Als der verkaterte Aleksander Holcman nach einer durchzechten Nacht in der Nähe seines Strandcafés an der kroatischen Adria einen Toten findet, ist es schnell vorbei mit der Ruhe. Schon bald findet sich der ehemalige Militärpolizist und Afghanistan-Veteran als Verdächtiger mitten in einem Mordfall wieder. Selbst der ermittelnde Kommissar, ein alter Freund von Aleks, kann ihm nicht helfen. Aleksander versucht alles, um den Verdacht von sich zu weisen und die Ermittlungen zu unterstützen, doch dadurch wird er in das Spinnennetz von international agierenden Menschen- und Internet-Pornografiehändlern gezogen. Jede Aktion, sich daraus zu befreien, bringt ihn in tödliche Gefahr.

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ISBN: 978-9963-52-265-1

Seiten: 302

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Hartmut W. H. Köhler

Hartmut W. H. Köhler
Hartmut W. H. Köhler wurde 1966 in Hildesheim geboren und ist in der niedersächsischen Kleinstadt Sarstedt aufgewachsen. Er lebt und arbeitet in Hamburg. Seit 2005 konnte er einige Kurzgeschichten veröffentlichen, und bei bookshouse erschienen sein Kroatien-Krimi „Die Antonia-Akte“ sowie die beiden Kriminalromane „Die Welt will betrogen sein“ und „Das Bankett der Witwenmacher“, in denen der Hamburger Privatdetektiv Sünder ermittelt. Ein dritter Sünder-Roman ist in Arbeit. 

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Der Junge stand vor mir.
   Mit der rechten Hand zeigte er auf mich. Zu meinen Beinen. In seinen Augen sammelten sich Tränen. Sie rannen über sein Gesicht, bahnten sich auf den Wangen einen Weg durch Blut und Ruß. Seine Lippen bewegten sich. Ich verstand die Worte nicht, doch sie klangen wie eine Entschuldigung.
   Als der Junge seine offene Hand ausstreckte, flammte ein Feuer zwischen ihm und mir auf. Erschrocken sah ich mich um und fand mich in einem Raum wieder.
   Trümmer fielen von der Decke, krachten in die Flammen und warfen Staub empor. Als der Staub sich legte, stand der Junge nicht mehr an seinem Platz. Seine offene Hand ragte aus den Trümmern. In ihr lagen zehn kleine silberne Münzen. Zwanzig weitere waren in den Staub gefallen.
   Hinter dem Wall aus Steinen, Putz und Dreck, hinter den Flammen, dort, wo vorher der Junge gestanden hatte, entdeckte ich nun einen Mann. Er hatte ein hageres Gesicht, trug einen weiten Anzug. Langsam ließ er einen Geldbeutel in seine Jackentasche gleiten. Er schnippte mit dem Daumennagel an den Filter seiner Zigarette. Asche rieselte zu Boden, und als mein Blick ihrem Flug folgte, verschwand der Boden unter mir.
   Ich fiel in ein pechschwarzes Nichts und ruderte wild mit den Armen.

1

Die Sonne schickte ihre Boten voraus, verjagte mit ihren ersten Strahlen die leichte Kühle der Nacht. Nur wenige Wolken bewegten sich, schneeweiß wie kleine Wattebäusche, vereinzelt am Himmel über der Adria. Es war ein normaler Sommermorgen an der Duga Uvala, der Regenbogenbucht.
   Mein alter Caravan stand am Rande einer kleinen Lichtung. Der betagte Wohnwagen war sehr von Wetter und Meer gezeichnet. Moos hatte sich auf Dach und Seiten gebildet und Blütenstaub überall einen klebrigen Belag hinterlassen. Das mobile Heim, das schon lange nicht mehr so mobil war, stand nur wenige Meter von der steinigen Küste der Adria entfernt und einige Hundert Meter von der Zufahrtsstraße zur Bucht.
   Von der Hauptstraße, an der links und rechts Feriensiedlungen und Hotels lagen, führte eine schmale, holprige Piste zu dem Platz herunter. Der Weg war gerade breit genug, um ein Auto passieren zu lassen, und die Lichtung an seinem Ende wurde nicht selten von ortskundigen Badegästen als Parkplatz genutzt. Angrenzend befand sich das Kafi Divan, ein kleines Strandcafé in einem geduckten Gebäude, dessen Besitzer ich seit nunmehr eineinhalb Jahren war.
   Café und die kleine Terrasse waren zu früher Stunde noch geschlossen. Die gelben Sonnenschirme standen, eingezogen und sorgsam gegen den nächtlichen Wind vertäut, wie gerade Kerzen zwischen den Tischen und Stühlen. Sie würden erst ab neun Uhr, dann wieder aufgespannt, Gäste zum Verweilen einladen.
   Auch an diesem Morgen, als die Sonne sich mit ihren ersten Strahlen durch das kleine Heckfenster meines Wohnwagens hereindrängte und mich weckte, regte sich noch kein Leben rund um das Lokal.
   Eigentlich hatte mich der Traum geweckt, weil ich als Reaktion auf den darin erlebten Sturz heftig mit den Beinen gezuckt hatte. Mit meinen ersten wachen Gedanken erwartete ich, aus erlittenen Erfahrungen heraus, einen Krampf, fürchtete quälende Muskelschmerzen. Doch sie blieben aus, also wagte ich es, mich aufzurichten. Ich stützte mich auf meinen Händen ab. Nicht nur die warme Nacht hatte Schweiß auf meiner Stirn hinterlassen.
   Auch der Traum.
   Es beunruhigte mich, dass er mich wieder einmal mehr aufwühlte, als ich zulassen wollte. Monatelang war ich ihm entkommen, aber nun hatte er mich wieder eingeholt. Es schien, als hätte er, einmal abgeschüttelt, sich beeilt, mich wieder überholt und mit anderen, neuen und schrecklicheren Bildern konfrontiert.
   In seiner Erscheinung war er immer kreativ, dieser Traum.
   Ich hatte mir oft vorgenommen, mir keine Gedanken mehr über ihn oder seine vielfältigen Varianten zu machen, doch ich wusste, dass dies nicht so einfach war. Die Tatsache, dass mich diese Bilder verfolgten und deren Ursache, der Verlust meines linken Unterschenkels, gehörten zu mir. Vergessen oder ablegen wie eine alte, zerschlissene Jacke konnte ich beides nicht, auch nicht verändern. Weder Auslöser noch Traum.
   Kurz, nachdem ich meine Augen blinzelnd geöffnet hatte, die Pupillen dem Licht preisgab, spürte ich sofort die Auswirkungen des vorherigen Abends. Die ausstrahlenden Kopfschmerzen eines Katers meldeten sich an. Es war, als hätten sie nur darauf gewartet, dass meine Lebensgeister endlich den Schlaf ablösen würden, denn schon begann es hinter meinen Schläfen zu pochen und zu hämmern, als hätte jemand eine Schlagbohrmaschine in Gang gebracht und direkt an die Innenseite meiner Stirn angesetzt.
   Ich blieb zunächst regungslos sitzen, weil es auch in meinem Magen rebellierte. Meine Zunge fühlte sich pelzig an, verbreitete einen unangenehmen und bitter-säuerlichen Geschmack.
   Mir war sprichwörtlich zum Kotzen zumute.
   Wein, Weib und Gesang.
   Diesen Sinnspruch kannte wohl jeder, doch hatte er am Vorabend in dieser Abfolge für mich nicht gegolten. Bier, Wein und Grappa waren genau in dieser Aneinanderreihung unter meinen Gästen geflossen und der schale Geschmack meines Gaumens zeugte davon, dass ich selbst einer meiner besten Gäste gewesen war. Gesungen, da konnte ich mir sicher sein, hatten aber nur die Gäste.
   Nach einigen Drinks erinnerte ich mich dunkel, war da auch eine unbekannte Frau gewesen. Das Weib aus dem Zitat. Sie war in der Gestalt einer attraktiven Mittdreißigerin mit langen brünetten Haaren, dunklen Augen und sinnlichen, vollen Lippen an die Bar getreten.
   Bier, Wein, Weib und Grappa.
   Mein Magen beruhigte sich ein wenig und das Grummeln darin setzte für einen Moment aus. Ich spürte das dringende Verlangen, den Kopf zu schütteln, um einen klaren Gedanken zu bekommen, doch die Aussicht auf noch stärkeren Katzenjammer hielt mich davon ab. Ich drehte stattdessen mit aller Vorsicht und Langsamkeit mein Gesicht zur anderen Seite des Bettes und erkannte einen Schopf Haare.
   Die unbekannte Schöne aus meiner Erinnerung lag neben mir.
   Sie zeigte, unbekleidet bis auf einen roten Seidenslip, ihren Rücken. Mit Armen und Beinen hielt sie eine dünne Decke fest umschlungen. Ihre gebräunte Haut schimmerte wie matte Bronze unter den einfallenden Strahlen der frühen Sonne, und einige Strähnen ihrer Haare hatten sich wie ein feines Netz über das Kopfkissen gelegt. Es sah aus, als habe ein leichter Adriawind sie in der Nacht dort verteilt.
   Ich unterdrückte das Bedürfnis, meine Hand nach der schlafenden Frau, deren Name mir nicht einfallen wollte, auszustrecken, vermied es, sie zu berühren und vielleicht dadurch zu wecken. Stattdessen löste ich meinen Blick von diesem attraktiven Bild und richtete mich weiter auf. Mit ungelenken und steifen Bewegungen. Ich schob mich vorwärts aus dem Bett, das den ganzen hinteren Raum des Caravans ausfüllte, suchte dann den Boden ab.
   Als Ersatz für die nicht mehr vorhandene Wade und den Fuß besaß ich zwei verschiedene Prothesen. Müde sah ich mich um und entdeckte die Strandprothese am Fußende liegend. Durch das herabhängende Laken war sie fast versteckt. Dieses Ersatzbein für Strand und Schwimmbad war kosmetisch gestaltet, unter Verwendung von Kunststoff und Silikon einem echten Bein nachgebildet. Es steckte noch in meinen Jeans. Die Hose war, wie ich nach einem kurzen Handgriff bemerkte, klitschnass. Auf dem Teppich hatte sich schon ein dunkler Fleck gebildet.
   Ich konnte mich nicht erinnern, am Abend noch im Meer gewesen zu sein, oder dass es gar geregnet hatte, und wunderte mich daher über die Feuchtigkeit. Darüber nachdenken wollte ich aber im Moment nicht und entschied mich für mein zweites Kunstbein, das für den normalen Alltagseinsatz vorgesehen war. Es stand neben dem Bett. Diese Prothese saß, bedingt durch das einfache Unterdrucksystem, immer bombenfest und bot mir an diesem Morgen und in der schlechten Verfassung, in der ich mich nach dieser Nacht befand, sicher den besseren Stand.
   Ich nahm die Prothese, schlüpfte in den Silikonliner und damit in einen exakt an meinen Stumpf angepassten Schaft. Dann rollte ich die Kniekappe, die den Bewegungsapparat abdichtete, über mein linkes Knie bis hoch zum Oberschenkel. Das Ganze dauerte nicht länger als einen Schuh anzuziehen, denn Übung machte den Meister. Und Übung hatte ich.
   Schließlich stand ich auf.
   Ich fühlte mich wacklig auf den Beinen, was aber nicht am Sitz der Prothese lag, sondern eher an den Exzessen der Feier und dem Unwohlsein, das einen Kater typischerweise begleitete. Mein Kreislauf sackte ab und bereitete mir weiche Knie. Ich war schon froh, dass ich mich nicht übergeben musste und mir wurde klar, dass der Abend wohl noch heftiger verlaufen war, als ich ihn in Erinnerung hatte. Für den Rest des Sommers nahm ich mir vor, kürzerzutreten.
   Kleidungsstücke lagen wild verstreut in dem engen Gang zwischen den alten Einbauschränken des Wohnwagens herum, und ich fand erst nach kurzer Suche vor der Tür zur Duschzelle meine alten blauen Leinenhosen. Sie waren weder modisch noch hübsch anzusehen, aber gemütlich. Ich hob sie auf, warf sie mir über die Schulter und spähte den Boden nach einem T-Shirt oder Hemd ab. Alkoholdunst durchzog den Caravan. Ich öffnete zwei seitliche Kippfenster.
   Das Geräusch aneinanderreibenden Stoffes ließ mich noch einmal zum Bett blicken. Die Unbekannte hatte sich umgedreht und lag nun auf dem Rücken. Ihre kleinen, festen Brüste hoben und senkten sich bei jedem Atemzug. Ihre Arme hatte sie jetzt über die gesamte Breite des Bettes ausgestreckt. Die Decke war nach unten verrutscht. Auf ihrem Bauch erkannte ich einige schmale Narben. Ihre Schenkel klammerte sie immer noch um die Decke, was lasziv wirkte, während ihre Haare wie ein Fächer oder Heiligenschein beidseitig des Kopfes auf dem Laken lagen. Zwei Strähnen hatten sich über Nasenwurzel und Augen verirrt.
   Ich musste mir eingestehen, dass der Anblick dieser fast nackten und attraktiven Frau extrem aufreizend auf mich wirkte, doch ehe mich meine Fantasie übermannte, riss ich mich zusammen, nahm den Schlüssel des Kafi Divan von der schmalen Arbeitsplatte der Küchenzeile und verließ, so leise wie möglich, den Wohnwagen. Dabei schnappte ich mir ein T-Shirt, das vor der Tür gelegen hatte. Nur mit der Unterhose bekleidet trat ich an die frische Luft.

2

Das Shirt roch etwas muffig und die Hose hatte Flecken, aber das störte mich nicht.
   Die Bucht begrüßte mich mit einer leichten Brise vom Land her. Ich versuchte, mich zu strecken, ohne die Bohrmaschine hinter meiner Schläfe, die wohl gerade im Leerlauf lief, zu einem neuen Arbeitsgang herauszufordern.
   Die Duga Uvala war nicht irgendeine Bucht. Sie war meine Bucht. Hier lebte und arbeitete ich seit Monaten.
   Die Zikaden sangen schon aus vollem Hals in und unter den Kronen der Pinien und tauchten das Ufer an der kroatischen Adria, vermischt mit dem Rauschen der leichten Brandung, in die mir bekannte und typische Geräuschkulisse der Bucht.
   Der würzig harzige Duft der Pinien drang mir in die Nase und ich genoss ihn. Er gehörte zu einer gewissen Exotik, die mir hier völlig umsonst zur Verfügung stand.
   Vor dem Wohnwagen, der von einem vorherigen Besitzer Ende der achtziger Jahre an Ort und Stelle aufgestellt worden war, erstreckte sich ein kleiner Platz von fast sechs Metern Durchmesser. Er lag parallel zur Lichtung, war mit einer Mischung aus roter istrischer Erde, festgetretenen Piniennadeln und Rindenstreifen bedeckt. Zum Meer hin reihten sich ein halbes Dutzend Bäume und Sträucher als natürliche Grenze zu den Uferfelsen aneinander und von der Lichtung und dem Weg aus wurde die Sicht auf Caravan und Vorplatz durch Büsche und niedrige Steineichen fast verdeckt. Manchmal wirkte dieses Plätzchen auf mich wie die typische Parzelle eines noch typischeren Campingplatzes, allerdings ungepflegter, wie ich mir eingestehen musste.
   Als ich die Betonplatten betrat, die ich vor einigen Monaten als Weg vom Wagen bis zum Café eher sparsam und teils nur unter Zuhilfenahme gebrochener Stücke ausgelegt hatte, sprang nacheinander ein Dutzend großer und kleiner Heuschrecken auseinander. Sie hüpften über die verstreuten Kalksteine und verschwanden in den nahen Büschen. Das Geräusch der im Buschwerk Schutz suchenden Hüpfer erinnerte fast an das Stakkato einer Maschinenpistole, hier aber leiser und von friedlicher Natur geprägt.
   Ich mochte diese Geräusche, die sich jeden Morgen wiederholten, zeigten sie mir doch, dass es noch mehr Einwohner auf meiner kleinen Parzelle am Meer gab, auch wenn diese kleinen Mitbewohner oft in den Wohnwagen eindrangen und dort störten.
   Einmal hatte sich eine Heuschrecke in meine Duschzelle verirrt. Die Tür war offen geblieben. Das Insekt saß wie ein König, der sein Land inspizierte, am äußersten Ende des Wasserhahns und zirpte laut. Ich hatte eine Viertelstunde gebraucht, um das flüchtende Tier aus dem Wohnwagen zu befördern. Vielmehr sprang es auf eigenen Wunsch in die Natur hinaus.
   Dieses Schauspiel der fortspringenden Insekten würde sich vielleicht den ganzen Tag über immer dann wiederholen, wenn jemand den Weg betrat oder in dessen Nähe kam. Es war wie ein Ritual zwischen Mensch und Natur.
   Nach wenigen Minuten hatte ich alle Fensterläden und Türen meines Cafés geöffnet, im Versorgungsschuppen die Strom- und Wasserleitung wieder in Betrieb gesetzt.
   Ich bereitete mir an der überdimensionalen Großkaffeemaschine einen Latte macchiato zu, bevor ich mich an einen der Tische auf die Terrasse setzte. In einer Schublade des Barschrankes war mir ein Aspirin in die Hände gefallen.
   Ich entschied kurzerhand, dass die Sonnenschirme Zeit hatten. Die hohen Pinien boten noch genug Schatten und meine persönliche Trägheit, inklusive des Kopfschmerzes, hielt mich zudem von eilfertigen Bewegungen ab.
   In der Nähe des Tisches stand der offene Grill. Der Geruch der erkalteten Kohle vom Abend, gemischt mit dem des auf dem Rost angebrannten Fettes, drang mir unangenehm in die Nase. Ich stand auf und suchte mir einen anderen Platz auf der gegenüberliegenden Seite der fünf Tischreihen.
   Am Horizont entdeckte ich zwei Fischerboote und dachte mir, dass sich beide um diese Zeit wohl schon wieder auf dem Heimweg befanden. Sie steuerten auf die Kvarner Bucht zu. Ich wünschte den Besatzungen, dass die Fahrt einen guten Fang gebracht hatte.
   Als mir vor Monaten dieses Café in den Schoß gefallen war, wusste ich nicht, ob es ein guter Fang war. Vielmehr wusste ich nicht, ob man ein Erbe als guten Fang bezeichnen konnte, wenn man die damit verbundenen traurigen Umstände besah.
   Milovan Juhani, mein Onkel, war damals verstorben und hatte mir sein ganzes Vermögen, inklusive des Kafi Divan, das zu der Zeit nicht viel mehr als ein etwas größerer Kiosk war, samt Grundstück vererbt.
   Milovan, ein eingefleischter Junggeselle und istrischer Landwirt, hatte nie eigene Kinder besessen und ich war, seitdem ich als Junge meine ersten Sommerferien bei ihm verbracht hatte, der Lieblingsneffe des alten Kroaten. Wohl auch, weil ich, dieser vorlaute und dunkelhaarige Junge mit dem slowenischen Vornamen Aleksandar, der Sohn seines einzigen Bruders war. Zwar konnte ich nur alle zwei Jahre Gast bei diesem seltsam kauzigen Mann sein, aber es waren immer schöne Ferien. Später, als ich älter war, versuchte ich, Milovan einmal im Jahr zu besuchen. Ich genoss den Badeurlaub an der Adria und die einfache, aber leckere istrische Küche meines Onkels, bis der Staat Jugoslawien tragisch auseinanderfiel und die Aufenthalte erschwerte.
   Milovans Ableben im letzten Herbst traf mich heftiger, als ich es vermutet hätte. Vielleicht, weil sein Tod in eine Zeit fiel, die für mich nicht einfach und von vielen Veränderungen bestimmt gewesen war. In eine Zeit, in der ich gerade in Istrien und in meinem zweiten Leben, im wahrsten Sinne des Wortes, einigermaßen Fuß fasste.
   Lange hatten mein Onkel, der Einsiedler, und ich, der ehemalige Militärpolizist aus Deutschland, uns nicht sehen können, waren uns aber gerade wieder nähergekommen, als das Schicksal ohne Gnade dazwischenfunkte. Gerade wieder an die familiäre Gesellschaft gewöhnt, scheute sich der Tod nicht und zerriss jäh die neu auflebende Vertrautheit.
   Nach Milovans Beerdigung hatte ich mich von der Trauer abgelenkt, indem ich, nach und nach, den ehemaligen Holzverschlag, der meinem Onkel als Verkaufsstand für Erfrischungen und Gebäck gedient hatte, zu einem geräumigen Pavillon umbaute. Die natürliche Steinterrasse, die zu dem Grundstück gehörte und fast bis an die Adria reichte, konnte ich mit einem niedrigen Zaun einfrieden. So war ein kleines, aber gemütliches Lokal samt Kaffeegarten am Rande der Bucht entstanden. An Gästen, so war ich mir damals sicher gewesen, würde es dem Kafi Divan nie mangeln, da die umliegend verstreuten Hotelanlagen und Feriensiedlungen das Café mit durstigen und hungrigen Badeurlaubern zur Genüge versorgten. Auch die ortsansässigen Kroaten kamen gern in diese Bucht, um ihre Freizeit im oder am Wasser zu verbringen. Das war ein Wochenendvergnügen, das sich die Istrianer nicht nehmen ließen.
   Ich veranstaltete in unregelmäßigen Abständen kleine Grillpartys, inklusive poppiger Musikkulisse vom Band oder einem engagierten DJ. Mein Plan, etwas Neues zu versuchen, war aufgegangen. Ich hielt mir somit auch die meist jungen Stammgäste der umliegenden Dörfer bei Laune.
   In den Zeiten des geschäftlichen Erfolges erinnerte ich mich gern an meinen Onkel und konnte mir gut vorstellen, dass dem Alten dieses Café gefallen würde. Er hätte wahrscheinlich oben beim Caravan unter einer Steineiche gesessen, in seiner alten und oft geflickten grauen Arbeitshose, mit dem Strohhut auf dem Kopf und der obligatorischen Tonpfeife im Mund, um dem Treiben in der Bucht und am Café amüsiert zuzusehen. Ab und an hätte er sich über den grauen Bart gestrichen und dabei an einem Glas Gemišt genippt.
   Ich musste bei dieser Vorstellung lächeln und widmete mich wieder meinem Kaffee und dem Ausblick auf die Adria.
   Am Vorabend hatte es im Kafi Divan wieder eine Grillfeier gegeben. Ich hatte ein kleines TV-Gerät organisiert, um das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft, die gerade in Deutschland stattfand, zeigen zu können.
   Nach anfänglichen Problemen mit der Antenne bot sich sogar ein einigermaßen vernünftiges Bild, damit das Sommermärchen, so tauften die deutschen Medien die Stimmung während ihrer WM, den Touristen angemessen präsentiert werden konnte. Bald fand sich aus den Hotels auch eine Handvoll deutscher Touristen ein, die vor der untergehenden Sonne der Adria bei Bier, Grillfleisch und gebratenem Fisch sehen wollten, wie ihre Nationalmannschaft gegen Portugal bestand. Einige trugen die neusten Fantrikots.
   Laut und feuchtfröhlich war es geworden. Die Kasse des Kafi Divan klingelte nicht schlecht, während und nachdem die deutschen Fußballer ihr Match gewonnen und den dritten Platz der WM erreicht hatten.
   Mir fiel ein, dass meine brünette Unbekannte ziemlich zeitgleich mit dem Abpfiff des Fußballspieles an der Bar aufgetaucht war. Da hatte sie noch das blaue Minikleid getragen, das sich wie eine zweite Haut an ihre Kurven schmiegte und das nun auf dem Boden meines Wohnwagens lag. Sie hatte mit der Sonnenbrille in der Hand gewinkt, um ein Glas Wein zu bestellen. Ihre Augen schienen mich ständig zu beobachten.
   Bist du der Konobar hier?, vernahm ich noch immer ihre Stimme in meinem Ohr.

3

»Dobro jutro, Chef!«
   Die Worte schreckten mich aus den Erinnerungen und ich sah Mirko, meinen
   Aushilfskellner, hinter der Bar stehen. Der junge Mann aus Barban wirkte vergnügt, machte sich an der fauchenden Kaffeemaschine einen Espresso und kam mit der kleinen Tasse an meinen Tisch.
   »Schwere Nacht gehabt, Maestro?« Er zwinkerte mir zu und sein in Form von zwei Blitzen gestutzter Backenbart schien sich schelmisch zu dehnen, während sich ein Grinsen in seinem Gesicht manifestierte.
   »Momentan kann ich nicht nachvollziehen, worauf du mit deinem Grinsen anspielst.« Ich nahm einen Schluck Kaffee, wobei ich sorgsam darauf bedacht war, nichts zu verschütten, denn meine Hand zitterte jetzt, wie vorhin meine Knie.
   »Du siehst abgekämpft aus, Gospodin Holcman. Ein wenig blass um die Nase«, meinte Mirko. »Die Dunkelhaarige in dem Schlauchkleid? Einen knappen Kopf kleiner als du?«
   Ich stellte die Tasse ab und wischte Mirkos Bemerkungen mit einer Handbewegung fort. »Die Dame schläft noch tief und fest. Und ich habe nichts weiter als einen ordinären Kater.«
   »Kann ich mir vorstellen. Ihr habt ja auch den Prosecco wie Wasser getrunken. Die Dunkle und du, als ihr eng umschlungen am Kiesstrand herumgetollt seid wie zwei ausgelassene Schulkinder.«
   »Bitte?« Ich wusste wirklich nicht, wovon er sprach. Bier, Wein, Grappa und Prosecco? Und das Weib?
   Mirko beugte sich hinunter, um einen kleinen Stein aus seiner Flip-Flop-Sandale zu entfernen. »Ihr habt heftig geflirtet und geknutscht, schon als die deutschen Fußballfans noch da waren. Anschließend seid ihr ans Wasser hinunter und habt den restlichen Touristen eine perfekte Turtelei geliefert, bis die Zuschauer johlend abgezogen sind. Ich glaube, eure Show war besser als das Fußballspiel.«
   In meinem Kopf drehte sich alles. Die Kopfschmerzen meldeten sich wieder an. Das Aspirin wirkte nur mäßig. Ich massierte mir vorsichtig die Schläfen, verstand nur Bahnhof. »Und was war nun mit dem Prosecco?«
   Mirko zuckte mit den Schultern. »Es waren drei Flaschen. Aber beruhige dich, ihr habt nicht alle drei getrunken.«
   Ich schlug ihm mit der flachen Hand an den Oberschenkel.
   Er sprang einen Meter zurück.
   »Rede nicht in Rätseln.«
   Mir wurde bewusst, dass ich gerade die typischen Nachwirkungen eines alkoholbedingten Blackouts erlebte, denn in meinen Erinnerungen fand sich nichts, was den Erzählungen Mirkos auch nur irgendwie nahe kam. Zwischen dem Kennenlernen der Dame und dem Aufwachen mit ihr in meinem Bett befand sich ein großes Loch. Hinter meiner Stirn begann der Bauarbeiter wieder mit dem Einsatz seiner Bohrmaschine. Er hatte seine Frühstückspause beendet.
   »Na ja, eine ganze Flasche hast du, wie ein liebestoller Irrer, über ihrem Körper ausgeschüttet.« Mirko hob schnell beide Hände und es schien, als wollte sein Gesichtsausdruck mich verhöhnen. »Sie trug das Kleid ja noch und du deine Hosen, als ihr bis zu den Knien im Wasser gestanden habt.«
   Nun konnte ich mir denken, woher der starke alkoholische Geruch in meinem Wohnwagen stammte, wo das Kleid vor dem Bett lag. Ich kannte jetzt auch den Grund, warum meine andere Prothese nass war.
   »Den restlichen verschütteten Prosecco habt ihr euch später abgewaschen«, fuhr Mirko fort und setzte sich, »als du dich voll bekleidet ins Wasser gestürzt hast und sie, nur noch im Slip, kichernd hinter dir her schwamm. Was dann noch passiert ist, kann ich dir nicht sagen. Ich habe Feierabend gemacht und bin nach Hause. Mir war nicht danach, noch mehr Turtelei zu beobachten.« Nachdem er mir noch einmal verschwörerisch zugezwinkert hatte, sah er in die Bucht und zum Meer hinunter. »Der dort hat es nicht nach Hause geschafft.«
   Langsam drehte ich mich um und sah in die Richtung, in die Mirko nun auch mit der Hand zeigte. Ich erkannte einen Mann, der auf einer der Felsterrassen lag, musterte ihn kurz, wandte mich dann aber wieder meinem Kellner zu. »Lenk nicht ab!«
   Mirko schüttelte den Kopf und zog seine Stirn kraus, während er langsam aufstand. »Der liegt aber wirklich komisch da. So liegt doch keiner, der seinen Rausch ausschläft, selbst wenn er noch so besoffen ist.«
   Ich entdeckte echte Besorgnis in Mirkos Gesicht und spürte nun ebenfalls, dass etwas nicht in Ordnung war. Fast schlich sich bei mir ein altbekanntes Gefühl ein und meine Nackenhaare stellten sich auf.
   Ich erhob mich und versuchte, einen genaueren Blick auf die Gestalt zu werfen. Sie lag völlig regungslos und wirklich in einer seltsamen Körperhaltung auf dem Felsen.
   »Lass uns mal nachsehen«, entschied ich kurz entschlossen und war schon auf dem schmalen Weg, der um den Zaun des Kafi Divan herum zu den Steinterrassen führte. Ich hatte keine Schuhe an, doch die hellen Steinplatten waren noch nicht so heiß, dass ich Sorgen haben musste, mir die Fußsohle zu verbrennen. Im Gegenteil, Gischt hatte in der Nacht die Felsen an dieser Stelle benetzt und glitschig hinterlassen. Ich musste mich vorsehen, wohin ich trat, um nicht mit der Gummisohle der Prothese abzurutschen.
   Mirko ging hinter mir, stützte sich teilweise mit den Händen ab, um über die kleinen Spalten und Vorsprünge der Felsen ohne Sturz hinwegzukommen. Seine Sandalen, die ja nur offene Latschen waren, eigneten sich nicht für diese kleine Klettertour.
   Wir mussten bald wieder höher steigen, um den Platz zu erreichen, an dem der Mann lag. Als wir nur noch wenige Meter von der Person entfernt waren, hörte ich Mirko hinter mir würgen.
   »Was ist das für eine Scheiße?«, stammelte er zwischen den Würgelauten.
   Als ich mich nach ihm umsah, sackte er auf die Knie. Er übergab sich in einer Felsspalte, während ich langsamer auf den reglosen Mann zuging. »Bleib, wo du bist«, befahl ich und tastete mich weiter vor.
   Was von der Terrasse des Cafés nicht zu sehen gewesen war, erschreckte mich nun im Detail, denn vor mir lag eine Leiche, dessen war ich mir sicher.
   Die Steinplatte, auf der der Mann lag, fiel zum Meer hin ab und das weißgraue Gestein war dort mit feinen roten Linien überzogen. Eine Lache aus geronnenem Blut hatte sich unter dem Mann gebildet und kleine Rinnsale waren wie eine unheimliche, verwirrende Straßenkarte an den Felsen herabgewandert, bevor der Wind sie getrocknet hatte.
   In dem Fremden, der auf dem Bauch lag, war kein Leben mehr, das konnte ich mit bloßem Auge erkennen. Ich spürte, wie mir ein eiskalter Schauder über den Rücken lief, musste mir aber den Schweiß mit dem Ärmel meines Shirts von der Stirn wischen, obwohl die Sonne zu dieser Stunde nur laue Wärme spendete.
   Der Tote war sportlich gekleidet und besaß eine beeindruckende Statur. Er trug hellblaue Jeans und ein blaues Hemd aus leichter Seide, das durch Blut im Schulterbereich stark verfärbt war. Seine Haare waren dunkel, fast schwarz, mit Gel frisiert, und sein Teint wies aufgrund der gleichmäßigen Bräune darauf hin, dass er kein Tourist war, sondern schon lange hier im Süden gelebt haben musste oder oft im Mediterranen unterwegs gewesen war. Dies bestätigte meiner Meinung nach auch die kleine blassblaue Tätowierung, die ich auf der Innenseite des linken Unterarms entdecken konnte. AntOnia war dort anscheinend mit primitiven Mitteln, aber doch lesbar, in die Haut gestochen worden. Das O AntOnia stach hervor, da es einer Zielscheibe nachempfunden war. Darunter stand in kyrillischen Buchstaben . Sarajevo. Die Verbindung der Darstellung einer Zielscheibe mit dem Ortsnamen Sarajevo bereitete mir eine Gänsehaut, und mir war mit einem Schlag klar, dass dieser Mann, der hier tot vor mir lag, sicher keine einfach zu verstehende Vergangenheit hatte.
   Ich bewegte mich bis auf wenige Zentimeter an die Leiche heran und spürte eine leichte Übelkeit in mir aufsteigen, doch schob ich dies schnell auf meinen Kater. Dieser Tote war nicht die erste leblose Person, die ich in meinem Leben näher begutachtete. Aber ich musste zugeben, dass mich auch in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen immer ein Gefühl des Unwohlseins überkommen hatte.
   Ich kniete mich vorsichtig neben dem leblosen Körper nieder, verlagerte mein Gewicht auf das gesunde Bein und berührte den Toten leicht mit den Fingerspitzen. Dies war keine Probe, ob das Opfer noch Lebenszeichen von sich gab, sondern ein für Außenstehende sicher unverständlicher Reflex aus alten Tagen. Schon immer hatte ich in meiner Dienstzeit als Soldat und Ermittler einen fast krankhaften Drang verspürt, eine aufgefundene Leiche zu berühren. Ich hatte es mit dem Versuch des Aufbaus einer nicht wahrnehmbaren Verbundenheit zwischen dem Opfer und mir, dem Ermittler, begründet und es nie ablegen können.
   Auch wenn mich die Aufregung gepackt hatte, versuchte ich mich zu konzentrieren, denn der erste Blick auf einen Tatort war meist der effektivste.
   Im Nacken des Mannes erkannte ich ein blutiges Loch. Ich war mir sicher, es war die Eintrittswunde einer Kugel. Mit beiden Händen griff ich dem Opfer unter die Schulter und hob den Oberkörper leicht an, um mir die Austrittswunde anzusehen. Ich bereute es eine Sekunde später, der Mann war entstellt. Wo einst Nase und Oberlippe gewesen waren, klaffte ein Krater aus Blut, Fleisch und Knochensplittern. Der zerfetzte Mund war weit geöffnet, Zähne fehlten und die Zunge, soweit sie noch als solche zu erkennen war, hatte sich zusammengerollt. Sie lag wie ein unförmiger Klumpen im Rachen, während sich ungeronnenes Blut im Mundraum gesammelt hatte und nun heruntertropfte. Die Tropfen benetzten die trockene Blutlache auf dem steinigen Boden und vereinigten sich schließlich mit der schrecklich anmutenden Straßenkarte. Die kalten Augen des Toten starrten mich weit aufgerissen und ohne jeden Glanz an. Der Tod hatte diesen Mann, so war ich mir nach diesen ersten Eindrücken sicher, plötzlich und im Bruchteil einer Sekunde überrascht.
   Ich ließ die Schulter langsam zu Boden, nahm meine Hände weg, stellte mir vor, wie das Projektil in seinem Nacken eingedrungen und mit gewaltiger Wucht aus dem Mund wieder ausgetreten war, dabei Knochen, Muskeln und Fleisch mitgerissen hatte.
   Ich ertappte mich dabei - und war erschrocken darüber -, dass ich, sofort, nachdem ich mich neben der Leiche niedergekniet hatte, in ein altes Schema verfallen war. In mir brach der Automatismus eines untersuchenden Beamten wieder durch und ich verspürte nicht einmal den Drang, ihn abschütteln zu wollen, obwohl ich wusste, dass mir dieser Weg nicht guttat. Dennoch machte ich weiter.
   Ich erfasste noch einmal die Szene. Auf der Stirn des Toten erkannte ich eine Verletzung, Knöchel der Finger waren abgeschürft und blutig. Diese Wunden waren jedoch nicht tief.
   Ich wandte mich langsam ab. Was ich sehen wollte, hatte ich gesehen. Weitere Untersuchungen konnten Spuren verwischen, das lag nicht in meiner Absicht.
   Ich zog mich, auf allen vieren kriechend, von der Leiche zurück, fand mich neben einem zusammengekauerten und kalkweißen Mirko wieder und stieß ihn an.
   »Der Kerl wurde erschossen«, sagte ich leise, als könnte ich die Leichenruhe stören. Auch dies war ein Verhaltensartefakt aus meiner Vergangenheit. »Ermordet!«
   »Was … was sollen wir tun?« Mirko hielt sich eine Hand vor den Mund und presste die andere auf seinen Magen.
   »Einer von uns beiden muss zum Café zurück und die Polizei rufen.« Ich sah Mirko an. »Der andere wird hier aufpassen, dass niemand der Leiche zu nahe kommt und Spuren verwischt. Willst du anrufen?«
   Mirko schluckte und sein Gesicht wurde noch blasser. »Ich passe auf! Aber nur, wenn ich ein paar Meter von diesem Kerl weggehen kann. Wenn ich ihn nicht sehen muss.«
   »Junge, der Kerl ist mausetot und kann dir nichts mehr anhaben. Aber okay! Stell dich dort hinten an den Trampelpfad. Niemand darf näher kommen.«
   Mirko nickte. »Danke. Ich … ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich den Bullen sagen soll.«
   Mehr stolpernd und schleppend als gehend entfernte er sich. Ich sah ihm nur kurz nach, als ich über die Felsen zum Kafi Divan zurückkletterte.
   Wir hatten nur ein altes Wandtelefon im Café und mein Handy lag im Wohnwagen, also entschied ich mich für das Wandtelefon.
   Während ich wählte, setzte sich der Anblick des Toten wieder in meinen Kopf. Die tödliche Verwundung des Mannes erinnerte mich an einen Hauptgefreiten, den ich in Kabul erschossen aufgefunden hatte. Die Sache lag lange zurück und ich hatte gehofft, von solchen Bildern für immer verschont zu bleiben. Tod und Mord, so war meine Hoffnung gewesen, damals, als ich in Kroatien ankam, sollten aus meinem Leben verschwinden.
   Doch nun schien es, als sei dieser Wunsch vom Bura, dem starken Wind der Adria, innerhalb einer Nacht einfach erfasst und übers Meer fortgetragen worden. Ich empfand nicht die geringste Freude dabei. Innerlich fluchte ich, ich hatte abgeschlossen mit meinem Leben als Ermittler und fühlte nun, wie sich alte Wunden auftaten. Alte Verletzungen, wieder aufgerissen, versprachen, immer die tiefsten Wunden zu bleiben. Andererseits hatte mich ein Anflug von Neugierde erfasst.
   Das Freizeichen endete abrupt und eine freundliche Dame meldete sich mit einschmeichelnder, vertrauenerweckender Stimme. Fast schien es mir, als sitze diese Frau in einem Callcenter, um mir ein Ferienapartment vermieten oder eine Versicherung anpreisen zu wollen.
   »Bleiben Sie in der Leitung! Legen Sie nicht auf! Ich verbinde Sie.« Ihre Worte hatten jetzt professioneller und härter geklungen.

4

Die Beamten waren schnell vor Ort, auch wenn sie zunächst nur mit der Besatzung eines Streifenwagens aus Vodnjan anrückten.
   Mirko fing die Polizisten ab und führte sie bis auf ein paar Meter an den Fundort der Leiche heran.
   Einen der Polizisten kannte ich, hatte ihn schon oft beim Einkauf getroffen, doch vermied ich einen Gruß, da es mir in dieser Situation unpassend erschien, quer über die Bucht zu winken. Er hätte es sowieso nicht bemerkt, seine Aufmerksamkeit galt der Leiche.
   Die beiden Polizisten tasteten sich an den Toten heran und schienen sich ein erstes Bild zu machen. Ich erkannte aus der Entfernung das Unbehagen der Beamten. Einer von ihnen blieb stehen, nachdem er einen näheren Blick auf den Toten geworfen hatte. Dann ging er ein paar Schritte von der Leiche fort und zog ein Mobiltelefon aus der Brusttasche seines Hemdes. Er beendete nach einem sehr kurzen Wortwechsel das Gespräch. Sicher hatte er mit seinem Anruf die Zentrale alarmiert und Verstärkung angefordert.
   Dreißig Minuten später wimmelte es in der Bucht von uniformierten Beamten.
   Die Tageszeit der Urlauber war angebrochen, sicher hatten die Frühstücksbuffets der Hotels nun geschlossen. Die Sicherung der Örtlichkeiten gestaltete sich zunehmend schwieriger. Es schien, als hätten die Polizisten ihre liebe Mühe, die Neugierigen vom Ort des Geschehens fernzuhalten, zeigten dabei jedoch eine professionelle Ruhe.
   Ich ging auf die vom Meer abgewandte Seite des Cafés. Von der morgendlichen Idylle in der Nähe meiner Parzelle war keine Spur mehr. Weder sprangen die Grashüpfer noch zirpten die Zikaden.
   Mehrere Polizeiwagen verstopften mittlerweile die Zufahrt zum Kafi Divan und den Parkplatz. Unter den Pinien parkten zwei Land Rover und drei Fiat Ducato. Die Fahrzeuge trugen die deutlichen weißblauen Lackierungen der Polizei. Die Blaulichter waren angeschaltet und tauchten die Umgebung in einen schnellen Lichtwechsel. Zwischen den Streifenwagen, mitten auf dem kleinen Parkplatz und fast am Ende des Weges, standen ein Leichenwagen und ein ziviler Audi. Letzterer gehörte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zur Kripo, auf seinem Armaturenbrett drehte sich ein mobiles Blaulicht.
   Die Lichtung vor meinem Wohnwagen wiegte sich in dem flackernden blauen Licht-Schatten-Spiel.
   Ich beobachtete von der Terrasse weiter das Treiben am Fundort der Leiche, während Mirko unter den Schaulustigen umherging, um, so vermutete ich, nervös und fahrig, jedem, der es wissen wollte, seine Rolle in diesem Drama mehr oder weniger genau zu beschreiben.
   Ich spürte ein sprichwörtliches Kribbeln in den Fingerspitzen, während ich die Geschehnisse beobachtete. Lange genug war ich Militärpolizist gewesen und kannte daher die Spannung, die einen Ermittler bei solchen Untersuchungen überkommt und so schnell nicht wieder loslässt. Er will das Geschehene begreifen, die Fäden sehen und eine Lösung entdecken. Die Sinne sind gespannt, die Augen sehen Details, mischen sie zu Bildern, Fakten und Beweisen. Es entsteht ein Puzzle, das beschäftigt und gefangen hält, bis man es gelöst hat.
   Das starke Bedürfnis, mich sofort unter die Beamten zu mischen, dort mit zu ermitteln, zerrte kurz an mir. Ich kannte diese faszinierende Arbeit, die begeisterte und mich am Ende ein Bein gekostet hatte. Nach ein paar Minuten schaffte ich es, mich von diesem Gefühl zu befreien. Ich sah weg, doch einfach war es nicht.
   Mir fiel mein weiblicher Gast im Wohnwagen ein. Die brünette Schöne hatte ich in dem Trubel vergessen und hoffte, dass sie noch nicht das Weite gesucht hatte. Ich bereitete an der Maschine rasch einen Kaffee zu.
   »Der Name, den mir mein Kollege genannt hat, erinnerte mich an alte Zeiten und die Beschreibung passte ungefähr«, wurde ich von einer Stimme angesprochen, als ich mich mit einem Tablett aufmachen wollte, meine Unbekannte zu wecken. Von einer Stimme, die mir sofort bekannt vorkam. »Knapp über vierzig. Ein kräftiger Bursche von mittlerer Größe. Ungefähr einen Meter fünfundsiebzig. Bauch. Mann, du hast ganz schön zugelegt! Was wiegst du? Achtzig? Fünfundachtzig? Egal. Lockige, doch schon lichtere Haare mit grauen Strähnen. Leichte Hakennase, Narbe auf der Stirn, die rechte Schulter mit bunten japanischen Bildern tätowiert, mittendrin ein Stern mit einem Adler. Den Vogel kannte ich schon von unserer letzten Begegnung, Aleks. Die asiatischen Bilder sind mir neu. Wie dieser Stoppelbart und das, äh, Holzbein, wie mein Kollege es eben beschrieben hat. Scheiße, ich hätte nie vermutet, dich nach all den Jahren wiederzusehen, erst recht nicht hier in Istrien, Aleksandar Holcman. Du hättest dich melden sollen. Bist du überhaupt polizeilich gemeldet?«
   Bevor ich mich umdrehte, wusste ich, dass ein sportlicher Mann von kräftiger Statur mit buschigen Augenbrauen vor mir stehen würde.
   An einem Lederband um den Hals trug er einen Polizeiausweis und ein breites, mir sehr bekanntes Grinsen strahlte mir entgegen.
   »Valter! Valter Ivan Blaško«, rief ich aus und stellte das Frühstückstablett auf einem Tisch ab. Ich umarmte meinen alten Freund. Mit Valter hatte ich an der Polizeischule meine Karriere angefangen. »Ivan, der Schreckliche! Wie lange ist es her? Was machst du hier? Du bist auch grau geworden.«
   Valter lachte mich vergnügt an und erwiderte meine herzliche Begrüßung. Seine Augen strahlten.
   Diese dunklen bernsteinfarbenen und ausdrucksstarken Augen waren immer Valter Blaškos Markenzeichen gewesen und hatten die Menschen in seinem Umfeld beharrlich fasziniert.
   »Ich schätze mal, dass wir uns zwölf Jahre nicht mehr gesehen haben? Oder länger? Fünfzehn Jahre?«, fragte er. »Und was ich hier mache? Das sollte ich wohl besser dich fragen, du Halunke.«
   Ich nickte und rieb mir über die Stirn, als könnte ich so mein Gedächtnis anregen. »Fünfzehn Jahre? Ich glaube, du hast recht.« Ich legte meine Hand auf seine Schulter. »Aber was ich hier mache, ist keine große Geschichte. Und mein sogenanntes Holzbein ist hochwertige Technik. Schick mir deinen Kollegen vorbei, dann erkläre ich es ihm.«
   Valter Blaško strich sich über seinen Kinnbart und zeigte auf einen Tisch in der Nähe. »Lass uns reden. Meine Leute brauchen da unten noch eine Weile mit der Spurensicherung. Der Rechtsmediziner ist eben erst weg. Da du den Leichenfund gemeldet hast, habe ich die Ehre, dich zu befragen. Wir haben also Zeit, und wenn du einen Kaffee hast …«
   »Deine Leute? Ich staune. Okay, mit dem Kaffee dürfte es hier kein Problem geben.« Ich ging zum Tresen.
   Valter folgte mir.
   »Espresso oder etwas Leichteres?«
   »Mach mir einen Großen mit viel Milch.«
   »Bijela kava, dobro.«
   »Hvala lijepa - Danke schön.« Er deutete auf meine Prothese. »Ich hörte nicht von einem Unfall, sondern von einem Anschlag. Was ist dir zugestoßen, Aleksandar?«
   »Das Schicksal.« Ich wich zunächst einer weiteren Antwort aus, indem ich zur Bucht zeigte. »Das sind also deine Leute dort unten?«
   Der Kaffee war schnell bereitet. Jeder von uns nahm eine Tasse und wir gingen zu einem im Schatten stehenden Tisch und setzten uns.
   Valter hatte seinen Ausweis abgenommen und auf den Tisch gelegt. Er schlürfte an der Tasse, dann sah er mich an. »Ja, das sind meine Leute. Ich leite den Einsatz. Aber das ist erst mal egal. Lass es schon raus, auch wenn es keine besondere Geschichte ist, wie du meinst. Was machst du hier in Istrien? Und seit wann bist du hier? Und, Junge, was ist mit deinem Bein?«
   Ich stand noch einmal auf, holte eine Flasche Grappa mit zwei kleinen Gläsern und stellte alles auf den Tisch.
   Valter lehnte den Schnaps mit einer kurzen Handbewegung ab.
   »Keinen Alkohol. Dienst ist Dienst, und es ist noch zu früh.«
   Ich nickte, schenkte ein Glas Grappa ein und kratzte mir an der Nase.
   »Erzähl schon.«
   »Die ganze Geschichte ist nicht so lang, um wirklich interessant zu sein, mein Lieber. Eigentlich ist sie schnell erzählt. Ich hatte im Dienst einen Unfall. Nach der Reha bin ich dann hier gelandet, um auf andere Gedanken zu kommen. Vor einigen Monaten ist mein Onkel Milovan gestorben und hat mir dieses Stückchen Land überlassen. Also blieb ich hier. An einigen Stellen habe ich Veränderungen vorgenommen, aber sonst ist es, wie es schon immer war.« Ich zuckte mit den Schultern und versuchte mich weiter mit einem kosmetischen Lächeln. »Aber, was machst du hier? Ach, dumme Frage. Da du in Zivil auftauchst und die Ermittlungen führst, nehme ich an, dass du bei der Kripo bist. Wie kommt ein deutscher Polizist zur Kripo in Istrien?«
   Valter Blaško wiegte den Kopf. »Ich darf mich Leiter der Abteilung für Kapitalverbrechen nennen. In Pula. Du weißt ja sicher, was das heißt. Meine Leute und ich sind zuständig für Mord, Totschlag, schwere Körperverletzung und all den anderen Mist, der Menschen durch die Einwirkung Dritter zustoßen kann. Aber egal. Es ist nur ein Job. Du bist als Erster dran mit dem Erzählen. Ich war in den letzten Monaten schon ein paar Mal mit meiner Familie hier in der Bucht. Dieses Café ist nicht neu, Aleks, aber es hat mit dem alten Schuppenkiosk deines Onkels nichts mehr gemein. Du hast einiges verändert. Aber das ist es nicht, was ich wissen will. Was war das für ein Unfall? Verdammt, du hast ein Bein verloren. Das kann doch nicht nebensächlich sein.«
   Mit einem Schuss Grappa im Kaffee wollte ich meine Unruhe abschalten und zusätzlich dem Kater ein Schnippchen schlagen. Frei nach dem Motto, beginn damit, womit du aufgehört hast, nippte ich vom Kaffee. Ich hatte zwar nicht mit Grappa aufgehört, war aber der Meinung, dass Alkohol eben Alkohol war.
   Valters Frage weckte unangenehme Erinnerungen, rührte in einer noch nicht verarbeiteten Vergangenheit, und mir war im Moment nicht danach, über die Sache zu sprechen. Zudem hatte mich der Traum in der letzten Nacht daran erinnert, dass mein Schicksal noch in meiner Nähe schwebte. Noch nicht verarbeitet war.
   Ich sah Valter an und zeigte auf das Gemisch in meiner Tasse.
   »Ausgleich gegen die Folgen des gestrigen Abends.« Gern hätte ich ihm erzählt, was mich wirklich nach Kroatien getrieben hatte, was mir in Afghanistan zugestoßen war, doch empfand ich die momentane Situation nicht als passend dafür. Ich entschied mich einstweilen für eine kurze, einfache Fassung. Nachdem ich einen Schluck von dem Kaffeemix getrunken hatte, fand ich eine Lösung und lehnte mich im Sessel zurück.
   »Du hast natürlich recht, wenn du meinst, dass der Tod meines Onkels nicht der einzige Grund war, warum ich hier sacken geblieben bin. Es ist eigentlich einfach. In den letzten Jahren lief es bei mir nicht so gut, wie du dir garantiert denken kannst.« Ich klopfte an mein künstliches Bein. »Das hat auch damit zu tun. Ich musste lernen, dass das Leben keine Dinnerparty ist. Diese Erfahrung zeigte sich leider sehr schmerzhaft.«
   Valter griff nach seiner Tasse und strich sich mit der freien Hand übers Kinn. »Kann ich mir vorstellen. Okay, ich habe deine Karriere ein wenig verfolgt, Aleks, und alles, was ich mitbekommen habe, schien positiv zu laufen. Mensch, nachdem du die Polizeischule abgebrochen hast und zur Bundeswehr gegangen bist, hattest du doch einen guten Start. Oder? Soweit ich weiß, warst du bei den Feldjägern Leiter einer Ermittlungsabteilung. Monate später telefonierte ich mit einem Freund in Hamburg und musste mir anhören, dass du in Afghanistan gelandet bist. Im Krieg. Du kannst mir glauben, ein bisschen Schiss hatte ich schon um dich. Nein, nicht nur ein bisschen. Hey, wir kennen uns fast aus dem Sandkasten. Ich hatte echt Angst. Die wurde auch bestätigt, als man mir später von einem Anschlag erzählte.«
   Ich hob beide Hände und tat, als wolle ich einen Sack voller Sorgen und Erinnerung von mir fortdrücken. Dann legte ich die Hände auf den Tisch, die Innenflächen in einer ergebenen Geste nach oben zeigend. »Vergangenheit, Valter, und vieles geht vorbei. Es sind mehrere Gründe, die mich dazu brachten, Deutschland, Hamburg und der Bundeswehr den Rücken zu kehren, nicht nur der Verlust meines Beines. Aber das würde ich dir gern später einmal erklären. Vielleicht in einer ruhigeren Stunde, bei einem Glas Wein am Meer.«
   Valter schien zu erkennen, dass ich momentan dieses Thema nicht weiter erläutern wollte und nickte.
   »Ein Bier beim nächsten Treffen wäre mir aber lieber. Da bin ich doch noch sehr deutsch belastet, noch dazu, weil man hier auch gutes Bier braut und gern trinkt. Aber wem sage ich das. Du bist der Konobar hier.«
   Ich nahm den zugespielten Ball an. »Wenn dir schon nach Vergangenheit ist, dann lass uns lieber über die alten Zeiten in der Polizeischule reden«, meinte ich, dankbar für die Vorlage zum Themenwechsel, »und erzähl mir, wie du hier zu deinem Posten gekommen bist. Mann, fünfzehn Jahre? Das letzte Mal haben wir uns auf Petersens Hochzeit gesehen. Doch war das nicht schon vor siebzehn Jahren? Damals warst du aber nicht mehr in Hamburg, sondern in Lüneburg. Und von Lüneburg hast du dich doch nach Nordrhein-Westfalen versetzen lassen?«
   »Genau. Aber nur, weil meine Eltern dorthin gezogen sind. Auch meine Schwester lebte mit ihrem Mann dort, und als mein alter Herr in Rente ging …« Valter trank vom Kaffee. »Jau! Die Zeit auf der Polizeischule in Hamburg war klasse und auch die Jahre danach waren super, doch mir fehlte die Familie. Als in Dortmund eine Stelle ausgeschrieben worden war, habe ich mich versetzen lassen und Lüneburg den Rücken gekehrt.« Er lachte heiser auf und schüttelte den Kopf. »Die Polizeischule. Weißt du noch, wie wir dem alten Schneider auf dem Schießstand Platzpatronen in seine Dienstwaffe geladen hatten und er das erst bemerkte, als er sich wunderte, warum er die Scheiben nicht traf?«
   Ich nahm das Lachen auf und verschluckte mich beinahe an meinem Grappa-Kaffee-Mix. Die beschriebene Szene war mir noch sehr lebhaft in Erinnerung. »Einige Tage später haben wir ihm mit einem Strick noch diese alte Mülltonne an seinen klapprigen Fiat Panda gebunden.« Ich stützte mich auf dem Tisch ab und schüttelte nun ebenfalls vergnügt den Kopf, ohne an meine Kopfschmerzen zu denken, was mir sofort heimgezahlt wurde. Es stach kurz und heftig in meinen Schläfen. Der Bauarbeiter machte keine Pause. Er hatte die Baustelle nur ein bisschen verlegt. »Aber noch besser war die Sache mit der tschechischen Nutte.«
   »Ja«, griente Valter. »Ich weiß! Der hatte ich versprochen, dass wir sie laufen lassen würden, wenn sie sich vor dem Diensthabenden mit einer Salatgurke befriedigte.«
   Unser Lachen erfüllte eine Zeit lang die leere Terrasse und wir tauschten noch einige kleinere Anekdoten aus.
   Doch irgendwann legte Valter eine Hand auf meinen Arm. »Du wolltest wissen, wie es mir nach Lüneburg ergangen ist. Gut. Ich war in Dortmund in der Abteilung für organisiertes Verbrechen, und als man für den Kosovo einige Polizisten suchte, die im Rahmen der OSZE-Gruppe agieren und die Polizeiarbeit vor Ort mit aufbauen sollten, meldete ich mich freiwillig. Mein Vater war kurz zuvor gestorben und meine Mutter zu meinen Großeltern nach Split gezogen, also stand meinem Plan nichts im Weg. Single war ich damals ja auch noch.«
   »Und heute bist du in festen Händen?«
   »Ja, ich habe Adriana in Prizren kennengelernt. Sie war Krankenschwester in einem Hospital. Mittlerweile haben wir zwei kleine Töchter und leben in der Nähe von Svetvinenat. Ich hoffe, dass sich die Gelegenheit findet und du meine Familie kennenlernen kannst. Meine Mädchen würden sich freuen.«
   »Gern und Gratulation!« Ich spielte mit meiner Kaffeetasse und schürzte meine Lippen. »Svetvinenat? So klein ist die Welt. Da verliert man sich über Jahre aus den Augen und lebt dann ganz in der Nachbarschaft, ohne davon zu wissen. OSZE-Polizist? Das war sicher kein einfacher Job, oder?«
   Ich kannte die Antwort. Ich hatte ja genügend eigene Erfahrungen als Ermittler im Ausland. Polizeiarbeit glich sich überall, war überall schwierig, das wusste ich.
   Es wirkte daher fast gleichgültig, als Valter Blaško die Schultern hob. »Einfach war es nicht. Aber für mich leichter, als für meine anderen Kollegen aus Deutschland. Ich verstand die Sprache und musste mich nicht mit auf beiden Seiten mageren Englischkenntnissen herumschlagen. Das war eine große Hilfe. Gefährlich ist Polizeiarbeit in solchen Zeiten immer, das muss ich dir nicht sagen. Ich meine, es war nach einem Krieg, den man leider allgemein immer nur als Konflikt bezeichnete. Doch es war ein Krieg, mit all den Gräueltaten, die ein Krieg mit sich bringt. Mit all dem Elend, das er hinterlässt. Mit all der Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit. Aber ich habe es gut hinter mich gebracht, und als der Einsatz zu Ende ging, wollte ich nicht mehr nach Deutschland zurück. Ich weiß nicht warum. Es gab keine speziellen Gründe dafür. Vielleicht war es nur der Reiz neuer Aufgaben, der mich hielt, oder doch die Liebe.« Er zwinkerte. »Ich nahm Urlaub, sah mich um, reiste herum und bewarb mich nach ein paar Wochen bei der kroatischen Polizei. Ich hatte ja meine zweite Staatsbürgerschaft, ebenso wie du sie wohl noch hast. In der Zeit des OSZE-Einsatzes hatte ich erkannt, dass gute Polizeiarbeit in jedem Land gebraucht wird, und in diesen Regionen, egal ob Serbien, Slowenien oder Kroatien, erst recht, um den Menschen Sicherheit zu geben und ihnen wieder auf die Beine zu helfen. Und das kroatische Herz schlug auch noch mit. Kurz gesagt, man hat mich eingestellt. 2003 wurde ich, aufgrund meiner bisherigen Diensterfahrungen, und nach einigen Monaten des Schulbankdrückens, stellvertretender Leiter des Einbruchsdezernates in Rijeka. Im letzten Jahr bin ich nach Pula versetzt worden, weil der alte Leiter der Abteilung für Kapitalverbrechen in Pension gegangen ist.« Valter ließ die Hände kurz auf seine Oberschenkel fallen und zog dann einen Notizblock aus seiner Hemdtasche. »Aber nun zu dieser unangenehmen Sache. Wie hast du den Mann gefunden, Aleks?«
   Ich holte mir eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, trank, und ging zurück an den Tisch.
   Vom Meer her kam ein Polizeiboot in langsamer Fahrt auf die Duga Uvala zu.
   »Eigentlich hat mein Kellner Mirko ihn zuerst entdeckt. Wir saßen hier bei einem Kaffee und unterhielten uns über den gestrigen Abend, als er sich wunderte, wie der Mann dort unten lag. Erst dachten wir, das wäre nur ein Kerl, der seinen Rausch ausschlafen würde, ein verirrter Besucher unserer Feier. Doch dann kam er uns seltsam vor und wir haben uns die Sache näher angesehen.«
   Valters Augenbrauen zogen sich empor. »War das Opfer auf eurer Party?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Das kann ich dir nicht sagen. An solchen Abenden gehen die Menschen bei uns ein und aus. Touristen, Einheimische, auch Angestellte aus den Hotels. Aber ich glaube nicht, dass das Opfer dabei war.«
   »Hm. Glauben ist nicht wissen.«
   »Na gut. Ich bin mir sicher, dass er nicht auf der Feier war. Vermutlich hätte ich ihn wiedererkannt. Seine Kleidung passte nicht zu unseren Gästen. Er wäre aufgefallen. Wir hatten eine Menge Touristen hier. Fußballabend. Strandkleidung.«
   Valter schien zufrieden mit meiner Antwort, machte sich Notizen.
   »Meine Kollegin hat deinen Angestellten schon kurz befragt. Eure Aussagen decken sich wie erwartet. Kannst du dich erinnern, ob du den Toten vorher schon einmal gesehen hast?«
   Ich verneinte und sah Valter an. »Er wäre mir aufgefallen. Oder seine Tätowierung.«
   Blaško blätterte in seinen Notizen zurück, zog eine Polaroidaufnahme hervor und zeigte sie mir. »Diese?«
   Ich zwinkerte ihm zu. »Hat er noch eine andere?«, versuchte ich zu scherzen. »Die habe ich dann übersehen oder er hatte sie unter der Kleidung. Ja, ich meinte diese. Oder die auf dem Hintern?« Sofort bemerkte ich, dass mein Witz unangemessen war. »Sorry!«
   »Das ist eine besondere Tätowierung«, erklärte Valter. »Dieses O AntOnia stellt ein Fadenkreuz dar. Ich kenne das Zeichen aus den OSZE-Zeiten und aus unseren Akten. Die Grupa Antonia, zu der dieses Logo gehört, war während der Kriegsjahre eine kleine Organisation von Heckenschützen im bosnisch-serbischen Gebiet. Sie hat aber auch in und um Sarajevo im Geheimen operiert. Ich nehme an, dass unser Opfer zu dieser Gruppe gehört hat, oder zumindest ein Sympathisant war. Bist du je einer Person mit einer solchen Tätowierung begegnet, Aleksandar? Vielleicht in der Bucht?«
   »Ich glaube nicht«, sagte ich, war mir aber absolut sicher, »sonst wäre mir diese Zeichnung nicht sofort aufgefallen, als ich ihn dort liegen sah.«
   »Habt ihr etwas an der Leiche verändert? Seine Lage? Kleidung geöffnet oder Taschen durchsucht?«
   »Ich war lange genug Ermittler, Valter, um zu wissen, dass ein Tatort möglichst unberührt bleiben muss, bis alle Spuren von den Kriminaltechnikern aufgenommen wurden.«
   Valter lächelte und zuckte mit den Brauen, was anscheinend eine Angewohnheit von ihm war. Ich überlegte, ob ich diese Art Reaktion schon während unserer Jugendzeit von ihm kannte, konnte mich aber nicht erinnern. Vielleicht war es eine Marotte, wie man sie sich schleichend über Jahre hinweg aneignete. Ich, so hatte man mir erzählt, fasste mir zum Beispiel unbewusst an das linke Ohrläppchen, wenn ich in einem Buch oder in einer Zeitung las.
   Valter klappte seinen Notizblock zu. Er steckte den Clip seines Kugelschreibers in die Spiralbindung. »Ich weiß, Aleksandar. Die Frage war reine Routine. Tschuldigung. Wie gesagt, trägt der Mann die Tätowierung einer Sniper-Organisation und die ersten Hinweise am Tatort weisen darauf hin, dass er von einem ebensolchen Heckenschützen erledigt wurde. Es ist klar, dass er von hinten erschossen wurde, das wirst du auch schon entdeckt haben. Mit einem exakten Schuss in den Nacken. Die Blutspuren zeigen deutlich, dass er dort getroffen wurde, wo ihr ihn entdeckt habt. Der Schuss, so glaubt unser Team, kam vom Meer aus. Im Moment suchen wir nach einem Projektil.«
   Er stand auf und schlenderte zum Weg, der zur Badebucht und zum Fundort der Leiche führte. Doch dann blieb er noch einmal stehen. »Ich habe da noch eine wirklich bescheuerte und private Frage. Sie geht mir einfach nicht aus dem Kopf.«
   Ich sah ihn auffordernd an.
   »Schieß los.«
   »Ich habe dich gehen sehen und wundere mich, dass du nicht humpelst oder hinkst. Ich kenne mich da nicht aus, aber …«
   »Mit einer Prothese humpelt man nicht, Valter. Das ist ein Märchen. Es ist wie ein normales Bein, nur eben künstlich. Kein Holzbein wie bei Kapitän Ahab. Das ist moderne Technik. Weißt du, ich habe nach der Reha sogar einmal Badminton gespielt. Gegen einen amputierten Nationalspieler. Warte mal, ja, Ralf. So hieß er. Du solltest sehen, wie der sich mit seinem Kunstbein bewegt.«
   Valter nickte. »Okay, jetzt kapiere ich. Ach ja, ich werde sicher nachher noch einmal bei dir vorbeikommen. Bleib bitte so lange in der Nähe.«
   Ich sah ihm nach, wie er sich langsam die Felsen hinunterbewegte und in dem Pulk der uniformierten Polizisten verschwand. Kurz darauf wurde ein Zinksarg von zwei Männern über die Steinplatten getragen und beinahe fallen gelassen, als einer der Träger auf den Steinen ausrutschte und auf seinen Hintern fiel. Der Sarg schlug mit einer Ecke auf einen Felsen.

5

Eine Viertelstunde nach dem Gespräch mit Valter betrat ich meinen alten Wohnwagen, hielt das kleine Tablett mit dem Frühstück und versuchte mich an einem freundlichen Lächeln.
   Meine Besucherin saß angekleidet und mit nassen Haaren auf der Bettkante. Das Kleid schmiegte sich wieder eng an ihren begehrenswerten Körper.
   »Nur ein karges Frühstück.« Ich nickte zu dem Croissant und dem Kaffee auf dem Tablett, das ich nun auf dem Bett abstellte. »Ist aber schon fast Halbpension. Oder? Ich sehe, du hast mein Minibad gefunden.«
   »Ja, allerdings war das Wasser kalt.« Sie nahm mit einem dankbaren Blick die Tasse und das Gebäck entgegen. »Ciriana.«
   »Bitte?«
   »Ich glaube, dass ich mich gestern Abend nicht richtig vorgestellt habe. Ich heiße Ciriana.«
   Ich nannte ihr meinen Namen.
   »Du bist kein Kroate, oder? Dein Name scheint zwar kroatisch, aber du hast einen starken Dialekt, als hättest du unsere Sprache erlernt.«
   »Ich bin Halbkroate. Mein Vater war Gastarbeiter in Deutschland und dort, genauer in Hamburg, wo mein alter Herr Schweißer auf einer Werft war, bin ich auch geboren und aufgewachsen. Ich besitze aber die Kraft der zwei Pässe. Doppelte Staatsbürgerschaft genannt.«
   Sie schien zu verstehen, lächelte und biss wieder in das Hörnchen. Dann lehnte sie sich zurück und sah aus dem seitlichen Fenster. »Was ist da draußen los?« Mit einer Hand schob sie sich die Haare aus dem Gesicht.
   Ich erklärte ihr, dass man zwischen den Felsen einen ermordeten Mann gefunden hatte, erwähnte jedoch nicht, dass ich den Toten mit entdeckt hatte, es erschien mir unwichtig.
   Sie kaute unbekümmert weiter und ich wunderte mich ein wenig über ihre gelassene Reaktion auf eine solche Nachricht. Man reagierte doch mindestens mit einer kurzen Betroffenheit, wenn in der unmittelbaren Nähe ein Mord geschah, selbst wenn man Opfer oder Umstände nicht kannte.
   »Die Gesellschaft wird immer brutaler«, meinte sie kurz und schob das letzte Stück des Croissants in den Mund, bevor sie unvermittelt aufstand. »Ich muss jetzt gehen.«
   Ich war von dieser plötzlichen Reaktion überrascht und fühlte mich ein wenig vor den Kopf gestoßen, hatte ich mir in meinem Leichtsinn doch für diesen Morgen noch ein längeres Zusammensein und Kennenlernen mit ihr erhofft.
   »Ein schneller Abschied nach solch einem besonderen Abend. Wir könnten im Café noch ein ausgiebigeres Frühstück zu uns nehmen.«
   Sie zog sich ihre Pumps an und blieb an der Wohnwagentür stehen. Dort drehte sie sich noch einmal um, flocht dabei ihre Haare flink zu einem einfachen Zopf und sah mich spitzbübisch an. »Wir hatten beide unseren Spaß. Das ist auch okay, aber wo siehst du dabei eine Besonderheit?«
   »Spaß?«
   »Ja.« Sie nickte und tat einen weiteren Schritt aus dem Wagen. »Kleine Neckereien, ein paar Drinks und danach haben wir die Nacht miteinander verbracht. Du kennst nun meinen Namen und ich deinen. Also? Dovienja! Ich melde mich.«
   Nun trat sie ganz aus dem Caravan und steuerte den Parkplatz an.
   Ich folgte ihr und holte sie, da sie sehr langsam ging, auf dem Plattenweg ein. »Das ist aber eine kurze Abfuhr.«
   In ihren Augen blitzte es belustigt auf, als sie sich umdrehte.
   »Sei so nett und schieb es bitte nicht auf dich. Du scheinst ein netter Kerl zu sein, aber wir haben uns gestern Abend kennengelernt und die Nacht miteinander verbracht. Mehr war nicht. Das eben war keine Abfuhr, nur ein Adieu. Was soll ich tun? Mich bei dir bedanken? Dir sagen, dass es die wunderbarste Nacht meines Lebens war? Na gut.« Sie kam näher, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab mir einen knappen Kuss auf die Lippen. »Hvala, Aleksandar.«
   Damit ließ sie mich stehen und verließ mit elegantem Hüftschwung die Parzelle. Durch die Büsche gelangte sie auf den Parkplatz, ließ die Polizeifahrzeuge unbeachtet und bog zur Straße ab. Ich sah ihr nach, wie sie den Weg hinaufging, konnte nicht umhin, ihre aufreizende Figur zu bewundern, und bemerkte erst spät, dass Valter Blaško, mit einer Beamtin im Schlepptau, vom Café her auf mich zukam.
   Die Begleiterin meines alten Freundes sah der brünetten Ciriana ebenfalls hinterher und blickte mich dann neugierig an.
   Valter blieb neben mir stehen. »Du kennst Damen, mein Lieber.« Er drückte seine Bewunderung mit einem kurzen Pfiff aus. »Vielleicht sollte ich auch ein Café am Meer eröffnen.« Er zeigte auf die Frau an seiner Seite. »Darf ich vorstellen? Meine Kollegin und Assistentin Jasna Ragu.«
   Ich nickte der Polizistin zu, fühlte mich von ihr sofort kritisch beäugt und reagierte darauf mit einer Musterung meinerseits.
   Jasna Ragu war fast so groß wie ich und ihre Figur wies auf regelmäßigen Sport hin. Sie war schlank, aber nicht dünn, trug helle Jeans, die bis zu den Waden hochgekrempelt waren, und ein enges weißes Wickeltop, dessen kecker Ausschnitt mehr offenbarte, als er verhüllte. Ihre schwarzen Haare waren kurz geschnitten, zur Stirn hin etwas länger und mit Gel zu einer flotten Frisur, die an die Stacheln eines Igels erinnerte, geformt. Alles in allem wirkte die Polizistin sehr attraktiv. Sie erinnerte mich an die junge Claudia Cardinale, nur mit kürzeren Haaren.
   Ein harter Gegensatz zu ihrer weiblichen Ausstrahlung war jedoch die schwere Heckler- & Koch-Automatik, die sie neben dem Etui mit den Handschellen an ihrem Gürtel trug. Die Waffe wirkte fehl am Platz und zu maskulin für diese gut aussehende Frau.
   »Inspektorin Ragu«, stellte sie sich mit Betonung auf ihrem Dienstgrad noch einmal selbst vor und reichte mir die Hand. Sie trug einen breiten Ehering aus Weißgold. »Wenn ich neugierig fragen darf? Was haben Sie mit Dunja Kitiani zu tun?«
   »Dunja wer?«
   Jasna zeigte den Weg hoch.
   »Ihr Besuch eben. Das war die Sängerin Dunja Kitiani. In Istrien kennt die jeder, Gospodin Aleksandar.«
   Ich kannte keine Sängerin mit diesem Namen und sah die Beamtin erstaunt an. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Besucherin diese Künstlerin ist. Mir gegenüber nannte sie sich nur Ciriana. Den Zunamen kenne ich nicht.«
   Jasna zeigte ein breites, mitleidig wirkendes Grinsen. Anscheinend schien mein Unwissen sie zu amüsieren. »Sie war es, glauben Sie mir. Mein Bruder hat jahrelang für diese Frau geschwärmt und ihre Poster in seinem Zimmer hängen gehabt. Ich selbst habe ein Konzert von ihr besucht.«
   »Gut«, unterbrach Valter. »Vom Hörensagen und aus Zeitschriften kenne ich Frau Kitiani auch. Die Frage ist aber doch, warum eine bekannte Sängerin sich gegenüber Aleksandar mit einem anderen Namen vorstellt?« Valter sah nun auch noch einmal neugierig den Weg hinauf, doch Ciriana war schon lange hinter einer Biegung verschwunden.
   »Sie lebt seit Jahren sehr zurückgezogen«, erklärte Jasna und sah mich an. »Sie war als begnadete Sängerin und Theaterschauspielerin in Istrien bekannt. Vor etwa acht Jahren begann ihre Karriere und in der Arena in Pula hat sie vor etwas über vier Jahren ein viel gelobtes Konzert gegeben. Ein paar Wochen darauf kam es, ich glaube irgendwo zwischen Labin und Barban, zu einem tragischen Unfall. Sie kam mit ihrem Auto in einer Serpentinenkurve von der Straße ab. Angeblich wurde sie von einem Raser abgedrängt. Sie wurde aus dem Auto geschleudert und blieb fast unverletzt. Doch ihr fünfjähriger Sohn, der nicht angeschnallt im Fahrzeug gesessen hatte, stürzte in die Tiefe. Seit diesem Tag hat sie sich vom Bühnenleben zurückgezogen und lebt in der Gemeinde Barban auf dem Anwesen ihres Mannes. Sie müssen wissen, Herr Holcman, dass Luka Kitiani ein sehr bekannter und einflussreicher Bauunternehmer in Istrien ist.«
   »Nicht nur das«, vervollständigte Valter. »Ich habe zwar noch nie mit diesem Kitiani zu tun gehabt, aber sein Name ist mir bekannt. Wir nehmen schon lange an, dass er in krumme Geschäfte verwickelt ist.«
   Ich nickte zögernd, versuchte zu verstehen. »Das erklärt aber nicht, welchen Grund sie hätte, sich mir mit einem falschen Namen vorzustellen.«
   Jasna schnippte mit den Fingern.
   »Vielleicht gerade weil sie so zurückgezogen lebt, verheiratet ist und nicht erkannt werden will, nehme ich an. Ciriana, diesen Titel trägt eine bekannte Ballade von ihr. Ihrem Mann wird nicht gefallen, dass Sie …«
   Valter schien von dem Thema genug zu haben. »Was Jasna sagen will, ist, dass du, mit dieser Frau an deiner Seite, eventuell ein wenig riskant lebst. Istrische Männer tragen die Eifersucht aus ihren italienischen Wurzeln in sich. Aber vergessen wir die Dame vorerst und sprechen noch einmal von dir, Aleksandar. Jasna sagte mir, dass du eine Detektei betreibst? Warum hast du mir vorhin nicht erzählt, dass du hier den Jim Rockford mit Wohnwagenbüro gibst?«
   Jasna Ragu hielt ihre Arme vor der Brust verschränkt, als ich sie nun fragend ansah.
   »Voilà, Frau Inspektorin! Sie haben mich also überprüft?« Valter wollte etwas sagen, doch ich winkte ab. »Lass nur! Ich spiele nicht den Rockford und habe auch keinen Anrufbeantworter. Diese angebliche Detektei ist eher eine Informationsagentur. Mehr nicht. Wie sollte ich auch wirkliche Detektivarbeit leisten? Die Möglichkeiten habe ich gar nicht. Ich gebe zu, dass ich nebenher für eine Zeitung recherchiere und kleine Artikel schreibe. Die Zeitung erscheint in deutscher und englischer Sprache für Touristen in Istrien.«
   »Die Adriatica-Gazette?«
   »Genau die.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ansonsten besorge ich nur Informationen für Urlauber und Einheimische. Ich betreibe also keine Detektei.«
   »Was verstehen Sie unter einer Informationsagentur, Herr Holcman?«, hakte die Polizistin nach.
   »Was ich eben versucht habe, zu erklären. Aber ich gebe Ihnen gern Details. Ich suche für die wenigen Auftraggeber, die ich habe, nach verschwundenen oder weggelaufenen Ehepartnern oder überprüfe Personen, die mit Immobilienangeboten an Urlauber herangetreten sind. Hin und wieder ist auch mal eine Adresssuche zwecks Familienzusammenführung dabei. Für die Zeitung recherchiere ich Hintergründe zu aktuellen regionalen Themen, die für Lang- und Kurzzeittouristen interessant sein könnten. Aber selbst dabei bin ich noch nie auf den Namen Dunja Kitiani gestoßen, da sie ja seit einiger Zeit nicht mehr auf der Bühne steht, wie ich nun verstanden habe.«
   »Sie sind bei den Ämtern nicht als Detektiv gemeldet und haben keine Lizenz. Meiner Meinung nach arbeiten Sie aber als solcher.«
   »Was wird das hier, Valter?«
   Mein Freund wich meinem Blick aus, also wandte ich mich wieder an die Inspektorin. »Hören Sie zu, junge Frau. Ich leiste keine Detektivarbeit und nehme kein Honorar, sondern lasse mir nur meine Unkosten ersetzen. Ich habe noch nicht einmal Geschäftsräume, geschweige denn ein geschäftliches Telefon oder Visitenkarten.«
   »Was für mich, auf den ersten Blick, entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, sehr unseriös wirkt.«
   Langsam wurde ich wütend und ich wollte der Inspektorin passend und energisch antworten.
   »Darüber können wir später noch sprechen«, mischte sich Valter ein. Er hielt seine Kollegin mit einer knappen Handbewegung von einer weiteren Äußerung ab und zeigte stattdessen zur Bucht hinunter. »Wir sind dort unten soweit fertig. Das Geschoss haben wir, unweit des Leichnams, in einem Felsspalt gefunden. Es scheint, als wäre unsere erste Vermutung korrekt, dass ein Profi am Werk war, denn die Kugel stammt wohl aus einem Scharfschützengewehr.«
   Ich ging ein paar Schritte in Richtung Bucht und sah über einen Lorbeerbusch hinweg zum Meer. Die Adria sah friedlich aus. Kinder planschten im Wasser und warfen sich aufblasbare Bälle zu. Außenstehende konnten sich bei diesen Bildern sicher nicht vorstellen, dass hier gerade erst ein Mord geschehen war.
   »Also war eure erste Annahme richtig. Man hat ihn wirklich vom Wasser aus erschossen?«
   Valter war mir gefolgt und machte nun eine halbkreisförmige Handbewegung von einem Ende der Duga Uvala zum anderen.
   »Ja. Wahrscheinlich saß der Täter in einem Boot dort draußen. Was noch ein Beweis für eine gehörige Portion Professionalität ist, wenn er von einem schwankenden Deck aus einen solch tödlichen Treffer setzen konnte. Die anderen Verletzungen an den Händen und der Stirn des Toten stammen wahrscheinlich vom Sturz auf die Felsen.«
   Ich verstand, nickte und sah weiter auf das Wasser hinaus. In der Duga Uvala ankerten täglich viele kleine Boote, mit welchen die Badegäste in einsamere Buchten fuhren, um dort ungestört zu schwimmen, zu picknicken oder einen Angelausflug zu machen. Ich wusste aber auch, dass täglich Dutzende Motorboote vor und in der Bucht kreuzten. Ein weiteres am Abend wäre dort sicher nicht aufgefallen. Der Täter hatte sich den Ort gut ausgesucht. Oder auch nicht, wenn man bedachte, dass die Leiche schnell gefunden werden musste.
   Das Polizeiboot drehte gerade wieder ab, verließ die Bucht und der Strandbereich füllte sich langsam mit Touristen, da die Polizeiabsperrung aufgehoben worden war.
   »Wir werden sehen, was die nächsten Stunden oder Tage bringen«, sagte Valter. »Im Wasser haben wir eine Taschenlampe gefunden. Ob sie dem Toten gehörte, wird noch geprüft.«
   Er verabschiedete sich und schlug mir noch einmal kameradschaftlich an die Schulter.
   Jasna Ragu nickte mir nur kurz zu, bevor sie in den Audi stieg, doch ich spürte ihren beobachtenden Blick, bis der Wagen verschwunden war.

6

Ich öffnete mit Müdigkeit in den Knochen und mit halb geschlossenen Lidern die Tür, nachdem ich durch heftiges Klopfen unsanft geweckt worden war. Der Burawind wehte mir ins Gesicht und ließ eine leichte, angenehme Ventilation durch den Wagen gleiten.
   Inspektorin Ragu stutzte kurz, als sie mich sah, betrat dann ohne Aufforderung den Wohnwagen und drängte sich an mir vorbei. Ich hielt mich an den Schränken fest, da ich nur auf einem Bein stand. Ich hatte keine Zeit gehabt, meine Prothese anzulegen.
   Die Polizistin trug eine weiße Bluse und einen luftigen Rock, dezent bedruckt mit bunten Blumen. Sie schien unbewaffnet.
   Meine Augen wehrten sich noch gegen das Wachsein, daher sah ich die Beamtin müde an.
   »Sie sollten mal wieder aufräumen«, sagte Jasna Ragu mit heruntergezogenen Mundwinkeln, nachdem sie sich kurz im Wohnwagen umgesehen hatte. »Lüften würde wohl auch nicht schaden.«
   Es fehlte noch ein Naserümpfen, es blieb aber aus. Sie öffnete dafür demonstrativ die Tür und wedelte sich zweimal mit der Hand Luft zu.
   »Auch Ihnen einen schönen guten Morgen, Frau Inspektorin. Sind Sie hier, um die Ordnung meines Wohnwagens zu untersuchen?«
   Ich begab mich zu meinem Bett zurück. Auf dem Boden entdeckte ich meine Prothese, nahm sie und setzte mich. Dabei sah ich den schmalen Gang des Wagens entlang und musste eingestehen, dass die Polizistin nicht unrecht hatte. Das Innere des Caravans sah tatsächlich aus, als hätte eine Schlacht darin stattgefunden. Attila hatte seine Horden direkt hindurchgetrieben. Überall lagen Kleidungsstücke, leere Flaschen und anderer Unrat.
   »Haben Sie wieder eine Feier gehabt? Oder sind Sie gestern im Rahmen Ihrer Informationsagentur untreuen Ehemännern hinterhergelaufen und haben dabei vergessen, aufzuräumen?«
   »Es gibt auch untreue Frauen«, grummelte ich ein wenig säuerlich über diesen Überfall zu morgendlicher Stunde und die abwertende Tonart mir gegenüber. Doch kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, dachte ich an die vorletzte Nacht und somit die Verbindung meines Satzes zu Dunja Ciriana Kitiani.
   Jasna Ragu registrierte meine Antwort mit einem kurz aufzuckenden Grinsen.
   »Ich habe bis spät meine Buchhaltung gemacht. Sie können es gern überprüfen, wenn Sie ein bisschen Ahnung von Buchführung haben«, versuchte ich zu erklären und zeigte an ihr vorbei. Auf dem kleinen Tisch des Wohnwagens lagen, zwischen schmutzigen Tellern und Tassen, zwei Mappen und einzelne Unterlagen. Bons und Rechnungen.
   Jasna ließ meinen bissigen Unterton unkommentiert. Nachdem sie sich noch einmal umgesehen hatte, stand sie wieder in der Wohnwagentür.
   Ich zwinkerte sie an.
   »Wollten Sie mich so früh nur kurz besuchen? Oder sind Sie dienstlich hier? Ihre Kleidung wirkt heute so zivil!«
   »Ziehen Sie sich erst einmal etwas an«, sagte sie über ihre Schulter hinweg, bevor sie auf die Lichtung trat. »Ich unterhalte mich ungern, wenn mein Gegenüber das Adamskostüm trägt.«
   Ich sah an mir hinab und entdeckte erst jetzt, dass ich die Tür nackt geöffnet hatte. Schnell, aber eigentlich zu spät, zog ich mir eine Decke heran.
   Wie immer an solch heißen Tagen hatte es der leichte Wind am Vorabend nicht geschafft, den Wohnwagen zur Nacht abzukühlen, also war ich unbekleidet zu Bett gegangen. Eine Minute später saß meine Prothese und ich stand, komplett angezogen mit Hose, T-Shirt und offenen Sandalen, vor dem Wohnwagen. Die Polizistin lehnte an der Tür des Audis. Sie hielt eine kleine Dokumententasche.
   Ich gab ihr ein Zeichen und ging zum Kafi Divan, um mir einen Kaffee zu bereiten. Zu meiner Verwunderung standen die Türen schon offen, die Rollläden waren hochgezogen und Mirko trocknete fleißig Geschirr ab.
   »Ist es schon so spät?« Ich hatte meine Uhr vergessen und auch keine Lust, sie zu holen, doch war ich sicher, dass es noch früh am Morgen war.
   »Nein, ich bin früh auf gewesen und wollte mir heute Nachmittag freinehmen. Deshalb dachte ich mir, dass ich dir heute Morgen einige Arbeit abnehme. Die Schlüssel habe ich aus dem Wohnwagen geholt. Es war ja offen. Mann, hast du geschnarcht.« Er lächelte. »Bekomme ich frei? Ich habe gestern Vormittag eine kleine Holländerin kennengelernt.«
   Ich brummte ein Okay und bemerkte, dass die Polizistin hinter mir die Caféterrasse betrat. »Machst du mir und dieser jungen Dame hier bitte Kaffee?«
   »Kava Veliki?«
   »Da!«, antwortete ich. »Groß und extra stark bitte.« Mit einer Handbewegung bat ich Jasna Ragu an einen Tisch, setzte mich aber als Erstes. »Was haben Sie eigentlich gegen mich?«
   Die Inspektorin sah mich mit verwundertem Blick an. »Ich? Was sollte ich gegen Sie haben?«
   »Nun, Sie verhalten sich nicht gerade freundlich. Sie stürmen in meinen Wohnwagen, kritisieren den Zustand meiner kleinen Behausung sowie meiner nicht vorhandenen Bekleidung und schwirren, mit einem Befehlston auf den Lippen, wieder ab. Gestern war es ähnlich.«
   Sie beugte sich über den Tisch, schenkte mir ein amüsiertes, bissiges Lächeln. Die Haut auf ihren hohen Wangenknochen schien sich noch mehr zu spannen als vorher.
   »Heute Morgen, zum Beispiel, wollte ich mir den weiteren Anblick Ihrer Genitalien ersparen.« Ihr Lächeln wurde ernst. Bevor ich in meiner Verlegenheit antworten konnte, lehnte sie sich schon wieder auf dem Stuhl zurück. »Zudem mag ich es nicht, wenn Ausländer sich hier als Detektive betätigen, als Imbissbesitzer eine goldene Nase verdienen und auch noch in einen Mord verwickelt sind.«
   »Das Kafi Divan ist ein Café, kein Imbiss. Und ich bin ebenso wenig Ausländer wie Sie. Einer meiner beiden Pässe ist kroatisch und meine Steuern zahle ich auch an den kroatischen Staat. Detektiv bin ich nicht, und von einer Verwicklung in dieser Mordsache kann doch wohl wirklich nicht die Rede sein. Bis auf die Tatsache, dass ich die Leiche entdeckt habe.«
   »Wir haben die Leiche entdeckt«, sagte Mirko, brachte den Kaffee in einer kleinen Kanne und stellte zwei Tassen hinzu.
   Jasna strich sich eine unbändige Strähne aus der Stirn und sah zu, wie Mirko ihr einschenkte. Ich bemerkte, dass es in ihr brodelte, und sah Mirko an. Mein Blick sollte ihn wie eine Breitseite treffen. Und er traf. »Bitte verschwinde.«
   Mirko zögerte nicht, er kannte meine Launen.
   Die Polizistin wartete, bis sich der junge Kellner entfernt hatte, dann sah sie mich mit eisigem Blick an.
   »Sie kennen die neuesten Ermittlungsergebnisse noch nicht, Herr Holcman.«
   »Ich wäre froh, wenn Sie mir diese mitteilen würden, Frau Ragu, soweit sie mich betreffen, damit ich im Bilde bin und Ihre unterschwelligen Anschuldigungen künftig besser zu verstehen weiß.«
   Mein Ton war betont gereizter geworden. Langsam wurde ich wütend und sah nun aufsteigende Röte in Jasnas Gesicht. Sie war offenkundig sauer, riss sich aber zusammen und probierte den Kaffee, bevor sie zusätzliche Ausführungen machte. Schließlich holte sie tief Luft. »Valter bat mich, Sie aufzusuchen, da die neuen Ergebnisse eine andere Sichtweise auf den Fall zeigen. Fangen wir einfach an.« Sie öffnete die kleine Tasche und reichte mir ein Blatt Papier. Es waren Auszüge eines Ermittlungsberichtes.
   »Der Ermordete hieß Mario Scadiano«, erklärte sie mir. »So lautete jedenfalls sein uns bekannter Name. Er war kroatischer Staatsbürger, ist aber in Triest geboren und zum größten Teil in Rovinj aufgewachsen.«
   »Und die Tätowierung?« Dieses Merkmal hatte mich nachhaltig beschäftigt, deshalb sprudelte die Frage förmlich aus mir heraus.
   Jasna Ragu sah mich zwar fragend an, nickte dann aber.
   »Keine neuen besonderen Erkenntnisse darüber. Bis jetzt. Wir wissen aber: Scadiano ist im Januar 1999 in Karlovac einmal verhaftet worden. Man wies ihm damals unerlaubten Waffenbesitz sowie Fälschung von Dokumenten nach. Er saß dreieinhalb Monate in serbischem Arrest. Vielleicht hat ihm dort jemand die Tätowierung verpasst. Die erkennungsdienstlichen Akten der damaligen Verhaftung, soweit sie die Originale sind, sagen jedenfalls nichts über eine Tätowierung aus.«
   »Er saß nur dreieinhalb Monate?«
   Jasna zündete sich eine schmale Zigarette an und blies mir den Rauch entgegen. »Er wurde angeblich aus gesundheitlichen Gründen entlassen, was uns jedoch schleierhaft erscheint, denn bei den Untersuchungen zu seiner Inhaftierung schien er äußerst fit. Inspektor Blaško nimmt an, dass damals Korruption im Spiel war, keineswegs mangelnde Gesundheit. Ich würde dem zustimmen, seine Tätowierung weist ihn schließlich als Sniper aus, auch wenn wir diese Vermutung bisher noch nicht bestätigen können. Diese Männer müssten eigentlich körperlich gesunde Menschen sein. Was ihren Geist angeht … na ja.«
   »Also war er nun Mitglied dieser Organisation, die Valter Grupa Antonia genannt hat, oder nicht?«
   »Nach unseren neuesten Informationen ist er im Herbst 1999 erstmals in direktem Zusammenhang mit dieser Gruppe aktenkundig geworden. Er landete damals in einer Verkehrskontrolle. Der Wagen, den er fuhr, gehörte einem bekannten Mitglied der Grupa. Tätigkeiten als Scharf- oder Heckenschütze konnten Scadiano jedoch in all den Jahren während des Krieges und auch danach von behördlicher Seite nie nachgewiesen werden.«
   Ich legte das Papier auf den Tisch. »Aber was hat das Ganze nun mit mir zu tun? Sie machten vorhin seltsame Andeutungen.«
   »Nun, als wir den Namen des Ermordeten erfahren haben, klingelten bei uns die Alarmglocken, denn Mario Scadiano lebte seit 2002 als Bauzeichner in Labin und war der engste Vertraute von Luka Kitiani. Und Luka Kitiani ist, wie ich Ihnen ja gestern schon erläutert habe, der Ehemann Ihrer Bekannten, die sich Ihnen gegenüber Ciriana nannte.«
   Die Art, wie sie das Wort Bekannte betont hatte, missfiel mir, doch ich schwieg zunächst dazu.
   »Somit sind Sie im Spiel, Herr Holcman, da sich diese Dame in der Mordnacht in unmittelbarer Nähe des Tatortes befunden hat, nämlich in Ihrem Bett. Wir können hier nicht unbedingt von Zufällen ausgehen, das werden Sie sicher verstehen. Ich persönlich glaube, dass Sie den richtigen Namen dieser Ciriana kannten.«
   Als die Verbindung Scadiano-Kitiani endlich bei mir Klick gemacht hatte, wurde mir mit einem Schlag bewusst, welche Rückschlüsse man ziehen würde und in welchem Schlamassel ich tatsächlich steckte. Ich atmete tief durch und schloss die Augen, um über diese Situation nachzudenken. Mir war klar, dass sich der Kreis der engsten Beteiligten dieses Falls für mich geöffnet und rasend schnell hinter mir wieder geschlossen hatte. Die Aufnahme in diesem elitären Kreis war mir nicht angenehm.
   Jasna Ragu legte ihre Hände auf den Tisch und unter ihren Fingern lag plötzlich ein Protokollblock, an dessen oberen Ende das Wappen Pulas prangte und der Schriftzug Policija. »Wie lange haben Sie schon ein Verhältnis mit Dunja Kitiani?«
   Ich sah sie an, hörte aber nur dumpf ihren Worten zu. Meine kleine heile Welt, die nun seit fast achtzehn Monaten Bestand hatte, brach plötzlich, begleitet von einem Paukenschlag, in sich zusammen. Mit dem dumpfen Nachhall dieses Paukenschlages wurde mir bewusst, dass ich mich als Mitverdächtiger mitten in einem Verhör befand. Der Protokollblock bestätigte dies nur noch.
   »Seit wann haben Sie ein Verhältnis mit Dunja Kitiani?«, wiederholte Jasna Ragu.
   »Verhältnis? Versuchen Sie sich bitte daran zu erinnern, dass ich diese Frau bis vor Kurzem nicht kannte.« Meine Stimme klang, selbst in den eigenen Ohren, leer und schwach.
   Ich gab einen meiner guten Vorsätze auf und ließ mir von Jasna Ragu eine ihrer dünnen Zigaretten geben. Zwei Jahre hatte ich nicht mehr geraucht, seit der Reha, doch nun inhalierte ich den Rauch tief ein und neben der Wirkung des Nikotins, das plötzliche Übelkeit und Schwindel hervorrief, schmerzte meine Lunge bei diesen ersten Zügen. Ein Brennen breitete sich aus. Das Gefühl erinnerte mich an meine Jugend, als ich, versteckt hinter dem Fahrradschuppen der Schule, heimlich geraucht hatte. Damals hatte ich nach der ersten Zigarette meines Lebens keinerlei Ekel verspürt, aber den Schwindel und dieses heftige Brennen in den Bronchien. Eine leichte Benebelung machte sich hinter Stirn und Augen bemerkbar.
   Ich schüttelte den Kopf, tat zwei kurze Züge und wandte mich wieder an Jasna, nachdem ich die Zigarette weggeworfen und eine ganze Weile schweigend aufs Meer geblickt hatte. Magen und Kreislauf rebellierten in mir. »Auch wenn Sie es mir nicht glauben werden, ich kannte Dunja Kitiani bis vorgestern Abend wirklich nicht«, stellte ich noch einmal leise, aber eindringlich klar und betrachtete dabei zwei kollidierende Wolken am Himmel. »Wir hatten diese kleine Feier. Nach Einbruch der Dunkelheit stand sie plötzlich am Tresen und sprach mich an. Sie fragte, ob ich der Barkeeper sei und was ich davon halten würde, mit ihr eine Flasche Wein zu trinken.«
   »Dann war es also ein sogenannter One-Night-Stand?« Jasna sah mich an und in ihrem Blick konnte ich klar erkennen, was sie von solchen Bettgeschichten hielt. »Okay! Gehen wir mal davon aus, dass Sie Dunja vorher wirklich nicht gekannt haben. Haben Sie sie vor diesem Abend hier schon einmal gesehen? Im Café oder in der Bucht?«
   Ich war mir meiner Sache sicher. »Sie wäre mir garantiert aufgefallen. Da Sie sie kennen, müssen Sie zugeben, dass sie eine äußerst attraktive Person ist. Sie zog vorgestern Abend nicht nur meine Blicke auf sich.«
   Die Polizistin gab keinen Kommentar dazu ab. »Fühlten Sie sich geschmeichelt, als Dunja Sie ansprach?«
   »So kann man es sicher nennen«, gab ich nach kurzem Überlegen zu. »Nicht, dass ich sonst keine Damenbekanntschaften hätte, doch meist sind es nur einsame Urlauberinnen, die eben für ein paar Stunden flirten wollen und kokette Annäherungen unternehmen. Sie erscheinen im Café, trinken etwas und flirten, kehren dann aber reumütig zu ihren Männern zurück. Cirianas, äh, Dunjas Auftreten war anders. Sie hat eine andere, eine verdammt anziehende Ausstrahlung und ich glaube, sie weiß das auch und spielt damit. Sie war, soweit ich es noch blicke, auf ihre Art viel direkter als die anderen Frauen.«
   »Direkter?«
   Ich rieb mir den letzten Schlaf aus den Augen. »Ja, fordernder, auf eine gewisse Weise. Sie sprach nicht viel, aber ihr Blick sagte mir, dass sie an diesem Abend ihr Vergnügen suchte.«
   »Unter Vergnügen verstehen Sie schnellen, unkomplizierten Sex?« Jasna Ragu’ Mundwinkel verzogen sich kurz als deutliche Reaktion auf meine Aussage. »Was geschah weiter?«
   Ich schenkte mir von dem Kaffee nach. Ein Hustenreiz kratzte in meiner Kehle und ich musste mich räuspern. »Statt Wein bot ich ihr einen Prosecco auf meine Rechnung an. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon sehr angetrunken. Die Feier hatte ihren Höhepunkt überschritten und ich hatte heftig mit den Touristen gezecht. Also dachte ich mir wohl, dass ich bei ihr auch mal spendabel sein könnte.«
   »Waren Sie betrunken oder angetrunken?« Jasna blieb energisch.
   »Eher betrunken. Nach der Flasche Prosecco ist mir mein Gedächtnis verloren gegangen. Ich hatte einen Blackout.« Das Eingeständnis war mir nicht leicht gefallen.
   »Einen Blackout?« Ein gewisser Unterton in der Stimme der Polizistin gab mir zu verstehen, dass sie auch diese letzte Aussage für nicht sehr glaubwürdig hielt. »Das sind ja wieder neue Aspekte. Sie bedienen sich gerade jeden Klischees.«
   »Ja.« Meine Gereiztheit hatte mich wieder erfasst. »Und ob Sie es mir abnehmen oder nicht, als ich gestern Morgen neben Dunja Kitiani aufwachte, konnte ich mich nicht mehr erinnern, was nach den ersten Gläsern Prosecco noch geschehen ist, auch nicht an ihren Namen.«
   Die Polizistin hob beschwichtigend eine Hand, schüttelte dabei aber den Kopf. »Ich versuche einmal, dies alles zu glauben, auch wenn es mir schwerfällt. Kann jemand Ihre Aussage bestätigen?«
   Ich zeigte zur Theke, suchte meinen Kellner, entdeckte ihn aber nicht. »Mirko kann es. Er hat mir gestern Morgen erzählt, was an dem Abend noch los war. Wie gesagt: Ich wusste nichts mehr.«
   »Ich werde noch Zeit finden, intensiver mit Ihrem Angestellten zu reden.« Jasna schob den Protokollblock beiseite und legte ihren Kugelschreiber auf dem Tisch ab. Mit einer anderen Neugierde in den Augen sah sie mich an. »Darf ich Sie etwas Inoffizielles fragen?«
   »Nur zu.«
   Die Inspektorin rang mit den Händen und schien nach den richtigen Worten zu suchen, was mich verwunderte, hatte ich doch einen anderen Eindruck von ihr.
   »Wieso leben Sie hier?«, fragte sie und wehrte meine Antwort noch im Keim ab. »Valter, also Inspektor Blaško, hat mir erzählt, dass Sie ein hervorragender Ermittler sind oder waren. Sie hatten wohl keine Möglichkeit, ihm genauer zu erklären, warum Sie hier leben, und nicht weiter als Polizist arbeiten. Aber es beschäftigt ihn. Wir waren gestern Abend noch lange im Büro. Er schwärmte förmlich von Ihnen. Sie hätten, nach einem guten Abitur, auf der Polizeischule eine große Karriere in Aussicht gehabt und seien recht vielversprechend gestartet, wenn auch nicht mehr bei der Polizei. Ich muss Ihnen sagen, noch bevor ich Sie gestern persönlich kennengelernt habe, kannte ich Sie. Valter hat früher schon oft von Ihnen erzählt. Sie schienen ihm vor und während der Ausbildung ein sehr wichtiger Mensch gewesen zu sein, und ich glaube, so fühlt er auch heute noch. Sie waren ihm damals ein sehr guter Freund. Vielleicht so etwas wie ein Bruder? Ich weiß, er würde Sie nie bedrängen oder danach fragen, was Sie genau bewogen hat, abgesehen von dem Verlust Ihres Beines, in Deutschland Ihre Brücken abzubrechen. Ich glaube, dass ihm sehr daran liegt, das kleine und gestern neu erwachte Band zwischen ihnen beiden nicht durch Neugier zu zerreißen. Doch ich komme nicht umhin, meine Neugierde zu zeigen. Schon allein aus dem Grund, damit ich weiß, wie weit ich Ihnen trauen kann. Valter Blaško traut Ihnen und glaubt daran, dass Sie nichts mit dem Mord zu tun haben. Ich hingegen, das gebe ich ehrlich zu, bin mir da nicht so sicher, aber Valter ist mir sehr wichtig.«
   Ich drehte meine Kaffeetasse zwischen den Handflächen hin und her und sah Jasna an. »In welchem Verhältnis stehen Sie zu Valter? Ist er für Sie mehr ein Freund oder ein sehr guter Kollege? Oder nur ein Kollege?«
   »Er ist ein sehr guter Freund.« Sie hatte nicht überlegt.
   »Sind Sie deshalb so bissig und abweisend zu mir? Weil Sie nicht wissen, ob Sie mir trauen können, weil Sie glauben, ich könnte ein falsches Spiel mit Valter treiben?«
   »Ich nehme meine Arbeit ernst und meine Freundschaften. Und, wenn ich ehrlich bin, mag ich ihre unbeschwerte Art zu leben nicht. Aber meine Worte waren nicht abweisend gemeint.«
   Ich antwortete ihr mit einem leichten Zwinkern und einem versuchten Lächeln. »Das mit dem ausländischen Detektiv und dem geldgierigen Gastronomen klang schon mehr als ablehnend.«
   »Okay!« Zu meiner Überraschung nickte sie einvernehmlich. »Dafür möchte ich mich entschuldigen. Aber sehen Sie diesen Pardon nicht als Schwäche. Ich meine, was soll ich über Ihre Geschichte und über Sie denken? Sie sind ehemaliger Militärpolizist, hausen in einem schrottreifen und verdreckten Wohnwagen und verdienen sich Ihren Lebensunterhalt durch eine alte Strandpinte. Sie finden einen Toten auf einem Felsen vor Ihrem Café. Vorher verbringen Sie eine Nacht mit einer Frau, die Sie angeblich vorher nicht kannten. Diese Frau ist Ehegattin des Mannes, dessen engster Vertrauter eben jener Tote vor dem Café ist. Der Tote ist wahrscheinlich ein ehemaliger Heckenschütze und Sie haben an dem Abend, an dem Sie mit dieser Frau im Bett waren und der Mann vor Ihrer Haustür starb, angeblich einen Filmriss.« Sie holte Luft. »Und Sie hüllen sich in Schweigen, was Ihre jüngere Vergangenheit angeht.«
   Ich rieb mir mit beiden Händen über mein Gesicht, fühlte mich plötzlich matt und müde. »Ich weiß nicht, was Sie von mir denken sollen und ich glaube auch nicht, dass Sie schwach sind.« Ich wies mit einem Kopfnicken zu Mirko, der nun wieder hinter dem Tresen aufgetaucht war, uns beobachtete und gelassen an einem Balken lehnte. Doch seine Neugierde stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Lassen Sie uns ein Stück spazieren gehen. Der Weg die Bucht entlang ist sehr schön. Ich hoffe, dass Sie diese Zeit erübrigen können.«
   »Ich habe Zeit«, sagte Jasna, das erste Mal mit freundlicher Stimme, auch wenn ihre Augen mich immer noch ernst ansahen.

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