nicht so einsam fühlte, während der langen Außendienstwochen, und damit sie etwas Vernünftiges lernte. Pa, der seine kleine Jenna nicht wiedererkennen würde. Wenn er nur wüsste …
   Sie zog die langen Ärmel über die narbigen Stellen, bis leicht über die Handrücken und hielt den Stoff mit dem Daumen fest, als könnte sie es vor Pas Blicken verstecken, so, wie sie es vor anderen versteckte. Dann reckte sie die Glieder, verstaute den Würfel an seinem Platz auf ihrem Schreibtisch unter dem Memoboard. Gähnend las sie ihr Gekrakel von gestern.

Optiker – neue Lesebrille
Dienstag 18.00 Uhr, Gruppenabend

Heute war Dienstag. Ein warmer Schauder durchfuhr sie, wenn sie an Timo dachte, an den Glanz seiner Augen und an seine weichen Lippen mit dem leichten Salzgeschmack, die sie heute Abend wieder auf ihren spüren würde. Es erfüllte sie mit Stolz, dass sie sein Mädchen war, das Girl des Gruppenführers, den alle Kameraden bewunderten.
   Aus dem Obstkorb auf dem Beistelltisch fischte sie eine Handvoll Walnüsse und öffnete die Fensterflügel weit. Die Nase reckte sie in Richtung der frischen Waldluft und pfiff schrill durch zwei Finger.
   Kaum eine Minute verstrich, schon kauerte ein Eichhörnchen mit erwartungsvollen Knopfaugen auf dem Fenstersims.
   »Na, du kleiner Nimmersatt.« Jenna lachte und versuchte, Nuts’ Köpfchen zu streicheln. Wie stets misslang das Experiment. Im Zeitraum eines Wimpernschlags entwischte die pelzige Rothaut auf den Ast des Kirschbaumes direkt vor dem Fenster. Das Tier wippte mit dem Schwanz, peilte die Lage und schien zu überlegen, ob die Hand der Futterspenderin wohl wieder zupacken würde oder ob es getrost …
   Neugier und Appetit siegten prompt. Jenna durchströmte ein Glücksgefühl in dieser zauberhaften Einheit mit dem schönen Tier auf der Hand.
   Ganz ruhig hielt sie die Hand, während Nussschalen splitterten. Als sie einen Blick auf die Zufahrt zum Haus warf, erkannte sie Freds dunkelblonden Lockenschopf. Alle nannten ihn Funkie, weil er wegen der Liebe zu Funken und Feuer als Kind beim Zündeln beinahe das Forsthaus abgefackelt hätte. Was machte er wohl um diese frühe Stunde da draußen?
   Mit der freien Hand winkte sie, doch stockte dann in der Bewegung. Was war das für ein roter Fleck auf Funkies Hose? Es sah aus wie frisches Blut.
   Schalenstücke fielen zu Boden. Nuts’ blanke Augen beobachteten Jennas Hände aufmerksam. Seine Barthaare wippten beim Beschnuppern des Handtellers, der Finger bis zu den Handgelenken mit den dunkelroten Narben - keine neue Nuss. Nuts entschwand über die Äste des Kirschbaums. Kurz darauf steckte Funkie den Kopf zur Tür herein.
   »Moin, Jenny.«
   Sie rollte mit den Augen. Irgendetwas war immer im Busch, wenn er in ihrem Zimmer auftauchte. »Was willst du?«
   »Haste mal ’nen Fünfer?« Chronisch blank, würde sie sagen, wenn sie den Kerl beschreiben sollte. Taschengeld gab es pünktlich zum Ersten und heute war gerade mal der Zehnte. Sie konnte sich die Spitze nicht verkneifen. Vermutlich wollte das Luxusweibchen wieder ins Kino und danach schön Pizza essen.
   »Alex, hm?«
   Er sagte nichts, trat ein, den weißen Schäferhund Arco im Gefolge, verlor Erdbrocken aus den Rillen seiner Gummisohlen, die zu Jennas Ärgernis im weißen Plüschteppich versanken. Gleichzeitig zeigte er seine leeren Handflächen.
   Jenna nickte ergeben. Mit dem Kopf wies sie in Richtung der Schreibtischschublade.
   »Nimm, was du brauchst. Ach, und Funk? Wiedersehen macht Freude.«
   »Hast die Kohle doch immer gekriegt.«
   Holy. Der war doch nicht sauer? Sie bemühte sich um ein spöttisches Grinsen. Na ja, so ganz entsprach das nicht der Wahrheit.
   »Sag mal, Funk.« Während er sich an ihrem Portemonnaie zu schaffen machte, knurrte Arco leise, weil er sich als Jennas Hütehund verstand. »Hab verdammt schlecht geträumt letzte Nacht. Du hast es doch auch gehört?«
   Funk steckte sich einen zerknüllten Schein in die Hosentasche. Dann suchte der Blick seiner treuherzigen braunen Augen Jennas. »Schlechtes Mädchen, schlechte Träume. Passt doch zu dir, ne?«
   »Vor allem, wenn du darin vorkommst.«
   Sein Grinsen war anzüglich. »Hach, endlich …«
   »Igitt, nein!« Sie warf den Kopf zurück. Die Träume, die er sich vorstellte, waren wohl anderer Natur. »Was ist das eigentlich für ein Fleck?«, fragte sie, auf sein Hosenbein deutend. »Ist das Blut? Mein Traum … Ich hab einen Schuss gehört.« Sie erinnerte sich schwach: erst dieses aufgeregte Klopfen des Spechtes, zeitnah der Schuss. Und dann noch einer.
   Funkie war schon zur Tür hinaus, bevor sie eine Antwort einfordern konnte. Auch das war so typisch. Immer kneifen, nie Farbe bekennen.

Jenna befreite sich von den Riemen des Schulrucksacks. Die Rieber, Deutsch und Mathe, kannte kaum noch ein anderes Thema als Normen, Moral und Werte. Und Speedys Unterricht war wieder geschenkt gewesen, Langeweile pur, da die Noten sowieso feststanden.
   In der letzten Schulwoche vor den Sommerferien eierten die Lehrkräfte grundsätzlich herum, mit den Gedanken schon an einem Hotelstrand der Dominikanischen Republik. Schnell noch eine neue Lektüre hier, ein kleiner Ausflug dort, Projekttage, nur, um die Zeit totzuschlagen. Jenna verstand bis heute nicht, wieso man die Ferien nicht einfach eine Woche vorverlegte.
   Obendrein war Speedy ein Arsch. Immer anti, immer dagegen. Vor allem gegen die Kameradschaft der juDe. Warum ließ er Leute wie Timo und Jenna nicht in Ruhe ihren Weg gehen? Es schien ihr ein guter, schnurgerader und ausgeklügelter Weg. Ein Weg, der Deutschland zum rechten Ziel führte, wenn es ihn nur wirklich wollte.
   Sie pfefferte den Rucksack in die Ecke und fuhr in die schwarzen Hausschuhe mit dem Paisleymuster. Der Spiegel neben der Tür, so fand sie, könnte auch mal wieder einen Wischlappen vertragen.
   Ihr Blick arbeitete sich durch Schlieren und Mückenschiss und fand ein nettes Gesicht mit blauen Augen, umrahmt von schulterlangem Blondhaar. Recht zufrieden mit sich, legte sie Lipgloss auf und folgte dem Essensgeruch durch das Treppenhaus mit den Hirschgeweihen an den Wänden, hinab in die Küche.
   Prompt knurrte ihr Magen. Es roch irgendwie … grün, nicht nach Fleisch. Es war kaum davon auszugehen, dass Sonja Ekliges auftischte wie Schweinshaxe, Leber oder etwas in der Größenordnung. Leckereien, mit denen die Haushälterin Max, und ausschließlich ihm, Gaumenfreuden bereitete. Jenna hegte den dringenden Verdacht, dass sie scharf auf den Onkel war.
   Früher mochte Jenna Sonja, schon allein wegen ihrer lockeren Art. Seit es die juDe in ihrem Leben gab, hatte sich ihr Weltbild gewandelt. Perfekte Menschen gab es nicht. Aber es gab welche, die, so, na ja wie Sonja …
   Sonjas Buckel, der sich unter der Bluse wölbte, war wirklich eklig, zeigte ihre schlechten Gene und ließ Vermutungen auf ungesunde Nachkommenschaft zu.
   Auf der Eckbank saß schon Jennas ‚Cousin‘. Bei ihrem Anblick verfiel er stets in dieses grenzdebile Lächeln. Sie suchte die Stelle an seinem Hosenbein, wo sich am Morgen der blutrote Fleck wie ein Klecksbild ausgedehnt hatte. Natürlich hatte Jenna nicht lockergelassen und war ihm in sein Zimmer gefolgt.
   »Ein Hase«, hatte Funkie geflüstert, »im Buch vergangene Nacht.« Das Buch nannte man einen Teil des nahen Waldes. »Ein lahmes Bein, ich musste ihn erschießen.«
   »Du hast schon wieder?« Jenna zischte und drohte mit dem Zeigefinger. »Ey, lass das. Du sollst doch nicht wildern. Weiß Max es?« Was bewog ihn nur neuerdings dazu, nachts still und einsam durch die Wälder zu streifen? Mitunter war er ihr unheimlich. Manchmal wies sein Gesichtsausdruck beim Verlassen des Hauses mehr Düsternis und Geheimnis auf als der nächtliche Wald.
   Er hatte sich umgezogen, trug Jeans und ein frisches weißes Shirt. Eine Locke seines Haares fiel ihm in die Stirn. Jenna hatte den Eindruck, dass er ihrem Blick auswich.
   »Ich hab das Teil gleich neben den Felsen am Wildpark beerdigt«, hatte er zu ihr gesagt. »Du hältst doch dicht? Ich schwör’s dir, Max bekommt einen Herzkasper.«
   Zu Recht, hatte sie für sich gedacht. Er wirkte ungewaschen, sein Blick fahrig, seine Ausdrucksweise respektlos. Das Teil! Sie hatte geseufzt und versprochen, die Klappe zu halten. Was tat man nicht alles für seine Familie.
   Jenna setzte sich neben Funkie und ließ sich von der rothaarigen Sonja Spinat, Kartoffeln und Spiegelei servieren.
   »Schon was von unserem Schneewittchen gehört?« Genüsslich zog Funkie das Messer über die Zunge, um den Spinat abzulecken. Er konnte nur Paula Petrowa meinen. Paula, die immer wieder versuchte, sich an Jenna heranzuschleimen, weil sie Freundschaft suchte. Sie fand es spannend, mit einer ihr Ebenbürtigen, einer Ausländerin zu verkehren. Jenna war aber in Deutschland geboren und nur vorübergehend nach Kanada gezogen.
   »Was ist denn mit Paula?«, fragte sie und musste die andere nun doch einmal in Schutz nehmen. »Sie hat den Unterricht geschwänzt, so what?«
   Kein Arsch, kein Tittchen, wie Schneewittchen. So ein Blödmann. Jenna fiel ein, dass Funkie Paula oft so betitelte, wegen der kleinen Brüste. Jenna fand das ungerecht, denn Paula konnte nichts dafür, und was nicht war, konnte noch werden. Schon ärgerte es sie, ihm Geld geliehen zu haben. Für einen Sekundenbruchteil kam es ihr in den Sinn, dass zwischen Funkie und ihr Parallelen herrschten. Paula mit dem kleinen Busen, Sonja mit dem Buckel. War Jenna nicht selbst eine Idiotin, die Menschen wegen Äußerlichkeiten als fehlerhaft abstempelte?
   Schnell wischte sie den Gedanken fort. Unsinn. Bei ihr war das etwas ganz anderes. Sie hatte triftige Gründe.
   Sie führte die Gabel zum Mund. Spinat tropfte auf den Boden, Arcos raue Zunge nahm sich der Kleckse an.
   »Das Beste kommt erst noch.« Aus dem Radio erklang Michael Jackson mit Thriller und erntete ein mitfühlendes Heulen des Hundes. Jenna blickte langsam und beherrscht auf, obwohl sie vor Neugier fast platzte.
   »Holy. Nun spuck’s schon aus, Funk.«
   Er lehnte sich genüsslich zurück. »Wie jetzt? Nichts mitbekommen? Unter Busenfreundinnen?« Den Scherz fand er saukomisch, was sein albernes Gackern verriet.
   Unter dem Tisch verhakten sich Jennas Finger ineinander wie die Zinken eines Kammes. Was Funkie da redete von wegen Paula und Jenna … Sie hatten nie eine Chance. Nicht mehr ab dem Augenblick, als Jenna sich zu Timo bekannte.
   »Wer ist denn diese Paula?«, fragte Max, der sich nun ebenfalls setzte, nicht, ohne vorher noch die Frage nach seinem neuen Nachtsichtgerät zu stellen, das offenbar der Erdboden verschluckt hatte. Seine Augen fixierten Funkie, unter den dichten dunklen Brauen, die wie winzige Nester aussahen. »Na, das Schneewittchen aus Jennas 9b«, sagte er schulterzuckend und pulte sich einen Rest Eiweiß mit dem Finger aus den Zähnen.
   Sonja senkte den Blick. Manchmal schien Funkie ihr einfach peinlich. Zu Recht.
   »Verdammt, Funk. Hör auf damit. Was hast du eigentlich gegen Paula?« Jenna knurrte fast so wie sonst Arco bei Gefahr. Ihr Blick floh zum Fenster, und sie schämte sich. Russensau war, wenn sie nachdachte, ein besonders verachtenswertes Wort. Und wenn sie weiterdachte, hatte sie das Wort hier und da selbst benutzt.
   Kurz hielt sie die Augen geschlossen, dann straffte sie sich. Es hatte schon seine Richtigkeit. Mit guten Worten bekam man die Ausländerplage wohl kaum in den Griff. Und wollte man etwas erreichen, egal was, dann nur mit Beharrlichkeit, Klarheit und Haltung: Silke Riebers Ansicht. Jenna musste ihr beipflichten.
   Funkie sank zurück. Mit der Gabel zerdrückte er dampfende Kartoffeln, bis seine Brille beschlug. Mit der Messerklinge rührte er Spinat in den Brei und pikte die Spitze in den Rest Spiegelei, den er am Stück verschlang. Ekelhaft.
   »Du hast echt keine Ahnung, ne?«, stellte er kauend fest. Endlich begann er zu reden.

3
Jenna

Jenna ließ die Gabel sinken. Was sie da hörte, war ja interessant. »Wie jetzt? Paula wird vermisst?«
   »Vermisst. Abgezischt. Die Biege gemacht.«
   Max hatte auf einen anderen Kanal umgeschaltet, ein bestimmt schon toter Interpret sang passend zu der Situation einen alten Schlager. Arco heulte noch kläglicher. So sehr sich Jenna dagegen wehrte, beschlich sie ein Gefühl der Trauer, wenn sie daran dachte, dass Paula vielleicht nie mehr in ihr Leben zurückkehrte. Sie waren keine Freundinnen geworden, aber sich ein wenig nähergekommen, und sei es nur für wenige Augenblicke.
   Musste man sich Sorgen machen, und konnte man nach knapp einem Tag wirklich von vermisst sprechen? Unter den Mitschülern galt Paula als pflichtbewusst und korrekt. Nachts nicht heimkehren, ein unentschuldigter Vormittag in der Schule – kein Ding für Paula.
   »Das war Peter Maffay mit Wo bist du«, erklärte eine Radiomoderatorin.
   Jenna schüttelte energisch den Kopf.
   Wahrscheinlich hatte Paula die vergangenen Stunden auf Jake Benders Schoß verbracht, irgendwo im Grünen. Sie war verliebt, kein Grund zur Panik.
   »Die Polente war wegen der alten Petrowa in der Schule. Soll nur noch ein Nervenbündel sein.« Sein Blick glitt über ihre Hände. »Scheiße, du zitterst ja, Jenny.«
   Eine der grau getigerten Wildkatzen, die Max regelmäßig im Garten mit Fressen versorgte, hatte sich eingefunden, strich um Jennas Beine. Die Berührung elektrisierte sie, bescherte ihr eine noch stärkere Gänsehaut.
   Während sie Funkies Arm abwimmelte, der sich sanft, doch mit leichtem Druck, um ihre Schultern schlang, musste sie an Timos Worte denken. Wenn die Sau – und damit meinte er Paula – nicht abhauen will, gibt’s eben härtere Geschütze. Er hatte doch nicht …
   »Lass mich, Funk.« Es war zum Kotzen. Konnte er sich das nicht endlich abgewöhnen? Jenny, immer Jenny. Sie fühlte sich wie ein hilfloses Kind, wenn er sie so nannte. Jenny klang puppig, goldig, niedlich. Jenna war Timo Bachs Braut. Die Braut des Führers der Neonazigruppe.
   Es war klar, dass Funkie noch eine Spitze im Ärmel hatte.
   »Mach dir keinen Kopf. Also die Paula, ne? Im Zweifel hat die gute Chancen. Vergewaltigung ausgeschlossen, wer will denn was von der Schnepfe?«
   Jenna ließ ihn keine Sekunde aus den Augen, legte das Besteck beiseite und wischte sich den Mund mit der Serviette ab. »Sehr witzig, Funk, nein echt. Weißt du was? Paula tut mir leid. Weißt du auch, wieso? Wegen solcher Vollpfosten, wie du einer bist.«
   War das ihre Stimme, die sie da hörte? Wieder verteidigte sie Paula. Das Gewissen quälte sie, weil sie ein paar kleine Geheimnisse Paulas an Timo und Funkie verraten hatte. Da waren die Geschichten über Paulas gewalttätigen Vater oder die haarsträubenden Erzählungen von ihrer Höhenangst. Funkie war ein Plaudertäschchen. Sie sah ihn vor sich, wie er Paula anmachte: Hey Schneewittchen, kleine Bergtour gefällig? Die Zwerge warten …
   Jenna stand auf. In diesem Punkt konnte sie Paula so gut verstehen. Es war die Hölle, wenn sie einen nicht wollten. Sie erinnerte sich an den ersten Schultag, an die Blicke der Gaffer, als Paula und sie das Klassenzimmer betraten. Die ersten Tage am Kronberg-Gymnasium waren kein Zuckerschlecken gewesen. Das verdankten sie Timo und seiner Gang, die schließlich herausfanden, dass Jenna deutscher Abstammung war und ihren Hass auf Paula konzentrierten.
   Sie dachte an Timos Granitsteinaugen, grau, tiefgründig wie die See und von gewisser Kälte. Verdient hatte der Stiefelgnom die Chance kaum. Doch der Blick dieser Augen hatte Jennas Interesse geweckt.
   War Timo verliebt? Jäh spürte sie den Impuls, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, um mit der Taschenmesserspitze das alte, eingeritzte Muster auf ihrem Arm zu erneuern.
   Sie atmete tief ein. Timo sagte, er liebe sie. Aber konnte man eine wie Jenna lieben? Eine, die sich oft ganz klein und mickrig und einsam fühlte, wie damals, als ihre Ma sie für immer verlassen hatte? Manchmal hatte sie Zweifel.
   »He Jenny, nun sei doch nicht eingeschnappt.«
   Sie fuhr zusammen, starrte Funkie an. Timos Bild in ihr stürzte wie ein Kartenhaus ein. »Paula ist kein Schneewittchen«, sagte sie bockig, mit einem Zittern in der Stimme. »Und auch nicht hässlich. Hey Funkie …« Sie holte noch einmal tief Luft, um seinem Schandmaul den Todesstoß zu versetzen. »Schon mal in den Spiegel geschaut?«
   Es klingelte, und Jenna eilte mit klopfendem Herzen zur Tür. Das Gewissen plagte sie. Das eben war nicht nett gewesen, dabei wollte sie Funkie nur eins auswischen, weil er sich wieder wie ein Trampeltier benahm. Im Grunde mochte sie den Cousin mit den lockigen Haaren und dem frechen Lächeln. Er kam in der Likeliste gleich nach Tom Brodey, aber der saß in einer kanadischen Klasse und dachte wohl kaum noch an sie.
   Sie öffnete die Tür. Vor ihr und dem schwanzwedelnden Arco standen zwei Polizisten.

Die Helligkeit des Displays ermüdete Jennas Augen. Sie schloss sie, drückte kurz die Hand darauf, rieb ein bisschen wie kurz nach dem Aufwachen, wenn der Schlaf einem noch die Lider verklebte.
   Schon ging es weiter mit der Community. Sandra sendet eine Freundschaftsanfrage. Freundin, pah. Jenna hatte eine wirklich gute Freundin, Trish. Eine, um eine verbotene Flasche Rotwein zu kippen oder schon mal einen Joint zu rauchen, um gemeinsam zu joggen, über Jungs und Zicken abzulästern. Eine für jede Gelegenheit. Sie hatte sie in Kanada zurücklassen müssen.
   Mit drei Schritten war sie am offenen Fenster. Das Haar fiel ihr ins Gesicht, als sie das Kerngehäuse des Apfels ins Tomatenbeet schleuderte. Sie strich es zurück, blickte über das Kronendach des Waldes hinauf zum Himmel mit den weißen Wolken. Als sie fünf Jahre alt war, war der Ur-Haibacher Pa mit ihr nach Kanada gezogen, seit drei Monaten lebte sie wieder in Deutschland, was sicher die beste Lösung für alle Beteiligten war. Gerade trieb sich Pa in Japan herum. Jenna stellte sich vor, wie er einem grinsenden Japaner in grauem Anzug das neue Modell der Pearl-Munddusche präsentierte.
   Täglich Pearl und dem Zahn geht es gut.
   Sie vermisste ihn. Gut, dass es Max gab, Pas besten Freund, der sich hervorragend als Vaterersatz eignete. Gut, dass es die neue Handycam für Skype gab, sodass Jenna nicht auf Pas tägliches Lächeln verzichten musste. Und gut, dass sie im Forsthaus im Spessart lebte, mit seinen malerischen Wäldern. Sie erzeugten ein Gefühl von Heimat, die Jenna gern in Arcos Begleitung durchstreifte. Wald bedeutete Weite, Freiheit, Atem schöpfen. Wald war ein wunderbarer Beichtvater, wenn Jenna Sorgen plagten oder gar Mordgedanken, vor allem beim Namen Katy.
   Jenna griff automatisch tiefer in Arcos Fell, sodass er empört aufjaulte.
   Katy tat sich wichtig im Haus am Atlantik. Sie könnte Pas Tochter sein. Wann begriff er endlich, was sie wirklich von ihm wollte? Die nahm ihn doch aus wie eine Weihnachtsgans.
   Bewusst sanfter fuhr sie mit dem Streicheln fort.
   Kein Lüftchen erfrischte die Schwüle, und Schweiß trat auf Jennas Stirn. Ihre Gedanken schweiften zu Paula. Dort unten vor dem Gartentürchen des Jägerzaunes hatte sie gestanden, in der dritten Schulwoche, und etwas zu ihr hinaufgerufen. Jenna hatte noch die kirschrot geschminkten Lippen vor ihren Augen.
   »Lust auf ein Eis?« Ein paar Tage war es immerhin gut gegangen mit ihnen beiden. Sie erinnerte sich an den gemeinsamen Nachmittag, den sie schließlich im Forstgarten verbracht hatten, durch Sonja mit Tee und Kuchen versorgt.
   »Ständig hängst du mit den Typen rum«, hatte Paula gemeckert, als sie ihr auf Sonjas blauem Knieschonerkissen gegenübersaß und Löwenzahnblüten köpfte.
   Jenna zuckte mit den Schultern. »Was dagegen?«
   »Seit wann kannst du den denn ab, Jen? Weißt du denn nicht mehr? Ich sag nur Stiefelgnom.«
   Gott, nein, schon wieder die Diskussion, hatte Jenna gedacht. Wer wollte sie denn noch alles über ihre Zweierkiste aushorchen? »Hab meine Meinung eben geändert. Timo ist …«
   »Passt der doch gar nicht zu dir«, sagte Paula energisch.
   Jenna zeigte ihr den Vogel. »Aber dein Jake, der Penner, der passt?« Paula, das stand fest, passte nicht zu Jenna, wenn sie schon beim Thema waren. Das wurde immer wieder deutlich.
   Paula ließ die Smokey Eyes tanzen. Mit dem grauen Lidschatten bis hoch zu den Brauen konnte sie einem echt Angst einjagen. »Kein Wort gegen Jake!«
   »Dann lass Timo in Ruhe. Er ist … okay.«
   »Okay?« Paula prustete. »Ist Intoleranz okay?«
   Natürlich hatte Jenna die passende Antwort parat. So etwas übten sie ständig bei juDe, um solchen Quälgeistern wie Paula zu trotzen. »Toleranz heißt nichts als Schwäche.«
   »Lehrt dich dein sauberer Freund ja feine Sachen.«
   Jenna seufzte. Auf Streit hatte sie echt keinen Bock. Ihre Finger fischten wie Angelhaken in dem Eimer mit der Kirschernte. Sie klaubten zwei an einem Stängel wachsende Kirschen auf und hängten sie an Paulas Ohr, während Jenna selbst genussvoll eine saftige Frucht zerbiss.
   »Zwillinge«, bemerkte sie leise. In ihrer Kindheit hatte Ma ihr mit Vergnügen solche Zwillinge ans Ohr gehängt, bis sie sich wie eine Prinzessin mit dem kostbarsten Ohrschmuck fühlte.
   Paula erhob sich, wischte die Hände an den Jeansbeinen sauber. Jenna hingegen trug seit Neuestem Stoffhosen oder geblümte Röcke. Die Röcke vor allem zu den völkisch geprägten Tanztreffen.
   »Du Jen«, sagte Paula nach einer schweigsamen Weile, »sag ich’s nur noch einmal und dann bin ich still. Timo und seine Freunde – sind das keine Guten, und eigentlich weißt du das, oder?«
   Manche gaben wohl nie auf. Energisch schüttelte Jenna Paulas Hand von der Schulter. »Lass mich.«
   »Wie war das noch gleich? Noch ein Wort über Maiki, und die lernen mich kennen«, zitierte sie Jenna.
   Stimmt. Das hatte sie vor einiger Zeit zu Paula gesagt, weil Timo Maikel schikanierte, und weil ihr der Krüppel schrecklich leidgetan hatte. Na ja, das Mitleid hatte nicht lange vorgehalten.
   »Maiki ist selbst schuld«, erwiderte sie bockig. »Hängt sich in alles rein.«
   »Er ist der Hammer, er traut sich was. Wie sagt man? Klein, aber oho.«
   Jenna musterte Paula giftig, der der milchige Saft des Löwenzahns über den Handrücken rann. Die hatte keine Ahnung von Menschenführung, Kameradschaft und Volksverbundenheit. Bei juDe kümmerte man sich umeinander, hörte zu, besprach Sorgen und Nöte und plötzlich war alles nur noch halb so schlimm. Nein, Paula hatte höchstens Ahnung von Nagellack und Lidschatten.
   »Ich muss jetzt«, behauptete Jenna.
   Paula mit ihrem rot geschminkten Mund stänkerte immer so weiter. »Ach nee. Und was ist mit Zumba-Training?« Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn dir das Schlagergehüpfe lieber ist …« Sie begann, das Lied Schwarzbraun ist die Haselnuss von Heino zu pfeifen.
   »Ach, hau doch ab.«
   Das hatte sich Paula nicht zweimal sagen lassen und seitdem waren sie einander in der Schule aus dem Weg gegangen. Und nun? Wo steckte sie nur? Hatte sie sich inzwischen zu Hause eingefunden oder war ihr etwas zugestoßen?
   Jenna nahm genervt die Finger aus Arcos Fell und loggte sich bei Facebook aus. Arco knurrte und bettete den zottligen Kopf beleidigt auf die Vorderläufe.
   Es nervte gewaltig, doch irgendwie sehnte sich Jenna nach Paula. Paula, die Korrekte, Bodenständige, die sich nach außen hin anders präsentierte, als es in ihr drinnen aussah. Die dicke Schminke mochte so etwas wie einen Schutz vor persönlichen Angriffen bedeuten. Während aber Jenna äußerlich viel natürlicher daherkam, herrschte in ihr oft das Chaos.
   Paula und Jenna, das waren einfach zwei verschiedene Welten. Mochte Paula es bunt und lebendig, sehnte sich Jenna nach Schwarz-Weiß. Hatte Paula Lust auf Abtanzen, träumte sie von einem Abend am Badesee mit Lagerfeuer. Egal. Was interessierte es Jenna noch?

4
Paula

Die Wölfe fürchten, heißt, nicht in den Wald zu gehen. Es war eines von Mamas liebsten Sprichwörtern. Wie recht sie hatte. Wieso war Paula mit ihrer Höhenangst auf diesen Scheißhochsitz geklettert?
   Jakes Bild stieg vor ihren Augen auf und Zorn erfasste sie. Klar wie Borschtschbrühe, er war schuld, ohne Jake säße sie nicht hier. Treffpunkt Hochsitz hatte er gesimst. Zwanzig Uhr. Das war rund vierundzwanzig Stunden her. Mit Schaudern dachte sie an den gestrigen Abend zurück.
   Ein Ast knackte. Hautnah. Egal. Zähne zusammenbeißen und hinuntersteigen. Ihr blieb die Möglichkeit zur Flucht, wenn sie erst Boden unter den Füßen spürte. Hier oben saß sie in der Falle.
   Vorsichtig setzte sie den ersten Fuß. Die Knie waren wie Pudding, in ihren Fingern pochte der Puls. Sie sollte besser nach oben sehen.
   Das Rascheln im Laub hatte aufgehört, der Kerl dort unten wartete nur auf sie und ihre Angst. Sie hoffte inständig, schnell genug zu sein, schneller als er im Irrgarten der Nacht, wenn sie durch Bäume und Unterholz hastete, bis sie auf einen Fußweg stieß.
   Noch einen Tritt, komm schon, du schaffst es. Nur nicht hinuntersehen. Sie erkannte den Erdboden ohnehin kaum, unter ihr klaffte ein schwarzes Loch.
   In der Ferne rief ein Käuzchen. Zikiihh … Flieh … Das Laub raschelte wieder, stärker. Schleifgeräusche, im Gebüsch. Jemand zog ächzend etwas hinter sich her. Einen Karren? Einen Sack Holz?
   Der silberne Mond schien nur die fernere Umgebung zu erhellen und in seinem Licht sah die Welt so unwirklich aus, fast wie gemalt. Auch die Szene mit dem zutraulichen Eichhörnchen, das mit flinken Sätzen ein paar Stufen der Leiter heraufsprang, Paula schnuppernd anblickte, vielleicht nach Futter suchte, nur, um gleich darauf wieder im Waldesdunkel zu verschwinden, kam Paula vor wie im Film.
   Sie spürte Tränen in den Augen brennen. Weiter. Hinab. Tritt Nummer drei. So hatte sie sich die Nacht mit ihrem Freund nicht vorgestellt. Noch nie im Leben musste Paula solche Ängste ausstehen, nicht einmal im vorigen Herbst, als der Warenhausdetektiv sie auf frischer Tat ertappt hatte. Den funkelnden Silberring mit dem blauen Stein hatte sie wieder hergeben müssen. Das Polizeiauto hatte sie heimgebracht, und ausgerechnet jenen frühen Nachmittag hatte Jochen frei. Zum ersten Mal hatte sie eine schallende Ohrfeige empfangen, der in den folgenden Wochen weitere folgten, immer wieder, bei jeder Kleinigkeit. Wie sie ihn dafür hasste, er war schließlich nicht ihr Vater.
   Paula hielt den Atem an. Klopfte ihr Herz eigentlich noch? Bosche moi. Mein Gott. Dort, wo eine Hand sie nun festhielt, spürte sie ein starkes Zucken wie einen Stromschlag, der durch ihre Eingeweide bis zum Kopf hinaufschoss. Sie hörte dumpf die eigenen Worte. »Nein. Nicht.« Sie registrierte, dass da keine Hand mehr war. Der Kerl schien von der Leitersprosse gerutscht zu sein, fluchte unter ihr am Boden. Der Stromschlag durchzuckte sie erneut.
   »Die Sau hat geschossen«, murmelte Paulas Verfolger, ehe er einen Moment abwartete, nach einem Dritten Ausschau hielt, keinen fand, sich wieder aufrichtete und die Leiter aufs Neue erklomm.
   Paula hatte der Schuss am linken Arm getroffen. Schmerzen überfluteten sie, raubten ihr für einen Moment den Atem. Ihre Hand berührte die Stelle in Ellbogengegend, von der diese Schmerzen ausgingen und sie spürte Nässe. Blut.
   Die Tränen saßen locker. Jemand trachtete ihr nach dem Leben. Da lief einer mit einer Waffe herum und schoss wild um sich.
   Sie hielt den Atem an. Etwas Furchterregendes geschah. Oder geschah es nicht? War es nur Fantasie, ganz gräulich und abartig? Paula glaubte, die Leiter bewege sich, obwohl sie selbst mucksmäuschenstill stand. Im selben Moment packte die Hand wieder zu.
   »Bitte«, flüsterte sie. »Ein Arzt …«
   »Stell dich nicht an! Los, hinauf mit dir.«
   Der Kerl kannte kein Mitleid. Kannte sie die Stimme? Es war besser, sie gehorchte, wenn sie auch nicht den Sinn der Aktion verstand. Wieso sollte sie zurück auf den Hochsitz? War es nicht bequemer für ihn, wenn er sie ins Laub unter den Bäumen zerrte, und dort mit ihr …? Bitte nicht. Nicht das, was Jochen mit Mama immer wieder gegen ihren Willen trieb.
   Der Typ schlug ihr kräftig auf die Schulterblätter. »Na, wird’s bald?«
   Sie sprang förmlich die restlichen Stufen hinauf, obwohl sie das Gefühl hatte, etwas zerrisse ihr den Arm.
   War es ein Streifschuss oder ging es tiefer?
   »Was Sie wollen?«, fragte sie.
   Eine Faust bohrte sich in ihren Rücken. »Was Sie wollen?«, äffte er sie nach. »Klappe, Schlampe. Lern erst mal Deutsch.«
   Sie fühlte sich grob auf den Sitz geschubst. Zu langsam, zu viel Zeit verloren auf der Flucht. Für sie war es zu spät. Sie hätte nicht auf Jakes Kommen warten dürfen.
   »Bitte …«, flehte sie noch einmal, als der Typ mit der über das Gesicht gezogenen Strickmütze an ihren Handgelenken zerrte. »Lassen Sie mich, keiner erfährt von mir das, ehrlich.« Sie roch seinen heißen Atem, der Geruch mischte sich mit dem seines Achselschweißes.
   Schallendes Gelächter folgte.
   »Das wird dir eine Lehre sein, Russki. Höhenangst, wie?« Er wusste davon. Geräuschvoll spuckte er neben ihr aus. »Geschieht dir recht. Ich sag’s immer, macht Deutschland sauber, Leute. Packt die Koffer und zischt ab.« Wieder rotzte er.
   Diese Stimme. Ihr Gehirn versuchte, zu sortieren. Russki. Den Ausdruck kannte sie von … Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass die juDe ihre Hände im Spiel hatten.
   Sie saß auf dem gleichen Fleck wie Minuten zuvor und starrte in die gleiche Schwärze der Nacht. Der Puls rauschte in ihren Ohren. Geh weg. Weg, weg, weg. Höhenangst, pah. Werde ich die Angst überleben, will ich hinabsteigen, wenn er weg ist. Will ich loslaufen in die Dunkelheit. Laufen. Bis ins Morgenlicht. Bitte. Geh weg.
   Sie überlegte fieberhaft, wem sie das mit ihren Ängsten erzählt hatte. Es blieb nur Jake. Der sanfte Jake? Hatte er sie verraten? Wozu sollte das gut sein?
   Ihre Augen brannten, die erste Träne rollte. Aber nein, Jake war es nicht allein, auch Jenna wusste von ihren Ängsten.
   Der Vermummte griff in die Jackentasche. Ein Stoffband kam zum Vorschein.
   Moment mal, hatte der doch nicht vor … Höhenangst, pah. Sie hatte Todesangst.
   Sie fühlte sich wie eine Gazelle, mit dem Genick im Maul des Löwen. Sie weinte und kreischte, schlug nach dem Feind und fuhr ihm mit dem Knie, so gut es ging, in den Schoß. Mit der Methode hatte sie schon den breitschultrigen Jochen erfolgreich abgewehrt. Immer fest in die Weichteile. Sie hatte Prügel deswegen bezogen, dafür hatte er in jener Nacht Mama in Ruhe gelassen.
   Der Typ jaulte auf wie ein Hund, dem einer unter dem Tisch auf die Pfoten trat. »Na warte, Schlampe. Warte. Wah, verdammt. Dir werd ich es zeigen.«

5
Jenna

Auf dem PC erschien das Gruppenbild der jungen Deutschen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Timo, Lucky und Jonathan, lächelten Jenna von der juDe-Homepage weitere bekannte Gesichter aus der Parallelklasse entgegen. Klaus Döring, Maike Dresdner, sogar die sonst so scheue Simone Lembke lächelte kess auf dem Foto. Timo hatte mit seinem unterschwelligen Charme ganze Arbeit geleistet und einige junge Leute zur Gruppe hinzugewonnen. Nun, Simone Lembke machte sich in der letzten Zeit rar und schwänzte häufig die Gruppenstunde. Timo meinte, man sollte ihr mal auf den Zahn fühlen. Sollte ihr Lucky vorbeischicken, um ein ernstes Wörtchen mit ihr zu reden. Sich klammheimlich aus der Affäre ziehen, ging gar nicht. Einmal juDe, immer juDe. Bei dem Gedanken bekam jedoch selbst Jenna als First Lady der Gruppe kalte Füße. Am liebsten entschied immer noch sie über ihr eigenes Leben.
   Kurz überflog sie den Planungsablauf für heute Abend: Survival-Training mit Spurenlesen, Teil 1. Darauf war sie besonders neugierig. Was Timo seinen Leuten bot, war Abwechslung pur, dagegen gestaltete sich das Leben im Forsthaus langweilig und öde. Max und der Cousin unternahmen nicht viel, bis auf Fernsehen und Computerspiele und vielleicht mal einen Nachmittag ins Schwimmbad.
   Arco hob den Kopf, gewahrte Jenna am Schreibtisch sitzend, grunzte genüsslich und schlief wieder ein. Ihr Blick glitt durch den Raum, sah die Wanduhr aus weißem Kunststoff, das leicht verstaubte Bücherregal, den Stapel Heftchen mit Gruselfaktor auf dem Nachttisch. Obenauf lag Schattentanz im Schloss Canterbury, worauf ihre hungrigen Schmökeraugen schon eine ganze Weile spekulierten, daneben der dicke Schinken von Terry Pratchetts Scheibenwelt. Irgendwie zerrann ihr die Zeit zwischen den Fingern, insbesondere Zeit für sich, für ihre Hobbys, und immer mehr, seit sie Timo kannte.
   Wir leben nicht für uns allein, sondern für die Gemeinschaft. Das war das Motto. Jenna konnte nur hoffen, dass sich ihre Lage, was die Freizeit betraf, mit Beginn der Sommerferien entspannte.
   Bis zum Treffen blieb eine halbe Stunde. Sie griff nach dem Schattentanz, während sie in einen Apfel biss. Saft spritzte auf ihre nackten Handgelenke. Manchmal, wenn sie sich allein im Haus und unbeobachtet wähnte, trug sie sogar ein kurzärmliges Shirt oder eine kurze Bluse.
   Sie blätterte die erste Seite auf, begann zu lesen, aber die Konzentration scheiterte an ihren schwermütigen Gedanken. Immerzu flogen sie zu Paula. Je mehr Zeit verging, desto weniger glaubte sie an einen glücklichen Ausgang der Dinge. Wie man hörte, kamen in den ersten vierundzwanzig Stunden Jugendliche oft von selbst wieder nach Hause. Diese Zeit war um. Deshalb sollte schon morgen eine polizeiliche Fahndung in Feld und Flur erfolgen.
   But, what the hell, wieso machte sie sich so viele Gedanken um die Russenschlampe? Wer immer sie entführt hatte, der hatte Deutschland einen Riesendienst erwiesen.

Im Hintergrund lief Unheilig. Gedankenverloren summte Jenna mit, blickte auf den Desktop, sah Icons wie Brandheiß, Nervig, Papierkorb, Paint Shop, Literaturfreunde Gruselkrimi, Youtube, Facebook. Mit der Maus fuhr sie darüber. Die Lust, sich in einem Forum einzuloggen, hielt sich in Grenzen. Sie ging hinüber zur Birkenholzkommode, über der ein mit gleichem Holz eingefasster Spiegel in Ovalform hing. Pa sagte immer: Du hast ihre Augen. Darauf war Jenna stolz. Und es gab noch ein wunderschönes Andenken an Ma.
   Sie drückte dem Strickpüppchen mit dem Stammplatz auf der Kommode einen Kuss auf das wollene Haar. »Servus, Siria. Auch so sauschlecht geschlafen?« Sanft ließ sie Siria durch die Finger gleiten. Ma hatte sie noch mit der Strickliesel gefertigt, aus mehreren bunten Strickwürstchen. Auf ihren Rücken gestickt konnte man Jennas Namen erkennen. Doch die Jahre waren an ihr nicht spurlos vorübergegangen, ihre Farben wirkten blasser und seit Tagen schon schlenkerte ein Beinchen an einem dünnen Faden. Jetzt kam die Nähnadel zu spät, das Bein war ab und unauffindbar.
   Jenna erinnerte sich an Mas Worte. Wenn du keinem mehr traust, denk an die Kummerfee. Du kannst ihr alles sagen. Und es stimmte. Keine kannte Jenna so gut und keine hatte so viel Leid geteilt, als Jennas Kater Garfield starb, beim ersten Liebeskummer und nach Mamas Tod. Sie entsann sich, wie irre sie die vergangenen Tage nach Siria gesucht hatte. Dieser Polizist hatte ihr das Püppchen beinlos und mit einer Laufmasche in Hüftnähe zurückgebracht.
   »Es ist doch deine?« Sein mildes Lächeln verriet seine Gedanken. So ein großes Mädchen spielt noch mit einer Puppe.
   »Ja, ähm, ist meine. Vielen Dank. Wollen Sie nicht hereinkommen?«
   »Wer ist es denn?«, erkundigte sich Max, aber da stand die Polizei schon im Esszimmer. Mit großen Augen erhob sich der Onkel und reichte den beiden die Hand.
   »Es geht um Paula Petrowa«, sagte der Kerl mit den Storchenbeinen und der Bügelfalte im Hosenstoff. Um seine Hüften entdeckte Jenna in einem Holster das schwarz glänzende Gehäuse einer Pistole.
   Es ging um Paula.
   »Hab davon gehört«, hatte Max gemurmelt. Er bot den Männern höflich einen Sitzplatz an.
   »Alder, gibt’s eine heiße Spur?«
   Es war doch klar, dass sich Funkie einmischen musste.
   Der kleinere, stämmige Beamte ließ seinen Blick über Funkie schweifen, als wollte er Maß nehmen für ein Kleidungsstück. Seine Prüfung schien einigermaßen zufriedenstellend ausgefallen zu sein. Er wandte sich wieder an Max. »Wir haben uns Paulas Zimmer angesehen. Die Puppe fiel uns sofort auf.« Er sah Jenna forschend an. »Ihr beiden seid Freundinnen, nicht wahr? Frau Petrowa meinte, das Püppchen …«
   »Hört man was von Paulas Freund?«, fragte Max dazwischen.
   »Jake Bender hat Paula zuletzt vor ihrer Nachhilfestunde gesehen. Er konnte uns leider keine weiteren Hinweise geben.«
   »Wegen dem Püppchen«, meinte Funkie. »Die Paula liebt ja hübsche Sachen.«
   Jenna warf Funkie einen säuerlichen Blick zu. Halt besser den Mund, sagte der Blick.
   »Und weil die Paula«, fuhr er fort, »sich so hübsche Sachen nicht leisten kann …«
   Der große Beamte wandte sich Funkie zu. »Was bedeutet das?«
   »Zapp zarapp«, meinte Funkie und machte dabei eine Bewegung, als klaue er einen Gegenstand vom Tisch und ließe ihn in seiner Hand verschwinden.
   Der Beamte räusperte sich und sah Max an. »Stört es, wenn ich rauche?«
   »Ich mache eine Ausnahme«, erklärte der Onkel. Die Qualmwolke des Langen stieg bis zur Decke, während Funkie Zöpfe aus den Fransen der Tischwäsche flocht.
   »Freundinnen«, murmelte Max. »Davon hast du gar nichts erzählt, Jenna.«
   »Nicht mein Fall, die Tusse«, erklärte sie und vermied es, Max anzuschauen. Sie bemerkte selbst, wie dämlich sich ihre Antwort anhörte, wenn schon ihre Sachen im Zimmer der Russin herumlagen.
   »Aber die Puppe …«, wandte Max ein.
   Der kleine Großmann schnaufte.
   »Na schön. Keine Freundinnen«, sagte er. »Wie würdest du eure Verbindung bezeichnen?«
   »Paula ist in meiner Klasse.«
   »Aha.« Die Polizistenaugen fixierten sie. »Und?«
   »Und was?« Holy. Das Spiel wurde ihr zu doof. Ein Knistern lag in der Luft. Jenna wusste, dass Max sie anstarrte. Die glaubten doch nicht, Jenna hätte was mit Paulas Verschwinden zu tun?
   Sie schwieg eisern. Arco jaulte vor der Tür. Der Hundekopf mit den weißen Fellfransen schimmerte verzerrt durch die mittige Glasscheibe. Jenna wartete darauf, dass seine Pranke jeden Moment den Türgriff hinunterdrückte, und sich Arco schützend zwischen den Bullen und sie stellte.
   »Und du? Hast du uns vielleicht was zu sagen?« Jetzt hatte der Bulle Funkie im Visier. »Wie gut kennst du das Mädchen, wie ist euer Verhältnis? Ich darf doch Du sagen?«
   »Verhältnis?« Funkie prustete. »Voll der Joke.« Er klopfte sich mit der flachen Hand gegen die Brust und kam Jenna vor wie einer der Gorillas hinter den dicken Glasscheiben im Frankfurter Zoo. »Und hey, für Sie immer noch Herr Wagner, so viel Zeit muss sein.« Zum Glück konnten Blicke wie die von Max nicht töten.
   »Verstehe. Sie mögen Paula nicht?«
   Max sandte Funkie noch einen warnenden Blick. »Kaffee?«, fragte er die Beamten freundlich und erntete ein zweifaches Kopfschütteln.
   »Jake. Jake Bender. Sein richtiger Name ist Johannes. Also Jake mag Paula umso lieber … seit ein paar Wochen … also Paula und er …«, sagte Funkie.
   Jenna fragte sich, was das sollte. Hielt er Jake für einen Entführer?
   Alle blickten in seine Richtung.
   »Ja?«, fragte lauernd der Große, Dünne, der sich nicht namentlich vorgestellt hatte. »Wir kennen Herrn Bender. Ist ziemlich verzweifelt über Paulas Verschwinden. Was ist mit ihm?«
   Eingehend inspizierte Funkie seine Fingernägel. »Ach, nichts«, sagte er nur.
   »Und Sie sind der Meinung, Paula sei eine …«
   »Eine Diebin. Kleptomanin.«
   Na super. Woher wusste er das nun wieder? Wenn das nicht Zunder gab für einen stänkernden Sprengsatz wie Funkie.
   In dem Moment tappte Arco zur Tür herein. Er trug Funkies Hose im Maul. Die mit dem Blutfleck.

»Eine Mörderhitze ist das.« Mit der Linken hielt Timo Jennas Kinn, die Rechte fuhr mit einem Papiertaschentuch über ihre Stirn und trocknete den Schweiß.
   Jenna überragte Timo um einen halben Kopf und spürte seinen Atem in ihrer Halskuhle. Cool sah er aus, in seinem kurzen Kapuzenshirt und den braunen Springerstiefeln. Ob sie sich selbst welche kaufen sollte?
   Zwei Wochen waren Timo und sie zusammen. Ein wenig fremdelte sie immer noch mit dem Duft, der von seinem Körper ausging. Es war eine Mischung aus Schweiß und Deospray mit der Note von Zedernholz.
   Sie wand sich aus seiner Umarmung, ging zum Fenster, spürte seine Blicke in ihrem Rücken. Sie streckte den Kopf hinaus und blickte auf das rechts außen im Rahmen befestigte Thermometer.
   Vierunddreißig Grad im Schatten und das am Abend.
   Timo lehnte mit verschränkten Armen an der Wand, blickte Jenna an und lächelte sein Lausbubenlächeln mit der frechen Lücke zwischen den Schneidezähnen. »Ich sehe was, das ist noch viel heißer.«
   »Echt?« Sie grinste. »Verbrenn dich bloß nicht.«
   Er stieß sich von der Wand ab. »Sag mal, die Schnüffler …«
   »Du meinst die Bullen?«
   Sie wandte sich ab, sah hinaus ins Licht und atmete eine Brise Waldluft. Ob sie das Fenster schloss, um die Hitze auszusperren? Doch in der Vereinsheimküche mit dem laufenden Backofen war es noch heißer als draußen.
   Seit Stunden stand sich Jenna die Füße platt, knetete Teig, quälte Sparschäler und Mixer und räumte die Spülmaschine ein. Der regelmäßige Dienst im Kreis der juDe kostete Kraft und Nerven. Dienst bedeutete Bohneneintopf kochen, den Gemeinschaftsraum fegen oder die Toilettenanlagen säubern. Was Jenna daran ärgerte, war die Tatsache, dass all diese Dinge meist den Mädchen vorbehalten blieben. Es kam ihr vor, als wäre die Zeit in den Fünfzigern, Sechzigern stehen geblieben, als die Emanzipation der Frau noch nicht so weit fortgeschritten und, Zitat Timo, die Welt noch in Ordnung gewesen war.
   »Was hast du denen erzählt?«, erkundigte sich Timo. Er war näher getreten.
   Sie wandte sich zu ihm um. Stoff schwang um ihre Knie. Sie blickte irritiert an sich hinunter: züchtiger Rock, darüber Kittelschürze mit Blümchenmuster.
   »Du weißt schon, es ging um die Russenschlampe.«
   Wieso interessierte ihn das? Und wieso klang seine Stimme so rau?
   Wieder blickte sie an sich hinunter. Diese Frauenklamotten, das war doch nicht sie. Sie musste mal ein ernstes Wort mit Timo reden, heute Abend, wenn sie allein waren. Ab und an ließ sie es sich gefallen, aber garantiert spielte sie nicht auf Dauer das Heimchen am Herd, so wie ihre Ma, die früher dem Gatten für die Karriere den Rücken frei hielt. Jungs waren ebenso gut in der Lage abzuspülen wie Mädels, und Mädels konnten prima Holz hacken.
   Funkie fiel ihr ein. Auch ein Kandidat, der sich schwertat, den Macho einzupacken. So gesehen passte er gut zu Timo, dem es jedoch nie gelungen war, ihn für juDe zu begeistern.
   Jenna seufzte, als ihr Blick auf das bedruckte Transparent fiel, befestigt an einer Fahnenstange, die die Kameraden stets auf den Märschen begleitete.
   Deutsche Maiden, stark wie Eichen.
   »Weißt du Neues?«, bohrte Timo weiter. »Von Paula?« Er schnupperte in Richtung Backofen.
   Jenna wehrte ab. »Lass doch.« Jetzt war Timo ganz nah.
   »Riecht toll. Was wird das?«
   »Apfelkuchen mit Streuseln.«
   »Gibt’s Schlagsahne?«
   »Yep.«
   »Komm mal her.« Ganz fest drückte er sie an sich und pflanzte ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Sie waren jung, sie erst vierzehn, er fast siebzehn. Timo hatte ihr gestanden, er könnte sich vorstellen … Nun, seine Eltern hätten auch sehr früh geheiratet und sie liebten einander immer noch.
   Jenna ging das reichlich schnell. Heiraten. Nach der Schule war für sie ein Studium angesagt, Informatik oder Physik, vielleicht für ein Jahr ins Ausland gehen.
   Kurz schloss sie die brennenden Augen und schämte sich ihrer Ideen. Nein. Das Auslandsjahr musste sie streichen. Bei juDe herrschten andere Spielregeln. Ausland war tabu und die eigene Bildung nur etwas wert, wenn man sie in den Dienst der Gemeinschaft stellte.
   Sie erwiderte Timos Kuss, aber er schmeckte schal. Sie traten durch den verklinkerten Torbogen und sie blinzelte gegen das Sonnenlicht, während Timo bereits über die Wiese auf ein paar Kameraden zustrebte. Etwas Helles klebte an seiner Schuhsohle. Weiß mit schwarzen Punkten. Sah aus wie ein Stück Stoff, und mit jedem Schritt löste sich das Teil mehr vom Schuh, bis es als schmutziger Fetzen auf der Wiese liegen blieb.
   Jonathan, schwarzhaarig, groß und schlaksig, lehnte mit dem Gipsbein an der alten Birke hinter der Sitzbank, einige Kameraden um sich versammelt. Nie würde er schaffen, was er immer mal wieder großkotzig ankündigte: Mit den Fluppen aufzuhören. Mit Dampfwolken vor der eigenen Nase gab er Anekdoten aus seinem Leben zum Besten. »Gestern Abend, Stadtbus. Ich so: Hey, Kanake, mach Platz für den Chef. Er so: Fresse, Nazisau. Der Busfahrer so: Ruhe da hinten oder ich schmeiß euch raus.«
   Timo und Jenna traten näher. »Und weiter?«, fragte Timo.
   »Verpiss dich, meint der Kanake noch, oder ich darf mal an seiner Faust riechen.«
   »Und dann?«
   Na bitte, dachte Jenna. Das Riesenbaby konnte sogar ganze Sätze … Seinem Veilchen nach zu urteilen, war die Kanakenfaust zum Einsatz gekommen. Geschah Jonathan recht. Er legte sich mit jedem an, den er nicht mochte, und einmal fand man eben seinen Meister.
   Sie blickte über den Acker, hinter dem sich ein dichter Birkenhain erstreckte und wo man sich in gegenseitigem Vertrauen übte. Am Kopf der in zwei Reihen sich gegenüberstehenden Leute, es mochten vierzig sein, stand Sebastian mit der deutschen Fahne. Die vordere Reihe hatte die Augen verbunden und ließ sich immer wieder rücklings in die offenen Arme des direkten Gegenübers fallen. Vertrauen war das Wichtigste, der Grundstock in jedem gesunden System.
   »Sieg Heil«, rief Timo Sebastian zu, streckte den Arm aus und dann zur Stirn. Er erntete ein vierzigfaches Echo.
   »Heil«, murmelte auch Jenna. Sie erkannte den sanften Glanz in Timos Augen und war wieder gerührt vom Zusammenhalt dieser großen, fröhlichen Familie.
   Die zwei fetten Elstern im Geäst einer Birke ergriffen flatternd die Flucht.

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